PREDIGT 44

PREDIGT 44 MORTUS ERAT ET REVIXIT, PERIRAT ET INVENTUS EST (LUC. 15, 32)

••
»Er war tot und ward wieder lebendig. Er war verloren und ward wiedergefunden« (Luk. 15, 32). Ich habe in einer Predigt gesagt, ich wolle den Menschen, der gute Werke gewirkt hätte in der Zeit, während der er in Todsünden war, darüber belehren, wie diese Werke wieder lebendig auferstehen könnten mitsamt der Zeit, in der sie getan wurden. Und dies will ich nun dartun, wie es in Wahrheit ist, da ich gebeten worden bin, den Sinn (meiner Behauptung) zu erläutern. Und ich will es tun, ist es gleich wider alle die Meister, die jetzt leben. Die Meister sagen alle übereinstimmend: Solange der Mensch in der Gnade ist, sind alle Werke, die er dann wirkt, des ewigen Lohnes wert. Und das ist wahr, denn in der Gnade wirkt Gott die Werke, und darin stimme ich ihnen zu. Wiederum sagen die Meister alle übereinstimmend: Fällt der Mensch in Todsünde, so sind (auch) alle die Werke, die er dann wirkt, während er in Todsünden ist, tot, so wie er selbst auch tot ist, und sind nicht des ewiges Lohnes wert, wenn er nicht in der Gnade lebt. Und das ist wahr in diesem Sinne, und auch darin stimme ich ihnen zu. Die Meister sagen (weiter): Wenn Gott dem Menschen, dem seine Sünden leid sind, die Gnade wiedergibt, so stehen alle die Werke, die er je in der Gnade wirkte, ehe er in Todsünde fiel, allzumal wieder auf in der neuen Gnade und leben, wie sie‘s vorher taten. Auch darin stinlIl1e ich ihnen zu. Nun aber sagen sie: Die Werke, die der Mensch tat, während er in Todsünden war, die sind verloren für ewig, die Zeit und die Werke miteinander. Und dem widerspreche ich, Meister Eckehart, und sage so: Von allen guten Werken, die der Mensch getan hat, während er in Todsünden war, ist gar keines verloren noch auch die Zeit, in der sie geschahen, dafern der Mensch die Gnade wieder so erlangt. Seht, dies ist wider alle die Meister, die jetzt leben! Nun gebt scharf acht, wohin ich mit meinen Worten abziele, so könnt ihr den Sinn verstehen. Ich sage schlechthin: Alle guten Werke, die der Mensch jemals wirkte und die je geschehen werden, sowie die Zeit, in der sie geschahen und auch hinfort geschehen werden, - Werke und Zeit sind miteinander verloren, die Werke als Werke, die Zeit als Zeit. Ich sage. weiterhin: Nie noch ist irgendein Werk gut oder heilig oder selig gewesen. Ich sage ferner, daß keine Zeit je heilig noch selig noch gut gewesen ist noch jemals werden wird, weder das & eine noch das andere. Wie also könnte es erhalten bleiben, wenn es weder gut noch selig noch heilig ist? Da denn gute Werke und auch die Zeit, in der sie geschahen, miteinander völlig verloren sind, wie könnten dann jene Werke erhalten bleiben, die in den Todsünden geschehen sind, und wie die Zeit, in der sie geschallem Ich wiederhole: Sie sind verloren miteinander, Werke und Zeit, böse und gute, die Werke als Werke, die Zeit als Zeit; sie sind miteinander auf ewig verloren.
251

PREDIGTEN

Nun erhebt sich die Frage: Warum heißt ein Werk ein heiliges Werk und ein seliges Werk und ein gutes Werk und gleicherweise die Zeit, in der das Werk geschah? Seht, wie ich vorhin sagte: Das Werk und die Zeit, in der das Werk geschah, sind weder heilig noch selig noch gut. Gutheit, Heiligkeit und Seligkeit - das ist (nur) eine dem Werk und der Zeit zufallende Benennung, nicht aber ist es ihr Eigen. Warum? Ein Werk als Werk, das ist nicht aus sich selbst, es ist auch nicht um seiner selbst willen, es geschieht auch nicht aus sich selbst, es geschieht auch nicht um seiner selbst willen, es weiß auch nicht um sich selbst. Und darum ist es (überhaupt) weder selig noch unselig; der Geist vielmehr, aus dem das Werk geschieht, der entledigt sich des »Bildes« (= der intentionalen Vorstellung des Werkes) und das kommt nicht wieder (in ihn) hinein. Denn (das Werk), soweit es Werk war, ist es sogleich zunichte geworden und auch die Zeit, in der es geschah, und ist (nun) weder hier noch dort; denn der Geist hat mit dem Werk nichts mehr zu tun. Soll er irgend etwas Weiteres wirken, so muß es mit anderen Werken und auch in einer andem Zeit geschehen. Darum gehen Werk und Zeit eins mit dem andern verloren, ob böse oder gut: sie sind doch gleichermaßen verloren; denn sie haben im Geiste kein Bleiben noch in sich selbst Sein oder Statt, und Gott bedarf ihrer auch in nichts. Darum gehen sie an sich selbst verloren und zunichte. Geschieht ein gutes Werk durch einen Menschen, so entledigt sich der Mensch mit diesem Werke, und durch diese Ledigkeit ist er seinem Beginne gleicher und näher (gekommen), als er es vorher war, ehe die Entledigung geschah, und soviel ist er seliger und besser (geworden), als er vorher war, ehe die Entledigung erfolgte. Aus diesem Grunde heißt man das Werk und auch die Zeit, in der das Werk geschah, heilig und selig; und doch ist das nicht zutreffend, denn das Werk hat kein Sein, ebensowenig die Zeit, in der es geschah; denn es vergeht an sich selbst. Darum ist es weder gut noch heilig noch selig, sondern der Mensch ist selig, in dem die Frucht des Werkes bleibt, - nicht als Zeit noch als Werk, sondern als eine gute Beschaffenheit, die da ewig ist mit dem Geiste, so wie der Geist auch ewig ist in sich selbst, und (es) ist der Geist selbst. Seht, auf solche Weise ward nie ein gutes Verhalten verloren, noch (auch) die Zeit, in der es geschah; nicht, daß es erhalten bliebe als Werk und als Zeit, sondern abgelöst von Werk und Zeit mit der Beschaffenheit im Geiste, darin es ewig ist, wie der Geist ewig ist in sich selbst. Seht, richtet nun euer Augenmerk auf die Werke, die da in den Todsünden geschehen. Wie ihr‘s gehört habt - diejenigen, die mich verstanden haben -: Als Werke und als Zeit sind die guten Werke verloren, die in Todsünden geschehen sind, Werke und Zeit miteinander. Nun habe ich (aber) auch gesagt, daß Werk und Zeit an sich selbst nichts sind. Ist denn nun Werk und Zeit an sich selbst „ nichts, seht, so verliert der auch nichts, der sie verliert. Das ist wahr. Ich habe überdies auch gesagt: Werk und Zeit an sich selbst haben weder Sein noch Statt; als Werk ist es in der Zeit aus dem Geiste herausgefallen. Soll der Geist Weiteres wirken, so muß das notwendig ein anderes Werk sein und in einer anderen Zeit geschehen. Und darum kann es nie mehr in den Geist kommen, soweit es Werk und Zeit war. Es kann auch mitnichten in Gott hinein, denn noch nie ist Zeit oder zeitliches Werk in Gott gelangt. Und darum muß es notgedrungen zunichte werden und verloren sein.

252

PREDIGT 44

Nun habe ich aber doch gesagt, daß von allen den guten Werken, die der Mensch wirkt, während er in Todsünden ist, kein einziges verloren bleibt, weder die Zeit noch die Werke. Und dies ist wahr in dem Sinne, den ich euch erläutern will. Und, wie ich vorhin schon sagte, ist es wider alle die Meister, die jetzt leben. Nun vernehmt in Kürze den Sinn, wie es der Wahrheit entspricht! Wirkt der Mensch gute Werke, während er in Todsünden ist, so tut er doch diese Werke nicht aus Todsünde, denn diese Werke. sind gut, während die Todsünden böse sind. Er wirkt sie vielmehr aus dem Grunde seines Geistes, der in sich selbst von Natur aus gut ist, obzwar er nicht in der Gnade steht und die Werke an sich selbst in der Zeit, in der sie geschehen, nicht das Himmelreich verdienen. Indessen schadet es doch auch dem Geiste nicht, denn die Frucht des Werkes, abgelöst von Werk und Zeit, bleibt im Geiste und ist Geist mit dem Geiste und wird ebensowenig zunichte, wie dem Geiste sein Sein zunichte wird. Der Geist macht vielmehr sein Sein frei durch das Auswirken der »Bilder«, die da gut sind, so gewiß, wie er‘s täte, wenn er in der Gnade wäre, wenngleich er durch das Werk nicht das Himmelreich erwirbt, wie er‘ s täte, wenn er in der Gnade wäre; denn er schafft so die gleiche Bereitschaft für die Einung und Gleichheit, wobei Werk und Zeit nur eben dazu nütze sind, daß sich der Mensch allswirke. Und je mehr sich der Mensch entledigt und auswirkt, um soviel nähert er sich Gott, der ledig ist in sich selbst; und soweit sich der Mensch entledigt, soweit verliert er (auch) weder Werk noch Zeit. Und wenn die Gnade wiederkommt, so steht alles, was (bis dahin nur) naturhaft in ihm stand, nun gänzlich gnadenhaft in ihm. Und so weit er sich mit guten Werken entledigt hat, während er in Todsünden war, so weit tut er (nun) einen entsprechenden Einschlag, sich mit Gott zu vereinen, was er nicht tun könnte, wenn er sich nicht vorher durch die Werke entledigt hätte, während er in Todsünden war. Sollte er sie (aber) nun (erst) auswirken, so müßte er Zeit darauf verwenden. Da er sich aber in der voraufgehenden Zeit, während er in Todsünden war, entledigt hat, so hat er für sich die Zeit gewonnen, in der er nun ledig ist. Und so also ist die Zeit nicht verloren, in der er nun ledig ist, denn er hat diese Zeit gewonnen und kann in dieser Zeit andere Werke wirken, die ihn noch näher mit Gott vereinen. Die Früchte der Werke, die er im Geiste tat, die bleiben im Geiste und sind Geist mit dem Geiste. Obzwar die Werke und die Zeit dahin sind, so lebt doch der Geist, aus dem heraus sie geschahen, und (lebt) die Frucht der Werke, abgelöst von ,Werk und Zeit, voller Gnade, so Wie auch der Geist voller Gnade ist. Seht, so haben wir denn den Sinn (meiner Behauptung) erhärtet, wie es wahrhaft wahr ist. Und alle, die dem widersprechen, denen ist allzumal widersprochen, und ich beachte sie keinen Deut; denn, was ich gesagt habe, das ist wahr, und die Wahrheit sagt es selbst. Verstünden sie, was Geist ist, und was Werk und Zeit in sich selber sind und in welcher Weise das Werk zum Geiste in Beziehung steht, so würden sie mitnichten behaupten, daß irgendein gutes Werk oder Verhalten je verloren ginge, oder gehen könnte.

253

PREDIGTEN

Geht auch das Werk mit der Zeit dahin und wird zunichte, es wird doch so, wie es zum Geist in seinem Sein in Beziehung steht, niemals zunichte. Dieser Bezug aber ist nichts anderes, als daß der Geist durch das Verhalten, das sich in den Werken vollzogen hat, frei gemacht wird. Das ist die Kraft des Werkes, um derentwillen das Werk geschah. Und diese bleibt in dem Geiste und ist auch noch nie (aus ihm) herausgekommen und kann so wenig vergehen wie der Geist an sich selbst; denn er ist sie selbst. Seht, wer das verstünde, wie könnte der sagen, daß irgend ein gutes Werk je verloren ginge, solange der Geist sein Sein hat und in der neuen Gnade lebt? Daß wir mit Gott ein Geist werden und wir in der Gnade erfunden werden, dazu helfe uns Gott. Amen.

254