You are on page 1of 3

Praxis Wissensmanagement Soziale Netzwerke

Kurz gefasst:
Alexander Stocker, Anita Wutte, Klaus Tochtermann
• Das Web der Zukunft baut auf
Cross-Plattform-Aspekten.
Die Zukunft des Web 2.0? • Interoperabilität und Verknüp-
fung von Daten zwischen Web-
Plattformen rücken in den Vor-
dergrund.
• Werden Semantic-Web-Projekte
wie „LinkedOpendData“ im Inter-
operabilitätsstreit die Oberhand
gewinnen?

e
Foto: Ablestock
Nutzer im Web führt zu einem verstärk-

uf
ten Aufkommen von sozialen Web-
Plattformen, welche eine große Menge
an Daten über und von ihren Nutzern
Durch Web 2.0 verlagert sich der im Web stetig zu. Ein neuer Nutzertyp, sammeln.
Schwerpunkt im Web auf nutzerge- der Produser tritt verstärkt an die Stelle
nerierte Inhalte. Diese entstehen
zum Großteil in den immer be-
liebter werdenden sozialen Web-
Plattformen. Sind Nutzer gleich auf
rst
von institutionalisierten Content-Pro-
duzenten, wie der klassischen Medien-
industrie. Diese Entwicklung kann als
eine natürliche Evolution des Webs an-
Auf sozialen Web-Plattformen werden
die Daten in Selbstorganisation und
freiwillig durch die Nutzer bereitgestellt.
Was jedoch Extraktion, Wiederver-
mehreren solcher Plattformen aktiv, gesehen werden. Eine Vereinfachung in wendung oder Verknüpfung dieser
müssen sie bestimmte Vorgänge der Benutzerführung, durch fortschrei- Daten zwischen unterschiedlichen Platt-
vo
andauernd wiederholen. In der tende technische Entwicklung ermög- formen angeht, stoßen die Anwender
Überwindung einer daraus entste- licht, bringt immer mehr User dazu, schnell an die Grenzen des derzeitigen
henden „Sozialen Netzwerkmüdig- im Web zu interagieren und elektroni- Web 2.0. So fühlen sich Nutzer frus-
keit“ und dem Erreichen von Inter- sche Spuren zu hinterlassen. Moderne triert und äußern eine soziale Netz-
operabilität durch Verknüpfung Web-2.0-Anwendungen á la Facebook, werkmüdigkeit (social network[ing] fa-
ck

von Daten zwischen Plattformen Mindmeister, Youtube oder Wikipedia tigue), weil sie dieselben Schritte, wie
liegt die Zukunft des Webs. Wäh- zeigen, wie Wissen im Web freiwillig Registrierung, Login, Hochladen von
rend diesbezügliche Initiativen und weitgehend selbst organisiert durch Inhalten, Erstellung des Nutzerprofils,
wie OpenSocialWeb eher Bottom- die Know-how-Träger bereitgestellt Verlinken von Freunden oder die Er-
up durch die Community getrieben wird, und eröffnen neue, bisher nicht stellung und zeitintensive Pflege ihres
u

sind, pushen Projekte wie Linked- erwartete Möglichkeiten der Wissens- virtuellen sozialen Netzwerks, immer
OpenData unter der Patronanz des teilung. Die Extraktion dieser Muster wieder von Neuem durchführen müs-
W3C, Top-down gesteuert, semanti- und Strukturen aus dem Web 2.0 könn- sen. So hat der A-Blogger Robert Scoble
Dr

sche Technologien. te eine Revolution für das Wissens- auf seinem Weblog berichtet, wie er
management darstellen. nach dem Versuch, sein virtuelles Freun-
desnetzwerk über ein kleines Programm
Vom Consumer zum Produser zu exportieren, von Facebook aufgrund
Vom Social Web zur sozialen eines Verstoßes gegen die AGB gesperrt
Als der Begriff Web 2.0 im Jahre 2004 Netzwerkmüdigkeit wurde. [2] Sein diesbezüglicher Blog-
von Tim O’Reilly und Tim Dougherty Eintrag sorgte für großes Aufsehen so-
geprägt wurde, war noch nicht abseh- Im Grunde genommen sind Web-2.0- wie Widerhall im Web und betonte den
bar, welch enormes Ausmaß an Auf- Anwendungen sozio-technische Syste- Wunsch der Nutzer nach mehr Inter-
merksamkeit er in den Folgejahren in me. Die soziale Komponente definiert operabilität – also der Möglichkeit, zwi-
der Web-Community erreichen würde. sich über das veränderte Verhalten der schen unterschiedlichen Plattformen
Durch das Studium des Webs stellte Anwender, d.h. ihre Fähigkeit, sich im Informationen auszutauschen.
O’Reilly einen Wandel fest, den er mit Web zu sozialisieren, Knoten in virtuel-
Hilfe von Prinzipien und Entwurfsmustern len sozialen Netzwerken darzustellen
für Web 2.0 Anwendungen in seinem und sich mit Gleichgesinnten zu Online- Von Insellösungen zur
Essay [1] beschrieb. Communities zu formieren. Die tech- Interoperabilität
nische Komponente besteht in den
Kurz gesagt nimmt die Menge an Anwendungen und Technologien selbst. Die derzeit noch fehlende Interoperabilität
durch Nutzer selbst erstellten Inhalten Die fortschreitende Sozialisierung der zwischen Web-Plattformen ist nicht un-

10 wissensmanagement 6/08
Soziale Netzwerke Praxis Wissensmanagement

e
begründet. Plattformbetreiber und Nut- Web-Services entstehen) und APIs Bottom-up durch die Community ge-
zer müssen sich einer Vielzahl an unter- (Programmierschnittstellen für Web- startete Initiativen versuchen die soziale

uf
schiedlichen technischen und sozialen Anwendungen). Ebenfalls zählt die Entwicklung der Web-schwächenden
Herausforderungen stellen, welche sich Auswirkung von Interoperabilität Hindernisse zu beseitigen. Zu diesen
unter dem Begriff Cross-Plattform- zwischen Plattformen auf die beste- zählen etwa DataPortability [3], Open-
Aspekte subsumieren lassen: henden Geschäftsmodelle der Plattf- SocialWeb [4] oder das verstärkt von
ormbetreiber zu den betreiberbezo- Google-Mitarbeitern getriebene Open-

st
• Nutzerbezogene Aspekte beziehen genen Aspekten. Social: [5]
sich beispielsweise auf das persönli- • Datenbezogene Aspekte sind bei-
che Identitätsmanagement, Privacy spielsweise DataPortability (Portabi- • DataPortability ist ein 2007 gestarte-

r
(Datenschutz) oder Cross Platform lität von Daten zwischen Plattfor- tes Projekt, welches sich dem Aus-
Trust. Cross Platform Trust würde men), Synchronisation von Informa- tausch von Daten zwischen Platt-

vo
z.B. einem eBay-Nutzer ermögli-
chen, sein bisher erhaltenes Level
an Vertrauen durch die Bewertung
von Transaktionen auf anderen Platt-
formen zu berücksichtigen.
tionen zwischen Plattformen, Social
Network Portability (Abgleich von
sozialen Graphen zwischen Platt-
formen) und die Diffusion (ungeziel-
te Verbreitung) von Informationen
formen widmet. Dabei herrscht in
der Projektgruppe die Philosophie,
dass Nutzer die Kontrolle über ihre
Daten behalten sollen, indem sie
bestimmen können, wie und wofür
ck
• Betreiberbezogene Aspekte behan- über Plattformen hinweg. ihre Daten genutzt werden.
deln Themen wie Application Port- • OpenSocialWeb ist ein 2007 verfass-
ability (also die Bereitstellung von Was das Finden von Lösungen für Cross- tes Manifest, welches den Nutzern
Web-Anwendungen über Plattfor- Plattform-Aspekte betrifft, treffen nun von sozialen Plattformen im Web
ru

men hinweg), Web Services (Soft- Web-2.0-typische, von engagierten Ver- bestimmte fundamentale Rechte zu-
ware Anwendungen, welche durch tretern aus der Industrie getriebene, sichern will. Dazu gehört das Besitz-
eine URI – Uniform Resource Iden- Bottum-up-Initiativen auf Top-down- recht der persönlichen Informa-
tifier – eindeutig identifizierbar und Strategien der Semantic Web Community tionen sowie die Kontrolle, ob und
D

lokalisierbar sind), Mashups (Infor- und des W3C, dem Gremium zur Stan- wie diese geteilt werden dürfen.
mationsprodukte, welche durch dardisierung der im Web verwendeten Außerdem soll der Nutzer den Zu-
die Verknüpfung unterschiedlicher Technologien. griff anderer Plattformen auf seine

wissensmanagement 6/08 11
Praxis Wissensmanagement Soziale Netzwerke

kritischen Daten freigeben und je- dern auch Privacy- und Security-Aspekte Konferenz, welche, vom Know-Center
derzeit auch verweigern dürfen. beachtet werden. Ethische Fragestel- und der Semantic Web Company veran-
• OpenSocial wurde 2007 von Google- lungen, wie die Verhinderung eines staltet, von 3. bis 5. September im
Mitarbeitern initiiert und definiert gläsernen Nutzers, wirken wie ein Messecongress | Graz stattfindet.
eine einheitliche Menge an Pro- Damoklesschwert. Trotz aller Bedenken
grammierschnittstellen (APIs), wel- wird die weitere Evolution des Internets
che für unterschiedliche soziale die noch effektivere Nutzung des Webs Literatur:
Web-Plattformen bereitgestellt wer- als Informationsmedium und Platz zur
den. Portale, welche diese APIs ver- Sozialisierung ermöglichen. Zusätzlich [1] Tim O'Reilly (2005). What Is Web 2.0. Design
wenden, zeichnen sich untereinan- werden Maschinen die Daten auf Patterns and Business Models for the Next
der durch mehr Interoperabilität aus Websites automatisch verarbeiten kön- Generation of Software. http://www.oreillynet.
und können dadurch besser zusam- nen. Semantische Web Services nehmen com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-
menarbeiten. dem Nutzer in Zukunft zeitraubende web-20.html
manuelle Tätigkeiten ab und unterstüt- [2] http://scobleizer.com/2008/01/03/ive-been-

fe
Neben diesen eher pragmatischen zen ihn bei der Durchführung komple- kicked-off-of-facebook
Bottom-up Ansätzen existieren zahlrei- xer Vorgänge, wie etwa der Planung [3] http://www.dataportability.org
che Projekte, welche die (Weiter-) einer individuellen Reise über das Web [4] http://opensocialweb.org
Entwicklung von Standards für das oder dem Anmelden eines Gewerbes im [5] http://code.google.com/apis/opensocial
Semantic Web zum Ziel haben. Das E-Government.

stu
[6] http://esw.w3.org/topic/SweoIG/TaskForces/
Semantic Web ist aus der Sicht von Tim CommunityProjects/LinkingOpenData
Berners Lee ein Web, in welchem Cross-Plattform-Aspekte sind auch ein [7] http://triplify.org/Challenge
Informationen in einer Art und Weise Schwerpunkt der diesjährigen TRIPLE-I- [8] http://triple-i.tugraz.at
aufbereitet sind, dass Maschinen ihre
Bedeutung (Semantik) interpretieren
können.
Die Autoren:
or
Ein prominenter Top-down-Lösungsan-
satz für Interoperabilität zwischen Platt- Mag. Alexander Stocker ist Betriebswirt und seit 2004 am
formen aus der Semantic-Web-Ecke ist Know-Center tätig. Er forscht im Rahmen seiner Dissertation,
das einflussreiche, unter der Patronanz wie sich der Wandel durch Web 2.0 auf die Wissensarbeit(er)
von Tim Berners Lee stehende Projekt in und um Unternehmen auswirkt.
kv

LinkingOpenData. [6] Ein Kernziel dieses
Projekts besteht darin, ein Web von of- stocker@wissensmanagement.net
fenen, frei zugänglichen Daten zu er-
schaffen, welche miteinander verknüpft
werden können. Die mangelnde Ver-
uc

fügbarkeit eben dieser semantischen
Daten, so genannter Triples – bestehend Mag. Anita Wutte ist Betriebswirtin und seit 2007 als
aus Subjekt, Prädikat und Objekt, ist ei- Assistentin von Prof. Dr. Klaus Tochtermann am Know-Center
ne der größten Barrieren für ein Seman- tätig. Sie untersucht, welches Potenzial Web-2.0-Anwen-
tic Web. In Triplification Challenges [7] dungen und Technologien für die Unterstützung des Wis-
Dr

sollen aus relationalen Datenbanken senstransfers zwischen Organisationen besitzen.
möglichst viele Triples extrahiert wer-
den, um das Web mit mehr Semantik wutte@wissensmanagement.net
anzureichern und so dem Semantic
Web wieder einen Schritt näher zu
kommen.
Prof. Dr. Klaus Tochtermann arbeitet seit mehr als neun
Jahren an verschiedenen anwendungsorientierten Forschungs-
Fazit: einrichtungen in Deutschland, Österreich und den USA zum
Thema Wissensmanagement. Er ist Geschäftsführer und wis-
In der Zukunft des Webs wird es um die senschaftlicher Leiter des Know-Center Graz, Österreichs
Interoperabilität zwischen Plattformen Kompetenzzentrum für Wissensmanagement. Zudem hat
sowie um die verstärkte Vernetzung auf Prof. Tochtermann einen Lehrstuhl für Wissensmanagement
Datenebene gehen. Um das Web 2.0 an der TU Graz und leitet das Institut für Vernetzte Medien
auf die nächste Stufe emporzuheben, bei JOANNEUM RESEARCH in Graz.
müssen nicht nur technische Heraus-
forderungen gemeistert und kommerzi- tochtermann@wissensmanagement.net
elle Rahmenbedingungen erfüllt, son-

12 wissensmanagement 6/08