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Vorwort Die Geschichte des Islam Der Islam in Bildern Der islamische Kult Der Koran Hadith und

Sunna Scharia: Das Gesetz des Islam Die Fünf Pfeiler des Islam Salat, das Gebet Zakat, die kanonische Steuer Saum, die Fastenzeit Al-hadsch, die Pilgerfahrt Dschihad, der heilige Krieg Geburt und Tod
Die Ehe

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Die Lebensbedingungen der Frau Die religiösen Feste Die Schia Der Sufismus Der Islam in Europa Glossar Der Islam in der Welt Der islamische Kalender Biographie des Autors / Bildnachweis

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V iele Bücher sind über den Islam geschrieben worden, und man könnte annehmen, daß schon alles über das Thema gesagt sei. Da jede Religion das Bewußtsein des Menschen prägt und gleichzeitig Spiegel seiner Natur und seiner Gedanken ist, darf man daraus schließen, daß sich notwendigerweise auch jede Religion entwickelt, selbst wenn sie unveränderlich erscheint. Vor allem die Philosophie des Islam ist so umfassend, daß sie in alle Bereiche des täglichen Lebens hineinwirkt: Untrennbar ist er mit dem jeweiligen sozialen Kontext verbunden und von daher einem beständigen Wandlungsprozeß unterworfen. Die Scharia, das islamische Gesetz, der «klar bezeichnete Weg, der zu Gott führt», ist eine religiöse Grundlage, die für das Leben in der Gemeinschaft ebenso maßgeblich ist wie für das private. Eine Religion, die so unmittelbar mit dem täglichen Leben verbunden ist, ruft unvermeidlich - vor allem in der Begegnung mit der westlichen Welt - Diskussionen hervor. In der Vergangenheit hat der Islam einen großen Beitrag zur Entwicklung der europäischen Zivilisation geleistet - das gegenwärtige Bild, das durch die Kolonialisierung und die Schaffung von unabhängigen arabischen Staaten geprägt wurde, ist von verwirrender Vielfältigkeit. Häufig bestehen Unklarheiten darüber, was der Islam ist und was er nicht ist. Auch in ihrem Kern hat diese universelle Religion, die in kulturell sehr unterschiedlichen Regionen verankert ist, vielfältige, gelegentlich heftig umstrittene Interpretationen erfahren. Es besteht also weiterhin die Notwendigkeit, objektiv und verständlich — vor allem für den Leser, der sich von außen annähert —, die Geschichte, das Glaubensbekenntnis, den Kult und noch allgemeiner das tägliche private Leben der Gläubigen zu erklären. Begrüßenswert ist die Entscheidung des Verlegers, dieses Buch einem muslimischen Autor anzuvertrauen, der innerhalb der islamischen Kultur geboren und aufgewachsen ist. Wenn dies dazu führt, daß die «Erzählung» in den Augen des Lesers größere Glaubwürdigkeit erfährt, so bot sich dem Autor dadurch die Gelegenheit, erneut über die eigene Religion nachzudenken.

Seite 2: Gebet im Innenhof der Moschee von Jiblan. Linke Seite: Der Palast Mohammeds mit den sieben Himmeln darüber. Persische Miniatur aus dem 18. Jahrhundert. Paris, Bibliotheque Nationale.

Die Araber vor dem Islam
Der Koran hat die Situation der Araber vor dem Islam mit al-Dschahiliyya bezeichnet, was soviel wie «Unwissenheit» bedeutet. Dieser Begriff bezieht sich nicht nur auf den Polytheismus, sondern auch auf alle anderen Gewohnheiten und Bräuche, die der Islam ablehnt. Aus der Perspektive einer solchen Definition erscheint die Periode, die der Offenbarung des Islam vorausging, ganz offensichtlich in einem negativen Licht. Dennoch wurde sie von manchen Historikern als eine Zeit gewürdigt, in der ein sehr lebendiger und unverfälschter Volksgeist vorherrschte: Bedeutende Kunstwerke und zivilisatorische Errungenschaften sind überliefert, und in mehreren Teilen der arabischen Halbinsel entstanden bedeutende Städte, Kultur- und Handelszentren. Die Araber sind ein Volk semitischer Herkunft, mit zwei verschiedenen Abstammungen: die der Qahtan und die der 'Adnan, die ursprünglich jeweils Süd- und Nordarabien bewohnten. Im Verlauf von Wanderungsbewegungen verschmolzen sie zu einem einzigen Volk. Im Süden entstanden seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. höchst komplexe staatliche Organisationen, wie die der Minäer, Sabäer, Himyariten. Der Norden dagegen ist bis zum Beginn des Islam das Reich der Nomaden. Hier entwickelten sich Karawanenzentren, die den angrenzenden Imperien als «Puffer-Zonen» dienten. Unter diesen Nomadenvölkern bildete sich die arabische Sprache heraus, die semitischen Ursprungs ist und die später von den Quraysch, dem Stamm des Propheten, übernommen wurde.
Linke Seite: Arabische Landschaft, wie sie vermutlich bereits vor der Offenbarung des Islam aussah. Unten: Ein Dromedar in der Wüste - lebensnotwendiges Transportmittel für die Nomaden Nordarabiens. Vorhergehende Doppelseite: Ein Mann betet in der Wüste.

Araber. Vorn 1. Jahrtausend v. Chr. an wurde der Begriff «Araber» von den Assyrern in ihren Schriften für die Nomaden verwendet, die die Wüsten und Steppen Nordarabiens und Syriens bevölkerten. In griechisch-römischer Zeit bezeichnete man mit dem

Wort Araber nachweislich und unterschiedslos alle Völker, die auf der arabischen Halbinsel lebten.

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Die Geschichte

Der Fluß Tigris. Der Fruchtbare Halbmond zwischen Euphrat und Tigris war die Wiege der ersten großen Zivilisationen der Geschichte.

Wanderungsbewegungen. Um die ethnische, linguistische und kulturelle Entwicklung der arabischen Halbinsel von Grund auf zu begreifen, muß man zu den Anfängen der ständigen Wanderungsbewegungen zurückgehen, die die arabische Bevölkerung auf dem gesamten Gebiet vollzog. Mehrfach fielen semitische Völker ein, die durch die allmähliche Verwüstung der Halbinsel gezwungen waren, sich neue und günstigere Wohngebiete zu suchen. Zu den ersten, die die Halbinsel verließen, gehörten die Kanaaniter, die sich um das 3. Jahrtausend v. Chr. zur östlichen Küste des Mittelmeers hin bewegten. Um das 2. Jahrtausend v. Chr., verließen die Akkader die Halbinsel, um sich in Mesopotamien niederzulassen. Die Amorräer folgten ihnen und ließen sich entlang des ganzen Bogens des Fruchtbaren Halbmonds nieder, bis ihnen schließlich auch die Aramäer nachzogen. Aber dieselbe Halbinsel hat jahrtausendelang Völker semitischer Sprache aufgenommen, die die fruchtbaren Regionen des Nordens bewohnten. Die arabische Halbinsel war von Karawanenrouten durchzogen, die für den Warentransport von großer Bedeutung waren. Handelsgüter wurden mit dem Dromedar, das bereits seit dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. domestiziert war, durch die Wüste transportiert. Die Araber erwiesen sich als Experten der Landbestellung, des Handels und des Militärs. Schon zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. kämpften arabische Einheiten im Sattel der Dromedare vor allem in den nördlichen Regionen gegen verschiedene Heere.

Die Sprachen: Ägypten. Die Schrift und die Sprache des Alten Ägypten waren im Lauf der Jahrtausende verschiedenen Veränderungen ausgesetzt. Die Hieroglyphen und die kursive demotische Schrift wurden erst n. Chr. durch die koptische Schrift ersetzt.

Die Sprachen: Die in Mesopotamien und Syrien verbreiteten Sprachen gehörten zur semitischen Sprachgruppe. Am ältesten waren die akkadischen Sprachen, wie Assyrisch und Babylonisch. Zur Gruppe der kanaanitischen Sprachen gehörten das

biblische Hebräisch, Phönizisch und das davon abgeleitete Punisch (Karthagisch). Während des frühen Christentums wurden die meisten Sprachen von anderen derselben Sprachgruppe ersetzt. Phönizisch wurde noch in den Häfen Syriens

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Die Araber vor dem Islam

Im Flußtal Mesopotamiens entstand eine Kultur, die vermutlich älter als die ägyptische ist, sich aber weder in staatlicher noch in gesellschaftlicher Hinsicht mit der gleichen Kontinuität entwickelte und infolgedessen auch keine gemeinsame Sprache hervorbrachte. In der Bibel wird dieses Gebiet als Aram Naharayim bezeichnet, und seine Bewohner sind als Sumerer, Akkader, Assyrer und Babylonier bekannt. Während der ersten Jahrhunderte christlicher Zeit waren der mittlere und der südliche Teil Mesopotamiens mit der Hauptstadt Ktesiphon fest in persischer Hand. Der Norden war zwischen Römern und Persern und lokalen Dynastien aufgeteilt. Mit der Konversion von Kaiser Konstantin (311-337) verbreitete sich die christliche Religion im gesamten Römischen Reich, was zu einer allmählichen Christianisierung des Staatswesens führte. Ein weiteres wichtiges Ereignis fand mit der Verlagerung der Hauptstadt von Westen nach Osten statt. In Konstantinopel, wo sich das Imperium dem Ansturm der Barbaren noch tausend Jahre nach dem Untergang Roms erfolgreich widersetzte, wurde die Hellenisierung des Mittleren Orients - die Alexander der Große und seine Nachfolger in Syrien und Ägypten bereits eingeleitet hatten - sowohl vom römischen Staat als auch durch die christliche Kirche vorangetrieben, die beide zutiefst von der griechischen Kultur beeinflußt waren.
Ausschnitt aus einer Koranausgabe im Kufischen Stil, datierbar zwischen dem 8. und 9. Jh. Mailand, Biblioteca Ambrosiana. Herde von Kamelen (1237, Ausschnitt), Miniatur des irakischen Künstlers al-Wasiti. Paris, Biblioteque Nationale.

und in den nordafrikanischen Kolonien gesprochen. Hebräisch wurde bei Kulthandlungen, in der Literatur und der Wissenschaft verwendet. Aramäisch, die Sprache des Handels und der Diplomatie, war auf dem ganzen Fruchtbaren Halbmond verbreitet.

Die arabische Sprache. Zu Beginn der christlichen Zeit wurde sie vor allem im zentralen und im nördlichen Teil der arabischen Halbinsel gesprochen. Im südwestlichen Gebiet sprach man eine andere semitische Sprache, die mit dem Äthiopischen ver-

wandt war. Völker arabischer Sprache fielen in das Gebiet des Südirak und Syriens ein, ließen sich hier nieder und sorgten so dafür, daß sich die arabische Sprache auf dem gesamten Gebiet durchsetzte.

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Die Geschichte

Gräber in den Felsen von Petra, der antiken Hauptstadt der Nabatäer in Jordanien.

Der Mittlere Orient wurde zum Schauplatz von ständigen Kriegshandlungen der beiden damaligen Großmächte, Persien und Byzanz. Bereits Ardaschir (226-240 n. Chr.), der Begründer der Sasaniden-Dynastie, hatte mehrere militärische Kampagnen gegen Rom geführt. Die Rivalität zwischen Persien und Byzanz bestimmte bis zur Entstehung des islamischen Kalifats die politische Geschichte der gesamten Region. Hintergrund dieser Konflikte waren natürlich nicht nur Gebietsansprüche, wichtiger noch waren wirtschaftliche Aspekte, das heißt die Kontrolle der Handelsrouten zwischen Orient und Okzident. Der direkteste Weg zwischen dem Mittelmeerraum und dem Fernen Orient verlief über persisches Hoheitsgebiet. Die für Rom und später auch für Konstantinopel wichtige Einfuhr von Waren wie Seide aus China und Gewürzen aus Indien und dem südöstlichen Asien war ständig durch das persische Reich bedroht, das von dem Transitverkehr der Handelskarawanen profitieren wollte. So befanden sich die beiden Großmächte in einem andauernden Kriegszustand, der schließlich dazu führte, daß beide versuchten, ihren Einfluß auf Länder auszudehnen, die nicht Teil des eigenen Territoriums waren. Sie bemühten sich um eine Übereinkunft mit den Karawanenstädten und um gute Kontakte zu den Staaten am Rand der Wüste, um auf diese Weise den Handel abzusichern und gleichzeitig eine strategisch günstige Position für den Fall

Perser und Römer. Ardashir, Gründer der sasanidischen Dynastie, hatte eine militärische Kampagne gegen Rom geführt. Seinem Nachfolger Schapur I. gelang es sogar, den Kaiser Valerian zu entführen, der dann in der Gefangenschaft starb.

Petra. Die Römer begannen die ersten politischen Beziehungen mit den Wüsten Völkern bereits 65 v. Chr., als Pompejus Petra, die Hauptstadt der Nabatäer, besuchte. Dieses Volk war vermutlich arabischen Ursprungs, auch wenn seine Schrift und

Kultur aramäisch waren. Petra erlangte als Stützpunkt für die Karawanen, die zwischen Indien und Südarabien hin- und herzogen, große Bedeutung. Gleichzeitig war es ein «Puffer-Staat» zwischen den römischen Provinzen und der Wüste.

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Die Araber vor dem Islam

eines möglichen Konflikts auszubauen. So entstanden arabische Reiche und Grenzstädte, die einen blühenden Aufschwung nahmen, und die durch Allianzen mit dem Parther-Reich im Osten oder mit den Römern im Westen geschützt waren. Die wichtigsten waren Petra, Palmyra in der syrischen Wüste und Hatra im heutigen Irak, wenige Kilometer südlich des antiken Ninive. Ausgerechnet Ninive, das sich gegen den römischen Machtanspruch erhob, wurde von Trajan unterworfen. Damit war der Übergang der römischen Politik von der guten Nachbarschaft zur Annexion vollzogen, unter der auch bald die beiden Staaten Palmyra und Petra zu leiden hatten. Die gewaltsame Ausdehnung der römischen Einflußsphäre veränderte zumindest für kurze Zeit die bestehenden Machtverhältnisse in der Region. Doch schon bald darauf verleibten sich die Sasaniden, die Persien erobert hatten und eine aggressive Expansionspolitik verfolgten, verschiedene Fürstentümer an der Grenze zum nordöstlichen Arabien ein. Damit nicht genug, drangen sie Mitte des 3. Jahrhunderts bis zu den Küsten Ostarabiens vor und zerstörten das Gleichgewicht der Macht durch die Vernichtung der von den Römern annektierten Stadt Hatra. Zwischen dem 4. und dem 6. Jahrhundert verarmte die arabische Halbinsel zunehmend und war fast ausschließlich von Nomaden bevölkert. Die arabische Chronik berichtet von einer wirtschaftlichen Krise in den städtischen Zentren und dem

Archäologische Ausgrabungen von Palmyra, Syrien. Unten: Relief mit dem Porträt Zenobias, der Königin von Palmyra. Damaskus, Nationalmuseum.

Zenobia. Gegen Ende des 3. Jh. versuchte Königin Zenobia, die Unabhängigkeit Palmyras wiederherzustellen. Ihr Versuch wurde jedoch durch die Truppen Aurelians vereitelt, die Stadt kehrte wieder in den römischen Herrschaftsbereich zurück.

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Die Geschichte

Niedergang des Ackerbaus, da sich viele, die bereits seßhaft geworden waren, aus Armut wieder für eine nomadische Lebensweise entschieden. Diese Krise stand mit den Ereignissen an den nördlichen Grenzen in Zusammenhang. In der langen Zeit des Friedens zwischen Rom und Persien (384-502) nahm das Interesse für die langen und kostspieligen Karawanentransporte durch die Wüste merklich ab. Einige Städte an den Handelsstraßen verloren ihre Bedeutung und wurden von ihren Bewohnern aufgegeben. Der Anstieg des Nomadentums führte nicht nur zu einem Rückgang der Lebensqualität, sondern hatte auch einen Niedergang des kulturellen Niveaus zur Folge, da der fruchtbare Austausch mit anderen Kulturen verebbte. Die islamische Tradition hat diese dunkle Zeit al-Dschahiliyya genannt, nicht nur im Vergleich mit der folgenden Zeit, sondern auch um sie von der vorhergehenden abzugrenzen.
Ausschnitt eines Felsreliefs aus sasanidischer Zeit in Naqh-i-Rustam, im Gebiet von Fars (südwestlicher Iran). Die mächtigen Reliefs verherrlichen die Könige der Sasaniden-Dynastie (224-651). Unten: Eine Ansicht der syrischen Wüste.

Mit dem Beginn des 6. Jahrhunderts kehrte man durch den erneuten Konflikt zwischen Byzanz und Persien zur Situation der Vergangenheit zurück: Das Gebiet fiel wieder in eine Art permanenten Kriegszustand. Der neue Konflikt verbesserte die Situation auf der arabischen Halbinsel, die nun wieder eine wichtige Rolle spielte. Da die Byzantiner den Persern nicht trauten, waren sie darauf angewiesen, Handelswege zu benutzen, die außerhalb der Kontrolle ihrer Rivalen lagen. So gewann die südliche Straße nach Indien erheblich an Bedeutung. Um ihre Pläne zu realisieren, wetteiferten die beiden Imperien um die Allianz der zahlreichen Völker, die an diesen Routen lebten, und wie schon Jahrhunderte zuvor entstanden entlang der Grenzlinien Staaten und Fürstentümer. In diesem politischen Kontext lösten die Byzantiner um 527 einen Konflikt zwischen Jassan und Hira aus, mit dem Ziel, den Sasaniden direkt zu schaden. Da dies aber nicht ausreichte,

Die arabische Halbinsel. Die arabische Halbinsel ist eine Hochebene aus Steppen und Wüsten, die von Gebirgen umgeben ist. Den größten Teil des Gebiets nimmt die Wüste des Nefud im Zentrum der Halbinsel ein. Im Westen, parallel zum Roten Meer,

verläuft die Gebirgskette Hidschaz, «Grenze», durch die in früherer Zeit eine Karawanenstraße verlief, die vom Mittelmeer zum Indischen Ozean führte. Das Hidschaz-Gebirge trennt den niedrigen Küstenstreifen namens Tihama von der unend-

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Die Araber vor dem Islam

um den persischen Einfluß im Gebiet zurückzudrängen, versuchten sie ebenfalls die neutralen Staaten zu eliminieren oder zu unterwerfen, um die eigene Vorherrschaft und das Handelsmonopol entlang der Küste zum Roten Meer durchzusetzen. Um auch noch die Kontrolle über die äußerste Region, die noch außerhalb ihres Herrschaftsbereiches lag, zu erlangen, benutzten die Byzantiner das christliche Äthiopien, mit dem sie verbunden waren, um gegen die Juden im Jemen vorzugehen, die von den Persern unterstützt wurden. Die seit kurzem konvertierten äthiopischen Truppen griffen vorn Meer aus das arabische Festland an, zerstörten die letzten unabhängigen Staaten Südarabiens und machten so den Weg für das Christentum frei. Sie drängten auch nach Norden vor und bedrohten im Jahr 527 die Stadt Mekka, die für die Araber sowohl als Handelszentrum wie auch als Kult- und Wallfahrtsstätte bedeutsam war. Dennoch scheiterte das Unternehmen bald völlig, denn schon nach kurzer Zeit übten die Perser wieder die Kontrolle über den Jemen aus. Diese unablässigen Truppenbewegungen und ständigen GrenzVerschiebungen zwischen den verschiedenen Völkern der arabischen Halbinsel haben sowohl in kultureller als auch in religiöser Hinsicht deutliche Spuren hinterlassen. Der größte Teil der Araber in den Grenzgebieten, sowohl in dem von Byzanz annektierten Gebiet als auch in dem unter persischer Kontrolle, waren Christen. Auch in den südlichen

Der Tempel von Hatra, Irak. In Mesopotamien gab es in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeit Städte mit Bewohnern arabischen Ursprungs.

liehen Hochebene Nadschd. Im Süden verläuft eine hohe Gebirgskette vom Jemen bis zum Golf: Die klimatischen und geographischen Merkmale des Gebiets haben den Anbau von Gewürzen und Duftstoffen begünstigt, die im Mittelmeerraum sehr begehrt waren.

Jassan und Hira. An der nordwestlichen Grenze zur Wüste, etwa auf dem Gebiet des heutigen Jordanien, entstand unter byzantinischer Protektion das arabische Fürstentum Jassan; an der nordöstlichen Grenze auf persischer Seite entstand unter deren

Schutz das arabische Fürstentum Hira. Die Kultur beider Fürstentümer war aramäisch, während die Religion christlich war.

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Die Geschichte

Miniatur von al-Wasiti aus den Makamen von al-Hariri (1237), Niederschrift von Erzählungen der mündlichen Tradition. Paris, Bibliotheque Nationale.

Gebieten gab es christliche Siedlungen wie im Nadschran oder im Jemen. Daneben gab es vor allem im Jemen und an zahlreichen anderen Orten im Innern der arabischen Halbinsel jüdische Gemeinschaften. Die Mitglieder dieser Gemeinschaften stammten vorwiegend von Flüchtlingen aus Judäa ab, andere hatten sich aus Konvertiten herangebildet. Die Gemeinschaften der Nicht-Araber waren vollständig arabisiert. Wenige Araber dagegen hatten aus verschiedenen Gründen die persische Religion angenommen. Daneben gab es die sogenannten Hanifen, womit man diejenigen meinte, die den Polytheismus nicht akzeptierten und traditionell Abrahams Vorstellung von einem einzigen Gott verbunden blieben. Aus der mündlichen Überlieferung der Zeit vor dem 8. Jahrhundert kann man erkennen, daß die Gesellschaft der Araber im wesentlichen durch den Zusammenschluß blutsverwandter Gruppen organisiert war. Die Mitglieder einer Gruppe wurden als barm, «Nachfahren», bezeichnet, das heißt, sie waren Kinder eines Stammvaters und trugen seinen Namen. Innerhalb des Stammes gab es eine gewisse Hierarchie, die sich auf die Reinheit der Sprache und persönliche Qualitäten gründete, grundsätzlich herrschte jedoch das absolute Gleichheitsprinzip. Im Rat der Ältesten, die die Entscheidungen trafen, gab es den sayyid, den «Herrn», der aufgrund seiner Eigenschaften wie Vornehmheit, Mut, Charisma und seiner Fähigkeit, die Diskussionen innerhalb des Rats zu leiten, frei gewählt wurde. Das Blutrecht beinhaltete, daß das Gesetz der Vergeltung die engsten Verwandten des Beleidigers und des Beleidigten traf. Die Lebensbedingungen in der Wüste boten dem arabischen Volk keine Möglichkeit, sich einer Kunst zu widmen, für deren Ausübung man auf eine Vielzahl von Materialien oder Instrumenten angewiesen war. Da sie ständig unterwegs waren und nur das Wichtigste

Die mündliche Überlieferung. Mit dem Anfang des 8. Jahrhunderts begannen die islamischen Wissenschaftler, aus kulturellen, linguistischen und historischen Gründen, aus der noch lebendigen mündlichen Überlieferung die Überreste einer litera-

rischen Tätigkeit zu sammeln, die vor oder gleichzeitig mit der Offenbarung entstanden war: Es handelte sich um Werke der Dichtkunst, die mündlich weiterverbreitet wurden, da die Schrift zwar bekannt, aber wenig gebräuchlich war. Die Dichtung war so

verbreitet, da sich die Reime dank des Rhythmus gut einprägten. Diese Dichtung erscheint wie ein «Behälter», in dem Gebräuche, Sitten und Beschreibungen der Landschaften aufbewahrt sind. Sie ist der Spiegel einer Gesellschaft von Indivi-

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Die Araber vor dem Islam

mitnehmen konnten, richteten sie ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Kunst des Wortes. In der Sprache, die sie mit großem Einfallsreichtum kultivierten, fanden sie ein geeignetes Medium, um sich künstlerisch auszudrücken, das den Mangel an anderen zwangsläufig vernachlässigten künstlerischen Formen vollauf ersetzen konnte. Durch Worte verliehen sie ihren Empfindungen Gestalt, und mit Worten haben sie ihre Umwelt abgebildet. Die Beduinen waren in jener Zeit in allem vollständig auf die Erfordernisse eingerichtet, die ein Leben in der Wüste ihnen abverlangte. Die Erfahrung der eigenen Begrenztheit in einem schier grenzenlosen Umfeld beeinflußte ihre Gedanken und Gefühle und prägte das kollektive Bewußtsein. Ihr Alltagsleben veränderte sich im Rhythmus mit der äußeren Umgebung, und das heißt ständig, denn die Wüste ändert ihre Physiognomie mit jedem Windstoß.

Nomadenleben in der syrischen Wüste: ein Zeltlager der Beduinen. Das Nomadenleben erlaubte nur eine einzige Form der Kunst, die des Wortes.

dualisten, die sehr stark an der eigenen Unabhängigkeit hingen, sich jedoch um zu überleben mit anderen zusammenschließen mußten. Die Traditionen, die Abstammung, der Ruhm der Stämme und ihrer Anführer wurden ebenso wie ihre Schwächen und

ihr Unglück während langer Nachtwachen in den sogenannten samar besungen. Diese Gesänge wurden von Stamm zu Stamm und Generation zu Generation weitergegeben. Ein anderer Ort, an dem die Dichtung verbreitet wurde, waren die von Zeit zu Zeit stattfinden-

den Märkte. Der berühmteste fand in 'Ukaz bei Ta'if, im Hidschaz, statt. All dieses Material und die islamische Tradition, die fast gleichzeitig damit entstand, stellt die reichste Quelle dar, um die Geschichte eines Volkes und seiner Religion kennenzulernen.

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Mohammed, der Prophet
Die Tradition berichtet, daß der Patriarch Abraham seine Frau Hagar und seinen Sohn Ismael in ein einsames Wüstental südlich von Kanaan führte. Hier verkündete ihr der Engel, daß Ismael eine große Nation begründen würde, und Hagar sah, wie das Wasser unter dem Sand hervorquoll. Von da an wurde das Tal zum Rastplatz der Karavanen, weil das Wasser gut war und reichlich floß: Der Brunnen bekam den Namen Zamzam. Eines Tages besuchte Abraham seinen Sohn, und Gott zeigte ihm die genaue Stelle, in der Nähe des Brunnens, wo Ismael ein Heiligtum errichten sollte, das den Namen Ka'ba (Kubus) erhielt. Seine vier Ecken sollten nach den Kardinalpunkten ausgerichtet sein, und in der östlichen sollte der heiligste Gegenstand aufbewahrt werden — ein schwarzer Stein, der vom Himmel gefallen war. Abraham legte fest, daß in jedem Jahr mindestens eine große Pilgerfahrt zu dem Heiligtum stattfinden sollte, kleinere jedoch jeder Zeit. In immer größerer Anzahl begannen die Pilger aus allen Teilen Arabiens und aus anderen Ländern hierherzuströmen und brachten reiche Gaben mit, die sie Mekka darboten. Aber im Lauf der Jahrhunderte verlor sich die Reinheit des Kults gegenüber dem Einzigen Gott. Auch der Brunnen Zamzam versiegte. Direkt verantwortlich waren die Mitglieder des Stammes Dschurhum aus dem Jemen. Die Dschurhum hatten sich die Kontrolle über Mekka gesichert, und die Nachkommen Abrahams hatten dies geduldet, weil die zweite Frau des Ismael diesem
Linke Seite: Mohammed gelangt auf seinem geflügelten Schlachtroß ins Paradies. Darunter sind die heiligen Felsen Jerusalems und die Ka'ba zu sehen. Persische Miniatur des 16. Jh. Unten: Der Name des Propheten. In geschriebener oder gesprochener Form folgt ihm immer der Satz nach: salla Allahu 'alaihi wa-sallam, «der Friede und der Segen Allahs sei mit ihm». Ausschnitt einer Inschrift auf Keramik.

Der Engel. In der Wüste litten Hagar und Ismael bald an Durst, worauf die Mutter, die um das Leben ihres Sohnes bangte, auf einen Felsen zu Füßen einer nahen Anhöhe kletterte, um zu sehen, ob ihnen jemand helfen könnte. Da sie niemanden

erblickte, eilte sie zu einer anderen Anhöhe, wieder ohne Erfolg. Von Panik ergriffen rannte Hagar sieben Mal zu einer höher gelegenen Stelle, bis sie sich beim siebten Mal erschöpft auf einem Felsen niederließ. Ein Engel erschien ihr, der ihr befahl

aufzustehen und ihr Kind hochzuheben. Er verkündete ihr, daß Gott durch Ismael eine großes Volk schaffen würde. Als Hagar die Augen wieder öffnete, sah sie eine Quelle, die unter dem Fuß des Kindes aus dem Sand entsprang.

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Die Geschichte

Volkstümlicher Druck mit der Darstellung der Ka'ba. Ein Tuch aus schwarzem Brokat bedeckt das ganze Gebäude. Die vier Engel befinden sich an den Kardinalpunkten.

Stamm angehörte. Aber dann kam eine Zeit, in der die Dschurhum alle möglichen Frevel begingen, bis sie schließlich aus der Stadt verjagt wurden. Vor ihrer Vertreibung schütteten sie den Brunnen mit einem Teil des Schatzes aus dem Heiligtum auf und bedeckten ihn mit Sand. Nach den Dschurhum wurden die Khuza'ah die Herren von Mekka. Die Khuza'ah waren ein arabischer Stamm, der sich von Ismael herleitete und einst in den Jemen emigriert war, inzwischen aber wieder im Norden lebte. Sie unternahmen keinerlei Versuch, den Brunnen wiederzufinden und begingen das Vergehen, das syrische Idol Hubal in der Ka'ba aufzustellen, um es als Vermittler zwischen ihnen und Gott anzubeten. Im 4- Jahrhundert etwa heiratete ein Mann namens Qusayy aus dem arabischen Stamm der Quraysch, der von Abraham abstammte, die Tochter eines Oberhaupts der Khuza'ah. Nach dem Tod seines Schwiegervaters und nach einer blutigen Schlacht entschied man, daß Qusayy Mekka regieren und Wächter der Ka'ba werden sollte. Er rief daraufhin seinen Stamm zusammen und hieß ihn, sich im Tal bei dem Heiligtum anzusiedeln. Qusayy hatte vier Söhne, aber der wichtigste, der auch zu Lebzeiten des Vaters große Ehre erfuhr, war 'Abd Manaf, den der Vater als Nachfolger dem weniger befähigten Erstgeborenen 'Abd ad-Dar vorzog. Diese Rivalität führte zu einem Konflikt, der in der nachfolgenden Generation mit einem Kompromiß beigelegt

Haschim. Der Sohn von 'Abd Manaf hatte Geschäftssinn. Er setzte die beiden Karawanenrouten fest, die der Koran erwähnt: die eine führte in den Jemen, die andere in die nordwestlichen Gebiete Arabiens, bis nach Palästina und nach Syrien.
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Die Pilgerfahrt. Als das Gebäude fertiggestellt war, befahl Gott Abraham, die Pilgerfahrt nach Mekka als Ritual einzurichten: «Halte mein Haus rein für diejenigen, die den Umgang vollziehen und die stehen und sich beugen und niederfallen [im Gebet];

Und verkündige den Menschen die Pilgerfahrt: Sie werden zu dir kommen zu Fuß und auf jedem hageren Kamel, auf allen fernen Wegen.» (Sure 22, 26-27)

Mohammed, der Prophet

wurde: Haschim, der Sohn von 'Abd Manaf, der zweifellos der fähigste Mann seiner Zeit war, behielt das Recht, Steuern einzutreiben und die Pilger mit Speisen und Getränken zu versorgen, während die Nachfahren von 'Abd ad-Dar weiterhin den Schlüssel der Ka'ba und andere Rechte behalten sollten. Entlang der Karawanenstraße, etwa elf Tagesreisen mit dem Kamel nördlich von Mekka entfernt, befindet sich die Oase von Yathrib, die von jüdischen Stämmen bewohnt wurde, jedoch unter der Kontrolle eines aus dem Süden stammenden arabischen Stammes stand. Bald unterteilte sich der arabische Stamm in zwei Clans: Aus und Khazradsch, die sich im Konflikt miteinander befanden. Haschim hielt um die Hand der einflußreichsten Frau der Khazradsch an und hatte einen Sohn mit ihr, 'Abd al-Muttalib, der schon als junger Mann große Führungsqualitäten bewies. Beim Tod seines Onkels wurde der begabte junge Mann auserwählt, um die Verantwortung für die Speisen und Getränke der Pilger zu übernehmen. 'Abd al-Muttalib, der von den Quraysch wegen seines Mutes und seiner Weisheit geachtet wurde, hatte jedoch keine Söhne. Da er diesen Mangel schmerzlich empfand, bat er Gott um die Gnade, ihm Söhne zu schenken. Mit seinem Gebet legte er das Gelübde ab, daß er von zehn Söhnen einen in der Ka'ba opfern würde. Sein Gebet wurde erhört, und als seine Söhne
Pilger bei der rituellen Umgehung der Ka'ba. Gott hatte Abraham befohlen, das Ritual der Pilgerfahrt nach Mekka festzusetzen, einer der fünf Pfeiler des Glaubens.

Der Brunnen Zamzam.

An die nordwestliche Seite der Ka'ba grenzt ein kleiner Platz namens Hidschr Isma'il, weil sich unter dem steinernen Boden die Gräber von Ismael und Hagar befinden. Eines Nachts erschien 'Abd alMuttalib, der gerne in der

Nähe des Gotteshauses schlief, eine Gestalt, die ihm befahl, an einer bestimmten Stelle nach dem Brunnen Zamzam zu graben. Mit dem Brunnen kam auch der unter dem Sand begrabene Schatz wieder zum Vorschein. Mit großem Geschick gelang es

'Abd al-Muttalib, den Streit, der unter den Stämmen auszubrechen drohte, zu schlichten. Es wurde festgelegt, daß fortan der Clan des Haschim für den Brunnen Zamzam verantwortlich sein sollte.

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Die Geschichte

'Abd al-Muttalib flüstert den Namen Mohammeds ins Ohr des Elephanten. Türkische Miniatur. Istanbul, TopkapiMuseum. Unten: Die Elefanten bleiben wie durch ein Wunder vor der Ka'ba stehen. Türkische Miniatur, Topkapi-Museum.

erwachsen waren, führte der Vater sie zum Heiligtum, um eine Schicksalsentscheidung herbeizuführen. Das Los traf den jüngsten und am meisten geliebten 'Abd Allah. Als die Frauen des Clans protestierten und 'Abd al-Muttalib bedrängten, beschloß dieser eine weise Frau seiner Geburtsstadt Yathrib um Rat zu fragen. Ein Menschenleben war damals in Mekka soviel wie zehn Kamele wert, und die Frau riet ihm, das Los zwischen dem Jungen und zehn Kamelen entscheiden zu lassen. Beim zehnten Mal fiel der Pfeil endlich in Richtung der Kamele, und anstelle des Jungen wurden hundert Kamele geopfert. Das war der Preis des Blutes, und 'Abd Allah war gerettet. Der Vater beschloß nun, seinem Sohn eine Frau zu suchen, und so wurde eine Enkelin von Qusayy, die schöne Amina, Tochter des Wahhab, auserwählt.

Die Geburt Mohammeds. Im Jahr 570, kaum ein Jahr nach seiner Hochzeit, starb 'Abd Allah. Der Schmerz in ganz Mekka war groß, und der einzige Trost bestand darin, daß Amina wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes einen Sohn gebar, der den Namen Mohammed erhielt. Wenige Araber waren des Lesens kundig, aber es war der Wunsch der vornehmen arabischen Familien, daß ihre Kinder reines Arabisch sprachen. Eloquenz und Schönheit der Rede galten als Tugend, und die Anerkennung eines Mannes

Das Jahr des Elefanten. Im Jahr 570 erlangte im Jemen ein Abessinier namens Abraha die Macht. Sein Ziel war es, Mekka als wichtigstes Ziel der Pilgerfahrt auszustechen. Zu diesem Zweck ließ er in Sanaa eine außergewöhnliche Kathedrale

errichten. Dies rief den Zorn der arabischen Stämme hervor, und ein Mann aus dem Stamm der Quraysch beschloß, die Kirche zu profanisieren. Daraufhin schwor der erzürnte Abraha, die Ka'ba dem Erdboden gleichzumachen. Er ließ ein großes

Heer aufmarschieren, an dessen Kopf er einen Elefanten stellte. Nur durch ein göttliches Wunder konnte die Ka'ba vor der Zerstörung gerettet werden: denn Gott hatte Vogelschwärme gesandt, die das Heer des Abraha mit Steinwürfen besiegten.

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Mohammed, der Prophet

gründete sich ganz wesentlich auf seine Fähigkeit zu dichten und auf sein Talent zur Poesie. Viele aus dem Stamm der Quraysch, der unlängst zum seßhaften Leben übergegangen war, gaben ihre Kinder in die Obhut von Beduinen-Ammen, damit sie in der klaren Luft der Wüste aufwachsen konnten, und so wurde auch der kleine Mohammed einer Frau namens Halima anvertraut. Als Mohammed sechs Jahre alt war, starb auch seine Mutter, woraufhin sich zunächst der Großvater des Waisenkindes annahm. Nachdem auch dieser gestorben war lebte Mohammed bei seinem Onkel Abu Talib, der ihn trotz seiner Armut fürsorglich erzog. Im Alter von zehn Jahren begleitete Mohammed seinen Onkel auf einer Reise mit einer Handelskarawane. In Bostra, auf der Karawanenstraße nach Mekka, trafen sie einen christlichen Mönch namens Bahira, der die Voraussage aus alten Manuskripten kannte, die von einem Propheten für die Araber berichteten. Sobald er den Jungen sah, erkannte er in ihm den Propheten und teilte es dem Onkel mit, bat ihn jedoch, das Geheimnis zu wahren. Durch seine Armut blieb Mohammed länger unverheiratet, als es in der arabischen Gesellschaft üblich war. Unter den reichsten Händlern Mekkas befand sich auch eine Frau, Khadidscha, aus dem mächtigen Clan der Asad, die eine entfernte Cousine von Haschims Söhnen war. Khadidscha war zweimal verheiratet gewesen, und nach dem Tod ihres zweiten Gatten stellte sie Männer ein, die an deren Stelle den Handel betrieben. Sie hatte bereits von Mohammed gehört, den man in Mekka al-Amin, «den Vertrauenswürdigen» und «den Ehrlichen» nannte, was für einen Händler sehr wichtig war. Eines Tages ließ Khadidscha ihn rufen und bat ihn, Waren nach Syrien zu transportieren. Nachdem Mohammed diese Mission erfüllt hatte,

Die Geburt Mohammeds auf einer türkischen Miniatur des 16. Jh. Istanbul, TopkapiMuseum.

Reinigung. Als Mohammed drei Jahre alt war, ereignete sich ein sehr bezeichnender Vorfall, der zur Reinigung seines Geistes beitrug. Als er mit seinem Ziehbruder hinter den Zelten spielte, näherten sich zwei weißgekleidete Männer mit einem

goldenen Gefäß voll Schnee. Sie nahmen das Kind, streckten es auf der Erde aus, öffneten ihm die Brust und nahmen mit den Händen das Herz heraus. Sie entfernten einen kleinen schwarzen Krumen und warfen ihn weg. Danach wuschen sie Herz und Brust

des Kindes mit Schnee und ließen es gehen. Die Erzählung des kleinen Bruders, der dem Geschehen beigewohnt hatte, alarmierte die Amme. Aus Angst, daß Mohammed etwas zustoßen könnte, beschloß sie, ihn zu seiner Familie zurückzubringen.

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Die Geschichte

Der Schwarze Stein wird in die wiedererrichtete Ka'ba getragen. Persische Miniatur. Edinburgh, Universitätsbibliothek.

schickte die schöne Khadidscha eine Freundin, um die Ehe zu vermitteln. Schnell waren die notwendigen Vereinbarungen getroffen, und so verließ Mohammed das Haus des Onkels, um bei seiner Ehefrau zu leben. Am Tag der Heirat schenkte die Ehefrau ihrem Mann einen ihrer Sklaven, einen fünfzehnjährigen Jungen namens Zayd, den Mohammed adoptierte. Um seinem Onkel zu helfen, der sich aufgrund seiner zahlreichen Kinder in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand, nahm Mohammed auch seinen Cousin 'Ali in seinem Haus auf. Mohammed war 35 Jahre alt, als die Quraysch beschlossen, die Ka'ba wiederaufzubauen.

Der Rückzug. Mohammed liebte die Einsamkeit und Meditation und zog sich dazu in eine Höhle auf dem Berg Hira, in der Nähe von Mekka, zurück. Eines Nachts, in seinem 40. Jahr, vor dem Beginn des traditionellen Fastenmonats Ramadan, erschien in der Höhle ein Engel in menschlicher Gestalt. Dieser befahl Mohammed, eine Schriftrolle zu lesen, die er bei sich trug. Erschreckt floh Mohammed aus der Höhle nach Hause und berichtete seiner Frau, was ihm widerfahren war. Als Khadidscha dies hörte, lief sie eilends zu ihrem Cousin Waraqa, der in Hanif als Kenner der alten Schriften galt. Dieser verkündete Khadidscha, daß ihr Mann der Prophet seines Volkes sei. Die Behauptung des Waraqa wurde gleich darauf durch weitere Zeichen, die der Himmel sandte, bestätigt.

Der junge Mohammed. Mit 25 Jahren war Mohammed von mittlerer Größe, schlank, mit breiten Schultern. Haare und Bart waren dicht, schwarz und leicht gewellt. Seine Haut war hell, seine Stirn breit. In einigen Beschreibungen waren seine Augen groß

und oval geschnitten, mit sehr langen Wimpern, in anderen waren sie braun.

Die Kinder. Die Ehe war glücklich, und Khadidscha gebar sechs Kinder: Der erste Sohn namens Qasim starb vor seinem zweiten Geburtstag. Danach wurden die Töchter geboren: Zaynab, Ruqayya, Umm Kulthum und Fatima.

Mohammed, der Prophet

Davon ermutigt und von seiner Frau bedrängt, erzählte Mohammed all denjenigen, die ihm am nächsten standen und die er am meisten liebte, von dem Engel und von den Offenbarungen. Die ersten, die die Regeln der neuen Religion akzeptierten, waren nach Khadidscha sein Cousin 'Ali, sein Adoptivsohn Zayd und der treue Freund des Propheten, Abu Bakr, ein geschätzter und geehrter Mann mit großem Wissen, der freundlich und angenehm war. Durch ihn bekannten sich viele zur neuen Religion, und wie Khadidscha zögerte auch er nicht, seinen gesamten Reichtum der Sache des Islam zu vermachen. So wurde die Gruppe der Gläubigen, Männer und Frauen, ständig größer, auch wenn niemand öffentlich aufgefordert worden war, der neuen Religion beizutreten. In der Anfangszeit des Islam beteten die Gefährten des Propheten immer in Gruppen und ohne Zeugen in einem kleinen Tal bei Mekka. Mitten im Gebet versunken, wurden sie einmal von Ungläubigen brutal gestört und beleidigt. Aber die Muslime wollten keine Gewalt anwenden, weil Gott es anders beschlossen hatte. Als Mohammed die neue Religion öffentlich verkündete, schienen die Quraysch zunächst geneigt, sie zu tolerieren. Als sie jedoch verstanden, daß sich diese Lehre direkt gegen ihre Götter, ihre Traditionen und Prinzipien richtete, fürchteten sie um ihren Handel und versuchten Mohammed mit allen Mitteln von seiner Missionsarbeit abzubringen. Da

Eine Stadt wird dem Propheten dargeboten. Miniatur aus Täbriz, 14. Jh. Istanbul, Topkapi-Museum.

Die Wiedererrichtung der Ka'ba. Bis Mohammed die Ka'ba wiederrichtete, hatte sie kein Dach, und ihre Mauern waren nur mannshoch. Während des Wiederaufbaus entstand eine heftige Auseinandersetzung zwischen den Quraysch, weil jeder Clan

für sich die Ehre beanspruchte, den Schwarzen Stein zu heben und an seinen neuen Platz zu tragen. Der Streit wurde durch Mohammed geschlichtet: Er bat um einen Mantel, breitete ihn auf der Schwelle aus und legte den Stein in die Mitte. Danach

forderte er jeden Clan auf, einen Zipfel des Mantels zu fassen. Als der Mantel hochgehoben war, ergriff der Prophet den Stein mit seinen Händen und legte ihn an seinen Platz. Danach wurde der Bau zur Zufriedenheit aller fertiggestellt.

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Die Geschichte

Fest bei arabischen Händlern. Miniatur aus der Handschrift von Avicenna. Mailand, Biblioteca Ambrosiana.

sich der Prophet jedoch weder durch Drohungen noch durch verlockende Angebote beeindrucken ließ und auch weiterhin fortfuhr, andere zu bekehren, gingen die Quraysch dazu über, die Gläubigen, die über keinerlei Schutz verfügten, zu drangsalieren. Die Anfänge der Glaubensgemeinschaft. Die Anzahl der Gläubigen wuchs beständig an, obwohl die Bewohner Mekkas ihnen gegenüber eine immer feindseligere Haltung einnahmen. Eines Tages wurde auch der Prophet selbst angegriffen und von Abu 1-Hakam, einem Feind des Islam, den die Muslime Abu Dschahl, «Vater des Unwissens», nennen, öffentlich beleidigt. Der Prophet setzte sich jedoch nicht zur Wehr, sondern erhob sich lediglich, um ins Haus zurückzukehren. Hamza, ein Onkel des Propheten, begab sich nach dem Vorfall sofort zur Moschee, wo Abu Dschiahl mit mehreren Quraysch saß, und zielte mit dem Bogen auf dessen Schulter. Abu Dschiahl, der es mit der Angst zu tun bekam, reagierte nicht, denn Hamza, der seine Bekehrung zum Islam mit dieser Geste öffentlich machte, genoß als Krieger großes Ansehen. Dieser neue Sieg Mohammeds alarmierte die Quraysch: Für sie wurde es Zeit, einer Entwicklung Einhalt zu gebieten, die ihr Prestige unter den Arabern zerstörte und ihre Interessen bedrohte. Einer von ihnen begab sich zum Propheten, der in der Nähe der Ka'ba saß, um ihm ein Angebot zu unterbreiten. Aber Mohammed erwies sich als unbestechlich und beharrte auf seiner Position, und so wuchsen der Gemeinschaft neben vielen jungen Quraysch, die so den Zorn ihrer Eltern auf sich

Die Offenbarung. Als der Engel Mohammed erschien, war sein erstes Wort: «Lies!» Auf die Antwort «Ich kann nicht lesen», wurde die Aufforderung noch zweimal wiederholt: «Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf, / Er schuf den

Menschen aus einem Klumpen Blut./Lies! denn dein Herr ist der Allgütige,/ der [den Menschen] lehrte durch die Feder,/ den Menschen lehrte, was er nicht wußte.» (Sure 96, 1-5)

Die ersten Gläubigen. Die ersten die sich zur neuen Religion bekannten, waren die Neffen Dscha'far und Zubayr. Eine Offenbarung befahl dem Propheten, den eigenen Clan zu bekehren. Er folgte dem Befehl, hatte jedoch nur geringen Erfolg.

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Mohammed, der Prophet

zogen, auch noch andere einflußreiche Gläubige zu, wie zum Beispiel 'Uthman, der zum umayyadischen Clan der reichen und angesehenen 'Abd Schams gehörte. Mit wachsender Sorge beobachtete Mohammed jedoch, daß er zwar selbst von den Verfolgungen ausgenommen war, diesen jedoch viele seiner Anhänger zum Opfer fielen. Um sie in Sicherheit zu bringen, befahl er ihnen, nach Abessinien überzusiedeln. «Es ist ein Land religiöser Ehrlichkeit», sagte er, «mit einem König, unter dessen Schutz niemand Ungerechtigkeiten erleiden muß.» Tatsächlich wurden die Emigranten dort sehr wohlwollend aufgenommen und man ließ sie ihren Kult frei ausüben. Eine Gruppe von 80 Menschen, die Kinder nicht mitgerechnet, waren die ersten Emigranten des Islam. Nachdem es den Quraysch nicht gelungen war, die Flucht der Gläubigen nach Abessinien zu vereitlen, gerieten die in Mekka zurückgebliebenen Muslime unter noch größeren Druck. Unterstützung erhielten sie jedoch von unerwarteter Seite: Der sechsundzwanzigj ährige 'Umar, Sohn des Khattab und Neffe von Abu Dschahl, der die gläubigen Muslime auf Anweisung seines Onkels ursprünglich besonders erbittert verfolgt hatte, bekehrte sich zum Islam. Mit großem Mut betete er öffentlich vor der Ka'ba und ermutigte die Muslime, es ihm gleichzutun. Zwei Jahre später erlitt der Prophet einen großen Verlust. Im

Hamza, ein großer Krieger, der sich zum Islam bekehrt hatte, trifft Abu Dschiahl, nachdem dieser den Propheten beleidigt hat. Persische Miniatur (1030). Paris, Bibliotheque Nationale.

Aus und Khazradsch. In Yathrib versuchten sich die Stämme, die immer noch im Konflikt miteinander lebten, mit den jüdischen Stämmen zu verbrüdern, die in der Oase lebten. Die Beziehungen blieben jedoch von gegenseitigem Mißtrauen geprägt.

Als die Araber hörten, daß in Mekka ein Mann lebte, der sich Prophet nannte, wandten sie sich bei ihrer Suche nach Verbündeten an ihn. Eine von den Anführern der Aus entsandte Delegation begab sich nach Mekka, um die Quraysch um Hilfe gegen

die Khazradsch zu bitten; sie erhielten jedoch eine ablehnende Antwort. Der Prophet, der ihnen etwas Besseres bieten wollte als seine Unterstützung, rezitierte einen Teil des Korans. Sie waren jedoch nicht geneigt, sich bekehren zu lassen.

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Die Geschichte

Der Prophet beginnt den Bau der ersten Moschee des Islam in Quba bei Medina. Türkische Miniatur des 16. Jh. New York, Public Library.

Jahr 619 starb mit 65 Jahren seine Frau Khadischa, und schon bald darauf starb auch Abu Talib. Im folgenden Jahr trafen sich während einer Pilgerfahrt Richtung Mekka, in der Nähe von Mina, sechs Männer aus Yathrib von dem Stamm der Khazradsch. Bei dieser Gelegenheit akzeptierten die sechs Männer die vom Islam auferlegten Bedingungen. Im selben Jahr heiratete der Prophet die fast 30jährige Sawda, die ebenfalls Witwe war. Ein paar Monate später wurde die junge und schöne Tochter Abu Bakrs, 'Aischa, Mohammed versprochen.

Hidschra, die Emigration. Nachdem der Prophet mit knapper Not einem Attentat der Quraysch entkommen war, mußten auch er und Abu Bakr aus Mekka fliehen. Nach vielen Schwierigkeiten erreichten beide am 27. September 622 die Oase von Yathrib. Bei der Ankunft in Yathrib wurde Mohammed feierlich empfangen, und sofort befahl er, einen Hof zu erwerben, der in eine Moschee verwandelt werden sollte. Den Muslimen von Yathrib gab der Prophet den Namen Ansar, «Helfer», während die Quraysch-Muslime und die anderen emigrierten Stämme in der Oase den Namen Muhadschirun erhielten. Der Prophet vereinbarte zwischen seinen Anhängern und den Juden, die in der Oase lebten,

Verfolgungen. Die Bekehrung des 'Umar brachte seinen Onkel Abu Dschahl nicht davon ab, die Muslime zu verfolgen. In einem Abkommen verpflichteten sich die Quraysch, weder Frauen aus dem Clan der Haschim zu heiraten noch ihre Töchter

mit Haschim-Männern zu verehelichten oder gar Handel mit ihnen zu treiben. Etwa vierzig Anführer der Quraysch — einige davon unter Zwang setzten ihr Siegel unter diesen Vertrag, und das Dokument wurde in der Ka'ba niedergelegt. Der

Bann gegen die Muslime blieb zwei Jahre in Kraft, führte aber nicht zu dem gewünschten Erfolg. Schließlich wurde er von Anführern, die nie damit einverstanden waren, offiziell zurückgenommen.

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Mohammed, der Prophet

ein Abkommen, in dem sich alle gegenseitig verpflichteten, die Religion des anderen zu tolerieren. In kurzer Zeit faßte der Islam in der Oase Fuß, die bald ihren Namen änderte und nun Medina, die «aufgeklärte Stadt», hieß. Das Gemeinschaftsleben wurde durch die Vorschriften der Offenbarung geregelt, die festsetzten, was erlaubt und was verboten war. Zu den Pflichten gehörte vor allem das Fasten im Ramadan und die Abgabe des Almosen. Als der Bau der Moschee beendet war, ließ der Prophet am östlichen Teil zwei kleine Wohnungen anbauen, in die er mit seiner neuen Frau Sawda und den Töchtern aus erster Ehe zog. Schon bald darauf heiratete er die junge und schöne Tochter des Abu Bakr, Aischa, die ihm seit langem versprochen war. Eine Offenbarung, die der Prophet kurz nach der Ankunft in Medina erhalten hatte, erlaubte dem Islam nun auch zu kämpfen. So dauerte es nicht lange, bis sich der Prophet mit einem bewaffneten Zug aus Helfern und Emigranten von etwa 350 Männern auf den Weg machte. Er begab sich nach Badr, im Westen der Küstenstraße von Syrien nach Mekka, weil er hoffte, dort die Karawane von Abu Sufyan abfangen und überfallen zu können. Aber der Plan scheiterte, da Abu Sufyan das Manöver früh genug durchschaute und die Karawane anwies, einen anderen Weg zu nehmen. Die Quraysch aber nahmen den gescheiterten Überfall sofort zum Anlaß, um in den Krieg zu ziehen. Am 17. März 623 traten sie den Muslimen mit einem Heer von gut 1000 Mann entgegen. Bei der überaus heftigen Schlacht verloren die Quraysch einige ihrer besten Ritter und Anführer und zogen sich verstreut und in kleinen Gruppen nach Mekka zurück. Diese Niederlage bestärkte sie jedoch nur darin, ihre Kriegsanstrengungen zu verstärken. Nachdem die Quraysch das muslimische Heer 625 in einer Schlacht besiegt
Zaynab, eine der Töchter Mohammeds, verläßt Mekka, um ihren Vater in Medina zu treffen. Türkische Miniatur, Istanbul. Museum der türkisch-islamischen Kunst.
l

Das Attentat. Die Quraysch beschlossen gemeinsam, den Plan des Abu Dschahl auszuführen und den Propheten zu töten: jeder Clan mußte einen starken und zuverlässigen jungen Mann aussuchen; zum verabredeten Moment sollten

sich alle gemeinsam auf Mohammed stürzen, und jeder von ihnen sollte ihm einen tödlichen Stoß versetzen. Auf diese Weise sollte sein Blut auf alle Clans fließen. Die ausgewählten jungen Männer trafen sich beim Einbruch der Nacht vor seiner Tür.

Der Prophet und sein Cousin 'Ali bemerkten sie jedoch rechtzeitig. Im Schutz der Nacht und der göttlichen Vorsehung verließ der Prophet das Haus, begab sich zu Abu Bakr und floh mit ihm nach Yathrib.

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Die Geschichte

Das mihrab der Moschee El Azhar, Kairo. Das mihrab, die Nische, die die Richtung des Gebets anzeigt, war ursprünglich nach Jerusalem gewandt; sie wurde nach einer Offenbarung 624 in Medina, im Monat Scha 'ban, nach Mekka ausgerichtet.

hatten, beschlossen sie im Jahr 627 nochmals anzugreifen, um Medina endgültig zu vernichten, was ihnen jedoch nicht gelang. Schon im folgenden Jahr begab sich der Prophet mit seinen Anhängern auf eine Pilgerfahrt nach Mekka. Als die Quraysch davon erfuhren, beriefen sie sofort eine Versammlung ein. Der heilige Monat hatte bereits begonnen, aber sie schickten trotzdem 200 Ritter, um den Pilgern den Weg abzuschneiden. Diese jedoch schlugen einen anderen Weg ein, um den Zusammenstoß zu verhindern. Sie erreichten den Paß, der nach Hudaybiya führt, einer Ebene unterhalb von Mekka, die an das heilige Gebiet angrenzt. Die Quraysch sandten nun einen ihrer Männer, der für seine Klugkeit und sein politisches Geschick bekannt war, um mit dem Propheten zu verhandeln. Die beiden handelten einen zehnjährigen Waffenstillstand aus. Darüber hinaus verzichteten Mohammed und seine Gläubigen in diesem Jahr darauf, nach Mekka zu pilgern. Sie erklärten sich bereit die Stadt nicht gegen den Willen und in Anwesenheit ihrer Bewohner zu betreten. Dafür sollten die Ungläubigen im folgenden Jahr für drei Tage die Stadt verlassen, um dem Propheten und seinen Gefährten die Pilgerfahrt zu ermöglichen. Der Pakt gab dem Propheten, wenn auch nur vorübergehend, eine gewisse Sicherheit, der nun seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden konnte. Mohammed schrieb Briefe an die Mächtigen seiner Zeit — unter anderem an den byzantinischen Kaiser Herakleios — mit der Aufforderung, sich zum Islam zu bekehren. Schließlich nahte der Aufbruch zur Pilgerreise, wie sie im Abkommen mit den Quraysch festgelegt worden war. Fast 2000 Gläubige nahmen am Ritual der Pilgerfahrt in der menschenleeren Stadt teil, während die Bewohner von den umliegenden Hügeln zusahen. Doch schon kurze Zeit später, um 630, wurde der Waffenstillstand gebrochen und die Muslime

Die Kämpfe. In den beiden Jahren nach der Schlacht von Badr litten die Bewohner von Mekka darunter, daß sie die Kontrolle über die Karawanenstraßen entlang des Roten Meeres verloren hatten. Deshalb bereiteten sie sich zum Gegenangriff

vor. Der Zusammenstoß ereignete sich in 'Uhud, im Norden Medinas und fügte den Muslimen eine schwere Niederlage zu. Während der Schlacht kamen viele Verwandte und Gefährten des Propheten ums Leben. Dieser schwere Schlag entmutigte die Glaubens-

gemeinschaft jedoch nicht. 627 holten die Quraysch mit Hilfe eines großen Heeres zum entscheidenden Schlag gegen Medina aus. Während der Belagerung des Festungsgrabens stellte sich die jüdische Gemeinschaft auf die Seite der Mekkaner und brach damit

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Mohammed, der Prophet

bereiteten einen Feldzug gegen die Quraysch vor. Mit fast zehntausend Männern war es das größte Heer, das jemals Medina verließ. Als der Befehl zum Angriff gegeben wurde, fielen die Truppen aus vier Richtungen in Mekka ein und überwältigten seine Bewohner. Feierlich zog das siegreiche Heer des Propheten in seine Geburtsstadt ein. Mohammed ließ sich zuerst zur Ka'ba bringen, dann zum Brunnen Zamzam, um dort zu trinken. Danach kehrte er zur Ka'ba zurück und befahl, alle Bildnisse und alle Götzenbilder in der Stadt zu zerstören. Nach dem Sieg von Mekka kehrte der Prophet nach Medina zurück und empfing nun viele Delegationen aus allen Teilen Arabiens. Darunter waren auch jüdische und christliche Delegationen aus dem Jemen und aus Nadschran. Der Prophet erläuterte ihnen die Gesetze des Islam und ermahnte sie, die Steuereintreiber gut zu behandeln, die die Abgaben der Muslime, Christen und Juden einsammeln sollten. Er sicherte allen den Schutz Gottes und des islamischen Staates für ihre Person und ihre Besitztümer zu und gewährte ihnen das Recht auf freie Religionsausübung. Im folgenden Jahr brach der Prophet von Medina aus an der Spitze von dreißigtausend Männern und Frauen zu einer Pilgerfahrt auf. Er setzte nun endgültig das Ritual gemäß der von Abraham überlieferten Regeln fest.
Unten: Krieger von Medina. Ausschnitt einer türkischen Miniatur aus dem 18. Jh. Istanbul, Museum der türkisch-islamischen Kunst. Die Schlacht von Bad r zwischen den Anhängern des Propheten und den Ungläubigen von Mekka. Türkische Miniatur aus dem 18. Jh. Istanbul, Topkapi-Museum.

das Bündnis mit dem Propheten. Dies führte zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Muslimen und Juden, bei dem letztere schwere Verluste erlitten.

Das Heer von Zayd. Drei Monate nach der Pilgerfahrt entsandte der Prophet fünfzehn Männer in friedlicher Mission zu einem arabischen Stamm an der Grenze zu Syrien. Alle Boten außer einem wurden getötet. Daraufhin rekrutierte Mohammed

dreitausend Männer und vertraute sie Zayds Kommando an. Das Heer unterlag im Kampf gegen zahlreiche Stämme aus dem Norden, die sich mit den byzantinischen Truppen zusammengeschlossen hatten.

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Die Geschichte

Mohammed a/s Gast bei christlichen Mönchen während einer Reise nach Syrien. Türkische Miniatur aus dem 16. Jh., Istanbul, TopkapiMuseum.

Der Tod des Propheten. Eines Tages, als Mohammed sich gerade in die Moschee begeben wollte, schmerzte ihn der Kopf wie nie zuvor. Am nächsten Tag, dem 8. Juni 632, ging das Fieber zurück, und obwohl der Prophet sich noch schwach fühlte, folgte er dem Gebetsruf und begab sich zur Moschee. Das Gebet hatte bereits begonnen, als er eintrat; Abu Bakr, der die Betenden anführte, wollte ihm seinen Platz überlassen, doch der Prophet gab ihm ein Zeichen: «Leite du das Gebet!» In die Wohnung 'Aischas zurückgekehrt, streckte er sich aus und legte seinen Kopf auf die Brust seiner Frau. Sie hörte ihn die letzten Worte aussprechen: «O Gott, mit höchster Begleitung ins Paradies.» Sein Kopf wurde schwer, und 'Aischa i \ \ •^^H bettete den Kopf des Propheten auf ein Kissen und weinte zusammen mit den anderen Ehefrauen. Die Muslime sahen sich nun sofort vor das Problem gestellt, die Nachfolge festzusetzen. 'Umar überzeugte Abu Bakr, sich mit ihm in den Saal zu begeben, wo sich die Menge der Helfer und einige Emigranten versammelt hatten. Abu Bakr war ein vertrauter Gefährte des Propheten und hatte das Gebet geleitet, als der Prophet noch am Leben war. 'Umar nahm also die Hand des Abu Bakr und schwor ihm Treue, Abu 'Ubaida und mehrere andere taten es ihm nach. Am nächsten Tag nach dem Frühgebet machten sich die Familienmitglieder

Die Herausforderer. Ein Mann namens Musaylima, der dem christlichen Stamm der Yamama angehörte und zum Islam übergetreten war, behauptete ebenfalls, ein Prophet zu sein. Er schrieb einen Brief an Mohammed, in dem er ihm vorschlug, die Macht

zu teilen. Die Antwort war, daß die Macht allein Gottes ist und die Erde nur ihm gehört. Der Herausforderer hatte nur kurzen Erfolg und wurde bald von seinen eigenen Anhängern getötet.

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Mohammed, der Prophet

des Propheten daran, das Begräbnis vorzubereiten. Sie begaben sich in 'Aischas Wohnung, wuschen und bekleideten den Körper des Toten und begruben ihn neben der Liegestatt, auf der sich der Prophet ausgestreckt hatte. Groß war der Schmerz in der ganzen Stadt Medina, und alle Bewohner eilten in Gruppen herbei, um Abschied zu nehmen und für ihn zu beten.

Das Grab Mohammeds in Medina. Türkische Keramik aus dem 18. Jh. Istanbul, Museum der türkischislamischen Kunst.

Die Ungläubigkeit 'Utnars. 'Umar hatte einen Vers des Koran falsch interpretiert und daraus geschlossen, daß der Prophet mehrere künftige Generationen überleben würde. In der Moschee sagte er, daß sich der Prophet in den Geist zurückgezogen habe.

Abu Bakr. Als der Prophet starb, befand sich Abu Bakr außerhalb der Stadt. Sofort aber kehrte er nach Medina zurück und nahm die Situation entschlossen in die Hand. Seine Rede in der Moschee bewegte die Menschen zutiefst. Nachdem er Gott

gelobt hatte, sagte er: «Oh ihr Menschen, wenn ihr Mohammed verehren wollt, doch Mohammed ist tot; doch wenn ihr Gott verehren wollt, Gott ist unter den Lebenden und stirbt nie.»

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Der islamische Staat
Die Geschichte des ersten islamischen Kalifats ist ebenso wie die des Propheten nur aus den muslimischen Quellen bekannt und mündlich überliefert. Beim Tod Mohammeds sprach man auf dem Gebiet des heutigen Orients, das von unterschiedlichen Herrschern regiert wurde, unterschiedliche Sprachen und verkündete unterschiedliche Religionen. In kürzester Zeit veränderte die neue Macht, vom neuen Glauben bestärkt, das ganze politische und militärische Gleichgewicht. Der Islam wurde Staatsreligion, und Arabisch - die Sprache des Korans - wurde zur offiziellen Sprache erklärt. Der vom Propheten begründete islamische Staat erlebte eine glückliche Epoche unter den vier Kalifen Raschidun, «den Wohlgeleiteten», Stellvertretern oder Statthaltern des Propheten: Abu Bakr, 'Umar, 'Uthman und 'Ali. Als erste schwierige Aufgabe mußte Abu Bakr die Einheit des islamischen Staates sichern und verhindern, daß sich die Stämme von falschen Propheten verführt untereinander aufspalteten. Abu Bakr reagierte entschlossen, und 633 wurden sezessionistische Bewegungen im Keim erstickt. Die arabischen Streitkräfte waren bereit, die Grenze zur Wüste zu überschreiten und den höher entwickelten Kulturen Mesopotamiens und Asiens die Prinzipien ihres Glaubens zu überbringen. Auf Befehl des Kalifen drangen die muslimischen Truppen 633 in Palästina und in Transjordanien ein. Gleichzeitig griffen Truppen Hira, die alte Residenzstadt der Lakhmiden am Euphrat, an. Die mehrheitlich christliche Bevölkerung, die aramäisch sprach und vom
Unten: Abu Bakr, übernahm das Kalifat nach dem Tod von Mohammed. Er ist einer der vier sogenannten «Wohlgeleiteten Kalifen». Ausschnitt einer türkischen Miniatur. Istanbul, Topkapi-Museum. Linke Seite: Mosaik im Bad des Umayyaden-Palastes Khirbat al-Mafjar. Israel (8. Jh.).

Jenseits der Wüste. Ursprünglich wurde die arabische Expansion von dem unüberwindlichen Wunsch nach neuen Gebieten und Ressourcen ausgelöst, um die zunehmende Verarmung des Erdbodens auf der arabischen Halbinsel

auszugleichen. Der religiöse Enthusiasmus des Propheten überzeugte die Araber Überbinger eines Einheit stiftenden Glaubens zu sein, der ihnen die Kraft verlieh, besser ausgerüstete Heere wie das byzantinische und persische zu besiegen.

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Die Geschichte

Ausschnitt einer gemeißelten Miniatur mit kufischer Inschrift. Saveh, Iran. Mit der Geburt des islamischen Staates entwickelt sich eine Architektur, die die kufischen Schriftzeichen als Ornament verwendet.

persischen Reich unterworfen worden war, geriet unter die Herrschaft des neuen islamischen Staats. Ebenfalls auf Befehl des Kalifen verließ der Feldherr Khalid ibn al-Walid, der noch vom Propheten den Namen Sayf Allah, «Schwert Gottes», erhalten hatte, im Jahr 634 den Irak, um auf einem legendären Marsch die Wüste zu durchqueren und den Truppen zu Hilfe zu eilen, die sich in Syrien in Schwierigkeiten befanden. Nach einer Reihe von schnellen Erfolgen zogen die Muslime 635 in Damaskus ein. Die entscheidende Schlacht gegen die Truppen des Herakleios fand im August 636 am Yarmuk statt, der südlich von Tiberias in den Jordan floß. Der Sieg verschaffte den Muslimen die endgültige Herrschaft über Syrien. Im Jahr 638 kapitulierten Jerusalem und Caesarea, die letzten Festungen der Byzantiner. 634 folgte das Kalifat von 'Umar ibn al-Khattab, dessen zehnjährige Herrschaft entscheidend für die Bildung des islamischen Staates war und der in der kollektiven Erinnerung des orthodoxen Islam eine bedeutende Rolle spielt. Im selben Jahr, als die Muslime Syrien eroberten, wurde auch Persien unterworfen. Nach der Niederlage von Qadisiyah im südlichen Irak im Jahr 636, wo die muslimischen Truppen nach dreitägigen harten Kämpfen den Weg zur Hauptstadt freikämpften, ergab sich Ktesiphon. Der letzte sasanidische Herrscher Yazdegerd III. wurde in Dschahlula besiegt und 641 endgültig in Hamadan unterworfen. Vor den Muslimen tat sich die persische Hochebene auf: Die Städte und

'Umar ibn al-Khattab. Dem von Abu Bakr designierten Nachfolger 'Umar gelang es nicht nur, die Einheit des Imperiums zu erhalten, sondern er legte auch das Fundament für ein funktionales und effizientes staatliches Verwaltungssystem.

Verbreitung des Islam. Nachdem die Perser von den Arabern unterworfen worden waren, übernahmen sie den Islam und trugen beachtlich zur Verbreitung des Glaubens unter den Völkern Zentralasiens bei.

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Der islamische Staat

Festungen fielen eine nach der anderen. Nach ungefähr zehn Jahren kontrollierten die Araber das gesamte Gebiet. Ende 639 überschritten wenige tausend arabische Ritter auf Befehl des 'Umar die ägyptische Grenze. Die Byzantiner setzten kaum Widerstand entgegen. Alexandria ergab sich, und die christliche Bevölkerung, die die koptische Sprache Ägyptens sprach und seit Jahrhunderten unter byzantinischer Herrschaft lebte, ging 645 zur islamischen über. Der islamische Staat gewährte seinen neuen Untertanen Religionsfreiheit, ganz so, wie es das Gesetz und das Abkommen zwischen dem Propheten und den «Menschen des Buches» (Ahl al kitab) vorgab, das heißt mit den Anhängern der monotheistischen Religionen, die schriftlich offenbart waren. Christen und Juden waren frei, und ihr Glauben wurde toleriert, sie mußten jedoch eine Kopfsteuer (dschizya) und eine Grundsteuer (kharadsch) entrichten, während die Muslime lediglich ein gesetzlich festgelegtes Almosen (zakat) an den Staat zu zahlen hatten. 'Umar hatte sich zur Frage seiner Nachfolge nicht geäußert, sondern lediglich einen Rat (schura) aus den sechs ältesten Gefährten des Propheten ausgewählt, unter denen der neue Kalif ausgewählt werden sollte. Bei seinem Tod fiel die Wahl des Rats auf 'Uthman, der zum Clan der Umayyaden gehörte und als erster Aristokrat Mekkas zum Islam übergetreten war. Darüber hinaus war er auch ein Schwiegersohn des Propheten.

Der Saal des UmayyadenPalastes Khirbat al-Mafjar, Israel, 8. Jh. Das zum größten Teil zerstörte Gebäude ist ein wichtiges Zeugnis der Architektur seiner Zeit. Paläste und Moscheen byzantinischer Herkunft haben große Innenhöfe.

Die Abgabe. Außer dem gesetzlich festgelegten Almosen, das an den Staat entrichtet wurde, mußten die Muslime keine weiteren Abgaben zahlen. Die gesamte Steuerlast wurde den unterworfenen Völkern aufgebürdet. Die Notwendigkeit, in den

eroberten Ländern Steuern einzutreiben und gleichzeitig den Truppen Sold zu zahlen, begünstigte die Entwicklung von komplexen Finanz- und Verwaltungsapparaten. Man stützte sich dabei auf Register und Listen der Kämpfer (diwan), die einem Funktionär

(amil) unterstanden, der selbst wiederum dem politischen und militärischen Gouverneur (wali) zur Seite gestellt war. Die Einnahmen des jungen Staates wurden vom Kalifen selbst verwaltet.

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Die Geschichte

Die Große Moschee der Umayyaden in Damaskus (707-714).

In den zwölf Jahren seines Kalifats (644-656) breitete sich der Islam weiter aus. Ganz Persien und Armenien wurden unterworfen, während das arabische Heer in Nordafrika bis nach Tripolis und ins heutige Tunesien vorstieß. Doch seine Herrschaft war auch durch wachsenden Unmut, soziale Proteste und ethisch-religiöse Konflikte gekennzeichnet, die schließlich zu seiner Ermordung führten.

Die Bürgerkriege. Damit wurde der Weg zum Kalifat frei für 'Ali, den Cousin des Mohammed. Dieser konnte seinen Machtanspruch jedoch nicht unmittelbar durchsetzen, weil das islamische Volk durch den Putsch in einen langwierigen und verlustreichen Bürgerkrieg gestürzt wurde. Zunächst mußte 'Ali die Opposition besiegen, die von 'Aischa, der Ehefrau des Propheten, angeführt wurde, danach mußte er gegen Mu'awiya, den mächtigen Gouverneur Syriens kämpfen, der die Ermordung 'Uthmans rächen und das Kalifat für sich selbst beanspruchen wollte. 'Ali fand in den ganzen fünf Jahren seiner unruhigen Regierungszeit keinen Frieden. Nach seinem Tod verzichtete sein ältester Sohn Hasan auf alle Ansprüche und erkannte Mu'awiya, der in Syrien zum Kalifen ernannt worden war, als neues Oberhaupt an. So entstand eine neue Dynastie, die ihren Herrschaftsanspruch

Die Umayyaden. Dem schwachen 'Uthman gelang es nicht, sich seinen adligen Cousins zu widersetzen, die die Schlüsselpositionen des Staates untereinander aufteilten. Einer von ihnen war Mu'awiya, Sohn von Abu Sufyan, der Zypern eroberte

(649) und versuchte Syrien auszurauben. 655 fand an der Küste von Lykien die erste Seeschlacht zwischen der neuen arabischen Flotte von Mu'awiya und der byzantinischen statt; der Sieg der Muslime leitete ihre Vormachtstellung im Mittelmeer ein.

Die definitive Ausgabe des Koran. Zu den Verdiensten 'Uthmans, des Nachfolgers von 'Umar, gehört es, daß er die endgültige Ausgabe des Koran (650) förderte.

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Der islamische Staat

nicht mehr dadurch legitimierte, daß sie der Familie des Propheten angehörte. Die Nachfolge des Kalifen ergab sich fortan aus der dynastischen Erbfolge. Die neue Monarchie dehnte ihre Herrschaft von Indien bis nach Spanien aus.

Die Schatzkammer im Innenhof der Großen Umayyaden-Moschee in Damaskus. Der Bau mit achteckigem Grundriß ist von Säulen gestützt und mit Mosaiken verziert. Unten: Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem.

Die Einheit des Imperiums. Von einer Nebenlinie der Umayyaden stieg 685 'Abd al-Malik ibn Marwan auf den Thron, der ein einheitliches Reich schuf. Ihm und seinem Nachfolger Hischam gebührt das Verdienst, die staatliche Verwaltung neu organisiert zu haben. Arabisch setzte sich als offizielle Verwaltungssprache durch und neue Goldmünzen mit arabischer Prägung wurden in Umlauf gebracht. Sein Sohn Walid (675-715) setzte die Eroberungspolitik fort und dehnte die Herrschaft der Umayyaden-Dynastie über Gibraltar bis nach Spanien und im Osten bis nach Transoxanien aus. 'Umar II. (717-720), ein Kalif tiefer Religiosität und mit großem Gerechtigkeitssinn, war einer der letzten großen Herrscher der Umayyaden-Dynastie. Von Osten her tauchte nun ein neuer Anwärter für das Kalifat auf, ein Abkömmling der 'Abbas, Onkel des Propheten aus dem Clan der Haschimiten, der die Umayyaden-Dynastie fast vollständig auslöschte. Aus der Dynastie rettete sich jedoch ein junger Mann mit außerordentlichem Mut und Entschlossenheit, dem es in einer abenteuerlichen Flucht gelang, sich in Spanien in Sicherheit zu bringen und dort sein Reich neu zu errichten. Mit den Abbasiden-Herrschern verlagerte sich das Zentrum der Macht nach Syrien, dem damaligen Dreh- und Angelpunkt der kosmopolitischen Mächte im Mittleren Orient. Nachfolger von Abu al-Abbas war sein Bruder Abu Dscha'far al-Mansur (754-775), der eigentliche Begründer

'Abd al-Malik ibn Marwan. Zu seiner Regierungszeit sind monumentale religiöse Bauwerke entstanden, die zum Wahrzeichen der universalen Botschaft des Islam wurden. Dazu gehören der Felsendom und die nahegelegene Moschee von Aqsa, die

'Abd al-Malik ibn Marwan 692 auf dem Tempelberg in Jerusalem errichten ließ.

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Die Geschichte

Der Innenhof des befestigten Palastes in Ukhaidir (Irak). Er wurde in der irakischen Wüste, in der Nähe von Bagdad, im Jahr 778 von Isa ibn Musa, dem Neffen von al-Mansur, erbaut.

der Dynastie, der am westlichen Ufer des Tigris, nicht weit von Ktesiphon, die neue Hauptstadt seines Reiches, Bagdad, erbauen ließ. Die Verwaltung der Randgebiete war in jeder Provinz einem amir anvertraut, der als Provinzgouverneur und Kommandant des Heeres fungierte, während den Finanz-und Steuerämtern ein 'amil vorstand. Trotz des straffen Verwaltungssystems war die Einheit des riesigen Imperiums unter den Abbasiden ständig von zentrifugalen Kräften bedroht. Bereits vom 8. Jahrhundert an hatten sich Spanien und der äußerste Maghreb von der Zentralmacht gelöst, weitere Randprovinzen sowohl im Osten als auch im Westen folgten nach. Der Prozeß der Iranisierung hatte mit al-Mansur begonnen und verstärkte sich mit seinem Sohn al-Mahdi (755-785), die beide vehement für die Reinheit der islamischen Lehre eintraten. Das goldene Zeitalter des Glanzes und der Macht des islamischen Reiches fällt in die lange Regierungszeit von Harun al-Raschid (786-809). Bereits unter der Herrschaft al-Mansurs breitete sich Wohlstand und sozialer Friede aus. Diese günstige Entwicklung konnte dank der Barmakiden, die die steuerliche, politische und wirtschaftliche

Administration des Landes in ihren Händen hatten, sogar noch ausgebaut werden. Die Barmakiden, die über vierzig Jahre lang das Imperium verwaltet hatten, waren in den Augen von al-Raschid allzu mächtig geworden. Er warf ihnen

Die Abbasiden. Während des Kalifats der Abbasiden, das mit Abu al'Abbas begann, wurden nicht nur die Araber, sondern auch Perser und andere Ethnien am Hof empfangen. Die politischreligiöse Macht ging von der patriarchalen zur abso-

luten Monarchie über. Die arabische Sprache wurde als einzige in der Kultur und Verwaltung verwendet, Kunst und Wissenschaft erlebten einen großen Aufschwung. Der Landbesitz der Araber genoß steuerliche Privilegien. Die Abbasiden heirateten nicht

nur innerhalb der adligen Familien, sondern verbanden sich auch mit Konkubinen und Sklaven verschiedener Herkunft. Das führte zur allmählichen Vermischung von Arabern und Angehörigen anderer Völker.

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Der islamische Staat

Raffgier und die Verschwendung von Staatsvermögen vor. Doch die Entmachtung der Barmakiden im Jahr 802 hatte verheerende Folgen für die Administration den Provinzen. Sie beschleunigte den Zerfall des Imperiums, das zunehmend weniger in der Lage war, seinen Machtanspruch durchzusetzen. Der Kalif al-Raschid bestimmte seinen ältesten Sohn alAmin, dessen Mutter eine Adlige arabischer Herkunft war, zu seinem Nachfolger und vertraute die Regierung des Khorasan und der östlichen Regionen al-Mamun, seinem Sohn mit einer persischen Sklavin, an. Al-Mamun bestimmte er zum Nachfolger des Bruders. Der neue Kalif hatte jedoch nicht die Absicht, die Ernennung des Bruders zu seinem Nachfolger zu respektieren, was einen blutigen Kampf auslöste. Nach einer langen Belagerung ergab sich Bagdad im Jahr 813, der Kalif al-Mamun hielt sich jedoch noch lange in den sicheren östlichen Provinzen auf, bevor er in die Hauptstadt zurückkehrte. Nachdem Bagdad erneut Hauptstadt des Imperiums war, führten regionale Machtbestrebungen in Persien zur Bildung von kleinen lokalen Fürstentümern. Im Jahr 820 machte sich ein General persischer Abstammung und Gouverneur al-Mamuns in den Regionen des Khorasan unabhängig und begründete eine autonome Dynastie. Bald folgten andere Regionen seinem Beispiel nach. Der Ruhm des Kalifen gründet sich vor allem auf die Schaffung des Bayt alHikma, einem kulturellen Zentrum, das sich sehr um Übersetzungen aus dem Griechischen
Unten: Ausschnitt der gemalten Dekoration eines islamischen Elfenbeinschreins (12.-13. Jh.). Florenz, Museo del Barge/lo. Der mit Mosaiken verzierte Bogen des mihrab von Hakam II., in der Großen Moschee von Cordoba (785-961).

Abu Dschia'far alMansur. Dem Kalifen alMansur und seinen Nachfolgern stand eine persische Barmakiden-Familie zur Seite, der der Titel wazir verliehen wurde. Der persische Einfluß machte sich im Hofleben bemerkbar, zum ersten Mal wurde

ein ständiges Heer nach persischem Modell geschaffen, das die Abhängigkeit des Kalifen von den arabischen Stämmen deutlich verringerte. Die Offiziere gehörten zum diwan und erhielten monatlichen Sold.

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Die Geschichte

Das Gebäude des rituellen Brunnens, inmitten des Innenhofes der Moschee ibn Tulun in Fustat (Ägypten), erbaut 876-879. Links im Bild das Minarett.

und Syrischen bemühte, und dem die philosophische, wissenschaftliche und medizinische Forschung wesentliche Impulse verdankt. Sein Nachfolger wurde sein Bruder al-Mu'tasim (833-847), der türkische Soldaten und Offiziere aus Zentralasien im Heer einführte. Die Unannehmlichkeiten, die die Soldaten den Einwohnern Bagdads bereitet hatten, zwangen den Kalifen und seinen Hofstaat aus türkischen Prätoren, seinen Sitz nach Samarra zu verlegen. Die neue Hauptstadt, die auch Militärstützpunkt war, lag etwa 150 Kilometer nördlich von Bagdad entfernt und blieb Hauptstadt bis zum Ende des Kalifats 892, als al-Mu'tasims Nachfolger beschloß, nach Bagdad zurückzukehren. Der energische al-Mutawakkil (847-861) brachte die Autorität des Kalifen wieder in Ordnung: Er begrenzte die Macht der türkischen Wache, regelte die Glaubensfragen im Sinne einer strengen Orthodoxie. Zwar unterstützten Bevölkerung und Theologen den Kalifen, das reichte jedoch nicht aus. Im Jahr 861 wurde er von der türkischen Wache ermordet, worauf in der Hauptstadt völlige Anarchie ausbrach. 870 wurde alMu'tamid zum Kalifen gewählt, der wegen seiner Jugend unter der Vormundschaft seines Bruders Talha al-Muwaffa regierte. Letzterem gelang es in zwanzigjähriger Regierungszeit, der Dynastie die frühere Autorität zurückzugeben.

Harun al-Raschid. Der Kalif war wegen seiner Großzügigkeit und Gerechtigkeit berühmt und wurde zur emblematischen Gestalt, um die sich viele Märchen aus 1001 Nacht drehen. Bei den mächtigsten Herrschern, vom Kaiser von China bis zu

Karl dem Großen, mit denen er Botschaften und Geschenke austauschte, genoß der Kalif al-Raschid höchstes internationales Ansehen. Den sakralen Charakter seiner Autorität als geistiger Führer der Muslime betonte er, indem er persönlich das

öffentliche Gebet am Freitag in der Hauptstadt leitete, Pilgerfahrten nach Mekka unternahm und den dschihad (Krieg gegen die Ungläubigen) vollzog.

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Der islamische Staat

Die schnelle Verwandlung eines Agrar- und Militärstaates in ein Vielvölkerreich mit blühenden Handelsaktivitäten und einer großen Konzentration von Arbeit und Kapital in den schnell wachsenden Städten, die über das ganze Land verstreut waren, hatte Ungleichheiten, starke Unzufriedenheit und soziale Spannungen hervorgerufen. Ebenso schnell hatte sich, unter dem Einfluß verschiedener Kulturen, das intellektuelle Leben herangebildet, das immer wieder ketzerische Bewegungen hervorrief. Dem Kalifen al-Muktafi (902-908) gelang es, die qarmatischen Revolten in Syrien und im Irak niederzuschlagen. Sein Nachfolger al-Muqtadir mußte sich mit Rebellionen auseinandersetzen, die, angefacht vom ismailitischen Gedankengut, in Nordafrika ausbrachen. Ihr Anführer 'Ubaidullah, der behauptete, seine Abstammung von Fatima, der Tochter des Propheten, herleiten zu können, ernannte sich zum Kalifen und legte den Grundstein zu einer fatimidischen Dynastie. Nordsyrien wurde nun von der Dynastie der Hamdaniten kontrolliert, während in Persien die schiitische Familie der Buyiden an die Macht gelangte. In Bagdad herrschten seinerzeit Unordnung und Chaos, der Kalif hatte jede Autorität verloren. Im Jahr 945 zog der buyidische Emir Ahmed als Verteidiger des geschwächten abbasidischen Kalifats in Bagdad ein und erhielt vom Kalifen den Ehrentitel Muizz a-Dawla. Die Macht lag nun ganz in den Händen der schiitischen Dynastie. Der Einfluß des Heeres und der mächtigen Aristokratie der militärischen Befehlshaber verstärkte sich. Gleichzeitig verringerte sich weiterhin das steuerliche Aufkommen.
Das spiralförmige Minarett der Großen Moschee in Samarra (848-852) im Norden Bagdads (Irak). Samarra wurde von dem Kalifen al-Mutawakkil als Militärstadt, zur Aufnahme seines großen Heeres, erbaut. Unten: Der Imam in der Moschee. Miniatur von alWasiti (1237). Paris, Bibliotheque Nationale.

Al-Mamun. Der Kalif al-Mamun gehörte zur theologischen Schule der Mutaziliten, deren Lehre er zur Staatsdoktrin erheben wollte. Die Mutaziliten vertraten die Meinung, daß rationale Überlegungen Vorrang vor der Tradition haben müßten. Sie begrün-

deten eine philosophische Schule und verliehen dem Imam die Macht, unabhängig vom Konsens der Rechtsgelehrten eine eigenständige Entscheidung zu treffen.

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Die Geschichte

Der Innenhof der Moschee alHakim in Kairo; links im Bild das oktagonale Minarett. Die Moschee wurde zwischen 996 und 1021 von dem fatimidischen Kalifen al-Hakim erbaut.

Der fatimidische Staat. Der fatimidische Staat in Nordafrika verleibte sich Ägypten ein (969) und dehnte seinen Einflußbereich bis nach Syrien und auf die arabische Halbinsel aus. Im Gegensatz zu den Buyiden erkannten die Ismailiten die abbasidische Autorität nicht an und strebten nach ihrer Abschaffung. Wohlstand und gefestigte Macht charakterisierten das fatimidische Ägypten, während das Kalifat von Bagdad immer schwächer wurde. Eine Reihe von äußeren Angriffen beschleunigte den Niedergang des Imperiums. Die christlichen Mächte in Europa, von Spanien bis nach Sizilien, organisierten ihre Kreuzzüge gegen das geschwächte Reich, während aus dem Osten Wellen von Invasoren aus den asiatischen Steppen vordrängten. Das galt vor allem für ein ursprünglich türkisches Volk aus den Steppen nördlich des Kaspischen Meeres, das sich im 10. Jahrhundert zum Islam bekehrt hatte und den lokalen Anführern Soldaten und Hilfstruppen bereitstellte. Einer ihrer Anführer, Toghril Beg aus der Dynastie der Seldschuken, der sich zur sunnitischen Orthodoxie bekannte, ernannte sich 1038 zum Sultan von Nischapur und begann seinen Marsch durch Persien. 1055 zog er in Bagdad ein, wo er das Regime der Buyiden beendete und vom Kalifen den Titel eines Sultans und den Auftrag erhielt, die Fatimiden zu bekämpfen. Etwa ein Jahrhundert lang beschäftigten sich die Seldschuken mit der Gründung religiöser Institutionen, mit der Stärkung der staatlichen Autorität und der Kultur.

Soziale Spannungen. Ende des 9. Jahrhunderts verbreiteten sich in der Hauptstadt und in den Provinzen zahlreiche Bettler verschiedener Herkunft, und die Aufstände der Schwarzen in den Salinen des Südirak fügten dem Staat großen Schaden zu.

Die Qarmaten. Der gewaltsame Aufstand der Qarmaten im Irak war auf dem Land und unter den Beduinen im Jahr 875 ausgebrochen. Er orientierte sich zwar am Schiismus, wurde jedoch durch politische und soziale Forderungen ausgelöst. Er

verbreitete sich schnell in verschiedenen Grenzregionen zwischen Syrien und dem Irak und griff dann auf einige Gebiete der arabischen Halbinsel über, bis 1075 in Bahrein ein unabhängiger Staat gegründet wurde.

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Der islamische Staat

Aufstände und Komplotte schwächten die Seldschuken zum Vorteil des Kalifen an-Nasir (1180-1225), der auch durch internationale Situation begünstigt wurde, da die Ayyubiden in Ägypten und in Syrien gegen die Kreuzfahrer beschäftigt waren, und die Khawarizm in Persien von den Mongolen bedrängt wurden. Diese wiederum brachen in die muslimische Welt ein (1243), erschütterten Persien und stießen bis zum Irak vor, wo sie die Hauptstadt der Abbasiden zerstörten (1258). Mit dem Ende des Kalifats ging eine Epoche in der islamischen Geschichte und Zivilisation zu Ende.

Aus dem Orient kamen die gefährlichsten Feinde des Kalifats von Bagdad. Den zum Islam bekehrten Türken gelang es, diese zu besiegen. Würdenträger erweisen hier Dschingis Khan die Ehre. Persische Miniatur aus dem 14. Jh. Paris, Bibliotheque Nationale.

Das fatimidische Ägypten. Unter der fatimidischen Dynastie erlebte Ägypten einen ungeheuren kulturellen Aufschwung, zu dem alle Ethnien und Religionen beitrugen. Er legt beredtes Zeugnis ab von dem universellen Geist des Islam. Die Expansion von

Wirtschaft und Handel begünstigte die Entwicklung der Stadt. Kosmopolitische Schichten mit erlesenem Geschmack bildeten sich heran. Literarische, wissenschaftliche und philosophische Werke wurden aus dem Griechischen, Persischen und dem

Indischen ins Arabische übersetzt und trugen so zur Bereicherung und Erneuerung der humanistischen Disziplinen in Arabien bei.

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Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität
Nach der Eroberung von Bagdad wandte sich der mongolische Kommandant Hulagu in Richtung des persischen Nordostens, wo er etwa acht Jahre lang gegen die seldschukischen Sultane in Anatolien kämpfte. In dieser Zeit standen sich im Mittleren Orient drei große Mächte gegenüber: das Persien der mongolischen Khans, die von osmanischen Fürsten regierte Türkei muslimischen Glaubens und die mamlukischen Sultane in Ägypten. Von dem großen Sieg ermutigt, begann Hulagu 1259 erneut einen bewaffneten Vorstoß gegen Syrien und zog nach der Eroberung Aleppos in Damaskus ein. In der Schlacht von 'Ayn Dschalut (Palästina) traf die Armee der Mongolen 1260 mit dem mamlukischen Heer unter dem Türken Baybars zusammen und wurde vernichtet. Der Konflikt zwischen der mongolischen Macht und Ägypten setzte sich noch einige Jahrzehnte lang fort und war auch dadurch nicht zu beenden, daß der Khan den islamischen Glauben annahm. Anstelle des schwachen Irak war Ägypten zum Mittelpunkt der islamischen Macht geworden, der es gelang, die Mongolen und die Kreuzfahrer zurückzudrängen. Nach dem Tod von Saladin (1193), dem Begründer der ayyubidischen Dynastie, zerbrach das Reich. Sein Nachfolger al-Malik al-'Adil besiegte noch einmal die Ritter des vierten Kreuzzugs, aber danach war Ägypten gezwungen, eine Politik der Koexistenz mit den Franken zu akzeptieren. Tumulte und Unstimmigkeiten folgten. Nach der Ermordung des letzten Abkömmlings von Saladin, dem Sultan Turan Scha 1250, heiratete der Mamluke 'Izz al-Din die Witwe des Verstorbenen und begründete den Mamluken-Staat in Ägypten und Syrien. Nach dem Sieg
Unten: Timur (Tamerlan) auf einer persischen Miniatur. Linke Seite: Frauen in einer Moschee in Isfahan (Iran).

Timur. Im Jahr 1380 machte sich in Zentralasien der mongolische Feudalherr Timur Richtung Persien auf, das er annektierte; daraufhin wandte er sich Richtung Irak und zerstörte Syrien. Erst mit Timurs Tod 1405 endete der verheerende Feldzug der

Steppenvölker, und das weite mongolische Reich zerfiel.

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Die Geschichte

über die Mongolen nutzte der mamlukische General Baybars die allgemeine Konfusion aus und ernannte sich selbst zum Sultan von Ägypten und Syrien. Um seine Macht zu stärken, berief er in Kairo einen geflohenen Abbasiden zum Kalifen, der jedoch nur ein Schattendasein führte und keinerlei Machtbefugnisse innehatte. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war in Anatolien, an der Grenze zum byzantinischen Bitinia, ein Fürstentum entstanden, das nach seinem Begründer den Namen Osman erhielt. Es befand sich in einem fortwährenden Grenzkrieg mit den Byzantinern. Gleichzeitig überquerten die osmanischen Truppen 1354 die Dardanellen und gelangten nach Europa, wo sie sich schnell auf dem Balkan, in Makedonien, Bulgarien und Serbien verbreiteten. Ein ehrgeiziger Heerführer, Bayezid I. (1389-1401), der vierte Erbe Osmans, begnügte sich nicht mit dem weiten ererbten Gebiet in Europa und Asien, sondern wollte auch die
Mann mit Blume. Miniatur der Schule von Herat (1260). Istanbul, Topkapi-Museum.

türkischen Emirate annektieren, um ganz Anatolien zu vereinen. Aber in der entscheidenden Schlacht von Ankara 1402 wurde Bayezid geschlagen. Nach jahrelangen Bürgerkriegen wurde Mehmet L, ein Sohn des Bayezid, im Jahr 1413 zum einzigen Herrscher des osmanischen Staates. Die territoriale Expansionspolitik wurde unter Murad II. (1421-1451) fortgesetzt.

Baybars. Der von Baybars begründete sunnitische Mamluken-Staat stützte sich auf eine sehr komplexe, zivile und militärische Verwaltungsstruktur, in der die zivilen Verwalter den mamlukischen Offizieren unterstellt waren. Das erbliche Sultanat

dauerte bis 1383 an, als der Kampf zwischen den Militärkommandanten um den Thron begann. Der Titel wurde endgültig 1517 abgeschafft, als die osmanischen Türken Ägypten eroberten.

Murad II. Der energische Sultan verteidigte die osmanische Macht auf dem Balkan gegen die Ungarn, weitete seine Macht bis nach Anatolien aus und konsolidierte den Staat; er modernisierte das Heer, indem er 1422 Feuerwaffen einführte.

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Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

Mehmet II., Sohn Murads, genannt Fatih, «der Eroberer», bestieg 1451 den Thron. Sofort wollte er das inzwischen islamische Anatolien und den europäischen Teil des Reiches zusammenschließen. Mit der Eroberung Konstantinopels, das nun Hauptstadt des Sultanats und neues geistiges Zentrum der muslimischen Welt in Europa wurde, setzte er dem byzantinischen Reich ein Ende. Als Bayezid II. 1481 Sultan der Osmanen wurde, entstand zwischen Ägypten und dem osmanischen Reich ein Konflikt um die Kontrolle über Sizilien. Von 1485-1490 dauerte der Krieg, der weder Sieger noch Besiegte kannte und sehr auf dem ägyptischen Staat lastete. Die Osmanen bereiteten sich zum letzten Angriff vor. Aber zuvor mußten sie sich mit der dritten islamischen Macht, Persien, auseinandersetzen. 1501 hatte Schah Isma'il, Herrscher der Turkmenen, in Aserbeidschan die neue und aggressive Dynastie der Safawiden begründet. Nach der Eroberung Persiens und Mesopotamiens hatte er das Land unter einer theokratischen Regierung vereint, die sich an den Doktrinen der schiitischen Religion orientierte. Zentrum waren die Regionen nahe des osmanischen Territoriums. Dieser Sieg veranlaßte die Osmanen, die Annexion der Lander arabischer Sprache im Süden voranzutreiben und bis zum Ufer des Golfs vorzudringen. 1517 erhielt Selim die Schlüssel der Ka'ba, legitimierte so sein Protektorat über die heiligen Orte des Islam und nahm den Titel «Kalif» an. Die Umstände waren günstig auch für einen
Unten (auf dieser und der vorangehenden Seite): Ausschnitte der Miniatur der Schute von Herat (1262). Istanbul, Topkapi-Museum. Schah 'Abbas !. mit seiner Frau. Malerei der Schule von Herat. Paris, Musee du Louvre.

Fatih. Auf ihn gehen die ersten osmanischen Handschriften zurück, ebenso die Neuorganisation der Janitscharen und die steuerliche Verwaltung. Er war es auch, der den Anstoß für eine florierende Bautätigkeit gab.

Safawiden und Osmanen. Im Jahr 1511 begannen die Safawiden eine Revolte in Zentralanatolien gegen die Osmanen. Sultan Selim L, der Grausame, unterdrückte die Revolte blutig und verschärfte so den politischen und religiösen Konflikt mit

der safawidischen Dynastie in Persien. 1514 begann der Safawide Isma'il einen Krieg gegen die Osmanen, die Janitscharen und die osmanische Artillerie fügten dem persischen Heer jedoch eine schwere Niederlage zu: Selirn 1. zog in die Hauptstadt Täbriz ein.

Die Geschichte

raschen und entscheidenden Angriff auf den wankenden mamlukischen Staat. Die Ära des Sultans Sulayman des Prächtigen bezeichnete den Höhepunkt der Macht und des Glanzes des osmanischen Reiches. Die politische und soziale Struktur des Reiches wurden definitiv festgesetzt. Die Türkei wurde ein maßgeblicher Machtfaktor auf der politischen Bühne Europas. Nachdem sie l 526 die Ungarn besiegt hatten, bedrohten sie Wien, wenn auch ohne Erfolg. Nach dem Tod Sulaymans 1566 endete die große Expansionswelle, und die Macht gelangte in die Hände des Großwesirs, während das schlechte
Ort der Pilgerfahrt. Türkische Miniatur (16. Jh.) aus der Handschrift Menazilname (Der Weg), die den ersten persischen Feldzug von Sulayman dem Prächtigen feiert. Istanbul, Topkapi-Museum.

Boden- und Verwaltungssystem zu unaufhörlichen Rebellionen führte. 1683 endete die zweite Belagerung Wiens mit dem entscheidenen Sieg über die Türken. Weitere schwerwiegende militärische Niederlagen, mit dem Verlust zahlreicher Provinzen, folgten. Schließlich wurde der schwache osmanische Staat, der «kranke Mann am Bosporus», zu einem Problem der europäischen Staaten. In Persien war 1588 Schah 'Abbas auf den Thron gestiegen, der die safawidische Dynastie zu ihrer Glanzzeit führte. Er reorganisierte das Heer und erhob die Schia zur Staatsreligion. Dank neuer politischer Verbindungen intensivierte sich auch der Handel mit Europa. Mit dem Tod von 'Abbas 1629 ging die safawidische Dynastie schnell ihrem Niedergang entgegen. Die Erfolge des fähigen Kommandanten Nadir konnten die Machtverhältnisse unter den

Die Krise des osmanischen Reiches. Die Niederlage von Wien und der nachteilige Friedensvertrag von Karlowitz 1699, führten dazu, daß sich die muslimischen Streitkräfte angesichts der Expansion der europaischen Mächte immer weiter zurückziehen

mußten. Der Vormarsch des russischen Heeres und spater der Streitkräfte der westeuropäischen Nationen veränderten das Kräfteverhältnis von Militär und Handel in allen muslimischen Ländern.

Unterstützung der Safawiden. Die Regierungszeit von Schah 'Abbas (l588-1629) bedeutete einen enormen Entwicklungsschuh für Architektur und Malerei.

Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

islamischen Staaten und ihren europäischen Antagonisten nicht verändern. Die Konflikte mit den Russen und die folgenden Friedensverträge, die nachteilig und demütigend für die Osmanen waren, veränderten die Beziehungen zwischen dem Mittleren Orient und Europa. Rußland stellte tatsächlich auch für Persien eine Bedrohung dar, das die Kaukasus-Regionen Rußland entziehen und wiedererobern wollte. Die Aktion wurde von einem Oberhaupt der turkmenischen Qadschar angeführt, Agha Mohammed, der Nordpersien eroberte und die Hauptstadt 1785 in Teheran errichtete. 1794 zum Schah gekrönt, begründete er die QadscharDynastie. Die Nachfolger von Agha Mohammed versuchten in ihrer Regierungszeit, die expansionistischen Interessen von Rußland im Kaukasus und von England in Afghanistan zu bekämpfen. 1828 schloß Rußland einen für Persien wenig ehrenvollen Friedensvertrag und erklärte einen Monat später der Türkei den Krieg, um den Griechen zur Hilfe zu kommen. Der Vormarsch gegen den Islam, der als Verteidigungskrieg begonnen hatte, verwandelte sich in einen Gegenangriff Richtung Süden, und im Westen verfolgten Spanier und Portugiesen nach der Rückeroberung der iberischen Halbinsel ihre Feinde bis nach Afrika.

Isfahan, die königliche Moschee (16. Jh.), erbaut von Schah 'Abbas dem Großen.

Die Modernisierung. Der Islam leistete einen großen Beitrag zur Entwicklung der europäischen Völker. Zum Teil stand das Abendland in direktem Austausch mit der islamischen

Nadir. Der fähige Militärkommandant, Anführer eines turkmenischen Stammes im Dienst der Safawiden, führte die Perser zum Gegenangriff und wurde zum Gouverneur Ostpersiens. 1736, nach dem Tod des Schahs, stieg er auf den Thron.

Ibrahim Pasha

(1718-1730). Der Großwesir des Sultans Ahmae III. begann eine Politik der guten Beziehungen mit dem Westen. Mit der Einführung der Presse in der osmanischen Welt öffnete er das Reich für kulturelle Einflüsse aus dem Westen und

schuf umfassende Verwaltungs- und Steuerreformen.

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Die Geschichte

Die Gräber der Mamluken (1564), Kairo. Die Mamluken waren ursprünglich Sklaven, integrierten sich später in das Heer und regierten Ägypten drei Jahrhunderte lang; sie erwiesen sich dabei als große Krieger und Verteidiger des Islam.

Welt, zum Teil gelangte sein kultureller Einfluß durch die Vermittlung anderer Völker des Mittelmeerraumes und Asiens bis nach Nord- und Westeuropa. Bereits seit den ersten Kreuzzügen intensivierten sich die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontakte zwischen den beiden Welten, und längst nicht alle Begegnungen waren konfliktträchtig. Mehrfach wurden Friedensverträge zwischen beiden Seiten geschlossen, die den Dialog zwischen den europäischen und islamischen Mächten förderten. Unter dem Befehl des Generals Napoleon Bonaparte landeten französische Truppen 1798 in Ägypten. Dies war seit den Kreuzzügen der erste militärische Vorstoß in ein strategisch wichtiges Gebiet im Mittleren Orient. Neben der militärischen Operation verfolgte diese Expedition in eine osmanische Provinz auch eine wissenschaftliche Zielsetzung - nämlich die Erforschung einer traditionalistischen Welt. Die Besetzung Ägyptens war jedoch nur von kurzer Dauer: Dank der Intervention einer anderen westlichen Macht und dem Einschreiten des osmanischen Korps unter Mohammed 'Ali konnten die Franzosen vertrieben und das Land wieder muslimischer Kontrolle unterstellt werden. Als Gouverneur von Ägypten setzte Mohammed 'Ali verschiedene Militär-, Boden- und Steuerreformen um. 1814 erhielt er den erblichen Titel des Vizekönigs und wurde de facto unabhängig von der osmanischen Herrschaft.

Mohammed 'Ali. Sein Reformwerk besteht in einer Einführung eines modernen Erziehungswesens; auch die Fakultäten Medizin, Ingenieurswesen und Chemie wurden durch ihn eingeführt. Er begünstigte die industrielle Entwicklung und führte

Maschinen aus Europa ein. 1821 wurde die erste Druckanstalt der ägyptischen Regierung in Bulaq, Kairo, eingeführt, und 1828 erschien die erste arabische Zeitung. Obwohl es sich um die offizielle Regierungszeitung handelte, war dieses Ereignis äußerst relevant,

zumal arabisch damit wieder zur offiziellen Sprache wurde. Durch den Bau der Eisenbahn und die Öffnung des Suez-Kanals 1869 wurde Ägypten erneut zu einem wichtigen Stützpunkt der internationalen Wirtschaft.

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Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

Auf der arabischen Halbinsel war in der Zwischenzeit ein Ereignis von weitreichenden sozialen und politischen und sogar religiösen Konsequenzen eingetreten. Ein gewisser Mohammed ibn 'Abd al-Wahhab begründete 1746 die strenge sunnitische Reform der Wahhabiyya und begann damit, seine Doktrin (ein Rückgriff auf die Lehren der juristischen Schule der Hanbaliten und des Ibn Taymiyya) mit Waffengewalt zu verbreiten. Zu diesem Zweck verbündete er sich mit dem Stammesführer Mohammed ibn Sa'ud aus dem Nadsch, im Zentrum der arabischen Halbinsel. Die Wahhabiten, die 1804 Medina und 1806 Mekka eroberten, übten damit die Kontrolle über ein für Arabien wichtiges Gebiet aus. Auf die Bitte des osmanischen Sultans entsandte der Gouverneur von Ägypten, Mohammed 'Ali, 1811 seine Truppen gegen die Wahhabiten. Mehrere Jahre nach ihrem Rückzug aus Ägypten griffen die Franzosen 1830 Nordafrika an und annektierten Algerien, das damals von einer autonomen Dynastie beherrscht wurde, auch wenn es nominal unter osmanischer Herrschaft stand. Der Sufi Amir 'Abd al-Qadir, algerischer Philosoph und Dichter, führte 1832 den Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich. Die Rebellion scheiterte 1847, und 'Abd al-Qadir mußte ins Exil gehen. Der erste Versuch, in der arabischen Welt eine ratgebende Versammlung zu konstituieren, fand in Tunesien statt. Aber 1881 wurde Tunesien von den Franzosen besetzt. Weitere arabische Länder Nordafrikas wurden von den Europäern kolonialisiert, so zum Beispiel Libyen, das 1911 von der Türkei an Italien überging und 1922 ganz erobert war. In Marokko begann 1894 die Regierung des Sultans 'Abd al-'Aziz, aber die Franzosen ernannten Marschall Lyautey 1912 zum Gouverneur. Eine neue Phase in der Geschichte der Türkei

Ein Minarett im Zentrum von Marrakesch (Marokko). Die Stadt wurde 1077 von den Almorawiden begründet, die aus dem Süden, auf den Routen des Sudan, hierhergelangt waren. Marrakesch ist seit jeher ein bedeutendes Zentrum der theologischen Studien des Islam.

Die Verfassungen. Die erste Verfassung eines islamischen Landes wurde 1861 in Tunis ausgerufen. Sie wurde 1864 außer Kraft gesetzt. Auch in Ägypten berief der Gouverneur 1866 eine ratgebende Versammlung ein. Die Verfassungsreformen waren das

sichtbarste Ergebnis des westlichen Einflusses. Dennoch gelang es nicht, den Bankrott der islamischen Staaten aufzuhalten, der durch den Zerfall der inneren Ordnung und die westlichen Kolonialmächte herbeigeführt worden war. In der gesamten arabischen

Welt wurden jedoch die ideologischen Grundlagen für eine kulturelle Wiedergeburt und eine wirkliche Unabhängigkeit auf der Basis islamischer und nationalistischer Ideen geschaffen.

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Die Geschichte

Die Stadt Jenin auf einem Gemälde von David Robert (1839). Das 19. Jh. war gekennzeichnet durch Kämpfe um Unabhängigkeit und durch die Entstehung von religiösen Bewegungen, die zu einer Modernisierung der Kultur führten. Unten: Kairo bei Sonnenuntergang.

begann, als Sultan Mahmud II. (1808-1839) ein Programm zur Reform und Neuorganisation des Heeres und des Staates nach französischem Vorbild umsetzte. 1865 entstand die oppositionelle Allianz der «Jungtürken», eine Bewegung, die osmanischen Patriotismus und islamischen Modernismus miteinander verband. Die konstitutionelle Bewegung verstärkte sich weiterhin und erlebte 1876 einen Triumph, als Sultan 'Abd al-Hamid II. die Verfassung verkündete. Diese überlebte jedoch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht. Die Jungtürken eroberten in einem Aufstand die Macht, aber ihre schwache Demokratie ging 1913 durch einen Staatsstreich zugrunde, der die Militärdiktatur etablierte. Ein Jahr später nahm die Türkei neben den wichtigsten Mächten am Ersten Weltkrieg teil. In Ägypten schuf ein religiöser Denker und persischer Reformer, Dschamal al-Din al-Afghani, die Grundlage für ein neuzeitliches Denken islamischer Prägung, das die wachsende Opposition der ägyptischen Nationalisten gegen die fremde Regierung und Kontrolle weiter anstachelte. Auf ihn geht die Begründung der religiösen Bewegung des Panislamismus zurück. Vom wichtigsten ägyptischen Anhänger von al-Afghani, Scheich Mohammed 'Abduh, wurde dieser Weg wiederaufgenommen, als dieser 1899 die Funktion eines mufti (Rechtsgelehrten) bekleidete und liberale Reformen im Geist der islamischen Neuzeit umsetzte. Die Gefahr einer neuen orthodoxen Bewegung erstand erneut 1870 im Sudan, als Mohammed ihn 'Abdallah behauptete, die Inkarnation des Mahdi zu sein, und eine islamische fundamentalistische Bewegung ins Leben rief. In der Zwischenzeit führte der Aufstand von Offizieren, die von den Konstitutionalisten und den Anhängern von al-Afghani unterstützt wurden, 1881 zur Besetzung Ägyptens durch England. Der Mahdi riefeinen Heiligen Krieg

Salafiyya. Diese Bewegung entstand auf die Initiative eines Anhängers von Mohammed Raschid Rida, der 1898 in Kairo die Wochenzeitschrift «alManar» begründete. Sein Ziel war es, dem Islam seine ursprüngliche Autorität zurückzugeben.

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Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

gegen das ägyptische Regime im Sudan aus und erreichte erste militärische Erfolge, wodurch er den östlichen Sudan kontrollierte. 1898 gelang es englisch-ägyptischen Truppen unter Leitung von Lord Kitchener zwar das Heer des Mahdi zu besiegen, nicht aber seine Ideen, die sich im Bewußtsein der Menschen festgesetzt hatten und zum Teil bis heute wirksam sind. Zu den modernistischen islamischen Kräften gesellten sich die der neuen christlichen Handelsbourgeoisie hinzu, die sich im Hafen von Beirut etabliert hatte. Protestantische Missionare gründeten 1866 die amerikanische Universität in Beirut, die erste ihrer Art in der Region. Intellektuelle, die aus ganz Syrien kamen, leisteten nun einen effizienten Beitrag, um Jas arabische Denken und die arabische Kultur bekannt zu machen. In Arabien fanden die wahhabitischen Doktrinen erneut Unterstützung in der saudischen Dynastie, die beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, mit Hilfe der Engländer und auf Kosten der Türken, ihre Kontrolle auf große Teile Ostarabiens ausgedehnt hatte. Gleich nach dem Ersten Weltkrieg unterstellte das Oberhaupt der saudischen Dynastie, 'Abd al-'Aziz ibn Sa'ud, auch die neuen Gebiete Nord- und Südarabiens seiner Macht und gründete schließlich 1932 den Staat Saudi-Arabien. In der Türkei griff ein Offizier namens Mustafa Kemal Atatürk in die Geschicke seines Landes ein, als es ihm 1919 gelang, im Herzen Anatoliens einen nationalistisch gesinnten

Gläubige beim Gebet in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate).

Naqschabandis und Wahhabiten. Bereits im 18. Jahrhundert hatten zwei religiöse Bewegungen auf die wachsende westliche Gefahr und auf den Niedergang der islamischen Gesellschaft geantwortet: Die reformierte Glaubensbruderschaft der Naqscha-

bandis, sufischer Herkunft, war von Indien aus im 14Jahrhundert in die Länder des Mittleren Orient und in die Türkei gelangt. Der Versuch, von naqschabandischen Wissenschaftlern und Meistern in Ägypten, die islamische Kultur zu erneuern, wurde durch die

französische Invasion beendet und verwandelte sich daraufhin in einen Befreiungskampf. Die zweite religiöse Bewegung war die der Wahhabiten, die sich zwar vom sufischen Mystizismus unterschieden, jedoch dasselbe Ziel anstrebten.

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Die Geschichte

Innenraum der Moschee von Khomeini in Teheran (Iran). Die Revolution Khomeinis (1979) hat im Westen eine erneute Auseinandersetzung mit dem Islam ausgelöst.

Widerstand gegen die Alliierten zu organisieren. Nach der Befreiung des Landes setzte er den Islam als Staatsreligion außer Kraft und folglich auch das Sultanat, rief die Republik aus und führte das lateinische Alphabet statt des arabischen ein. In Persien wurde der Schah 1906 durch eine konstitutionelle Revolution gezwungen, eine Nationalversammlung einzuberufen und eine Verfassung zu verkünden, die jedoch zu spät kam, um den Ausbruch des Bürgerkrieges (1908) zu verhindern. Unter der Herrschaft von Schah Ahmad wurde 1909 die Anglo-Iranian Oil Company gegründet, die Konzessionen erhielt, um die Ölressourcen Persiens auszubeuten. Das war der Beginn einer neuen Ära der Beziehungen zwischen den islamischen Staaten und den europäischen Mächten. Im seihen Jahr sicherten die Engländer Persien vertraglich zu, die Unabhängigkeit und Unversehrtheit des persischen Territoriums anzuerkennen, obwohl russische und englische Truppen im Ersten Weltkrieg große Teile Persiens besetzten. 1921 übernahm ein Offizier namens Reza Khan die Macht und errichtete eine Diktatur. 1925 entmachtete er die Dynastie der Qadscharen, ernannte sich selbst zum Schah und gab seiner Dynastie den Namen Pahlewi.

Die unabhängigen Staaten. Die Vormachtstellung, die sich der Westen durch den Ersten Weltkrieg sicherte, zwang die islamischen Mächte in die Defensive. Die Sieger teilten die arabischen Länder unter sich auf und schufen dabei Staaten

Pahlewi. Die Politik der Modernisierung und Zentralisierung, ohne das Land jedoch zu säkularisieren, wurde von Schah Reza eingeleitet. Dieser Versuch fand jedoch durch die islamische Revolution Khomeinis ein abruptes Ende.

Die Araber in Israel.

Nach langen dramatischen Auseinandersetzungen nahm die Generalversammlung der UNO 1947 eine Resolution an, die die Aufteilung Palästinas festlegte, und am H- Mai 1948 wurde die Gründung des Staates Israel verkündet.

Die arabische Antwort darauf war Krieg. Zwar scheiterte der Versuch, die Entstehung des Staates Israel zu verhindern, aber das Verhältnis zwischen den unabhängigen arabischen Staaten und dem Staat Israel war lange Zeit gekennzeichnet durch eine

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Der heilige Fels im Innern des Felsendoms in Jerusalem, Rechte Seite: Gläubige im Gebet auf dem Platz vor dem Dom. Der Bau des Gebäudes wurde von dem UmayyadenKalifen 'Abd al-Malik ibn Marwan 687 begonnen und 692 fertiggestellt Der heilige

Fels, der sich heute im Innern des Gebäudes befindet, wird von Muslimen. Juden und Christen verehrt. Die Muslime glauben, daß Mohammed von diesem Felsen aus zum Himmel aufstieg. Die Felsenkuppel ist vermutlich auf dem Gipfel des antiken Berges Moriah erbaut, wo die

Opferung Ismaels geschehen sollte, auf den die Araber ihre Abstammung zurückführen. Seiten 60-61: Eine Darstellung des Mausoleums von Kerbald (Irak), einer heiligen Stadt der Schiiten.

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Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

mit ganz neuen Namen und Grenzen, die durch Mandate des Völkerbundes verwaltet wurden. Mesopotamien wurde eine Monarchie unter englischem Mandat und erhielt den alten arabischen Namen Irak. Das südliche Gebiet Syriens wurde den Engländern unter dem Namen Palästina anvertraut, während das nördliche Gebiet an Frankreich übergeben wurde. Auf Beschluß der Franzosen entstanden schließlich die Republiken Syrien und Libanon. Weitreichende Konsequenzen hatte die Balfour-Erklärung im November 1917, mit der die Engländer sich verpflichteten, die Schaffung eines hebräischen Homeland innerhalb der vom Völkerbund festgesetzten Grenzen zu unterstützen. Im gesamten Gebiet des Mittleren Ostens waren zwischen den beiden Weltkriegen nur die Türkei, der Iran und Afghanistan unabhängig und souverän. Kurz darauf kamen SaudiArabien und der Jemen dazu und etwas später auch Ägypten und der Irak, deren Unabhängigkeit zunächst jedoch nur formal war und keiner wirklichen politischen Autonomie entsprach. Nach dem erzwungenen Rückzug der Franzosen wurden auch Syrien und der Libanon in die Unabhängigkeit entlassen. Gemeinsam gründeten sie im März 1945 die arabische Liga. Ein Jahr später trat auch Jordanien bei. Im Lauf der Zeit erweiterte sich die Liste: Hinzu kamen Libyen (1951), Sudan (1956), Tunesien und Marokko, Mauretanien (1960), Kuweit (1961), Algerien (1962, nach einem langen und blutigen Krieg) und die Vereinigten Arabischen Emirate (1971).
Jerusalem am frühen Morgen, mit Blick auf die Kuppel der Moschee (687-692). Unten: Iranischer Junge.

Aneinanderreihung von ungezählten Streitigkeiten, kriegerischen Auseinandersetzungen, Waffenstillstandsabkommen und blutigen Terrorakten. Immer wieder revoltierten einzelne oder miteinander verbündete arabische Länder gegen den gerade

entstandenen Staat und auch gegen die westlichen Mächte, die man beschuldigte, der arabischen Welt einen «Fremdkörper» aufgezwungen zu haben. Heute wird Israel von den arabischen Staaten anerkannt, allein die Frage der palästinensischen Nation ist

noch immer ungeklärt und stellt vielleicht das größte Hindernis für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten dar. Frieden jedoch ist die unabdingbare Voraussetzung, um die Modernisierung der Länder des Mittleren Orients zu fördern.

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Das Minarett der Großen Moschee von Ziyadat Allah in Kairouan (Tunesien). Die Moschee ist sowohl mit orientalischen als auch mit westlichen Motiven dekoriert. Unten und seitlich: Ausschnitt der Keramikdekoration der Moschee.

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Die Große Moschee von Samarra (Irak), von dem Kalifen a!-Mutawakkil zwischen 848 und 852 erbaut. Erhalten blieben nur die äußeren Mauern, die sich um den weitesten Raum schließen, der in der islamischen Weit bekannt ist, und die malwiyya, das spiralförmige, 55 Meter hohe Minarett.

Daneben: Das Minarett der Moschee von Abu Dulaf in Samarra hat dieselbe Form wie die malwiyya, ist jedoch Meiner und hat schlankere Proportionen. Samarra, 150 km nördlich von Bagdad, entwickelte sich als Militärstützpunkt und sollte das riesige Heer aus türkischen Sklaven beherbergen, das

während der Kalifate von alMu'tasim (833-847) und von al-Mutawakkil (847-861) aus 70 000 Soldaten bestand.

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Der Säulengang der Großen Moschee von Cordoba und daneben das westliche Portal. Die Moschee, die auf Veranlassung des UmayyadenKalifen 'Abd al-Rahman gebaut wurde, wurde innerhalb von nur einem Jahr fertiggestellt (786-787). In der ursprünglichen Version hatte das steinerne Gebäude, eines der bedeutendsten Bauwerke der islamischen Architektur, einen Gebetssaal und elf Seitenschiffe in Richtung Mekka. Der sahn, der zentrale Raum, war mit dem Gebetssaal durch eine Tür verbunden. Im Jahr 951 erweiterte 'Abd al-Rahman III. den sahn Richtung Süden und errichtete ein neues Minarett. 962 wurde die letzte Erweiterung von al-Hakam abgeschlossen.

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Die Freitagsmoschee in Isfahan (Iran). Isfahan wurde mit Alp Arslan (1063-1072) zur Hauptstadt des Seldschuken-Reiches. Als Stadtzentrum war ein Quadratischer Raum am Eingang der Großen Moschee geplant, die im späten 9. Jahrhundert gebaut wurde.

In späteren Jahren wurden verschiedene Teile angebaut und erneuert.

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Der Kirchenstuhl, auf dem der Imam beim Freitagsgebet sitzt. In der Kultstätte hat der Imam keine hierarchische oder autoritäre Rolle. Er kann Wächter der Moschee sein und dem Gebet vorstehen. In seiner Abwesenheit kann jeder Gläubige diese Aufgabe übernehmen.

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Der Patio de los Arrayanes und, rechts, der Patio de los Leones und der Saal de los Reyes in der Alhambra in Granada. Mohammed l., genannt ibn al-Ahmar (1230-1272), hatte Granada, das zu seiner Hauptstadt wurde, begründet und die rote Festung der Alhambra erbaut.

Seiten 78-79: Die Marmordekorationen im Saal de las Dos Hermanas in der Alhambra. Die Räume, die wunderbaren Dekorationen und das Wasser vermitteln das vollkommene Bild des Paradieses, wie es aus den Zeilen des Korans entsteht.

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Persischer Teiler aus dem 13. Jh., dekoriert mit Adligen und Rittern. Athen, Museum Benaki. Rechte Seite: Teppich mit Jagdszenen, Persien. Mailand, Museum Poldi Pezzoli. In der islamischen Kunst kommt der figurativen Darstellung eine wichtige

Rolle zu: Im Koran ist keine Textpassage enthalten, die die figurative Darstellung verbieten würde, während "Götzenbilder" und ihr Kult verboten sind. Der Mensch darf die Realität darstellen, darf bei der Schöpfung jedoch nicht mit Gott konkurrieren.

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Parfümflakon aus Glas mit Emaildekorationen. Ägypten oder Syrien, 13. Jahrhundert. Bologna, Museo Civico di Arte Medievale. Rechts: Elfenbeinschrein, bemalt mit Löwen. Florenz, Museo de! Bargello. Lampe für eine Moschee aus emalliertem Glas. Syrien, 14. Jahrhundert. Florenz, Museo del Bargello. Rechte Seite: Messingvase.

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Teil einer Weltkarte aus dem Besitz des Admirals Piri Re'is (1513), die den Atlantischen Ozean mit den Küsten der Iberischen Halbinsel, von Westafrika und Südamerika darstellt. Istanbul. Schifffahrtsmuseum. Bei seiner Weltkarte stützte sich der türkische Admiral Piri Re'is sowohl auf den Atlas des Christoph Kolumbus als auch auf portugiesische, alexandrinische und arabische Karten. Linke Seite: Seite aus der Handschrift von Abu Ma 'schat (Kairo, um 1250), mit Miniaturen, die sich auf die Astrologie beziehen: Der Mond und Juno nähern sich im Zeichen des Steinbocks. Paris, Bibliotheque Nationale. Auf dem Gebiet der Astronomie und Astrologie wird der islamische Einfluß auf Europa besonders deutlich, denn eine Vielzahl von technischen Fachbegriffen stammen aus dem Arabischen.

Auf den Seiten 86-87: Pilger auf dem Weg nach Mekka halten in Jedda an und bereiten sich darauf vor, das heilige Gebiet zu betreten.

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Timimoun in der algerischen Wüste: Eine große Menschenmenge versammelt sich zur Feier der Geburt des Propheten. Jedes islamische Land hat seine eigene Tradition, um diesen Geburtstag zu begehen. Doch für alle Gläubigen ist er ein Fest, das dem Gebet

und der Spiritualität gewidmet ist. Rechte Seite: Eine große Menschenmenge versammelt sich in Timimoun, in der algerischen Wüste, um das große Fest zu begehen, das an die Geburt des Propheten erinnert. Diesen Jahrestag

feiert jedes islamische Land entsprechend seiner eigenen Traditionen. Es handelt sich jedoch immer um ein Fest, das dem Gebet und der Spiritualität gewidmet ist.

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Gebet am Ende des Ramadan in den Straßen Kairos, vor der Moschee in Mohandiseen. Die muslimische Welt feiert das Ende des Fastenmonats Ramadan und der Fastenzeit als einen Sieg des Glaubens und den Triumph über die Versuchungen und die Schwäche des Geistes. Die Gläubigen wünschen einander und der Welt Frieden.

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Darstellung von Sebil Qa'it Bey, Kairo. Der mamlukische Sultan Qa'it Bey erbaute diesen Komplex, zu dem ein Grabmal und eine Moscheeschule gehört, zwischen 1472 und 1474.

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Betende Frau auf einem Friedhof in Istanbul. Die islamischen Friedhöfe sind normalerweise sehr einfach. Die Gläubigen begeben sich häufig dorthin, um am Freitag die Sure al-Fatiha («die Eröffnende») zu rezitieren und um Stellen aus dem Koran zu lesen. Rechte Seite: Ein Imam betet in der Moschee Eyup in Istanbul. Die Moschee ist der geeignetste Ort für das Gebet, für die Meditation und um Allah anzurufen. Hier treffen sich jedoch auch die Gläubigen, um theologische Vorlesungen zu hören oder um sich dem Studium des Korans zu widmen.

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Innenraum einer Moschee in Miri (Malaysia). Rechts: Gebet in der Moschee von Kuala Lumpur (Malaysia). Oben rechts: Schüler einer Koranschule mit dem Meister in Miri, und das Studium in der Moschee (unten). In Asien leben einige hundert Millionen Muslime.

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Schüler einer Koranschule in Oman. Die Koranschulen spielten eine große Rolle für den Erhalt der arabischen Sprache. Dadurch, daß der Koran unterrichtet wurde, blieben die jungen Muslime auch in der Zeit des Niedergangs mit ihrer Kultur und Religion verbunden.

Rechte Seite: Sanaa, die antike Stadt im Jemen, die bis heute die Merkmale arabischer Architektur beibehalten hat.

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Kalligraphische Komposition eines Koran-Verses im Stil Thuluth Jali von Yousuf Dhanoon (1976). London, The Iraqi Cultural Center. Jeder Gläubige muß mindestens einige wichtige Verse in der heiligen Sprache kennen. Unten: Lektüre des Korans in einer Kairoer Moschee. Auf Seite 100-101: Ausschnitt einer Mosaikdekoration in der Moschee des Imam in Isfahan (Iran).

Der Koran Der Koran ist Inbegriff der Offenbarung, er ist das Wort Gottes, das heilige Buch der Muslime. Er enthält die Regeln, die das Leben des gläubigen Muslim bestimmen. Das Buch, das für die Muslime die Botschaft Gottes an den Menschen enthält, wurde dem Propheten während seiner einsamen Meditationen in einer Höhle auf dem Berg Hira in der Nähe von Mekka offenbart. Auf arabisch bedeutet Qur'an (Koran) «Rezitation», «Lektüre». Die Offenbarung geschah in arabischer Sprache und ist unlösbar mit ihr verbunden. Arabisch ist folglich die heilige Sprache des Islam,

und Klänge und phonetische Aussprachen des Arabischen sind Teil der Offenbarung, denen in der religiösen Liturgie eine wesentliche Funktion zukommt. Selbstverständlich wendet sich der Koran nicht nur an die Araber, die wesentlichen, für die religiösen Riten unerläßlichen Verse muß jedoch jeder Gläubige auf arabisch beherrschen. In reicher, antiker Sprache geschrieben, die auch die tiefsten Empfindungen mit eingänglichen Rhythmen und durchdringenden Assonanzen in Versen wiederzugeben vermag, stellt der Koran auch das Hauptwerk der arabischen Literatur dar, von dem das metaphysische und religiöse Wissen ausging. Und schließlich ist er, nach dem Gesetz der Juden und dem christlichen Evangelium, der dritte Beweis des identischen Wort Gottes, weshalb die Gläubigen dieser Religionen auch «Anhänger des Buches» oder «der Offenbarung» genannt werden. Zu Lebzeiten des Propheten wurde der Koran der Erinnerung der Gläubigen anvertraut, die ihn bei ihren Gebeten rezitierten. Darüber hinaus gab es die soge-

nannten «Überbringer des Koran», die ihn auswendig kannten. In den letzten Jahren begann Mohammed seinen Sekretären zu diktieren; die Texte jedoch - auf Häuten oder Pergament niedergeschrieben — waren nicht nur dem Verfall ausgesetzt, sondern auch der Manipulation durch fehlerhafte Interpretationen preisgegeben, so daß im Lauf der Zeit apokryphe Texte entstanden. Der erste Kalif, Abu Bakr, sammelte die Texte des Koran, nachdem Abtrünnige und falsche Propheten nach dem Tod des Mohammed Unruhen ausgelöst hatten. Auch fürchtete er, daß die Eroberungskriege, bei denen viele Gefährten des Propheten gestorben waren, dazu führen könnten, das heilige Buch zu verlieren. Der zweite Kalif, 'Umar, vervollständigte diese Sammlung gemeinsam mit Zayd, dem treuen Diener des Propheten, und ließ mehrere Kopien anfertigen. Schließlich ordnete der dritte Kalif, 'Uthman an, eine endgültige Fassung des Korans herzustellen, die auf Zayds Ausgabe basieren sollte. Diese Ausgabe wurde zur kanonisierten Fassung erklärt, und alle anderen

Arabisch, die Sprache der Offenbarung. Die Bedeutung des Arabischen für die Offenbarung wird vom Koran selbst unterstrichen: «Siehe, dies ist eine Offenbarung vom Herrn der Welten./ Der Geist, der die Treue hütet, ist mit ihm [dem Koran]

hinabgestiegen/ Auf dein Herz, daß du einer der Warner seiest,/ In deutlicher arabischer Sprache./ Und ganz gewiß ist er in den Schriften der Früheren (erwähnt).» (Sure 26, 192-196) Durch den Koran wurde Arabisch zur gemeinsamen

Sprache aller Muslime, die sich bis heute erhalten hat. Regeln und Wortschatz wurden erforscht und kodifiziert. Der Koran ist das größte Meisterwerk der arabischen Sprache, seine Ausdruckskraft macht ihn zu einem Wunder des Islam. Der Einfluß des Korans auf

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verloren ihre Gültigkeit. Die einzelnen Kapitel des Korans sind - das erste ausgenommen - ungefähr der Lange nach angeordnet, vom längsten bis zum kürzesten. Der Koran ist in 114 Suren unterteilt, und jede Sure ist in ayah oder Verse untergliedert: Die zweite umfaßt 286 Verse, während die letzten nur noch drei bis sechs Verse umfassen. Insgesamt sind es 6000 ayah. Sowohl bei der Niederschrift als auch bei der Lektüre wird den Suren die Klausel Bismil-Lahir-Rahmanir-Rahim vorangestellt, was bedeutet, «Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen». Diese Worte wurden zu einer Einleitungsformel, mit der jede muslimische Schrift und jede von den Gläubigen vollzogene Kulthandlung eröffnet wird. Jeder Sure geht eine Überschrift voraus, die meistens einen thematischen Bezug zu der Sure herstellt. So ist die erste Sure des Korans zum Beispiel mit al'Fatiha, «die Einleitende», überschrieben. Sie besteht aus einem kurzen Gebet, das eine wichtige Rolle beim Kult und im taglichen Leben einnimmt. Die allerersten, in Mekka offenbarten Suren werden

mit makkiyya, -Die aus Mekka Stammenden», bezeichnet und sind kürzer als die in Medina offenbarten madaiyya. Die makkiyya, die in einer bildhaft-eindringlichen Sprache verfaßt sind, befassen sich mit eher abstrakteren psychologischen Themen, während die aus Medina stammenden Suren leichter zugänglich sind und sich mit Aspekten des • täglichen Lebens und der sozialen Ordnung auseinandersetzen. In ihnen spiegeln sich die Probleme der umma, der Glaubensgemeinschaft, wider. Die moralischen und religiösen Ermahnungen des Korans bilden nicht nur die Grundlage für das Verhalten des einzelnen, sondern auch für die Organisation des sozialen Gefüges im neuen Staat. Die Gerechtigkeit ist durch die Vormachtstellung des moralischen Gesetzes gewährleistet, das der Mensch nicht nach seinem eigenen Willen gestalten kann, weil es in Gott begründet ist. In dem heiligen Buch der Muslime wird die Realität als eine Reihe von unveränderlichen moralischen und juristischen Vorschriften beschrieben, die die Grundlage für die Gesetzgebung, die Theologie

und die Kosmologie bilden. Ausgangspunkt und Zentrum dieser Auffassung von Realität ist der Gott als Schöpfer und Herr des Universums, das von seinen grundlegenden Eigenschaften, Ordnung und Barmherzigkeit, durchdrungen ist. Der Koran unterstreicht die Bedeutung des Gebets, schreibt die Fastenzeit vor, befiehlt das zakat, das offizielle Almosen, und verlangt von jedem, mindestens einmal im Leben eine Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Alle Gläubigen

Handschrift des Korans in kufischen Schriftzeichen auf Pergament (7. Jh.). Istanbul, Museum der türkischislamischen Kunst. Unten: Verse des Korans in einer kalligraphischen Komposition im Stil Jali Diwani von Y. Dhanson (1981). London, The iraqi Cultural Centre.

die Entstellung der arabischen Literatur ist evident: das gilt nicht nur für die Anfangszeit, sondern auch heute noch. Die Einmaligkeit des Korans ist eine Doktrin, die von allen Schulen geteilt wird.

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Stilisierte türkische Schrift, Holztafel (14. Jh.). Istanbul, Museum der türkisch-islamischen Kunst.

sind auch zum dschidad aufgefordert - ein Begriff, der sehr komplexe Vorstellungen umfaßt und häufig einseitig als Bereitschaft zum Krieg gedeutet wird. Dem eigentlichen Sinn wird man eher gerecht, wenn man darunter die Bereitschaft versteht, das eigene Lehen und die eigenen Güter für Allah hinzugehen. Die Vor-

Stellung von der rückhaltlosen Selbstaufopferung ist auch im Gebet, im salat, enthalten, mit dem man verspricht, das Gute zu wollen und das Böse zu eliminieren. Die Einlösung dieses Versprechens schließt unter gewissen Umständen - zum Beispiel um die Herrschaft des Islam auszubreiten - auch den Krieg nicht aus. Mehrfach wird die Verdammung des maysir, des Glücksspiels, und des Alkoholkonsums, wiederholt, Das Fleisch bereits getöteter Tiere, Blut und Fleisch von Schweinen sind strengstens verboten. »Ich finde in dem, was mir offenbart ward, nichts, das einem Essenden, der es essen möchte, verboten wäre, es sei denn von selbst Verendetes oder vergossenes Blut oder Schweinefleisch - denn das ist unrein - oder Verbotenes, über das ein anderer Name ausgerufen wird als Allahs» (Sure 6, 145). Der Koran enthält wichtige juristische Normen, die die Sklaverei, die Lebensbedingungen der Frau, die Ehe, die Familie und die Regelung der Nachfolge betreffen. Die Lebensbedingungen der Frauen, die ebenso wie die Kinder ein Anrecht auf Schutz haben, sind, vergli-

chen mit der Situation in der vor-islamischen Gesellschaft, verbessert worden. Von Ehepaaren heißt es, daß sie einander ergänzen sollen: «Sie sind euch ein Gewand, und ihr seid ihnen ein Gewand» (Sure 2, 187). Frauen werden die gleichen Rechte wie Männern zuerkannt, auch wenn diese eine Stufe über ihnen stehen. Polygamie wird vom Gesetz geregelt und zeigt sich als solide Basis der Familie. Die erste Generation nach dem Tod des Propheten hatte keinerlei Interpretation des heiligen Buches erlaubt. In dem ethnisch und kulturell vielfältigen islamischen Reich entstand jedoch sehr bald das Bedürfnis nach einer eindeutigen Auslegung. Dadurch entstand eine enorme Anzahl von Kommentaren, die als Schiedssprüche galten und im ilm at-tafsir, dem wissenschaftlichen »Kommentar des Koran» zusammengefaßt wurden. Großes Gewicht wurde dabei auf die historische Tradition gelegt: Dazu zählen sowohl Personen als auch der historische Kontext der Offenbarung. Der wichtigste und umfassendste Kommentar, der sich auf die Überlieferung der ersten Generation nach

Eine umfassende Erzählung. Der Koran bringt eine Botschaft. Er ist jedoch auch eine umfassende Erzählung: Er berichtet von Völkern, Stämmen, Kernigen, Propheten und Heiligen, den biblischen Geschehnissen um Noah, Abraham,

Josef und Moses, die Geschichte der Geburt und der Kindheit Jesu; er enthält Geschichten aus der Zeit nach der Bibelabfassung und arabische Volksweisheiten. Der außerordentliche Reichtum betrifft alle Völker, zu jeder Zeit und an jedem Ort.

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Mohammed beruft, stammt von Tabari (gestorben 922). Auch esoterische Kommentare sufischer Ausrichtung entstanden. Jedesmal, wenn sich durch veränderte Bedingungen die Notwendigkeit ergab, die Interpretation anzupassen, wurden diese als ein Kommentar zum Koran verfaßt. Der angesehene Theologe ibn alQayyim (gestorben 1350) klassifizierte die Offenbarung nach verschiedenen Graden: Manchmal wird der Erzengel Gabriel eins mir dem Propheten und übergibt die Offenbarung in dessen Herz: «Der Geist, der die Treue hütet, ist mit ihm [dem Koran] hinabgestiegen/ Auf dein Herz, daß du einer der Warner seiest» (Sure 26, 193-194); in anderen Fällen zeigt sich Gabriel Mohammed in seinem Gewand als Engel und diktiert ihm die Verse. Innerster Moment der Offenbarung ist die direkte Kornmunikation ohne Vermittler, wenn Gott direkt zum Propheten spricht, der dadurch in einen Zustand der Ekstase gerät. Der Prophet selbst beschreibt die Erfahrung der Offenbarung mit folgenden Worten: «Manchmal ist es wie ein Klingen im Ohr, und das übt

die heftigste Wirkung auf mich aus. Dann entfernt es sich von mir, aber es bleibt die Erinnerung an das, was mir gesagt wurde. Andere Male zeigt sich mir der Engel wie ein Mensch und spricht zu mir, und ich erinnere mich an seine Worte.» Die Kraft und die Intensität der Offenbarung werden im Koran so beschrieben: «Hätten Wir diesen Koran auf einen Berg herabgesandt, du hättest gesehen, wie er sich demütigte und sich spaltete aus Furcht vor Allah.» (Sure 59, 2 1 )
Gedruckter Koran in arabischer Schrift, von Paganino oder Atessandro Paganini, Venedig (1537-38). Venedig, Biblioteca dei Frati Minori von San Micheie ad /so/a. Links: Sunnitische Koranschule in Torbat Jam (Iran). Unten: Eine moderne Ausgabe des Koran.

Die Koranschulen. In den Innenhöfen, unter den Säulengängen oder in kreisförmigen Räumen der Moschee wurde der Koran gelehrt und kommentiert. Sowohl in den gießen Städten als auch in den Dörfern haben die Koranschulen die Funktion

von allgemeinbildenden Schulen übernommen, als es diese noch nicht gab. Die Kinder lernten hier lesen und schreiben und den Koran auswendig aufzusagen. In kleinen Dörfern ersetzt die Koranschule noch heute die Grundschule.

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Hadith und Sunna Der Prophet ist nicht nur der Bote Gottes und der Interpret des Koran, sondern, bis zum Ende seines Lehens, der einzige religiöse und politische Führer der Muslime. Die Erfahrungen seines gesamten Lehens - seiner Schmerzen, Muhen, Schwierigkeiten und Prüfungen - sind im hadith, der Sammlung der Aussprüche des Propheten, aufgenommen. Seine Handlungen, seine Taten und die alltäglich Praxis seines Lebens sind in der sunna, dem «Weg», überliefert. Hier liegt die Antwort auf alle Fragen, die das individuelle und kollektive Leben der Muslime aufwirft. Zwischen dem 7. und 8. Jahrhundert, nach dem Tod des Propheten und dem seiner direkten Weggefahrten, sind die ersten theologischen Sekten entstanden. Gleichzeitig mit der ersten Kompilation der Hadithe wurden die ersten Gesetze aufgestellt. Für Muslime steht die Autorität des Korans höher als die des Propheten: dieser ist nur ihr Überbringer. Im Verkünden der Sentenzen und Aufstellen der moralischen und juristischen Grundsätze hatte der Pro-

Ausschnitt einer türkischen Miniatur aus dem 18. Jh. Istanbul, Museum der türkisch-islamischen Kunst. Unten: Der Name Mohammeds in einem heutigen Druck.

phet eine absolute Autoritär inne. Der Koran fordert die Gläubigen auf, dem Boten Gottes zu gehorchen. Er fordert ebenfalls dazu auf, dem moralischen und kulturellen Vorbild des Propheten zu folgen. Der Prophet selbst unterscheidet zwischen seinen eigenen Behauptungen und denen des Korans. Der Hadith ist nach dem Koran die wichtigste Quelle, sowohl für die Scharia, das «Gesetz», als auch für den tariqa, den «geistigen Weg». Er ist der Dreh- und Angelpunkt, der die muslimischen Völker vereint und ihre tägliche Existenz und ihre Verhaltensweisen einander angleicht, Wörtlich bedeutet Hadith Geschichte, Erzählung, Bericht. Jedem Hadith geht ein sogenannter isnad, die «Kette der mündlichen Überlieferung», voraus, das heißt, daß alle Namen derjenigen, die den Ausspruch des Propheten mündlieh tradiert haben, festgehalten sind. Es muß daran erinnert werden, daß der Hadith als verbaler Ausdruck einer religiösen Tradition sich an der entsprechenden Sunna, also an der praktischen religiösen Norm, orientiert. Die Sunna wurde auch die nicht

verbale Übermittlung genannt, die stillschweigend weiterlebt. Das Wort Sunna bedeutet «gegebene Form», «Aneinanderreihung» und «Weg, Straße», hat jedoch auch die Bedeutung «Lebensweise des Propheten» angenommen. Durch die Sunna sind die spezifischen Merkmale des religiösen Brauchtums bestimmt. Das Gebet und das Fasten, zum Beispiel, die im Koran obligatorisch sind, finden durch das Beispiel des Propheten, dessen Verhalten in der Sunna genau beschrieben wird, eine verbindliche Form. Auch die Schiiten erkennen die Sunna des Propheten als grundlegende Norm an, fügen jedoch die der Imame hinzu. Zahlreiche Gefährten des Propheten haben die Hadithe überliefert. Nach dem Tod des letzten Gefährten wurde ihr Platz von den tabi'un, den «Nachfolgern», «Jüngern» eingenommen, die mit den Gefährten in Beziehung standen und die Hadithe durch ihre Stimme vernommen haben- Einige Gefährten des Propheten haben sich nicht allein auf die mündliche Überlieferung verlassen, sondern die Hadithe auf Blätter niedergeschrieben, die als sahifa.

Der Hadith von 'Aischa. Mohammed nahm voll und ganz am sozialen Leben teil, verheiratete sich, war Vater und Freund seiner Kinder, Gesetzgeber und Richter und hei Bedarf Krieger. In einem Hadith, in dem 'Aischa gefragt wurde: Welche Arbeiten

erledigte der Prophet im eigenen Haus?, antwortete sie: «Gott segne ihn und schenke ihm ewige Gesundheit. Er half seiner Familie, und wenn er den Ruf horte, ging er aus zum Gebet.»

Gehorsam gegenüber dem Propheten. »Werdern Gesandten gehorcht, der gehorcht in der Tat Allah» (Sure 4, 80), denn «.Wahrlich, du leitest auf den geraden Weg» (Sure 42,52). Viele Verse des Korans enthalten die Aufforderung dem Propheten zu gehorchen.

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bekannt sind. Nach einem sehr langen Prozeß hatte der Hadith gegen Mitte des 9. Jahrhunderts seine endgültige Form erhalten. Nachdem die Aussprüche des Propheten in einem einheitlichen Corpus zusammengefaßt waren, erhielt die Sunna in Fragen nach der richtigen Verhaltensnorm einen höheren Stellenwert. Der Jurist und Begründer einer der vier traditionellen juristischen Schulen des Islam, al-Schafi'i (gestorben 820), behauptete, daß die Sunna des Propheten einen höheren normativen Wert hatte als seihst der Koran. Nur fünf der gesammelten Bände wurden allgemein als sahih, als authentisch, betrachtet. Am wichtigsten ist der Sahih von al-Bukhari (810-870). Wenig später wurden der Sahih von Muslim (gestorben 875), die Sunan von Abu Daud (gestorben 889), der Sahih von al-Tirmidhi (gestorben 892) und die Sunan von alNisai (gestorben 915) abgefaßt. Die Schiiten fügten den Sentenzen des Propheten noch die der Imame hinzu, deren Lehren die Bedeutung der prophetischen Botschaft illustrieren. Die wichtigste Sammlung ist

die von Kulaini (gestorben 941), bekannt als 'Usulalkafi. Neben der kanonisierten Form kamen auch eine beträchtliche Anzahl von apokryphen Versionen des Hadith in Umlauf. Falsche Hadithe hatte es bereits zu Lebzeiten des Propheten gegeben. Um dem entgegenzuwirken, entwickelten die islamischen Wissenschaftler eine Disziplin, die als 'Um al-hadith oder «Wissenschaft des Hadith» bekannt war und sich in zwei Richtungen unterteilte: die, die auf die Prüfung der Hadith-Texte spezialisiert war und 'ilm al-jarh hieß, und diejenige, die die Kette der mündlichen Überlieferung kontrollierte und 'ilm al'dirayah hieß. Die verifizierten Hadithe wurden nach der Anzahl und der Bedeutung jedes isnad klassifiziert und von einem speziellen Lexikon ergänzt, das irn Lauf der Studien aufgestellt worden war. Daneben gibt es noch eine dritte Kategorie von Hadithen, die qudsi, «heilige Tradition»; Ihr Text stammt nicht vom Propheten, sondern wurde als Wort Gottes Mohammed durch Inspiration anvertraut, der es unkommentiert weitergab.

Ausschnitt eines Holztriptychons mit kalligraphischer Beschreibung des Propheten (Türkei). Rom, Museo d' Arte Orientale.

Die Übermittlung der Hadith. Abu Hurayra, der treue Diener des Propheten, hatte sich ziemlich spät, im Jahr 628, zum Islam bekehrt. Innerhalb von vier Jahren sammelte er soviele Hadithe wie niemand sonst. Nachdem er wichtige Ämter des islamischen

Staates erfüllt hatte, starb er 678 in Medina. Wichtig war auch die HadithSammlung von 'Ahdulla, dem Sohn des zweiten Kalifen 'Umar, der 692 in Mekka starb. Eine bedeutende Gestalt war auch Anas ibn Malik, der von Kindesbeinen an im Dienst

des Propheten stand und ungewöhnlich lange lebte (er starb 711 in Bassora). Auch 'Aischa, die Lieblingsfrau des Propheten, die nach seinem Tod eine bevorzugte Stellung in der islamischen Gesellschaft einnahm, tradierte eine große Anzahl von Hadithen.

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Zwei Gelehrte. Syrische Miniatur (1229). Istanbul, TopkapiMuseum. Unten: Ausschnitt einer Elfenbeinplakette (Ägypten, 11.- 12. Jh.). Florenz, Museo de! Bargello.

Scharia: Das Gesetz des Islam Die Wissenschaft des islamischen Gesetzes, fiqh, entwickelte sich aus der Anwendung und Auslegung der Vorschriften des Korans. Der Fiqh ist das Be-

wußtsein von den göttlichen Gesetzen, die jeder Handlung eines verantwortungsbewußten Muslim zugrundeliegen und sie entsprechend einer Klassifizierung, die vom Verbot bis zum absoluten Gebot reicht, einteilen. Das Wort

Scharia, das «islamische Gesetz«, stamme von einer Wurzel ab, die «gepflasterte Straße» bedeutet. Die Scharia beschreibt also den «deutlichen und klaren Weg», der zu Gott führt, indem sie die religiösen Geböte festlegt, die der Mensch in seinem privaten und sozialen Leben beachten muß. Die vier Pfeiler des islamischen Gesetzes sind der Koran, die Sunna des Propheten, die grundlegenden Prinzipien oder analogen Überlegungen, qiyas, und idscHma', das formale Prinzip. Die Scharia ist in zwei Teile unterteilt: in die Kulthandlungen, "ibadat, und in die Beziehungen der Menschen untereinander, muamalat. Zur Lebenszeit des Propheten genügte seine Autorität, um strittige Fragen zu klären. Unter den vier nachfolgenden Kalifen des Propheten (den «Wohlgeleiteten») wurde die Sunna befolgt. Um jedoch einen neuen, expandierenden Staat verwalten zu können, mußte man auf die Verwaltungspraxis und das herrschende Recht der beiden vorislamischen Reiche, des byzantinischen und des von den Sasaniden regierten, zurückgreifen. Die Kalifen

Regeln für die Nahrung. Das islamische Gesetz verbietet den Genuß von Schweinefleisch, von Blut und von Tieren, die nicht nach dem islamischen Ritual geschlachtet wurden. Der Islam veränderte die arabische Ernährungsweise aus vor-

islamischer Zeit nicht ganz, führte jedoch die rituelle Schlachtung ein, die jüdischen Ursprungs ist. Dabei wird die Formel bismi l'lahi (im Namen Allahs) ausgesprochen. Nachdem die Kehle des Tieres durchgeschnitten wird, läßt man soviel Blut wie

möglich herausfließen. Das so geschlachtete Fleisch ist halal (erlaubt). Juristische Schriften führen eine Reihe von erlaubten und nichterlaubten Nahrungsmitteln auf, wobei es zwischen den Gesetzesschulen minimale Unterschiede gibt. Das Fleisch von Fischen und

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kümmerten sich nicht darum, das göttliche Gesetz anzuwenden, ihnen ging es darum, das neue Gemeinwesen zu verwalten. So wurde das Richteramt, qadi, geschaffen. In den hundert Jahren des Umayyaden-Reiches war es die Aufgabe des qadi, über die Einhaltung der Scharia zu wachen. So bildete sich im Laufe der Zeit ein juristischer Corpus heraus, der sich von den islamischen Idealen entfernte. Die Abbasiden wollten die Scharia von fremden Einflüssen reinigen und drängten auf eine Kodifizierung des Gesetzes im Sinn des Korans und des Hadith, Die Sunna, die für juristische Überlegungen grundlegend ist, wurde durch den ray verstärkt, den persönlichen, rational geprägten Richterspruch, und der wiederum stürzte sich auf die qiyas, die Analogien. Im einzelnen ging das so vor sich: Mir Hilfe der menschlichen Vernunft wird eine aktuelle Situation analysiert und mit einer anderen verglichen, für die bereits ein Gesetz vorhanden ist. Um jeden interpretativen Dissens auszuschalten, bezog man sich auf den idschma', den Konsens der Rechtsgelehrten. Die Ver-

hindung zwischen Sunna und idschma wurde durch die systematischen Überlegungen des idschtihad geschaffen, was soviel wie «eigenständige Entscheidungsfindling» bedeutet. Die einzig Kompetenten in dieser Sache waren die Rechtsgelehrten oder 'ulama. Nach dem 9. Jahrhundert erfuhr die idschma' keine weitere Ausarbeitung mehr, weil man davon überzeugt war, daß kein Fall mehr auftreten könne, der sich grundlegend von all denjenigen

unterscheiden würde, über die bereits ein Konsens bestand. Dadurch wurde natürlich auch die eigenständige Entscheidungsfindung des Richters eingeschränkt. Die gesammelten juristischen Ansichten führten allmählich zur Ausbildung unterschiedlicher juristischer Schulen, den madhhab. Zwei Protagonisten aus der Anfangsphase waren Abu Hanifa (gestorben 767) in Kufa (Irak), und Malik ibn Anas (gestorben 795) in Medina, die

Studium an der Universität Kairo.

Seetieren ist auch dann erlaubt, wenn das Tier bereits tot war. Blut ist nicht erlaubt, wahrend es Leber und Milz durchaus sind. All das, was nicht Allah geopfert wurde, darf nicht gegessen werden. Datteln sind das bevorzugte Nahrungsmittel der Mus-

Urne und werden zwischen dem Fasten empfohlen. Alle alkoholischen Getränke sind vom islamischen Gesetz verboten. Im Koran heißt es: «O die ihr glaubt! Wein und Glücksspiel und Götzenbilder und Lospfeile sind ein Greuel, ein Werk

Satans. So meidet sie allesamt, auf daß ihr Erfolg habt.» (Sure 5, 90) Entsprechend sind auch alle vergorenen Getränke und allgemein Drogen verboten. Der Vers weitet das Verbot auch auf jede Form des Glücksspiels aus.

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Studium der Texte in einer Schule sunnitischer Theologie in Torbat Jam (Iran). Die Sunna verbindet die Episoden aus dem Leben des Propheten zu einer geltenden Norm. Aus der Sunna leitet sich das islamische Gesetz, die Scharia, ab. Unten: Der Richter in einer Miniatur von al-Wasiti (1237). Paris, Bibiiotheque Nationale.

Gesetzesschulen auf der Basis von ausführlichen und genauen Koran- und Hadith-Studien schufen. Sie bezogen jedoch auch die überlieferten Verhaltensweisen aus der Zeit des Propheten mit ein. Die Richter des Irak gehörten zu den ersten, die eine Doktrin formulierten, die sich auf den Gelehrtenkonsens und auf die Auslegung der Sunna berief, und die sie als Sunna des Propheten bezeichneten. Grundlage waren die Hadithe, die in immer größerer Zahl aus den juristischen Texten auftauchten. Die authentischen Ha-

dithe, die in einem Corpus aufbewahrt werden, wurden mit der Sunna identifiziert, die neben dem Koran die Basis der Rechtswissenschaft biKiel e. Der große Jurist al-Schafi'i (gestorben 820), Schüler von Malik, vollzog den entscheidenden Schritt zur Ausarbeitung einer Geset' zesthcorie und schuf so die dritte Gesetzesschule. Durch ihn war die Sunna keine Praxis mehr, die entsprechend dem Konsens der anerkannten Autoritäten idealisiert und durch eine enge Analogie erklärt wurde, sondern sie unterstand

allein dem persönlichen Urteil. Er gab der islamischen Rechtssprechung eine definitive Form und erklärte die Hadithe nicht nur zu einem Anhang des Korans, sondern zur wichtigen Quelle der Scharia, womit er gleichzeitig die Bedeutung des idschma und der qiyas bestätigte. In der abbasidischen Zeit führten die verschiedenen Ansichten über die Prinzipien der Scharia zu einem offenen Konflikt. Der Kalif al-Mamun (813-833) zwang die angesehensten Richter, die Doktrin über die Erschaffenheit des Korans zu akzeptieren. Auf der Gegenseite behauptete sich standhaft der traditionalistische Ahmad ibn Hanbai (gestorben 855), zugunsten einer frommen Annahme des von Gort geschaffenen Wortes. Seine Lehren, die sich ausschließlich auf den Koran und den Hadith beriefen, ohne idschma' und qiyas in Betracht zu ziehen, hatten bis zum 14- Jahrhundert zahlreiche Anhänger. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts veränderte sich die politische Lage, und so entwickelte sich eine vierte juristische Schule, die sich der rationalistischen Interpretation der Offenbarung

Die Imame, Interpreten des Gesetzes. Für die Schiiten sind sie diejenigen, die einen höheren Grad an Bewußtsein und Gesetzespraxis erreichen und deshalb über den idschtihad verfügen, das heißt, ihre persönliche Meinung hei Fragen äußern
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dürfen, die das Gesetz betreffen. Das Gesetz wird von ihnen im Namen des imam Ghar («dem verborgenen Imam», der 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt wurde und dessen Rückkehr die Schiiten erwarten) ausgelegt.

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widersetzte. Neben dem Koran sollte lediglich die Sunna eine maßgebliche Quelle für die Scharia und die Gestaltung der umma, der islamischen Glaubensgemeinschaft, sein. Trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen über die Prinzipien der Gesetze, über den Koran und die Sunna stimmten die verschiedenen Gesetzesschulen darin überein, die Tradition zu lichten. Vier grundlegende Schulen wurden von den Sunniten akzeptiert. Die hanafitische Schule wurde von den Ahbasiden angenommen und wurde auch zur offiziellen Schule des osmanischen Reiches. Sie ist die liberalste Schule, die von der Hälfte aller Muslime auf der Welt befolgt wird. Die malikitische Schule herrscht in Nordafrika vor. Die schafi'itische Schule blühte seit jeher in Ägypten, teilweise auch in Syrien, in Bahrein und in Indonesien. Die Schule mit der geringsten Anzahl der Anhänger ist die hanbalitische, deren Zentrum lange Zeit in Ägypten und in Syrien war: Aus ihr ist die wahhabitische Bewegung auf der arabischen Halbinsel hervorgegangen. Die Bildung der Gesetzes-

schulen in der schiitischen Welt geht auf den sechsten Imam Dschafar al-Sadiq (699-765) zurück, einen Nachfahren 'Alis. Im Unterschied zu den Sunniten sind die Imame für die Schiiten keine Ausleger des Gesetzes, sondern ihre Taten und Aussprüche sind Teil der Hadith-Literatur. Für die Sunniten dagegen hat sich die «Tür» der idschtihad nach der definitiven Entstehung der vier Gesetzesschulen im 10. Jahrhundert geschlossen, wodurch die Freiheit, eine eigenständige Entscheidung zu finden, unterbunden wurde. Mit der Schließung der idschtihad wurde das islamische Rechr in den FiqhTraktaten kodifiziert. In neuen und komplizierten Fällen bezieht man sich auf die fatwa (den juristischen Rat eines fagih, eines juristischen Ratgehers, der wie der mufti diese Aufgabe innehat). Der mufti schafft keine neuen Gesetze, sondern beschränkt sich darauf, die Vorschriften aus den Fiqh-Traktaten auf bestimmte Fälle anzuwenden. Für das Fiqh kann ein Akr vom juristischen Stadtpunkt aus in fünf Stufen unterteilt werden: fard — das Obligatorische; mustahabb -

das Empfehlenswerte; mubah - das Erlaubte; makruh - das Mißbilligte und harara — das Verbotene und vor dem Gesetz Strafbare.

Studium im Gebetssaal im Islamischen Zentrum, Rom.

Die sunnitische und die schiitische Schule. Die beiden Schulen unterscheiden sich nicht sehr voneinander, was die besonderen Lehren der Scharia anbetrifft. Uneinigkeit besteht in Fragen der Nachfolge des Propheten und über die Position der

Frauen. Für die imamitische Schia gibt es keine wirkliche Regierung, solange der Mahdi, der zwölfte Imam, nicht wiederaufgetaucht ist. Für die Sunniten dagegen ist das Kalifat die legitime Form der Regierung, da der Kalif der Statthalter des Propheten

ist und die Aufgabe hat, das göttliche Recht zu verwalten. Nach dem Fall Bagdads durch die Mongolen wurde das Kalifat, Symbol der politischen Einheit des Islam, aufgehoben, die Einheit wurde nur noch durch die Scharia aufrechterhalten.

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Kula-Gebetsteppich aus Anatolien (18. Jh.). Die Darstellung des mihrab zeigt die Richtung nach Mekka an. Unten: Fußwaschung vor dem Eingang der Moschee. Moschee von Mohammed 'Ali, Kairo.

Die fünf Pfeiler des Islam Nach einem Ausspruch des Propheten beruht der islamische Glaube auf fünf Pfeilern. Damit meinte er, daß die religiöse Praxis dem Gläubigen fünf Pflichten auferlegte, die das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen maßgeblich bestimmen. Die Riten und Kulthandlungen, die jeder Muslim vollziehen muß, stellen zusammen die Liturgie und die Andacht der Muslime dar und sind der wichtigste Teil der Scharia. Nach der Ordnung des Hadith, wie sie der Prophet festlegte, steht die schahada, das Glaubensbekenntnis, an erster Stelle. Es handelt sich nicht nur um eine innere Zugehörigkeit, sondern um einen formalen Akt, bei dem der Satz ausgesprochen wird: «Es gibt keinen anderen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.» Um der islamischen Glaubensgemeinschaft beizutreten ist es nach einer allgemeinen Vorbereitung, die der niyya, der «Absichtserklärung» folgt — ausreichend, diese Erklärung vor Zeugen auszusprechen.

Salat, das Gebet Der wichtigste Ritus jedoch ist salat, das Gebet, das heißt die Praxis der «rituellen und täglichen Gebete». In arabisch versteht man unter Salat nicht das innere und freie Gebet des Herzens, sondern die rituelle, kanonische Anbetung. Es gibt fünf Gebete, denen ein adhan, der «Ruf», und ein wudu', die Reinigung des Körpers, um vor Gott zu treten, vorausgehen. Vom Gesetz als unrein betrachtet werden, außer den Exkrementen von Menschen und Tieren auch Schweine, Hunde, berauschende Getränke, Blut und Tiere, die nicht rituell geschlachtet wurden. Das Gebet findet bei Tagesanbruch, nach Sonnenaufgang und um zwölf Uhr mittags statt; ebenso am Nachmittag und unmittelbar nach Sonnenuntergang. An das kanonische Gebet wird im Koran mehrfach und auf verschiedene Weise erinnert, ohne daß es definitiv festgelegt ist. Zum Beispiel heißt es: «Und verrichtet das Gebet und zahlet die Zakat, und beugt euch mit denen, die sich beugen.» (Sure 2, 43) Salat bedeutet «Gebet» oder «Anbetung» und findet nach dem vom Prophe-

ten gelehrten Ritual statt: «Verrichtet das Gebet, wie ihr es mich verrichten gesehen habt.» Die Pflicht zum Gebet muß jeder Muslim, der die Pubertät erreicht hat und in vollem Besitz seiner geistigen Kräfte ist, erfüllen. Nachdem er sich in Richtung der qibla, nach Mekka, gewandt hat, muß der Betende stehend, in einer als qiyam bezeichneten Haltung, die niyya aussprechen, auf die der Satz, takbir, folgt: Allahu akbar «Allah ist der Größte». Er muß mit bis zu den Schultern erhobenen, nach vorne ausgestreckten Händen ausgesprochen werden. Mit dem Aussprechen dieser Formel erreicht man einen geweihten Zustand, jede Bewegung, lachen, weinen, sich umdrehen, ist verboten, da das Gebet sonst seine Wirkung verliert. In dieser Haltung bleibt der Gläubige stehen und umfaßt mit der rechten Hand das linke Handgelenk. Danach wird die erste Sure des Korans, die sogenannte alFatiha, «die Eröffnende», gelesen, der man ein amin hinzufügt, das der Korantext nicht enthält; darauf folgen weitere, mindestens drei kurze Verse nach freier Wahl. Nach dem takbir

Die niyya. Sie ist die «Absichtserklärung», die nach dem islamischen Gesetz vor jeder Kulthandlung erforderlich ist. Wenn sie nicht ausgesprochen wird, bleibt der Kult bedeutungslos.

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beugt man sich nach vorne, so daß die Handflächen auf den Knien ruhen (diese Hakung heißt ruku) und ruft dreimal eine kurze, lobpreisende Formel aus. Wieder in aufgerichteter Haltung, nimmt man nun die Position des sudschud ein, bei der man sich niederwirft. Dahei werden die Hände auf den Boden gestützt, die Stirn ist zwischen den Händen, wobei dreimal die lobpreisende Formel ausgesprochen wird. Nun folgt die sitzende Haltung, dschulus, bei der man auf den Fersen kauert und die Hände auf die Schenkel legt. Es folgt ein weiteres sudsckud mit drei Lobpreisungen. Damit endet die erste rak'ah des Gebets. Der Glaubige richtet sich nun wieder auf, um mit der zweiten rak'ah zu beginnen. Am Ende, in der Haltung des dschulus, wird das Gebet namens tahiyyat, das «Lob des Propheten», rezitiert, worauf das Glaubensbekenntnis, die schahada, folgt. Um das Gehet zu beenden, wendet man den Kopf zuerst nach rechts und dann nach links und spricht die abschließende Grußformel ras (im aus. Das Morgengebet besteht aus einem rak'ah, das nach Sonnenun-

tergang aus drei rak'ah. Dies wird überall und im festgesetzten Augenblick ausgesprochen, allein oder in der Gruppe, auch wenn das gemeinsame Ritual vorgezogen wird. Arn Freitag um zwölf Uhr muß das Gebet nach der Vorschrift gemeinsam in der Moschee abgelegt werden. Ihm voraus geht die khutba, «die fromme Predigt moralischen Inhalts», die ein khatib, ein «Prediger», auf einer Kanzel oder stehend ausspricht. Der Freitag wird von den Muslimen als Feiertag betrachtet, auch wenn dies nach dem klassischen islamischen Recht keine Aufhebung der Arbeit bedeutet. Das Gesetz sieht weitere Gebete vor, die vor allem während der großen Feste empfohlen werden. Zakat, die kanonische Steuer Das Almosen oder die kanonische Steuer wird vom Islam als dritter Pfeiler der religiösen Pflichten betrachtet: Darunter versteht man die Pflicht jedes Muslimen gegenüber Gott, eine Steuer für die Güter zu begleichen, die ihm geschenkt wurden. Dadurch reinigt und legalisiert man alles, was man besitzt. Die Zakat wird wie die

anderen Pflichten im Koran erwähnt, jedoch vom Hadith des Propheten und dem Gesetz erläutert: «Und verrichtet das Gebet und zahlet dieZakat.»(Sure2,43).An anderer Stelle werden die Personen genannt, für die es gelten soll. Das Minimum von Besitzgütern wird nisab genannt. Das sind die Erzeugnisse der Felder, Früchte, Tiere, Gold und Silber, Handelswaren und Schmuckstücke, die man besitzt. Dieses Minimum oder msab entspricht dem Handelswert von 96 Gramm Gold und wird mit 2,3 % besteuert.

Gebet auf einer Straße von Bagdad. Der Gläubige befindet sich in der Haltung des sudschud (niedergeworfen). Unten: Seite eines Gebetbuches. In Rot steht der Name des Propheten geschrieben. Die Lektüre des Koran, die Anrufung Gottes und das Lob des Propheten sind Teil des täglichen Lebens jedes Gläubigen.

Wudu' und ghusl, die Reinigung. Die Berührung eines unreinen Gegenstands oder der Haut einer fremden Frau schafft einen unreinen Zustand, der das Aufsagen des Gebets, das Betreten der heiligen Umgehung der Ka'ba und die Berührung des Korans

untersagt. Der Zustand der Unreinheit wird durch das wudu eliminiert. Nach sexuellen Kontakten ist der Zustand der Unreinheit noch stärker, für Frauen gilt das auch für die Zeit der Menstruation und für die Zeit von vierzig Tagen nach der Niederkunft. Von

diesem Zustand wird man durch ghusl gereinigt, «die vollkommene Reinigung», wie sie einem Bad entspricht.

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Innere Sammlung in der Moschee von Eyup, Istanbul. Unten: Der Vers des Korans, der die zakat betrifft.

Für landwirtschaftliche Produkte beträgt die Steuer ein Zehntel des Wertes, wenn bei dem Anbau keine Bewässerung notwendig war. Bei Bewässerung sinkt die Steuer auf ein Zwanzig-

stel. Sorgfältig setzt die islamische Rechtsprechung die Steuerabgaben für Vieh in einer detaillierten Tabelle fest. Das gleiche gilt für Grundeigentum, Immobilienbesitz und die Schätze der Natur. Irn Koran wird auch erläutert, an wen die Steuerabgaben zu verteilen sind: die Armen, die Bedürftigen und die Steuereinnehmer selbst, die über bestimmte Eigenschaften verfügen müssen, die das Gesetz vorschreibt. Die Personen, mit denen wir unser Herz verbrüdern oder deren Herz besänftigt werden muß, sind angesehene Bürger, die dem Islam Gutes tun könnten, deren Streben nach dem Glauben jedoch noch schwach ist. Von der Steuer befreit sind Sklaven, die sich freikaufen wollen, und Schuldner, die wegen lobenswerter Ziele in Schulden gerieten und diese nicht zurückzahlen können. Alles übrige steht dem Öffentlichen Wohl zur Verfügung und im besonderen der Sache Allahs, das heißt, es dient den unterschiedlichsten Zwecken, die den Kampf auf dem Weg zu Gott vorantreiben. Nicht zuletzt schließlich kommt es auch den Reisenden zugute.

Saum, die Fastenzeit Im heiligen Monat Ramadan, ist der zweite grundlegende Kultakt, der mit wenigen Ausnahmen für alle Muslime obligatorisch ist, das Fasten. Das Gesetz nimmt vom Fasten Minderjährige, Geisteskranke, allgemein Kranke und chronisch Kranke aus, ehenso Reisende, schwangere oder stillende Frauen und alte Menschen, die durch das Fasten in ihrer Gesundheit beeinträchtigt werden könnten. Jungen Frauen in der Pubertät oder Frauen während der Menstruation ist das Fasten verboten. Falls die Gründe, die vom Fasten abhielten, nicht mehr gelten, sind die Gläubigen angehalten, die fehlenden Fastentage nachzuholen. Die Vorschriften für die Fastenzeit sind im Koran enthalten und wurden im folgenden von der Scharia festgelegt (Sure 2, 183185). Das Gesetz erlaubt und empfiehlt auch eine freiwillige Fastenzeit an bestimmten Tagen im Jahr. Der Koran schaffte den Schaltmonat, der in vorislamischer Zeit alle zwei bis drei Jahre das Gleichgewicht zwischen dem Sonnen- und dem Mondkalender herstellte, ab:

Zakat und sadaqa. Das islamische Gesetz unterscheidet zwischen sadaqa, der freiwilligen Schenkung, und zakat, der eigentlichen, gesetzlich festgelegten Steuer: Man gibt einen Teil seines Besitzes, um den eigenen Reichtum zu reinigen.

Die Pflicht zu fasten. Der Koran legt die Pflicht zu fasten fest: «O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war (...) Und Fasten ist gut für euch, wenn ihr es begreift.» (Sure 2, 184-185)

Unterbrechung der Fastenzeit. Die unfreiwillige Unterbrechung der Fastenzeit bringt keinerlei Sanktionen mit sich, solange man sie sofort danach wieder fortsetzt. Im Fall einer bewußten Unterbrechung, muß man als Ausgleich bedürftigen

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«Das Verschieben [eines Heiligen Monats] ist nur eine Mehrung des Unglaubens. Die Ungläubigen werden dadurch irregeführt. Sie erlauben es in einem Jahr und verbieten es in einem ändern Jahr, damit sie in der Anzahl [der Monate], die Allah heilig gemacht hat, übereinstimmen und so erlaubt machen, was Allah verwehrt hat. Das Böse ihrer Taten wird ihnen schön gemacht. Doch Allah weist dem ungläubigen Volk nicht den Weg.» (Sure 9, 37) Mit diesem Vers kehrte man zum reinen Mondkalender zurück. Da die Mondmonate abwechselnd 29 oder 30 Tage lang sind, hat das Mondjahr insgesamt 354 Tage und ist elf Tage hinter dem Sonnenjahr zurück. Laut Gesetz genügt für den Beginn des Monats Ramadan nicht nur der errechnete Tag, vielmehr müssen glaubwürdige Zeugen vor einem qadi erklären, daß sie den Mond gesehen haben. Der Monat Ramadan ist der neunte des islamischen Kalenderjahrs, der für den Islam doppelt heilig ist: «Der Monat Ramadan ist der, in welchem der Koran herabgesandt ward: eine Weisung für die Menschheit, deutliche Be-

weise der Führung und [göttliche] Zeichen» (Sure 2, 185). Der Ramadan ist ein Monat der Reinigung, voller Gnade; in einer der letzten ungleichen Nächte, der «Nacht des Schicksals», laylat al-qadr, sind die Pforten des Himmels halb geöffnet. Das Fasten dauert vom ersten Morgenlicht bis zum Sonnenuntergang. Allgemein wird ein leichtes Mahl vor der Morgenröte eingenommen, das suhur, um den Tag angehen zu können. Wie das Gebet ist die Fastenzeit wirkungslos, wenn ihr nicht die niyya vorausging. Nach dem Aussprechen der niyya beginnt man etwa eine viertel Stunde vor dem Beginn des Morgengebets zu fasten. Außer Essen und Trinken ist auch jeglicher sexueller Kontakt verboten, ebenso jegliche böse Gedanken oder Taten während des ganzen Tags bis zum Sonnenuntergang. Man darf weder streiten noch lügen oder fluchen. Der Sonnenuntergang beendet das tägliche Fasten, und die Abstinenz wird unterbrochen, indem man Datteln ißt und Wasser trinkt, wie es die Sunna des Propheten will. Die Unterbrechung, genannt iftar, wird durch ein

kurzes Gebet eingeleitet. Nach dem rituellen Abendgebet ist es Brauch, ein spezielles, langes Nachtgebet zu sprechen, das tarawih. Der Sunna des Propheten zufolge besteht dieses Gebet aus mindestens acht bis maximal zwanzig rak'ah. Der Ramadan ist ein Monat der Güte, während dem der Gläubige seine Güter mit denjenigen teilen muß, die bedürftig sind. Mit dem Neumond des Monats Schawwal endet der Monat Ramadan, und es beginnt das abschließende Fest 'id al-fitr.

Gebet am Ende der Fastenzeit. Jerusalem, Moschee al-Aksa. Die Fastenzeit dauert vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang während des gesamten Monats Ramadan, des neunten Monats des islamischen Kalenders.

Muslimen eine Mahlzeit anbieten oder einen entsprechenden Geldbetrag spenden; andernfalls muß das Fasten sechzig Tage lang fortgesetzt werden.

Die spirituelle Bedeutung. Bei der Fastenzeit ist die spirituelle Bedeutung und der Gehorsam gegenüber Gott wichtig. Der Gläubige lernt, seine physischen Bedürfnisse unter Kontrolle zu halten und seine menschliche Natur zu überwinden.

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Teil eines Kompaßdeckels für die genaue Ausrichtung der qibla, «der Richtung zur Ka'ba», von verschiedenen Orten aus (18. Jh.). Istanbul, Museum der türkischislamischen Kunst.

Al-hctdsch, die Pilgerfahrt Die Pilgerfahrt nach Mekka ist der fünfte Pfeiler des Islam und ein obligatorischer Akt, der jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen ausgeführt werden kann. Jeder Muslim muß sich mindestens einmal im Leben nach Mekka aufmachen, wenn seine Mittel es erlauben. Die Zeremonie der Pilgerfahrt ist ziemlich komplex, der Koran enthält nur Andeutungen darüber, die Einzelheiten wurden jedoch von der Sunna und der Tradition überliefert. Die Tradition bezieht sich vor allem auf die letzte Pilgerfahrt des Propheten kurz

vor seinem Tod 632. Die Pilgerfahrt findet zwischen dem 8. und dem 13. Tag des Monats Dhu al-hidscha statt. Sie stellt einen wichtigen Moment im Leben des Gläubigen dar, da es sich um ein Reinigungsritual handelt. Bei der Reise zum Haus Gottes bittet der Mensch um Vergebung für seine Sünden und wird durch seine Reue und die rituelle Zelebration gereinigt. Nach der Pilgerfahrt (trägt der Muslim den Ehrentitel Hadsch und soll ein glaubiges Leben anstreben. Die Pilgerfahrt nach Mekka stellt auch ein wertvolles Mittel der sozialen Integration dar. Alle Muslime, Männer, Frauen aller Rassen und aus allen sozialen Schichten, aus allen Teilen der Welt, finden sich seit Jahrhunderten am Ort der Einheit der islamischen Glaubensgemeinschaft ein. Sobald der Pilger im Gebiet von Mekka angelangt ist, befindet er sich in einem Zustand des ihram, der Weihe. Das heilige Gebiet haram beginnt bereits außerhalb der Stadt und wurde vom Propheten selbst festgelegt. Als Grenze des heiligen Gebiets sind fünf Orte als mawaqit festgelegt (die Plu-

ralform von miqat). Sobald man ein miqat, je nach Richtung, aus der man kommt, erreicht, muß man ghusl, die oberste Ablution, vollziehen: Nägel schneiden und die Haare in Ordnung bringen, sich mir Duftwasser einreihen und das Gewand der Pilgerfahrt anlegen. Wenn man den 'umra, die kleinere Pilgerfahrt vollziehen will, muß der Gläubige die ni^a-Forrnel aussprechen: Sie enthält die «Absicht», diese kleine Pilgerfahrt zu vollziehen, weil sie, wie bei allen anderen Pflichten, ohne die Formel nicht gültig ist. Daneben gibt es eine weitere Formel, mit der man den göttlichen Befehl, sich nach Mekka zu begeben, annimmt: Diese talbiya wird zusammen und mit lauter Stimme ausgesprochen. Sie muß während der ganzen Strecke, von dem miqat bis zur Heiligen Moschee ausgesprochen werden, die man durch die Friedenstür betritt. Dann überschreitet man die heilige Umgrenzung der Ka'ba, in der Höhe des Schwarzen Steins. Hier beginnt der ttavaf, die Umgehung: Siebenmal geht man gegen den Uhrzeigersinn von links um die Ka'ba. Ort der Pilgerfahrt ist

Die Monate des Jahres. Das muslimische Jahr ist in Mondmonate unterteilt, die mit dem Neumond beginnen: Muharram, Safar, Rabi' al-Awwal, Rabi' athTh;mi, Dschumada al-LJla, Dschumada ath-Thaniya, Radschab, Scha'ban, Ramadan, Schawwal, Dhu

1-Qa'da, Dhu al-hidscha; sie entsprechen in der Reihenfolge den Sonnenmonaten von Januar bis Dezember.

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die Große Moschee von Mekka, die die Ka'ba und den Brunnen Zamzam umfaßt. Die Ka'ba ist ein kubisches Gebäude in der Mitte des großen Innenhofs der Moschee; an ihrer östlichen Seite befindet sich in einer Nische etwa fünf Fuß über dem Boden der Schwarze Stein, ein großes schwarzes Mineral, der bereits Abraham und den Arabern in vorislamischer Zeit heilig war. Der Stein ist ein Gegenstand der Verehrung, weil die Hände des Propheten ihn berührt haben, jedoch nicht der Anbetung. Vor der östlichen Ecke der Ka'ba befindet sich in einem zweistöckigen Haus der gesegnete Brunnen Zamzam. Ganz in der Nähe befindet sich maqam Ibrahim, ein kleines Gebäude, indem Abraham Rast gemacht hatte. Richtung Nordosten grenzt das mas'a an die Moschee an, «der Ort des Laufs», wo sich die Zeremonien des sa'y, des «Laufs» von den Hügeln von Safa und Marwa abspielen. Damit soll der Lauf Hagars nachgeahmt werden, wie ihn der Prophet befohlen hatte. Er bezeichnet ihn als «der Lauf der Menschen untereinander». Nach der siebten Umge-

hung muß der Gläubige den Kreis in Richtung der maqam Ibrahim verlassen. Er spricht ein Gebet aus vier rak'a und nähert sich dann dem Hügel von Safa. Nachdem er dreimal eine Formel der Lobpreisung ausgesprochen hat, läuft er sieben Mal zwischen den Hügeln von Safa und Marwa hin und her. Danach verlassen die Männer Marwa, um sich die Haare zu schneiden oder sie, besser noch, ganz abzurasieren. Mit diesem Akt endet die kleine Pilgerfahrt und auch der weihevolle Zustand. Hadsch, die größere, eigentliche Pilgerfahrt, unterscheidet sich von der kleineren, 'umra, dadurch, daß sie in der für die Ausführung der Riten festgesetzten Zeit stattfinden muß. Nach seiner Ankunft im miqat spricht der Gläubige die niyya aus und begibt sich in den Zustand des ihram. Danach nähert er sich zum Gebet des Morgens der Großen Moschee von Mekka, wo er der besonderen Predigt über seine Pflichten als Pilger beiwohnt. Am neunten Tag, dem zweiten entsprechend der der Pilgerfahrt geweihten Zeit, bricht der Pilger zur Ebene von 'Arafa auf, das zu Kamel etwa vier

Stunden östlich von Mekka liegt; zum Mittagsgebet rastet er in dem auf halber Strecke gelegenen Ort Mina. Dieser Tag mit der Bezeichnung «der Tag von 'Arafa» ist der Höhepunkt der Pilgerfahrt, wie er auch von der Sunna festgelegt wird. Die Pilger machen in einer Ebene Rast, in der Nähe eines Berges, wo sie am ersten Nachmittag bis zum Sonnenuntergang beten. Mit lauter Stimme

Pilger vor der Ka 'ba, Mekka (Saudi-Arabien). Im Innern des Gebäudes befindet sich der Schwarze Stein. Unten: Der Grundriß Mekkas, wie er auf dem Deckel eines Kompasses (l 7. Jh.) dargestellt ist. Istanbul, Museum der türkischislamischen Kunst.

Zum Altehrwürdigen Haus. Der Koran sagt über die Pilgerfahrt: «Und verkündige den Menschen die Pilgerfahrt: Sie werden zu dir kommen zu Fuß und auf jedem hageren Kamel, auf allen fernen Wegen./ Auf daß sie ihre Vorteile wahrnehmen und des

Namens Allahs gedenken während der bestimmten Tage für das, was Er ihnen gegeben hat an Vieh. Darum esset davon und speist den Notleidenden, den Bedürftigen./ Dann sollen sie ihrer persönlichen Reinigung obliegen und ihre Eide erfüllen und

um das Altehrwürdige Haus wandeln.» (Sure 22, 27-29)

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Das Heer Mohammeds marschiert gegen die Ungläubigen. Persische Miniatur. Paris, Bibliotheque Nationale. Unten: Pilger vor der Ka 'ba tragen die für die Pilgerfahrt vorgeschriebenen Gewänder.

wird häufig die Formel «Hier sind wir vor Dir, Allah» wiederholt. Bei Sonnenuntergang verlassen die Gläubigen die Ebene von 'Arafa und begeben sich Richtung Muzdalifa, wo sie die Nacht vom 9. zum 10. Monat verbringen. Vor dem Morgengrauen werden hier ähnliche Rituale wie in 'Arafa, mit einem Lauf, ifada, wiederholt, bis man Mina vor Sonnenaufgang erreicht. Hier wird die "Steinigung Satans» vollzogen, hei der man sieben Steine gegen einen Pfeiler wirft und die entsprechende rituelle Formel ausspricht. Der zehnte Tag des Dhu alhidscha ist der Tag der Opfer, in Erinnerung an Abraham. Das Fleisch der Opfertiere muß größtenteils an die Bedürftigen verteilt werden. Danach kehren die Pilger nacb Mina zurück, wo sich die Männer die Haare schneiden oder rasieren, während sich die Frauen ihre Haare auf Fingerlänge schneiden. Die Beschränkungen des geweihten Zustands - bis auf sexuelle Beziehungen - enden hier. Danach begeben sich die Pilger zur Umgehung der Ka'ba nach Mekka. Nun begibt man sich zum say zwischen den beiden

Hügeln. In den folgenden drei Tagen, dem 11., 12. und 13,, halten sich die Pilger in Mina auf, wo sie jeden Nachmittag die Steinigung Satans bei den drei Säulen vollziehen. Man beginnt bei der kleinsten und endet bei der größten Säule. Die Abreise aus Mina muß vor Sonnenuntergang geschehen. Bevor man die heiligen Orte verläßt, begibt man sich zur Ka'ba, um sie noch einmal zu umschreiten. Diese Pilgerfahrt muß zusammen mit der 'umra vollzogen werden. In bezug auf die große Pilgerfahrt sagte der Prophet: «Für eine von Allah angenommene Pilgerfahrt gibt es keinen anderen Lohn als das Paradies.» Dschihad, der heilige Krieg Wie alle von der Scharia vorgeschriebenen Rituale ist auch der Dschihad von großer Bedeutung, der jedoch nur gelegentlich ausgeführt wird. In jedem Fall wird der dschihad als/artlalkifaya («obligatorisch in der Gemeinschaft») betrachtet. Seine grundlegende Bedeutung liegt in der Anstrengung, die auf dem Weg für die Sache Allahs untern o m i i K - n \vn\l. Aus Ji-t

geläufigen Übersetzung ist der «große Heilige Krieg» entstanden, es handelt sich jedoch um einen konstanten Krieg, den jeder Muslim gegen das Böse und die Versuchungen in sich selbst führen muß. Der Koran enthält verschiedene Vorschriften zum Dschihad. Sie reichen von einer großen, gewaltlosen Toleranz («Wir wissen am besten, was sie sprechen: und du bist nicht [berufen], sie irgend zu zwingen. Ermahne drum durch den Koran den, der Meine Drohung fürchtet», Sure 50, 45), bis zu einem reinen Verteidigungskrieg («Erlaubnis [sich zu verteidigen) ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah und Allah hat fürwahr die Macht, ihnen zu helfen Jenen, die schuldlos aus ihren Häusern vertrieben wurden, nur weil sie sprachen:' <Unser Herr ist Allah»-, Sure 22, 39-40), und schließlich einer expliziten Aufforderung: «Kämpfet wider diejenigen aus dem Volk der Schrift, die nicht an Allah und an den Jüngsten Tag glauben und die nicht als unerlaubt erachren, was Allah und Sein Gesandter als unerlaubt erklärt haben, und die nicht

'Umra und Hadsch. Es gibt zwei Arten der Pilgerfahrt, die kleine, 'umra, und die große, hadsch. 'Umra kann jederzeit im Jahr durchgeführt werden, wenn sie im Monat Ramadan stattfindet, hat sie die gleiche religiöse Bedeutung wie die große Pilgerfahrt.

Das Gewand der Pilgerfahrt. Für Männer besteht es aus zwei weißen, nicht genähten Stoffbahnen. Der Stoff wird um die Hüfte und unter die Brust geschlungen und heißt izar; die zweite Stoffbahn umhüllt den oberen Teil des Körpers,

wobei die rechte Schulter frei bleibt, und heißt rida. Frauen tragen normale Kleidung, möglichst weiß, die Gesicht und Hände freiläßt.

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dem wahren Bekenntnis folgen, bis sie aus freien Stücken den Tribut entrichten und ihre Unterwerfung anerkennen.» (Sure 9, 29) In einem anderen Passus enthält der Koran allgemeinere Vorschriften: «O die ihr glaubt, soll ich euch einen Handel ansehen, der euch vor qualvoller Strafe retten wird?/ Ihr wollt an Allah glauben und an Seinen Gesandten und sollt streiten für Allahs Sache mit eurem Gut und eurem Blut. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüßtet» (Sure 61, 10-11). Der Prophet hat die wahre Bedeutung des Begriffs erklärt. Er sagt nämlich, daß der dschihad al-akbar bedeutet, «sich in Askese auf dem Weg Gottes zu bemühen». Der dschihad al-asghar ist «die kleinere Anstrengung, auf dem Weg Gottes zu kämpfen». Dieser Primat des Wortes Gottes, solange es einem edlen und erhabenen Ziel dient, schließt per definitionem für den Islam aus, sich gemein und niederträchtig auszudrücken. Damit er dem Zweck der Errettung dienen kann, muß der Dschihad entsprechend der Vorschriften des Gesetzes geführt werden: In jedem Fall verbietet das

Gesetz, daß Frauen, Kinder, Alte, Mönche und hilflose Menschen getötet werden. Es verbietet auch, den Besitz des Feindes und seine Häuser zu zerstören. Das Gesetz schreibt ebenfalls vor, wie die Kriegsbeute aufgeteilt werden muß, und verbietet Terrorismus und Unterdrückung, Mißbrauch und Gewalt. Es ist daher nicht zulässig, den Begriff Dschihad auf terroristische Akte anzuwenden.

Prozession in einem Dorf des Iran mit dem nakhale, einem Wagen, der die Bilder der Märtyrer zeigt, die für die Sache Allahs gestorben sind. Die Prozession findet am Ende des Monats Muharram statt, in Erinnerung an das Martyrium des dritten Imams Husain im Jahr 680.

Kafir und Ahl alKitab. Der Koran unterscheidet zwischen den eigentlichen «Ungläubigen», den kafir, und den Ahlal-Kitab, den «Menschen des Buches», die vom Islam anerkannt werden, da ihre Religionen ebenfalls schriftlich offenbart wur-

den, jedoch vor dem Islam und dadurch von diesem außer Kraft gesetzt wurden. Dies gilt für das Judentum, das Christentum, den Sabäismus und für den Zoroastrismus. Diese Menschen müssen bekämpft werden, bis sie sich dem Gesetz des

islamischen Staates unterwerfen; sie dürfen jedoch frei ihre Religion und ihren Kult ausüben, wenn sie als Gegenleistung eine Steuer errichten, die dschizya, die jedoch nicht höher als die zakat der Muslime sein soll.

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Mutter mit Tochter, und, rechts, Mädchen in einer Dorfschule im Irak. Unten: Ein Junge in der traditionellen Tracht für die Beschneidung (Istanbul).

Geburt und Tod Die Ordnung der vorislamischen Gesellschaft war weitgehend auf den Mann und seine Eigenschaften konzentriert. Frauen hatten eine sekundäre Position inne. Die Geburt von Töchtern wurde nicht geschätzt, falls sie innerhalb der Familie eine bestimmte Grenze überschritt. Frauen bedeuteten durch ihren Unterhalt und während kriegerischer Auseinandersetzung eine Belastungen und wurden als Schande empfunden. Der Islam hat diese Vorstellungen zwar verändert, es ist jedoch nicht einfach, Vorurteile zu verändern, die über Jahrtausende in der männlichen Denk-

weise verwurzelt sind. Der Prophet selbst hatte nur Töchter (zwei Söhne starben sehr jung). Er vertraute sich häufig seiner Tochter Fatima an, über die er sagte: «sie ist diejenige, die mir am meisten gleicht». Er sagte ebenso: »Niemandem, der zwei Töchter hat und sie von Anfang an gut behandelt hat, wird dank ihrer das Paradies verwehrt werden.» Bei der Geburt eines Kindes gehört es zu den guten Gewohnheiten, in das rechte Ohr des Neugeborenen das adhan, die Aufforderung zum Gebet zusammen mit einigen Versen des Korans zu sprechen. In das linke Ohr wird das iqama, die «zweite Aufforderung», gesprochen. Das

Kind hatte ein Anrecht auf einen schönen Namen. Dazu .sagte der Prophet: «Sucht bei der Wahl der Namen solche aus, die mit 'Ahd (Diener) heginnen.» Auch ein toter Fötus erhält gewöhnlich einen Namen. Bei der Geburt eines Sohnes wird empfohlen, zwei Schafe zu schlachten, jedoch nur eines bei der Geburt einer Tochter. Außerdem müssen Almosen an die Armen verteilt werden. Das Opfer wird gewöhnlich am siebten Tag nach der Geburt gebräche, an diesem Tag wird dem Kind auch der Name, tasmiya, gegeben. Die Beschneidung kann am siebten Tag nach der Geburt geschehen, oft wird sie jedoch einige Jahre

Die Beschneidung. Sie wird im Koran nicht erwähnt, wird jedoch bereits seit früher Zeit bei verschiedenen semitischen Völkern praktiziert: Ägyptern, Phöniziern, Abessiniern, Arabern und Juden. Als Reinigungspraxis ist sie noch heute in

der islamischen Welt verbreitet. In den volkstümlichen Vierteln der großen Städte und in den Dörfern trägt das Kind eine eigene Tracht für die Zeremonie und wird mit Tänzen, Umzügen, Gesängen und Festessen gefeiert. Gewöhnlich wird

die Beschneidung von einer erfahrenen Person oder einem Krankenpfleger zu Hause durchgeführt; in den Städten werden jedoch häufig auch medizinische Ambulanzen aufgesucht.

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später vollzogen. Von den Eltern lernt das Kind alles, was es über die Religion wissen muß. Spater übernimmt die gesamte Gesell' schaft die Verantwortung für seine religiöse Erziehung, da das religiöse Leben mit dem sozialen Leben untrennbar verbunden ist. Tod und das Jenseits Im Augenblick des Todes muß ein Gläubiger für den Sterbenden Verse des Korans aufsagen und ihn auffordern, leise die schahada auszusprechen, das «Glaubensbekenntnis». Das Gesetz befiehlt, daß der Tote entkleidet und in einen nicht genähten kafan (Leichentuch) gehüllt wird. H l v n t ; i l K vorgeschrieben IM das salat al~dschtmazcih, «das Totengebet», das in der Gruppe auch ohne den Imam ausgeführt werden kann. Frauen dürfen einzeln oder in der Gruppe daran teilnehmen, es ist jedoch verboten, öffentlich seinen Schmerz mit Weinen, Schreien und Körperbewegungen zu zeigen. Im Augenblick des Begräbnisses wird der Körper auf die rechte Seite gelegt und zur qibla ausgerichtet. Nach der Grablegung folgt das talqin, bei dem man dem

Toten ein Glaubensbekenntnis als «Empfehlung» mit auf den Weg gibt, damit er jenseits des Grabes auf die Fragen der Engel Munkar und Nakir antworten kann. Zwischen dem siebten und dem viezigsten Tag ist ein Trauerbankett üblich, jedoch nie während der drei Tage des 'aza, der «Tröstung», bei der die Familienangehörigen im Innern der Moschee, in einem Zelt auf der Straße oder auch im Haus des ToEin islamischer Friedhof in Rabat (Marokko). Links: Muslimische Beerdigung in Kerbala (Irak). In der Mitte, im dunklen Anzug, ist der Vorbeter zu erkennen. Unten: Gebet auf einem Friedhof von Istanbul (Türkei). Der Koran beschreibt das Jenseits, das den Menschen nach seinem Tod erwartet, in allen Details.

ten die Kondolenzbezeigungen entgegennehmen und der Lesung des Koran zuhören. Sowohl im Koran als auch in der Tradition gibt es eine ausführliche Beschreibung des Jenseits. Die islamische Hölle ist ein

Abgrund des Feuers, während das Paradies ein Garten ist, wo auch sexuelle Vergnügungen nicht ausgeschlossen sind. Der Koran spricht von huri, «Mädchen großer Schönheit».

:

Totengebet. Es findet im Stehen statt. Das Gebet wird mit der niyya eingeleitet, gefolgt von vier takbir («Allahu akbar»), die Hände werden nur das erste Mal erhoben. Einige Schulen erlauben die Lektüre der Sure al-Fatiha nach dem ersten takbir. Nach

dem zweiten takbir wird die Lobpreisung des Propheten ausgesprochen, auf die, nach dem dritten takbir, ein du a, «das Gebet des Herzens» folgt, bei dem man die Gnade Gottes anruft. Nach dem vierten takbir folgt ein du a und ein Gruß nach rechts und links.

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Ein tunesisches Brautpaar posiert für das Hochzeitsfoto. Die Braut trägt ein traditionelles Hochzeitskleid. Unten: Eine irakische Familie (Kerbala).

Die Ehe
Der Islam empfiehlt die Ehe, sowohl im Koran als auch in der Sunna des Propheten. Die Ehe wird vom Koran als etwas Positives und Vorteilhaftes geschildert. Gott hat gesagt: «[...] hindert sie nicht daran, ihre Gatten zu heiraten, wenn sie miteinander auf geziemende Art einig geworden sind.» (Sure 2, 232) Die Frau wird als andere Hälfte des Mannes betrachtet, und die Ehe soll auch aus Liebe geschlossen werden. «Und unter seinen Zeichen ist dies, daß Er Gattinnen für euch schuf aus euch selber, auf daß ihr Frieden in ihnen fändet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt.» (Sure 30, 21) In der Tradition, die auf den Propheten zurückgeht, wird das Thema der Ehe ausführlich und sorgfältig behandelt. Mohammed sagte: «Die Ehe ist Teil meiner Sunna; wer die Sunna nicht befolgt, folgt mir nicht.» Um die Muslime zur Ehe anzuregen, sprach er: «Heiratet und vermehrt euch, und am Tag des Jüngsten Gerichts werde ich euch und eure Kinder über alle anderen Nationen erhe-

ben.» Einen Tadel für alle Vorwände, keine Ehe zu schließen, enthält sein Wort: «Wer aus Angst vor der Belastung durch eine Familie nicht heiratet, gehört nicht zu uns.» Zu den wichtigsten Gründen für die Ehe gehört im Islam die Angst, durch Blicke oder sexuelle Kontakte verdorben zu werden. Zwar erlaubt der Koran die Polygamie, er verbietet den Männern jedoch, mehr als höchstens vier Ehefrauen zu haben. Vor dem Islam war den Arabern eine unbegrenzte Anzahl von Frauen erlaubt. Mohammed hat die Polygamie also eingeschränkt, aber nicht abgeschafft. Diese Einschränkungen formuliert der Koran sehr deutlich, das Gesetz hat sie ebenso festgelegt: «Und wenn ihr fürchtet, ihr würdet nicht gerecht gegen die Waisen handeln, dann heiratet Frauen, die euch genehm dünken, zwei oder drei oder vier; und wenn ihr fürchtet, ihr könnt nicht billig handeln, dann [heiratet nur] eine oder was eure Rechte besitzt. Also könnt ihr das Unrecht eher vermeiden» (Sure 4, 4). Der Mann muß alle seine Ehefrauen gleich behan-

dein, ohne eine von ihnen zum Schaden der anderen vorzuziehen. Falls diese Verpflichtung nicht gewährleistet werden kann, ist es verboten, mehr als eine Frau zu heiraten. Das Gesetz schreibt diese Klausel vor und verbietet es sogar zu heiraten, wenn jemand nicht in der Lage ist, diese Verpflichtung der Ehe zu beherzigen. Die Polygamie stellt keinen Befehl, sondern eine Möglichkeit dar. Der qodi («Richter») oder eine andere kompetente Persönlichkeit muß die allgemeine und finanzielle Lage desjenigen, der mehrfach heiraten will, überprüfen und dann seine Zustimmung erteilen. Wenn der Heiratsvertrag aufgesetzt wird, hat die Frau die Möglichkeit, ihrem zukünftigen Ehemann die Bedingung aufzuerlegen, daß er keine andere Frau mehr heiratet. Wenn das der Fall ist, kann der Mann nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen nochmals heiraten: wenn die Frau schwer krank oder unfruchtbar ist, oder wenn sie selbst nicht in der Lage ist, die Verpflichtung der Ehe zu respektieren. Im Islam wird die Ehe nicht als Sakrament betrachtet, son-

Die Polygamie. Im historischen Kontext der Entstehung des Islam gibt es zahlreiche Gründe für diesen Brauch. Er war zunächst auch mit dem Wunsch nach Bevölkerungszuwachs verbunden, da der Islam Geburten begrüßt. In Kriegszeiten

ging die Zahl der Männer zurück, während die der Frauen stieg. Die Polygamie ist heute offiziell nur in Tunesien verboten. In Marokko gibt es Versuche, sie abzuschaffen, während sie in Ägypten und Syrien über gesetzliche Maßnahmen verhindert wird.

Im größten Teil der islamischen Welt ist sie weitgehend verschwunden, außer in ländlichen Gebieten, in der Stammesgesellschaft und bei höheren Klassen.

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dem als einfacher juristischer Akt, der zwischen dem Bräutigam und dem gesetzlichen Vertreter der Braut vollzogen wird. Das islamische Recht sieht die Zustimmung der Frau vor, auch wenn es dem Vater unter bestimmten Bedingungen — erlaubt ist, seine Tochter gegen ihren Willen zu verheiraten. Er kann sie jedoch nicht zwingen, ledig zu bleiben. In der Praxis wird der Vertrag jedoch vor einem Qadi oder einem seiner Delegierten geschlossen, der auch der Imam sein kann. Die Ehe kann auch zu Hause geschlossen werden. Anwesend müssen zwei von der Gemeinschaft geachtete Zeugen sein. Der Bräutigam verpflichtet sich mündlich oder schriftlich, der Braut ein mähr, die «Mitgift», zu überbringen, wie sie vom Gesetz vorgesehen ist. Der Prophet sagte: «Die besten Frauen sind diejenigen mit liebreizendem Gesicht, und ihre Mitgift ist höher.» Er verbot jedoch, die Höhe der Mitgift zu übertreiben. Der Islam befiehlt dem Mann, das richtige Maß zu beachten und die Bräuche zu respektieren, wozu auch das Hochzeitsbankett, die Übereinstimmung der Ehe-

leute, die Sorge und Unterhalt für die Braut sowie die Gleichheit unter mehreren Frauen gehörten. Die Ehe ist bei enger Verwandschaft verboten, wozu auch die sogenannten «Ziehverwandten» gerechnet werden, da die Amme als Mutter betrachtet wird. Das Gesetz erlaubt die Ehe zwischen einem Muslim und Frauen der AM al-kitab, den «Menschen des Buches»; wegen der Autorität des Mannes über die Frau und die Zugehörigkeit der Kinder zum Vater kann dies jedoch nicht umgekehrt geschehen. Eine Frau kann mit einer einfachen Geste verstoßen werden, falls dies keinen ungerechten Schaden zur Folge hat. Das Verstoßen der Ehefrau gehört jedoch zu den Verhaltensweisen, die Gott am meisten verabscheut. Der Prophet sagte in einem Hadith: «Am meisten verhaßt in den Augen Gottes ist die Scheidung.» Neben dem Tod eines der beiden Eheleute gibt es drei Möglichkeiten, eine Ehe aufzulösen: durch talaq, die «Verstoßung»; durch khul', eine finanzielle «Ablösung» der Frau von ihrem Mann, die nicht höher als die Mitgift sein

darf; oder durch faskh, eine Ungültigkeitserklärung der Ehe durch den Richter, die unter bestimmten Bedingungen möglich ist. Falls die Frau das für die Ablösung nötige Geld nicht besitzt, kann sie sich an den Richter wenden, der sie von der Bindung befreien kann, wenn das Recht auf ihrer Seite ist. Diese Art der Auflösung ist jedoch nicht immer einfach zu erreichen. Sie ist zum Beispiel möglich, wenn der Ehemann für lange Zeit in Haft ist oder aus Arbeitsgründen abwesend ist. Der Koran sagt dazu: «[...] so soll für sie beide keine Sünde liegen in dem, was sie als Lösegeld gibt.» ( Sure 2, 229)

Muslimische Brautleute in Curepie (Mauritius). Es ist häufig Brauch, daß die Brautleute auf westliche Art gekleidet sind; in den großen Hotels werden prunkvolle Empfänge gegeben. Diese Bräuche sind sehr weit von der Praxis entfernt, die der Islam lehrt.

Verstößen. Ein Merkmal der islamischen Scheidung besteht darin, daß der Mann nicht mehr dieselbe Frau heiraten kann, wenn er sie dreimal verstoßen hat, es sei denn, sie war in der Zwischenzeit mit einem anderen Mann verheiratet, genannt

muhallil, und wurde auch von diesem verstoßen. Das Gesetz befiehlt, daß der Mann die Frau beim Akt des Verstoßens nicht schlecht oder verächtlich behandeln darf. Im Koran heißt es: «Doch versorget sie - der Reiche nach seinem Vermögen und der

Arme nach seinem Vermögen.» (Sure 2, 236) Das gilt auch, wenn die Ehe geschlossen wurde, ohne eine Mitgift festzusetzen.

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Eine Studentin an der Universität Istanbul (Türkei). Der Islam hat Frauen nicht verboten, berufstätig zu sein.

Die Lebensbedingungen der Frauen Die Lage der Frauen im Islam ist im folgenden Vers des Korans enthalten: «Die Frauen haben dasselbe zu Beanspruchen, wozu sie ihrerseits den Männern gegenüber verpflichtet sind; doch haben die Männer einen gewissen Vorrang vor ihnen/; [...], wobei in rechtlicher Weise zu verfahreb ist.» (Sure 2, 228) Als Folge einer unüberwindlichen Tradition und aufgrund von Vorurteilen,

Unten: Irakisches Mädchen.

die nichts mit dem religiösen Gesetz zu tun haben, ist die Lage der Frauen in den islamischen Ländern häufig schlechter, als sie der Koran und das Gesetz vorschreiben. Ein Beispiel dafür ist der «Schleier», der keineswegs vom Koran vorgeschrieben ist und sogar im späteren Gesetzeskodex als Brauch beschrieben wird, der von außerhalb kam. Die Lage der Frauen in der islamischen Gesellschaft, die rechtlich vom Koran und der Sunna geregelt wird, blieb im Prinzip seit dreizehn Jahrhunderten unverändert. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben muslimische Intellektuelle (aus Ägypten, der Türkei, Nordafrika und dem Kaukasus) die Lebensbedingungen von Frauen hinterfragt. Der Ägypter Qasim Amin (1863-1908) setzte sich nach einem langen Aufenthalt in Europa in seinem Buch Die Befreiung der Frau (1899) mit der überaus schwierigen Problematik der Polygamie, dem Recht zur Verstoßung und dem Schleier auseinander. Darin heißt es: «Das islamische Gesetz hat früher als alle anderen Rechtssprechungen die Gleichheit von Frau und Mann prokla-

miert. Es hat die Freiheit und Unabhängigkeit der Frau festgelegt, als alle anderen Nationen Frauen noch jegliches Recht absprachen. Es hat. ihr dieselben Rechte wie dem Mann zuerkannt und hat festgesetzt, daß die Rechtsfähigkeit der Frau der des Mannes in nichts nachsteht [...].» In den folgenden Jahren anstand eine feministische Bewegung, die zu Beginn von zwei Ägypterinnen angeführt wurde: Malak Hifni Nasif und Hoda Sharawi. Letztere zerriß 1933 in einer spektakulären Aktion ihren Schleier auf dem Bürgersteig vor dem Bahnhof von Kairo- Auch wenn heute viele muslimische Frauen höchste Amter in der Verwaltung übernehmen, blieb der Status der Frau unverändert. Nach wie vor untersteht sie der Autorität des Vaters, der Brüder und des Ehemannes. Von den Gläubigen wird sie als Versuchung des Teufels angesehen und während ihrer Menstruation betrachtet man sie als unrein. Herausragende Sprecherinnen der Frauenbewegung sind heute die Ägypterin Nawal Sa'dawi und die Marokkanerin Fatima Mernissi, wobei die letztgenannte versucht, die

Erbrecht. Über das Erbrecht von Frauen heißt es im Koran: «Den Männern gebührt ein Anteil von dem, was Eltern und nahe Anverwandte hinterlassen; und den Frauen gebührt ein Anteil von dem, was Eltern und nahe Anverwandte

hinterlassen, ob es wenig sei oder viel - ein bestimmter Anteil.» (Sure 4, 7). «Allah verordnet euch in bezug auf eure Kinder: Ein Knabe hat so viel als Anteil wie zwei Mädchen.» (Sure 4, 11) Der Grund hierfür ist in der größeren sozialen

Verantwortung des Mannes zu suchen.

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Der islamische Kult

Rechtmäßigkeit ihres Aufbegehrens durch den Koran und die Sunna zu legitimieren. «Weib und Mann, die des Ehebruchs schuldig sind, geißelt beide mit einhundert Streichen. Und laßt nicht Mitleid mit den beiden euch überwältigen vor dem Gesetze Allahs, so ihr an Allah und an den Jüngsten Tag glaubt. Und eine Anzahl der Gläubigen soll ihrer Strafe beiwohnen./ Ein Ehebrecher wohnt nur einer Ehebrecherin oder einer Götzendienerin bei, und einer Ehebrecherin wohnt nur ein Ehebrecher oder Götzendiener bei; den Gläubigen ist das verwehrt./ Und diejenigen, die züchtige Frauen verleumden, jedoch nicht vier Zeugen beibringen - geißelt sie mit achtzig Streichen und lasset ihre Aussage niemals gelten, denn sie sind es, die ruchlose Frevler sind.» (Sure 24, 2-4) Wegen Unzucht, zina, gelyncht wurde nur, wenn vier Zeugen gleichzeitig und mit eigenen Augen den Ehebruch gesehen hatten, wodurch diese Strafe mehr zu einer Ermahnung als zu einer realen Bedrohung wurde. Einer der Kernpunkte der Frauenfrage im Islam

ist die Verwendung des Schleiers. Der Koran (Sure 33, 59) sagt dazu: «O Prophet! sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Tücher tief über sich ziehen. Das ist besser, damit sie erkannt und nicht belästigt werden. Und Allah ist allverzeihend, barmherzig.» Vom Standpunkt des Islam aus gesehen entspricht die Rolle der Frau und ihre Position in der Gesellschaft ihrer weiblichen Natur. Frauen und Männer sind unterschiedlicher Natur und sollen ergänzen. Das gilt auch für die Verteilung der Aufgaben und Pflichten. Es ist die Pflicht des Mannes, für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen, selbst wenn seine Frau reich ist. So verhielt sich auch der Prophet, nachdem er die reiche und adlige Khadidscha geheiratet hatte, und wenn er nicht arbeitete, half er, wie 'Aischa berichtet, der Familie im Haus. Verglichen mit der vor-islamischen Gesellschaft hat der Islam dadurch, daß er der Frau einen festen Platz innerhalb der Gesellschaft zuwies, die Situation der Frau verbessert. Der Mann genießt Pri-

vilegien, die nur durch den historischen Kontext, innerhalb dessen sich der Islam entwickelte, verständlich werden. Die Revision mancher Aspekte, in Übereinstimmung mit der Scharia und im Sinne des Islam, ist untrennbar mit dem notwendigen sozialen Fortschritt verbunden.

Frau mit hidschab in einer Stadt im Iran. Unten: Eine verschleierte Frau in Marrakesch (Marokko).

Mahram. So werden die Frauen genannt, die man wegen zu enger Verwandschaftsbeziehungen nicht heiraten kann, und die der Mann daher ohne Schleier sehen kann (Mutter, Schwester, Ehefrau, Schwiegermutter, Schwiegertochter,

Stieftochter und andere Verwandte in direkter Abstammung). Kinder, die aus dem Konkubinat zwischen Sklavin und Herr geboren werden, sind vom Gesetz her frei.

Hidschiab. Der schwarze Umhang ist eine Antwort auf die sexuelle Aggression: er soll die Frau von allen begehrlichen Blicken schützen

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Eine Straße Kairos, die zum Jahrestag der Geburt Mohammeds festlich erleuchtet ist. Unten: Gebet im Islamischen Zentrum in Rom. Für jedes Fest gibt es ein bestimmtes Gebet, und nur nach den Kulthandlungen darf man an Vergnügungen denken.

Die religiösen Feste Im muslimischen Jahr gibt es zwei wichtige Feste. Das erste ist das sogenannte al'id al-saghir, «das kleine Fest», das auf das Ende des Monats Ramadan fällt und mit dem ersten Tag des Monats Schawwal beginnt. Es ist das beliebteste Fest der Muslime, weil mit ihm die harte Prüfung des Fastenmonats zu Ende geht. Deshalb wird es auch 'id al-fitr, «Fest des Fastenendes», genannt. Die Freude rührt aber nicht nur daher, daß die Verpflichtung zum Fasten aufgehoben ist, sondern auch daher, daß man sie erfolgreich eingehalten hat, wozu man sich gegenseitig beglückwünscht. Das 'id al-fitr gilt auch als Fest der Brüderlichkeit, weil jeder zum Ende der Fastenzeit eine sadaqa, «eine Steuer» entrichten muß. Das zweitwichtigste Fest ist das al-'id al-kabir, «das große Fest», das am zehnten Tag des Monats Dhu al-hidscha begangen wird; es fällt mit den Opferungen zusammen, die anläßlich der Pilgerfahrt nach Mekka entrichtet wurden, und heißt deshalb auch 'idal'adha, «Opferfest». Es erinnert zudem an Abraham, der bereit war,

seinen Sohn Ismael zu opfern. Die Freude der Pilger, die die Pflicht des Hadsch erfüllt haben, verbindet sich bei dieser Gelegenheit mit der aller Muslime auf der ganzen Welt. Während des «großen Festes» empfiehlt man den Muslimen, ein Tier zu opfern. Ein Teil des Fleisches wird an die Armen verteilt. Die Tradition führt den Ursprung beider Feste auf den Propheten zurück. Nach seiner Ankunft in Medina ersetzte der Prophet die beiden Feste, die man dort feierte, durch die genannten und sprach: «Gott hat euch zwei [Feste] gesandt, die besser als diese sind.» Sie sollen

jedoch nicht nur Anlaß zur Freude sein, sondern sie haben auch eine wichtige rituelle Funktion. Bei jedem der beiden Feste wird ein bestimmtes Gebet rezitiert, das dem kanonischen Freitagsgebet ähnelt und das salatal-'id, «Gebet des Festes» genannt wird. Daneben werden in der islamischen Welt noch andere nicht kanonische Feste gefeiert, die die Gelegenheit bieten, sich für den Gang zum Gebet in schöne Gewänder zu kleiden und zu parfümieren. Auch der erste Tag des islamischen Jahres, der erste Tag des Monats Muharram, wird als Fest gefeiert, jedoch in zurückhaltenderer

Das Festtagsgebet. Die Gebete anläßlich der beiden wichtigsten Feste des Jahres bestehen aus zwei rak'ah und werden von einem Imam geleitet. Man beginnt mit einem takbir; daraufhin folgt die Eröffnung des Gebets und weitere sieben takbir; der

Imam liest die al-Fatiha, danach andere Verse aus dem Koran und setzt dann das normale Gebet fort. Vor der zweiten rak'ah spricht er fünf takbir und fährt normal fort, während ihn die Gläubigen nachahmen.

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Form verglichen mit dem christlichen Silvester. Der zehnte Tag desselben Monats ist dem Gedenken an die Ermordung Husains, dem Sohn des 'Ali, gewidmet. Der Historiker Ihn Kathir (1300-1372) berichtet in seiner Chronik al-Bidaya wa al-nihaya («Anfang und Ende»), daß im Jahr 963 in Bagdad die Anweisung erteilt wurde, in den ersten Tagen des Monats Muharmm Pavillons für die Totenfeier Husains zu errichten und die Märkte zu schließen. Das Volk sollte zur Ehre des «Prinzen der Märtyrer» schwarz gekleidet sein. Außerdem wurden Elegien und Totengesänge im Stil der antiken arabischen Zeremonien für tote Helden rezitiert, die nun mit einem neuen religiösen Gehalt versehen waren. Zahlreiche Prosawerke und Verse gedenken dem Opfer des Martyriums und anläßlich der Totenfeier werden dramatische Darstellungen, ta'ziya, aufgeführt. Am 12. Rabi' l, dem Tag des mawlid al'inabi, feiert man die «Geburt des Propheten». Zum ersten Mal wurde dieser Jahrestag von Fürst Muzaffar ad-Din al-Arbili; (gestorben 1233) mit großer Feierlichkeit zelebriert. Damals kamen Wissenschaft-

ler, Literaten, Dichter und Prediger aus allen Teilen des Reiches zusammen. Bis heute wird dieses Fest in verschiedenen Variationen in der gesamten islamischen Welt gefeiert. Manchmal werden dabei die Lobpreisungen des Propheten mit rhythmischen Bewegungen rezitiert, oder seine Biographie wird öffentlich verlesen. Eigene Pavillons werden zur Rezitation von Gedichten und Prosaerzählungen eingerichtet, in denen Litaneien und Elogen über die Geburt des Propheten vorgetragen

werden. Die Menschen tauschen Glückwünsche aus und nehmen Süßigkeiten und Getränke zu sich. Schließlich wird am 27. des Monats Radschab auch die Nacht der Himmelfahrt des Propheten (mi'radsch) gefeiert. Aus diesem Anlaß befaßt man sich die ganze Nacht lang mit der Lektüre des Korans. Ein Vers des Korans spricht von laylat alqadr, der «Nacht des Schicksals», ein anderer Vers sagt: «Die Nacht AlQadr ist besser als tausend Monde.» (Sure 97, 3)

Gläubige Schiiten geißeln sich am Jahrestag des Todes von Husain. Moschee von Husain, Kerbala (Iran). Dieser Jahrestag wird als Trauer feier begangen. Unten: Das Pferd Husain in einem neuen volkstümlichen Druck.

Erinnerung an Husain. Die Festlichkeiten zum Todestag des Husain variieren je nach Land, was auch für die erzählte Überlieferung gilt. Die berühmteste Erzählung stammt von dem Perser H. Va'ir Kaschifi (gestorben 1505) und trägt den Titel

Hadiqat al-Schuhada, «Der Garten der Märtyrer». Maqtal al-Husain, «Die Ermordung des Husain», ist eine andere Version von al'Amili. Mit ausführlichen Beschreibungen versteht es der Erzähler, das Publikum zu rühren. Die historische Schlacht wird einmal im

Jahr, am 10. des Monats Muharram, auf offenem Feld wiederholt. Eine Gruppe imitiert das Heer Husains, während eine zweite die Aktionen der Umayyaden nachstellt. Diese Darstellung wird heute im Iran auf sehr spektakuläre Weise begangen.

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Eine Darstellung der Kodiamin-Moschee in Bagdad (Irak). Unten: Die Hand von Fatima auf einem volkstümlichen irakischen Druck. Die Gestalt Fatimas erhält in der Schia große Bedeutung, da sie die Frau 'Alis, des ersten Imams, ist.

Die Schia Die Schia ist eine Schule beziehungsweise eine bestimmte juristische und theologische Sichtweise. Für die Schiiten stellt sie nicht anders als die Sunna für die Sunniten - die orthodoxe Interpretation der islamischen Offenbarung dar und begründet den Islam als eine universale Religion. Der Streit, der zur Aufspaltung in die zwei Schulen führte, entzündete sich an der Frage, wer die legitime Nachfolge des Propheten antreten könne. Schon unmittelbar nach seinem Tod. kam es zu hefti-

gen Unstimmigkeiten darüber, wer die Rolle des politisch-religiösen Oberhauptes innerhalb der Gemeinschaft übernehmen sollte. Eine Gruppe behauptete, daß das Amt innerhalb der Familie bleiben müsse. Sie votierten deshalb für 'Ali, der ein Cousin des Propheten und sein Schwiegersohn war. Die Mehrheit jedoch wählte Abu Bakr als Nachfolger. Diejenigen, die ihm folgten, bezeichneten sich selbst als ahl al-Sunna wa-al-Dschamaa, «Menschen der Tradition und des Konsenses». Auf Abu Bakr folgten noch zwei weitere Kalifen, die nicht aus der Familie des Propheten stammten, bevor 'Ali das Kalifat (656) übernahm. Seine Herrschaft war jedoch nicht unangefochten, und er mußte sich gegen Mu'awiya, den Gouverneur Syriens und Oberhaupt der Umayyaden, zur Wehr setzen, der das Recht des Kalifats für sich selbst einforderte. Schließlich wurde 'Ali durch einen Schiedsspruch gezwungen, zurückzutreten - eine Entscheidung, die die äußerst treuen Anhänger von 'Ali sehr enttäuschte, zumal einige von ihnen 'Ali fast wie einen Gott verehrten. Sie

hatten sich inzwischen in einer Partei, der sogenannten «Schia 'Ali», zusammengeschlossen. Der Schiedsspruch rief jedoch auch den Protest von anderen Stämmen hervor, die 'Ali vorwarfen, daß er das Urteil akzeptiert hatte, obwohl er im Recht sei. Sie erkannten nur Gott als Richter an. Diese fanarischen Idealisten, die man Kharidschiten nennt, das heißt, «diejenigen, die hinausgegangen sind«, entschlossen sich zum Kampf sowohl gegen 'Ali und die Partei der Schia als auch gegen die Dynastie von Mu'awiya. Die Politik des Terrors, zu der ihr radikaler Puritanismus führte, veranlaßte die religiösen Anführer der Sunna den Weg des Konformismus einzuschlagen. Im 9. Jahrhundert erklärte die Mehrheit der sunnitischen Gesetzesgelehrten ('ulama) den Prozeß der Gesetzesauslegung und Normenfindung für abgeschlossen. Diese Entscheidung führte zu einer doktrinären Erstarrung. Eine Gruppe der Schia 'Ali erarbeitete daraufhin die Doktrin des göttlichen Rechts, das im Gegensatz zum Geist dieses sunniti-

Mukhtar. In der Schia von Kufa (Irak) taucht ein weiterer Anwärter mit Namen Mukhtar auf. Ihm, einem Sohn 'Alis, der Muhammed Sohn der Hanafiyya, genannt wurde (also nicht von Fatima, sondern von einer späteren Heirat, nach dem Tod des

Propheten, abstammte), gelang es, sich gegen die Macht der Umayyaden aufzulehnen. Mukhtar ergriff von Kufa Besitz, sein Aufstand scheiterte jedoch 687, nachdem Mohammed auf das Bündnis verzichtet hatte.

Die Schule der zwölf Imame. Sie wird auch Dscha'fariya genannt, nach dem Namen des sechsten Imam, Dscha'far al-Sadiq, dem berühmten Gründer der schiitischen Gesetzesschule. Die Schia der zwölf ähnelt der sunnitischen Scharia, auch wenn sich die

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sehen Gelehrtenkonsenses (idschma) stand. Die Schi' iten, die das Prophetentum Mohammeds keineswegs in Frage stellten, weigerten sich jedoch den Konsens der sunnitischen Rechtsgelehrten anzuerkennen. Statt dessen unterwarfen sie sich der persönlichen Autorität eines lehrenden Imam, dem sie, als Abkömmling des Propheten, die Macht übertrugen, Recht zu sprechen. Gleich nach der Ermordung von 'Ali in Kufa forderte diese Gruppe, daß das Kalifat in der Familie des Kalifen bleiben solle. Daraufhin wurde der jüngere Sohn 'Alis, Husain, im Jahr 680 im irakischen Kerbala während der Regierungszeit von Mu'awiyas Nachfolger Yazid von den überlegenen Umayyaden-Truppen besiegt. Sein gewaltsamer Tod führte eine heldenhafte Komponente von Leid und Martyrium in den Schiismus ein. Im Verlauf von Jahrhunderten verwandelte sich der Schiismus von einer polirischen und sozialen Bewegung zu einer wahren Gesetzesschule mit eigener Theologie. Die Schia vereinte sich schließlich um die Imame, die direkt von Husain, dem Sohn 'Alis abstammten.

Ein schiitischer Imam, Kerbala (Irak). Unten: Gebetsstein. Im Kult der Schiiten legt der Gläubige während des Gebets einen runden Stein vor sich, auf den er, während er sich niederwirft, die Stirn legt. Der Stein ist ein Symbol für die Erde, auf der das Blut des Märtyrers Husain vergossen wurde.

Der Begriff des Imam entwickelte sich durch Ideen weiter, die der Islam im Austausch mit anderen Völkern und durch den Kontakt zu anderen Kulturen und Religionen übernommen hatte: durch Christentum, Manichäismus, Buddhismus und griechische Philosophie. Im Sinne der Sunna ist der Imam dem Kalif gleichgestellt und damit das Oberhaupt der muslimischen Gemeinschaft, während er für die Schiiten auch die Rolle des wasi, «desjenigen, der bevollmächtigt ist, die religösen Gesetze auszulegen» übernehmen muß. Ein wei-

teres Merkmal des Schiismus ist, daß er im Gegensat2 zu den Sunniten den idschtihad, daß heißt, die eigenständige Entscheidungsfindung bei der Interpretation des Dogmas und des Gesetzes, erlaubt. Die verschiedenen schiitischen Sekten vertreten unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Anzahl der Imame, die 'Ali und seinen Söhnen gefolgt sind. Aufgrund der Zahl der Gläubigen und der Position innerhalb der religiösen Tradition ist die Schule der Zwölferschia oder Imamitiya die bedeutendste. Daneben gibt es die der sieben Ima-

Rolle des Imams unterscheidet. Als Steuer, zakat, wird zum Beispiel ein Fünftel auf die Kriegsbeute, auf Minen und sonstige Schätze entrichtet. Auch der dschidad oder «heilige Krieg», wird als einer der Pfeiler des Glaubens betrachtet; er kann auch

gegen die Muslime geführt werden, die sich der Autorität des Imams nicht unterwerfen wollen. Daneben gibt es eine Ehe auf Zeit, bei der im Vertrag die Dauer der Ehe festgesetzt ist.

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Kerbala, Innenhof des Mausoleums von Husain. Sohn von 'Ali und Fatima, der Lieblingstochter des Propheten, wurde Husain in einer Schlacht gegen das umayyadische Heer getötet, die 680 in Kerbala stattfand.

me, die als Ismailiya bekannt ist, und die der fünf Imame, genannt Zaidiya. Der zwölfte und letzte Imam, Muhammad al-Mahdi, «der Wohlgeleitete», wurde 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt. Seither warten die Schiiten auf seine Rückkehr. Der Imam Gharib, der «Verborgene», auch al-muntazar, «der Erwartete», genannt ist demnach nicht nur geistig gegenwärtig, sondern lebt an einem geheimen Ort und tut von dort aus seinen Willen kund. Da er am Ende der Zeiten wieder erscheinen wird, ist auch

die Bezeichnung sahib al'zaman, «der Herr der Zeit», für ihn geläufig. Nach seiner Entrückung wurde die Gemeinschaft von einem wakil, einem «Statthalter» geführt, der den Kontakt mit dem verborgenen Imam aufrechterhielt. Beim Tod des vierten und letzten wa kil im Jahr 940 gingen die Theologen der Schia davon aus, daß die Verbindung mit dem Imam zu Ende sei. Damit endete die ghayba alsughra, die «kleine Verborgenheit», und es begann die «große Verborgenheit», die ghayba al-kubra. Danach, am Ende aller Zeiten, wür-

de der Imam Mahdi, der «Erwartete», zurückkehren, um die Herrschaft Gottes und ein Reich der Gerechtigkeit wiederherzustellen. In der Zwischenzeit ist es Aufgabe der Rechtsexperten, die Gesetze auf der Grundlage des Koran und entsprechend der Tradition des 'Ali und seiner Nachfolger festzusetzen. Die imamitische Schia verbreitete sich in Persien; größte Bedeutung erlangte sie, als die Safawiden sie 1502 zur offiziellen Staatsdoktrin erklärten. Heute zählt sie über 50 Millionen Anhänger und ist auch im Irak, in Pakistan, in Indien und im Libanon verbreitet. Die erste große Aufspaltung innerhalb der Schia entstand, als ein Nachfolger für den sechsten Imam Dscha'far al-Sadiq gefunden werden mußte, der 765 in Mediria starb. Da sein legitimer Nachfolger und erstgeborener Sohn Ismai'il vor ihm gestorben war, entschied sich die Mehrheit für den jüngeren Sohn Musa. Eine kleinere Gruppe ergriff jedoch für Mohammed, den Sohn des Isma'il, Partei, der der siebte und letzte «verborgene» Imam werden sollte. Seine Anhänger nannten sich Ismailiten.

Drusen und Nusairier. Die Drusen bildeten sich um den fatimidischen Kalifen al-Hakim (996-1021). Diese Abzweigungen des Ismailiyya erwartet die Rückkehr des Imams in der Gestalt der Mahdi am Ende aller Zeiten. Wenige hunderttausend Drusen

leben in Syrien, im Libanon und in Israel. Die Nusairier dagegen gehen auf Nizar, den Sohn des Kalifen al-Mustansir zurück und wurden nizariyya genannt. Sie begründeten zusammen mit ihrem persischen Missionar Hasan ibn al-Sabbah (1090-1124)

eine terroristische Bewegung. Als Haschschaschun, (wörtl. Haschischesser), waren sie in Persien und später auch in Syrien bekannt. Verschiedene Gruppen der nizariyya gibt es noch heute.

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Der islamische Kult

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts behaupteten sich die Ismailiten in der gesamten muslimischen Welt. Ihre Verbreitung war auch eine Folge auf die Revolte im irakischen Kufa, zu der ein gewisser Qarmat aufgerufen hat. Der Aufstand gegen das Kalifat brachte die ohnehin geschwächte Herrschaft der Abbasiden in ernsthafte Schwierigkeiten, und breitete sich auf der arabischen Halbinsel und unter den Berber-Stämmen Nordafrikas aus. Im Jahr 909 vertrieb ein ismailitischer Anwärter namens 'Ubaydallah die Dynastie der Aghlabiden, die den Abbasiden verbunden waren, aus dem tunesischen Qayrawan und schuf ein fatimidisches Kalifat; er behauptete, ein direkter Nachfahre Fatimas, der Tochter des Propheten zu sein. Im Jahr 969 eroberte der vierte fatimidische Kalif, al-Mu'izz, Ägypten und begründete Kairo, das von da an Hauptstadt des Landes war. Die Macht der Fatimiten breitete sich bis nach Syrien und Palästina aus; ein ganzes Jahrhundert lang waren sie die am meisten gefürchtete Macht in ganz Nordafrika. Nach dem Tod des Kalifen al-Mustan-

sir im Jahr 1094 erlebte die Macht der Fatimiden einen raschen Niedergang. Im 11. Jahrhundert wurde das theosophische System des Isamialiya von Intellektuellen im Irak und in Persien analysiert und kodifiziert. Ihre Theosophie beruht auf einer allegorischen Interpretation des Korans in neuplatonischen Begriffen, vor allem was die Theorie der Emanation anbetrifft. Zwischen dem 10. und dem 11. Jahrhundert spalteten sich zwei Strömungen des Ismailismus ab, die der Nusairier und die der Drusen. Die Nusairier verbreiteten sich vor allem in Persien, wo der Schah Fath dem Imam 1834 den Titel Agha Khan, «Fürst und Meister» verlieh. Nach ihrer Emigration nach Indien ließen sie sich 1842 in Bombay nieder. Heute zählen sie wenige tausend Anhänger, die außer in Syrien im östlichen Iran und in Europa verbreitet sind. Was den Kult und die religiösen Riten anbetrifft, unterscheiden sich die Schiiten nicht sehr von den Sunniten. Außer den Festen des Islam wird von ihnen eine Gedächtnisfeier zum Gedenken an das Martyrium des Imam Husain

und der Nachkommen des Propheten gefeiert. Die Zeremonie spielt sich während der ersten zehn Tage des Muharram, dem ersten Monat des islamischen Kalenders, in Trauergewändern und unter Wehklagen ab.

Schiitische Frau im Gebet im Mausoleum von Kerbala. Im schiitischen Kult ist es Brauch, sich in die Mausoleen zu begeben, wo die Imame beerdigt sind, um um Gnade und Vergebung zu bitten.

Die Schule der Scheichiyya. Im 18. Jahrhundert entstand aus der Begegnung zwischen der ismailitischen Philosophie und den spekulativen Gedanken einiger sufischer Glaubensbrüderschaften die Schule der Scheichiyya. Einer ihrer Schüler, 'Ali

Mohammed von Schiraz (geboren 1821), erklärte sich 1844 zu bab, der «Tür des Imams» und zum Spiegel der universalen Weisheit. Nach seinem Tod spaltete sich die Bewegung zwischen den beiden Brüdern auf. Einer von ihnen, Bahaullah,

begründete den Bahaismus außerhalb des Islams und predigte pazifistische und universalistische Ideale. Derzeit leben zahlreiche Anhänger dieser Strömung in Amerika und einigen Teilen Europas.

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Der islamische Kult

Meister und Schüler. Persische Miniatur (1560). Teheran, Musem Reza Abbasi. Im Sufismus führt der Meister seinen Schüler auf den spirituellen Weg.

Der Sufismus Der Sufismus ist eine asketische Bewegung mystischer Frömmigkeit, die schon sehr früh innerhalb des Islam enstand. Ihr Ziel war es, eine persönliche und direkte Beziehung zwischen Gott und dem Menschen herzustellen. Dabei beschränkte sich der Sufi nicht auf die Ausübung der strengen religiösen Praxis, wie sie die Scharia vorschrieb, sondern versuchte alles zu überwinden, was ihn von Gott trennt. Für die Sufis sind religiöse Praktiken keine formalen Riten, sondern ein Mittel, um die Seele zu läutern und

sich darauf vorzubereiten, die Wahrheit (hoqiqoh) zu erfahren. Der Sufismus ist die innere Dimension der islamischen Offenbarung, das geeignete Mittel, um tawhid, die «Einheit mit Gott» herzustellen. Nur der Sufi kann die Geheimnisse des tawhid ergründen, denn nur er sieht Gott überall. Angesichts dieser Definition ist es nicht verwunderlich, daß die Sufis mit den fuqaha, den «Gelehrten des islamischen Gesetzes», in Konflikt gerieten. Die offizielle Theologie und die Gesetzesstrenge der Scharia sind kaum mit der individuellen Suche nach Wahrheit zu vereinbaren. Auf arabisch bedeutet tasawwuf oder «Sufismus» soviel wie «sich mit Wolle bekleiden», denn die ersten Sufis trugen angeblich wollene Gewänder. Tatsächlich handelt es sich bei dieser Bewegung um den esoterischen Aspekt batin («innerlich») des Islam, der sich von dem exoterischen zahir («äußerlich») unterscheidet, da es sich um eine direkte Betrachtung der spirituellen Welt handelt. Die Lehre der Sufis läßt die Verbindung von materialistischen und kanonischen Gedanken innerhalb der is-

lamischen Doktrin außer acht, glaubt nicht an das den Gläubigen versprochene Paradies, sondern zielt auf ein einziges, absolutes Ziel: die umfassende Einheit mit Gott. Die Sufis betrachten ihr Verhalten und ihre Worte als Ausdruck Gottes. Im Stadium der Ekstase können sie sie selbst zu seinem Sprachrohr werden. Die sufische Initiation besteht darin, die baraka, die «geistige Strömung» zu übertragen, was durch einen Vertreter des Kreises geschehen muß, der auf Mohammed zurückgeht. Normalerweise wird diese Übertragung durch einen Meister, murschid, vollzogen, der dem Jünger, murid, auch die Methode erklärt, die zur geistigen Konzentration führt. Die verschiedenen Zweige entsprechen den turuq, «Wegen». Jeder große Meister ruft eine besondere Kette ins Leben. Die ersten Sufi-Phänomene entstanden bereits zur Zeit des Propheten, während die Ausarbeitung des sufischen Ideals und der dazu notwendigen Techniken durch einzelne Sufis und einen engen Kreis von Jüngern geschah. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts trafen sich die Gläubigen privat, um mit

Hai, der Zustand der Ekstase. In diesem Zustand, der von jedem Menschen erreicht werden kann, tauchen die Sufis in das göttliche Licht und erlangen die ersehnte Einheit mit dem Göttlichen, wenn auch nur für einen Augenblick.

Tariqa. In der tariqa, dem «spirituellen Weg» des Sufismus, befreit sich der Mensch von allen irdischen Bindungen, von Selbstsucht und von allem anderen, was ihn von Gott entfernt, denn nur so kann er seine Errettung anstreben.

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lauter Stimme den Koran zu rezitieren. Diese Form des dhikr, des «Gedenkens» an Gott, wurde durch den Sufismus in den folgenden Jahrhunderten zu einem komplexen kollektiven Ritual entwickelt. Schließlich wurde ein Initiationsritus, bay'a, entwickelt, dessen Herkunft nicht bekannt ist, und der im Sinne des Islam umgeformt wurde. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts wurde der Sufismus zum ersten Mal gelehrt und verbreitete sich in Bagdad und andernorts. Einer der berühmtesten Vertreter der sufisch-islamischen Schule war in Bagdad al-Dschunnayd (gestorben 910). Als scharfsinniger Intellektueller mit eigenen Ideen schuf er ein kohärentes theosophisches Denksystem, das bis heute unübertroffen blieb. Der Kontakt mit fremden Elementen, die vor allem aus dem Christentum und aus Persien stammten, hat den Horizont einiger Anhänger des Sufismus derart erweitert, daß sie die Scharia nicht nur hinter sich ließen, sondern einige Aspekte sogar ablehnten. Der persische Sufi al-Halladsch (gestorben 922) war der erste, der dies zum Ausdruck brachte. In Persien

wurde dieser Aspekt durch Abu Zaid ibn Abi al-Khair (967-1049) noch verstärkt, der in symbolischer Ausdrucksweise die ersten sufischen Gedichte schrieb. Dschalal al-Din Rumi (1207-1273), der größte Dichter persischer Sprache, der wegen seiner Mathnawi (Distychen) berühmt ist, übte enormen Einfluß auch auf die türkische Sprache aus. All das hat einzelne Initiativen verstärkt: Bei einigen hat es zu Kreativität geführt, bei anderen war es ein Vorwand, um Glaubensbrüderschaften ins Leben zu rufen, die jedoch den Zielen des wahren Sufismus ganz fremd sind. Die sufischen Orden entstanden in ihrer heute bekannten Form im 12. und 13. Jahrhundert. Die Genealogie der geistigen Autorität, genannt silsila, wurde vermutlich durch die Institution des isnad angeregt, die den Traditionalisten dazu diente, die Authentizität der Hadithe zu beweisen. Der Sufi al-Khuldi (gestorben 959) zum Beispiel, führt seine Doktrin auf Hasan alBasri zurück, und von diesem, über den Gefährten Anas ibn Malik auf den Propheten selbst. Der Or-

den Naqhbandyya beruft sich auf den ersten Kalifen Abu Bakr, der Orden Suhrawardi geht angeblich auf den zweiten Kalifen 'Umar zurück. Mittelpunkt einer sufischen Brüderschaft ist der Scheich, dessen Residenz oder Schule, zawiya, das Zentrum der geistigen Aktivität der ganzen Glaubensgemeinschaft bildet. Der Islam konnte seine Herrschaft in Nordost- und Zentralafrika auch dank der Verbreitung des Sufismus ausdehnen. Der Dynastie der Almoraviden, die im 11. Jahrhundert eine orthodoxe dschihad-Bewegung der Islamisierung angeführt hatten, war im 12. Jahrhun-

Ein sufischer Tanz in Matmata (Tunesien). Die Suffs glauben nicht daran, daß sie für die Achtung der herrschenden Normen mit dem Paradies belohnt werden.

Hasan al-Basri. Zu den ersten bedeutenden Schriftstellern gehört Hasan alBasri, der 642 in Medina geboren wurde und 728 in Bassora starb. Sein berühmter Ausspruch lautet: «O Mensch, gib dein derzeitiges Leben für dein zukünftiges her, und du

wirst beide gewinnen und weder das eine noch das andere verlieren.» Seine leidenschaftlichen Lehren lassen große Tiefe erkennen.

Rabi'a al-Adawiyya. Zu den Gestalten der ersten Blütezeit des islamischen Mystizismus gehört diese Dichterin (gestorben 801), die als erste die Doktrin der reinen Liebe aussprach: nur eine selbstlose Liebe ist Gottes würdig.

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Der islamische Kult

Eine Seite aus der «Sprache der Vögel», einem spirituellen Werk in Versen von Farid a/D/n 'Attar. Persien, 15-16Jh. Parma, Biblioteca Palatina. Unten: Meditierender Weiser. Schule Mughal (17. Jh.). London, British Museum.

dert die Dynastie der Almohaden gefolgt, deren Oberhaupt, der Mahdi ibn Tumart, mit dem Sufismus die asch'aritische Orthodoxie festsetzte. Erst im 12. Jahrhundert mit dem Sufi Abu Madyan wurde Nordafrika das Zentrum für die Verbreitung des Sufismus. Sein Schüler war der berühmte pantheistische Theosoph Scheich al-Akbar ibn 'Arabi aus Murcia (gestorben 1240). Ein weiterer Schüler von Abu Madyan war Abu al-Hasan alSchadhili (gestorben 1258), Begründer eines wichtigen Ordens, al-Schadhiliyya. Einer seiner Schüler, ibn 'Ata Allah aus Alexandria (gestorben 1309) gab eine Sammlung seiner Sentenzen namens al-hikam heraus und schuf so das wichtigste Buch des Ordens. Einer der derzeit bedeutendsten und in Zentralasien, in der Türkei und im muslimischen Orient wie auch in Europa verbreiteten Orden ist die Naqhbandiyya, eine im 14. Jahrhundert in Buchara von Baha al-Din Naqhbandi (gestorben 1389) begründete Bruderschaft. Es handelt sich um einen orthodoxen Orden, der im allgemeinen Anklang bei der gebildeten Schicht fand, da

er jede ungewöhnliche Form des dhikr, Tanz und Musik, verbietet. Den Sufis gelang es bald, sich von den traditionellen Begriffen wie khauf, «Furcht», und radscha, «Hoffnung», zu lösen, denen sie jedoch eine neue esoterische Bedeutung gaben. Beide Elemente stellen für die Sufis grundlegende Prinzipien für die wahre Kenntnis Gottes dar, an deren Ende der mystische Zustand der fana, des Nichts oder der «Entwerdung» steht, der den Weg zum höchsten Ziel ebnet - baqa oder «die Verwirklichung im Bewußtsein Gottes». Der Weg zu Allah ist das Ziel eines jeden Sufis. Er kann diesen Weg jedoch nur gehen, wenn er zuvor seine Seele von jeder Neigung reinigt, die nicht zu Gott führt. Diese Art der spirituellen Exerzitien wird als mudschahada bezeichnet und wird ihrerseits in verschiedene Zustände der maqamat unterteilt. Der Meilenstein der sufischen Vision ist al-hubb alilahi, «die Liebe zum Göttlichen», auf sie stützt sich die Theorie des Bewußtseins ebenso wie die der gesamten Existenz. Die Liebe ist der Wille; auch die Liebe Gottes für seine Ge-

schöpfe stellt seinen eigenen Willen dar, sie ist Ursache der Gnade, die damit verbunden ist. Das Wort Liebe taucht im Koran mehrfach auf, um sowohl die göttliche Liebe zu kennzeichnen, die zu ihrem Diener herabsteigt, als auch die zu ihm aufsteigende, die sich von seinem Diener zu Gott wendet. Sie steht also auch für den «Austausch» zwischen Gott und seinem Diener: «Sprich: Liebt ihr Allah, so folget mir; [dann] wird Allah euch lieben und euch eure Fehler verzeihen; denn Allah ist allverzeihend, barmherzig.» (Sure 3, 31). Der Ägypter Dhu nNun al-Misri (gestorben 856) fügte dieser neuen Dimension der göttlichen Liebe den Aspekt des 'uns, «der vertrauten Nähe» hinzu. Diese Vertrautheit mit Gott besteht darin, ihm auf uneigennützige Weise und mit all der Freude zu dienen, die das Herz dem Geliebten darbietet, sogar allein über die Betrachtung seiner Geschöpfe. Die Sufis strebten einen Bewußtseinszustand (schatahat) an, in dem losgelöst von Selbstsucht und von allem, was sie von Gott trennt, die reine Kontemplation vorherrscht. Jede

Qadiriya. Der am weitesten verbreitete sufische Orden. Er bezieht seinen Namen auf 'Abd alQadir al-Gilani, der im Distrikt Gilan, im Süden des Kaspischen Meeres, geboren wurde und 1166 in Bagdad starb. Grundlage seiner Lehre ist die

Ermahnung, über den irdischen Dingen die Güte und den Sinn des menschlichen Lebens nicht zu vergessen. Von Bagdad aus verbreitete sich der Orden in Nordafrika und in Schwarzafrika, im Orient bis nach Indochina und im Norden bis in die Türkei.

Suhrawardiyya. Entstanden aus der mystischen Doktrin von 'Umar alSuhrawardi, der 1236 in Persien starb. Von dieser Doktrin leitete der Begründer des Ordens Sanusiyya im 19. Jahrhundert seine Lichttheorie ab.

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Der islamische Kult

Art von Vermittlung bedeutete, daß das Ziel noch nicht erreicht war. Dadurch gerieten sie in einen Gegensatz zur Scharia, die als die erste Form der Vermittlung angesehen wurde und deshalb überwunden werden mußte. Die Sufis interpretierten die Scharia auf eine Art und Weise, die man als «innerlich» bezeichnen kann und die haqiqa, « die Wahrheit» genannt wird. Diese esoterische Interpretation wurde auch auf andere religiöse Kulte angewandt, die dadurch symbolischen Charakter erhielten. Diese Tendenz, die islamische Gesetzesreligion «innerlich» zu interpretieren, die sich bereits mit den ersten Sufis, wie Rabi'a, Ma'ruf al-Karki und anderen deutlich abzeichnete, rief heftige Reaktionen von selten der Traditionalisten hervor. Der Kult an sich ist für die Sufis nicht von Interesse: er ist nur ein Mittel, um den Geliebten zu erkennen, jedoch nicht, um ins Paradies zu gelangen oder um der Hölle zu entgehen. Al'Schuhud, die «Kontemplation», ist der zweite Grad der fana. Der Diener Gottes befindet sich in der Kontemplation des Göttlichen in einem

Zustand der Auflösung, der so weit geht, daß er sogar sich selbst vergißt. In diesem Zustand ist ein Sufi auch für andere nicht mehr erreichbar und seine Erfahrung nicht mehr vermittelbar. Sufis versuchen nicht, ihre Visionen zu offenbaren, aber manchmal, wenn sie im Zustand der Ekstase sind und sich nicht mehr kontrollieren können, verraten sie sich. Ihre spirituelle Askese und ihre schatahat werden weiterhin von den Traditionalisten angegriffen, auch wenn die Sufis selbst sie leidenschaftlich verteidigen. Ziel des Sufis ist die ma'rifa, das «Bewußtsein» der völligen Loslösung von sich selbst und von der Welt. In diesem Zustand ist er eins mit Gott und hat alles Trennende überwunden. In der Meditation oder der inneren Beobachtung folgt er einem inneren Ruf, der sein Herz mit Freude erfüllt. Was die allgemeine Doktrin anbetrifft, so gilt der Verzicht auf irdische Güter und die Einhaltung einer asketischen Lebensweise als erster notwendiger Schritt auf dem Weg einer stufenweisen «Selbst-Entwerdung» und «Welt-Entschleierung», der schließlich zur

Einheit mit Gott führt. Der Verzicht auf die materielle Welt dokumentiert die Bereitschaft, sich dem göttlichen Willen hinzugeben und sich seiner Gunst anzuvertrauen.

Tanzender Derwisch. Für diesen sufischen Orden (Mawlawiyya) ist der Tanz ein Mittel, um den Zustand der Ekstase zu erreichen.

Rifa'iyya. Ein weiterer wichtiger Orden wurde in Bassora (Irak) von Ahmad al-Rifa'i (gestorben 1182) begründet, der sich Rifa'iyya nannte. Er verbreitete sich in Ägypten, der Türkei und in Asien.

Badawiyya. Ahmad alBadawi (gestorben 1276) wurde jahrhundertelang in Ägypten als großer Heiliger verehrt; er begründete den Orden Badawiyya, der einige Elemente aus dem vorislamischen Ägypten aufgenommen hat.

Mawlawiyya. Der größte und exklusivste der populären türkischen Orden ist die Bruderschaft der Mawlawiyya, der von dem Dichter Jalal al-Din Rumi begründet wurde. Seine Mitglieder sind im Westen als «Tanzende Derwische» sehr bekannt.

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Saal des Kalidariums im Palast von Comares. Alhambra, Granada (Spanien). Unten: Sternförmige Keramikfliese (Ende des 18. Jh.). Rom, Museo d'Arte Orientale.

Der Islam in Europa Zum ersten Kontakt zwischen der islamischen Welt und Europa kam es im Mittelmeerraum. Die arabische Eroberung Spaniens war

zwar eine Überraschung für die christliche Welt, für die Muslime setzte sich damit jedoch nur eine Entwicklung fort, die zu Lebzeiten des Propheten bereits begonnen hatte. Am Beginn standen die Gewohnheiten der arabischen Nomaden, die an kriegerische Konflikte und die ständige Wanderung gewohnt waren. Der Islam, der von den Gläubigen den dschihad, die Bereitschaft, für Allah zu kämpfen, forderte, verstärkte die im arabischen Volk bereits angelegte Tendenz zur Expansion. Die arabischen Stämme, die ihre Energien zuvor in Kämpfen untereinander erschöpft hatten, richteten sich nun nach außen, um die Islamisierung voranzutreiben. Die ersten Angriffe galten dem Irak und Syrien, dann Persien, und bald darauf Ägypten; durch Siege und Kriegsbeute entstand eine euphorische Stimmung. Zu Beginn galt der dschihad nur den polytheistischen Stämmen und den Juden, die die Abmachung mit dem Propheten nicht respektiert hatten. Die islamischen Eroberungszüge hingegen wurden nicht mit dem dschihad begründet, weil sie nicht darauf zielten, die un-

terworfenen Völker zum Islam zu bekehren. Die ahl alkitab, die «Menschen des Buches», wurden anders behandelt, weil sie Monotheisten waren. Gegen Entrichtung der dschizya, einer Steuer als Gegenleistung für die Protektion, gewährte der Islam ihnen eine gewisse Autonomie und das Recht auf religiöse Selbstbestimmung. Die Zerschlagung des Umayyaden Kalifats durch die Abbasiden-Dynastie hatte weitreichende Folgen für das Verhältnis zwischen der islamischen und der westlichen Welt, die schon bald darauf in Andalusien sichtbar wurden. Dem Massaker der neuen Kalifen waren 'Abd al-Rahman ibn Mu'awiya und einer seiner Brüder entkommen. 'Abd alRahman war zunächst nach Afrika geflohen. Von dort aus sondierte er die Lage in Andalusien, und im Jahr 756 gelang es ihm, den andalusischen Gouverneur vor den Toren Cordobas zu schlagen. Der sechsundzwanzigjährige Sieger zog in die Stadt ein und machte sie zur Hauptstadt seines Emirats. Nachdem der Friede wiederhergestellt war, machte sich 'Abd al-Rahman, genannt al-Dakhil,

Die Araber und der italienische Süden. In Sizilien hatte die lange Anwesenheit der Araber zu wirtschaftlicher und sozialer Blütezeit geführt. Fortschrittliche landwirtschaftliche Techniken wurden importiert, ebenso kamen eine erlesene Kultur

und eine Kunst ins Land, die auf der Insel prächtige Spuren zurückgelassen haben. Nach dem Niedergang blieben nur noch rebellierende Banden zurück, die Friedrich II. nach Lucera, auf das apulische Festland, deportierte. Vor allem im 9. und 10.

Jahrhundert fielen die Araber im ganzen italienischen Süden (Kalabrien, Apulien, Kampanien und die Basilikata) mit ihren Streifzügen ein; nur in zwei Fällen konnten sich, jedoch nur für kurze Zeit, in Bari und Tarent Emirate behaupten.

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der «Eingewanderte», daran, den Staat neu zu organisieren, der nun unabhängig vom übrigen islamischen Reich war. Mit Hischam, dem Sohn und Nachfolger von 'Abd al-Rahman, wurde das Emirat beachtlich gestärkt. Die sunnitische Gesetzesschule des Malikiyya behauptete sich nun in Andalusien, ebenso wie im übrigen islamischen Westen. Vermittelt über die Gesetzesschule lieferte Spanien dem Islam nun eine ganze Reihe hervorragender Wissenschaftler und Juristen, die zu einer der sichersten Stützen des neuen Umayyaden-Regimes wurden. Mit 'Abd al-Rahman II. (792-852) wurde der Staastapparat nun nach dem abbasidischen Modell organisiert, das seinerseits dem byzantinischen Hof verpflichtet war. Mit Konstantinopel unterhielt Cordoba vielfältige politische Beziehungen. So entwickelte sich allmählich ein kosmopolitisches Klima, das von 'Abd al-Rahman II. gefördert wurde. Er selbst interessierte sich für okkulte Wissenschaften und war besonders versiert in der Rechtsprechung der malikitischen Schule. An seinem Hof umgab er sich bevor-

zugt mit Musikern, Dichtern, Philosophen und Astrologen: Darunter sei vor allem an 'Abbas ibn Firnas (gestorben 888), Yahya al-Ghazal (774-864) und Ziryab (gestorben 845) erinnert. Ersterer warf sich eines Tages in einem Gewand aus Seide und Federn von einem Hügel herab und erreichte nach einem langen Gleitflug die Erde ohne Schaden. Der zweite - aufgrund seines legendären Körperbaus al-Ghazal, «Gazelle», genannt - war ein Dichter und Autor von beißender Satire, der auch der Emir selbst nicht entging. Eine ungewöhnliche Persönlichkeit ist auch der Iraker Ziryab, der Moden schöpfte und der gesamten spanischen muslimischen Gesellschaft im Sommer weiße Gewänder und im Frühling zarte Farben auferlegte. Als Musiker mit erlesenem Geschmack und erfahrenen Gastronom geht auf ihn eine Zeremonie für Bankette zurück. Bedeutender in kultureller Hinsicht ist das Kalifat von 'Abd alRahman III., genannt alNasir (890-961). In der Zeit seiner Herrschaft gelangte eine griechische Kopie von Discorides Buch über die Medizin nach Andalusien,

die Gesandte aus Konstantinopel mitgebracht hatten; ebenso eine Kopie vom Werk des lateinisch-spanischen Historikers Paulus Orosius. Die Bücher wurden dem Mönch Nicolas und dem Juden Khasdari ibn Schaprut anvertraut, die sie 951 in arabischer Sprache herausgaben. Unter al-Hakam II. (914976), dem Sohn von 'Abd al-Rahman III., nahmen Kunst und Wissenschaft einen nie dagewesenen Aufschwung, auch dank der persönlichen Neigung des Kalifen. Parallel dazu entwickelte sich ein wirtschaftlicher Wohlstand, der

Patium der Löwen, Alhambra, Granada (Spanien). In Spanien ereignete sich der erste wichtige Austausch mit der europäischen Kultur, der zu wichtigen Beziehungen zwischen den beiden Welten führte. 1492 wurden die Muslime von der iberischen Halbinsel verbannt, wo sie jahrhundertelang gelebt hatten. Unten: Ausschnitt einer Dekoration, in Marmor gehauen. Alhambra, Granada (Spanien).

Andalusien. Andalusien nahm einen Platz ersten Ranges innerhalb der muslimischen Kultur ein. Das neue Prestige des Staates Cordoba wird durch Initiativen wie die Prägung von Münzen in der Dar asSikka, im Innern des Palastes von Alcazar,

deutlich, ebenso durch die Eröffnung von Werkstätten, wo wertvolle Stoffe mit dem Namen des Emirs gewebt wurden. Staatliche Monopole wurden ins Leben gerufen, die Handelsbeziehungen mit dem Orient, mit dem nahen Nordafrika und mit

Europa, vor allem den slawischen Ländern, unterhielten.

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Holzdecke der Cappella Palatina in Palermo ( um 1143). Das Werk einer fatimidischen Schule war stark von der islamischen Kunst beeinflußt. Unten: Miniatur von al-Wasiti, die das Innere einer Bibliothek darstellt (1237). Paris, Bibliotheque Nationale.

zu einem Anstieg der Bevölkerung führte. Das große Cordoba hatte eine halbe Million Einwohner. Nominal endete das Umayyaden-Kalifat am 30. November 1031, als sich Bürgertum gegen die Machenschaften von habgierigen und regierungsunfähigen Politikern zur Wehr setzte und eine Republik mit einem Rat von Adligen forderte. In gewisser Weise war das Ende bereits am 9. November 1013 eingetre-

ten, als Berber Cordoba geplündert, den Kalifen Hischam III. (1029-1031) getötet und die wertvolle Bibliothek al-Hakams II. verkauft oder zerstört hatten. In der folgenden Zeit fehlte in Andalusien ein stabile politische Führung. In kürzester Zeit lösten sich Republiken, Fürstentümer und Reiche gegenseitig ab. Da niemand aus der Aristokratie über die Fähigkeit oder über ernsthafte Ambitionen verfügte, das Land wieder zu vereinen, zerfiel es in lokale Herrschaftsbereiche, die von Arabern oder Berbern regiert wurden. Sie hatten sich nach dem Ende der Amiriden-Diktatur unabhängig erklärt und die verschiedenen Teile der iberischen Halbinsel in persönliche Regierungsbezirke aufgespalten. Im Jahr 1236 eroberte Ferdinand III. von Kastilien (der Heilige) Cordoba. Am 6. Januar 1492 zogen die katholischen Könige in Granada ein. Am 29. Juni desselben Jahres mußten die zahlreichen jüdischen Gemeinschaften der Stadt per Dekret Granada verlassen. Im Jahr 1609 unterzeichnete Philipp III. die Verbannung

aller muslimischen Untertanen aus seinem Reich. Arabische Dichtung und westliche Dichtung Den Begriff muwaschschahat kann man übersetzen als «doppelreihige Perlenkette in verschiedenen Farben»; er bezeichnet jedoch auch eine besondere poetische Form aus fünf, sechs oder mehr Strophen mit verschiedenen Reimformen. Muqaddam al-Qabri (840912), ein blinder andalusischer Künstler, hat diese Form erfunden. Als sie auftauchte, wurden die muwaschschahat in klassischer arabischer Sprache von vielen Autoren verwendet, so zum Beispiel von den größten andalusischen Dichtern Ahmad ibn 'Abd al-Rabbihi (860-940), Ibn 'Abbadah al-Qazzaz (gestorben 1095), Lisan ad-Din ibn al-Harib (1313-1374). Darauf wurde ein wiederkehrender Reim eingeführt, der aus einem Vers oder einem Distychon in gesprochener Sprache, sowohl arabisch als auch spanisch, bestand, dem harga. Als Folge entstand eine strophische Dichtung im arabischen Teil Andalusiens, die man als authentischsten Ausdruck des andalusischen Geistes be-

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Die Bibliothek von alHakam. In einem Land, das bereits wegen des hohen Bildungsniveaus und der Liebe zu Büchern renommiert war, stellte die persönliche Bibliothek von al-Hakam II. mehr als alles andere das goldene Zeitalter des Kalifats von

Cordoba dar. Die Anzahl von 400 000 Manuskripten wurde später nur noch von der Anzahl der Bände in der Bibliothek von Ibn 'Abbas, dem reichen Wesir des Fürsten von Almeria, erreicht.

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trachten kann. Von ihrem größten und berühmtesten Vertreter wurde die arabisch-andalusische Dichtung zur wahren Literatur: IbnQazman(1108-1160). Dieser reiste zeit seines Lebens zwischen den spanischen Städten hin und her und pries die verschiedenen Gouverneure der Staaten, die sich unter der Herrschaft der Almoraviden zusammengeschlosen hatten. Häufige Themen seiner Dichtung, die von dem sinnlichen Temperament des Autors inspiriert sind, sind der Wein und die Liebe. Die muwaschschahat ist der Ursprung einer weiteren Dichtform in vulgärer Sprache, der sogenannten az~ Zadschal. Unter den Vertretern dieser Art sei an Abu Yusufal-Ramadi(9261013) erinnert, an Sa'id ibn 'Abd Rabbihi (gestorben 954) und an ibn Ma-s-Sama' (gestorben in Malaga 1031). Nach Ansicht von Julian Ribera, Erforscher der Troubadoure und Minnesänger, stellt der Einfluß der arabischen Dichtung in Europa, vor allem in Spanien und Sizilien, einen wichtigen Anreiz für die Entstehung der europäischen Dichtung dar. Die er-

sten Troubadoure hatten diesen Stil bereits verwendet, der daraufhin in der volkstümlichen sizilianischen, italienischen und europäischen Dichtung auftaucht. Man findet ihn aber auch in der religiösen Dichtung der Franziskaner im 13. und 14. Jahrhundert und in den Karnevalsliedern und Gesängen im Florenz des 15. Jahrhunderts. In Spanien wird az-Zadschal von Dichtern wie Alfonso X. dem Weisen im 13. Jahrhundert, von Villasandino und von Juan del Encina im 15. und 16. Jahrhundert verwendet. Der Einfluß der arabisch-andalusischen Dichtung ist nicht auf formale Kriterien beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf den Inhalt: Dies gilt zum Beispiel für die Verbreitung des Themas der höfischen Liebe, die als Vorstellung bereits in der andalusischen Dichtung und im Zadschal von ibn Qazman auftauchte. Die höfische Liebe ist wichtigstes Thema des Gedichts al-Zahrah (Die Rose) von Abu Bakr az-Zahiri (gestorben in Bagdad 910), das den Begriff der platonischen Liebe erklärt, wie sie bereits in der Poesie des arabischen Stammes Banu

'Udra vorkam, der zur Zeit der Umayyaden in Syrien gelebt hatte. Im folgenden behandelte auch der andalusische Schriftsteller und Philosoph Ibn Hazm (994-1064) dieses Thema in seinem Werk Tauq al-hamama (Das Band der Taube). Dieser Einfluß taucht auch im neuen poetischen Stil Dantes und Petrarcas auf, vor allem im Sonett, das seinem Aufbau nach dem muwaschschahat sehr verwandt ist.

Ausschnitt eines Gedichts von ibn Zamrak im Saal de las dos Hermanas, Alhambra, Granada (Spanien). Die arabisch-andalusische Dichtung hat die Entstehung zahlreicher Formen der Dichtkunst im Westen begünstigt. Unten: Liebende, Ausschnitt einer persischen Malerei aus dem 15. Jh. Florenz, Privatsammlung.

Gemeinsamkeiten. Zu den Gemeinsamkeiten zwischen der Dichtung der Troubadoure und den arabischen muwaschschahat und az-Zadschal gehören die Gestalten des «Betrachters», des «Geschwätzigen», des «Eifersüchtigen» und des «Nachbarn». Auch der

Bote zwischen den beiden Liebenden fehlt nicht, der häufig einen Ring als Erkennungszeichen trägt. Der Name des Geliebten wird nie aufgedeckt. Für ihn werden Bezeichnungen wie «Mein Herr» oder «Guter Nachbar» verwendet. Häufige Themen

sind die Liebe, die auf den ersten Blick entsteht, die abweisende Geliebte, die ehrliche Liebe, die leiden muß, Melancholie, Schlaflosigkeit und manchmal auch der Tod, sowie der Abschiedsschmerz wegen des Geliebten, der in den Krieg zieht.

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Glossar

Adhan: Gebetsruf der Muslime. Ahl al-Kitab: «Menschen des Buches», damit sind die Gläubigen der anderen schriftlich offenbarten Religionen gemeint, das heißt Juden, Christen und die Anhänger des Zoroastrismus. Arkan: Pfeiler des Islam. Die fünf wichtigsten Begriffe: das Glaubensbekenntnis, das Gebet, das Almosen, das Fasten und die Pilgerfahrt. Aschura: Der zehnte Tag im Monat Muharram. Er ist dem Gedenken an Husain, den Sohn des 'Ali, geweiht. Bismi 1-Lahi r-Rahmani r-Rahim: «Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen»: Mit diesem Ausspruch werden alle Suren des Koran eröffnet. Die Formel geht auch der Lektüre von Dokumenten, Reden und dem Vollzug jeder Aktion voraus. Fatiha ist die «eröffnende» Sure des Koran und der am häufigsten verwendete Passus des heiligen Buches. Fiqh: Die Wissenschaft vom islamischen Recht — eine juristische Klassifizierung aller Handlungsweisen zwischen Gebot und Verbot. Ghusl: Totale Reinigung des Körpers; notwendig, um den Zustand der Reinheit herzustellen, der für rituelle Akte jedes Gläubigen, der sich im unreinen Zustand befindet, unerläßlich ist. Hadith: Bedeutet «Spruch», «Erzählung»,

«Tradition». Der Hadith ist eine Sammlung von Worten und Aussprüchen des Propheten, die mündlich überliefert wurden. Hadsch: Die große Pilgerfahrt nach Mekka, die jeder Muslim einmal im Leben ausführen muß. Hanif: Diejenigen, die zwar den Polytheismus nicht akzeptierten, aber trotzdem nicht zum Islam übergetreten waren. Allgemein ist damit jeder gemeint, der an einen einzigen Gott glaubt. 'Ibadat: Ist in der Scharia die Gesamtheit der physischen Kultakte, über die der Mensch in eine Beziehung mit Gott tritt. Idschma: Im islamischen Recht der «Konsens», die Zustimmung der Gelehrten zu den einzelnen Punkten der Scharia. Die dritte Kraft des islamischen Rechts. Idschtihad: «Anstrengung» bezeichnet die Verwendung der Vernunft beim Studium des Koran und der Sunnal, die zu einer eigenständigen Entscheidung führt. Imam: «Propst», «Anführer», «Leiter». Häufig einfach nur die Bezeichnung für denjenigen, der das gemeinsame Gebet in der Moschee leitet. Ismaeliten: Ist die schiitische muslimische Gemeinchaft; der Name stammt von Isma'il ab, den die Schiiten als letzten legitimen Imam anerkennen.

Imamiya: Bezeichnet den Zweig der Schiiten, die die Rückkehr des zwölften Imam, Muhammad alMahdi erwarten, der 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt wurde. Dschihad: «Anstrengung»; die Pflicht der Muslime, auf «dem Weg zu Gott» auch Waffen zu ergreifen. Wird als Pflicht der Gemeinschaft betrachtet, gehört aber nicht zu den fünf Pfeilern. Dschizya: War die für Nicht-Muslime festgesetzte Steuer, die im islamischen Staat lebten. Ka'ba: Das heilige Gebäude kubischer Form im Zentrum Mekkas. In der islamischen Tradition geht sein Bau auf Abraham zurück. Madhahab: «Methode» oder «Ritus»: bezeichnet die Schulen des islamischen Rechts. Mihrab: Ist die Gebetsnische in der Moschee, in Richtung Mekka. Mu'amalat: Bezeichnet in der Scharia die Beziehungen der Muslime untereinander. Mufti: Ist die oberste juristische Autorität in Angelegenheiten der islamischen Rechtsprechung. Niyya: Die «Formulierung der Absicht», die vor jeder Kulthandlung notwendig ist. Qadi: Der Richter im rechtlichen System der muslimischen Länder.

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Glossar

Qibla: Die Richtung, in die sich die Gläubigen während des Gebets wenden müssen. Qiya: «Analogie», die vierte Quelle des muslimischen Rechts. Qur'an: Koran; für die Gläubigen das höchste, unnachahmliche Wunder, das ewige Wort Gottes, ebenso ewig wie Gott und von ihm geschaffen. Offenbart durch Mohammed, der der physische Vermittler der göttlichen Offenbarung ist. Ramadan: Der neunte Monat im muslimischen Mondkalender, während dem der Koran dem Propheten offenbart wurde. Sadaqa: Das freiwillige Almosen, das anders als das Zakat durch keine genaue Regel festgelegt ist. Salat: Der zweite Pfeiler des kanonischen Gebets, das fünfmal am Tag zur vorgeschriebenen Zeit durchgeführt werden muß. Saum: Vierter Pfeiler des Islam, das für jeden erwachsenen und gesunden Muslimen vorgeschriebene Fasten während des Monats Ramadan. Sa'y: Ist der Lauf, den die Gläubigen sieben Mal zwischen den Hügeln Safa und Marwa während der Hadsch vollziehen. Schahada: Ist das Glaubensbekenntnis, der erste Pfeiler des Islam. Scharia: Ist der Teil der islamischen Doktrin, den die Muslime seit jeher als

fundamental betrachten: das Gesetz, das jede private und öffentliche Tätigkeit regelt. Schia: «Partei» des 'Ali, Cousin und Schwiegersohn des Propheten; die Schiiten sind die Muslime, die der Schia nachfolgen. Sufi: Begriff, der den islamischen Mystizismus bezeichnet. Sunna: «Verhalten», eine der vier Quellen, die für die Entstehung der islamischen Theologie und des islamischen Rechts wesentlich sind. Takbir: Die Formel Allahu akber, «Allah ist der höchste», die die Gläubigen vor den rituellen Akten aussprechen. Tariqa: «Spiritueller Weg», bezeichnet die mystischen islamischen Glaubensbruderschaften. Tawaf: Umgehung, die die Gläubigen sieben Mal gegen den Uhrzeigersinn um die Ka'ba während der Hadsch vollziehen. 'Ulama: Plural von 'Alim, bedeutet «wissend» und meint die Gelehrten in der Religionswissenschaft. 'Umma: «Gemeinschaft» oder «Nation», bezieht sich auf die Gesamtheit der muslimischen Völker, ohne ethnische oder kulturelle Unterscheidung. 'Umara ist die kleine Pilgerfahrt nach Mekka, die zu jedem Zeitpunkt des Jahres unternommen werden kann.

Wahhabiyya: Strenge sunnitische Bewegung, die in Zentralarabien Mitte des 18. Jahrhunderts von Muhammad ibn 'Abd alWahhab begründet wurde. Wudu': Die kleinere Reinigung, die notwendig ist, um die rituellen Kulthandlungen in einem Zustand der Reinheit zu vollziehen. Zakat: Das gesetzliche Almosen, der dritte Pfeiler des Islam.

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Bibliographie

Der Islam in der Welt Die Verbreitung des Islam blieb nicht auf die Länder der islamischen Welt beschränkt. Insgesamt ist der Islam die zweitgrößte Religion nach dem Christentum. Mit 840.000.000 Gläubigen stellen die Muslime 17% der Weltbevölkerung dar. Verteilung: Mittlerer und Ferner Orient: 550.000.000; Afrika: 230.000.000; Asiatische Republiken der ehemaligen Sowjetunion: 45.000.000; Europa: 9.000.000; Kontinentalamerika: 2.000.000. Größtes islamisches Land ist Indonesien mit 147.000.000 Gläubigen (82% der Bewohner), gefolgt von Pakistan (80.000.000, 97%), Indien (80.000.000; 12%), Bangladesch (75.000.000, 87%), der Türkei (56.000.000, 99%) und Ägypten (43.000.000, 90%). In China sind es 55.000.000. Im Mittleren Orient und in Nordafrika machen die Muslime 80% der Bevölkerung aus. Etwa 700.000.000 Sunniten und 90.000.000 Schiiten leben auf der Welt. Die Schiiten stellen die Mehrheit im Iran (über 90%) dar, im Irak (über 55%), im Libanon, Aserbeidschan, Oman und dem Jemen. In allen anderen islamischen Ländern ist die Mehrheit sunnitisch. In Europa gibt es einen starken Anteil auf dem Balkan: in Bosnien-Herzegowina sind es etwa 44% der Bewohner und in Albanien 70%. In Mitteleuropa leben die meisten Muslime in Frankreich (5% der Bewohner) und in Deutschland (3%).

Der islamische Kalender Der islamische Kalender basiert auf dem Mondjahr und besteht im Durchschnitt aus 354 Tagen (gegenüber den 365 Tagen des Sonnenjahres); er ist in zwölf Monate unterteilt (von denen jeder einem Monat des Sonnenjahres entspricht). Muharram (Januar), Safar (Februar), Rabi' al-Auwwal (März), Rabi' ath-Thani (April), Dschumada al-Ula (Mai), Dschumada athThaniya (Juni), Radschah (Juli), Scha'ban (August), Ramadan (September), Schauwwal (Oktober), Dhu 1-Qa'da (November) und Dhu 1-Hidscha (Dezember). Der Beginn jedes Monats wird vom Neumond bestimmt und dauert unterschiedlich lang, je nachdem wie lange der Neumond sichtbar ist. Am 29. Tag jedes Monats erwarten die Muslime den Neumond: Sobald man ihn sieht, beginnt am nächsten Tag der neue Monat; andernfalls gilt der Tag als der 30. des Monats. Das Zählen der Jahre beginnt mit dem konventionellen Datum der Hedschra, am 16. Juli 622. Die Errechnung verläuft folgendermaßen: das muslimische Jahr entspricht dem Jahr des Sonnenkalenders, wobei folgende Formel angewandt wird: muslimisches Jahr (christliches Jahr -622) + (christliches Jahr -622)

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Biographie

Bildnachweis: Marka: 6 (Foroteca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 8-9 (T. Martino), 10, 11 (C. Cascio), 12 (G. Mereghetti), 15 (M. Monti), 16u (C. Cascio), 17 (G. Mereghetti), 19 (S. Navarrini), 20 (Fototeca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 21 (F. Pizzocchero), 23 (Lehtikuva), 26 (G. Tomsich), 27 (Fototeca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 33o (Fototeca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 40 (S. Stocchi), 42 (G. Mereghetti), 43o, 44 (Bavaria), 48 (ACE), 52 (Fototeca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 53, 56u (Zefa), 57 (A. Korda), 59u (A. Ramella), 62 (M. Monti), 63 (R. Nowitz), 69 (G. Mereghetti), 84 (Fototeca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 85 (Fototeca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 86-87 (A. Chilea), 90-91 (Impacr. Visual), 105u (M. Perelli), 109 (A. Korda), 111 (M. Perelli), 112u (M. Monti), 115 (R. Nowitz), 117o (Photri), 118o (Fototeca Storica Nazionale di Ando Gilardi), 118u (Lehtikuva), 120ol(F. Giaccone), 121o (H.Kanus), 121m (A. Ramella), 124u

(A. Ramella), 125o (Vloo), 125u (M. Cristofori), 126 (M. Perelli), 130 (A. Ramella).

Biographie des Autors: Younis Tawfik wurde 1957 in Mosul (Ninive), Irak geboren. Zur Zeit ist er als Journalist tätig, organisiert Symposien und unterrichtet islamische Kultur an der «Universitä populäre» in Turin sowie an der «Scuola europea di tradizione letteraria». Er widmet sich vor allem der Verbreitung der arabischen Literatur und hat zahlreiche Bücher übersetzt. Er hat einen Kurs «Modernes Arabisch» (Ananke, Turin 1996) veröffentlicht sowie eine Studie zu «Metaphern und Sprache in der sufischen Dichtung» (Lafarfalla e la fiamma, Ananke, Turin 1996) und gibt die Reihe «Abadir: Kulturen Afrikas und des Mittleren Orients» heraus. Demnächst erscheinen zwei Bände über das Theater und das Kino in den arabischen Ländern. Zu Fragen des Islams und der Beziehungen zwischen dem Islam und der westlichen Welt arbeitet er mit der Tageszeitung La Repubblica und Specchio della Stampa zusammen.

Angela Prati: 72, 73, 74, 75,88,89,94,95, 105m, HOo, l Ho, 119, 120u, 121u, 122o, 123, 124o, 131.
Alberto Ramella: 96o, 96u, 97o, 97u, 113o, 120or, 122u, 127o, 129o, 135.

RCS Libri: 24o, 30, 31,34, 35, 41o, 45o, 47, 103o, 104, 106o, 116, 117u.
Annalisa Ramagnoni: 55.

Scala Institute Fotografico Editoriale: 14, 28, 32, 36, 39, 41 u, 43u, 46, 50o, 50u, 51 o, 51 u, 54, 68, 70, 71,76, 77, 78-79, 80, 81,821, 82or, 82u, 83, 92, 107, 108u, 128o, 136o, 136u, 137o, 137u, 138o, 139o, 139u. Scala/Lange: 2, 22, 38, 58, 59o, 60-61,64-65,66o, 66u, 67, 93, 98, 99, 100-101, 106u, 127u, 128u, 129u, 133.

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