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Stephan Steiner, 8702257

UE Mensuralnotation singen - Aufführungspraktiken reflektieren: Aufgabe 3
Sarah Potter konstatiert in ihrer Dissertation1 eine breite Kluft zwischen dem
akademischen Wissen über historische Gesangsstile einerseits und der andrerseits
noch kaum vorhandenen praktischen Umsetzung dieser Erkenntnisse durch
SängerInnen, die durch eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und
Musikpraxis wie auch eine – bisher vernachlässigte – eingehende Beschäftigung mit
historischer Gesangstechnik überwunden werden könne.2 In ihrer Dissertation, die
Gesangspraktiken und -techniken des Langen 19. Jahrhundert (die Zeit von der
französischen Revolution bis zum 1. Weltkrieg) erforscht, arbeitet die Autorin
konsequenterweise interdisziplinär: Sie führt historische Quellen – etwa Lehrwerke,
Beschreibungen und Korrespondenzen zur Singstimme aus dieser Epoche – mit
aktuellem Wissen zur Physiologie der menschlichen Stimme und mit Analysen von
Tonaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert zusammen und ergänzt das mit einem
Experiment, mehrere Sängerinnen auf Grund dieses Wissens im Stile genannter
Epoche singen lernen zu lassen und die Resultate aufzunehmen, um sie wiederum mit
den historischen Aufnahmen vergleichen zu können.
Ebenfalls interdisziplinär arbeitet Potters Fachkollegin Helena Daffern in ihrer
inhaltlich verwandten Dissertation, die sich mit den Charakteristika von
Gesangstechniken bei Alte-Musik-Spezialistinnen beschäftigt3. Daffern vergleicht
dabei auf historisch-philologischem Weg gewonnene Erkenntnisse zu historischem
Gesang mit von ihr experimentell gewonnenen Daten zu heutigen Gesangspraktiken:
Sie nahm dafür Opernsängerinnen wie Alte-Musik-Spezialistinnen auf, um
physiologische und akustische Eigenschaften von deren Gesangsstil und -technik
vergleichen zu können, dokumentierte die Tätigkeit des Stimmapparats bei der
Aufnahme mit einem bildgebenden Verfahren (Elektroglottograph) und analysierte
die erhaltenen Schallaufnahmen (z.B. spektrographische Analyse mittels der Software

1 Potter, Sarah: „Changing Vocal Style and Technique in Britain during the Long Nineteenth Century“, PhD thesis
University of York 2014
2 Potter 2014, S. 2f.
3 Daffern, Helena: „Distinguishing Characteristics of Vocal Techniques in the Specialist Peformance of Early Music“,
PhD thesis University of York 2008

Helena Daffern kommt in ihrer Arbeit zum Schluss. innerhalb vor allem der erstgenannten Gruppe auch stärkere Individualisierung. S.who cares?“. . wo parallel zur Praxis eine rege Forschungstätigkeit stattfand. S. 28f. wie alte Musik korrekt interpretiert werden solle. Dabei wurden von den frisch zu Alte- Musik-SpezialistInnen erhobenen SängerInnen zwar Zugeständnisse an vorherrschende Erwartungshaltungen. um Instrumentalensembles zu ermöglichen. auch Werke mit vokaler Beteiligung aufführen zu können8. auch weil es weder “physische noch auditive Beweise”7 für Gesang früher historischer Epochen gibt. etwa Portamento.PRAAT). XXVI (2002). S. S. Spieltechniken und Stilistik von Instrumentalspiel so gut wie möglich zu rekonstruieren. 24 nach Wistreich. 2 12 Potter 2014. dass es. 23 8 Daffern 2008. um aus der Deutung erhaltener Quellen und Instrumente Klang. S. wenig Unterschiede in der Gesangstechnik zwischen Alte-Musik-SpezialistInnen und OpernsängerInnen gebe: Zwar fänden sich stilistische Unterschiede zwischen beiden Gruppen. S. S. 28 6 Daffern 2008. Basler Jahrbuch für historische Musikpraxis. gab es zu historischen Gesangstechniken erst später und zunächst wenige Forschungen5 – SängerInnen orientierten sich demnach an stilistischen Erkenntnissen zur Instrumentalmusik6. S. 19 9 Daffern 2008. 14 5 Daffern 2008. andere historisch verbürgte Gestaltungselemente. Jahrhundert aufkam12.4 Hintergrund beider Arbeiten ist das eingangs erwähnte Problem. 28f. S. S. gemacht – es wurde leiser und weniger forciert gesungen als heute üblich9. generell praktizierte Kehlkopfsenkung erst im 19. Singstimmen traten ins Alte-Musik-Revival zudem nur aus pragmatischen Gründen ein. das bei Aufführung alter Musik offensichtlich zu wenig Augenmerk auf Quellentreue gelegt werde: Während das Alte-Musik-Revival zunächst von InstrumentalistInnen ausging. wurden aber ebenso negiert11 wie das Faktum. 2 11 Potter 2014. 7 Daffern 2008. dass die heute als Mittel. Kadenztriller verwendet10 –. der Einsatz von Vibrato reduziert. Richard: „Practising and teaching historically informed singing . wie sie vermutet hatte. das Stimmvolumen zu maximieren. 26 10 Potter 2014. diese hätte jedoch vor allem mit dem musikalischen Werdegang 4 Daffern 2008.

wie auch sehr variable Tempi als Ausdrucksmittel.2017) 19 https://www. ist ein nach heutigen Maßstäben sehr flaches Vibrato. auf „vorexistierenden Werten und Erwartungen in der Ausbildung in Konservatorium oder Kammerchor“. sowie immer wieder ein Einfärben des Stimmklangs. S. 162 16 https://www. wenngleich auf Grund der Aufnahmequalität schwerer zu erfassen. welche davon sie wo und wie oft einsetzten. Diese Beobachtungen stehen in Einklang mit stilistischen Charakteristika. ist eine Ergänzung durch andere Aufnahmen aufschlußreich wie reizvoll – für „Voi che sapete“ etwa diejenigen von Luisa Tetrazzini18 (aufgenommen 1907) oder von Nellie Melba (1907 und 1910)19: Es zeigt sich. im Gegensatz zur heutzutage üblichen Norm.4. Darüber hinaus. die für heutige HörerInnen eher befremdlich wirken. S. in diesem Fall für deren Spätzeit) sein kann. 168 18 https://www. sofort auf: Ein deutliches Verschleifen vieler Tonübergänge (Portamento).com/watch?v=BuLN9xJpisc (besucht am 22. https://www.com/watch?v=G4hrwinyLEQ bzw.com/watch?v=r1fIdT3QG4E (besucht am 20. das im Gegensatz zur aktuell üblichen Praxis nicht durchgehend eingesetzt wird. die Sarah Potter als typisch für das Lange 19. etwa die 1905 entstandene Version von Mozarts Arie „Voi che sapete“ der Sopranistin Adelina Patti16. Abgesehen vom langsamen Tempo fallen zwei Stilcharakteristika.youtube. im Detail gibt es aber merkliche individuelle Unterschiede. dass diese Sängerinnen zwar dieselben Gestaltungsmittel wie Patti verwendeten. Jahrhundert aufzählt17. Für Potters Arbeit sind frühe Aufnahmen von Opernarien wichtig. Historische Tonaufnahmen versetzen uns in die Lage. ältere Aufführungspraktiken kennenzulernen. 301 15 Potter 2014.youtube.(etwa bei Alte-Musik-SpezialistInnen aus dem Chorgesang) zu tun13.2017) . S.4.4. Bei beiden Gruppen basierte die eingesetzte Technik eindeutig auf heutigen Auffassungen von “klassischem Gesang”14. wo gemäß dem heutigen Verständnis von bel canto für alle Passagen ein einheitlicher Klang angestrebt wird. wie Potter Dafferns Erkenntnisse zum Thema zusammenfasst15.youtube. 13 Daffern 2011. 301 14 Daffern 2011.2017) 17 Potter 2014.youtube.com/watch?v=6dWzZevXilA (besucht am 22. Da eine einzige Aufnahme kaum repräsentativ für den Gesangsstil einer gesamten Epoche (bzw. zu erkennen. S.