You are on page 1of 6

Die "Freundesgemeinschaft

"
Von Elmar Getto

Nehmen wir einmal an, die Regierung würde die rechtliche Konstruktion
„Freundesgemeinschaft" erfinden und in das Sozialgesetzbuch schreiben.
Man würde sagen, es entspräche der Lebenserfahrung, daß Freunde in
schweren Zeiten einander beistehen. Daher hätten jene, die Freunde in
Arbeit haben, kein Recht, Arbeitslosengeld II (ALG II) zu beziehen,
denn sie seien ja nicht wirklich bedürftig - oder sie müßten sich
jedenfalls das Einkommen ihrer Freunde anrechnen lassen. Absurd? -
Aber genau das hat die Politikerkaste mit der Einführung der
‚Bedarfsgemeinschaften’ getan.

Doch damit nicht genug: Nun würde die Regierung auch noch von der
anderen Lebenserfahrung ausgehen, daß fast alle Menschen Freunde
haben. Daraus ergäbe sich logisch, daß nur noch ALG II beziehen kann,
wer nachweist, keine Freunde zu haben oder jedenfalls keine Freunde,
die ihn unterstützen könnten. Sie würde die Regelungen des
Sozialgesetzbuches 2 so ändern, daß der Nachweis erbracht werden
müßte, freundlos zu sein oder nur Freunde zu haben, die auch
arbeitslos sind, wenn man ALG II beziehen will. Noch absurder? - Genau
dies tut jetzt aber die über alles geliebte große Koalition.

<<Ironie an >>
Da würde dann endlich Schwung in den Arbeitsmarkt kommen, nicht wahr?
Da praktisch niemand mehr ALG II beziehen würde, würden sage und
schreibe 26 bis 27 Milliarden frei, um endlich den Unternehmen das
Geld geben zu können, das sie dann animieren würde, neue Arbeitsplätze
zu schaffen. Innerhalb weniger Jahre würde die Arbeitslosigkeit
zusammenschnurzeln wie ein Hamburger in der Bratpfanne und wer wären
die am meisten Begünstigten? Richtig, die Arbeitslosen, die lediglich
das kleine Opfer bringen mußten, für eine Zeit bei den Freunden
unterzuschlupfen. Na, war es denn so schlimm? Hat doch fast gar nicht
weh getan, oder?
<< Ironie aus.>>

Eigentlich gab es, als Prostituierten-Reisen-Hartz seine Vorschläge
für den „Umbau des Arbeitsmarktes" vorlegte, ja längst die
„eheähnliche Gemeinschaft" als rechtliche Einheit. Sie hatte ja
bereits verschiedene rechtliche Implikationen und war schon vom
Bundesverfassungsgericht definiert. Insofern war zunächst unklar,
warum die Hartz IV-Erfinder, die damals noch viel größere Koalition
aus Gelb, Grün, Rosa und Schwarz, den neuen Begriff der
„Bedarfsgemeinschaft" einführten. So mancher schrieb dies einer
scheinbar „handwerklich schlechten Machart" des ganzen
Hartz-IV-Gesetzes zu, die allenthalben beschworen wird.

Im weiteren Verlauf stellte sich aber heraus, daß Hartz IV ganz genau
im Sinne seiner Erfinder gemacht war und nichts handwerklich
schlechtes daran war. Das ganze Chaos war geplant. Wer genau hinsah,
bemerkte auch bereits, daß eben ganz bewußt eine neue rechtliche
Kategorie geschaffen worden war mit der 'Bedarfsgemeinschaft'. Man
hatte das nur nicht so laut ausgesprochen im Sommer und Herbst 2004,
denn da sollte ja noch von den wirklichen Intentionen abgelenkt
werden, die man mit Hartz IV hatte, das Gesetz durchgesetzt und die
Montagsdemos klein geredet werden.

Mit der Einführung ab Januar 2005 stellte sich dann beim genauen
Hinsehen, heraus, daß die Definitionen der „eheähnlichen Gemeinschaft"
eben nicht gemeint waren. Die Schnüffler aus den Arbeitsagenturen und
ARGEn suchten nämlich, wie bald zu lesen war, nach den Zahnbürsten
eines eventuellen Partners in den Badezimmern, nach einem zweiten
Kopfkissen in den Betten und nach wenig bekleideten Männern, wenn man
unangemeldet die Wohnung einer Frau stürmte.

In seinem sogenannten „Mißbrauchsreport" führte der unsägliche Clement
ausdrücklich solche Fälle als angeblichen Mißbrauch auf.

Zitate:

„Steht im Morgengrauen ein nackter Kerl auf dem Balkon, und es ist
nicht der Ehemann…"

„... wie sich beim Prüfbesuch herausstellt. Günter Meyer, ihr
Lebensgefährte, kommt mit nacktem Oberkörper aus dem Ehebett..."

„ ... ein eigenes Zimmer kann der Lebensgefährte nicht vorweisen ..."

„... Die Kuhle im Ehebett stammt angeblich von der Nachbarin ..."

„...Der Prüfdienst sah nach, fand Männerhemden und -unterhosen auf der
Wäscheleine ..."

Und so geht es munter weiter. Aber das oberste Deutsche Gericht hatte
eben nicht jeden, der mit einer Frau Sex macht, bereits als
eheähnlichen Partner definiert (logischerweise), auch das zeitweilige
Zusammenleben in einer Wohnung war nicht als solche definiert, sondern
eben nur, wenn man, kurz ausgedrückt, aus einer gemeinsamen Kasse
lebt.

Dies aber, und auch das ist höchstrichterliche Rechtssprechung, kann
vom jeweiligen verdienenden Partner jederzeit widerrufen werden. Das
Paar kann also weiterhin zusammenleben, aber eben nicht mehr aus einer
gemeinsamen Kasse leben. Auch das ist logisch, denn im Falle, daß dies
anders entschieden worden wäre, hätte sich eine Unterhaltspflicht aus
der puren Tatsache des Zusammenlebens ergeben, was der Gesetzgeber
eben nicht wollte.

Auch hätte hier eine Mindestfrist eingeführt werden müssen (In
Brasilien gibt es z.B. ein solches Gesetz: Ein Mann, der mehr als vier
Jahre mit einer Frau zusammengelebt und sie voll unterhalten hat, wird
ihr gegenüber unterhaltspflichtig, als ob er mir verheiratet gewesen
wäre).

Es war offensichtlich, daß diese Definitionen der „eheähnlichen
Gemeinschaft" den Hartz-Machern gar nicht schmeckten. Sie wollten
jeden halbwegs verliebten Partner in eine Unterhaltspflicht drücken
und erfanden zu diesem Zweck die Bedarfsgemeinschaft. Wie das gemeint
ist, sagt der „Mißbrauchsreport" ganz klar:

„Nur wer seinen Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln oder mit
Unterstützung von Partner oder Familie bestreiten kann, hat Anspruch
..."

Juristisch korrekt müßte es heißen: „...mit Unterstützung
unterhaltspflichtiger Partner oder Familienmitglieder ...", aber
dieser ‚kleine Unterschied’ ist gewollt. Man will einfach alle, die in
irgendeiner Art und Weise zusammenleben, sei es als Wohngemeinschaft,
sei es als Haupt- und Untermieter, sei es wirklich in einer
eheähnlichen Gemeinschaft, zum Unterhalt der Kandidaten auf ALG II
heranziehen.

Auch der Begriff „Familie" ohne die Erwähnung der Unterhaltspflicht
ist absolut gewollt. In der Praxis werden Arbeitslosen Leistungen
gestrichen, wenn sie bei Geschwistern, Onkeln oder Tanten mit
Einkommen wohnen, obwohl die natürlich nicht unterhaltspflichtig sind.

Eigentlich hätte man dazu natürlich das Bürgerliche Gesetzbuch ändern
und diese Unterhaltspflichten neu definieren müssen. Das hätte aber zu
noch mehr Protest, zu noch mehr Unverständnis in der Bevölkerung
geführt. Deshalb versucht man diese neue rechtliche Definition über
die Hintertür einzuführen: Man verweigert einfach dem Arbeitslosen das
ALG II und hofft dann, der eventuelle Partner oder Familienangehörige
werde schon dafür sorgen, daß der(die)jenige nicht verhungert und
nicht auf die Straße fliegt.

Was nun den zusätzlichen Skandal zu dieser Praxis darstellt, ist die
Antwort der Richter auf diese Absurdität. Bis jetzt hat sich noch kein
einziger Richter gefunden, der angesichts dieser neu geschaffenen
Rechtslage sofort das Verfassungsgericht angerufen hätte, um zu
klären, ob jetzt Einkommen von Leuten angerechnet werden dürfen, die
gar nicht unterhaltsverpflichtet sind (Richter dürfen, wenn sie
aufgrund eines - nach ihrer Meinung eventuell -verfassungswidrigen
Gesetzes entscheiden sollen, direkt das Verfassungsgericht anrufen).
Ein weiterer Skandal in der nicht gerade an Justizskandalen armen
deutschen Geschichte.

Trotzdem kam es zu einer großen Anzahl von gewonnenen
Gerichtsverfahren gegen die Anrechnung solcher Partnereinkommen. Dem
will die neue Regierung nun einen Riegel vorschieben. Sie setzt eine
neue Absurdität auf die vorherige: Jetzt soll der arbeitslose Partner
auch noch beweispflichtig sein, daß die Person(en), mit der(nen) er
zusammenlebt, keine Bedarfsgemeinschaft mit ihm bildet(n).

Da „Bedarfsgemeinschaft" aber - bewußt - nicht definiert wurde, ist
ein negativer Beweis objektiv unmöglich - so wie andererseits auch ein
positiver Beweis unmöglich wäre.

Man stelle sich vor, wie so eine Definition aussehen müßte:

Bedarfsgemeinschaft ist, wenn

- mehr als drei mal Sex gemacht wurde

- sich eine Kuhle im Bett gebildet hat (mit genauen Definitionen der
Matratzenhärte in Beziehung zur Mindesttiefe der Kuhle)

- mehr als einmal der Partner mit nacktem Oberkörper in der Wohnung
angetroffen wurde

- mehr als einmal die Zahnbürste des Partners in der Wohnung
angetroffen wurde (Nachweis über DNA)

- wenn mehr als einmal die Unterwäsche des Partners in der Wohnung
gewaschen wurde

- wenn der Partner kein eigenes Zimmer hat

- wenn ein zweites Kopfkissen angeschafft oder jedenfalls festgestellt
wurde
- usw. usf.

Die ganze Absurdität kann an diesen Beispielen gemessen werden, die ja
allesamt den tatsächlich vom damaligen Minister Clement in der
Broschüre genannten Kriterien entsprechen.

Obwohl man nicht Jurist sein muß, um zu erkennen, daß die
Bedarfsgemeinschaften widerrechtlich sind, urteilen Richter ab der
zweiten Instanz fast durchweg „staatstreu". Leider ist zu erwarten,
daß die deutsche Richterschaft bis auf wenige Ausnahmen auch die neue
Anmaßung wieder schlucken wird, ganz zu schweigen vom
Bundesverfassungsgericht, das ja nun schon fast ein Jahr Zeit hatte,
seine Meinung zu Hartz IV bekanntzugeben, dies aber tunlichst
vermeidet. Nun, wie sagte George W. Bush so schön: „Wer nicht für uns
ist, ist gegen uns."

In der Schule hat man uns einmal beigebracht, daß die Demokratie vor
allem durch die Gewaltenteilung definiert sei und daß der Sozialismus
deshalb so schlecht sei, weil es dort keine Gewaltenteilung gebe.

Das Parlament, so lehrte man uns, habe eine Wächterfunktion gegenüber
der Exekutive, der Regierung, denn dort gäbe es eine Opposition, die
gegen die Regierungsmeinung stünde und dem Wähler die Möglichkeit
gebe, bei der nächsten Wahl Sachentscheidungen gegen seinen Willen
durch deren Wahl rückgängig zu machen. Wenn diese Wächterfunktion
nicht funktioniere, gäbe es immer noch die dritte Gewalt, die Justiz,
die eventuelle Überschreitungen der Befugnisse der Regierung
korrigieren könnte.

Nun, unsere „Demokratie" zeigt ihr wahres, ihr diktatorisches Gesicht.
Es gibt kaum noch jemand, der sich noch an das letzte Mal erinnern
kann, als die Opposition gegen eine der großen Entscheidungen des
Bundestages gestimmt hat und uns so die Möglichkeit gegeben hätte,
solche Entscheidungen zu revidieren. Man gehe nur einmal diese großen
Entscheidungen durch:

- Notstandsgesetze

- Aufrüstung durch Nato-Doppelbeschluss

- Einverleibung der DDR ohne Federlesens

- Praktische Aufhebung des Asylrechts

- Teilnahme am Überfall auf Jugoslawien

- Teilnahme am „Krieg gegen den Terrorismus"

- Teilnahme am Überfall auf Afghanistan und Stationierung von Truppen

- Gesundheitsreform

- Gewähren von Deutschland als strategische Basis für die USA im
Irakkrieg

- Hartz IV

- Annahme der EU-Verfassung

- Militär-Mission auf israelischer Seite gegen die Araber im Libanon
[Zusatz vom Oktober 2006]

Alles Beschlüsse, in denen die „großen Volksparteien" in trauter
Umarmung uns ohne Alternative ließen. Kein Wunder, daß die
Bundestagswahl für beide zusammen gerade einmal etwas mehr als 50% der
Stimmen der Wahlberechtigten ergab, die bei weitem geringste
Zustimmung seit mehr als 50 Jahren.

Und die Justiz als kontrollierender Faktor? Wo ist sie? Hat
irgendjemand gehört, auch nur eine dieser Entscheidungen sei von der
Justiz auch nur in Frage gestellt worden?
Nein, die Gewaltenteilung ist ein Fetisch und wir leben in der
Diktatur des Kapitals, das wird nun immer mehr Menschen klar.

URL: http://karlweiss.twoday.net/stories/2744495/