Pomperipossa in Monismanien

Von Astrid Lindgren | Veröffentlicht am 10.11.2007 | Lesedauer: 11 Minuten

Astrid Lindgren, deren 100. Geburtstag sich am 14. November jährt, verfasste im
Jahr 1976 ein Märchen. Geschrieben gegen die Steuerwut der Sozialdemokraten in
Schweden, ist es ein Pamphlet der Freiheit
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Jetzt will ich euch ein Märchen erzählen. Es handelt von einer Frau, nennen wir sie
Pomperipossa, denn so pflegt man in Märchen ja zu heißen. Sie wohnt in einem
Land, das wir Monismanien nennen wollen, denn einen Namen muss es schließlich
haben. Pomperipossa liebte ihr Land, seine Wälder, seine Berge und Seen und seine
grünen Wiesen, aber nicht allein dies alles, sondern auch die Menschen. Und sogar
die weisen Männer, die dem Land vorstanden, liebte sie. Oh, sie fand sie so weise,
und deshalb stimmte sie auch getreulich für sie, wann immer weise Männer gewählt
werden sollten. Die weisen Männer, die dort schon seit über vierzig Jahren schalteten
und walteten, hatten einen so guten Staat geschaffen, fand sie, denn niemand
brauchte arm zu sein, alle sollten ihr Stück von dem Wohlstandskuchen
abbekommen, und Pomperipossa war glücklich darüber, dass auch sie zum Backen
dieses Kuchens ihr Teil hatte beitragen können.

Nun gab es in Monismanien etwas, das Marginalsteuer hieß, und das besagte, dass je
mehr Geld man verdiente, desto mehr davon hatte man dem Reichsschatzmeister
abzuliefern, damit der Wohlstandskuchen gebacken werden konnte. Mehr als 80 bis
83 Prozent wollte er aber von keinem haben, nein, er war ja nicht unvernünftig.
"Liebe Pomperipossa", sagte er, "so an die 17 bis 20 Prozent darfst du für dich
behalten und kannst damit tun, was du willst." Und Pomperipossa war von Herzen
zufrieden damit und lebte froh und puppenlustig. Dennoch gab es im Lande viele
unzufriedene Menschen, die an ihre Schilde schlugen und über "die drückende
Steuerlast", wie sie es nannten, murrten. Das tat Pomperipossa niemals, kein Mensch
in Monismanien hatte von ihr je auch nur das leiseste Murren über ihren Beitrag zum
Wohlstandskuchen vernommen. Diese Pomperipossa schrieb Kinderbücher. Sie tat es
aus purer Vergnügungssucht. Und eines Tages dachte sie: Wer weiß, vielleicht sind
Kinder fast ebenso kindisch wie ich, vielleicht wollen auch sie meine schnurrigen
Einfälle lesen? Es zeigte sich, dass sie es wollten. Und nicht nur die Kinder in
Monismanien, sondern auch die in fernen Ländern, sowohl im Osten als auch im
Westen, wollten es. Man sollte es nicht für möglich halten, aber da saßen doch
tatsächlich in allen Ecken und Winkeln der Welt einfältige Kinderchen und lasen und
lasen und konnten nicht genug bekommen! Dadurch aber bereiteten sie
Pomperipossa großes Ungemach, jawohl, denn je mehr sie lasen, desto mehr Geld
regnete auf die arme Pomperipossa herab. Die "arme", warum denn das? Wartet's
nur ab!

Eines schönen Tages waren die weisen Männer, die in Monismanien das Sagen
hatten, auf einem Schloss versammelt, das wir Haga nennen wollen, weil es nämlich
so hieß, und dort fassten sie, vermutlich während einer Kaffeepause, als ihnen zum
gründlichen Nachrechnen keine Zeit blieb, einen bemerkenswerten Beschluss, der
nicht nur für Pomperipossa, sondern auch für viele andere Menschen in
Monismanien das Leben über Gebühr vertrackt machte. Doch davon wusste
Pomperipossa zunächst nichts. Sie hörte erst davon, als eine gute Freundin sie eines
Tages fragte: "Weißt du eigentlich schon, dass deine Marginalsteuer in diesem Jahr

aber trotzdem! 5000 Kronen . ich bin ein freier Unternehmer. wer hätte das gedacht. sagten sie nur hilflos: "Aber du kannst ja doch eine Menge absetzen?" Was denn absetzen. Vielleicht kann ich ja wie die Armenhäusler von Anno dazumal herumwandern und mir mal hier und mal da eine Mahlzeit zusammenschnorren.wenn der Salzhering. wunderte sich Pomperipossa. da schrieb und kritzelte sie nun so fleißig und wusste nicht mal. Was ich absetze. dann kann die Suppe sogar recht kräftig werden. sagte Pomperipossa. so himmelschreiend teuer geworden ist und alle anderen Preise dementsprechend. Aber sie glaubten ihr einfach nicht. Schlimmstenfalls zwei Millionen. die in allen Ecken und Winkeln der Welt sitzen und für mich Geld zusammenlesen. durfte sie 5000 Kronen behalten! Um davon zu leben! Pomperipossa war tief bekümmert. ist doch Geld. Dazu die 2 Prozent. von denen du in deiner Einfalt glaubtest. sonst würde man es ja nicht so hart bestrafen. Als sie so weit gekommen war. dass es die wahre Pest war. am Ende legen sie reineweg ein Würstchen hinein? Doch nicht einmal der Gedanke an das Würstchen tröstete sie. dass sie umso weniger verdienten. zusammen. und sie alle hatten sich wohl flugs ausgerechnet. "so viele Prozente gibt's ja gar nicht!" Denn die höhere Mathematik war nicht gerade ihre Stärke. aber unerbittlich auf. Ohne Trost gefunden zu haben. Doch. dachte Pomperipossa.geht an den Wohlstandskuchen. macht 37 000." Jetzt bekam sie es wirklich mit der Angst. in Monismanien freier Unternehmer zu sein. dann mache das 102 Prozent aus. die die Kinder dir zusammenlesen. da könne Pomperipossa sagen. wie viel mag ihre unselige Lesegier mir dieses Jahr einbringen? Im günstigsten Fall vielleicht nur eine Million. das lässt sich nicht leugnen. Was ich absetze. einst das Armeleuteessen. ging Pomperipossa heim und setzte sich in eine dunkle Ecke. 5000 Kronen. ganz gewiss müssen dir 50 000 bleiben. was darüber hinaus vorhanden ist. in Monismanien gebe es wer weiß wie viele Prozente und lege man die Einkommensteuer und die Sozialabgaben. Aber nachdem sie ein Weilchen gerechnet hatte. darfst du angeblich 42 000 behalten. sie zu überzeugen. dass sie ein freier Unternehmer war. was sie wolle! Arme Pomperipossa. Woher krieg ich nur mein täglich Brot. und sie sagte sich: "Nicht dass du gerade eine starke Esserin bist. und spendieren sie dafür ein paar von diesen 1 995 000 Kronen. Übrig für Pomperipossa: 5000. um zu grübeln und nachzudenken. So gab es in Monismanien beispielsweise Ärzte und Zahnärzte und Rechtsanwälte. und laut jammernd lief sie zu Freunden und Bekannten.verdiente sie zwei Millionen. Jetzt ging ihr auf. je . weil sie ja freier Unternehmer sei. ging ihr langsam." Also fing sie wieder von vorn an. kann ich doch nicht mehr aufessen wie einen Salzhering. rechnen hast du nie gekonnt! Es gibt ja Dezimalstellen und all so was. es gebe sie nicht. das ich schon ausgegeben habe.102 Prozent beträgt?" "Unsinn".108 000 . bestimmt hast du dich verrechnet. doch. die Pomperipossa zu entrichten habe. aber das Ergebnis änderte sich nicht . sagte sie sich: "Mein Altchen. Immer düsteren Sinnes wurde Pomperipossa. dass Bücherschreiben etwas Abscheuliches und Schändliches sein musste. mach keine Witze! Nachdem es ihr endlich gelungen war. um ihnen ihr Dilemma kundzutun. Vielleicht kann ich ja auch die weisen Männer aufsuchen und an ihre Tür klopfen. Der Rest von diesen 150 000 . Rechnen wir mit dem Schlimmsten. Es gab außer ihr ja andere freie Unternehmer. dachte sie. womöglich erbarmen sie sich meiner und geben mir mal ab und zu einen Teller Suppe. 100 Prozent von dem. Nun hätte sie ja eigentlich stolz sein müssen - ha. kriegte sie daraufhin zu hören. So dachte sie und so rechnete sie: Diese schrecklichen Kinderchen. Mit zwei Millionen! Dann ergibt das folgende Steuern: Von den 150 000 Kronen. macht 1 850 000. Summa 1 995 000.

vier. bevormundenden Staat zu schützen? Sie hatte geglaubt. denn dann ist es aus mit aller . um bekannt zu geben. von 102 Prozent oder Derartigem war da nirgends die Rede. wie viel die Leute verdienten und wie ungeheuer viel sie absetzten. Schulden seien etwas Verwerfliches. sie zu gewähren. was erstreben sie . um die Prozente von 102 bis auf fast null herunterzudrücken. der seiner armen alten Mutter 25 000 Kronen jährlich Unterhalt zahlte. etwas. so verpfuscht und unmöglich wie nur möglich? O du reine. ungerechten. diese reichen Knilche. der sie beim Kauf eines alten. dachte Pomperipossa in ihrer dunklen Ecke. Vielleicht war ihnen etwas von einem monismanischen Sohn mit einigermaßen zufriedenstellenden Einkünften zu Ohren gekommen. so dachte sie. Aber soweit Pomperipossa es überschauen konnte. den er erhielt. warum habt ihr mich gelehrt. zwei. das man nicht haben darf? Hier sitze ich nun völlig schulden. seufzte sie. Dem werden wir sofort einen Riegel vorschieben! Und das taten sie.einen Staat. säuerlicher. Als Pomperipossa in ihren Überlegungen so weit gekommen war. zu versteuern hatte. Dort erschienen lange Listen darüber. geschah jetzt genau das. einen eigenmächtigen. da der Unterstützungsempfänger den Betrag.zufällig Geld verdienten. und darum war nie eine Spalte frei. Was ist das bloß. so hatte Pomperipossa gehört. wie lange noch soll dein reiner Name dazu missbraucht werden. Aber natürlich war der Platz in der Zeitung begrenzt. in einem demokratischen Land solle das Recht aller gewahrt werden. bis über den Schornstein verschuldeten Hauses beriet. fünf Tage lang in der Woche. drei.und schuldlos und habe nichts weiter als diese verflixten Einkünfte. nur weil sie auf ehrliche Weise . Aber eines schönen Tages begannen sich die Haare der weisen Männer aufs Neue zu sträuben. Sind dies wirklich die weisen Männer. dann konnte man ihnen eine fortlaufende Unterstützung zukommen lassen. Derartige Unterstützungen durfte man dann in seiner Steuererklärung absetzen.gewollt oder ungewollt . Die Menschen sollten nicht bestraft und verfolgt werden. Was ist bloß in sie gefahren. warum die Monismanier jetzt so viel übler dran waren als früher. Das bedeutet: Wenn man über des Lebens Notdurft hinaus noch etwas Geld übrig und zudem weniger gut gestellte Angehörige oder Freunde hatte. Schulden seien der beste Kniff. Der Wohlstandskuchen bekam ja ohnehin sein angemessenes Teil davon ab. Wieso hatte sie selber gar keine Schulden? Ach. die mich arm wie eine Kirchenmaus machen! Abschreibungen aber wurden im Leib. das sei abscheulich und schändlich.und Magenblatt der weisen Männer als Steuerhinterziehung dargestellt. wie viel Steuern die Leute zahlten. meine teuren Eltern. Nein. alle Ehescheidungen und Grundstücksgeschäfte der Monismanier zu pfeifen. pfui. fanden die weisen Männer. zumindest ein. schlankweg auf alle Gallensteine und schmerzenden Weisheitszähne. dachte Pomperipossa. damit sie annähernd so leben konnte wie er selber. aber alle Abschreibungen wurden genauestens aufgeführt. wenn sie Bauchgrimmen oder Zahnweh bekamen oder einen Anwalt brauchten.mehr sie arbeiteten. die ich so hoch geschätzt und bewundert habe? Was wollen sie damit denn erreichen. was haben sie aus dir gemacht. bürokratischen. als die Marginalsteuer höchstens 83 Prozent betragen hatte. pfui. was für Spesen die für ihren Sekt und Kaviar und ihr ganzes Lotterleben machen dürfen! In der guten alten Zeit. und warum sagt niemand laut und deutlich seine Meinung: So kann es nicht weitergehen. für ein seltsamer. das "fortlaufende Unterstützung" hieß. und allein deshalb war es möglich. Da sieht man's mal wieder. dachten die empörten Leser. dachte sie (denn jetzt wurde sie ein wenig pathetisch). und hatten sich deshalb entschlossen. Denn. Neid geschwängerter Mief. da hatte es auch etwas gegeben. Und das erklärte ja auch. der sich auf ganz Monismanien gelegt hat. blühende Sozialdemokratie meiner Jugend.

welche besagte.? Oder etwa nicht? Diese Frage muss ich wohl offen lassen. dann kann ich es auch! . und zwar auf der Stelle. ich wusste doch. um sich eine wenn auch noch so kleine Brechstange zu kaufen. wie reich wäre ich dann nicht im Vergleich zu jetzt! Doch da durchzuckte es sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel . dachte sie. Während der Drucklegung der Zeitung traf bei Pomperipossa eine genauere Aufstellung aus dem Rechenamt der weisen Männer ein. die man besteuern kann. P. um anzufragen. sagte sie sich dann. du musst ja Wohlfahrtsunterstützung kriegen können. hieß es da. wie viel sie zu erwarten habe. Und von nun an lebte die Wohlfahrtsempfängerin Pomperipossa glücklich bis ans Ende ihrer Tage. auf die Straßen und Plätze hinauszugehen und Geld zusammenzubetteln. und wieder dachte sie an die 5000 Kronen. Zittert. Mehr und mehr verdichteten sich die Schatten um sie. dann kriegen wir. und verstärkt die nächtliche Bewachung eurer Geldkästen! 5000 will ich jedenfalls haben . wenn ich nur richtig nachdenke! Denn es ist doch wohl trotz allem der beste Staat der Welt? Oder .könnt ihr völlig hemmungslos stehlen. dachte sie dann. Ich Ärmste. ihr weisen Männer. Irgendwelche Bücher schrieb sie nie wieder. an dem Staat zweifeln zu müssen. dachte sie. halleluja: Kronen 2 002 000! Da beschloss Pomperipossa. dieser wunderbare Gedanke! Mit neu erwachter Hoffnung setzte sie sich hin und schrieb an den Reichsschatzmeister. warum bin ich nicht eine Rentnerin ohne auch nur die Spur von anderen Einkünften. und dann sind bald keine freien Unternehmer mehr da.Menschenskind. Zu diesem Zeitpunkt überkam Pomperipossa das Gefühl. die ihr zum Leben blieben. um sie in Saus und Braus zu verprassen. wenn du zwei Millionen verdienst. dass es eine Lösung gibt. S.Unternehmungslust in unserem Lande.. kuriert zu werden. So schwer und schmerzhaft war es nämlich. sie habe es selber dringend nötig.. dass sie mitnichten 5000 Kronen erhalte. Oh. Nein. Na also. den sie bisher für den besten in der Welt gehalten hatte.