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Klaus Tochtermann Alexander Stocker Reinhard Willfort
Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter Projektmitarbeiter und Dissertant am Geschäftsführender Gesellschafter,
des Know-Center Graz, Vorstand des Instituts Know-Center Graz ISN – Innovation Service Network GmbH
für Wissensmanagement an der Technischen
Universität Graz und Leiter des Instituts für astocker@know-center.at reinhard.willfort@innovation.at
Vernetzte Medien, Joanneum Research Graz

ktochter@know-center.at

Web 2.0 im Personalmanagement
Chancen und Risiken für Unternehmen
Das Internet verwandelt sich seit einigen Jahren von einem Medium der Musik oder Videos) wie YouTube und
passiven Konsumenten hin zu einem Web der aktiven Nutzer, die Blogs Flickr
X Podcasts (Audio- und Videodateien, die
schreiben, in Online-Foren diskutieren und Kontakte über Netzwerkplatt-
über das Internet angeboten werden) wie
formen knüpfen. Für Unternehmen bietet das Web 2.0 zahlreiche Chan- auf podcast.de
cen, wenn sie sich auf dessen Spielregeln einlassen können. X Instant Messaging (Telefonieren oder
Chatten in Echtzeit) wie über Skype
Der Begriff Web 2.0 wird dem Verlagsgrün- Social Software X Social Networks (Netzwerkplattformen im
der Tim O’Reilly und dem Publizisten Dale Einige der von Tim O’Reilly geprägten Prin- Web) wie Xing oder LinkedIn
Dougherty zugeschrieben, die im Jahr 2004 zipien manifestieren sich in Social Software,
die erste Web-2.0-Konferenz organisierten. einem typischen Phänomen des Web 2.0. Sie Das Phänomen der Social Software ist nicht
Während der Vorbereitungen für die Veran- unterstützt die Kommunikation und Zusam- neu, sondern folgt der ursprünglichen Inten-
staltung prägten sie beim Brainstorming über menarbeit der Nutzer im Internet und erfor- tion des „Web-Erfinders“ Tim Berners-Lee. Im
die Techniken und Trends des neuen Internets dert ein hohes Maß an Selbstorganisation. Zur Jahr 1989, dem Geburtsjahr des Webs, war
das Schlagwort Web 2.0. Von den älteren Social Software zählen Anwendungen wie das Internet noch eine Plattform für den In-
Anwendungen des Web 1.0 unterscheidet X Wikis (Enzyklopädien, in der die User die formationsaustausch. Der von Berners-Lee
sich das neue Web durch acht Prinzipien, die Artikel schreiben) wie Wikipedia entwickelte erste Browser fungierte zugleich
O’Reilly als „design patterns“ (Entwurfsmus- X Blogs (Tagebücher, in der Blogger ihre Er- als Editor für Web-Inhalte. Für die breite
ter) bezeichnet. Zu diesen Prinzipien zählen lebnisse und Meinungen festhalten) wie Masse der User wurde das Internet jedoch
beispielsweise die Nutzung der kollektiven auf blog.de für lange Zeit zu einem Read-Only-Web. Sie
Intelligenz des Webs („harnessing the collec- X Social-Bookmarking-Plattformen (auf de- konsumierten vorgefertigten Content und
tive intelligence“), das implizite und explizite nen User Internetseiten markieren und ihr Spielraum für Interaktion war gering. Fast
Einbinden von Benutzern („user added value“) diese „Lesezeichen“ mit anderen teilen) wie 15 Jahre später kehrt das Web nun zu seinen
und die Tatsache, dass kleine Interessensgrup- del.icio.us oder Mister Wong ursprünglichen Wurzeln zurück. Dank Blogs,
pen die „Masse“ im Internet ausmachen („the X Media- und Task-Sharing-Plattformen (für Wikis & Co. können User über das Internet
long tail“). den Austausch von Dokumenten, Fotos, kommunizieren, kollaborieren und Ideen

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austauschen. Sie werden zu produzierenden den Vordergrund, also Anwendungen, die eine ihrer Kontakte und dem Unternehmen, ihr Ge-
Usern, die mithilfe einfacher Tools Inhalte ins intuitive Benutzeroberfläche haben und somit schäft zu verbessern.
Netz stellen, um ihre Ideen zu verbreiten oder einfach zu bedienen sind.
virtuelle Gemeinschaften zu bilden. Personalmarketing
Doch auch Social Software liegt brach, wenn Da immer mehr Menschen ihre Kontaktbe-
Wissenstransfer die Mitarbeiter den Nutzen nicht erkennen. dürfnisse und ihren Wissensbedarf zumindest
Auch Arbeitgeber können vom Web 2.0 pro- Eine Befragung unter 168 Unternehmen, die teilweise über das Internet decken, wird das
fitieren. Beispiel Wissensmanagement: Das das Online-Lexikon Wikipedia nutzen, kam im Web auch zu einem zentralen Medium für
klassische IT-gestützte Wissensmanagement Jahr 2005 zu dem Ergebnis, dass Wikis dann Personalmarketing und Employer-Branding.
funktioniert meist nach der Top-down-Me- nachhaltig eingesetzt werden, wenn sie a) die Viele Bewerber informieren sich im Internet
thode: Ein Expertenteam oder ein Mitglied Reputation des Einzelnen erhöhen, b) die Or- ausführlich über einen potenziellen Arbeit-
der Leitungsebene legt fest, wie Wissensma- ganisation dabei unterstützen, ihre Prozesse geber. Dabei beschränken sie sich längst nicht
nagement im Unternehmen auszusehen hat. zu verbessern und c) von den Mitarbeitern mehr auf die offiziellen Karrierewebsites der
Das Maß der „Fremdorganisation“ ist hoch als Arbeitserleichterung betrachtet werden. Organisationen, sondern stoßen darüber hin-
und die Mitarbeiter haben wenig Einfluss Nicht alle Unternehmenswikis werden die- aus auf inoffizielle Einträge: In anonymen
auf Abläufe und Strukturen. Die Praxis zeigt sen Ansprüchen gerecht. Der Studie zufolge Mitarbeiterblogs wie „Mini-Microsoft“ oder
jedoch, dass dieser Top-down-Ansatz häufig kommen die Vorteile eines Wikis dann am den „Nestlé Suisse Real News“ lassen sich Be-
auf Widerstand stößt. Die Mitarbeiter lassen besten zum Tragen, wenn es genutzt wird, um schäftigte kritisch über ihr Unternehmen aus
sich ungern vorschreiben, wann und wie sie Aufgaben mit einem hohen Innovationsgrad – und kratzen damit am perfekten Arbeitge-
ihr Wissen weitergeben. zu lösen. Außerdem sollten die aktiven Mit- berimage. Für Personalisten können Portale
arbeiter andere Wiki-User als glaubwürdige wie diese wichtige Informationsquellen dar-
Im Zeitalter des Web 2.0 entstehen neue Wege und zuverlässige Informationslieferanten stellen, denn sie zeigen, wie eine kritische
des Wissenstransfers. Zugleich setzt sich eine anerkennen. Wissensaustausch über ein fir- Gruppe der Beschäftigten das Unternehmen
andere Einstellung zum Wissensaustausch meneigenes Intranet funktioniert demnach wirklich wahrnimmt.
durch. In Unternehmen, die sich mit Instru- nur dann, wenn eine Vertrauenskultur im Un-
menten des Web 2.0 beschäftigen, initiieren ternehmen herrscht und die Mitarbeiter gerne Weniger kritisch sind offizielle Mitarbei-
die Mitarbeiter den Wissenstransfer selbst gemeinsam an neuen Lösungen arbeiten. terblogs, die Unternehmen gezielt im Pro-
– über Instrumente wie Wikis oder Blogs. dukt- und Personalmarketing einsetzen. Bei
Das hat einige Vorteile: Zum einen steht die Netzwerke knüpfen Baumax (www.blogmax.at) und Frosta (www.
Social Software überwiegend kostenlos zur Den Austausch von Informationen unter- blog-frosta.de) berichten Mitarbeiter in Web-
Verfügung. Zum anderen bringen viele Mitar- stützen auch virtuelle Netzwerkplattformen logs über ihren Arbeitsalltag und geben ihrem
beiter bereits Erfahrung im Umgang mit den wie Xing oder LinkedIn. Für Arbeitgeber sind Unternehmen damit ein persönliches Gesicht.
Werkzeugen mit, denn Xing, Wikipedia & Co. Netzwerkplattformen vor allem deshalb so in- Auch intern kann ein Blog ein gutes Mittel
haben das Interesse am Wissensaustausch per teressant, weil sie Wissensaustausch über die sein, um zum Beispiel über die Aktivitäten
Internet geweckt. „Information Sharing“ wird Grenzen des firmeneigenen Intranets hinweg der Personalabteilung oder des Marketings zu
zum Normalfall. fördern können. berichten. Einige CEOs haben das Instrument
bereits für sich entdeckt. Ein besonders pro-
Vor allem in wissensintensiven Organisationen Beispiel IBM: Der IT-Konzern rief schon vor minentes Beispiel ist der FastLane Blog von
decken Mitarbeiter ihren kontextspezifischen einiger Zeit ein virtuelles Netzwerk ins Leben, Bob Lutz, Vizepräsident von General Motors
Informationsbedarf zunehmend direkt am Ar- um die Zusammenarbeit von Mitarbeitern, (http://fastlane.gmblogs.com). Die Top 100
beitsplatz. Dabei tauschen sie sich nicht nur ehemaligen Mitarbeitern und Kollegen aus der unter den deutschsprachigen Business-Blogs
mit Kollegen aus oder nutzen vorhandene Do- Industrie zu forcieren. Das Netzwerk „The Gre- finden sich nach Branchen sortiert unter
kumente aus den Datenbanken der Organisa- ater IBM Connection“ bietet den Teilnehmern www.top100-business-blogs.de.
tion, sondern suchen auch gezielt im Internet vielfältige Möglichkeiten, sich auszutauschen.
nach Informationen, die ihnen noch fehlen. So hält das Netzwerk Treffen in der virtuellen Fazit und Ausblick
Das Web mutiert zu einem sozialen Lernsys- Welt Second Life ab (www.secondlife.com), in Ob Blogs, Wikis oder Netzwerkplattformen:
tem – und internetaffine Mitarbeiter werden der jeder Benutzer seinen Avatar durch digi- Das Web 2.0 birgt zahlreiche Chancen für das
zum Bestandteil der Kultur, die das Web 2.0 tale Städte und Gebäude steuern kann. Auch Personal- und Wissensmanagement, wenn
prägt. Schon im „alten“ Web suchten Mitarbei- auf den Netzwerkplattformen Xing und Linke- sich die Unternehmen darauf einlassen. Das
ter – oft aus der IT-Abteilung - im Netz nach dIn unterhält IBM eigene Gruppen. Der Kon- neue Web lebt davon, dass die Akteure ihren
Lösungen für Probleme in ihrer Organisation. zern versteht unter Innovation Kollaboration eigenen Motivationslagen folgen – doch die
Dabei griffen sie auf klassische Web-Applika- und kollektive Intelligenz – typische Schlag- Angst vor Kontrollverlust ist in vielen Or-
tionen wie Diskussionsforen zurück. Mit dem worte des „neuen Internets“. Eine Symbiose ganisationen noch groß. Unternehmen, die
Web 2.0 rücken neue Instrumente wie Wikis, aus Online-Networking und Offline-Events Web-2.0-Anwendungen einsetzen, öffnen
Blogs oder RIAs (Rich Internet Applications) in hilft den Mitarbeitern bei Aufbau und Pflege sich sowohl intern als auch nach außen. Mit-

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tel- oder langfristig können sich dadurch die Literaturtipps Webtipps
vorhandenen Rollen und Prozesse verändern, What is Web 2.0? Design Patterns and www.know-center.at
sodass eine neue Kultur entsteht. Die Perso- Business Models for the Next Generation
nalabteilungen dieser aktiven Unternehmen of Software. Von Tim O`Reilly. (30.09.2005), www.innovation.at
stehen vor der Aufgabe, den Mitarbeitern im Internet unter: www.oreillynet.com. www.neurovation.at
Medienkompetenz zu vermitteln, damit sie Creativity @ Work für Wissensarbeit. Von
www.top100-business-blogs.de
im Sinne der Selbstorganisation des Web 2.0 Reinhard Willfort, Klaus Tochtermann und Al-
„produktiv“ werden können. joscha Neubauer. Shaker Verlag 2007. www.secondlife.com

Neurovation:
Kreativitätstool für Wissensarbeiter
Das Web 2.0 fördert den sozialen Ideenaus- wiederum in das Programm eingibt. Auf die- der fordert das Programm seine User auch
tausch im Internet. Dadurch ergeben sich se Weise entstehen Assoziationsketten, die auf, vom Arbeitsplatz aufzustehen und sich
auch interessante Möglichkeiten, kreative den Prozess der Ideenfindung im Gang hal- zu bewegen. Diese Unterbrechungen sollen
Wissensarbeit zu unterstützen. Die Webplatt- ten. Alle Schritte dieses Prozesses speichert Denkblockaden vorbeugen und den Nutzer in
form Neurovation.net gibt Mitarbeitern am Neurovation automatisch. Jeder Nutzer hat eine positive Stimmung bringen.
Arbeitsplatz kreative Impulse. Entwickelt wur- eine eigene Kreativumgebung und kann sei-
de die Lösung in einem gemeinsamen For- ne Sitzungen beliebig unterbrechen und neu Wenn der Ideenfluss stockt, können sich die
schungsprojekt der Universität Graz (Institut aufrufen. Mitarbeiter über das Programm Anregungen
für Psychologie), der ISN (Innovation Service bei anderen „kreativen Geistern“ holen. Meh-
Network GmbH), einem Spin-off der rere Nutzer können gleichzeitig an einer
TU Graz, sowie dem Know-Center Problemstellung arbeiten. Außerdem
Graz, einem Kompetenzzentrum für unterstützt Neurovation die synchrone
Wissensmanagement. oder asynchrone Kommunikation ver-
schiedener User über E-Mails und ein
„Neurovation“ – eine Wortschöp- internes Messaging System. So können
fung aus „Neurowissenschaft“ und sich Mitarbeiter eines Unternehmens
„Innovation“ – verbindet neueste über die Plattform mit Kunden, Liefe-
Erkenntnisse der Gehirnforschung ranten oder kreativen Querdenkern aus
mit praxisbezogenen Erfahrungen anderen Organisationen zu einer virtu-
des Innovations- und Wissensma- ellen Innovation-Community vernetzen.
nagements. Wissensarbeiter, die
einen großen Teil ihrer Arbeitszeit 22 Unternehmen haben das Programm
darauf verwenden, neues Wissen zu bereits getestet. Darunter waren Orga-
generieren, können das webbasier- nisationen unterschiedlicher Branchen
te Programm an ihrem Arbeitsplatz wie IT, Maschinenbau, Werbung, Bera-
nutzen, um Ideen zu entwickeln und tung und Softwareentwicklung. Die Er-
festzuhalten. fahrungen der Anwender zeigen, welche
Resultate sich mit Neurovation erzielen
Neurovation zeigt Bilder, um die Betrachter
Der Grundgedanke der Applikation: Neue auf neue Ideen zu bringen. lassen. Ihre Arbeitsergebnisse mit der neuen
Ideen entstehen meistens durch Reize von Software reichen von kleinen Impulsen für
außen. Das Programm Neurovation macht Untersuchungen der Karl-Franzens-Univer- neue Produktnamen bis hin zu Ideen für die
sich dieses Prinzip zunutze, indem es die sität Graz haben gezeigt, dass gezielte In- Konstruktion einer Anlage zur Verpackung
Gedanken und Lösungsansätze der User mit terventionen den Prozess der Ideenfindung von Brennholz. Da die Wissensintensität der
Anregungen aus fremden Wissensgebieten unterstützen. Pausen und Ablenkungen, die Arbeit in hiesigen Breitengraden steigt, sind
verknüpft. Sie können Begriffe eingeben oder uns zum Lachen bringen, können unsere kreative Lösungen in nahezu allen Branchen
Bilder hochladen, auf die Neurovation rea- Kreativität buchstäblich ankurbeln. Falls vom und Arbeitsumgebungen gefragt. Neurovati-
giert, indem es Wort-Bild-Kombinationen in Nutzer gewünscht, unterbricht Neurovation on ermöglicht ein vernetztes Arbeiten an Pro-
zufälliger Abfolge einspielt. Diese Reize lösen die Sitzungen von Zeit zu Zeit, um witzige jekten und sorgt dafür, dass Ideen nicht mehr
beim Betrachter neue Gedanken aus, die er Cartoons oder Filme zu zeigen. Hin und wie- verloren gehen.

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