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Projekt MA N U A L

FluEQUAL – SALZBURG INTEGRIERT FLÜCHTLINGE

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IMPRESSUM:
MEDIENINHABERIN UND HERAUSGEBERIN Projekt FluEQUAL, Lasserstraße 17, 5020 Salzburg Homepage: www.fluequal.at · E-Mail: info@fluequal.at REDAKTIONSTEAM: Ursula Liebing, Angelika Reichl Frau & Arbeit, Franz-Josef-Straße 16, 5020 Salzburg E-Mail: office@frau-und-arbeit.at GESTALTUNG: Ingeborg Schönherr QUELLEN: Portraits, Collagen und Zitate stammen – wenn nicht anders gekennzeichnet – aus der Ausstellung „Mein Österreich, MigrantInnen und ihre zweite Heimat“, ein Projekt von Katholischer Aktion Salzburg und Plattform für Menschenrechte Salzburg. E-Mail: josef.mautner@ka.kirchen.net DRUCK: Laber Druck, Oberndorf

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Projekt MA N U A L
FluEQUAL – SALZBURG INTEGRIERT FLÜCHTLINGE

Ein EQUAL-Projekt von BiBER Caritas Diakonie Flüchtlingsdienst Frau & Arbeit Land Salzburg mit den PartnerInnen Wirtschaftskammer Salzburg Arbeiterkammer Salzburg Regionalverband Oberpinzgau Regionalverband Lungau gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit und des Europäischen Sozialfonds

Salzburg im April 2007

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Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!

as Land Salzburg hat mit 01.05.2004 mit in Kraft treten der Grundversorgungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern die Aufgabe der Versorgung und Betreuung von AsylwerberInnen übernommen. Bereits die ersten Erfahrungen bei der Erfüllung dieser Aufgabe haben wieder gezeigt, wie wichtig dabei das Bemühen um Integration von allen Seiten ist. Der Verantwortung der nach Österreich zugewanderten Menschen für ihre Eingliederung in unsere Gesellschaft steht unsere Verantwortung gegenüber, sie bei diesem Eingliederungsprozess zu unterstützen. Von Anfang an haben sich engagierte Menschen in den Salzburger Gemeinden, in denen Flüchtlinge untergebracht sind, für einen solchen Integrationsprozess eingesetzt. In dem Projekt „FluEQUAL – Salzburg integriert Flüchtlinge“ haben Frau & Arbeit, Diakonie, Caritas und BiBER, als durchführende Organisationen, Wirschaftskammer, Arbeiterkammer und die Regionalverbände Lungau und Oberpinzgau als strategische Partner und das Land Salzburg als finanzverantwortlicher Partner seit Mitte 2005 an vier Standorten im Bundesland einen wichtigen Beitrag für die Integration von AsylwerberErika Scharer Innen in unserem Bundesland geleistet. Dabei wurden die SchlüsselbeLandesrätin für Soziales reiche von Integration, nämlich Spracherwerb, Beschäftigung, Qualifizierung und eine breite Beteiligung von betroffenen Gruppen und Personen aktiv angesprochen. Die Bereitschaft von AsylwerberInnen, an diesen Integrationsmaßnahmen teilzunehmen, wie auch das Interesse, das dieses Projekt bei den beteiligten Gemeinden und den BewohnerInnen in diesen Gemeinden gefunden hat, sind sehr positive Zeichen. Ich freue mich, dass nun mit diesem Projekt-Manual eine Handreichung für weitere Interessierte vorliegt und damit „Salzburg integriert Flüchtlinge“ weitergehen wird. Erika Scharer Landesrätin für Soziales

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Inhalt
Kapitel I: Einleitung Vereinigung des Unvereinbaren? Salzburg integriert Flüchtlinge Kapitel II: Sprache Frauensprachkurse: „Jetzt lerne ich Deutsch!“ Männersprachkurse: Für alle ein Gewinn! Vernetzungstreffen von SprachlehrerInnen Kapitel III: work iT! Partizipative Projektarbeit – warum? Grundbildung im Bereich der Informationstechnologien Coaching für Arbeitsmarkt und Alltag Kapitel IV: Gemeinnützige Beschäftigung Qualitätsstandards für gemeinützige Beschäftigung Flüchtlinge arbeiten in Gemeinden mit Lernwerkstätten als berufliche und kulturelle Orientierung Beratung und Coaching Kapitel V: Ganzheitliche Integration Die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in Gemeinden Dialogprozesse zur Förderung von Integration Integration von Asylwerberinnen Kapitel VI: Rückschau Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile Öffnung des ersten Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen Zugang zum Arbeitsmarkt dient der Integration Arbeitsmarktöffnung in strukturschwacher Region ist schwierig Ein Fremder ist ein Freund, dem wir noch nicht begegnet sind Empowerment von AsylwerberInnen? 6 7 10 13 15 19 21 23 25 28 33 37 39 42 45 48 51 53 57 61 65 67 69 70 70 71 72

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Kapitel I: Einleitung

Einleitung

• Vereinigung des Unvereinbaren? Integration von Asylsuchenden in Salzburg • Salzburg integriert Flüchtlinge – das Projekt FluEQUAL

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Integration von Asylsuchenden in Salzburg

Vereinigung des Unvereinbaren?
Josef P. Mautner

ntegration – ein viel verwendeter und beinahe ausschließlich positiv besetzter Modebegriff. Gerade in politischen Debatten wird er nicht selten dazu verwendet, eine zu ihm in Gegensatz stehende Realität zu kaschieren. So empfiehlt es sich, auch bei einem EU-Projekt, das Integration von Asylsuchenden im Bundesland Salzburg verspricht, genauer hinzusehen. Nicht eine abstrakte Begriffsdefinition soll hier geboten werden, sondern eine kritische Reflexion des Begriffs vor dem Hintergrund der Erfahrungen und Enttäuschungen praktischer Arbeit. Was bedeutet „Integration“ im Zusammenhang der Situation von Menschen, die in einem noch unentschiedenen Asylverfahren stehen? Welche praktischen Möglichkeiten bietet der Rahmen der sog. „Grundversorgung“ von Flüchtlingen, wie sie im Bundesland Salzburg durchgeführt wird, für Integration, und welche (relativ engen) Grenzen werden durch ihn gesetzt? Skepsis scheint angebracht. In den vielen Debatten über Integration von Asylsuchenden, die ich bisher miterleben konnte, bin ich dementsprechend auch der grundsätzlichen Meinung begegnet, „Integration im engeren Sinne“ einerseits und die Situation von Asylsuchenden im Verfahren andererseits seien zwei Realitäten, die unvereinbar bleiben. Kurz und oberflächlich brutal gesagt: „Flüchtlinge kann man nicht integrieren“, oder im Sinne eines politischen Ordnungsdenkens gesprochen: „Flüchtlinge soll man nicht integrieren“. Schließlich führe eine „Aufenthaltsverfestigung“, die vor dem noch ungewissen Ausgang eines Asylverfahrens stattfindet, zwangsläufig zu einer Katastrophe, sobald der endgültige Negativbescheid feststünde. Ein mögliches Beispiel: Der Mann arbeitet seit Jahren in einer Firma in Salzburg, die Frau lebt zuhause, die Kinder sind hier in den Kindergarten gegangen und

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besuchen die Schule, alle sprechen inzwischen ganz passabel Deutsch, die Familie hat einen guten Kontakt zu den Nachbarn und zu andern Familien, deren Kinder in die selben Klassen gehen – und nun sollen sie in ein Drittland abgeschoben werden, das sie auf ihrer Flucht zufällig ein paar Tage lang gesehen haben. Integrationspflicht des Aufnahmelandes Jahrelange Asylverfahren führen zu einem jahrelangen Aufenthalt von Asylsuchenden im vorläufigen Aufnahmeland, und automatisch entstehen der Wunsch wie die Notwendigkeit, sich zu integrieren. Ein länger dauerndes Zusammenleben in einem kleinräumigen sozialen Umfeld beinhaltet Inte- „Selbst wenn wir unter Integration nichts weiter vergration – als Element seiner inneren Logik. stehen wollen als die VereinDiese soziologische heitlichung eines uneinigen Gesetzmäßigkeit wider- Stoffes, so drängt sich dem spricht dem landläuvorurteilsfreien Denken die figen Bild, Integration Frage auf: bei wem denn die sei ausschließlich eine Anstrengung der poli- Entscheidung darüber liege, ob etwas eine Einheit sei tical correctness, des moralischen Überich, oder nicht?“ Fritz Mauthner und nur die Segregation, die Diskriminierungsprozesse von Fremden verliefen „naturgemäß“. Für die Situation von Asylsuchenden bedeutet dies: Solange die Verfahren nicht in deutlich kürzerer Zeit abgeschlossen werden, besteht meines Erachtens auch eine Integrationspflicht des Aufnahmelandes, und es gilt der Grundsatz von Art. 34 der Genfer Konvention: „Die vertragschließenden Staaten werden so weit wie möglich die Eingliederung und Einbürgerung der Flüchtlinge erleichtern.“ Denn angesichts von Jahre dauernden Aufenthalten während eines schwebenden Asylverfahrens wird eine Politik, die eine sog.

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„Aufenthaltsverfestigung“ während dieser Zeit vermeiden möchte, zum Zynismus gegenüber allen Betroffenen. Ganzheitliches Verständnis In der österreichischen Politik – und somit auch in der Salzburger – existiert bereits eine länger dauernde Geschichte der Verhinderungsbemühungen von Integration mit und für Asylsuchende. Gerade im Hinblick auf diese Geschichte – und da das Land Salzburg als offizieller Partner mit eingebunden war – muss dieses Projekt mit dem Titel „FluEQUAL – Salzburg integriert Flüchtlinge“ ohne Einschränkung als wichtiger Schritt in eine richtige Richtung betrachtet werden. Es beinhaltet die Anerkennung jener Tatsache, die bisher von offizieller Seite nicht in vollem Umfang anerkannt war: Asylsuchende brauchen gute Rahmenbedingungen für eine teilweise und vorläufige Integration – auch bereits vor ihrer Anerkennung als Konventionsflüchtlinge! Vor allem aufgrund des ganzheitlichen Ansatzes, der mit dem Projekt verfolgt wurde – das zeigten mir auch die Erfahrungen in der konkreten Zusammenarbeit –, hat FluEQUAL zweifellos in vielen Fällen erfolgreich und nachhaltig zu einer ersten Integration sowie zu einer Verbesserung der gesamten Lebenssituation von Asylsuchenden beigetragen. Im Mittelpunkt – auch des medialen – Interesses stand sicherlich das Schaffen von Beschäftigungsmöglichkeiten für Flüchtlinge im kommunalen Bereich wie z.B. die Arbeit in den Bauhöfen sowie bei der Pflege von öffentlichen Anlagen in Gemeinden. Ebenso wichtig waren aber die anderen Integrationsangebote wie Deutschkurse und PC- sowie Internetlehrgänge und die vielfäl-

tigen Angebote im kulturellen Bereich. Die intensive Nutzung der Ausstellung „Mein Österreich. MigrantInnen und ihre zweite Heimat“, die in vier Gemeinden mit Grundversorgungsquartieren gezeigt wurde, war ein Bereich, in dem die Plattform für Menschenrechte und FluEQUAL besonders produktiv zusammengearbeitet haben. Wesentlich dabei war nicht das bloße Faktum, dass die Ausstellung in Puch, in Mittersill, in Tamsweg, in St. Johann etc. gezeigt wurde (eine Kulturveranstaltung mehr für die Statistik!), sondern das sog. „Drumherum“: eine Fülle von kulturellen Begegnungsräumen (interkulturelle Feste, Vernissagen, Finissagen, thematische Veranstaltungen), die von den Asylsuchenden sowie von einheimischen Gruppen und Vereinen selbst gestaltet wurden und Ergebnis ihrer Kreativität und Fantasie waren; weiters eine überraschend hohe Resonanz bei den Schulen an den jeweiligen Ausstellungsorten: Das Angebot von LehrerInnen-Informationstagen und SchülerInnen-Workshops rund um die Ausstellung hatte enormen Zulauf ! Integration unter den ÖsterreicherInnen selbst Diese Erfahrungen zeigen für mich: In jenen Orten Salzburgs, die Grundversorgungsquartiere beherbergen, ist die Integration von Asylsuchenden ein Thema. Nicht in erster Linie deshalb, weil sie Probleme aufgeworfen hat und aufwirft (und diese Probleme gibt es, ohne Zweifel!), sondern vor allem deshalb, weil sie geschieht und weil sich durch Integrationsprozesse das Zusammenleben in einem Gemeinwesen verändert. Die Quartiere haben dem Leben im jeweiligen Ort eine andere Farbe gegeben – gleichgültig ob man das wollte oder nicht. Hier kommt eine Dimension von Integration zum Tragen, die oft nicht wahrgenommen wird – auch nicht von jenen, die für Integration arbeiten, haupt- oder ehrenamtlich. Das Auftauchen von „Fremden“ am Horizont einer Kommune ruft bestimmte Bilder in unseren Köpfen hervor, eine Dichotomie entsteht; auf der einen Seite das heile Ganze: unsere Fremdenverkehrsgemeinde, unsere schöne Landschaft, der Zusammenhalt

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unter uns ... In den Tiefeninterviews, die im Rahmen eines Konfliktanalyse-Projektes (*) zur Unterbringung von Asylsuchenden in Salzburger Gemeinden durchgeführt wurden, tauchten immer wieder diese Bilder auf: die schönen Berge, das klare Wasser, die gepflegten Gärten, die Häuser, die man früher nicht mal zusperren musste ... Auf der andern Seite das nicht Zugehörige: eine fremde Kultur, fremde Sprachen, Armut, die sich nicht demütig genug verhält, Frauen mit Kopftüchern, junge Männer, die nichts arbeiten und den ganzen Tag am Dorfplatz herumlungern ... Die Flüchtlinge haben das heile Ganze gestört, sie sind das Element des nicht Zugehörigen, das integriert oder abgewiesen werden muss. Beide Reaktionsweisen sind möglich, denn dieses dichotome Bild haben BefürworterInnen und GegnerInnen der Integration von Asylsuchenden häufig gemeinsam. Was jedoch, wenn dieses Bild als Voraussetzung, um Integration zu denken, falsch wäre? Wenn das ursprüngliche Ganze, unsere Siedlungen, Kommunen und Stadtteile, gar nicht so ganz und heil wären, wie wir sie uns vorstellen, sobald „Fremde“ am Horizont auftauchen? „Also hier findet keine…keine Integration auch unter den Österreichern selbst statt. Und genauso wenig kann so die Integration mit anderen stattfinden“, stellte ein Gesprächspartner im Tiefeninterview fest. Hier, bei der Abwanderung der jungen Generation in Randregionen, im nicht bewältigten Zuzug von Wachstumsgemeinden, bei schlecht angebundenen neu entstandenen Randsiedlungen, im endemisch gewordenen Konflikt zwischen „Alteingesessenen“ und „Zugezogenen“, in der Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen ..., also im Bereich der inneren Strukturprobleme von Gemeinden liegt noch ein weites Betätigungsfeld für eine Integration, die uns alle betrifft – im Besonderen „uns ÖsterreicherInnen“, die wir uns als selbstverständlich zum Ganzen zugehörig empfinden. Denn wer bestimmt, ob etwas eine Einheit sei oder nicht, wenn nicht wir selber? Josef MAUTNER: Studium der Literaturwissenschaft und Theologie in Salzburg;

Geschäftsführer in der Katholischen Aktion, Mitarbeit in der Plattform für Menschenrechte. (*) Der Projektbericht „Konfliktdynamiken im Zuge der Unterbringung von AsylbewerberInnen in Salzburger Gemeinden“ (Nov. 2006) ist unter www.menschenrechte-salzburg.at einzusehen bzw. herunterzuladen. LITERATUR:
BAUBÖCK, RAINER: Europas Identitäten. Mythen, Konstrukte, Konflikte, Hg. zus. mit M. Mokre und G. Weiss, Frankfurt. 2003. Ders.: Wege zur Integration. Was man gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit tun kann, zus. mit P. Volf, Klagenfurt. 2001. FORSTER, EDGAR – BIERINGER, INGO – LAMOTT, FRANZISKA (HG.): Migration und Trauma. Beiträge zu einer reflexiven Flüchtlingsarbeit. Münster – Hamburg – London 2003. IGNATIEFF, MICHAEL: Wovon lebt der Mensch? Was es heißt, auf menschliche Weise in Gesellschaft zu leben. Hamburg 1993. Ders.: Die Politik der Menschenrechte. Hamburg 2002. WALZER, MICHAEL: Lokale Kritik – globale Standards. Zwei Formen moralischer Auseinandersetzung. Hamburg 1996.

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Das Projekt FluEQUAL:

Salzburg integriert Flüchtlinge
Ursula Liebing, Angelika Reichl

er Name macht es bereits deutlich: Das Projekt FluEQUAL ist ein EQUAL-Projekt und wurde im Rahmen der sogenannten „Gemeinschaftsinitiative EQUAL“ aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit finanziert. Ziel dieses europäischen Förderprogramms ist die Bekämpfung von Diskriminierungen und Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem Arb e i t s m a rk t . Im Vordergrund steht die Förderung von Humanr e s s o u rc e n , insbesondere die berufliche Integration von Personengruppen, die am Arbeitsmarkt benachtei ligt sind, sowie die Verbesserung des lebensbegleitenden Lernens und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Die Konzeption, Planung und Umsetzung der Projekte im Rahmen des EQUAL-Programms übernehmen Netzwerke von Organisationen, so genannte Entwicklungspartnerschaften. Die regionale Entwicklungspartnerschaft FluEQUAL Die Entwicklungspartnerschaft FluEQUAL ist ein regionales, auf das Land Salzburg begrenztes Netzwerk. Die Salzburger Organisationen Caritas, Diakonie Flüchtlingsdienst, Frau & Arbeit und BiBER (Bildungsberatung für Erwachsene) führen das Projekt FluEQUAL durch, das Land Salzburg hat

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die Rolle des finanzverantwortlichen Partners übernommen. In die Entwicklungspartnerschaft sind auch die Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer Salzburg sowie die Regionalverbände Oberpinzgau und Lungau als so genannte strategische PartnerInnen mit eingebunden. FluEQUAL hat auch in seinen Projektaktivitäten einen regionalen Fokus: Neben der Stadt Salzburg fanden Projektaktivitäten in drei Regionen des Landes Salzburg statt, im Tennengau, Oberpinzgau und im Lungau. Zielgruppe AsylwerberInnen Zu den benachteiligten Personengruppen, deren Arbeitsmarktintegration durch EQUAL gefördert werden soll, zählen auch Asylsuchende. Mit dem Status Asylsuchende bzw. AsylwerberInnen sind Personen gemeint, die (im Fall FluEQUAL in Österreich) um Asyl angesucht haben, deren Asylverfahren jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Sie waren die Zielgruppe von FluEQUAL. Sobald sich jedoch ihr Status änderte, fielen sie aus dem Projekt heraus, sei es, weil sie nun anerkannte Flüchtlinge oder subsidiär Schutzberechtigte (d.h. Personen mit vorläufigem Aufenthaltstitel) waren, sei es, weil sie Österreich verlassen mussten. Gender Mainstreaming: Förderung der Chancengleichheit von Männern und Frauen Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist eines der Hauptziele des Europäischen Sozialfonds, daher ist die Geschlechterperspektive in alle vom ESF kofinanzierte Maßnahmen zu integrieren. Damit wird Gender Mainstreaming als Verpflichtung festgeschrieben, und auch als Kriterium, das alle EQUAL-Projekte erfüllen müssen. Gender Mainstreaming bedeutet, dass bei der Organisation, Konzeption und Umsetzung aller Aktivitäten die unterschiedlichen

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Bedingungen, Situationen und Bedürfnisse von Frauen und Männern systematisch berücksichtigt werden müssen. Empowerment als Querschnittsaufgabe von EQUAL Ebenso ist ein möglichst weitgehendes Empowerment der benachteiligten Zielgruppen – also deren Selbst-Ermächtigung – eine weitere, ausdrückliche Aufgabe aller EQUAL-Projekte. Die Projektaktivitäten von FluEQUAL hatten also auch das Ziel, Selbstmotivation, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der TeilnehmerInnen zu fördern. Die Frage, ob und wieweit Empowerment unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen Asylsuchender in Salzburg bzw. Österreich realisiert werden kann, wurde auch im Rahmen des Austausches mit anderen österreichischen Entwicklungspartnerschaften diskutiert. Weitere zentrale Querschnittsthemen von EQUAL sind die Nutzung von Informationstechnologien (IT) sowie die Förderung der Fähigkeit und Bereitschaft zum lebenslangen Lernen. Die Projektaktivitäten von FluEQUAL Die Ausgangslage von FluEQUAL als Projekt zur Arbeitsmarktintegration war paradox: Die Entwicklungspartnerschaft stand vor der schwierigen Aufgabe, eine Zielgruppe an den Arbeitsmarkt heranzuführen, ohne sie aber dort platzieren zu dürfen. Asylsuchende dürfen nämlich nur mit einer Beschäftigungsbewilligung arbeiten, die jedoch für Asylsuchende auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen zu den Bundesbzw. Landeshöchstzahlen kaum erteilt wird. Asylsuchende in der Salzburger Grundversorgung müssen zumindest in den ersten sechs Monaten in organisierten Gemeinschaftsunterkünften, in sogenannten Flüchtlingsquartieren leben, vielfach bleiben sie ein oder gar mehrere Jahre in diesen Quartieren. 19 solcher Quartiere in unterschiedlichen Regionen gab es im Land Salzburg zu Beginn des Projekts. Für FluEQUAL wurden vier Orte bzw. Regionen mit Quartieren ausgewählt: die Stadt Salzburg mit einem Quar-

tier (auch von den Flachgauer Quartieren Neumarkt und Abersee aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar), Tennengau mit drei Quartieren (eines in Puch, zwei in Hallein), Lungau mit zwei Quartieren (St. Michael und Ramingstein) und Oberpinzgau mit ebenfalls zwei Quartieren (Neukirchen und Mittersill). Sprachkurse – BiBER Um die sprachlichen Voraussetzungen für eine Projektteilnahme von Asylsuchenden zu schaffen, wurden zu Beginn der Projektlaufzeit insgesamt zehn Sprachkurse angeboten. Vier fanden in der Stadt Salzburg statt, die anderen sechs in den drei Regionen Tennengau/Puch, im Pinzgau und im Lungau. Verantwortlicher Partner hierfür war BiBER. Work iT! – Diakonie Flüchtlingsdienst Die Nutzung von Informationstechnologien (IT) und die Orientierung am Konzept des lebenslangen Lernens sind in den EQUALProjekten eine besonderes Anliegen. Im Rahmen von FluEQUAL hat der Diakonie Flüchtlingsdienst unter dem Titel Work iT! in der Stadt Salzburg ein Projekt realisiert, das die gemeinsame Erstellung einer Homepage von und für Flüchtlinge zum Ziel hatte. Durch eine weitgehende Einbindung der Zielgruppe in die Projektgestaltung selbst sollten besonders auch der EmpowermentGedanke umgesetzt werden und Fähigkeiten des lebenslangen Lernens gefördert werden. Gemeinnützige Beschäftigung – Caritas Im Rahmen von FluEQUAL hat die Caritas in den Projektregionen Tennengau/Puch, im Pinzgau und im Lungau gemeinnützige Beschäftigungsmöglichkeiten für AsylwerberInnen organisiert und begleitet. Ergänzend dazu wurden Qualifizierungs- und Orientierungsmaßnahmen für die ProjektteilnehmerInnen durchgeführt, in Form von Lernwerkstätten und begleitendem berufsbezogenen Coaching. Die Nachfrage seitens der Gemeinden als Träger gemeinnütziger

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Beschäftigung sowie seitens der Asylsuchenden übertraf alle Erwartungen. Dialogprozesse und Gender Mainstreaming – Frau & Arbeit FluEQUAL hat sich von Anfang an als Projekt zur ganzheitlichen Integration verstanden: Durch die systematische Einbettung von Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration in Aktivitäten zur Förderung der gesellschaftlichen Integration wurden bedeutende Synergieeffekte erzielt. Frau & Arbeit hat begleitend zur gemeinnützigen Arbeit in den drei ländlichen Projektregionen Dialogprozesse initiiert und gefördert, die das Thema Asylsuchende in den Kontext Migration und interkultureller Dialog stellten. Ziel war die Sensibilisierung für Belange der Asylssuchenden, die Förderung der Kommunikation durch Vernetzung von Strukturen und Personen, die Schaffung von Begegnungsräumen und deren gemeinsame Gestaltung und die Thematisierung und ggfs. auch Bearbeitung (potentieller) Konflikte. Gesellschaftliche Integration bedarf eines speziellen Fokus auf Frauen. Um die Projektteilnahme asylsuchender Frauen zu fördern und möglichst vielen die Teilnahme zu ermöglichen, wurden deren spezifischen Situationen und Bedürfnisse von vornherein in der Konzeption der Maßnahmen berücksichtigt, zum Beispiel durch spezielle Frauensprachkurse oder durch Kinderbetreuung als fixem Bestandteil der Projektaktivitäten. Die Bedürfnisse und Situationen asylsuchender Frauen wurden kontinuierlich erhoben, was im Projektverlauf zu Änderungen und konzeptuellen Erweiterungen führte. Ein Projektmanual als Handbuch zur Integration? Um die Erkenntnisse und Einsichten aus der Arbeit von FluEQUAL der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, werden Erfahrungen, Praxisbeispiele und Ergebnisse in diesem Projektmanual präsentiert. Das Manual folgt in seinem Aufbau der oben beschriebenen inneren Logik des Projektes: Das Kapitel Sprache widmet sich den Erfahrungen der SprachlehrerInnen aus Frau-

en- und Männerkursen und den Ergebnissen von Vernetzungstreffen. Im Kapitel work iT! werden Grundsatzfragen partizipativer Projektplanung und IT-Qualifizierung von und mit Flüchtlingen erörtert und an Beispielen verdeutlicht. Im dritten Beitrag wird auf verschiedene Aspekte von Coachingprozessen eingegangen. Im Kapitel Gemeinnützige Beschäftigung werden unabdingbare Qualitätsstandards für gemeinnützige Beschäftigung vorgestellt, bevor anhand von Beispielen aus der Caritas-Arbeit in den Regionen auf die Erfahrungen bei der Umsetzung gemeinnütziger Beschäftigung eingegangen wird. In weiteren Beiträgen werden deren Begleitmaßnahmen, nämlich Lernwerkstätten und berufsbezogenes Coaching beschrieben. Das Kapitel Ganzheitliche Integration beschäftigt sich mit den Dialogprozessen und deren Rahmenbedingungen. Weiters stellt es Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Gender Mainstreaming Arbeit vor. Das Kapitel Rückschau blickt auf die Synergieeffekte des Projekts, enthält ein Resumée der strategischen Partner und verweist im Positionspapier Empowerment auf die Lebensumstände der Asylsuchenden als zentralen Faktor von Integration. Das vorliegende Manual ist kein Handbuch im klassischen Sinne: Es enthält keine Rezepte, die nur zu befolgen sind, um Integration von Asylsuchenden zu „bewerkstelligen“. Es enthält keine Integrationsmodelle, die unabhängig von den Lebensbedingungen oder den konkreten Verhältnissen immer dort anwendbar sind, wo ein Flüchtling „integriert“ werden soll. Integriert Salzburg Flüchtlinge, wie es der Untertitel von FluEQUAL vielsagend behauptet? Integration oder genauer ein konstruktives Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft lässt sich nicht einseitig herbeiführen oder erzwingen, es braucht hierfür ein offenes, am Gemeinsamen interessiertes Handeln aller Beteiligten, vor dem Hintergrund ihrer konkreten Lebensverhältnisse. Die Erfahrung aus FluEQUAL zeigt: Integration lässt sich gezielt fördern und unterstützen. Hierfür enthält dieses Projektmanual eine Fülle von Erfahrungen, Ideen und Anregungen.

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Kapitel II: Sprache

Sprache als Voraussetzung für Integration

• Frauensprachkurse • Männersprachkurse • Vernetzungstreffen von SprachlehrerInnen

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Kapitelvorschau

Sprache als Voraussetzung für Integration
Sprache ist eine Säule der Integration – das klingt wie eine Binsenweisheit, ist aber dennoch keine Selbstverständlichkeit. Kenntnisse der deutschen Sprache sind eine wichtige Voraussetzung für die Bewältigung des österreichischen Alltags. Deutschkenntnisse machen es für Menschen nicht-österreichischer Herkunft leichter, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Für eine wirkliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind Sprachkenntnisse und Grundwissen über die österreichische Gesellschaft unabdingbare Voraussetzungen. Will man Integration fördern, liegt es nahe, Flüchtlingen möglichst früh, unabhängig vom Verfahrensstatus, die Teilnahme an einem Sprachkurs zu ermöglichen. In Salzburg keine Selbstverständlichkeit: Sprachkurse wurden oft nur ehrenamtlich und unregelmäßig angeboten, reguläre Sprachkurse sind für Flüchtlinge unerschwinglich. Hier setzte das Projekt FluEQUAL an: In vier Regionen des Bundeslandes Salzburg wurden zehn Deutschkurse durchgeführt. 154 TeilnehmerInnen haben Sprachkurse besucht und großteils abgeschlossen. Geschlechtergerechtigkeit beziehungsweise Gender Mainstreaming war im Sprachbereich ein wichtiges Thema: Um die Lernbedürfnisse möglichst vieler Frauen zu berücksichtigen und ihnen die Teilnahme an einem Sprachkurs zu ermöglichen, wurden in der Stadt Salzburg zwei reine Frauenkurse angeboten. Zwei weitere Kurse in der Stadt Salzburg wurden daher überwiegend von Männern besucht, alle anderen Kurse waren gemischt. Bei zwei Vernetzungstreffen der SprachlehrerInnen gab es einen intensiven Austausch; Erkenntnisse des ersten Durchgangs wurden bei der Konzeption des zweiten berücksichtigt. Im folgenden Kapitel stellen SprachlehrerInnen aus dem Projekt FluEQUAL Erfahrungen und Ergebnisse aus Frauen- und Männersprachkursen vor. Ergänzt wird dies durch Ergebnisse aus den Vernetzungstreffen. Der Mehrwert einer ganzheitlichen Zugangsweise wird hier sichtbar: Intensive Sprachkurse, die sich an den Lebenssituationen und Bedürfnissen der AsylwerberInnen orientieren, vermitteln nicht nur Sprachkenntnisse, sondern bauen eine wichtige Brücke in das Aufenthaltsland Österreich.

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Frauensprachkurse: „Jetzt lerne ich Deutsch!“
Michaela Bacher, Dagmar Gmachl

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on Oktober 2005 bis April 2006 fanden im Rahmen des Projektes FluEQUAL zwei Deutschkurse für Frauen, die sich gemäß dem Projektantrag in einem laufenden Asylverfahren in der Grundversorgung des Landes Salzburg befanden, statt. Die Sprachkurse umfassten je 200 Unterrichtseinheiten und 20 Einheiten für differenzierte Fördermaßnahmen. Teilnehmerinnen mit unterschiedlichen Voraussetzungen An den Kursen nahmen insgesamt 34 Asylwerberinnen (18 im ersten und 16 im zweiten Kurs) aus 15 Nationen (Afghanistan, Armenien, Äthiopien, Bulgarien, Georgien, Iran, Mongolei, Pakistan, Süd- und Nordvietnam, Serbien-Montenegro, Somalia, Türkei, Tschetschenien) teil. Vier Frauen aus dem zweiten Kurs hatten auch den ersten Kurs besucht, sie durften wegen besonderer Lernprobleme oder besonders schwieriger Lebenssituationen wiederholen. Die Frauen waren zwischen 19 und 45 Jahre alt und brachten zu Kursbeginn unterschiedliche Voraussetzungen für die Kurse mit, die von der Grundschule bis zur Haupt- oder Berufsschule und sogar Matura oder Hochschulabschluss reichten. Eine Frau hatte noch nie eine Schule besucht. Vor allem im ersten Kurs war das Niveau der Frauen sehr unterschiedlich, was sowohl die Deutsch- als auch die Schreib- und Lesekenntnisse betraf, so dass sich für diesen Kurs drei Niveaustufen ergaben: Frauen mit guten Deutschvorkenntnissen, echte Anfängerinnen ohne Probleme mit der lateinischen Schrift und Frauen, die wohl in der arabischen, aber nicht in der lateinischen Schrift alfabetisiert waren. Die verschiedenen Niveaustufen in ein- und demselben Kurs stellten ein erhebliches Problem für das Fortkommen der gesamten Gruppe

dar. Einerseits verlangsamten die Lese- und Schreibprobleme der nicht alfabetisierten Frauen das Unterrichtstempo erheblich und erforderten zusätzliche Hilfestellung. Andererseits sorgten auch die Frauen mit guten Vorkenntnissen häufig für Unterbrechungen oder Verwirrung, wenn sie Fragen stellten, die über das Niveau der Gruppe weit hinausgingen, oder wenn sie auf ein rascheres Arbeitstempo drängten. Auf Grund dieser Erfahrungen bestanden wir für den zweiten Kurs darauf, dass alle in der lateinischen Schrift alfabetisiert waren. Da zu Beginn des Kurses außerdem alle über geringe Vorkenntnisse verfügten, war die Gruppe trotz unterschiedlichem „Salzburg hat zwei Gesichter, Bildungshintergrund eines für Touristen, eines für vergleichsweise hoEinheimische. mogen. In Bezug auf Spricht man Englisch, ist die Muttersprachen man willkommen, mit nicht bestand eine größere perfektem Deutsch wird man Heterogenität als im belächelt.“ ersten Kurs. Das erwies sich als vorteilhaft, da die Frauen nun gezwungen waren, sich auch außerhalb des Unterrichts weitgehend auf Deutsch zu verständigen. Auch die stärkere kulturelle Durchmischung wirkte sich bereichernd und motivierend aus: Kein Land oder Kulturkreis war in der Gruppe vorherrschend und es ergaben sich vielerlei Gelegenheiten für einen Austausch von Informationen, Erfahrungen und kuriosen Details. Lernziele und Kursgestaltung Das Lernziel bestand darin, am Ende des Kurses das Level A1 des Referenzrahmens des Europarats für Sprachen zu erreichen. Auf diesem Niveau können die Frauen in Alltagssituationen aktiv an Gesprächen über

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allgemeine Themen teilnehmen und einfache Texte lesen und verstehen. Bei der Erreichung dieser Zielvorgabe gingen wir im Speziellen auf die Lebensbedingungen der Frauen ein. Dies geschah unter anderem dadurch, dass das Erlernen der Sprache auf die besonderen Bedürfnisse und alltäglichen Notwendigkeiten der Frauen abgestimmt wurde. Die Kur sgestaltung unterschied sich von herkömmlichen Sprachkursen dahingehend, dass wir auf die oft sehr dramatischen Erlebnisse der Frauen (Krieg, Gewalt, Flucht, familiäre Tr e n n u n g , langes Asylverfahren, das Leben in den engen Flüchtlingsheimen …) Rücksicht nahmen. Diese Themen ließen sich von uns auch gar nicht vermeiden, da sie von den Frauen immer wieder auch selbst vorgebracht wurden. Dem Gender-Mainstream-Aspekt wurde jedoch nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell Rechnung getragen, indem wir berücksichtigten und anerkannten, dass jene Frauen mit Mehrbelastungen, z.B. aus familiären Gründen, nicht die gleiche Leistung im gleichen Zeitrahmen erbringen konnten, wie Menschen mit Minderbelastungen, wie dies bei deren Ehemännern oder auch bei Teilnehmerinnen ohne Kinder der Fall war. Im ersten Kurs hatten wir durch die uns vorgeschriebene Kurszeit von fünf Tagen à vier Unterrichtseinheiten schnell die Erfahrung gemacht, dass eine derartige Intensität für die betroffenen Frauen zu einer zusätzlichen Belastung wurde und daher dem gewünschten Lernziel kontraproduktiv war. Es fehlte ein freier Vormittag für Termine und Arztbesuche. Die Frauen hatten nicht

genug Zeit, die Lerninhalte zu be- und verarbeiten. Insbesondere Frauen mit Kindern stellten fest, dass sie – bei allem anfänglichen Enthusiasmus – Schwierigkeiten hatten, sowohl die hohen Anforderungen des Intensivkurses mit ihren anderweitigen Pflichten in Einklang zu bringen als auch mit dem Tempo eines Intensivkurses Schritt zu halten. Kursverlauf und Kurserfolge Auch durch die schwierigeren Voraussetzungen, die sich hemmend auf den Kursverlauf und den Lernfortschritt auswirkten (Belastung durch Familie, zum Teil schwere gesundheitliche und psychosomatische Probleme, Traumatisierung, Depressionen und kognitive Probleme), waren viele Frauen nicht mehr in der Lage, dem Kurstempo zu folgen. Dies und die besonderen Lebensumstände, die das Leben als Asylwerberin mit sich bringen, erzeugten eine allgemeine Perspektivlosigkeit im Leben einiger dieser Frauen, die sie davon abhielt, sich auf andere Ziele oder Inhalte auszurichten. Alle diese Faktoren trugen dazu bei, dass die meisten Frauen mit psychischen Belastungen im Deutschkurs saßen. Viele von ihnen waren fragil, überfordert und angespannt und es kam streckenweise auch vor, dass die Motivation nachließ und sie unbewusst oder bewusst die hohen Anforderungen eines Intensivunterrichts „verweigerten“. So kam es allmählich zu teilweise hohen Fehlzeiten und wir mussten das Tempo mehr und mehr reduzieren. Auf Grund dieser schwierigen, auch für uns teilweise sehr belastenden Rahmenbedingungen war es für die Mehrheit der Frauen nicht möglich, im Rahmen dieses Kurses das A1-Niveau zu erreichen. Nur vier Frauen erreichten dieses Kursziel. Beim zweiten Kurs konnten wir die Unterrichtszeit wenigstens auf vier Tage à vier Unterrichtseinheiten reduzieren. Wie sich jedoch zeigte, war selbst ein Unterrichtsprogramm mit vier Vormittagen pro Woche für viele Frauen immer noch zu intensiv. Auch die Annahme, dass ein freier Vormittag pro Woche von den Frauen ausreichend genutzt werden könnte, um ihre Termine

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unterzubringen und so ein Fehlen an den Kursvormittagen zu vermeiden, erwies sich als illusorisch. Im ersten Monat konnten wir zwar noch einen ausgesprochen intensiven Fortschritt erzielen, allerdings wurde gegen Mitte des Kurses die steile Kurve des Lernfortschritts wesentlich flacher. Ermüdungserscheinungen, gesundheitliche und psychische Beschwerden schoben sich auch im zweiten Kurs zeitweise in den Vordergrund. Dies führte zu Frustrationsgefühlen und Spannungen, die, wie im ersten Kurs auch, immer wieder im Unterricht thematisiert werden mussten. Allerdings achteten wir nun aufgrund unserer Erfahrungen im ersten Kurs besonders genau auf eine gesunde „Abgrenzung“. Wir gingen grundsätzlich weniger auf die besondere Lebenssituation der Frauen ein, verwiesen sie stattdessen immer wieder an „Infrastrukturen“, derer sie sich für die Lösung ihrer Probleme bedienen konnten und forderten sie immer wieder dazu auf, selbstständig Informationen einzuholen. In beiden Kursen war bei einigen Frauen aufgrund eigener gesundheitlicher Probleme (oder Problemen ihrer Kinder) eine regelmäßige Teilnahme nicht immer möglich. Jedoch war lediglich in zwei Fällen im zweiten Kurs die mangelnde Teilnahme nicht zu rechtfertigen, diese zwei Frauen mussten aus dem Kurs ausgeschlossen werden. Die anderen Frauen konnten am Ende des Kurses – mit einer Ausnahme, einer besonders stark traumatisierten Tschetschenin, die unter ausgeprägten Depressionen litt – das A1-Niveau nach den Kriterien des Europäischen Referenzrahmens erreichen. Kursinhalte und Unterrichtsdidaktik Im ersten Kurs benutzten wir in Hinblick auf die größere Auswahl vorhandener Glossare das Lehrwerk THEMEN AKTUELL. Jedoch mussten wir schnell feststellen, dass sich das Lehrwerk für den Unterricht mit Asylwerberinnen nicht eignete und von den Frauen auch nicht gut angenommen wurde. Das lag einerseits am geringen Alltagsbezug, wie z.B. „Bestellen im teuren Restaurant“ oder „Eine exklusive Stadtrundfahrt durch Berlin“, andererseits aber auch an der für

Lernungewohnte zu steilen grammatikalischen Progression. Auch werden in diesem Lehrwerk immer wieder grammatische Elemente ohne Kontext eingeführt, so dass sich ein selbstständiges Bearbeiten der Übungen oft als schwierig erwies. Wir entschieden uns daher im zweiten Kurs für das Lehrwerk SCHRITTE, zumal einige Frauen mit den Glossaren ohnehin nicht allzu viel anfangen konnten, etwa wenn diese in ihren ausgefallenen Muttersprachen nicht zur Verfügung standen und sie sich der russischen oder englischen Sprache bedienen mussten, diese aber nur unzureichend beherrschten. Unsere Annahme, dass sich dieses Lehrwerk für einen Integrationskurs besser eignen würde, bestätigte sich sofort. Durch den lebensnahen Alltagsbezug in den Lektionen waren die Situationen auf Anhieb nachvollziehbar. Von der ersten Lektion an werden Übungen geboten und Aufgaben gestellt, die für die Alltagsbewältigung von Emigrantinnen wirklich nützlich sind und die sich zunächst nur auf die wesentlichsten Aspekte konzentrieren, wie z.B. einfache Formulare mit persönlichen Daten ausfüllen, Einkaufen, Wohnungsinserate verstehen, Verstehen von Schildern mit Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen (etwa: Arztpraxen, Arbeitsamt usw.). Auch die grammatikalische Progression ist hier sanfter, die notwendigen sprachlichen Mittel werden kontextuell eingeführt, ohne dass allzu viele strukturelle Erklärungen notwendig sind. Jede Lektion beschränkt sich auf ein fest umrissenes Thema und behandelt neue Grammatik-Elemente anhand von einigen wenigen Dialog-Beispielen. Wir können sagen, dass den Frauen die Arbeit mit diesem Lehrwerk, vor allem auch das selbstständige häusliche Bearbeiten der Übungen, wesentlich leichter fiel. Die in den Lehrwerken gebotenen Ansätze wurden von uns für österreichische und insbesondere für Salzburger Verhältnisse adaptiert und ergänzt. Vor allem mit dem Salzburger Frauenlexikon erarbeiteten wir wichtige alltagsrelevante und frauenspezifische Informationen. Wir nutzten auch die verschiedensten Gelegenheiten im Unterricht, um die

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Frauen mit den städtischen Infrastrukturen im Allgemeinen, aber auch mit besonderen Aspekten des Salzburger Lebens, der Mentalität und der Umgangsformen vertrauter zu machen. So schickten wir die Frauen in Kleingruppen zu einer Institution, um selbstständig Informationen einzuholen und sie dann in der Klasse der Gemeinschaft zu präsentieren, wobei die Frauen sowohl die Standorte der Institutionen selbst herausfinden als auch Informationsmaterial mitbringen mussten.

VEREIN VIELE
Drei Frauen präsentierten z.B. den VEREIN VIELE. Dieser Verein ist einerseits eine anerkannte Familienberatungsstelle und andererseits werden dort verschiedene Kurse, darunter auch Deutschkurse, ausschließlich für Frauen angeboten. Die drei Frauen besuchten den Verein und beschrieben dann im Kurs den Standort, die Kursmöglichkeiten und Angebote des Vereins. Sie brachten auch Folder für alle Frauen mit. Alle Frauen erhielten nun den Auftrag, sich gemeinsam zu zweit oder zu dritt innerhalb der nächsten Wochen selbst den Verein anzuschauen.

tisierten, denn gesundheitliche und psychosomatische Probleme standen verstärkt im Vordergrund. Diese Themen in spezifischer und ausgiebiger Weise zu behandeln, erschien uns daher besonders wichtig. Während wir beim ersten Kurs eine Exkursion zum Frauengesundheitszentrum ISIS organisiert hatten, wählten wir aus verschiedenen Gründen beim zweiten Kurs eine andere Form. Dieser „Frauengesundheitstag“ war spannend, informativ und sicher einer der Höhepunkte im Kurs. Jene Frauen, die im ersten Kurs auch den Besuch bei ISIS mitgemacht hatten, meinten, dass ihnen die jetzige Veranstaltung besser gefallen und mehr gebracht habe. Tatsächlich waren die beiden Referentinnen „näher“ an den Frauen, gingen mehr auf die Frauen, ihre Fragen und Probleme ein. Es waren keine theoretischen Vorträge, sondern praktische Übungen und Informationen, die die Frauen sofort selbst, kostengünstig und täglich umsetzen können. Das wurde von den Frauen mit Begeisterung aufgenommen.

GESUNDHEITSTAG
An einem Vormittag besuchten zwei Expertinnen den Kurs: eine Physiotherapeutin, die den Frauen Übungen zur Dehnung, Lockerung und Entspannung zeigte und Tipps bei speziellen Problemen des Bewegungsapparates gab. Anschließend erhielten die Frauen in einem Vortrag einer Ernährungsberaterin Informationen und Empfehlungen sowie eine Fülle sehr gut aufbereiteten und auf das sprachliche Niveau der Frauen abgestimmten Materials für eine gesunde Lebensweise. Dies beinhaltete vor allem Ernährungs- und Verhaltenstipps bei Kopfschmerzen und Migräne, Menstruationsbeschwerden u.a., aber auch Hinweise, wie und wo frau/man sich mit qualitativ akzeptablen, preisgünstigen Nahrungsmitteln versorgen kann.

Gender-Mainstream Es war wichtig, einerseits auf bestimmte Themen wie Gesundheit, Bildung, Rollenaufteilung im Haushalt, Beruf und Kinderbetreuung in frauenspezifischer Weise einzugehen und die Teilnehmerinnen mit wichtigen Informationen zu versorgen. Wir wollten sie ermutigen, gewisse Angebote und Möglichkeiten selbstständig in Anspruch zu nehmen. Andererseits bestand das Ziel der Frauengruppe auch darin, den besonderen Belastungen der Frauen auch von struktureller Seite her Rechnung zu tragen und diese somit teilweise abzufangen: Wir mussten die Intensität der Kurse immer wieder auf die vorhandenen und ständig wechselnden Voraussetzungen abstimmen, sei es, indem wir das Tempo zurückschraubten und mehr wiederholten, sei es, indem wir Probleme und Schwierigkeiten im Unterricht thema-

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Resümee Durch dieses reine Frauen-Setting wurden zwangsläufig bestimmte Themen aus dem Alltag der Frauen aufgeworfen und besprochen. Gemischte Kurse hingegen mögen den Anschein erwecken, vorteilhafter für den Lernfortschritt zu sein, sei es, indem etwa sie der gesellschaftlichen Realität in Österreich eher entsprechen, oder sei es, dass in gemischten Kursen eventuell Motivation und Lerneifer erhöht vorhanden sind. Wir können jedoch sagen, dass wir auf Grund der Erfahrungen, die wir in diesen Kursen gemacht haben, reine Frauengruppen aus vielerlei Gründen als extrem wichtig erachten. Viele Frauen hätten sich in einer gemischten Gruppe unwohl gefühlt oder wegen ihres kulturellen Hintergrundes nicht teilnehmen können. Der Deutschkurs bot den Teilnehmerinnen darüber hinaus die

Möglichkeit, aus ihrem schwierigen Alltag herauszukommen. Das Frauen-Setting bot einen geschützten Lernrahmen, die Frauen fühlten sich in der Gruppe gut aufgehoben, erlebten den Deutschkurs als einen gewissen Freiraum und hatten auch viel Spaß miteinander, es wurde viel gelacht, gemeinsam geweint und so manche Freundschaften und Lernduos entstanden. In der Gruppe erlebten die Frauen auch, nicht alleine mit ihrer Situation und ihren Problemen zu sein. Sie erlebten und lebten wechselseitige Solidarität und dass ihnen Lehrerinnen als Ansprechpartnerinnen zur Seite standen. Die Frauen haben einen großen Sprung sowohl in der mündlichen Kommunikation als auch im schriftlichen Ausdruck geschafft. Durch ihre Lernfortschritte hatten die Frauen Erfolgserlebnisse und viele bekamen trotz aller Schwierigkeiten auch Spaß am Lernen.

Männersprachkurse:

Für alle ein Gewinn!
Margarita Deltcheva

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om Oktober 2005 bis Mitte März 2006 habe ich im Rahmen von FluEQUAL die Möglichkeit bekommen, zwei große Deutschkurse für Asylwerber zu leiten. Das wurde für mich zu einem prägenden Erlebnis – nicht nur in rein professioneller, sondern auch in privater Hinsicht war es sehr bereichernd und beeindruckend. Die Kurse haben in einem schönen, freundlichen WiFi–Raum im Stadtzentrum von Salzburg stattgefunden, gut erreichbar von den Stadtbussen und vom Bahnhof aus. Dieser Umstand war für viele Teilnehmer nicht unwesentlich, da einige von ihnen über 60 Kilometer täglich zurücklegen mussten, um an den Sprachkursen teilnehmen zu können. Aus diesem Grund sind für mich diese Motivation und die Bereitschaft, die erforderliche Disziplin aufzubringen, besonders bemerkenswert.

Der Unterricht hat täglich von 8.30 bis 12.00 Uhr gedauert. Für Asylwerber, die von den entlegenen Pensionen anreisten, hieß dies, dass sie auf das Frühstück oft verzichten mussten. Angesichts der insgesamt schlechten Ernährung in einigen Unterkünften stellte dies schon ein ziemliches Opfer dar. Genauso war es dann zum Teil auch mit dem Mittagessen im Falle, dass sie sich mit dem Bus verspäteten, haben sie dann auch kein Mittagessen mehr bekommen. Zu diesen Tatsachen habe ich aber eher später Zugang bekommen, erst als zwischen Lehrerin und Teilnehmern die notwendige Vertrauensbasis aufgebaut war. Meine Hochachtung für die teilnehmenden Männer ist unter diesen Umständen besonders gestiegen. Im zweiten Deutschkurs (Jänner bis März) haben wir in der Gruppe zwei Väter gehabt, die in der Früh ihre kleinen Kinder erst zur Tagesmut-

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ter bringen mussten, bevor sie zum Sprachkurs kamen. Für die Kulturkreise, aus denen sie stammten (Afrikaner und Armenier) war das eher eine unübliche Verpflichtung, aber ich habe den Eindruck bekommen, dass es ihnen Spaß gemacht hat und sie mit dieser Aufgabe persönlich gewachsen sind. Der Gruppe gerecht werden Wir haben mit 18 bis 19 Personen begonnen. Im Laufe der Kurse haben pro Gruppe ein bis zwei Teilnehmer aufgehört, einer hat Arbeit gefunden, die anderen haben keine Ausstiegsgründe genannt. Insgesamt waren aber der „Schaun wir mal! persönliche Einsatz, die BeNa servas! Des is geisterung und das Durchhala Wahnsinn! Bist tevermögen der meisten Teildu deppat?“ nehmer überdurchschnittlich. Mit den beiden Gruppen haben wir die beiden Bücher von den „Themen1“ absolvieren können, natürlich mit unterschiedlichem Erfolg für die einzelnen Teilnehmer. Das Sprachniveau der Gruppe war nicht homogen: Neben Asylwerbern, die bereits länger in Österreich verweilten und einigermaßen kommunikativ waren, saßen andere, die vor kurzem eingetroffen waren und sich noch nicht richtig zurechtfinden konnten. Aus diesem Grund habe ich mich nicht nur strikt an das Lehrbuch gehalten, sondern mich bemüht, durch Einsatz von Videofilmen, DVDs und Bildmaterial einen Bezug zu Österreich herzustellen. Mit Filmen über Wien und Salzburg wurden die landeskundlichen Aspekte des Sprachunterrichts unterstützt. Im Mozartjahr haben wir uns gemeinsam den Film von Milos Forman, „Amadeus“, angesehen, worauf dann zwei Stadtexkursionen gefolgt sind, die nicht nur in die Getreidegasse geführt haben, sondern auch in die Mediathek und in die Stadtbibliothek. Abwechslung durch Gesprächsrunden In beiden Gruppen herrschte eine tolle, freundschaftliche Atmosphäre, wo viel gelacht und gescherzt wurde. Da vier Stunden Unterricht täglich mit zum Teil abstraktem

grammatischen Lehrstoff wirklich sehr intensiv und anstrengend sind, habe ich sehr oft Gesprächsrunden eingeführt, bei denen sich alle Teilnehmer äußern konnten. Wir haben gemeinsam über Themen wie „Tourismus“, „Aktuelle politische Situation in den jeweiligen Ländern“, „Bräuche und Sitten“, „Familie und Erziehung“, „Wie hast du deine Militärdienstzeit verbracht?“ und viele andere diskutiert. Entstanden sind meistens recht witzige, originelle und humorvolle Kommentare, die oft auch sehr geschlechtsspezifisch gefärbt waren. Unabhängig von ihrer Herkunft haben die Männer meistens traditionelle Vorstellungen über die Geschlechterrollen in der Gesellschaft ausgedrückt. Im Laufe der Sprachkurse haben die Teilnehmer je nach ihren Prädispositionen ihre eigenen autodidaktischen Methoden entwickelt. Einige waren sehr fleißig bei den Hausaufgaben, andere haben sich eher auf die Mitarbeit im Unterricht verlassen. Für diejenigen, die fortgeschrittener waren, habe ich zusätzliche Lernaufgaben gestellt und mit Zeitungsartikeln gearbeitet. Die wöchentlichen schriftlichen Tests haben sehr zur Lerndisziplin der Gruppen beigetragen, durch den roten Stift wurden die Teilnehmer auf ihre eigenen Fehler aufmerksam. Der Deutschkurs, ein Gewinn Ich kann sagen, dass der Deutschkurs für alle ein Gewinn war – nicht nur in kommunikativer, sondern auch in sozialer Hinsicht. Ein menschlicher, warmer Zufluchtsort im tristen Asylantenalltag. Jetzt, mit einem gewissen zeitlichen Abstand kann ich nur sagen, dass mir diese Arbeit eine große Genugtuung als Mensch und als Lehrerin gebracht hat, dass ich es als besonders spannend empfunden habe, täglich vor bis zu acht Nationalitäten in einer Gruppe aufzutreten, und dass ich durch diese Interaktionen und das Miteinandersein die Chance bekommen habe, unglaublich viel über die Komplexität und die Vernetztheit der heutigen Welt zu lernen, mit all ihren lokalen und globalen Problemen.

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Ergebnisse und Erfahrungen:

Vernetzungstreffen von SprachlehrerInnen
Ursula Liebing, Angelika Reichl

ährend der FluEQUAL-Sprachkurse wurden von Frau & Arbeit zwei Vernetzungstreffen von SprachlehrerInnen organisiert, die dem Erfahrungsaustausch dienten. In den Treffen wurden inhaltliche und strukturelle Aspekte der Kursgestaltung diskutiert und Empfehlungen zur Kursgestaltung für die Zielgruppe AsylwerberInnen formuliert. Die wichtigsten Ergebnisse der Diskussionen werden hier präsentiert. Im Rahmen der Vernetzungstreffen konnten allerdings aus zeitlichen Gründen nicht alle relevanten Aspekte diskutiert werden. Strukturelle Rahmenbedingungen für Sprachkurse für Asylsuchende Die Erfahrung aus den FluEQUAL-Sprachkursen hat gezeigt, dass die Gruppengröße von ca. 16 Personen für einen optimalen Sprachunterricht zu groß ist. Die tägliche Unterrichtszeit von vier Stunden ist sehr hoch, insbesondere für Frauen mit den bekannten Mehrfachbelastungen Haushalt, Familie, Kinder. Nach vier bis fünf Wochen sind in allen Kursen Ermüdungserscheinungen bis hin zu Krisensituationen zu beobachten. Zur Auflockerung müssen daher methodisch weniger intensive Elemente integriert werden. Auch das wöchentliche Unterrichtspensum ist im Grunde genommen zu hoch, kaum jemand kann zehn Wochen hindurch unter den erschwerenden Bedingungen eines AsylwerberInnen-Lebens derart intensiv lernen. Als Reaktion treten Überforderungssymptome auf. Bei dieser Lernintensität bleibt auch keine Zeitreserve, um z.B. lernschwache SchülerInnen gesondert zu fördern bzw. Nachhilfeunterricht zu erteilen. Zudem ist die verbleibende „Frei“ - Zeit für Selbstlernphasen oder eine Verfestigung

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des Gelernten zu kurz. Auf der anderen Seite bietet ein regelmäßiger und intensiver Sprachkurs für viele AsylwerberInnen eine willkommene Abwechslung und eine Unterbrechung des „täglichen Einerlei“. Die gesamte Kursdauer von 200 Stunden ist für das Erreichen des Lernziels A1 ausreichend, sofern das Lernziel eher pragmatisch definiert wird (siehe Sprachkenntnis-Nachweis des ÖSD) und entsprechende Vorkenntnisse der TeilnehmerInnen vorhanden sind (z.B. Alphabetisierung). Das bedeutet natürlich nicht, dass dann alle TeilnehmerInnen auf dem gleichen Niveau abschließen. Eine gewisse Homogenität der Gruppe hinsichtlich der Vorkenntnisse und der Lernerfahrungen ermöglicht ein zügiges Lerntempo. Im Verlauf des Kurses wäre Binnendifferenzierung sinnvoll. Nach ca. 100 Unterrichts-Stunden werden üblicherweise die unterschiedlichen Lerntempi und Belastbarkeiten deutlich. In diesem Stadium wäre es ratsam, kleinere, homogenere bzw. unterschiedlich intensive Lerngruppen zusammenzustellen. Beeinträchtigung des Lernens durch Belastungssituationen Die Dauerbelastungssituation der asylsuchenden Männer und Frauen wirkt sich in allen Kursen aus. Die gesundheitliche Belastung vieler AsylwerberInnen ist sehr hoch, selbst wenn sie nicht im eigentlichen Sinne traumatisiert sind. Kulturelle Neuorientierung, Statusunsicherheiten und -verlust sowie unsichere Bleibeperspektiven, Armut, eingeengte Handlungsmöglichkeiten und beengte Wohnsituation führen zu extremen psychischen und physischen Belastungen. Diese Beeinträchtigungen durch die Lebensumstände werden zwangsläufig immer wie-

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der zum Thema, offiziell oder zumindest in Pausen. Seitens der LehrerInnen erfordern diese Belastungssituationen klare Abgrenzungen. Im reinen Frauenkurs scheint die geschützte Lernsituation das Thematisieren von Belastungen zu begünstigen. Aufgrund der beengten Wohnsituation ist eigenständiges Lernen (Hausübungen, Selbstlernphasen) nur eingeschränkt möglich, außerdem fehlt es mangels Kontakten mit der deutschsprachigen Bevölkerung an Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen. Reiner Frauenkurs oder gemischter Kurs? Ein reiner Frauenkurs ist ein geschützter Lernraum und bietet auch denjenigen Frauen die Möglichkeit, Deutsch zu lernen, die aus kulturellen Gründen nicht in einem gemischten Rahmen lernen dürfen oder wollen. Ein reiner Frauenkurs bietet auch den Vorteil wechselseitiger Solidarität, Verständnis für die jeweiligen Mehrfachbelastungen und einen sozialen Zusammenhalt, den viele Frauen notwendig brauchen. Darüber hinaus bietet ein Frauenkurs die Möglichkeit, inhaltlich stärker auf nur für Frauen relevante Themen einzugehen (z.B. Frauengesundheit). Da für viele Asyl suchende Frauen die Aussichten auf Arbeitsmarktintegration eher gering sind und die Frauen sich dessen auch bewusst sind, sind sie häufig stärker motiviert, sich im Sprachkurs mit Inhalten und Themen aus konkreten Alltagssituationen zu beschäftigen. Eine eigenständige berufliche Integration gehört nicht für alle Asyl suchenden Frauen zu ihrem kulturspe-

zifischen Rollenverständnis. Eine Kontrastierung mit „österreichischen“ Frauenbildern oder mit dem Rollenverständnis anderer Kursteilnehmerinnen kann hier einen Anstoß geben, sich mit dem eigenen Rollenbild zu beschäftigen. Gemischte Kurse hingegen entsprechen der gesellschaftlichen Realität in Österreich – die Bildungsbereiche sind nicht geschlechterspezifisch getrennt – sie ermöglichen in einem geschützten Rahmen die Begegnung mit dem „anderen Geschlecht“, sowohl für Männer als auch für Frauen. Gemischte Kurse erhöhen möglicherweise die Motivation, führen eventuell zu mehr Ehrgeiz und Lerneifer und bringen andere Themen ein, die sonst nicht auftauchen würden. Der soziale Druck in gemischten Kursen könnte aufgrund jeweils rollenspezifischer Erwartungshaltungen steigen: für Männer z.B., indem sie stärker unter den Druck geraten, sich als souverän und kompetent darzustellen, für Frauen z.B., indem sie sich zu mehr Zurückhaltung oder schicklichem Verhalten angehalten fühlen und möglicherweise weniger aktiv teilnehmen können. Möglicherweise führt das Lernen in einer reinen Frauengruppe dazu, dass Themen „herausbrechen“, die in einem gemischten Kurs nicht zur Sprache kommen würden; vielleicht werden Belastungssituationen dadurch intensiver wahrgenommen oder nehmen mehr Raum ein als in einem gemischten Kurs. Es müsste daher überlegt werden, für reine Frauenkurse zusätzliche psychosoziale Betreuungsangebote einzuplanen, Frauenkurse eventuell in Intervallen durchzuführen oder anderweitig Unterstützung für die Verarbeitung der individuellen Belastungssituation anzubieten. „Es gibt eine eigene österreichische Kultur, die sich von der deutschen unterscheidet. Sie zeigt sich für mich im Kaffeehaus: Ich kann nicht einfach einen Kaffee mit Milch bestellen, sondern ich muss eine ganze Palette von Ausdrücken beherrschen, um das Gewünschte zu erhalten.“

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Kapitel III: Work iT!

Work iT! Mehr als Projektarbeit

• Partizipative Projektarbeit • Grundbildung im Bereich der Informationstechnologien • Coaching für Arbeitsmarkt und Alltag

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Kapitelvorschau

work iT! – mehr als Projektarbeit
Kenntnisse und Qualifikationen im Bereich der EDV und der Informationstechnologien sind in der österreichischen Gesellschaft fast schon eine Selbstverständlichkeit, und in vielen qualifizierten Tätigkeiten auch eine Notwendigkeit. Kenntnisse im Projektmanagement oder in der interkulturellen Teamarbeit sind dies noch nicht in gleichem Masse, sie werden aber mit Sicherheit für eine erfolgreiche berufliche Integration zunehmend relevanter. An diesem Punkt setzte das Projekt work iT! des Diakonie Flüchtlingsdienstes an: Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft arbeiteten gemeinsam an der Erstellung einer Homepage von und für Flüchtlinge. Angeleitet, unterstützt und begleitet wurden sie durch das Projekt-Team des Diakonie Flüchtlingsdienstes sowie durch externe Coaches. Da Kompetenzen im Projekt- und Selbstmanagement vorrangige Ziele waren, wurden die Flüchtlinge weitestgehend in die Gestaltung von work iT! mit eingebunden. IT-Kenntnisse für die Homepageerstellung wurden vermittelt, Struktur und Inhalte der künftigen Homepage gemeinsam erarbeitet. Im Vordergrund standen die reflexive Auseinandersetzung mit dem gemeinsamen, zielorientierten Arbeiten im interkulturellen Projektteam und die Entwicklung von Kompetenzen im Bereich Projektmanagement und Selbstmanagement der eigenen Lernprozesse. Im ersten Beitrag werden die Frage nach dem „Warum“ partizipativer Projektplanung aufgeworfen und die Bedingungen diskutiert, unter denen sie in work iT! stattfand. Der zweite Beitrag beschreibt, mit welchen Methoden und aufgrund welcher Überlegungen in work iT! Grundkenntnisse im Bereich der Informationstechnologien vermittelt wurden. Der dritte Beitrag widmet sich den begleitenden Coaching-Prozessen, denen im Rahmen von work iT! eine wichtige berufs- und alltagsorientierende Funktion zukam.

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Partizipative Projektarbeit – warum?
Andrea Baldemair, Rosario Pires

ie Welt ändert sich. Im globalen Wettbewerb gewinnt Österreich sicher nicht durch die Geschwindigkeit seiner Hände, sondern seiner Köpfe. Lebenslanges Lernen ist genauso gefragt wie selbständiges und kompetentes Handeln. Für früher einfache Lehrberufe steigen die Anforderungen. Um diesen gerecht zu werden, haben in Lehranstalten Projektarbeiten längst Einzug gehalten. In Unternehmen ist Projektarbeit dort, wo Neues eingeführt wird, schon länger Usus. Mittlerweile ist auch das eigene Leben ein Projekt bzw. eine Anzahl von Projekten – sei es in Form von prekären Arbeitsverhältnissen oder als Patchwork-Karriere. Für Flüchtlinge bietet diese Arbeitsform weitere Chancen: Sie können vorsichtig an österreichische (Arbeits-)Kultur herangeführt werden. Denn trotz Globalisierung: Schaut mensch genau hin, ist Österreich anders. Jeder japanische oder amerikanische Manager wird darauf vorbereitet: Sei es das Verhältnis von Individuum und Kollektiv, sei es der Umgang mit Hierarchie und Macht – andere Länder ticken anders, und dabei wirtschaftlich nicht weniger erfolgreich. Projektarbeit dient so auch dem Ziel, sich im fremden Land Österreich mit der Perspektive der Einheimischen (auf Arbeit, auf Leistung etc.) vertraut zu machen. Den anderen kulturellen Hintergrund der TeilnehmerInnen beachten Flüchtlinge kommen aus anderen Ländern. Diese haben andere Sitten und Gebräuche, vor allem aber deuten sie soziales Handeln ganz anders. Sitten und Gebräuche sind schnell gelernt, eine andere Perspektive auf das, was gerade geschieht, jedoch nicht. Häufig ist diese Perspektive auch noch eng mit Aspekten der eigenen Identität verknüpft. Und wer gibt schon gern Teile von sich selbst

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auf ? Projektarbeit mit Flüchtlingen heißt nicht, all diese Kulturen kennen und verstehen zu lernen. Vielmehr geht es darum, das Verhalten der TeilnehmerInnen nicht mit einer österreichischen Brille einzuschätzen, sondern im Blick zu haben, dass die TeilnehmerIn aus anderen Motiven oder vor dem Hintergrund anderer Werte handelt als man selbst annimmt. Projektarbeit ist von solchen Kulturunterschieden besonders betroffen. Haben TeilnehmerInnen – etwa aufgrund ihrer Erfahrungen mit Schule – ein anderes Bild von Lernen, so wird Projektarbeit nicht als Lernort wahrgenommen. Da sich auch Leistung in den meisten Ländern anders gestaltet, wird Projektarbeit auch nicht als Arbeit wahrgenommen. Flüchtlinge müssen daher Projektarbeit erst deuten lernen, sich die Verhaltensweisen in dieser erst aneignen – und Projektarbeit muss eben dies beachten und fördern, denn nur so ist ein Habitus lebenslangen Lernens erwerbbar. Die besondere Situation von Flüchtlingen berücksichtigen Viele Flüchtlinge sind sehr lernbegierig. Gerne nehmen sie jeden der wenigen Kurse und Angebote mit, den sie erhalten können. Projektarbeit jedoch – die erst gar nicht als Lernort wahrgenommen wird – läuft so nicht: Mensch kann sich nicht einfach hineinsetzen, mitschreiben und nach Hause gehen. Mensch muss selbst etwas tun, Verantwortung übernehmen, Stellung beziehen. Dem stehen jedoch zwei Erfahrungen diametral entgegen: erstens die Erfahrung der Entmündigung während des Asylverfahrens und zweitens die Erfahrung des Fremdseins in Österreich. Flüchtlingen, die schon über ihr Essen nicht bestimmen können, für die umgekehrt alles gemacht wird und die ansonsten einfach nur warten können/dürfen/müssen, projizieren diese Erfahrung selbstverständlich auch auf ein „offizielles“ Projekt. Zugleich wollen

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Flüchtlinge nicht auffallen: In einem fremden und noch undurchschaubaren Land, in dem jederzeitige Abschiebung droht, könnte dies gefährlich sein. Häufig kennen Flüchtlinge ja diese Gefahr schon aus ihrer Heimat. In der Fremde wird Selbstbestimmung und Ve r a n t w o r tung, dort wo sie über ein M i t s ch w i m men hinaus geht, erst recht b e d ro h l i c h . Vor dem Hintergrund der bisherigen biographischen Erfahrung der TeilnehmerInnen in ihrer Heimat einerseits und der Erfahrung der „gefährlichen Fremde“ in Österreich andererseits trifft partizipative Projektarbeit auf viele, teilweise paradoxe Widerstände. Lernen am Anderen: Projektleitung, Coaches und andere In dieser Situation haben Leitungspersonen eine herausragende Bedeutung. Als personales Angebot leben sie die eigene Arbeits-, Lern- und Leitungskultur vor, mit der sich der Flüchtling auseinandersetzen muss, indem ihm sein österreichisches Gegenüber die österreichische Perspektive auf das, was gerade ist, spiegelt. Partizipative Projektarbeit bedeutet weder Anything goes noch Laissez-faire. Ganz im Gegenteil muss Leitung sehr konturiert sein, um eine Angriffsfläche für die kulturelle Auseinandersetzung zu bieten und den Perspektivenwechsel zu fördern. Da die Leitungspersonen zum selbständigen ziel- und erfolgsorientierten Arbeiten und Lernen führen möchten, was teilweise das Gegenteil bisheriger Leitungserfahrung darstellt, werden sie zu Anfang gegebenenfalls gar nicht als Leitung wahrgenommen. Um so deutlicher müssen sie dann den Rahmen markieren.

In diesem Rahmen müssen die TeilnehmerInnen die Grenzen erproben und auch feststellen dürfen, dass sie der Leitung vertrauen können – etwa, dass Verbesserungsvorschläge (also Kritik) nicht gleich zum Rauswurf aus der Maßnahme führen. Sind die TeilnehmerInnen nach diesem ersten Lernschritt in der Lage, konstruktiv Kritik zu üben, so ist der nächste Lernschritt, die Leitung nicht als allmächtig zu phantasieren, sondern selbst Verantwortung (für den Projekt-, aber auch den eigenen Lebenserfolg) zu übernehmen. Ideal ist es, wenn TeilnehmerInnen verschiedene LeiterInnen kennenlernen – so können sie sich ein Bild vom Gemeinsamen dieser anderen Kultur formen. Der Umgang innerhalb des Leitungsteams wird von den TeilnehmerInnen genau wahrgenommen. Die Flüchtlinge sollen sich selbstverständlich auch selbst in Leitungsrollen ausprobieren können. Die Projektleitung darf dabei jedoch nicht die tatsächlichen Machtgefälle vergessen, die schon darin begründet liegen, dass sie weiß, wie etwas in Österreich läuft. Erst durch die Projektarbeit werden diese langsam abgebaut. Sinn – der Dreh- und Angelpunkt eines Projekts Eine der wichtigen Aufgaben der Leitungspersonen ist die Sinnproduktion. Den TeilnehmerInnen erschließen sich Sinn und Chancen eines Projektes erst nach und nach. Das Projekt ist kein schulisches Lernen (Kurs), aber auch keine Arbeit (es fehlen Chef und Lohn). Wofür kann es einem dann nützen? Zumal es mit Gefahren verbunden ist: Mensch muss aus der Deckung, etwas selbst machen in einem fremden, oft als feindlich wahrgenommen Land. Noch dazu mit einer Gruppe aus anderen Ländern, mit unterschiedlichen Loyalitäten. Mit Verständnis für den anderen kulturellen Hintergrund der TeilnehmerInnen sowie der besonderen Situation als Flüchtling in Österreich ist es daher Aufgabe der Leitung, diesen Sinn deutlich zu machen: durch eigenes Verhalten, in der Kommunikation und durch ein entsprechendes Projektdesign. Die

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Leitung macht das Projekt von Anfang an transparent und gibt Orientierung. Ein geeignetes Mittel dazu sind Reflexionsmethoden. Sie sollen den Ist-Stand der aktuellen Arbeit ins Bewusstsein rufen, ermöglichen aber auch eine Analyse der Umwelt. Hier bildet die Leitung ein Korrektiv zu Fehleinschätzungen. Genauso sind reflektierende Selbsttechniken möglich. Reflexion klärt dabei nicht bloß Gruppendynamik und Befindlichkeiten: Wichtig ist vor allem, dass ihre Ergebnisse handlungsleitend werden. Nur wenn Reflexion einen konkreten Projektund Umsetzungsbezug hat, macht sie Sinn für die meisten TeilnehmerInnen. Methodeneinsatz im Projekt Projektarbeit mit einer heterogenen Kulturgruppe sollte auf Deutsch stattfinden. Dabei gilt es viel zu visualisieren und noch mehr selbst machen zu lassen. Der Ablauf ist anfangs stark vorzustrukturieren und den TeilnehmerInnen ist ausreichende Sicherheit zu bieten, z.B. durch Austausch in Kleingruppen statt im Plenum. Bei behutsamer Einführung ist mit Flüchtlingen eine große Methodenvielfalt möglich. Planungstechniken wie Fertigstellungsgrade oder Phasenpläne eignen sich sehr gut zur Visualisierung. Auch sprechen die TeilnehmerInnen erstaunlich gut auf aktivierende Methoden (Vorstellungs- und Feedbackrunden mit Ball, Wollknäuel, Stein usw.) und auf den Einbezug des Körpers an. In Bezug auf den Körper im Raum sind schon in der ersten Sitzung Kennenlernübungen (Aufstellen nach Aufenthaltsdauer in Österreich, nach Ländern, nach urbaner bzw. ländlicher Herkunft usw.) möglich. Später gelang auch eine pantomimische Selbstdarstellung. Noch wichtiger scheinen Methoden, die Sprache strukturieren und Selbstausdruck möglich machen: sei es beim ersten Projekttreffen eine Kennenlernrunde mit Begrüßung in der eigenen Sprache (und Erläuterung), seien es Kennenlernspiele, bei denen der eigene Namen mit einem alliterierenden Adjektiv versehen wird. Wichtig ist, dass alle sich äußern müssen. Besonders geeignet sind

Methoden, die kreativen Ausdruck etwa mit Zeichnungen (oder Objekten) ermöglichen. Dies kann z.B. zur Teamreflexion oder zu Planungszwecken eingesetzt werden und ermöglicht auch TeilnehmerInnen, die in verbaler Abstraktion weniger geübt sind, sich ein grundsätzliches Reflexions- und Planungsvermögen anzueignen. Die Methodenanwendung muss auch die sehr unterschiedliche Konzentrationsfähigkeit der TeilnehmerInnen berücksichtigen. Dazu gehört ein sinnvoller Wechsel zwischen Einzel-, Kleingruppen- und Plenumsarbeit. Selbstverantwortung und Empowerment als Ziel Vor dem Hintergrund der bisherigen kulturellen Erfahrungen der TeilnehmerInnen in der Heimat sowie der Erfahrung des Flüchtlingsstatus in Österreich sind einige Herausforderungen klar, etwa das grundsätzliche Misstrauen in die eigene Fähigkeit, erfolgreich mit ÖsterreicherInnen in unstrukturierten Kontakt zu treten, um beispielsweise um Unterstützung zu bitten. Umgekehrt werden die Möglichkeiten der österreichischen ProjektteilnehmerInnen (z.B. der Coaches) vollkommen überschätzt, die z.B. mit Anruf und Beziehungen alles organisieren könnten (sei es die Wohnung, sei es das begehrte „Ich bin seit 3 Jahren in Volontariat usw.). Bei Österreich, also 3 mal diesem Mangel an Ei365 Tage, jeder Tag hat geninitiative aufgrund verschiedenste Freder Antizipation von quenzen, Höhen und Misserfolg zu sehr zu Tiefen, die zu einer großhelfen, ist eine Falle en Symphonie werden“. für die Flüchtlingsarbeit. Hier kann nur auf die kleinen eigenen Erfolge der TeilnehmerIn aufgebaut werden. Gruppenarbeit, in der solche Erfahrungen gemacht werden, ist dabei ein Prozessbeschleuniger. Die Widerstände der TeilnehmerInnen, in möglichen Misserfolg in einer fremden Umwelt geführt zu werden, der sich aus eigenem Handeln ergeben könnte, sind allerdings nicht zu unterschätzen. Interessanterweise ist die Planung einer Webseite mit Moderationsmethoden für die Flüchtlinge einfacher,

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da sie rein virtuelle Folgen hat. Wo Projektarbeit abgekapselt von der österreichischen Umwelt stattfinden kann (nur in der Gruppe, nur im Internet), fällt sie den TeilnehmerInnen vergleichsweise leichter. Die Leitung muss dieser Isolation allein schon in Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration der TeilnehmerInnen entgegentreten. Die TeilnehmerInnen müssen in die Verantwortung für ihr Handeln und ihren Erfolg genommen werden. Dazu gehört auch, Feh-

ler zuzulassen. Nur mit Fehlern ist Lernen möglich. Durch Empowerment werden die AsylwerberInnen in die Lage versetzt, sich selbst die Bedingungen zu schaffen, die sie brauchen, um die für eine (Arbeitsmarkt-) Integration nötigen Resultate zu produzieren. Die Gesellschaft vertraut auf die Fähigkeit ihrer AsylwerberInnen, dies zu tun und unterstützt sie dabei mit all ihrer Kraft.

Grundbildung im Bereich der Informationstechnologien
Andrea Baldemair, Rosario Pires

orum geht es in diesem Artikel? Und worum nicht? Die Aussagen in diesem Artikel haben zwei wichtige Einschränkungen: im Projekt FluEQUAL – work iT! haben wir einerseits keine Erfahrungen sammeln können, wie wir im Asylverfahren befindliche IT-Profis, Power User oder ProgrammiererInnen für den österreichischen Arbeitsmarkt fit machen. Es gab sie in unserem Projektumfeld nicht. Entgegen den Annahmen bei der Projektplanung mussten wir ganz von vorne anfangen – wir hatten überwiegend TeilnehmerInnen ohne oder mit ganz geringer Computererfahrung, was unser ursprüngliches Bildungsprogramm erheblich veränderte. Zugleich hatten wir ein hohes Tempo vorzugeben, um unsere Projektziele noch zu verwirklichen, so dass wir nur TeilnehmerInnen hatten, die hier mithalten konnten. Zweitens können wir keine Aussagen dazu treffen, wie eine möglichst große Anzahl von AsylwerberInnen auf Zertifikatsreife ECDL Core Modul 2 (Europäischer Computerführer-

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schein, Betriebssystemkenntnisse) gebracht werden könnte. Das Projekt „FluEQUAL – work iT!“ ist ein IT-Qualifizierungsprojekt, das vor jedem „IT“ noch ein „work“ im Namen trägt: Projekt- und Selbstmanagementkompetenzen sowie interkulturelle Teamarbeit sind vorrangige Projektziele. Daher ist jedes Lernen im Projekt mit konkreten Arbeitszielen verbunden, nicht nur mit Bildungszielen. Auftrag des Projekts war es nicht, möglichst vielen Leuten zu einem Zertifikat zu verhelfen, sondern konkrete Arbeitsziele zu erreichen (eine Homepage) und dazu die nötigen Kenntnisse zu vermitteln. Auch dort, wo wir Kurse an externe BildungsanbieterInnen ausgelagert haben, sind sie in Arbeitsziele eingebunden bzw. haben sogar eigene Arbeitspakete zu bewältigen. Dies stellt ganz andere Ansprüche an die „Kurs“-TeilnehmerInnen. Arbeitsmarktintegration: die Balance zwischen Kompetenz und Zertifikat Ziel des Projektes konnte also nur eine ITGrundbildung sein. Die TeilnehmerInnen sollten auf dem Arbeitsmarkt mithalten können, insofern der allgemeine Umgang mit Computern mittlerweile längst der Allgemeinbildung zugerechnet werden muss.

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Schwerpunkt dieser Computer-„Allgemeinbildung“ ist der Umgang mit Software. Einige TeilnehmerInnen konnten gut mit Hardware umgehen, da es sich um (ausgebildete) TechnikerInnen handelte, hatten aber kaum Erfahrungen mit Software. Für die anderen Teilnehmer und insbesondere Teilnehmerinnen geht es beim Erwerb von Hardware-Kenntnissen nur um allgemeine AnwenderInnenkenntnisse, d.h., erstens Computerteile und deren Funktionen beschreiben zu können und zweitens keine Angst vor z.B. dem Nachrüsten oder Austausch einzelner Teile zu haben. Die konzeptuelle Trennung von Software und Hardware ist wichtig, um die vorhandenen Vorkenntnisse der TeilnehmerInnen im letztgenannten Bereich nicht zu übersehen. Softwareseitig bildeten der Umgang mit dem Betriebssystem Windows und seiner grafischen Benutzeroberfläche, das Beherrschen von einfachem Schreiben in einem Textverarbeitungsprogramm (Word, Open Office), vor allem aber das Internet (World Wide Web und Email) Schwerpunkte. Weitere Schwerpunkte waren Grafikbearbeitung (Photoshop, Gimp) und vor allem Dokumentauszeichnungs-, Seitenauszeichnungsund Programmiersprachen (HTML, CSS, JavaScript und PHP). Mit dem Wissen um diese sollte vor allem logisch-konzeptuelles Denken in Bezug auf Computer verankert werden. Die generelle Schwierigkeit beim Erwerb einer Computer-Allgemeinbildung ist das Verinnerlichen abstrakter Konzepte, die von Anwendung zu Anwendung übertragbar sind. Wenn eine AsylwerberIn sich zur Arbeit an einer Rezeption bewirbt, wird die ArbeitgeberIn sie auch danach einschätzen, wie schnell sie sich in die lokale Rezeptionssoftware einarbeiten kann. Hat die AsylwerberIn nie einen Computer benutzt und bereitet schon der Umgang mit einer Maus Schwierigkeiten, so ist dies bereits ein Hindernis. Ein solches kann aber auch darin bestehen, dass die BewerberIn zwar z.B. mit Word perfekt umgehen kann, aber kein Verständnis für Datenmasken mitbringt. Andererseits ist es für unseren Fall unerheblich, ob sie das Konzept der Formularmaske durch den Umgang mit Datenquellen, Da-

tenbanken oder Web-Anwendungen gelernt hat. Die Grundkonzepte, etwa „Copy & Paste“, kennt jeder User. Aber bereits „Copy & Paste“ ist eine für den Computerneuling nur langsam beherrschbare Abkürzungstechnik. Wichtige Konzepte sind der Umgang mit wiederkehrenden Elementen von Programmen, mit graphischen Oberflächen und vor allem auch mit Ordnersystemen. Beim Erwerb von transferierbarem konzeptuellen Wissen geht es um eine Balance zwischen dem Erlernen spezieller Anwendungsprogramme und der Möglichkeit und Erfahrung, dieses Wissen auch auf andere übertragen zu können. Nach unserer Erfahrung fällt gerade letzteres den TeilnehmerInnen schwer. So scheinen bei uns TeilnehmerInnen, die die Imagemaker-Prüfung „In Österreich werden nicht bestanden haben, viele Dinge zu genau nicht an den spezifischen genommen und es gibt Photoshop-Kenntnissen immer wieder Leute, die gescheitert zu sein, sonrecht gern nörgeln.“ dern an solch einfachen Dingen wie dem Abspeichern im vorgesehenen Prüfungsordner – etwas, was sie in anderem Zusammenhang (Word) einmal problemlos beherrschten. Sind konzeptuelle Vorstellungen vorhanden, reduziert sich beim Erlernen neuer Anwendungen der kognitive Aufwand auf die Frage des „Wo ist was“. Mit der Vermittlung übertragbarer Konzepte tritt der Erwerb von Zertifikaten etwas in den Hintergrund, da diese zumeist Kompetenzen im Umgang mit speziellen Programmen zertifizieren. Auch hier gilt es, eine Balance zu finden: Einerseits sind in Österreich erworbene Zertifikate für den Bewerbungsprozess gerade für Flüchtlinge sehr wichtig. Andererseits entwerten sie sich selbst, wenn der Flüchtling das damit gemachte Versprechen, die erworbenen Konzepte auch anwenden zu können, nicht einlösen kann. Selbstlernen und Relevanz Ist Sinn der Bildungsmaßnahme nicht, möglichst schnell möglichst viele Zertifikate zu erhalten, sondern eine grundlegende Computerbildung und die Fähigkeit zum eigenen

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Lernen, so ist es wichtig, das informelle Lernen anzuregen und die Angst vor eigenem Experimentieren abzubauen – ein Problem, da die TeilnehmerInnen in der Regel keinen eigenen Computer zur Verfügung haben. In unserer Arbeit wuchs das Interesse so stark, dass die TeilnehmerInnen nach ihrer Anerkennung sich recht schnell um Computer und Internetanschluss mühten. Gerade hier ist es wichtig, dass die TeilnehmerInnen gelernt haben, selbst zu lernen, sonst wird der Computer zum Download neuer Filme, aber nicht zum Download von Tutorials und Anleitungen genutzt, und schon gar nicht zur aktiven Nachfrage z.B. in Foren. Wissenserwerb wird von vielen Flüchtlingen mit schulischem Wissenserwerb im Frontalunterricht verbunden, nicht mit der Selbstermächtigung, in der Stadtbibliothek passende Bücher auszuleihen. Selbst informelles Lernen muss aber gelernt werden, dieses Lernen des Lernens muss in die Bildungsplanung einbezogen werden. Gerade im Computer-Anwendungsbereich hat die Wirtschaft hohe Anforderungen an die Selbstlernkompetenz. Die AsylwerberInnen sind jedoch nicht nur durch ihre eigenen (schulischen) Erfahrungen benachteiligt, ihnen wird in Österreich mangels Deutschkenntnissen und im Internet mangels Englisch-Kenntnissen auch der Zugang zum Selbstlernen erschwert. Dies kann für die ProjektträgerIn durchaus bedeuten, stark visuelle und bebilderte Lernbücher, die es in der lokalen Bibliothek nicht gibt, zuzukaufen. Es kann auch heißen, entsprechende Anreize zu setzen, etwa in Form der Zulassung zu Zertifikatsprüfungen abseits des Vorgesehenen für TeilnehmerInnen, die sich nachweislich ausreichende Kenntnisse selbst beigebracht haben. Computerbildung bedeutet dann, um den konzeptuellen Rahmen zu wissen und die-

sen für die TeilnehmerInnen aufzuspannen, ihn exemplarisch durchzugehen und den Transfer, auch im informellen Rahmen, zu fördern. Umgekehrt kann dieser konzeptionelle Rahmen nur mit relevanten Beispielen aufgespannt werden. Relevanz ist auch eine Funktion der Zeit: So war Ziel bereits der ersten Unterrichtseinheiten, den Unterschied zwischen Analog- und Digitaltechnik (also Schallplatte und CD) zu vermitteln. Wichtigstes Anwendungsbeispiel war damals die Zeichenkodierung. Auch wenn die TeilnehmerInnen die Auswirkung unterschiedlicher Zeichenkodierung in ihrem Browser selbst prüften, und zwar an Seiten in ihrer eigenen Sprache, in ihrem eigenen Alphabet, war dies mangels Erfahrung im Internet nicht relevant und wurde wieder vergessen. Erst als Emails und Internet für eigene Interessen der TeilnehmerInnen relevant wurden, tauchte die Frage der Zeichenkodierung wieder auf, da plötzlich die unlesbaren Zeichen auch relevant wurden. Dieses Beispiel verdeutlicht wieder die Übertragbarkeit von konzeptuellem Wissen: Für das Konzept der Zeichenkodierung ist es unerheblich, ob diese Probleme beim Lesen von E-Mails oder Webseiten oder beim Einfügen von Texten in ein Textdokument auftreten. IT-Unterricht: Lernen in kleinen Schritten Am Beispiel der Zeichenkodierung wird deutlich, dass IT-Unterricht in ganz einfachen, reproduzierbaren Schritten anfangen muss. Voraussetzung eines solchen IT-Unterrichts sind Kenntnisse der Unterrichtssprache Deutsch. Natürlich geben die TeilnehmerInnen einander Übersetzungshilfen, erklären sich Unverstandenes gegenseitig. Jeder kleine Schritt des Lernstoffs muss ganz langsam vorgemacht werden, um anschließend bei jeder TeilnehmerIn kontrolliert zu werden. Gegebenenfalls muss der Schritt des Vormachens dort dann wiederholt werden, d.h. entgegen der Umgangsweise mit deutschsprachigen TeilnehmerInnen, für die eine TrainerIn die Anweisung so lange wiederholen sollte, bis sie die Aufgabe selbst lösen kann, wird die TrainerIn bei einer AsylwerberIn direkt an deren Rechner die

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Schritte nochmals wiederholen. Die TrainerIn wird also die Anweisung „Jetzt klicken Sie mit der rechten Maustaste auf die Kopfzeile oben“ einmal oder zweimal geben oder in Teilen langsam erarbeiten, bei völligem Unverständnis die Maus übernehmen und dies vormachen, da ansonsten die Deutsch-Unkenntnis auf die EDV-Kenntnis ausstrahlt. Dieses „Übernehmen“ erfordert eine hohe Sensibilität bezüglich des Umgangs mit dem anderen Geschlecht, mit Nähe/Distanz usw. in verschiedenen Kulturen. Wird damit vorsichtig und wertschätzend umgegangen, so wird die TrainerIn in ihrem Vorgehen hier von den TeilnehmerInnen, die ja lernen wollen, akzeptiert. Lernen erfolgt also in sehr kleinen Schritten, kleinen Erfolgen, und als gemeinsames Projekt der TeilnehmerInnen. Dies unterstützt die TrainerIn z.B. durch Vorstellrunden zu Anfang, später durch Partnerarbeit etc. Wird der Kurs extern vergeben, so sind AuftragnehmerInnen gerade hierauf einzustimmen. Die TrainerIn muss sich nämlich auf Flüchtlinge einlassen können, auf mangelnde Deutsch-Kenntnisse, langsameres Lerntempo usw. Kann sie das, so ist sie zumeist von der hohen Lernmotivation der Flüchtlinge überrascht. Die hohe Lernmotivation bedeutet jedoch nicht, dass die TrainerIn ihre Anforderungen an die TeilnehmerInnen bezüglich Mitarbeit nicht kommunizieren muss. Den TeilnehmerInnen, die ggfs. ganz andere kulturelle Regeln gewöhnt sind, muss etwa kommuniziert werden, was die geforderte Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit umfasst. Hier macht es nur Sinn, pragmatische Regeln aufzustellen, deren Einhaltung konsequent eingefordert werden muss (Glaubwürdigkeit, z.B. bzgl. Handy, Sprechen auf Deutsch usw.). TrainerInnen sind also zugleich GruppenleiterInnen. Technische und räumliche Voraussetzungen Für einen guten Unterricht ist der Raum mitentscheidend. Arbeiten die TeilnehmerInnen in einem professionell wirkenden, gepflegten Raum, so gehen sie ebenso mit diesem um, wissen das zu schätzen, und halten sich an

verkündete Regeln. Die Anordnung der Computer im Raum sollte gegenseitige Hilfe der TeilnehmerInnen ermöglichen, aber auch, dass die TrainerIn jede TeilnehmerIn einzeln begleiten kann. Ideal ist ein Aufbau der Arbeitsplätze in Gruppen, die sich zu einer Seite hin ausrichten, oder ein zusätzlicher Besprechungstisch. Neben Beamer ist vor „Niemand glaubt mir, dass allem die technische Aus- ich die Schule mag.“ stattung der Arbeitsplätze wichtig. Sie richtet sich nach dem Kursinhalt. Da wir im Internetbereich tätig waren, konnten wir erleben, wie wichtig z.B. eine schnelle Internetanbindung oder ein aktueller Flashplayer sind. Positiv war für unser „Konzeptlernen“ auch, wenn wir mit einem proprietären Produkt und dem jeweiligen vergleichbaren Open Source Produkt arbeiten konnten. Dies erhöht die Lizenzkosten nicht und ermöglicht den TeilnehmerInnen, von Anfang auf konzeptuelles Verständnis zu fokussieren, wenn sie etwa zwischen Firefox und Internet Explorer, Microsoft Office und Open Office oder Adobe Photoshop und Gimp wechseln. Lernen an (Projekt-) Aufgaben Es sollte deutlich geworden sein, dass die TeilnehmerInnen selbst in kleinen Anwendungsschritten lernen, die TrainerIn jedoch AnwältIn eines konzeptuellen Lernens ist, dort wo es einbindbar ist. Dies ist jedoch nicht nur am Computer erfahrbar. So hatte unser Merkblatt zur Fahrtkostenerstattung die Form eines Flussdiagrammes. Die internen Newsletter machten ebenfalls einige aktuell gelernte Techniken vor. Wichtig ist auch, dass die TeilnehmerInnen das Gelernte an relevanten praktischen Beispielen ausprobieren. Unsere TeilnehmerInnen haben Teilnahmelisten kreiert, Briefe und Anträge geschrieben, Fahrtkosten-Daten in die Abrechnungsdatenbank eingetragen usw. Hier gilt es, möglichst früh möglichst viele authentische und relevante Anwendungsfelder zu finden. So haben unsere TeilnehmerInnen frühzeitig das konkrete Problemlösen am Computer gelernt und zugleich die entsprechenden Konzepte verstanden. Die Annahme, dass unsere TeilnehmerInnen einen

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Teil dieses Lernens an Arbeitspaketen selbst übernehmen, erfüllte sich jedoch nicht. Web 2.0 – die Probleme von Flüchtlingen mit Identitäts- und Beziehungsmanagement Was sich ebenfalls nicht erfüllte, waren unsere Erwartungen im Bereich der Internet-Kompetenzen als Kompetenzen im Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement. Hatten die TeilnehmerInnen zu Projektanfang keine Schwierigkeiten, etwa einen Forumsbeitrag zu schreiben, so wird dies heute, mit dem im Kurs erworbenen Wissen um das Internet und seine Verbreitung, von der Sorge um die Preisgabe ihrer Identität überschattet. Aus Sicht der F lüchtlinge liegt ihre Vorsicht rein in ihrem Flüchtlingsstatus begründet, ein reflektiertes Identitätsmanagement ist so nicht möglich. So konnten wir auch Chancen von Businessplattformen usw. nicht explorieren. Hier hilft nur ein eigener, interner und abgeschotteter Bereich im Internet für Flüchtlinge. Ein anderes Problem machen Weblogs deutlich: Die TeilnehmerInnen legten bereits beim vierten Treffen problemlos ein eigenes Weblog an, genauso wie sie später keine Probleme mit einem internen Wiki hatten. Die Blogs selbst aber blieben leer. Dies liegt einerseits wie erwähnt im Flüchtlingsstatus begründet: Flüchtlinge wollen unauffällig und im Internet unauffindbar bleiben. Andererseits macht Online-Kommunikation

für die TeilnehmerInnen kaum Sinn. Die Koordination von Projektarbeit online hat nie wirklich funktioniert, da den TeilnehmerInnen der eigene Internetzugang fehlt, sie sich sowieso regelmäßig treffen, sie Lernen in Kursen erwarten und Online-Arbeit in deutscher Sprache noch anstrengender ist als ein gemeinsamer Kurs in deutscher Sprache. Das heißt nicht, dass wir nicht erfolgreich Online-Unterricht ausprobiert hätten, dieser wird jedoch nicht zum Selbstläufer. Anders ist dies beim E-Mail-Verkehr, wo sich viele TeilnehmerInnen angewöhnt haben, über Email Termine, Entschuldigungen usw. abzuklären. Darüber hinausgehende Koordinations-, Groupware- oder auch Projektverwaltungssoftware fand dagegen keine regelmäßige Anwendung. Interessant war jedoch, dass z.B. Weblogs auch im Informationsmanagement keine große Rolle spielen, RSS wird nicht angewandt. Dies erstaunt, da z.B. der Iran eine recht große BloggerInnennation ist und die Blogosphäre ein Ort der kritischen und authentischen Auseinandersetzung mit der lokalen Politik. Der Flüchtlingen offenbar eigene Umgang mit virtuellen Räumen ist aus unserer Sicht noch nicht ausreichend erforscht. Flüchtlinge als MultiplikatorInnen Während der Umgang von Flüchtlingen mit einer unbekannten Weltöffentlichkeit von Ambivalenzen durchzogen ist, sind sie als MultiplikatorInnen in ihrer direkten Umgebung sehr engagiert. Zwar haben wir auch schon ab dem vierten Treffen die TeilnehmerInnen vor der gesamten Gruppe lehren lassen; ihre wahre Stärke liegt jedoch darin, anderen Flüchtlingen etwas in Kleingruppen oder in Lernpartnerschaften beizubringen. Dies bestärkt auch die „LehrerIn“ in ihren IT- und Präsentationskompetenzen sowie in ihrem Vertrauen in diese – wir konnten dies zum Beispiel erleben, als eine weibliche TeilnehmerIn ohne Ausbildung nach einigem Zögern ob ihrer Fähigkeiten einem männlichen Teilnehmer mit angefangenem Studium Photoshop beibrachte. Während die TeilnehmerInnen untereinander also gute LehrerInnen sind, fällt es Ihnen schwer, dieses Lernen für andere, ja schon für sich,

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in der fremden Umwelt Österreich auch zu organisieren und zu strukturieren. Hier muss weiter intensive Hilfe angeboten werden, so dass sich zwischen Flüchtlingen und einheimischer Bevölkerung kein digitaler Graben entwickelt und Flüchtlinge ausreichende IT-Kenntnisse haben, um intensiv

zum wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg Österreichs beizutragen, der ohne EDV nicht mehr denkbar ist. Dann kann unsere Vision von einer führenden IT-Region Salzburg Wirklichkeit werden, in der IT-Kompetenzen in allen, auch benachteiligten, Teilen der Bevölkerung verankert sind.

Coaching für Arbeitsmarkt und Alltag
Andrea Baldemair, Rosario Pires

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usgangslage von Flüchtlingen: die Fremde erdulden müssen. Flüchtlinge haben einiges geschafft: Sie haben sich nicht selten in einer instabilen Umwelt durchgeschlagen, Gefahren überstanden und eine nicht einfache Flucht hinter sich. Jetzt sind sie in Österreich angekommen. Manche haben den Abschied noch nicht bewältigt, vom Vertrauten, von der Familie, einige haben noch viel Schlimmeres, dass sie erleben mussten, nicht verarbeitet, andere müssen weiter um PartnerIn und Kinder oder Verwandte bangen. Und dies alles in einer fremden, unverstandenen Welt, die sie nicht mit dem kuriosen Interesse eines Touristen beobachten können. Genauso wenig können sie sich die fremde Welt aktiv erobern, wie das etwa von Firmen entsandte und gut vorbereitete ManagerInnen oder auch StudentInnen beim Auslandsaufenthalt tun. Denn diese haben einen Auftrag, eine Aufenthaltsdauer und schleppen ihre heimische Identität mit. AsylwerberInnen fehlt dies erst einmal. Und selbst wenn sie dies aktiv angehen wollten, sie dürfen es nicht: Sie werden in einen teilweise langjährigen Wartestatus versetzt, ihnen wird Essen, Unterkunft und alles weitere vorgegeben, es wird alles für sie gemacht. Darüber hinaus ist aus ihrer Perspektive nichts möglich, kein Deutsch-Lernen, kein

Kennenlernen der neuen Kultur, kein eigenes Handeln, keine Arbeit. Eigenes Engagement war ja häufig schon in der Heimat gefährlich. Und wenn etwas hier möglich sein soll, so lernen AsylwerberInnen, dann gilt es, sich an die richtige Behörde oder Stelle zu wenden. „In Warteposition“ nehmen AsylwerberInnen die österreichische Umwelt intensiv wahr, schätzen diese und ihre eigene Situation jedoch vor ihrem eigenen lebensgeschichtlichen Hintergrund ein. Zugang zur österreichischen Wahrnehmung jeder sozialen Situation erhalten sie selbst nach ihrer Anerkennung meist nur mittelbar (über das Fernsehen z.B.), solange sie nicht privat mit ÖsterreicherInnen zu tun haben (über Hobby, Verein usw.). Vor diesem Hintergrund entwickeln AsylwerberInnen oft unrealistische Erwartungen an ihre berufliche Zukunft (und damit ihre Teilhabe am österreichischen materiellen Leben und ihre soziale Anerkennung) und an die Möglichkeit von Organisationen (AMS, Sozialamt, Beratungsstellen), diese Zukunft zu sichern. Die Ziele von Coaching: realistische Ziele und Handeln Wird der Flüchtling nach Asyl-Anerkennung mit seiner Realität konfrontiert, fordert dies geradezu Reaktionen der Integrationsverweigerung („die böse österreichische Gesell-

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schaft, die mich meiner Chancen beraubt“), der Realitätsverweigerung („heute bin ich zwar widerwillig Tellerwäscher, aber morgen werde ich der berühmte Informatiker sein“), der Passivität („Tellerwäscher – was soll ich nur machen?“) heraus. Die meist unbewusste Weigerung, einer (häufig unpassenden) Arbeit nachzugehen ist ihrerseits Hindernis einer Arbeitsmarktintegration. In unserem Ansatz erarbeitet sich die KlientIn mit ihrem Coach seine/ihre Vision und Realität in Österreich schon vor einer möglichen Asyl-Anerkennung selbst und bricht diese Visionen auf konkrete, wahrnehmbare, erreichbare Ziele herunter. Dies kann ein langwieriger und schmerzvoller Prozess sein, so dass die Coaches nicht nur die kognitive Verarbeitung veranlassen, sondern auch die emotionale begleiten müssen. Die Glaubwürdigkeit dieser Interventionen des Coaches wird durch dessen eigene Lebenserfahrung gefördert.

• Wohin will ich? Welche Schritte muss ich dahin gehen? Was muss ich dazu lernen? (Produkt: Bildungsfahrplan) Damit Arbeitsmarktintegration für Flüchtlinge sinnvoll möglich ist, müssen neben dem Fokus auf Arbeit selbst aber auch allgemeine Probleme des Flüchtlings Platz im Coaching finden. Durch die Bearbeitung mit dem Coach oder gemeinsam in der Gruppe ergibt sich eine Konfrontation mit kulturell bedingten anderen Perspektiven. Für eine Integration am Arbeitsmarkt ist die Fähigkeit, den Rahmen von Situationen zu wechseln, essentiell. Die Flüchtlinge müssen ein Gefühl für die Sicht von ÖsterreicherInnen (z. B. der ArbeitgeberIn) bekommen. Ein weiteres Thema ist Kurs-, Projekt- und Gruppenarbeit selbst. Coaching stellt hier den Transfer der Erfahrung (z.B. von interkultureller Zusammenarbeit) in die zukünftige Arbeitswirklichkeit sicher. Der Weg: Zur Selbstverantwortung begleiten

Geeignete Coaches
Bei der Auswahl der Coaches wurde auf vielfältige Berufs- und idealerweise wirtschaftliche Leitungserfahrung geachtet. Sie entstammen nicht der klassischen Beratungsprofession, sondern haben sich in Wirtschaftsunternehmen emporgearbeitet, bevor sie sich – wie viele unserer KlientInnen müssen – beruflich umorientiert und zu BeraterInnen weiterentwickelt haben. Gerade sie können zu signifikanten biographischen BeraterInnen der KlientInnen werden.

Flüchtlinge werden förmlich dazu erzogen, dass etwas für sie (und über sie hinweg) gemacht wird, etwa ganz einfach ein Formular, ein Telefonat, ein Problem erledigt. Tatsächlich kann es viel schneller sein, einer KlientIn schnell etwas auszufüllen, nicht nur Formulare, sondern auch zum Beispiel Kompetenzportfolios. Diese bedürfen jedoch, damit sie sinnvoll sind, der biographischen Arbeit. Ein Beispiel für diese biographische Arbeit ist der Ansatz R.N. Bolles, persönliche „Erfolgsstories“ aus dem eigenen Leben auf erfolgreich eingesetzte Kompetenzen zu untersuchen und diese zu gewichten. Die KlientIn erarbeitet sich so ein Verständnis der ihr wichtigen Kompetenzen, kann den erfolgreichen Einsatz derselben aber auch aus ihrer Lebensgeschichte heraus Dritten etwa im Bewerbungsgespräch gegenüber belegen. Sie analysiert dabei auch, „welche Art von Tun macht mir Spaß, was setze ich gerne ein – egal in welchem Beruf und mit welchen Hilfsmitteln?“, jenseits bloßer Fachkenntnisse, und ermöglicht damit eine berufliche Neuorientierung. Eine solche Ar-

In diesem Prozess ist es hinderlich, dass AsylwerberInnen die österreichische Arbeitswelt nicht kennenlernen können, sei es wegen rechtlicher Hindernisse, sei es, weil Firmen ein Praktikum ablehnen. Zur Entwicklung eigener Perspektiven in Österreich wird an drei Fragenkomplexen gearbeitet: • Woher komme ich? Was habe ich bisher gemacht? (Produkt: Lebenslauf) • Was habe ich dabei (auch informell) gelernt? Welche Art von Tun macht mir Spaß? (Produkt: Kompetenzanalyse)

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beit braucht ganz andere Zeithorizonte als schnelle Ausfüllarbeiten. Im Coaching muss stark von der zu entwickelnden Eigeninitiative und Selbstverantwortlichkeit der KlientInnen ausgegangen werden, davon, dass diese bei entsprechend kompetenter und genügender Begleitung ihre Angelegenheiten auch „selbst in die Hand nehmen können“. Der Coach fordert diese Eigeninitiative immer wieder ein. Dazu muss er jedoch häufig dem Klienten dessen Handlungsmöglichkeiten überhaupt deutlich machen. Hier wird der Coach den Klienten auch einmal an die Hand nehmen, diese dann aber auch rechtzeitig loslassen. Oder er teilt mit dem Klienten die unbewältigbare Fremde in kleine, bewältigbare Schritte ein. Und spiegelt ihm sein Handeln oder Nichthandeln.

für die KlientIn erst einmal unbefriedigend – die KlientIn muss, anstatt dass ihr Arbeit durch den Coach abgenommen wird, im Gegenteil mehr (an sich, ihren Zielen usw.) arbeiten. Der Sinn eines solchen Coachings erschließt sich der TeilnehmerIn mitunter erst langsam und im Laufe des Projektes. Damit sich also die TeilnehmerInnen auf dieses Coaching einlassen, welches für sie Mehrarbeit bedeutet, muss es für sie Sinn machen. Die Mehrarbeit muss also aus Sicht der TeilnehmerInnen zu konkreten Ergebnissen führen. Den Sinn deutlich machen Ein erfolgreiches Beispiel ist der CoachingEinstieg über Gruppencoaching: Dies schließt an die Kurs- oder Schulerfahrungen der TeilnehmerInnen an und impliziert Lernund Arbeitsorientierung. Das Ziel der ersten fünf Sitzungen war klar: einen Lebenslauf erstellen – nachdem alle TeilnehmerInnen mitbekamen, dass dies für eine Bewerbung wichtig ist, ein auch für die TeilnehmerInnen wichtiges Ziel. Da der Lebenslauf dann am Computer erstellt wurde (Europass-Modell), auch hier ein Mehrwert; zugleich bot dies jedoch einen Einstieg in die Biographiearbeit und ins gegenseitige Kennenlernen – einen „ungefährlichen“ Einstieg, denn der offizielle Lebenslauf zwingt nicht dazu, etwa persönliche Verletzungsdispositionen, Fluchtgeschichte u.ä. offenzulegen. Ein weiteres Beispiel ist der Bildungsfahrplan. Mittels eines internen Antrags durch die TeilnehmerIn begleitet durch ihren Coach, dem vier Referenzen (als eine Art internes Reputationssystem) sowie ein individuelles Gutachten beizulegen waren, konnte die TeilnehmerIn eine Vereinbarung über die Finanzierung des ersten Bildungsschrittes (meist ein Deutschzertifikat) eingehen. Aus dem Antrag musste hervorgehen, dass die TeilnehmerIn die Fragen „Wohin will ich?“ und „Welche Schritte muss ich dahin gehen?“ beantworten kann. Nur wenn die TeilnehmerInnen Konsequenzen aus Ihrer Reflexionsarbeit sehen und erfahren können, macht diese Arbeit für sie Sinn.

Lerntagebücher
Die TeilnehmerInnen müssen kontinuierlich reflektieren (und dokumentieren), was sie gelernt haben, was Spaß gemacht hat und was für sie schwierig war. Sie müssen auch herausfinden, woran sie weiterarbeiten möchten und wie sie ihr Wissen vertiefen können – auch außerhalb der Kurse. Für den Habitus „lebenslangen (auch informellen) Lernens“ ist es wichtig, TeilnehmerInnen ihre eigenen Lernmöglichkeiten (auch ihre eigenen Lernschwierigkeiten und -bedingungen) entdecken zu lassen. Auch hier ist die Begleitung durch den Coach zentral, der mit der KlientIn diese Lernpotentiale exploriert.

Empowerment fängt bereits bei der Terminvereinbarung an. Die Teilnahme sowohl am Einzelcoaching als auch am Gruppencoaching ist freiwillig, aber verbindlich. Die TeilnehmerInnen müssen kein Coaching wahrnehmen, um an anderen Kursen teilnehmen zu dürfen. Andererseits ist Coaching in der von uns durchgeführten Form

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Einzel- und Gruppenarbeit, Prozessorientierung und Casemanagement Am Coaching-Einstieg mit dem Lebenslauf wurde deutlich: Gruppenarbeit kann manchmal effizient sein und teilweise sogar Lernprozesse durch die Diskussion der TeilnehmerInnen untereinander wesentlich beschleunigen. Allerdings lässt sich nicht alles in Gruppenarbeit bearbeiten. Manches

dige Genesung, sondern auch: Schmerzfreiheit, teilweise Mobilität usw.). Zudem passt die ÄrztIn Ziele und Behandlung beständig dem Krankheitsverlauf an. Trotzdem ist die ärztliche Kunst teilweise standardisierbar, es gibt Regeln, und sie ist evaluierbar. Die Analogie macht deutlich: Auch bei einer PatientIn kann es vorkommen, dass jede AkteurIn (HausärztIn, verschiedene FachärztInnen, PflegerIn, PhysiotherapeutIn, usw.) unabhängig voneinander eigene Arbeitsbögen entwickelt, oder eben dass alle einem gemeinsamen Arbeitsbogen folgen. Analog dazu ziehen in den sozialen Bereich verstärkt Case-Management-Techniken ein. Eine Zusammenarbeit mit anderen ist also sinnvollerweise organisatorisch-strukturell zu verankern. Entwicklung ist ein Weg: vom richtigen Zeitpunkt Das Coaching hat den unterschiedlichen AsylwerberInnen-KlientInnen in seinen Zielen und Methoden individuell zu entsprechen. Empowerment-orientiertes Coaching ist dann mit allen AsylwerberInnen möglich. Seine Grenzen hat es dort, wo es einer therapeutischen Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit bedarf. Eine weitere Grenze ist der Coaching-Zeitraum. Arbeit mit den Visionen von Menschen, an der Einschätzung ihrer Realisierbarkeit, an der Beseitigung der wirklichen Hindernisse ihrer Realisierung – all dies ist Bestandteil der Identität der KlientIn. Identitätsarbeit, insbesondere Ohnmachts- und Erleidensbewältigung, lässt sich nicht allein durch zielgerichtetes Handeln vollziehen. Sie ist auch auf Wandlungsprozesse der Identität angewiesen. Während Beratungsarbeit als Empowerment sich überflüssig machen will, wäre es manchmal sinnvoll, die Intensität der Beratung zu verringern und diese dafür zeitlich zu strecken, um den richtigen Zeitpunkt für Veränderungen abzuwarten und so Loslösungs, Trauer-, Entfremdungsbewältigungsprozesse noch zu ermöglichen. Wo die volle Entfaltung der Potentiale der TeilnehmerInnen noch auf sich warten lässt, gibt Coaching ihnen zumindest die Werkzeuge dazu an die Hand.

braucht nur eine Struktur (etwa Jobsuche im Internet als Gruppenarbeit, BiographieArbeit in Einzelsitzungen), manches braucht vor allem eine ausgewogenen Balance, die auch von der Gruppengröße und -zusammensetzung der Coachinggruppe abhängt. Bei dieser Arbeit, wie sie hier beschrieben wird, gilt es zu beachten: Sie ist prozessorientiert, damit nicht vollständig im Voraus planbar und beliebig gleichartig reproduzierbar. Es lassen sich daher auch keine konkreten a priori-Vorgaben für das Coaching machen. Dies heißt nicht, dass sie nicht evaluierbar wäre oder keinen Zielen folgen würde. Auch in der medizinischen Profession entwickelt die ÄrztIn für jede PatientIn einen eigenständigen Arbeitsbogen (z.B. die Anwendung unterschiedlicher Medikamente) und jeweils eigene Ziele (nicht immer vollstän-

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Kapitel IV: Gemeinnützige Beschäftigung

Gemeinnützige Beschäftigung

• Qualitätsstandards • Flüchtlinge arbeiten in Gemeinden mit • Lernwerkstätten • Beratung und Coaching

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Kapitelvorschau

Gemeinnützige Beschäftigung
Arbeit spielt eine zentrale Rolle im österreichischen Alltag: zur Sicherung des Lebensunterhalts für die Arbeitenden und deren Angehörige, als Basis für materielle Sicherheit und vielleicht auch Wohlstand, als Bereich der Selbstverwirklichung und der Umsetzung eigener Ziele. Arbeit steht an erster Stelle der Tätigkeiten, für die Menschen in Österreich gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Asylsuchenden bleibt in den oft langen Jahren, in denen sie diesen „Status“ haben, die Möglichkeit des Arbeitens meist vorenthalten. Wenn überhaupt, dann haben sie nur einen sehr eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Eine schwierige Ausgangslage für Integration – denn berufliche Integration ist unbestritten eine zentrale Säule von Integration. Und eine schwierige Ausgangssituation für ein Projekt zur Arbeitsmarktintegration. Die Caritas Salzburg hat im Rahmen von FluEQUAL den Weg der gemeinnützigen Beschäftigung gewählt, um die erschwerte Arbeitsmarktintegration von Asylsuchenden zu unterstützen: Einrichtungen von Bund, Land oder Gemeinden können AsylwerberInnen unter gewissen Voraussetzungen zu gemeinnütziger Beschäftigung heranziehen. Im Tennengau, Lungau und Oberpinzgau haben RegionalmitarbeiterInnen der Caritas gemeinnützige Beschäftigungsmöglichkeiten organisiert, begleitet und unterstützt. Zu den regionalen Aktivitäten gehörten zusätzlich Angebote zur beruflichen Qualifizierung und Orientierung der ProjektteilnehmerInnen: in Form von Lernwerkstätten und begleitendem Coaching. Im ersten Beitrag werden zunächst die Qualitätsstandards für gemeinnützige Beschäftigung vorgestellt, die von Autarq 2, einer Vernetzung von fünf österreichischen EQUAL-Entwicklungspartnerschaften, erarbeitet und von einer wachsenden Anzahl von im Flüchtlingsbereich tätigen Organisationen unterstützt werden. Der zweite Beitrag fasst die Erfahrungen der Caritas mit der gemeinnützigen Beschäftigung zusammen und macht an einem Beispiel deutlich, wie wichtig Schritte der beruflichen Integration auch für die längerfristige gesellschaftliche Integration sein können. Im dritten Beitrag werden die begleitenden Lernwerkstätten beschrieben und Verknüpfungsmöglichkeiten mit den Dialogprozessen aufgezeigt. Der vierte Beitrag stellt das berufsbezogene Coaching im Kontext der gemeinnützigen Beschäftigung in den Projektregionen vor.

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Qualitätsstandards für gemeinnützige Beschäftigung von Asylwerber/innen
Ein Positionspapier von Autarq 2, einer Vernetzung von fünf EQUAL-Entwicklungspartnerschaften in Österreich

ür AsylwerberInnen ist der österreichische Arbeitsmarkt – mit wenigen Ausnahmen im Saison- oder Erntebereich – verschlossen. In Kombination mit einer mehrjährigen Dauer von Asylverfahren stellt dies eine unerträgliche Belastung dar. Zusätzlich kommt es zu einer Dequalifizierung und dem Verlust vorhandener Fähigkeiten. Das Grundversorgungsgesetz des Bundes 2005 bietet die Möglichkeit der gemeinnützigen Beschäftigung von AsylwerberInnen in Einrichtungen von Bund, Land und Gemeinden: § 7 (3) Asylwerbern und Fremden nach § 2 Abs. 1, die in einer Betreuungseinrichtung (§ 1 Z 5) von Bund oder Ländern untergebracht sind, können mit ihrem Einverständnis … für gemeinnützige Hilfstätigkeiten für Bund, Land, Gemeinde (z.B. Landschaftspflege, und -gestaltung, Betreuung von Parkund Sportanlagen, Unterstützung in der Administration) herangezogen werden. (4) Asylwerber, deren Verfahren gemäß § 28 AsylG 2005 zugelassen wurde, können mit ihrem Einverständnis zu Tätigkeiten im Sinne des Abs. 3 auch dann herangezogen werden, wenn sie von Dritten betreut werden. (5) Werden solche Hilfstätigkeiten erbracht, ist dem Asylwerber ein Anerkennungsbeitrag zu gewähren. Dieser Anerkennungsbeitrag gilt nicht als Entgelt im Sinne des § 49 Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes vom 9. September 1955 über die Allgemeine Sozialversicherung, BGBl. Nr. 189/1955 und unterliegt nicht der Einkommenssteuerpflicht. (6) Durch Tätigkeiten nach Abs. 3 und 4 wird kein Dienstverhältnis begründet; es bedarf keiner ausländerbeschäftigungsrechtlichen Erlaubnis.

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Diese Form der gemeinnützigen Beschäftigung wurde von Inpower Graz und der Caritas Salzburg in Modellprojekten erprobt und zeigt beachtliche Erfolge in der Verbesserung • der Befindlichkeit der AsylwerberInnen, • der Akzeptanz in der Bevölkerung, • bei der Vorbereitung auf den Einstieg in den Arbeitsmarkt nach Asylanerkennung • sowie in der Konfliktprävention. Dennoch: Gemeinnützige Beschäftigung aufgrund des Grundversorgungsgesetzes ist keine Beschäftigung im herkömmlichen Sinn. Es wird dadurch kein Dienstverhältnis begründet, die in Österreich gültigen Gesetze wie Ausländerbeschäftigungsgesetz, Kollektivvertrag, Arbeitsrecht usw. finden keine Anwendung. Der ArbeitnehmerInnenschutz durch die Interessensvertretung von AK und ÖGB ist ausgeschaltet. DienstgeberInnen können verleitet werden, reguläre Beschäftigungsverhältnisse einzusparen und regelmäßig anfallende Arbeiten durch Gemeinnützige Beschäftigung abzudecken.

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Ziele der Gemeinnützigen Beschäftigung a) Vorteile für AsylwerberInnen • Die soziale und gesundheitliche Situation der AsylwerberInnen verbessert sich durch Tagesstrukturierung und Beschäftigungsangebote. • AsylwerberInnen können als aktive Menschen mit Ressourcen und Kompetenzen erlebt werden, wodurch ihre soziale Integration in Gemeinde und Region erleichtert wird. • Durch die berufliche Qualifizierung wird die Integration in den Arbeitsmarkt nach Asylanerkennung erleichtert. Im Falle einer Rückkehr werden die beruflichen Chancen der AsylwerberInnen im Heimatland erhöht. • Gemeinnützige Beschäftigung wirkt Dequalifizierung entgegen und kann die Kompetenzen und Ressourcen von AsylwerberInnen stärken und sie dabei unterstützen, diese weiter zu entwickeln. • Begleitende Maßnahmen zur Gemeinnützigen Beschäftigung ermöglichen den Spracherwerb und unterstützen die berufliche und soziale Orientierung und Integration. b) Vorteile für Gemeinden beziehungsweise AuftraggeberInnen: • AsylwerberInnen bringen spezifisches Wissen und Kompetenzen mit, wie z.B. Sprachkenntnisse, Kulturwissen etc. • Die „sichtbare“ Arbeit von AsylwerberInnen bei kommunalen Aufgaben fördert die Akzeptanz und das Zusammenleben in der Gemeinde. • Bund, Land und Gemeinden können über die Gemeinnützige Beschäftigung Leistungen für das Gemeinwohl erbringen, die sonst nicht vorgesehen und möglich wären. Notwendige Voraussetzungen der Gemeinnützigen Beschäftigung Eine klare Grundlage zur Gemeinnützigen Beschäftigung ist erforderlich und kann in Form einer Detaillierung zum GV-Gesetz Bund 2005 § 7 Abs. 3–6 geschaffen werden.

Die Gefahr besteht, dass qualifizierte Tätigkeiten durch Menschen ohne adäquate Ausbildung ausgeführt werden oder hochqualifizierte Tätigkeiten nicht entsprechend entlohnt werden. Gemeinnützige Beschäftigung ist eine Beschäftigung ohne rechtliche Absicherung – die Gefahr der Ausbeutung von AsylwerberInnen als billige Arbeitskräfte ist sehr groß. Die unterzeichnenden NGOs teilen diese Vorbehalte, dennoch wird der Einsatz der gemeinnützigen Beschäftigung unter Einhaltung der hier beschriebenen Qualitätsstandards empfohlen, um die Auswirkungen der menschenunwürdigen Situation der jahrelangen Beschäftigungslosigkeit zu vermindern. Gemeinnützige Beschäftigung ist kein Ersatz für die notwendige Öffnung des regulären Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen, sie stellt vielmehr eine Übergangslösung in der derzeitigen Situation des verwehrten Arbeitsmarktzuganges für AsylwerberInnen dar. In Kombination mit Spracherwerb und Ausbildungskursen kann sie eine Möglichkeit sein, der Dequalifizierung vorzubeugen und das tolerante Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten zu fördern. Nicht zuletzt die Vorbehalte waren es, die uns dazu bewogen haben, diese Qualitätsstandards zur Durchführung der Gemeinnützigen Beschäftigung auszuarbeiten. In diesem Sinne ist ihre Einhaltung von größter Bedeutung.

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• Die Freiwilligkeit der Ausführung von Tätigkeiten im Rahmen der Gemeinnützigen Beschäftigung muss auf jeden Fall gegeben sein. • Die Zielgruppe soll auch privat Wohnhafte in der Grundversorgung umfassen. • Die Gemeinnützige Beschäftigung von AsylwerberInnen sollte neben Bund, Land und Gemeinden auch für gemeinnützige Vereine möglich sein, um ausreichen Beschäftigungsplätze zur Verfügung stellen zu können. • Die Gemeinnützige Beschäftigung kann nur zeitlich begrenzt für die Dauer des Asylverfahrens zum Einsatz kommen. • Wenn die rechtliche Möglichkeit zu einem ordentlichen Beschäftigungsverhältnis lt. AuslBG gegeben ist, ist diesem auf jeden Fall der Vorzug zu geben. Arbeitsbereiche der Gemeinnützigen Beschäftigung Klassische Aufgabengebiete der Gemeinnützigen Beschäftigung sind Instandhaltung von öffentlichen Anlagen, Unterstützung bei sozialen Diensten der Gemeinden sowie Tätigkeiten in Bauhof und Recycling. Besonders gefördert werden sollen qualifizierte Tätigkeiten wie Mitarbeit im Bildungs- und Pflegebereich. Bei der Akquisition der Gemeinnützigen Beschäftigung ist darauf Bedacht zu nehmen, dass ausreichend Beschäftigungsplätze für Frauen zur Verfügung stehen. Die beruflichen Erfahrungen und schulischen Ausbildungen der AsylwerberInnen sind bei der Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten zu berücksichtigen. Begleitende Maßnahmen Um die Ziele der Gemeinnützigen Beschäftigung zu erreichen, sind begleitende Maßnahmen unbedingt erforderlich. Grundvoraussetzung ist die Durchführung von Sprachkursen zum Erwerb der notwendigen

Deutschkenntnisse für die Verständigung. Darüber hinaus sind empfehlenswert: • Maßnahmen zur Berufsorientierung und beruflichen Qualifizierung wie z.B. Bildungsberatung, Berufsberatung, Coaching, • Individualqualifizierungen, wie zum Beispiel Führerschein, Staplerschein, weiterführende Sprachkurse, • Vorbereitung und Begleitung der AsylwerberInnen sowie Akquisition der Beschäftigungsmöglichkeiten erfolgt durch kompetente Mitarbeiterinnen in der Region. Rahmenbedingungen der Gemeinnützigen Beschäftigung Die im Rahmen der Gemeinnützigen Beschäftigung ausbezahlten Gelder sind als Anerkennungsbeiträge und nicht als Gehalt zu verstehen. Es kommt somit kein Dienstverhältnis zustande. • Die Mindesthöhe des Anerkennungsbeitrages beträgt fünf Euro pro Stunde. • Durch Gemeinnützige Beschäftigung darf es jedenfalls bis zur Geringfügigkeit zu keinen Kürzungen der Leistungen aus der Grundversorgung kommen. • Die Bestimmungen des ArbeitnehmerInnenschutzes (z.B. Arbeitssicherheit, Arbeitszeit, Jugendschutz) sind analog zu den gesetzlichen Richtlinien für gewöhnliche Dienstverhältnisse einzuhalten. • Ist eine Vorbereitungszeit für qualifizierte Tätigkeiten notwendig (z.B. beim Einsatz als ReferentIn), muss diese finanziell abgegolten werden. • Unfallversicherung und Haftpflichtversicherung sind für die beschäftigten AsylwerberInnen in Anlehnung an den gesetzlichen Unfallschutz für gewöhnliche Dienstverhältnisse zu gewährleisten. • Die AsylwerberInnen erhalten eine schriftliche Bestätigung (ähnlich einem Dienstzeugnis) über die im Rahmen der Gemeinnützigen Beschäftigung erbrachten Leistungen. Dadurch werden ihre Chancen am Arbeitsmarkt nach Asylzuerkennung erhöht.

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Gemeinnützige Beschäftigung in den Regionen:

Flüchtlinge arbeiten in Gemeinden mit
Gerhard Eggerth

ange Wartezeiten auf das Ende des Asylverfahrens, keine Beschäftigung, isoliertes Leben im Flüchtlingsquartier, kaum Kontakt zwischen ÖsterreicherInnen und AsylwerberInnen. So lässt sich die typische Lebenssituation vieler Flüchtlinge – insbesondere in ländlichen Quartieren – beschreiben. Die erzwungene Untätigkeit während des Asylverfahrens ist eine psychische und soziale Belastung für die Flüchtlinge und hat Auswirkungen bis nach Zuerkennung des F l ü ch t l i n g s s t at u s. Die Flüchtlinge werden demotiviert und die persönlichen und beruflichen Ressourcen verkümmern. Dies wirkt als Hindernis weit über den engeren Bereich der Integration am Arbeitsmarkt hinaus und verhindert einen ganzheitlichen Integrationsprozess. Die nachträgliche Reaktivierung der Ressourcen nach Asylanerkennung erweist sich als zeitlich und methodisch aufwändig. Erschwert wird die Integration dann oft durch Arbeitslosigkeit und durch fehlende Maßnahmen zur Berufsvorbereitung und zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Es gibt jedoch für AsylwerberInnen die Möglichkeit, in Gemeinden mitzuarbeiten: Das Grundversorgungsgesetz des Bundes (GVG-B) räumt die Möglichkeit ein, AsylwerberInnen im Rahmen der gemeinnützigen Arbeit in Einrichtungen des Bundes, der Länder oder Gemeinden für Hilfstätig-

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keiten heranzuziehen. Dies stellt eine klare gesetzliche Regelung zur Beschäftigung von AsylwerberInnen dar. Von Seiten des Innenwie auch des Wirtschaftsministeriums ist auch klargestellt, dass es sich hierbei nicht um sozialversicherungs-, lohn- oder einkommensteuerpflichtige Dienstverhältnisse handelt, so dass die Fragen des Ausländerbeschäftigungsrechtes und des Sozialversicherungsrechtes für Gemeinden ausreichend geklärt sind. Diese Möglichkeit ist im Rahmen des Projektes FluEQUAL in drei Regionen des Landes Salzburg erprobt worden: In jeder der drei Regionen gab es eine RegionalmitarbeiterIn, die für die Anbahnung der gemeinnützigen Beschäftigung vor Ort, die Organisation und Begleitung zuständig war. Im vorangehenden Positionspapier von Autarq2, einer Vernetzung von fünf EQUALEntwicklungspartnerschaften in Österreich, ist diese Rechtsgrundlage beschrieben und sind wesentliche Qualitätsstandards für die Umsetzung gemeinnütziger Beschäftigung von AsylwerberInnen aufgeführt. Im Folgenden werden wichtige Schritte und Erfahrungen in der Umsetzung gemeinnütziger Arbeit beschrieben. Schritte in der Gemeinde Aufbauend auf den gesetzlichen Rahmenbedingungen gilt es zunächst, mit den EntscheidungsträgerInnen der potentiellen „BeschäftigungsgeberInnen“ (meist BürgermeisterIn, AmtsleiterIn) ein Commitment zu schaffen: Das bedeutet, gemeinsam Beschäftigungsmöglichkeiten zu erarbeiten und die Form der Beteiligung der Gemeinde festzulegen. Dies geschieht unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und der Nachfrage innerhalb der Gemeinde und baut zugleich

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auf vorhandene Qualifikationen und Kenntnisse der AsylwerberInnen. Das Ziel von gemeinnütziger Beschäftigung ist, dass von den AsylwerberInnen freiwillige Leistungen erbracht werden, die sonst von Gemeinden, von Bund oder Ländern nicht mehr oder nicht in gleicher Weise erbracht werden können, da sie nicht finanzierbar sind. Damit werden durch das Erbringen dieser Leistungen keine bestehenden Arbeitsplätze gefährdet oder zukünftig erforderliche Arbeitsplätze überflüssig gemacht. Gleichzeitig kommt es zu einer Verringerung des Problems der illegalen Beschäftigung. Seitens der BeschäftigungsgeberInnen ist zu klären, wer die Zuständigkeit für die Umsetzung der gemeinnützigen Beschäftigung übernimmt. Diese Person bzw. Abteilung übernimmt die Funktion eines Ansprechpartners für die AsylwerberInnen und die Begleitung während des Beschäftigungszeitraums. Sie fungiert als KooperationspartnerIn für lokale Grundversorgungsstellen, v.a. bei der Auswahl geeigneter AsylwerberInnen, koordiniert die Arbeitseinsätze und ist zuständig für die Einarbeitungsphase. Ausreichende Deutschkenntnisse sind Voraussetzung für gemeinnützige Beschäftigung. Notwendig sind vorgelagerte Deutschkurse. Mögliche Beschäftigungsfelder Mögliche Bereiche gemeinnütziger kommunaler Beschäftigung sind: • Unterstützung der Gemeinden mit Hilfstätigkeiten bei der Erfüllung sozialer Aufgaben (Kindergärten, Seniorenheime, Essen auf Rädern etc.) • Betreuung von Grünanlagen und Außenanlagen • Radwegebetreuung, Loipenbetreuung • Unterstützung von gemeinnützigen Vereinen, Pfarren und Kulturinitiativen als Gemeindeservice (Bühnenbau, Dekoration, Platzbetreuung, persönliche Dienstleistungen etc.) • Mithilfe im Bereich Recycling und Abfallwirtschaftshof • Gemeinnütziger Dienstleistungsservice in Absprache mit der Gemeinde (Radreparaturen, Nähservice etc.)

Meist sind für Hilfstätigkeiten in obigen Arbeitsbereichen keine besonderen Kenntnisse seitens der AsylwerberInnen notwendig. Eine Rücksichtnahme auf die vorhandenen Qualifikationen der AsylwerberInnen hat laut unseren Erfahrungen einen äußerst positiven Einfluss auf die Qualität der Arbeiten. Ein besonderes Augenmerk ist darauf zu legen, dass Beschäftigungsmöglichkeiten für Männer und Frauen geschaffen werden. Da ein Großteil der möglichen Einsatzbereiche in Gemeinden häufig mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden ist, beschränken sich die Möglichkeiten für Frauen in gemeinnütziger Beschäftigung meist auf klassische Bereiche wie Reinigungsarbeiten und soziale Aufgaben. Verpflichtungen Die BeschäftigungsgeberInnen übernehmen mit dem Beschäftigungsangebot auch gewisse Verpflichtungen: Die für die Arbeitseinsätze notwendigen Arbeitsmittel sowie geeignete Arbeitskleidung sind seitens der BeschäftigungsgeberInnen bereit zu stellen. Es sind „Arbeit war das Aufzeichnungen über die erste Wort, das Spas auf monatlich geleisteten StunDeutsch gelernt hatte. Es den zu führen. Es bedarf war weder das Wort Lieeiner Dokumentation über be, noch das Wort Hoffdie Bezahlung der Aufnung, geschweige denn wandsentschädigungen für Glaube. Denn ohne Arbeit die geleisteten Arbeitsstungab es nichts als Angst. den. Die Abrechnung und Bezahlung der AufwandDies war das Wort am Ansentschädigungen sollte im fang. Erst dann kamen die Nachhinein zu fixen Tervielen anderen. So war es minen erfolgen. Asylwerberfür jeden Flüchtling.“ Innen, die sich in Grundversorgung befinden, sind Dimitre Dinev „Ein Licht über dem krankenversichert. Eine für Kopf“ Paul Zolnay Verlag 2005. die Beschäftigung unumgängliche Unfallversicherung der AsylwerberInnen ist zu gewährleisten; hier muss auf gewerbliche Versicherungsunternehmen verwiesen werden. Bei Beendigung der gemeinnützigen Beschäftigung wird den AsylwerberInnen eine Bestätigung über die erbrachten Leistungen, ähnlich einem Dienstzeugnis, ausgestellt. Diese Bestätigungen können die AsylwerberInnen im Falle einer Möglichkeit

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des Arbeitsmarktzuganges (z.B. nach Asylanerkennung) bei der Integration in den Arbeitsmarkt wesentlich unterstützen. Ein Beitrag zu mehr Akzeptanz Mit der gemeinnützigen Beschäftigung kann auch ein Beitrag zur Verbesserung der öffentlichen Akzeptanz der AsylwerberInnen in den Gemeinden geleistet werden: Die Bevölkerung in den Gemeinden sollte durch gezielte regionale Öffentlichkeits- und Medienarbeit über die gemeinnützige Beschäftigung informiert werden. Dies unterstützt eine positive Wahrnehmung der AsylwerberInnen als wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft, die einen Beitrag zum Gemeindeleben „Österreich verkauft leisten, und kann so zum sich gut. Hier bezahlen Abbau gängiger Pauschaldie Menschen Geld, urteile gegenüber Asylum mit einer Kutsche werberInnen beitragen. zu fahren, in der Ukraine ist das ein alltägDie Resonanz bei den liches Arbeitsmittel.“ Gemeinden für diese Form der Beschäftigung war nach anfänglichen Vorbehalten sehr groß: Insgesamt 14 Gemeinden haben im Rahmen von FluEQUAL gemeinnützige Beschäftigungsmöglichkeiten für AsylwerberInnen angeboten, und 63 AsylwerberInnen haben mehr als 15.000 Arbeitsstunden geleistet. Im Rahmen des Projekts entstanden persönliche Kontakte zwischen AsylwerberInnen, GemeindemitarbeiterInnen und Mitgliedern der Gemeinde, die auch über die Projektlaufzeit hinaus bestehen blieben. Eine Gemeinde plante, einen Teilnehmer nach positivem Abschluss des Asylverfahrens in ein normales Dienstverhältnis aufzunehmen. Das Beispiel Mitra M. Mitra M. ist eine 32-jährige Frau aus einem islamischen Land im Nahen Osten. Mitte 2004 ist sie mit ihrem Ehemann und den Kindern nach Österreich gekommen und hat einen Asylantrag gestellt. Schon vor Jahren sind Mitra und ihr Mann vom Islam zum Christentum konvertiert. Bedingt durch die Entwicklungen im Heimatland

wurde ihre Situation immer gefährlicher, so haben sie sich zur Flucht entschlossen in ein Land, das ihnen uneingeschränkte Religionsfreiheit ermöglicht und in dem sie vor Verfolgung sicher sind. Der Ehemann von Mitra war Journalist. Beide stammen aus gut situierten Familien. Umso schwieriger waren für Mitra, ihren Mann und die beiden Kinder die ersten Monate im Quartier für AsylwerberInnen. Nach etwa 10 Monaten gelang es der Familie eine kleine Wohnung zu finden, in der ein fast „normales“ Familienleben endlich wieder möglich war. Die Familie aus dem Nahen Osten wurde in einer 600 Einwohner zählenden Landgemeinde gut aufgenommen. Die Kinder haben sich in Schule und Kindergarten mühelos integriert. Mitra und ihr Mann haben im Projekt FluEQUAL einen Deutschkurs im Ausmaß von 200 Stunden besucht und mit Erfolg absolviert. Die erworbenen Sprachkenntnisse haben ihnen auch die Integration ins Dorfleben erleichtert. Für Mitra hat sich nun auch im Rahmen der gemeinnützigen Arbeit im Projekt FluEQUAL eine Möglichkeit eröffnet, die sie positiv in die Zukunft blicken lässt. Seit Dezember 2006 arbeitet sie an zwei Vormittagen pro Woche im örtlichen Pfarrkindergarten mit. Sie liebt die Arbeit mit Kindern und es hat sich schnell gezeigt, dass auch sie von den Kindern sehr rasch angenommen und akzeptiert wurde. Die Kinder kamen so schon recht früh mit einem Menschen aus einem anderen, ihnen fremden Kulturkreis in Berührung und nehmen so AsylwerberInnen als ganz normale Mitglieder der Gesellschaft war. Auch von den Kolleginnen wurde Mitra innerhalb kurzer Zeit als vollwertige Mitarbeiterin angenommen und als Teammitglied akzeptiert. Von der Kindergartenleitung wurde bereits beschlossen, dass ihre Mitarbeit auch nach Projektende fortgesetzt bzw. ausgebaut werden soll. Zusätzlich absolviert Mitra eine Ausbildung zur Tagesmutter, eine Ausbildung, die voll und ganz ihren Vorstellungen entspricht und ihr, auch im ländlichen Raum, nach Asylgewährung reelle Jobchancen bietet.

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Lernwerkstätten als berufliche und kulturelle Orientierung
Gerhard Eggerth

m Projekt FluEUQAL wurden in den Regionen für die TeilnehmerInnen an der gemeinnützigen Beschäftigung so genannte „Lernwerkstätten“ angeboten – das sind Lehrveranstaltungen, Workshops und Qualifizierungsmaßnahmen für kleinere Gruppen von AsylwerberInnen. Lernwerkstätten sind eine wesentliche und sinnvolle Begleitmaßnahme und Ergänzung zur gemeinnützigen Beschäftigung. Die Lernwerkstätten unterstützen die berufliche Orientierung der AsylwerberInnen und ermöglichen ihnen einen leichteren Einstieg in die gemeinnützige Beschäftigung im kommunalen Bereich. In Ergänzung zum konkreten Arbeiten in der Gemeinde erwerben AsylwerberInnen weitere Qualifikationen und vertiefen die gewonnenen Erfahrungen. Darüber hinaus unterstützen Lernwerkstätten die kulturelle Orientierung, indem sie kulturspezifisches Wissen verfügbar machen und kulturspezifische Berufsrollen thematisieren. Zudem können auch interkulturelle Themenstellungen selbst zum Thema gemacht werden. Beispiele für Lernwerkstattinhalte im Überblick • Allgemeine Themenbereiche (z. B. Gesundheitssystem, Erste Hilfe) • Fachsprachlicher bzw. berufsbezogener und anlassbezogener Spracherwerb • EDV-Grundlagen • Betriebswirtschaftliche Grundlagenkenntnisse • Rechtliche Kenntnisse (arbeitsrechtliche Bestimmung sowie StVO) • Grundlagen verschiedener Berufsbilder (z.B. Tourismus) • Werkstätteneinrichtung, Arbeitsplatzgestaltung • Selbstorganisation und Berufsbilder • Werkzeugkunde

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• • • • • •

Handwerkliche Kenntnisse Bewerbungstraining Haushaltsplanung Selbsterfahrung Interkulturelle Themenstellungen Geschlechtsspezifische Themen (z.B. Frauengesundheit) Vielzahl von Synergieeffekten

Im Projekt FluEQUAL wurden für die Lernwerkstätten nach Möglichkeit ReferentInnen aus dem Gemeindeumfeld gesucht, die auf diese Art und Weise in (näheren) Kontakt mit den in ihrer Gemeinde wohnenden Flüchtlingen kamen. Indem das fachliche Know-how der AsylwerberInnen mit dem fachlichen Know-how der GemeindemitarbeiterInnen aus den kommunalen Dienstleistungen, „Sag es mir, und ich den sozialen Diensten, werde es vergessen. aber auch aus dem lokalen Zeige es mir, und ich ehrenamtlichen Umfeld in werde mich daran erinForm von Lernwerkstätnern. Beteilige mich, und ten in Zusammenhang gebracht wurde, ergaben ich werde es verstehen.“ sich eine Vielzahl von SynLao Tse ergieeffekten. Dies stellt auch einen Abbau von Vermittlungshemmnissen im regionalen Arbeitsmarktumfeld dar. Insgesamt wurden Lernwerkstätten angeboten, die den AsylwerberInnen eine zusätzliche Qualifizierung in Zusammenhang mit den angebotenen Praktikumstätigkeiten ermöglichten. Zudem orientieren sich die Lernwerkstätten an den konkreten Arbeitserfahrungen und -bereichen. Im Projekt FluEQUAL wurden Frauen besonders ermutigt, an Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen. Grundvoraussetzung dabei war die Bereitschaft der ReferentInnen zum sensiblen Umgang mit den Herkunfts-

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kulturen und den jeweiligen Sozialisationsprozessen der Frauen. Generell muss sowohl bei der Auswahl der Inhalte der Ler nwerkstätten wie auch in der Art der Durchführung auf geschlechtsspezifische Erfordernisse Bedacht genommen werden. Mögliche Rollenkonflikte bei den Asylwerberinnen oder Irritationen in deren Umfeld wurden gemeinsam mit den betroffenen Asylwerberinnen bearbeitet und zum Anlass genommen, kulturspezifische Rollenerwartungen mit hiesigen Rollenbildern in Bezug zu bringen. Bei der Vermittlung der Inhalte der verschiedenen Lernwerkstätten konnten durchwegs positive Erfahrungen gemacht werden. In Anbetracht der unterschiedlichen Deutschkenntnisse der TeilnehmerInnen musste die Wissensvermittlung in einfacher und klarer Sprache erfolgen. Es erwies sich zudem als notwendig, die Lehrveranstaltungen zu blocken und nicht mehr als drei bis vier Unterrichtseinheiten pro Block anzubieten. Themenkomplexe, die auf zukünftige Situationen abgestimmt waren, forderten das Abstrahierungsvermögen der TeilnehmerInnen sehr stark, teilweise entstand der Eindruck der Überforderung. Nicht mehr „verlorene Lebenszeit“ Für alle besuchten Lernwerkstätten erhielten die TeilnehmerInnen eine schriftliche Bestätigung über Themen, Inhalte und Teilnahmedauer. Wesentlich für das Empowerment der Zielgruppe ist, dass die Zeit des Asylverfahrens für die TeilnehmerInnen nicht mehr „verlorene Lebenszeit“ ist, sondern für die Zukunft genutzt werden kann, und dass die TeilnehmerInnen das Ergreifen

dieser Chancen auch über das Projekt hinaus nachweisen können. BORG Mittersill & FluEQUAL: Eine Erfolgsgeschichte … ... wie Lernwerkstätten erfolgreich in Dialogprozesse eingebettet werden können, damit AsylwerberInnen bei der kulturellen Orientierung unterstützt werden und zugleich die Offenheit in der Gemeinde für das Zusammenleben gefördert wird. Verschiedene Klassen aus dem BORG Mittersill besuchten die Ausstellung „Mein Österreich“, die im Rahmen der Dialogprozesse von FluEQUAL in Mittersill gezeigt wurden und nahmen an Schulworkshops teil. Im Zuge dieser Ausstellungsbesuche und des Comenius Projekts „Totalitarismus“, das es seit einiger Zeit am BORG Mittersill gibt, entstand die Idee einer weiteren Zusammenarbeit zwischen dem BORG Mittersill und dem Projekt FluEQUAL. Lernwerkstatt Integration und kultureller Austausch Unter dem Überbegriff „Integration“ wurde beschlossen, in Form einer Lernwerkstatt mit dem Titel „Integration und kultureller Austausch“ am BORG Mittersill aktive Bewusstseinsarbeit zu leisten. Durch integrative Dialogprozesse in egalitären Gesprächssituationen sollte eine differenzierte Sicht der unterschiedlichsten Lebenswelten/-realitäten erreicht werden, die eine aktive Auseinandersetzung mit Vorurteilen, Feindbildern und Stereotypen nach sich zieht. Im Vorfeld luden zwei Mitglieder des Lehrkörpers die FluEQUAL Regionalmitarbeiterin ein, das Projekt und die konkrete Arbeit vor Ort (Berufsorientierung und gemeinnützige Beschäftigung, in besonderem Hinblick auf die Region Oberpinzgau) in den Klassen 7B und 8B vorzustellen. Zum Abschluss gab es die Möglichkeit Fragen zu stellen, welche von den SchülerInnen ausreichend wahrgenommen wurde. Insbesondere allgemeine Informationen bezüglich Asylrecht, Asylverfahren, der Leistungen

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aus der Grundversorgung und bezüglich der Lebensgeschichten der einzelnen TeilnehmerInnen waren von großem Interesse, es bestand großer Informationsbedarf. In einem weiteren Schritt wurden neun AsylwerberInnen (vier Frauen und fünf Männer) aus dem Projekt FluEqual von den SchülerInnen beider Klassen zur Lernwerkstatt in die Schule eingeladen. In Kleingruppen „interviewten“ die SchülerInnen jeweils ein bis zwei AsylwerberInnen. Ziel war es, einen Begegnungsraum zu schaffen, indem ein kultureller Austausch zwischen den SchülerInnen und den AsylwerberInnen stattfinden konnte. Bei Tee und Keksen konnte eine angenehme Gesprächsatmosphäre geschaffen werden. Im Vordergrund stand die Bewusstmachung sowohl der Differenzen als auch der Gemeinsamkeiten auf beiden Seiten. Eine Auseinandersetzung mit der jeweiligen Fremd- und Selbstwahrnehmung sowie ein gezielter Abbau von Vorurteilen und Begegnungsängsten waren die Ziele des Workshops, die auch erreicht werden konnten. SchülerInnen und AsylwerberInnen waren im Rahmen dieser Lernwerkstatt selbständige AkteurInnen. Am Ende des Workshops machten die SchülerInnen für die AsylwerberInnen eine Führung durch das Schulgebäude und verabschiedeten sich mit einem Gruppenfoto. Im anschließenden Gespräch mit beiden Seiten konnte festgestellt werden, dass sowohl die SchülerInnen der 7B und 8B als auch die TeilnehmerInnen aus dem Projekt FluEQUAL begeistert von diesem gemeinsamen Nachmittag waren. Diese Lernwerkstatt ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie aktive Integrationsarbeit durch gemeinsame und übergreifende Projekte gestützt, gefördert und geleistet werden kann.

Rückmeldungen von TeilnehmerInnen
„Ich finde es verantwortungslos, dass der Staat jahrelang braucht, bis Asyl genehmigt wird! Die Menschen müssen einfach nur warten und können nicht mal arbeiten.“ (7B) „Ich finde es sehr wichtig, dass man über solche Themen informiert wird, und dass es Menschen gibt, die sich für MigrantInnen einsetzen.“ (8B) „Nach diesem Workshop habe ich mehr Verständnis für MigrantInnen und kann mich besser in ihre Situation hineinversetzen. Ich fände es gut, wenn man in Österreich noch mehr Verständnis für Verfolgte aufbringen könnte.“ (7B) „Nur wenige Menschen beschäftigen sich mit diesem Thema und für mich ist es ein Thema, das eigentlich die ganze Welt betrifft und keiner sollte wegschauen.“ (8B) „Der Kontakt zu österreichischen Jugendlichen ist so spärlich; ich fand es schön, Interesse zu sehen!“ (Pascha M., Georgien, seit 2003 Asylwerber in Österreich) „Ich fühlte mich sehr willkommen und unsere Interessen sind gar nicht so unterschiedlich.“ (Kristine H., Armenien, seit 2004 Asylwerberin in Österreich) „Die Schule, die LehrerInnen und die SchülerInnen sind großartig. Ich finde es schade, dass wir hier nicht zur Schule gehen und vieles lernen können.“ (Georgy P., Russische Föderation, seit 2004 Asylwerber in Österreich)

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Beratung und Coaching als Ergänzung zur gemeinnützigen Beschäftigung
Gerhard Eggerth

ür die ProjektteilnehmerInnen, die in Gemeinden in gemeinnütziger Beschäftigung standen, wurde begleitend ein berufsbezogenes Coaching angeboten. Dieses hatte das Ziel, mit Hilfe einer Kompetenzbilanz ein Portfolio zu erstellen, einen persönlichen Leitfaden für die weitere berufliche Perspektive, auf den im Fall der Asylanerkennung (somit der wesentlichen „Typisch für Österreich ist rechtlichen Voraussetschwarz arbeiten, schwarz zung für einen Arbeitsfahren, schwarz sehen und marktzugang) aufgeschwarz malen. Ich bin baut werden kann. In schwarz, also bin ich ein der Kompetenzbilanz typischer Österreicher?!“ werden formale und informelle Erfahrungen und Kompetenzen einer Person erarbeitet und persönliche, berufsrelevante Fähigkeiten und Qualifikationen bilanziert. Das Portfolio umfasst vorhandene Qualifikationen, mögliche Arbeitsbereiche und Vorschläge für zu erwerbende Qualifikationen. Motivationstrainings unter professioneller Anleitung boten den AsylwerberInnen die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit persönlicher Arbeitsmotivation und regionaler Arbeitsmarktkultur. Die AsylwerberInnen erhielten Informationen über ihre Möglichkeiten am österreichischen Arbeitsmarkt und ein Feedback über ihre Fähigkeiten und noch zu entwickelnde Potenziale. Dadurch wurden das Selbstbild erweitert und eine realistischere Einschätzung ihrer beruflichen Perspektiven in Österreich gefördert. Schwierigkeiten im Coachingprozess entstanden dadurch, dass sich die ProjektteilnehmerInnen auf eine zukünftige Situation (nämlich einen positiven Asylbescheid und den Zugang zum Arbeitsmarkt), deren zeitliches Eintreten nicht abschätzbar ist, nicht einstellen konnten. Daher wurde das

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Coaching nicht von allen TeilnehmerInnen unmittelbar als sinnvoll und zielführend erachtet. Bei der Gestaltung des Coachings wurde auf eine geschlechtergerechte Form geachtet und Asylwerberinnen wurden von weiblichen Coaches mit Genderkompetenz begleitet. Wichtig ist in diesem Bereich die Rücksichtnahme auf kulturell unterschiedliche Hintergründe. Um sinnvoll auf die individuellen Voraussetzungen eingehen zu können, ist ein Einzelcoaching einem Gruppencoaching vorzuziehen. Als Begleitung der gemeinnützigen Beschäftigung hat es sich bewährt, alle zwei bis drei Wochen eine Coaching-Einheit anzubieten. Beim Ausstieg aus der gemeinnützigen kommunalen Beschäftigung und der Beendigung des Coaching erhielten die TeilnehmerInnen ein „Dienstzeugnis“ als beschreibende Teilnahmebestätigung sowie die Kompetenzbilanz und das persönliche Portfolio zur Nutzung für die weitere berufliche Integration. Motivation und Selbstmanagement Für AsylwerberInnen, die in gemeinnütziger Beschäftigung stehen, stellt ein begleitendes individuell abgestimmtes Coaching eine sinnvolle Begleitung und Unterstützung dar. Sie erhalten dadurch Unterstützung in den Bereichen Motivation und Selbstmanagement, können gemeinsam mit den Coaches eine Bilanz ihrer bisherigen beruflichen Erfahrungen und Kenntnisse erstellen und ihre Erwartungen an den österreichischen Arbeitsmarkt überprüfen. Für den Fall eines Übertritts in den regulären Arbeitsmarkt können sie auf eine Kompetenzbilanz und ein Portfolio zurückgreifen, die vorhandene Qualifikationen, mögliche Arbeitsbereiche, und Vorschläge für zu erwerbende Qualifikationen beinhalten. Auch unterstützende

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Behörden und Organisationen (AMS, Sozialamt, Integrationsprojekte usw.) können auf Kompetenzbilanz und Portfolio aufbauen. Mögliche Coachinginhalte (Überblick) • Kernkompetenzen im Beruf (vorhandene Fähigkeiten, Qualifikationen, Ausbildungen) • Vorschläge möglicher Berufsfelder • Vorschläge zur Kernkompetenzverbesserung (Weiterbildung, Zusatzausbildung, Anerkennung vorhandener Ausbildungen) • Beschäftigungsmöglichkeiten am österreichischen Arbeitsmarkt • Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten in Österreich • Rahmenbedingungen von Berufstätigkeit in Österreich

• Umgang mit Konfliktsituationen in Arbeit, Beruf und Schule • Erarbeitung von Lern- und Lebenszielen • Ermutigung zur beruflichen Integration • Heranführung an die österreichische Kultur • Thematisierung kulturell unterschiedlicher Grundwerte Materialien • Kompetenzbilanz • Portfolio Vorlagen für eine solche Kompetenzbilanz und ein persönliches Portfolio wurden im Rahmen von FluEQUAL erarbeitet und erprobt und sind auf der Homepage des Projekts (www.fluequal.at) als Download verfügbar.

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Coaching-Erfahrungen
Herr P., Staatsbürger eines osteuropäischen Landes, hat Ende 2004 in Österreich um Asyl angesucht. Sein Antrag befindet sich derzeit im Berufungsverfahren. Zu Beginn des Projektes absolvierte Herr P. einen intensiven Deutschsprachkurs, den er mit sehr gutem Erfolg abschloss. Anschließend bekam er die Chance, im Rahmen von gemeinnütziger Beschäftigung erste Arbeitserfahrungen in Österreich zu machen. Parallel dazu hatte er die Möglichkeit, individuell auf seine Situation abgestimmte Coachingeinheiten zu erhalten. Herr P. kam anfangs eher mit Vorbehalten ins Coaching. Er wirkte freundlich, zeigte sich motiviert, war aber im Gespräch wenig auskunftsfreudig. Seine Deutschkenntnisse waren relativ gut, er übernahm im Gruppencoaching immer öfter die Rolle des Dolmetschers. Nach einigen Coachingeinheiten zeigte er sich offener, wodurch im Einzelcoaching maßgebliche Erfolge erzielt wurden. Zurzeit arbeitet Herr P. äußerst engagiert am Bauhof seiner Wohnsitzgemeinde, betreibt Sport, versucht sich EDV-Kenntnisse anzueignen und bewahrt eine positive Einstellung. Er beschreibt sich selbst als bescheiden und ist zufrieden mit dem, was er hier zur Verfügung hat. Nach der Auseinandersetzung mit dem Thema „österreichische Kultur und Lebensgewohnheiten“ zeigt sich Herr P. äußerst interessiert an einem Austausch über kulturelle Unterschiede und Lebensgewohnheiten. Mittlerweile hat er sich einen großen Freundes- und Bekanntenkreis geschaffen. Im Laufe des Coachingprozesses und durch die Erarbeitung von Kompetenzanalyse und Portfolio wurde das vielfältige berufliche Einsatzpotential für Herrn P. in Österreich deutlich und ihm selbst bewusst. Während seines Einsatzes in der gemeinnützigen Beschäftigung zeigte sich, dass in Österreich Nachfrage nach seinen Qualifikationen besteht. Die entsprechenden Berufsfelder wurden aufbauend auf den Ergebnissen der Kompetenzbilanz im Coaching herausgearbeitet. Sein breit gefächertes handwerkliches Wissen sowie seine sprachliche Kompetenz sind eine gute Grundlage für eine Integration in den österreichischen Arbeitsmarkt.

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Kapitel V: Ganzheitliche Integration

Ganzheitliche Integration

• Ausgangsbedingungen in den Gemeinden • Dialogprozesse • Integration von Asylwerberinnen

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Kapitelvorschau

Ganzheitliche Integration
Ganzheitliche Integration benötigt viele Säulen. Dazu gehören die sprachliche und (zumindest im Idealfall) die berufliche Integration, wesentlich ist jedoch auch die soziale und gesellschaftliche Integration. Offensichtlich ist, dass sich diese Aspekte gegenseitig beeinflussen und ihnen je nach den konkreten Lebensumständen der Asyl suchenden Frauen, Männer, Kinder und Jugendlichen ein unterschiedliches Gewicht zukommt. Integrationsprozesse verlaufen individuell verschieden und Individuen sind auf verschiedene Weise und in unterschiedlichem Ausmaß in solche Prozesse eingebunden. Für alle aber gilt, dass die Möglichkeit zu umfassender gesellschaftlicher Teilhabe an ganzheitliche Integration gebunden ist. FluEQUAL geht von einem ganzheitlichen Integrationsverständnis aus. Daher gehörten zu den Projektaktivitäten nicht nur Maßnahmen zur Förderung der Arbeitsmarktintegration von Asylsuchenden, sondern auch deren bewusste Einbettung in Aktivitäten zur Förderung der gesellschaftlichen Integration. In Puch, in Mittersill und im Lungau fanden Dialogprozesse rund um das Thema Migration und interkulturelle Begegnung statt. Dabei ging es um Information und Sensibilisierung, Impulse und Diskussionsanstöße, um die Schaffung von Begegnungsräumen und um gemeinsame Veranstaltungen. Ganzheitliche Integration zu unterstützen bedeutet auch, auf die unterschiedlichen Lebensumstände und Bedürfnisse von Frauen und Männern einzugehen und Chancengleichheit in Bezug auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern; daher ist sie gezielt aus der Perspektive der Asyl suchenden Frauen zu betrachten. Im ersten Beitrag des folgenden Kapitels werden die Ausgangsbedingungen in Gemeinden beschreiben, um integrationsförderliche Bedingungen und Ansatzpunkte für integrationsförderliche Strukturen aufzuzeigen. Im zweiten Beitrag wird auf die Dialogprozesse eingegangen, die im Rahmen von FluEQUAL in Puch, Mittersill und im Lungau stattfanden. Im dritten Beitrag wird die Situation der Asylwerberinnen beschreiben und der Frage nachgegangen, wie die ganzheitliche Integration der Frauen unterstützt werden kann.

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Die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in Gemeinden
Ursula Liebing, Angelika Reichl

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ie Ansiedlung eines Quartiers für eine größere Anzahl von AsylwerberInnen wird in ländlichen Gemeinden erfahrungsgemäß eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die Ankunft von Fremden löst die unterschiedlichsten Ängste und Befürchtungen aus, und das oft fremdartige Verhalten wie auch die sichtbare Armut derer, die in den Flüchtlingsquartieren wohnen, verunsichern zusätzlich. Die Gemeinden, in denen die Dialogprozesse von FluEQUAL stattfanden, bilden hier keine Ausnahme. Bei weitem nicht alles, was das Zusammenleben in Gemeinden mit Flüchtlingsquartieren beeinflusst, hat mit der kulturellen Verschiedenheit der beteiligten Personen zu tun, oder damit, dass es sich bei den Zugezogenen um Asylsuchende handelt. Vergleicht man die unterschiedlichen Standorte und die Quartiere in der Projektregion, so wird ein komplexes Bündel von Einflüssen und Einflussmöglichkeiten deutlich, die Integrationsprozesse behindern oder fördern können. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen der Gemeinde Die wirtschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen der jeweiligen Region bzw. Gemeinde haben spürbare Auswirkungen darauf, wie Einheimische in ihrer Nachbarschaft wohnende Flüchtlinge wahrnehmen. In strukturschwachen Gebieten, in denen sich viele Einheimische zur Abwanderung und zum Auspendeln gezwungen sehen, werden AsylwerberInnen als zusätzliche KonkurrentInnen um knappe Arbeitsplätze und knappe Ressourcen vor Ort wahrgenommen: ein offensichtliches Konfliktpotential in Bezug auf reguläre Arbeitsplätze, aber ebenso in Bezug auf gemeinnützige Be-

schäftigung. Sie wird im Lungau beispielweise als Konkurrenz für den „einheimischen“ Niedriglohnbereich wahrgenommen. Wo dagegen ausreichend Arbeitsplätze vorhanden sind bzw. zusätzliche Arbeitskräfte benötigt werden, können Asylsuchende auch als Potential wahrgenommen werden, wie das Beispiel Oberpinzgau zeigt. Soziale Rahmenbedingungen: Netzwerke Aus Sicht der Asylsuchenden sind ein wichtiger „Standortfaktor“ vor allem Verwandtschaftsnetzwerke, Netzwerke von Zuwanderern gleicher Herkunft, von Menschen mit ähnlichen biographischen Erfahrungen. Der Kontakt zu Verwandtschafts- und Freundeskreisen, aber auch der Zugang zu Glaubensgemeinschaften stellt gerade für Menschen in Krisensituationen eine bedeutsame psychische Unterstützung dar – zusätzlich oft auch eine nicht unwesentliche Stütze in materieller Hinsicht. Solche Netzwerke bereits etablierter MigrantInnen können außerdem eine wichtige Brückenfunktion in die Aufnahmegesellschaft übernehmen, indem sie Wissen, Orientierung und Kontakte vermitteln. Sie finden sich erwartungsgemäß eher in größeren bzw. stadtnahen Gemeinden, aber auch dort, wo es vor Ort eine längere Migrationstradition gibt. Die Nachwirkungen der Informationspolitik Die Informationspolitik bei der Gründung und Neuerrichtung eines Quartiers spielt eine wesentliche Rolle für das integrative Geschehen besonders in ländlichen Gemeinden. Umfassende, transparente und glaubwürdige Informationspolitik in der Anfangssituation schafft eine gute Ausgangslage und trägt zur Akzeptanz eines Quartiers bei,

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missglückte Informationspolitik dagegen verstärkt eine anfängliche ablehnende Haltung und ein negatives Image von Flüchtlingsquartieren. Negative Bilder halten sich über lange Zeiträume und beeinflussen die Haltung gegenüber den QuartierbewohnerInnen. In Ramingstein zum Beispiel wurde auch zwei Jahre nach der Gründung des Quartiers die Ankunft der ersten Flüchtlinge als „Nacht- und Nebelaktion“ bezeichnet, von der „man“ erst im Nachhinein erfahren habe, und auch die laufenden BewohnerInnenwechsel im dortigen Quartier finden aus Sicht mancher Ortsansässiger „bei Nacht und Nebel“ statt. Der Status der QuartierbetreiberInnen: karitativ oder gewerblich Ein wichtiger Faktor dafür, wie ein Quartier und damit auch seine BewohnerInnen in einer Gemeinde angesehen sind, ist der Status der QuartierbetreiberInnen im Gemeindeumfeld und deren wahrgenommene Motive. Hier liegt ein großes Problem gewerblicher Flüchtlingsquartiere: Werden Flüchtlingsquartiere von privaten Gewerbetreibenden betrieben, entsteht im Gemeindeumfeld leicht die Wahrnehmung, dass sich ein/e Einzelne/r „auf Kosten“ der anderen MitbürgerInnen wirtschaftlich besser stellt oder bereichert. Gefördert wird diese Wahrnehmung, wenn Flüchtlingsquartiere in Häusern betrieben werden, die augenscheinlich andernfalls keine wirtschaftliche Auslastung hätten oder sogar vom Konkurs bedroht würden. Eine solche Wahrnehmung führt leicht auch zu einer Voreingenommenheit den Asylsuchenden gegenüber. Karitativen Organisationen, die ein Flüchtlingsquartier betreiben, werden dagegen in der Regel keine eigennützigen Motive unterstellt, da sie eine „institutionelle“ Rechtfertigung, ja sogar eine Verpflichtung zur Unterstützung haben. Das Flüchtlingsquartier als Basis für Integration Erfolgreiche Integration erfordert Öffnung und Lernprozesse der Neuankömmlinge und der Alteingesessenen. Ein Flüchtlings-

quartier ist ein idealer Ausgangspunkt dafür, Integration in einer ländlichen Gemeinde zu fördern. Rund um den Betrieb eines Flüchtlingshauses bieten sich verschiedene Möglichkeiten für sozialpädagogisch orientierte Angebote und Maßnahmen, die sich unmittelbar auf die Befindlichkeit und die psychischen Ressourcen der Asylsuchenden auswirken und deren eigene Integrationsleistungen fördern und unterstützen. Zudem lassen sich Weichen stellen für die Interaktion im Ort und Kommunikations- und Unterstützungsstrukturen verankern. Ganzheitliche Integration beginnt im Quartier.

Standort Puch
Die Gemeinde Puch liegt in einem florierenden Wirtschaftsraum, im unmittelbaren Einzugsbereich von Salzburg. Die Arbeitslosigkeit ist gering, Puch ist eher Zuzugs- als Abwanderungsgebiet. Der ländliche Charakter hat sich verändert, es gibt eine Fachhochschule und verschiedene Gewerbebetriebe. Viele Einwohner pendeln nach Salzburg. Die Verkehrsanbindung nach Salzburg ist gut, wenngleich die Fahrtkosten für die finanziellen Möglichkeiten von AsylwerberInnen hoch sind. Der Anteil der Menschen nicht-österreichischer Herkunft an der Gesamtbevölkerung in der Region ist hoch, im zehn Kilometer entfernten Salzburg liegt er bei über 25 Prozent. Fremde und fremdländisch aussehende Menschen gehören zum Ortsbild. Die allgemeine Akzeptanz des Quartiers, betrieben von der Caritas, scheint relativ gut. Die Bevölkerung wurde von Beginn an in mehreren Informationsveranstaltungen einbezogen. Anfängliche Befürchtungen und Ängste von EinwohnerInnen in Hinblick auf steigende Kriminalität haben sich nach Auskunft der Polizeidienststellen nicht bewahrheitet.

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Angebote zur Tagesstrukturierung Die langdauernde Situation der erzwungenen Untätigkeit und des Wartens auf den Fortgang des Asylverfahrens stellt eine immense Belastung für die AsylwerberInnen dar. Daher sind Angebote zur Tagesstrukturierung besonders wichtig. In Puch können Asylsuchende Journaldienste zur Mithilfe im Haus übernehmen. Zudem gibt es diverse ehrenamtliche Angebote, die sich positiv auf die Integration auswirken – Deutschkurse, Nähwerkstätten, oder Fahrradwerkstätten: In Puch verfügt mittlerweile jede AsylwerberIn über ein eigenes Fahrrad. Selbstversorgung mit Essen Die Möglichkeit, täglich in einer gemeinsamen Küche im Haus eine Mahlzeit selbst zu kochen, wird von allen AsylwerberInnen als sehr wichtig erachtet. In den Quartieren ist diese Möglichkeit jedoch nicht oder zumindest offiziell nicht vorgesehen. Puch bildet da eine Ausnahme. Die Asylsuchenden können sich so ein Essen nach eigenen Bedürfnissen zubereiten und zumindest in einem kleinen, aber doch zentralen Lebensbereich eine gewisse Selbstbestimmung aufrechterhalten. Die verheirateten Frauen, zu deren klassischen Verantwortungsbereich meist das Kochen gehört, finden hier eine Betätigungsmöglichkeit. Die Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden sind durchgängig positiv. Wer für sich selbst kochen kann, muss auch vor Ort einkaufen. Und wer selbst kocht, kann auch zu gemeinsamen Festen, zu Schulveranstaltungen etc. einen eigenen Beitrag leisten. Orientierung im Gemeindeumfeld Die erste Orientierung im Gemeindeumfeld legt einen wichtigen Grundstein für das weitere Zusammenleben. In den Quartieren gibt es immer wieder einen Wechsel, und somit immer wieder Neuankömmlinge mit Orientierungsbedarf. Allerdings haben die QuartiersgeberInnen häufig keine Ressour-

cen für eine solche Orientierung. In Mittersill wurde daher im Rahmen eines runden Tisches die Möglichkeit angedacht, länger ansässige, etablierte AsylwerberInnnen mit guten Sprachkenntnissen als MultiplikatorInnen einzusetzen, die den Neuankömmlingen im Quartier ein Grundwissen über das Gemeindeumfeld vermitteln. Auseinandersetzung mit „westlichen“ Werten Auch die kulturelle Orientierung und die Auseinandersetzung mit „typisch österreichischen“ bzw. „westlichen“ Werten beginnt im Quartier und kann hier bewusst unterstützt werden, zum Beispiel im Rahmen der Hausordnung, bei der Übernahme von Diensten oder bei der gemeinschaftlichen Nutzung von Infrastruktur und Räumen. Hier geht es, um nur einige Beispiele zu nennen, um kulturspezifische Werte und Verhaltensnormen wie Pünktlichkeit, Sauberkeit und Ordnung, um Mülltrennung oder Umgang mit Energie, und nicht zuletzt um den kulturell geprägten Umgang mit Erwachsenen, mit Personen anderen Geschlechts oder mit Kindern. Flüchtlingsquartiere beherbergen Menschen aus einer Vielzahl von Ländern und Kulturen auf engem Raum: Das ist eine große Herausforderung für das Zusammenleben wie auch eine Gelegenheit, Toleranz für unterschiedliche Religionen und Kulturen als „westlichen bzw. österreichischen“ Wert vorzuleben. Koordination ehrenamtlicher Tätigkeit In Puch fungiert das Quartier auch als Anlaufstelle für ehrenamtliches Engagement – bereits bei der Quartiersgründung wurden Listen mit Spendenbedarf sowie Kontaktlisten für potentielle UnterstützerInnen für Behördengänge, Arztbesuche oder Einkaufsfahrten angelegt. Manche ehrenamt-

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liche Angebote finden im Haus statt: eine Fahrradwerkstatt, eine Nähwerkstatt, ein Sprachkurs. Die Essensausgabe am Wochenende wird von ehrenamtlich Tätigen aus dem kirchlichen Umfeld übernommen. Kirchenkreise laden gelegentlich Asylsuchende zu Kaffeerunden oder Ausflügen ein. Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten eröffnen zugleich Begegnungsmöglichkeiten zwischen Einheimischen und Flüchtlingen, eine Grundvoraussetzung für Integration. Professionelles Betreuungsangebot im Quartier Im Pucher Quartier ist eine professionelle Ansprechperson täglich zu festen Bürozeiten verfügbar. Mehrere hauptamtliche Beschäftigte wechseln sich ab. Dies ermöglicht allen BewohnerInnen des Hauses, ihre „persönliche“ Ansprechperson zu finden und schützt zugleich die einzelnen MitarbeiterInnen vor „Wenn es keine Überforderung durch zu hohe, guten Menschen auf sie selbst gerichtete Erwargäbe auf dieser tungen. Die Nachtdienste – in Welt, würde die jedem Quartier muss abends Sonne nicht auf- die Anwesenheit erhoben und gehen!“ nachts eine Ansprechperson anwesend sein – werden von geringfügig Beschäftigten übernommen. Regelmäßige Teambesprechungen ermöglichen einen Austausch aller Mitarbeitenden und sorgen für einen guten Informationsfluss. Hauptamtliche stehen den Ehrenamtlichen für alle Fälle mit einem Telefonbereitschaftsdienst zur Seite. Die professionelle und dichte Betreuung beugt Konflikten im Haus vor. Das relativ konfliktfreie Klima im Haus bereitet wiederum einen guten Boden für das Zusammenleben im Ort. Regelmäßige Kommunikation: Der Anrainerbeirat AnrainerInnen eines geplanten Quartiers äußern häufig zunächst Bedenken, beispielweise befürchten sie steigende Kriminalität oder die Abwertung ihres Besitzes aufgrund eines „Ghetto-Effekts“. Um solchen Befürchtungen Rechnung zu tragen und die Kommunikation zwischen dem Quartier

und seinen AnrainerInnen zu fördern, wurde in Puch noch vor der Quartiersgründung ein sog. Anrainerbeirat eingerichtet (siehe Kasten). Er stellt einen regelmäßigen Informationsaustausch zwischen Gemeinde, Quartiersbetreibern, AnrainerInnen und Pfarre sicher.

Anrainerbeirat in Puch
Der Anrainerbeirat in Puch trifft sich in ca. sechswöchigen Abständen. An den Treffen nehmen die unmittelbaren AnrainerInnen des Quartiers teil, eine Vertreterin der Quartiersbetreiberin Caritas, der Bürgermeister sowie eine Vertreterin der Pfarre Puch. Im Anrainerbeirat werden Informationen über aktuelle Entwicklungen im Haus ausgetauscht, etwaige Kritikpunkte der AnrainerInnen diskutiert und ggfs. Probleme besprochen. Gemeinsam werden Ansatzpunkte für Lösungen gesucht. Die Caritas als Betreiberin des Quartiers setzt dann die vereinbarten Maßnahmen um. Der Anrainerbeirat wurde im allseitigen Einverständnis eingerichtet, erstes Ergebnis unmittelbar nach Einrichtung des Anrainerbeirats war eine Reduzierung der geplanten BewohnerInnenzahlen.

Integrationsfördernde Quartiersbetreuung braucht Ressourcen Derzeit ist in allen Quartieren im Salzburger Land bis auf Puch und der Stadt Salzburg die Sozialbetreuung vom Quartiersbetrieb getrennt. Die Grundversorgung der Caritas kommt dreimal im Monat, selten häufiger, in ein Quartier – diese Zeit reicht kaum für allfällige administrative Aufgaben und laufende Anliegen der Asylsuchenden. Infolgedessen fungieren die QuartiersbetreiberInnen zwangsläufig als AnsprechpartnerInnen und werden so auch mit Anliegen konfrontiert, für die sie keine klare Zuständigkeit und

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kaum Ressourcen haben. Ein gewinnorientierter Betrieb eines Flüchtlingsquartiers, in der Regel mit Vollversorgung, d.h. Frühstück, Mittagessen und Abendessen, scheint angesichts der knappen Tagsätze, die dem/r Betreiber/in zur Verfügung stehen, mit einer angemessenen Berücksichtigung der besonderen Situation von AsylwerberInnen schwer vereinbar zu sein: individuelle Be-

einträchtigungen durch Traumata und psychische Belastungen ebenso wie die Belastung durch die komplexe Gruppensituation. Das beschriebene „Mehr“ an integrationsfördernder Quartiersbetreiber-Leistung setzt entsprechendes Interesse, Kompetenzen oder Unterstützung sowie ausreichende Ressourcen voraus, nur dann kann dieses Potential auch systematisch genutzt werden.

Dialogprozesse zur Förderung von Integration
Ursula Liebing, Angelika Reichl

ie Dialogprozesse im Rahmen von FluEQUAL haben sich zum Ziel gesetzt, begleitend zur gemeinnützigen Arbeit das interkulturelle Zusammenleben in den betreffenden Regionen zu unterstützen. Die bewusste Einbettung der Aktivitäten zur beruflichen Integration in Prozesse der gesellschaftlichen Integration zielt auf die nachhaltige Förderung einer ganzheitlichen Integration. Die Dialogprozesse hatten verschiedene Ansatzpunkte: Es ging es um die Förderung des Dialogs über Themen des Zusammenlebens und um die Förderung der Begegnung und des Dialogs von Einheimischen mit Asylsuchenden. Die Dialogprozesse fanden in Puch, Mittersill und im Lungau statt. Flüchtlinge unterscheiden sich in Hinblick auf ihren Status in Österreich nach Asylanerkennung nicht mehr von anderen MigrantInnen. Die Dialogprozesse umfassten daher das Themenspektrum Integration und Zusammenleben mit allen Menschen nichtösterreichischer Herkunft. Die Ausstellung „Mein Österreich“ als Ausgangspunkt Zentraler Ausgangspunkt für die Dialogprozesse war die Ausstellung „Mein Österreich“ der Plattform für Menschenrechte und der

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Katholischen Aktion Salzburg. Die Ausstellung, die aus Anlass des 50jährigen Bestehens der Republik Österreich entstanden war, stellt MigrantInnen in den Mittelpunkt. Sie zeigt in sozialfotographischen Porträts MigrantInnen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher sozialer Schichten. Den Porträts stehen Collagen gegenüber, die das Österreich-Bild der Porträtierten in Verbindung mit markanten Aussagen über Österreich wiedergeben. Die in diesem ProjektManual verwendeten Fotografien, Collagen und Zitate entstammen überwiegend dieser Ausstellung. Die Ausstellung wurde im Gemeindezentrum in Puch, im Caritas Tageszentrum in Mittersill und im Schloss Kuenburg in Tamsweg jeweils mehrere Wochen lang gezeigt. „Ob Inländer Vorbereitend wurden oder Ausländer Gespräche mit Personen – wir sind zuerst geführt, die im Rahmen Mitbewohner, ihrer beruflichen oder ehBürger der Stadt renamtlichen Tätigkeiten Salzburg.“ mit Asylsuchenden in Kontakt kommen. Diese Gespräche ermöglichten einen Einblick in die Situation vor Ort und dienten zugleich dazu, umfassender über die Lebensumstände von AsylwerberInnen zu informieren

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und das Verständnis für ihre Situation zu fördern. Begleitend zur Ausstellung fanden dann in Zusammenarbeit mit örtlichen AnsprechpartnerInnen thematische Veranstaltungen statt. Diese Angebote richteten sich an unterschiedliche Zielgruppen, wie an den folgenden Beispielen deutlich wird. Interkulturelles Lernen in Schulen Vor allem in Mittersill und Tamsweg gab es ein großes Interesse von Schulen an den angebotenen Begleitworkshops zur Ausstellung. Diese Workshops, die in Zusammenarbeit mit der Plattform für Menschenrechte angeboten wurden, sollten Kinder und Jugendliche für das Thema Migration sensibilisieren und eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln und dem eigenen Österreichbild anregen. Am BORG Mittersill wurde auf vielfältige Art und Weise thematisch weitergearbeitet. Mehrere Klassen hatten zunächst an Begleitworkshops zur Ausstellung teilgenommen. Darauf folgten Informationsveranstaltungen zu Menschenrechten und Schüler und Schülerinnen haben sich im Rahmen des Unterrichts systematisch mit verbreiteten „Bis dich ein ÖsterVorurteilen gegenüber reicher nach Hause einAsylwerberInnen auseinlädt, kannst du warten, andergesetzt: Sie trugen bis du schwarz wirst. Anzehn gängige Stereotypen derseits ist man in seiner bezüglich AsylwerberPrivatsphäre ungestört.“ Innen zusammen und recherchierten Sachinformationen und Fakten dazu. Neun der zehn Vorurteile wurden durch die Sachinformationen wiederlegt. Die Ergebnisse wurden in einer kleinen Broschüre zusammengefasst. In der 7. und 8. Klasse fand die Weiterarbeit in Form des Projekts „Integration und kultureller Austausch“ statt: Asylsuchende trafen im Rahmen einer Lernwerkstatt mit SchülerInnen des BORG zusammen (siehe Seite 46). Durch die Gespräche kam es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der jeweiligen Fremd- und Selbstwahrnehmung; Vorurteile und Begegnungsängste konnten

gezielt abgebaut werden. Bemerkenswerte Ergebnisse erbrachte eine innerschulische Befragung am BORG zum Thema Vorurteile: In den Klassen, die sich mit Menschenrechten, Migration und AusländerInnen beschäftigt hatten, wurden deutlich weniger Vorurteile geäußert als in jenen Klassen, die nicht an einem Projekt zu dem Thema teilgenommen hatten. Hier zeigt sich deutlich, dass schulische Projekte spürbar zur Verbesserung des Zusammenlebens beitragen. Die Ergebnisse dieser Schulprojekte wurden am Tag der Menschenrechte anlässlich der Finissage einem großen Publikum vorgestellt. Interkulturelle Feste als Begegnungsräume In Puch fand zur Eröffnung der Ausstellung ein interkulturelles Fest statt, wo Informationen über das Quartier in Puch, über die gemeinnützige Beschäftigung und über die Hintergründe der Ausstellung „Mein Österreich“ präsentiert wurden. Dazu gab es Musik- und Tanzbeiträge aus verschiedenen Kulturen und ein internationales Buffet, das Frauen aus dem Flüchtlingshaus vorbereitet hatten. Auch in Mittersill fand ein interkulturelles Fest statt, nämlich zum Abschluss der Ausstellung am Tag der Menschenrechte. So konnten die Ergebnisse und Erfahrungen der Dialogprozesse in das Fest mit einfließen. Jugendliche aus dem Jugendzentrum zeigten bosnische Kreistänze, SchülerInnen aus dem BORG Mittersill präsentierten Erfahrungen und Ergebnisse aus ihren Projekten, die Muslimische Jugend Österreichs (MJÖ) stellte ihre integrative Jugendarbeit vor. Zum Abschluss wurde eine interreligiöse Andacht gefeiert, gemeinsam mit katholischen, evangelischen und muslimischen Glaubensvertretern. Im Lungau hatten bereits im Vorfeld der Dialogprozesse interkulturelle Begegnungen stattgefunden: ein Kulturfest unmittelbar nach der Quartiersgründung in Ramingstein, ein georgischer Abend in St. Michael, eine Patchwork-Ausstellung usw. Zudem arbeiteten zum Zeitpunkt der Ausstellung

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bereits seit einem Jahr AsylwerberInnen im Rahmen der gemeinnützigen Beschäftigung, was sichtlich positive Auswirkungen auf die gesellschaftliche Integration hatte. Arbeit mit Jugendlichen: Jugend ohne Zukunft? Tamsweger Jugendliche überwiegend migrantischer Herkunft haben sich im Rahmen der Ausstellung „Mein Österreich“ mit unterschiedlichen kreativen Mitteln mit den Themen Herkunft und Identität beschäftigt. Im Jugendzentrum erstellten die Jugendlichen eine Landkarte der unterschiedlichen Geburtsorte und sprachen über Heimat, Herkunft und Identität. Viele dieser Jugendlichen sind „typische“ MigrantInnen der zweiten Generation, haben das Gefühl, weder in das Herkunftsland ihrer Eltern zu gehören noch in Österreich anerkannt zu sein. In einem Workshop entstanden RapGesänge, in denen die Jugendliche mit ihren eigenen Texten ihre Gefühle als „Jugend ohne Zukunft“ zum Ausdruck brachten. Anlässlich der Finissage der Ausstellung in Tamsweg konnten die Rapgesänge einem breiteren Publikum präsentiert werden. Interreligiöser Dialog in den Gemeinden In ländlichen Gemeinden prägen traditionellerweise christliche Vorstellungen den Alltag stärker als in den Städten. Die Frage, ob und wieweit das Menschenbild von Islam und Christentum vereinbar sind, gab wiederholt Anlass zu lebhaften Gesprächen und Diskussionen: Im Rahmen einer Ausstellungsführung mit einer evangelischen Frauengruppe fand in Mittersill eine intensive Diskussion über die Vereinbarkeit islamisch geprägter Gesellschaftsvorstellungen mit christlich geprägten Vorstellungen statt. Auch deshalb nahmen viele der Frauen trotz anfänglicher Bedenken an der interreligiösen Feier teil. In Tamsweg wurde über das Frauenbild im Islam diskutiert. Die Referentin, eine moderne junge Frau und überzeugte Muslima, machte deutlich, dass österreichische Identität und muslimische Religiosität nicht

zwangsläufig zueinander im Widerspruch stehen; sie warb für eine differenzierte Wahrnehmung des Islam, die zwischen gesellschaftlicher Tradition und Religion unterscheidet. In Mittersill leben fast 20 Prozent Muslime – überwiegend türkischer Abstammung. Im Rahmen der Dialogprozesse in Mittersill entstand der Wunsch, diese Bevölkerungsgruppe auch in gemeinsame Aktivitäten mit einzubeziehen. Aus Anlass des Tags der Menschenrechte sollte eine gemeinsame interreligiöse Feier stattfinden – ein Novum in der Region. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten konnten schließlich interessierte VertreterInnen aus allen Glaubensgemeinschaften gewonnen werden. In mehrmaligen Treffen wurde gemeinsam eine Liturgie für die interreligiöse Feier vorbereitet. In allen drei Glaubensgemeinschaften wurde für die Feier geworben und an der Gestaltung mitgearbeitet. Menschen aller Kulturen beteiligten sich und alle Beteiligten haben sie als wichtigen Schritt zu mehr Miteinander wahrgenommen. Flüchtlinge in der Literatur Die Ausstellung „Mein Österreich“ wurde in Mittersill in Zusammenarbeit mit der örtlichen Literaturgruppe mit der Lesung des Autors Dimitré Dinev eröffnet. In seinen Büchern werden Schicksale von Flüchtlingen in Österreich thematisiert und deren Lebensbedingungen beschrieben. Darüber

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Probleme zu besprechen und gemeinsam Problemlösungen zu entwickeln. Diese Vernetzung fördert den Informationsaustausch und führt dazu, dass sich abzeichnende Probleme teilweise schon im Vorfeld abgefangen werden können. Beim Sozialstammtisch wurden beispielsweise auch Kindergartenbeiträge bzw. die Förderung muttersprachlicher Unterrichtseinheiten beschlossen. Der Bürgermeister von Mittersill kündigte an, künftig regelmäßig und ohne Problemanlass vorbeugend zum Sozialstammtisch einzuladen. In den Dialogveranstaltungen wurde versucht, ein differenziertes Bild der migrantischen Realitäten zu zeichnen, den Blick zu öffnen für die Lebensumstände von Asylsuchenden und MigrantInnen und Begegnungsräume zu schaffen. Für viele Asylsuchende waren die Veranstaltungen im Rahmen der Dialogprozesse die ersten öffentlichen Ereignisse, zu denen sie ausdrücklich eingeladen worden waren – eine wichtige symbolische Geste. Wenn sie gelingen, können solche Veranstaltungen zu mehr Akzeptanz und Verständnis führen, ohne dabei Konflikte schön zu reden oder zu ignorieren. Dialogprozesse fördern ein positives Umfeld und tragen zu mehr Wissen voneinander bei, sie machen Gemeinsamkeiten sichtbar und schaffen Gemeinsames. Die Angst vor künftigen Begegnungen wird abgebaut, und Gesprächspartner aus unterschiedlichen Kulturen lernen einander kennen. So werden Impulse für weitere Integrationsprozesse gesetzt und die Basis für eine nachhaltige Integration verbreitert.

hinaus verkörpert Dinev das, wonach sich viele Flüchtlinge am meisten sehnen: ein Leben als angesehenes und erfolgreiches Mitglied der österreichischen Gesellschaft. In dem Sammelband „Polizisten treffen Migranten“ beschreibt Dinev Erfahrungen aus einem Wiener Projekt zur Verbesserung des Dialogs zwischen Migranten und Polizei. Sozialstammtisch Mittersill Im Rahmen der Dialogprozesse wurde in Mittersill der Sozialstammtisch reaktiviert, der ursprünglich aus aktuellen Problemanlässen einberufen worden war. Diejenigen Personen, die beruflich oder ehrenamtlich in Mittersill mit Asylsuchenden zu tun haben, setzen sich auf Einladung des Bürgermeisters zusammen, um Informationen auszutauschen, aktuelle Entwicklungen bzw.

„Ich wünsche mir, dass wir mehr aufeinander zugehen, dass Österreich ein Gottesgarten wird mit vielen Blumen! Denn ein bunter Garten blüht immer.“

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Integration von Asylwerberinnen
Ursula Liebing, Angelika Reichl

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sylwerberinnen sind eine sehr heterogene Zielgruppe: Unter ihnen finden sich Analphabetinnen ohne jegliche Schulbildung wie auch gut ausgebildete Akademikerinnen, alleinstehende, verheiratete oder verwitwete Frauen, Frauen ohne Kinder ebenso wie Familienmütter mit und ohne Ehemann, Unternehmerinnen wie auch Frauen, die die reproduktiven Arbeiten innerhalb der Familie als ihren Aufgabenbereich wahrnehmen und noch nie berufstätig waren. Asylwerberinnen kommen aus den verschiedensten Ländern, Kulturkreisen und Traditionen, sprechen verschiedene Muttersprachen. Ihre Deutschkenntnisse sind sehr unterschiedlich, gleiches gilt für die Kenntnisse weiterer Fremdsprachen. Rollenverständnis – Selbstbild der Frauen

Schwierigkeiten der Integration am Arbeitsmarkt Verschiedentlich sind es die individuellen Ausgangssituationen der AsylwerberInnen, die einen Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren. Zum anderen erweist sich die Arbeitsmarktintegration von Asylwerberinnen auch in struktureller Hinsicht als schwierig. Asylwerberinnen haben mit einer doppelten Benachteiligung zu kämpfen: Sie werden als Frauen am Arbeitsmarkt diskriminiert, weil Frauen „Mozart fühlte sich nach wie vor deutlich ge- unverstanden und unringer bezahlte Tätigkeiten glücklich in Salzburg. ausüben und auch für glei- Mir geht es hier mit einiche Tätigkeiten schlechter gen Menschen ähnlich.“ bezahlt werden als Männer. Zusätzlich sind die fremdländische Herkunft, die mangelnden Deutschkenntnisse oder auch nur der fremdländische Akzent oder Name eine Erschwernis bei der Suche nach Arbeit. Realistisch gesehen sind die Chancen für Asylwerberinnen am Arbeitsmarkt sehr gering. Die Suche nach legaler Arbeit bleibt häufig erfolglos. Diejenigen Frauen, die tatsächlich Arbeit finden, müssen oft eine drastische Dequalifizierung hinnehmen. Viele finden nur im Bereich der Reinigungsund Hilfstätigkeiten eine Beschäftigung, selbst wenn sie in ihrem Heimatland eine Schul- oder gar eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Außereuropäische Qualifikationen werden fast nie und wenn doch, dann allenfalls mit aufwändigen Verfahren anerkannt – während des Asylverfahrens in der Regel selbst für gut qualifizierte Frauen undenkbar. Belastungssituation Migration Viele Frauen und vor allem jene mit Familie erleben die Migrationssituation als besonders belastend. Nicht alle waren an der Entscheidung, nach Österreich zu kommen,

Die Heterogenität zeigt sich auch hinsichtlich der Rollenverständnisse der Frauen. Für einige Asylwerberinnen gehört es ganz selbstverständlich zu ihrem Selbstbild, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Einige Asylwerberinnen aus ehemaligen kommunistischen Ländern besitzen Qualifikationen und Arbeitserfahrungen in Bereichen, in denen es in Österreich nach wie vor für Frauen unüblich ist zu arbeiten. Für andere Asylwerberinnen wiederum ist es nur schwer mit ihrem eigenen, kulturell und gesellschaftlich geprägten weiblichen Rollenverständnis vereinbar, sich am Arbeitsmarkt zu positionieren. Auch die Vorstellungen zur innerfamiliären Arbeitsteilung sind unterschiedlich – in manchen Familien wird z.B. die Kinderbetreuung als gemeinsame Aufgabe von Männern und Frauen angesehen, in anderen Familien wiederum liegt die Kinderbetreuung ausschließlich im Verantwortungsbereich der Frauen.

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beteiligt. Meistens sind es in den Familien die Frauen, die die Verantwortung für Kinder und den Haushalt haben, sie sind es, die unter dem massiven Druck stehen, zumindest für eine gewisse Stabilität und Zusammenhalt in der Familie zu sorgen – vielfach trotz eigener Traumatisierungen und mit traumatisierten Angehörigen. Die Lebenssituation in Quartieren reduziert vor allem für Frauen aus traditionellen Familien die Handlungsmöglichkeiten drastisch, Vollversorgung zum Beispiel greift unmittelbar in die Haushalts- und Versorgungstätigkeiten und in die Kindererziehung ein. Das oft ungewohnte Zusammenleben auf engstem Raum mit familienfremden Männern aus völlig anderen Kulturkreisen belastet aber auch Frauen ohne Familie. Hinzu kommt, dass kulturelle Neuorientierungen, wenn sie zur Hinterfragung von Geschlechterrollen führen, fast zwangsläufig innerfamiliäre Konflikte auslösen, insbesondere in patriarchalisch organisierten Familien. Bedeutung der gesellschaftlichen Integration Wer also eine ganzheitliche Integration von Asyl suchenden Frauen durch gezielte Maßnahmen fördern will, kann dies nicht alleine durch Unterstützungsangebote zur beruflichen Integration erreichen. Die Annahme, dass die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit auch Möglichkeit zur gesellschaftlichen Partizipation eröffnet, mag unter gewissen Voraussetzungen und in eingeschränkten Bereichen für Asyl suchende Männer zutreffen – sie geht jedoch an der Lebensrealität

der meisten Asyl suchenden Frauen vorbei. Im Hinblick auf die Frauen ist es daher notwendig, Maßnahmen zu setzen, die über eine berufliche Orientierung und die berufliche Integration am Arbeitsmarkt hinausgehen und gezielt zur gesellschaftlichen Integration beitragen. Für Frauen, die eine berufliche Tätigkeit aufgrund ihres weiblichen Selbstverständnisses und/oder aufgrund ihrer familiären Pflichten nicht in Betracht ziehen, ist ein Zugang zumindest zu einzelnen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in Österreich von großer Bedeutung. Hierfür ist eine gewisse sprachliche Integration eine Grundvoraussetzung. Die gesellschaftliche Integration unterstützen vor allem aber Begegnungen und womöglich gemeinsame Tätigkeiten mit Einheimischen, sei es bei Mutter-Kind-Gruppen, im Kindergarten oder der Schule, sei es bei Elternabenden, Kaffeekränzchen, Festen oder Feierlichkeiten, sei es im Rahmen von Nachbarschaftshilfe, bei Chören oder Kochgruppen, in Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Hierdurch wird eine kulturelle Neuorientierung ermöglicht, im Zuge derer sich durch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen weiblichen Rollenbildern, die es in Österreich gibt, auch das Selbstbild der Frauen verändern kann. So können neue Handlungsmöglichkeiten wahrgenommen werden, die über das bisherige Selbstbild hinausgehen. Für Asyl suchende Frauen wird der Weg zur beruflichen Integration – wenn überhaupt – oft erst durch Schritte zur gesellschaftlichen Integration möglich. Aber auch dort, wo berufliche Integration keine Perspektive ist, sind Schritte zur gesellschaftlichen Integration von Asylwerberinnen besonders wichtig. Mütter können zu Schlüsselpersonen der Integration werden und für ihre Kinder eine wichtige Brückenfunktion in die österreichische Gesellschaft übernehmen. Gender Mainstreaming im Projekt Unter den Asylsuchenden im Bundesland Salzburg liegt der Frauenanteil bei ca. 30 Prozent. Während der Projektlaufzeit lebten

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hier etwa 490 Frauen, 75 von ihnen in den vier Projektregionen. Angesichts dieser relativ geringen Anzahl und der großen Heterogenität der Zielgruppe lassen sich nur schwer Gruppen von Frauen mit ähnlichen Ausgangssituationen bilden, beispielsweise kulturell oder sprachlich homogene Gruppen – oft wohnen in einem Quartier nur ein oder zwei Frauen mit einer vergleichbaren Ausgangssituation. Projektmaßnahmen müssen daher, wenn sie die individuell verschiedenen Lernbedürfnisse und Lebenssituationen angemessen berücksichtigen wollen, eine möglichst weitgehende Differenzierung zulassen und soweit möglich individuell auf die Frauen abgestimmt werden. In den Sprachkursen, insbesondere in den Frauenkursen, wurde eine Auseinandersetzung mit den eigenen Geschlechterrollen angeregt. Zum einen trug die geschützte Gruppensituation dazu bei, dass Asylwerberinnen ihre Situation als Frauen thematisieren und kulturelle Erfahrungen diskutieren konnten. Zum anderen werden in den Lehrbüchern Alltags- wie auch Berufssituationen dargestellt, die verschiedene Geschlechterrollen implizieren oder explizit beschreiben. Die Lehrerinnen sind berufstätige Frauen und in ihrer Funktion als Lehrerin zugleich Autoritätspersonen. Auch hierdurch werden Geschlechterrollen zum Thema. Im Kapitel II wird detailliert beschrieben, wie die Lebensbedingungen der Teilnehmerinnen in Gestaltung, Struktur und Aufbau der Sprachkurse berücksichtigt wurden. Im Rahmen der gemeinnützigen Beschäftigung in den Regionen gelang es nur teilweise, Frauen einzubinden: 17 der insgesamt 63 gemeinnützig beschäftigten Personen waren Frauen; ihr Anteil an den geleisteten Arbeitsstunden liegt deutlich unter 10 Prozent. Im Lungau ergibt sich ein etwas positiveres Bild, weil es hier zuweilen gelang, Beschäftigungen zu vermitteln, die über die „klassischen“ (Bauhof)Tätigkeiten hinausgehen: Frauen arbeiteten im Kindergarten, in der Lebenshilfe, in der Bibliothek mit. Für diese insgesamt unbefriedigende Situation

ist ein komplexes Bündel von Einflussfaktoren verantwortlich, unter anderem die beschriebenen Lebensumstände der Frauen (von denen einige zudem im Projektverlauf schwanger wurden), das eingeschränkte Arbeitsangebot vor Ort oder innerfamiliäre Prioritäten. In den begleitenden Lernwerkstätten wurde versucht, den Situationen der Frauen bewusst Rechnung zu tragen: In Mittersill wurde beispielsweise eine Lernwerkstatt gezielt zur „Österreich ist für mich Selbstbewusstseinsstäreine Insel der Seligen, kung der Frauen abgehaldie durch die jahrhunten. Dies ist nicht nur für dertelange Monarchie Bewerbungsgespräche und den Katholizismus und mögliche zukünfihren Bewohnern eine tige Arbeitsverhältnisse gute Seele verliehen hat, von Bedeutung, sondern die nur dann diese Güte unterstützt auch die Beverlieren, wenn sie ihre wältigung alltäglicher Insel durch Ausländer in Lebenssituationen. In alGefahr sehen.“ len drei Projektregionen fanden Lernwerkstätten zum Thema „Frauengesundheit“ statt. Neben einer kulturellen Orientierung boten diese ganz praktische Hilfestellungen bei den gesundheitlichen Problemen der Frauen. Im Modul work iT! wurden Asylwerberinnen gezielt als inhalts- und formgebende Akteurinnen in die Gestaltung der Homepage involviert. In den Dialogprozessen wurde die Frage nach den Frauenrollen und dem Rollenverständnis am Beispiel muslimischer Frauen in Österreich immer wieder aufgenommen und explizit thematisiert. Auch in den vorgelagerten Gesprächen wurde wiederholt auf die Lebensumstände Asyl suchender Frauen hingewiesen und auf die realen Integrationshindernisse aufmerksam gemacht. In Puch wurde ein Workshop mit Asylwerberinnen abgehalten, der die Fragen nach der Verbesserung ihrer Lebensumstände als Frauen zum Thema hatte: Hier wurde die Wohnsituation als zentraler Ansatzpunkt benannt, aber auch gemeinsame Aktivitäten mit anderen Frauen, und vor allem auch mit Österreicherinnen.

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Im Rahmen des begleitenden Coaching von FluEQUAL waren nur Coaches mit ausgewiesener Genderkompetenz tätig. Individuelles berufsorientiertes Coaching geht zwangsläufig von der spezifischen Situation der weiblichen Klientinnen aus. Kinderbetreuung als unverzichtbares Element Für alle Maßnahmen in FluEQUAL wurde Kinderbetreuung angeboten. Obwohl dieses Angebot nicht überall angenommen und nicht überall benötigt wurde, ist das durchgängige Angebot einer passenden Kinderbetreuung ein unverzichtbares Element „Obwohl ich ein zudes Gender Mainstreagänglicher und offener ming. Die Erfahrung Mensch bin, isst es mir zeigt, dass die Form bislang nicht gelundieses Angebots flexigen, mit jungen Österbel sein sollte. Je nach reicherInnen in Kontakt Familiensituation kann zu kommen.“ eine Tagesmutter, ein Kindergarten oder die Betreuung durch eine QuartiersmitbewohnerIn die passende Lösung sein. Welche Form passt, muss mit jeder Familie und mit ausreichender Vorlaufzeit abgesprochen werden. Für manche Familien bedeutet es zudem eine völlig neue Lernerfahrung, ihre Kleinkinder von familienfremden Personen betreuen zu lassen.

Berufliche Integration von Asylwerberinnen? Die Frage, wie Integration von Asylwerberinnen möglichst gezielt gefördert werden kann, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Heterogenität der Zielgruppe erfordert eine differenzierte Herangehensweise. Um die berufliche Integration von Asylwerberinnen zu unterstützen, sind orientierende und vorbereitende Maßnahmen – speziell für Frauen – unabdingbar. Für manche Asylwerberinnen wird sich eine berufliche Integration allenfalls über eine verstärkte soziale und gesellschaftliche Integration und eine entsprechende kulturelle Neuorientierung eröffnen. Für andere wiederum wird berufliche Integration nie eine realistische Zielsetzung werden. In jedem Fall müssen Asylwerberinnen dort abgeholt werden, wo sie gerade stehen und in ihren jeweils eigenen Integrationsprozessen unterstützt werden. Und selbst wenn Asyl suchende Frauen ein Frauenbild verkörpern, das unseren österreichischen oder westlichen Vorstellungen nicht entspricht (beispielsweise weil es keine berufliche Verwirklichung umfasst), ist es notwendig und sinnvoll, ihre gesellschaftliche und soziale Integration gezielt zu unerstützen.

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Kapitel VI: Rückschau

Rückschau auf FluEQUAL

• Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile • Statements der strategischen PartnerInnen von FluEQUAL • Empowerment von AsylwerberInnen?

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Kapitelvorschau

Rückschau auf FluEQUAL
Integration geschieht und kann gefördert werden, trotz der restriktiven Umstände, unter denen Asylsuchende in Österreich leben. Die in diesem Manual zusammengetragenen Erfahrungen bestätigen dies. Die entscheidende Frage aber ist, ob und wieweit die (Arbeitsmarkt-) Integration von Asylsuchenden politisch gewollt ist. Wenn ja, könnte die Fortführung gezielter integrativer Maßnahmen sicherlich zu einem konfliktfreieren Zusammenleben beitragen. Den politischen Entscheidungsträgern obliegt es zudem, ausreichende Ressourcen für die Betreuung schutzbedürftiger Fremder zur Verfügung zu stellen und die Lebensumstände selbst so zu gestalten, dass tatsächlich eine sprachliche, berufliche und gesellschaftliche Integration möglich wird. In der Rückschau auf das Projekt kommt im ersten Beitrag die Gesamtkoordination von FluEQUAL zu Wort: Es hat sich bewährt, an den verschiedenen Säulen der Integration anzusetzen und sie miteinander zu verschränken. Die Anstrengungen haben Früchte getragen, für die einzelnen AsylwerberInnen wie für die Gemeinden, in denen sie leben. Im zweiten Beitrag äußern sich die strategischen PartnerInnen zur gemeinnützigen Beschäftigung von AsylwerberInnen und erläutern, inwieweit und in welcher Form sie eine Öffnung des Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen befürworten. Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nach den konkreten Umständen, Standorten und Interessensgruppen. Wo die strukturellen Bedingungen für die ÖsterreicherInnen ungünstig sind, sind sie dies auch für Asylsuchende. Allen strategischen PartnerInnen gemeinsam ist die Betonung des Zusammenhangs zwischen Arbeit und Integration. Der dritte Beitrag dieses Kapitels lenkt den Blick auf die Lebensumstände der in Grundversorgung lebenden Asylsuchenden im Land Salzburg. Sie sind geprägt durch eine drastische Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten. Das Positionspapier „Empowerment von AsylwerberInnen?“ geht der Frage nach, ob und wieweit das im Rahmen der EQUAL-Programme geforderte Empowerment unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen Asylsuchender in Salzburg bzw. Österreich überhaupt realisierbar ist.

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Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
Gerhard Feichtner

… lautet mit einem verkürzten Zitat von Aristoteles zusammengefasst eine bildliche Umschreibung des griechischen Begriffs „Synergie“ (wörtl. Übersetzung: Zusammenarbeit). Primäre Säulen von Integration Jede einzelne Integrationsmaßnahme, die im Projekt „FluEQUAL – Salzburg integriert Flüchtlinge“ umgesetzt wurde, war für sich allein ein wichtiger Baustein. Als Gesamtprojekt hat FluEQUAL an drei wesentlichen Säulen der Integration angesetzt: sprachliche Integration, gesellschaftliche Integration und berufliche Integration. Der wesentliche Gesichtspunkt des Projekts war aber die Verzahnung dieser Elemente, die zum einen Teil innerhalb der einzelnen Module gegeben war und zum anderen dem Gesamtzusammenspiel von einzelnen Teilen zugrundegelegt war. Dadurch ergaben sich Synergieeffekte, die über die grundlegenden Elemente der Integration hinausgingen und sich auf viele Lebensbereiche von AsylwerberInnen und „einheimischer“ Bevölkerung auswirken. Mehrwert in vielen Bereichen a) Psychische und physische Gesundheit: Die Auswirkungen von langer Arbeitslosigkeit und erzwungener Untätigkeit auf Psyche und Körper sind bekannte Phänomene. Die Beschäftigungsmöglichkeiten in FluEQUAL führten bei den TeilnehmerInnen zu einem Rückgang dieser Phänomene, der auch von ihnen selbst wahrgenommen und rückgemeldet worden ist. Durch die Einbindung in das Projekt, durch die respektvolle Behandlung, die die AsylwerberInnen hier erfahren haben und durch die Aufgaben, mit denen sie betraut wurden, wurden sie in ihrem eigenen Selbstwert gestärkt.

Sie fühlten sich nicht mehr als „Personen zweiter Klasse“, wie ihnen sonst im Alltag oft vermittelt wird. b) Nutzung von öffentlichen Einrichtungen: In unterschiedlichen Teilen des Projekts konnten AsylwerberInnen öffentliche Einrichtungen (Kultur, Büchereien, Sport usw.) kennen lernen oder sogar auf Gemeindeebene dort mitarbeiten. Dadurch wird die Schwelle zur Nutzung dieser Einrichtungen abgebaut und öffentliche Einrichtungen werden in weiterer Folge von AsylwerberInnen auch vermehrt genutzt. c) Wissen über die Gemeinde: Gerade die gemeinnützige Beschäftigung auf Gemeindeebene führt zu einer besseren Vertrautheit mit Strukturen und mit Schlüsselpersonen (z.B. am Gemeindeamt, Wirtschaftshof) in der Wohn„Manche Menschen sind sitzgemeinde. Dies etwas hochnäsig. Das hat bei einer NieLeben ist teuer und unprakderlassung in einem tisch, weil die Geschäfte zu eigenen Haushalt früh schließen. Die Schule in der Gemeinde ist liberal und gefällt mir den nachhaltigen sehr gut, aber der Umgang Effekt, dass notmiteinander ist oft respektwendige Amtswege los. Gut ist, dass die Leute selbstbewusster und offen sind und sagen, was selbstverständlicher erledigt werden sie denken.“ können. Auch für die Gemeinde selbst stellt es eine Erleichterung dar, wenn z.B. Meldeangelegenheiten, Gebührenfragen oder ähnliches selbständig in Angriff genommen werden und sich dadurch der Aufwand (z.B. bei Mahnverfahren) verringert. d) Thematisierung von Asyl und Migration: Durch die Einbindung in das Projekt wurden Asyl und Migration

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zum Thema in regionalen Verbänden und ländlichen Einrichtungen. Die thematische Auseinandersetzung, die das Projekt anregte, führte zu mehr Wissen und einem besseren Verständnis für die Situation „Österreich ist unsere von AsylwerberInnen. zweite Heimat, weil die Gleichzeitig ermöglichLandschaft sehr ähnlich te das Projekt im Modul der von Tschetschenien gemeinnützige Beschäftiist und die Österreicher gung, dass Einheimische sehr warmherzig und konkrete Erfahrungen gut sind.“ mit AsylwerberInnen im Arbeits- und Gemeindeumfeld machen konnten. Durch diese Erfahrungen wurden Vorbehalte bzw. Vorurteile abgebaut und eine offenere Haltung unterstützt. e) Wahrnehmung von AsylwerberInnen im Umfeld: Die Präsenz von AsylwerberInnen in ihrem direkten Lebensumfeld wird durch die Projektteilnahme eine andere: Sie sind nun auf dem Weg zur Beschäftigung, zu einer Veranstaltung oder einem Kurs, werden bei der Arbeit gesehen, sind aktive TeilnehmerInnen an einer Veranstaltung. Die Folge dieser veränderten Präsenz ist eine andere Wahrnehmung durch ihre NachbarInnen. Sie werden nicht mehr als Objekte wahrgenommen, sondern als aktiv handelnde Subjekte. So verändert sich auch der Stellenwert, der ihnen zugeschrieben wird. f) Wahrnehmung als Individuum: Die vermehrten Begegnungen zwischen Ortsansässigen und AsylwerberInnen, die sich durch das Projekt ergaben, ermöglichten, dass AsylwerberInnen in stärkerem Maße als Individuen, als Menschen mit persönlichen Schicksalen und Eigenheiten wahrgenommen wurden. Dies unterstützte den Abbau von Ängsten und Vorurteilen, die oft gegenüber der „Gruppe“ von AsylwerberInnen vorherrschen. g) Auswirkungen auf Schule und Kindergarten: Kinder von ProjektteilnehmerInnen haben eine Antwort auf die Frage nach der Beschäftigung und den

Tätigkeiten der Eltern. Diese sind nicht mehr „nur“ Flüchtlinge oder reduziert auf eine frühere Tätigkeit in ihrem Heimatland (deren konkrete Ausübung die Kinder aufgrund der Fluchtsituation und den der Flucht vorausgehenden Ereignissen oft gar nicht mehr erleben konnten). Sie haben vielmehr eine konkrete und beschreibbare Aufgabe in ihrem Wohnumfeld. Die Diskussionen und Workshops zum Thema und die konkreten Begegnungen mit AsylwerberInnen im schulischen Rahmen fördern eine differenzierte Auseinandersetzung in den Schulen und unterstützen ein positives Schulklima. Die Kontakte, die sich für die AsylwerberInnen aus Arbeitssituationen mit Eltern anderer Kinder ergeben, bauen zudem Hemmungen für die Teilnahme an gemeinsamen schulischen Veranstaltungen ab. h) Entlastung der Sozialbetreuung: Die Maßnahmen im Projekt haben auch Auswirkungen auf die Arbeit der Sozialbetreuung von AsylwerberInnen. Sowohl die Tagesstruktur, die durch unterschiedliche Angebote in FluEQUAL für die TeilnehmerInnen entstanden ist, wie auch die spezielle Behandlung von Fragen der beruflichen Orientierung (in Coaching, Lernwerkstätten oder Qualifizierungskursen) vermindert einen Teil der Anfragen aus der Zielgruppe. Damit ermöglichen diese integrierenden Maßnahmen den SozialarbeiterInnen eine stärkere Konzentration auf Personen mit speziellen Bedürfnissen sowie auf diejenigen, die (noch) nicht von Projektangeboten profitieren konnten, und die Bearbeitung anderer sozialer Fragestellungen. Auch bei der beispielsweise nach Asylanerkennung nötigen Unterstützung bei Integrationsschritten kann in Teilen auf Bestehendes aufgebaut werden. Nicht Zufall, sondern geplantes Ergebnis Diese und weitere Synergien sind Ergebnis von geplanten Integrationsmaßnahmen, die ihren Blick auch „über den Zaun“ der

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primären Fragestellungen hinauswerfen. „Erfolgreiche Integration ist kein Zufall“, lautete der Titel eines Wettbewerbs der Bertelsmann Stiftung für Städte und Gemeinden in Deutschland. Auch der „Mehrwert“ bei den Ergebnissen ist kein Zufall, sondern kann bei einer bewussten Einbettung eines Integrationsprojekts gezielt angesteuert und erreicht werden. Er steht dabei nicht im Widerspruch zu primären Zielen, wie zum Bei-

spiel Vorbereitung und Integration auf dem Arbeitsmarkt, sondern ergänzt diese und verstärkt angestrebte Ergebnisse. P.S.: Im Übrigen sind diese Wirkungen unabhängig von Geburtsland, ethnischer Herkunft oder Aufenthaltsstatus der Zielgruppe; sie können und sollen grundsätzlich bei Integrationsmaßnahmen für von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffene Zielgruppen angestrebt werden.

Öffnung des ersten Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen
Die Wirtschaftskammer Salzburg (WKS) trägt gerne dazu bei, dass Personen, die sich legal im Bundesland Salzburg aufhalten und an einer Arbeit in Salzburg interessiert sind, die Möglichkeit zu einer entsprechenden Arbeitsaufnahme in Salzburger Betrieben besitzen. Die derzeit im Rahmen des EqualProjektes FluEQUAL erhobene Situation, dass sich im Bundesland Salzburg ca. 710 an einer Arbeit interessierte Personen aufhalten, aber nicht – auch zeitlich befristet – arbeiten können, ist unbefriedigend. Die WKS unterstützt daher alle Initiativen, um diesem Personenkreis die Möglichkeit zu geben, zeitlich begrenzt bis zum Abschluss des Asylverfahrens auch in Unternehmen tätig zu sein. Dies umso mehr, als ein entsprechender Bedarf in der Salzburger Wirtschaft sowohl an weniger qualifizierten Arbeitskräften, etwa im Bereich des Tourismus oder der Bauwirtschaft, als auch an entsprechend qualifizierter Arbeit gegeben ist. Richtig ist weiters, dass die Möglichkeit einer Arbeit in Unternehmen auch dazu beitragen kann, Probleme und Aggressionen zu mildern bzw. nicht entstehen zu lassen sowie andererseits auch zu erreichen, dass sich die Asyl suchenden Personen während ihres oft auch mehrere Jahre dauernden Asylverfahrens in Österreich ihren Aufenthalt durch entsprechende Arbeitsleistungen selbst verdienen. Da derzeit - entgegen früheren Regelungen – eine Beschäftigung von Asylwerbern im Rahmen der Wirtschaft (erster Arbeitsmarkt) nicht möglich ist, befürwortet die WKS - als Übergangslösung –, dass AsylwerberInnen auch im Bereich gemeinnütziger Beschäftigung für die Salzburger Gemeinden tätig sind, wie dies im derzeitigen Projekt FluEQUAL bei 14 Salzburger Gemeinden der Fall ist. Obwohl dies aus integrativen und humanitären Gründen zu begrüßen ist, muss nach Ansicht der WKS sichergestellt sein, dass auch entsprechende Qualitätsstandards für die gemeinnützige Beschäftigung gegeben sind. Einige der „gemeinnützigen Beschäftigungsprojekte“ sind Arbeiten, die auch von Firmen übernommen werden können, und es ist nicht zielführend, dass gemeinnützige Institutionen durch eine unterkollektivvertragliche Möglichkeit der Beschäftigung von AsylwerberInnen Salzburger Unternehmen und bei ihnen gesicherte Arbeitsplätze konkurrenzieren. Bei aller Befürwortung einer gemeinnützigen Beschäftigung für Asylwerber ist deshalb eine Öffnung des ersten Arbeitsmarktes für an einer Arbeit interessierte AsylwerberInnen – zeitlich befristet bis zum Abschluss des Asylverfahrens – anzustreben.

Wirtschaftskammer Salzburg Julius Raab Platz 1 · 5027 Salzburg

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Zugang zum Arbeitsmarkt dient der Integration
AsylwerberInnen sind seit 1.1.2006 mehr denn je auf die öffentliche Grundversorgung angewiesen und zur beruflichen Untätigkeit gezwungen. Gerade aber der Zugang zum Arbeitsmarkt und zu gemeinnütziger Beschäftigung dient der Integration von AsylwerberInnen und hilft, bestehende Vorurteile gegenüber dieser Gruppe abzubauen. Beschäftigung und daraus erzieltes Einkommen fördert den Erhalt und Ausbau von Wissen und Qualifikation und stärkt den Selbstwert und die Gesundheit von AsylwerberInnen. Nach der derzeitigen Rechtslage ist für AsylwerberInnen der Zugang zum Arbeitsmarkt kaum möglich. Gesetzliche Regelungen, die einen regulären Zugang zum Arbeitsmarkt schaffen, wären nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für Betriebe und die gesamte Volkswirtschaft nutzbringend, zumal zusätzliches Potenzial an Know-how zur Verfügung stünde. Resultierend aus diesem Equal-Projekt sollten auf Landesebene im Sinne einer mittelfristigen Strategie Lösungen angestrebt werden, die die Gebietskörperschaften verstärkt motivieren, AsylwerberInnen gemeinnützige Beschäftigungsplätze zur Verfügung zu stellen. Für die dabei in Form von Anerkennungsbeiträgen erzielten Zuverdienste wäre ein Freibetrag in der Höhe der Geringfügigkeitsgrenze wichtig. Gegebenenfalls könnten zusätzliche Sachleistungsschecks, z.B. in Form von Bildungsgutscheinen, für die/den Asylwerber/in und seine/ihre Angehörigen anstatt Leistungskürzungen in der Grundversorgung zu mehr Motivation und Integration beitragen.
Arbeiterkammer Salzburg Markus-Sittikus-Straße 10 · 5020 Salzburg

Arbeitsmarkt-Öffnung in strukturschwacher Region ist schwierig
Der Regionalverband Lungau kann aus seiner Sicht auf eine wünschenswerte Beschäftigung hinweisen, weist im gleichen Atemzug jedoch auf die Schwierigkeiten der einzelnen Gemeinde hin, wenn AsylwerberInnen angestellt werden. In einem strukturschwachen Bezirk mit teilweise hoher Arbeitslosigkeit sind gerade Stellen im kommunalen Bereich auch von der einheimischen Bevölkerung sehr begehrt, dies auch in Form von Teilzeitarbeit oder aushilfsweise. Die Anstellung von AsylwerberInnen zieht daher sehr oft Neid und Aggression nach sich, wenn soziale Arbeiten wie Schneeschaufeln nicht von unseren eigenen Arbeitslosen getätigt werden. Daher ergibt sich, dass für uns im Lungau eine generelle Öffnung des Arbeitsmarktes nicht von vornherein gewünscht ist, da eben sehr viele Arbeitslose vor allem im weniger gut ausgebildeten Bereich eine Konkurrenz erhalten und das Lohnniveau weiter nach unten gedrückt wird. Es ist trotz einer wünschenswerten Beschäftigung eher in die Ausbildung der AsylwerberInnen zu investieren, um ihnen unseren Lebensstil näher zu bringen und sie für eventuelle qualitätvollere Aufgaben nach einem positiven Asylverfahren vorzubereiten. Letztlich wird es notwendig sein, auch hier zwischen denjenigen zu unterscheiden, die gewillt sind zu arbeiten und jenen, die nur wegen vermeintlich besserer Lebensbedingungen nach Österreich kommen. Regionalverband Lungau Markt 52· 5570 Mauterndorf

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Ein Fremder ist ein Freund, dem wir noch nicht begegnet sind
Ein fremdes Land, eine fremde Sprache, eine fremde Kultur und der Zwang zur Untätigkeit. Keine idealen Voraussetzungen, um zu Freunden zu werden. Der Oberpinzgau ist seit Jänner 2006 eine ausgewählte Modellregion in Österreich im Rahmen des EU-Projektes FluEQUAL. Das Projekt setzte sowohl organisierte Deutschkurse als auch das Modul der Berufsorientierung und der aktiven Mitarbeit von Flüchtlingen in Gemeinden um. In den neun Gemeinden des Oberpinzgaus wurden im Jahr 2006 gesamt ca. 3.000 Stunden allein im Bereich der gemeinnützigen Beschäftigung geleistet. Alle Gemeinden des Oberpinzgaus haben sich an diesem Projekt beteiligt und mit ihrem Engagement die ausgeprägte soziale Kompetenz dieser Region eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die anfängliche Skepsis auf Seite der Gemeinden konnte in diesem Prozess abgebaut und beseitigt werden. Die TeilnehmerInnen des Projektes waren lernwillige und motivierte Menschen, die in vielen Bereichen unserer Gemeinden eingesetzt und beschäftigt wurden. Von Seiten des Regionalverbandes Oberpinzgau kann daher ein äußerst positives Resümee gezogen werden. Wir sehen die Beschäftigungsmöglichkeit von AsylwerberInnen im laufenden Verfahren als guten Ansatz, die Akzeptanz im lokalen Umfeld und die Integra tion von AsylwerberInnen zu fördern. D a h e r befürworten wir eine Öffnung des Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen im Rahmen der gebotenen Möglichkeiten des Projektes FluEQUAL. Das Ziel, eine aktive Integrations- und Bewusstseinsarbeit zu leisten, sowohl auf Seiten der Asylwerber als auch auf Seiten der Bevölkerung, konnte durch dieses Projekt umgesetzt werden.

Regionalverband Oberpinzgau Marktplatz · 5730 Mittersill

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Positionspapier der österreichischen EQUAL-Partnerschaften „First Aid in Integration“, „FluEQUAL“, „Inpower“ und „Work in Process“

Empowerment von AsylwerberInnen?

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er Begriff „Empowerment“ ist schwierig ins Deutsche zu übersetzen: „Ermächtigung“ gibt nur eine Dimension wieder, denn das zu Grunde liegende englische Wort „power“ kann nämlich nicht nur mit „Macht“, „Gewalt“, sondern auch mit „Stärke“, „Energie“ und „Kompetenz“ übersetzt werden. Damit ist im Englischen eine Dimension enthalten, die dem deutschen Wort Ermächtigung fehlt. Wir verwenden aus diesem Grunde den englischen Begriff „Empowerment“. Der Begriff beschreibt

bensbedingungen innerpsychische Ressourcen und Handlungskompetenzen. Solange derart restriktive Lebensbedingungen gelten, bleibt wirkliches „Empowerment“ mit dem Ziel der Selbstbestimmung eine rein theoretische Aufgabe – in der Praxis ist Selbstbestimmung für AsylwerberInnen allenfalls in ganz eingeschränkten Bereichen realisierbar. Die restriktiven Lebensbedingungen führen im Gegenteil dazu, dass vorhandene Ressourcen noch weiter abgebaut werden. Um wirklich ein nachhaltiges Empowerment von AsylwerberInnen zu ermöglichen, müssen die Lebensbedingungen so verändert werden, dass in zentralen Lebensbereichen ein Mindestmaß an Selbstbestimmung gewährleistet ist. Aus dem Empowerment-Auftrag der Gemeinschaftsinitiative EQUAL ergeben sich also folgende Mindest-Anforderungen an die Rahmenbedingungen, die im Übrigen auch mit den Aufnahmerichtlinien der EU konform gehen: AsylwerberInnen muss innerhalb eines überschaubaren Zeitraums das Recht auf Arbeit eingeräumt werden. Wir fordern daher, AsylwerberInnen nach dreimonatigem Aufenthalt einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen, unabhängig vom Stand des Asylverfahrens. Wir befürworten zudem eine Entkoppelung von Lehre und Arbeitsmarkt, damit vor allem jugendliche AsylwerberInnen die oft jahrelangen Wartezeiten bis zur Beendigung ihres Verfahrens sinnvoll nützen können, um sich berufliche Perspektiven aufzubauen. Dies verbessert sowohl die Chancen für eine erfolgreiche Integration in Österreich, erleichtert aber im Fall einer Nichtanerkennung die Integration in einem Drittland.

• …einen Prozess, in dem Betroffene ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, sich dabei ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln und soziale Ressourcen nutzen. • …Möglichkeiten und Hilfen, die es Individuen oder Gruppen erlauben, Kontrolle über ihr Leben und ihre sozialen Zusammenhänge zu gewinnen, und die sie darin unterstützen, die dazu notwendigen Ressourcen zu beschaffen. Zielzustand ist die „Selbstbestimmung über das eigene Leben“ Empowerment ist eine Querschnittsaufgabe aller EQUAL-Projekte, somit auch für die Mitglieder des Netzwerks Autarq. Allerdings machen die gegenwärtigen gesetzlichen und administrativen Rahmenbedingungen für AsylwerberInnen in Österreich ein nachhaltiges Empowerment der Zielgruppe, wie es im Rahmen des EQUAL-Programms gefordert wird, unmöglich. AsylwerberInnen verfügen nicht nur über sehr eingeschränkte soziale Ressourcen, sondern verlieren aufgrund der langdauernden restriktiven Le-

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Im Sinne des Empowerment ist es außerdem notwendig, ein umfassendes Recht auf Bildung zu gewährleisten. Sprachkenntnis und ein Grundwissen über die österreichische Gesellschaft sind unabdingbare Voraussetzungen für eine wirkliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und damit auch für eine langfristig erfolgreiche Integration. Flüchtlingen soll daher so früh wie möglich und unabhängig von ihrem Verfahrensstatus die Teilnahme an einem Sprachkurs ermöglicht werden. Der Sprachkurs sollte zugleich genutzt werden, um AsylwerberInnen eine Basisorientierung über das Aufenthaltsland Österreich zu vermitteln, indem sie über das soziale und politische System informiert werden und einen Einblick in die österreichische Kultur erhalten. Um die (allgemeine) Benachteiligung von Frauen auszugleichen, einen nachhaltigen Beitrag zum Empowerment von Frauen zu leisten und Frauen eine gesellschaftliche wie berufliche Integration in Österreich zu ermöglichen, sollten ergänzend Bildungsmaßnahmen angeboten werden, die auf die speziellen Lern- und Orientierungsbedürfnisse von Asyl suchenden Frauen ausgerichtet sind. Der Zugang von Frauen zu Bildungsangeboten soll durch geeignete Rahmenbedingungen gesichert werden (z.B. reine Frauenkurse, Kurszeiten, die sich an deren Alltagserfordernissen orientieren, ggfs. Kinderbetreuung). Im Sinne des Empowerment ist auch eine unabhängige Beratung von AsylwerberInnen in Hinblick auf die rechtlichen Auswirkungen ihrer Handlungen unabdingbar. Der ungehinderte Zugang zu einer unabhängigen Rechtsberatung muss daher sichergestellt werden. Insbesondere dann, wenn AsylwerberInnen rechtlich weit reichende Dokumente unterzeichnen oder auf zusätzliche Rechtsansprüche verzichten sollen, sollte eine Beratung durch unabhängige Rechtsberater sichergestellt sein. Das Selbstbestimmungsrecht der AsylwerberInnen darf zudem in zentralen Bereichen, die die menschliche Würde betreffen, nicht eingeschränkt werden, da dies verheeren-

de Auswirkungen auf die innerpsychischen Ressourcen hat und das Anliegen des Empowerment völlig unterläuft: Dies betrifft die Bereiche Ernährung, Wohnen, Mobilität und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. AsylwerberInnen sollen daher die Möglichkeit haben, über ihre Ernährung selbst zu bestimmen und die dafür nötigen Mittel und Infrastruktur zur Verfügung gestellt bekommen. Hierauf muss im Sinne des Empowerments auch bei der Schaffung von Gemeinschaftsunterkünften Rücksicht genommen werden. Auch eine Grundmobilität von AsylwerberInnen muss sichergestellt werden, damit die Möglichkeit zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben sichergestellt ist. Dies gilt besonders auch für AsylwerberInnen in Gemeinschaftsunterkünften in kleinen Ortschaften mit schwacher oder fehlender Infrastruktur und meist ohne migrantische Netzwerke. AsylwerberInnen den Zugang zu größeren Zentren zu ermöglichen, bedeutet für sie eine Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Österreich. Auch die Beschränkung der Möglichkeit, den eigenen Aufenthaltsort frei zu wählen, verletzt das Selbstbestimmungsrecht der Flüchtlinge. Um den Anforderungen des

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Empowerment zu genügen, müsste mindestens ein unkompliziertes und administrativ unaufwendiges Mitbestimmungsrecht bzgl. des Aufenthalts- bzw. Wohnortes ermöglicht werden, im Regelfall jedoch ein Selbstbestimmungsrecht gewährleistet werden. Die besonderen Bedürfnisse von schutzbedürftigen Personen müssen im Interesse des Empowerment unbedingt beachtet werden. Beispielsweise muss für traumatisierte Personen und Personen in psychischen Krisensituationen Zugang zu therapeutischer Unterstützung und Begleitung sichergestellt werden, einschließlich der Gewährleistung der Übersetzung therapeutischer Behandlungen. Dies muss möglichst unverzüglich geschehen, um eine Verfestigung oder Verstärkung der Traumatisierung zu vermeiden. Solange AsylwerberInnen durch Strukturen, administrative Vorgaben und Gesetze in ihren Entscheidungsfähigkeiten, Handlungsspielräumen und in ihrem Zugang zu Ressourcen so drastisch eingeschränkt bleiben, ist ein nachhaltiges Empowerment der Zielgruppe nicht möglich und somit ein wesentlicher Auftrag der Gemeinschaftsinitiative EQUAL der EU nur sehr eingeschränkt einlösbar.

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PartnerInnen von FluEQUAL

Das Projekt FluEQUAL wurde gefördert von: