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Das Mädchen mit dem Fingerhut – Das gescheiterte Märchen

In diesen finsteren Zeiten, finstere Bücher und Schriftstellerei. So könnte
man Michael Köhlmeiers Buch Das Mädchen mit dem Fingerhut
kontextabhängig betrachten. Da Migration die großte Not unserer
Gesellschaft und ein brännendes Thema immer noch ist, wählt der Autor
für seine nicht-so-anscheinend tiefgreifende, allgemeingültige Betrachtung
des Problems des Fremden drei eingewanderte Kinder aus. Woher kommen
sie, wie sind sie dort gelangen, welche Sprache sprechen sie – alle diese
Fragen bleiben einfach ohne Erklärung und das trägt wesentlich zu den
(wenigen) literarischen Qualitäten Kohlmeiers Roman. Die Hauptfigur, das
Mädchen, bekommt sogar bis spät in der Geschichte keinen Name.
Ende des Romans fragt sich der Leser, worum es eigentlich geht. Ist
es einfach ein Essay über die Böseheit einiger Bevölkerungen? Vielleicht
geht es jedoch um etwas Allzumenschliches? Oder um Personen, die
keiner menschlichen Regung fähig sind? In dieser Hinsicht ist der Meinung
dieser Rezensenten nach der Roman einfach nicht gelungen. Die
Richtungslosigkeit der Kinder und ihre tiefere Unverständigung ihrer
Pflegegesellschaft bleiben bis zum Ende zwar zweideutig. Sind diese
Kinder böse? Gibt es für sie keine Hoffnung mehr? Oder ist es ein Märchen,
das über das Wesen des Menschen sprechen will?
Die knappheit des Schreibens hilft dabei auch nicht. Fast
journalistisch und zügig behielt Kohlmeiers Schreiben immer etwa einen
Abstand zu seinen Hauptfiguren. Deshalb ist für die Leser eher schwer die
Gesellschaft durch die Augen der Kinder zu sehen und in dieser ihrer
Erlebnisse nachvollziehend sich zu versetzen: Villeicht könnte alles besser
ausgestellt werden, wenn den Roman von einem Migranten geschrieben
wäre. Der Autor zeigt uns aber die europäische Gesellschaft, die diese
Kinder akkzeptiert hat und ihr jetzt ein Heim zu bieten versucht. Aber sie
scheinen das gar nicht zu wollen und streben ständig nach einer Freiheit,
die den Leser total unverständlich bleibt. Man fragt sich nun ständig: „Um
Gottes willen, was wollen die noch?” Es geht nicht um schwere Integration,
um Heimweh oder andere Anpassungsprobleme, sonder um das
prinzipielle Nicht-Integrieren-Wollen. Die Hauptfiguren des Romans
scheinen sogar eher launisch und willkürlich, eine Art neuen barbarischen
Horden, die unsere Gesellschaft hassen und vernichten wollen.
Aber ist es wirklich so? Wenn man mehr über Köhlmeier recherchiert,
dann wird es klar, dass die Geschichte nicht so gemeint ist. Sein Versuch,
ein Märchen oder eine Parabel aufzubauen, ist endlich gescheitert. Man
muss sich jetzt Interviews mit dem Autor ansehen, oder Rezensionen
lesen, um sich selber darauf zu kommen, dass es um eine tiefere Kritik des
menschlichen Wesens geht. Aber wenn das endlich klar wird, muss man
sich wieder mit dem Roman diesmal durch eine philosophische Brille
auseinandersetzen. Diese neue Auseinandersetzung könnte nun zu etwas
noch wichtiger führen, nämlich zu dem allgemeinen Problem des Fremden
im Zusammenhang mit der einheimischen Gesellschaft. Wie kann man der
Fremde verstehen? Was heißt Integration, Gastlichkeit? Wie sollten wir mit
dem sog. Multikulturalismus umgehen? Was heißen Heimat und Eigentum?
Wer ist der Andere und kann er gefärlich, ja bedrolich für mich sein?

.Köhlmeiers Roman fungiert also auch als einen ausgezeichneten Ansatzpunkt für die Erklärung aller diesen Fragen.