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Korporatismus

Definition. K. bezeichnet eine privilegierte Rolle von
organisierten Interessen („Verbänden“) in politischen
Prozessen, bei denen verbandliche Organisationsmacht
der Koordinierung politischer Entscheidungen zwischen
Regierung und gesellschaftlichen Interessengruppen
dienstbar gemacht wird. Dies setzt ein (formelles oder
faktisches) Repräsentationsmonopol der Verbände
voraus.
Begriffsgeschichte
K. als “berufsständische Ordnung”
K. (oder “Korporativismus“) bezeichnete seit dem
späteren 19. Jh. Vorstellungen von einer „funktionalen
Repräsentation“ organisierter Interessen, mit der vor
allem die zunehmende Intensität der Konflikte
zwischen Unternehmerschaft und Arbeiterbewegung
aufgefangen
werden
sollte.
Dem
sollten
berufsständische Vertretungskörperschaften dienen, sei
es als Alternative zur parlamentarischen Repräsentation
aus der Basis des allgemeinen Wahlrechts, sei es
komplementär dazu.
Diese Idee einer „berufsständischen Ordnung“, wie sie
nicht zuletzt von katholischen Sozialtheoretikern
entwickelt wurde, fand ihren Niederschlag insbesondere
in den päpstlichen Enzykliken „Rerum Novarum“
(1891) und „Quadragesimo Anno“ (1931).
Autoritäre und faschistische Diktaturen (Italien unter
Mussolini, Spanien unter Franco, Portugal unter
Salazar, österreichischer „Ständestaat“ unter Dollfuß)
errichteten „korporative“ Körperschaften mit Zwangsmitgliedschaft als Surrogat für gewählte Parlamente.
Nachahmer fanden sich insbesondere in autoritären
Regimes Südamerikas. Dem verdankte der Begriff
lange nachwirkende antiliberale und antidemokratische
Konnotationen.
Sozialpakte als „neuer K.“
Nach dem zweiten Weltkrieg bildeten sich in einer
Reihe von westlichen demokratischen Industrieländern
Formen der wirtschaftspolitischen Koordination
zwischen Regierung, Unternehmerverbänden und
Gewerkschaften aus, insbesondere für einkommenspolitische „Sozialpakte“, die zwischen staatlichen
Akteuren und Spitzenverbänden ausgehandelt wurden
(„Konzertierung“). Leitend waren dabei keynesianische
Konzepte einer makro-ökonomischen Wirtschaftspolitik („gesamtwirtschaftliche Steuerung“), wie sie in
der früheren Nachkriegszeit auch von der OECD
propagiert wurden. Erfolgsvoraussetzung solcher
Sozialpakte waren eigentümliche Strukturen des
Verbandswesens, die in der Sozialwissenschaft als eine
neue, nicht durch staatlichen Zwang begründete,
sondern auf freiwilliger Zusammenarbeit beruhende
Form des K. („Neokorporatismus“) begriffen wurden

(SCHMITTER
und
LEHMBRUCH).
Dieser
Sprachgebrauch hat den älteren K.begriff weitgehend
verdrängt.
Voraussetzungen des „neuen“ K.
Eine Politik der (neo-)korporatistischen Sozialpakte
setzte voraus, daß die daran teilnehmenden Verbände
sowohl der Arbeitsnehmer als auch der Arbeitgeber
dank eines hohen Organisationsgrades und starker
Autorität der Verbandsspitzen über ausreichende
Organisationsmacht verfügten, um ihre Mitglieder auf
eine mit der Regierung ausgehandelte Politik zu
verpflichten. SCHMITTER hat das zu einem
idealtypischen Konstrukt des „gesellschaftlichen K.“
verdichtet, in dem hierarchisch aufgebaute zentralisierte
Verbände ein (faktisches) Vertretungsmonopol für
bestimmte
Interessen
haben.
Das
beschrieb
insbesondere die „Sozialpartnerschaft“ in den mittelund
nordeuropäischen
Ländern
mit
starken
Industriegewerkschaften und Spitzenverbänden der
Unternehmerschaft
und
ihren
privilegierten
Beziehungen mit der Regierung. Deutlich davon
unterschieden sind insbesondere die Strukturen der
Interessenpolitik in den USA.
Erosion und Krise des “neuen” K.
Seit den 1970er Jahren hat der K. in der
Wirtschaftspolitik stark an Bedeutung eingebüßt. Dazu
trugen einerseits Erosion der zentralisierten Verbandsstrukturen insbesondere in den Beziehungen zwischen
Kapital und Arbeit bei, zum andern aber auch die
Verdrängung der keynesianischen Makroökonomie
durch die Renaissance liberaler ökonomischer
Theorien. Hingegen spielen in anderen Politikfeldern –
in der Agrarpolitik, in der Gesundheitspolitik und
Sozialpolitik – insbesondere in Deutschland und
benachbarten europäischen Ländern zentralisierte
Spitzenverbände nach wie vor eine überaus starke Rolle
in der Formulierung und Umsetzung der Regierungspolitik. Entwicklungsgeschichtlich läßt sich solche
ausgeprägte Resilienz korporatistischer Strukturen
daraus erklären, daß diese Ländern der Bruch mit
vormodernen Formen korporativer Repräsentation nie
so radikal vollzogen haben wie insbesondere
Großbritannien und die USA.
Ph.SCHMITTER/G.LEHMBRUCH (Hg.)Trends toward corporatist
intermediation, 1979 – S. BERGER (Hg.), Organising interests in
Western Europe: pluralism, corporatism and the transformation of
politics, 1981 – P.GERLICH/E.GRANDE/W.MÜLLER, Sozialpartnerschaft in der Krise: Leistungen und Grenzen des Neokorporatismus in Österreich (1985) – W. ABELSHAUSER, Wandlungen
der Sozialen Marktwirtschaft (2009) –

Gerhard Lehmbruch