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Die Schule wird zum Hürdenlauf für Kinder und Eltern

Einführungsklassen werden schmerzlich vermisst – in der Region laufen Bemühungen zur
Wiedereinführung
Von Franziska Laur
Basel/Liestal. Eltern mit behinderten Kindern müssen sich mit Zuständigkeiten
verschiedenster Ämter herumschlagen. Häufig wird ihr Kind dann in eine normale Klasse
eingeschult und muss sie später aufgrund von Schwierigkeiten wieder verlassen. Die IG
Besondere Kinder und Schule befasst sich seit einigen Jahren mit den Nöten von Eltern, die
von Behörden nicht ernst genommen und nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen
werden. In Integrationsklassen würden Kinder mitgenommen, solange es gut gehe, sagt IGVizepräsidentin Eveline Plattner Gürtler. «Doch wenn es kompliziert wird, müssen sie
gehen.»
Alle sind Verlierer
Plattner Gürtler spricht aus Erfahrung, denn sie und ihr Mann haben einen Sohn mit einer
geistigen Behinderung und haben darum gekämpft, ihn in eine Sonderschule auf dem
Gempen einschulen zu können. Ihnen war Konstanz für ihr Kind wichtiger als Integration um
jeden Preis. Doch in dieser Sonderschule stellen sich wieder Probleme besonderer Art.
«Dort befinden sich mittlerweile viele Kinder, die lediglich verhaltensauffällig sind. Das
Problem ist, dass so auch in der Sonderschule eine problematische Mischung von geistig
normalen und behinderten Kindern entsteht.» Früher bekamen diese verhaltensauffälligen
Kinder in Kleinklassen die geeignete Zuwendung. Dort konnte sich ein Lehrer im kleinen
Rahmen um sie kümmern. Hatten sie lediglich Entwicklungsdefizite, so konnten sie in
Einführungsklassen die erste Klasse in zwei Jahren absolvieren. Indem man diese nun in
Sonderschulen steckt, schaffen die Schulbehörden wieder ein Getto und benachteiligen die
wirklich behinderten Kinder, die den geschützten Rahmen nötig hätten.
Während Baselland noch einzelne Klein- und Einführungsklassen führt und aufgrund von
zahlreichen Protesten wieder einige neu installiert hat, schaltet Basel-Stadt auf stur.
Bildungsdirektor Christoph Eymann argumentierte im vergangenen Frühling im Grossen Rat,
dass das Modell der Einführungsklassen dem im Behindertengleichstellungsgesetz
verankerten Prinzip der integrativen Schule widerspreche. Allerdings beschloss das
Parlament trotzdem, einen Anzug von Thomas Grossenbacher (Grüne) stehen zu lassen,
aufgrund dessen sich die Regierung mit der Wiedereinführung von Einführungsklassen
beschäftigen muss.
Die Gemeinde Riehen überlegt sich gar, Einführungsklassen auf eigene Kosten wieder
einzuführen. Allerdings gibt es vonseiten des Gemeinderates noch Widerstand, weil BaselStadt argumentiert, es sei rechtlich unmöglich, solche Klassen zu führen. Nun fordert
Einwohnerrats-Mitglied Thomas Widmer- Huber (EVP) mittels Interpellation, diese
Behauptung seitens Basel nochmals genau zu prüfen. Da im Kanton ja noch ein politischer
Prozess zum Thema im Gange ist, sei es forsch, zu behaupten, Einführungs- und
Kleinklassen seien rechtlich nicht mehr vertretbar. Widmer stellt sich auf den Standpunkt,
dass Einführungsklassen nötig sind, um die Schwächeren gezielt zu fördern und die heutigen
Pädagogen zu entlasten. «Momentan sind Lehrer in Regelklassen eher Manager eines
Heers therapeutischer Hilfskräfte als Pädagogen.» Die Belastung sei enorm und häufig sei
den Schwächeren so nicht geholfen.
Keine Stellungnahme von Eymann

Der frühere Basler SP-Präsident und langjährige Kleinklassenlehrer Roland Stark ärgert sich,
dass durch den Reformprozess ein erfolgreiches Integrations- und Fördermodell mit Kleinund Einführungsklassen gekippt worden ist. Die Reformen seien von der Bildungsverwaltung
über die Köpfe der Betroffenen hinweg von oben nach unten durchgesetzt worden. Doch
ausgereifte pädagogische Konzepte und die nötigen finanziellen Ressourcen würden fehlen.
Doch Basel-Stadt bleibt stur: «Mit dem Bekenntnis zur Integrativen Schule hat man sich vom
Konzept der damals bestehenden Einführungsklassen verabschiedet», ist die trockene
Antwort aus dem Bildungsdepartement auf Anfrage. Die Mittel seien in die schulische
Heilpädagogik geflossen, die nun diese Aufgaben übernehme. Für eine Stellungnahme war
Bildungsdirektor Christoph Eymann die vergangenen Tage nicht zu erreichen. Für Eveline
Plattner Gürtler stellt sich auch die Frage, ob man diese absolute Inklusion wirklich will: «Die
Kinder gehören ja nicht wirklich dazu, nur weil sie in den Klassen sitzen.» Häufig würde
ihnen gerade in einer normalen Klasse ihre Andersartigkeit umso bewusster. Das sieht sie
auch an den zahlreichen Hilferufen von Eltern, die an die IG Besondere Kinder und Schule
gelangen. So schreiben ihr unter anderem Eltern, die für ihr Kind lieber eine
Sonderbeschulung hätten, es jedoch in einen Normalbetrieb schicken müssen.
«Eigentlich wären wir ja für die Inklusion der Kinder – schulisch und gesellschaftlich. Doch
dafür müsste das Konzept viel besser durchdacht sein und finanziell auf besseren Beinen
stehen», sagt Eveline Plattner Gürtler.
www.besonderekinderundschule.ch