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US-Sonderkommando, afghanische Sicherheitskräfte bei der Festnahme von Verdächtigen

Protokoll eines Krieges
Super-GAU für Amerikas Militär und Geheimdienste: Fast 92 000 Dokumente über den Kampf gegen die afghanischen Taliban, die meisten als geheim eingestuft, sollen weltweit über jeden Computer nachzulesen sein. Sie enthüllen die wahre Dimension des westlichen Militäreinsatzes.
DARREN MCCOLLESTER / GETTY IMAGES

as Dokument CONOP 3315-016 LV2 vom 21. Dezember 2007 trägt die Einstufung „Geheim“. Es ist militärisch kurz, sehr präzis und beschreibt die Jagd der im Afghanistan-Krieg eingesetzten amerikanischen Spezialeinheit 373 auf zwei gesuchte Aufständische. Der Deckname dieser Operation ist Programm. Sie heißt: „Eine Falle für den Schakal“. Es ist ein „Capture/Kill“-Auftrag. Die Afghanen Aziz Ullah und Mullah Akeeb Khan seien, heißt es da, zu „ergreifen“ oder zu „töten“, und die Amerikaner geben gute Gründe für das Vorhaben an: Aziz Ullah ist ein Anführer im Mittelbau der Guerilla, die in der Provinz Paktika
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gegen die afghanische Regierung, die Amerikaner und ihre Verbündeten kämpft. Er lebt, genau wie Mullah Khan, im Dorf Faquiran nahe der pakistanischen Grenze südwestlich von Khost. Ullah wird für den Einsatz von Selbstmordattentätern verantwortlich gemacht, darunter einer, der vier afghanische Polizisten getötet hat. Er soll Sprengstofffallen gelegt und dadurch auch den Tod mehrerer US-Soldaten zu verantworten haben. Mullah Khan gehört ebenfalls zu den Aufständischen, zwei seiner Söhne kämpfen in ihren Reihen. Gleich zu Anfang droht die Operation schiefzulaufen. Die Task Force 373 (TF 373)
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und der Trupp afghanischer Sicherheitskräfte, der sie begleitet, nähern sich ihrem Ziel bis auf fünf Kilometer. Währenddessen soll eine mit vier Raketen bewaffnete Drohne erkunden, ob sich Menschen auf den beiden Ziel-Gehöften befinden. Doch die Operationszentrale kann mit der Kampfdrohne nicht direkt kommunizieren und muss eine andere schicken. Jetzt umstellt die Truppe die beiden Gehöfte. Zwei Männer müssen sich aufs Dach der Häuser schleichen und signalisieren, ob sich auf den Grundstücken jemand bewegt. Zivile Opfer sollen, wenn möglich, vermieden werden.

Amerikanische Befehlszentrale Centcom, Informantenbericht über einen Attentatsplan ,

CHRISTOPHER MORRIS / VII

Dann erfolgt der Angriff, oder wie es im militärischen O-Ton merkwürdig abstrakt heißt: „Beide Ziele wurden freigelegt durch eine durch Explosionsstoffe erzeugte Bresche sowie einen dynamischen Zugang.“ Soll wohl heißen: Die Umfassungsmauer der Compounds wurde gesprengt, und die Eingreiftruppen stürmten die Häuser. Die Männer der Task Force 373 sind Spezialisten im „dynamischen Zugang“. Am Ziel Nummer eins, dem „Objekt Schwarz“, werden sieben Männer, sieben Frauen und fünf Kinder entdeckt, sie bleiben unverletzt und werden, nach Geschlechtern getrennt, durchsucht, die Frauen von einer afghanischen Kranken-

schwester. Unter den Männern befindet sich auch der gesuchte Aziz Ullah, der sich seiner Festnahme widersetzt. Ein weiterer Mann wird als Freiwilliger für ein Selbstmordkommando identifiziert. Am Ziel Nummer zwei, dem „Objekt Weiß“, wird Khan zwar nicht erwischt, dafür geht sein Sohn, der als weiteres „aufständisches Element“ bezeichnet wird, den Amerikanern in die Falle. Bei der Verhaftung wird er durch einen Schuss in die Brust schwer verletzt. Zwei Tage später stellt sich der um seinen Sohn besorgte Vater, der Schakal ist gefangen. Woher wissen wir das alles so genau? Woher stammt die detaillierte BeschreiD E R S P I E G E L 3 0 / 2 0 1 0

bung der Aktivitäten einer Sondereinheit, von der bis dahin praktisch nichts bekannt war? Wir erfahren die Geheimnisse von den Amerikanern selbst. Es sind Originalquellen, die da sprudeln: Berichte von Soldaten über ihre Einsätze, Meldungen von Nachrichtenoffizieren über drohende Taliban-Anschläge. Es sind Agentenberichte und abgehörte Telefongespräche, die jetzt öffentlich werden, Zusammenfassungen von Treffen amerikanischer Militärs mit regionalen Politikern, die über die Sicherheitslage in ihren Distrikten berichten. Es sind die ersten einlaufenden Meldungen vom Schlachtfeld, die vorläufigen Opferzahlen. Es sind Spekulationen
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Deutsch-belgische Patrouille bei einer Razzia nahe Kunduz: Plötzlich mehr Feinde als Freunde in der Bevölkerung

über die Hintermänner der Gegner und Berichte über die eingesetzten Waffen. Kurz: ein Schatz von Geheimdokumenten über die einzelnen Facetten, aus denen sich der Alltag dieses Krieges zusammensetzt, und es sind sehr, sehr viele. Genau 91 731 Berichte, die meisten als „Geheim“ eingestuft, die ab sofort im Internet für jedermann zugänglich sein werden, weil die Internetplattform WikiLeaks sich vorgenommen hat, sie zu veröffentlichen. Der Organisator dieser Plattform, der Australier Julian Assange, glaubt, auf diese Weise dazu beitragen zu können, den Krieg in Afghanistan zu stoppen. Wenn die Menschen erst einmal die pure, ungefilterte Wahrheit über diesen Krieg erfahren – davon lässt dieser späte Nachfahre der Aufklärung sich nicht abbringen –, wird der Druck auf die Politiker wachsen, den Krieg zu beenden (siehe Seite 82). Doch die Massenveröffentlichung ist auch der GAU für Amerikas Militär und die Geheimdienste und damit ein Füllhorn für alle, die sich ein möglichst hautnahes Bild des Krieges machen wollen. Die „New York Times“, der Londoner „Guardian“ und der SPIEGEL haben dieses Material unabhängig voneinander gründlich geprüft und mit bekannten Berichten zum Krieg in Afghanistan verglichen. Alle drei Redaktionen sind – übereinstimmend – zu dem Ergebnis gekommen, dass die Dokumente authentisch sind, dass sie Teile einer oder mehrerer Militär-Datenbanken sind, die als elektronisches Archiv ein Logbuch des Af72

ghanistan-Krieges darstellen – Rohmaterial für die spätere Geschichtsschreibung. Es sind die Meldungen der Truppe aus dem laufenden Gefecht, kurz zusammengefasst und unmittelbar weitergeleitet. In den Regionalkommandos der Amerikaner und ihrer Verbündeten werden sie gesammelt, manches wird analysiert und kommentiert, vieles aber auch unbearbeitet an höhere Dienststellen weitergeleitet und einiges auch mit der Warnung versehen, den Berichten nicht bedingungslos zu vertrauen. Es sind überwiegend die Feldwebel, die hier berichten, auch mal ein Leutnant im Gefechtsstand oder eher rangniedere Auswerter beim Militärgeheimdienst. Das Material enthält aber auch als besonders sicherheitsrelevant eingestufte Geheimdienstreports aus dem Isaf-Hauptquartier in Kabul. Trotz der gewaltigen Datenmenge zeigen die Dokumente nur einen Ausschnitt der Berichte-Flut, die dieser Krieg täglich generiert. Dennoch: Fast 92000 amerikanische Datensätze, manche immerhin so brisant, dass sie mit dem Vermerk versehen sind, die Dokumente den anderen Truppen vorzuenthalten, das ergibt zwischen dem 1. Januar 2004 und dem 31. Dezember 2009 die Beschreibung eines laufenden Krieges, wie es sie noch nie gegeben hat. Die allgegenwärtige Bedrohung wird nachvollziehbar, allein die unendlich vielen Warnungen vor den Terroranschlägen der Gegner sorgen dafür. Dann sind da die kurzen lapidaren Meldungen über die Anschläge selbst, in denen das Schicksal der
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Opfer gewöhnlich hinter einem Vorhang militärischer Abkürzungen verschwindet: „42 x LN killed, 1 x INS killed, 147 LN wounded, several buildings damaged, NFI“ heißt übersetzt: 42 Personen von örtlicher Nationalität getötet, 1 Aufständischer getötet, 147 Personen örtlicher Nationalität verwundet, mehrere Gebäude beschädigt, keine weiteren Informationen. Die Datensätze sind für die Verbündeten der Amerikaner genauso interessant wie für die Amerikaner selbst. Sie zeigen etwa, dass der Krieg im Norden des Landes, da, wo die deutschen Truppen stationiert sind, immer bedrohlicher wird. 2009 nahmen die Kampfhandlungen drastisch zu, die Zahl der Anschläge und der Warnungen ebenfalls. Und da sind die Berichte über Hintermänner dieses Krieges, die Strippenzieher in Pakistan. Die annähernd 92 000 Dokumente sind ein Fenster zum Krieg am Hindukusch, wie es bislang keines gegeben hat. Und vor diesem Fenster läuft – in allen seinen Einzelheiten – der Krieg gewissermaßen in Echtzeit ab. Wer sich künftig über diese Auseinandersetzung informieren will, wird ohne diese Pentagon-Akten nicht mehr auskommen. Weil noch nie in der Geschichte bewaffneter Konflikte Unbeteiligte derart vielfältige Einblicke in einen laufenden Krieg nehmen konnten, markiert die Veröffentlichung von WikiLeaks auch einen Einschnitt in der Kriegsberichterstattung – so wie die Erfindung des Telegrafen die ersten unverzüglichen Augenzeugenberichte von den Schlachtfeldern er-

FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Kein Frieden in Sicht

Der Krieg der alliierten und afghanischen Truppen mit den Aufständischen
Sprengstoffanschläge* Kampfhandlungen* … in ganz Afghanistan
10 000

Sprengstoffanschläge von Aufständischen* 2009 Kampfhandlungen mit Aufständischen* 2009 Entführungen von Einheimischen durch Aufständische* 2009

8000

472 94 14
NORD Deutschland KABUL Frankreich

6000

98 60 -4000

502 186

7
WEST WE EST Italien OST USA

Führungsnation des Regionalkommandos im Jahr 2009

2000

SÜD Niederlande

4868
13

1095

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… in der Region Nord
Warnungen vor Guerilla-Aktionen
400 300 200 100

5755

1895

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199 339 203 255 569

* laut den geheimen US-Militärdaten

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möglichte und die ersten Fotos die Grausamkeit des Krieges für jeden sichtbar machten, haben Internetnutzer nun die unerhörte Möglichkeit, die öffentliche Darstellung von Kriegsereignissen durch das Militär mit dessen eigenen internen Berichten abzugleichen. Es ist ein Fortschritt, den die Technik ermöglicht: Heute passt eine komplette Kriegsdatenbank auf einen schlichten USB-Stick, der nur wenige Euro kostet. Für Präsident Barack Obama und die US-Regierung kommt die Veröffentlichung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Gerade erst hatte der Oberbefehlshaber seinen Afghanistan-Kommandeur Stanley McChrystal austauschen müssen, weil der sich über die Situation am Hindukusch und den fehlenden politischen Rückhalt in Washington allzu ungeschminkt geäußert hatte. Und Obama, der den Krieg in Afghanistan ausdrücklich zu seinem eigenen gemacht hat, steht in Washington zunehmend isoliert da. Viele Parteifreunde zweifeln inzwischen daran, dass der Aufwand für diesen Krieg durch die Ergebnisse gerechtfertigt wird. Mit ihrer Mehrheit im Kongress machen sie Obama heute schon mehr Schwierigkeiten, als sie jemals seinem Vorgänger George W. Bush bereitet haben. Nun kann jeder nachlesen, wie schlecht dieser Krieg wirklich verläuft. Und es sind keine überkritischen Journalisten, die hier berichten, sondern Obamas eigene Militärs. Bis zum Druckbeginn am Samstagmorgen hat sich der SPIEGEL wiederholt um eine Stellungnahme des Weißen Hauses

zu der Veröffentlichung der Dokumente bemüht. Vergebens. Obwohl Obamas Mitarbeiter eine Reaktion in Aussicht gestellt hatten, wollten sie sich vorerst nicht äußern. Vergangene Woche haben sich die Vertreter von mehr als 70 Staaten und Organisationen in Kabul zur Afghanistan-Konferenz getroffen. Sie bekundeten Präsident Hamid Karzai ihre Zuversicht, sein Land werde bis 2014 in der Lage sein, die Sicherheit am Hindukusch durch eigene Soldaten und Polizisten zu garantieren. Angesichts des Alltags, wie er aus diesen Dokumenten erscheint, klingt der zur Schau gestellte Optimismus nur noch zynisch. Die Berichte belegen, dass vor allem die afghanischen Sicherheitskräfte tagein, tagaus zu hilflosen Opfern der Taliban werden. Allein in den vergangenen drei Jahren kamen rund 2500 afghanische Polizisten und Militärs ums Leben. Das Ergebnis eines solchen Blutzolls ist eine demoralisierte Truppe, die zudem noch anfällig ist für die im Lande omnipräsente Korruption.

DIE JÄGER
Es gibt vor allem einen Grund, warum amerikanische Militärs und Regierungs-

stellen die Veröffentlichung der Dokumente zu fürchten haben. An vielen Stellen tauchen dort Informationen auf, die den härtesten und einen äußerst umstrittenen Teil des Krieges ausleuchten – die geheime Jagd auf die Top-Taliban, die Führer der Aufständischen. Das ist die Aufgabe von Sonderkommandos, und es geht um das Ausschalten von Aufständischen im Wildwest-Stil, das seit Jahren mit großem Aufwand betrieben und streng geheim gehalten wurde. Selbst vor den normalen Truppen wurden die Kommandos weitgehend abgeschirmt. Nun sind ihre Aktivitäten – wie das Beispiel der Task Force 373 zeigt – nachzulesen in offiziellen Armeemeldungen. Die Jagd nach Taliban-Führern und al-Qaida-Terroristen wird öffentlich. Jetzt lassen sich auch Rückschlüsse auf die bis heute streng geheime Feindesliste der Koalitionstruppen ziehen. Es ist eine in Militärkreisen nüchtern als „Joint Prioritized Effects List“ (JPEL) bezeichnete Aufzählung von Taliban, Drogenbaronen, Bombenbauern und al-Qaida-Mitgliedern. Die gemeinsame Liste von auszuschaltenden Zielpersonen ist geordnet nach Vorgangsnummern und Prioritäts-

Bericht über Kidnapping-Pläne des Taliban-Führers Mullah Dadullah
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Staatschefs Karzai, Obama in Kabul: Zynischer Optimismus

JIM YOUNG / REUTERS

stufen, den Jägern wird fallweise die Option gelassen, ihre Beute festzunehmen oder zu töten. Nirgendwo in den Dokumenten ist diese Liste vollständig abgedruckt, doch aus Tausenden Berichten lassen sich insgesamt 84 Meldungen über JPEL-Aktionen herausfiltern. Wie viele JPEL-Ziele es in Afghanistan gibt, lässt sich aus den Dokumenten nicht ablesen, aber allein die vierstelligen Vorgangsnummern legen nahe, dass es eine große Zahl ist. Unter den Zielpersonen sind prominente Taliban-Führer wie der mittlerweile inhaftierte Mullah Baradar, aber auch weniger bekannte Kommandeure wie ein Mann aus dem Osten Afghanistans mit dem Codenamen „Russian Jack“. Sie zu jagen ist die Aufgabe der Task Forces. Die Mitglieder der Task Force 373 beispielsweise tragen keine Namen an den Uniformen, ihre Nachtlager sind stets von denen anderer Soldaten getrennt. Wenn sie ausrücken, erfahren die normalen Befehlsstände der Isaf nichts über ihre Mission. Ihre Operationsgebiete werden als sogenannte Black Boxes gesperrt, damit normale Soldaten den Elitekriegern nicht in die Parade oder gar in die Schusslinie fahren oder fliegen. Die Männer der Task Force 373, eine Truppe von Elitesoldaten verschiedener Teilstreitkräfte, darunter Navy Seals und Delta Forces, agieren wie ein Rudel Wölfe. Sie unterstehen weder dem Kommando der internationalen Schutztruppe Isaf noch dem zuständigen amerikanischen Befehlszentrum Centcom. Ihre Aufträge
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erhalten sie direkt aus dem Pentagon. Oft gelingt es den Spezialkräften, ihre Gegner lebend zu erwischen. Mehrere Dutzend Einträge von Gefangenenüberstellungen in das berüchtigte Terroristengefängnis von Bagram nördlich von Kabul finden sich in den Unterlagen. Zuweilen kommen die Task-Force-Kämpfer mehrfach am Tag mit ihren Häftlingen und übergeben sie den Wächtern. Bevorzugt jagt die Truppe 373 allerdings „High Value Targets“, sogenannte Hochwertziele, darunter Top-Kommandeure der Taliban oder Sprengstoffexperten von al-Qaida. Zu ihnen gehören auch Feinde, die niemand lebend fangen möchte. Dass es im Afghanistan-Krieg solche gezielten Tötungen gibt, gilt unter Experten als Tatsache, auch wenn weder die US-Armee noch die Isaf-Truppen über die Kommandos reden möchten, die diese Drecksarbeit am Ende durchführen. Nun kann jeder zu Hause am PC nachlesen, was Sondereinheiten wie die Task Force 373 in seinem Namen in Afghanistan Nacht für Nacht anrichten. Doch die Dokumente enthüllen nicht nur die Existenz und die Aktivitäten der

Taliban-Jäger, sie machen auch klar, warum diese Sondereinheiten so viel Wut in der afghanischen Bevölkerung auslösen. Vor allem die Fehlschläge der Sonderkommandos sollen deshalb möglichst nicht ans Licht kommen. So findet sich in einer brisanten Meldung vom 17. Juni 2007 gleich im zweiten Satz die Mahnung, dass diese TF-373Operation „geheim gehalten“ werden müsse. Details über die Mission dürften keinesfalls an andere Isaf-Streitkräfte weitergegeben werden. Die Soldaten des Sonderkommandos scheinen sich an diesem Tag einen verhängnisvollen Fehlschlag geleistet zu haben. Ziel ihrer Mission war es offenbar, den prominenten al-Qaida-Funktionär Abu Laith al-Libi zu töten. Zu diesem Zweck hatte die Einheit seit Tagen eine Koranschule beobachtet, in der die Amerikaner den Qaida-Mann und mehrere seiner Getreuen vermuteten. Ihre fünf Geschosse aber, die sie schließlich von einem mobilen Raketenwerfer abfeuerten, trafen die Falschen. Statt des Top-Terroristen fanden Bodentruppen nach dem Einschlag der Projektile sechs tote Kinder in den Trüm-

Polizeimeldung über antiamerikanische Proteste
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mern der völlig zerstörten Koranschule, ein weiteres, schwer verletztes Kind konnte nicht mehr gerettet werden, obwohl ein Sanitäter sich 20 Minuten lang darum bemüht hatte. Doch ein solch dramatischer Zwischenfall lässt sich nicht wirklich verheimlichen, schon einen Tag später musste sich die US-Armee öffentlich entschuldigen. Auch wenn es sich um eine amerikanische Einheit handelt, dürften die Enthüllungen über die geheimen Kommandoaktionen auch die deutsche Bundesregierung in Verlegenheit bringen. Schon seit Sommer 2009 sind rund 300 Mann der TF 373 in Masar-i-Scharif auf dem Gelände des deutschen Feldlagers Camp Marmal stationiert. Strategisch günstig und abgeschirmt haben sich die Jäger direkt am Flugfeld positioniert und operieren von dort aus im Regionalkommando Nord, das unter deutscher Führung steht. Die Stationierung war von Beginn an heikel und blieb auch unter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ein Nichtthema. Einzig bei einem Truppenbesuch im November 2009 sagte der Minister vage, die Deutschen seien für „jede Hilfe der US-Armee dankbar“. Nachfragen zur TF 373 waren nicht erwünscht. Dabei hatten die Elitekämpfer gerade mit Hilfe einiger von ihnen trainierter afghanischer Einheiten fünf Tage lang den Taliban-Hort Gul Tepa nordwestlich von Kunduz aus der Luft und vom Boden aus unter Beschuss genommen. Es gab rund 130 Tote, laut US-Armee alles Aufständische. Die Bundeswehr hatte sich geweigert, bei dem Einsatz mitzumachen. Die von einem US-Major vorgestellten Pläne sahen nach einem gezielten Vernichtungsschlag gegen die Taliban aus. In den geheimen Militärakten finden sich nur zwei Erwähnungen der mehrtägigen Operation mit den geografischen Koordinaten von Gul Tepa. Die Task Force selbst wird in den Einträgen nicht erwähnt, wohl aber der Abwurf von mehreren Bomben. Die Operation wurde zu einem Mustereinsatz für die kommenden Monate. Die US-Einheiten machten Jagd auf Taliban, die Deutschen erfuhren von den nächtlichen Aktionen nur durch die gesperrten Operationsräume und die im Lager Kunduz gut zu hörenden Detonationen. Neuerdings werden sogar gezielte Tötungen ganz offen behandelt. Nachdem Spezialeinheiten in der Nacht zum 29. Mai den neuen Taliban-„Schattengouverneur“ von Baghlan, nur eine Autostunde südlich von Kunduz, getötet hatten, meldete Kabul, das Ende von Mullah Jabar sei durch „präzise Luftschläge“ herbeigeführt worden. Der Führung des deutschen Isaf-Kontingents wurde die gezielte Tötung von Feinden der Bundeswehr fast offiziell, gewissermaßen als Dienstleistung, offeriert. Nachdem im Frühjahr kurz hintereinander sieben deutsche Soldaten gefallen waren, versprach ein hochrangiger US-Offizier im Hauptquartier in Kabul dem ranghöchsten deutschen Isaf-Offizier, General Bruno Kasdorf, man werde die Hintermänner der Anschläge auf die Deutschen jagen und töten. Nachweislich Deutschen hatten gedacht, dass die vergleichsweise ruhigen Nordprovinzen, in denen ihre Soldaten stationiert waren, auch ruhig bleiben würden. Ihre Wiederaufbauteams sollten anderen Alliierten zeigen, wie dem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Land wirklich zu helfen wäre. Erst Ende 2005, Anfang 2006 und nur durch Geldzahlungen und Drohungen

Bundeswehrausbilder, afghanische Polizisten beim Training: Demoralisierte Truppe

wurden in den Wochen danach mehrere Taliban eliminiert. Die Regierung in Berlin schweigt bisher zur Ausweitung der Kampfzone im deutschen Sektor. Gegenüber dem Parlament beharrte die Regierung noch im Herbst 2009 darauf, der „Kernauftrag“ der Task Force 373 sei lediglich die „Aufklärung und Festsetzung von Personen, die Qaida oder gegebenenfalls der Führungsriege der Taliban angehören“.

HILFLOSE DEUTSCHE
Auch die Geschichte des deutschen Einsatzes in Afghanistan lässt sich aus dem elektronischen Kriegstagebuch der Amerikaner ablesen. Sie enthält ausweislich der Dokumente allerdings keine bislang unbekannten Gewaltexzesse etwa gegenüber der Zivilbevölkerung und auch keine illegalen Geheimoperationen, an denen die Deutschen teilgenommen hätten. Aber die Dokumente machen deutlich, wie unvorbereitet die Deutschen in diesen Krieg zogen und warum ihr Auftrag am Ende wohl unerfüllbar bleibt. Die Berichte von der Front erklären eindrucksvoll, warum die westliche Allianz in Afghanistan an vielen Orten plötzlich mehr Feinde als Freunde hat. Sie machen aber auch klar, dass es den in ihrem Selbstverständnis gottesfürchtigen Taliban selten um Religion, dafür aber häufig um ein zusätzliches Einkommen und um größere Machtanteile in diesem komplizierten Land geht. Kenntnislos und naiv war die deutsche Armee in den Konflikt gestolpert. Die
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der Aufständischen, formierte sich der Widerstand gegen die internationale Truppenpräsenz – das geht aus zahlreichen Meldungen hervor, die davon berichten, wie der Bevölkerung für aktive Unterstützung der Aufständischen Geld geboten wird. 700 Dollar offeriert etwa die von alQaida unterstützte Terrorgruppe Islamische Bewegung Usbekistans in der Grenzprovinz Takhar im Zuständigkeitsbereich der Bundeswehr den Einwohnern, falls diese helfen, die logistischen Hauptverkehrswege der Isaf-Truppe mit Straßenbomben zu verminen: „Afghanen aus der Gegend sollen die Sprengsätze platzieren, weil sie vergleichsweise unauffällig sind. Gezündet werden sie dann durch die Spezialisten“, verrät ein Isaf-Zuträger in einer Meldung. In Chapchi, einem Ort in der Provinz Badakshan und ebenfalls im deutschen Zuständigkeitsbereich, lobte ein Taliban-Kommandeur sogar 1000 Dollar für die erfolgreiche Durchführung eines Angriffs aus. Viel Geld in einem Land mit weniger als 500 Dollar durchschnittlichem Jahreseinkommen. Fanatische Überzeugung und finanzielle Anreize greifen in der Kriegsmaschinerie oft genug ineinander: „Wenn ihr noch Würde im Leib habt, tut euch zusammen und greift den Feind an, attackiert ihn mit „Stinger“-Raketen, koste es was es wolle, 150 000 oder 200 000 Dollar, ich bezahle“, fordert etwa der Warlord Gulbuddin Hekmatjar die getreuen Anhänger seiner Hisb-i-Islami in der Provinz Logar auf. Es ist Mitte März 2006,
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MICHAEL KAPPELER / DDP

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und die Widerstandsbewegung lahmt noch immer gewaltig. Hekmatjar ist ein Veteran. Er hat bereits gegen die Russen gekämpft und nach deren Vertreibung im Machtkampf um Kabul die Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt. Nun ist er – bis auf weiteres – ein unbeugsamer Feind der Amerikaner. Mehr als durch die aufpeitschenden Worte des in der Provinz Kunduz geborenen Islamisten dürfte die Kampfeslust seiner Gefolgsleute im Norden durch die an jeden Gruppenführer verteilten 100 000 bis 500 000 Afghani (2000 bis 10 000 Dollar) befeuert worden sein. Worte und Investitionen des spendablen Extremisten wurden sorgsam in den Dokumenten festgehalten. Während die Afghanen 2006 noch immer zögerten, sich in die neue kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Westen und den Islamisten zu werfen, spielten ausländische Kämpfer, Araber, Tschetschenen, Usbeken und chinesische Uiguren, von Anfang an eine Schlüsselrolle. Es sind ideologische Hardliner, die al-Qaida nahestehen. Sie verfügten über einen Erfahrungsschatz mit Sprengstoffanschlägen und Selbstmordattentätern, wie er in Afghanistan bis dahin weithin unbekannt war. Die tödlichen Techniken aus dem Irak-Krieg wurden so an den Hindukusch transportiert. Die berüchtigten ausländischen Kämpfer werden im Logbuch des Krieges erstmals am 15. Juli 2005 auch im Norden des Landes gemeldet. Fünf Tschetschenen seien in die Stadt Kunduz gekommen, sie sollen moderne Waffen an einen Taliban-Kommandeur übergeben und das Uno-Büro angreifen. Der angeblich geplante Anschlag findet zwar nicht statt, doch der beschriebene Transfer von technischem Know-how und neuen Waffensystemen an die Taliban wird später wesentlich zur deutschen Misere in Kunduz beitragen. Auch Sirajuddin Haqqani steht mit der Internationalen des Dschihad im Verbund. „Siraj“ ist der Sohn des legendären afghanischen Mudschahidin-Führers Jalaluddin Haqqani. Auf der von den Alliierten erstellten Liste von Zielpersonen, die getötet oder festgesetzt werden sollen, ist er im elektronischen Kriegstagebuch im „Rang 1“ verzeichnet. Damit gehört er zu den vom westlichen Bündnis am meisten gesuchten Terroristen. Zwar konzentrieren sich die Kämpfer der Haqqanis vor allem im Osten des Landes, aber ihre Macht ist auch im Norden zu spüren. Ein Vertreter der Haqqanis trifft sich laut einem Isaf-Zuträger mit den Aufstandsführern der Provinz Kunduz, den Taliban-Kommandeuren Mullah Rustam und Mullah Salam. Dort haben die Deutschen die meisten ihrer getöteten Soldaten durch Anschläge, Hinterhalte und Schießereien verloren. Bereits 2005 gibt es Warnungen, dass Rustams Kämpfer Anschläge planen. Spitzel berichten von bevorstehenden jedenfalls übernimmt sein bisheriger Stellvertreter Mullah Salam die Befehlsgewalt – die Isaf-Informanten verfolgen den Staffelwechsel sehr genau. Und Salam führt ein strenges Regiment: Danach müssen seine untergebenen Kommandeure vor jeder Aktion detailliert ihre jeweiligen Pläne erläutern, deren Erfolgsaussichten diskutieren – und seine Zustimmung einholen. Sowohl Mullah Salam wie Mullah Rustam stehen auf der JPEL-Liste der Alliierten weit oben. Deutsche Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) haben mehrfach versucht, sie zu fassen, ohne Erfolg. In dem am Anfang des Einsatzes von Bundeswehrsoldaten noch als „Bad Kunduz“ verspotteten Städtchen ist es mit der Ruhe jetzt vorbei. In einer „Einschätzung der Bedrohungslage“ vom 31. Mai 2007 – die einzige ausführliche Lageeinschätzung der Deutschen im gesamten Material – kommen die Militäranalytiker nach drei Selbstmordanschlägen, bei denen drei deutsche Soldaten und mehrere Afghanen starben, zu eindeutigen Ergebnissen. „Entgegen den Erwartungen des Regionalkommandos Nord und wie vom Wiederaufbauteam Kunduz vorhergesehen, halten die Attacken der Aufständischen an“, heißt es darin, weitere Anschläge, speziell gegen Isaf-Truppen seien „sicher zu erwarten“.  Es gehe den Aufständischen nun auch darum, heißt es in der Lagebeurteilung, die Bevölkerung einzuschüchtern und von der Zusammenarbeit mit den IsafTruppen abzuhalten. Die Strategie, zivile Opfer unter den Einheimischen möglichst zu vermeiden, hätten sie abgelegt: „Aus Sicht des Wiederaufbauteams Kunduz gilt das nicht mehr.“ Vielmehr versuchten die Aufständischen, einen Keil zwischen die Bevölkerung und die Truppen zu treiben, was ihnen auch zu gelingen scheine: „Die lokalen Medien berichten und agitieren erstmals gegen Isaf und die USA.“  Die abschließende Prognose hat bis heute Gültigkeit: „Die Sicherheitssituation in der Provinz Kunduz wird immer brüchiger und ist nicht stabil.“ Im Jahr 2008 hat sich der Widerstand auch im Norden endgültig etabliert. Geheimdienstquellen melden, dass eine Gruppe von 45 Aufständischen gerade im pakistanischen Waziristan Deutsch-Unterricht nimmt, um sich dann als Übersetzer einzuschmuggeln. Weitere 70 Extremisten absolvierten gerade Fahrstunden, um bei afghanischen Sicherheitskräften als Fahrer anzuheuern. 2009 verschärft sich die Gefahrenlage jedoch noch einmal. In einem Bericht des militärischen Nachrichtendienstes im Isaf-Hauptquartier in Kabul äußert sich der Verfasser Anfang Mai darüber besorgt: „Die ge-

Aufstandsführer Mullah Omar, Hekmatjar, Haqqani (r.): Tödlicher Erfahrungsschatz

Angriffen mit Motorrädern und Fahrrädern auf das deutsche Wiederaufbauteam in Kunduz unter seiner Regie. Die Mehrzahl der Meldungen warnt vor ganz konkreten Hinterhalten und improvisierten Sprengfallen, es gibt aber auch Hinweise auf Entführungen – gefährdet sind etwa Mitarbeiter der deutschen Entwicklungshilfegesellschaft GTZ. Doch aus Sicht der Taliban erweist sich Rustam offenbar als nicht effektiv genug,

Meldung über Taliban-Verbindung zum Haqqani-Netzwerk

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LUC DELAHAYE / SIPA PRESS

Amerikanische Kampfdrohne „MQ-9 Reaper“: Mehr Abstürze als zugegeben

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heimdienstlichen Erkenntnisse zeigen ein konkretes Risiko für deutsche Isaf-Truppen im betreffenden Raum.“ In der sich zuspitzenden Lage rufen deutsche Patrouillen immer öfter nach amerikanischer Luftunterstützung, im Jahr 2008 noch ein völlig neues Phänomen im Norden: „Infanteriekompanie berichtet, dass ein Zug noch immer unter Feuer ist und die Stellung nicht halten kann ohne Luftunterstützung“, heißt es zum Beispiel am 5. Oktober 2009 in einem der zahlreichen dramatischen Berichte aus dem Wiederaufbauteam Kunduz. Die Truppe ist in der zunehmend unruhigen Provinz mal wieder in Richtung Chahar Darreh unterwegs, wo die meisten Taliban-Unterstützer leben, sie wollen mögliche Sprengsätze von den Straßen räumen. Deutsche Aufklärer beobachten außerdem, dass der Gegner Verstärkung holt. Die Soldaten melden, dass sie eine panzerbrechende „Milan“-Rakete abgefeuert haben und dass einige Feinde dadurch „besiegt“ werden konnten – was das genau heißt, wie viele Personen auf der feindlichen Seite verwundet oder getötet wurden, bleibt offen. Zwei amerikanische Jagdbomber vom Typ F-15 steigen über den Angreifern auf, ihr Erscheinen reicht, sie abzuschrecken. Solche Gefechte sind inzwischen Alltag im Norden. Die Taliban überlegen, wie sie die Luftüberlegenheit der Amerikaner brechen und ihre Kampfjets attackieren können, berichtet ein Nato-Informant. Doch ein Taliban-Helfer, der tschetschenische Kämpfer Qari Akha, der über eine gewisse technische Expertise verfügt, rät ihnen: „Die US-Flugzeuge sind zu schnell, greift lieber die deutschen Hubschrauber an, die sind groß und langsam.“

Über die Nacht vom 3. auf den 4. September 2009, in der sich die bisher größte Tragödie dieses Bundeswehreinsatzes abspielt, finden sich allerdings nur karge Meldungen im Material der Amerikaner. Der Chef des deutschen Wiederaufbauteams, Oberst Georg Klein, hatte damals zwei amerikanische F-15 angefordert, die zwei im Flussbett feststeckende, von den Taliban entführte Tanklaster bombardierten, wobei bis zu 142 Zivilisten starben. Die Entführer hatten den Bewohnern der Umgebung erlaubt, sich kostenlos Benzin abzuzapfen. Die dazugehörige Meldung im Kriegstagebuch ist um 21.19 Uhr verfasst und nur wenige Zeilen lang: „Der Kommandeur des Wiederaufbauteams nimmt Kontakt auf mit dem Fliegerleitoffizier und autorisierte einen Luftschlag, nachdem er sich versichert hat, dass keine Zivilisten im Raum sind“, lautet der wichtigste Satz darin. Das sogenannte Battle Damage Assessment, also die Überprüfung der durch das Bombardement erzielten Schäden, in diesem Fall nur per Bildschirm, besagt, dass 56 Aufständische getötet wurden, 14 weitere in nordöstliche Richtung flüchten konnten. In der Fortschreibung des Zwischenfalls einen Tag später wird erwähnt, dass nach Medienberichten womöglich auch Zivilisten getötet worden seien und dass General Stanley McChrystal persönlich in einer Videokonferenz mit dem deutschen General im Regionalkommando Nord Aufklärung in der Frage der zivilen Opfer verlangt. Aber die ursprünglichen Zahlen vom Tag vorher werden nicht mehr korrigiert. Was in Deutschland eine leidenschaftliche Diskussion über den Sinn des Bundeswehreinsatzes hervorD E R S P I E G E L 3 0 / 2 0 1 0

ruft, erscheint in den Militärprotokollen nur als ein Fall unter Hunderten ähnlicher Fälle. Die Attacken gegen die Deutschen lassen nach dem Luftschlag kurzfristig tatsächlich an Intensität nach, die Taliban haben ohne Zweifel schwere Verluste erlitten. Aber auch bei den Bundeswehrsoldaten in Kunduz bleibt die harte Kritik an der Entscheidung ihres Obersts nicht ohne Wirkung. Sie gehen nun zurückhaltender vor – auch das ist im Zweifel nicht die angemessene Reaktion. Denn aus den jetzt bekanntgewordenen Dokumenten geht klar hervor, dass die Sicherheitslage im Norden Afghanistans immer schlechter wird. Wer die Afghanistan-Meldungen der Bundesregierung an das Parlament mit den Ereignissen aus den Protokollen der Amerikaner vergleicht, erkennt rasch, dass der deutschen Öffentlichkeit viel entgeht: Die Berliner Stellen schweigen über viele der Vorkommnisse, die nicht unmittelbar deutsche Soldaten, wohl aber die Region betreffen, in der sie stationiert sind. Die sind aber besonders aussagekräftig für die wahre Lage. In zahllosen Meldungen wird dort beschrieben, wie die afghanische Polizei und die Armee im Norden erbittert gegen den immer weiter voranschreitenden Feind kämpfen. Deutsche Soldaten sind dann meist nur als Berater präsent oder als Sanitäter, die Verwundete in den Feldlazaretten versorgen. Tag für Tag werden Polizei-Checkpoints überfallen und beschossen, Patrouillen geraten in tödliche Hinterhalte, Straßenbomben explodieren. Die Zahl der verwundeten und getöteten afghanischen Sicherheitskräfte übersteigt um ein Vielfa77

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ches die der deutschen Opfer und zeigt, dass die eigenen Streitkräfte noch lange nicht in der Lage sein werden, den Frieden zu erzwingen, und wie dicht das Land in Wahrheit erneut am Rande des Bürgerkrieges steht. Und noch eins zeigen diese Zahlen: wie wenig die Deutschen erreicht haben. verlangten Luftunterstützung, um den Absturzort und den „Raven“ kontrollieren zu können. Während wir das vorbereiteten, bekamen die afghanischen Soldaten kalte Füße und beschlossen, die Patrouille nicht mitzumachen.“ Die Bergung misslingt: „Wir versuchten eine Patrouille zu Fuß und im Fahrzeug zusammenzustellen, die den ,Raven‘ bergen könnte. Es waren Informationen eingelaufen, dass die Drohne von Aufständischen abgeschossen worden war, dass ein Anschlag in der Nähe geplant und der Vogel schon durch das Flussbett zum Haus eines Taliban-Kommandeurs geschleppt wurde.“ Zwar macht sich die Patrouille zur Rettung des teuren Fluggeräts noch auf den Weg, muss aber schon bald abbrechen. Die Afghanistan-Protokolle aus amerikanischen Militär-Datenbanken machen deutlich, dass auch eine vielgepriesene Wunderwaffe wie die Drohnen weniger perfekt arbeitet als oft behauptet. Der ehemalige Oberbefehlshaber Stanley McChrystal nannte die Aufklärer „außerordentlich effektiv“. CIA-Direktor Leon Panetta sagte gar, die Drohnen seien das wichtigste Mittel im Kampf gegen al-Qaida. Rund 20 „Predator“-Drohnen fliegen derzeit ständig über das bergige Gelände Afghanistans, doppelt so viele wie voriges Jahr. Sie können mehr als 20 Stunden in der Luft bleiben und ohne Warnung zuschlagen – etwa wenn westliche Truppen in Feuergefechte verwickelt werden oder Aufständische Straßenbomben platzieren wollen. Das Modell „MQ-9 Reaper“ ist mit vier jeweils 50 Kilogramm schweren „Hellfire“-Raketen bewaffnet und trägt zusätzlich noch vier 500-Pfund-Bomben, die ihre Ziele mit Hilfe von Laser und dem Navigationssystem GPS finden. Die größte Drohne, der „Global Hawk“, hat mehr als 40 Meter Gesamtflügelspannweite, ihr Startgewicht beträgt über 14 Tonnen. Amerikanische Militärs setzen immer stärker auf die leisen Killer. 185 000 Flugstunden waren sie voriges Jahr im Irak und Afghanistan im Einsatz, dreimal so lange wie 2006. Bald sollen es schon 300 000 Flugstunden pro Jahr sein. Doch die Superwaffen sind störanfällig. Unfallberichte des US-Verteidigungsministeriums zeigen: Systemstörungen, Computerfehler und menschliches Versagen kommen beim Drohneneinsatz häufig vor. In den bisher geheimen Militärdokumenten wird wiederholt von Abstürzen und technischen Problemen berichtet, so am 20. November 2008, als ein „Predator“ mit einer „Hellfire“-Rakete an Bord auf das Flugfeld in Kandahar stürzte. Der Betrieb dort muss eingestellt werden. Am 27. Dezember 2008 erhält die Task Force Currahee einen Bericht von Drohnenlenkern, dass das Fluggerät „Shadow“, Nummer 2086, Maschinenprobleme hat – die Temperatur steigt massiv an. Während die Drohne auf die Militärbasis Ghazni zufliegt, kann sie die Höhe nicht mehr halten, sie muss notlanden, 3,5 Kilometer von der Basis entfernt.  Nicht nur der Verlust der wertvollen Hardware macht amerikanischen Militärs Sorgen. Gerade die kleineren Aufklärungsdrohnen sind vollgepackt mit hochkomplexer Computerelektronik. Sie sind eine Art fliegende Datenbank, die dem Feind nicht in die Hände fallen soll. Mehrere Typen, darunter auch der „Predator“, verfügen über eine sogenannte Zero-out-Funktion, mit denen sich alle Daten per Fernsteuerung löschen lassen. Doch das Sicherungssystem versagt, wenn die Verbindung zwischen Kommandozentrum und Drohne unterbrochen ist. Um dem Feind keine wertvollen Informationen zu überlassen, mündet deshalb beinahe jeder Drohnenabsturz in eine aufwendige Bergungsaktion. Etwa am 11. März 2009: „Eine schnelle Einsatzgruppe versucht, den (notgelandeten) ‚Raven‘ zu finden, aber ohne Erfolg. Sie haben bis zum Sonnenuntergang gesucht. Sie werden den ‚Raven‘ weitersuchen, sobald der Morgen graut.“ Dagegen am 4. September 2009: „Predator“-Drohne stürzt wegen eines vermuteten mechanischen Defekts ab. Über-

PANNENREICHE WUNDERWAFFE
Der geheime Lagebericht aus dem Regionalkommando Ost liest sich zunächst wie ein Routineprotokoll: „17. Oktober 2009: Um etwa 13.00 Uhr erhielt die afghanische Nationalarmee Informationen, dass ungefähr 20 Aufständische sich von ihrer Position in einem ausgetrockneten Flussbett nach Süden bewegten. Um etwa 14.00 Uhr wurde (die Aufklärungsdrohne) „Raven“ gestartet und flog direkt bis zu unserem Stützpunkt. Wir sahen keinen Feind im Flussbett.“ Doch dann gibt es offenbar Schwierigkeiten beim Flug des kamerabewehrten Spähers: „Während der „Raven“ ungefähr 300 Meter vom Stützpunkt entfernt umkehren wollte, verlor er plötzlich an Höhe und stürzte ab.“ Jetzt wird es hektisch: „Wir versuchten unverzüglich, eine Fußpatrouille zu organisieren, um den Vogel zu retten. An der Patrouille sollen 6 US-Soldaten und 40 afghanische Soldaten teilnehmen. Wir

Hoher Blutzoll

Todesopfer bei Sprengstoffanschlägen der Aufständischen
Opfer insgesamt*

Zivilisten* Afghanische Sicherheitskräfte* Alliierte Soldaten* 2004 bis 2009, nach Regionalkommandos
NORD D

4459
700

82 42 18 2 240
OST KABUL UL

138 23

141 104 35 4
WE EST WEST

600 500 400 300

545
SÜD

650

159

1110

797

375

In ganz Afghanistan*

200 100

* laut den geheimen US-Militärdaten

2004

2005

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2008

2009

Bericht über ein Kommando von Selbstmordattentätern in Kabul

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Verletzte Zivilisten nach dem Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul 2008: Volksprämien für jedes Attentat

blick hergestellt. Sondereinheiten führen den Versuch an, die sensiblen Materialien zu sichern. Eine ,Hellfire‘-Rakete befand sich an der Drohne. Um 00.50 Uhr sind alle sensiblen Gegenstände geborgen.“ Nicht immer gelingen die Bergungsversuche so gut. Als am 22. August 2008 eine kanadische Drohne drei Kilometer entfernt vom Militärstützpunkt Masum Ghar abstürzt, versuchen die Soldaten, einen Bergungstrupp zusammenzustellen. Doch der braucht gar nicht erst auszurücken. Innerhalb von 22 Minuten ist die Absturzstelle komplett abgeräumt, alle Überreste sind von Einheimischen beiseitegeschafft.

PAKISTAN – WASHINGTONS HEIMLICHER GEGNER
Seit den Qaida-Anschlägen auf New York und Washington steckt Afghanistans Nachbarstaat Pakistan in einer Klemme. Offiziell schließt sich das Land der weltweiten Anti-Terror-Koalition an, die der amerikanische Präsident George W. Bush geschmiedet hat. Inoffiziell aber sind die pakistanischen Sicherheitskräfte die Schutzherren jener Taliban, die Osama Bin Laden und seinen Terroristen Asyl gewährt haben. Ohne Hilfe aus dem Nachbarland, so viel ist richtig, gäbe es keine Taliban. Der pakistanische Geheimdienst, Directorate for Inter-Services Intelligence (ISI), hat die Taliban mitaufgebaut und eingesetzt, als nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan das Land im Bruderkrieg der siegreichen Mudschahidin versank und ein Machtvakuum drohte. Und trotz aller Beteuerungen pakistanischer Politiker, die alten Verbindungen wären längst gekappt, betreibt das Land

eine doppelbödige Politik – Pakistan ist beides gleichzeitig: Verbündeter der USA und Helfer ihrer Gegner. Für diese These gibt es nun viele neue Belege. In den Dokumenten wird deutlich, dass der pakistanische Geheimdienst weiterhin der vermutlich wichtigste außerafghanische Helfer der Taliban ist. Tatsache bleibt: Der Krieg gegen die afghanischen Sicherheitskräfte, die Amerikaner und ihre Isaf-Verbündeten wird noch immer aus Pakistan heraus geführt. Das Land liefert den Rückzugsraum für alle feindlichen Kräfte. Und deren Aufmarsch-Glacis. Über die pakistanisch-afghanische Grenze strömen die neuen Rekruten der Taliban, darunter auch die gefürchteten ausländischen Kämpfer. Die drei wichtigsten Gegner der westlichen Koalitionsstreitkräfte, die Taliban um Mullah Omar, die Kämpfer um den ehemaligen Mudschahidin-Führer Gulbuddin Hekmatjar und die Milizen der Warlord-Sippe der Haqqanis haben wichtige Quartiere und Einsatzzentralen in Pakistan. Auch Osama Bin Laden, der ursprüngliche Anlass dieses Krieges, hat danach Aufnahme in Pakistan gefunden und mischt noch immer mit im Alltag des Dschihad gegen die Ungläubigen. Mal, behaupten die Dokumente, plane er einen Giftanschlag auf seine Feinde – mit einem Gift, das ihm zu Ehren „Osama Kapa“ genannt wird –, mal soll er einem besonders eifrigen Talib eine Frau geschenkt haben. Der Aufständische hat wirksame Sprengfallen mit Fernzündung entworfen. Der pakistanische Geheimdienst pflegt beste Beziehungen zu allen Gruppen. In der stetigen Angst, der Erzrivale Indien
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könne in Afghanistan Fuß fassen und Pakistan so gewissermaßen in die Zange nehmen, unterstützt er alles, was den eigenen Einfluss in Kabul wahren und stärken könnte. Und weil viele ISI-Strategen nicht glauben können, dass die Amerikaner noch längere Zeit in Afghanistan bleiben werden – schließlich haben sie den Beginn ihres Rückzugs bereits angekündigt –, bleiben die Taliban ein pakistanisches Faustpfand für den künftigen Einfluss auf Kabul. Nirgendwo wird das deutlicher als im Logbuch des Afghanistan-Krieges. Ausweislich der Warnungen vor neuen Angriffen und Selbstmordanschlägen durch gegnerische Kräfte sind ISI-Abgesandte dabei, wenn sich in Nord-Waziristan Kommandeure von Gulbuddin Hekmatjar zum Kriegsrat treffen. So berichtet ein Dokument vom 1. September 2007 über einen bevorstehenden Angriff einer Gruppe von Hekmatjar-Kämpfern auf einen vorgeschobenen Posten der Alliierten in der Provinz Kunar, der afghanischen Nachbarprovinz zum pakistanischen Peschawar. Der Überfall ist aufwendig und präzis geplant: Gleich vier Selbstmordattentäter sollen zum Einsatz kommen, und der Informant der Amerikaner kennt sogar ihre Herkunft – ein Pakistaner, ein Araber und zwei Afghanen. Es soll einen Raketenangriff geben, aber auch Artilleriebeschuss. Zum Schluss sollen Fußsoldaten den Außenposten stürmen und, wenn möglich, gegnerische Soldaten gefangen nehmen. Die chinesische Munition für die Kämpfer hat der pakistanische Geheimdienst geliefert, und wer bezahlt, will auch die Kontrolle behalten. Deshalb wird ein Of79

PAJWAK NEWS AGENCY / REUTERS

REUTERS

Taliban-Kämpfer: Motorräder von den Freunden aus Pakistan

fizier des ISI den Angriff beobachten und den Kämpfern mit Ratschlägen zur Seite stehen. Pakistans Westprovinz Belutschistan gilt als das Rückzugsgebiet des TalibanChefs Mullah Omar. In der Stadt Quetta tagt, zumindest in den ersten Jahren nach der Flucht regelmäßig einmal im Monat, die Schura, das Entscheidungsgremium der Taliban. Einige der Dokumente, etwa die Anschlagswarnung vom 16. August 2006, behaupten sogar, dass Qaida-Chef Osama Bin Laden regelmäßig an dieser Versammlung teilgenommen habe, was allerdings auch den amerikanischen Nachrichtensammlern verdächtig erscheint: Sie versehen die Information mit der Klassifizierung 3F – nicht zu überprüfen. Einer, der mit Sicherheit an der Schura teilgenommen hat, ist Mullah Baradar, ein Schwager von Mullah Omar und ehemaliger Militärchef der Taliban. In den Dokumenten wird er als Vorsitzender der Schura beschrieben, der „die Finanzierung, die Beschaffung und Verteilung von Waffen, Munition und anderer Vorräte überwacht“. Und: Mullah Baradar ist ein Vertrauter des ISI. Er hat die Strategie

der Taliban entworfen und ist, ausweislich des Logbuchs, auch verantwortlich für den Einsatz von Selbstmordattentätern. Warum also sollten ausgerechnet pakistanische Sicherheitskräfte Mullah Baradar am 8. Februar 2010 verhaften? Viele Beobachter glauben, der pakistanische Geheimdienst habe zugeschlagen, nachdem der Mullah Gesprächskontakte zum afghanischen Präsidenten Hamid Karzai aufgenommen hatte. Stimmt diese Interpretation, dann wäre das ein deutliches Signal des ISI an die Taliban und ihre Verbündeten: Nichts läuft ohne uns. Wer das Material durchforstet, hat diesen Eindruck ohnehin. In Dokument auf Dokument ist es der ISI, der den Kriegsverlauf lenkt, und eine seiner bevorzugten Waffen sind Selbstmordattentäter. Häufig ist es der Geheimdienst, der sie losschickt. Etwa in einer Warnung vom 30. Oktober 2007. Dort heißt es: „AQ (alQaida) und ISI haben eine Angriffsgruppe gebildet, die ‚General‘ genannt wird. Die Gruppe umfasst sechs Selbstmordattentäter, zwei davon Chinesen, zwei Usbeken, die anderen Araber. Die Selbstmordbomber sind in (die Provinz) Khost eingedrungen.“

Information über den ehemaligen pakistanischen Geheimdienstchef Gul

Der ISI erlässt auch präzise Mordbefehle. Ganz oben auf der Liste steht, den Dokumenten zufolge, der afghanische Präsident Karzai. Ross und Reiter werden ebenfalls genannt, am 21. August 2008 zum Beispiel. In dieser Warnung heißt es lapidar: Ein Colonel des ISI habe „den Talib Maulawi Izzatullah angewiesen, dafür zu sorgen, dass Karzai ermordet wird. Izzatullah hat Abdulbari aus dem Distrikt Sarowbi mit der Aufgabe betraut, Karzai mit einer Selbstmordmission am Präsidentenpalast umzubringen“. Immer wieder geht es gegen Pakistans Erzfeind: Indien. Den Dokumenten zufolge weist der Geheimdienst seine afghanischen Verbündeten an, Inder, die in Afghanistan arbeiten, umzubringen – durchaus auch gegen Belohnung: Den Kämpfern des Haqqani-Netzwerks verspricht der ISI viel Geld für die Liquidierung von Indern. Auch alle indischen Konsulate in Afghanistan, von indischen Arbeitern erbaute Straßen und ein von Indern eingerichtetes Telefonnetz sind bevorzugte Anschlagsziele des ISI. Nur in der Warnung vor einem Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul, dem am 7. Juli 2008 dann tatsächlich 58 Menschen zum Opfer fallen, fehlt ein Hinweis auf die Urheberschaft des ISI. Die Warnung kommt aus Geheimdienstkreisen des polnischen Isaf-Kontingents. Auch Anschläge auf strategische Ziele werden angeordnet, Dämme etwa, wichtige Überlandstraßen, die Stromversorgung von Kabul. Zuweilen lässt der Geheimdienst eher überspannte Atten-

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Kriegsgebiet
tatspläne entwickeln: So sollen ISI-Agenten angeregt haben, Trinkwasser zu vergiften oder auch alkoholische Getränke, die auf dem Schwarzmarkt verkauft werden. Für alle Anschläge, einschließlich der Selbstmordattentate gegen die fremden Truppen, gibt es Geld; allerdings schwanken die Berichte über die Höhe der Belohnungen beträchtlich. Zwischen 15 000 und 30 000 Dollar will der ISI angeblich an die Kämpfer des HaqqaniNetzwerks pro Anschlag auf Inder zahlen. Eine Sonderrolle spielt in den Dokumenten Pakistans ehemaliger Geheimdienstchef Hamid Gul. Während des Kampfs der Mudschahidin gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan war der einstige Armeegeneral einer der wichigsten Helfer der Widerstandskämpfer und leitete von 1987 bis 1989 den Geheimdienst. Gegenüber westlichen Medien zeigte sich Gul später als eine Art Propagandist der Taliban und als jemand, der viel Verständnis für ihren Kampf gegen die Amerikaner entwickeln konnte. Die USA werfen ihm vor, Beziehungen zur Terrororganisation al-Qaida zu unterhalten. Auch in den jetzt vorliegenden Dokumenten taucht Gul als Verbündeter, einmal sogar als „ein Anführer“ der Taliban auf. Er koordiniert, behauptet jedenfalls ein Bedrohungsbericht vom 14. Januar 2008, die geplante Entführung von UnoMitarbeitern auf dem Highway Nr. 1 zwischen Kabul und Jalalabad. 15 bis 20 Taliban sollen die Fahrzeugkolonne der Weltorganisation stoppen und die Insassen mit ihren Waffen bedrohen. Pardon wird nicht gegeben: Sollten die Taliban bei der Entführung auf Widerstand stoßen, „werden die TB-Mitglieder die AK47-Gewehre nutzen, um den Widerstand zu bekämpfen oder die Geiseln zu töten“. Der General a. D. versorgt seine Schützlinge, den Berichten zufolge, auch weiterhin mit Waffen. So erwähnt ein Informant, dem die Verfasser der entsprechenden Meldung allerdings nicht vollständig trauen, dass Gul eine Fahrzeugkolonne von 65 Lastwagen mit Munition für die Taliban organisiert habe. Anderswo ist davon die Rede, dass der ISI 1000 Motorräder an die Haqqanis geschickt oder 7000 Waffen in die Grenzprovinz Kunar geliefert habe, darunter Kalaschnikows, Mörser und Raketen vom Typ „Strella“. Doch es sind gerade die zuweilen allzu durchsichtigen Versuche, die Taliban-Helfer vom ISI als finsterste Unmenschen erscheinen zu lassen, die auch Skepsis gegenüber den Dokumenten hervorrufen. Da berichtet der afghanische Geheimdienst am 29. Mai 2006 über eine Kampagne des ISI, afghanische Schulen niederzubrennen. Ist das wirklich das Werk des eher säkularen Armeedienstes, oder sind hier nicht doch religiöse Fanatiker der Taliban am Werk? Was ist mit

USBEKISTAN

Afghanistan und das pakistanische Grenzgebiet mit im Text Masar-ierwähnten Orten Scharif Balkh und Provinzen RegionalTURKMENISTAN
kommando Führungsnation (Stand Juli 2010)

TADSCHIKISTAN Faizabad Kunduz Kunduz Baghlan Badakhshan

Herat

Kunar Jalalabad

ITALIEN A

ST T

Kabul

Nangarhar Peschawar

AFGHANISTAN

Ghazni Ghazni

Paktia Khost
Sarowbi

Waziristan Kandahar

PAKISTAN

SÜDWEST W
IRAN

USA

Masum Ghar

SÜD
GROS GRO BRIT RITA
Quetta

100 km

Be lutsc histan

der angeblichen Rekrutierung von Kindern als Selbstmordattentäter? Sie sollen angeblich mit Sprengstoffwesten losgeschickt werden, die dann aus der Ferne gezündet würden. Auch das ein Werk des pakistanischen Geheimdienstes, der sich ansonsten vor in- und ausländischen Bewerbern für das Martyrium gar nicht retten kann? Hat der ISI wirklich Frauen aufgefordert, Sprengstoffwesten unter ihrer Burka zu verstecken, hat es jenen Sprengsatz wirklich gegeben, den ISIAgenten liebevoll in einer goldenen Koran-Attrappe versteckt haben sollen? All das ist nachzulesen in den Agentenberichten, die die Amerikaner hier versammelt haben. Entspricht es auch der Wahrheit? Nicht alle Dokumente aus dieser Schatzgrube sind über jeden Zweifel erhaben. * Eines zeigt das Protokoll des Kampfs um Afghanistan aber überdeutlich: Der Krieg läuft nicht gut für die Amerikaner und die internationale Schutztruppe. Der

KNUT MUELLER

Feind hat die Initiative ergriffen und verstrickt die größte westliche Armee in immer neue Gefechte. Die Amerikaner versuchen, die Führung zurückzugewinnen, verstärkt durch Drohnen und den Einsatz von „Hellfire“-Präzisionsraketen. Sie töten gezielt viele Taliban-Führer in der Hoffnung, damit die ganze Bewegung zu schwächen. In der Südprovinz Helmand haben Taliban-Kommandeure eine besonders geringe Lebenserwartung. Doch die Aufständischen kontern jede strategische Bewegung der Amerikaner schnell und clever. Die Umkehr der Kräfteverhältnisse gelingt nicht, selbst den Verlust ihres grausamen Militärbefehlshabers, des einbeinigen Mullah Dadullah, haben die Guerilla-Krieger überwunden. Gegenüber dem Wendejahr 2006, in dem die Taliban eine Lawine der Gewalt entfesselten, konnten sie ihre Angriffsfrequenz bis 2009 noch einmal um das mehr als Vierfache steigern – dabei sind die meisten Opfer afghanische Zivilisten. Dieses letzte in den Dokumenten aufgezeichnete Jahr ist das bisher tödlichste in Afghanistan. Die westliche Allianz verliert 521 Soldaten, davon sind 317 Amerikaner. Die Zahl ist allerdings nur ein Bruchteil der Zahl jener Kämpfer, welche die Taliban verlieren, viele Tausende wurden bereits bei Bombenabwürfen und durch Raketen getötet. Und doch scheint der Strom an neuen Fußsoldaten endlos. Das bedeutet: Auf dem Schlachtfeld wird erbitterter gekämpft als je zuvor.
MATTHIAS GEBAUER, JOHN GOETZ, HANS HOYNG, SUSANNE KOELBL, MARCEL ROSENBACH, GREGOR PETER SCHMITZ

Ehemaliger Geheimdienstchef Gul

Anschlag auf Kabuls Stromversorgung
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WikiLeaks-Frontmann Assange: „Wir werfen ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges“

Der Enthüller
Mit der ständigen Veröffentlichung von Geheimdokumenten geht WikiLeaks-Gründer Julian Assange Risiken ein. Ein Besuch bei dem Australier, den das Pentagon für einen gefährlichen Mann hält. Und andere als gefährdet ansehen.
lötzlich ist er da, mit federnden Schritten kommt er herein. Noch bevor er jemanden begrüßt, suchen seine Augen schon nach einer Steckdose für seinen kleinen schwarzen Computer. Es ist ein simples Netbook für kaum 300 Dollar. Die Geheimdienste dieser Welt würden viel dafür geben, es auswerten zu dürfen. Der Mann, dem es gehört, heißt Julian Assange. Er kommt gerade aus Stockholm, davor war er kurz in Brüssel, davor ein paar Wochen unauffindbar. Der Australier ist gesucht in diesen Tagen. Man könnte meinen, er sei auf der Flucht. Als er am vorvergangenen Wochenende bei einer Konferenz in New York sprechen sollte, schauten vorher fünf Agenten des amerikanischen Heimatschutzes vorbei. Vergebens, Assange blieb in England. Sein Anwalt hatte ihm berichtet, auch verschiedene andere USBehörden wollten ihn dringend sprechen. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hat ihn und seine Arbeit jüngst „unverantwortlich“ genannt.
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Assange hat die Internetplattform wikileaks.org gegründet – „wiki“ wie die offene Online-Enzyklopädie Wikipedia, „leak“ wie das englische Wort für undichte Stelle. Zusammen mit wenigen festen Mitarbeitern und vielen freiwilligen Helfern betreibt er die Seite seit 2007, sie ist eine Art Briefkasten und Schaufenster zugleich: WikiLeaks sammelt und veröffentlicht Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim eingestuft haben. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente. Die US-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin konnte dort ihre E-Mails nachlesen, die Kenianer erfuhren Entlarvendes über ihren ehemaligen Herrscher Daniel arap Moi, es gab auch Akten aus dem US-Gefängnis Guantanamo. Damals war WikiLeaks eher etwas für Insider. Ihren internationalen Durchbruch hatte die Seite erst im April. WikiLeaks hatte Journalisten in den National Press Club in Washington eingeladen, Assange führte ihnen ein Video vor.
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Es zeigte den tödlichen Angriff eines amerikanischen „Apache“-Hubschraubers auf eine Gruppe von etwa einem Dutzend Zivilisten in Bagdad im Jahr 2007, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter. Auch die Stimmen der Hubschrauberbesatzung waren zu hören. Ihre zynischen Kommentare machten die Bilder noch unerträglicher. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte seit dem Vorfall vergebens versucht, in den Besitz des Videos zu kommen. Assange bekam es, es war sein bislang größter Scoop. Für die einen sind Assange und seine Kollegen seitdem Helden, Kämpfer für die totale Informationsfreiheit und gegen jede Form von Zensur. Für die anderen sind sie Verräter. Aus Sicht der amerikanischen Behörden gilt der Australier als ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit, das hat er sogar schriftlich. Schon 2008 stufte das US-Militär WikiLeaks als gravierendes Sicherheitsproblem ein und diskutierte, wie die Seite am besten zu bekämpfen sei. Auch dieses Dokument wurde Assange zugespielt. Und dann auf wikileaks.org veröffentlicht.

PETER ERICHSEN / NEWMEDIADAYS.COM

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Assange sieht das anders, seine Finger Seither gibt es Stimmen, die sich um „Diese Leute können veröffentlichen, was seine Sicherheit sorgen – und sogar um immer sie wollen, und sie werden dafür fliegen über die Tastatur, ab und zu hält sein Leben. Es ist nicht ganz klar, ob der nicht zur Rechenschaft gezogen“, sagte er kurz inne. „Wir brauchen eine FunkMann, der nun in London seinen Rechner US-Verteidigungsminister Robert Gates. tion, die das Gewicht der Vorfälle einstartklar macht, eher gefährlich oder ge- Selten hat man Repräsentanten einer US- ordnet“, sagt er in seiner sonoren tiefen Stimme. Kurz darauf hat er einen Filter fährdet ist. Auffällig ist er in jedem Fall. Regierung so hilflos gesehen. Das Problem beginnt schon damit, dass eingebaut, mit dem die Nutzer der Seite Assange ist ein Schlaks mit schlohweißen Haaren und einer für diesen Sommer fast WikiLeaks bis heute mehr eine geniale die Tausenden Einzelvorfälle nach ihrer unnatürlich blassen Gesichtsfarbe – was Idee ist als eine Organisation im her- „Signifikanz“ durchsuchen können. Als auch daran liegt, dass er seit Wochen sein kömmlichen Sinn. Es gibt kein Haupt- Kriterium hat Assange vor allem die Zahl nächstes Projekt vorbereitet und tagsüber quartier, nicht einmal eine Adresse, nur der zivilen Toten ausgewählt. Man kann ein anonymes Postfach an der Universität die Datenbank auch nach Datum und kaum vor die Türe geht. In einem Büro im vierten Stock des von Melbourne. Assange und sein deut- Region sortieren und bei jedem einzelVerlagsgebäudes der britischen Tageszei- scher Kollege, der sich Daniel Schmitt nen Vorfall auf einer Kartenansicht tung „The Guardian“ gibt er den Briten nennt, sind bislang die beiden Einzigen, sehen, wo genau in Afghanistan er sich zusammen mit der „New York Times“ die ihr Gesicht öffentlich zeigen. Ansons- ereignet hat. Der Krieg als Multimediaund dem SPIEGEL vorab Einblick in die ten gibt es nur die Website selbst, ein präsentation. „Ha“, sagt er plötzlich, „unglaublich“. mehr als 90 000 Einzelberichte aus dem paar Mail-Adressen und einen TwitterAfghanistan-Krieg, die überwiegend als Account, den die Macher für ihre PR- Er hat ein neues groteskes Beispiel für Zwecke nutzen. Das Herzstück der Ope- den Slang gefunden, mit dem Militärs die „Geheim“ eingestuft sind. Die Veröffentlichung dieses Archivs, ration sind ihre Server, die über die Welt Realität auf dem Schlachtfeld umschreisagt Assange, werde nicht nur die öffent- verteilt sind und dort stehen, wo die Ge- ben. „Vital Signs Absent“, Vitalfunktioliche Meinung über den Krieg verändern, setzgeber Informanten besonders weit- nen abwesend. Also tot. Die Sprache diesondern „auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss“. Es werfe „ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges“ und werde „nicht nur unseren Blick auf diesen Krieg verändern, sondern auf alle modernen Kriege“ (siehe Interview Seite 84). Das Archiv enthält Geheimdienstinformationen, Einschätzungen und viele Namen – die von Militärs, aber auch die von Quellen. Die Veröffentlichung einer geheimen militärischen Kriegsdokumentation, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt war, wirft neue Fragen auf. Ist das Journalismus, vom Auskunftsrecht der Öffentlichkeit gedeckt? Ein legitimer Blick hinter die Propagandamaschinerie des Krieges? Oder ist es ein Spionageakt, WikiLeaks-Website, US-Verteidigungsminister Gates: „Das ist unverantwortlich“ machen Assange und seine Mitstreiter sich des Geheimnisverrats schuldig? Ge- gehende Schutzrechte einräumen. Die ses Krieges beschäftigt ihn, sie ist auch fährden sie am Ende die internationalen Grundkosten von rund 200 000 Euro im der Grund, warum WikiLeaks dem BagTruppen und die afghanischen Zuträger, Jahr werden durch Spenden gedeckt. Bis- dad-Video den Titel „Collateral Murder“ lang haben sich Assange und Schmitt gegeben hat. Er habe damit den zynidie ihnen helfen? Schon heute verändern Angebote wie nicht einmal Gehälter ausgezahlt, sagen schen Begriff Kollateralschaden entlarven und unmöglich machen wollen, sagt AsWikiLeaks den Umgang mit sensiblen In- sie. In London wird schnell klar, wie sehr sange. formationen. Wenn Julian Assange über sein Projekt Whistleblower, also Firmen- oder Be- WikiLeaks von einzelnen Aktivisten hördenmitarbeiter, die der Presse vertrau- lebt – und zu welch großem Teil von Ju- spricht, während eines Abendessens etwa, liches Material zugänglich machen, um lian Assange und seinem kleinen schwar- bei dem sich der Australier nur zwei Kuauf Fehlentwicklungen hinzuweisen oder zen Rechner. Und dass der hochintelli- geln Kardamom-Eis bestellt, sonst nichts, Korruption und Machtmissbrauch aufzu- gente, selbstbewusste 39-Jährige für alle, dann ist es vor allem eine Botschaft, die decken, gab es schon immer. Eine derart die in ihm keinen Helden des Informa- er vermittelt: WikiLeaks ist ein radikales, umfangreiche Kriegsdatenbank, die auf tionszeitalters sehen, ein ernstzunehmen- ein exakt durchdachtes Projekt. Assange überlegt lange, bevor er antwortet, und einen einzigen USB-Stick passt und ein- der Gegner ist. Assange arbeitet wie besessen an der er besteht darauf, seine Antworten zu fach so ins Internet gestellt werden kann – Datenbank, mit der WikiLeaks den Af- Ende zu bringen. Unterbrechungen mag das ist neu. Ist WikiLeaks also ein neuer Leucht- ghanistan-Krieg anschaulich machen will. er nicht. Die Grundidee sei ihm schon in den turm der Aufklärung? Oder ist die Web- Er trägt eine seltsame Kombination aus site eine Gefahr für demokratische Staa- einem knittrigen Jackett, einem T-Shirt neunziger Jahren gekommen, sagt Asten, weil ein Ex-Hacker zusammen mit und Cargohosen, seine Füße stecken in sange, 1999 habe er die Seite leaks.org einigen Vertrauten darüber entscheidet, ausgelatschten Turnschuhen, er ist unra- reserviert. Die Basisregel in offenen Gewelche Informationsbombe sie als Nächs- siert und sieht aus, als habe er zwei Näch- sellschaften müsse sein, dass alle über altes zünden – ohne der anderen Seite die te lang nicht geschlafen. Leute, die es gut les frei kommunizieren können. Die ErChance einer Gegendarstellung oder mit ihm meinen, sagen, er brauche drin- fahrung zeige, dass es dort, wo mit Geheimnissen hantiert werde, oft ungerecht juristischen Gegenwehr einzuräumen? gend ein paar Wochen Urlaub.
ALAMY / MAURITIUS IMAGES

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ALEX BRANDON / AP

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„Wir müssen sie stoppen“
WikiLeaks-Gründer Julian Assange, 39, über sein Netzwerk, seine Mission und seine Regeln
SPIEGEL: Herr Assange,

Sie veröffentlichen eine riesige Menge Geheimmaterial über den Krieg in Afghanistan. Was ist Ihr Motiv? Assange: Diese Daten sind die umfassendste Beschreibung eines Krieges, die es jemals wähAssange rend eines laufenden bewaffneten Konflikts gegeben hat – also zu einem Zeitpunkt, an dem man noch etwas zum Guten wenden kann. Sie enthalten Aufzeichnungen zu mehr als 90 000 Zwischenfällen, samt präzisen geografischen Angaben. In seiner Fülle stellt das Material alles in den Schatten, was bisher über Afghanistan gesagt wurde. Es wird nicht nur unseren Blick auf diesen Krieg verändern, sondern auf alle modernen Kriege. SPIEGEL: Glauben Sie, die Veröffentlichung wird die politischen Entscheidungsträger beeinflussen? Assange: Ja. Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss. SPIEGEL: Erwarten Sie da nicht ein bisschen viel? Assange: Es gibt ein allgemeines Gefühl, dass es besser wäre, den Krieg zu beenden. Diese Dateien allein werden das nicht schaffen, aber sie werden den politischen Willen beeinflussen. SPIEGEL: Das Material enthält militärische Geheimnisse und Namen von Quellen. Gefährden Sie mit der Veröffentlichung nicht die internationalen Truppen – und deren afghanische Informanten? Assange: Die Daten enthalten keine Informationen über aktuelle Truppenbewegungen. Unsere Quelle war in dieser Hinsicht um Schadensbegrenzung bemüht und hat uns beauftragt, das Material dahingehend zu prüfen, dass keine signifikante Gefahr für Unschuldige entsteht. Wir nehmen Quellenschutz sehr ernst und verstehen deshalb auch, dass es wichtig ist, bestimmte Quellen der US- und IsafTruppen zu schützen.
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SPIEGEL: Wie genau sieht diese „Schadensbegrenzung“ aus? Assange: Wir haben Fälle herausgefiltert, bei denen Gefahr für Unschuldige bestehen könnte, und das Material entsprechend bearbeitet. SPIEGEL: Gibt es für Sie so etwas wie ein legitimes Staatsgeheimnis? Assange: Es gibt berechtigte Geheimnisse und eine Berechtigung, sie zu brechen. Leider können diejenigen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen oder andere Gesetze brechen, das Recht auf Geheimhaltung allzu leicht missbrauchen. Menschen mit einem Gewissen haben derlei immer schon aufgedeckt. Im Übrigen entscheidet nicht WikiLeaks, etwas offenzulegen. Wir sorgen dafür, dass Informanten geschützt werden und die Öffentlichkeit unterrichtet wird. SPIEGEL: Aber am Ende muss jemand über die Veröffentlichung entscheiden. Wer bestimmt über die Kriterien? WikiLeaks versteht sich als Vorkämpfer für die Informationsfreiheit und ist da selbst nicht transparent. Assange: Das ist lächerlich. Wir sagen eindeutig und glasklar, was wir veröffentlichen und was nicht. Es gibt bei uns keine Ad-hoc-Entscheidungen. Wir veröffentlichen prinzipiell die Primärquellen zu unseren Texten. Zeigen Sie mir einen anderen Medienbetrieb, der solche Standards hat. Alle sollten unserem Beispiel folgen. SPIEGEL: Das Problem ist, dass WikiLeaks für mögliche Fehler kaum zur Rechenschaft zu ziehen ist. Ihre Server stehen in Ländern, die Ihnen weitreichenden Schutz bieten. Steht WikiLeaks etwa über dem Gesetz? Assange: Wir bewegen uns nicht im luftleeren Raum. Alle Beteiligten leben in Staaten, in denen unterschiedlichste Gesetze gelten. Wir sind in verschiedenen Ländern bereits verklagt worden. Bisher haben wir alles gewonnen. Es sind eben Gerichte, die Urteile fällen, nicht Unternehmen oder Generäle. Bislang war das Gesetz, waren Gerichte und auch Verfassungen auf unserer Seite. SPIEGEL: Sie sagen, es gebe einen Zusammenhang zwischen der Transparenz, für die Sie kämpfen, und einer

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gerechteren Gesellschaft. Was meinen Sie damit? Assange: Echte Reformen kann es nur geben, wenn ungerechte Handlungen entlarvt werden. Am besten geht man gegen Ungerechtigkeiten dann vor, wenn sie noch gar nicht begangen wurden, wenn es nur den Plan gibt – dann kann man sie noch stoppen. SPIEGEL: Während des Vietnam-Krieges hat die Nixon-Administration den Informanten, der die Pentagon-Papiere an die Presse gegeben hatte, den gefährlichsten Mann Amerikas genannt. Sind Sie heute der gefährlichste Mann – oder eher der Gefährdetste? Assange: Die gefährlichsten Männer sind diejenigen, die Krieg führen. Wir müssen sie stoppen. Wenn mich diese Auffassung in ihren Augen gefährlich macht, dann ist es eben so. SPIEGEL: Sie hätten eine Firma in Silicon Valley eröffnen und in Palo Alto ein Haus mit Pool bewohnen können – warum haben Sie sich stattdessen für das Projekt WikiLeaks entschieden? Assange: Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Das hier ist so etwas für mich. Ich mag es, große Systeme zu entwickeln, und ich genieße es, Menschen zu helfen, die verletzbar sind. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß.
INTERVIEW: JOHN GOETZ, MARCEL ROSENBACH

„Collateral Murder“-Video

Die Sprache des Krieges entlarven

zugehe, weil Geheimnisse von Menschen in Machtpositionen missbraucht würden. Danach müssen sich so einige Mächtige noch Sorgen machen, WikiLeaks sitzt angeblich auf einer Fülle weiteren Materials. Wer entscheidet, was wann veröffentlicht wird? Die Quelle, sagt Assange. WikiLeaks frage bei jeder anonymen Einsendung, warum der Informant glaube, das Material sei von politischer oder ethischer Relevanz. „Unsere Kriterien sind glasklar, und wenn sie erfüllt werden, veröffentlichen wir“, sagt Assange. Was heißt wir? „Am Ende muss einer das Sagen haben, und das bin ich“, sagt Assange. „Und in Zweifelsfällen werde ich immer veröffentlichen.“ Eine bemerkenswerte Haltung für eine Organisation, die noch nicht mal die Namen ihrer angeblich fünf fest angestellten Mitarbeiter veröffentlicht. Und für einen Mann, der Fragen nach der eigenen Biografie auszuweichen versucht. Ein paar Grunddaten, immerhin, scheinen klar. Assange wurde 1971 im australischen Queensland in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Die Eltern trennten sich, auch eine neue Beziehung der Mutter ging schief. So schief, dass die Mutter mit Julian vor dem Stiefvater flüchtete und teils unter falschem Namen lebte. Er führte ein Nomadenleben, damals schon, angeblich hat er insgesamt fast 40 verschiedene Schulen besucht. Noch in der Internetsteinzeit der achtziger Jahre, als die Rechner „Commodore 64“ hießen und die Modems „Akustikkoppler“, entwickelte Assange eine Leidenschaft für Computer und Netzwerke –

später machte er sich in der Hacker-Szene von Melbourne einen Namen, weil er in die Netze von Unternehmen und Behörden einbrach, auch in amerikanische Militärrechner. „Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige“, sagte ein Staatsanwalt ein paar Jahre später, selbst die laufenden Ermittlungen der australischen Bundespolizei gegen sie selbst habe die Hackergruppe online verfolgt. Der Richter verurteilte Assange zu einer Art Bewährung und einer Geldstrafe. Ein Fernsehbericht über das Verfahren zeigt Assange im Trenchcoat, mit langem braunem Pferdeschwanz und Sonnenbrille. Die Hackergruppe hatte sich „International Subversives“ genannt. Als er verurteilt wurde, hatte Assange bereits einen kleinen Sohn, er war früh Vater geworden; allerdings fand er sich mit der Mutter des Kindes bald in einem erbitterten Sorgerechtsstreit, der Jahre

WikiLeaks-Aktivist Schmitt

Deutschland ist eine feste Säule
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dauerte – und zu erneuten Zusammenstößen mit staatlichen Stellen führte. Ist WikiLeaks die Racheaktion eines verletzten Hackers, eines verkannten Computergenies? Redet Assange wegen seiner persönlichen Geschichte vom „Feind“, wenn er den Staat meint? Für Assange sind das typische Journalistenfragen. Er hasst sie mit derselben Leidenschaft, wie er den „Geheim“-Stempel auf offiziellen Dokumenten verachtet. WikiLeaks ist für ihn auch ein medienkritisches Projekt. Er will, dass die Nutzer sich auf der Basis von Originaldokumenten ein eigenes Bild machen können. Ohne journalistischen „Dreh“. Beim „Collateral Murder“-Video verstieß WikiLeaks indes schon durch den wertenden Titel selbst gegen dieses Prinzip, was Assange einige Kritik einbrachte. Das Problem entstehe im Kopf des Reporters, sagt der Australier. Sein Ideal sind wissenschaftliche Zeitschriften mit Fußnoten und Quellenverweisen. Er bezeichnet sich selbst als investigativen Journalisten. Eigentlich arbeitet er aber eher wie ein Archivar und Dokumentar. Es ist kein Zufall, dass er WikiLeaks in Australien als Bibliothek registriert hat. Assange und seine Kollegen könnten mit der Entwicklung gerade sehr zufrieden sein. Der Australier hat in London vor ein paar Tagen einen Vortrag vor investigativen Journalisten gehalten, sein deutscher Kollege Daniel Schmitt in Hamburg, beide bekamen begeisterten Applaus. Im vergangenen Jahr haben sie den Medienpreis von Amnesty International gewonnen. Doch seit dem 29. Mai liegt ein Schatten über dem Projekt. Es war der Tag, an dem der 22-jährige US-Soldat Bradley Manning in seiner Basis „Operation Station Hammer“ im Irak verhaftet und in ein Militärgefängnis in Camp Arifjan Kuwait gebracht wurde. Inzwischen hat das US-Militär seine Vorwürfe gegen den ehemaligen Militäranalysten Manning bekanntgemacht: Danach habe er im Zeitraum vom 19. November 2009 bis ins Frühjahr dieses Jahres unter anderem das inzwischen von WikiLeaks veröffentlichte Bagdad-Video sowie 150 000 geheime Drahtberichte des amerikanischen Außenministeriums und eine geheime „Powerpoint-Präsentation“ heruntergeladen. Das Video und 50 der Drahtberichte habe er an eine „unberechtigte Person“ weitergegeben, wirft ihm das US-Militär vor. Laut einem Armeesprecher drohen Manning im Fall einer Verurteilung bis zu 52 Jahre Haft. Wie es aussieht, hat sich Manning selbst enttarnt. Am 21. Mai begann er offenbar eine Serie von Internetchats mit
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Centcom-Operationszentrale in Florida: Datenklau zum Lady-Gaga-Song

einem amerikanischen Hacker namens Adrian Lamo. Die US-Zeitschrift „Wired“ hat Auszüge dieser Chats veröffentlicht. Darin schüttet ein Teilnehmer, hinter dem US-Behörden Manning vermuten, dem ihm zuvor persönlich nicht bekannten Lamo sein Herz aus. Er schildert, er habe an seinem Arbeitsplatz über zwei Rechner auf die geheimen Netze „SIPRNET“ und „JWICS“ zugreifen können; auch auf einem Centcom-Rechner habe er ungeschütztes Material gefunden. „Ich kann gar nicht glauben, was ich dir alles beichte“, fügt er hinzu. Sogar den Weg, auf dem er das Material hinausgeschmuggelt haben will, verrät er in dem Chat: Danach habe er an seinem Arbeitsplatz im Irak beschreibbare CDs in seine Rechner geschoben, die er zuvor mit Namen wie „Lady Gaga“ beschriftet hatte, um später vermeintliche Musik-CDs nach Hause zu tragen: „Ich hab die Lippen zu Lady Gagas ,Telephone‘ bewegt, während ich die wahrscheinlich größte Datenmenge in der amerikanischen Geschichte abgesaugt“ habe, heißt es im veröffentlichten Teil der Chat-Logs. Mehrfach bezieht sich der Chatter auch auf WikiLeaks und Assange, mit dem er in Kontakt stehe. Und er gibt Hinweise auf sein Motiv: eine tiefe Unzufriedenheit mit der Situation vor Ort und dem US-Militär. Lamo informierte das FBI und übergab seine Chat-Protokolle. Er habe die nationale Sicherheit bedroht gesehen, sagte er US-Medien zur Begründung. Kurz darauf wurde Manning festgenommen. Für WikiLeaks und Assange ist damit eine heikle Situation entstanden. Sie ähnelt verblüffend dem Szenario, welches das US-Militär in seinem Geheimpapier
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von 2008 entworfen hatte, um WikiLeaks zu schaden: Eine erfolgreiche Identifizierung, Verfolgung und öffentliche Vorführung von Personen, die Informationen an WikiLeaks weitergeben, würde die Plattform beschädigen, möglicherweise sogar zerstören und andere von ähnlichen Handlungen abhalten, hieß es darin. Was sagt der WikiLeaks-Frontmann zu der angeblichen Selbstbezichtigung des US-Soldaten? „Wenn wir den Vorwürfen glauben können, wurde Manning von einem amerikanischen Hacker verraten, der mit WikiLeaks nichts zu tun hat“, sagt Assange. „Wir können Menschen nicht vor sich selbst retten, leider.“ Ist Manning womöglich auch die Quelle für das Afghanistan-Material? „Wir haben keine Ahnung, ob er unsere Quelle war“, behauptet Assange. „Wir haben unser System absichtlich so eingerichtet, dass wir die Identität unserer Informanten nicht erfahren.“ Und warum will WikiLeaks Manning juristisch unterstützen, wenn es doch angeblich wegen der technischen Sicherungen für WikiLeaks selbst unmöglich ist zu wissen, wer das Material eingeschickt hat? „Wir müssen alle angeblichen Quellen unterstützen“, sagt Assange. „Egal, ob Herr Manning nun die Quelle für das ,Collateral Murder‘-Video war, ob er direkt oder indirekt irgendetwas mit dem Material zu tun hatte, das wir veröffentlicht haben – er ist ein junger Mann, der in Kuwait unter dem Vorwurf festgehalten wird, dass er unsere Quelle ist.“ Nach Mannings Verhaftung verschwand auch Assange für ein paar Wochen, seine Anwälte empfahlen ihm, die USA zu meiD E R S P I E G E L 3 0 / 2 0 1 0

den. „Ich bin darauf hingewiesen worden, dass jemand auf die Idee kommen könnte, mich der Beihilfe zur Spionage zu beschuldigen“, sagt er. Das ist der Grund, warum er in London unter falschem Namen in ein Hotel eincheckt und auch von dort schnell wieder verschwindet, um bei einem Unterstützer unterzuschlüpfen. Wie so oft in den vergangenen Jahren, überall auf der Welt – von Kenia bis Island, wo er mit einem Team von Helfern die Veröffentlichung des Bagdad-Videos vorbereitet hat. Die Vorsichtsmaßnahmen gelten für alle. Der in der Netz-Szene bekannte Programmierer Jacob Appelbaum, der Assange am vorvergangenen Wochenende beim New Yorker Hacker-Kongress vertrat, hatte eigens ein Double organisiert, das dann unmittelbar nach dem Vortrag seine Rolle übernahm. Applebaum selbst fuhr sofort zum Flughafen, nur mit Ausweis, Bargeld und einer „Bill of Rights“ bewaffnet, und flog außer Landes. Auch Daniel Schmitt, der deutsche Repräsentant und neben Assange die wichtigste Stimme von WikiLeaks, ist noch vorsichtiger geworden. Bei einem Treffen in einem Berliner Café schaut er sich nach möglichen Mithörern um, auch mag er es nicht, wenn in seiner Nähe fotografiert wird. Deutschland ist für WikiLeaks einer der wichtigsten Standorte, eine feste Säule einer ziemlich losen Organisation. Es gibt viele Einsendungen in deutscher Sprache, es gibt technische Unterstützung aus dem Umfeld des Chaos Computer Clubs – und es gibt einen hohen Anteil deutscher Spendengelder. Schmitt ist ein schlanker 32-Jähriger mit Vollbart und Hornbrille, er hat Informatik studiert und in der IT-Sicherheit gearbeitet, bevor er seine gesamte Arbeitszeit WikiLeaks widmete. Anders als der leicht exzentrische Assange, der schon mal auf Socken durch London läuft und auf offener Straße Luftsprünge macht, ist er ein nüchterner Typ. Noch in diesem Jahr soll in Deutschland eine Stiftung namens „Freunde von WikiLeaks“ gegründet werden, außerdem arbeitet Schmitt an einer Broschüre, die zum „Leaken“ auffordern soll – und die er vor dem Reichstag und dem Verteidigungsministerium verteilen lassen will. Auch über U-Bahn-Werbung hat er schon nachgedacht. Beide, Assange und Schmitt, sagen, WikiLeaks besitze einen Berg unveröffentlichter Dokumente – und sei erst am Anfang. „Wenn wir das Bild einer Gipfelbesteigung verwenden wollen, befinden wir uns gerade im Basiscamp“, sagt Assange. Dann klappt er den kleinen schwarzen Rechner zu, packt ihn in seinen grauschwarzen Nylonrucksack – und ist wieder weg. JOHN GOETZ, MARCEL ROSENBACH

CHRISTOPHER MORRIS / VII