Hämozentrismus und mimetische Rivalität

(Rosenzweig/Jünger. Heideggers Schweigen)

von

Markus Semm

Vorbemerkung
Vor einem Jahr erschien die deutsche Übersetzung des umfangreichen heideggerkritischen Werks
von Emmanuel Faye. Sorgfältiger gearbeitet als jenes von V. Farias bringt es z.T. neue und
unbekannte Dokumente und Abschriften zum Vorschein und stellt Heideggers Engagement für
das deutsche Volk in einen zeitgeschichtlichen Horizont. Sein Untertitel 'Die Einführung des
Nationalsozialismus in die Philosophie' ist eine Provokation.
Dass Fayes Haltung gegenüber Heideggers Denken von einer grundsätzlichen Ambivalenz
bestimmt wird, zeigt sich daran, dass er einerseits sich entrüstet über die weltweite Verbreitung
'nationalsozialistischer' Schriften durch die Gesamtausgabe, er aber andererseits die
Nichtveröffentlichung bestimmter – besonders in Verdacht stehender – Seminare tadelt. Zudem
ist sein hermeneutisches Interesse begrenzt. Unschwer lässt sich dies an jenen Stellen zeigen, wo
er kurz auf die von Heidegger gebrauchten Wendungen von der 'Stimme des Blutes' oder vom
'Strömen des Blutes' hinweist. Seine Grundabsicht, Heidegger einen 'Rassendiskurs' zu
unterstellen, würde an einer Kontextualisierung dieser Wendungen scheitern. Eine solche
erfordert eine grundsätzlich tiefer ansetzende Hermeneutik des Heideggerschen Oeuvres.
Dazu dient der erste Teil des vorliegenden Essays. Durch die Gegenüberstellung von Texten
Rosenzweigs und Jüngers, eines jüdischen Denkers und eines deutschen politischen Schriftstellers,
soll die hämozentrische Grunddisposition der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erwiesen
werden. Der Verfasser greift dazu auf die mimetische Theorie René Girards zurück, dessen
Grundbegriffe er allerdings frei zur Anwendung bringt. Erst vor dem Hintergrund der
mimetisch rivalisierenden Diskurse Rosenzweigs und Jüngers zu Geschlecht und Reich lassen
sich die oben erwähnten Wendungen Heideggers zureichend deuten. Die Nacht wird dann
allerdings tiefer als der Tag gedacht.
Rheinau, im Februar 2010

2

Inhalt
I. Hämozentrisums und mimetische Rivalität
Einleitung
A. Franz Rosenzweig
B. Ernst Jünger
Übergang

II. Martin Heidegger
Schluss

3

I. Hämozentrismus und mimetische Rivalität
Einleitung
Dem weit verbreiteten Buch Victor Klemperers 'LTI, Notizbuch eines Philologen'1 ist ein
Motto vorangestellt. Es lautet:
„Sprache ist mehr als Blut
Franz Rosenzweig“

Eine genauere Quellen- und Datumsangabe zum Spruch fehlt. Wer an der Aussage
Rosenzweigs und ihrem Kontext interessiert ist, wird auf eine lange Reise geschickt.
Schliesslich wird er fündig. Rosenzweig schreibt kurz vor seinem Tod im Dezember 1929 –
am 6. Oktober – folgenden Brief an seine Mutter:
„Liebe Mutter, über N.N.'s Wort wundre ich mich. Mein Deutschtum wäre doch genau was
es ist, auch wenn es kein Deutsches Reich mehr gäbe...
Sprache ist doch mehr als »Blut«...“2

Der Brief ist nicht vollständig abgedruckt. Die Auslassungszeichen stammen von den
Herausgebern. Immerhin wird klar, dass der Leitspruch von Klemperers Buch nicht in der
statischen Apodiktizität von Rosenzweig geäussert wurde, in der er dann erscheint: Das Wort
'doch' wird ebenso weggelassen wie die Anführungszeichen bei »Blut«. Ausserdem erhellt der
Zusammenhang, dass die Aussage auf das Deutschtum Rosenzweigs bezug nimmt; indem er
deutsch schreibt – versichert sich der Jude Rosenzweig – ist die Sprache doch mehr als »Blut«.
Im Kapitel 'Zion' nimmt Klemperer bezug auf den Spruch Rosenzweigs. Er erwidert dort
einem Freund mit dem er auf Tauschfuss stand, der ihm also gelegentlich Kartoffeln und
winzige Fleisch- und Gemüsemengen brachte und der ihn – Klemperer – wiederholt auf sein
gebliebenes Deutschtum ansprach:
„[...] aber eine Art deutscher Stamm, das könnte, rein geistig genommen, wirklich auf
unsereinen zutreffen, ich meine Leute, deren Muttersprache deutsch und deren ganze
Bildung deutsch ist. »Sprache ist mehr als Blut!«. Ich kann sonst wenig mit Rosenzweig
anfangen, dessen Briefe mir Geheimrat Elsa gegeben hat – aber Rosenzweig gehört ins
Buberkapitel, und wir halten bei Herzl.“

Worauf ihm der Tauschfreund antwortet:
„Es hat keinen Zweck, mit Ihnen zu reden, Sie kennen Herzl nicht. Sie müssen ihn
kennenlernen, das gehört jetzt notwendig zu Ihrer Bildung, ich will sehen, Ihnen etwas von
ihm zu verschaffen.“3

Das Gespräch verfolgt Klemperer tagelang. Er kramt sein geringes Wissen über Herzl und
1

2
3

Das Buch erschien nach dem 2. Weltkrieg und liegt bereits in der 22. Auflage vor (Stuttgart 2007). LTI steht für Lingua Tertii
Imperii - Sprache des Dritten Reiches.
F. Rosenzweig, Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften. Bd. I.2, S. 1237
V. Klemperer, LTI, S. 274

4

die zionistische Bewegung zusammen, erinnert sich an eine Begegnung in München, an eine
Vortragsreise nach Prag, wo er, noch vor dem ersten Weltkrieg, einige Stunden mit
zionistischen Studenten im Kaufhaus zusammen sass –, aber all dies nur, um sich desto
sicherer zu sein:
„Aber was ging das mich, was ging das Deutschland an?“1

Schliesslich bringt ihm der Freund zwei Bände von Herzl, die Zionistischen Schriften und
den ersten Band der Tagebücher, beide 1920 und 1922 im Jüdischen Verlag erschienen.
Klemperer: „Ich habe sie mit einer Erschütterung gelesen, die an Verzweiflung grenzte“. Er
notierte in sein Tagebuch:
„Herr, beschütze mich vor meinen Freunden! In diesen zwei Bänden lässt sich bei
entsprechendem Willen Beweismaterial für vieles finden, was Hitler und Goebbels und
Rosenberg gegen die Juden vorbringen, es bedarf dazu nicht übermässiger Geschicklichkeit
im Auslegen und Verdrehen.“2

Die Verwirrung des Philologen steigt. Wie soll er die beobachtete „gedankliche, sittliche,
sprachliche Ähnlichkeit des Messias der Juden mit dem der Deutschen“3 einordnen? Wohin
gehört das „sprachliche Zusammenklingen der beiden“4, die Reden vom Führer, die
Handlung des Entrollens der nationalsozialen Fahne, die Beschwörung des Volks:
„Wieder und wieder Übereinstimmungen der beiden – gedankliche und stilistische,
psychologische, spekulative, politische, und wie sehr haben sie sich gegenseitig gefördert!“5

Klemperer stösst in seinen Beobachtungen auf das Phänomen der mimetischen Rivalität
zwischen Judentum und Deutschtum.6

A. Franz Rosenzweig
Ich richte mein Interesse im folgenden – dem Thema entsprechend – lediglich auf das, was
man Rosenzweigs 'spekulative Soziologie des jüdischen Volkes' (M. Brumlik) genannt hat. Sie
findet sich im ersten Buch des dritten Teils seines Hauptwerks, dem Stern der Erlösung7. Die
Gleichsinnigkeit des Anfangs- und Schlusssatzes des Buches weist auf die in sich
geschlossene Einheit dieser Partie des Sterns hin.
Das Buch beginnt:
„Gepriesen sei, der ewiges Leben gepflanzt hat mitten unter uns. Inmitten des Sterns brennt
1
2
3
4
5
6

7

Ebd., S. 275
Ebd., S. 280
Ebd., S. 281
Ebd., S. 283
Ebd., S. 284
Er selbst sieht Herzl und Hitler als Erben einer 'verkitschten Romantik' – eine allzu schnelle und kurzschlüssige Antwort, wie er
selbst weiss (vgl. dazu: ebd., S. 284).
F. Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Ffm. 1988. S. 331-372. Erstausgabe 1921, bzw. 5681 nach jüdischer Jahreszählung. Im
folgenden SE; die Ausgaben sind seitenzahlidentisch.

5

das Feuer.“

So beginnt ein Hymnus. Rosenzweig hat später, nach der Niederschrift des Sterns, Gedichte
und Hymnen des Jehuda Halevi in die deutsche Sprache übertragen1. Hier beginnt er das
Buch mit dem Titel 'Das Feuer oder das ewige Leben' mit einer Lobpreisung des lebens- und
feuerspendenden Gottes. Er fährt fort:
„Das Kernfeuer muss brennen ohne Unterlass. Seine Flamme muss sich ewig aus sich selber
nähren. Es begehrt keiner äusseren Nahrung. Die Zeit muss machtlos an ihm vorüberrollen.
Es muss seine eigene Zeit erzeugen. Es muss sich selbst ewig fortzeugen. Es muss sein
Leben verewigen in der Folge der Geschlechter, deren jedes das nachkommende erzeugt, wie
es selber hinwiederum von den Vorfahren zeugt. Das Bezeugen geschieht im Erzeugen.“

Von einem sich selbst nährenden und seine eigene Zeit erzeugenden Feuer wird gesprochen.
Die erzeugte Zeit ihrerseits legt sich als verewigende auf die Folge der Geschlechter. Hier
liegt der Keim dessen, was man (etwas unartig) die 'spekulative Soziologie' Rosenzweigs
genannt hat. Doch ist der Schritt deutlich: Von der Lobpreisung des Gottes geht der Gedanke
über das ewig sich fortzeugende Feuer zur erzeugt-zeugenden Zeit und weiter zum ewigen
Geschlecht. Rosenzweig fährt fort:
„Es gibt nur eine Gemeinschaft, in der ein solcher Zusammenhang ewigen Lebens vom
Grossvater zum Enkel geht, nur eine, die das „Wir“ ihrer Einheit nicht aussprechen kann,
ohne dabei in ihrem Innern das ergänzende „sind ewig“ mitzuvernehmen. Eine
Gemeinschaft des Bluts muss es sein, denn nur das Blut gibt der Hoffnung auf die Zukunft
eine Gewähr in der Gegenwart.“2

Hier spricht Rosenzweig den Gedanken zum ersten Mal aus, den er im folgenden wieder und
wieder variieren wird: Die Einheit der Gemeinschaft der Juden erhält ihre letzte und erste,
ihre a-temporale Rechtfertigung der Ewigkeit durch ein Vernehmen, das auf ein eigenes
Inneres hin offen ist – und dieses Innere, das das gesprochene 'Wir' erst zur Ganzheit fügt, ist
das Blut.
»Aber wir – sind ewig«: Mit dieser nur an das anwesende Publikum gerichteten Wendung
schloss Hermann Cohen seine letzte Vorlesung an der Lehranstalt in Berlin3. Die Wirkung,
die Cohens Worte auf Rosenzweig ausübten, kann kaum überschätzt werden. Auch im Stern
führt er sie – das 'Wir' nun gross geschrieben – als des Meisters letzter Schluss an4.
Hier aber tun sich Welten auf. Niemals hätte Cohen der Verwendung seiner Worte in dem
oben zitierten Sinne zugestimmt. Niemals hätte er es zugelassen, dass einer seiner Schüler den
zweiten Teil des von ihm gesprochenen Satzes auf die dunkle Substanz des Blutes5 zurück
1

2
3

4

5

F. Rosenzweig, Gesammelte Schriften Bd. IV.1, Sprachdenken im Übersetzen, Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi. - Vgl.
dazu auch die Bemerkung bzgl. einer Übertragung des Sterns ins Hebäische: „Gebs Gott, dass der, der sie unternimmt, auch
deutsch kann. Hölderlinsch, meine ich natürlich.“ (GS I.2, S. 903)
SE, S. 331
F. Rosenzweig, Zweistromland (Berlin/Wien 2001), S. 207: „Den Vortrag über Platon und die Propheten, [...], schloss ein
stürmisch aufjubelndes »Aber wir – sind ewig«. Es war das letzte Wort, das er [Cohen] von seinem Katheder in der Aula der
Lehranstalt gesprochen hat. / In der Niederschrift fehlt es. Auch das gehört zum Wesen dieser Worte. Er sprach sie nicht, sie
wuchsen aus ihm hervor und überwuchsen ihn.“ Vgl. die Anmerkung S. 240: „ich [Rosenzweig] war selbst zugegen.“
SE, S. 281:„Dies siegende Aber – „Aber Wir sind ewig“ hat unser grosser Meister als seiner Weisheit letzten Schluss
ausgerufen, als er das letzte Mal vor Vielen über das Verhältnis seines Wir zu seiner Welt sprach. Die Wir sind ewig; vor diesem
Triumphgeschrei der Ewigkeit stürzt der Tod ins Nichts. Das Leben wird unsterblich im ewigen Lobgesang der Erlösung.“
SE, S. 338. Der 'Bestand des Volks' und die 'Unvergänglichkeit seines Lebens' sind „im Schöpfen der eigenen Ewigkeit aus den
dunklen Quellen des Blutes“ gesichert.

6

bezieht. Ganz im Gegenteil: Es macht gerade den Sinn seines letzten Werks 'Die Religion der
Vernunft aus den Quellen des Judentums' aus, dass die Gesetzlichkeit der Vernunft es ist, die das
letzte Wort behält1. Nicht so bei Rosenzweig. Es entspricht seinem Vorgehen einer
Remythisierung des Monotheismus2, dass für den tiefsten Zusammenhalt des ewigen Volks
nun dem Schweigen, dem schweigenden Sichverstehen der Wir die wesentlichste Bedeutung
zufällt:
„[...] es gibt nichts im tieferen Sinn Jüdisches als ein letztes Misstrauen gegen die Macht des
Worts und ein inniges Zutrauen zur Macht des Schweigens.“3

Hätte man nicht erwartet, dass der Satz anders endete? Würde man nicht dem Misstrauen
gegen die Macht des Worts das Zutrauen zur Demut des Schweigens eher gegenüberstellen?
Wie kann ein Schweigen mächtig sein? Dem Juden kann es das. Warum? Weil er mit sich
selbst in einem inneren, heiligen Gebet sich befindet – aufruhend auf der Gewissheit in der
Blutsgemeinschaft seines Judentums die Gewähr seiner Ewigkeit zu besitzen.
„Was bedeutet das aber – Verwurzelung im eigenen Selbst? Was bedeutet es, dass hier ein
Einzelnes, ein Volk, Gewähr seines Bestehens in nichts Äusserem sucht und grade darin,
grade in seiner Beziehungslosigkeit, Ewiges sein will? Es bedeutet nicht mehr und nicht
weniger als den Anspruch, als Einzelnes dennoch Alles zu sein.“4

Das ist der Zentralgedanke des Judentums nach Rosenzweig: Israel ist das von Gott eine
einzige ewige auserwählte Volk. Bei keinem anderen Volk lebt das Gefühl der unmittelbaren
Gotteskindschaft so wie in ihm5. 'Gotteskindschaft': Das wird nun von Rosenzweig sehr
volkhaft weiter transponiert und er sagt von der jüdischen Frau, dass...
„[...] doch nach altem Rechtssatz sie es [ist], durch die sich das jüdische Blut fortpflanzt;
nicht erst das Kind zweier jüdischer Eltern, schon das Kind einer jüdischen Mutter ist durch
seine Geburt Jude.“6

So, als diese auf sich selbst zurückgedrängten Kinder Gottes, die die ihnen eigene Ewigkeit
aus den dunklen Quellen des Blutes schöpfen, sind sie die einzigen Kinder als das abgesonderte
Volk:
„Wir allein vertrauten dem Blut und liessen das Land; also sparten wir den kostbaren
Lebenssaft, der uns Gewähr der eigenen Ewigkeit bot, und lösten allein unter allen Völkern
der Erde unser Lebendiges aus jeder Gemeinschaft mit dem Toten. Denn die Erde nährt,
aber sie bindet auch, ...“7

Das Geschlecht Abrahams betrachtet sich nicht als zu den Völkern gehörig, sondern als
1

2
3
4
5
6
7

„Die Vernunft ist der Felsen, aus dem der Begriff entspringt und aus dem er erst entsprungen sein muss für die methodische
Einsicht, wenn der Lauf übersichtlich werden soll, den er im Stromgebiet der Geschichte nimmt. [...] Sofern auch sie [die
Religion] in Begriffen besteht und auf Begriffen beruht, kann ihre letzte Quelle auch nur die Vernunft sein.“ (H. Cohen,
Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, Wiesbaden 2008, S. 33f.)
Vgl. SE, S. 365
SE, S. 335
SE, S. 339
SE, S. 240f
SE, S. 362
SE, S. 332

7

Nicht-Volk. Und eben dies sagt auch der Name Hebräer:
„Abraham der Ibri heisst [...]: Abraham, der zu den Durchziehenden, an keinen festen
Wohnsitz gebundenen, nomadisch Lebenden gehört, wie der Erzvater in Kanaan auch stets
der Fremdling heisst: denn der nirgends Weilende ist überall nur ein Fremdling, ein
Wanderer“.1

Die Hebräer sind die wandernden Fremdlinge und eben als solche fasst sie die spekulative
Soziologie Rosenzweigs wurzelhaft gegründet in...
„[...] dem eigentlichen und reinen Lebenspunkt, der Blutsgemeinschaft; der Wille zum Volk
darf sich hier an kein totes Mittel klammern; er darf sich verwirklichen allein durch das Volk
selber; das Volk ist Volk nur durch das Volk.“2

So kennt dieses a-territoriale Volk auch den Krieg nicht –, gegen wen sollte es sich denn
richten, wenn es weder ein Gebiet zu verteidigen, noch ein Land zu erobern die Absicht
haben kann?
„Das jüdische Volk ist für sich schon an dem Ziel, dem die Völker der Welt erst zuschreiten.
[...] indem es den ewigen Frieden lebt, steht es ausserhalb einer kriegerischen Zeitlichkeit“3

Auch den Staat kennt es nicht:
„Es muss, um das Bild der wahren Gemeinschaft unversehrt zu erhalten, sich die
Befriedigung verbieten, die den Völkern der Welt fortwährend im Staate wird. Denn der Staat
ist die immer wechselnde Form, unter der die Zeit sich Schritt für Schritt der Ewigkeit
zubewegt. Im Gottesvolk ist das Ewige schon da, mitten in der Zeit. In den Völkern der Welt
ist reine Zeitlichkeit. Aber der Staat ist der notwendig immer zu erneuernde Versuch, den
Völkern in der Zeit Ewigkeit zu geben. [...] Aber dass er [der Staat] es unternimmt und
unternehmen muss, das macht ihn zum Nachahmer und Nebenbuhler des in sich selber
ewigen Volkes, das kein Recht auf seine eigene Ewigkeit mehr hätte, könnte der Staat
erreichen, wonach er langt.“4

Im Staat, dem Nebenbuhler und Nachahmer des in sich selber ewigen Volkes findet Rosenzweig den
mimetischen Gegner seiner Konzeption des Judentums. Das ist kein Zufall. Rosenzweig hat,
wie man weiss, bei dem Historiker F. Meinecke in Freiburg eine umfangreiche Dissertation
unter dem Titel 'Hegel und der Staat' verfasst. Zur Orientierung über den Hegelschen
Staatsbegriff diente ihm, wie er selbst bemerkt5, die 'Einleitung in die Philosophie der
Geschichte' und nicht die 'Grundlinien der Philosophie des Rechts' desselben Autors. In jener
Einleitung aber finden wir den Satz:
„Der Staat ist die göttliche Idee, wie sie auf Erden vorhanden ist.“6

Mit der Ausarbeitung des Sterns der Erlösung stellt Rosenzweig sich in (vermeintlicher)
Aufnahme der Motive H. Cohens in direkte Konkurrenz zur Hegelschen
1
2
3
4
5
6

F.W.J. Schelling, Sämtliche Werke (1856-61), Bd. XI, S. 157f.
SE, S. 333
SE, S. 368
SE, S. 369
F. Rosenzweig, Gesammelte Schriften I.1, S. 109
G.W.F. Hegel, Philosophie der Geschichte, TWA 12, S. 57

8

Geschichtsphilosophie. Erst wenn man begreift, dass die spekulative Soziologie des
Judentums im Stern sich gegen und neben eine Geschichtsphilosophie stellt, die die
Weltgeschichte als die 'wahrhafte Theodizee, die Rechtfertigung Gottes in der Geschichte'1
begreift, wird die Rede vom Staat als dem Konkurrenten der Tatsächlichkeit des ewigen
Volkes verständlich. Ausserdem wird Rosenzweig nicht entgangen sein, dass Hegel in der
Passage zu 'Judäa' dem Judentum das staatliche Prinzip aberkennt, weil es im 'Dienst an
Jehova' die Familie als 'das Substantielle' privilegiere.
„Der Staat aber ist das dem jüdischen Prinzip Unangemessene und der Gesetzgebung Mosis
fremd“2

Soweit die Ausgangslage. Da die Ewigkeit nicht in der Mehrzahl zu denken ist und
Rosenzweig unterstellt, dass der Staat der 'notwendig immer zu erneuernde Versuch' ist,
'Völkern in der Zeit Ewigkeit zu geben', muss er diesen Versuch als scheiternden erweisen.
Und nicht nur das. Folgt die Auseinandersetzung wirklich – wie oben andeutungsweise
bemerkt – den Gesetzen der mimetischen Theorie, d.h. durchläuft sie den mimetischen
Zyklus vollständig, so wird am Ende die eine Seite sich der anderen als ein Modellhindernis,
als ein Ärgernis entpuppen. Genau dies ist der Fall.
Rosenzweig organisiert die Abrechnung mithilfe des – auch für die Positionierung des
Christentums verwendeten – dualen Schemas von ewig insichbleibendem Feuer/Strom/Blut/
Kreislauf und der von diesem in sich kreisenden Pol ausstrahlend-strömenden Zeitlichkeiten.
Er beginnt:
„Ein Kreislauf, der Kreislauf des Jahres [gegliedert in die Feste der Schöpfung, der Offenbarung,
der Erlösung etc.], versichert das ewige Volk seiner Ewigkeit. Die Völker der Welt sind in sich
ohne Kreislauf; ihr Leben rollt in breitem Strome talwärts. Soll ihnen vom Staat her Ewigkeit
kommen, so muss der Strom aufgehalten, zum See gestaut werden. Aus dem reinen Ablauf
der Zeit, dem die Völker an sich hingegeben sind, muss der Staat einen Kreislauf zu machen
suchen; den dauernden Wechsel ihres Lebens muss er in Erhaltung und Erneuerung
umformen und so einen Kreislauf hineinbringen, der in sich die Fähigkeit hätte, ewig zu
sein.“3

Zunächst, so Rosenzweig, hängt der Staat über den Wandel der Zeit das Gesetz. Ein erstes
Innehalten ist gegeben. Doch da das strömende Leben des Volkes dem Beharrlichen
entgegengesetzt ist, werden die fest gesetzten Tafeln hinweg gespült:
„Und Recht und Leben, Dauerndes und Wechselndes, scheinen auseinanderzugehen. Da
enthüllt der Staat sein wahres Gesicht. [...] Nun aber spricht er sein zweites Wort: das Wort
der Gewalt.“4

Bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt, sind die Worte des Staates. Der Staat integriert ein
natürlich Gegebenes, die Gewalt, in sich und macht sich zu ihrem Heger. Ihm eignet das
Gewaltmonopol. Nun lässt sich die Dialektik entwickeln, die Rosenzweig vorführt – denn:
1
2
3
4

Ebd., S. 540
Ebd., S. 243
SE, S. 369
SE, S. 369f.

9

„Es ist der Sinn aller Gewalt, dass sie neues Recht gründe. Sie ist keine Leugnung des
Rechts, wie man wohl, gebannt durch ihr umstürzlerisches Gehabe, meint, sondern im
Gegenteil seine Begründung.“

Neues Recht, sagt Rosenzweig, aber:
„[...] es steckt ein Widerspruch in dem Gedanken eines neuen Rechts. Recht ist seinem
Wesen nach altes Recht. Und nun zeigt sichs, was die Gewalt ist: die Erneuerin des alten
Rechts.“

Doch Rosenzweig ist noch nicht am Ziel; denn noch fehlt der Dialektik von altem und neuem
Recht und der immer wieder einsetzenden Gewalt die Zuspitzung. Die Lösung liegt im
Augenblick:
„In jedem Augenblick bringt der Staat den Widerspruch von Erhaltung und Erneuerung,
altem und neuem Recht, gewaltsam zum Austrag. [...] ja er ist weiter nichts als dies jeden
Augenblick vorgenommene Lösen des Widerspruchs.“

Und weiter:
„So ist Krieg und Revolution die einzige Wirklichkeit, die der Staat kennt, und in einem
Augenblick, wo weder das eine noch das andre statthätte – und sei es auch nur in Gestalt
eines Gedankens an Krieg oder Revolution –, wäre er nicht mehr Staat. Er kann keinen
Augenblick das Schwert aus der Hand legen; denn er muss es jeden Augenblick wieder
schwingen, um mit ihm den gordischen Knoten des Volkslebens, den Widerspruch zwischen
Vergangenheit und Zukunft, den das Volk in seinem natürlichen Leben nicht löst, nur
weiterschiebt, zu zerhauen. Aber indem er ihn zerhaut, schafft er in jedem Augenblick, und
freilich nur immer für diesen einzelnen Augenblick, den Widerspruch aus der Welt und staut
so den immerfort in alle Zeit bis zum endlichen Münden in den Ozean der Ewigkeit sich
selber verleugnenden Fluss des Lebens der Welt in jedem Augenblick zum stehenden
Gewässer [nunc stans - aeternitas]. So aber macht er jeden Augenblick zur Ewigkeit. Er
schliesst in jedem den Widerspruch von alt und neu durch die gewaltsame Verneuerung des
Alten, die dem Neuen die rechtliche Kraft des Alten verleiht, zum Kreis.“

Damit ist die Metaphysik des Staates dialektisch entwickelt. Er zeigt sich als in sich
geschlossener, selbstreproduzierender Kreislauf von immer wieder augenblicks- und
gewalthaft zusammenschiessendem altem und neuem Recht. Rosenzweig nennt diese
Zeitkristalle: Epochen.
„Die Epochen sind die Stunden der Weltgeschichte, und nur der Staat bringt sie hinein
durch seinen kriegerischen Bannspruch, der die Sonne der Zeit stillstehen lässt, bis jeweils
für diesen Tag „das Volk Herr geworden über seine Feinde“*. Ohne Staat also keine
Weltgeschichte. Der Staat allein lässt jene Spiegelbilder der wahren Ewigkeit in den
Zeitstrom fallen, die als Epochen die Bausteine der Weltgeschichte bilden.“1

Wie das Einsprengsel einer Stelle aus dem Buch Josua belegt, steht Rosenzweigs Metaphysik
des Staates nicht nur der, wie man sagt, 'Deutsche Idealismus' eines Hegel Pate. Die
*

1

Im Kampf der Israeliter gegen die Amoriter liess der HERR Hagelkörner auf die fliehenden Feinde fallen. „Durch sie kamen
mehr Amoriter ums Leben als durch die Schwerter der Israeliten.“ Josuas Gebet: „Sonne, steh still über Gibeon“ wurde erhört
und so kämpfte „der HERR selbst auf der Seite Israels“. Jos. 10,9ff.
SE, 370f.

10

entscheidenden Züge der Konzeption und die Sicherheit mit der Rosenzweig den Satz
ausspricht: Ohne Staat also keine Weltgeschichte, dürften ein Reflex der Fundierung seiner
Überlegungen in der Geschichte des Judentums sein. Der Hinweis auf die durch den Gott
stillgestellte Sonne und die Rede von den 'Spiegelbildern der wahren Ewigkeit', die in den
Epochen der Weltgeschichte sichtbar würden, belegen dies.
'Staatsvergottung' ist ein hässliches Wort, dennoch erfüllt die Schilderung des Staates im
Stern exakt diese Verbindung von Staat und Gott. Alles hat Rosenzweig aufgewendet, um den
Nachahmer und Nebenbuhler des ewigen Volkes stark zu machen, ihm sogar eigenes geliehen,
und doch stand der Verlierer bereits zu Beginn fest. Nie wird es der Gott/Staat dazu bringen,
die wahre Ewigkeit zu repräsentieren, ihm bleiben immer nur Augenblicke, „kleine
Ewigkeiten“, in denen er von seinem nie zu erreichenden Ziel kündet.
„Und darum muss die wahre Ewigkeit des ewigen Volks dem Staat und der Weltgeschichte
allzeit fremd und ärgerlich bleiben.“1

Ärgerlich ist die Existenz der Juden: So charakterisiert Rosenzweig in der Rück-Projektion die
Attitüde des Staates gegenüber seinem Modell-Hindernis, dem ewigen Volk. Und er unterlässt
es nicht, den leer laufenden, weil nicht die wahre Ewigkeit erreichenden Neid des bloss
weltgeschichtlichen und deshalb immer wieder ins Endliche zurückfallenden Staates zu
beschwören:
„Gegen die Stunden der Ewigkeit, die der Staat in den Epochen der Weltgeschichte
mit scharfem Schwert einkerbt in die Rinde des wachsenden Baums der Zeit, setzt das
ewige Volk unbekümmert und unberührt Jahr um Jahr Ring auf Ring um den Stamm seines
ewigen Lebens. An diesem stillen, ganz seitenblicklosen Leben bricht sich die Macht der
Weltgeschichte. Mag sie doch immer aufs neue ihre neuste Ewigkeit für die wahre
behaupten, wir setzen gegen alle solche Behauptungen immer wieder das ruhige, stumme
Bild unsres Daseins, [...]“2

So ist der Wille des Staates sich zu beständigen blosse Spiegelfechterei; hinter dem Spiegel
seines Begehrens lodert selbstgenügsam und unerreichbar die Flamme des ewigen Volks:
„In seinem Leben allein brennt das Feuer, das sich aus sich selber nährt und das darum des
Schwertes nicht bedarf, das seiner Flamme aus den Gehölzen der Welt Nahrung zubrächte.
Dies Feuer brennt in sich selber [...] Es brennt, schweigend und ewig.“3

Nichts wird feuriger begehrt als die Fülle des in sich befriedigten seligen Begehrens selbst.
Und doch, ein Letztes ist zu sagen. Auch den Juden bleibt ein Unerreichtes. Aber dies
begehren sie nicht, sie wissen, dass es kommt:
„Der Same des ewigen Lebens ist gepflanzt; so kann es warten, dass er aufgehe. Von dem
Baum, der aus ihm wächst, weiss das Samenkorn nichts und wenn er die Welt überschattete.
Eines Tages wird aus den Früchten des Baums ein Same kommen, der ihm gleicht.
Gepriesen sei, der ewiges Leben pflanzte in unsrer Mitte.“4

1
2
3
4

SE, 371
SE, 371f.
SE, 372
SE, 372

11

Mit diesen hymnischen Worten schliesst Rosenzweig. Sie deuten vor auf den erst noch
kommenden Messias. Am Ende aller Tage wird er kommen und mit der Erlösung des
Seienden identisch sein. Der grosse Zyklus von Schöpfung-Offenbarung-Erlösung wird dann
sich schliessen.
***

B. Ernst Jünger
Gegen Ende des Jahres 1926 lässt Ernst Jünger im Stahlhelm-Jahrbuch vier Aufsätze unter
dem Titel 'Grundlagen des Nationalismus' erscheinen. Die Titelreihenfolge lautet: 'Das Blut',
'Der Wille', 'Der Charakter' und 'Der Geist'1. Die Aufgabe der Artikelserie sieht Jünger in
Analogie zu jenem Übergangsstadium der marxistischen Revolution, die mit dem 'schönen
Wort' von der »Expropriation der Expropriateure« bezeichnet wird2. Entsprechend geht
Jünger in den Artikeln aufs Ganze. Es geht um nichts geringeres als um die Wiederaneignung
des durch den Liberalismus der Nation enteigneten Staates:
„Der Staat ist uns die höchste äussere Form der Nation, und den Staat ändern wird zur
Pflicht, wenn dadurch die Idee der Nation einen schärferen und wirksameren Ausdruck
erhält.“

Die nationalistische Bewegung, die „den Keim zu einem neuen Staate in sich spürt“ ist so
gehalten, ihre Idee des Nationalen gegen den bestehenden – die Idee des Staates unzulänglich
repräsentierenden – Staat geltend zu machen. Jüngers Texte sind entsprechend Manifeste,
Aufrufe zur Revitalisierung bzw. Umwälzung des bestehenden Staats in einen neuen. Der
erste der vier Aufrufe trägt den Titel 'Das Blut' und beginnt:
„Unsere Gemeinschaften sollen Blutsgemeinschaften sein, das ist unsere erste Forderung.“3

Und Jünger fährt mit der Suggestivfrage fort:
„Was aber ist das Blut?“

Klar ist, dass die scheinbar alles öffnende Frage nach dem Blut, noch vor ihrer Beantwortung,
eine Einkreisung durch die angesprochenen Leser der 'Standarte' – einer Sonderbeilage des
'Stahlhelm'4 – erfahren hat. Die Wir, denen Jünger die Frage nach dem Blut auseinander zu
setzen gedenkt, sind die ehemaligen deutschen Frontsoldaten des ersten Weltkriegs. Ihnen
wird verkündet:
„Das Blut ist tiefer als alles, was man darüber sagen und schreiben mag. Seine dunklen und
hellen Schwingungen zaubern jene Melodien hervor, die uns betrübt oder glücklich
1

2
3
4

E. Jünger, Politische Publizistik 1919-33, Stuttgart 2001, S. 699 (Anm. v. S. O. Berggötz). - Die Texte sind nicht in den
Sämtlichen Werken Jüngers enthalten.
Ebd., S. 180f.
Ebd., S. 191
Ebd., S. 676. Der vollständige Titel lautet: 'Die Standarte – Beiträge zur geistigen Vertiefung des Frontgedankens. Sonderbeilage
des Stahlhelm. Wochenschrift des Bundes der Frontsoldaten.' (Auflage: 170'000)

12

stimmen. Sie ziehen uns hin zu Personen, Landschaften und Dingen, oder sie stossen uns
von ihnen zurück. Jenes Etwas, jenes Mehr, das sich uns preisgibt in den Umrissen eines
Gebirges, der Linienführung einer Ebene, dem Spiele der Wolken des Himmels, dem Lachen
eines Menschen, [...] , jener Akzent, den das Leben mit traumhafter Sicherheit allen Dingen
gibt – er wird durch die Art und Eigenart des Blutes bestimmt. Die Erscheinung ist gegeben,
aber die Stärke und Fülle des Blutes erst setzt den Wert, macht sie bedeutend, symbolisch
und tief.“1

'Jenes Etwas, jenes Mehr': Jünger führt das Blut als ideierendes Medium vor. Es fundiert das
Gegebene zum Bedeutenden, in ihm liegt gestaltgebende Kraft.
„Mit dem Auge sehen wir, mit den Ohren hören wir, mit der Hand tasten wir, mit dem
Gehirn nehmen wir fremde Gedanken auf, aber ob dies alles nur toter Stoff ist oder ob es zu
uns in einer lebendigen Beziehung steht, das entscheidet das Blut. [...] Durch die Sinne
erkennen wir; durch das Blut erkennen wir an. Durch das Blut fühlen wir uns fremd oder
verwandt.“2

Das Blut, so wird Jünger wenig später sagen, darf nicht rassisch-biologisch interpretiert
werden, sondern es ist ein „vorwiegend metaphysischer Begriff“3. Nimmt man die beiden
Zitate zusammen, d.h. verbindet man die Bedeutung des Blutes als gestaltgebendes Medium
mit der Rede von der Anerkenntnis des Verwandten (bzw. mit der Erkenntnis des Fremden),
so wird deutlich, dass 'Blutsgemeinschaft' im Jüngerschen Sinne das wechselweise Typisieren von
Typen meint.
„Ein Händedruck, der zwischen Männern gewechselt wird, der Blick ins Auge, der Ton der
Stimme, ... , Gang, Haltung, Bewegung und Mienenspiel, in all den tausend
Unwägbarkeiten, die wir wahrnehmen ohne darüber nachzudenken, sprechen wir mit dem
Blut, spricht das Blut zu uns, es wirbt, es nähert sich an oder es stösst ab. Über alle Masken
hinweg verständigen sich Ich und Du in einer Geheimsprache, die vor allem Sprechen ist.“4

Das Blut ist das Zugrundeliegende, das Subiectum, das Hypokeimenon der Typengenese. Die
Wir sprechen mit ihm, Es spricht mit den Wir und Es spricht aus Ihnen. Der Raum aber, in
dem dies Geschehen statthat, ist die intensive Extension des Schicksalsraums:
„Das [...] ist die grosse Spannung, die dem Leben Sinn, Würde und tragischen Gehalt
verleiht. Schicksal und Blut, eine unsichtbare Kraft und ein tragender Stoff, durch den sie
sich offenbart. Von ihr müssen wir ausgehen, um das Wesen des Blutes ganz zu verstehen.
[...] Nur am Prüfstein des Schicksals beweist das Blut seinen Wert.“5

Eine Spannung, die sich offenbart – das Blut, das sich am Prüfstein des Schicksals beweist: Aus
dem Einsatz dieser beiden Verben bezieht Jüngers Rede seine Überzeugungskraft. Es sind
deutsche und deutliche Worte, und sie haben ihren Herkunftszusammenhang in dem Wort
1
2
3
4
5

Ebd., S. 191
Ebd., S. 191f.
Ebd., S. 233
Ebd., S. 192
Ebd., S. 193f. Jünger fährt fort: „Daher lehnen wir alle jene Bestrebungen ab, die die Begriffe Rasse und Blut verstandesmässig
zu stützen suchen. Den Wert des Blutes durch das Gehirn, durch Mittel der modernen Naturwissenschaft beweisen zu wollen,
das heisst den Knecht für den Herren zeugen lassen. Wir wollen nichts hören von chemischen Reaktionen, von
Bluteinspritzungen, von Schädelformen und arischen Profilen. Das alles muss ausarten in Unfug und Haarspaltereien und
öffnet dem Intellekt die Einfallspforten in das Reich der Werte, die er nur zerstören, aber niemals begreifen kann.“

13

'Offenbarungsbeweis' der christlichen Theologie. Was ist es, das bei Jünger an dessen Stelle
tritt? Woran zeigt und beweist sich für einen deutschen Heiden am und im Zeitlichen ein
Ewiges? Antwort: In der „dramatischen Offenbarung“1 des Krieges.
„Der Krieg ist eine der ewigen Tatsachen, die jeder Fragestellung gewachsen sind, und an
denen das Denken jeder neuen Generation zerschäumt wie eine flüchtige Welle an den
ehernen Fundamenten der Welt. Nie wird man mehr von ihm aussagen können als jener
griechische Weise, der ihn den Vater aller Dinge nannte. [...] Der Krieg ist unser Vater, er hat
uns gezeugt im glühenden Schosse der Kampfgräben als ein neues Geschlecht, und wir
erkennen mit Stolz unsere Herkunft an. [...] Der Einzelne lebt nicht nur in seiner Zeit. Er
lebt zugleich in der Schicksalszeit seines Geschlechts, [...]. Der Sohn ist jünger als der Vater,
insofern beide in ihre persönliche Schicksalszeit geschlossen sind. Er ist jedoch älter als der
Vater in bezug auf die beiden gemeinsame Schicksalszeit des Geschlechts.“2

Wie ähnlich die Reden Jüngers und Rosenweigs über das Geschlecht doch sind! Und doch:
Wie abgrundtief verschieden sind die Wir der zwei Geschlechter, des Jüdischen, des
Deutschen. Beide ziehen, wie Rosenzweig einmal sagt, eine „Kreislinie der Exklusivität“3 um
sich und scheiden die fremden Ihr von den um sich gescharten Wir.
„Das Wir umfasst alles, was es ergreifen und erreichen, ja was es noch sichten kann. Aber
was es nicht mehr erreichen und auch nicht mehr sichten kann, das muss es um seiner
eigenen Geschlossenheit und Einigkeit willen aus seinem hellen, tönenden Kreise hinaus ins
kalte Grauen des Nichts stossen, indem es zu ihm spricht: Ihr.
Ja, das Ihr ist grauenhaft. Es ist das Gericht. Das Wir kann nicht vermeiden, dies Gericht
zu halten; denn nur in diesem Gericht gibt es der Allheit seines Wir bestimmten Inhalt, der
doch kein besonderer Inhalt ist, ihm nichts von seiner Allheit nimmt; [...] So muss das Wir
Ihr sagen, und je stärker es anschwillt, um so stärker dröhnt aus seinem Munde auch das Ihr.
[...] Das ist die entscheidende Vorwegnahme, dieses scheidende Gericht, worin das
kommende Reich als kommendes wirklich und dadurch die Ewigkeit Tatsache ist*. Der
Heilige des Herrn muss das Gericht Gottes vorwegnehmen; er muss seine Feinde für die
Feinde Gottes erkennen.“4

Die Aussagen Rosenzweigs und Jüngers zu Geschlecht und Reich spiegeln sich ineinander.
Die beiden Spiegel sind Doubles, in denen je das eine Wir als das Ihr des anderen erscheint.
Aber beide Wir streben nach dem Ganzen, nach Allheit, wie Rosenzweig sagt. Entsprechend
tauchen spiegelverkehrt die zwei Wir und die zwei Ihr als antagonistische Modell-Hindernisse
(modèle-obstacle) in Erscheinung. Auf beiden Wegen zum Reich gilt es das gesichtete
Hindernis – das das Erreichen des Totalen zu verhindern droht – aus dem Weg zu räumen.
Erstaunlich ist, dass beide Seiten diesen Ernstfall, d.h. den Eintritt des Widersachers in ihr
Bild und dessen Wegräumung, reflektieren. Um diesen sich selbst spiegelnden Spiegel zu
denken, benötigen beide Seiten Hilfe. Diese Hilfe holen sie sich vom Unaussprechlichen.
Zuerst Jünger:
1
2
3
*

4

Ebd., S. 176
Ebd., S. 174, S. 185, S. 277f.
F. Rosenzweig, GS I.2, S. 732
Vgl. dazu Jünger, a.a.O., S. 556f. (März 1930): „Aber über dem Deutschland von gestern, von heute und von morgen, über
ihren zeitlichen Bildern steht die ewige Wirklichkeit des Reiches, der es in diesem Lande noch nie an einer Jugend gemangelt
hat, die von ihr ergriffen war. Hier gibt es nichts zu wünschen, es ist vielmehr eine strenge Verpflichtung, die sich zum
Ausdruck bringt, - damals wie heute bedeutet deutsch sein: im Kampfe sein.“
SE, 264f.

14

„Ja, der Soldat in seinem Verhältnis zum Tode, in der Aufgabe der Persönlichkeit für eine
Idee, weiss wenig von den Philosophen und ihren Werten. Aber in ihm und seiner Tat äussert
sich das Leben ergreifender und tiefer, als je ein Buch es vermöchte. Und immer wieder,
trotz allem Widersinn und Wahnsinn des äusseren Geschehens, bleibt eine strahlende
Wahrheit: der Tod für eine Überzeugung ist das höchste Vollbringen. Es ist Bekenntnis, Tat,
Erfüllung, Glaube, Liebe, Hoffnung und Ziel; es ist auf dieser unvollkommenen Welt ein
Vollkommenes und die Vollendung schlechthin. Dabei ist die Sache nichts und die
Überzeugung alles. [...] Mag der Flieger Barbusse* tief unter sich zwei gerüstete Heere zu
einem Gott um den Sieg ihrer gerechten Sache beten sehen, so heftet sicher eins,
wahrscheinlich beide, einen Irrtum an die Fahnen; und doch wird Gott beide zugleich in
seinem Wesen umfassen.“1

Bitte, Herr Jünger! möchte man zu diesen Sätzen anmerken: Mindestens einmal ist hier das
Wort 'Gott' zu viel gebraucht. Entweder ist der Gott der Kampf, dann ist er der Polemos des
Heraklit oder er ist der eine, einzige Gott, dann aber ist er nicht mehr jener, der beide Heere
in 'seinem Wesen umfassen' kann. Man muss sich schon entscheiden – oder den Gott ins
Namenlose entlassen... – so wie Rosenzweig es tut:
„Gott selbst muss das letzte Wort sprechen – es darf kein Wort mehr sein. Denn es muss
Ende sein und nicht Vorwegnahme mehr. Und alles Wort wäre noch Vorwegnahme des
nächsten Worts. Für Gott sind die Wir wie die Ihr – Sie. Aber er spricht kein Sie, sondern er
vollbringts. Er tuts. Er ist der Erlöser. In seinem Sie sinken das Wir und das Ihr zurück in ein
eines blendendes Licht. Aller Name schwindet. Das letzte, in aller Ewigkeit
vorwegnehmende Gericht tilgt die Scheidung, nachdem und indem es sie bestätigt, und
löscht die Feuer der Hölle. Im letzten Gericht, das Gott selber in seinem eignen Namen
richtet, geht alles All ein in Seine Allheit, aller Name in Sein namenloses Eins.“2

Übergang
Hans Ehrenberg, ein Freund und Briefpartner3 Franz Rosenzweigs, veröffentlichte im Jahre
*

1

2
3

Henri Barbusse (1873-1935), französischer Schriftsteller und Kommunist, schildert in seinem Roman 'Le feu. Journal d'une
escouade' (1916) das Grauen der Materialschlachten des ersten Weltkriegs.
E. Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis (1922). In: Werke, Band 5, Essays I, Stuttgart o.J., S. 105. Vgl. Ebd. S. 52: „Der
Kampf ist immer noch etwas Heiliges, ein Gottesurteil über zwei Ideen.“
SE, S. 265
Auf wenigstens einen Brief sei in unserem Zusammenhang hingewiesen. Rosenzweig reagiert darin auf einen mit 'Der
Antisemitismus' betitelten Aufsatz von H. Ehrenberg im 'Christlichen Volksblatt' des Badischen Volkskirchenbundes mit den
Worten: „Von Hans kriegte ich ein christliches Volk mit dem viehischen Aufsatz über den Antisemitismus. Ehe er sich nicht
diese Sorte Christentum abgewöhnt, ist er mir ungreifbar.“ In einer längeren Fussnote orientieren die Herausgeber des GritliBriefwechsels (S. 622) über den Hintergrund der scharfen Reaktion Rosenzweigs. Da mir der Artikel nicht vorliegt, die
Auseinandersetzung aber in unserem Zusammenhang von grösster Bedeutung ist, sei die Fussnote hier vollständig zitiert:
„Hans Ehrenberg war zeitweise verantwortlicher Redakteur der seit 1919 im Rahmen des Badischen Volkskirchenbundes
erscheinenden Kirchenzeitung 'Christliches Volksblatt'. Im 2.Jahrgang. Nr.14, 4.Juli 1920 erschien ein von ihm verfasster
Artikel, der den Titel 'Der Antisemitismus' trug. Darin bezeichnete er zwar den Antisemitismus als die „furchtbarste Krankheit
unserer Zeit und unseres Volkes“, der eine Welt des Hasses errege und daher jedem Christen entsetzlich sein müsse. Ursache
des Antisemitismus sei der 'Blutstolz des Volkes', der völkisch-heidnische Nationalismus, der spätestens im Weltkrieg in all
seiner zerstörerischen Kraft entlarvt worden sei. Das grosse Ziel müsse daher künftig sein, jeden übertriebenen Nationalismus
zu überwinden zugunsten „der großen Völkerfamilie der europäischen Menschheit“. / Im dann Folgenden aber führte
Ehrenberg den heidnischen Blutstolz ausgerechnet auf das Judentum und sein Lehre von der Erwählung zurück: „noch heute wirkt
im Judentum, selbst in dem westeuropäisch emanzipierten, dieser altunbändige Stolz [auf die Erwählung] nach und erzeugt ein
jüdisches Selbstbewusstsein, das dem Rassenhass des teutonischen Siegfriedanbeters immer wieder neue Nahrung geben muss.
Und damit haben wir die zweite Quelle des Antisemitismus entdeckt: / Der Antisemit ist vom Juden angesteckt. Der Bazill des
Stolzes seiner Weltmission überträgt sich auf die heidnischen Deutschen und verjudet sie. Und dieser verjudete Teutone ist der

15

1923 ein Buch mit dem Titel 'Disputation. Drei Bücher vom Deutschen Idealismus'; darin
finden sich die Sätze:
„Das Blut, das im Innern strömt, gibt die Antwort auf die schlecht gestellte Frage der
Philosophie nach dem Selbstbewusstsein. Das älteste Gesetz des gemeinsamen Lebens ist
mit Blut geschrieben und spricht vom Blut; Blut bindet, Blut trennt; es ist dicker als das
Wasser der Idealisten.“1

Die Passage beschreibt bündig, was wir – in Analogie zur Rede vom 'Heliozentrismus' – als
den epochalen Hämozentrismus der deutschsprachigen Philosophie bezeichnen.

II. Martin Heidegger
„Die Besinnung auf das Volkhafte
ist ein wesentlicher Durchgang.“
Martin Heidegger, 1936

Das Wort »Blut« kommt in Heideggers Hauptwerk 'Sein und Zeit' kein einziges Mal vor.
Noch in der Wintervorlesung 1928/29, dort, wo es um ein konkreteres Verständnis der
Transzendenz geht, formuliert er:
„Das Dasein ist vom Seienden, dem es preisgegeben ist, durchwaltet. Das Dasein ist Körper
und Leib und Leben; es hat Natur nicht nur und erst als Gegenstand der Betrachtung,
sondern es ist Natur; aber eben nicht so, dass es ein Konglomerat von Materie, Leib und
Seele darstellt; es ist Natur qua transzendierendes Seiendes, Dasein, von ihr durchwaltet und
durchstimmt.“

Im Gegensatz zu Jünger, der, vom selben sprechend, die trüben oder beglückenden
Stimmungen auf die dunklen oder hellen Schwingungen des uns zugehörenden Blutes zurück
bezieht, lässt Heidegger den Ort einer solchen Trägersubstanz des konkreten Transzendierens

1  

Antisemit.“ Einziger Schutz gegen Juden wie Antisemiten ist nach Auskunft Ehrenbergs der Geist Jesu, weil dieser - obwohl
Jude - seinen eigenen Blutstolz überwand und sich den Völkern der Welt öffnete. Dadurch erscheint ausgerechnet die
Judentaufe als wirksamstes Instrument. um den Antisemitismus zu überwinden.“ - Soweit die Fussnote. Der zum Christentum
konvertierte Jude Ehrenberg deklariert darin den deutschnationalen Blutstolz als eine durch das Judentum angestossene
mimetische Infektion.
H. Ehrenberg, Disputation. Drei Bücher vom Deutschen Idealismus, München 1923. S. 102 

GA 65, S. 42. In den Heidegger-Zitaten wird die Kursivsetzung nur dann übernommen, wenn es dem Verständnis dient.
GA 27, S. 328

16

des Daseins unbesetzt. Noch hält Heidegger hier dasjenige offen, was wir den
existenzialontologischen Universalismus nennen können: Die Geworfenheit – noch ist ihr Schicksal
nicht bestimmt. Deshalb gilt:
„Dies, dass es in Richtung seiner Herkunft mit eigenem Beschluss nichts zu suchen hat, gibt
dem Dasein einen wesentlichen Abstoss von der Dunkelheit seiner Herkunft in die relative
Helle seines Seinkönnens.“1

Auch hier hätten Jünger und Rosenzweig nicht gezögert und flugs die passende Antwort
gefunden: Die Plausibilität des Gedankens der Geschlechterfolge hat ihnen Jahre zuvor die
Dunkelheit der Herkunft des Daseins bereits aufgehellt.
Heidegger aber schweigt beharrlich vom Blut.
Nicht ganz. Die hämozentrische Disposition der Epoche ringt ihm zwei charakteristische
Bemerkungen zum Blut ab. Und hier ist nun alles wichtig: der örtliche, der zeitliche und der
argumentative Zusammenhang – sowie die Wendungen, in denen vom Blut gesprochen wird.
Es wird sich zeigen, dass Heidegger über Abstraktionen sich des allzu aufdringlichen Saftes
entledigt und schliesslich zum Wasser – allerdings gerade nicht mehr zum idealistischen Wasser –
zurückkehrt.
I. Im Wintersemester 1933/34 hält Heidegger in Freiburg i. Br. eine Vorlesung zu Platons
Mythos vom »Höhlengleichnis« aus der Politeia (VII. Buch) unter dem Titel 'Vom Wesen der
Wahrheit'. Nachdem er klar gemacht hat, dass es darum gehe „den Geist der Erde [zu]
verwandeln“2 und er – mit Heraklit – das Wesen des Seins als Kampf auslegt und also alles
„Seiende mit Entscheidungscharakter durchsetzt“3 ist, verweist er auf den situativen Aspekt
seiner professoralen Rede. Da es Heidegger primär um „die Erweckung und Durchsetzung
der Frage nach dem Wesen der Wahrheit“ geht,
„[...] hängt das eigentliche Verständnis des Mythos bei Ihnen zunächst auch nicht davon ab,
ob Sie gut oder schlecht oder gar nicht Griechisch verstehen, auch nicht davon, ob Sie viel
oder wenig oder gar nichts von Platon wissen, sondern allein davon, ob Sie bereit sind, mit
der Tatsache ernst zu machen, dass Sie hier im Hörsaal einer deutschen Universität sitzen,
d.h. ob in Ihnen etwas Unumgängliches und Fortwirkendes auf die auszulegende
Geschichte von der unterirdischen Höhle anspricht.“4

Zurecht macht der Herausgeber (H. Tietjen) darauf aufmerksam, dass in der Auslegung der
Leitfigur des in die Höhle zurückkehrenden Philosophen im platonischen Mythos sich das
„Selbstverständnis Heideggers“5 spiegle. Die professorale Rhetorik – Rhetorik verstanden als
„die Grundwissenschaft vom Menschen, [als] die politische Wissenschaft“6 – zieht
zunehmend eine Kreislinie der Exklusivität um die Hörenden. So führt Heidegger die Hörenden
durch die vier Stadien des Wahrheitsgeschehens – als da sind:
1
2
3
4
5
6

Ebd., S. 340
GA 36/37, S. 86
Ebd., S. 94f.
Ebd., S. 125
Ebd., S. 305
Ebd., S. 158

17

a) Die Lage des Menschen in der unterirdische Höhle
b) Die »Befreiung« des Menschen innerhalb der Höhle
c) Die eigentliche Befreiung des Menschen zum ursprünglichen Licht
d) Der Rückstieg des Befreiten in die Höhle
Im vierten Stadium kehrt der „mit dem Lichtblick Erfüllte“1, der Philosoph, zu den
Höhlenbewohnern zurück. Er hat die Dinge im Lichte der Sonne und die Sonne selbst
gesehen und hat nun unter den Höhlenbewohnern den „Kampf um die Wahrheit“ zu
entfachen.
„Dieser Kampf ist als Kampf immer ein bestimmter. Wahrheit ist immer Wahrheit für uns.
[...] So ist der Wille zu Wissen und Geist dasjenige, womit wir stehen und fallen. Es ist heute
viel die Rede von Blut und Boden als vielberufener Kräfte. Bereits haben die Literaten, die es
ja auch heute noch gibt, sich ihrer bemächtigt. Blut und Boden sind zwar mächtig und
notwendig, aber nicht hinreichende Bedingung für das Dasein eines Volkes. Andere
Bedingungen sind Wissen und Geist, nicht als ein Nachtrag in einem Nebeneinander,
sondern das Wissen bringt erst das Strömen des Blutes in eine Richtung und in eine Bahn,
bringt erst den Boden in die Trächtigkeit dessen, was er zu tragen vermag: Wissen verschafft
Adel auf dem Boden zum Austrag, was er zu tragen vermag.“2

Das Wissen soll das Strömen des Blutes in eine Richtung und Bahn bringen. Der mit dem
Lichtblick begabte Rhetor ist der wissende und adelnde Stromlenker.
II. Im Sommersemester 1934 hält Martin Heidegger – ebenfalls in Freiburg i. Br., aber nicht
mehr als Rektor der Universität – eine Vorlesung unter dem Titel 'Logik [als die Frage nach
dem Wesen der Sprache]'3. Die Schlusspassage deutet vor auf das folgende Semester. „Die
ursprüngliche Sprache“ – heisst es am Ende – „ ist die Sprache der Dichtung.“4. In der
Vorlesung selbst aber wird einem Wort Gewalt angetan. Es ist das Wort »Bestimmung«:
„Wir wollen dem Wort »Bestimmung« hier einen volleren, ursprünglicheren Sinn geben. [...]
Das Wort kann im alltäglichen Gebrauch verwendet werden, wie es beliebt. Wir
vergewaltigen es. Aber diese Gewaltsamkeit, mit der die Philosophie Worte gebraucht und
Worte bestimmt, gehört zu ihrem Wesen.“5

Der Meister spricht. Im folgenden entfaltet er – oder reisst er es auf ? – das Wort
»Bestimmung« in die Richtung dreier Bedeutungshinsichten:
1

2

3
4

5

Ebd., S. 183. Vgl. auch GA 34, S. 64, 88 und 326 zum Lichtblick: „[...] das Gleichnis sagt uns, [...], dass der Aufblick in das Licht
schliesslich und vor allem ein Blick in die Sonne selbst, die Lichtquelle, werden muss, dass erst damit die Befreiung eine
eigentliche wird.“
Ebd., S. 262f. - Hinweis: Das Wortfeld um »Austrag« wird später eines der Hauptworte des seynsgeschichtlichen Denkens des
Ereignisses. So z.B. GA 66, S. 307F.: „Der Austrag meint das Auseinandertragen der Entgegnung [Gott und Mensch] und des
Streites [Welt und Erde] in die Kreuzung ihres Wesens. [...] Das Austragen – zur Reife bringen – ist die Wesungsstille, deren
Stimme vom Seyn alle Bestimmung ausgehen lässt. [...] Er-eignis ist Austrag. [...] Er-eignung ist Austrag.“ Ebd. S. 314:
„Lichtung west aus dem Austrag und eignet ihm.“ Bei der Relektüre muss Heidegger selbst auf die weitreichende Tiefe seiner
Aussage aufmerksam geworden seyn.
So: GA 58; ursprünglich nur als 'Logik' angekündigt.
Ebd., S. 170. Im WS 1934/35 wird sich Heidegger der Auslegung der Dichtung Hölderlins widmen. Wir kommen darauf
zurück.
Ebd., S. 127

18

„Das Wort »Bestimmung«, sofern wir von unserer Bestimmung reden, hat eine dreifache
Bedeutung in ursprünglicher Einheit und Zusammengehörigkeit.“

Wieder gilt die Rede den anwesend-hörenden Wir; die Kreislinie der Exklusivität wird wieder
gezogen. Für diese Wir gilt eine dreifache Bestimmung:
a) das Bestimmtsein durch Auftrag und Sendung
b) die Bestimmtheit durch Arbeit
c) das Gestimmtsein auf die geschichtliche Einzigkeit1
Es fällt auf, dass die Entfaltung – bzw. der Aufriss – des Wortes Bestimmung um die, bzw.
aus der Mitte des Wortstamms -stimm- geschieht: dieser Kern bleibt invariant, -stimm- ist das
nicht wechselnde Wortatom der Bestimmungen von »Bestimmung«. Nur ein Buchstabe fehlt,
um dem Wortstamm Bedeutung zu verleihen und die erste Bedeutung in der Stimme zu
finden. Doch Heidegger hält sich – die Vorlesung datiert aus dem Sommer 1934 – bei der
Erläuterung kleiner Stimmungen, den Launen, und dem Hinweis auf die grossen
Stimmungen auf:
„Der Unterschied zwischen grossen und kleinen Stimmungen liegt darin, dass grosse
Stimmungen, je mächtiger sie sind, um so verborgener wirken. Sie sind um so mächtiger,
wenn sie sich offenbaren in der eigenen Schöpfung einer Tat, eines Werkes. Ein grosses
Werk ist nur aus der Grundstimmung, letztlich aus der Grundstimmung eines Volkes
möglich.“2

Bezogen auf den Leib, „das von aussen her an uns Sichtbare und Greifbare, den wir von
innen her spüren“, gilt, dass er nicht das „Ursprüngliche des Daseins“, sondern er „gleichsam
aufgehängt in der Macht der Stimmungen“ ist. Entsprechend formuliert Heidegger:
„So kann auch das Blut und das Geblüt nur dann den Menschen wesensmässig bestimmen,
wenn es von Stimmungen bestimmt ist, nie von sich allein aus. Die Stimme des Blutes
kommt aus der Grundstimmung des Menschen. Sie schwebt nicht für sich, sondern gehört
mit in die Einheit der Stimmung. Dazu gehört auch die Geistigkeit unseres Daseins, die als
Arbeit geschieht.“3

Auch hier wird Heidegger, gezwungen durch die hämozentrisch orientierte Gesamtlage der
Epoche, zu Ausführungen zum Blut gedrängt. Die Geste des Abweisens ähnelt der oben
besprochenen. So wie dort das Strömen des Blutes das Wissen und den Geist benötigte, um
in die rechten Bahnen geleitet zu werden, ist es hier die Einheit der Stimmung, und d.h. die
Geistigkeit 'unseres' Daseins, die als Arbeit geschieht, die die Stimme des Blutes zu fundieren
hat.
Sowohl das Strömen als auch die Stimme des Blutes sind als bloss natürliche Gegebenheiten
nicht hinreichende Bedingungen für den Auftrag und die Sendung, die der geschichtliche
Augenblick den Deutschen zu vergeben hat. So gehen Heidegger und Jünger mit einem
1
2
3

Ebd., S. 127-130
Ebd., S. 130
Ebd., S. 153

19

nicht-rassischen Konzept des Volkes an ihr Werk der Umerziehung der Deutschen1.
Aus dem Wintersemester 1934/35 datiert die erste Hölderlin-Vorlesung Heideggers:
'Hölderlins Hymnen »Germanien« und »Der Rhein«'. Er beginnt seine Vorlesung mit
demjenigen Hymnus, mit dem Norbert v. Hellingrath seinen Vortrag 'Hölderlin und die
Deutschen' beendete. Hellingrath schickte seiner Lesung von »Germanien« die folgenden
Worte voraus:
„Und nun zurück zu Germanien! Hölderlin hat sich entschieden der abendländischen
Heimat zugewandt; so vieles in ihr die Hoffnung niederdrückt, er will das Göttliche, das er
immer gesucht hat, nun noch in der Zukunft suchen. Die alten Götter sind tot, leben bloss
noch in der Sage fort, aber um diese drängen sich ihre Schatten zusammen zu neuer
Geburt.“2

In Germanien geht es um Alles. Die Besinnung auf die Sprache – als „der Güter
Gefährlichstes“3 –, auf das Sagen des Dichters als der „Stimme Gottes“ (Hellingrath) tut not.
Hölderlin ist der Dichter der Deutschen. Heidegger:
„Dichter der Deutschen nicht als genitivus subiectivus, sondern als genitivus obiectivus: Der
Dichter, der die Deutschen erst dichtet, [...], d.h. der Stifter des deutschen Seyns, [...]“4

Heidegger verweist auf das Gedicht 'Stimme des Volks'; in ihm kommt der Bezug der beiden
Teile der Vorlesung, 'Germanien' (Volk) und 'Der Rhein' (Strom), zur Sprache:
„Kein Zufall, dass ein Gedicht, das überschrieben ist »Stimme des Volks« und das wir in
zweifacher Ausführung haben, in seinem Beginn den Stromgedanken aufnimmt:
Du seiest Gottes Stimme, so glaubt ich sonst,
In heilger Jugend; ja und ich sag es noch!
Um unsre Weisheit unbekümmert
Rauschen die Ströme doch auch, ...“5

„Kein Zufall“ – wie könnte es einer sein!? Gezeigt wurde, dass und wie in der Vorlesung des
Wintersemesters 1933/34 vom Strömen des Blutes gesprochen wird, gezeigt wurde weiter, in
welchem Zusammenhang in der darauf folgenden Sommervorlesung 1934 von der Stimme
des Blutes gehandelt wird. In beiden Wendungen ist der Genitiv ein genitivus obiectivus: Das
Strömen des Blutes meint einen Strom, der das Blut erst lenkt, die Stimme des Blutes meint
eine Stimme, die das Blut erst auf eine Stimmung ab-stimmt. Streichen wir – mit Heidegger –
die Nennung des Blutes aus den beiden Wendungen, so bleiben die stimmende Stimme und
1

2
3
4
5

Vgl. dazu die wichtige und grundsätzliche Stellungnahme Heideggers zur Arbeit seines Freundes (nach 1934): „Das
Entscheidende an Ernst Jüngers Werk ist, dass es an einer wesentlichen geschichtlichen Erfahrung (der Gestalt des Arbeiters)
überhaupt und wesentlich das Gestalthafte mit ins Wissen heben und so das Ver-stehen des Seins, den Seinsentwurf als Grund
des Menschseins mit erfahrbar und gründbar machen hilft. Es ist ein Zurückholen der Metaphysik in das »Volk«.“ Heidegger
verweist dabei auf „Hegels Wort in der »Logik«“ um sich des kontinuierlichen Sinns der deutschen Bewegung zu versichern.
Hegels Wort lautet: „Indem so die Wissenschaft und der gemeine Menschenverstand sich in die Hände arbeiteten, den
Untergang der Metaphysik zu bewirken, so schien das sonderbare Schauspiel herbeigeführt zu werden, ein gebildetes Volk ohne
Metaphysik zu sehen, - wie einen sonst mannigfaltig ausgeschmückten Tempel ohne Allerheiligstes.“ (GA 90, S. 76)
N. v. Hellingrath, Hölderlin. Zwei Vorträge, München 1922. S. 44
GA 39, S. 1
Ebd., S. 220
Ebd., S. 224

20

die gelenkte Bahn des Stroms1. Zusammengenommen ergibt sich das von allem
Hämozentrischen gereinigte Wort Stromstimme. Mit dieser Wortfügung geht Heidegger –
unausgesprochen – an die Auslegung Hölderlins. Zweimal wird dies in der Vorlesung
1934/35 deutlich. Einmal heisst es von der Sprache Hölderlins – dem Sagen, das „gesagt und
doch ungesagt im Volke steht“ –, dass „sie im Verborgenen noch Strom ist, worin und als
welchen das Seyn sich selbst stiftet. Meint: Das Sagen ist in der „Tiefe seines Strömens“2 das
sich selbst stiftende Seyn als die Stimme eines Stroms, die Stromstimme. Aber auch dort, wo
Heidegger auf den Vater Rhein zu sprechen kommt, ist ihm der Strom...
„[...] nicht ein Gewässer, das an dem Ort der Menschen nur vorbeifliesst, sondern sein
Strömen, als landbildendes, schafft erst die Möglichkeit der Gründung der Wohnungen der
Menschen. Der Strom ist nicht nur vergleichsweise, sondern als er selbst ein Stifter und
Dichter.“3

Der Strom ist Stifter und Dichter, ist Stromstimme, noch einmal.
Indem Heidegger die Aufgabe vorsetzt, sich und „uns dem Machtbereich der Dichtung
Hölderlins zu nähern und uns ihm gar auszusetzen“4, gibt er die Unterscheidungskraft des
Denkens preis. Schon Hellingrath hat vor ihm zur Art des Dichtens Hölderlins und Pindars
in 'harter Fügung' das folgende gesagt:
„So/ von schwerem wort zu schwerem wort reiszt diese dichtart den hörer/ lasst ihn nie zu
sich kommen nie im eigenen sinn etwas verstehen vorstellen fühlen: von wort zu wort muss
er dem strome folgen und dieser wirbel der schweren stoszenden massen in seinem
verwirrenden oder festlich klaren schwunge ist ihr wesen und eigentlicher kunstcharakter.“5

Heidegger hat sich für die Stromschnellen und den Wirbel des Seyns entschieden. Statt den
andrängenden Hämozentrismus wahrzunehmen und den ihm entlockten Wendungen vom
Strömen und der Stimme des Blutes auf den Grund zu gehen, d.h. sie zu analysieren, hat er
es vorgezogen, sie in den heiligen Wassern Hölderlins zu verklären. So hat das Geschick des Seyns
das letzte Wort:
„[...] Lang ist
Die Zeit, es ereignet sich aber
Das Wahre“

dichtet Hölderlin in 'Mnemosyne'. Und Heidegger kommentiert:
„Die Zeit [...] ist lang, weil [...] ein unausgesetztes Warten und Harren auf das Ereignis
herrscht, ...“6

Später, bereits in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, notiert Heidegger zu seiner
berühmten Schrift Sein und Zeit:
1

2
3
4
5
6

Vgl. ebd., S. 224: Im „rauschenden, seiner selbst sicheren Zug des Stroms erfüllt sich ein Geschick, erwirkt sich Land und Erde
Grenze und Gestalt, wird Heimat den Menschen und damit die Wahrheit dem Volke.“
Ebd., S. 256
Ebd., S. 264
Ebd., S. 8
Norbert v. Hellingrath, Pindarübertragungen von Hölderlin. Prolegomena zu einer Erstausgabe, Jena 1911. S. 6
GA 39, S. 56

21

„»Sein und Zeit« als Name für ein Ereignis im Seyn selbst.“1

Schluss
Blut ist ein solares Edelmedium2. Immer und überall in der bekannten Geschichte der
Menschheit lassen sich Belege für die nahe liegende und fundamentale Analogie zwischen der
Sonne und dem Herzen finden. Wenn William Harvey – der Entdecker des Blutkreislaufs – in
der Vorrede zu 'De Motu Cordis' (1628) vom Herzen als der Sonne des mikrokosmischen
Leibes spricht, nimmt er lediglich eine Tradition auf, die spätestens mit Aristoteles begann.
Rosenzweigs spekulative Soziologie des Judentums unter dem Titel 'Das Feuer oder das ewige
Leben' steht voll und ganz in dieser Tradition. Es wäre nicht allzu schwierig zu zeigen, dass
der Leser und ausgezeichnete Kenner Hegels durch die Lektüre des Hegelschen Korpus –
noch vor aller bewussten Reflexion – zu seiner hämozentrischen Konzeption des Judentums
angespornt wurde. Ebenso hämozentrisch – aber nicht-rassisch – ist Jüngers Fassung des
deutschen Geschlechts. Beide gebrauchen das solare Edelmedium Blut um ihren auf das
kommende Reich ausgerichteten Diskurs zu organisieren. Es ist die Folge einer höheren
Notwendigkeit, dass am Horizont der beiden Diskurse, als Zeichen der Reiche, die solaren
Symbole des Sterns und des Sonnenrades (der Swastika) erscheinen.3 Beide
Aneignungsmimetismen zielen über die Verwendung des nahen solaren Signifikanten Blut auf
das ferne zu erreichende Signifikat der Sonne selbst.
Heidegger erkennt zwar den 'umgekehrten Platonismus' seiner Epoche (Nietzsche, Jünger),
ist sich aber zu schade, dem ihn bedrängenden Hämozentrismus auf den Grund zu gehen.
Weder kommt er je während seiner vieljährigen Auseinandersetzung mit Nietzsche (ab 1936)
auf dessen Heureka! der Ähnlichkeit von Blut und Geist zu sprechen, noch unterbricht er
seine Lektüre von Jüngers Arbeiter an der Stelle, da dieser von der „zauberischen Einheit von
Blut und Geist“4 redet. Seine Stellung zum Hämozentrismus deckt sich deshalb mit
derjenigen Jüngers, der gegen die aufkommenden 'Propagandisten der Rasse' im Jahr 1930 so
argumentiert:
„Das, was meiner Ansicht nach den Propagandisten des Blutes und der Rasse mangelt, ist
nichts anderes – als ein wenig Blut, ein wenig von jenem unaussprechlichen Saft, der
nämlich gar kein Ideal darstellt, sondern bedeutend mehr – eben das, was die Ideale erst
setzt und ihnen Gültigkeit schafft. Was heute bei uns gelernt werden muss, das ist das
schweigende Einverständnis in bezug auf das Selbstverständliche. Auf diesem
1
2
3

4

GA 49, S. 27
Gold ist ein anderes.
Vgl. dazu die Aufmerksamkeit Rosenzweigs auf Hermann Burtes Roman 'Wiltfeber, der ewige Deutsche' (1912). Ein
„herrliches Buch, das ganz trunken=betrunken ist und infolgedessen nichts erfindet aber alle Geheimnisse seines Herzens
ausschwatzt, eines germanischen Rasseherzens.“ (Gritli-Briefe, 12. V. 1918). Im Herbst desselben Jahres – während der Planung
des Aufbaus des Sterns – schreibt er an Eugen Rosenstock: „Lieber Eugen, kennst du die bei den Wiltfebern gebräuchliche
Umformung des Kreuzes in das »altgermanische« Hakenkreuz [Zeichnung]? Und die Erklärung des Hakenkreuzes als »Sonnenrad«?! Ist der Feind im eigenen Hause nicht auch hier wieder der gefährlichste?“ (ebd., Herbst 1918). Der Feind im
eigenen Hause will das Selbe als der mimetische Rivale in Bezug auf das eine solare Objekt.
E. Jünger, Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt, Stuttgart 1982, S. 13. Vgl. GA 90, S. 307: Heidegger übergeht die Stelle
kommentarlos.

22

Selbstverständlichen beruht die deutsche Strategie, deren Gesetze unveränderlich sind. Ihre
Angriffsrichtung ist die ewige Utopie des Reiches; die Gründung und der Zerfall der
irdischen Reiche bezeichnen die Abschnitte ihrer Bahn.“1

An dieses schweigende Einverständnis in bezug auf das Selbstverständliche hat Heidegger sich zeit
seines Lebens gehalten. So grundiert der ungedachte Hämozentrismus sein Werk. Die in den
'Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)' angedeutete Disziplin einer Sigetik ruht auf
diesem Ungedachten.
„Die Nähe zum letzten Gott ist die Verschweigung. Diese muss im Stil der Verhaltenheit ins
Werk und Wort gesetzt werden. [...]
Verhaltenheit stimmt den jeweiligen gründenden Augenblick einer Bergung der Wahrheit im
künftigen Dasein des Menschen. Diese im Da-sein gegründete Geschichte ist die verborgene
Geschichte der grossen Stille. In ihr allein kann noch ein Volk sein.“2

Ende der 30er Jahre ist Heidegger nicht weiter gekommen; seine ständige Praxis ist nun die
wissentliche 'Übereignung an das Er-eignis'3:
„Die Zukünftigen [...] sind des harten Geschlechts, das die Deutschen wieder in die Not
ihres Wesens rettet. Sie sind die Schweigenden. Sie sagen, was sie sagen, nur als den
nothaften Anlass einer Verschweigung. Sie zwingen in das Ahnen, [...]“4

In der 'Geschichte des Seyns' formuliert er:
„Denn zu gründen gilt es im Eigentum des Seyns ein ahnendes Geschlecht. /
Angestimmt vom Seyn muss das denkende Wort seine Stimme erschweigen.“5

Das Seyn ist der Ahne des deutschen Geschlechts, der im verschwiegenen Er-ahnen den
anderen Anfang6 erinnert.

1
2
3
4
5
6

E. Jünger, a.a.O., S. 538
GA 65, S. 12, S. 34
GA 65, S. 3
GA 66, S. 61
GA 69, S. 87
GA 65, S. 20

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Epilog
(F. Rosenzweig; aus dem Gritlianum, bearbeitet vom Verfasser)

Im Anfang'
– als ungeschieden quoll
Sein und Zeit
Voll rann das grosse Becken – Welt
Voll bis zum Rand – lauter Sein
Da stieg mein glänzender, glatter Bau,
schlank, gefügt und froh aus der Flut,
und hingelehnt am Rand des Beckens:
Spiegel,
Ding unter Dingen,
in den Dingen der Welt.
Blickte brüderlich ins Aug' den harten Bergen:
– so ihr die Erde, trägt mich meiner Knochen hartes Gestein
und den Strömen:
– so ihr der Erde Bahnen, kreist in meinem Innern des Blutes Strom
und den Winden:
– so ihr die Erd' umweht, ziehn durch mich die Züge der Luft
und dem All:
– öffnen die Tore die Sinne – und lassen ein: die Welt.

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