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Marinus Van der Lubbe : Szenen aus einem

unveröffentlichten Drama

Autor(en): Glaser, Georg K.

Objekttyp: Article

Zeitschrift: Du : kulturelle Monatsschrift

Band (Jahr): 14 (1954)

Heft 7

PDF erstellt am: 13.02.2017

Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-292170

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Marinus Van der Lubbe Szenen aus einem unveröffentlichten Drama

Von GEORG K. GLASER

Mir scheint, daß zwei gegeneinanderwirkende Bestrebungen, vielleicht Ur- kann man wohl sagen, der erste «Moskauer Prozeß». Der Mann, der ihn orga¬
erinnerungen der Lebensgesetze, unlösbar zum Begriff «Mensch» gehören: Die, nisiert hatte, ist übrigens nach einem ähnlichen Prozeß in Prag unter dem
allen gleich zu sein, und die, sich von allen zu unterscheiden. Es genügt, irgend¬ Namen Simon gehängt worden.
wo Kinder zu beobachten, die unter allem leiden, was sie von ihren Klassen¬ Van der Lubbe verteidigte sich zunächst. Er betonte immer wieder, daß er
oder Spielkameraden unterscheidet (und die dafür von ihresgleichen verfolgt allein gewesen. Seine Worte wurden mißbraucht, um die Thesen beider Lager
werden) und doch oft unsinnige Streiche aushecken, um sich «hervorzutun». zu erhärten. Zuletzt konnte er nur noch schweigen, das einzige Mittel, noch
Eine Versöhnung beider Kräfte ist nur, meine ich, durch ein Drittes möglich : zu beweisen, daß er allein war. Er wurde unter dem Beifall der kommunisti¬
schen und der faschistischen Welt und unter der Gleichgültigkeit der übrigen
- einen Glauben (das ist weder Rehgion noch Frömmelei), «den Nächsten in
Gott heben», - ein Uebereinkommen, die «res publica», die Anstrengung aller geköpft, ohne gesprochen zu haben. g. K. G.
zur Entfaltungsmöglichkeit des einzelnen, - die Wahlverwandtschaften, - und
auch die höchst seltene Möglichkeit des vollkommenen Paares. Die Hochzeiten
der Menschheit waren durch solche Vermitder bedingt. Seßhaftigkeit und
Mündigkeit des Bürgers bezeichneten sie.
Das Bühnenbild ist der Längsschnitt durch einen Eisenbahnwagen, der für Gefangenengeleite ein¬
Wir wissen noch zu wenig, warum solche Zeiten zu Ende gehen können, gerichtet ist. Eine Anzahl nach vorne offener Sitzzellen nimmt die ganze Länge ein. Der Gang vor
den ZeUen — der der Rampe entlanglaufende Streifen Bühne — mündet auf der einen Seite in eine
warum «Zivilisationen sterblich sind». Es allein aus wirtschaftlichen Entwick¬ offenstehende, mit schweren Riegeln bewehrte Türe, die andere Seite ist die Stirnwand des Wagens,
lungen zu erklären, scheint mir ungenügend, schon deshalb, weil eine große von einem vergitterten, kleinen Klappfenster durchbrochen. Vor der ersten Zelle stehen zwei Wacht¬

-
zerstörende Kraft dabei nicht berücksichtigt wird: die Angst von der kleinen meister, der erste mit einem Bleistift in der rechten und einer Namenliste in der linken Hand. Nach¬
einander, in genauen Abständen, klettern die Gefangenen durch die Türe. Der zweite Wachtmeister
Angst um Haut und vor Hunger bis zur Lebensangst, - vor der Verantwortung, schließt einen nach dem anderen in eine Zelle, mittels Ketten, die an den Wänden befestigt sind. Der
die der Preis der Mündigkeit, der Freiheit ist. erste vergleicht indessen die Nummern der Gefangenen mit denen der Liste und hakt an. Die Zellen
füllen sich vom Fenster an zur Türe zu, damit die Gefangenen sich nicht sehen können. Unter ihnen
In Zeiten ohne Lösung flüchten sich die Menschen in die Unmündigkeit von
ein Mädchen, hübsch, jedoch belanglos, Kurt, besonders schwer gefesselt, und Marinus von Leyden,
Mitgliedern des «Ganzen». Auf der Wanderung nach einem neuen fruchtbaren der ungefähr in die Mitte der Bühne zu sitzen kommt, gleichfalls an Händen und Füßen gefesselt.
Tale oder auf der Suche nach einem neuen Bunde mit Gott bilden sie nach dem Alle Gefangenen tragen Spuren der Haft und Mißhandlungen. Die Wachtmeister, die langsam von
Zelle zu Zelle bis zur Türe gekommen sind, kehren noch einmal um, zählen noch einmal alle, ver¬
Vorbilde der Nomadenheere «Einheiten» (der Klasse, des Volkes, der Rasse)
gleichen noch einmal mit der Liste — als handle es sich um kostbares Gut.
mit Führern und strengen Regeln. Dann jedoch erzeugt der dauernde Druck
auf das andere, unterdrückte Bestreben des «Einzigsein-Wollens», das nie aus¬ WACHTMEISTER :

gemerzt werden kann, die Erscheinung des Häretikers. In milderer Gestalt ist - Stück verlangt, - zehn Stück geliefert. Unterschrift, bitte - so, danke, also
es uns geläufig in der Ueberbetonung der Persönhchkeit bei dem Künstler. gute Reise.
Der Fall des Marinus Van der Lubbe, der zu Beginn der Hitlerherrschaft den Er schließt die Türe von außen zu, den zweiten Wachtmeister also mit ein. Es entsteht der Eindruck
einer kleinen, unabhängigen Welt. Durch die Wände ertönen all die Geräusche eines abfahrenden
Reichstag in Brand gesteckt hatte, dient mir als Urstoff zu meinem Drama, zu
Zuges, Trillerpfeifen, aufeinanderprallende Puffer, eine immer rascher keuchende Zugsmaschine,
meiner «Passion des Menschen». Hier ist ein Mensch, der aus einem flammen¬ ein immer schnelleres Tacken von Rädern. Die Gefangenen erheben langsam die Köpfe. Sie mustern
den Wachtmeister, der Gott oder Teufel ihrer Welt sein kann. Sein Aussehen ermutigt den ersten,
den Glauben an den Messias unserer Zeit, das welterlösende Proletariat, eine
noch vorsichtig zu versuchen, wie der Mann Verstöße gegen die Ordnung aufnimmt.
Tat allein erdacht und allein ausgeführt hatte. Schon in der Nacht des Brandes,
kaum verhaftet, mußte er, der die Sache nicht verlassen, erkennen, daß die ERSTER :

Sache ihn verlassen hatte. Und das eigenthche Drama begann erst dann: Ich grüß' euch, Genossen. Fünf Jahre wegen Verbreitung falscher Nachrich¬
Zu einer Zeit, in der jeder vor das Dilemma - dieser geistigen Form des ten. Ich gehe nach Lager neunzehn -
Zwanges - gestellt war, zwischen zwei Lagern zu wählen (wer nicht für, ist Alle schauen wachsam auf den Wachtmeister. Der macht ein unbeteiligtes Gesicht. Das bedeutet, daß
er nicht gehört haben will und ein Gespräch zu dulden bereit ist.
gegen uns), wurde es bald das einzige Bestreben beider Lager, zu beweisen, daß
Van der Lubbe nicht allein gewesen sein konnte. ZWEITER :
Keiner der Beweise dafür war wirklich stichhaltig, die Mittel oft anrüchig.
Es grüßen euch zwanzig Jahre Zuchthaus, Vorbereitung zum Hochverrat,
Die Hiderjustiz verurteilte ihn nach einem Gesetze, das noch nicht bestand, als
die Tat begangen worden war. Der Gegenprozeß in London verurteilte ihn
- während der «Wahrheitsfindung » eine Niere verloren -
(unter Mithilfe einer Elite berühmter Juristen) für etwas, was er in Zukunft tun
würde (aber nie getan hat). Seine Mutter und seine Gehebte wurden be¬ Neun Jahre, -Widerstand gegen die Staatsgewalt. Ich sag euch ehrlich, es -
schmutzt, sein Vater einer schändlichen Krankheit und Trunksucht, er selbst war kein Mut : ich war verrückt vor Angst und hielt den Knüppel fest, mit
unnatürlicher Neigungen verdächtigt. Der Gegenprozeß von London war, -
dem sie auf mich einschlugen, ich gehe ins Moorlager
-

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ZWEITER : kurt:
Hast du ein Glück! Du wirst eine Nacht im Durchgangslager Mitte bleiben Zweiundzwanzig -
und das Mädchen sehen. Jeden Morgen turnt sie die Leibesübungen des Das folgende Schweigen wird durch den neunten Gefangenen unterbrochen, der ein Ansinnen an den
Wachtmeister stellt.
Rundfunks mit. Das Fenster ihres Zimmers ist genau gegenüber -
erster : NEUNTER :

Wer kennt sie nicht - Wachtmeister, - lassen Sie die Kleine zu ihm, Wachtmeister, es ist sein letzter
Tag auf Erden -
dritter: Die übrigen Gefangenen unterstützen ihn immer stürmischer, zudem der Wachtmeister zwischen
Neigung und Pflicht schwankt.
- ist sie schön?

DURCHEINANDER VON STIMMEN:
zweiter:
- wie könnte sie nicht schön sein?: Sie ist immer unerreichbar, nur aus hun¬ Ja, ja, - keine Angst, wir werden nichts verraten, - haben Sie ein Herz -
dert Meter Abstand zu sehen, nackt, begehrt, berühmt, die einzige - wenn Gelächter.

sie mit alldem nicht die Schönste sein muß - sie hat fünfzigtausend Männern
EINE LAUTE STIMME:
wilde Nächte beschert und ahnt es nicht -
Will sie denn?
vierter: Der Wachtmeister wie die Gefangenen warten auf die Antwort, alle brüderlich verbunden, außer
Marinus.
Ich gehe nun ins sechste Lager. Ich war Schankwirt eines Gewerkschafts¬
hauses - für ein so schlecht umrissenes Verbrechen ist eine unbestimmte Buße
DAS MÄDCHEN:
angemessen - Gott wird es mir lohnen -
fünfter: Der Wachtmeister istfast bereit. Er klimpert mit seinen Schlüsseln und geht von der Türe aus lang¬
sam bis zur Mitte. Aber angesichts Marinus' hält er inne, zögert und geht wieder zurück. Die Ge¬
- redet weiter - Genossen - ich will euch hören,
Stimmen von Menschen.
fangenen, die sein Benehmen aufmerksam verfolgt haben, sind enttäuscht.
Ich bin heute morgen aus dem Keller geholt worden, in dem ich seit dem
Brande saß - MEHRERE STIMMEN:

Wachtmeister, warum -? Sie können sich doch auf uns verlassen - vor wem
sechster:
haben Sie Angst? Einer hat nicht gesprochen, wer hat nichts gesagt?
Ich habe Lebenslänglich - vier meiner Genossen wurden hingerichtet, zwei
Einige Gefangene haben an den Fingern abgezählt, und sie entdecken, daß nur neun von zehn sich
sind in Untersuchungshaft «gestorben» - vorgestellt haben.

erster: MEHRERE STIMMEN:

Ich hab davon gehört, - ihr wart doch die Abtrünnigen, die gegen die Be¬ Wer bist du -? Wer hat sich nicht vorgestellt? Da ist ein Verräter unter uns -
schlüsse waren - nenne dich, hallo der Zehnte!
Marinus zögert gequält. Aber die Fragen hören nicht auf. Er richtet sich, von einer verzweifelten
zweiter : Hoffnung getrieben, auf.
Ja, die Spalter, die man die «Zauderer» nannte - MARINUS :
WACHTMEISTER: Marinus von Ley den, Brandstifter - auf dem Wege zum Obersten Richter -
Heh, keine Pohtik - Die Gefangenen fahren auf, sie bleiben starr sitzen. Ihre Gesichter werden böse und verschlossen.
Die Gefangenen sind überrascht ob des barschen Verbotes. Sie versuchen, den Mann zu ergründen; Durch die vollständige Stille entsteht der Eindruck, als tackten die Räder zunächst lauter und dann
der erste wendet sich tastend an ihn. leiser als zuvor.

erster: Warum verfolgt ihr mich -?
Er wartet einen Atemzug lang fragend.
Aber Wachtmeister - wir sind doch alle Politische -
Ihr habt mich noch aus der geheimsten Stunde meines Daseins verjagt -
WACHTMEISTER:
wohin soll ich nun fliehen?
Das mein ich nicht - ich mein, nicht um Dinge streiten, die keiner begreift - Er wartet einen Atemzug lang fragend.

das mädchen: Denn sie haben mir die Flucht angeboten, - und ich weiß, warum : Sie
Ich bin nicht wegen so gelehrten Sachen hier -, sie haben mich hoch¬ haben sich ineinander verbissen, weil keiner wahrhaben wollte, ich sei allein
genommen. Sie haben gesagt, ich sei umhergezogen, und werde deshalb gewesen, und wollen verzweifelt übereinkommen, ich sei nicht-, weil sie
umerzogen - sehen, daß sie in einem neuen Drama begriffen sind, noch während sie sich
Sie lacht selbst zuerst über ihr Wortspiel, das an den Mann zu bringen sie sichtlich erfreut ist. Die
anderen lachen mit. Es entsteht eine fast fröhliche verbrüdernde Stimmung.
in der Zeit der erlösenden Vorhuten wähnten -
Er wartet einen Atemzug lang, immer verzweifelt auf eine Antwort hoffend, und fährt in veränder¬
tem Tone fort, sich selbst unterbrechend:
KURT:
Ich bin zum Tode verurteilt, - ich mache meine letzte Fahrt. Morgen früh - Nun denkt ihr: «Er hat unser Leben auf dem Gewissen und versucht, auch
Ein jähes Schweigen antwortet. Die folgende Frage wird erst nach einer Zeit fast zaghaft gestellt. zu nehmen, was wir darüber hinaus haben -»
ich kann nicht anders -
dritter: ich habe die Sache nicht verlassen, die Sache hat mich verlassen -
Wie alt bist du? Er wartet einen Atemzug lang.

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- ich bin nun allein, wie geboren für eine Welt, die noch nicht ist, und sehe Die Zelle des Marinus von Leyden. Die Riegel der Türen werden von außen zugeschoben, das
Klirren entfernt sich. Der Schritt eines Mannes widerhallt noch in den Gängen, sich entfernend:
nun erst, daß eure Wirklichkeit nicht mehr ist, - ich hätte es wissen können, Das Licht wird von außen ausgeschaltet. Die Gefangenen sindfür die Nacht eingeschlossen. Marinus
seit ich Heiner hatte sterben sehen. Die Versuche auserwählter Gemeinschaf¬ richtet sich auf er wartet angstvoll auf etwas, das sich sichtlich regelmäßig ereignet. Durch das Git¬
ten sind beendet, aber was die neue Wirkhchkeit sein wird, kann erst nach terfenster im Hintergrunde dringt verworrenes Geräusch, Rennen, Rufe «Hände hoch!», Schmer-
zensschreie. Eine Stimme, die aus dem Fenster einer gegenüberliegenden Zelle zu kommen scheint,
tausend Suchen sichtbar werden, aber ich weiß, daß dazu gehört, daß ich
übertönt alles.
allein war -
Er wartet einen Atemzug lang. Das feindliche Schweigen dauert an. stimme:
Marinus von Leyden, hörst du -?
Wenn die, welche mich anfallen, einen Augenbhck lang zaudern, wenn sie
Marinus weicht zurück bis an die Wand, kniet auf der Pritsche und lehnt die Stirne gegen die Wand,
mich fliehen lassen wollen, so, weil sie vorausahnen, daß sie dabei mit um¬ während er gefoltert den Kopf schüttelt. Er redet gegen seinen Willen.
kommen werden, -
denn sie hatten noch mit Träumen begonnen. Alle werden von den Nächst¬ MARINUS:
höheren getötet werden, vergeblich befleißigt, immer seelenloser zu werden, Nein, nein, laßt mich - ich war allein -
um in die menschenleere Zukunft hineinzudauern - Lichter blitzen sekundenlang aus dem Hofe herauf. Das Geräusch geht weiter. Rings um die Zelle
entsteht ein geheimnisvolles Leben. Klopfzeichen, immer dieselben, Buchstaben, über und unter der
Er wartet. Seine Stimme wird immer beschwörender und verzweifelter. ¦

Zelle, an den Wänden und Rohrleitungen. Eine Stimme.

Vielleicht denkt ihr nun: «Er spricht zu gut - wer hat ihm befohlen, das
stimme:
auswendig zu lernen -?» - Ich habe es auswendig gelernt, ja. Tausendmal.
Hörst du, wie deine Spießgesellen morden -?
Ich habe in meiner Zelle alle Worte versucht und gewendet, wie Steine, die
Marinus kauert immer noch an der Wand, beide Arme an die Ohren gepreßt. Nach einer Weile ent¬
eine Hand in hunderttausend ruhelosen Bewegungen spiegelglatt reibt - steht Stille. Schritte ertönen auf dem Gang vor der Zelle. Schlüssel klirren, das Licht wird ein¬
hört ihr sie -? geschaltet, die Türe geht auf. Ringsum ist es still, das Gefängnis wartet auf das, was vor sich geht.
Er wartet. Seine Stimme bettelt: Es treten ein: ein Wachtmann, ein Bebrillter in weißer Bluse. Der Wachmann hat ein weißes Papier
in Händen, zunächst jedoch richtet er sich leutselig an Marinus.

- vielleicht denkt ihr: «er prahlt -», oh, ich habe auch Angst. Ich mache mir WACHTMEISTER :
keine Hoffnungen: Sie werden nicht dulden, daß ich weiterhin bin, auch
nicht versteckt und vermummt. Mich wird keine Gemeinschaft schützen, - Herrgott, Mensch, machst du uns Scherereien, - so was hab ich mein Lebtag
nicht gesehen, und ich bin nun neunzehn Jahre in Dienst: zwölf Tage dauert
ich bin allein. Wohin soll ich gehen, solange nicht ein Mensch sagt: Komm -
Er wartet.
die Verhandlung, und du hast das Maul noch nicht aufgetan
-
Freundschaftlich, und fast um sich zu entschuldigen:

Ein Mensch. Auch dann werden die Schergen mich zu finden wissen, - Da kann nichts Gutes dabei rauskommen - wie das hier -
aber dann war ich anerkannt -
Er deutet auf das Papier:
Er wartet. Länger als zuvor. Seine Stimme wird müde und bitter.

Zu wem sollte ich nun noch reden, nachdem ihr mir nicht geantwortet habt?
Das hast du dir nur selbst zuzuschreiben, - jetzt hör zu:
Er räuspert sich, um seine Stimme «amtlich» zu machen.
Er wartet und fährt traurig fort:
Gerichtsbeschluß -
Ihr könnt nur noch befehlen und gehorchen, - töten und sterben - - im Auslande wird immer häufiger die Beschuldigung erhoben, das bei¬
Er wartet und spricht fortan feierlich, wie einen endgültigen Entschluß schwörend: spiellose Verhalten des Hauptangeklagten sei durch Gifte oder Betäubungs¬
mittel verursacht, die den Speisen des Häftlings regelmäßig beigemischt
Von nun an werde ich schweigen -, vielleicht wird das einer hören - würden.
- aus solchem Stoff hat noch keiner ein Werk gebildet, - es wird gut sein, Das Gericht ordnet deshalb an:
heute, wo sie alles tun, um den Menschen das Maul zu verbieten, wo alles, Erstens :
was nicht meßbar ist, nicht sein darf, das Schweigen gefährhch zu machen - Alle Nahrungsmittel des Gefangenen werden gesondert beschafft und zu¬
- das werden sie nicht einspannen, pressen, umdeuten, verwalten können bereitet.
wie alle meine Aussagen - Zweitens :
zeigen, - Unmittelbar vor der Nahrungsaufnahme werden alle Gerichte durch einen
das einzig Feste, das ich in der Dunkelheit einer ungeborenen Zeit halte, - vereidigten Prüfer des Volksküchenamtes untersucht.
daß, Hirn und Gedärme auf Flächen gesteckt, der Sonne und der Menge Drittens :
ausgesetzt, doch bleibt - das Geheimnis, - das unverletzte Ganze - ich - Alle für den Häftling bestimmten Speisen werden durch den rangältesten der
das zeigen, das lohnt sich - diensttuenden Wachtmeister amtlich geschmeckt.
Immer noch bleiben die Gefangenen mit böse verschlossenen Gesichtern starr sitzen, nur das Mäd¬ Der Wachtmeister schaut Marinus an und sagt bedauernd, während er ein Zeichen durch die offene
chen rückt unbehaglich erstaunt auf ihrem Platze. Das Tacken der Räder wird zunächst lauter — Türe gibt:
der Zug läuft über viele Weichen und verlangsamt seine Fahrt, bis er stillsteht. Die Türe wird auf¬
schlössen. Der Wachtmeister steigt aus, mit einem unsichtbar bleibenden Mann vor der Türe Grüße
wechselnd. Marinus richtet sich auf.
Siehst du, das hast du davon
-
Aufsein Zeichen hin werden zwei Platten durch die Türe gereicht, die erste mit einer Schale Suppe
und einem Brote, die zweite voll kleiner Flaschen aller Farben und Glasröhren. Der Mann in der
Achtung, der Mann, der zum Sterben fährt - hör mich an. Der Wacht¬ weißen Bluse nimmt priesterlich anmutende Handlungen vor, tödlich ernst, und der Wachtmeister,
meister ist weg: das ist ein verabredetes Zeichen - tu genau, was ich dir nach einem Kopfnicken des ersteren, schmeckt «amtlich». Seine Haltung wird zusehends straffer, er

sage, und du wirst an meiner Stelle entfliehen können, - ich schenke dir führt Kostproben mit eckigen Bewegungen der Ellbogen zu Munde, seine Lippen klappen im Gleich¬
schritt. Sie gehen mit einem verabschiedenden Kopfnicken.
meine Haut - Merk dir genau - Das Klopfen beginnt wieder, nachdem das Licht wieder ausgelöscht ist, und erstirbt langsam, wäh¬
Ueber diesen Worten taucht die Bühne in Dunkelheit. rend die Bühne dunkel wird.

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Nach einem späteren Verhandlungstage. Licht in der Zelle. Dieselbe Folge wiederholt sich: Riegel, Beide betrachten sie fast andächtig, und Kurt bricht sie langsam in zwei Hälften, deren eine er Ma¬
Licht aus, Klopfen, Geräusche aus dem Hofe und Stille, als Schritte im Gange sich nähern. Es treten rinus anbietet. Der weicht erschreckt zurück. Kurt redet auf ihn ein, sanft und beharrlich, nach jedem
ein: der General, ein hoher Würdenträger und eine Dame, alle heiter nach einem reichlich begossenen Satz auf eine Erwiderung wartend und sie selbst gebend, sich das Mienenspiel Marinus' auslegend.
Mahle. Noch in der Türe spricht die Dame zu dem Würdenträger, der sie mit der Hand leicht am
Arme berührt hat.
KURT:

DAME: Ich weiß, - du bist der Brandstifter -
Ich halte dich nicht für verkauft -
Aber was fehlt Ihnen -?
Du bist ein Mann -
WÜRDENTRÄGER: Ich spiele nicht -
Diese Hand, gnädige Frau, die dreißigtausend Todesurteile unterschrieben Komm - nimm -
Er nötigt ihm die halbe Zigarette auf, Marinus behält sie in der flachen Hand, reglos, er wagt nicht,
hat, ohne zu zucken, zittert bei Ihrer bloßen Nähe - die Finger darum zu schließen.

dame:
Wir sind Menschen selben Schlages -
Hihi - Sie Schelm - ich verstehe dich, -
Alle drei starren Marinus an wie ein seltsames Tier. Die Dame kommt näher und betastet zunächst Du hast allein getan, was du allein erdacht hast -
mit der Spitze des Zeigefingers, dann zwischen Daumen und Zeigefinger den Arm des Gefangenen.
Du hast den Mut gehabt, etwas zu tun, als die anderen nur wünschten, es

Er ist stark wie ein Türke - geschähe etwas -
Sie wischt sich mit einem Taschentuch die Finger ab, während der Würdenträger den Umrissen des Marinus wehrt sich gegen eine Freude, die ihn zu überwältigen droht. Er legt die Zigarette sorg¬
reglosen Gesichtes Marinus' nachfährt. fältig beiseite.

WÜRDENTRÄGER: Es gibt noch Freunde -
Bezeichnend, bezeichnend, dieser Schädel, diese Schwellung -
vielleicht, weil auch ich auf den Tod warte -
Nach einer Pause: Marinus, überwältigt, blickt sich suchend um, ergreift nacheinander eine Decke, ein Stück Brot und
ein Buch und nötigt alles Kurt auf. Er nimmt die halbe Zigarette wieder auf, nicht um sie zu rauchen,
aber wie sein kostbarstes Gut.
- zweiunddreißig Tage steht der Mensch nun vor Gericht und redet nicht -
Er unterbricht sich und fährt in vergnüglichem Tone weiter:
Ich war in den Htmdertschaften, - bekannt wie ein bunter Hund, ein Drauf¬
gänger, Mann, - sie waren stolz auf mich und darauf war ich wieder stolz
- haben Sie bemerkt: das Gericht geht seinen Gang, irgendeiner redet, die
und wurde immer besessener - ich mußte der Erste bei allen Handstreichen
Zeitungsleute schreiben, und der Kerl liier hebt den Kopf - hop, alles hält
ein. Dann fahren sie weiter, - es war ein falscher Alarm, und der Kerl hier
sein, - und du weißt, was dann geschieht -
rührt den Arm - hop, wieder halten sie den Atem an. Keiner wagt sich zu Du fühlst dich wie ein Vollstrecker des Willens aller, und plötzhch bist du
allein mit einer Tat, die sie aus geheimnisvollen Gründen nicht mehr be¬
rühren, aber der Herr hatten nur vor, sich die Nase zu schneuzen -
Er wechselt den Ton. Ernst:
klatschen -
Du bist einsam und ausgestoßen und spürst, daß etwas vorbei ist -
- eigentlich schade um so viel vergeudete Kraft. Gehörte doch der Kerl zu Er hatdie letzten Worte, die fast Wiederholungen der Worte des Marinus sind, unecht gesagt. Sie

jemandem, ich will gar nicht sagen, zu uns, da könnte das doch ausgebeutet müssen geglaubt werden, weil er Angst vor den folgenden Worten hat, die er zu gewollt bieder
spricht:
werden, - fast ohne Unkosten könnt ich aus dem Kerl einen Heüigen, einen
Helden machen, - direkt wie er ist, - schade - Ich konnte ins Ausland entkommen und wurde vor den Obersten Rat ge¬
laden, - sie verglichen mich mit dir, - und, glaub es oder nicht: - sie gaben
GENERAL:
uns recht -
Da folge ich Ihnen nicht - sooft ich den Kerl sehe, kribbelt es mir in den
Ekel und einefurchtbare Enttäuschung schmettern Marinus nieder. Er bleibt wie eine Bildsäule stehen
Fingern. Ich kann es nicht aushalten, dem nicht an den Kragen zu können, und schaut den Sprechenden unverwandt schrecklich an. Der hastet so bemüht, um glaubhaft und
freiweg - ehrlich zu scheinen, durch seine Erzählung, daß er die Veränderung nicht bemerkt.

Er ballt die Fäuste und spricht vertraulich zu seinem Genossen:
- sie gaben eine falsche Einschätzung der damaligen Lage zu und schlugen
- siehst du, das sage ich immer : Meine Männer verlangen nun nach dem Sieg vor, wir sollten-
das Glück. «Das Ausland hindert uns», sage ich ihnen. «Erst wenn es kein Er nimmt den Zustand Marinus' wahr und nähert sich der Türe, seine jähe Angst kaum beherr¬
schend. Er sagt seine Geschichte überstürzt zu Ende:
Ausland mehr gibt, können wir so einen Kerl in fünf Minuten fertigmachen -
dann erst wird das Glück möghch sein -»
Sie gehen bis zur Türe.
- sie sagten, die Massen konnten nicht begreifen, weil wir ihnen unbekannt
waren: Wir sollten große Namen als «geistige Urheber» bezeichnen, das

DAME:
würde zünden -
Marinus, in höchstem Zorn, macht einen Schritt auf ihn zu. Kurt legt die Hand an den Klingelgriff
Ist es wahr, was man erzählt, - daß in der Nacht, bevor sie gehängt werden - neben der Türe, zieht aber nicht. In höchster Not, gejagt, flehentlich spricht er weiter:
Die letzten Worte verhallen im Gange. Das Licht wird ausgeschaltet, und die Klopfgeräusche be¬

ginnen wieder, folternd. Sie ersterben, und die Bühne wird dunkel. Warte - hör mich an - ich will dir alles sagen: Es geht um mein Leben. Du
hast es mir schon einmal gerettet -
Marinus hält inne und sieht ihn fragend an.

Als wir auf Schub waren, im Wagen, hast du mich entfliehen lassen, weil du
In die erleuchtete Zelle Marinus' wird ein in Ketten geschlossener Gefangener gebracht, in dem man selbst nicht wolltest, - das war ich, - ich sollte am Tage darauf hingerichtet
erst nachträglich Kurt erkennt. Er ist müde und verhärmt, Marinus erkennt ihn nicht. Kurt geht
auf die Türe zu und lauscht. Darnach holt er umständlich unter seiner facke einen sorgfältig ver¬ werden -
steckten Gegenstand hervor, Marinus mit geheimem Einverständnis anschauend. Er zeigt, was er Marinus ist unschlüssig. Er will weiterhören, kann aber den Anblick des Mannes nicht ertragen. Er
endlich in Händen hat: eine Zigarette. dreht sich um und schaut auf die Wand. Kurt, eifrig, befreit, weil er nicht mehr lügen muß, erzählt:

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Ich bin ins Ausland entkommen - das ist die reine Wahrheit, ich habe mich Auf was wartet ihr noch -? Ihr seid doch schon seit Tagen abgefertigt -?
in einer Anlaufstelle, vielleicht hundert Meter hinter der Grenze, gemeldet. Ihr wißt doch, daß euer Platz drüben ist -?
Ich war stolz, mein Gott, war ich glücklich - und die anderen, die ankamen,
waren wie ich - aber es dauerte nicht lange - kurt:
Die Erzählung Kurts geht in eine Handlung über: Marinus sieht an Stelle der Wand die Anlauf¬ Wir warteten - wir hofften - vielleicht würdet ihr uns Paß und Auftrag
stelle. Alles hat das Gepräge eines Traumes. Die Personen tragen dem Marinus bekannte Züge.
Der Vorsteher hat die Züge Hammers, der Schreiber die des Laufboten in Alquans Schreibstube,
geben, daß es sich lohnte -
der aus dem Vernichtungslager Entflohene die Alberts. Unter den trostlos wartenden «Abgefertigten» VORSTEHER:
Anna. Ein Spruchband hängt quer über dem Raum, mit weißer Schrift auf rotem Grunde: «Es lebe
der heldenhafte Kampf der Unterirdischen.» An einem Tische der Schreiber. Einige Leute warten So viele Pässe können wir nicht machen - falsche Papiere taugen nur, so¬
dumpf, am Boden und auf Bänken hockend. Wäschestücke trocknen im Hintergrund. Ein Mann tritt lange sie selten bleiben - und Weisung habt ihr längst, klar und einfach :
ein, mit allen Zeichen heißer Freude. Er grüßt den Schreiber.
- ihr seid keine Verschwörer, sondern Soldaten hinüber -
FLÜCHTLING:
kunz:
Ich grüß dich, Genosse - - und vielleicht Geld und unauffällige Kleidung -
Der Schreiber hebt den Kopf, und statt die Hand anzunehmen, steckt er einen Fragebogen hinein.
Einige der Wartenden grinsen. Der Mann liest ernüchtert, befremdet. VORSTEHER:

Das ist Spaß, Genosse -? Erlaubnis der Bezirksleitung? - Erlaubnis, zu ren¬ Wir sind arm - von jeher sind unsere großen Toten in Lumpen und namen¬
nen, wenn sie auf dich schießen -?
los gefallen -
Lachen im Hintergrunde, eine Stimme höhnisch nachahmend: Mit immer heftigerer Ungeduld:

STIMME: - Pässe, Aufträge, Geld, Erscheinung -
Ihr wollt eine Persönhchkeit -
Ein Soldat fürchtet die Kugeln nicht - das wollt ihr -! Wer hat euch angesteckt -?
Die Türe öffnet sich wieder. Der aus dem Vernichtungslager Entflohene tritt ein. Er trägt die Züge
Kurt ist inzwischen, durch die Aufmerksamkeit, mit der Marinus ihn anhört, ermutigt, von der
Alberts. Dasselbe Spiel von übermäßiger Freude zu Enttäuschung wiederholt sich.
Zellentüre bis zu einem Platz gerückt, von dem aus er sowohl zur Handlung «Anlaufstelle» als auch
zur Zelle gehört. Er wendet sich an Marinus:
albert:
Unsinn, - habe ich dir nicht gesagt, - Ver - nich - tungs - lager -? KURT:
Der Vorsteher mit den Zügen Hammers tritt ein. - wir haben alle verstanden, daß er dich meinte, und haben das Maul gehal¬
ten und uns angeschickt, zu gehen, vor Angst, dir ähnlich zu werden -
VORSTEHER:
Der Vorsteher geht. Die übrigen warten, bis Albert sich mit einem Ruck entschließt.
Du hast gesagt, - Vernichtungslager?
Albert wendet sich an ihn, hoffend und wie an einen Ebenbürtigen. ALBERT :

- ich muß es wiedergutmachen. Der Bund verzeiht -
albert:
kunz:
Ja - aus der Hölle zurück -
Hundert zu eins, daß wir dabei draufgehen werden -
VORSTEHER:

Mit der Erlaubnis deiner Leitung -? albert:
- und? Natürhch hätt ich allein fünfmal mehr Aussicht, weiterzuleben. Aber
albert: als was -? Dann hätte es keinen Sinn mehr, daß ich überhaupt geboren bin,
N - ei - n, - das gab es nicht, - meine Mitgefangenen, ja, und ich würde auf einen Tod warten, der genau so leer wäre - es geht nicht
die waren dafür -
anders, - ich muß durch -
VORSTEHER: Er tritt an die Türe, die auf die Grenze zu geht, schaut hinaus und erläutert, mit der Hand zeigend:
Das gab es nicht - so weit bist du, - du leugnest die Allgegenwart unseres
Ich nehme den Weg rechts. Komme ich durch, dann folgt - mißlingt es,
-
Bundes ich weiß, was du jetzt denkst -
dann werdet ihr schießen hören und habt den zweiten Weg -
Zu ihm und allen übrigen, plötzlich wütend:
Lebt wohl -
Die Bleibenden schauen durch die Türe, dicht zusammen. Auch Marinus und Kurt stehen wie ange¬
- ich weiß, was ihr alle denkt, - daß ich eine Schreiberseele bin, ein Etappen¬ wurzelt. Plötzlich fällt ein Schuß. Alle zucken zusammen und warten stumm, bis sich ein anderer
hengst, und er ein Held - aber gestern morgen sind zwei unserer besten Vor¬
entschließt. Er holt ein Messer aus seiner Tasche, klappt es auf und verabschiedet sich.
kämpfer bei dem Versuch, aus demselben Lager auszubrechen, erschossen
worden, trotzdem wir ihre Rettung sorgfältig vorbereitet hatten - FLÜCHTLING:

und warum -? Ich versuche den zweiten Weg. - Lebt wohl.
- ich frage euch - warum -? Wieder warten die Bleibenden, Kurt, Kunz und Anna, bis Schüsse fallen. Sie zucken zusammen,
aber keiner schickt sich an, zu gehen. Anna verliert sich im Hintergrund. Sie istfast nur gegenwärtig,
weil durch seine Flucht gewarnt, der Feind die Wachtordnung geändert und
weil Marinus sie nie aus dem Gedächtnis verliert. Der Schreiber hat indessen unbekümmert weiter¬
verschärft hatte - geschrieben. Der Vorsteher taucht einen Augenblick lang auf, mit Federhalter und Papier bewaffnet.
Zu Albert, der niedergeschmettert den Kopf senkt:
VORSTEHER:
- eine Lücke imStacheldraht, die freundhche Schwäche eines Wächters, - Hast du deinen Bericht soweit -? ich brauch' ihn -
auch wenn sie nur dir höchstpersönlich gilt, -
sind unser aller Eigentum.
Wir bestimmen, wem es zugute kommen soll. Nicht wer dem Tod am näch¬ SCHREIBER:

sten, sondern wer uns lebend nützlicher ist - Bald - der Satz der Widerstandshandlungen im Verhältnis zur Einwohner¬
Du hast die Gemeinschaft um dein Leben bestohlen - zahl ist nun auf zweikommanullsechs vom Tausend angestiegen -
Zu den übrigen: Der Vorsteher geht.

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kunz: Mensch, -
- rede, rede, ich, - hier, faß mich an, ich bin ein lebendiger
Was soll ich nun machen -? Meine Frau hätte mir geraten, aber die ist nun Mensch, und soll in einer Stunde tot sein mit deinem Schweigen schonst
-
Gott weiß wo, und ich müßt in eine andere Stadt ziehen, wo mich keiner du Sauhunde, die dich und mich verdammen, die dich hängen würden,
kennt -, keine Arbeit, kein Geld, keine Bekannten - wenn sie könnten, die dich vor aller Welt gebrandmarkt haben -
- im Ausland bleiben -? ich kann doch die Sprache nicht - und nur wenn und mich tötest du damit, - mich, - den einzigen Menschen, der dir ähnlich
du anerkannter Flüchtling bist, darfst du arbeiten - ich gehör zu niemandem ist, der gehandelt hat, wie du -
mehr, ich hab mich aus allen Gemeinden hinausgepißt - Er schweigt einen Atemzug lang. Ein Klopfen beginnt, noch vereinzelt, aber beharrlich fortgesetzt.

Fremdenlegion -?
Was spielst du -?
Den Einzigen -?
kurt:
Du betrügst dich selbst - hörst du, - du willst mich für ein falsches Bild
Zu alt - deine Zähne sind zu schadhaft - schlachten lassen -
kunz: so mach doch das Maul auf, verdammter -

- und wenn du kein Beglaubigter bist, hefern sie dich aus. Du bist ein Her¬
demi du hast mit dem Brande ein Zeichen geben wollen, ich habe es ver¬ -
standen und bin dir gefolgt -
gelaufener ohne Gesinnung -
wir sind eine Gemeinschaft, und du bist mein Führer, du bist verantwort¬
War es doch wahr -, daß drüben noch Bezirksleitungen arbeiten, - wenn
bloß ein einziger noch lebte, könnte ich ihn anzeigen und mich umstellen, -
lich -
Er schweigt erschöpft, irrsinnig vor Angst. Andere Klopfzeichen setzen ein und dauern an. Auf dem
dann war ich wo drin und hätt eine einträgliche Gesinnung amtlich beglau¬
Gange werden Schritte und Klirren von Schlüsseln laut. Kurt fährt verzweifelt auf.
bigt obendrein -
Sie kommen - rede, Marinus, rede, - laß es nicht zu, daß sie mich um¬
kurt: bringen -
- ich könnte nicht einmal das mehr - Die Türe wird aufgeschlossen, die Wachtleute bleiben einen Atemzug lang in der Türe stehen. Sie
gehen sehr langsam vor, hoffend noch im letzten Augenblick, Marinus werde aussagen.

kunz:
Rede - sag ein Wort, - ein kleines Wort, erfinde etwas -
- warum nicht -? Die Wachtleute legen ihm die Hände auf Schultern und Arme.

kurt: Marinus -
In der Nacht nach dem Brande hab ich einen umgelegt - ich hatte geglaubt, Die Wachtleute schieben Kurt langsam, ohne Gewalt zur Türe. Er schreit:
es ginge los -
Rede-
kunz: Die Türe fällt langsam ins Schloß. Das Klopfen an den Wänden hört mit einem Schlage auf. Eine
Totenstille entsteht im ganzen Gefängnis. Plötzlich beginnt das Armesünderglöcklein zu läuten.
Aber Herrgott, Mann - damit mußten sie dich doch anerkennen, - ver¬ Aus der Ferne, immer näher und lauter dringt eine Welle von Schreien aus tausend Mündern.
glichen mit meinem Fall -
stimmen:
kurt: Adieu - adieu - adieu -
Nein - nein, - sie haben gesagt, es war eine in-di-vidu-elle Tat - Marinus steht, ohne sich zu rühren. Langsam senkt er den Kopf und bemerkt nun, daß er immer
Die «Anlaufstelle» löst sich auf. Marinus und Kurt sind allein in der Zelle. noch die halbe Zigarette hält.

Dunkel.
KURT:

Sie haben mich natürhch hochgenommen und hierhergebracht. Ich habe
dem Alquan alles haargenau erzählen müssen, und bei dem Wort «indivi¬
duell» ist ihm der Einfall gekommen. Er hat es vor sich hin wiederholt und
mir gesagt: «Ich werde dich zu dem Holländer sperren -, wenn du ihn zum
Reden bringen kannst, wirst du begnadigt.»
Er schweigt einen Atemzug lang. Von nun an bricht die Todesangst immer furchtbarer aus ihm.

Ich habe Angst -
es geht auf den Morgen zu, und wenn sie mich hier rausholen - ich habe
-
Angst, Marinus sie haben das Handbeil wieder eingeführt, und die Scharf¬
richter sind nicht darin geübt -
Er schweigt und greift wieder an, zeitweilig zornig und verzweifelt zugleich, bis zum Wahnsinn.

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