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Bedarfsorientierter technologiegestützter

Wissenstransfer

Gisela Dösinger, Klaus Tochtermann, Ines Puntschart, Alexander Stocker1

Know-Center Graz, Inffeldgasse 21a, 8010 Graz
Institut für Wissensmanagement, TU Graz

Zusammenfassung. Im vorliegenden Beitrag wird eine auf einem konzeptionellen Wis-
senstransfermodell beruhende Vorgehensweise vorgestellt, die Schulen und Hochschulen
bei der gezielten und zweckmäßigen Auswahl von Anwendungen und Funktionalitäten ei-
nes Wissensmanagementsystems unterstützt. Ausgehend von einer systematischen Analyse
der lern- und wissensintensiven Aktivitäten zwischen verschiedenen Akteursgruppen führt
die Anwendung der Vorgehensweise zu einem an die jeweilige Situation angepassten und
zweckmäßigen Einsatz der Technologie und trägt damit zur Nachhaltigkeit bei. Die Not-
wendigkeit für die hier vorgestellte Vorgehensweise ergibt sich aus der Tatsache, dass in
der Vergangenheit die Frage nach der konkreten Anwendung von Systemen im Kontext
von Schulen und Hochschulen zugunsten von Technologiefragen nicht ausreichend behan-
delt wurde. Der vorliegende Beitrag stellt das Wissenstransfermodell und die daraus abge-
leitete Vorgehensweise ausführlich dar. Zwei Fallbeispiele und ein Ausblick auf künftige
Arbeiten vervollständigen den Beitrag.

1.1 Einleitung

Der vorliegende Beitrag behandelt den technologiegestützten Wissenstransfer im
Kontext von Schulen und Hochschulen anhand von zwei Fallstudien. Im Speziel-
len wird darauf eingegangen, wie ein Wissensmanagementsystem in Bezug auf die
an Schulen und Hochschulen üblichen lern- und wissensintensiven Aktivitäten
gestaltet und eingesetzt werden kann. Um eine gezielte und zweckmäßige Aus-
wahl von Anwendungen und Funktionalitäten, wie sie Wissensmanagementsyste-
me bieten, zu ermöglichen, wird eine Vorgehensweise vorgestellt, die auf der sys-
tematischen Analyse der Wissenstransferaktivitäten zwischen verschiedenen
Akteursgruppen beruht und auf zwei Fallstudien eingegangen, in denen diese
Vorgehensweise umgesetzt wird. Auf Empfehlungen zur Auswahl von Wissens-

1 {gdoes, ktochter, ipunt, astocker} @know-center.at
2 Gisela Dösinger, Klaus Tochtermann, Ines Puntschart, Alexander Stocker

managementsystemen selbst wird bewusst verzichtet, da einerseits bereits umfang-
reiche Evaluierungen, siehe beispielsweise [1, 3, 4], vorliegen und andererseits er-
fahrungsgemäß weniger die Auswahl einer Technologie den Anwender vor
Schwierigkeiten stellt, sondern vielmehr die Frage nach der Anwendung. Durch
die in der Vergangenheit starke Betonung von Technologien und deren Bewertung
wurde die Unterstützung in Anwendungsfragen vernachlässigt, so dass die Ent-
wicklung einer Vorgehensweise besonders für Schulen und Hochschulen Relevanz
besitzt und deren Einsatz eine wertvolle Hilfe für diese Institutionen darstellt.
Unter Wissenstransfer verstehen wir den Prozess der Weitergabe bzw. des Aus-
tauschs von Wissen zwischen Personen bzw. Gruppen. Dieser Prozess kann direkt,
d.h. über Kommunikation zwischen Personen bzw. Gruppen oder indirekt, d.h.
über Artefakte wie beispielsweise Aufsätze, Zeitschriften, Bücher oder Internetsei-
ten stattfinden und geht über die einfache Bereitstellung von Content hinaus. So-
wohl direkter als auch indirekter Wissenstransfer können dabei durch Technolo-
gien unterstützt werden.
Unternehmen haben dieses breite Verständnis bereits aufgegriffen, in dem sie
zunehmend auf technologiegestütztes arbeitsplatzbasiertes Lernen setzen, das dar-
auf abzielt, den momentanen Bedarf an Wissen zur Bewältigung der Arbeit tech-
nologisch zu unterstützten. Dies ist motiviert durch die Erkenntnis, dass eine ein-
fache Übertragung von Wissen nicht möglich ist, sondern dass es vielmehr um
einen individuellen, jeweils anders gestalteten Aufbau geht. Insofern sollte Lernen
einen stärker selbst bestimmten Charakter besitzen und in der realen Umgebung
passieren [11]. So werden 80% bis 90% des arbeitsrelevanten Wissens informell
erworben [8, zitiert in 9], wenn Wissensarbeiter wechselseitig als Lehrender und
Lernender fungieren [6], also im Kontext der Arbeit. Auch an Schulen und Hoch-
schulen zeichnet sich eine vergleichbare Entwicklung ab. Es kommt zu einer zu-
nehmenden Verallgemeinerung technologiegestützten Lernens in Richtung tech-
nologische Unterstützung des Wissenstransfers bzw. lern- und wissensintensiver
Prozesse im Allgemeinen [2, 11]. Dies ist wesentlich durch zwei Faktoren bedingt.
• Schulen und Hochschulen stellen wissensbasierte Organisationen dar, in denen
organisations- und fachrelevante Informationen verwaltet und verteilt werden
sowie Wissen vermittelt, erworben und entwickelt wird. Wissensträger sind ne-
ben Dokumenten vor allem Personen, Lehrende wie Lernende. Diese durch
lern- und wissensintensive Aktivitäten bestimmte Umgebung legt eine breitere
technologische Unterstützung nahe, als sie durch die Verwendung von Lern-
managementsystemen gegeben ist.
• Mit dem Eintritt des Informationszeitalters und der damit einhergehenden Zu-
nahme der Wissensarbeit [5] haben sich auch die beruflichen Anforderungen
verändert. Neben dem sicheren Umgang mit Rechnern und Programmen, muss
mit Information und Informationstechnologien umgegangen werden können,
um die tägliche Arbeit erfolgreich bewältigen zu können. Von den heutigen
Auszubildenden, Schülern wie Studenten, wird erwartet werden, dass sie in ei-
nem dynamischen Umfeld, das immer wieder neue Anforderungen stellt, selb-
ständig Wissen erwerben, indem sie zweckgerichtet Informationen recherchie-
ren, verarbeiten und anwenden. Entsprechende Kompetenzen werden
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vorausgesetzt und sollten deshalb bereits im Rahmen der Ausbildung vermittelt
werden.

Die genannten Gründe motivieren die Beschäftigung mit technologiegestütztem
Wissenstransfer im Kontext von Schulen und Hochschulen, im Speziellen mit der
Gestaltung und Anwendung von Wissensmanagementsystemen im Rahmen einer
systematischen Vorgehensweise. Im Kapitel »Wissenstransfermodell« wird das
Wissenstransfermodell, auf dem die Vorgehensweise beruht, vorgestellt, um im
Kapitel »Die Anwendung des Wissenstransfermodells« die handlungsleitenden
Komponenten darzustellen. Im Kapitel »Fallbeispiele« wird anhand von drei kon-
kreten Fällen beispielhaft vorgestellt, wie die Gestaltung und Anwendung eines
Wissensmanagementsystems, angeleitet durch die Vorgehensweise, aussehen
kann. Abschließend werden im Kapitel »Zusammenfassung und Ausblick« noch
unbehandelte Aspekte aufgegriffen, deren Ausarbeitung es in der Zukunft bedarf.

1.2 Wissenstransfermodell

Wie bereits erwähnt, beruht die Vorgehensweise zur Gestaltung und Anwendung
von Wissensmanagementsystemen auf einem allgemeinen Modell des Wissens-
transfers [7], das nachfolgend dargestellt ist.
Das Modell unterscheidet bezogen auf den Wissenstransfer Communities,
Community-Mitglieder und Beziehungen innerhalb und zwischen diesen. Wie die
Abbildung 1 zeigt, kann Wissenstransfer (a) innerhalb einer oder (b) zwischen
Communities stattfinden. Die Pfeile 1 bis 4 in (a) zeigen den Wissenstransfer in-
nerhalb derselben Community: Der Wissenstransfer kann von der gesamten
Community zu einem Community-Mitglied (Pfeil 1) bzw. zu allen Mitgliedern der
Community (Pfeil 2) oder von einem Community-Mitglied zu einem anderen
Community-Mitglied (Pfeil 3) bzw. zur ganzen Community (Pfeil 4) verlaufen.
Die Pfeile 5 bis 8 in (b) zeigen den Wissenstransfer zwischen unterschiedlichen
Communities: Der Wissenstransfer kann von der Community A zu einem Mitglied
der Community B (Pfeil 5) bzw. der gesamten Community B (Pfeil 6) oder von
einem Mitglied der Community A zu einem einzelnen Mitglied der Community B
(Pfeil 7) oder der gesamten Community B (Pfeil 8) verlaufen.
Im Modell werden außerdem die folgenden Dimensionen des Wissenstransfers
unterschieden, die jedoch, um die Komplexität gering zu halten, in Abbildung 1
nicht wiedergegeben sind.

• Technologiegestützter versus face-to-face Wissenstransfer
• Synchroner versus asynchroner Wissenstransfer
• Verpflichtender versus freiwilliger Wissenstransfer
• Selbst gesteuerter versus fremd gesteuerter Wissenstransfer
• Direkter versus artefaktbasierter Wissenstransfer
• Offener versus geschlossener Wissenstransfer
4 Gisela Dösinger, Klaus Tochtermann, Ines Puntschart, Alexander Stocker

Da Wissenstransfer kaum ausschließlich in der einen oder anderen Form, wie
durch die Pole der Dimensionen definiert, vorkommt, sondern meist in einer
Mischform, spricht man vom hybriden Wissenstransfer.
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Abb. 1. Wissenstransfermodell aus [7]

Bei dem vorgestellten Modell handelt es sich um ein konzeptionelles Modell,
das alle theoretisch möglichen Beziehungen im Kontext des Wissenstransfers auf-
zeigt. Als praktisch relevant erweist sich in erster Linie der Wissenstransfer zwi-
schen einzelnen Akteuren innerhalb einer Community (vgl. Abb. 1, Pfeil 3) oder
zwischen verschiedenen Communities (vgl. Abb. 1, Pfeil 7) bzw. von einzelnen
Akteuren hin zur eigenen Community (vgl. Abb. 1, Pfeil 4) oder anderen Commu-
nities (vgl. Abb. 1, Pfeil 8), weniger geht der Wissenstransfer von Communities
als solchen aus. Allerdings können wir in einer Fallstudie im universitären Kon-
text die Umsetzung und Praxisrelevanz aller aufgezeigten Beziehungen belegen.
Die Berücksichtigung aller möglichen Beziehungen ist vor allem vor dem Hinter-
grund der Ausschöpfung sowie der Aufdeckung und Ausgestaltung der den Wis-
senstransfer unterstützenden Maßnahmen oder Technologien von Bedeutung.
Da dem Modell in seiner bisherigen Formulierung handlungsleitender Charak-
ter fehlt, werden im nächsten Kapitel seine Komponenten so herausgearbeitet und
ergänzt, dass daraus eine Handlungsanleitung entsteht, die dabei unterstützt, ein
Wissensmanagementsystem in Abhängigkeit von den Gegebenheiten einer Schule
oder Universität zu gestalten.

1.3 Die Anwendung des Wissenstransfermodells

Es existieren zahlreiche Evaluierungen, siehe beispielsweise [1, 3, 4], von Syste-
men zum technologiegestützten Lernen – zumeist werden Lernmanagement- und
Contentmanagementsysteme bewertet – die Schulen und Hochschulen bei der
Auswahl solcher Systeme unterstützen und die Qualität der verwendeten Techno-
logien sicherstellen. Doch die Verwendung qualitativ hochwertiger und funktional
6

sehr komplexer Systeme ist nicht mit ihrer zweckorientierten, an die Situation von
Schulen und Hochschulen angepassten Gestaltung und Verwendung gleichzuset-
zen. Hier besteht Unterstützungsbedarf, dem mit der Entwicklung einer Vorge-
hensweise begegnet werden soll. Die auf dem im vorangegangenen Kapitel vorge-
stellten Wissenstransfermodell beruhende Vorgehensweise soll eine systematische
und zweckmäßige Auswahl von für den jeweiligen Anwendungsfall relevanten
Funktionalitäten des zugrunde liegenden Systems ermöglichen. Die einzelnen
Schritte und deren Bezug zum Modell sind im nachfolgenden Kapitel unter Ver-
wendung von drei Beispielen aus dem Schul- und Universitätsbereich ausgeführt.
Selbstverständlich ist die Vorgehensweise nicht auf Schulen und Hochschulen be-
schränkt, wurde aber bisher nur bezogen auf diese in Fallstudien umgesetzt.

Schritt 1
In einem ersten Schritt werden die Communities und die Akteure innerhalb der
Communities, die mit der Schule oder Hochschule in Verbindung stehen, identifi-
ziert sowie Schwerpunktaktivitäten wie beispielsweise Unterricht in einem Fach,
Unterrichtsvorbereitung oder Projektarbeit definiert. Am Beispiel von Schulen
bilden die Schüler und Lehrer zwei zueinander orthogonale Communities.

Schritt 2
Innerhalb jeder Schwerpunktaktivität werden die Communities über eine Matrix
zueinander in Beziehung gesetzt. Danach werden die lern- und wissensintensiven
Aktivitäten innerhalb der gewählten Schwerpunktaktivität und der Communities –
entlang der Pfeile aus Abbildung 1 – identifiziert. Für jede Aktivität wird darüber
hinaus die Richtung bestimmt und ob sie innerhalb einer one-to-one o2o, many-to-
many m2m, one-to-many o2m oder many-to-one m2o Beziehung stattfindet. So
wird eine weitgehend erschöpfende Erfassung der Aktivitäten gewährleistet. Die
nachfolgende Tabelle 1 erläutert diesen Schritt exemplarisch.

Tabelle 1. Matrix zur Erfassung der Wissenstransferaktivitäten
Schwerpunktaktivität:
Unterricht
Schüler Lehrer
Diskussion offener Fragen Abgabe von Hausaufgaben
[m2m], gegenseitige Unter- [m2o], Fragen bei Unklarhei-
Schüler stützung bei Schwierigkeiten ten & Problemen [m2o],
[o2o]… Vorschläge für interessante
Themen [m2o] …
Bereitstellung von Unter- Wechselseitiges Bereitstel-
richtsmaterial & Vorlagen len von Unterrichtsmaterial
Lehrer [o2m], Terminbekanntgaben [m2m], Hinweis auf interes-
[o2m]… sante Veranstaltungen
[o2m]…
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Schritt 3
In einem dritten Schritt wird für jede lern- und wissensintensive Aktivität be-
stimmt, ob sie auf Dokumentation, z.B. Abgabe von Hausaufgaben, oder Kommu-
nikation, z.B. mündliche Prüfungen, beruht, ob es sich also um einen artefaktba-
sierten oder direkten Wissenstransfer handelt. Der direkte Wissenstransfer erfolgt
an Schulen und Hochschulen üblicherweise synchron, d.h. im Rahmen des Prä-
senzunterrichts, kann in einem Wissensmanagementsystem aber alternativ syn-
chron oder asynchron erfolgen.

Schritt 4
Für die derart klassifizierten Aktivitäten wird nun entschieden, ob sie durch Tech-
nologie gestützt oder auf traditionellem Wege stattfinden sollen, wobei auf Do-
kumentation beruhender Wissenstransfer in jedem Fall durch Technologie unter-
stützt werden kann. Für die auf Kommunikation beruhenden
Wissenstransferaktivitäten muss im Einzelnen entschieden werden, in wie weit sie
durch Technologie unterstützt werden sollen. Hier bedarf es mediendidaktisch und
pädagogisch geschulter und erfahrener Experten, die diesbezüglich fundierte Aus-
sagen treffen können. Nachdem insbesondere in organisatorischer Hinsicht – zum
Beispiel Unterricht ist nach Einheiten von 50 Minuten Dauer strukturiert oder
Computerräume stehen nur zu bestimmten Zeiten zur Verfügung – kaum alle sich
für eine Technologieunterstützung eignenden Aktivitäten unmittelbar umgesetzt
werden können, muss eine Priorisierung vorgenommen werden. Diese erfolgt ide-
alerweise durch die Akteure selbst, welche die Aktivitäten in Bezug auf die gege-
benen organisatorischen Möglichkeiten und den erwarteten Mehrwert beurteilen.

Schritt 5
Schließlich werden die ausgewählten Aktivitäten vor dem Hintergrund der ver-
fügbaren Anwendungen und Funktionalitäten als Szenarien formuliert. Die Di-
mensionen der Freiwilligkeit und der Selbststeuerung bestimmen hier wesentlich
die Ausgestaltung. Die Bedeutung von Szenarien sowie Vorlagen für die systema-
tische Szenarienentwicklung können etwa den zahlreichen Ressourcen auf der
Homepage zum Lifelong Learning Support Project LLSP2 entnommen werden. In
diesem Zusammenhang ist auch die virtuelle Landschaft zu definieren, welche die
Ausbildungsumgebung hinsichtlich Struktur möglichst realitätsgetreu abbildet.

1.4 Fallbeispiele

Im Rahmen der Erarbeitung und Bereitstellung webbasierter Dienstleistungen ha-
ben wir pilothaft sowohl an einem österreichischen Gymnasium als auch innerhalb
einer Vorlesung an der Technischen Universität Graz ein Wissensmanagementsys-
tem umgesetzt, wobei die Gesamtanzahl der Nutzer etwa 400 betrug. Die Umset-

2 http://www.cetis.ac.uk/members/llsp/scenarios/scenarios/documents/scenarios,
letzter Zugriff am 20. Dezember 2005
8

zung am Bundesoberstufengymnasium Spittal an der Drau3 fand im Kontext der
Bereitstellung des Leistungspakets schoogle4 statt. Auf Basis der im vorigen Kapi-
tel dargestellten Vorgehensweise war jeweils eine individuelle Gestaltung des
Wissensmanagementsystems möglich. Im Folgenden sind Vorgehensweise und
Gestaltung jeweils exemplarisch, anhand von zwei Beispielen aus dem Schulbe-
reich und einem Beispiel aus dem Hochschulbereich, dargestellt.

1.4.1 Gymnasium: Bereitstellung von Unterrichtsmaterial für die
Schüler

Schritt 1
Eine Schwerpunktaktivität im Rahmen des Unterrichts am Gymnasium Spit-
tal/Drau, Sekundarstufe, stellt die Bereitstellung von Informationen und Informa-
tionsquellen beispielsweise zum Zweck der Vorbereitung von Referaten dar. In-
volvierte Communities sind in diesem Fall die jeweiligen Fachlehrer sowie die
Schüler der jeweiligen Klassen.

Schritt 2
Die zentralen Aktivitäten im Rahmen der Bereitstellung bestehen in der Samm-
lung qualitativ hochwertiger, aktueller Inhalte und deren Übermittlung an die
Schüler. Darüber hinaus in der Diskussion über die Inhalte.

Schritt 3
Mit Ausnahme der Diskussion, die auf synchroner Kommunikation beruht und üb-
licherweise während der Unterrichtsstunde stattfindet, sind diese Aktivitäten arte-
faktbasiert.

Schritt 4
Je nach Fach bzw. abhängig von den einzelnen Lehrern wurde entschieden, ob der
artefaktbasierte Wissenstransfer durch Technologie unterstützt werden sollte oder
nicht. Diskussionen sollten weiterhin face-to-face erfolgen können, jedoch ergänzt
um die Möglichkeit zur technologiebasierten asynchronen Kommunikation außer-
halb der Unterrichtsstunde.
Die Technologieunterstützung brachte im vorliegenden Fall die folgenden Vor-
teile mit sich: Qualitativ hochwertige, aktuelle Inhalte liegen heutzutage zumeist
in digitaler Form vor, im Internet bzw. auf speziellen Portalen, die Unterrichtsma-
terialien bereitstellen. Der Lehrer kann rasch Informationen auffinden und sie in
Abhängigkeit vom Verwendungszweck selektieren. Die Verwaltung der Inhalte
oder Links auf diese Inhalte in einem Wissensmanagementsystem erleichtert die
Verteilung an eine breites Publikum, d.h. an die Schüler ein bis mehrerer Klassen,
ein Wiederauffinden und Wiederverwenden wird einfach möglich. Durch die

3 http://www.borg-spittal.at
4 http://www.schoogle.at
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technologiebasierte Übermittlung der Inhalte über einen single-point-of-access –
in der Form von in das Wissensmanagementsystem integrierten Ordnern, Portalen
oder gemeinsamen Arbeitsräumen – haben alle Schüler jederzeit Zugriff auf diese
Informationen und daher denselben Informationsstand.

Schritt 5
Auf Basis der genannten Komponenten wurde ein Szenario formuliert, das sich im
Wesentlichen die Anwendung Team Workspace, d.h. einen gemeinsamen virtuel-
len Arbeitsraum zunutze machte. Wie die folgende Abbildung 2 zeigt, repräsen-
tiert der Team Workspace die Struktur Klasse. Im Fachordner finden sich Samm-
lungen von Arbeitsunterlagen geordnet nach einzelnen Schulfächern. Die
einzelnen Fachordner werden von den Lehrern individuell organisiert und ge-
pflegt, könnten aber – wenngleich so nicht realisiert – die Form eines Portals an-
nehmen, in dem beispielsweise Arbeitsunterlagen, Anleitungen oder interessante
Links gesammelt organisiert werden können.

Ordner zur Abgabe von
Präsentationen durch die Schüler

Unterlagen für die Projektarbeit

Ordner für die Bereitstellung von
Unterrichtsmaterialien

Verlinkung von Online-Ressourcen

Abb. 2. Schulspezifische Unterrichtsumgebung organisiert über einen Team Workspace

Das eben beschriebene Beispiel stellt dar, wie der Wissenstransfer im Rahmen
des Unterrichts technologisch und bedarfsorientiert unterstützt werden kann. Er-
10

gänzend soll eine weitere Anwendungsmöglichkeit des Wissensmanagementsys-
tems für den Wissenstransfer zwischen Lehrern dargestellt werden.

1.4.2 Gymnasium: Gemeinsame Arbeitsräume für Lehrerfachgruppen

Schritt 1
Im Gymnasium Spittal/Drau wurde vom Direktor die Schwerpunktaktivität der
strategischen und inhaltlichen Ausgestaltung der Fächer durch die Lehrerfach-
gruppen festgelegt. Involvierte Akteure waren demnach die jeweiligen Lehrer-
fachgruppen.

Schritt 2
Innerhalb der Fachgruppen sollten unter anderem jeweils die folgenden Aktivitä-
ten stattfinden: Diskussion und Abstimmung der Unterrichtsziele, wechselseitige
Bereitstellung bzw. Sammlung von Materialien, gemeinsame Verwaltung von
Terminen, Darstellung der Fachgruppe bzw. des Fachs über eine Homepage.

Schritt 3
Während die erstgenannte Aktivität auf Kommunikation beruht, sind die übrigen
Aktivitäten artefaktbasiert.

Schritt 4
Für die artefaktbasierten Aktivitäten wurde durchwegs entschieden, diese durch
Technologie zu unterstützen, während Diskussionen weiterhin face-to-face statt-
finden sollten.
In der Unterstützung durch Technologie werden die folgenden Vorteile gese-
hen: Archivierung und einfache Verteilung von Materialien, alle Materialien sind
an einem Punkt verfügbar und können von jedem Fachlehrer jederzeit zugegriffen
werden, das Spektrum verfügbarer Materialien erweitert sich, Ergebnisse aus stra-
tegischen Diskussionen sind dokumentiert und für jeden zugänglich, wichtige
Termine sind ebenfalls für jeden zugänglich, die Homepage kann für die Innen-
und Außendarstellung verwendet werden.

Schritt 5
Auf Basis der genannten Komponenten wurde ein Szenario formuliert, das wie-
derum die Anwendung Team Workspace, d.h. einen gemeinsamen virtuellen Ar-
beitsraum benutzte. Der Team Workspace umfasst die folgendermaßen genutzten
Komponenten: Die Lehrer der Fachgruppe sind im Team Workspace mit ihren
Kontaktdaten in Form einer Visitenkarte verwaltet. Direkt aus dem System heraus
sind über Email die einzelnen Mitglieder erreichbar. In entsprechenden Ordnern
sind die unterschiedlichen digitalen Artefakte organisiert: In einem Ordner werden
beispielsweise Materialien und Links gesammelt, in einem anderen Ordner werden
die Dokumente der strategischen Diskussionen verwaltet. Über die Homepage
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werden beispielsweise Schwerpunkte aus den Fächern dargestellt oder das Team
vorgestellt.

1.4.3 Universität: Organisation der Vorlesungsaktivitäten

Schritt 1
Eine Schwerpunktaktivität innerhalb der Vorlesung Wissensmanagement an der
Technischen Universität Graz im Wintersemester 04/05 stellte der Übungsteil dar,
der darin bestand, dass die Studenten Arbeiten zu bestimmten Themen abfassen.
Involvierte Akteure waren hier das aus vier Personen bestehende Vorlesungsteam
sowie die Community der etwa 150 Studierenden.

Schritt 2
Die zentralen Aktivitäten innerhalb der Übung bestanden darin, dass das Vorle-
sungsteam den Studenten Materialien und interessante Links zu verschiedenen
Themen zur Verfügung stellte, welche verarbeitet und dem Vorlesungsteam zur
Beurteilung abgegeben wurden sowie in der Besprechung offener Fragen und
Themen.

Schritt 3
Während die ersten beiden Aktivitäten rein artefaktbasiert sind, erfolgt die Be-
sprechung der offenen Fragen und Themen über direkten Wissenstransfer.

Schritt 4
Aufgrund des Verhältnisses Vorlesungsteam zu Studierenden musste hier zusätz-
lich zur Unterstützung des artefaktbasierten Wissenstransfers auch die der direkte
Wissenstransfer technologiebasiert stattfinden, ergänzt durch direkte Kommunika-
tion in den Präsenzeinheiten.
Neben der gegebenen Notwendigkeit der Technologieunterstützung ergeben
sich weitere Vorteile: Das Vorlesungsteam kann die Historie von Diskussionen
zurückverfolgen und so Diskussionsbeiträge in die Beurteilung mit einfließen las-
sen, Fragen können auch außerhalb der Präsenzeinheiten beantwortet werden, die
Studierende finden von Semesterbeginn an die für sie wichtigen Materialien,
durch die elektronische Abgabe von Arbeiten können diese Platz sparend und
dauerhaft archiviert und zu einem späteren Zeitpunkt über Suche leicht aufgefun-
den werden.

Schritt 5
Auf Basis der genannten Komponenten wurde ein Szenario formuliert, das die
Anwendung verschiedener Funktionalitäten benutzte. Wie die folgende Abbildung
3 zeigt, entsprach die Arbeitsumgebung, innerhalb der sich das Vorlesungsteam
und die Studierenden austauschten, der Lehrveranstaltungsstruktur. Unter »Vorle-
sungsmaterial« waren Lehrunterlagen nach Präsenzterminen organisiert, unter
»Übungsmaterial« wurde Literatur in Form digitaler Handapparate verwaltet, im
Kalender »Vorlesungstermine« fanden sich Termine von allgemeinem Interesse,
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und Diskussionsforen - in 8 Diskussionsforen wurden über das Semester hinweg
etwa 900 Beiträge geleistet - waren nach jenen Themen organisiert, die in der Vor-
lesung behandelt und bearbeitet wurden. Von Studierenden abgefasste Arbeiten
konnten ins System hochgeladen werden. Suchagenten erfassten neu eingestellte
Arbeiten und informierten das Vorlesungsteam automatisch darüber.

Abb. 3. Vorlesungsspezifische Arbeitsumgebung

Wie die Ausführungen der Fallbeispiele zeigen, ist die Vorgehensweise glei-
chermaßen auf das Schul- und das Hochschulumfeld anwendbar. Unterschiede er-
geben sich allerdings in der konkreten Umsetzung im Hinblick auf den Schritt 4
der Vorgehensweise. Da zumeist große Gruppen an Studierenden einem oder we-
nigen Lehrbeauftragten gegenüberstehen, die räumliche und zeitliche Konzentrati-
on und somit ein überdauernder Verband wegfallen, bietet sich die Unterstützung
durch Technologie in einer größeren Breite an als im Schulumfeld, insbesondere
bezogen auf den Aspekt der Kommunikation. Zudem ist die Infrastruktur an
Hochschulen so gestaltet, dass Studenten freien Zugang zu Computerräumen ha-
ben, während an Schulen einerseits der Durchsatz mit Computern häufig nicht
ausreichend ist, andererseits der freie und jederzeit mögliche Zugang zu Compu-
terräumen nicht gegeben ist.
Bedarfsorientierter technologiegestützter Wissenstransfer 13

1.5 Zusammenfassung und Ausblick

Die vorgeschlagene Vorgehensweise, die als Ergänzung der Evaluierung von Sys-
temen zu verstehen ist, hilft zwar bei der Planung der zweckmäßigen Anwendung
eines Lern-/Wissensmanagementsystems, unter anderem im Kontext von Schulen
und Hochschulen, garantiert aber noch nicht den Erfolg einer entsprechenden Ini-
tiative.
So kommt menschlichen wie organisatorischen Faktoren eine zentrale Bedeu-
tung zu. Die wichtigsten seien nachfolgend aufgelistet: Frühzeitige Bewußtseins-
bildung innerhalb aller Akteursgruppen, mediendidaktische Kompetenz, Kompe-
tenz im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien,
Selbstlernkompetenz, Bereitschaft und Möglichkeit zur Umgestaltung bestehender
Strukturen, Einbindung der Initiativen in die Schul-/Hochschulstrategie, ausrei-
chendes Training sowie Sicherstellung einer professionellen Betreuung der Tech-
nologie - idealerweise über application service providing, wodurch Schulen und
Hochschulen von Installation, Betrieb und Wartung von Systemen und der Not-
wendigkeit des Erwerbes fundierten Expertenwissens entbunden werden.
In Ergänzung zu den erfolgten Arbeiten und mit dem Ziel Schulen und Hoch-
schulen handlungsrelevantes Wissen zur Verfügung zu stellen, soll in der Zukunft
eine Erfassung von Anwendungsszenarien von Lern- und Wissensmanagement-
systemen, die den Wissenstransfer zweckmäßig unterstützen, erfolgen. Hierzu
wird eine Systematik erarbeitet werden, die beispielsweise Merkmale wie Akteu-
re, verwendete Werkzeuge und Nutzen des Einsatzes der Werkzeuge umfasst. Da-
durch werden die Einheitlichkeit der Darstellung der Anwendungsszenarien sowie
Vergleichbarkeit gewährleistet. In diesem Zusammenhang soll auch eine Erhe-
bung der Schwierigkeiten und Hindernisse sowie auch der Qualitätsfaktoren im
Zusammenhang mit dem Einsatz von Lern- und Wissensmanagementsystemen er-
folgen.
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