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#4 1.Jahrgan 2010

. Juli Mo 19. - Di 20

Da g e h t wta s der Redaktion en wa s Da e n t st e h t durchbricht RT
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Editorial
Liebe Theaterfreunde, liebe Festivalgäste, liebe Laufkundschaft!
Eine Woche Festival ist rum — und was wir schon alles gesehen haben! Nicht nur einen gescheiterten Volksentscheid mit Public Viewing im Haus II&70, sondern auch dichtende Isländer, wütende Griechen und bittersüße Österreicher (Kritiken S. 8-11). Gegen so viele Eindrücke kann selbst die KFZ-Redaktion sich nicht wehren und zieht Bilanz: Unsere Top-5Festivalcharts, vom coolsten Kostüm über die nachhaltigste Publikumsreaktion bis zu den heißesten KALTSTART-Cuties (S. 14). Außerdem haben wir Publikum und Machern ins Gesicht geschaut und die ausdrucksstärksten Mimenminen gesammelt (S. 15). Wau! Und jetzt? Jeder weiß: Nach dem Bergfest ist vor der Abschlussparty — aber bevor es soweit ist, gibt es noch eine Woche lang so einiges mehr zu sehen und zu erleben (Vorschau S. 4-5). Und da im Theater jetzt auch immer häufiger Getränke ausgeschenkt werden (siehe S. 3), kann man schon während der Vorstellung für die After-Show-Party vorglühen.

Wir wünschen sehr viel Spaß dabei! Fahren Sie vorsichtig!

Die Red.
H an d # 4 Jede Ausg abe gibt e s einen D iskurs aus d e m Heft zum Nachspie für Zuhau len se. Einfach ausschne schwarze iden, Streifen h inten zusa mm e n kleben, ü ber den Fi nger ziehen un d losstreit en. Heute : Po ststruk tu ralisten v s. Part ymacher, D iskurs vs. Disco. Diskurs z ur

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bier’s mal mit Ungemütlichkeit! Pro
Das wissen auch Wände werden überschätzt. im KALTSTART-Festival die jungen Theatermacher be . wo es nur geht. und reißen die Vierte Wand ein
von Khesrau Behroz In den eigenen vier Wänden ist es am gemütlichsten. Das gilt auch im Theater. Die Figuren haben sich um das, was außerhalb der Bühne vor sich geht, nicht zu kümmern. Der Schauspieler ist sich zwar der Tatsache bewusst, dass ein Publikum zuschaut - seine Figur jedoch nicht. Für den Zuschauer ist es so, als würde er durch eine transparente Wand sehen. Wird sie entfernt, diese “Vierte Wand”, dann ist Schluss mit der Trennung zwischen Bühne und Welt, zwischen Schauspielern und Publikum. Bertolt Brechts Verfremdungseffekt ist der wohl am leichtesten zu produzierende Spezialeffekt, den das Theater zu bieten hat. Es muss nichts explodieren, keine Rauchmaschine angeschmissen werden, Theaterblut wird nicht gebraucht. Ein Blickkontakt mit dem Zuschauer reicht aus, die Vierte Wand fällt, die Bühne öffnet sich, und damit auch der Zuschauerraum. Ein Tässchen Tee gefällig? Vielleicht, weil dieser Effekt so einfach zu erreichen ist, wird er auch so häufig genutzt – auch auf dem KALTSTART. Es gibt unzählige Produktionen, in denen mehr oder weniger sinnvoll die Vierte Wand nicht nur durchbrochen, sondern geradezu zerstört wird. Die Performance “das beste dass sich an diesem festival anmeldet (wirklich)” lässt die Zuschauer zu Beginn ihre Lieblingszutaten einer Pizza aufzählen - bevor diese dann tatsächlich bestellt und von einem verdutzen Lieferanten direkt auf die Bühne gebracht wird. In “India Simulator”, einem Kammerspiel aus Kassel über interkulturelle Differenzen, setzt sich die Hauptdarstellerin in die Mitte der Bühne und hält eine Kurzpräsentation, während ihr Kollege indischen Chai-Tee an alle Zuschauenden verteilt. Es wird gemütlich im Saal, es bringt Bewegung in die Zuschauerränge. Der Effekt funktioniert aber auch weniger offensichtlich: In der Inszenierung von Büchners “Woyzeck” wird mit dem Zuschauer geflirtet, lasziv in eine Orange gebissen, der Blickkontakt gesucht. In “keep on searching for a heart of gold”, einem experimentellen Stück, das im Grunde genommen nach einem Stück sucht, erzählen die Protagonistinnen locker-flockig von ihrer Produktion und worauf sie bei der Recherche so alles gestoßen sind - betont lässig, betont kommunikativ. Viele andere Inszenierungen haben Essen und Getränke verteilt – oder ließen zumindest ihre Schauspieler kurz in die Augen der Zuschauer blicken und diese wahrnehmen – genug, um zu verfremden, um dem Publikum die Illusion zu nehmen und ihnen, laut Brecht, die Chance zu geben, ein Spiel kritisch zu betrachten, auf den Inhalt zu schauen, zum Stück eine Distanz aufzubauen. Die Vierte Wand ist eine sensible Wand, eine, die auch bei kleinsten Windstößen umfällt. Wir sitzen doch alle im selben Boot Theater hat sich gewandelt seit Stanislawski, seinem Moskauer Künstlertheater und dem Naturalismus. Nicht nur der Schauspieler ist sich - wie damals - bewusst, dass Publikum anwesend ist - immer öfter wissen es auch die Figuren selbst. Die Menschen werden nicht mehr allein gelassen mit dem Blick auf die Guckkastenbühne und den Schauspielern darauf, die so tun, als befänden sie sich in einem realen Raum. Nein, das Theater nähert sich dem Publikum an, kommentiert das Geschehen, interagiert und kommuniziert mit den Menschen, bezieht sie in die Dialoge ein. Das ist vor allem beim Nachwuchstheater der Fall, das sich bei den Möglichkeiten, die das Theater ihnen bietet, üppig bedient. Das KALTSTART gibt jungen Theatermachern diese Möglichkeit. Das sieht man schon an den Spielstätten. Sie unterscheiden sich von Staatstheatern und Schauspielhäusern, sind kleiner und intimer. Da werden Konventionen gebrochen, wird geraucht und getrunken, da gehen Leute ein und aus. Gleichzeitig wird durch die Verfremdung aber nicht nur Distanz geschaffen, sondern auch eine Intimität erzeugt: Schauspieler und Publikum sitzen im selben Boot. Vielleicht gibt es überhaupt keine Vierte Wand mehr, die man einreißen könnte. Das Theater ist nicht nur ein Ort der Rezeption, sondern auch einer der (wenn auch vermeintlichen) Kommunikation geworden. Das Anblicken der Zuschauer, die Interaktion, die Berührung, das alles sorgt für eine Nähe, die man weder im Kino noch im Fernsehen spüren könnte. Vielleicht reicht das als Alleinstellungsmerkmal für das Theater völlig aus, das sich in einer Medienumgebung behaupten muss, die mit 3-D und virtueller Realität aufwartet. Dort „Industrial Light & Magic“, hier Bertolt Brecht. Die Effekte sind nicht überall gut, manchmal sind sie auch nur Gimmicks, manchmal werden sie ungemütlich – immer aber sind sie eine Einladung des Theaters an sein Publikum, die eigenen vier Wände auch mal zu verlassen.

Kaltstart

Termine
Montag 19. Juli 2010
16 - 21 Uhr // My favourite thing // Anna Zaorska // LOKAL // Open Air Special 18 Uhr / 19 Uhr // Les Eck Flash // Les Eck Flash // Schulterblatt 58 // Open Air Special 18 Uhr // Sturmzucker // Marla Weedermann, Broder Zimmermann // Neuer Kamp 30 (Vorplatz Knust) // Open Air Special 18 Uhr // Weißt du, wer Mister Pink kennt? // Mr. Pink // Haus III&70 Anbau // Fringe 18 Uhr / 20 Uhr // You Make Me Want To Loose You // Antje Hildebrandt // Eingang Schanzenpark (Schanzenstraße/Kleiner Schäferkamp) // Open Air Special 20 Uhr // Bunbury - Ernst ist das Leben // Theaterdiscounter (Berlin) // Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro 20 Uhr // Werther in New York // cinéma des étoiles // 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe 20 Uhr // Land ohne Worte / Zeme beze slov // MeetFactory Prag // Theaterakademie Zeisehallen // Prag Spezial 22 Uhr // Firestarter – Prozess wider die Brandstifter // Ballhaus Ost (Berlin) // Terrace Hill // Kaltstart Pro 22 Uhr // Noise // Handa Gote // Theaterakademie Zeisehallen // Prag Spezial 22 Uhr // Paradies // Landestheater Tübingen // Haus III&70 Club // Kaltstart Pro (Schanzenstraße/Kleiner Schäferkamp) // Open Air Special 20 Uhr // Sitz ich, die man nicht rief, die Siebte! // Irina Vikulina // monsun theater Werkstattraum // Fringe 20 Uhr // Werther in New York // cinéma des étoiles // 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe 20 Uhr // Jim Jones liebt Nelly Diener // Slackers // Foolsgarden Theater e.V. // Fringe 20 Uhr // Liebesgeschichte // Max Reinhardt Seminar Wien // Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro 21 Uhr // Emily // Handa Gote // Theaterakademie Zeisehallen // Prag Spezial 22 Uhr // Das Hotel // Theater K Aachen // Haus III&70 Club // Kaltstart Pro

KFZ
Vorschau

Aus’m Osten wasNeues
Das PRAG SPEZIAL gibt einen Einblick in die alternative Theaterszene Tschechiens
von Alexandra Müller Ein Strauß Rosen, Bücher, aufgestellt in DominoReihen, hinten eine Leinwand. Am Bühnenrand stehen ein Mann im Anzug, ein weiterer Mann in einem undefinierbar ausgebeulten Ganzkörpergummianzug und eine Frau in kurzem weißen Kleid. Plötzlich hat der Anzugmann ein paniertes Schnitzel in der Hand, das er an den Gummimann weiterreicht, der es der Frau gibt. Sie umfasst es sanft, führt es an ihre Wange und streichelt sich. Zu sehen sind Handa Gote, ein tschechisches Kollektiv, das ab heute beim PRAG SPEZIAL zu sehen sein wird. „Das osteuropäische Theater ist in weiten Teilen sehr traditionell, sehr textorientiert. Ich habe nach der freien Szene gesucht, nach experimentellen, alternativen Formen“, sagt Andrea Tietz, die das Spezial kuratiert. Eingeladen ist neben Handa Gote auch ein Projekt der MeetFactory, einem interkulturellen, interdisziplinären Kulturzentrum in Prag. „Die MeetFactory ist wie Kampnagel vor 20 Jahren. Einmalig in der Tschechischen Republik, zu deren Programm gibt es dort nichts Vergleichbares“, sagt Tietz. Aus diesem Programm ist „Land ohne Worte“. Es basiert auf einem Text von Dea Loher, in dem sie eine Afghanistanreise verarbeitet: Eine Malerin hat Krieg, Gewalt und Armut erlebt – und stellt infrage, ob ihre Kunst überhaupt noch Sinn haben kann. Das Stück ist von einem Deutschen inszeniert, die Hauptrolle spielt einer der Stars des tschechischen Films und Theaters, Ivana Uhlířová. „Eigentlich ist es Sprechtheater, aber der Mix des Teams und wie sie das Stück angegangen haben, das fand ich spannend“, erläutert Tietz ihre Auswahl. Handa Gote sind der Gegenentwurf: Sie bewegen sich irgendwo zwischen Tanztheater, Konzert, Performance, Visual Art und Installation. Die Gruppe kombiniert in ihren Shows High-Tech mit selbstgebastelten Instrumenten aus Schrott und Gefundenem „auf sehr tschechische Art und Weise“. Daher auch der Name Handa Gote, japanisch für „Lötkolben“. In einer ihrer Shows werfen sie Tonbandsalat in einen Mixer und streuen die Stückchen dann im Kreis aus, während bizarre Klanglandschaften auf das Publikum eindringen. Hier sind sie nun mit „Noise“ und „Emily“ zu sehen. Das Prag Spezial ist für KALTSTART ein kleiner Blick über den Tellerrand des deutschen Theaters. Und gibt vielleicht auch eine Idee davon, wo internationale Überschneidungen gefunden werden können. Land ohne Worte Mo, 19.07. | 20:30 Uhr | Zeisehallen Noise Mo, 19.07. | 22 Uhr | Zeisehallen Emily Di, 20.07. | 21 Uhr | Zeisehallen

Mittwoch 21. Juli 2010
16 - 21 Uhr // My favourite thing // Anna Zaorska // LOKAL // Open Air Special 17 Uhr / 20 Uhr // Pissoirs // Schaufenstheater // Balkon (Susannenstraße/Bartelsstraße) // Open Air Special 18 Uhr / 20 Uhr // Die Zofen // Lena Schumacher, Franziska Boblenz // Neuer Kamp 30 (Vorplatz Knust) // Open Air Special 18 Uhr // Weißt du, wer Mister Pink kennt? // Mr. Pink // Haus III&70 Anbau // Fringe 18 Uhr // Why I didn‘t become a dancer – everyday you performed for me // Evita Emersleben // Fußweg (Susannenstraße/Bartelsstraße) // Open Air Special 19 Uhr // Warum das Kind in der Polenta kocht // Ballhaus Rixdorf (Berlin) // Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro 20 Uhr // Jim Jones liebt Nelly Diener // Slackers // Foolsgarden Theater e.V. // Fringe 21 Uhr // Meer Rausch! // Lena Kußmann, Laura Jakschas // Bernsteinbar // Fringe 21 Uhr // Während sie // PACK // 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe 22 Uhr // Habe ich dir eigentlich schon erzählt... // Theater Aachen // Haus III&70 Anbau // Kaltstart Pro 22 Uhr // Nach Troja I // Theater Bochum // Waagenbau // Kaltstart Pro

Dienstag 20. Juli 2010
16 - 21 Uhr // My favourite thing // Anna Zaorska // LOKAL // Open Air Special 17 Uhr / 20 Uhr // Pissoirs // Schaufenstheater // Balkon (Susannenstraße/Bartelsstraße) // Open Air Special 17 Uhr // You Make Me Want To Loose You // Antje Hildebrandt // Eingang Schanzenpark (Schanzenstraße/Kleiner Schäferkamp) // Open Air Special 18 Uhr // Das Weiß und die sieben Wege // Diasona // Waagenbau // Fringe 18 Uhr // Koala Lumpur // Staatstheater Innsbruck // Haus III&70 Anbau // Kaltstart Pro 19 Uhr // Les Eck Flash // Les Eck Flash // Eingang Schanzenpark

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Drei Tage wach
Das Max-Reinhardt-Seminar zeigt eine „Liebesgeschichte“
von Clara Ehrenwerth Die „Liebesgeschichte“ des österreichischen Schriftstellers Franzobel feiert einen dreitägigen Liebesexorzismus mit österreichtypischem skurrilen Humor und „katholischer Opulenz und Ausschweifung“, so Regisseur Sarantos Zervoulakos, frischer ReinhardtSeminar-Absolvent. Ihn faszinierte besonders die hochmusikalische Sprache der Vorlage, die er als Auftragswerk für das Wiener „Zorn!“-Festival bearbeitete. Ein sprachlich-formaler Zugriff auf eine rasante Story? Immer her damit!

„Jim Jones liebt Nelly Diener“
Jim Jones: *1931, Gründer der Sekte People’s Temple. organisierte 1978 ein Massenselbstmordevent, bei dem mindestens 900 Menschen starben, darunter 270 Kinder. Nelly Diener: *1912, die erste Flugbegleiterin Europas. Der Beruf war ihr größter Traum. Bei ihrem 79. Flug stürzte sie ab.
von Laura Naumann Mit Jim Jones liebt Nelly Diener zeigen die drei jungen Männer von Slackers einen Abend über das Alle-Möglichkeiten-Haben und Die-richtigen-EntscheidungenTreffen. Slacker: Person, die durch geringe Leitung und mangelnde Anpassungsfähigkeit negativ auffällt. Timo Kocielnik, Luke Malchow und Max MehlhoseLöffler verhandeln in ihrer Inszenierung die Themen und Fragen junger Männer. Wofür soll man sich entscheiden? Wie macht man es richtig? Wie macht man es schön? Szenen aus eigenen und fremden Geschichten fügen sich bei jeder Aufführung verschieden zusammen, enden wird es in der Zivilisierung der Figuren. Man muss etwas finden, was man will. Oder nicht? Im Titel werden zwei Personen genannt, die etwas so sehr wollten, dass sie dafür, der eine aktiv, die andere eher passiv, in den Tod gegangen sind.

Dienstag, 20.07 / 20:30 Uhr / Haus III&70, Saal

Di und Mi, 20. und 21.07. | 20.30 Uhr | Foolsgarden

KFZ
Gut verdrängt ist halb gewonnen
Das Staatstheater Innsbruck inszeniert David Lindemanns 9/11-Groteske „Koala Lumpur“
von Alexandra Müller Ende 2001 schreibt ein Soziologiestudent ein Stück, das nicht von 9/11 handelt. Sondern vom Nicht-sehen-Wollen. „Mich interessiert, wie Menschen sich abschotten, um ihre Identität zu behaupten – und wie das Außen doch immer Einlass findet”, sagt David Lindemann, der 2002 den Dramatiker-Nachwuchspreis beim Theatertreffen gewann. „Koala Lumpur“ nennt Start-Upperin Frau Schmidt den Ort, an dem bis 2004 noch das höchste Gebäude der Welt stand: Kuala Lumpur (heute: Dubai). Da fahren sie und ihr Praktikant Max allerdings nicht hin, die beiden zelten in New York, sechs Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center. In diesem Drama steckt jede Menge: absurder Humor, schräge Situationskomik, die Dekonstruktivisten und jede Menge Verdrängungsmechanismen. „Es ist kein Stück über den 11. September“, sagt Lindemann, „sondern darüber, wie sich ein solches Ereignis in die Sprache hineindrängt.“ Na dann: guten Flug! Dienstag 20.07. | 18.00 Uhr | Haus III & 70

Vorschau

Traum vom stählernen Haar
Zirkuskuppel als Parallelwelt: „Warum das Kind in der Polenta kocht“
von Stephanie Drees „Meine Mutter ist die Frau mit den Haaren aus Stahl – sie lebt in Ohnmacht“ – in Aglaja Veteranyis Roman geht es um das Werden in zwei Welten: Das Zirkuszelt wird zum Sehnsuchtsort für ein Mädchen, dessen rumänische Artistenfamilie versucht, sich einen Platz im neuen Land zu erkämpfen. Die Sprache war es, die Regisseur Fabian Sattler am meisten an dem Stoff gereizt hat. Daher ist die junge Erzählerin die einzige, die in der Bühnenadaption von „Warum das Kind in der Polenta kocht“ sprechen kann. Ihre Welt wird physisch erfahrbar gemacht - von zwei Artisten, deren Körper als Traumfänger in der Kuppel hängen. Manege frei! Mittwoch 21.07. | 19:30 | Haus III &70 | Saal

Kaltstart

Mischpult, Kabel und Magie
Ohne sie läuft nichts. Die KALTSTART-Techniker Bernd Welte und Clemens Reichle bringen im Haus III&70 und im Terrace Hill über 40 Produktionen auf die Bühne. Mit KFZ-Redakteur Jan Berning sprachen sie über Stress, Spaß und die Zusammenarbeit mit den Künstlern
lernt. Nächstes Jahr wird es einfacher.

KFZ

Interview

Clemens Reichle: Und wir haben dieses Jahr viel dazu ge-

KFZ: Stress bedeutet auch: Losfahren, fehlendes Equipment organisieren, rumtelefonieren. Wo kommt denn die Technik her, die ihr verwendet? Bernd Welte: Wir haben uns hier vorab ein externes Lager eingerichtet, hauptsächlich bestehend aus Technik, die wir uns von Bekannten geliehen haben, damit wir nicht schon am Anfang das Budget aufbrauchen. Und es hat auch bisher für jede Produktion gereicht. KFZ: Als technische Leitung seid ihr auch für das Bühnenbild zuständig. Ist es nicht schwierig, hier auf engem Raum den künstlerischen Ansprüchen aller Bühnenbildner gerecht zu werden? Bernd Welte: Die besten Sachen entstehen, wenn Techniker und Bühnenbildner eng zusammen arbeiten, wenn da ein gemeinsames Werkverständnis entsteht. Beim Sammeln

Techniker, die begeistern: Bernd Welt und Clemens Reichle

der Ideen darf die Technik noch keine Rolle spielen. Wenn es dann um die Realisierung geht, wird oft zu schnell das Konzept infrage gestellt. Dabei ist es oft möglich, auch mit kleinen technischen Mitteln etwas Großes zu machen, wenn der Techniker das Kunstverständnis hat, den Künstler mit dem, was er auf der Bühne haben möchte, respektiert und zusammen mit ihm an einer Lösung arbeitet. Bis jetzt haben wir immer eine Lösung gefunden. Clemens Reichle: Es wird selten vorab realisiert, dass die Räume hier keine Theaterräume sind, sondern eher kleine Räume, eher Partylocations. Beispielsweise sollte eine österreichische Aufführung hier im Anbau stattfinden, die aber so unglücklich waren, dass sie dort ihr Konzept nicht umsetzen können, dass wir nochmal die Pläne durchgegangen sind und mit einer anderen Produktion gesprochen haben, die oben im Saal spielen. Es ist jetzt ein wenig mehr Aufwand für alle, aber wir haben es ermöglicht, dass beide Aufführungen im Saal stattfinden können. KFZ: Könnt ihr euch selber neben eurer Arbeit Aufführungen anschauen? Bernd Welte: Klar, wenn wir zwischendurch mal Zeit haben, schauen wir uns auch Aufführungen an. Wir haben ja beide schon in mehreren Positionen am Theater gearbeitet und können das dann auch besser nachvollziehen als der Techniker, den nur seine Kabel und Signalwege interessieren und weniger das, was man auf der Bühne zeigen will.

KFZ: Ihr betreut während des Festivals über 40 Produktionen als technische Leitung. Wie kriegt ihr das hin? Bernd Welte: Wir hatten drei Wochen Vorlauf, in denen wir mit den Künstlern telefoniert haben: Was können wir hier im Haus zur Verfügung stellen, was brauchen sie? Dann haben wir dafür einen Mittelweg gefunden. Da das Festival finanziell nicht übermäßig stark aufgestellt ist, muss mit dem Budget so gehausgehaltet werden, dass es dann für die 46 Produktionen, die wir betreuen, auch reicht KFZ: Betreut ihr die Künstler auch während der Aufführung? Clemens Reichle: Wenn sie das explizit wünschen, ja, aber oft ist das nicht nötig, dann sind wir wieder bei einer anderen Produktion. Wenn wir immer dabei sein wollten, bräuchten wir mehr Leute. Bernd Welte: Das ist auch im Vorfeld von uns kommuniziert worden: Hey, wir sind hier zu zweit, wir versuchen, möglichst viel zu organisieren und zur Verfügung zu stellen. Wir haben auch bisher alle mit einem Lächeln verabschiedet, bisher haben alle Spaß gehabt. Und meistens haben die ja auch Regieassistenten dabei, mit denen wir dann die Technik mit einrichten: Wir erklären am Mischpult, auf welchem Regler welche Stimmung liegt und die fahren dann das Licht und die Toneinspielungen während der Aufführung selbständig. Die kennen die Stücke besser als wir. Klar ist immer einer von uns im Terrace Hill oder im Haus III&70 vor Ort, aber wir müssen da nicht 90 Minuten Händchen halten. KFZ: Und für euch selber: mehr Stress oder mehr Spaß? Bernd Welte: Bisher war es mehr Stress, als wir uns das vorgestellt haben, weil es noch nicht die Struktur hat, die man sich wünschen würde. Aber wir sind aus Spaß am Theater mit dabei, wir fühlen uns im Theater zuhause. Deshalb unterstützen wir das Projekt und tragen unseren Teil dazu bei.

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Yeah, yeah, yeah – aber leise
Ein Besuch im Hotel Pacific, dem Rückzugsort der KALTSTART-Künstler

KFZ

Reportage

der „niedrigsten Preiskategorie“ untergebracht, wie van Riesen es nennt. Toilette und Dusche sind auf dem Gang, „Duschbad“, steht in goldener Schrift an der ersten Tür in dem langen Hotelgang mit dem blauen Teppich. Ganz hinten arbeiten noch die Putzfrauen, Zimmer 107, eines der Künstlerzimmer, ist aber schon fertig. Auf dem Kopfkissen liegt Schokolade, das Fenster geht zur Straße, ein Waschbecken an der Wand, darüber ein Alibert-Badschrank. „Das ist schon nett“, sagt Onciou, „das mit dem Waschbecken am Fußende vom Bett. Besser als das Seemannsheim, in das wir eine Nacht ausweichen mussten.“ „Ich habe auch den Eindruck“, sagt van Riesen, „dass die KALTSTART -Künstler dankbar sind. Auch wenn es nicht die von Jan Fischer Thomas van Riesen macht noch schnell die Klotür im Frühstücksraum zu und holt sich einen Kaffee. Die Gäste sind ausgeflogen in die Stadt. Im Hotel Pacific wird aufgeräumt. Van Riesens Händedruck ist so solide wie der 60er-JahreBau, sein Lächeln subtil verspielt wie der gelb-orange Neonschriftzug, der in Richtung Schulterblatt blickt, auch etwas hanseatisch, wie der Frühstücksraum: maritimes Messing, braunes Holz, leicht abgeschabte Sitzbankgarnituren. Die Fragen beantwortet der Hotelmanager mit Hamburch in der Stimme. Und mit Understatement: Wenn er sagt, dass das Pacific „schon immer mit Klubs in der Umgebung“ zusammengearbeitet habe, sagt er nicht, dass einer davon der StarClub war, und die Beatles hier Stammgäste. Ob die Beatles vielleicht hier, an diesem Tisch...? So lange sei er noch nicht hier, sagt der mittelalte van Riesen mit angedeutetem Lächeln. Aber mit Künstlern hätten sie gute Erfahrungen gemacht. Auch mit denen vom KALTSTART-Festival: „Die sind eher leger“, sagt er, „und ruhig.“ Sowieso ist das Pacific einer dieser Orte, an denen man sich kaum traut, laut zu sprechen. Möglich, dass es mit seiner Geschichte zu tun hat. Vielleicht istes aber auch nur ein Ort, an dem man niemand anderen stören will, auch, wenn gerade keiner da ist außer denen, die gerade noch das Frühstück serviert haben. Von den Beatles hätte er nichts gewusst, sagt Christian Onciou, Regisseur von „Die Nacht vor den Wäldern“. „Aber beruhigend zu wissen, dass solche Leute hier auch mal gewohnt haben, als sie noch nicht soviel Geld hatten.“ Die KALTSTART-Künstler sind in
Fotos: Jan Fischer

luxuriösesten Zimmer sind.“ „In einem Luxusschuppen“, sagt Onciou, „wäre ich mir falsch vorgekommen, das hätte auch gar nicht zum KALTSTART gepasst.“ Von dem Festival

selbst, sagt van Riesen, bekomme man im Pacific gar nicht soviel mit. Von den Künstlern selbst übrigens auch nicht. Und die Zeiten, in denen jemand mal spontan einen Fernseher aus dem Fenster wirft, sind auch vorbei. Genau wie van Riesens Zeit – er verabschiedet sich, gleich hat er noch einen Termin. Im Frühstücksraum wird jetzt nicht mehr geputzt, und als van Riesens gegangen ist, ist niemand mehr da: Das ganze Pacific liegt ruhig, dort, wo sich die meisten KALTSTARTWege kreuzen: Zwischen dem Haus III&70, dem Knust, in Steinwurfweite zum Terrace Hill. Das Festival selbst kommt aber nicht her. Nur die Ruhe nach dem Applaus, die Stille, wenn die Musik vorbei ist, die Konzentration vor dem Auftritt: Das Pacific ist der Rückzugsort für die Künstler des Festivals, die das Glück haben, dort untergebracht zu sein. Zum Abschied winkt der Pförtner nochmal kurz, und die Türgriffe sind tatsächlich kleine Schiffssteuerräder. Direkt dahinter, auf der Straße, in der Stadt, wird’s schon wieder laut.

Kaltstart

Goldene Paarungszeit unter dunklen Discokugeln
Die zwei Performances dis-oriented und Alte Sehnsucht beschäftigen sich mit dem merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Großstädter
von Jan Fischer Dunkle Discokugeln sind Spiegel, die nichts spiegeln. Weil das Licht aufs Publikum gerichtet ist und rhythmisch an- und ausgeht. Worin sich das Licht aber spiegelt, das sind die goldenen Leggins der Performer: Das ist das – wie Barthes es nannte – Punctum: Das, was sich im Hirn verankert. Man Rays Fotomontage „Marquise Cassati“ ist Grundlage für dis-orientend, aber um das Bild, das die Marquise verwackelt mit drei Augenpaaren zeigt, geht es eigentlich kaum: Es geht um Liebesverwicklungen und Machtverhältnisse: Die Performer wickeln sich in Mullbinden und tanzen - sich aus- und einwickelnd - unter den toten Discokugeln. Später spielen sie mit Beamern: Das Gesicht einer Performerin – Lisa Schwab – wird auf das Gesicht des anderen – Christopher Hahn - projiziert: Man Rays Bild live. Ein anderer cooler Effekt: Sie pusten sich gegenseitig computeranimierte Bälle von einer Leinwand weg. Das Punctum von Alte Sehnsucht des Duos Vieux | Maram ist auch golden: eine Jacke mit glänzenden Pailletten, und wäre Vieux dicker, könnte man sagen, sie sei eine Art Discokugel. Ist sie aber nicht, das lässt sich gut sagen, weil die Jacke halb offen ist und sie nichts drunter trägt. Zwischen zwei Projektionen, einer Kamera und zwei Laptops tanzen die beiden durch eine Menge medialer Ebenen, zu spanisch-südamerikanischer Musik. Auch hier wieder: Die Anziehung und Abstoßung des Liebesmagnetismus, es geht weniger um Machtverhältnisse, eher um Erwartungen. Der Tanz, die beschriftete Plastikfolie auf dem Boden, die Kamera, die die beiden filmt und an die Wand wirft, das Video, das nebenbei läuft – „Alte Sehnsucht“ produziert mit Bedeutung aufgeladene Bilder am laufenden Band, und treibt dabei (wie auch „dis-oriented“) einen riesigen technischen Aufwand. Beide Produktionen basteln einen Haufen gewaltiger Rätselbilder zusammen, mehr, als sich erzählen oder entschlüsseln ließe. Die darunter liegenden Geschichten müssen das tragen – aber sie tun es nicht. Die Performances weiden sich lieber an ihren Bildern. Und die sind wie die dunklen Discokugeln: Cool anzusehen. Nur spiegeln sie kaum etwas wider.

Verpassen und Verstehen
Das großartige „Today I am willing to understand“ von Maria Isabel Hagen zeigt: Es lohnt sich, auf die kleinen, unauffälligen Produktionen zu schauen
von Alexandra Müller Bei einem übervollen Festival gehört es dazu, Dinge zu verpassen. Man muss Entscheidungen treffen. Leider heißt das auch, dass Orte, die weiter draußen liegen und Performances, die keinen großen Namen haben, leicht verschwinden. Eine dieser Performances, die großartig, aber schlecht besucht war, hieß „Today I am willing to understand“ von Maria Isabel Hagen. Sie erarbeitete ihr Projekt in Reykjavík, während eines Studienaustausches. Willing to understand waren aber nur vier Menschen (inklusive der Schreibenden), die Freitag um 18 Uhr im Foyer des Monsuntheaters saßen. Hagen begrüßt die Anwesenden, zwei Männer und zwei Frauen, und erklärt, dass es ihr nichts ausmachen würde zu spielen, man könne aber auch zur zweiten Vorstellung wiederkommen. Die Vier wollen bleiben und Hagen führt sie zur Bühne. Dort: ein Holztisch mit Stuhl, um ihn herum ein Quadrat. Dessen Eckpunkte: ein Hocker, auf dem ein Apfel steht, eine schwarze Box, oben offen und zwei vom Publikum abgekehrten Stühlen, mit noch mehr Requisiten. Was Hagen in der folgenden halben Stunde auf Englisch und mit schelmischem Blick erklärt, ist eine Vom-Hölzchenaufs-Stöckchen-Rede, die aber immer um einen Kernpunkt kreist: Woher wissen wir, was wir wissen? Sie kommt von der klischeehaft deutschen Disziplin zu Goethes leerem Schreibtisch, von da aus auf Kants Idee vom „Ding an sich“. Von Kant kommt sie zu ihren liebsten Kartoffelchips (Ringe, die man auf seine Finger stecken kann) und schließlich zu ihren kindlichen Unverständnis, warum „1 Apfel + 1 Apfel = 2 Äpfel“, obwohl die Äpfel doch furchtbar unterschiedlich seien. Und sich auch gar nicht zusammen bringen lassen, wie sie demonstriert, indem sie zwei Äpfel hart aneinander schlägt. So geht es weiter mit Schrödingers Katze, die vielleicht in der schwarzen Kiste sein könnte (tot oder lebendig), so lange, bis alle Gewissheiten samt Apfel und Katze in der Kiste verschwunden sind und Hagen mit einem geheimnisvoll freundlichen Lächeln die Bühne verlässt. Oft haben Stücke Fragen in ihren Ankündigungen, die man in der eigentlichen Show umsonst sucht. Hagen aber hinterfragt wirklich, spielerisch, ihr entspannter Vortrag wirkt nicht wie Theater, ist aber theatral im eigentlichen Sinne: Es entsteht eine Interaktion, egal ob Hagen nun Stücke einer selbst gebackenen Zahl Zwei austeilt oder ihren Zuschauern in die Augen schaut, während sie öffentlich nachdenkt. Schade, dass „Today I am willing to understand“ eine der Performances war, die untergegangen sind. Es lohnt sich, beim Kaltstart-Festival auf die kleinen, unauffälligen Produktionen zu schauen. Hier passiert mehr, als man denkt. Verstanden?

Performative Verwicklung. Foto: Sven Heine

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Scheitern und Erkennen
Eine Erschütterung: “Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten” im Haus III&70
von Khesrau Behroz “Jetzt ist es wohl zu Ende”, sagt eine Zuschauerin, kurz nachdem der Saal im Haus III&70 dunkel wird und die Geschichte von Bjartur und John ihren Schluss findet. Während des gesamten Stücks kommentiert sie alles, als säße man an einem Lagerfeuer und erzählte sich Anekdoten, als würde man verstaubte Fotoalben herauskramen und sie mit anderen teilen, als würde man einer Gesprächsrunde beiwohnen, als wäre man im Kreise der Familie. Tatsächlich ist dieses vertraute Verhalten dieser Zuschauerin insofern verstörend, als dass das Geschehen auf der Bühne in den letzten 70 Minuten eher entfremdet, schockiert und erschüttert hat. Kristofer Gudmundsson und die beiden Spieler Gesine Hohmann und Stephan Stock erzeugen ein gig ist. Muss er sich entscheiden, wählt er seine Unabhängigkeit, wählt die Schafe, die ihm genau das zusichern, setzt sie sogar über seine eigene Frau, die infolge dieser Extreme stirbt und ein kleines Kind hinterlässt. Kurz: Stephan Stocks Bjartur ist sein eigener, selbstherrlicher Herr – bis zur letzten Konsequenz. John Kaltenbrunner, Kleinbauer aus den Vereinigten Staaten, ist Opfer seiner Umwelt, jemand, der nicht zusammenbricht, sondern zusammengebrochen wird, jemand, der den Naturen ausgesetzt ist, den Stürmen, aber auch den Menschen. Am Ende sucht er dann den Aufstand, als Müllmann, als Anführer der Gescheiterten. Bjartur und John gehören zusammen auf die Bühne. Auch wenn sie jeweils anders scheitern: sie scheitern. Sie treffen sich nicht, laufen entweder parallel nebeneinander oder sprechen in dialogischen Monologen, während im Hintergrund die jeweils andere Figur ihren Pflichten nachgeht und auf das Sprechen des Anderen scheinbar reagiert. Gesine Hohmann spielt nicht nur John Kaltenbrunner, sondern zum Beispiel auch die verschüchterte Rosa, Bjarturs Frau. Und dann ist da noch die Stimme aus dem Off. Robert McKee ist kein Gott, aber er spricht vom großen Plan, vom Storytelling, erzählt, dass in Geschichten die Darsteller eine Entwicklung durchmachen müssen, er erzählt von Wendungen und von Klimax, das erinnert ein wenig an Aristoteles, nur moderner und mit mehr Schimpfwörtern zwischendrin. Nur: Wie erzählt man eine Geschichte, in der nichts passiert? Bjartur und John sind Persönlichkeiten, die sich nicht entwiGesine Hohmann als John Kaltenbrunner. Foto: Sven Heine

ckeln, zwei Kleinbauern, die irgendwann stehen geblieben sind, entweder in ihrer Sturköpfigkeit oder in ihrem Frust. McKee ist sowas wie der Antagonist der Geschichte und, wenn man so will, auch ein Gescheiterter: Bei den Figuren stoßen seine Worte auf taube Ohren. Erschütternd an diesem großartig gespielten Stück ist dann wohl tatsächlich die Einsicht, dass sie nicht so viel anders sind als wir: Wir alle kennen Trotz, wir alle kennen Frust. Die Emotionen sind uns bekannt, Stock und Hohmann schreien, dichten, fluchen sich durch das Stück mit großen Gesten und starker Präsenz, nutzen die Holzlatten, um Dinge zu bauen, die dann wieder zusammenfallen, nichts hält, alles fällt zusammen. Am Ende greift Bjartur wieder zum Holz. Die Bühne wird dunkel - wir müssen selbst weiterbauen.

faszinierendes Bild mit ein paar Holzlatten, einem Diaprojektor, mit Nägeln und Bäuchen. Dabei bedienen sie sich bei zwei Romanvorlagen: “Sein eigener Herr” von Halldór Laxness und dem titelgebenden “Monument für John Kaltenbrunner: Vom Schlachten des gemästeten Kalbs und vom Aufrüsten der Aufrechten” von Tristan Egolf. Der erste ist ein isländischer Literaturpreisträger, der andere ein amerikanischer Schriftsteller, der durch Suizid gestorben ist. Beide Geschichten verstören zuerst durch Grausamkeit, man kann sich solche Leben nicht vorstellen, die nur funktionieren müssen, die keinen Platz mehr haben für Abweichungen, die sich aber andererseits auch nichts vormachen, der Sinnlosigkeit dessen bewusst sind, was diese Welt ihnen bietet und genau darin ihr Glück finden, genau danach streben. Bjartur, ein sturköpfiger Kleinbauer aus Island, der aus dem Stegreif reimen kann, ein unverbesserlicher Despot über das eigene kleine bisschen Land, ein grausamer Idealist, der das wohl nicht einmal merkt, schätzt seine Schafe, nennt sie Goldflöckchen, nennt sie Silberblick. Rennen sie ihm mal weg, holt er sie wieder zurück, trotzt allen Widrigkeiten, trotz aller Widrigkeiten. Seine Frau Rosa hingegen heiratet er, weil es eben irgendwann mal sein muss, wenn das Land einigermaßen läuft, wenn man auf eigenen Beinen steht, unabhän

Das ist gut.

.Foto: Jan Hufnagel

Kaltstart

Süßer Sterben mit den Erben
Klaus Gehres Inszenierung von Wolf Haas’ „Komm, süßer Tod“ ist eine modellhafte Bühnenoffenbarung
von Stephanie Drees Die Nicole ist eine Schicke. Verführerisch wiegt sie im bunten Blümchenoverall den Oberkörper und schüttelt das toupierte Haar. Man müsste schon blind und taub zugleich sein, um nicht zu erkennen, dass der Brenner die Nicole heiß findet. Doch vor allem dient sie ihm als heiße Informationsquelle. Also versucht er, sie auf andere Weise rumzukriegen: Während die Nicole ihre Plastikärmchen ordentlich nach hinten verbiegt, löchert der Brenner sie zu einem Thema, bei dem er nur bedingt Spaß versteht: Es geht um Mord. Gleich zwei Mal. Eine Kunststoffleiche nach der anderen: „Jetzt ist schon wieder was passiert“, steht angemessen programmatisch im Programmheft von „Komm, süßer Tod“, der Bühnenadaption des Kriminalromans von Wolf Haas. Die Vorlage ist der in stab. Zwischen all dem Rettungswagen, die durch die Szenerie brettern, als setze Plastikleim die StVO außer Kraft. Rund um den Tisch des Geschehens sind Monitore aufgebaut, die mit Kamera-Close-Ups eine weitere Wahrnehmungsebene ins Spiel bringen. Es ist ein Zoom der besonderen Art. Die Zuschauer können zwischen der filmischen Illusion und der theatralen Ebene hin und her switchen. Figuren werden durch Puppen symbolisiert, deren Kunsthaar auch mal kahle Stellen von der Chemotherapie aufweist, während die Bäckchen munter weiter grinsen. Barbiepuppenbeine stehen für die klischierte Sexyness von Bürofegern, die das dreckige Dutzend, das da vor sich hin mauschelt, verwirren und manipulieren. Bis auch so eine mal dran glauben muss. Das Milieu der Rettungsvereine hat so einige Leichen im Keller. „Kreuzretter“ und „Rettungsbund“ versuchen sich gegenseitig die Omas von der Dialyse weg zu klauen. Im Wort „Sterben“ stecken nicht umsonst auch die Erben. Ein durch und durch hartes Geschäft. Gehre verzichtet - wie die Vorlage - glücklicherweise gänzlich auf jegliche politische Korrektheit. So heißt Brenners Kollege aufgrund seiner Afromatte Bimbo, seine Liebe zu schweren Goldketten wird ihm zum Verhängnis. Der Bimbo wird zum Bimbo, indem Alleinunterhalter, Puppenspieler und Krankenwagenkamikazee Torben Kessler sich eine MinipliPerücke auf den Kopf setzt. Kessler ist auch Hansi, der mit riesigen Glasbausteinen auf der Nase leicht sabbernd mit Brenner Diabetes-Touren fährt. Oder auch die im Samthandschuh steckende Hand der alten Frau Rupprecht. Oder auch
Torben Kessler als Alle. Foto: Sven Heine

eine sprechende Brust, die auf den Monitoren zum Leben erwacht. „Komm, süßer Tod“ arbeitet stark mit Typisierungen. Figuren werden zum Teil auf comichafte Züge herunter gebrochen, ab und an sprudelt der Trash in Form einer ejakulierenden Bierflasche. Genau das ist die große Qualität des Ganzen: Klischees werden clever gebrochen, indem ihre Darstellungsform so unerwartet daherkommt, dass sich eine kaleidoskopische Perspektive auf das Bühnengeschehen ergibt. Die Inszenierung ist weit mehr als das Nachspielen eines Romans. Sie funktioniert als eine Art theatraler Genremix. Puppenspiel, Live-Making-Of und Film vereinen sich aufs Witzigste. Selten war Sterben süßer.

Buchstaben gefasste Nationalstolz, genauso der Film, in dem Josef Hader den durch und durch verkorkst-verwienerten Rettungssanitäter Brenner mimt. Der ehemalige Bulle und Privatdetektiv ist für manche das Beste, was Österreich zu bieten hat. Und es scheint, als punkte man dort mit Brenner als erstem wahren Popfiguren-Exportschlager nach Romy Schneiders Sissi. Dabei ist „Komm, süßer Tod“ als grobes Handlungsgeflecht gar nicht so aufregend. Es passiert zwar am laufenden Band etwas, doch die Ereignisse sind in ihrer Lakonie eher Beiwerk. Hier eine Leiche, da ein Zungenkuss, noch ein Leiche, viele, viele mögliche Mörder und einige Karambolagen. Der wahre Star des Buches wie des Films ist der grantelnde Wortwitz, schillernd im dunkelsten Schwarz und trocken wie Sandkörner, die nach einem Sturm zwischen den Zähnen knirschen. Der Regisseur und Bühnenkünstler Klaus Gehre hat die für die Inszenierung von „Komm, süßer Tod“, die am Schauspiel Frankfurt entstanden ist, etwas sehr Kluges getan: Er lässt der Sprache ihren heruntergekommenen Charme und kontrastiert sie mit einer Kulisse, die im wahrsten Sinne spielerisch funktioniert. Modellbauern müsste der Anblick Tränen der Verzückung in die Augen treiben: Häuser und Straßenzüge auf Miniatureisenbahn-Maß

Regisseur Klaus Gehre an der Kamera. Foto: Ole Westermann

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Unter der Wunde der Hass
Christopher Rüpings Inszenierung von „Philoktet – mein hass gehört mir“ in den Zeisehallen hinterlässt einen tiefen Eindruck
von Jan Berning Wer verwundet ist, der versucht die Wunde zu ignorieren, bis sie sich schließt, die Schmerzen nachlassen, das Blut gestillt ist. Eine Wunde aber, die immer wieder aufreißt und aufgerissen wird, lässt sich nicht leugnen, sie nimmt Raum ein, übt Einfluss aus, auf das Denken des Verwundeten und manchmal auf sein Handeln. Philoktet hat sich eine solche Verletzung auf dem Kriegszug gegen Troja zugezogen, durch den Biss einer Natter. Weil Odysseus und seine Gefährten den Gestank der Wunde nicht mehr aushalten, setzen sie Philoktet, ihren besten, mit dem Bogen des Herakles ausgestatteten Schützen, auf der Insel Lemnos aus. Nach zehn Jahren erfolglosen Kampfes gegen die Trojaner wird ihnen geweissagt, dass sie nur mit Philoktets Bogen die Schlacht gewinnen können. Also beschwört Odysseus Neoptolemos, den Sohn Achills, mit ihm nach Lemnos zu reisen und dem Verwundeten den Bogen abzuschwatzen. lügt.“ So wird Neoptolemos zum Spielball, zum Mittelpunkt der Bühne, mal von Odysseus’ Rüstung im Klammergriff gehalten, mal vom chorisch gesprochenen Text Philoktets und seiner Wunde unter Druck gesetzt. Und während der angespannte Körper Neoptolemos’ von den Streitenden gezerrt, hochgehoben und ruhig gestellt wird, wird er immer mehr zur Projektionsfläche, hinterlässt die Unausweichlichkeit des Scheiterns an der Moral einen entgeisterten Ausdruck auf seinem Gesicht, wie ihn der Pathos des Textes allein nicht herstellen könnte. Es ist ein ungemein intensives, körperliches, fast gewalttätiges Spiel, das unter der Regie von Christopher Rüping entstanden ist. Mal umkreisen die Antagonisten Philoktet auf der Bühne, mal stürzen sie sich über die Gips-Brocken hinab, mal zerreißt ein Schrei das gleichmäßige Stampfen des Textes. Es stehen sich Figuren gegenüber, die keine Sprache mehr teilen, die sperrigen Fragmente der Vorlage von Heiner Müller sich gegenseitig in die Körper stoßen. Sie machen die Dinge über ihr Spiel, über das Metrum des Textes emotional erfahrbar, auch wenn nicht alle Codes und Bilder sich sofort entschlüsseln lassen. Am Ende bestimmt das Publikum: Odysseus muss sterben Dieser mit großer Anstrengung gehaltenen Spannung – nach einer halben Stunde sind die beigen Overalls der Schauspieler komplett vom Schweiß durchtränkt – wird immer wieder eine Ebene zwischengeschaltet, die das Geschehen reflektiert, Raum lässt für Spielereien, etwa eine Art Liebesszene zwischen den zweiten Ichs von Philoktet und Odysseus– „Und dann fragst du mich, ob das eine Geschichte wird mit Anfang,
Aufgerissener Schorf. Foto: Jonathan Merz

Mitte und Ende, mit ganz viel Liebe“ – um dann umso härter in das Ringen um das Recht auf Hass und das Recht auf Leben einzusteigen. Der entscheidende dieser Meta-Momente ist der, in dem Neoptolemos die Zuschauer bittet, ihm zu helfen: Je eine schwarze Murmel, die sie vor der Aufführung erhalten haben, sollen sie entweder einem Säckchen mit der Aufschrift „Philoktet“ oder „Odysseus“ zuteilen. Eine Waage wird hervorgeholt: Die Abstimmung rettet Philoktet das Leben, Odysseus und die Griechen müssen sterben. Die Zuschauer werden am tragischen Dilemma des Protagonisten beteiligt, machen die Last des Gewissens Neoptolemos’ zu ihrer Last und schreiben die Geschichte um: „Keiner kehrt zurück, keiner schießt auf Troja, keiner erfindet ein hölzernes Pferd, Geschichten werden überschrieben, Helden gelöscht, unsere Geschichte wird nichts werden“. „Philoktet“, ist eine der Inszenierungen des Festivals, die in Erinnerung bleiben werden, weil sie es vermag, einen tragischen Bühnen-Konflikt zu unserem privaten Konflikt werden lassen, weil sie ein neues, intuitiv erfahrbares Bild findet für eine alte Geschichte. Und weil sie diese Geschichte nicht nur erzählt, sondern den Zuschauern einschreibt, sie in diese Geschichte hinein zwingt.

Die Insel in der Inszenierung in den Zeisehallen (uraufgeführt wurde des Stück auf Kampnagel) besteht aus einer Tribüne inmitten der Zuschauer. Philoktet (Benedikt Greiner) ist einsam, aber er hat sich arrangiert, findet es geil, wie er sagt. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn Philoktet besteht aus zwei Personen und wird von seinem alter Ego, seiner Wunde (Natalia Rudziewicz), bedrängt. Er wird zuund abgerichtet, auf die Worte des Textes, das gleichmäßig zehrende Metrum, von seinem anderen Ich, das sein Kinn festhält, ihn in den Zorn seiner Rolle zwingt. Auch Odysseus (Isabell Geibeler) tritt zu zweit auf, wirft sich mit seiner personalisierten Rüstung (Jacob Leo Stark) auf die Insel, um mit schweren Stiefeln die Gipsplatte zu zerstören, schreiend – „brutal, genial, egal, anal“ – den Schorf aufzureißen, das Land aufzutrampeln. Ein intesives, körperliches, fast gewalttätiges Spiel Zwischen den beiden Helden steht Neoptolemos (Wiebke Mollenhauer), der die Griechen retten will, aber nicht den Philoktet betrügen. „Zum Helfer bin ich hier, zum Lügner nicht“, gibt er Odysseus Bescheid. Der aber fordert unbedingten Gehorsam: „Doch braucht es einen Helfer hier, der

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Gute Böse
von Clara Ehrenwerth

Kritik

Die Phänomenologie des Rammlers
Gestaltungsweise suchen Meister Lampe im Konfetti: „Das kleine Hasenstück“ im Monsun-Theater
von Stephanie Dreest Für was muss der Hase als Projektionsfl äche alles herhalten: Ängste und Triebhaftigkeit, Opferposition, aber auch Schnelligkeit und Fruchtbarkeit.Hier beginnt alles recht harmlos: Eine junge Frau fährt auf Rollschuhen, im Hasenganzkörperkostüm, auf die Bühne. Mitgebracht hat sie ihren Zauberkoffer, ein bisschen Glitzerpuder und eine traurige Geschichte: Fast wäre sie im Kochtopf gelandet. Da liegt der Hase im Konfetti: Die Tragik des Clowns wird thematisiert, inklusive manischem Ausbruch und einem leicht schizophrenen Rein-Raus wie beim Boulevardtheater. Doch was scheinbar vorhersehbar beginnt, wird in einer skurrilen, körperlich präsenten Revue (Spiel: Anjorka Strechel) immer vertrackter. Texte von über die Herrschaft, die Mehrheit und die Minderheit werden mit erigiertem Gewehr und bösem Jägergesicht rezitiert. Hier geht es immer auch um das Existentielle. Und das Existentielle, das ist nun mal von Grund auf etwas Menschliches, denn auch wenn dieser Hase mindestens so viel redet wie er rammelt, weiß er die Grenzen des eigenen Bewusstseins durchaus zu reflektieren. Und so hindert ihn nichts, auch mal Nietzsche zu zitieren. Oder eine kleine Hierarchie der darstellenden Kunst am Stadttheater aufzumachen: Mit Bunnys in verschiedenen Größen, die für die heilige Trias Intendant, Regisseur und Dramaturg stehen. Dann erst kommt der Schauspieler, das arme Hasenschwein. In diesen Momenten funktioniert die Inszenierung am stärksten: Wenn Regisseurin Kathrin Mayr die Häsin einen goldenen Passions-Bilderrahmen schultern lässt, dann zieht sich die Schraube der Absurdität soweit an, dass der Rammler selbst zum Ausgangspunkt für Assoziationsketten wildester Art wird. Falscher Hase? Mit Vergnügen!

„Glaube Liebe Hoffnung“ – Die Landungsbrücken Frankfurt machen’s dichotomisch

Im Theater, ach: in der ganzen Kunst wird ja immer gerne an den gesellschaftlichen Verhältnissen gescheitert. Da steht dann ein kleines Individuum in der Mitte und reckt die Faust des Gerechten in die immer dünner werdende Luft, während ringsherum ein Tableau von aus den unterschiedlichsten Gründen unsympathischen und moralisch falsch eingestellten Figuren die Schlinge immer enger zieht, bis das Individuum ganz von selbst vom Schemel springt. Vom Tableau darf man dann noch ein paar zynische Bemerkungen erwarten, denn, ach: die Welt, sie ändert sich nie. Die Blütezeit dieses Sujets war – nicht weiter verwunderlich – die Weimarer Republik; dem Umstand, dass dies zugleich eine Blütezeit der satirischen Überhöhung und sprachlichen Noblesse war, ist es zu verdanken, dass sich Stücke wie Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ noch immer großer Beliebtheit erfreuen. Hier ist es wie anderswo: Auf der einen Seite die unschuldige Unglückliche, auf der anderen ein Konglomerat sozialer Niederträchtigkeiten. In der Inszenierung, die die Landungsbrücken Frankfurt bei KALTSTART zeigen, wird diese Dichotomie im Bühnenaufbau überbetont: In der Mitte steht, mit blondem Haar und zarter Geste, Elisabeth (Maja Hofmann), die von den Verhältnissen Untergebutterte; die Verhältnisse, die stehen ihr zur Linken und zur Rechten, zwei Schauspielerinnen, die an diesem Abend alle anderen Figuren spielen, hoch aufgeschossene Pferde mit festem Stand auf hohen Stiefeletten, gebändigten Mähnen und bauchnabelkurzen Blusen. Die Innenseiten ihrer Augenhöhlen glänzen silbern: aufgeschminkte Zwicker. Die hohen Rösser (Lisa Hofer und Sophie Melbinger) spielen als unerschütterliches Duo chorisch, werfen sich gegenseitig die Rollen zu und kosten jede Gemeinheit gegen die tiefer sinkende Elisabeth genüsslich aus, so temporeich, dass sich ob der geballten Fiesheit und Ignoranz ein leichter Schwindel einstellt: Das sind keine Individuen mehr – das ist eine Weltmaschine! Die Gesellschaft als „Die Gesellschaft“ in zwei identischen, aufeinander abgestimmten Körpern zu stereotypisieren, das ist der Geniestreich der Inszenierung (Regie: Tim Egloff) – er kann als Kommentar auf den ewigen „Gut – böse“-Aufbau des Sozialdramas gelesen werden. „Ein kleiner Totentanz“ – so hat von Horváth sein Stück 1932 untertitelt. Den mittelalterlichen Darstellungen entsprechend sprechen auch die drei Todgeweihten dieses Abends meistens nach vorne, sprechen warm (Elisabeth) und kalt (Die Anderen) ins Leere, ins Gottverlassene – dem Zuschauer ist es eine Lust und ein Schauer zugleich.

Anjorka Strechel hält die Ohren steif. Foto: Sven Heine

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Mein Verstärker geht bis 11
Felix Meyer-Christian dreht in „Faust II – ende“ die Regler zu weit auf

von Stephanie Drees “end-station: (wirklichkeit)” ist nicht “Endstation: Sehnsucht”. Wirklich nicht.

Bitte die Darlings killen!
von Khesrau Behroz

Der Schwanz war ganz sicher sehr real. Und auch die Art, wie der Schauspieler hinterher durch den Raum gegangen ist, nach der Aufführung, mit dem Selbstbewusstsein einer Person, die gerade ihren Schwanz auf der Bühne gezeigt hat, auch. Wie sie im Stück Realität konstruierten, aus ihren Rollen gingen und sich selbst beschrieben, von außen betrachteten, die Bühne verließen: Da wurde von Regisseur Gernot Grünewald wirklich alles ausprobiert: Projektionen, intermediale Verwebungen, Geschrei, Blut, Vergewaltigung - alles drin, knapp an der Grenze zum Regie-Porno, wo man denkt, dass man da eigentlich
Faust dreht am Rad. Foto: Sven Heine

auch ein paar Darlings hätte killen können. Alles sah toll aus, wurde wunderbar gespielt, viele schöne Ideen, Effekte, Effekte, Effekte. Aber der alte Tennessee Williams ist dabei ein bisschen untergangen.

von Jan Fischer Auf der Bühne ist Faust zweimal. Klar: zwei Seelen, Brust, etc., aber das ist es dann eben, das Problem. Der Reihe nach: Eine alte Frau setzt sich und liest den Anfang vom Ende von Faust II vor. Dann betritt der Rest der Bande die Bühne: Mephisto, Faust I (Sprecher), Faust II (Tänzer), einer, der den ganzen anderen Kram macht, ein Bassist. Felix Meyer-Christian inszeniert mit seiner Costa Compagnie in „Faust II – ende“ das Ende von Faust II, das ist, wo Faust –kurz gefasst – ein Landgewinnungsunternehmen betreibt, sich gottgleich gebärdet und nochmal die Catchphrase mit dem Augenblick sagt. Meyer-Christian klopft den Text auf Kapitalismuskritik ab, im Großen und Ganzen funktioniert das ganz gut, manchmal wirkt es forciert und draufgesetzt, unentschieden zwischen der Kritik an industrieller – was der Faust-Text hergibt - und postindustrieller – was man erstmal reinbauen muss - Gesellschaft: Auf der Bühne steht eine Alu-Fahrradfelge, an der immer mal jemand dreht: Das alte Industriebild. Faust I sagt was davon, dass alle Alt-68er verschwinden sollen, am Ende wird noch Bukowski gesprochen: Schönen Gruß an die postindustrielle Gesellschaftskritikverwurstungsmaschine. Währendessen steht die alte Frau auf der Bühne, kaspern Faust I und Mephisto ihr Ding ab, tanzt Faust II seinen Körper schweißig, quält der Bassist seinen Saiten strange Sounds ab. Beide Fäuste werden im Laufe der Szene immer nackter, und das ist, wo das Problem anfängt: Faust II, der Tänzer, zieht Hemd und Hose aus, drunter trägt er Hugo-Boss-Unterwäsche. Das Hemd hätte gereicht, um klarzumachen, wie sehr er seinen Körper runterrockt. Mephisto trägt rote Leggins und steckt sich ständig Finger in den Mund. Eines davon hätte gereicht, um Mephisto zu sexualisieren. Usw. usf.: Meyer-Christian inszeniert punktgenau und produziert ganz wunderbare Bilder – aber er ist immer eins drüber: Der Bass ist ein wenig zu pathetisch. Die physische Unfassbarkeit des Tanzes ist ein wenig zu sehr ausgestellt. Als regelte da jemand seinen Verstärker auf das Lauteste, was geht: Klingt stellenweise geil, kippt aber auch manchmal in übersteuerten Brei.

Kopf an Fuß an Kopf
Die Performance „Während sie“ schlängelt sich in Richtung Individuum
von Clara Ehrenwerth Der 13te Stock, der dann doch nur im zweiten Stock über der Bar Rossi liegt, kommt an diesem Abend irgendwie regenzeitmäßig rüber. Hier oben ist die Luft frisch wie nach einem Tropenschauer, die Terrassenpflanzen werden von der matten Abendsonne beleuchtet. Dazu passt auch der zehn Meter lange Regenwurm, der sich die Wände entlang schlängelt. Kopf an Fuß an Kopf finden fünf Spieler in dem grünen Stretchstoffschlauch Platz, der sich kriechend in Bewegung setzt, sodass verzerrte Bilder eines kollektiven Körpers entstehen, die Glieder zum großen Leib verschmolzen. Anfangs läuft noch alles wie am Schnürchen – bis ein Emanzipationsschub den Körper erschüttert, sich das Kollektiv in Individuen spaltet. Von deren anschließender Suche nach Identität und nach Möglichkeiten des freien Zusammenseins freier Persönlichkeiten erzählt die schnalzende, brummende und singende Performance „Während sie“. Die Gruppe PACK, hauptsächlich bestehend aus Theater- und Medienwissenschaftsstudenten verschiedener Universitäten, zeigt bilderstarkes, abstraktes Theater, das den Raum für eigene Assoziationen und Interpretationen ganz weit öffnet. Und weil am Mittwoch nochmal die Gelegenheit besteht, die Körperstudie zu sehen, soll an dieser Stelle auch nicht weiter rumgedeutet werden. Mi 21.07. / 21:30 Uhr / 13ter Stock (Bar Rossi)

Kaltstart

Listig,listig!
Eine Woche rum – Wir feiern Bergfest! Hier gibt‘s das „KALTSTART so far“ in Listen
gesammelt von Laura Naumann und Johannes Schneider. seelischen Verfassung zu sehen, sehr beeindruckt.

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Charts
Die Top-5-Publikumssätze vor der Vorstellung
1. „Doch, mein Therapeut hat gesagt, dass mir das hier gut tut“ - weil uns der Mut, „Woyzeck“ in jeder (aber auch wirklich jeder) 2. „Kann da nicht rauf, hab‘ Rücken“ - weil körperliche Gebrechen

Die Top-5-Kostüme
1. Die haarigen Monstermasken von „Reckless Factory“ - weil ihre rot leuchtenden Augen direkt die Seele der verderbten Seite der Kulturwelt widerspiegeln. 2. Die gelben Handschuhe des Arztes bei „Woyzeck“ - weil der Hausfrauencharme eine schöne Brechung zur anorganisch-menschenfeindlichen Rolle ist. 3. Die komplette Ausstattung von „Hell above and Heaven below“ - weil sie es schafft, die Stimme von Tom Waits in Kostüme zu packen und dabei auch noch KISS zu zitieren. 4. Die vier nackten Geschwister im Schlussbild des „Zementgartens“ - weil es da mal nicht um Drastik, sondern um Intimität ging. 5. Der Schlüpfer der „Ponydressing“-Spielerin – weil damit Cheerleader-Erotik endlich auf deutschen Bühnen angekommen ist.

zwar eigentlich ebenso wenig lustig sind wie seelische, wir der Dame aber glücklicherweise sagen konnten, dass zum „Terrrace Hill“ ein Aufzug fährt. 3. „Heute wird‘s ein bißchen punkig“ (Regisseur Ralph Reichel in seiner Ansage vor „Schiller feiern“) - weil das den Unplugged-Gedanken des Festivals auf den Punkt bringt. 4. „Nach dem Theater ist vor dem Theater“ - weil es den Charakter des Festivals treffend beschreibt und zu jedem Zeitpunkt passt. 5. „Wo wird denn hier gleich eigentlich gespielt?“ - weil dito.

Die Top-5-Publikumssätze nach der Vorstellung
1. „Ich glaube, die Analverletzung hat sie sich im Buch nicht auf einer Kuh zugezogen“ - weil der Abgleich zwischen Romanvorlage und Inszenierung auch im Fall der „Feuchtgebiete“ diskutiert sein muss. 2. „Mein eigener Fußgeruch hat mich heute ein bisschen rausgebracht“ - weil man sich damit auch vor den Umsitzenden bekennt und (indirekt) entschuldigt. 3. „Jetzt ist es wohl zu Ende“ beim Fade Out der Lichter am Ende von „Vom Schlachten...“ - weil man so ein echt schönes, ruhiges Theaterende verderben kann. 4. „Schade, ich dachte, das wäre mit echten Ponys!“ – weil „Ponydressing“ ja gezeigt hat, dass man auf Dauer auf Steckenpferden nicht reiten kann. 5. „LUFT!“ - weil das Leben in diesem Sommer an sich sehr existentiell ist.

Die Top-5-Zitate
1. „Ein Kaffee, ein Kognak, ein Stück Scheiße und ein normales Gespräch, bitte!“ aus „WER...[binichich]“ - weil es exakt unsere Bedürfnislage trifft. 2. „Die Jungs sind fit!“, gesagt von Agamemnon aus der „Ilias“, während er den Playboy liest - weil als Antwort auf die Frage, wie es mit dem Heer stehe, man müsse doch jetzt Troja angreifen. 3. „Der Diskurs hat mich ganz angegriffen“ vom Hauptmann im Woyzeck - weil wer sich mit diesen Worten aus der Affäre zu ziehen weiß, gute Chancen hat, Bundespräsident zu werden. 4. „Du bist auch Teil der Gesellschaft, Mama“, vom Tonband am Anfang der Performance „das beste dass sich an diesem festival anmeldet (wirklich)“ - weil das die Wahrheit ist und Mama dann irgendwas antwortet, das wie ein erstauntes „Ja“ klingt. 5. „ ... und wem das an dieser Stelle zu heiß wird, der kann jetzt gerne gehen!“ (Vom Schlachten des gemästeten Lamms) - weil wir nie erfahren werden, ob das Text war oder den Memmen hinterhergeschrien wurde, die aus Schwitzgründen den Saal verlassen hatten.

Die Top-5-Places to be auf dem Festival
1. Das HausIII&70 - weil es einem Festivalzentrum am nächsten kommt. Und weil man sich im Anbau den Monstern stellen muss. Und hinterm Haus dem lustigen Grillpersonal. 2. Die Terrasse vom Terrace Hill - weil wir ohne sie nie einen Überblick über Hamburg bekommen hätten. Und weil man da mit einem Festivalgetränk und den Festivalfreunden glücklich und sentimental in die Ferne gucken kann. 3. Der Fotoautomat am Haus III & 70 - weil Sich-zu-viert-in-denPassfotoautomat-Quetschen schon immer der größte Spaß war. 4. Die Hamburger Botschaft - weil die Leute hier selbst beim Fußballgucken konzentriert sind. Und weil während der Vorstellung keine Getränke ausgeschenkt werden. 5. Das „LOKAL e.V.“-Pressehaus in der Max-Brauer-Allee - weil es das beste Zuhause ist, das man in Hamburg haben kann. Trotz kaltem Wasser und einer Hexe im Keller.

Die Top-5-Festivaldrinks
1. Lütauer Rhabarberschorle - weil bodenständig, erfrischend, geil und sauer macht lustig. 2. Viva con Agua - weil das, worauf die Welt noch gewartet hat, ein Szene-Mineralwasser ist. 3. Astra - weil es zwar nicht gut schmeckt (uns zumindest nicht), aber der Kater am nächsten Morgen ein vertrauter Freund ist. 4. Gin Tonic - weil er so schön phony ist, aber mit Zitrone drin auch wieder down to earth. 5. Piña Colada – weil Kokos und Frucht Sommer, Sommer, Sommer bedeutet. Jedenfalls für Mädchen.

Die Top-5-Festivalgeheimnisse
1. Dürfen wir leider nicht verraten - weil: siehe 2. 2. Ist leider geheim - weil: siehe 3. 3. Wie gesagt, leider geheim - weil: siehe 4. 4. Geheim! - weil: siehe 5. 5. Reicht jetzt!

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Zeig uns dein Gesicht!

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People

Auch, wenn es sich nicht so anfühlt: Die Hälfte des KALTSTART ist schon vorbei. Zum Bergfest haben wir Beteiligte, Besucher, und Leute, die wir zufällig auf der Straße gefunden haben, gebeten, uns ihr KALTSTART-Gesicht zu zeigen.

Fotos: Jan Fischer

Kaltstart

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Vegetarischer Fleischsalat
von Jo Schneider Der Chefredakteur ist - neben vielem Anderen - auch ein Pragmatiker des Zeitungsmachens: Traumwandlerisch erkennt er die Notwendigkeiten einer kohärenten Produktion, intuitiv weiß er, wann noch wie viel zu welchem Thema zu schreiben ist, mit welchem Dreh und in welchem Rahmen. Die Berichterstattung zur KALTSTART-Autorenlounge an diesem Wochenende etwa möchte er eher knapp halten, da wir im Vorfeld ausführlich über die Stücktexte berichtet haben (siehe KFZ #3) und „bei den szenischen Lesungen ja so viel auch nicht dazu kommt“. Aber irgendwas „zum Abbinden“, sagt er (und er sagt nur so schöne Dinge), wäre dann doch gut ... Schreiben wir also im Rahmen dieser kleinen Mondamin-Kolumne zum Abbinden genau darüber: über szenische Lesungen und wie wenig in ihnen noch „dazu kommt“. Denn in der Tat finden auch wir diese gerade bei den Stückemärkten landauf, landab (aus Kostenund Zeitgründen) so beliebte Form überaus zweifelhaft. Dass szenische Lesungen wie vegetarischer Fleischsalat sind, haben unsere stetig fabulierenden Hirne allzu oft gedacht, während vor unseren Augen Schauspieler mit Textblättern in der Hand eine karge Möblierung über Studiobühnen schubsten. Inszenatorische Mayonnaise ist da, aber es fehlt an genuin theatraler Fleischeinlage. Obwohl die Diskriminierung von Zwittern sonst nicht das Vereinslokal unser gendertheoretisch versierten Clique ist, müssen wir in diesem Fall doch Zweifel an der Existenzberechtigung dieses Trans-Wesens anmelden. Denn: Wenn wir einen Text als Text erleben

Kolumne:
Affektierte Effekte IV

wollen, lesen wir ihn, auch Dramen, sehr gern sogar. Und wenn wir Theater erleben wollen, gehen wir ins Theater, und da hat bitteschön niemand ein Textblatt in der Hand zu haben, da hat niemand „Ähhh, Moment, wo war das jetzt nochmal?“ zu sagen, es sei denn, es bestünde eine konkrete theatrale Notwendigkeit. Ich glaube, darauf können wir uns einigen. Prinzipiell. Andererseits wären wir aber auch die Letzten, die sich nicht gelegentlich selbst zu den letzten Idioten erklären würden (etwa: „Gendertheoretisch versierte Clique – was soll denn der Scheiß schon wieder???“). Wir wären auch die Letzten, die sich nicht gelegentlich vom Gegenteil überzeugen ließen: etwa, wenn bei der KALTSTART-Autorenlounge Ivna Zic Laura Naumanns „Demut vor deinen Taten Baby“ klug in den Raum übersetzt. Wenn Josef Hader an der Seite von Pia Hierzegger bei deren Stück „Schweinehunde. Im Hintergrunde Grillparzer“ zeigt, dass ein guter Schauspieler immer, immer, immer Spaß bereitet. Oder wenn Claudia Grehn und Darja Stocker gemeinsam mit den Schauspielerinnen Theresa Henning und Karen Dahmen die Lesung ihrer Stückentwicklung „Die herrschende Meinung“ zu einer semi-dokumentarischen Agit-Prop-Nummer ausbauen. Wir fragen uns an dieser Stelle natürlich sofort „Ist das überhaupt noch eine szenische Lesung?“ Ebenso, wie wir uns ja sonst immer in solchen Situationen fragen: „Ist das noch Theater?“ Womit die beiden - theatrale Inszenierung und szenische Lesung - noch etwas mehr gemeinsam hätten als sowieso schon.

IMPRESSUM Die Festivalzeitung KFZ zum KALTSTART HAMBURG 2010 wird herausgegeben vom Kaltstart e.V. Redaktion: Khesrau Behroz, Jan Berning, Stephanie Drees, Clara Ehrenwerth, Jan Fischer, Alexandra Müller, Laura Naumann, Jan Oberländer (V.i.S.d.P.), Johannes Schneider. Titelfoto: Sven Heine Gestaltung: www.kirschcake.net. Auflage: 500. Redaktionsblog unter www.kaltstart-hamburg.de/blog. Schreibt uns unter kfz@kaltstart-hamburg.de. Face-to-face: Lokal, Max-Brauer-Allee 207, 22765 Hamburg Mit freundlicher Unterstützung von: