PREDIGT 30

PREDIGT 30 CONSIDERAVIT DOMUM ETC. (PROV. 31, 27)

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»Eine gute Frau hat die Stege ihres Hauses abgeleuchtet und hat ihr Brot nicht müßig gegessen« (Spr. 31,27). Dieses Haus bedeutet im ganzen die Seele, und die Stege des Hauses bedeuten die Kräfte der Seele. Ein alter Meister sagt, daß die Seele gemacht ist zwischen Einem und Zweien. Das Eine ist die Ewigkeit, die sich allzeit allein hält und einförmig ist. Die Zwei aber, das ist die Zeit, die sich wandelt und vermannigfaltigt. Er will (damit) sagen, daß die Seele mit den obersten Kräften die Ewigkeit, das ist Gott, berühre; mit den niedersten Kräften (hingegen) berührt sie die Zeit, und dadurch wird sie dem Wandel unterworfen und körperlichen Dingen zugeneigt und wird dabei entadelt. Könnte die Seele Gott ganz erkennen, wie‘s die Engel (können), sie wäre nie in den Körper gekommen. Könnte sie Gott erkennen ohne die Welt, so wäre die Welt nie um ihretwillen geschaffen worden. Die Welt ist um ihretwillen zu dem Ende gemacht worden, daß der Seele Auge geübt und gestärkt werde, auf daß sie das göttliche Licht aushalten könne. So wie der Sonne Schein sich nicht auf das Erdreich wirft, ohne vonl der Luft umfangen und über andere Dinge ausgebreitet zu werden, weil ihn sonst des Menschen Auge nicht aushalten könnte: ebenso ist das göttliche Licht so überstark und hell, daß der Seele Auge es nicht aushalten könnte, ohne daß es (= der Seele Auge) durch die Materie und durch Gleichnisse gekräftigt und emporgetragen und so geleitet und eingewöhnt würde in das göttliche Licht. Mit den obersten Kräften berührt die Seele Gott; dadurch wird sie nach Gott gebildet. Gott ist nach sich selber gebildet und hat sein Bild von sich selber und von niemand sonst. Sein Bild ist, daß er sich durch und durch erkennt und nichts als Licht ist. Wenn die Seele ihn berührt nut rechter Erkenntnis, so ist sie ihm in diesem Bilde gleich. Drückt man ein Siegel in grünes Wachs oder in rotes oder in ein Tuch, so entsteht (darauf) ein Bild. Wird (aber) das Siegel völlig durch das Wachs durchgedrückt, so daß kein Wachs mehr übrigbleibt, das nicht vom Siegel durchprägt wäre, so ist es (= das Wachs) unterschiedslos eins mit dem Siegel Ebenso wird die Seele gänzlich mit Gott in dem Bilde und in der Gleichheit vereint, wenn sie ihn in rechter Erkenntnis berührt. Sankt Augustinus sagt, die Seele sei so edel und so hoch über allen Kreaturen geschaffen, daß kein vergängliches Ding, das am Jüngsten Tage vergehen wird, in die Seele zu sprechen noch zu wirken vermag ohne Vermittlung und ohne Boten. Die aber sind die Augen und die Ohren und die fünf Sinne: die sind die »Stege«, auf denen die Seele ausgeht in die Welt, und auf diesen Stegen geht die Welt wiederum zur Seele. Ein Meister sagt, daß die Kräfte der Seele mit großem Gewinn zur Seele wieder zurücklaufen sollen. Wenn sie ausgehen, so bringen sie stets etwas wieder ein.
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PREDIGTEN

Darum soll der Mensch seine Augen mit Fleiß behüten, daß sie nichts einbringen, was der Seele schädlich sei. Ich bin des gewiß: was immer der gute Mensch sieht, davon wird er gebessert. Sieht er böse Dinge, so dankt er Gott (dafür), daß er ihn davor behütet hat, und bittet für jenen, in dem das Böse ist, daß Gott ihn bekehre. Sieht er (aber) Gutes, so begehrt er, es möchte an ihm (selbst) vollbracht werden. Dieses »Sehen« soll auf zweierlei gerichtet sein: darauf, daß man ablege, was schädlich ist, und daß wir ergänzen, woran es uns gebricht. Ich habe es auch sonst schon gesagt: Die viel fasten und viel wachen und große Werke verrichten, ihre Mängel aber und ihren Wandel nicht bessern, worin allein das wahre Zunehmen liegt, die betrügen sich selbst und sind des Teufels Spott. Ein Mann hatte einen Igel, durch den wurde er reich. Er wohnte nahe am Meer. Wenn der Igel merkte, wohin. sich der Wind kehrte, sträubte er sein Fell und kehrte er seinen Rücken dorthin. Da ging der Mann ans Meer und sprach zu den Schiffern: Was wollt ihr mir geben dafür, daß ich euch anzeige, wohin der Wind sich kehre ?, und verkaufte (so) den Wind und wurde dadurch reich. So auch würde der Mensch wahrlich reich an Tugenden, wenn er prüfte, worin er am schwächsten wäre, auf daß er dafür Besserung schüfe und daß er seinen Fleiß daran kehrte, dies zu überwinden. Das nun hat emsig Sankt Elisabeth getan. Sie hatte weislich die Stege ihres Hauses in Augenschein genommen. Darum fürchtete sie den Winter nicht, denn ihr Gesinde war zwiefach gekleidet (Spr. 3I, 2I). Denn, was immer ihr hätte schaden können, davor war sie auf ihrer Hut; worin es ihr (aber) gebrach, da wandte sie ihren Fleiß darauf, daß es vollkommen ward. Darum hat sie ihr Brot nicht müßig gegessen. Sie hatte auch ihre obersten Kräfte unserm Gott zugekehrt. Der höchsten Kräfte der Seele sind drei. Die erste ist Erkenntnis; die zweite ist irascibilis, das ist eine aufstrebende Kraft; die dritte ist der Wille. Wenn die Seele sich der Erkenntnis der rechten Wahrheit hingibt, der einfaltigen Kraft, in der man Gott erkennt, dann heißt die Seele ein Licht. Und auch Gott ist ein Licht, und wenn das göttliche Licht sich in die Seele gießt, so wird die Seele mit Gott vereint wie ein Licht mit dem Lichte. Dann heißt es ein Licht des Glaubens, und das ist eine göttliche Tugend. Und wohin die Seele mit ihren Sinnen und Kräften nicht kommen kann, da trägt sie der Glaube hin. Die zweite ist die aufstrebende Kraft; deren Werk ist es recht eigentlich, daß sie nach oben strebt. So wie es dem Auge eigen ist, Gestalten und Farben zu sehen, und es dem Ohre eigen ist, süße Laute und Stimmen zu hören, so ist es der Seele eigen, mit dieser Kraft unablässig aufzustreben; sieht sie aber beiseite, so verfällt sie dem Hochmut, das (aber) ist Sünde. Sie kann nicht ertragen, daß irgend etwas über ihr sei. Ich glaube, sie kann sogar nicht ertragen, daß Gott über ihr sei; wenn er nicht in ihr ist und sie‘ s nicht ebensogut hat wie er selbst, so kann sie nimmer zur Ruhe kommen. In dieser Kraft wird Gott in der Seele ergriffen, soweit es (überhaupt) der Kreatur möglich ist, und im Hinblick darauf spricht man von der Hoffuung, die auch eine göttliche Tugend ist. In der hat die Seele so große Zuversicht zu Gott, daß es sie dünkt, Gott habe in seinem ganzen Sein nichts, das zu empfangen ihr nicht (auch) möglich wäre.
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Herr Salomon sagt, das gestohlene Wasser sei süßer als anderes Wasser (Spr. 9,17). Sankt Augustinus spricht: „Die Birnen waren mir süßer, die ich stahl, als die mir meine Mutter kaufte, eben weil sie mir verboten und (vor mir) verschlossen waren.“ So auch ist der Seele die Gnade viel süßer, die sie mit besonderer Weisheit und Beflissenheit erringt, als die, welche allen Leuten gemein ist. Die dritte Kraft, das ist der innere Wille, der wie ein Antlitz allzeit in göttlichem Willen Gott zugekehrt ist und aus Gott die Liebe in sich schöpft. Da wird Gott durch die Seele gezogen, und die Seele wird gezogen durch Gott, und das heißt eine göttliche Liebe, und auch das ist eine göttliche Tugend. Göttliche Seligkeit ist gelegen an drei Dingen: und zwar an der Erkenntnis, mit der er (= Gott) sich selbst grenzenlos erkennt, zum zweiten an der Freiheit, in der er unbegriffen und unbezwungen von seiner ganzen Schöpfung bleibt, und (schließlich) am vollkommenen Genügen, in dem er sich selbst und aller Kreatur genügt. Daran nun auch ist der Seele Vollkommenheit gelegen: an der Erkenntnis und am Begreifen, daß sie Gott ergriffen hat und an der Vereinigung in vollkommener Liebe. Wollen wir wissen, was Sünde sei, Die Abkehr von der Seligkeit und von der Tugend, davon kommt alle Sünde. Diese Stege soll auch eine jegliche selige Seele im Auge behalten. Darum fürchtet sie den Winter nicht, weil das Gesinde auch gekleidet ist mit zwiefachen Kleidern, wie die Schrift von ihr (= Elisabeth) sagt. Sie war bekleidet mit Stärke, aller Unvollkommenheit zu widerstehen, und war geziert mit der Wahrheit (Spr. 31, 25. 26). Diese Frau war nach außen vor der Welt im Reichtum und in Ehren, inwendig aber hatte sie wahre Armut. Und als ihr der äußere Trost abging, da floh sie zu ihm, zu dem alle Kreaturen fliehen und verachtete die Welt und sich selbst. Damit kam sie über sich selbst und verachtete es, daß man sie verachtete, so, daß sie sich darüber nicht bekümmerte und ihre Vollkommenheit darum nicht aufgab. Sie begehrte danach, kranke und schmutzige Menschen waschen und pflegen zu dürfen mit reinem Herzen. Daß auch wir ebenso die Stege unseres Hauses ableuchten und unser Brot nicht müßig essen, dazu helfe uns Gott. Amen.

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