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Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 1 Frankfurt School of Finance and Management

Grundkurs "Sozialphilosophie"

PRÄSENZ 30 STUNDEN SELBST-STUDIUM 45 STUNDEN

In diesem Grundkurs werden ausgewählte Themen der modernen
Sozialphilosophie einschließlich bestimmter Bereiche der politischen
Philosophie einführend in systematischer Übersicht besprochen. Hauptthemen
und Hauptautoren werden in Vorlesungsform dargestellt und im Seminarstil
diskutiert. Power-Point-Folien sind komplementär zum Skriptum verfügbar.

Inhalt
1. Der Mensch als soziales Wesen
2. Sozialmoral im kleinen und im großen
3. Utilitarismus
4. Rawlsscher Antiutilitarismus
5. Buchanans Gesellschaftsvertragstheorie des kollektiven Handelns
6. Robert Nozicks Lockescher Gesellschaftsvertrag
7. Das gute Leben zwischen negativer und positiver Freiheit
8. Appendix: Ursprünge empiristischer Sozialphilosophie
9. Literatur

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 2 Frankfurt School of Finance and Management

Grundkurs Sozialphilosophie

Die Sozialphilosophie ist Teil der praktischen Philosophie. Sie unterscheidet
sich von Staatsphilosophie oder Rechtsphilosophie durch ihre Schwerpunkte und
Akzentsetzungen. Es gibt jedoch weite Überlappungsbereiche zwischen den
Gebieten. Diese gehen so weit, dass der Versuch sauberer begrifflicher
Trennung sinnlos scheint. Am Ende kann man nicht umhin, beispielsweise in
der Sozialphilosophie auf den Staat zu schauen oder in der Rechts- und
Staatsphilosophie auf sozialphilosophische Ergebnisse zurückzugreifen. Im
folgenden wird entsprechend verfahren und Sozialphilosophie ohne allzu starke
Berührungsangst gegenüber staats- und rechtsphilosophischen Fragestellungen
betrieben.

Es beginnt mit einem ein Blick auf den Menschen als soziales Wesen (1.). Im
nächsten Teil wird die Frage nach Reichweite und Adressaten
sozialphilosophischer Argumente aufgeworfen (2.). Dann wird mit dem
Utilitarismus die erste der großen sozialphilosophischen Richtungen
angesprochen (3.). In den nächsten Schritten werden der Reihe nach die
Theorien sogenannter neuer Vertragstheoretiker des zwanzigsten Jahrhunderts
John Rawls, James M. Buchanan und Robert Nozick abgehandelt (4.-6.). Die
abschließende Diskussion befasst sich mit neo-aristotelischen Gesellschafts-
auffassungen sowohl eher libertärer (Wilhelm von Humboldt) als auch eher
kommunitärer (Oswald von Nell-Breuning) Art und fragt nach den
angemessenen Grenzen zwischen staatlicher bzw. gesellschaftlicher Fürsorge
und individueller Verantwortung (7.). Der Appendix besorgt die Einbettung der
vorangehenden Teile in einen allgemeinen historischen und systematischen
Rahmen empiristischer Sozialphilosophie (8.). Den Abschluss bildet eine Liste
zitierter Literatur.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 3 Frankfurt School of Finance and Management

1. Der Mensch als soziales Wesen
1.1. Die "Krone der Schöpfung"

Gängige Charakterisierungen des Menschen reichen, um nur zwei zu nennen,
von der eines "ungefiederten Zweifüßlers" bis zum "animal rationale". Die erste
der beiden Charakterisierungen ist nicht nur zu weit, da etwa einige Kängurus
ebenfalls ungefiederte Zweifüßler sind. Sie benutzt auch eine kennzeichnende
Eigenschaft, die wir im allgemeinen nicht als ein besonders hervorstechendes
Merkmal unserer Gattung auffassen würden. Selbst dann, wenn wir diese
Charakterisierung durch Merkmale wie spärliche Behaarung, Säuger etc. so
verschärfen würden, daß nur Menschen sie erfüllen könnten, hätten wir immer
noch das Gefühl, den Menschen durch "unwesentliche" Eigenschaften zu
charakterisieren.

Der Übergang zwischen Tier- und Menschenwelt erscheint eher als fließend,
denn als scharfer Schnitt. Da die höheren Affen und die Menschen gemeinsame
Vorfahren besitzen, aus denen sie sich vor nicht allzu langer Zeit entwickelten,
ist das auch keineswegs verwunderlich. Fast alles, auf das wir uns als Menschen
so viel zugute halten (oder auch nicht), finden wir in rudimentärer Form bereits
bei anderen höheren Primaten: Schimpansen kennen den Gebrauch von
Werkzeugen; Japanische Makaken geben Traditionen weiter; in aufwendigen
Trainingsprogrammen kann man Affen die Verwendung eines rudimentären
sprachlichen Codes beibringen usw.

Schimpansen haben offenkundig sogar ein Bewußtsein ihrer selbst. Malt man
ihnen nämlich im Schlaf, ohne daß sie dies bemerken, einen taktil nicht
spürbaren Farbfleck auf die Stirn und schauen sie hernach in den Spiegel, so
beginnen sie sofort an dem Fleck zu reiben. Sie wissen also, daß sie die
verunzierte Gestalt sind und es scheint auch ihr ästhetisches Empfinden
unangenehm zu berühren, sich in solcher Weise dekoriert zu sehen.
Schimpansen verfügen überdies zwar nicht über Sprache in unserem Sinne, doch
über komplexe Zeichensysteme, um Absichten und Gefühle einander mitzu-
teilen.

Auf der weniger lichten Seite unserer Natur finden wir uns ebenfalls in guter
tierlicher Gesellschaft. Schimpansen etwa täuschen sehr geschickt ihre

daß jedes im biologischen Sinne zur menschlichen Art gehörige Individuum zu den Kulturleistungen beitragen oder auch nur daran teilhaben könnte. (1975)). daß der menschliche Geist zum göttlichen analoge Züge aufweist. Eine rein biologische Kennzeichnung des . Wenn auch gläubige Christen meist davon ausgehen. Zum einen glauben wir. uns im Gegensatz zu allen Tieren zu sehen. Zum anderen ist Vernunftbegabtheit ihrerseits eine Voraussetzung dafür. Angehörige unserer Spezies als „Nicht-Menschen“ bezeichnen zu müssen. (1983) und Kummer. als er ein „animal rationale“ ist. So muß man fragen. Föten und soeben geborene Individuen. Gerade diejenigen. Sie führen Krieg gegen andere Horden und zielen dabei sogar strategisch auf deren Ausrottung. van Lawick Godall #### sowie zu dem vorangehenden Waal. ob nach diesem Kriterium hochgradig Debile als Menschen anzusehen sind. sofern diese das ausschlaggebende Kriterium für die Zusprechung des Prädikates Mensch nicht erfüllen. Der Mensch steht nach dieser Auffassung insoweit Gott näher als jedem Tier. wenn „der Mensch“ als Spezies zu unvergleichlichen Kultur. F. (vgl. daß wir etwa im Christentum davon sprechen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 4 Frankfurt School of Finance and Management Artgenossen. so nehmen sie doch ebenfalls an. Wir sind Teil der Natur und die Natur ist Teil von uns. die eine Teilhabe an der göttlichen Vernunft als das eigentlich Menschliche postulieren. Zu dieser Sicht scheinen vor allem zwei Faktoren beizutragen. wie sollen wir Embryonen. einordnen? Selbst dann.2. d. daß bildliche Darstellungen Gottes nur Gleichnischarakter besitzen und Gott nicht körperlich einem Menschen gleicht. daß nur der Mensch über die höheren Vernunftvermögen verfügt. Der Mensch als Vernunftwesen Dem Versuch der scharfen Grenzziehung zwischen Mensch und Tier allein nach dem Kriterium des Vernunftvermögens stellen sich allerdings gravierende Probleme entgegen. heißt dies nicht.und Vernunftleistungen fähig ist. daß der Mensch ein „Ebenbild Gottes“ sei. laufen Gefahr. Wir Menschen sind nur eine Tierspezies mit besonderen Eigenschaften. 1. Wir neigen aber dennoch dazu. Allgemein gefragt. H. die nicht über die höheren Vernunftvermögen verfügen.

das mit dem vieler Tiere nah verwandt. individuelle Geschichte. Teil der biologischen menschlichen Art zu werden. Auch diese können sich prinzipiell unterscheiden. Sie verlaufen für jedes menschliche Individuum in spezifischer Weise. formen unser Können und Wissen ebenso wie unsere Neigungen und Werte. Angeborenheit von menschlichen Motiven Erfahrung. Neben diesen erworbenen handlungsleitenden Faktoren wird der Mensch auch von gewissen angeborenen Neigungen in seinem Verhalten beeinflußt. die ihn von jedem anderen menschlichen Wesen unterscheidet. den Menschen als eine biologische Art zu betrachten – eine Art mit einem Verhaltensinventar. zugleich aber von Besonderheiten gekennzeichnet ist.3. Grundaspekte menschlicher Motivation 1. sondern möglicherweise nach und nach in den meisten oder gar allen relevanten geistigen Belangen überlegen sein werden. nicht nur besser Schach spielen können als die meisten von uns. der es – sieht man von eineiigen Geschwistern ab – wiederum von jedem anderen Individuum seiner „menschlichen Art“ unterscheidet. Denn jeder Mensch durchläuft seine eigene. was bereits eine Tatsache ist. daß Maschinen uns in absehbarer Zeit nicht nur in einigen. 1. Sie werden es möglicherweise bald besser können als alle Menschen. Ungleichheit. Sie werden es allerdings nicht schaffen.1. Sie wird aber gerade nicht an Merkmale anknüpfen. Gleichheit. Maschinen werden vielleicht bessere Dichter und Komponisten sein als wir etc. Eigenschaften von Menschen können in jede der vier nachfolgend aufgelisteten Klassen fallen: . Es könnte sein. Sie werden.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 5 Frankfurt School of Finance and Management Menschen als spezifische Tierart kann dieses Problem vermeiden.3. Lernen. in die die Menschen ihren besonderen Stolz setzen. Und deshalb ist es sicher richtig. Sozialisationsprozesse etc. Denn jedes Individuum besitzt einen je spezifischen Satz von Genen.

Das räumliche Sehen etwa mag in einem strikten Sinne nicht angeboren. Es geht letztlich nicht darum. sein Leben zu erhalten.2. Furcht vor Fremden scheint ihm angeboren zu sein. Ebenso wie jedes Tier hat der Mensch Hunger und Durst.3. Ebenso wie jedes Tier versucht er im allgemeinen. die wir Menschen mit den höheren Tieren teilen. deshalb allein noch nicht schlüssig als angeboren angesehen werden kann. daß es eine für die Motivation des menschlichen Handelns relevante einheitliche menschliche Natur gibt. bilden plausible Kandidaten für ein angeborenes Verhaltensinventar. Er verspürt spontane Regungen der Hilfsbereitschaft. sich zurechtzufinden. daß die Angeborenheit einer Eigenschaft noch nicht besagt. die allen – "normal veranlagten" – Menschen gemeinsam ist. aber auch eine Neigung zur Freundlichkeit gegenüber Kindern zumal dann. Dennoch verfügen nahezu alle Individuen über diese Fähigkeit. Er empfindet Liebe und Haß. was angeboren und was erziehungsmäßig dazu erworben ist. wenn wir in der Vielfalt menschlicher Individualität nach einer gemeinsamen Natur des Menschen fragen. daß auch eine Eigenschaft. Insofern besteht Einigkeit darüber. Kandidaten für angeborene Gemeinsamkeiten aller Menschen? Vor allem jene Eigenschaften und Handlungsneigungen. wenn es sich um seine eigenen oder die seiner Verwandten und engen Freunde handelt. 1. daß sie allen Individuen in gleicher Weise angeboren ist. dann liegt dem eine andere Meinungsverschiedenheit zugrunde. daß oder ob es Gemeinsamkeiten aller . Wenn seit undenklichen Zeiten ein Streit darum geführt wird. sondern zumindest partiell erlernt sein. wie der Mißgunst in sich. verdient angesichts gewisser verbreiteter gegenteiliger Fehlurteile ausdrücklich festgehalten zu werden. Ebenso sollte klar sein. Diese und ähnliche Tatsachen sind kaum jemals bestritten worden.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 6 Frankfurt School of Finance and Management angeboren erworben alle gleich 1 2 alle verschieden 3 4 Tabelle 1 Die an sich triviale Tatsache.

das belebende Prinzip in ihnen allen ist Sympathie. was vermutlich in einer Gesellschaft politisch erreicht werden kann und was nicht. Jede Lust erstirbt. Altruismus und Egoismus 1. sondern darum. die wir erdulden können. Er verkümmert. wenn die Erde freiwillig alles hervorbrächte. Vollständige Einsamkeit ist vielleicht die denkbar größte Strafe. Rachedurst oder sinnliche Begierde. dass die Opfer dieses Experimentes in kurzer Zeit verstarben. wo liegen diese? Von der Beantwortung dieser Frage hängt sehr viel ab. Wenn alle Naturkräfte und Elemente sich verbänden. Der Mensch ist ein soziales Wesen.4. wenn die Sonne auf seinen Befehl auf- und unterginge. sähen wir bei ihnen gänzlich von den Gedanken und Gefühlen anderer ab. das Meer und die Flüsse nach seinem Belieben fluteten. Sympathie Als Friedrich der Staufer herausfinden wollte. Geiz. wenn er nicht Zuwendung anderer erfährt und mit ihnen in direktem Kontakt stehen kann. Neugierde. der sich nicht auf die Gesellschaft bezöge. Gibt es Beschränkungen menschlicher Formbarkeit durch Sozialisationsprozesse oder nicht und wenn ja. wie sehr Menschen von angeborenen Eigenschaften geprägt sind. mit dem er . Welche anderen Affekte auch uns antreiben mögen. Stolz. die Seele. musste er die Erfahrung machen. was ihm nützlich oder angenehm ist.4. wenn sie allein genossen wird. Denn unter anderem wird sich daran entscheiden. in welchem Umfang der menschlichen Lern. und dazu Waisenkinder in einer Weise aufziehen ließ. David Hume sagt dazu in seinem Traktat über die Menschliche Natur: "Wir hegen keinen Wunsch. er würde doch elend sein. die jeden sozialen Kontakt verbot.und Kulturfähigkeit Grenzen durch die menschliche Natur gesetzt sind. um einem Menschen zu dienen und zu gehorchen. Ehrgeiz. 1. und jeder Schmerz wird grausamer und unerträglicher. Die Frage nach der menschlichen Natur bildet einen Prüfstein für Theorien vom guten gesellschaftlichen Zusammenleben und insbesondere der verschiedenen großen Gesellschaftsentwürfe und Utopien vielfältiger Art. Sie alle hätten gar keine Macht.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 7 Frankfurt School of Finance and Management menschlichen Individuen gibt. bis Ihr ihm wenigstens einen Menschen gebt.1.

Sympathie empfinden zu können. ohne daß zugleich alle anderen bis zu einem gewissen Grade dafür empfänglich wären. daß andere seine Gefühle teilen. Mit der Fähigkeit zur Sympathie sind wir von Natur aus versehen. so darf man jedoch bei dieser Grundsatzfeststellung nicht stehenbleiben. er habe eine "soziale Ader". Es handelt sich ebenfalls nicht um jene Neigung.bzw. Sie versetzt uns in die Lage. Jeder möchte zugleich auch. mit anderen zu empfinden. führt allerdings auch zu einer Ähnlichkeit des Empfindens und der Neigungen. keine Neigung. und dessen Wertschätzung und Freundschaft er genießen kann.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 8 Frankfurt School of Finance and Management sein Glück teilen. die Gefühle anderer zu teilen. "{D}ie Geister aller Menschen sind sich hinsichtlich ihrer Gefühle und ihrer {natürlichen inneren} Betätigungsweisen gleichartig. Will man die Natur der menschlichen Gesellschaft richtig verstehen. Jeder Saite teilt sich die Schwingung der jeweils anderen mit. Niemand kann durch eine Gemütsbewegung getrieben werden. (1978) T2. Jeder weiß. ihre Gefühle gleichsam nach. Dazu muß man vielmehr die genauere Wirkungsweise menschlicher Affekte genauer studieren." (Hume. so teilt sich die Bewegung der einen der anderen mit. auf die wir hinweisen. daß das nicht stimmt. 97) Wenn Hume hier von "Sympathie" spricht. von ihnen negativ oder positiv berührt zu werden. D. Sympathie ist in der Humeschen Verwendungsweise des Begriffes auch nicht das gleiche wie Mitgefühl und Mitleid. daß uns andere Menschen grundsätzlich immer "sympathisch" im umgangssprachlichen Sinne sind." (Hume. in gleicher Weise gehen die Gemütsbewegungen leicht von einer Person auf die andere über und erzeugen korrespondierende Bewegungen in allen menschlichen Wesen. (1978) T2. 329) Diese Beziehung ist durchaus symmetrisch. wenn wir von jemandem beispielsweise sagen. mitzufühlen. Sind zwei Saiten gleichgespannt. D. . ist vor allem eine Fähigkeit. Sympathie ist ein Empfindungsvermögen. Die Fähigkeit zur ebenso wie das Bedürfnis nach Sympathie bilden den Kern des sozialen Wesens des Menschen. so sollte man bei diesem Kernbegriff seiner Lehre von der sozialen Natur des Menschen nicht daran denken. Diese beiden Faktoren lassen den Menschen – jenseits aller Interessengemeinsamkeiten – von Natur aus gesellschaftsfähig und gesellschaftsbedürftig werden. Jeder hat das Vermögen.

das Näherliegende dem Fernliegenderen vorzuziehen. (Deshalb ist auch. so folgt auch unsere Gefühlswelt dem Dreiklang nah. wenn sie über und über in Anspruch genommen wird. wie sie etwa in der heutigen Zeit von Fernsehbildern geliefert werden. Die typische Form der Sammlung zielt auf kleine Geldbeträge ab. uns stärker zu beeindrucken. so . daß an einem Abend im Fernsehen aufgrund aktueller Katastrophenmeldungen fünf oder gar zehn Spendenaufrufe ergingen. wenn dieser Effekt nicht einträte. So wie die Welt der Saiten. Wir haben eine natürliche Neigung. Die Sammlung versucht die Spendenneigung durch starke unmittelbare Eindrücke.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 9 Frankfurt School of Finance and Management Das Bild von der mitschwingenden Saite ist hier in verschiedener Hinsicht aufschlußreich. Aber bei genauerer Betrachtung stützt die konkrete Form dieser Hilfsmaßnahmen eher die These von der natürlichen Nahbereichsorientierung unserer sozialen Neigungen. zu unterstützen. Der Schmerz unseres eigenen Kindes berührt uns stärker als der Schmerz eines Nachbarkindes und dieser wiederum mehr als unser Wissen. Die Spendenbereitschaft läßt im allgemeinen rapide nach. der schärfste Gegner nicht etwa eine schlechte. sondern es würden sich Einschaltquoten unterhalb des Theatersenders einstellen. als sie zu widerlegen. "bringen" uns den Grund der Spende künstlich "nahe". Jene. als eine Fernstenliebe. nächster. die jeweils zwei Minuten umfassen würden. näher. Je größer die Entfernung. was die Finanzierung der "guten Sachen" anbelangt. Das zeigt. Und selbst dann. weil sie so darauf hoffen dürfen. mit der sich die Schwingung der einen Saite der anderen mitteilt. daß wir unabhängig von der Größe des zu lindernden Leides im allgemeinen gegenüber Fernstehenden nur zu begrenzten Opfern bereit sind. Selbstverständlich gibt es Phänomene wie das der Sammlung großer Geldbeträge für völlig fernstehende Menschen. daß Kinder in fernen Ländern in unerhörtem Maße leiden. die Spenden sammeln.) Um die letzte Beobachtung zu illustrieren. sondern eine andere "gute Sache". stelle man sich nur einmal vor. Mit einiger Sicherheit gäbe es nicht nur wütende Proteste der Zuschauer. der von der einen auf die andere ausgeht. Die Stärke. ist von der Entfernung zwischen den beiden Saiten abhängig. desto geringer wird der Impuls. Weiterhin beschränkt sich die Neigung zu spontaner Hilfsbereitschaft ohne erwartete Gegenleistung auf vorübergehende oder Ausnahmehandlungen. Die Nächstenliebe im buchstäblichen Sinne ist in der menschlichen Natur weit besser verankert.

das Mitleid jedoch seiner Natur nach immer begrenzt sein wird. der die Konsequenzen der menschlichen Nahbereichsorientierung annähernd vollständig durchdacht hat. muß man "zugeben. wie roheste Barbarei". daß heldenhafte Tugend ebenso ungewöhnlich und daher 'unnatürlich' ist. Organisationswirkungen beschränkter Sympathie und natürlicher Nahbereichsorientierung Die meiste Zeit der irdischen Pilgerfahrt verbrachte der Mensch in kleinen Trupps von Jägern und Sammlern. (Hume. Diese Trupps dürften in aller Regel Kopfstärken von fünfzig bis hundertzwanzig Individuen umfaßt haben. D. Gerade deshalb geht unsere Alltagsmoral auch davon aus. Es ist sein bleibendes Verdienst erkannt zu haben. wobei . Gerade deshalb erachten wir die Fähigkeit zum „Mitleid“ ja auch als eine so wichtige soziale Tugend. daß wir unseren buchstäblich Nächsten gegenüber nicht nur stärkere Gefühle empfinden.4. Hume ist augenscheinlich der erste Denker. 1. (1978) T2.2. daß zwar das Leid ins geradezu unermeßliche steigen kann. Nun scheint es auch hier Ausnahmen zu geben. 217) Mitleid ebenso wie die ihr entgegengesetzte Neigung des Übelwollens sind ihrer Natur nach jedenfalls für die allermeisten von uns begrenzt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 10 Frankfurt School of Finance and Management würde doch in jedem Falle die Spendenneigung sich auf die zehn „guten“ Anliegen verteilen und gewiß im Gesamtaufkommen geringer sein als die Spende für eine einzige gute Sache. daß man mühelos an jedem Abend zwanzig Aufrufe zur Hilfe ergehen lassen könnte. Aber wir bereits David Hume wußte. Wir kennen Helden der Barmherzigkeit. daß diese an sich triviale und auf der Hand liegende Tatsache weit reichende und grundsätzliche Folgen für alle Fragen der sozialen Organisation hat. Die Erfahrung aller Völker und aller Zeiten untermauert dies. Denn die Geschichte der Menschheit ist zu allererst ein Geschichte menschlichen Leids. Es gibt Heilige und Heroen des moralischen Alltags. Gleichwohl ist unsere Welt so beschaffen. die sämtlich zu Recht an unsere Hilfsbereitschaft appellieren könnten (200 oder 2000 wären ebenfalls plausible Zahlen). Zugleich wissen wir sehr wohl. sondern ihnen gegenüber auch stärkere Pflichten besitzen.

Dies ist die Sozialumwelt. daß wir unsere innere Stimme überwinden können. wie Freud es nannte. Niemals schweigend wird sie uns schließlich doch auf ihre Seite bringen. die uns die Großgesellschaft typischerweise nicht zu bieten vermag. Wir verspüren ein Flüstern in uns. Spontane Organisationsformen. ein 'heimlich Sehnen' nach dieser Art der Existenz. werden dies doch nicht alle Individuen immer tun können. an die wir wie unsere weniger arrivierten Brüder und Schwestern aus dem Primatenreich adaptiert sind. wenn diese uns Forderungen zumutet. warum sich Menschen in kleinen Gruppen anders verhalten als in großen. geben wenig Anlaß zu der Hoffnung. Der von der Horde geteilten Emotion gilt die Sehnsucht des alten Adams in uns und leider macht auch Eva hier keine rühmliche Ausnahme. die von gemeinsamen Zielen und Idealen getragen wird. Die Faszination des Massenaufmarsches.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 11 Frankfurt School of Finance and Management der wahrscheinlichste und häufigste Wert vermutlich eher in der Nähe von fünfzig Individuen gelegen haben dürfte. in denen wir uns bewegen. Der Traum vom herrschaftsfreien Zusammenleben ist aufgrund der begrenzten menschlichen Sympathie nur in Kleingruppenkontexten möglich. werden in diesen Gruppen möglich. wie wir es in der kleinen taten. Sie machen keinen hinreichend lebhaften Eindruck auf uns. an dem wir uns beteiligen. Auch wenn sie im Lärm der Kultur nur flüstern mag. sie tut es stetig und immer. Ein. "Unbehagen an der Kultur" erfaßt uns. Werden die Gruppen.und Regeldurchsetzung spezialisierter Instanzen verzichten. die auf die Einrichtung eigener auf Norm. auf die wir genetisch nicht vorbereitet sind. dann neigen wir dazu. Die natürliche Nahbereichsorientierung ist der Grund. Selbst unsere anomal großen Gehirne samt unserer anomal ausgeprägten Lernfähigkeit. die Interessen anderer Menschen systematisch zu vernachlässigen. Selbst wenn einige Individuen sie immer und alle Individuen sie manchmal überhören. weil er uns eine Erfahrung vermittelt. um unserer natürlichen Voreingenommenheit für uns selbst wenigstens ein gewisses Gegengewicht entgegensetzen und unsere Sympathie in Bewegung setzen zu können. wirkt auf uns. zu groß. Wir möchten in einer Gruppe leben. . Wir wollen in der großen Gesellschaft so leben.

den alten Adam in uns zu besiegen und uns durch gemeinsame Anstrengungen dahin bringen. nicht die Fernsten-. Könnte es deshalb nicht dennoch sein. daß wir durch intensive Sozialisation. daß Gruppen nicht über den Kreis der natürlichen Wirkung unserer Sympathie ausgedehnt werden. da wir stets damit rechnen müssen." (Hume. Jeder wird einen Vorwand suchen. jeweils von uns aus und ohne Zwang moralisch angemessen die Interessen anderer zu berücksichtigen? . daß tausend Personen in solcher Weise zu einer Handlung sich vereinigen . ja unmöglich. den neuen Menschen schaffen? Könnten wir nicht die Hoffnung hegen. Das menschliche Maß ist dabei jenes. so bedeutet dies die Vereitelung des ganzen Unternehmens. sich selbst der Nächste? Vielleicht ist allerdings diese Bevorzugung der eigenen und der Interessen Nahestehender gar nicht Folge der menschlichen Natur. D. um sich von der Mühe und den Kosten zu befreien und die ganze Last den anderen aufzuhalsen. Jenseits dieses menschlichen Maßes müssen wir hingegen mit mehr Rücksichtslosigkeit gegenüber den Interessen anderer rechnen. die bereits im frühkindlichen Alter einsetzt. Und ist nicht jeder. die ihnen gehört. (1978) T2. das der natürlichen Nahbereichsorientierung des Menschen dadurch Rechnung trägt. wenn er seinen Teil der Arbeit ungetan läßt. 288) Nicht das Gemeinwohl. nicht das Wohl aller. sondern in einem sehr wörtlichen Sinne die Nächstenliebe treibt uns an. Für diese ist es leicht.. Und selbst angeborene Neigungen kann man durch Sozialisations. In der kleinen dauerhaften Gruppe sind unsere freundlichen Neigungen im allgemeinen stärker. kein hinreichender Grund auf ihre Angeborenheit zu schließen.und Trainingsprozesse kontrollieren und verändern. daß andere uns die guten wie die schlechten Taten zurechnen und vergelten werden. um eine Wiese zu entwässern. Dagegen ist es sehr schwer. Zugleich eilt ihnen auch noch unser Eigeninteresse zu Hilfe. In einer berühmten Passage des Traktates über die menschliche Natur sagt Hume dazu: "{E}s können wohl zwei Nachbarn sich vereinigen. sondern vielmehr Ausfluß einer in allen bislang bekannten Kulturen gleichermaßen fehlgeleiteten Erziehung? Die Gleichheit einer Neigung ist ja..Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 12 Frankfurt School of Finance and Management "Small is beautiful". wie zuvor festgestellt wurde. weil beides sowohl die Sympathie als auch unser Interesse nur ein schwache Wirksamkeit entfalten. sich wechselseitig zu kennen und jeder sieht unmittelbar. Die Organisation in kleinen Gruppen ist menschengemäßer als die in großen Gruppen. sie wir zu sagen pflegen.

Vom Standpunkt der Biologie aus läßt sich nämlich heute einiges zur Untermauerung jener von Hume bereits festgestellten.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 13 Frankfurt School of Finance and Management Wir müssen hier auf bestimmte Erkenntnisse der Biologie. Gegen diesen breiten Strom öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Es schien für viele Theoretiker ausgeschlossen. Die andere die von Peter Kropotkin. erhoben sich schon früh warnende Stimmen. Es wurde nämlich aus der Lehre vom Überleben des Tauglichsten ebenso wie aus der Lehre vom Kampf ums Dasein. Altruismus konnte nur als reziprokes Verhalten und damit als eine Art indirekter Egoismus auftreten. eine Lehre von der Überlegenheit des Egoismus. daß Individuen ganz offenkundig manchmal und auch dann. daß etwas anderes als schrankenloser Egoismus Ergebnis der biologischen Evolution sein könnte. Hilfe gab es nur deswegen. 1. Die eine ist die von Darwin selbst.5. weil sie den Egoismus jedes der Beteiligten förderte. Sie sollte sogleich zusammenbrechen. Opfer zugunsten . Jede Art der nicht-interessenbasierten wechselseitigen Hilfe mußte als ausgeslossen erscheinen. Der Kampf aller gegen alle erschien als die einzige naturgemäße Lebensform. was scharfsichtige Sozialdarwinisten wie William Graham Sumner und Albert Galloway Keller "antagonistische Kooperation" nannten. Zwei von Ihnen besitzen besonderes Gewicht. die Darwin selbst mit den notwendigen Einschränkungen versehen hatte. Zur Biologie des (menschlichen) Altruismus 1. zurückgreifen. die in einer philosophischen Anthropologie nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Neo-Darwinismus in der Sozialtheorie Als der Darwinismus seinen Siegeszug in den Sozialwissenschaften des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts begann. Beide.5. wurden zunächst völlig übereilte Folgerungen aus der Theorie Darwins gezogen. der große Biologe ebenso wie der bedeutende Anarchist wiesen darauf hin. wenn dies nicht ihren eigenen langfristigen Interessen dient. jedoch zu seiner Zeit nicht weiter erklärbaren Phänomene der Nahbereichsorientierung der menschlichen Sozialnatur anführen. Gegenseitige Hilfe konnte nur Ausfluß dessen sein. in ihrer durchschlagenden Bedeutung bereits erkannten. wenn der betreffende Interessengrund für die beteiligten Individuen in Fortfall geriet.1.

. der die Abhängigkeit der Wesen voneinander. Die Mistel ist vom Apfelbaum und einigen anderen Baumarten abhängig. eine Pflanze kämpfe am Rande der Wüste mit der Dürre ums Dasein. sie kämpfe mit diesen Bäumen. aber es kann von ihr nur in gewissem Sinne gesagt werden. Der Kampf ums Dasein ist die notwendige Folge des stark entwickelten Strebens der Lebewesen. aber man kann auch sagen. daß zwei hundeartige Raubtiere in Zeiten des Mangels um Nahrung und Dasein miteinander kämpfen. daß ein am Phänotypus ansetzender Sozialdarwinismus nicht gelten kann. Lassen wir deshalb diesen beiden Denkern Genugtuung widerfahren und erteilen wir ihnen selbst das Wort. Darwin analysiert in seinem Hauptwerk über die Entstehung der Arten. die jährlich tausende von Samenkörnern erzeugt. Dennoch verhallte seine Stimme wie die Darwins zunächst ziemlich ungehört. und man könnte bildlich sagen. Kropotkin schrieb ein ganzes Buch mit dem Titel "Gegenseitige Hilfe in der Tier. die bereits den Boden bedecken. mit einschließt. "Es sei vorausgeschickt. Wenn aber mehrere Mistelsämlinge auf demselben Ast beisammen wachsen. das während seiner natürlichen Lebensdauer mehrere Eier oder Samen hervorbringt. die Herausbildung der einzelnen Tierarten in einem Prozeß schrittweiser Evolution in einem Kampf ums Dasein. die ineinander übergehen.und Menschenwelt" (Kropotkin. und was noch wichtiger ist: nicht nur das Leben des Individuums. um die Vögel zu verleiten. (1908/1975)). sie kämpfe ums Dasein mit jenen Pflanzen ihrer oder anderer Art. lieber ihre Samen zu fressen und zu verstreuen. denn wenn zu viele dieser Schmarotzer auf demselben Baume wachsen. obwohl man das ebensogut so ausdrücken könnte: sie hängt von der Feuchtigkeit ab. P.. sich zu vermehren. von denen aber im Durchschnitt nur eines zur Entwicklung kommt. so hängt ihr Dasein von diesen ab. In diesen verschiedenen Bedeutungen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 14 Frankfurt School of Finance and Management anderer Individuen erbringen. muß in einer gewissen Zeit . sondern auch seine Fähigkeit. Von einer Pflanze. Mit Recht kann man sagen. Da der Samen der Mistel durch Vögel verbreitet wird. Das von ihm zusamengetragene Indizienmaterial dafür. so verdorrt er und geht ein. läßt sich mit noch viel größerem Recht sagen. ist einfach erdrückend. gebrauche ich der Bequemlichkeit halber die allgemeine Bezeichnung 'Kampf ums Dasein' . so kann man schon mit mehr Grund sagen: sie kämpfen miteinander. die Misteln kämpften mit anderen fruchttragenden Pflanzen. Jedes Wesen. daß ich die Bezeichnung 'Kampf ums Dasein' in einem weiten metaphorischen Sinne gebrauche. Nachkommen zu hinterlassen.

und Pflanzenreich angewendet. müssen alte aussterben. weil sie fast dieselbe Struktur..... so folgt daraus. {W}enn neue Formen entstehen. C. daß in demselben Maße. Formen. weil sonst seine Zahl nach dem Prinzip der geometrischen Vermehrung so groß werden würde. falls wir nicht annehmen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 15 Frankfurt School of Finance and Management seines Lebens oder in einer bestimmten Jahreszeit vernichtet werden. entweder zwischen Individuen derselben oder verschiedener Arten oder zwischen Individuen und äußeren Lebensbedingungen. (1859/1976). die.. daß kein Land das Erzeugte zu ernähren imstande wäre. und wir haben . C. Da also mehr Individuen ins Leben treten als bestehen können. denn in unserem Falle ist keine Vermehrung der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Eheenthaltung möglich. Aus diesen Betrachtungen scheint mir deutlich hervorzugehen..) "Wenn infolge der geometrischen Vermehrung aller organischen Wesen ein Gebiet bereits voll besetzt ist. daß es die nächstverwandten Formen sind (Varietäten derselben Art. Jede neue Varietät oder Art wird demnach während ihrer vorschreitenden Bildung am härtesten ihre nächsten Verwandten bedrücken und zu verdrängen suchen. Obwohl sich einige Arten mehr oder minder rasch vermehren: alle können es nicht tun. dieselben Bedürfnisse und Gewohnheiten haben. so muß auf jeden Fall ein Kampf ums Dasein stattfinden. erfahren. gewöhnlich am heftigsten miteinander konkurrieren. daß die Zahl spezifischer Formen sich bis ins Unendliche vermehren kann . Das ist die Lehre von Malthus mit verstärkter Kraft auf das ganze Tier. sowie Arten derselben oder einer verwandten Gattung). die minder begünstigten seltener werden müssen . werden natürlich am meisten leiden. wie im Laufe der Zeit neue Arten durch natürliche Zuchtwahl entstehen. R. weil sonst die Erde sie nicht fassen könnte. und wenn unter ihnen infolge ihrer geometrischen Zunahme an Zahl in irgendeinem Alter oder zu irgendeiner Jahreszeit ein harter Kampf ums Dasein stattfindet (was . (1859/1976) 101 ff. wie die begünstigten Formen zunehmen.) Die Zusammenfassung des Kapitels "Natürliche Zuchtwahl oder das Überleben des Tauglichsten" beginnt Darwin dann mit den Worten: "Wenn die Lebewesen unter wechselnden Lebensbedingungen in fast allen ihren Teilen individuelle Unterschiede aufweisen (was nicht bestritten werden kann). daß in demselben Maße. andere seltener werden und schließlich aussterben. R." (Darwin.157 f." (Darwin. die mit den abgeänderten und verbesserten in engem Wettbewerb stehen.

Zunächst muß man feststellen.. um das dritte Individuum leer ausgehen zu lassen. 184) Diese Überlegungen Darwins legen die Vermutung nahe. Wenn je zwei stets stärker sind als einer allein. bei dem der eine nur bekommen kann. daß der schärfste Konkurrent stets unser "Nächster" ist und zwar in einem räumlichen wie in einem verwandtschaftlichen Sinne. um einen Dritten auszubeuten oder auszuschalten. Zufall. dann sollte sich in dieser typischen Nullsummensituation mindestens eine der drei Gruppen von zwei Individuen bilden. wenn niemals Veränderungen vorkämen.. Es führt zur Verbesserung eines jeden Geschöpfes gegenüber seinen organischen und anorganischen Lebensbedingungen und so in den meisten Fällen zu einem "Fortschritt in der Organisation". Eine voll besetzte Welt erscheint als ein sogenanntes Nullsummenspiel. sich zusammenzuschließen. scheint dadurch seine Tauglichkeit zu senken. die jedem dieser Lebewesen nützen. Ein Kuchen. R. nützlich sind.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 16 Frankfurt School of Finance and Management gleichfalls nicht bestritten werden kann). der zwischen A und B aufgeteilt wird. Der Organismus. ähnlich charakterisierte Nachkommen hervorzubringen. Wenn A ein Stück mehr bekommt. der nicht in seinem eigenen Interesse handelt. Aus der Evolutionstheorie scheint zu folgen. Man nehme etwa an. (Darwin. Sie arbeiten also aus egoistischen Gründen zusammen. daß es sich natürlich für zwei Partner einer Koalition lohnen kann.. sowohl unter sich wie zu ihren Lebensbedingungen . was dem anderen genommen wird. dann muss B eines weniger erhalten und umgekehrt. daß drei Individuen einen Kuchen untereinander aufteilen sollen. C. Dieses Prinzip der Erhaltung oder des Überlebens des Tauglichsten nannte ich natürliche Zuchtwahl.. . Es gibt keine Möglichkeit. so werden sicher die damit beglückten Individuen am ehesten im Kampf ums Dasein erhalten bleiben. daß alle biologischen Organismen von Natur schrankenlos egoistisch sein müssen. kann als Beispiel zur Veranschaulichung dienen. (1859/1976). Bei näherer Betrachtung ist diese These allerdings alles andere als zwingend. die für das Gedeihen dieser Wesen . so wäre es in Anbetracht der verwickelten Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen. und nach dem Prinzip der Vererbung werden sie die Neigung haben.. durch Kooperation den Kuchen zu vergrößern. Für die beiden lohnt es sich aus egoistischen Gründen.Wenn nun Veränderungen auftreten.. zusammenzuarbeiten.

" (Kropotkin. sie halten sich ihr Vieh . Insbesondere Peter Kropotkin hat hierfür Indizien in seinem zuvor bereits erwähnten Werk "Gegenseitige Hilfe in der Tier und Menschenwelt" zusammengetragen. den Darwin selbst bevorzugt und der insbesondere die Fähigkeit. Zunächst unterscheidet Kropotkin zwischen einem Kampf ums Dasein im engeren Sinne "eines Kampfes zwischen verschiedenen Individuen um die bloßen Existenzmittel" (Kropotkin. dass Egoismus keineswegs notwendig dazu führt. nicht nur in Laboratorien und Museen. (1908/1975).und vermeiden so die Konkurrenz. sie stapeln ihre Vorräte auf.) und dem Kampf ums Dasein in dem weiten oder metaphorischen Sinne. hält Kropotkin entgegen: "Sobald wir die Tiere zu unserem Studium machen. Geselligkeit ist ebenso ein Naturgesetz wie gegenseitiger Kampf. Ein Mittel der Konkurrenz ist die Kooperation. Nahrung mit anderen Individuen. Einige Kostproben müssen an dieser Stelle ausreichen. ja vielleicht noch mehr. die den Begriff nur im ersten Sinne verwenden. die in einem grundsätzlicheren Sinne von jenen abweichen. 5) Kropotkin beschreibt dann ausführlich solche Phänomene wie die wechselseitige Hilfe unter Ameisen. auf denen sich die Konkurrenz möglichst vermeiden läßt. P. die zu derselben Art oder wenigstens zur selbsen Gesellschaft gehören.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 17 Frankfurt School of Finance and Management Das bedeutet. Nachkommen zu hinterlassen mit einschließt.1 f. und die natürliche Auslese wählt aus der Familie der Ameisen die Arten aus. Er stellt schließlich fest "In dem großen Kampf ums Dasein . Den Vulgärdarwinisten. . Die Ameisen vereinigen sich in Haufen und Völkern. die es am besten verstehen.. P. daß trotz ungeheurer Vernichtungskriege zwischen verschiedenen Arten und besonders zwischen den verschiedenen Klassen der Tiere. zu teilen. die zur gleichen Kolonie gehören. Reale Individuen zeigen allerdings Verhaltensweisen. sondern in Wäldern und Prärien. gegenseitige Unterstützung. sucht die natürliche Auslese fortwährend ausdrücklich die Wege aus. 67). zugleich in ebenso hohem Maße. (1908/1975).. in den Steppen und im Gebirge. (1908/1975)." (Kropotkin. gegenseitige Hilfe und gegenseitige Verteidigung unter Tieren. zu finden ist. die Konkurrenz mit ihren unabwendbar verderblichen Folgen zu vermeiden. bemerken wir sofort. dass Individuen sich „unkooperativ“ verhalten. die man unter Egoisten erwarten müßte. Diese sind jederzeit dazu bereit. P.

Die Theoretiker. während der individuenbezogene Egoismus demgegenüber als Erklärungsfaktor in den Hintergrund trat.. Ihr Auftreten beim Menschen erschien als eine Anomalie. beim geringsten Kraftaufwand. daß diejenigen Tiere. so können wir ruhig sagen. die ebenfalls das Verhältnis von Altruismus und Egoismus in der Tierwelt zum Gegenstand hatten. die einander unterstützen'.. zweifellos die Passendsten sind. die fortwährend miteinander Krieg führen. in Betracht ziehen. die die Erhaltung und Weiterentwicklung der Arten. jene aber als Entwicklungsfaktor höchstwahrscheinlich eine weit größere Bedeutung hat. Richard Dawkins. daß der Altruismus zugunsten der eigenen Art im Tierreich überwiegt. Damit wurde Altruismus zugunsten der Gruppe zum bestimmenden Moment tierlicher Verhaltensweisen erhoben. Ein moderner Evolutionsbiologe. daß etwa die Tötung von Artgenossen im Tierreich niemals vorkäme. die gemeinsam handelten und der Mensch war von Natur aus ebenso veranlagt. zusammen mit dem größten Wohlstand und Lebensgenuß für den Einzelnen. womit diese Ansicht gestützt werden könnte." (Kropotkin. insofern sie die Entfaltung solcher Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten begünstigt. Für diese Anomalie sollte – jedenfalls nach einigen Theorien – nicht die menschliche Natur verantwortlich zeichnen. Frühere berühmte Werke. oder sie. Die Tierwelt bestand aus Gruppen von sich wechselseitig helfenden Individuen. die Gewohnheiten gegenseitiger Hilfe annehmen. so sehen wir sofort. sondern fehlgeleitete kulturelle Prozesse. Das Pendel schlug völlig in die Gegenrichtung aus. kommentiert er so: "Abgesehen von seinem akademischen Interesse liegt die Bedeutung dieses Gegenstandes für den Menschen auf der . R. hat sein populärwissenschaftliches und doch seriöses Buch Das egoistische Gen eben der Biologie von "Egoismus und Altruismus" gewidmet Dawkins. . daß gegenseitige Hilfe ebenso ein Gesetz in der Tierwelt ist als gegenseitiger Kampf. (1978). 5) Dieser Gedankengang entwickelte sich in der Folge zu dem eines Artinteresses. Wenn wir die zahllosen Tatsachen. Man meinte. Das Gemeinwohl der Gruppe erschien als ausschlaggebend und die natürliche Zuchtwahl sollte wesentlich auf der Ebene der Gruppe ansetzen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 18 Frankfurt School of Finance and Management "{W}enn wir uns und die Natur fragen: 'Wer sind die Passendsten: sie. (1908/1975). gingen überwiegend davon aus. sichern. die nach den frühen Darwinisten die Biologie von "Egoismus und Altruismus" untersuchten. P.

Rindviehzüchter wünschen. and D. S. die an die relative Überlegenheit vererbbarer Eigenschaften von Individuen anknüpft. die einiges von der Sicht der auf Gruppenselektion abzielenden Traditionalisten mit modernen Mitteln zu retten sucht. den eigenen Vorteil opfernden Verhalten sein? (Eine andere Darstellung. mit sehr starken Problemen zu kämpfen hatte. Ardreys The Social Contract und Eibl- Eibesfeldts Liebe und Haß hätte stellen können. Sie irrten sich." (Dawkins.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 19 Frankfurt School of Finance and Management Hand.). weil sie nicht richtig verstanden haben. Wilson (1998)) Die Auflösung dieses scheinbaren Widerspruchs ergibt sich aus einer Argumentation. daß ich nicht daran zweifle.. den man ebenso für Lorenz' Buch Das sogenannte Böse. wie die Evolution funktioniert. Dies ist ein Anspruch. daß ihre Autoren ganz und gar falsch lagen. daß das Individuum durchaus nicht immer egoistisch handelt? Wie sollte dieser Sachverhalt zu erklären sein. Die Schwierigkeit bei diesen Büchern ist nur.fortpflanzungsunfähiger -. Denn wie sollte es etwa auf dem Vererbungswege zur Ausbildung steriler -. R. Gebens und Nehmens. unserer Habgier und unserer Freigebigkeit. Kämpfens und Zusammenarbeitens. aber der Züchter wendet sich wieder vertrauensvoll zu derselben Familie und sieht sich nicht enttäuscht. daß eine Rinderrasse. daß seine ursprüngliche Theorie der allmählichen Entwicklung. wahrscheinlich durch . wenn die Selektion des Tauglichsten wirklich nur am Individuum anknüpft? Müßte dann nicht das egoistische Handeln immer ein Vorteil gegenüber dem altruistischen. Sie gingen von der irrigen Annahme aus. (1978). die Darwin selbst bereits andeutet. daß die Zuchtwahl sowohl bei der Familie wie beim Individuum hervortritt und also zu dem gewünschten Ziel führen kann.. Ich setze so großes Vertrauen in die Zuchtwahl. ein derartiges Tier wird geschlachtet. mag man hier fragen. unseres Liebens und Hassens. Er berührt jeden Aspekt unseres sozialen Lebens. das Wesentliche bei der Evolution sei der Vorteil für die Art (oder die Gruppe) und nicht der Vorteil für das Individuum (. 2) Wie das. haben wir nicht zuvor gesehen. findet sich etwa in Sober. E. die stets langhörnige Ochsen liefert. wenn wir bedenken. Denn Darwin war sich im Gegensatz zu vielen seiner unmittelbaren Nachfolger sehr wohl bewußt.Kasten im Insektenreich kommen können? Dazu bemerkt Darwin: "Diese scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit wird meines Erachtens vermindert oder ganz beseitigt. daß das Fleisch vom Fett gut durchwachsen sei.

Dabei können Erfolg und Mißerfolg sehr wohl von der Verbreitung anderer Gene abhängen. wenn sich der Durchschnitt hebt. R. Grob gesprochen nimmt die Verbreitung aller Anlagen zu. Diese Theorie ist in ihrem Kern sehr einfach. Deshalb konnte er die von ihm bereits erahnte und im Grundzug entworfene Theorie der heute so genannten "Verwandtschafts.. weil er noch keine Vorstellung davon hatte. C.) Darwin konnte an dieser Stelle seines Argumentes nicht weiter fortschreiten. die.oder Sippenselektion" (kin selection) nicht weiterentwickeln.etwas untechnisch gesprochen -. Sie besagt. Zugleich ist der Prozeß der Selektion so etwas wie ein Hürdenrennen mit Hürden. Die Gene "kämpfen" miteinander um einen möglichst großen Anteil an Trägern der betreffenden Anlage in einer Population. . etc.. Ochsen mit den längsten Hörnern ergeben. und doch überträgt kein Ochse selbst seine Eigenschaften. Chromosomen. Er wußte nichts über genetische Anlagen. Die Träger.) . Organismen oder Phänotypen sind nichts anderes als Überlebens. die immer dann steigen.Gen ansetzt. auf denen sich diese befinden. unfruchtbare Mitglieder mit denselben Modifikationen hervorzubringen. miteinander gepaart. infolgedessen gediehen die fruchtbaren Weibchen und übertrugen auf ihre fruchtbaren Nachkommen die Neigung.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 20 Frankfurt School of Finance and Management sorgfältige Auswahl solcher Bullen und Kühe gezüchtet werden könnte. in der jeweils nächsten Generation im Genpool geringer vertreten sein werden. so daß die Zunahme und Abnahme nicht notwendig zu einer vollständigen Homogenität der Anlagen führt. daß sich geringe Änderungen des Körperbaus oder Instinkts in Korrelation mit der sterilen Beschaffenheit gewisser Mitglieder der Gemeinschaft als vorteilhaft herausgestellt haben. die zu Individuen mit einer unterdurchschnittlichen Nachkommenschaft führen. So hat auch bei den geselligen Instinkten die natürliche Zuchtwahl auf die Familie und nicht auf das Individuum zur Erreichung eines nützlichen Zieles eingewirkt. 375 f. die ihren Trägern zu einer überdurchschnittlichen Anzahl von Nachkommen verhelfen. daß die Evolution beim -. (Genetische Variabilität kann damit evolutionär stabil sein.und Verbrei- tungsmaschinen der Gene. Wir können also schließen." (Darwin. (1859/1976). wie der Erbvorgang und mittels welcher Träger er vonstatten ging. während alle Anlagen. Die Verbreitung von Genen im Genpool einer Fortpflanzungsgemeinschaft ist ausschlaggebendes Kriterium der Evolution.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 21 Frankfurt School of Finance and Management

Ein Gen kann nun seine eigene Verbreitung bildlich gesprochen dadurch
fördern, daß es Individuen dazu veranlaßt, anderen Individuen, die das gleiche
Gen tragen, zu helfen. Die Gesamttauglichkeit der betreffenden Anlage kann
dadurch gesteigert werden. Voraussetzung ist, daß in der Münze der
Nachkommenschaft gerechnet, die Einbuße an „voraussichtlichen“
Nachkommen, die der Hilfeleistende hinnehmen muß, geringer ist als der
Gewinn für den Hilfsempfänger. Wann immer dies der Fall ist, sollten sich
Gene, die entweder selbst wechselseitige Hilfe induzieren oder aber mit solchen
Genen eine Koalition eingehen (ein Team bilden) gegenüber Konkurrenten, die
dies nicht tun, durchsetzen können.

Die wechselseitige Hilfe lohnt sich, falls gilt:

Opfer an eigenen Nachkommen < (Gewinn an Nachkommen des
Hilfeempfängers) x (Wahrscheinlichkeit gleicher genetischer Anlagen).

"Unter Brüdern" etwa sollte mit einem Opfer an eigenen direkten Nachkommen
von, z.B. 1, und einem potentiellen Gewinn an erwarteten direkten
Nachkommen des Hilfe-Empfängers von, z.B. 6, ergeben, dass sich die
wechselseitige Hilfe lohnt

1 < (5) x (1/2).

Wenn immer dies der Fall ist, macht sich die Hilfeleistung unter Phänotypen im
statistischen Mittel für die Gene durch eine größere Verbreitung der
betreffenden Anlagen (einschließlich der zur Hilfeleistung selbst) bezahlt. Da
die Wahrscheinlichkeit für eine Gleichartigkeit der Anlagen vom Grad der
Verwandtschaft abhängt, sollte die Intensität der Hilfeleistung der
verwandtschaftlichen Stufung folgen. In genau diesen Zusammenhang gehört
das vielzitierte Wort des großen Biologen Haldane, der einmal feststellte, daß
man sich für mindestens zwei Geschwister, vier Nichten oder Neffen, acht
Cousins und Cousinen etc. aufopfern solle.

Die vorangehende Diskussion lässt den genetischen Mechanismus erkennbar
werden, der in der ganzen Natur zu einer Verankerung des Prinzips nah, näher,
nächster führt. Darwin und Kropotkin hatten beide Recht und ebenso natürlich
Hume. Die „Stimme der Natur“ sagt nach dieser Sicht der Dinge, daß wir unsere

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 22 Frankfurt School of Finance and Management

Nächsten nicht wie uns selbst, sondern nach Verwandtschaftsgrad gestuft lieben
sollten.

Allerdings müssen, damit der aufgezeigte biologische Mechanismus wirken
kann, die Phänotypen in irgendeiner Form erkennen können, welche anderen
Phänotypen ebenfalls Träger der betreffenden Anlage sind. Denn sonst könnten
sie ihre Hilfsleistung nicht auf jene Individuen beschränken, die die gleichen
Anlagen haben, sondern die zur Hilfe anhaltenden Gene würden durch Hilfe
gerade ihre Konkurrenten stützen. Sie würden Konkurrenten einen relativen
Vorteil verschaffen, indem sie sich selbst weniger und diese dafür stärker
tauglich machen würden.

Die einfachste Möglichkeit wäre hier ein phänotypisches unveränderliches
Merkmal. Dies könnte jedoch leicht durch die im Tierreich bestehende
Möglichkeit des Mimikry unterlaufen werden. Sobald ein wie ein Hilfeleistender
aussehender Phänotypus aufträte, der nur Hilfe in Anspruch nähme, ohne sie zu
leisten, würde dieser "falsche fuffziger" die betreffende Anlage austreiben (so
wie das schlechte, gefälschte Geld das gute verdrängt). Hätten die
Hilfeleistenden beispielsweise einen "grünen Bart", so würden sie sich
wechselseitig als Hilfeleister erkennen und ihre Unterstützung auf andere Träger
grüner Bärte konzentrieren können. Aber es würde in der Regel eine Variante
auftreten, die zwar einen grünen Bart hat, doch nicht hilft. Diese würde die
anderen Träger grüner Bärte verdrängen.

Die Natur scheint daher im allgemeinen eine andere Strategie zu verfolgen.
Tiere mit einer ausgeprägten Neigung zu gegenseitiger Hilfe scheinen grund-
sätzlich in Verwandtschaftsgruppen zusammenzuleben. Der Ausschluß der nicht
verwandten Individuen erfolgt einfach durch eine räumliche Segregation oder
durch eine Parzellierung der sozialen Interaktion in Gruppen dauerhaft
zusammenwirkender Individuen.

Diese Gruppen müssen nicht zwangsläufig klein an Kopfzahl sein. Insekten
etwa bilden große Staaten. Das gelingt aber gerade deshalb, weil eine einzelne
Insektenkönigin eine Unzahl von direkten Nachkommen haben kann, die
sämtlich relativ nah miteinander verwandt sind. Die Erbgänge sind verschieden.
Sie reichen von der Vermischung von Samen von zehn bis zwanzig Männchen
durch eine Königin, die dadurch Halbgeschwister erzeugt, bis zu

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 23 Frankfurt School of Finance and Management

verwandtschaftssteigernden Bedingungen wie der eines haploiden
Chromosomensatzes für den Phänotypus, wodurch Verwandtschaften >1/2
erreicht werden. Für Fortpflanzungsverhältnisse, wie sie für die menschliche Art
vorherrschen, ist die Anzahl der Geschwister einer Generation notwendig sehr
beschränkt. Deshalb kann ein hoher homogener Verwandtschaftsgrad in der
Gruppe nur erreicht werden, wenn die Gruppe klein bleibt und möglicherweise
intern nochmals eine Verwandtschaftsstruktur aufweist. In dieser kleinen
Gruppe von verwandten Individuen wird es so sein, daß die Häufigkeit der
Interaktion ein zuverlässiger Indikator für verwandtschaftliche Nähe ist. Wir
lernen, wer unsere Nächsten sind. Dies ist durch "Mimikry" unter natürlichen
Bedingungen nicht zu unterlaufen. Denn die Häufigkeit der Interaktion kann
man nicht vortäuschen.

Werden allerdings Kleinkinder gemeinsam aufgezogen, die nicht miteinander
verwandt sind, so scheint tatsächlich ein sehr tiefliegender Mechanismus in
ihnen dazu zu führen, daß sie sich wechselseitig als Verwandte betrachten. Das
kann man empirisch eindrucksvoll an der Tatsache studieren, daß Mitglieder
israelischer Kibbuze, die ihre Kinder gemeinsam aufzogen, keinen Erfolg darin
hatten, diese dazu zu bringen, untereinander zu heiraten. Eine genetische
Disposition, zu lernen, wer als "zu nahe" verwandtes Individuum als
Geschlechtspartner nicht in Frage kommt, scheint hier eine ausschlaggebende
Rolle gespielt zu haben.

Das Beispiel der Kibbuze darf als Indiz dafür gelten, dass die Mechanismen der
Verwandtschaftsselektion auch in der menschlichen Art wirken. Insgesamt wäre
zu diesen und ergänzenden Mechanismen weit mehr zu sagen. Die
Bemerkungen machen jedoch in jedem Falle einen Grund für die familiäre
Kleingruppenorganisation der menschlichen Gesellschaften namhaft. Überdies
könnte es sein, daß wir mit unserer über das ganze Leben anhaltenden
Lernfähigkeit einen Prägemechanismus aus unserer Jäger-Sammler-
Vergangenheit besitzen, der uns auch später aus dauerndem Kontakt auf
Verwandtschaft schließen läßt. Das läßt sich jedoch nicht handfest belegen. Wir
Menschen könnten eine genetische Anlage haben, zu lernen, wer unsere
Nächsten sind. Solange die stabilen Gruppen unserer ursprünglichen Jäger-
Sammler-Adaptation vorherrschten, mußte dieser Indikator für Verwandtschaft
recht zuverlässig wirken. Nachdem die Verhältnisse der ursprünglichen Jäger-

und Fernbereich enthalten muss. die für ein biologisches Wesen plausibel Geltung beansprucht. dass jede Theorie altruistischer Neigungen. so ich Dir!". Der entscheidende flankierende Mechanismus. ist unklar. Zum möglicherweise neigungsmäßig verankerten Nahbereichsaltruismus tritt auch . das wir de facto beobachten. Diese natürliche Neigung lässt sich durch "künstliche" Vorkehrungen des sozialen Lebens womöglich irreführen.2. Das Ausmaß der Zusammenarbeit.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 24 Frankfurt School of Finance and Management Sammler Adaptation nicht mehr bestanden. dass ethischer Partikularismus mit einer Voreingenommenheit für den eigenen Nahbereich und nicht unvoreingenommener ethischer Universalismus der menschlichen Natur entsprechen sollten. Soziale Kontrolle und moralische Neigungen In stabilen Gruppe trägt die Dauerhaftigkeit der gemeinsamen Existenz zusammen mit der menschlichen Informationsverarbeitungskapazität dazu bei. Der Zement der Gruppen ist von dieser Warte ein irregeleiteter Verwandtschaftsaltruismus. Inwieweit die menschliche Kulturfähigkeit etwa Elemente der Gruppenselektion zum Tragen bringen kann. Hier muss mehr im Spiel sein. Wir besitzen sie. Das ist ein Element der Erklärung für die Kleingruppenorganisation der Menschen auch nach der Zeit der Jäger-Sammler-Adaptation. vermutlich immer noch als Teil unseres genetischen Inventars. 1. ist der der Reziprozität oder des "wie Du mir. eine Stufung des Altruismus nach Nah. daß Reziprozitätsbeziehungen auch über eine Interessenbasis verfügen. wird sich am Ende jedoch nicht auf diese Mechanismen zurückführen lassen. um etwas Gesichertes sagen zu können. Fassen wir zusammen: Eine Naturanlage zur phänotypischen Selbstlosigkeit zugunsten von verwandten Phänotypen kann es geben. Weder Verwandtschaft noch deren irregeleitete Variante der "persönlichen Freundschaft" können das Ausmaß an Zusammenarbeit erklären. so dass sie auch zugunsten von Nicht-Verwandten wirkt. Klar scheint allerdings zu sein. das wir in großen Gesellschaften erleben. Die Biologie sagt uns. der ebenfalls eine feste biologische Grundlage zu haben scheint. dürfte diese Lernfähigkeit kaum aus dem evolutionären Erbe gelöscht worden sein.5. wenn wir sie je besessen haben. Die genauen Mechanismen der Biologie von „Egoismus und Altruismus“ sind ungeachtet solcher Spekulationen nicht hinreichend bekannt.

Das gilt im übrigen nicht nur für das Primatenreich. die bei der Nahrungssuche mehrfach erfolglos war. dass die Größe der betreffenden Hirnregionen unter Säugern mit komplexem Sozialverhalten eng mit der Gruppengröße korreliert ist. der geholfen bzw. deshalb helfe auch . Eine Fledermaus. die er gibt. ob ihnen Hilfe verweigert wird. Beispielsweise haben bestimmte Arten blutsaugender Fledermäuse die Praxis einer "interindividuellen Blutspende" entwickelt. eine Blutspende zu erhalten. Die Tiere können offenkundig zwischen berechtigten und unberechtigten Hilfsverweigerungen unterscheiden. je häufiger zuvor die umgekehrte Hilfe stattgefunden hat. der kurzfristig die eigenen Interessen zurückstellt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 25 Frankfurt School of Finance and Management der "interessenbasierte" Altruismus. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit der Hilfe umso höher. wie man aus psychologischen Untersuchungen weiß. darf darauf vertrauen. Zumindest scheint es so zu sein. die wechselseitige Blutspende der Vampir-Fledermäuse mit der Blutspende Praxis unter Menschen zu vergleichen. Menschliche Blutspender reagieren. Das Großhirn scheint hier eine. obwohl der potentielle Helfer selbst genug Nahrungsblut- vorräte gespeichert hat – Verletzung der Reziprozität – oder ob der andere auch nichts hat – keine Verletzung der Reziprozität. wenn nicht die wesentlichste seiner Funktionen zu haben. von einer anderen Fledermaus. die besser gestellt ist. nicht geholfen hat. wirkt beim Menschen auch mit Bezug auf die allgemeine Gruppe. wie gut sich die beteiligten Individuen merken können. insbesondere auch auf Appelle. Reziprozität zwischen einzelnen Individuen gibt es bereits im Tierreich. Deshalb kann das System der Reziprozitätsbuchhaltung Zeiten allgemeiner Knappheit überstehen. weil er unsere Hilfe übermorgen genießen will. "Als ich Hilfe brauchte. Was bei den Fledermäusen auf einer persönlichen Beziehung beruht. um längerfristige Ziele besser verfolgen zu können. Man hilft dem anderen heute. wurde sie mir gegeben. weil man von ihm Hilfe morgen erwartet. indem man sich denjenigen als Person merkt. Dabei hängt das Ausmaß der Reziprozität davon ab. was andere wann für sie getan oder nicht getan haben. sich an unpersönlichen Reziprozitätsarrangements zu beteiligen. Es ist aufschlussreich. Da die Tiere eng beieinander leben und sich wechselseitig bei der Körperpflege unterstützen haben sie überdies Informationen darüber.

trägt nicht weit. oder. wie es im allgemeinen Interesse wäre. Sie würden nur so weit reichen. muß grundsätzlich in der Menschheitsgeschichte vorteilhaft gewesen sein. Wer trittbrettfährt kommt auch zum Ziel und hat dort angelangt noch Reserven. da es nicht darauf ankommt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 26 Frankfurt School of Finance and Management ich jetzt durch meine Spende". Von daher und aus Sicht der evolutionären Selektion wäre die Neigung. um bestimmte Folgen gesichert zu sehen. Aber das Motiv. Eine biologische Grundlage für so zentrale moralische Tugenden wie Gerechtigkeit oder Fairneß müßte als völlig ausgeschlossen gelten. spart Kalorien und muß einen Vorteil in Knappheitszeiten bilden etc. Sie mögen dabei häufig sogar von selbstlosen Motiven des Mitleides und der Sympathie mit den Kranken auch über die engeren Gruppengrenzen ihres unmittelbaren Lebenskreises bewegt werden. Im ersten Falle kann das eigene „agentenrelative“ Tun nicht durch einen anderen Spender ersetzt werden. seinen Beitrag zu leisten. seinen fairen Anteil an gemeinsamen Aufgaben zu übernehmen. etwas spendet. im zweiten wohl. (Inwieweit man z. eine verwunderliche Eigenschaft. Gerechtigkeit oder Fairneß würden nur dort und nur insoweit geübt. wie man mit Verschlechterungen der eigenen Reputation und der eigenen zukünftigen Chancen aufgrund von Vergeltung rechnen müßte. Doch eine Kausalbeziehung zwischen dem. was man selbst erhält. wie man Entdeckung fürchten müßte. Die Verallgemeinerung der Reziprozität zu einer fairen Beitragsleistung zum Allgemeinwohl trägt ein Stück weit. Der Bezug der Leistungen hängt schließlich am Ende nicht von der eigenen Beitragsleistung ab. sich etwas weniger anzustrengen als möglich und als es im Sinne des Gruppeninteresses erwünscht wäre. doch nicht soweit. Beim gemeinsamen Transport eines großen Gegenstandes etwas weniger zu heben. was man selbst beiträgt und dem. gibt es gerade nicht. Sie würde geradezu eine Abnormität darstellen. die die anderen schon aufgebraucht haben.B. ist natürlich ganz verschieden.) In gemeinsamen Aufgaben. kann man sinngemäß Plakaten und anderen Aufrufen entnehmen.. Einige Menschen sehen sich zu dieser Handlung durch Erwerb eines Spendenausweises motiviert. Die Spende von Leicheorganen für den Fall des eigenen Todes ist dafür ein sehr gutes Beispiel. weil man selbst ebenfalls potentiell etwas empfangen möchte. im Kampf mit anderen Gruppen lieber etwas vorsichtiger zu sein und sich in der zweiten Reihe zu halten etc. . um selbst seine Pflicht zu tun. von wem die Spende kommt.

Wenn man etwa 50 Opportunisten und 50 Moralisten in der Population hat und 2 Prozent der Opportunisten bei Wahrnehmung goldener Gelegenheiten während eines größeren Zeitraumes auffallen. Die Wahrscheinlichkeit. nachzuhalten. R. daß er sich verrät. war zuvor 50/100 und ist nun 49/100. von einem Opportunisten bei einer späteren goldenen Gelegenheit hereingelegt zu werden. müßten die Fairneßmotive versagen. schwach wird. Sie würden sich abseits der goldenen Gelegenheiten ganz genauso verhalten wie die wirklich verläßlichen Individuen. dann ist im Schnitt nach Ablauf der Zeit einer auffällig geworden. wo es auch egoistisch klug ist. Wenn die Gelegenheit wirklich golden ist. Weil wir nicht vollkommen rational sind. diese Dinge nachzuhalten. daß wir uns dennoch nicht immer opportunistisch verhalten. dann verringert sich die Wahrscheinlichkeit. Opportunist zu bleiben oder zu werden. sondern nur dort. Die goldene Gelegenheit hat ja gerade die Eigenschaft. muß daher auf einer anderen Ebene liegen. daß die Wahrscheinlichkeit. ganz gering ist. Es würde sich überdies für die anderen überhaupt nicht lohnen. Es würde sich im Normalfall lohnen. dann lohnt es um so mehr. wer bei einer solchen goldenen Gelegenheit erwischt wurde. nicht aus moralischer Überzeugung etwa moralisch zu handeln. Es scheint in jüngerer Zeit durch Wiederbelebung einer alten philosophischen Lehre vom Ausgleich zwischen widerstreitenden Affekten Frank. Wenn ich nun diesen einen kenne. dann werden Opportunisten nur ganz selten auffallen. sondern auch emotional reagieren. nur ganz geringfügig.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 27 Frankfurt School of Finance and Management In dem Augenblick. der sich die opportunistische Option heimlich vorbehält. (1992) wieder vermehrt angenommen zu werden. daß derjenige. sie zu ergreifen. im allgemeinen nicht verhindern kann. die nicht den Charakter der goldenen Gelegenheit haben. Die Unterscheidung zwischen Opportunisten und anderen würde den Aufwand nicht lohnen und gerade deshalb würde es noch lohnender. Da lohnt es kaum. sondern vielmehr ein nachteilige Aufwand ist). Hält sie aber niemand nach. daß er auch in Situationen. daß derjenige. mit dem ich zu tun habe. weil es sich nicht lohnt (biologisch kein Vorteil. . ein Opportunist ist. Die anderen 99 Individuen sehen nach wie vor völlig gleich für mich aus. wo eine goldene Gelegenheit sich böte. Die Erklärung dafür. viel größer. Dann aber wird die Wahrscheinlichkeit. erwischt zu werden. sofern man zuverlässig wüßte. daß eine solche Gelegenheit vorliegt.

ein bestimmtes Gruppengut bereitzustellen. . Wir müssen aus unserem eigenen langfristigen Interesse heraus Affekte mit Affekten. Zimmer es in einem Buchtitel formulierte. Da wir eine aus Sicht unserer langfristigen Interessen häufig zu große Schwäche für das Naheliegende haben. Leidenschaft mit Leidenschaft bekämpfen. nicht nur eine opportunistisch kalkulierende Bindung an die eigene Nahgruppe einzugehen. niemals zu betrügen. das nur unvollständig von der eigenen rationalen Berechnung zukünftiger Handlungsfolgen motiviert wird. sind die vergebenen goldenen Gelegenheiten. durch Kultivierung gewisser Emotionen zur Seite springen. dass Bestrafungsaktivitäten aufgrund großer Strafeeffizienz – die Zufügung eines großen Übels für das Opfer kostet den Strafenden sehr wenig – spezielle Anreize für die Förderung des Gruppenwohles bieten können. Als Wesen. Individuen. Damit wird die bereits von Hume konstatierte übergroße Neigung zum sozial nahe liegenden gegenüber dem fern liegenden um eine ebenfalls von bereits von Hume betonte zeitliche Komponente ergänzt. muß der Mensch der eigenen Vernunft. in uns moralische Tugenden zu entwickeln. wie Dieter E. dass es sich für niemanden in einer Gruppe lohnt. liefen im Verlaufe der biologischen Evolution Gefahr. Es gibt. daß es im eigenen Interesse liegt. den wir zahlen. sondern sich emotional („echt“) an sie zu binden. aus Gruppen ausgeschlossen zu werden.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 28 Frankfurt School of Finance and Management haben wir einen Anreiz. Von dieser Warte aus erscheint es auch plausibel. in denen wir uns als Opportunisten verraten könnten. "moralische Tugend" oder "moralische Neigungen" eine biologische Grundlage besitzen. Es kann beispielsweise sein. „eine Vernunft der Gefühle“. So kann es uns gelingen. in Situationen. Hinzu tritt vermutlich die Möglichkeit. die ja nur eines unter seinen Motiven bildet. in uns unmittelbar wirksame und insoweit jeweils stituativ naheliegende Emotionen aufzubauen. daß "moralische Gefühle". neben solchen Mechanismen. Damit läßt es die Tatsache. unsere – aus Sicht des eigenen langfristigen Interesses – übergroße Bevorzugung des Naheliegenden gegenüber dem Fernliegenden zu beherrschen. wie dem der Verwandtschaftsselektion plausibel werden. opportunistisch zu handeln. lohnt es sich für uns aus dem eigenen langfristigen Eingeninteresse heraus. daß der Mensch nur ein unvollkommen vernünftiges Wesen ist. die uns daran hindern. – Der Preis. die die betreffenden Gefühle nicht besaßen.

die gemeinsame Herde zu bewachen. bei Verlust eines Tieres beteiligt ist. mit dem jeder am gemeinsamen Schaden. erwarten dürfen. was wir de facto als menschliche Verhaltensweisen erwarten bzw. Allgemeiner gesprochen kann es für Mitglieder von Gruppen sehr viel geringere Kosten verursachen. unsere Normen und Institutionen zu verbessern. die die Bereitstellung öffentlicher Güter sozial kontrollieren. Sozialmoral beruht darauf. demjenigen. Welche Vorstellungen vom guten Zusammenleben halten kritischer Prüfung stand. Für ihn kann es ein geringer Aufwand sein. den er zur Wache benennt. zu gering ist. Das Verhalten derer. Die Herden bleiben unbewacht oder unzureichend bewacht und allen geht es am Ende schlechter. sich an Aktivitäten zu beteiligen. um den Aufwand der Wache zu kompensieren. als sich an Aktivitäten der Bereitstellung selbst zu beteiligen. Aber sie dienen auch dazu. ist wesentlicher Zement der Gesellschaft. die gleichsam als Zuschauer die Einhaltung moralischer Normen durch ihren Beifall und ihre Kritik. bestimmte Neigungen und Motive zu Lob und Tadel zu besitzen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 29 Frankfurt School of Finance and Management Kein einzelner profitiert beispielsweise hinreichend davon. dass jemand in der Gruppe weit stärker als alle anderen ist. Zugleich kann es sein. wenn wir die realen Sachverhalte menschlicher Motivation und die plausiblen Grenzen von Altruismus und Egoismus nicht vergessen? . durch ihr Strafen und manchmal auch Belohnen verstärken. eine Strafe anzudrohen und zuzufügen. Diese Einsichten einer Theorie menschlicher moralischer Motivation sind von großer Bedeutung dafür. weil der Anteil.

Es geht ihnen um Problemlösungen. Argumente zu finden. Wie kommt man aber von der Welt des Seins zu der des Sollens und damit zur „Moral“? 2. Ihnen geht es darum. dass sie nur auf eine Weise handeln möchten. indem sie von der je individuellen Betroffenheit absehen und sich an "jeden" wenden. Altersgruppe? .1.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 30 Frankfurt School of Finance and Management 2. der ebenfalls nach verallgemeinerungsfähigen Argumenten sucht. die ihren je eigenen (partikularen) Interessen und Vorstellungen dienen. wie sich soziales Leben abspielt. was Herrn Maier. In den normativen Fragen der Sozialphilosophie geht es hingegen darum anzugeben. wie das soziale Leben der Menschen sich abspielen sollte. Rasse. Der Bereich von „jeder“ Besonders beliebt und plausibel ist es. Solche Partner suchen im Diskurs nicht primär nach jenen Mitteln. die sich mit ethischen – und das heißt hier immer verallgemeinerungsfähigen – Argumenten rechtfertigen lässt. wie soziale Ordnung überhaupt möglich ist und inwieweit der Mensch ein soziales Wesen bereits sein muss. die jeden Diskurspartner. Sozialmoral im kleinen und im großen In den deskriptiven Fragen der Sozialphilosophie geht es darum. Diese Argumentationsadressaten sind – aus welchen Gründen auch immer – bereits an im weiteren Sinne verallgemeinerungsfähigen Argumentationen interessiert. Sie wollen „moralisch“ in dem Sinne sein. Die zuvor berührten Fragen danach. zu beschreiben und zu erklären. Aber wer ist "jeder"? Jedes Mitglied einer bestimmten Nation? Jedes Mitglied einer bestimmten Religion. sich in der normativen Sozialphilosophie ebenso wie in der allgemeinen Moralphilosophie nur an diejenigen zu wenden. die bereits einen sogenannten „moralischen Standpunkt“ einnehmen. Müller oder Schulze zu einer spezifischen Zeit an einer spezifischen „Raum-Zeit-Stelle“ nützen würde. möglicherweise zu überzeugen vermögen. sind deskriptiv-erklärender Art. die von allgemeinem Anspruch sind. Sie suchen somit nicht nach dem. um überhaupt sozial leben zu können.

der im Spiegel vor ihm steht. Man muss bei unvoreingenommener Betrachtung anerkennen. Man wird somit bestimmte Wesen der menschlichen Art als Nicht-Personen anzusehen haben und andere Wesen. eine Abgrenzung ethischer Rücksichtnahme allein auf der Basis von Spezies-Grenzen vorzunehmen. dass „jeder“ von vornherein im Sinne von „jeder Mensch“ zu interpretieren ist. dass wir sie beiseite lassen können. Das gilt sicherlich für ungeborene und für neugeborene menschliche Wesen. Er verfügt also in diesem Sinne über Ich-Bewusstsein.1. nach der nur Angehörigen einer bestimmten Nation ethisches Gewicht beigemessen werden soll. die selbst Verallgemeinerungsfähigkeit herzustellen wünschen. die nicht zur menschlichen Art gehören. dass er es ist.1. die nicht über dieses Bewusstsein zu verfügen scheinen. Warum sollten wir der Voreinge- nommenheit für die Zugehörigkeit zur menschlichen Art nachgeben. dass wir Menschen durchaus Mitleid mit anderen nicht-menschlichen Lebewesen empfinden können. Besitzt das betreffende Individuum Selbstbewusstsein und bestimmte Pläne für die Zukunft oder nicht? Fällt die Antwort positiv aus. so wird man die Personeigenschaft bis zu einem gewissen Grade in diesem Wesen verwirklicht sehen müssen. als so abwegig. Zugleich gibt es Mitglieder der menschlichen Spezies. erscheint die partiku- laristische Auffassung. wenn wir eine „möglichst“ verallgemeinerungsfähige Ethik bilden wollen? Ist die Vorein- genommenheit für die menschliche Art – oder der "Speziezismus" – nicht ebenso willkürlich wie die für eine bestimmte Nation – oder der Nationalismus? Verallgemeinerungsfähigkeit der Ethik schließt Parteilichkeit aus und damit letztlich. Aber auch die Annahme. sieht sich größeren Problemen gegenüber. ohne Personen zu sein. Der Schimpanse weiß. dann erscheint es doch einigermaßen willkürlich. auch eine Parteinahme für die eigene Spezies.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 31 Frankfurt School of Finance and Management 2. dass ein Individuum Personeigenschaften besitzt. Denkt man daran. dass auch nicht- menschliche Wesen wie etwa höhere Affen Personen sind. als Personen. aber auch für hochgradig debile Individuen. Sie sind sämtlich Exemplare der menschlichen Art. . so könnte man jedenfalls argumentieren. Personen Da wir zunächst ohnehin nur solche Positionen betrachten wollen. Es muss auf allgemeinere Eigenschaften der betroffenen Wesen ankommen. Zu diesen Eigenschaften könnte man etwa die Tatsache rechnen.

dann erzwingt das auch. In jedem Falle erscheint es als einigermaßen bizarr. dass man das Leben einer einzelnen menschlichen Person oder doch zumindest das Leben einer einzelnen menschlichen Nicht-Person für die Lebensrettung tierlicher oder menschlicher Nicht-Personen opfern dürfte bzw.1. in einer auf Verallgemeinerungsfähigkeit abstellenden Ethik spezifisch christliche Prämissen zugrunde zu legen allein.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 32 Frankfurt School of Finance and Management Vor dem Hintergrund christlicher Vorstellungen von der Gottesähnlichkeit des Menschen mag eine Voreingenommenheit für die menschliche Art plausibel sein. wenn man dafür die Organe eines erwachsenen Affen mit Ich-Bewusstsein opferte. doch wird man möglicherweise bereits das sadistische Quälen von Regenwürmern für bedenk- lich halten – von der üblichen Lebendgarung von Hummern ganz zu schweigen. Im Extrem könnte das bedeuten. U. . das nur überleben könnte. dass etwa bestimmte Formen des Tierschutzes auch unabhängig von der Frage. den Interessen von Tieren in ethisch gerechtfertigter Weise zu opfern haben. müsste. läuft die Sache konkret darauf hinaus. weil die Interessen des Affen aufgrund von dessen bereits entwickelter Personeigenschaft vorgehen würden. Was ist an einer solchen Einschränkung besser als etwa eine nationalistische Voreingenommenheit für bestimmte traditionale Werte einer bestimmten Gesellschaft? Wenn man die Personeigenschaft als ausschlaggebend ansieht. dass in einer universalistischen Ethik manchmal die Interessen nicht- menschlicher Personen den Interessen menschlicher Nicht-Personen vorgeordnet werden können. Fühlende oder vernünftige Wesen Es scheint ziemlich klar zu sein. die "jedes fühlende Wesen" einbezieht. Außerhalb der spezifisch christlichen metaphysischen Prämissen ist sie es hingegen kaum. Etwas weniger feinsinnig ausgedrückt. weil sie christlich und uns im so genannten christlichen Abendland daher vertrauter sind als die anderer Religionen. dass wir in einer universalistischen Ethik gewisse Interessen von Menschen u. Ein menschliches Kleinkind. ob es sich bei den betreffenden Tieren um Personen handelt. gerechtfertigt sind. wäre dann womöglich zu opfern. In diesem Sinne könnte man dann von „jeder“ als einer Kategorie ausgehen. Eine Quälung von Bakterien oder Viren wird man zwar nicht als relevante Möglichkeit annehmen. 2.2.

so man davon in extremen Fällen überhaupt sprechen kann. der sich zentral auf Fähigkeiten berufen muss. Am Ende führt kein Weg daran vorbei. sondern nur darauf. einzelner Mitglieder der Spezies Mensch sind weit weniger entwickelt als die entsprechenden Vermögen von durchschnittlichen Mitgliedern anderer Spezies. . Klar ist jedoch.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 33 Frankfurt School of Finance and Management Will man die zuvor geschilderten recht extremen Implikationen ethischer Grundauffassungen vermeiden. die während eines Unfalls oder der Geburt erlitten wurden etc. Denn der potentielle (zukünftige) König von England wird auch nicht wie der König von England behandelt. dass bestimmte Mitglieder der Spezies Mensch nicht über Vernunft verfügen und auch nicht über das Potential. der sieht sich vor der Schwierigkeit. Die Vernunftvermögen. dann wird man in irgendeiner Weise eine Sonderrolle für Mitglieder der menschlichen Art begründen müssen. dass ein bestimmtes Individuum über die höheren Vernunftvermögen verfüge. die betreffenden Vermögen zu entwickeln. dass es nicht darauf ankomme. Im übrigen ist die Relevanz potentieller Eigenschaften ohnehin fragwürdig. dass bestimmte auch menschliche Individuen eben nicht in der Lage sind. Die potentielle Vernunftbegabtheit der menschlichen Art kann als Eigenschaft der Art plausiblerweise keine besondere Rolle für die Behandlung von Individuen spielen. der wir uns als unparteiische Beobachter nicht schuldig machen sollten? Wer sich hier mit der Antwort behelfen möchte. Warum dann aber die Angehörigen der menschlichen Art generell vor denen anderer Arten auszeichnen? Ist das nicht eine völlig unberechtigte Vorein- genommenheit für unsere eigene Art. dass es potentiell diese Vermögen entwickeln könnte. Die Eigenschaft der Vernunftbegabtheit des Menschen könnte hier prima facie eine ausschlaggebende Rolle spielen. bestimmten Menschen einen ethischen Status zuzuerkennen. die höheren Vernunftvermögen zu entwickeln. Das kann an genetischen Anlagen liegen. dass bestimmte Mitglieder der Spezies Mensch nicht über Vernunft im eigentlichen Sinne verfügen. obschon er einmal König werden könnte. an Krankheiten oder Deformationen. Solange er nur der potentielle König ist. Die potentiellen Fähigkeiten der Art oder der Individuen scheinen nach alledem keine überzeugenden Gründe dafür. ist er eben nicht König und hat deshalb auch nicht die Rechte des Königs. die diese Menschen-Individuen gerade nicht besitzen.

1. Die Interessenbefriedigung. die dadurch ihre „kausale“ Wirkung in der Welt entfalten kann. kann nicht auf den Kreis derer eingegrenzt werden. Auf der anderen Seite bilden ethische Theorien typischerweise immer Anforderungen heraus. der Anwendung der Theorie sind auch menschliche oder nicht-menschliche Individuen. die die Theorie selbst nicht verstehen können. sich als praktischer Umsetzung zugänglich erweisen. Als „jeder“ im Sinne der ethischen Theorie wird dann jeder Adressat dieser Theorie begriffen. Dabei ist der Adressat der Theorie jemand. auf die Motivierbarkeit durch ethische Theorien abzustellen. den relevanten Adressatenkreis ethischer Prinzipien abzugrenzen. Theorien überhaupt zu verstehen und durch sie motivierbar zu sein. der dazu aufgefordert wird. inwieweit sie sich praktischer Umsetzung entziehen bzw. Der Kreis der Individuen. die von der ethischen Theorie berücksichtigt werden. ist aber eindeutig die Fähigkeit. Was das anbelangt. besteht darin. der über die höheren Verstandesvermögen verfügt. die Theorie zu akzeptieren und die aus ihr folgenden normativen Forderungen zu befolgen. die sich auf die Behandlung von Betroffenen beziehen. Die ethische Theorie macht auch Vorschläge für die Behandlung solcher „Schutzbefohlener“ und sie macht diese Vorschläge in ganz wesentlicher Weise.1 Betroffen von der Durchsetzung bzw. sind jedoch nur bestimmte Typen von Individuen. die als Adressaten der Theorie fungieren. Motivierbar durch die Theorie. Wie das Prinzip „Sollen setzt Können voraus“ als Kriterium sinnvoller Sollensanforderungen aufgestellt wird. Klarerweise ist zu diesen Handlungen nur jemand in der Lage. Ethisch motivierbare Individuen Eine weitere Möglichkeit.3. die gar nicht in der Lage sind. die ethische Theorie selbst zu verstehen. die durch die Theorie motivierbar sind. die durch die Theorie ins Auge gefasst wird – insbesondere auch die Interessenbefriedigung zukünftiger Generationen – ist ein weit über die direkte Motivierbarkeit hinausgehendes 1 Vernunft und Verstand werden hier ganz unkantisch als gleichbedeutend benutzt. dass sie die Theorie anwenden. Insoweit ist eine Eingrenzung der Theorien auf diesen Adressatenkreis jedenfalls nicht unvernünftig.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 34 Frankfurt School of Finance and Management 2. so kann man auch normative Theorien danach bewerten. Nur sie können Subjekte der Theorie in dem Sinne sein. . eine ausschlaggebende Eigenschaft jener Individuen.

da am Ende nicht jeder wie jeder andere zu behandeln ist. Nach alledem bildet „Motivierbarkeit durch die Theorie“ auch kein allein ausschlaggebendes Kriterium für die Auslegung des Begriffes „jeder“ in der ethischen Theorie. Es ist aber dennoch mit unseren Mitmenschen eine Art der Gemeinschaft vorhanden. Selbst eine Theorie. auf jeden Menschen. die nicht durch die Theorie motivierbar sind. andere Betroffene einzubeziehen (z.B. wenn auch nicht notwendig mit allen Menschen konstitutiert. die wir mit anderen Wesen nicht bilden können. Dabei mag der biologische Grund der Fortpflanzungsfähigkeit eine gewisse Rolle spielen. . Aber diese besteht natürlich gerade nicht mit allen Angehörigen unserer Art. Denn wir können uns ja mit bestimmten Angehörigen unserer Art und nicht mit denen anderer Arten fortpflanzen. Das Argument von der Motivierbarkeit durch eine ethische Theorie hat zwar ein gewisses Gewicht. so stellen sich jedoch immer noch gravierende Probleme. In dem Sinne bezöge sich Verallgemeinerungsfähigkeit. dass wir mit Angehörigen unserer eigenen Art auf eine andere Weise in soziale Gemeinschaft treten können als mit den Angehörigen anderer Arten. wie die Adressaten der Theorie mit Betroffenen. Allerdings sollten wir uns klar darüber sein. Die Theorie muss also etwas darüber sagen. umzugehen hat. dass dieser Adressaten- kreis de facto daran interessiert ist. den angemessenen Verallgemeinerungsbereich zu bestimmen. Eltern in ihrer Stellung zu den eigenen Kindern). eine heroische Vereinfachung. das sich letztlich nur unter Menschen. Nimmt man diese vor.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 35 Frankfurt School of Finance and Management Problem. wie das vorangehende zeigt. Menschliche Soziabilität ist etwas. z. Das ist sozialphilosophisch anzuerkennen. hat zu berücksichtigen. Das ist. die sich nur an einen bestimmten motivierbaren Kreis von Adressaten wendet. kann aber das Problem.B. ebenso wenig endgültig lösen wie die anderen zuvor erwähnten Ansätze. Die Frage nach der angemessenen Reichweite der Verallgemeinerung und damit letztlich des Gegenstandsbereiches einer allgemein sozialphilosophischen Theorie bleibt teilweise offen.

Bei objektiver Bewertung der Interessenlagen wird es dennoch häufig so sein. jeden gleich zu behandeln. Der gleiche Vater wird aber kaum unparteiisch sein können hinsichtlich seiner eigenen und anderer Kinder. im Fernbereich der Beziehungen zu Menschen. ernst.2.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 36 Frankfurt School of Finance and Management 2. Jeder hätte besondere Pflichten im direkten Nahbereich. so scheint er zunächst einmal die Interessen der fremden Kinder den Interessen der eigenen Kinder überordnen zu müssen. Nimmt ein unparteiischer Vater die Pflichten. Das führt dazu. Aber keine menschengemäße Moral kann diese Art der Unparteilichkeit verlangen. etwas schwächere Pflichten im etwas ferneren Bereich und wiederum schwächere Pflichten im noch ferneren . dass sich die Norm der Unparteilichkeit gegenüber "jedem" nicht direkt in Praxis umsetzen lässt. Die Ethik würde aufgrund eines allgemeinen Prinzips unter diesen Anwendungsbedingungen zu gestuften Pflichten führen.2. Mit dieser Argumentationsweise könnte man die persönliche Nähe zum relevanten Umstand erheben und sagen. für ein wohlge- nährtes Kind in Deutschland allenfalls die Gefahr der Überernährung. dass für ein unparteiisches Urteil jeweils alle relevanten Umstände unparteiisch einzubeziehen sind. Für ein hungerndes Kind in Afrika könnte eine Tafel Schokolade die Lebensrettung bedeuten. die sich aus der Anforderung ergeben. dass Individuen von jedermann in einer nach persönlicher Nähe gestuften Weise in ihrer Interessenbefriedigung zu berücksichtigen sind. Grenzen und Möglichkeiten allgemeiner Motivation 2. dass die Interessen fremder Kinder weit stärker von väterlichen Verteilungshand- lungen betroffen sind als die der eigenen. Gruppengrenzen der Verallgemeinerung Die normativen Fragen des Zusammenlebens großer Menschenzahlen lassen sich mit einer auf dauerhafte Interaktion mit immer den gleichen Menschen angelegten Moral nicht lösen. Zum Beispiel wird ein Vater mehrerer Kinder zwar bei der Verteilung von Süßigkeiten unter seine Kindern unparteiisch vorgehen können. Denn kein Mensch kann mit einer großen Anzahl anderer Menschen dauerhaft intensiven Kontakt pflegen und damit die Stra- tegien der Kleingruppenexistenz auf die Großgruppe übertragen. Nun könnte man versuchen zu argumentieren.1. die beispielsweise in ganz anderen Erdteilen leben. Wir gehen alle davon aus. dass wir im persönlichen Nahbereich andere Pflichten haben als im Fernbereich anonymer Großgruppenbeziehungen bzw.

. Am Ende verlöre das Verallgemeinerungsprinzip fast jegliche Kraft. Aber würde Unparteilichkeit in dieser Weise selbst „gestuft“. doch scheint er für die Norm der Unparteilichkeit einige Schwierigkeiten zu beinhalten (vgl. (1996)). Das scheint letztlich jene Art der parteiischen Befürwortung partikularer Interessen zu fördern. würde das der Norm der Unparteilichkeit letztlich „die Zähne ziehen“. dazu vor allem Unger. Unsere natürliche Moral ist eine Nahbereichsmoral. das naturgemäß in seinem Verhalten wie in seinem Urteilen dem Dreiklang "nah. Zugleich würde ein solcher exemplarischer deutscher Moralbeurteiler. der Betriebskampfgruppe. und wir fühlen Loyalitäten gegenüber all diesen Gruppen – jedenfalls in der Regel. des Großunternehmens usw. der Armee. die in Gruppen längere Zeit miteinander interagieren. der die Stufung seiner Pflichten nach Nähe vornimmt. Das Flüstern in uns. Sie ist naturgemäß parteiisch für jene. Überwindung von Grenzen moralischer Verallgemeinerung Menschen.2. der würde möglicherweise zwischen den Interessen der Hungernden in Uganda und den Interessen der Hungernden in Äthiopien als Deutscher unparteiisch abwägen. die man durch Betonung der Verallgemeinerbarkeit in der Moral gerade zu überwinden trachtet. die Interessen seiner eigenen durchaus nicht hungernden Kinder den Interessen der hungernden Individuen in Afrika vorordnen können. die innere Stimme unserer natürlichen Antriebe lässt uns zwischen einem Nah. zur Einnahme eines allgemeinen Standpunktes gelangen kann. Wie ein Wesen. 2. nächster. Jeder würde jeden gleich behandeln aber nach Maßgabe der sozialen Nähe.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 37 Frankfurt School of Finance and Management Bereich einer Interaktion. entwickeln im allgemeinen eine Loyalität gegenüber diesen Gruppen auch über den je eigenen Nahbereich hinaus. am nächsten" folgt. muss zunächst rätselhaft scheinen. Ein solcher Schritt hin zu gestuften Verpflichtungen stimmt mit der mensch- lichen Psychologie zwar recht gut überein. sondern auch des Vereins. P. die uns nahe stehen und hilft uns zunächst deshalb wenig für eine angemessene Behandlung von Fernstehenden.und einem Fernbereich moralischer Verantwortung unterscheiden. Wir sind Mitglieder nicht nur der Familie. Wer etwa für die Hungernden dieser Welt spenden wollte.2.

um gegen andere vorzugehen bzw. Je enger die Beziehung. Deshalb hat die innere Stimme unter Bedingungen der Großgruppenexistenz immer noch ihre Wirkung. feuern „unser“ Team an etc. 2 Die Loyalität zu unserem Nächsten ist eine Sache. Sie ist nicht gelöscht worden. ich. Wir folgen gemeinsamen Symbolen. näher. mein Bruder und ich gegen unsere Cousins. Wir konkurrieren gegen unsere Nächsten und wir kooperieren mit ihnen. ich und unsere Cousins gegen die anderen aus dem Dorf. den wir in modernen Staaten finden. Mit sozialer Nähe nimmt die Intensität der Konfliktaustragung zu. In jedem Falle aber folgt das Geflecht von Kooperation und Konkurrenz der Stufung nahe. Unser inneres Gefühlsinventar kann gleichsam künstlich über die Grenzen der natürlichen Adaptation hinaus geführt werden. Wir ergreifen Partei für unsere Loyalitätsgruppen und dabei häufig auch für solche. unsere Cousins und die anderen aus dem Dorf gegen die aus dem nächsten Dorf“ macht die Zwiespältigkeit der Beziehungen in Gruppen deutlich. dass unsere stärksten Konkurrenten auch immer diejenigen sind. desto intensiver ist aber auch typischerweise der Konflikt. eines Bundeslandes. obschon die innere Stimme nun möglicherweise „irregeführt“ wird durch eine Existenzweise. die sehr groß sind und damit eine Vielzahl von uns fern stehenden Individuen umfassen. Wir finden uns als Teil großer Gruppen. wenn es denn zu Konflikten kommt. denen wir Loyalität angedeihen lassen wie zuvor den Kleingruppen unserer natürlichen Lebenswelt. die uns am nächsten stehen. mit anderen zu konkurrieren. für die sie gerade nicht „geschaffen“ wurde. wenn es um symbolisch geleitete Akte geht. in denen wir uns bewegen. mein Bruder. doch können wir unsere Loyalität durchaus auch auf größere und ausgedehntere Kreise ausdehnen. eine andere ist es. . Wir haben es immer mit einem Geflecht aus Konkurrenz und Kooperation zu tun. einer Nation und möglicherweise sogar einer Föderation von Nationen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 38 Frankfurt School of Finance and Management Wir fühlen uns als Teil einer Nachbarschaft. mein Bruder. nächster. Das gilt jedenfalls dann. die fast schon wie allgemeine Interessen aussehen. feiern „unsere“ Sportler. Der Nationalismus etwa. die eher selten und/oder zu niedrigen Kosten von uns verlangt werden. einer Gemeinde. um so enger ist typischerweise auch die Kooperation. Wir interagieren zwar nicht andauernd mit allen Mitgliedern unserer Großgruppe. Je näher die Beziehung. Seit der Jäger-Sammler-Adaptation hat sich biologisch am menschlichen genetischen Inventar wenig geändert. ist vermutlich nichts anderes als eine auf die Großgruppe künstlich ausgedehnte Kleingruppenloyalität. Das arabische Sprichwort „ich gegen meinen Bruder. einer Stadt. zwar als solche vermutlich nicht verändern. Wir können die konzentrischen Kreise der Loyalität.2 Engere partikulare Interessen werden überlagert von Partikularinteressen einer höheren Stufe.

ohne Individuen außerhalb der Großgruppe nachhaltige Vorteile zu bringen. weil dazu die Interaktionshäufigkeit mit nicht zur Gruppe gehörigen Individuen zu klein ist. Wenn man beispielsweise ein Großunternehmen betrachtet.000 Mitarbeiter in diesem Unternehmen. . die wir je auf dieser Welt beobachten konnten. dass eine solche Vorgehensweise tatsächlich die Kosten der Interaktion in großen Gruppen senkt und damit insbesondere auch der Arbeitsteilung in großen Gruppen und der Zusammen- arbeit in solchen Gruppen förderlich ist. doch zugleich „leben“ wir sie nur im kleinen.3 Es gibt zwar ein Problem der inneren Ausbeutbarkeit solcher Verallgemeinerungsnormen.2. Es ist so möglich. Es ist offenkundig. Die Verallgemeinerungsfähigkeitsanforderung hält ihre Adressaten dazu an. die äußere Organisation in gewisser Weise vorangeht und die Sozialmoral folgt. ein organisierendes Skelett von Kleingruppenorgani- sationen. so findet man möglicherweise mehr als 100. ein Mensch der gleichen Großgruppe ist.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 39 Frankfurt School of Finance and Management doch andauernd mit einigen und insofern dauerhaft mit der „Gruppe“. 2. Jenseits natürlicher Organisationsgrenzen und Verallgemeinerung Die angemessene Gestaltung des sozialen Zusammenlebens muss der natürlichen Nahbereichsorientierung Rechnung tragen. ist die Installation der Verallgemeinerbarkeitsnorm hilfreich. über die natürlichen partikularen Orientierungen hinaus nach generellen Prinzipien vorzugehen. Dieser Kunstgriff ermöglicht dem Kleingruppenwesen Mensch die Überwindung seiner natürlichen sozialen Organisationsgrenzen.3. ohne zu häufig direkte Ausbeutung durch Außenstehende einzuladen. indem die Politik bzw. doch kann dem typischerweise durch gruppeninterne Normen und Kontrollen begegnet werden. Wir fühlen Gemeinschaft im großen. die einer Großgruppenzusammenarbeit hinderlichen inneren Kleingruppenschranken zu überwinden. Dies ist ein sozialphilosophisch höchst relevanter Sachverhalt. Diese 3 Eine solche Norm kann allen Mitgliedern einer in sich geschlossenen Großgruppe Vorteile bringen. Solange praktisch jeder Mensch. Dementsprechend findet man in jeder dauerhaften Großgruppeninteraktion. Diesen Kunst- griff kann der Mensch auch in seinen normativen Orientierungen zur Grenzüberschreitung nutzen. mit dem man zu tun hat.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 40 Frankfurt School of Finance and Management

Mitarbeiter haben alle in irgendeiner Weise miteinander durch das Unternehmen
zu tun. Ihr Einkommen hängt von dem Unternehmen ab und der Erfolg des
Unternehmens von ihren Beiträgen an Arbeitsleistung und anderem. Insoweit
liegt eine Großgruppeninteraktion vor. Auf der anderen Seite wird man bei
näherer Betrachtung sogleich einen "organisierenden Stab" und Kleingruppen
finden, die diesen „Stab“ bilden. Selbst dort, wo möglicherweise Tausende von
Beschäftigten simultan an einer Aufgabe (etwa in einer riesigen Fabrikhalle)
arbeiten, wird man letztlich eine Teilstruktur finden, die nach dem Muster der
Kleingruppe organisiert ist.

In der großen Rechtsordnung, die möglicherweise Millionen von Menschen
umfasst, findet man einen Rechtsstab, der nach Prinzipien der Kleingruppen-
organisation aufgebaut ist. Wer eine große Armee betrachtet, der wird zwar
möglicherweise große Heere von Individuen finden, die sämtlich nach einer
festen Anweisung agieren und tatsächlich eine homogene Großgruppe zu bilden
scheinen. Zugleich wird er aber bei näherer Betrachtung ein Offizierschor und
die entsprechende Kleingruppenorganisation entdecken.

In der Kleingruppe ist das Verhalten des Einzelnen signifikant. Das Verhalten
hat einen für die anderen Kleingruppenmitglieder merklichen Einfluss auf das
Gruppen- und damit auf das je eigene "Ergebnis" jedes Gruppengliedes. Die
anderen Gruppenmitglieder können daher mit ihrem Verhalten auf das Verhalten
eines einzelnen reagieren. Die Folgen sind für die anderen spürbar und die
anderen können den einzelnen deshalb gezielt eine Reaktion spüren lassen, die
er seinem eigenen Verhalten zuzurechnen hat.

Wenn drei Personen ein Badezimmer gemeinsam nutzen und jeder im Turnus
eine Woche lang Reinigungsdienst hat, dann wird derjenige, der sich an der
Reinigung nicht beteiligt, obwohl er Dienst hätte, womöglich auf vernünftige
Partner stoßen, die angesichts seiner Untätigkeit selbst auch aufhören, sich zu
beteiligen. Dann fallen die Wirkungen eigener Untätigkeit auf den Handelnden
zurück. Wird das Badezimmer hingegen von vielen genutzt, so wird die Sank-
tion "verdünnt". Der einzelne kann insbesondere nur schwer gezielt auf das
Fehlverhalten eines anderen durch eigene Beteiligungsverweigerung reagieren.
Reziprozität im Sinne einer direkten kausalen Beziehung zwischen Verhaltens-
weisen funktioniert nicht.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 41 Frankfurt School of Finance and Management

Ein anderes illustratives Beispiel ist das einer Gruppe von Ruderern. Wenn nur
drei Ruderer vorhanden sind und einer nachläßt, so werden die anderen das
merken und ihm durch eigenes Nachlassen unmittelbar verdeutlichen können,
dass er vielleicht besser doch wieder mitmacht, wenn das Ziel der Ruderpartie
erreicht werden soll. Wenn aber hundert Ruderer auf einer Großgaleere rudern,
dann wird es schwer sein, den Einzelbeitrag festzustellen und am Ende nicht
mehr möglich sein, durch eigene Ruderverweigerung die mangelnde
Mitwirkung anderer zu sanktionieren. (Es mag andere Sanktionsmöglichkeiten
geben, die nicht über das gemeinsame Gut bzw. die Verweigerung der
Beitragsleistung zur gemeinsamen Anstrengung wirken, doch ist das eine
andere, getrennt zu behandelnde Frage.)

Umgekehrt entwickelt auch jeder einzelne naturgemäß eine bestimmte Loyalität
gegenüber der jeweiligen Kleingruppe, die es der Kleingruppe zusätzlich – über
die ohnehin endogen aus der Interaktion selbst erwachsenden Sanktionsmecha-
nismen – erleichtert, kollektiv zusammenzuarbeiten. Jeder wird sich Individuen
gegenüber, die er recht gut kennt, spontan anders verhalten als gegenüber jenen,
die für ihn weitgehend anonym bleiben. Manchmal wird er besondere Abnei-
gung aufgrund besonderer Kenntnis verspüren; doch es wir im Normalfall so
sein, dass für Gruppenmitglieder in der Gruppe „moralisch bestimmte“ mit
"rational kalkulierend bestimmten" Haltungen übereinstimmen. Moral und
Interesse fallen unmittelbar zusammen.

Damit die Kleingruppenstruktur die große Gruppe so organisieren kann, dass
davon nicht nur die partikularen, sondern die allgemeinen Interessen der
Großgruppe profitieren, bedarf es einer über die spezifischen Loyalitäten zu
kleinen Gruppen hinausreichenden Einstellung. Es muss möglich sein,
Auswirkungen "ethischer" Prinzipien auf große Gruppen auszudehnen. In einer
Großgruppe, die auf stabile selbstorganisierende Kleingruppenstrukturen der
skizzierten Art angewiesen ist, gibt es deshalb typischerweise eine Spannung
zwischen einer auf Verallgemeinerungsfähigkeit gegenüber jedermann
abstellenden Ethik und den spezifischen vom natürlichen menschlichen
Verhaltensinventar diktierten Gruppenloyalitäten. Um diese Spannung zu
kontrollieren, bedarf es allgemeiner über spezifische Gruppenloyalitäten hinaus-
gehender normativer Orientierungen. Solche normative Orientierungen werden
von Ethiken geboten, die sich an Verallgemeinerungsfähigkeit ausrichten.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 42 Frankfurt School of Finance and Management

Werden diese Forderungen jedoch an jedermann gerichtet, so kommt es zu
unplausiblen Anforderungen, wonach jeder stets alle anderen gleichberechtigt zu
berücksichtigen habe. Wenn man das vermeiden will, dann muss man die
normativen Forderungen auf bestimmte Rollen einschränken.

Konkret kann sich die verallgemeinerungsorientierte Ethik etwa an
Funktionsträger eines politischen System richten. Es geht dann nicht mehr
darum, dass Herr Meyer als unparteiischer ethischer Beobachter seine eigenen
Kinder nicht anders behandeln darf als die Kinder von Herrn Schulze, den er
möglicherweise überhaupt nicht kennt und dessen Kinder er ebenfalls nicht
kennt, sondern darum, dass ein Politik betreibender Herr Schmidt die Kinder
von Meyer und Schulze unparteiisch behandeln soll. Er ist in einer Rolle, die
ihm Unparteilichkeit im Fernbereich abverlangt.

Die Normen der Unparteilichkeit richten sich so gesehen gar nicht in erster Linie
an jeden Bürger, sondern primär an jene Bürger, die als Funktionsträger einer
politischen Gruppe und damit in gewisser Weise als deren „Agenten“ tätig
werden. Bürger in dieser Rolle sollen unparteiisch abwägen, wie die einzelnen
Bürger von bestimmten Maßnahmen betroffen werden. Auf dieser Ebene macht
auch eine Abwägung von Interessen, bei der die Interessen jedes einzelnen so
viel zählen wie die jedes anderen einzelnen, durchaus Sinn.

Auf der Ebene des einfachen Bürgers kann die Unparteilichkeit des
Rollenträgers jedoch keinesfalls eingefordert werden. Jene, die sich nicht in der
Rolle von Funktionsträgern befinden, sollten vernünftiger Weise durch eine der
(politischen) Großgruppeninteraktion angemessene Ethik nicht direkt zum
Handeln angehalten werden, sondern allein dazu, bestimmte Handlungen zu
loben oder zu kritisieren. Ihr Legitimitätsglaube sollte durch eine verallgemeine-
rungsorientierte Ethik bestimmt sein, nicht jedoch ihr Handeln.

Psychologisch scheint ein solches Modell der ethischen Rollenteilung
vernünftig. Sogar Bürger, die selbst keine Anhänger ethischer Verallgemeine-
rung sind, können durchaus einsehen, dass eine Politik, die von „ethisch
motivierten Funktionsträgern“ durchgeführt wird, für sie als Betroffene
möglicherweise Vorzüge besitzt. In weiten Bereichen ist es beispielsweise
plausibel, dass man zwar manchmal durch die Politik verliert, doch häufiger
durch sie gewinnt. Zugleich scheint es nicht unplausibel zu sein, dass diese

mögen dabei durchaus komplex und subtil sein. die zunächst in theoretischen Zirkeln entwickelt werden. Kausalwirkungen dieser Art können von ethischen Theorien ebenfalls ausgehen. Das. dann unter Journalisten und in weiteren Kreisen der Gebildeten findet. auf denen bestimmte Argumente. hat zwar keinen direkten Einfluss auf politisches Handeln oder auf die ethischen Überzeugungen der Bevölkerung. Gleichwohl kann es indirekte Wege geben. sondern auch das. welche Maßnahmen die Wirtschaftstätigkeit positiv beeinflussen und diese Theorie dann allgemeine Akzeptanz erst unter Wissenschaftlern. was die Menschen über ihre Interessen denken und dass. Nicht nur die von direkten Anreizen bestimmten Interessen spielen eine Rolle. was beispielsweise ethische Theoretiker in irgend- welchen Universitätszirkeln diskutieren. Die Mechanismen. wie gewisse religiöse Orientierungen möglicherweise das Verhalten großer Gruppen beeinflussen. so können auch bestimmte moralische Orientierungen auf eine indirekte Weise das Verhalten der großen Gruppen beeinflussen. wenn die Interessen aller Bürger jeweils von den politischen Funktionsträgern unparteiisch abgewogen werden. was sie für legitime Formen der Interessen- durchsetzung halten. dennoch kann es die Wirksamkeit geben.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 43 Frankfurt School of Finance and Management Bilanz von Gewinnen und Verlusten am Ende am günstigsten für alle sein wird. durch die sich diese Wirkungen von ethischen Theorien entfalten. allmählich in eine breitere öffentliche Diskussion oder ein breiteres Bewusstsein diffundieren. was politisch realisierbar ist und wie die Menschen im einzelnen in ihrem Verhalten motiviert sein werden.und Begleitideologien wie etwa eine an Prinzipien der Verallgemeiner- barkeit ausgerichtete Moral haben durchaus eine Auswirkung darauf. spricht bezeichnenderweise in diesem Zusammenhang von „opinion of interests“ (wobei er auch „opinion of right“ kennt).4 So. . Daneben können aber auch Theorien das Denken der Menschen und damit indirekt ihr Verhalten beeinflussen. Wenn etwa jemand eine Theorie davon aufstellt. Leit. 4 David Hume. der von allen klassischen Philosophen diese Fragen bei weitem am tiefsten durchdrungen haben dürfte. so wird das einen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten und letztlich die Gesetzgebung und Tagespolitik im demokratischen Rechtsstaat haben.

Insoweit ist die Beschäftigung mit einer an Verallgemeinerung orientierten normativen Sozialphilosophie. in dem Verallgemeinerungsprinzipien eine besonders prominente Rolle spielen. die sich auf die Großgruppenorganisation beziehen. Neben der Moral im Kleinen spielt auch die Moral im Großen eine Rolle. dass indirekt und langfristig von ethischen Theoriebildungen und ethischen Diskussionen ein Kausaleinfluss auf das reale Verhalten ausgehen kann.und Tadelsaktivitäten – wird man eine Orientierung an bestimmten moralischen Prinzipien und indirekt auch an bestimmten ethischen Theorien jedenfalls gelegentlich erwarten dürfen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 44 Frankfurt School of Finance and Management Empirisch spricht sogar sehr viel dafür. die unsere größte Aufmerksamkeit erfahren. Die Fragen der Sozialphilosophie. Beginnen wir mit dem Utilitarismus. . bei der die einzelne Stimme nicht von Bedeutung ist oder in allgemeinen Lob. wo für den einzelnen nicht allzu viel auf dem Spiele steht – etwa bei der Stimmabgabe in einer großen Abstimmung. sind ohnehin solche. die über Kleingruppengrenzen hinausgreift nicht nur von theoretischem Interesse. Jedenfalls dort.

Es gibt diese Variante des Utilitarismus. an der unmittelbaren körperlichen Lust orientierte Sichtweise von dem. was im außermoralischen Sinne – also unabhängig oder vor einer moralischen Bewertung – wertvoll ist. handelt es sich dabei allerdings keineswegs um eine „Ethik für Schweine“. Andere Utilitaristen sahen in der Befriedigung menschlicher Präferenzen – was auch immer diese beinhalten mochten – den ausschlaggebenden Wert. Die ausschlaggebende und für den Utilitarismus ganz allgemein kennzeichnende Bedingung ist nicht die Wahl einer spezifischen Wertlehre. . h. doch nicht die Meinung aller Utilitaristen. verbunden werden muss. verallgemeinerungsfähig zu urteilen. was in der deutschen Folklore über den Utilitarismus im allgemeinen verbreitet wird. sofern beide nur das gleiche Maß an Lust erbringen. desto stärker die Menschen ihre Präferenzen in ihr verwirklichen können. Dass „Kegel zu schieben“ so gut sei. Es ist nicht zutreffend.1. würde für die Überlegenheit bzw. Im Gegensatz zu dem. was sie wollen und die Welt ist umso besser. und davon. Hedonistische und andere Wertlehren Wollen Sie lieber ein glückliches Schwein oder ein unglücklicher Sokrates sein? Insbesondere die Gegner des Utilitarismus bedienen sich gern solcher Suggestiv-Fragen. worauf sich die verallgemeinerungsfähigen Urteile stützen sollen. was in sich wertvoll ist. wie ihn John Stuart Mill vertrat. d. Utilitarismus 3. Ein sogenannter „idealer Utilitarismus“. dass mit dem Utilitarismus notwendig eine „hedonistische“.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 45 Frankfurt School of Finance and Management 3. was es heißt. Nach dieser Sicht sollen die Menschen bekommen. sondern eine bestimmte Auffassung davon. aber es ist dies nur eine unter verschiedenen Formen einer utilitaristischen Lehre von dem. ist zwar eine denkwürdig „demokratische“ – jedenfalls anti-elitäre – Äußerung Jeremy Benthams. Höherwertigkeit kultivierter Freuden wie des Genusses dichterischer Werke gegenüber der Freude am Kegeln plädieren. wie der Genuss dichterischer Werke.

das Übergewicht außermoralisch oder „natürlich“ „guter“ gegenüber natürlich „schlechten“ Folgen des menschlichen Handelns zu maximieren. dass der Grad der Interessenbefriedigung von Herrn A nicht deshalb mehr zählen kann als der Grad der Interessen- befriedigung von Frau B. Prinzipien utilitaristischer Verallgemeinerung Es geht den Utilitaristen darum. dass er der Unparteilichkeits- bedingung eine spezifische Deutung zukommen lässt. Die Interessen von jedermann sind gleichermaßen zu berücksichtigen. Denn der Utilitarist meint. Der Utilitarist unterwirft sein eigenes Werturteil den „aggregierten“ Wertungen aller (was damit gemeint ist. u. Die Utilitaristen akzeptieren. Der Utilitarismus trennt sich von anderen Formen verallgemeinerungsorientierter Ethik dadurch.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 46 Frankfurt School of Finance and Management 3.2. weil Herr A Herr A und Frau B Frau B ist. strikt das Prinzip der Neutralität oder Unparteilichkeit. so kann man zum ersten auf das „Substitutionsprinzip“. Will man die erwähnten Grundüberzeugungen der Utilitaristen als gesonderte „Prinzipien“ erfassen. die größeren Einfluss gewinnen konnten. Das Substitutionsprinzip besagt. Diese Auffassung teilen Utilitaristen nicht nur untereinander. dass man in der Gesamtbewertung einer Alternative die durch die Realisierung der Alternative erlangte Interessen- befriedigung (Präferenzerfüllung) eines Individuums A durch die Interessen- befriedigung (Präferenzerfüllung) eines Individuums B ersetzen (substitutieren) kann. dass es bei der Bewertung des Handelns letztlich nur auf die dadurch herbeigeführten Zustände und damit jeweils nur auf die Konsequenzen des Handelns ankommt (Konsequentialismus). sondern im wesentlichen mit allen neuzeitlichen Moraltheorien. zum zweiten auf das „Äquivalenzprinzip“ und zum dritten auf das „Individualprinzip“ zu sprechen kommen. Deshalb . Der Utilitarismus meint erstens. wenn es um die Beurteilung des Handelns geht. was sich „bei“ Individuen niederschlägt. ist bewertungsrelevant. Diese Substituierbarkeit ist für den Utilitaristen Ausdruck der Unpar- teilichkeit. ####). Niemand soll mehr als ein anderer zählen und jeder so viel wie jeder andere. wird sich genauer in der konkreten Ausformung einer utilitaristischen Position zeigen vgl. Nur das. Und zweitens geht es für den Utilitaristen bei der Bewertung von Konsequenzen immer nur um die Auswirkungen auf Individuen.

Nehmen wir an. Streng genommen besagt das Individualprinzip. Für den Utilitaristen ist dies letztlich gleichwertig mit einer Situation. Das Äquivalenzprinzip besagt. ob bestimmte Auswirkungen auf die Interessenbefriedigung von Individuen dadurch eintreten. in der Meyer vor Schulze steht und ihm einen leichten „Stupps“ versetzt. Wenn Herr Meyer Herrn Schulze auf einer Klippe stehen sieht und Herr Schulze ist der ärgste Feind von Herrn Meyer. wenn er Schulze anbrüllt „tritt zurück!“ und ihn dadurch die Klippe hinunter befördert. Danach ist die Tatsache. Er unterwirft seine eigene ethische Präferenz 5 Kurz. die Differenz von Handeln und Unterlassen bricht aus Sicht des Utilitaristen als wertungsrelevante Distinktion zusammen. Für ihn geht es bei der Bewertung von Weltzuständen letztlich darum. dass Meyer bewusst den Ruf unterlässt. Teil der Konsequenzen dieser Wahl.5 Der Utilitarist akzeptiert neben dem Substitutionsprinzip und dem Äquivalenzprinzip zum dritten das Individualprinzip. . um Schulze die Klippe hinunter segeln zu lassen. dass Schulze im Begriff steht. wie sie durch die Herbeiführung der Weltzustände entstehen. Oxford: Basil Blackwell. die landläufig als Unterlassung gilt und einmal durch Wahl einer Option. die wir als Handeln klassifizieren. wenn dadurch eine größere Steigerung der Interessenbefriedigung von Frau B erreicht wird. Herr Meyer nun erkennt. (1991): Weighing Goods. einen Schritt zurück zu tun.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 47 Frankfurt School of Finance and Management darf und muss man nach utilitaristischer Auffassung eine Verringerung der Interessenbefriedigung von Herrn A hinnehmen. dass man handelt und so in den Weltverlauf kausal eingreift oder dass man nicht handelt und etwas durch Unterlassen geschehen lässt. dass es letztlich nicht darauf ankommt. Dann ist die Tötung sogar intendiert. der ihn unweigerlich von der Klippe stürzen wird. Bewertungen ist. herbeigeführt zu haben. Er bildet seine Präferenz- ordnung über alle Weltzustände auf der Grundlage der individuellen Bewer- tungen oder Interessen. zu diesen eher subtilen Punkten BROOME. dann tötet Herr Meyer Herrn Schulze durch Unterlassung eines Warnrufes. dass für den Utilita- risten jede Bewertung ethischer Art eine Funktion der individuellen Betrof- fenheiten bzw. diese nach dem Maßstab der Interessenbefriedigung der Individuen einzuschätzen. Konsequenzen einmal durch Wahl einer Option. um ihn die Klippe hinunter zu stürzen bzw. Equality. J. Allerdings kann man als Utilitarist auch einen weiteren Konsequenzenbegriff verwenden. Uncertainty and Time.

.). Oxford: Oxford University Press. A. Princeton: Princeton University Press. K. 7 Man kann hier Bezüge zu axiomatischen Charakterisierungen von „linearen Aggregationsfunktionen“ im allgemeinen ebenso herstellen wie zu spezifischen axiomatischen Charakterisierungen sogenannter Sozialwahlfunktionen mit utilitaristischen Eigenschaften. die Norm der Unparteilichkeit. HARSANYI. and B. das Problem des Bereiches von „alle“ bzw. „jeder“ erneut angesprochen wird). vgl. nach der jeder so viel zählen soll wie der andere und keiner mehr als irgendein anderer. oder SEN.6 Das Individualprinzip des Utilitarismus betrachtet im Prinzip jedes Individuum als eine „Messstation“ für die Interessenbefriedigung dieses Individuums.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 48 Frankfurt School of Finance and Management den Präferenzen aller. J. Individualistisch ist ein solcher Ansatz insoweit.und Individualprinzip zusammen implizieren eine spezifische Auffassung von der Bestimmung des Gemeinwohls und letztlich der Ethik insgesamt. A. die sich erst aufgrund der utilitaristischen Bewertung ergeben und den „natürlichen“ oder direkten Präferenzen unterscheidet. als er die Bemessungsgrundlage für das Gemeinwohl bzw. WILLIAMS (1982): Utilitarianism and Beyond. Welfare. (1982): Choice. In Theory and Practice. YOUNG. WILLIAMS (1982): "Utilitarianism and Beyond. and B. z. Die Maximierung des gesamten Nutzens aller ist ausschlaggebendes Kriterium des ethischen richtigen. Cambridge: Cambridge University Press. wobei ganz im Sinne der utilitaristischen Neutralitäts- forderung die eigene Präferenz nur eine von vielen ist. and Measurement. diese beiden legen es nahe. das Wohl aller in der Wohlfahrt der Individuen sieht. sich ganz im Sinne des traditionellen Utilitarismus am Modell einer „Summenbildung“ als Gemeinwohlkriterium zu orientieren. (1977): Rational Behavior and Bargaining Equilibrium in Games and Social Situations. Äquivalenz. Cambridge: Cambridge University Press. als er als letzten ethischen Maßstab das Wohl aller betrachtet (womit natürlich. H. C. Seine eigenen außermoralischen Bewertungen sind dann für die moralische Urteilsbildung ebenso unabhängig von den Moralurteilen anderer gegeben wie die außermoralischen Bewertungen anderer vgl." London: Cambridge University Press. SEN. A. SEN. wenn man genau zwischen den „ethischen“ Präferenzen.B. Kollektivistisch ist dieser Ansatz insoweit.. P. Substitutions-. (1994): Equity. Der moralische Beurteiler muss nach utilitaristischer Sicht das moralische Urteil ja aus den außermoralischen Bewertungen bilden. K. Die Annahme der Substituierbarkeit der Interessenbefriedigung des einen durch die Interessen- befriedigung des anderen. . Nach dem Individualprinzip wird die insgesamt erreichte Interessenbefriedigung (Präferenzerfüllung) aller Individuen als eine Funktion der individuellen Interessenbefriedigungen (Präferenzerfüllungen) betrachtet.7 6 Das hier anscheinend gegebene Problem eines infiniten Regresses oder der Zirkularität ist insbesondere dann lösbar.

Das Ergebnis des einzelnen Wettkampfes lässt sich in objektiver Weise messen. Sie sagt uns. während er einmal dominiert wird vom anderen. dass der eine den anderen einmal dominiert. dass ein bestimmter Athlet 1. dass man dennoch einen eindeutigen Vergleich zwischen den beiden Athleten herstellen kann. wie viel 5 cm im Hochsprung wert sind in Zehntelsekunden im 100m-Lauf. Um zu sehen. Wie in der Umrechnung von internationalen Währungen legt die Punktetabelle einen Umrechnungs. ohne Dominanz in allen Hinsichten annehmen zu müssen. Entweder ist der erste Athlet besser als der zweite oder der zweite Athlet ist besser als der erste oder beide sind gleich gut nach Maßgabe einer solchen Punktetabelle. dann wäre der Vergleich zwischen den beiden hinsichtlich der beiden betrachteten Disziplinen einfach gewesen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 49 Frankfurt School of Finance and Management 3. dann kann man nur feststellen. wie weitreichend diese Annahme ist. Im vorliegenden Fall ist es jedoch so.3.8 Sekunden auf 100 Metern. . Die Punktetabelle sagt uns.9 Sekunden erreicht hat. betrachte man das Beispiel des Zehnkampfes. Der eine wäre in beiden Disziplinen besser als der andere und damit sicherlich vorzugswürdig gewesen.95 m hochgesprungen ist.00 m hochgesprungen ist – also 5 cm höher als der erste Athlet – und im 100 m-Lauf 11 Sekunden schnell war – also eine Zehntelsekunde langsamer als sein Konkurrent –. Im Zehnkampf werden die Ergebnisse der Athleten nach einer Punktetabelle bewertet. Man kann beispielsweise im Hochsprung feststellen. dass der eine in der einen Disziplin besser. Will man diese beiden Ergebnisse mit den Ergebnissen eines anderen Zehnkämpfers vergleichen. Wäre der zweite Athlet auch schneller gelaufen. In gleicher Weise kann man mit einer Stoppuhr festhalten. also beispielsweise 10. wie viel in den einheitlichen Punktmaßen die verschiedenen Disziplinmaße „wert“ sind. Das gilt auch.oder Verrechnungskurs zwischen den verschiedenen Maßeinheiten fest. in der anderen schlechter war als der andere und der andere ebenfalls in einer Disziplin besser und in einer schlechter. dass dieser Athlet im 100 m- Sprint eine Zeit von 10. Erst die Existenz der Zehnkampftabelle führt dazu. Kommensurabilität und interindividuelle Substitutierbarkeit Eine einfache Summenbildung geht allerdings von der „Kommensurabilität“ der Nutzenmaße der Individuen aus und damit von einer sehr weitreichenden Annahme. der beispielsweise im Hochsprung 2.

die die Richtigkeit . was der Fall sein würde. dass sich bestimmte Konflikte im Utilitarismus mit besonderer Dramatik zeigen. Betrachten wir. die die individuellen Interessen berücksichtigt. sondern möglicherweise nur über eine intrinsische Vorzugswürdigkeit des einen gegenüber dem anderen Zustand. In einer folgenorientierten Ethik wie dem Utilitarismus ist diese Vernachlässigung der Frage nach der faktischen Wirkung einer Theorie als Leitideologie einer Gesellschaft allerdings noch fragwürdiger als in einer Ethik. eine Verrechenbarkeit von Werten implizit voraussetzt und damit ähnlichen Absurditätsrisiken ausgesetzt ist. 3. wie es eine Kommensurabilität zwischen den Werten in den Disziplinen des Zehnkampfes gibt. entweder kommt es zu X oder zu Y und einer. anscheinend die Interessenbefriedigung der beiden Betroffenen miteinander ver- gleichbar machen. um dies genauer zu sehen. die überhaupt zu einem übergreifenden Gemeinwohlurteil kommen will. Utilitaristische Politiken Wenn die ethische Theorie niemals befolgt würde. hat de facto das bessere Ende für sich. der von einem übergeordneten Standpunkt aus sagen will. Fraglich ist allerdings. Mag der Wählende über Interessenbe- friedigungen auch überhaupt nicht sprechen. dann bräuchte man sich auch keine Gedanken darüber zu machen. De facto tut er dies jedenfalls dann.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 50 Frankfurt School of Finance and Management Mit seinem Substitutionsprinzip geht der Utilitarismus letztlich davon aus. wenn sie denn befolgt würde. Man müsste sich insbesondere in einer folgenorientierten Ethik keine Gedanken über die Folgen der Propagierung der Ethik selbst machen. ob nicht jede ethische Position. Wenn etwa im Fall von zwei Weltzuständen X und Y die Person A in X besser gestellt wird als in Y und die Person B in Y besser gestellt wird als in X. X sei besser als Y in einer Ethik. Diese Auffassung erscheint vielen Philosophen als offenkundig absurd. dass eine Kommensurabilität zwischen den Werten von einzelnen Menschen in eben solcher Weise besteht. wenn er je einen der Zu- stände für alle verbindlich wählen sollte. entweder A oder B. Die traditionelle Ethik mag mit ihrer Verallgemeinerungsforderung insgesamt im Glashaus sitzen. einige traditionelle solcher Probleme etwas näher. dann muss derjenige.4. Doch lässt es sich nicht bestreiten.

" Bielefeld: Center for Interdiciplinary Research (ZiF). wenn ihre allgemeine Befolgung schlechte Folgen hätte.9 Wenn man die Adäquatheit einer Theorie überhaupt nach den Folgen ihrer Anwendung beurteilen will – und das ist die allgemein an den Tag gelegte Vorgehensweise insonderheit im Falle des Utilitarismus. ed. wenn alle sie befolgen würden (eine kontrafaktische Supposition). Man kann sagen.und Befolgungsweisen der Theorie ausgehen sollte (eine faktische Voraussage). wenn die Theorie selbst die Realität beeinflusst. Es ist gewiss nicht verfehlt. Ebenso darf man eine Theorie nur dann für potentiell annehmbar halten.8 Das ist an sich ein ziemlich naives Vorgehen. Wesentliche Teile der Diskussion um den Utilitarismus gehen von der Annahme aus. wenn ihre allgemeine Befolgung zu annehmbaren Ergebnissen führen würde. dann sollte man doch eigentlich erwarten. dass die utilitaristischen normativen Vorgaben perfekt befolgt würden und untersucht dann die Konsequenzen bzw. vgl. die sie hätte. was der Utilitarismus in einer bestimmten normativen Frage von uns verlangen würde. Auf der anderen Seite kann man argumentieren. (1976): "Theory Absorption and the Testability of Economic Theory." in Philosophy in Economics. by J. . dass eine ethische Theorie bereits dann unangemessen ist. W. da zumindest offen ist. KLIEMT (2000): "From Full to Bounded Rationality." Zeitschrift für Nationalökonomie. wie kann die Theorie dem Rechnung tragen. 9 Im bounded rationality framework wird theory absorption untersucht in GÜTH. Reidel. 247-267. d. die Methodologie des kontrafaktischen Tests zunächst zu akzeptieren 8 Die formale Entscheidungstheorie hat sich aus diesem Grunde mit der sogenannten Theorie- Absorption befasst. Dordrecht: D.. — (1981): "Some Implications of 'Theory Absorption' for Economic Theory and the Economics of Information. C. dass realistische Voraussagen kontrafaktischen Annahmen überlegen wären. 111-136. dass ein Test an kontrafaktischen Annahmen eine Minimalbedingung der Adäquatheit aufdeckt. 36. oder ob man in der Bewertung von realistischen Annahmen über Wirkungs. Ergebnisse darauf hin. and H. ob man eine sozialphilosophische Theorie nach den Auswirkungen bewerten sollte. Pitt. dass der Utilitarismus als Leitideologie in der Gesellschaft wirksam sei und untersuchen eine Welt. nimmt an. The Limits of Unlimited Rationality.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 51 Frankfurt School of Finance and Management des Handelns zumindest partiell unabhängig von den Handlungsfolgen beurteilen will. R. in der die Menschen und insbesondere die Politiker nach utilitaristischen Prinzipien vorgehen. ob sie akzeptabel scheinen oder nicht. DACEY.h. Man fragt sich typischerweise.

Genau dieser Sachverhalt wird ja durch die Summierung der Nutzenwerte einzelner Individuen in einer Gesamtnutzensumme erfasst. dass Bedingungen „abnehmenden Grenznutzens“ vorliegen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 52 Frankfurt School of Finance and Management und erst zu einem späteren Stand der Überlegungen auf die insbesondere für die politische Theorie aber auch für die Sozialphilosophie ziemlich bedeutende Frage faktischer Wirksamkeit ethischer Theorie erneut einzugehen. die man erhält. mag diesen für politische Zwecke besonders brauchbar werden lassen. was er gerne realisiert sehen möchte. Eine Stärke des Utilitarismus besteht zweifelsohne darin. klassisch BUCHANAN.4. der die ethische Theorie. (1999): The Logical Foundations of Constitutional Liberty. M. detailgetreu anwendet und betrachten wir einige exemplarische utilitaristische Politiken unter dieser Voraussetzung. man habe sehr großen Hunger.1. wird im allgemeinen sehr viel Nutzen stiften. Indianapolis: Liberty Fund. Für theoretische Zwecke ist es jedoch durchaus fragwürdig. Nimmt man nun hinzu. dass er dem Begriff des Gemeinwohls eine festere Deutung gibt: Das Gemeinwohl besteht darin. . einen „wohlwollenden Diktator“ vor. die man aus ihr ziehen kann. Für eine utilitaristische Theorie ist es unerheblich. ebenso wie 10 Zur Kritik an der Annahme des wohlwollenden Diktators vgl. dann ergeben sich sogleich gewisse Folgerungen für eine utilitaristische Verteilungstheorie: Man stelle sich etwa vor. Diese willkürliche Ausdeutbarkeit des Gemeinwohlbegriffes. Man weiß beim Utilitarismus im Gegensatz zu anderen sozialphilosophischen (Verteilungs-)Theorien zumindest einigermaßen genau. dass wir im allgemeinen davon ausgehen. wer der Empfänger von Nutzen ist.10 Beginnen wir mit der utilitaristischen Verteilungs- politik. den Nutzen aller zu wahren – und zwar konkret die Summe des Nutzens über alle Individuen. Austeilende utilitaristische „Gerechtigkeit“ In das Konzept des „Gemeinwohls“ kann jedermann im wesentlichen das hineinlesen. worüber man redet. die wir ihm vorschlagen. Die erste Brotscheibe. Stellen wir uns also für das Folgende einen Funktionsträger. Aufgrund des Substitutionsprinzips ist die Nutzenerfahrung eines Individuums durch die Nutzenerfahrung eines anderen ersetzbar. J. 3. Die Befriedigung. einen derart beliebig deutbaren Begriff verwenden zu müssen.

dass über den gesamten Bereich zusätzlicher Broteinheiten mit jeder Brotscheibe der zusätzliche Nutzen abnimmt. wird der Planer die gesellschaftlichen Ressourcen so verteilen. dass man sich in der Rolle eines wohlwollenden Diktators befindet. die ein für das gesamte Kollektiv entscheidender Planer unausweichlich machen muss—. weil dem Konsumenten schlecht wird. Denn dadurch steigt die Nutzensumme insgesamt am stärksten an. die dadurch einen größeren Nutzen erfahren. solange nicht jeder genau die gleiche Nutzenerfahrung aus einer zusätzlichen Nutzeneinheit gewinnt. Es ist keineswegs unplausibel anzunehmen. dass interpersonelle Nutzenvergleiche möglich sind – eine Voraussetzung. dass die erste Scheibe Brot 10 Nutzeneinheiten stiftet. Unter der zusätzlichen Voraussetzung. dass der Grenznutzen bei jedem Individuum genau der gleiche ist. dann hat das Folgen für die Art der Planung. wenn jeder Empfänger von Nutzen genau den gleichen zusätzlichen Nutzen aus einer weiteren Ressourceneinheit ableitet. wird er vermutlich spätestens ab der zehnten Brotscheibe das empfinden. der für die Gesellschaft insgesamt eine „Allokation“ der Güter finden soll. dass nach . die sie zu leisten vermag. dann sollte die Einheit e von B auf A umverteilt werden. Wenn jemand seinen Heißhunger gestillt hat. als man dafür bei A an zusätzlichem Gesamtnutzen erzielen könnte). Denn zöge A aus einer zusätztlichen Einheit e einen höheren Nutzen als B. die zehnte hingegen überhaupt keinen Nutzen mehr für den Konsumenten erbringt. die zweite 9.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 53 Frankfurt School of Finance and Management der Beitrag zur Ernährung und Gesundheit. was man als abnehmenden Grenznutzen bezeichnen kann. Als ganz einfaches illustratives Zahlenbeispiel könnte man sich vorstellen. usw. werden besonders groß sein. sollte man Ressourcen genau bei jenen konzentrieren. Nimmt man nun hinzu. um eine Gesamtnutzensteigerung zu erzielen (es muss bei B weniger aufgegeben werden. Jede zusätzliche Scheibe Brot wird ihm weniger Nutzen bringen und ihn schließlich sogar eher quälen als ihm zusätzliches Vergnügen zu bereiten. die dritte 8. Schließlich wird der Grenznutzen sogar negativ werden. Offenkundig kann unter Bedingungen der beliebigen Nutzensubstitution die Nutzensumme nur dann maximiert werden. Wenn man sich vorstellt. Umgekehrt. Wenn jedes Individuum dieser nicht gerade unplausiblen Annahme unterworfen ist. die den größten Nutzen stiftet. der sie gerade erhält. so wird man das sogenannte „Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen“ zu beachten haben.

wenn ein wohlwollender Planer im utilitaristischen Sinne das Gemeinwohl zu maximieren sucht. weil bei diesem Individuum der anfallende Grenznutzen voraussichtlich am größten sein wird. wenn es eine zusätzliche Gütereinheit erhält. wenn ein wohlwollender Diktator Güter auszuteilen hat. Wenn beispielsweise ein Individuum A über einen weiten Bereich höhere Nutzen aus jeder zusätzlichen Gütereinheit zieht als ein Individuum B. dann sollte das Individuum A die zusätzlichen Einheiten erhalten. weniger Nutzen ziehen als arme Individuen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 54 Frankfurt School of Finance and Management aller Plausibilität reiche Individuen aus einer zusätzlichen Gütereinheit. über den die öffentliche Hand verfügt. Unter solchen Bedingungen wird das Individuum mit geringem Wohlstand im allgemeinen der Empfänger besonderer Förderung sein. Soweit bislang beschrieben scheint der Utilitarismus aus Sicht des ohnehin latent sozialistischen Alltagverstandes eine plausible Konzeption der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums bzw. in der es neben öffentlichen Güterverteilungen auch private Güterausstattungen gibt. die einen hohen Grenznutzen aus ihr ziehen. scheint er einen guten Grund zu einer Verteilung zu haben. Vorausgesetzt. Im Ergebnis führt diese Überlegung dazu. da sie schon sehr viele Gütereinheiten besitzen. die zum Ausgleich der Grenznutzen führt. Mögliche Gegeneinwände liegen allerdings auch nicht fern. dass die ärmeren Individuen im allgemeinen aus einer zusätzlichen Gütereinheit einen höheren Nutzen ziehen werden. so bringt das in etwa die Auswirkungen eines abnehmenden Grenznutzens unter Bedingungen interpersonaler Vergleichbarkeit auf die Nutzensummenmaximierung zum Ausdruck. dass tatsächlich an irgendeinem Punkt das Individuum A einen geringeren Grenznutzen haben wird. Jedenfalls dann. dann wird die öffentliche Güterzuteilung bevorzugt an jene gehen. Zwar ist es nicht logisch zwingend so. Ebenso wie im Falle des Beispiels des Brotkonsums haben sie von den jeweiligen Gütern im allgemeinen weniger konsumiert bzw. garantiert die Annahme vom schließlich abnehmenden Grenznutzen. eine geringere Grundausstattung dieser Güter. Denkt man etwa an eine Welt. als das Individuum B. doch empirisch höchst plausibel. einer Austeilung jenes Anteiles des Reichtums. dass es eine hinreichende Quantität des zu verteilenden Gutes gibt. dass die gesellschaftlichen Ressourcen bevorzugt den ärmeren Individuen zugeteilt werden müssen. Damit ist auch .

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 55 Frankfurt School of Finance and Management garantiert. dass der ohnehin schon Reiche noch mehr an Reichtum erhält. Nicht garantiert ist jedoch. dass diese Ungleichheit hochgradig plausibel und erwünscht ist. Es wird aufgezeigt. von denen einige nun zu besprechen sind. dann müsste es diese zusätzlichen Einheiten erhalten. Es gibt eine Vielzahl weiterer Einwände. Konkret gesprochen würde das heißen können.4. dass andere mehr Nutzen aus einer zusätzlichen Einheit ziehen können. Die Unplausibilität einer Verteilung durch öffentliche Hände zugunsten der ohnehin Bessergestellten beruht möglicherweise zum großen Teil darauf. Am Ende laufen die meisten Argumente auf das Gleiche hinaus. dass die entsprechenden Bedingungen jemals vorliegen. Andere würden allerdings meinen. Wenn sie denn jemals vorlägen. Der Benachteiligte erhält besonders viel Aufmerksamkeit und Ressourcen. Die vorangehenden eher harmlosen Einwände erschöpfen keineswegs das Feld möglicher Probleme einer austeilenden Gerechtigkeit utilitaristischer Art. dass wir einfach nicht glauben. Im Falle bestimmter schwerer Handikaps würden wir gerade annehmen. Wenn allerdings ein ohnehin schon wohlhabendes Individuum besonders empfänglich für zusätzliche Gütereinheiten sein sollte. um seine Benach- teiligung zu kompensieren. indem der wirtschaftliche Planer ihm zusätzliche Ressourcen zur Verfügung stellt. ob eine solche Situation empirisch plausibel scheint und der Frage. 3. dass das Individuum B nicht gänzlich leer ausgeht. wenn sie tatsächlich vorliegt. eine entsprechende Umverteilung von „unten“ nach „oben“ zu akzeptieren.2. um den gesellschaftlichen Gesamtnutzen durch Förderung des Reichen zu maximieren. dass die Orientierung an der Summe des Nutzens ethisch unannehmbar würde. dass beide die gleichen Quantitäten erhalten. dann wären möglicherweise einige von uns auch bereit. ob man dann. Grundlegende Argumente gegen utilitaristische Umverteilung Gegen den Utilitarismus ist auf vielfältige Weise argumentiert worden. bis sein abnehmender Grenznutzen schließlich soweit gefallen ist. dass von der utilitaristischen Logik der Gemeinwohlorientierung her das Opfer . in der entsprechenden Weise verfahren sollte. Man muss hier genau unterscheiden zwischen der Frage.

die von vielen geliebt werden. doch man hat keinerlei Wissen darüber. die dieses Individuum lieben. dass die Tat von einem Schwarzen begangen wurde. dass bei den Ausschreitungen am Ende mehrere Schwarze zum Opfer der Lynchjustiz werden müssen. wenn man dramatischere Fälle betrachtet. um gerecht zu sein. keinerlei individuelle Rechte zu respektieren. dass ein ethischer Planer die Dinge anders regeln sollte. die sie ohnehin empfangen. das von vielen verachtet wird und dem viele möglicherweise schlechtes wünschen. wie es zu dieser Gefahr kommen kann. Es gibt Indizien dafür. bei diesen Nutzen stiftet. tatsächlich vom gesellschaftlichen Planer auch schlecht gestellt werden. Im ersten Fall geht es um eine eher technische Schwierigkeit. Individuen. tendenziell darauf hinaus läuft. dass man die indirekte Nutzenstiftung nicht berücksichtigt. der das Gemeinwohl repräsentiert. In beiden letzteren Fällen wird aufgezeigt. ebenfalls. dass in irgendeiner Kleinstadt im amerikanischen Süden eine weiße Frau vergewaltigt und ermordet worden ist. Der Mob rast. Beginnen wir mit dem einer Bestrafung Unschuldiger. dann ist offenkundig. die es selbst erfährt. dass der Utilitarismus gewissen ethischen Grundintuitionen nicht gerecht wird. dass die Maximierung des Gesamtnutzens. verstärkt sich allerdings sehr. Das scheint grundsätzlich machbar. Das Problem der Interdependenz der Nutzen sollte daher so gelöst werden. einen schwarzen Mitbürger willkürlich . auch noch vom gesellschaftlichen Planer mit Ressourcen bedacht werden. da es anderen Individuen eine Freude bereitet bzw. Solche Folgerungen dürften vielen unserer Intuitionen zuwider laufen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 56 Frankfurt School of Finance and Management des Individuums für die Gesamtheit droht. diejenigen. Klassische Einwände sind etwa der von der sozialen Interdependenz. Dieser Nutzen muss berücksichtigt werden. Der Sheriff entschließt sich daher. welche Person der Täter sein könnte. Beginnen wir mit dem ersten Fall. Schwarze werden durch die Strassen getrieben und es ist für den ortsansässigen Sheriff vollkommen klar. Denkt man an das Substitutionsprinzip. Der Eindruck. wenn das Individuum schlechter gestellt wird. der von der so genannten Überlebenslotterie und der von der Bestrafung Unschuldiger. sollten anscheinend nach utilitaristischer Logik zusätzlich zu der Liebe. Wir glauben. Umgekehrt sollte ein Individuum. Man versetze sich 100 Jahre zurück und stelle sich vor. Denn ein von vielen geliebtes Individuum erfreut durch die Freude.

den Rechtsbruch rechtskonform nicht. die Rechte eines Einzelnen beliebig denen der Allgemeinheit aufzuopfern. uns davor zu schützen. dass es hier nicht um positiv-rechtliche Anrechte geht. Wenn man sich vorstellt. so könnte man mit dem folgenden bekannten philosophischen Problem konfrontiert sein: Auf dem Gleis A arbeitet ein einzelner Arbeiter. der auf die Rechtsordnung zurückgreifen könnte. Viele von uns würden annehmen. Derjenige. warum der Sheriff in dem . dass Lynchjustiz nicht erlaubt ist. dann scheint der Utilitarismus tatsächlich die beschriebenen Konsequenzen zu haben. fünf zu retten. dass lieber der eine geopfert werden sollte als die fünf. sondern darum.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 57 Frankfurt School of Finance and Management herauszugreifen und ihn als den Mörder zu präsentieren. Andererseits muss man festhalten. Aber der Sheriff sieht sich mit dem Problem konfrontiert. Das scheint zunächst ein ziemlich plausibler Gegeneinwand zu sein. doch womöglich durch eigenen Rechtsbruch sehr wohl verhindern zu können. Dann stellt sich jedoch die Frage. Die Rechtsordnung sagt klar. dass man als Einzelner an einer Weiche steht. Der Sheriff weiß. Aus Sicht vieler ethischer Theoretiker macht das den Utilitarismus unannehmbar. mehrere ebenso unschuldige Menschen gerettet werden können. was ein Einzelner in einer Notsituation tun sollte. Ein außer Kontrolle geratener Schienenbus kommt auf die Weiche zugerast. indem er einen opfert. Auf dem Gleis B arbeiten fünf Arbeiter. dass es in einer annehmbaren ethischen Theorie nicht möglich sein darf. beliebig für das Gemeinwohl aufgeopfert zu werden. so dass Züge von Gleis A auf Gleis B umgelenkt werden. die man jederzeit umstellen kann. Viele Leben sind wichtiger als eines für ihn und als guter Utilitarist beschließt er. Sie beharren darauf. hat die Möglichkeit. Die Weiche steht so. lieber den einen zu opfern. als die Ermordung mehrerer hinnehmen zu müssen. dass er unweigerlich auf das Gleis B fahren und dort ebenso unausweichlich fünf Gleisarbeiter töten wird. Wenn die Fakten tatsächlich so sind wie geschildert. der an der Weiche steht und diese umlegen kann. nicht als Funktionsträger. dass das die Menge beruhigen wird und so. durch das Opfer eines voraussichtlich unschuldigen Einzelnen. Denn Rechte haben die zentrale Funktion. Der Sheriff ist als Person gefragt.

als ein Moralsystem. Opfert man ihn. welches zu einem geringeren Ausmaß der Interessenwahrung führt. Eine der Varianten lässt sich wie folgt nacherzählen: Ein Patient C ist zu einem Routine-Check up im Krankenhaus. Zur gleichen Zeit befinden sich die sterbenskranken Patienten A und B im Krankenhaus. Es stellt sich uns die Frage. Die Überlebenslotterie tritt wie die meisten einschlägigen Beispiele in verschiedenen Varianten auf. den gesunden Herrn C zugunsten der beiden Kranken zu opfern. Was das anbelangt. dass er organisch völlig gesund ist und noch eine Lebenserwartung von ca. dass die Sozialmoral der Interessenwahrung der Betroffenen dient. besser zu sein. immer so zu handeln. so werden die Patienten A und B. Bevor wir diese betrachten. ob wir die ethische Maxime. das sei angenommen. welches insgesamt die Interessen von mehr Menschen zu wahren vermag. ist es jedoch nützlich den dritten klassischen Gegeneinwand anzuschauen. dann scheint es für uns besser zu sein. in einer Welt zu leben. dass ein behandelnder Arzt einen guten utilitaristischen Grund haben würde. Es gibt keine andere Möglichkeit. ob wir in der Lage des Opfers oder der Geretteten sein werden. die beiden zu retten als dadurch. dann scheint ein Moralsystem. Ein ganz ähnliches Argument wie das vorangehende kann nämlich auch im Falle der sogenannten Überlebenslotterie für die zunächst wenig annehmbar scheinende utilitaristische Lösung angeführt werden. den Patienten C zu opfern. A kann nur überleben. in derartigen Situationen. wenn er ein Herztransplantat bekommt. Wenn wir der keineswegs unvernünftigen Auffassung sind.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 58 Frankfurt School of Finance and Management amerikanischen Südstaat nicht auch den einen opfern sollte. hat der Utilitarist einige gute Gegenargumente gegen den auf seine Theorie des ethisch rechten geführten Angriff. um mehrere zu retten. dass . Wie zuvor gilt im übrigen auch das Argument. Es stellt sich heraus. eine Lebenserwartung von ca. für richtig oder falsch halten würden. Wenn wir beispielsweise im vorhinein nicht wissen. Mit dieser Betrachtung haben wir allerdings das Feld der Kausalwirkungen einer Institutionalisierung einer bestimmten Ethik betreten. wenn er ein Lebertransplantat erhält und B. Wiederum scheint es klar zu sein. in der lieber mehr als weniger Menschen gerettet werden. 40 Jahren haben. 40 Jahren hat.

in der in betreffenden Fällen Einzelne geopfert würden. B und C in einer Situation. dass der Weltverlauf der unterstellte ist. dass wir lieber mit ruhigen Nerven zum Routine-Check up gehen möchten. Einzelnen so viel Macht zu geben. Neben anderen Funktionen haben rechtliche und moralische Institutionen gerade auch die. nach der Logik einer idealen moralischen Theorie vorzugehen. sondern haben alle möglichen Motive. Denn die Beispiele stehen für moralische Entscheidungen Einzelner in bestimmten Situationen. um Mehrere zu retten. die das Opfer Einzelner in derartigen Fällen vorsehen. in der sie nicht wüssten. Denn in einer Welt. dass er sich subjektiv vollkommen sicher ist und auch objektiv sein darf. einer Regel. Die Voraussetzung der Beispiele ist stets. die zum Opfer der Interessen eines Einzelnen führt. dass sie über Leben und Tod beliebig entscheiden können. bei den vorangehenden Beispielen zu schnell auf die Unannehmbarkeit des Utilitarismus zu schließen. ob sie krank oder gesund sein werden bzw. das moralisch Rechte zu tun und nicht durch Missbrauch der eigenen Entscheidungsgewalt Vorteile für sich oder die ihm nahe stehenden Individuen herauszuholen usw. Der Utilitarist würde wie jeder andere vernünftige Mensch zugeben. in der entsprechende Opferregeln nicht existierten. als stets befürchten zu müssen. dass er von dem Motiv beseelt ist. In der Regel sind die moralischen Entscheidungsträger nicht nur von moralischen Ansprüchen beseelt und versuchen nicht nur. unter denen das Motiv moralischen Verhaltens nur eines bildet. dass der betreffende moralisch Entscheidende in der Entscheidungssituation keine anderen Optionen besitzt. . welche Rolle sie im späteren Leben einnehmen würden. dass alle diese Bedingungen typischerweise in der realen Welt praktisch niemals oder doch zumindest niemals in eindeutiger Weise vorliegen. kaum rechtfertigungsfähig sein können. Es geht nicht nur darum. Es geht darum.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 59 Frankfurt School of Finance and Management A. wären die Überlebensaussichten jedes Einzelnen besser als in einer Welt. die jeweilige moralische Entscheidung im Einzelfall zu betrachten. Der vernünftige Utilitarist wird durchaus anerkennen. dass man sich davor hüten muss. zustimmen sollten. uns durch allgemeine Regeln vor zu viel Vertrauen in unsere eigene moralische Urteilskompetenz im Einzelfall zu schützen. Man muss sich nach alledem davor hüten. dass rechtliche Institutionen. Der vernünftige Utilitarist wäre wie jeder vernünftige andere Bürger insbesondere der Auffassung.

gibt es auf der nachgelagerten Ebene der Institutionalisierung eine weiterreichende Bindung an institutionell absolute normative Vorgaben. dass wir wirklich nur von „reinen“ moralischen Motiven in unserer Entscheidung beseelt sein werden (Motivationsunsicherheit). weil es in sich richtig wäre. die strikte Regeln gegen das Opfer einzelner enthalten. nicht deshalb bestehen. Die Bindung an allgemeine institutionelle Regelungen ist auch utilitaristisch sinnvoll. wir kennen sie nicht so genau. Im außer-institutionellen Bereich wird es hingegen bei eher utilitaristischen Notfallprinzipien bleiben. Der gute Utilitarist wird sagen. Deshalb ist die Überlebenslotterie im Prinzip ein zwingendes Argument. Auf einer obersten Moralebene werden die moralischen Institutionen ebenso wie die rechtlichen Institutionen mit grundlegenderen Argumenten der Interessenwahrung gerechtfertigt. Wir kennen nicht die Zukunft bzw. wie wir sie ja auch tatsächlich in den Notsandsparagraphen der entwickelten Rechtsordnungen finden. weil es in sich falsch wäre. lieber viele als wenige zu opfern. um weitreichende Opferentscheidungen zu treffen (Erwartungsunsicherheit) und wir können in der Regel nicht darauf vertrauen. dass unsere Einzelentscheidungen mit Erwartungs. die das Opfer der Interessen Einzelner zugunsten der Interessen Mehrerer verbieten. Einzelne zu opfern. sollten aus utilitaristischer Sicht unsere moralischen und rechtlichen Institutionen strikte Regeln enthalten. ohne . doch auch nur aus diesen Gründen. dass institutionellen Verbote. Der Utilitarist kann die Notwendigkeit der Bindung zugestehen wie jeder andere ethische Theoretiker und daher Institutionen fordern. dass die Regeln aus den vorangehenden Gründen und nicht deshalb installiert werden sollten. Der absolute Schutz des Einzelnen ist demgegenüber immer nur eine abgeleitete institutionelle Regel. Diese Argumente der Interessenwahrung rechtfertigen den Vorrang für viele gegenüber wenigen. die das Opfer Einzelner strikt verbieten.und Motivationsunsicherheit verbunden sind. Der „clevere“ Utilitarist wird argumentieren. wie es nötig wäre. die Einzelnen zu opfern. weil wir von uns selbst wissen. Es geht auch darum. Die Moral oder auch die Rechtsordnung sollten institutionelle Regelungen enthalten. Aus diesen. dass wir als Entscheidungsträger nicht jeweils von vielen Einzelentscheidungen überfordert werden wollen. Während wir für die fundamentale moralische Begründungsebene nur die Gemeinwohlwahrung kennen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 60 Frankfurt School of Finance and Management dass wir die Klinik nicht lebend verlassen.

Der Utilitarist wir in diesem Dingen nicht dem Wohlwollen eines noch so wohlwollenden Diktators vertrauen wollen. Der Ausdruck "gjk" steht für die Position k in Gesellschaft j. können von Anhängern des ethischen Universalismus keineswegs ignoriert werden. 2. .. Diese Grundstruktur ist in einer konstitutionellen Entscheidung wählbar.. die in der betreffenden Gesellschaft existieren und für die Situation der Individuen in der jeweiligen Gesellschaft ausschlaggebend sind.. gjn}. Man stelle sich vor. wie wir die Grundstruktur beeinflussen können. allen institutionellen Fragen vorausgehender Begründungstheorie. vom Gefängnis- insassen bis zum Präsidenten usw. daß von und für n Individuen i=1. Die Lotterie des Lebens Folgt man Harsanyi. . Betrachten wir eine Skizze des Grundansatzes von Harsanyi.1. welche soziale Grundstruktur wir bevorzugen sollten – und Harsanyis Ethik vollzieht dies auf utilitaristische Weise im Rahmen des folgenden Denkmodells. welche dem einen ein gutes. 3. gj2. Die Qualität der Lose und die Verteilung der Lebenschancen wird wesentlich von der Grundstruktur der Gesellschaft mitbestimmt.. hat jeweils n gesellschaftlichen Positionen gj = {gj1. n die Grundordnung einer Gesellschaft zu wählen sei. . Die Sozialwissenschaft sagt uns. Jedes gj ∈ G. – natürlich nur jene Positionen.3. dem anderen ein schlechtes Los bescheren kann. so muß man das Leben als eine Lotterie modellieren.. r.. die auf John Harsanyi zurückgehen. Die institutionelle Einschränkung auf institutionell absolute Verbote ist aber estwas ganz anderes als eine den institutionellen Fragen vorausgehende fundamentale ethische Theorie. Als reine ethische Theorie ist der Utilitarismus nicht offenkundig verfehlt.. Die vermutlich am besten entwickelten Varianten des Utilitarismus als oberster. 2. j=1.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 61 Frankfurt School of Finance and Management auf der Ebene der konkreten institutionellen Regeln zu einer Aufweichung der absoluten Verbote führen zu müssen...4. Reifer Utilitarismus: Harsanyi 3. Die Gesellschaften umfassen Lebensperspektiven von der Putzfrau bis zum Generaldirektor. .4. Die Ethik sagt uns. Es gibt eine wohldefinierte Menge verschiedener Grundordnungen G.3.

wenn man eher die eine als die andere Verfassung wählt. nachdem die Verfassung eingerichtet und damit die Gesellschaft gewählt wurde. Zum einen wird von ihm vorausgesetzt. das die Interessen jedes einzelnen gleich gewichtet. then to maximize the aggregate of such utility over the population is equivalent to choosing that distribution of income which such an individual would select were he asked which of various variants of the economy he would like to become a member of. was Unparteilichkeit in dem betrachteten Entscheidungskontext für sie überhaupt heißt. wird als einmütig akzeptiert unterstellt. Was geschehen wird. Das führt zu einer Gleichwahr- scheinlichkeitsannahme.benutzt werden sollte. assuming that once he selects a given economy with a given distribution of income he has an equal chance of landing in the shoes of each member of it. (1948). daß alle Individuen sämtlich zu einem unparteiischen Moralurteil kommen wollen. it at least shows that there exists a reasonable conceptual relation between the methods used to determine utility and the uses proposed to be made of it. Bei Vickrey hieß es: "If utility is defined as that quantity the mathematical expectation of which is maximized by an individual making choices involving risk. welche Position es einmal einnehmen wird. verallgemeinerbares Werturteil über die Alternativen abzuleiten." (Vickrey. Der Akt der Wahl von Regeln vollzieht sich also „hinter dem Schleier der Unkenntnis“ über die spätere Position. zwei Annahmen zu machen. Unreal as this hypothetical choice may be. Da er sich auf die Wertfragen als solche beschränken möchte. die für alle gleichermaßen expliziert. Er entspricht insoweit der Wahl einer Lotterie mit unbestimmtem Ausgang. Vickrey hatte bereits im Jahre 1948 ein Argument vorgeschlagen. sondern von vielen Sozialtheoretikern – insbesondere von James M. ein intersubjektiv akzeptierbares. Harsanyi strebt an. Buchanan und John Rawls -. daß die Individuen in ihren Urteilen sämtlich von den gleichen empirischen Annahmen über zukünftige Weltverläufe unter jedem gewählten Satz von Verfassungsregeln ausgehen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 62 Frankfurt School of Finance and Management Die Individuen sind über die Gesellschaften und die gesellschaftlichen Positionen informiert. W. Damit setzt Harsanyi eine Idee von William Vickrey – wie Harsanyi Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften – um. schlägt er vor. das später nicht nur von Harsanyi. 329) . Zum anderen wird angenommen. Doch kein Individuum weiß bei Abgabe seines Moralurteiles über die Gesellschaften.

. ... 1/n..... . g21. . … .. . 1/n.. j=1... 2.. … gr = {1/n. . g22.. . g11. r. grn} .. gj2. .. Falls man unterstellt... gr2.. .... . .. gr gr1 gr2 . Grobe Formalisierung der Lebenslotterie Jede Gesellschaft gj ∈ G. ... g1n g2 g21 g22 . Da r Gesellschaften zu betrachten sind. .. . gr1. 1/n..4. .... 1/n. .. g2n} .. gj1.. g12...... . g1n} g2 = {1/n. daß der nicht-kontrollierbare Umwelteinfluß darin besteht.. eine bestimmte gesellschaftliche Position zugewiesen zu bekommen.. .2.. kann unter den zuvor gemachten Annahmen als eine Lotterie der Form gj = {1/n.3.. 1/n. . 1/n.... 1/n. .. gjn} aufgefaßt werden.... . . g2n .. ... erhält man die vollständige Liste aller Lotterien zu g1 = {1/n. ergibt sich sogleich die folgende Darstellung des Entscheidungsproblems in Tabellenform: g1 g11 g12 .. 1/n..Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 63 Frankfurt School of Finance and Management 3.. grn Tabelle 2 Die Gleichwahrscheinlichkeit jeder Position in jeder Gesellschaft für jedes Individuum ist durch eine externe normative Bedingung für alle zu berücksich- ....

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 64 Frankfurt School of Finance and Management

tigenden Positionen vorgegeben. Hat man es mit Entscheidern zu tun, die
Präferenzordnungen über den "Lotterie-Preisen" gji haben, die sich jeweils
(erwartungswerttreu) durch Nutzenfunktionen repräsentieren lassen, dann kann
man für jedes der Individuen i=1, 2, ..., n sofort eine entsprechenden Tabelle mit
Nutzenwerten

g1 ui(g11) ui(g12) ... ... ui(g1n)

g2 ui(g21) ui(g22) ... ... ui(g2r)

... ... ... ... ...

... ... ... ... ...

... ... ... ... ...

gr ui(gr1) ui(gr2) ... ... ui(grn)

Tabelle 3

und den Erwartungsnutzen ui(gj) jeder Gesellschaft gj bilden. Diese
Erwartungsnutzenbildung entspricht etwa dem, was jemand tut, der den
Gelderwartungswert einer Lotterie ausrechnet, indem er die Preise mit den
Wahrscheinlichkeiten gewichtet. Also falls i unterstellt, mit seinen je eigenen
Präferenzen in jede der gesellschaftlichen Positionen jeder Gesellschaft mit
gleicher Wahrscheinlichkeit zu geraten, bildet et

ui(gj) = (1/n)* ui(gj1)) + (1/n)* ui(gj2)) + ... + (1/n)* ui(gjn)).

Nach dem bisherigen Argument wird der rationale Entscheider i jene
Gesellschaft gj individuell bevorzugen, die den höchsten Nutzenerwartungswert
bei Bewertung nach seinen eigenen Wertvorstellungen bietet. Falls mehrere
maximale Gesellschaften existieren, die alle den gleichen Nutzenerwartungswert
aufweisen, zeigt das eine Indifferenz des Entscheiders i an. Es ist gleichgültig,
welche von diesen Gesellschaften, die alle in seiner Präferenzordnung maximal
sind, gewählt wird. Es geht somit für den rationalen Entscheider bei der Wahl
von Regeln darum, eine Gesellschaftsform gj zu finden, die in seiner
Präferenzordnung ein maximales Element bildet und damit den maximalen

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 65 Frankfurt School of Finance and Management

Nutzen bietet. Er verhält sich dann so, als ob er bei der Wahl von
gesellschaftlichen Grundregeln seinen Erwartungsnutzen in jeweiliger
Unkenntnis seiner späteren gesellschaftlichen Situation maximierte.

Harsanyi lässt es bei dieser Überlegung nicht bewenden. Es können ja immer
noch unterschiedliche i, j, i≠j, zu unterschiedlichen Maximierungsurteilen
kommen. Zwar ist jeder gleichermaßen um Unparteilichkeit bemüht, doch
gelangt nicht jeder zwangsläufig zum gleichen unparteiischen Urteil. Wirkliche
Unparteilichkeit verlangt nun nach Harsanyi, dass jeder für die Beurteilung der
jeweiligen gesellschafltichen Position, in die er geraten könnte, genau die
Präferenzen zugrunde legt, die derjenige hätte, der in der Situation landen
würde. Nimmt man das an, so gelangt man nach gewissen formale
Zusatzüberlegungen zu dem für alle identischen vollständig unparteiischen
Urteil darüber, welches die beste Gesellschaft gj ist.

3.4.4. Unparteiische Gemeinwohlförderung

Wir wollen, wie heir angenommen wurde, verallgemeinerungsfähige Urteile
abgeben und in unserem moralischen Diskurs geht es uns typischerweise um
solche Arten von Urteilen. Unparteilichkeit wird im übrigen nicht nur mit
Verallgemeinerung und dem Verallgemeinerungsanspruch der Urteile in
Verbindung gebracht, sondern auch mit einer distanzierten Haltung zum
Gegenstand der Beurteilung. Man ist unparteiisch, wenn man kein wirklich
eigenes Interesse in einer Sache hat. Ein Richter wird beispielsweise vor Gericht
als befangen abgelehnt, wenn er ein spezifisches Interesse an der zur
Entscheidung anstehenden Sache hat. Wir erwarten, dass gute Richter distanziert
sind. Sie wägen neutral die Pro- und Contraargumente der Parteien
gegeneinander ab. Die Parteien sind parteiisch, die Richter nicht.

Ein womöglich noch besseres Beispiel bildet nicht der Richter, sondern eine
Person, die die Rolle eines Vermittlers oder „Mediators“ einnimmt. Eine solche
Person versucht auszugleichen, typischerweise einen Kompromiss zu suchen.
Wenn beispielsweise jemand als Schiedsmann in einem Disput zwischen
Gewerkschaften und Unternehmern fungiert, dann erwarten die beiden Seiten,
dass der Schiedsmann die Interessen jeder Seite völlig gleichberechtigt mit den
Interessen jeder anderen Seite – in diesem Falle nur zweier Seiten – zum

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 66 Frankfurt School of Finance and Management

Ausgleich bringt. Wenn der Schiedsmann einen Kompromiss vorschlägt, dann
sollte er idealerweise jeder Seite Einschränkungen abverlangen, die für diese
Seite etwa von gleichem Gewicht sind, wie die Einschränkungen, die er der
anderen Seite abverlangt. Die Konzessionen sollten in gewisser Weise das
gleiche für die beiden Seiten bedeuten.

Für Fragen, wie die zuvor skizzierten ist sicherlich ein utilitaristisches
Argumentationsmodell weitgehend angemessen. Der Schiedsmann etwa muss
aus seiner Sicht ein Moralurteil darüber fällen, wie viel die Konzeptionen, die er
den beiden Seiten auferlegen mag, für jede dieser beiden Seiten bedeuten. Diese
Urteile sind letztlich nichts anderes als verkappte Nutzenurteile. Der
Moralbeurteiler versucht, sich aus seiner Sicht in die Situation der Parteien
hineinzuversetzen und dann miteinander zu vergleichen, welches Gewicht die
Konzessionen für die Parteien haben. Er wird versuchen, jeder der Parteien
genau das gleiche abzuverlangen. Dazu muss er in einem eigenen Urteil letztlich
den Nutzen der beiden Parteien bzw. das Nutzenopfer miteinander verrechenbar
machen.

Natürlich können wir letztlich das Problem der interpersonellen
Nutzenvergleiche nicht einer endgültigen Lösung zuführen. Aber es gibt sehr
wohl approximative Ansätze und Daumenregeln, um das Konzept der
interpersonellen Vergleiche zu operationalisieren. Solche Approximationen sind,
so könnte man argumentieren, gewiss besser als ein völlig maßstabsloses
Vorgehen. Dem könnte man das bereits benutzte Argument hinzufügen, dass wir
uns de facto gar nicht aus der Sache der interpersonellen Nutzenvergleiche
heraushalten können. So, wie das Paradox von Achilles und der Schildkröte
durch Gehen gelöst wird, so wird in allen kollektiv verbindlichen
Entscheidungen das Problem interpersoneller Nutzenvergleiche durch die für
alle verbindlichen Entscheidungen „gelöst“. Die Lösung beruht möglicherweise
nicht auf einer bewusst oder expliziten Abwägung des Nutzens unterschiedlicher
Betroffener, doch wenn eine Maßnahme allgemein verbindlich festgeschrieben
wird, dann werden einige davon profitieren, während andere durch die selbe
Maßnahme belastet werden.

Will man eine Entscheidung nun nach ethischen Maßstäben beurteilen, so
könnte man ein unparteiisches Urteil – entsprechend dem eines Mediators – zu
fällen versuchen. In diesem Urteil würde man gegeneinander abwägen, ob die

was man unter dem Gemeinwohl verstehen kann. dass sich im Schnitt jeder etwa in gleichem Umfang auf der Verlierer. Man könnte auch einen Schritt weitergehen und der Politik selbst die Intention zuschreiben. wenn durch die Politiken nicht zu fundamental in die Verteilung von Gütern und Lasten eingegriffen wird und wenn es überdies plausibel ist. Wenn wir uns allerding aus dem Bereich der Fiktion in das Reich realer Politik begeben. Die Auffassung. dass Gewinn und Verlust von einem bestimmten erreichten Zustand aus zu bemessen sind. dass die "Politik" gerechtfertigt erscheint. weil niemand ein reales Opfer etwa seines Lebens akzeptieren würde. ist kaum vereinbar mit den ethischen Vorstellungen. dann läuft der Ansatz implizit auf eine starke Auszeichnung des Status quo hinaus. Das erstere sollte deshalb der Fall sein.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 67 Frankfurt School of Finance and Management Gewinne der Gewinner die Verluste der Verlierer so stark und auf eine Weise überwiegen. die von vielen mit Politik verknüpft werden. dass die Reichen im Schnitt von der Politik genauso häufig und genauso viel profitieren sollten wie die Armen. dass man möglichst unparteiisch die Interessen von jedermann gegeneinander abwägt und möglichst gut zu wahren sucht. Das empfinden viele gerade als verfehlt und zwar häufig mit dem utilitaristischen Argument vom „abnehmenden Grenznutzen“. damit die reale Politik ebenfalls für jeden ausnahmslos vorteilhaft ist. Nach dem vorgeschlagenen Modell versetzt man sich dazu fiktiv in Unkenntnis und wählt hinter dem Schleier der Unkenntnis eine Alternative oder ein optimales Los. nachdem sich der Schleier der Unkenntnis gehoben hat. von dem aus „im Schnitt“ alle gewinnen sollen. weil er diesem hinter dem Schleier der Unkenntnis über die eigene Betroffenheit zugestimmt hätte. unparteiisch wie ein Mediator die Interessen der betroffenen Bevölkerungsgruppen gegeneinander abzuwägen und dann die unter Einbeziehung dieser Randbedingungen beste Politik zu wählen. Das Letztere ist erforderlich. Konkret würde diese Sicht der Dinge beinhalten. Die Wahrung des allgemeinen Wohles setzt danach voraus. dann scheint eine utilitaristische Gemeinwohlwahrung vor allem dann ein durchaus akzeptables Vorgehen zu sein. Aussicht der . Wenn man nämlich annimmt.wie auf der Gewinnerseite von Politik wieder findet. Die utilitaristische Vorgehensweise ist eine durchaus plausible Explikation dessen. dass alle im Schnitt gewinnen sollen.

. dass jeder mit einer geringen Wahrscheinlichkeit in die Gefahr geraten kann. der durch ein kleines Opfer eines anderen oder vieler anderer kompensiert bzw. einem anderen Bürger.4. wenn man Normen der Verhältnismäßigkeit und Zumutbarkeit in die Idee der unparteiischen Förderung des Gemeinwohles mit einbezieht. doch müssen wir unter Umständen in Kauf nehmen. sähe sich dem Verdacht der institutionalisierten Parteilichkeit für diese Gruppe ausgesetzt. um einen anderen aus Lebensgefahr zu retten. immer dann einzugreifen. dass derartige Intuitionen weit verbreitet und in unserer Rechtsordnung mittlerweile fest verankert sind. die sich einseitig darauf ausrichten würde. So ist es nach einer weit geteilten Intuition Aufgabe der Politik. Sie können allerdings im Sinne eines generalisierten Versicherungsprinzips unter bestimmten Risikoannahmen stark mit dem vorangehenden Prinzip durchschnittlich gleicher Gewinne und Verluste parallelisiert werden. wenn man annimmt. Sie wäre anscheinend nicht im Einklang mit der vorausgesetzten Zielsetzung einer Abgabe verallgemeinerungsfähiger Urteile.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 68 Frankfurt School of Finance and Management Unparteilichkeit gegenüber realen und nicht nur fiktiven Individuen ergibt sich daraus jedoch ein Problem. einigen wenigen sehr große Opfer zuzumuten. verhindert werden kann. zu helfen. wenn sie durch ein kleines Opfer für einige einen sehr großen Vorteil für andere realisieren kann. wenn er mit einem kleinen Opfer für sich selbst einen großen Verlust des anderen vermeiden kann. 3. Umgekehrt wird argumentiert. dass man im Schnitt genauso viel gewinnt wie verliert. dass selbst beachtliche Vorteile einer Vielzahl von Individuen nicht rechtfertigen können. einen großen Verlust zu erleiden. Wir müssen nicht unser eigenes Leben riskieren. Unparteilichkeit und Verhältnismäßigkeit Die Sachlage scheint allerdings etwas anders zu sein. Kleine Opfer und die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit dieser kleinen Opfer werden eingetauscht für die Vermeidung massiver großer Verluste bzw. Das ist dann möglich. Denkt man etwa an das deutsche Recht der unterlassenen Hilfeleistung. so sieht man sogleich. Eine Politik. einer Reduktion der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten solcher Verluste. den Armen in der Gesellschaft beizustehen. Es wird dem Bürger auferlegt.5. Verhältnismäßigkeitsprinzipien setzen nicht notwendig darauf. der ihm gänzlich fremd sein mag.

die nach bestimmten Unparteilichkeitsnormen vorgehen. dass die eigentliche Toleranznorm die der Intoleranz gegenüber Intoleranten ist und nicht. Parteilichkeit für bestimmte Interessen als Ausdruck tiefer liegender verallgemeinerbarer Interessen zu rechtfertigen. ohne dass er diese Präferenz selbst noch mit unparteiischen Urteilen begründet. dem ist das zuzumuten. die er in diesem Rechtsstaat gemacht hat. ohne sein Leben zu riskieren. Er hat möglicherweise auch eine starke Präferenz für starke Bürgerrechte.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 69 Frankfurt School of Finance and Management dass unser Eigentum verletzt wird oder dass wir ein paar unangenehme. Die umgekehrte Strategie einer nicht weiter begründeten Parteilichkeit für Unparteilichkeit wird weit weniger häufig ins Auge gefasst. parteiisch sein für diese Lebensform. was man als „positive“ Toleranz bezeichnen könnte. Er kann darüber hinaus die in den politischen Institutionen verankerten Normen interindividuellen Respektes internalisiert haben. Man kann durchaus parteiisch für Unparteilichkeit etwa von Gerichten sein. sondern ein politisch höchst notwendiger Akt zur Unterstützung bestimmter freiheitlicher Institutionen. relativ harmlose Handgriffe auszuführen haben. ist moralisch möglicherweise nicht nur erwünscht. die für Normen interindividuellen Respekts Partei ergreift. ist möglicherweise darauf . So kann trivialer Weise jemand ohne weitere Begründung gleichsam „naiv“ parteilich sein für Institutionen. Es scheint im ganzen so zu sein. Wer ein Kind retten kann. Wir sagen. Denn eine Ethik. dass diese Handgriffe und die Unannehmlichkeit zumutbar sind. indem er in einen schmutzigen Teich steigt. Diese Erfahrung und möglicherweise der Vergleich mit anderen Lebensformen lässt ihn parteiisch sein für seine eigene Lebensform und die in ihr verwirklichten Normen der Unparteilichkeit. Eine gewisse Parteilichkeit für Werte. die in Politik umgesetzt werden wollen und dort letztlich politische und rechtliche Unparteilichkeit beinhalten. Sie ist jedoch keineswegs völlig von der Hand zu weisen. dass an der Verallgemeinerungsfähigkeit orientierte ethische Theorien letztlich darauf hinaus wollen. Er hat möglicherweise eine starke Präferenz für unabhängige Gerichte. Wer beispielsweise in einem westlichen Rechtsstaat aufgewachsen ist. der kann durchaus aufgrund der Erfahrungen. Man kann der Auffassung sein. Man kann auch als Anhänger von Normen der Toleranz intolerant gegenüber den Intoleranten sein. weil sie zu einer starken Verbesserung grundlegender Chancen anderer führen. das.

dann hat man das Feld einer Ethikrechtfertigung. Konkret bedeutet das. dass man Parteilichkeit für diese Art von Werten zulässt und gerade nicht auf verallgemeinerter Argumentation beharrt. nicht einfach auf eine Parteilichkeit für die je eigenen Normen unparteiischer Behandlung zurückzugreifen. sondern universelle Normrechtfertigungsansprüche für ihre Theorien aufrechtzuerhalten. John Rawls. Es werden daher nun einige Aspekte älterer wie neuerer Vertragstheorien im Ausgang der Theorien des Wiederbegründers der modernen Gesellschaftsvertragslehre. Wenn man diesen Schritt unternimmt. diese selbst noch sozialphilosophisch untermauern zu können. verlassen. Es ist nicht klar. . den Verallgemeinerungsanspruch zugunsten einer solchen Parteilichkeit für politische Unparteilichkeit oder grundsätzliche Rechte aufzugeben. dass Anhänger westlicher sozialer und politischer Normen von einer ursprünglichen Präferenz für diese Lebensweisen ausgehen. Denn man startet dann von einer ursprünglichen Parteilichkeit für Unparteilichkeit und nicht von Verallgemeinerungsnormen. ohne beanspruchen zu können. zu skizzieren sein. Diese Bemühungen haben die jüngere Sozialphilosophie geprägt. die fundamental von Allgemeinheitsansprüchen bestimmt wird. Die sogenannten Gesellschafts- vertragstheoretiker versuchen typischerweise. bis zu welchem Grade Sozialphilosophen bereit sein können. ohne das Feld der traditionellen Ethik zu verlassen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 70 Frankfurt School of Finance and Management angewiesen.

der politischen Philosophie ist eigentlich rundherum überraschend angesichts der Tatsache. Für diese Sicht war zum einen die Auseinandersetzung um die rationale Begründbarkeit moralischer Urteile in der Meta-Ethik (einer Theorie über die Ethik). Zu den älteren neuzeitlichen Vertragstheoretikern sind vor allem Thomas Hobbes. dass die unterschiedlichsten politischen Systeme Anspruch auf rationale philosophische Begründung erhoben. Vor dem Wiederaufstieg der politischen und der Sozialphilosophie Die moderne Sozialphilosophie wird in großen Teilen von den Theorien des Gesellschaftsvertrages als Gegenspielern utilitaristischer Theorien bestimmt. Obschon er dem Gedanken des Gesellschaftsvertrages grundsätzlich skeptisch gegenüber steht. Die verbrecherischsten Systeme taten dies ebenso wie gemäßigte und akzeptable. sei stellvertretend auf David Gauthier verwiesen. Rawlsscher Antiutilitarismus 4. die ihnen die . Immanuel Kant und John Locke zu rechnen. John Rawls. die auch als Anhänger der Gesellschaftsvertragslehre im weiteren Sinne anzusehen sind. Der Wiederaufstieg der Gesellschaftsvertragslehre und der Sozial. Und alle fanden clevere Philosophen. Robert Nozick. dass man im zwanzigsten Jahrhundert gegenüber Ansprüchen auf rationale Begründbarkeit moralischer Urteile extrem skeptisch geworden war. Für die Vielzahl anderer Theoretiker. Buchanan.1. Wiederum kann man mit Jean Jacques Rousseau für viele andere stellvertretend einen weiteren Theoretiker des Gesellschaftsvertrages hervorheben. enthält seine Konzeption des idealen Konsenses wesentliche Elemente einer "Zustimmungstheorie der Rechtfertigung" und damit ausschlaggebende Aspekte der Gesellschaftsvertragstheorie. Mit einigem Recht könnte man sogar Jürgen Habermas noch zu den Vertragstheoretikern rechnen. Das normativ ethische. zum zweiten die Auseinandersetzungen um den Marxismus (sowie verwandte Ideologien) und zum dritten die Beobachtung verantwortlich. Hier unterscheidet man zwischen den sogenannten alten und den neuen Vertragstheoretikern.bzw. insbesondere normative sozialtheoretische Denken insgesamt schien mehr mit Ideologie als mit rationaler Begründung zu tun zu haben. Die modernen oder neuen Vertragstheoretiker sind zunächst einmal James M.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 71 Frankfurt School of Finance and Management 4.

sondern. die rationale Begründbarkeit dieser Ideale und dieser Kämpfe schien jedoch ausgeschlossen. Es schien. Denn auch in der Ethik war der zuvor selbstverständlich erhobene Anspruch auf umfassende rationale Begründbarkeit in Zweifel geraten. das mochte sich aufgrund irgendwelcher Ideale sehr wohl noch lohnen. die dem Buch gewidmet wurde. wie die nach dem guten Leben mit rationalem Rechtfertigungsanspruch zu behandeln. „wie sollen wir staatlich oder nicht- staatlich miteinander leben?“. Wo in der Ethik der Übergang von der normativen und inhaltlichen Ethik zur Meta-Ethik erfolgte. 4.2. u. „wie reden wir darüber. kann der Grund nicht darin gelegen haben.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 72 Frankfurt School of Finance and Management ideologische Begleitmusik auf häufig durchaus scharfsinnige Weise lieferten – (auch Hitler und Stalin fanden ihre "philosophische" Entourage). gefunden. zuzuwenden. wenn überhaupt entsprechende normative Urteile begründen?“ Das alles änderte sich mit dem Erscheinen von John Rawls’ Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ im Jahre 1970. Für praktische Ziele zu kämpfen. dass letztlich wenig dafür sprach. der Moralpsychologie etc. dass sich in politischen Fragen ein Ausmaß intersubjektiver Übereinstimmung erreichen ließ. normative ethische Fragen. Man ging von der inhaltlichen normativ ethischen Fragestellung ab. wie wir miteinander leben sollen und wie lassen sich.a. Die Situation bei Veröffentlichung der Rawlsschen Theorie Die wesentlichen Elemente von Rawls Theorie waren in der Philosophie an sich ohnehin bekannt (vgl. auch die hier vorangehende Darstellung). um sich Problemen der ethischen Sprache. Da die Aufsätze überdies teilweise eher klarer und überzeugender scheinen als das Buch. dass die Aufsätze zu theoretisch und schwer verständlich waren. Man traute sich nicht mehr. das auch nur halbwegs mit dem Ausmaß vereinbar war. während erst das Buch die . Diese Aufsätze hatten jedoch keineswegs die Aufmerksamkeit. Durch Rawls selbst waren sie in einschlägigen Aufsätze schon ca. da erfolgte analog der Übergang von der politischen Theorie und Sozialphilosophie zur Analyse der politischen Theorien. 2 Jahrzehnte vor Erscheinen seines Hauptwerkes publiziert worden. Konkret. man fragte nicht mehr. Ganz allgemein konnte man das gleiche in der Ethik beobachten. in dem man über Sachthemen Einigkeit erzielen konnte.

zu denen auch insbesondere ein geneigtes Publikum gehört. stellte sich jedenfalls für alle. doch wäre sein Erfolg ohne das entsprechende politische Klima. sondern an eine zukunftsgewandte Neuorientierung gedacht werden konnte. kaum denkbar gewesen. wie dies denn "gerecht" zu geschehen habe. . dass es nicht mehr allein um dessen politische Ver. die weit eher aus sich heraus aufgrund einer innerwissenschaftlichen Dynamik beachtlich sein können. es gab "etwas zu verteilen".Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 73 Frankfurt School of Finance and Management Konzeption von Rawls in ihrer ganzen Breite und verständlicher darlegte. Was also kann den Erfolg der Theorie erklären? Die plausible Erklärung dafür. wurde auch die Verteilungspolitik zunehmend bedeutsam. Die Frage. Zwar wäre es verfehlt. Verteilungsgerechtigkeit wurde zudem auch deshalb zu einem bedeutenden Thema. In gewisser Weise ist Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ Bestandteil und Ausdruck des kulturellen und ideologischen Aufbruchs der 60- er Jahre. Weltkrieg lag in den 60-er Jahren so lange zurück. welches ja nicht nur in der jüngeren Generation zu einer Neubestimmung von Weltanschauungen führte. Verteilungsgerechtigkeit wurde zwangsläufig zur Staatsaufgabe. es gab eine Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums. dass immer mehr Anteile des gesellschaftlichen Wohlstandes de facto durch öffentliche Instanzen verteilt wurden. die Verteilungsgerechtigkeit überhaupt als eine Staatsaufgabe ansahen. Anders als etwa im Falle von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. weil die Staatsquote in allen westlichen entwickelten Industrienationen massiv gestiegen war. Die Aufbruchstimmung der 60-er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts half hier so wie hundert Jahre früher die Zeichen eines industriellen Aufbruchs für den Utilitarismus und fünfizig Jahre zuvor für den Sozialismus günstig standen. dass Rawls’ Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ ein so überwältigender Erfolg beschieden war. Rawls einfach als den politischen Theoretiker der nicht- marxistischen (Alt-)68-er „Linken“ zu bezeichnen. Indem man immer größere Bereiche der Gesellschaft politisiert hatte. dass die Zeit für die Rawlssche Theorie erst „reif“ sein musste. liegt darin. Es gab Wirtschafts- wachstum.und Bearbeitung gehen musste. weil man die Aufgaben des Staates so ausgeweitet hatte. dass niemand ihm noch nachhaltig ausweichen konnte. bedarf es für den Erfolg einer sozialphilosophischen Theorie externer Faktoren. Dieses Anwachsen der Staatsquote bedeutete auch. Der 2.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 74 Frankfurt School of Finance and Management Die großen kollektiven Anstrengungen. Diese Rechte werden ebenfalls nicht aus einem vorgesellschaftlichen oder vorstaatlichen Zustand in den vergesellschafteten staatlichen Zustand gleichsam . die das Recht durchsetzen. gilt erst recht für die sogenannten positiven Teilhaberechte. sondern letztlich von der Gemeinschaft gewährte oder eingeräumte Privilegien. um sie gleicher zu machen. Diese Grundfreiheiten sind für ihn anders als für den klassischen Liberalismus nicht in natürlichen Rechten verankert. Individuen haben diese Rechte nicht "vor" dem Staat. des modernen Sozialstaates. die Allgemeinheit. war in den USA ebenso wie in anderen Nationen spürbar. Man behandelte die Menschen nach staatlichen Regeln zunehmend ungleich. Jeder soll die umfassendsten Freiheitsrechte. das Bestreben. Auch die fundamentalen Bürgerrechte sind vom Staat in Form der Rechtsordnung „produziert“. Mögen diese auch aus europäischer Sicht immer noch gern als "kapitalistischer wilder Westen" betrachtet werden. Weltkrieg auch für die liberalen Rechtsordnungen mit sich gebracht hatte. Das galt sogar für die Vereinigten Staaten von Amerika. Was für die negativen Abwehrrechte des klassischen Liberalismus gilt. Alle freien westlichen Staaten waren zu Wohlfahrtsstaaten ausgeprägter Art geworden. 4. denn es sind der Staat bzw. durch den Staat zuerkannt erhalten. die – ganz kantisch – mit der gleichen Freiheit aller anderen vereinbar sind. das Konzept einer freiheitlichen und zugleich sozial gerechten Ordnung und das für diese relevante Gleichheitskonzept neu zu bestimmen. Daraus entstand ein zunehmendes Bedürfnis. Letztlich ist es aber der Staat. der diese Rechte kreiert und durchsetzt. Das private Recht des einzelnen ist letztlich ein öffentliches Recht. hatten gewiss dem Gemeinschaftsdenken gegenüber dem bürgerlich-individualistischen Denken Vorschub geleistet. Unterschiede zwischen den Menschen durch Politik auszugleichen.3. Sie bringen sie nicht mit in den kollektiven Verbund des Staates ein. Rawls tritt für den Primat bürgerlicher Grundfreiheiten ein. Der Grundansatz von Rawls’ Gerechtigkeitstheorie Rawls Theorie der Gerechtigkeit beansprucht eine Rechtfertigung für beides zugleich zu sein: den liberalen Vorrang der individuellen Grundfreiheiten und wohlfahrtsstaatliche fundamentale Umverteilung. die insbesondere der 2.

3. Denn auch im Rawlsschen Ansatz nimmt die theoretische Rechtfertigung von individueller Autonomie und Zustimmung ihren Ausgang. Rawls Theorie ist eine "Zustimmungstheorie der Rechtfertigung". da besteht das repräsentative . Insbesondere die Idee einer aus Naturrechten abgeleiteten staatlichen Rechtsordnung. die erst durch die künstlichen Mechanismen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit entstehen. der wird sich womöglich fragen. die den Menschen von Natur aus zukämen. Separatheit der Person als Kern der Vertragstheorie Wer der Charakterisierung des Rawlsschen Ansatzes bis zu diesem Punkte gefolgt ist und über keine vorherige Kenntnis des Rawlsschen Denkens verfügt. die gegenüber vorherigen individualrechtlichen Positionen bloß derivativ ist. Rechnung getragen werden. was denn das ganze mit der Gesellschaftsvertragslehre und überhaupt dem Vertragsgedanken zu tun haben kann. Es ist nicht überspitzt. doch gewiss nicht in das Rawlssche System. Auf der Stufe der Rechtfertigung normativer theoretischer Urteile soll dem Ideal des Respektes für Personen. Es wird aber die Rechtfertigungstheorie für die Gesellschaftsordnung in einer Weise gebildet. sondern es geht um Ansprüche. im Falle von Rawls von einer "Gesellschaftsvertragslehre ohne Vertrag" zu sprechen. Wo der Utilitarist letztlich in Verfolgung seiner eigenen Ideale neutraler unparteiischer Urteilsbildung das Urteil des ethisch und moralisch Urteilenden gänzlich den individuellen Einzelurteilen der je Betroffenen unterstellt. dann geht es in der Regel nicht um Ansprüche. Eine Berührung mit klassischen vertragstheoretischen Überlegungen gibt es dennoch. 4. Wenn der Staat verteilt. Diese Frage ist durchaus berechtigt. das Rawls zu Recht für vertragstheoretisch hält. um Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 75 Frankfurt School of Finance and Management mitgebracht. für die das Element individuell-autonomer Zustimmung konstitutiv ist. Die Bildung der Gesellschaft und des Staates werden zwar selbst nicht als Vertragsschluss modelliert.1. Denn die Bildung der Gesellschaft durch freie vertragliche Zustimmung – etwa vergleichbar mit der Bildung eines Vereins oder Klubs – spielt in Rawls Theorie keine Rolle. gehört zwar zur klassischen Gesellschaftsvertragslehre. Auf dieser Stufe soll auch der entscheidende Unterschied zum Utilitarismus angesiedelt sein.

was – jedenfalls nach den Vorstellungen von Rawls – ein rationaler kompetenter Moralbeurteiler tun sollte. unbegabt und hässlich zugleich) verdient Anerkennung und Respekt seiner personalen Interessen und das drückt sich darin aus. dass man in jeder gesellschaftlich möglichen Position mit der gleichen Wahrscheinlichkeit sein könne.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 76 Frankfurt School of Finance and Management Individuum von Rawls darauf.11 Entscheidend für die Rawlssche Theorie ist es. Die Rawlsschen Vorschläge. die ein Urteil vom moralischen Standpunkt aus zu fällen wünscht. wenn er die grundsätzlichsten gesellschaftlichen Institutionen und den fundamentalen Staatsaufbau als ganzen einer Beurteilung zu unterziehen wünscht. Das Ideal der Separatheit der Person drückt sich für Rawls institutionell darin aus. wo für den Utilitaristen die Annahme. Die mögliche Willkür dieses Verfahrens sucht Rawls durch ein sogenanntes "Entscheidungsverfahern für die normative Ethik" einzuschränken. Diese Art der Rechtfertigung ist im übrigen in jedem Falle einer Rechtfertigung vorzuziehen. dass der Moralbeurteiler eine Person mit eigenen moralischen Vorstellungen ist. Jede Person muss als Person geachtet werden. Der Moralbeurteiler exerziert in der Theorie durch. da lehnt Rawls eine solche Quantifizierung des „Risikos“ ab. Dies allein ist für ihn ein angemessener Ausdruck des Respektes vor jedem der Individuen. dass allen Individuen unverletzliche Grundfreiheiten oder Abwehrrechte zuerkannt werden müssen. nach dem man das maximale Minimum mit der Wahl der Gesellschaftsform zu realisieren sucht. den natürlichen Ausdruck des Bemühens um Neutralität und Verallgemeinerbarkeit bildet. richten sich an einen derartigen kompetenten Moralbeurteiler. die "Separatheit der Person" auch gegen und unabhängig von den Urteilen der vielen separaten Personen durchzuhalten und zu respektieren. 11 Jedenfalls ist dies ein direkte normative Rechtfertigung der Rawlsschen Bevorzugung des sogenannten Maximinprinzips. Auch der schwächste und ärmste unserer Mitbürger (womöglich arm. dass im Vergleich unterschiedlicher Gesellschaftsstrukturen jeweils ausschließlich auf die Interessen der am schlechtesten gestellten Individuen geachtet wird. . Dort. Mit Blick auf die Verteilung der Grundgüter der Gesellschaft durch Teilhaberechte geht es um jedes Individuum gleichermaßen. die Gesellschaft nach seinem Wohlergehen zu beurteilen. die das Maximinprinzip als Ausfluss der Rationalität in hoch riskanten Hoch-Kostensituationen sieht. wie man eine Theorie der Gerechtigkeit formulieren sollte. Er verlangt.

Denn sein moralischer Standpunkt ist davon gekennzeichnet. die der Norm interpersonellen Respektes Ausdruck verleihen. Andere zu respektieren. Zweitens bringt der Moralbeurteiler gewisse „inhaltliche“ Moralvorstellungen mit. sich auf die Registrierung der Wünsche der anderen ohne eigene Bewertung dieser Wünsche selbst zu beschränken. was es denn sei. beliebige Präferenzen anderer Individuen zu respektieren. heisse nicht.3. gleichviel. Wenn man nämlich die Präferenzen anderer Moralbeurteiler nach den eigenen bewerten darf.2. was die anderen wollen. so hat auch der moralische Standpunkt des Rawlsschen Moralbeurteilers zusätzliche Eigenschaften. Respekt meint Rawls. dass das von Rawls vorgeschlagene Verfahren entweder nur zu einer Zementierung je eigener Vorurteile oder zur Zirkularität führen könne. Der Rawlssche Moralbeurteiler wünscht erstens Urteile zu fällen. dass man neutral akzeptieren müsse. Rawls glaubt jedoch gleichwohl. Die Unparteilichkeit des .Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 77 Frankfurt School of Finance and Management 4. bedeutet für Rawls nicht. die dem inter-personellen Respekt direkt zuwider laufen. Und viertens gehen in die Bildung des Urteiles auch externe Theorien ein. Beide Einwände sind zumindest prima facie nicht unberechtigt. Er ist mit gewissen Werten aufgewachsen und keineswegs vollkommen geschichtslos. dass Werte anderer. dass er andere Individuen als separate Personen respektiert. Insbesondere die letzten beiden Aspekte nähren den Verdacht. dann scheint man die Voreingenommenheit für die je eigenen moralischen Sichtweisen und Vorurteile methodologisch abzusegnen. dann wird das Ergebnis im Sinne der eingehenden Theorien vorgeprägt. Der Respekt vor der Separatheit von Personen schließt insbesondere ein. Wenn man Theorien in die Bildung der eigenen moralischen Sicht eingehen läßt. Als moralische Person ist der Rawlssche Moralbeurteiler drittens – anders als der unparteiische Beobachter der utilitaristischen Theorie – von seiner Theorie her nicht gezwungen. den Einwänden begegnen zu können. die die Urteilsbildung systematisieren und gewisse zusätzliche Adäquatheitskriterein liefern. vernachlässigt werden dürfen. Moralischer Standpunkt und moralisches Urteil kompetenter Moralbeurteiler bei Rawls So wie der Utilitarist seine Theorie nicht auf den einen Aspekt der Verallgemeinerungsfähigkeit reduziert.

So wie das Konzept der Person selbst wesentlich von unserer Fähigkeit abhängt. wie ihn das Los treffen wird oder welche Position er nachher einnehmen wird. wenn man bereits bestimmte Theorien darüber. Verfassungswahl nach Rawls Von Rawls wird angenommen. eine Person zu sein. in die Theoriebildung eingehen lässt. der an einem auf Verallgemeinerungsfähigkeit abstellenden moralischen Diskurs teilnehmen will. bei der keiner weiß. kommt zwangsläufig zu einem Urteil über die Grundstruktur der Gesellschaft. Die moralische Wahl entspricht einer Wahl zwischen Losen. dass dem vorgeblich neutralen kompetenten Moralbeurteiler einfach parteiisch die jeweils subjektiven Präferenzen des Theoretikers untergeschoben werden. daß moralische Urteile verallgemeinerungsfähig zu sein haben.4. welches ihm das Auffinden entsprechender Urteile erleichtert. Die Annahme. Die Gefahr. dass bei einer solchen Vorgehensweise am Ende blanke Willkür herrscht. was es überhaupt heißt. meint Rawls. Für ihn ist diese Modellierung selbst ein Instrument kluger Urteilsbildung.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 78 Frankfurt School of Finance and Management moralischen Standpunktes geht nicht soweit. Rawls sucht dieser Gefahr dadurch zu begegnen. dass er von einem lebenserfahrenen kompetenten Moralbeurteiler ausgeht. daß Entscheidungen unter Unsicherheit über die eigene Betroffenheit getroffen werden. . Jede Gesellschaft entspricht einem Los in der Lotterie des Lebens. Ein solcher Moralbeurteiler. Sie ist jedenfalls für denjenigen wohlbegründet. das einen Vorrang der Grundfreiheiten und eine Verteilung enthält. die den schlechtest gestellten Bürger relativ am besten stellt. unsere eigenen Wünsche zu bewerten und besipielsweise auch den Wunsch hegen zu können. Zugleich meint Rawls unter anderem. scheint allerdings offenkundig. 4. dem es um eine unparteiische Urteilsbildung geht. dass man eine angemessene Moralkonzeption nur bilden könne. andere Wünsche zu entwickeln. bildet das Gegenstück zu der allgemeinen moraltheoretischen Auffassung. so kann der Rawlssche Beurteiler auch Wünsche anderer einer Bewertung unterziehen. daß die Moralbeurteiler ihre Urteile über die Verfassungsalternativen in Unkenntnis der eigenen Position in der Gesellschaft und insoweit hinter dem von ihm so genannten Schleier des Nichtwissens bilden. dass sie ein Werturteil über die Präferenzen anderer ausschlösse.

g1n}. welche das maximale Minimum bietet. Es fragt sich. die sie wählen könnten. reduziert sich auf die Frage. ob sie in einer Gesellschaft einmal Straßenkehrer oder Bankdirektor sein werden und wenn Straßenkehrer die schlechteste gesellschaftliche Position ist..Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 79 Frankfurt School of Finance and Management Wenn rationale Individuen nicht sicher wüßten.gj ∈G unter Vernachlässigung aller anderen Möglichkeiten allein danach bilden. . Folgt man der ursprünglichen Sichtweise von Rawls würden sie ihre Präferenzordnung unter verschiedenen Gesellschaften gk. ob gk besser als gj oder gj besser als gk oder gk genauso gut wie gj gilt. g22... dass man nur auf die letzte Spalte zu blicken hat und sich unter den Minima der Gesellschaften das maximale heraussucht. dann erhält man bei bewußter Ausklammerung von Wahrscheinlichkeitsinformationen die "Lotterien" g1 = { g11. In der Tabelle sieht das so aus. g2 = {g21. so würden sie nach Rawls allein auf die Position des Straßenkehrers blicken. gr2.. daß die jeweiligen n- ten Positionen (die "Minima" der jeweiligen gesellschaftlichen Grundstrukturen) geordnet werden... die jeweils nach der absteigenden Positionsnummer besser werden (niedriger nummerierte Positionen der gleichen Gesellschaft sind besser als höher nummerierte). wie gut sie die schlechteste Position in der jeweils zur Wahl stehenden Gesellschaft einschätzen: Sie würden die Gesellschaften nach dem Kriterium beurteilen. g2n}. Unter den Gesellschafts- Lotterien wird eine Wertordnung einfach dadurch gebildet. Allgemein konzentrieren sie sich auf die schlechteste der gesellschaftlichen Positionen jeder der möglichen Gesellschaften. g12. ob aus Sicht des Beurteilers i gkn Pi gjn oder gjn Pi gkn oder gjn Ii gkn gilt. . Dabei steht P für „wird strikt vorgezogen (präferiert)“ oder ist „besser als“ und I für ist „ebenso gut wie“ oder wird „indifferent“ eingeschätzt. Nimmt man an. gr = {gr1. Die Frage.. Hierbei ist etwa gr1 die beste Position der r-ten Gesellschaft und g22 die zweitbeste Position der zweiten Gesellschaft etc. . .. was für die schlechteste Position gilt..... grn}. daß es insgesamt r verschiedene Gesellschaften gj ∈ G mit jeweils n gesellschaftlichen Positionen gibt. .

g1n g2 g21 g22 . wie bei der alphabetischen Ordnung von Wörtern die vorderen Positionen der Buchstabenfolge zuerst Beachtung finden...... . . . ... g2n ..Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 80 Frankfurt School of Finance and Management g1 g11 g12 . wenn alle schlechtergestellten Individuen in beiden Gesellschaften gleich gut gestellt sind.. g´ aus.. Es ist nicht einsichtig zu machen. Bei Rawls wirkt sich eine Besserstellung der Bessergestellten in einer Alternative g gegenüber g´ jedoch nur dann auf die Präferenzordnung unter den Alternativen g. .. .. . .... Wäre nämlich unter den schlechteren Positionen eine Ungleichheit der Positionen vorhanden........... . .. grn Tabelle 4 Diese Problemreduktion erscheint – ungeachtet aller alltäglichen Risikoscheu. so müßte wegen der vorrangigen Bewertung der Gesellschaften nach dem Wohlergehen der schlechter gestellten Individuen g besser als g´ bewertet werden.. warum auch kleinste Nachteile der schlechtesten Positionen einer Gesellschaft nicht durch Vorzüge besserer Positionen wettgemacht werden könnten. Die schlechteren Positionen machen ihren Einfluss auf die Einordnung vorrangig geltend.... .. So. . . Warum sollte jemand nur auf die schlechteste Position einer Gesellschaft blicken und alle anderen Informationen vernachlässigen? Der rationale Entscheider sollte im Umgang mit Lotterien alle Informationen verwerten. Rawls nimmt eine lexikographische Vorordnung der schlechteren gesellschaftlichen Positionen vor... etwa gik besser als g´ik.. die wir in fundamentalen Belangen an den Tag legen – alles andere als plausibel..... .. . . . gehen hier die hinteren oder schlechteren gesellschaftlichen Positionen voran.... . gr gr1 gr2 . über die er verfügt.

Rawls würde allerdings darauf bestanden. Es führt jedoch kein Weg an der Einsicht vorbei. die wir während unseres Arbeitslebens mit einer täglichen Berufsfahrt zur Überwindung einer Distanz von 50 Kilometern auf uns nehmen. Die Gesundheitsgefährdung. Mit einer gewissen Plausibilität kann man tatsächlich darauf verweisen. dass seine Theorie gerade einige der schwerwiegendsten Einwände gegen den Utilitarismus vermeidet. um diesen Punkt zu illustrieren. daß man gerade auf die am schlechtesten gestellten Individuen schaut.5. entspricht nach seriösen Schätzungen in etwa der Gefährdung. Hinter dem Schleier der Unwissenheit über das spätere Gesundheitsschicksal. so scheint das geringe Zusatzrisiko durch die Ausstattung mit nur einer Niere nicht allzu bedeutsam. daß die von Rawls in seinem ursprünglichen Ansatz zugrundegelegte Entscheidungstheorie eher simplistisch anmutet. sollte jedermann angesichts dieser Ausgangslage es bevorzugen. die sich durch Ergreifung eines gefährlicheren Berufes ergibt. Die Gefährdung des interpersonellen Respektes durch die Vertragstheorie Wenn man einem gesunden Individuum mit zwei vollständig gesunden Nieren eine der Nieren entfernt. die von dieser medizinischen Maßnahme ausgeht. sondern sogar die Lebendspende von Nieren im Falle des Nichtvorhandenseins von . Das kann man von der zuvor skizzierten Theorie John Harsanyis nicht behaupten. obwohl sie am Ende zu recht ähnlichen Konsequenzen führt. wenn man sein eigenes Modell ernst nimmt keineswegs der Fall.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 81 Frankfurt School of Finance and Management Rawls hat sein Grundmodell in verschiedener Weise zu verteidigen versucht. dann beinhaltet das für dieses Individuum ein ziemlich geringes zusätzliches Risiko. 4. Ein Beispiel mag ausreichen. daß sich der Respekt vor dem einzelnen Individuum im Vorrang der Grundfreiheiten und darin ausdrücken sollte. Da das Leben mit einer Niere im übrigen praktisch von gleicher Qualität für den Gesunden ist wie das Leben mit zwei Nieren. Dialysepatient zu sein. Das Leben ohne Nieren als Dialysepatient ist hingegen von bedeutsamen Einschränkungen der Lebensqualität und auch der potentiellen Lebensdauer geprägt. ist ein schweres Los. Das ist jedoch dann. wenn nicht nur die Leichenspende von Nieren als obligatorisch angesehen. Die zusätzliche Gefährdung ist gewiss nicht höher als die Gefährdung.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 82 Frankfurt School of Finance and Management

Leichenorganen zur Pflicht gemacht würde. Jedes rationale Wesen sollte hinter
dem Schleier der Ungewissheit über das eigene Gesundheitsschicksal eine
entsprechende Regelung akzeptieren. Es scheint auch nicht völlig
ausgeschlossen zu sein, dass entsprechende Regelungen in Gesellschaften
durchgesetzt würden.

Für die obligatorische Leichenspende dürfte insbesondere auch in einem
Rechtsumfeld wie dem deutschen sehr viel sprechen (vgl. Hoerster, N. (1997)).
Denn wir kennen ein relativ ausgebautes System von Hilfspflichten und Strafen
für den Fall des Unterlassens der Hilfsleistungen. Damit erzwingen wir mit
strafbewehrten Regeln positives Handeln. Hilfeleistungen werden als zumutbar
und deren Unterlassung als strafbar – jedenfalls unter bestimmten Umständen –
angesehen. Unsere Gesellschaft kann damit recht problemlos zurechtkommen,
selbst wenn die betreffenden Regelungen, die im wesentlichen von den
Nationalsozialisten eingeführt wurden, manchmal weit zugunsten anderer in das
individuelle Leben eingreifen.

Ein Argument für derartige Regelungen scheint zu sein, dass ihnen hinter dem
Schleier der Unwissenheit über die eigene Betroffenheit, nahezu jedermann
zustimmen würde und sie im späteren Leben keine unzumutbaren Belastungen
für die Hilfeleistenden mit sich bringen. Die Spende einer Leichenniere
erscheint abgesehen von einigen weltanschaulichen Verzerrungen, die sich aus
bestimmten religiösen Auffassungen ergeben können, als relativ unbedeutend.
Man könnte daher recht gut argumentieren, dass jedermann einer solchen
Regelung rationalerweise zustimmen würde oder doch sollte. Die Tatsache, dass
einige Bürger aufgrund metaphysischer Überzeugungen meinen könnten, dass
eine Spende von Leichenorganen ihnen nicht zugemutet werden dürfe, bildet für
die libertären Versionen der Vertragstheorie allerdings ein Problem. Denn der
Respekt vor den weltanschaulichen Überzeugungen anderer scheint es nahe
zulegen, durchaus auch Auffassungen zu respektieren, die nicht auf rationale
Überzeugungen zurückgehen.

Genau hier wird der libertäre Vertragstheoretiker vielleicht im Gegensatz zum
politischen Libertären, der einfach für freiheitliche Institutionen eintritt,
argumentieren, dass die Fiktion eines vertraglichen Konsenses hilfreich ist. Er
wird sagen, dass die Institution einer Zwangsspende von Leichennieren so sehr
im Interesse aller liegt, dass ein Vertrag diesen Inhaltes unter rationalen

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 83 Frankfurt School of Finance and Management

Individuen einmütig geschlossen würde (vgl. Kliemt, H. (1994)). Und
tatsächlich würden rationale Individuen einen solchen Vertrag schließen; wobei
allerdings der Grund für diese Voraussage einfach in der Gleichartigkeit der
Interessen liegt und man den Vertrag als solchen gar nicht zu bemühen braucht.
Wie Hume bereits wusste (Hume, D. (1777/1985), "Of the original contract",
deutsch Hume, D. (1976)), ist der Vertragsgedanke dann überflüssig bzw. leistet
wenig, wenn der einzige Grund für die Annahme, eine Zustimmung liege vor,
darauf zurückgeht, dass man ein gleich gelagertes Interesse aller diagnostiziert.

Aber das gleich gelagerte Interesse liegt tatsächlich vor. Warum also nicht eine
Spendenpflicht für Leichenspender annehmen? Über die Möglichkeit einer
Zwangsverpflichtung zur Blutspende im deutschen Recht ist ebenfalls mit guten
Gründen gestritten worden. Ein entsprechendes Ansinnen scheint im deutschen
Rechtsrahmen keineswegs von vornherein absurd. Die Leichenspende einer
Niere könnte man daher ebenfalls verpflichtend machen wollen (vgl. zur
Zumutbarkeit der Hilfeleistung Frellesen, P. (1980)).

Es scheint allerdings, dass man mit dem vorangehenden Argument auch die
Spende einer Niere durch einen Lebenspender als Hilfspflicht begründen könnte.
Die Lebendspende einer Niere ist zwar ungleich bedeutsamer als etwa die bloße
zwangsweise Blutspende durch einen Lebenden, doch bewegt sie sich immer
noch in einem Bereich, in dem keine dramatischen Einbussen an Lebensqualität
zu erwarten wären. Würden wir nicht dennoch sagen, es sei absurd, eine solche
Verpflichtung zu unterstellen?

In jedem Falle ist klar, dass hinter dem Schleier der Unkenntnis über die eigene
Betroffenheit der Erlass von Regeln, die eine Verpflichtung zur zwangsweisen
Hergabe einer Niere im Gegenzug für ein entsprechendes Hilfsversprechen
durch andere vorsehen, interessegemäß für jeden wären. Damit entsteht das
Problem, warum solche Regeln nicht in einer Zustimmungstheorie der
Rechtfertigung als legitimiert angesehen werden sollten. Sie liegen im Interesse
von praktisch jedermann und greifen – anders als das Opfer des eigenen Lebens
– nicht in einer Weise in unser Leben ein, die emotional von den Betroffenen
nicht bewältigt werden könnte. Es scheint daher so, dass ein Anhänger des
Gedankens vom fiktiven Gesellschaftsvertrag entsprechende Vorgehensweisen
für moralisch gerechtfertigt halten muss. Darüber hinaus sollte er es für legitim
halten, die betreffenden Institutionen in der Gesellschaft einführen zu wollen.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 84 Frankfurt School of Finance and Management

Wenn wir Anhänger der Gesellschaftsvertragslehre sind, wird uns ein moralisch
überzeugender Grund geboten, uns die Einführung der Institutionen
zwangsweiser Lebendspende zu wünschen. Viel mehr kann Moraltheorie nicht
leisten. Sie kann unseren Legitimitätsglauben und unsere Neigung, Dinge
moralisch zu befürworten bzw. zu kritisieren, anleiten. Wenn wir moralische
Vertragstheoretiker sind, dann führt uns unsere Moraltheorie dementsprechend
dazu, Institutionen, die Zwangsentnahme von Nieren bei Leichen- oder auch
Lebendspendern, zu befürworten. Im Rawlsschen Modell, das die schlechtest
gestellten Individuen vornehmlich betrachtet, sollte das erst Recht der Fall sein.

4.6. Systematisch irreführende vertragliche Gerechtigkeitstheorie

4.6.1. Scheinfreiwilligkeit

Aus dem vorangehenden kann man entweder den Schluss ziehen, dass wir uns
an eine entsprechende Reform gesellschaftlicher Institutionen oder dass wir uns
an eine Reform der vorherrschenden moraltheoretischen Auffassungen
heranwagen sollten. Im ersten Fall würden wir zu recht radikalen
Umgestaltungen realer Institutionen schreiten müssen. Es müsste zugelassen
werden, dass im Falle der Lebensgefährdung reale Verträge zur Lebensrettung
durch Risikoteilung akzeptiert werden. Es müssten u.a. bestimmte Akte, die
heute als "Tötung auf Verlangen" klassifiziert werden, aus diesem
Straftatbestand herausgenommen werden. Überdies müsste in den Fällen, in
denen die Verhältnismäßigkeit des Eingriffes in persönliche Rechte wegen der
relativen Geringfügigkeit des Opfers im Vergleich zum Gewinn als gegeben
erscheint, eine Institution der zwangsweisen Lebendspende von Nieren (und vor
allem auch Knochenmark) eingerichtet werden. Zumindest würde sich aus der
Vertragstheorie dafür ein Argument ergeben.

Wer meint, dass fiktive Zustimmung fiktiver Individuen reales Gewicht für die
Rechtfertigung realer Institutionen und zur Rechtfertigung der
Zwangsanwendung gegen reale Individuen haben kann, der muss die voran
gehenden Konsequenzen ziehen. Er rechtfertigt realen Zwang mit fiktiver
Zustimmung. Die Lehre vom Gesellschaftsvertrag legt bei Einbettung in eine
universalistische Ethik diese intuitiv ziemlich inakzeptable gesellschaftliche
Zwangsanwendung nachdrücklich nahe, da rationale Individuen hinter dem

Was in der universalistischen Ethik vorgeblich dazu dient. wird latent subversiv für die praktische Sensibilität gegenüber den höchst realen Eingriffen in die individuelle Autonomie aufgrund hoher ethischer Ideale. Sie wollen eine universalistische Gerechtigkeitslehre formulieren. dann bleibt immer noch die aus Sicht jedes Anhängers realer Freiheit überaus unangenehme Tatsache. dass ihnen das zuwenig ist. Wo "Gerechtigkeit drauf steht". Die Anwendung fundamentaler Zwangsgewalt in der Gesellschaft wird damit durch die vertragstheoretische Fehlbeschreibung zum Ausfluss fiktiver freiwilliger Zustimmungsakte geadelt und damit letztlich entproblematisiert. 4.6. dass die vertragstheoretische Einbettung von Institutionen fundamentaler Zwangsanwendung in eine fiktive freiwillige Zustimmung eine gefährliche Irreführung beinhaltet. wird verharmlost als etwas.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 85 Frankfurt School of Finance and Management Schleier des Unwissens über die eigene Betroffenheit entsprechende Verträge schließen würden. dass bestimmte Institutionen bestimmte moralisch erwünschte Eigenschaften haben können. das möglicher oder vorstellbarer Weise durch Vertrag und Zustimmung zustande gekommen sein könnte. Damit versuchen sie als Gerechtigkeitsproblem zu verkaufen. ist nicht immer "Gerechtigkeit drin" . Die meisten Ethiker werden sagen. Da das so ist. was gerade nicht auf reale vorauf gehende Zustimmung der Betroffenen zurückgeht. ob nicht der Universalismus der Ethik als solcher das eigentliche Problem der normativen Sozialphilosophie darstellt. Denn das. die uns zeigt. sollte man sich fragen. um mit gutem Gewissen fundamentale Zwangsgewalt anwenden zu können.2. sondern am Ende den gesamten ethischen Universalismus los werden. was mit Gerechtigkeit wenig zu tun hat. In einem entsprechenden Reformprojekt der Ethik müsste der meta-ethische Partikularismus auf den Schild gehoben und für bescheidene Ansprüche hinsichtlich der Begründungsfähigkeit von Normen und Institutionen plädiert werden. Vielleicht muss man nicht nur den Utilitarismus und die Gesellschaftsvertragslehre. Wenn jemand demgegenüber den Vertragsgedanken nur als Heuristik verstanden wissen will. die Notwendigkeit einer Zustimmung jedes einzelnen und den Respekt vor seiner individuellen Autonomie auszudrücken.

im großen und ganzen wird niemand in einem Fall wie der Einladung zum Kinobesuch auf die Idee verfallen. wirft damit die Frage der Verwendung von 100 Euro. dass der moralische Schattenpreis der Verwendung von 100 Euro zur Finanzierung eines Kinobesuches und anschließendem Essen mit meiner Tochter in dem nicht realisierten moralischen Gewinn der Hilfe für die hungernden Kinder besteht. kann insoweit auch keine Frage angemessener Ungleichbehandlung entstehen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 86 Frankfurt School of Finance and Management Nehmen wir einmal an. Denkt man an die wirklich empörenden Bilder hungernder Kinder in Drittweltländern. Nehmen wir nun an. dann kann ich also keine Erwartungen enttäuschen und sie insofern auch keineswegs ungerecht behandeln. Ich könnte die Summe Geldes dazu verwenden. Mir scheint. um den Kinobesuch mit anschließendem Essen für meine Tochter und mich zu finanzieren. Es wird im Gegenteil eine universelle Zustimmung finden. Wenn ich sie nicht ausführe. indirekt moralische Fragen auf. Da ich meine Tochter noch nie ins Kino ausgeführt habe. Setzen wir voraus. so kann man feststellen.und wünschenswert hält. Es sei ebenfalls vorausgesetzt. dass die Hilfsorganisation Hilfe im wesentlichen für vorübergehende Notfälle leistet und in einer Form. ich würde überlegen. Da das Konzept des . ob ich die 100 Euro vielleicht an eine mildtätige Organisation wie etwa die Welthungerhilfe spenden sollte. Benutzt man den Begriff des Schattenpreises für die nächstbeste Verwendung von Ressourcen. die die Anreize zur Selbsthilfe und zur Ausweitung der Agrarproduktion in den betroffenen Ländern nicht reduziert. wenn man ein derartiges Hilfsverhalten für moralisch lobens. dann wird man den moralischen Wert einer derartigen Spende nicht von der Hand weisen können. dass moralische Fragen mit dem Problem der Hungerhilfe angesprochen sind. Da ich auch niemanden sonst – nicht einmal mich selbst – in den letzten 20 Jahren ins Kino geführt habe. Insoweit müssen wir ohne Frage davon ausgehen. ich hätte 100 Euro übrig. meine Tochter ins Kino und anschließend in ein Restaurant zu führen. Fragen der Gerechtigkeit berührt zu sehen. wird sie einen derartigen Akt von meiner Seite nicht erwarten. Da wir jeden Euro nur einmal ausgeben können. die ich ins Auge fasse. effizient wirtschaftet und die Hälfte der 100 Euro tatsächlich in Form angekaufter Nahrungsmittel in einem Drittweltland wirksam zur Bekämpfung der Not hungernder Kinder einsetzt. dass die Organisation.

Zugleich wird man nicht voraussetzen dürfen.12 Der moralische Schattenpreis der Verwendung der Ressourcen für die Welthungerhilfe besteht darin. dass wir tatsächlich die 100 Euro spenden und damit hungernden Kindern in der Dritten Welt helfen. doch sei das hier dahin gestellt. als sei nahezu jede moralische Frage. Nehmen wir nun einmal an. die ihnen bei einer moralisch verantwortlichen Entscheidungsfindung helfen können. Man muss überdies darüber entscheiden. Dennoch werden alle Menschen manchmal derartige Überlegungen anstellen. die die Ressourcenverteilung in irgendeiner Weise beeinflusst. der 12 Natürlich gibt es auch einen nicht-moralischen Schattenpreis. dass man jeweils die beste nicht realisierte Alternative betrachtet. . dass jedermann jederzeit umfängliche Überlegungen zu Alternativen mit moralischer Relevanz anstellen wird. dass man den Geldbetrag nicht mehr für die nächstbeste moralische Alternative ausgeben kann. wo die Ressourcen zur Verfolgung moralischer Projekte knapp sind. dass moralische Schattenpreise auftreten und moralisch wünschenswerte Projekte miteinander konkurrieren. Darüber hinaus konkurrieren die Projekte möglicherweise mit solchen. sei hier vorausgesetzt. Unter dieser Voraussetzung ist tatsächlich der moralische Schattenpreis der Verwendung der 100 Euro für den Kinobesuch mit anschließendem Essen in dem entgangenen moralischen Wert der Hilfe für die Dritte Welt zu sehen. ob man ins Kino gehen soll. ist es unausweichlich so. die als moralisch neutral anzusehen sind. muss man in einer Welt knapper Ressourcen angesichts der bestehenden Budgetrestriktionen Entscheidungen treffen. In diesem Falle gibt es ebenfalls einen moralischen Schattenpreis. Es entstehen eine Vielzahl von durchaus schwierigen moralischen Fragen durch diesen Zwang zu Alternativentscheidungen. welches philanthropisches Projekt man auswählen will.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 87 Frankfurt School of Finance and Management Schattenpreises voraussetzt. Man muss sich dafür entscheiden. Eine solche Annahme wäre sicherlich rundweg absurd. oder das Geld lieber für ein philanthropisches Projekt stiften möchte. dass die Hilfe für die Hungernden in der Dritten Welt tatsächlich die moralisch höchststehende Alternative darstellt. Vor allem in einer Welt knapper Ressourcen. haben Philosophen wie insbesondere Rawls den Eindruck erweckt. Was das anbelangt. eine Frage der Gerechtigkeit bzw. In solchen Fällen werden sie nach Kriterien fragen. Was nun die Verfolgung alternativer Projekt anbelangt.

Das ist aber verfehlt. ohne deshalb ungerecht zu sein. keinerlei Anspruch auf meine Hilfe erheben dürfen. die Gerechtigkeit verlange es. Weder behandle ich meine Tochter gerecht oder ungerecht.oder tadelnswert sein. Etwas kann unrichtig im Sinne einer moralischen Theorie sein. ohne gerecht oder ungerecht zu sein. hungernden Kindern zu helfen. weil man die zur Verfügung stehenden Ressourcen eben jeweils nur einmal nutzen kann.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 88 Frankfurt School of Finance and Management Verteilungsgerechtigkeit. Selbstverständlich ist es moralisch zwar wünschenswert. Die Unterlassung der Hilfeleistung gegenüber völlig unbekannten anonymen Individuen in der Dritten Welt als einen Akt der Ungerechtigkeit zu bezeichnen. ihnen zu helfen. noch behandle ich die Hungernden in der Dritten Welt gerecht oder ungerecht. Es ist möglicherweise sogar moralisch falsch. dass hungernden Kindern geholfen wird. Das gleiche gilt für die umgekehrten Handlungen der Spende . Wenn ich nicht die geringste soziale Beziehung mit den Kindern in der Dritten Welt besitze. Handlungen können moralisch lobens. zu behaupten. wenn man angesichts der zuvor angesprochenen Fragen moralischer Opportunitätskosten davon ausgeht. wenn dadurch nicht irgendwelche Pflichten verletzt werden. wenn ich ihnen nicht helfe? Wenn die Kinder über die Tatsache hinaus. sondern nur von ihrem Leid als dem Leid anonymer Individuen weiß. da die Unterlassung der Hilfeleistung eine Verletzung von Forderungen der Moral bilden kann. Ungerechtigkeit ist etwas anderes als moralische Unrichtigkeit. dass es sich bei allen diesen Fragen um Fragen der Gerechtigkeit handelt. Es ist moralisch lobenswert. erscheint jedoch als absurd. wenn ich sie in dem zuvor beschriebenen Fall nicht ins Kino führe. Es ist jedoch nahezu ebenso selbstverständlich. Selbst dann. Das gilt jedenfalls nach praktisch jeder plausiblen Moraltheorie. wenn ich keinerlei direkte Einflussnahme auf sie ausgeübt habe. wird man doch von der These Abstand nehmen müssen. wenn ich sie nicht kenne. dann scheint es doch sehr weit hergeholt. Natürlich ist es wünschenswert. dass nahezu alle Ressourcenallokation in der Gesellschaft indirekt moralische Probleme aufwerfen wird. den Hungernden in der Dritten Welt zu helfen. wie kann ich dann ungerecht handeln. wenn man ihnen nicht hilft. dass es sich in dieser Frage kaum um eine Frage der Gerechtigkeit handeln kann. wenn ich für die Hungernden nicht spenden sollte. dass ihnen meine Geldspende helfen würde.

dann werden daraus typischerweise Erträge und Lasten resultieren. Dafür. Sie tun dies unter bestimmten Erwartungen darüber. Ob diese unterstellten Gerechtigkeitsvorstellungen nach Maßgabe irgendeiner Theorie der Gerechtigkeit als „gerecht“ im theoretischen Sinne angesehen werden oder nicht. dass sie die in ihrer jeweiligen Bezugsgruppe bzw. scheint ausschlaggebend. dass sie die betreffenden Vorstellungen haben würden. als sie die Zusammenarbeit eingingen. dass diese Vorstellungen de facto vorhanden sind. dass die betreffenden Vereinbarungen grundsätzlich einzuhalten sind. die gerechtigkeitsrelevant sind.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 89 Frankfurt School of Finance and Management bzw. können gleichwohl Gerechtigkeitsprobleme auftreten. verlangt jede plausible Moraltheorie ebenso wie jede brauchbare Alltagsmoral. wie sich das Projekt entwickeln wird und welche Erträge und Lasten daraus hervorgehen werden. Wenn die beiden Akteure de facto bestimmte Vorstellungen mit in die Zusammenarbeit bringen und wenn sie beispielsweise zu der Zeit. aus einem Brauch. Gesellschaft vorherrschenden Gerechtigkeitsvorstellungen bezüglich der Güter und Lasten aus der Zusammenarbeit als gegeben unterstellen. dass irgendeine Theorie es als gerecht oder ungerecht bezeichnet. dass eine spezifische Anspruchsgrundlage kontingenter Art fehlt. De facto wird es so sein. ist eine Sache. dann begründen diese Vorstellungen Erwartungen. Wo immer diese kontingente Anspruchsgrundlage herrühren mag. Das gilt ganz unabhängig von der Frage. dass es sich nicht um Fragen der Gerechtigkeit handelt. Die beiden Individuen arbeiten eng zusammen und verfolgen ein gemeinsames Projekt. Das Entscheidende ist. Alle diese Fragen sind einfach keine Fragen der Gerechtigkeit. Im engeren Sinne gerecht oder ungerecht wird etwas nicht allein dadurch. voneinander annehmen mussten. bedeutendere. des Kinobesuchs. voneinander wussten bzw. Theorien der Gerechtigkeit können diese Anspruchsgrundlage selber jedenfalls nicht liefern. aus Verwandtschaftsbeziehungen etc. Sofern es keine expliziten Verteilungsverabredungen gibt. ob die betreffenden Vorstellungen der Kritik Stand halten und einer bestimmten Theorie der Gerechtigkeit genügen können. Dazu ist mehr erforderlich. eine andere. dass diese . ist es.. Soweit die beiden eine Aufteilung der Lasten und Erträge explizit vereinbart haben. Wenn zwei Leute ein gemeinsames Projekt verabreden.

Etablierte Sichtweisen. Weit bedeutender ist es.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 90 Frankfurt School of Finance and Management Vorstellungen de facto vorhanden sind. auch tatsächlich zu trennen. die sich durchaus begrifflich trennen lassen. Es ist etwas anderes. entspricht bzw. was erwartet werden darf oder soll. nicht. dass sie gerecht oder ungerecht genannt werden von irgendeiner Theorie der Gerechtigkeit. oder ob etwas darüber hinaus etablierten Sichtweisen von dem. . Die Besetzung solcher Begriffe wie des Begriffes der Gerechtigkeit ist keineswegs politisch unbedeutsam. einen Monopolanspruch auf eine bestimmte Verwendung des Gerechtigkeitsbegriffes anzumelden. widerspricht. das. Auf der anderen Seite geht es in der Diskussion von Theorien der Gerechtigkeit letztlich nicht darum. deren Etabliertheit allgemein bekannt ist. ob etwas nur nach einer Theorie der Gerechtigkeit als ungerecht oder gerecht bezeichnet wird. bestimmte Phänomene. Diese Erwartungen bzw. sind letztlich ausschlaggebend und nicht irgendwelche philosophischen Theorien der Gerechtigkeit. was gerecht sei. geben zu bestimmten Erwartungen Anlass.

Hume 1739/1978). welche Entscheidungsrechte hat. Rechte bzw. in der die Stabilität des Besitzes. wie man Verfassungspräferenzen auf Präferenzen "repräsentativer Individuen" im Prinzip zurückführen kann. deren Nutzung in wechselseitiger Übereinkunft entweder direkt oder gegen Versprechen von Gegenleistungen zu tauschen. sein Austausch durch wechselseitige Übereinkunft und die Einhaltung von Verträgen (Versprechen) durch freiwillige wechselseitige Anerkennung gesichert sind. Wenden wir uns nun diesen Überlegungen für ein repräsentatives Individuum zu. Politisches Handeln als Koordination individueller Interessenverfolgung Nehmen wir einmal an. Ihr Ansatz einer interessenbasierten Verfassungsbewertung bildet auf der Grundlage ganz ähnlicher Prämissen eine grundsätzliche Alternative zu den zuvor behandelten Überlegungen von Rawls. wir lebten in einer Welt. was David Hume auch als "Naturrecht" bezeichnete (vgl.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 91 Frankfurt School of Finance and Management 5. wechselseitig anerkannten Rechte durch ein Individuum oder mehrere . dass jedes Individuum hinter dem Schleier der Ungewissheit über die eigene spätere Betroffenheit bestimmte konstitutionelle Entscheidungen in gleicher Weise treffen würde. wer im Status quo. Sie geht von der Entscheidungsfindung eines repräsentativen Individuums aus und behauptet. Die Individuen erkennen sich überdies das Recht zu. Buchanans Gesellschaftsvertragstheorie des kollektiven Handelns Buchanans Gesellschaftsvertragstheorie ist ebenso wie die von Rawls eine "Gesellschaftsvertragstheorie ohne Vertrag". 5.1. Niemand will einen anderen ohne dessen Zustimmung in seiner Rechtsposition beeinträchtigen. im Anschluß an ältere gesellschaftsvertragliche Ideen detaillierter untersucht zu haben. Auch unter allgemeiner Anerkennung minimaler Rechtspositionen wird es aufgrund des Zusammenlebens von Individuuen zu sogenannten "externen Effekten" oder "Externalitäten" kommen: Die Wahrnehmung der individuellen. Es ist das Verdienst von Buchanan und Tullock (Buchanan and Tullock 1962). in der alle Individuen ihre grundsätzlichen Rechte wechselseitig anerkennen. Insgesamt liegt eine Situation vor. Es gibt daher keinen Disput darüber. Die Ausgangssituation ist damit durch das gekennzeichnet.

als es j wert ist. aber durchaus durch die Wahrnehmung der Rechte durch den jeweils anderen beeinflußt werden können. B. dann stört das j möglicherweise. sondern für die rechtsgemäße Wahrnehmung aller Rechte vorstellt. die Nachbarn Ruhe und etwas weniger Geld in ihrer Tasche dem Vorzustand vorziehen. das Radio spielen zu lassen. einen wechselseitig vorteilhaften Austausch der Rechte einleiten. U. daß i das Recht zu seinem Handeln besitzt. weil etwa i den Musikgenuß per Kopfhörer und freundliche Beziehungen zu den Nachbarn. der Nachbar i von j das Recht hat. daß i dem j einen Kopfhörer kauft. wechselseitig vorteilhaften Tausch ermöglichenden Sinne "mehr wert" ist. Da j das Recht von i anerkennt. Nun kann es sein. Wenn es i in diesem. bieten und so u. Allerdings gibt es Koordinationsprozesse. kann er Abhilfe nur durch bestimmte Handlungen schaffen. Man denken an Nachbarn i und j. Es zahlt etwa jeder der Nachbarn einen gewissen Beitrag zur Anschaffung des Kopfhörers für i und nachher stehen sich alle besser. daß erst die gemeinsame Aktion dieser Nachbarn zu einer für jeden besseren Lösung führt. Denkt man etwa an das Radiospiel von i. obschon er grund- sätzlich anerkennt. Diese Externalitäten sind keine Rechtsverletzungen. daß er das Radio nicht hört. sondern entstehen in Wahrnehmung der jeweiligen Rechte als Folgen "sozialer Interdependenz". die nicht nur zwei Individuen einbe- ziehen. dann wird es zu einem Abschalten des Radios kommen. Das Ergebnis ist dann durch paarweisen freiwilligen Tausch nicht mehr paretoverbesserbar. sonst nicht. Wenn z. Das Angebot einer Geldzahlung käme hier infrage. Er kann i insbesondere etwas für das Versprechen. Es könnte auch sein. Wenn man sich den zuvor skizzierten Prozeß nicht nur für das Radiospiel. dann kann ein Ergebnis entstehen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 92 Frankfurt School of Finance and Management Individuen hat Wirkungen auf die Zielerreichung anderer Individuen. keine Musik mehr zu spielen. so sind davon möglicherweise mehrere Nachbarn betroffen. daß das Radio spielt. die ihre Rechte wechselseitig respektieren. . ihm gar den Umzug in eine andere Wohnung ermöglicht etc. das durch zweiseitige Übereinkunft nicht verbesserbar ist. Im Idealfalle werden so in freiwilligen Prozessen "bilatralen" Tausches alle Möglichkeiten einer beidseitigen Besserstellung der Individuen durch Koordination ihres Rechtegebrauches ausgeschöpft.

in dem man die Zustimmung von jedermann erwarten darf. nachdem alle derartigen privaten Verträge geschlossen sind. daß es zu wechselseitig erwünschten Verbesserungen kommt. frei von den betreffenden Schallimmissionen in ihre Sphäre zu sein. Es ist nach den vorangehenden Überlegungen klar. die mit dem Aushandeln von Verträgen verbunden sind. Eine reine "Privatrechtsgesellschaft" kann so im Rahmen des Humeschen Naturrechtes zu einem "konsensuell" nicht mehr verbesserbaren Ergebnis führen. Wiederum könnte es notwendig sein. Dann dürften Leute vom Schlage des i keine Schlager mehr hören. über wechselseitige Vereinba- rungen das Verhalten im gemeinsamen Interesse zu koordinieren. wenn sich jeder betroffene gegenüber einem Ausgangszustand besser stellt. Es bildet einen Aufwand. Politisches Handeln wird innerhalb des von anerkannten Rechten bestimmten Bereichs zum legitimen Konkurrenten des privatrechtlichen .Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 93 Frankfurt School of Finance and Management Es könnte natürlich auch sein. dann kann aufgrund freier Übereinkunft "im Rahmen des bestehenden Arrangements von Rechten" niemand mehr besser gestellt werden. Das ist genau der Fall. Etwas anders formuliert: Relativ zum gegebenen konstitutionellen Rahmen individueller Rechte. Wenn jedoch alle derartigen Verträge geschlossen und erfüllt sind. daß etwa die Musikerleider in direkter Nachbarschaft das Recht hätten. Sogenannte "Entscheidungs-" bzw. Es gibt ausgehend von der Zuordnung von Rechten im ursprünglichen status quo keine Chance auf Paretoverbesserung mehr. wenn man Politik als eine Veranstaltung begreift. weitere Personen wie etwa die entfernteren Nachbarn einzubeziehen usw. Das gilt selbst dann. die prinzipiell zu Paretoverbesserungen führen und damit prinzipiell auch privatrechtsgesellschaftlich erreicht werden könnten. daß er sich das Recht darauf von seinen direkten Nachbarn erkauft. Doch könnte der Wunsch von i nach lauter Musik so groß sein. die nur solche Ziele verfolgen darf. "Transaktionskosten". können den Koordinationsgewinn schmälern bzw. ergibt sich ein Spielraum für politisches Handeln. Eine Paretoverbesserung liegt dabei immer dann vor. gänzlich verhindern. daß die zu schließenden Ver- träge womöglich sehr schnell sehr kompliziert und vielfältig werden. Die gesellschaftliche Koordination zur Erlangung der Paretoverbesserungen ist jedoch nicht kostenlos. ist keine Paretoverbesserung mehr möglich. Wenn man diese Kostenfaktoren miteinbezieht.

und nicht nur rechteschützende -. daß jener Teil konstitutioneller Überlegungen. Die wechselseitige Anerkennung von Rechten und der Rechteschutzstaat ("protective state" i. S.Aufgaben überantworten . verfolgen das gleiche Ziel der Realisierung von Paretoverbesserungen relativ zu einem vorgegebenen Rechtezustand. von Buchanan 1985). wenn sie "kostengünstiger" operiert.Zielen verfolgt werden. Konstitutionelle Präferenzen im Ansatz von Buchanan und Tullock Um das weitere Argument richtig zu verstehen."politische" im Gegensatz zu privaten individuellen -. Im Unterschied zum privatrechtsgesellschaftlichen bezieht ein so verstandener politischer Koordinationsmechanismus von vornherein alle Individuen des Kollektivs ohne deren Zustimmung ein. Dies ist möglich. bemißt sich allein nach dem Kriterium. Politische Organisation mit der Macht zur Erhebung von Zwangssteuern und privatrechtsgesellschaftliche Organisation. bereits erledigt ist. daß mit der Politik andere -. daß legitime Politik jedenfalls im Prinzip auf die grundsätzliche Zustimmung jedes Bürgers gegründet werden könnte. Die koordinativ verstandene Politik zielt vielmehr auf die Realisierung der gleichen individuellen Ziele ab. der mit der Festlegung der grundsätzlichsten Rechtspositionen befaßt ist. ob man dem politischen Bereich bestimmte "produktive" -. werden vorausgesetzt. Der Rückgriff auf den politischen Koordinationsprozeß wird nicht damit gerechtfertigt. das "transaktionskosten- günstigere Instrument" individueller Zielverfolgung zu finden. muß man stets beachten. die nicht auf die Steuerzwangsmacht zugreifen kann. Es geht letztlich nur darum. Er ist jedoch prinzipiell ebenso wie der allein private darauf ausgerichtet. der nur die wechselseitig anerkannte grundsätzliche Erstausstattung mit Rechten durchsetzt. Dann wird überlegt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 94 Frankfurt School of Finance and Management Koordinationsmechanismus. wie sie in der Privatrechtsgesellschaft verfolgt werden. Paretoverbesserungen zu ermöglichen. weil eine solche Politik zu jedermanns Vorteil wirkt. Konstitutionelle "Fundamentalpolitik" ist also "schon gemacht". Ein derartiges koordinatives politisches Handeln erfüllt die Forderung. welche von beiden die individuellen Ziele in einem höheren Maße realisiert. Ob eine politische oder eine private Vorgehensweise vorzugswürdig ist. 5.2.

dazu insbesondere Nell-Breuning 1990). 3. daß der Staat nur zum allseitigen Vorteil. wonach der Staat nur dort eingreifen soll. relativ geringere Koordinationskosten als private Organisation aufweist. S. wo er der freien und freiwilligen Organisation der Bürger in der Verfolgung von deren eigenen Zielen überlegen ist und akzeptieren wir zugleich. wenn sie 1. Die nachfolgende Graphik kann die wesentlichen Faktoren anhand der Interaktion von zwei Individuen "Crusoe" und "Freitag" illustrieren: Freitags Zielerreichung Privatvertraglich lohnender Koordinationsbereich Durch Politik zusätzlich lohnende Koordinationen Bei kostenloser Koordination erreich- bare Grenze beidseiti- gen Vorteils status quo Crusoes Zielerreichung Durch private Verträge erreichte Koordination auf der Grenze des lohnenden Bereiches Graphik 1 . die von der politischen Organisation erwarteten Erträge in Form von Pareto- verbesserungen die erwarteten Koordinationskosten der politischen Organisation überwiegen. von Buchanan 1985) besser wahrnehmen kann als der private. weil er diese als Leistungsstaat ("productive state" i. so ist politische Organisation nur gerechtfertigt. zur Realisierung von Paretoverbesserungen dient. aber nicht zu Lasten von Untergruppen tätig werden darf.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 95 Frankfurt School of Finance and Management sollte. 2. Akzeptieren wir das sogenannte "Subisidiaritätsprinzip" (vgl.

daß eine auf die Realisierung von Paretoverbesserungen gerichtete Politik eingreift. das sich an den privaten Koordinationspunkt anschließt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 96 Frankfurt School of Finance and Management Der vom status quo aus schwach gepunktete Breich zeigt private Koordinationen zwischen Crusoe und Freitag an. Es geht nur darum. Dabei werden die Kosten der Koordination zusammen mit den "technischen" Möglichkeiten der Gesellschaft berücksichtigt. Sie kann aufgrund der Koordinationskosten auch dann nicht erreicht werden. einmal der andere (Crusoe. daß der Koordinationsprozeß mehr Aufwand beinhaltet als er an zusätzlichen Koordi- nationsgewinnen erbringt. ost) relativ mehr. Bei einer rein koordinativen. Das betreffende Dreieck ist nach rechts nicht durch die technischen Möglichkeiten. Erstens: Von den anderen bekommt man eine Paretoverbesserung aufgezwungen. wieviel man unter alternativen Verfassungen durch Politik gewinnt. Es liegt im wechselseitigen Interesse. Man kann ihr jedoch durch Politik in dem stark gepunkteten. Insoweit besteht kein Interessenkonflikt. daß Gewinne entgehen. Man . ob die Politik gleichsam stärker nördlich oder stärker östlich ausgerichtet wird. nord). die unter Einbeziehung der privaten Koordina- tionskosten beide besserstellen. Kosten entstehen in dieser Betrachtung ausschließlich daraus. auf Paretoverbesserungen beschränkten Politik gewinnt in jedem Falle jeder. näherrücken. Durch solche Koordina- tionen landen Crusoe und Freitag in der Wurzel des stark gepunkteten Dreieckes. wenn auf Politik zurückgegriffen wird. Nach dem Subsidiaritätsprinzip haben diese pri- vaten Koordinationen Vorrang vor den politischen. Gewinne entgehen auf zwei Weisen. Einmal gewinnt der eine (Freitag. Es besteht jedoch sehr wohl ein Konflikt darüber. Die (halbkreisförmig gezeichnete) Grenze der bei Kostenlosigkeit der Koordination erreichbaren beidseitigen Verbesserungen ist durch die technologischen Möglichkeiten der Gesellschaft bestimmt. sondern dadurch begrenzt. die weniger günstig ist als eine mögliche Alternative. um möglichst einen Punkt auf der nordöstlichen Begrenzung des stark gepunkteten Dreiecks zu erreichen. Vom Startpunkt aus sind alle daran interessiert. durch Politik in nordöstlicher Richtung auf diese Begrenzung hin fortzuschreiten. die von diesem erreichten privaten Koordiantionspunkt aus durch politische Koordination möglich sind. Dieses zeigt den Bereich möglicher zusätzlicher beidseitiger Verbesserungen an. dunkleren Dreieck.

Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 97 Frankfurt School of Finance and Management gewinnt also weniger als man könnte. dazu insbesondere Buchanan and Tullock 1962) verdeutlicht die Entscheidungssituation. Die Summe C+D mißt. . wenn auch nicht so viel. D mißt. wie man könnte. . daß beispielsweise die eine für die Annahme einer Politik eine hundert prozentige. was einem beliebigen aber bestimmten Individuum im Schnitt entgeht. Die Anteile an den durch Politik realisierbaren Kooperationsgewinnen sind für jedes Individuum maximal im Minimum von C+D. dann maximiert er indirekt auch. Sie sollen sich nur dadurch unterscheiden. die nächste eine fünfundsiebzig prozentige. Das andere Mal ist man in der Minderheit bei nicht beschlossenen Maßnahmen oder bekommt einen gewünschten (alle besserstellenden) Beschluß nicht "durch". in der ein beliebiges aber bestimmtes Individuum darüber zu befinden hat. was ihm entgeht. was er bekommt. die nächste eine einfache Mehrheit verlangt. Die nachfolgende Graphik (vgl. C mißt. was ihm entgeht. Man kann den anderen die eigenen Wünsche hinsichtlich der anzustrebenden Paretoverbesserung nicht aufzwingen. indem eine von ihm weniger gewünschte Paretoverbesserung durch eine "gegnerische Mehrheit" realisiert wird. Stets gewinnt man durch alternativ durgeführte Politiken. Der Einfachheit halber wird die Verfassung im wesentlichen durch den "Mehrheits- parameter" q bestimmt. welche Verfassung es nach Maßgabe der unter der Verfassung zu erwartenden Paretoverbesserungen bevorzugt. Zweitens: Man kann eine bestimmte Paretoverbeserung nicht durchsetzen. Wenn er minimiert. Das eine Mal ist man in der Minderheit bei beschlossenen (alle besserstellenden) Maßnahmen. Denn dann entgeht ihm im Schnitt nur ein Minimum der von ihm stärker gewünschen Paretoverbesserungen. Bei den betrachteten alternativen Verfassungen sind alle anderen Aspekte gleich. weil eine von ihm stärker gewünschte Alternative keine Mehrheit findet. wenn es einen bestimmten Mehrheitsparameter von q% für die kollektive Beschlußfassung akzeptiert. Die Summe dieer "Kosten" sucht der rationale Entscheider bei der Wahl der Verfassung zu minimieren. was dem Entscheider entgeht.

das Politik als eine Veranstaltung zum wechselseitigen Vorteil betrachtet. Allerdings bleiben auch in Buchanans und Tullocks . die sich aus nicht verhinderten individuell realisierten individuell unerw ünschten Maßnahmen erw ünschten Maßnahmen ergeben ergeben C+D C D 0% q% 100% Graphik 2 Damit haben wir ein grundsätzliches Modell dafür gefunden. die sich aus nicht D: K osten. löst dies nicht die Frage der Wahl einer für alle verbindlichen Verfassung. die im Sinne seiner ergebnisbezogenen Präferenzen zu einem Maximum erwarteter Paretoverbes- serungen durch politisches Handeln führt. die zu einem höheren erwarten Befriedigungsniveau im Sinne seiner je eigenen ergebnisbezogenen Präferenzen führt. Etwas anders formuliert: Unter der Vielzahl möglicher Verfassungen wünscht jedes Individuum i sich jene Konstitution V. Da die von je zwei Individuen i. wie ein rationales Individuum.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 98 Frankfurt School of Finance and Management C: K osten. ist man nicht angewiesen. Es ist jedoch mit diesem moralwissenschaftlichen Modell einigermaßen präzise dargelegt. Von je zwei Verfassungen V und V' präferiert Individuum i jeweils jene. deren intuitive universelle Plausibilität vorausgesetzt wird. präferierten Verfassungen verschieden sein können. j mit j≠i. inwieweit sie ein geeignetes Instrument der je eigenen Interes- senverfolgung bildet. wie man sich überhaupt den Prozeß einer konsequenzenbasierten Bildung von individuellen konstitutionellen Präferenzen denken kann. Auf den Appell an im weiteren Sinne "moralische Anforderungen" an Verfassungsnormen. im Prinzip ein angemessenes Abstimmungsverfahren auf der Basis seiner eigenen Präferenzen treffen kann. Jeder einzelne bewertet die Verfassung vielmehr danach.

Der Parameter q dient deshalb nun selbst dazu. dann kann man die relevanten Kosten -. die gerade keine Paretoverbesserungen sind. daß das Problem. Das ist letztlich allerdings nur garantiert.bei Vernachlässigung der direkten Koordinationskosten -. den Schutz vor Ausbeutung zu sichern bzw. für die der Mehrheits- parameter q nach der voranstehenden Überlegung gewählt wird. Es bleibt jedoch -. Die Abstimmungen sind nicht mehr darauf beschränkt. überhaupt von der Einstimmigkeitsregel abzugehen. die im Interesse der jeweiligen benötigten Mehrheit (dreiviertel. scheint es höchst problematisch.abgesehen von dem altbewährten Mittel der Abwehrrechte -- eher mysteriös.) liegen. Das bedeutet. nicht jedoch im Interesse der überstimmten Minderheit.nicht mehr . Maßnahmen. die sich allerdings mit ähnlichen Modellierungen analysieren lassen. Weitere Diskussion des Ansatzes von Buchanan und Tullock Das Hauptproblem besteht darin. zweidrittel etc. falls die Beschränkung auf Paretover- besserungen nicht durch externe Vorgaben garantiert wird.. durch externe Vorgaben bereits auf Paretoverbesserungen festgelegt sein muß. einfach ausgeklammert wird. wie man Politik auf den Bereich für jedermann vorteilhafter Maßnahmen einschränken kann.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 99 Frankfurt School of Finance and Management Ansatz eine Reihe von Problemen und Fragen bestehen. Einigen wenigen derartiger Überlegungen wollen wir uns nun als Abschluß dieses Abschnittes zuwenden. Kann man die Lösung dieses Problems nicht unterstellen. Anders formuliert: Wenn man ausschließlich Paretoverbesserungen als legitimen Aufgabenbereich der Politik ansieht. dann ergeben sich neue normative Probleme. scheitern nicht mehr zwangsläufig. wie man in der Mehrheitspolitik einen Verbleib im Bereich der Paretoverbesserungen garantieren kann. die Ergebnisse von Abstimmungen im Pareto-Bereich zu halten. daß der Bereich des für jeden Vorteilhaften nicht verlassen wird? Unter einem geringeren Abstimmungsparameter als der Einstimmigkeit können auch solche Maßnahmen beschlossen werden. 5. Ist nicht nach Einrichtung kollektiver Beschlußverfahren das Veto die einzige Garantie dafür. wenn q=100% gilt. Grundsätzlich verschieden ist bei einer nicht auf den wechselseitigen Vorteil beschränkten Politik die Rolle des Mehrheitsparameters q. daß die Verfassung V. Wenn dieser Fall auftritt.3. eine Paretoverbesserung zu wählen.

daß es eine Mehrheit gibt. ist diese Zustimmung auch nicht mehr erforderlich. Die Mehrheit könnte die Minderheit also unter das Niveau des ohne Politik durch private Verträge Erreichbaren drücken (von der hier außer Betracht bleibenden Möglichkeit der über den ursprünglichen status quo hinausgehenden "Ausbeutung" ganz zu schweigen). als der Minderheit zugunsten der Mehrheit die privatvertraglich erreichbaren Koordinationsgewinne zum Teil oder gänzlich wieder genommen werden können. doch sobald Politik nicht als koordinativer und kooperativer.welches einen der Bedingung L entsprechenden Schutz der individuellen Sphäre in der Abstimmung bewirkt -. Nach Aufgabe des Vetos -. In der nachfolgenden Graphik wird angenommen. die von der privatvertraglich erreichten koordinativen Verbesserung aus nach Ein- führung des im engeren Sinne politischen Koordinationsmechanismus zusätzlich zum stark gepunkteten Bereich auch alle Punkte aus dem waagerecht schraffierten Bereich realisieren kann.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 100 Frankfurt School of Finance and Management als entgangene Paretoverbesserungen bestimmen. sondern als Machtprozeß verstanden wird. Die Kosten können über den Entgang von Koordinationsgewinnen hinausgehen und den direkten Eingriff in die ursprünglichen Rechtspositionen der Individuen beinhalten.kann sich das einzelne Individuum vor derartigen Externalitäten nicht mehr schützen. . Zwar könnte es dazu im vorhinein keine Zustimmung der Minderheit geben. Daraus ergeben sich nun insoweit zusätzliche Kosten.

Privatvertraglich lohnender Zielerreichung Koordinationsbereich Durch Politik zusätzlich lohnende Koordinationen Bei kostenloser Koordination erreich- bare Grenze allseiti- gen Vorteils status quo Minderheits- Zielerreichung Durch private Verträge erreichte Koordination auf der Grenze des lohnenden Bereiches Graphik 3 Diese Erweiterung des Zugriffs der Politik führt dazu. daß uns bestimmte vorteilhafte Ergebnisse. weil nun "Ausbeutung" durch Politik nicht mehr exogen ausgeschlossen wird (man hat es hier mit dem Übergang von Buchanan und Tullock 1962 zum sogenannten Taylor-Rae Theorem zu tun). entgehen. da die Kostendimension nun nicht nur entgangene Gewinne umfaßt. Das andere Mal bekommt man einen gewünschten Beschluß nicht "durch". die dadurch entstehen. Das eine Mal ist man in der Minderheit bei beschlossenen Maßnahmen. oder aber etwas nicht erhalten kann. daß die Zulassung politischen Handelns insgesamt zu einer Senkung des Nutzens führt. unter das Niveau der Startsituation. durch Politik gedrückt werden. Sondern nun können wir u. obschon man es selbst will. Es handelt sich nicht mehr darum. Aber. Wie zuvor geht es darum. die durch Politik für uns im Prinzip erreichbar wären. U. Die vorangehende Graphik 2 steht in dieser Interpretation für einen ganz anderen Sachverhalt. . das Minimum jener Kosten zu finden. das man selbst nicht will. kann es durchaus sein. daß man entweder von den anderen etwas aufgezwungen bekommt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 101 Frankfurt School of Finance and Management Mehrheits. die wir privatvertraglich erreichen könnten. daß wir die Kostendi- mensionen in Graphik 1 umdeuten müssen.

warum alle demokratischen Rechtsstaaten mindestens ebensosehr von den Grundrechtskatalogen und verfassungsmäßigen Garantien individueller Abwehrrechte wie den demokratischen Verfahren geprägt werden. in dem alle Individuen die von Hume als "Naturrecht" bezeichneten elementaren Grundprinzipien von sich aus im großen und ganzen respektieren. Damit stellt sich offenkundig die weitere Grundfrage. daß die Vorstellung eines politikfreien Status quo sinnvoll ist. durch Rückbesinnung auf den "klassischen" Ansatz in Hayek. wenn man annimmt. Halten wir fest: Das ursprüngliche Modell von Buchanan und Tullock betrachtet Politik. sofern es sich nicht um Grundrechtspolitik des Rechteschutzstaates handelt. meinen wir in der Regel zwar immer beides. (1971) zu einer Ergänzung seiner Verfassungstheorie durch operationalisierbare Verallgemeinerungsprinzipien zu gelangen Buchanan. gibt es keine Garantie mehr. ob Politik vorteilhaft ist. Das gilt jedenfalls dann. M. als rein subsidiär. Das alte Bedenken der Anarchisten gegen jede Art staatlicher Politik muß insoweit ernst genommen werden. . and R. F. sondern nur wie vorteilhaft sie ist. daß die Politik im Bereich des für alle Vorteilhaften verbleibt und nicht zum reinen Instrument partikularer Mehrheitsinteressen wird (vgl. setzt eine Einschränkung der Politik auf den Bereich des für jeden einzelnen Vorteilhaften voraus. Von der Festlegung des Mehrheitsparameters hängt es nicht ab. Dieses Modell legitimer Politik. Abstimmungen bieten dafür – jedenfalls bei allen Entscheidungsregeln unterhalb der Einstimmigkeit – keinerlei Garantie. A. durch welche verfassungsmäßigen Vorkehrungen man allererst erreichen kann. Congleton (1998)). Denn ohne Politik könnte jedes Individuum möglicherweise generell bessere Erwartungen hegen als mit Politik. Das ist natürlich genau der Grund. daß nicht die Politik insgesamt Schaden anrichtet. daß vom Standpunkt jedes einzelnen Individuums die Garantie der je eigenen Sphäre im weit bedeutsamer ist als die Teilnahme an den demokratischen Prozessen als solchen. Wir sollten darüber allerdings nicht vergessen. zu Buchanans neueren Versuchen. Wenn wir von Demokratie sprechen. J. das sehr weitgehend den klassischen insbesondere auch von Kant vertretenen Idealen der liberalen Bürgergesellschaft entspricht. Sie greift nur "hilfsweise" ein.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 102 Frankfurt School of Finance and Management Wenn das politische Verfahren nicht auf den Bereich des allseitig Vorteilhaften eingeschränkt ist. wo private Koordination zu aufwendig ist. v.

Hier geht es wirklich um eine Vertragstheorie im engeren Sinne. In anderer Hinsicht handelt es sich allerdings nur im übertragenen Sinne um eine Vertragstheorie. weil sie – ebenso wie die von Rawls – den Vorrang individueller Freiheitsrechte gegenüber kollektiven Zumutungen betont. kann man von einem kontinuierlich konsensfähigen und insoweit vertraglichen Vorgehen ausgehen. Insoweit Politik auf der Spur der für alle vorteilhaften Verbesserungen gehalten wird. Das ist in der Theorie Robert Nozicks anders. Es geht Buchanan um einen politischen Prozeß.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 103 Frankfurt School of Finance and Management Buchanans Theorie ist gesellschaftsvertragtheoretisch genau deshalb. gleichsam geronnen ist. in dem der vertragstheoretische Grundgedanken von der Zustimmungsfähigkeit aller kollektiven Aktionen. doch vom Vertragsgedanken im engeren Sinne spürt man wenig. . Denn es gibt zwar Akte der Zustimmung und Verfassungswahl.

Welche Einflüsse sollten als legitim angesehen werden. solange er nicht in die natürlichen Rechte anderer eingreift. Dadurch. daß die Menschen in ihm im großen und ganzen Person. Sie lehrt – ebenso wie die vorangehende Diskussion des Werkes von Buchanan vor allem etwas darüber. wie man mit Phänomenen inter-individueller Interdependenz umgehen soll. jedermann hat also bereits im Urzustand natürliche Handlungsrechte und - pflichten. sondern von übergreifender sozialphilosophischer Bedeutung. Zum anderen jedoch ist er dabei wie auch in allen anderen Handlungen verpflichtet. Das bedeutet vor allem zweierlei: Zum ersten ist jedermann frei. welche Maßnahmen zum Schutz gegen illegitime Übergriffe als gerechtfertigt gelten? Sind Fragen die für jede Sozialordnung. Leben. wurde von Robert Nozick vorgelegt. Diese Art des Naturzustandes wird im folgenden auch zur Unterscheidung von anderen Arten eines Naturzustandes als "Urzustand" bezeichnet. in der der Vertragsgedanke wirklich noch eine Rolle spielt. Diese Theorie wird im folgenden im Grundzug geschildert. Gesundheit und Eigentum ihrer Mitmenschen respektieren. dass wir miteinander leben. beeinflussen wir uns unweigerlich wechselseitig. Der Urzustand zeichnet sich dadurch aus. Kommt jemand seinen naturrechtlichen Pflichten nicht nach und .1 Die Staatsrechfertigung gegenüber einem Anarchisten Der beste anarchische oder staatsfreie Zustand. das gleiche moralische Anrecht oder Naturrecht. "durchdekliniert". Dabei geht es im wesentlichen um eine Staatsrechtfertigung auf der Basis individueller Zustimmung. ist der Lockesche Naturzustand. Die Argumentation ist jedoch keineswegs eine rein staatsphilosophische. Sie werden im folgenden insbesondere mit Bezug auf die staatliche Rechtsordnung und die Rechtfertigung einer Anwendung fundamentaler Zwangsgewalt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 104 Frankfurt School of Finance and Management 6. auf den wir nach Meinung Nozicks hoffen dürfen. 6. jedoch insbesondere für eine dem klassischen Liberalismus verpflichtete Ordnung von Bedeutung sind. nicht verletzend in die Sphäre Dritter einzugreifen. nach seinem Gutdünken zu verfahren. Robert Nozicks Lockescher Gesellschaftsvertrag Die vermutlich überzeugendste Version einer Gesellschaftsvertragslehre. beliebige Verträge zu schließen. In ihm hat jeder. die nicht auf die vorherige Zustimmung der Betroffenen zurückgeht.

so hat der Geschädigte seinerseits das Recht. werden sie den betreffenden Mangel des Urzustandes empfinden und bei rationaler Verfolgung ihrer Lebensziele auf Abhilfe sinnen. 7-9). aber nicht in der Lage ist. sondern vollkommen beachtet würde. Wollte man annehmen. von denen ausgehend Nozick die Rechtfertigung eines Staates vollzieht. darf vernünftigerweise auf nichts Besseres hoffen. Da es zu ihren natürlichen Rechten gehört. 4. auf die man vernünftigerweise hoffen darf. doch nur in einem dem Unrecht entsprechenden Umfang.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 105 Frankfurt School of Finance and Management verletzt die Rechte eines anderen. der Anarchist also. dazu Locke 1974. daß sie sehr schnell auf den Gedanken verfallen werden. Denn es sind genau die anarchistischen Prämissen. Der Urzustand nämlich mag zwar kein ganz und gar unwirtlicher Zustand sein. dann liefe dies auf eine Annahme vollkommener Harmonie hinaus oder käme dieser doch sehr nahe. Selbst wenn die im Urzustand zusammenlebenden Individuen sämtlich anarchistisch gesonnene Staatsverächter sind. der bei ruhiger Überlegung geeignet scheint zur Wiedergutmachung und Prävention (vgl. doch weist er aus der Sicht der Einzelindividuen gravierende Mängel auf. Es wird nahezu jedem einzelnen in diesem Zustand hin und wieder geschehen. eine Wiedergutmachung des Schadens zu fordern. in dem das im vorangehenden skizzierte Lockesche Naturrecht im großen und ganzen beachtet wird. Eine derartige Annahme erscheint jedoch als überoptimistisch. Verträge zu schließen. Der Urzustand ist also derjenige staatsfreie Zustand. Auch der grundsätzliche Gegner jeder staatlichen Organisationsweise menschlichen Zusammenlebens. daß in einem staatsfreien Zustand mehr als das Naturrecht oder das Naturrecht selbst nicht nur im großen und ganzen. Darüber hinaus steht es ihm oder den für ihn Handelnden zu. sich bei dem Verletzenden dafür schadlos zu halten und diesen von weiteren ähnlichen Taten abzuschrecken. . daß er in seinen Rechten verletzt wird. ist anzunehmen. Strafen zu verhängen. wenn jemand von einem stärkeren oder anonymen Gegner in seinen Rechten verletzt wurde. Das wird vor allem dann geschehen. Der Urzustand scheint somit in der Tat die beste Form eines staatsfreien Naturzustandes zu sein. sich zu Schutzvereinigungen zusammenzuschließen. Gerade ihm gegenüber erweist sich jedoch Nozicks Rechtfertigung eines Staates als schlüssig.

alle für einen" organisiert ist.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 106 Frankfurt School of Finance and Management Diese Schutzvereinigungen können selbst wiederum eine stark arbeitsteilige innere Organisation aufweisen oder aber im anderen Extremfall . ohne das Naturrecht zu verletzen.und nur die beiden Extreme seien hier betrachtet . nachgehen dürfen.1. Eine solche Vereinigung verleiht Individuen zwar zusätzliche "Stärke" unter Verzicht auf staatsähnliche oder . So gelangen sie. Es besteht jedoch keine Aussicht darauf. wie sich der Urzustand "von selbst" und ohne Verletzung des Naturrechtes in einen staatlich organisierten Zustand verwandelt. Dem Anarchisten gegenüber. ist damit ein Staat endgültig gerechtfertigt.1 Unstrukturierte Vereinigungen Unter einer "unstrukturierten Vereinigung" verstehe ich eine Vereinigung. keine Funktionsträger enthält und auch keine solcher Funktionsträger bedürftigen Regeln. Wenn man nun noch zeigen kann. nur aus "einfachen" Mitgliedern besteht. die nach dem Prinzip "einer für alle. gerade durch den Gebrauch ihrer anarchistischen Freiheit zum Vertragsschluß in einen Zustand konkurrierender Schutzorganisationen.unstrukturierte Vereinigungen auf Gegenseitigkeit sein. dann hat man gezeigt. während die strukturierten Vereinigungen oder Schutzorganisationen wegen der besonderen Dienstleistung. Schutzorganisationen mit staatsähnlichen institutionellen Merkmalen zu gründen. die sie beim Schutz des Naturrechts entwickeln. Solche unstrukturierten Vereinigungen. lassen sich ziemlich problemlos mit einem Zustand der Anarchie vereinbaren. daß diese Organisationen ihren natürlichen gewalt-monopolistischen Tendenzen. 6. daß unsere Anarchisten es im staatsfreien Urzustand bei unstrukturierten Vereinigungen bewenden lassen. dem Staat schon recht nahekommen. bei denen jeder für Jeden bedingungslos eintritt. da sich dieser gerade unter seinen eigenen faktischen und normativen Prämissen ergibt. Sie werden zwar nicht planen. doch wird sich dies bei rationaler Nutzung ihrer naturrechtlichen Freiheiten zum Vertragsabschluß ganz von selbst ergeben. ohne daß überhaupt jemand je einen bewußten Entschluß dieser Art fassen muß. die sie erbringen. der ja gerade den Urzustand für eine gerechtfertigte Form menschlichen Zusammenlebens halten muß. gleichsam von einer "unsichtbaren Hand" geführt.

c) Offen bleibt.der Urzustand .d. damit keine gegen es vorgehen kann. so kann kein anderes Individuum mehr eine Vereinigung gegen dieses Individuum anrufen. in der jeder für jeden einsteht. möglichst jeder Vereinigung anzugehören. Mit der Anzahl der Vereinigungsmitglieder steigt zwar die Stärke der Vereinigung an und damit der potentielle Nutzen für jedes Mitglied der Vereinigung. Im Gegensatz zu solchen Regeln etwa. Eine solche Überprüfung würde gesonderte Institutionen erfordern und Regeln. Sie kann sich zwar die Regel zu eigen machen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 107 Frankfurt School of Finance and Management staatliche Organisationsformen. ob der Schutz der Vereinigung zu Recht verlangt wurde. Eine unstrukturierte Vereinigung muß nach Voraussetzung bedingungslos für ihre Mitglieder eintreten. Es besteht daher ein Interesse jedes Individuums. Dem bewußt rechtsbrechenden Individuum kann eine unstrukturierte Vereinigung in noch naheliegenderer Weise zum Mißbrauch gegenüber Außenstehenden dienen. die Schiedsstellen vorsehen. Wenn . einer unstrukturierten Vereinigung zieht nach sich. die in Form des Beistandes bei Anrufung durch ein Mitglied der Vereinigung zu erbringen sind. nach denen diese vorgehen .frei von Paranoiden und Querulanten ist. aber das gleiche gilt für die Beitragskosten. welche Vorkehrungen eine unstrukturierte Vereinigung für den Fall eines Auftretens von Konflikten zwischen ihren eigenen Mitgliedern treffen kann. alle für einen. h. eine Struktur. bedarf diese Regel keiner Funktionsträger. Gehört nämlich ein bestimmtes Individuum jeder Vereinigung an. da ihre Strukturlosigkeit die Überprüfung der Frage ausschließt. zu denen man auch als der Intention nach rechtstreues Individuum stets neigen wird . aber ihre Unstrukturiertheit führt zu neuen Problemen: a) Das Prinzip einer für alle. um sich gegen Kompensationen zu schützen. möglichst allen Vereinigungen beizutreten oder neue zu bilden. weil man emotional bedingt leicht irrt. lädt eine unstrukturierte Vereinigung. zumindest zur Durchsetzung jener Überkompensationen der selbst erlittenen Rechtsverletzung ein. daß der beste erhoffbare Naturzustand .und sei es nur. aber ein solches Vorgehen würde unvermeidlich weitere Probleme aufwerfen. bei internen Streitigkeiten zwischen Mitgliedern generell nicht tätig zu werden. b) Auch wenn man annehmen darf. daß jedermann jederzeit zur Erbringung seines Beitrages zu dieser Gesellschaft auf Gegenseitigkeit bereit sein muß. Vor allem ergibt sich ein Anreiz.

Eine solche Möglichkeit widerspricht aber dem Wesen unstrukturierter Schutzvereinigungen. die für das einzelne Mitglied anfallen. in die Vereinigung einbringen muß. die Aufwand und Ertrag bei der Verfolgung ihrer Ziele gegeneinander abwägen. übertreffen werden. doch es steht zu vermuten. als es ihm an Kosten verursacht. Rationale Individuen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 108 Frankfurt School of Finance and Management man die Beistandsleistungen (soziale Kosten) zunächst außer acht läßt. Mitgliederzahl anwachsen. wenn sämtliche Individuen Glieder sämtlicher Vereinigungen wurden. wenn die Kosten der Zugehörigkeit zu unstrukturierten Vereinigungen vernachlässigt werden können. Zwar wächst auch die Macht der Vereinigung gegenüber der Umwelt außenstehender Individuen mit der Mitgliederzahl. jede Vereinigung also funktionslos wurde und damit alle Vereinigungen zusammen wieder dort anlangen. wo sie begonnen haben. Der Zusammenschluß zu unstrukturierten Schutzvereinigungen. recht bald den Wert des Zuwachses. daß die Kosten der Zugehörigkeit zu einer unstrukturierten Vereinigung mit ihrer. den Beistand. wird sich diese als evolutionär überlegen gegenüber den einfachen Schutzvereinigungen . wird dieser Prozeß erst enden. der sich fürdas einzelne Mitglied ergibt. werden diesen Weg kaum beschreiten. Sehr schnell werden sie den Nutzen der Arbeitsteilung erkennen. Zu den Wesensmerkmalen solcher Vereinigungen gehört es. von dem Prinzip einer für alle. enthält daher eine innere Grenze. Das bedeutet jedoch. auf deren Anruf hin ein Individuum seine Naturalleistung. da dies dem einzelnen bereits der Vereinigung angehörigen Mitglied weniger einbringt. Diese Art eines Gleichgewichtes im Urzustand und diese Art der stabilen Beseitigung unstrukturierter Vereinigungen darf man jedoch nur erwarten. denn mit der Mitgliederzahl wächst die Anzahl von Individuen. alle für einen abzurücken. den Weg der Vereinigungsbildung zu beschreiten: im vereinigungsfreien Urzustand. Deshalb werden die Angehörigen einer Schutzvereinigung von einer bestimmten Grenze an der Aufnahme weiterer Mitglieder nicht mehr zustimmen. daß keine Vereinigung mehr gegen irgendein Individuum vorgehen kann. die immerhin noch sehr weit von einem staatsähnlichen Gebilde entfernt sind. die es ihnen erlaubt. daß die zusätzlichen Kosten weiteren Machtzuwachses. Sobald sich einmal der Kern einer möglicherweise sehr unbedeutenden Schutzorganisation mit arbeitsteiligen Strukturen gebildet hat.

doch bieten sie in jedem Falle Mißbrauchschancen. Ein Anarchist. es sei ihm viel zu gefährlich. die Einrichtung von Schutzorganisationen im Naturzustand zu rechtfertigen. beliebige Verträge zu schließen. Daraus daß ihre Vorzüge gerade auch im Bereich des Schutzes elementarer Rechte wirksam Werden. der in die Position eines Offiziellen der Organisation gelangt. wird deshalb diesen Grundsatz vielleicht entsprechend einschränken wollen. v. die von der Organisation des Rechtsschutzes als solcher ausgehen können. Die Spezialisierung in professionelle Rechteschützer und geschützte Individuen bringt dies mit sich. Ein Rechtsbrecher. Er kann dafür sogar recht gute naturrechtliche Gründe geltend machen. Mit der Organisation ist auch die Möglichkeit ihres Mißbrauches gegeben. Sukzessive werden sich ihr immer mehr Individuen anschließen. dann muß man sich auf die Einrichtung unstrukturierter Schutzvereinigungen beschränken. 129 f. zu verletzen. Es zeigt sich hier. Vor allem scheint es möglich. . womit das sogenannte "Ricardosche Vergesellschaftungsgesetz" auch in diesem spezifischen Bereich gesellschaftlicher Arbeitsteilung wirksam wird (vgl. in einer Welt zu leben. Ohne sein natürliches Recht. furchtfrei zu leben. Mises 1940. Zwar mögen diese Organisationen noch nicht sämtliche Charakteristika eines Staates aufweisen. Dies ist die einzige Chance. wenn ein Anarchist behauptet. Die Existenz des Staates kann nämlich nach aller historischen Erfahrung sehr wohl furchteinflößend wirken. Einem so wie geschildert veranlagten Anarchisten gegenüber scheint es nicht möglich. Es erscheint deshalb als keineswegs vollkommen abwegig.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 109 Frankfurt School of Finance and Management erweisen. in der die Menschen Schutzorganisationen geschaffen haben. wie tief in den Grundbedingungen menschlicher Existenz solche Phänomene wie Arbeitsteilung und Organisation verwurzelt sind.). die furchteinflößend wirken können. Will man auf diese Spezialisierung verzichten. von vornherein alle jene Gefährdungen von Rechten zu vermeiden. sich in diesem Zusammenhang auf ein natürliches Recht zu berufen. daß die Menschen grundsätzlich ein natürliches Recht besitzen. ergibt sich zwangsläufig eine natürliche Tendenz zur Ungleichverteilung politischer Macht. kann sich der damit verbundenen Macht zum Übergriff auf die Rechte anderer bedienen. der der Auffassung ist. frei von Furcht vor den Übergriffen anderer Menschen zu leben.

und das muß er annehmen -. in dem es konkurrierende Schutzorganisationen gibt. daß gewisse Risiken durch das Auftreten von Schutzorganisationen erst entstehen können. Wenn deshalb der Anarchist als Befürworter des Lebens im Urzustand glaubt. wo sie die natürlichen Rechte Dritter verletzt. Andererseits ist es dann allerdings möglich. Selbst dann. dort ihre Grenze findet. Eine mögliche Antwort auf derartige Probleme besteht in dem Hinweis. den der nicht gerade pessimistische Locke durchaus für furchterregend hielt (vgl. Zumal willentlich naturrechtskonform handelnde Individuen bei der Gründung von Schutzorganisationen entsprechende interne Kontrollmechanismen vorsehen werden. 95-99). dann scheint er gezwungen. dies zu tun. weil ihnen die Gründung einer Schutzorganisation verwehrt bleibt. könnten Individuen durchaus das Recht besitzen. Denn sie fürchten sich ja noch nicht einmal vor einem Zustand. Es ist nicht einzusehen. wenn man zugesteht. daß im Urzustand voraussetzungsgemäß das Naturrecht im großen und ganzen eingehalten wird. Locke 1974. erscheint eine besondere Furcht davor gerade bei denjenigen als uneinsichtig. Die Situation ist in dieser Hinsicht vollkommen symmetrisch: Mindestens eine Partei muß ihr Recht "opfern". daß sich die anderen gerade deshalb fürchten. . in diesem Zustand frei von Furcht leben zu können . Verträge zu schließen. Da die Freiheit. die der Urzustand als solcher bietet. Und ihre Furcht muß gleichermaßen berücksichtigt werden. Wer annimmt. die sich vor den Risiken eines organisationsfreien Urzustandes nicht fürchten.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 110 Frankfurt School of Finance and Management können allenfalls unstrukturierte Schutzvereinigungen gebildet werden. soviel verlockender sein soll als die vielfältigen Möglichkeiten dazu. warum die Chance. anderen die Gründung von Schutzorganisationen zu untersagen. wollte man diese Annahme nicht auf die Angehörigen von Schutzorganisationen übertragen. denn der auch bei ihnen nach den bisherigen Annahmen vorauszusetzende Wunsch zur Naturrechtstreue bildet einen Anreiz dafür. diese Erwartung auch auf einen Zustand zu übertragen. Unrecht durch den Mißbrauch einer Schutzorganisation zu begehen. der muß aus Konsistenzgründen auch davon ausgehen. daß sich die Menschen im Urzustand im großen und ganzen naturrechtskonform verhalten. daß sie sich als Funktionsträger von Schutzorganisationen so verhalten. Es wäre uneinsichtig.

ohne seinen Nutzen für loyale Anhänger des . um im Gegensatz zur Annahme von "Kostenvorteilen" bestimmter Vereinigungsgrößen davon ausgehen zu können. die wir der Übermacht zuschreiben. sondern die Erbringung ihrer Leistung und der Wert der erbrachten Leistung hängen von dem Erfolg der Organisationen in der direkten Konfrontation mit anderen Organisationen ab. sondern auch absolut . den "economies of scale". desto günstiger kann sie ihre Leistungen anbieten: Denn a) wird die Leistung dann voraussichtlich mehr wert sein. die sich in ihrer "Frühgeschichte" ergeben. aber auch aus den überproportionalen Vorteilen. Die Gültigkeit von a) scheint kaum begründungsbedürftig. Sie können eine Organisationsform aufweisen. In aller Regel erwarten wir. Vor allem konkurrieren die Organisationen nicht nur um Kunden auf einem Markt. Sie müssen dazu buchstäblich miteinander kämpfen. Die Existenz "optimaler Betriebsgrößen" für Schutzvereinigungen erscheint innerhalb jener Grenzen. Daraus ergeben sich starke Tendenzen zur Bildung von Monopolen.beides bezogen auf das geschützte Mitglied. Da der Schutz von Rechten eine sehr spezielle Dienstleistung darstellt.Ausnahmen aus der Kriegsgeschichte bestätigen hier wie stets die Regel.anders als unstrukturierte Vereinigungen .Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 111 Frankfurt School of Finance and Management 6. die entweder die Kosten des Schutzangebotes senken. lassen sich einige recht weitgehende Aussagen über Verhalten und Struktur der auf dem "Schutz-Markt" tätigen Organisationen formulieren. vom Prinzip einer für alle. die es ihnen erlaubt.1. jedenfalls als hinreichend unplausibel. daß das Anwachsen einer strukturierten Schutzvereinigung Macht und Effizienz derselben stärkt.vermögen aber auch organisatorische Vorkehrungen zu treffen. alle für einen' abzugehen. Schutzorganisationen . da der Wert des Schutzes durch die Organisation eine Funktion der Organisationsmacht ist und b) sinken die Kosten für den Schutz durch die Organisation voraussichtlich nicht nur relativ zur gebotenen Leistung. sondern auch absolut . Die Gültigkeit von b) folgt aus der Nullsummeneigenschaft des Mitgliedergewinns. Je größer nämlich eine Schutzorganisation relativ zu ihren Konkurrenten ist. daß die Übermacht in einem Konflikt nicht nur relativ zu den eingesetzten Kräften weniger Verluste erleidet. der stets die Organisationsmacht stärkt und die "Umwelt" schwächt.2 Schutzorganisationen Schutzvereinigungen mit einer "Struktur" vermögen arbeitsteilig ihre Leistungen zu erbringen.

die stets die Konkurrenz neuer Schutzorganisationen zu fürchten haben. ihren Mitgliedern jedoch jegliche Selbstjustiz untersagen. einen Vorteil im Wettbewerb mit den unstrukturierten Schutzvereinigungen. Weitere kostensparende oder wertsteigernde Regeln sind denkbar. Gegenüber solchen Individuen gewinnt eine Schutzorganisation. Im weiteren wird deshalb vorausgesetzt. auf Wunsch alle gerechtfertigten Anliegen zwischen Mitgliedern zu verfolgen. da sie nicht mehr fürchten müßten. ohne eine Wertverringerung gegenüber loyalen Anhängern des Naturrechtes in Kauf nehmen zu müssen. muß nicht mehr bedingungslos auf den Anruf ihrer Mitglieder hin tätig werden und spart dadurch Kosten.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 112 Frankfurt School of Finance and Management Naturrechtes zu beeinträchtigen. wird dieser Kostenvorteil auch an die Klienten der Schutzorganisationen. c) Die Schutzorganisationen können wie unter b verfahren. Eine Organisation. Selbstjustiz gegenüber Mitgliedern wie Nicht-Mitgliedern zu üben. würde ihnen jedoch weiterhin freistehen. die diese Regel befolgt. indem sie dem Beitritt nur unter dieser Bedingung zustimmen. nur solche Anliegen zu verfolgen. Einiges spricht Jedoch dafür. a) Die Organisationen können die Regel aufstellen. . b) Die Schutzorganisationen können die Gültigkeit der Regel a vom externen auf den internen Bereich der Organisation ausdehnen und sie um die Ankündigung ergänzen. die sie nach vorurteilsloser Prüfung für gerechtfertigt halten und die sich nicht gegen Mitglieder richten. die diese Regel befolgt. daß naturrechtskonforme Individuen mindestens einer Regel von der Form der Regel c zuneigen werden. daß sich auf dem "Markt des Rechteschutzes" Organisationen durchsetzen werden. die zumindest die Regel c befolgen. Unter dieser Regel erhalten sie einen besonders umfassenden Schutz ihrer natürlichen Rechte bei möglichst geringem Aufwand. bei internen Kompensationen an einen "stärkeren" Genossen zu geraten. Dieser Wettbewerbsvorteil läßt sich noch verstärken. Da in der Anfangszeit der Organisationsgründung der Zugang zum "Markt des Rechteschutzes" noch keinen Beschränkungen unterliegt. weitergegeben werden. oder aber den Wert des Schutzes wesentlich erhöhen. Das würde den Wert der Schutzorganisation für Mitglieder wesentlich erhöhen.

1 Das Recht zur Monopolbildung Nach dem bislang Gesagten steht es den Individuen weiterhin frei. Denn das Lockesche Naturrecht erlaubt ja gerade.3 Schutzmonopole 6. 6. werden nämlich die Gelegenheit zur Bildung von gemeinsamen "Schiedsstellen" oder "Schiedsgerichten" wahrnehmen. wird von ihnen weder untersagt noch bekämpft. die keine Hegemonialterritorien besitzen. die Schutzorganisation zwecks Adjustierung der Schädigung. nebeneinander auf einem Gebiet fortbestehen würden.3. die keine territorialen Monopolisten sind. sofern sie von Nicht-Mitgliedern ausgeübt wird und im Rahmen des Lockeschen Naturrechtes verbleibt. die sich aus der besonderen Natur der angebotenen Dienstleistung ergeben. die aus einer Überkompensation hervorging.1. Damit würde sich auch in dieser. solange man keine Überkompensationen vornimmt. weist diese Voraussetzung eindeutig in die Richtung einer Bildung von Schutzmonopolen mit gewissen.so wird es dem oder den dadurch Geschädigten nur möglich. nicht aber wegen einer etwaigen Unrechtmäßigkeit der Selbstjustiz als solcher. Fraglich istallerdings. Wird in der Selbstjustiz die Grenze des naturrechtlich Erlaubten überschritten . Selbstjustiz als solche. Die Annahme liegt nahe. ob das Naturrecht die Durchsetzung echter Monopole erlaubt. um die Kosten fortwährender Kämpfe und permanenter Kampfbereitschaft zu senken. anzurufen. der Monopolbildung prima facie widerstrebenden Situation ein starker Anreiz zur Bildung von monopolartigen Strukturen ergeben. unseren Gerichten vergleichbaren Institutionen. daß sich diese Entwicklung selbst dann ergäbe. daß den bislang abgeleiteten monopolartigen Strukturen eine wesentliche Eigenschaft von staatlichen Zwangsmonopolen im herkömmlichen Sinne fehlt: Sie besitzen nur ein "Monopol" für organisierte oder vereinigungsmäßige Zwangsausübung auf dem von ihnen kontrollierten Gebiet.1. keiner Schutzorganisation beizutreten und sich selbst zu schützen. Es erlaubt also . Naturrechtstreue Schutzorganisationen.das Naturrecht also insofern verletzt . wenn mehrere Schutzorganisationen. im Sinne der Selbstjustiz zu verfahren.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 113 Frankfurt School of Finance and Management In Verbindung mit den zuvor genannten Einflußgrößen. Daraus wird ersichtlich.

Sollte er sich dabei irren und als Konsequenz davon andere in ihren Naturrechten verletzen. Es ist nicht so. als Verletzung des Naturrechtes bestraft werden. zunächst nach eigenem Urteil herauszufinden. daß . nur für die aus dem Irrtum resultierende Verletzung bestraft werden. daß er überhaupt seinem eigenen Urteil gefolgt ist. die sich der Organisation nicht anschließen wollen. erscheint eine derartige Erlaubnis jedoch zunächst als wenig sinnvoll. anderen das Risiko der Fehlbestrafung. Das würde bedeuten.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 114 Frankfurt School of Finance and Management insbesondere zunächst. Da naturrechtlich kein Individuum und auch kein Zusammenschluß von Individuen gegenüber anderen Individuen oder deren Zusammenschlüssen privilegiert ist. ob irgend jemand irgendeinem anderen untersagen darf. Wenn sich die beiden Gruppen unterschiedlicher Verfahren der Rechtsfeststellung und -durchsetzung bedienen. die Außenseiter nehmen die ihrigen selbst wahr. das mit der Selbstjustiz einhergeht. Im Urzustand treten sich dabei die auf einem Gebiet vorherrschende Schutzorganisation und jene Außenseiter. gleichberechtigt gegenüber. ob eine Rechtsverletzung vorliegt und selbst die entsprechenden Strafen zu verhängen. Naturrechtlich ist es ja gerade jedem erlaubt. zum einen nach eigenem Urteil herauszufinden. Die Schutzorganisation nimmt die Selbstschutzrechte ihrer Klienten wahr. so hat zunächst jede Gruppe - oder allgemeiner: jeder Beteiligte . Die Lösung dieses Problems besteht einfach darin. dass das Recht auf das betreffende Monopol faktisch nur von der jeweils mächtigsten Partei bei der Durchsetzung des Naturrechts wahrgenommen werden kann.durchgesetzt werden darf. so darf er. aufzuerlegen. Denn sie räumt jedermann ein Recht auf ein Monopol ein und steht damit in einem augenscheinlichen Gegensatz zum Wesen eines Monopols. daß unter jenen Bedingungen legitimerweise ein Monopol auf die Durchsetzung von Kompensationen . Was die Bildung eines echten Schutzmonopols anbelangt. wie bereits bemerkt. besteht die zentrale Frage nun darin.also von Entschädigungszahlungen und Strafen . sondern auch die Kompensation als solche. nicht aber dafür. Wenn das unter bestimmten Bedingungen erlaubt sein sollte.das Recht. dann darf unter diesen Bedingungen nicht nur die etwaige Überkompensation. ob eine Rechtsverletzung vorliegt und zum anderen die nach seinem Urteil angemessene Strafe selbst zu verhängen. die jemand beim Schutz von Rechten vornimmt. auf seinem Verfahren zu beharren.

Denn nur eine solche Organisation kann ja faktisch dieses Recht wahrnehmen. vermag faktisch nur die auf einem Gebiet vorherrschende Schutzorganisation ihre Auffassung von der Zuverlässigkeit von Schutzverfahren durchzusetzen. entsteht ein im engeren Sinne staatsähnliches Gebilde. die den Schutz selbst finanzieren. Dieser ist dadurch gekennzeichnet. daß er zwar Außenseitern ebenso wie seinen Klienten verbietet. entsteht erst in einem zusätzlichen Schritt. Sie untersagen ihnen nicht . Da die Produktion des Gutes "Schutzleistung" den buchstäblichen Kampf der Kontrahenten erfordern kann.1. 3-5). Dieser zeigt paradigmatisch. Der Minimalstaat schließlich. Die traditionelle Naturrechtslehre schweigt Jedoch zu diesen Bedingungen. 6. unter denen das Recht zur Monopolbildung wahrgenommen werden darf.2 Der Übergang zum Minimalstaat Erst dann.auch im weiteren folgen (vgl. Selbstjustiz zu üben. 38). Kap. wenn die vorherrschende Schutzorganisation die Ausübung von Selbstjustiz generell untersagt. der den Schutz aller übernimmt. das im Prinzip mehreren Parteien zusteht. nicht aber die Außenseiter gegen andere Außenseiter oder seine eigenen Klienten. nur von der mächtigsten ausgeübt werden kann. Die Durchsetzung dieser Auffassung wird man allerdings an gewisse naturrechtliche Bedingungen knüpfen wollen. daß die freiwilligen Klienten der zum Ultraminimalstaat gewordenen Schutzorganisation die Außenseiter zu unfreiwilligen Klienten machen. Der Obergang vom Ultraminimalstaat zum Minimalstaat ergibt sich daraus. Der Ultraminimalstaat schützt zwar seine Klienten gegen Außenseiter. nur aus der Sicht einer vorherrschenden Schutzorganisation untersucht. Ich werde dem Ansatz Nozicks . aber seinen Schutz nur Jenen gewährt. Erst in neuerer Zeit hat Nozick einen erfolgversprechenden Versuch zur Behandlung dieses Problemkreises unternommen. Nozick spricht hier von einem "Ultraminimalstaat" (1976.mit gewissen Modifikationen . wie man im Rahmen einer Konzeption unverletzlicher individueller Rechte bestimmte Konfliktfälle behandeln kann. sondern vielmehr so.3. dazu Nozick 1976. Dabei werden die Bedingungen. daß ein bestimmtes Recht.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 115 Frankfurt School of Finance and Management hier "Macht" "Recht" schafft.

der nicht auf der vorherigen Zustimmung der Betroffenen beruht. für die Kosten aufzukommen. was die Außenseiter zu ihrem Selbstschutz von sich aus verwandt hätten. Diese Kosten ergeben sich. Beide Übergänge beinhalten prima facie die Verletzung elementarer naturrechtlicher Prinzipien: Durch den Übergang zum Ultraminimalstaat wird schädigend in das Recht zur Selbstjustiz eingegriffen. Zum einen erhalten die Außenseiter unfreiwillig etwas. Es ist vielmehr notwendig. die in jeder Rechtsordnung. Wenn man die Verletzung grundsätzlicher Prinzipien des Naturrechtes an einer Stelle zuläßt. der Minimalstaat hingegen kann nur entstehen. . die überdies zwangsweise umverteilend wirken. doch werden dabei . Beim Obergang zum Minimalstaattritt die Zwangsausübung in etwas indirekterer Form in Erscheinung. das sie überhaupt nicht wünschen. In jedem Falle wird ein fundamentales Prinzip des Naturrechtes insofern durchbrochen. Insbesondere für die Rechtfertigung des Staats gegenüber einem "vernünftigen Anarchisten" ist die Lösung dieses Problems von zentraler Bedeutung. wenn man von den Kosten des minimalstaatlichen Schutzes das abzieht.Fragen angeschnitten. über das spezielle Problem der Staatsrechtfertigung gegenüber dem vernünftigen Anarchisten hinaus.wie sich im folgenden zeigen wird . Und dieses Vorgehen ist auch nicht durch einen vorherigen Bruch des Naturrechts durch die Betroffenen gerechtfertigt.also von Zwang. die nicht auf der vorherigen Zustimmung der Betroffenen beruhen. die Einschränkung der Prinzipien nicht nur ad hoc vorzunehmen. vollzogen werden. wenn im weiteren Sinne paternalistische Handlungen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 116 Frankfurt School of Finance and Management nur den Selbstschutz. dann erscheint es in jedem Falle als erforderlich. sondern gewähren ihnen auch den Schutz vor den Klienten der Organisation . Sollen sie ihre Funktion nicht vollkommen verlieren. von Bedeutung sind. dann können diese nur zu leicht ihren Grenzcharakter verlieren. die einem vollkommenen Monopol für den Schutz von Rechten entgegensteht. Für den Obergang zum Ultraminimalstaat ist dies vollkommen klar. als Handlungen vorgenommen werden.seien diese nunfreiwillig oder unfreiwillig beigetreten. Beide Übergänge setzen die Anwendung "fundamentaler Zwangsgewalt" voraus . in einer systematisch geordneten und begründeten Weise die rechtliche Schranke zu öffnen. zum anderen werden die freiwilligen Klienten gezwungen. die für den Schutz der Außenseiter durch den Minimalstaat zusätzlich entstehen.

Darüber hinaus gibt es viele Handlungen eher ungewöhnlicher Natur. Teils lösen die Gefährdungshandlungen "Risikoempfindungen". an deren Durchführung gewisse Individuen interessiert sind. Dies wird sich noch im einzelnen erweisen. daß ein anderer eine Handlung ausführt. sind im täglichen Leben weit verbreitet. dann dürfte X davor Furcht empfinden. teils. Er wird sich jedoch . Entweder nehmen die Außenstehenden nur wahr. an die die Untersuchung der eigentlichen normativen Probleme anknüpfen wird. indem eine Rechtsverletzung als unintendierte Nebenfolge der Handlungen zumindest manchmal eintreten kann. Ganz abgesehen von aktuellen Schadensfällen wirkt die bloße Durchführung von Gefährdungshandlungen auf die Empfindungen Dritter.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 117 Frankfurt School of Finance and Management 6.3. Zunächst sei jedoch vorbereitend eine wenigstens näherungsweise Charakterisierung zweier unterschiedlicher Typen von Gefährdungshandlungen versucht.1 Furcht.und risikoerzeugende Gefährdungshandlungen Handlungen. ist offenkundig.große Bedeutung. daß etwas mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit geschehen kann. die von diesen Handlungen wissen. deren Durchführung die Rechte anderer Individuen in irgendeiner Form gefährden kann.wie dem im gegenwärtigen Kontext vorgegebenen Lockeschen Naturrecht . mit der die Handlungen ausgeführt werden und der damit verbundenen Schadenswahrscheinlichkeit. Bei nahezu allen Verrichtungen des Alltags läßt sich die Möglichkeit zumindest von ungewollten Übergriffen auf die Rechte anderer nicht ausschließen. scheint wesentlich von zwei Merkmalen der betreffenden Handlungen abzuhängen: zum einen von der Art des möglichen Schadens. die mit großer Wahrscheinlichkeit den Armknochen von X in äußerst schmerzhafter Weise zerbrechen wird. ein.2. Die rechtliche Behandlung solcher Gefährdungshandlungen besitzt insbesondere im Rahmen einer Naturrechtsordnung . oder sie fürchten sich darüber hinaus davor.1. zum anderen von der Häufigkeit. Welche Art von Empfindungen bestimmte Gefährdungshandlungen auslösen. "Furchtempfindungen" aus. Daß die Art des Schadens eine gewisse Rolle spielt. Wenn X etwa weiß. obschon auch diese Handlungen latent die Rechte anderer gefährden.

(Das letztere Kriterium ist allerdings für eine Unterscheidung von furcht. Der Einfluß. Denn es ist sehr fragwürdig. Die Menschen fürchten sich jedoch vor allen möglichen Dingen. Das Ereignis. daß jemand sich vor einem unmöglichen Ereignis fürchtet. Trotzdem dürfte sich niemand in nennenswertem Umfangvor einem derartigen seltenen Schadensereignis fürchten. die mit großer Wahrscheinlichkeit zum Eintreten eines Schadens führt . Ein ganz analoger Fall besteht darin.Unfälle nach. zusätzliche Rationalitätsanforderungen einzuführen. ist dazu zu selten. der von der Häufigkeit des Schadens ausgeht. Häufig würden nicht nur einzelne Außenseiter ein von der überwiegenden Mehrheit abweichendes Furchtempfinden erkennbar werden lassen. In den bislang erwähnten Fällen erscheint es als ziemlich klar. die in einen Unfall verwickelt wurden. sondern größeren Gruppen müßten in dieser Hinsicht abweichende Dispositionen zugeschrieben werden. die eine etwaige Furchtempfindung generell irrational werden lassen. Die Betrachtung zusätzlicher Beispiele würde die Grenzziehung zwischen den risikoerzeugenden und den furchterregenden Gefährdungshandlungen noch mehr verwischen. wenn mit der gleichen hohen Wahrscheinlichkeit bei den Handlungen des anderen einer von seinen Bleistiften zerbrochen wird. obwohl sehr viele Individuen die entsprechende Gefährdungshandlung durchführen. Und sieht man von dem Sonderfall ab.und .etwa unter Heroineinfluß ein Flugzeug lenken.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 118 Frankfurt School of Finance and Management kaum fürchten. Wir denken keineswegs permanent über derart unwahrscheinliche obgleich mögliche . Es hilft in diesem Zusammenhang auch nicht weiter. dann scheint es auch keine einzelnen Handlungen als solchen innewohnenden objektiven Eigenschaften zu geben. jedermann weiß. das er fälschlich mit einer bestimmten Gefährdungshandlung verknüpft. ohne daß sie daran eine Schuld trifft. gewisse "subjektive" Gefühle von vornherein als irrational anzusehen und nicht zu berücksichtigen. welchem Typ von Handlungen die einzelnen Beispiele zuzuordnen sind. daß sehr wenige Individuen eine Handlung durchführen. Und man kann daher kaum behaupten. daß das in unserer Gesellschaft übliche Betreiben von Kraftfahrzeugen manchmal zu sehr schmerzhaften Brüchen der Armknochen von Verkehrsteilnehmern führt. in einen Unfall mit den betreffenden Folgen verwickelt zu werden. läßt sich am gleichen Beispiel studieren. daß die oben getroffenen generellen Zuordnungen für jedes Individuum Geltung besitzen.

daß sie tendenziell ein Geschäft für den Geschädigten bildet . die aktuell Geschädigten zu entschädigen. bei denen es ausreicht. die eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine Verletzung der Eigentumsrechte an im juristischen Sinne "vertretbaren Sachen" anderer mit sich bringen. Diese Einzelfallprüfung kann sich jedoch durchaus gewisser intersubjektivzugänglicher Maßstäbe bedienen. Man könnte auch . Unter dieser Voraussetzung erscheint es als sehr plausibel. nicht möglich ist.etwa durch einen prozentualen Aufschlag auf die Entschädigungssumme. 45). Voraussetzung ist allerdings. und Handlungen. Ein recht gutes Beispiel für Gefährdungshandlungen des ersten Typs bilden solche Handlungen. daß eine generelle Unterscheidung zwischen Handlungen. ohne durch diese Empfindung in ihrem Wohlbefinden gestört zu werden. die furchterregend auf jeden einzelnen wirken. Neben solchen Konsistenzgesichtspunkten spielt im gegenwärtigen Zusammenhang jedoch ein weiterer Gesichtspunkt eine ausschlaggebende Rolle. müssen allem Anschein nach vom Anarchisten gleich behandelt werden. die über die vom aktuellen Schadensfall Betroffenen hinaus auch Außenstehende schädigen. die risikoerzeugend wirken. weil durch diese Handlungen niemand sonst geschädigt wird. daß die Entschädigung wirklich sämtliche mit dem Übergriff verbundenen Unannehmlichkeiten abdeckt. daß vielmehr stets im Einzelfall geprüft werden muß. die von den beiden Phänomenen ausgehen können. wobei man sich sogar vorstellen könnte. und andererseits Gefährdungshandlungen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 119 Frankfurt School of Finance and Management risikoerzeugenden Handlungen ohnehin nicht geeignet. Wenn jedermann weiß. daß die Menschen mit der Gefährdungshandlung eine Risikoempfindung verbinden. als auf die Unvereinbarkeit der anarchistischen Furcht vor dem Staat mit der anarchistischen Vorliebe für den Urzustand verwiesen wurde: Die Gefährdungen. daß er im Falle eines wirklichen Übergriffes voll entschädigt wird. dann wird sich niemand über solche Handlungen weitere Gedanken machen. da es stets beide Handlungstypen gleichermaßen betrifft. S. und zwar die Art der Kompensation eingetretener Schäden. Offenkundig gibt es nämlich einerseits Gefährdungshandlungen. o. Ein derartiges Argument wurde bereits zu einem früheren Zeitpunkt benutzt (s.) Nach alledem muß man den Eindruck gewinnen. welche Empfindungen mit gewissen Handlungen verbunden sind.

Obwohl Sie sich vielleicht dringlichst wünschen würden. Das bedeutet allerdings nicht. indifferent sein müßten. 71). die als nicht- entschädigungsfähig erscheinen. Zu den Gefährdungshandlungen. Muß hier nicht die Gefährdung als solche als eine Rechtsverletzung gelten? Stellen Sie sich etwa vor. Man kann hier in Anlehnung an Nozick Gefährdungshandlungen privater Natur von solchen mit einer öffentlichen Komponente unterscheiden (1976. die sie indifferent werden ließe. daß niemand oder aber alle gewisse Gefährdungshandlungen vornehmen dürfen. denen die Außenstehenden nicht indifferent gegenübertreten. in dem andere derartige Handlungen ausführen dürfen und einem Zustand. jene Entschädigung. sofern Schäden bei ihnen eintreten. Sie würden einem anderen erlauben. in dem kein anderes Individuum in der entsprechenden Weise handeln darf. Wenn sie das . nach einem Unfall. dann wird ihr Wohlbefinden insgesamt gesenkt. stehen sie der Durchführung derartiger Gefährdungshandlungen nicht indifferent gegenüber. daß sie auch gegenüber der Alternative. ist die Lage natürlich noch eindeutiger. Sie sind indifferent gegenüber einem Zustand. daß die Gefährdungshandlung ihre Rechte verletzen könnte.Pech' haben sollten. Auch dann wenn die Bewohner sicher sein dürfen. daß er die Erlaubnis wahrnimmt. Das Bewußtsein der Gefahr wirkt sich auf ihr Wohlbefinden im Gegensatz zur bloßen Risikoempfindung negativ aus.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 120 Frankfurt School of Finance and Management sagen.nicht von einem aktuellen Schaden betroffen zu werden. gehören typischerweise solche Handlungen wie das Hantieren mit explosiven Stoffen großer Zerstörungskraft in einem Wohngebiet. Doch sie leben trotzdem in dem unangenehmen Bewußtsein. im aktuellen Schadensfall voll entschädigt zu werden. Ihnen während des nächsten Monates den Arm überraschend auf schmerzhafte Weise zu brechen. daß die Ausführung derartiger Gefährdungshandlungen für alle Nicht- Handelnden "nutzenneutral" ist. würden Sie sich doch den ganzen Monat über fürchten. entschädigt zu werden. Hinsichtlich von Schäden. Die Bewohner sehen also nicht das zusammengesetzte Ereignis verletzt und entschädigt zu werden. Falls Ihr Arm nicht gebrochen würde. sondern zwei getrennte Ereignisse als Handlungsfolgen an. . wenn er Sie hernach weit über den eingetretenen Schaden hinaus - einschließlich der vorher erlittenen Furcht – dafür bezahlt. Sie werden häufig selbst entsprechend handeln wollen. trotz der Gewißheit. erhalten sie ja gerade nicht. erhielten sie aber nichts für die Furcht.

hängt natürlich sowohl von der Art des mit der Handlung verbundenen möglichen Schadens als auch von seiner Häufigkeit ab. während sie in anderen Gesellschaften kulturell bedingt als rein "privat" erscheinen. Wie zuvor muß auch hier festgestellt werden. ohne dadurch gehaltlos zu werden. gehören zu den Handlungen privater Natur. Leute könnten sich dann in rechtlich erheblicher Weise davor fürchten. Bestimmte extreme Fälle von Furcht müssen ausgeschlossen werden. Der Einfluß der beiden Merkmale wurde bereits zu Beginn dieses Abschnittes erwähnt. Das bedeutet. Sie werden im folgenden als "risikoerzeugende Handlungen" oder "Risikohandlungen" bezeichnet. daß die Abgrenzung zwischen den risikoerzeugenden und den furchterregenden Handlungen fließend ist.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 121 Frankfurt School of Finance and Management Gefährdungshandlungen des ersten Typs. "frei von Furcht" zu leben. Daß gewisse Gefährdungshandlungen in bestimmten Gesellschaften "öffentliche" negative Folgen besitzen. als dies bei irgendwelchen "starren" Handlungseigenschaften möglich sein kann. Sein Anwendungsbereich läßt sich weiterhin davon abhängig machen. Wenn eine Rechtsordnung das Recht kennt. Das Kriterium der "Öffentlichkeit" oder "Privatheit" der Gefährdungshandlungen paßt sich jedoch besser einem Verfahren der Einzelfallprüfung an. Es nimmt im weiteren Sinne kulturelle Einflüsse gleichsam in sich auf. dann kann das sinnvollerweise nicht bedeuten. vermag das Kriterium zu berücksichtigen. daß andere sie belügen könnten oder aber . Gefährdungshandlungen des zweiten Typs besitzen Wirkungen auf Außenstehende und sind insofern "öffentlicher" Natur. Sie werden im folgenden als "furchterregende Handlungen" oder auch "furchterzeugende Handlungen" bezeichnet. die ausschließlich das Wohlbefinden des Handelnden und des aktuell Geschädigten betreffen. daß generell jede Art der Furchterzeugung Rechte verletzt. da das Wohlbefinden Außenstehender von ihnen unberührt bleibt. sondern flöße ihnen nach ihrem subjektiven Empfinden Furcht ein. Sonst könnten besonders "risikosensible" Individuen gegen nahezu jede Handlung Einspruch erheben mit der Begründung. welche Arten von "Schäden" die betreffende Rechtsordnung kennt. Ob eine bestimmte Handlung nur risikoerzeugend oder aber darüber hinaus furchterregend wirkt. daß nicht jede als negativ empfundene Handlungsfolge auch als ein Schaden in Betracht gezogen werden muß. diese Handlung habe nicht nur privaten Charakter.

Von einer akzeptablen Rechtsordnung wird man in der Tat verlangen. Was zählen darf. Mit Sicherheit spielt dabei nicht nur der Gesichtspunkt der Öffentlichkeit oder Privatheit der Handlung eine wesentliche Rolle. Wenn im folgenden von "furchterregenden" Handlungen gesprochen wird. Wenn jedoch solche zentralen Rechtsgüter wie Leben und körperliche Unversehrtheit mit einer recht großen Wahrscheinlichkeit von den Handlungen eines einzelnen oder der "Summe" der Einzelhandlungen einer ganzen Gruppe tangiert werden. indem man Handlungen dann als "furchterregend" ansieht.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 122 Frankfurt School of Finance and Management "fremde Götter" verehren oder was auch immer.gleichsam eine Stufe höher anknüpft. derartige Gefährdungshandlungen verboten. insbesondere in einer Naturrechtsordnung. wenn sie trotz Kompensation der direkt Geschädigten wesentliche Einbußen im Wohlbefinden Dritter nach sich ziehen. die man allgemein als "Naturrechtsordnung" bezeichnet. sondern sogar vor einer bloßen Gefährdung durch bestimmte Handlungen schützt. a priori festzulegen. Es scheint ausgeschlossen. was als eine "wesentliche" Einbuße des Wohlbefindens angesehen werden muß.sofern es ein solches Recht in der betreffenden Rechtsordnung geben sollte . ist allein die Gefährdung geschützter Rechte. also über die Pflicht zur Kompensation der Geschädigten hinaus mit einer Strafe bedroht . an die das Recht auf Furchtfreiheit . Diese Information kann man zu einer hinreichenden Verbotsbedingung werden lassen. daß sie zumindest einige besonders zentrale Rechtsgüter nicht nur vor aktuellen Übergriffen. dann zielt dies nur auf solche Handlungen mit wesentlichen negativen Wirkungen auf Dritte ab. Um als furchteinflößend anerkannt zu werden. Ob eine Handlung in dem obigen Sinne furchterregend ist. indem sie diese Gefährdungshandlungen unter eine Sanktionsandrohung stellt. Welche Gefährdungshandlungen im einzelnen als verboten anzusehen sind. Das gilt selbstverständlich auch für jene moralische Ordnung. dann dürften davon in jedem Falle "wesentliche" negative Wirkungen auch auf die nicht direkt geschädigten und insofern außenstehenden Individuen ausgehen. als sie geschützte "Rechtsgüter" gefährden. müssen die Handlungen vielmehr auch in dem Sinne "öffentliche" Folgen haben. Daß in einer Rechtsordnung. bildet jedoch eine wichtige Vorinformation. bildet ein schwieriges Problem. Zwischen den bloß risikoerzeugenden und den furchterregenden Handlungen kann die Grenze nicht nur nach den subjektiven Empfindungen Außenstehender gezogen werden.

Der tiefere Grund für die Plausibilität einschlägiger Verbote scheint darin zu bestehen. Die Suche nach einem solchen Grundsatz ist jedoch. furchterregende Gefährdungshandlungen durchzuführen. wenn man die indirekten Wirkungen auf Dritte nicht selbst noch durch Ausgleichszahlungen abdecken kann. soll aber der staatliche Anspruch auf ein Gewaltmonopol mit dem Recht. hat man für das Problem der Staatsgründung im Urzustand noch nicht viel gewonnen. ein Verbot der Selbstjustiz durchzusetzen. Wenn das mit der Selbstjustiz einhergehende Risiko der Fehlbestrafung zugunsten des mit der staatlich geordneten Strafverhängung verbundenen Risikos ausgeschlossen werden soll.3. Von seinen Prämissen ausgehend. Dies bildet ja den zentralen "Trick" der hier näherungsweise nachgezeichneten Argumentationsstrategie von Nozick. dann läßt sich das unter anarchistischen Prämissen nur rechtfertigen.2 Das Verbot der Selbstjustiz Für den Alltagsverstand dürfte es unmittelbar plausibel sein. daß die allgemeine Erlaubnis. wenn sich ein entsprechender Grundsatz zur Behandlung von nicht-furchterzeugenden Gefährdungshandlungen auffinden läßt. Handlungen mit wesentlichen negativen Nebenwirkungen auf Außenstehende zu verbieten. nicht ohne Schwierigkeiten. Doch auch dann. erscheint zumindest dann als ziemlich einleuchtend. gerechtfertigt werden. wenn man in der dargelegten Weise davon ausgeht.1. der .Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 123 Frankfurt School of Finance and Management werden müssen. nimmt gerade der Anarchist nicht an. Es ist jedoch gerade der Sinn der in einer Rechtsordnung vorhandenen Abwehrrechte zu verhindern.2. Daß jedoch entweder jeder einzelne Akt von Selbstjustiz oder die Gesamtheit dieser Akte auf die jeweils Außenstehenden wegen der Gefahr einer Fehlbestrafung furchterregend wirkt. Das in diesem Zusammenhang zentrale Verbot der Selbstjustiz läßt sich nur dann auf diesen Grundsatz stützen. 6. daß jemand. wie sich im folgenden zeigen wird. die bei diesen Handlungen jeweils Außenstehenden ohne ihre Zustimmung auf ein niedrigeres Niveau des Wohlbefindens hinabzwingt. daß furchterregende Handlungen verboten sind. wenn Selbstjustiz furchterregend wirkt. Hinsichtlich von Gefährdungshandlungen wurde im vorigen Abschnitt bereits an einen solchen Verbotsgrundsatz appelliert.

Sie können sich alle Vorteile aus dem durch sie erzwungenen Austausch des "Rechtes auf Furchtfreiheit" gegen "Geldzahlungen" aneignen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 124 Frankfurt School of Finance and Management nicht selbst das Recht gebrochen hat. so würde dies unter dem Gesichtspunkt einer gerechten Verteilung der Vor. Auch dann. Gewisse Arten des Austausches scheitern daran. Dem potentiellen Übeltäter fallen alle Vorteile des Austausches zu.und Nachteile. In den meisten Fällen von Gefährdungshandlungen ist es jedoch faktisch unmöglich. furchterregend zu handeln. die Erlaubnis aller Betroffenen vor Durchführung der Handlung einzuholen.das größte Gewicht auf die Zustimmungsbedürftigkeit solcher Handlungen. so kann er nach dem Lockeschen Naturrecht zumindest so hart bestraft werden. daß sich die Handlung ebenfalls unter Einrechnung der Strafe nicht mehr lohnt. Wollte man aus diesen Gründen auch die Furcht selbst mit einer Entschädigungsberechtigung versehen. Es legt deshalb . die in der Regel von Gefährdungshandlungen furchterregender Art betroffen werden. welcher Betrag ihnen für das Ertragen von Furcht gezahlt werden muß. daß die mit dem Tausch als solchem verbundenen Transaktionskosten den aus dem Tausch grundsätzlich erwachsenden Nutzen überwiegen. Holt er die Erlaubnis jedoch nicht ein. Zwar wird dann auch die Furcht der potentiellen Opfer entschädigt. Ihnen wird das Recht genommen. doch beinhaltet dies nach wie vor eine ungerechtfertigte Bevorzugung jener Individuen. Die potentiellen Opfer werden nach einer solchen Regelung nur entschädigt. falls nicht zuvor eine Erlaubnis aller Betroffenen eingeholt wurde. muß er in der Regel einen so hohen Aufwand treiben. daß sich die Handlung insgesamt für ihn nicht mehr lohnt. Es ist nicht einzusehen. und verbietet sie. Es gibt allein schon wegen der großen Zahl der Individuen. die sich aus den betreffenden Tauschakten ergeben. keinen zu geringen Kosten wirkenden marktlichen Prozeß. die die Rechte anderer berühren. nicht entscheidend weiterhelfen. daß . um die Erlaubnis für die Handlung zu erlangen. wenn jemand ein sehr großes Interesse an einer solchen Handlung hat. die ein Interesse an der Erzeugung von Furcht haben.abgesehen von Strafverhängungen . von anderen Individuen gegen seinen Willen in seinem Wohlergehen beeinträchtigt wird. Dies gilt insbesondere auch für das Lockesche Naturrecht. selbst auszuhandeln. während die anderen nicht schlechter. jedem Interessenten ermöglichen würde. aber auch nicht besser als vor dem Tausch gestellt sind. der den Ankauf des Rechtes.

Das bedeutet aber. daß jene klare Verteilung der Pflichten und Rechte. geht man doch davon aus. daß in diesem Falle die vorherrschende Schutzorganisation ein rechtliches Monopol beanspruchen und damit zum Ultraminimalstaat werden darf. stets möglich ist. d. Dieser Grundsatz zeigt. daß sie sich vor dem Entstehen des Staates fürchten. Obwohl man die Existenz gewisser Zweifelsfälle anerkennt. in dieser Form belohnt wird. Das gilt . indem sich anarchistisch gesonnene Außenseiter auf ihn berufen könnten. der Rechtsgüter doch immerhin gefährdet. Verletzt jemand diese Pflicht und führt furchterregende Handlungen durch. aber auch kompliziertere Fall der nur eine Risikoempfindung auslösenden Selbstjustiz ist weiterhin ungelöst. Wenn also die Selbstjustiz der Außenseiter den Klienten der vorherrschenden Schutzorganisation Furcht einflößt. die sich zusammenschließen angesichts ihrer sonstigen Überzeugungen und Präferenzen nicht glaubhaft machen. die man üblicherweise auch in den Strafgesetzbüchern moderner Staaten findet. Was furchterregende Handlungen anbelangt. trifft die Pflicht. der Furcht erzeugt. so darf er dafür bestraft werden. daß im Prinzip eindeutig festliegt. In jedem Falle erscheint der Grundsatz im Urzustand als akzeptabel. Der im gegenwärtigen Kontext wichtigere. wer als Schädiger und wer als Geschädigter zu gelten hat. Er verhindert auch nicht das Entstehen eines Staates. der bei Annahme eines Rechtes auf furchtfreien Genuß der Rechtsgüter "erster Stufe" sogar verletzend in ein Rechtsgut "zweiter Stufe" eingreift.im Gegensatz zu den furchtsameren Individuen. dann kann und darf die Organisation das Handeln der Außenseiter bestrafen. Denn gerade sie können . Es muß den Menschen selbst freistehen. Die traditionelle Naturrechtslehre scheint zu unterstellen. h. scheint daher die Verteilung der Pflichten klar zu sein: Denjenigen. Übergriffe auf ihre Rechte zu erlauben und den Preis dafür auszuhandeln.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 125 Frankfurt School of Finance and Management derjenige. den Opfern seines Tuns eine Erlaubnis dazu abzuhandeln. Letzteres gilt allerdings nur hinsichtlich der furchterregenden Selbstjustiz. Er bildet ein einsichtiges Motiv für eine Vielzahl von Strafrechtsnormen. ohne die Erlaubnis aller von der Furcht Betroffenen zuvor eingeholt zu haben. die sich im Falle der furchterregenden Selbstjustiz ergeben hat. wie im Falle furchterregender Handlungen vorzugehen ist. da er eine unmittelbare Konsequenz des Naturrechts darstellt. ihm darf über die Entschädigung aller Betroffenen hinaus ein Sonderopfer auferlegt werden.

den anderen zu schädigen. denn was in derartigen Fällen recht und billig oder gerecht ist. Anders als im Falle furchterregender Handlungen erscheint es nun als keineswegs ausgemacht. wem von den beiden man erlauben soll. Wenn etwa der Qualm einer nahe gelegenen Fabrik die Wäsche einer Hausfrau verschmutzt. es scheint vielmehr in der Frage zu liegen. da ein Richter fehlt. Hier fehlt zwar der Richter. die gewisse Entscheidungen notfalls rein dezisionistisch von ihren mit Macht ausgestatteten Funktionsträgern treffen lassen kann. Gibt man der Hausfrau das Recht. ergänzt werden. steht sich dadurch schlechter als ohne diese Risiken. der die Zuteilung von Rechten notfalls auch vornehmen könnte. das Problem als solches bedarf deshalb jedoch um so nachdrücklicher einer Lösung. daß man von den einzelnen Individuen verlangt. gibt man hingegen ihm das Recht. steht gerade in Frage. würde er die Sicherheit. ohne sich dabei von Prinzipien leiten zu lassen. dann schädigt das die Hausfrau. wer das schützenswerte Opfer ist. Auch wenn kein Schaden eintritt. Derartige Probleme können in jeder Rechtsordnung auftreten . ob der Qualm "wirklich" einen Schaden darstellt. daß der Schaden nicht eintreten kann. Solche Prinzipien des Interessenausgleiches sind für die "Rechtsordnung" eines staatsfreien Zustandes noch wichtiger als für eine staatlich durchgesetzte Rechtsordnung. die Qualmerzeugung zu untersagen. Dadurch wird aber die gerade für die Ausübung von Eigentumsrechten typische Symmetrie von nicht-furchterregenden Schädigungsmöglichkeiten übersehen. Das Naturrecht muß um Prinzipien. Im gegenwärtigen Zusammenhang wird diese Frage besonders relevant hinsichtlich einer angemessenen Behandlung der Risiken. die diese Lösung ergeben.auch in der "Rechtsordnung" des Urzustandes: dem Lockeschen Naturrecht. so schädigt dies den Fabrikbesitzer. Qualm zu erzeugen. der die zuvor erwähnte Erlaubnis zur Schädigung eines anderen aussprechen und zuteilen könnte. Im Urzustand kann man solche Prinzipien auch nicht dadurch ersetzen. Derjenige. nach den Gesichtspunkten von Recht und Billigkeit oder Gerechtigkeit vorzugehen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 126 Frankfurt School of Finance and Management insbesondere auch für jene zentralen Regelungen jeder Rechtsordnung. Ohne eine Bewertung der zugrunde liegenden Interessen kann man hier zu keiner Lösung kommen. dann ist das Rechtsproblem weniger in der Frage zu sehen. der Risiken unterzogen wird. einer noch so geringen . die mit menschlichem Handeln einhergehen. die das Eigentum betreffen.

welche Handlungen letztlich unter dieser Ordnung durchgeführt werden. dann würde sich die ursprüngliche Zuteilung dieser Rechte durch die betreffende Rechtsordnung weniger darauf auswirken. die sich aus der Zuerkennung von Rechten ergeben können. Ist es ihm andererseits erlaubt. Es wird nur den von ihren Risiken Betroffenen erlaubt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 127 Frankfurt School of Finance and Management Schadenswahrscheinlichkeit vorziehen.auch wenn man den anarchistischen Optimismus nicht teilt . Ganz analog verläuft das Argument im umgekehrten Falle. in dem die anderen das Recht besitzen. zum vorangehenden die klassische Analyse von Coase 1960). wenn ihnen dafür mehr geboten wird. weil sie gewisse Risiken für andere mit sich bringen. Kann er die risikobehafteten Handlungen nicht untersagen. risikobehaftete Handlungen durchzuführen. Wenn nämlich im Urzustand eine Schutzorganisation so erfolgreich bei der Anwerbung von Klienten war. diese Handlungen zu untersagen. verkaufen. erfordert daher vor allem die Beachtung der Verteilungswirkungen. dann wirkt deren Selbstjustiz vermutlich . Als rationale Individuen werden sie an einem solchen Verkauf interessiert sein. als es ihnen wert ist.nicht furchterregend. der in etwas inkonsistenter Weise den Urzustand trotz der von ihm . der Selbstjustiz. Dies hätte selbst Locke. wie sich die Vorteile aus diesen Handlungen verteilen (vgl. die meisten Alltagstätigkeiten allein deshalb zu verbieten. Sie können dieses Anrecht durchaus an jene. Auch sie können dieses Recht verkaufen. Die letztere Lösung kann man nun nicht einfach mit dem Argument beiseite legen. die mit risikobehafteten Handlungen verbunden sind. dann kann er demjenigen. das Opfer dieser Interessen abverlangen. als es ihnen wert ist. die gewisse Handlungen vornehmen wollen. Eine angemessene Lösung jener Probleme. der an der Durchführung der Risikohandlungen interessiert ist. Diese Alltagstätigkeiten werden ja nicht bedingungslos verboten. als darauf. daß nur noch ganz wenige Außenseiter vorhanden sind. es sei absurd. die Unterlassung dieser Handlungen zu verlangen und so jeweils das Verbot in Kraft zu belassen. wenn ihnen für ihr Recht auf Risikofreiheit mehr geboten wird. Diese Verteilungswirkungen treten gerade auch beider Behandlung der im Urzustand zentralen Risikohandlung. an wesentlicher Stelle auf. so opfert er dadurch "gezwungenermaßen" einen möglichen Vorteil. Gäbe es für den Handel mit derartigen Rechten einen idealen Markt.

im engeren Sinne vertraglich erreicht werden könnte (s. könnte dies für die "Endphase" der Vereinigungsbildung akzeptieren. in der es nur noch ganz wenige Außenseiter gibt. Selbst zusammengenommen kommt diese Art von Gefährdungshandlungen zu selten vor. Es erscheint als eine besonders gravierende Schwäche der älteren Gesellschaftsvertragslehre. daß die Vorteile eines Austausches nicht einseitig den potentiellen Schädigern zufallen sollen. naturrechtlich ausdrücklich gestattete. indem man ein Naturrecht anerkennt. dann wird er vermutlich wie jedermann annehmen müssen. bleibt auch dann bestehen. Die Einseitigkeit der Vorteilsaneignung ließe sich ausräumen. 97). überhaupt nicht von risikobehafteten Handlungen . u. 95 f. um Furcht zu erregen. gegen kein Naturrecht verstoßende und auch nicht furchterregende Gefährdungshandlungen durchzuführen. S. da sie ja immerhin potentiell gegen ein geschütztes Rechtsgut verstoßen. Das erscheint als unannehmbar. vermutlich zugestanden. Wie aber ist in einem solchen Falle "rechtlich" das "Risiko" zu behandeln? Das bei der Diskussion furchterregender Handlungen vorgebrachte Argument.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 128 Frankfurt School of Finance and Management unterstellten sonstigen Prämissen als einen Zustand sieht. Verfahren der Selbstjustiz zu Kompensationszwecken anwenden. dass derjenige. Zwar schädigt dann das Wissen. Er glaubt vielleicht nicht. Auch jemand. sondern nur risikoerzeugend wirkt.). daß ihr Vorhandensein insgesamt nicht furchterregend. "der bei aller Freiheit voll ist von Furcht und ständiger Gefahr" (1974. nur eine Entschädigung zu leisten hat. daß eine Situation. Und dies gilt natürlich erst recht für jede Einzelhandlung. niemanden durch das Erleiden von Furcht. der als Schädiger auftritt. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen. die darauf beharren. Niemand fürchtet sich in nennenswertem Umfang vor dem äußerst seltenen Ereignis fehlerhafter Selbstjustiz. daß bestimmte Individuen weiterhin gewisse. aus der Sicht der vorherrschenden Schutzorganisation unzuverlässige. ist sie jedoch erreicht. daß sie in derartigen Situationen kein befriedigendes Verfahren zur Behandlung von Außenseitern angibt. daß die Selbstjustiz der Außenseiter insgesamt keine Furcht erzeugt. der im Gegensatz zu Locke hinsichtlich des staatsfreien Zustandes vollkommen pessimistisch ist. wenn nur so wenige Außenseiter existieren.

Doch dieses allgemeine Interesse an der Durchführung risikobehafteter Handlungen rechtfertigt nicht die allgemeine. Es besteht also ein allgemeines Interesse an der Durchführung dieser Handlungen. die ein geringeres Interesse an Risikohandlungen haben und diese daher relativ selten ausführen. die sich aus Risikohandlungen ergeben können. Der Aufwand. die das Naturrecht besonders selten gefährden. daß jeder.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 129 Frankfurt School of Finance and Management betroffen zu werden. der risikobehaftet handeln wollte. Die Vereitelung aller Risikohandlungen erscheint als unvertretbar. die Individuen. jedermann hat an gewissen Risikohandlungen ein existentielles Interesse. nicht frei auf dem "Markt" aushandeln zu können. erscheint als unannehmbar. der mit dem Verhandeln als solchem verbunden ist. Wenn man jedoch stets allen von den Folgen irgendwelcher Risikohandlungen Betroffenen im vorhinein die Erlaubnis. Diese Bestrafung würde sicherstellen. in überdurchschnittlichem Maße. abkaufen müßte. Man könnte eine Ausführung von Risikohandlungen. zuvor die Erlaubnis aller von dem Risiko Betroffenen einholen müßte. wenn keine Risikohandlungen durchgeführt würden. daß im akuten Schadensfalle vom Schädiger nur eine Entschädigung zu zahlen ist. unter eine genügend abschreckende Strafe stellen. solche Handlungen durchzuführen. Deshalb verliert das zuvor bereits angeführte Argument. Eine derartige Benachteiligung gerade jener. so zu handeln. Zwar gibt es ein Interesse buchstäblich aller. die privilegierte Stellung der natürlichen Rechte dadurch zum Ausdruck zu bringen. das insofern einen verallgemeinerungsfähigen Grundsatz tragen könnte. Die Gesellschaft als ganze könnte nicht bestehen. könnte in diesem Falle gerade nicht vernachlässigt werden. 63). Er würde bei nahezu allen Alltagstätigkeiten anfallen und wäre letztlich so hoch. Vom naturrechtlichen Standpunkt aus muß es vielmehr als geboten erscheinen. daß diejenigen. der nicht vorher allgemein zugestimmt worden ist. S. nicht seine Kraft. Doch ist dieses Interesse nicht bei allen gleich stark ausgeprägt. so trifft der Nachteil. dann könnte niemand mehr risikobehaftet handeln. o. risikobehaftet zu handeln. die überdurchschnittlich viele . Kann der Geschädigte nämlich im akuten Schadensfall nur eine Entschädigung erlangen. den Preis für die Übergriffe. nur an eine Entschädigungspflicht geknüpfte Erlaubnis. daß diese Tätigkeiten nicht mehr durchgeführt werden könnten (s.

nehmen. durch deren Verbot im engeren Sinne niemand benachteiligt wird. eine Entschädigung für die Unterlassung beliebiger risikobehafteter Handlungen zu erhalten. Bezüglich jener Individuen. das neben der Erlaubnis zum Verbot aller risikobehafteten Handlungen den "Opfern" des Verbotes eine Entschädigung zuerkennt. von solchen Handlungen unterschieden werden. Ihnen muß deshalb das Recht genommen werden. . wenn ihr Verbot den Risikoerzeuger benachteiligen würde. wenn nur so wenige Selbstschutz betreiben. bietet einen starken Anreiz. deren Verbot das "Opfer des Verbotes" benachteiligt. dann würde dies jedoch unvermeidlich zu untragbaren Ergebnissen führen. können sinnvollerweise zur Entschädigung berechtigen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 130 Frankfurt School of Finance and Management Risikohandlungen ausführen.also ohne ihre Zustimmung . von sich aus das Leben unter einem vollständigen Schutzmonopol anzustreben. Es ergibt sich daher der folgende Grundsatz: Risikohandlungen sind nur dann erlaubt. wenn man unter diesen Voraussetzungen jedermann für seine Ansprüche aus dem Verbot von Risikohandlungen entschädigen wollte. die Entschädigungspflichten einfach umzuverteilen. Nur Verbote. Deshalb müssen Handlungen. daß sich vor ihren insgesamt äußerst seltenen Übergriffen niemand fürchtet. bietet sich der folgende Grundsatz an: Man darf den Uneinsichtigen ihr privates Kompensationsrecht durch fundamentale Zwangsgewalt . Eine solche Vorspiegelung falscher Tatsachen wäre zwar unehrlich und insofern moralisch zu verurteilen. wenn man sie dafür entschädigt. Die Möglichkeit. die nicht so einsichtig sind. bestimmte Preise frei auszuhandeln. Nach alledem liegt es nahe. daß eine Entschädigung an das Opfer des Verbotes gezahlt wird. ein Interesse an diesen Handlungen nur vorzuspiegeln und so in den Genuß der Entschädigung zu gelangen. Würde man ein solches Prinzip. benachteiligt werden. verallgemeinern. Es erscheint als unhaltbar. Dieses Argument greift auch dann ein. In diesem Falle dürfen sie nur unter der Bedingung verboten werden. jedoch eine auf einen bestimmten äußerlichen Bereich beschränkte. Denn das Naturrecht ist zwar auch eine Form der Moral. die auf eine Benachteiligung anderer hinauslaufen. würde aber sicherlich nicht dem Naturrecht widersprechen.

weshalb sie auch entschädigt werden müssen. Wenn sie aus ihrer Sicht die Selbstjustiz der Außenseiter für risikoreicher als ihre eigenen Verfahren hält. Auf keinen Fall kann es jedoch als Benachteiligung gelten. Dadurch werden die Außenseiter in der Verfolgung eines genuinen Interesses benachteiligt. denn das Problem hartnäckiger Außenseiter kann angemessen behandelt werden. Doch faktisch kann nur die vorherrschende Schutzorganisation dieses spezielle Recht durchsetzen. Insbesondere die buchstäbliche Einmütigkeit beim Zustandekommen des sogenannten Gesellschaftsvertrages muß nicht mehr fingiert werden. so können die Außenseiter der Schutzorganisation zunächst das gleiche entgegenhalten. Die Entschädigung aber erfolgt zweckmäßigerweise dadurch. an denen die Individuen im Urzustand ein elementares und legitimes Interesse haben. Auch die Klienten einer Schutzorganisation lassen ihr Recht zur Selbstjustiz Ja nicht einfach untergehen. Die Tatsache. Die Selbstjustiz andererseits gehört eindeutig zur Klasse der Handlungen. nur nach den Verfahren. Die betreffende Lücke in den traditionellen Naturrechtskonzeptionen in dieser von Nozick angeregten Weise zu schließen. Da jeder im Urzustand das Recht besitzt. Sie verleihen es vielmehr der Schutzorganisation. daß die vorherrschende Schutzorganisation auch die Außenseiter schützt und damit zum Minimalstaat wird. der Selbstjustiz verbietet und durch ein Minimum an umverteilenden Maßnahmen alle schützt. an denen sie sonst keinerlei Interesse besitzen. durch Androhung potentiell unangenehmer Handlungen. kann also auch bei Existenz von Außenseitern naturrechtskonform vollzogen werden. Sanktionsmaßnahmen unterzogen zu werden.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 131 Frankfurt School of Finance and Management Was im einzelnen als Benachteiligung zählen soll. der sie sich zur Wahrung ihrer Rechte anschließen. Ihre Vorzüge sind augenfällig. sofern man das Naturrecht um gewisse Grundsätze zur Behandlung risikobehafteter Handlungen ergänzt. Vorteile zu erlangen. Der Übergang zu einem Minimalstaat. Nur sie kann den Gebrauch abweichender Verfahren verbieten. daß sie vorherrschend ist. Dies stellt gegenüber der traditionellen Lehre vom Gesellschaftsvertrag einen kaum . läßt sich allerdings kaum allgemein bestimmen. wenn man etwa gewissen Individuen die Möglichkeit nimmt. schafft keine zusätzlichen Rechte. entsteht scheinbar eine Art rechtlichen "Patts". Es ergibt sich nun insgesamt der gesuchte Obergang zum Minimalstaat: Die auf einem Gebiet faktisch vorherrschende Schutzorganisation verbleibt relativ zu den sich selbst schützenden Außenseitern im Urzustand. erscheint als keineswegs uneinsichtig. die er subjektiv für sicher hält.

ist im Prinzip rein rechtlicher Natur. . irgendwelche von vornherein fragwürdigen Grenzen anzunehmen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 132 Frankfurt School of Finance and Management zu überschätzenden Vorteil dar. Dieser Staat entsteht als Folge individuell rationalen Handelns. Ganz ähnlich ist es zu bewerten. Die Minderheiten werden nicht überstimmt. Man muß in diesem Zusammenhang nicht mehr auf so fragwürdige Kategorien wie etwa das "wahre Interesse" jener. daß mindestens eine Form des Staates rechtfertigungsfähig ist. über die Interessen von Minderheiten hinwegzugehen. der keine zentrale Institution zur Durchsetzung von Verträgen kennt. das von dem angeführten Risikogrundsatz bestimmt wird. auf den sich die Individuen stillschweigend im Urzustand einigen würden. daß unter Heranziehung jenes eingangs geschilderten Prozesses einer sukzessiven Bildung von Schutzorganisationen darauf verzichtet werden kann. als sie es ohne diese Fortentwicklung wäre. Er hat insbesondere mit Abstimmungsverfahren nichts gemein. von sich aus das Leben in einem Staat zu bevorzugen. das . falls er nicht gänzlich überoptimistisch ist. Als rechtfertigungsfähig erweist sich nämlich genau jener Staat. einen simultanen Vertragsschluß einer Vielzahl von Beteiligten zu unterstellen. auch nicht mehr erforderlich.sofern der zuletzt geschilderte Risiko. was die grundsätzliche Frage der Einrichtung eines Gewaltmonopols anbelangt.mit den Rechten von jedermann vereinbart werden kann. der mittels des hier angeführten Risikogrundsatzes erzielt werden kann. von denen an Mehrheiten berechtigt sein sollen. Es ist. müßte eine solche Voraussetzung als zweifelhaft erscheinen. Gegenüber dem Anarchisten. der in die faktischen und normativen Prämissen von Urzustand und Naturrecht einstimmt. Gerade im Urzustand. Der Interessenausgleich. wurde gezeigt. zurückgreifen.undEntschädigungsgrundsatz eingehalten wird . Damit ist die Analyse im wesentlichen abgeschlossen. die zu uneinsichtig sind. Ihre Interessen gehen vielmehr gleichberechtigt mit den Interessen der Mehrheit in ein angemessenes quasi-juristisches Entscheidungsverfahren ein. Die Ausräumung beider Prämissen einer buchstäblichen Einmütigkeit und Gleichzeitigkeit des ursprünglichen Vertragsschlusses durch Angabe eines evolutionären Prozesses auf der einen und eines Risikogrundsatzes auf der anderen Seite macht die herkömmliche Lehre vom Gesellschaftsvertrag insgesamt weit annehmbarer.

Denn die beiden Auffassungen. Sie wollen nicht abschätzen. erweisen sich . die der Betreffende nun .nämlich solche entschädigender Art . sondern eine tatsächliche Überzeugung. Die philosophischen Lehren vom Gesellschaftsvertrag. für unser reales Leben Verbindlichkeit besitzen? Von Bedeutung scheint doch allenfalls das zu sein. daß einerseits die Menschen richtigerweise "frei" in einem staatsfreien Urzustand zusammenleben sollten und daß andererseits kein Staat rechtfertigungsfähig ist. Seine Prämissen mögen zwar nicht realisiert und insofern fiktiv sein.aufgeben muß.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 133 Frankfurt School of Finance and Management Der in der dargelegten Weise im Denkmodell des Urzustandes entstehende Staat ist der auf ein Minimum an Umverteilungswirkungen . was bei Zerstörung realer staatlicher Institutionen in Wirklichkeit geschehen würde. dann muß er auch die Konsequenzen.falls die voranstehenden Analysen formal korrekt geführt wurden . sondern vielmehr eine direkte normative Bewertung von Institutionen oder . die sich daraus ergeben.die Prämissen der Argumentation ausdrücklich als seine eigenen normativen und faktischen Voraussetzungen akzeptiert. Aber natürlich muß man die Prämissen von Nozick und dem "realistischen" Anarchisten nicht akzeptieren.beschränkte sogenannte Minimalstaat. daß sie uns die möglichen Konsequenzen unseres Handelns vor Augen führen. Eine Analyse seiner Eigenschaften muß im gegenwärtigen Zusammenhang nicht gegeben werden. für relevant halten. Zwar hat es weder einen Urzustand noch irgendwelche sukzessiven Vertragsschlüsse je gegeben. dem um staatsfreie Zustände kreisenden staatsphilosophischen Denken Relevanz und normative Verbindlichkeit einfach deshalb schon abzusprechen. Es gibt gute Gründe dafür. doch nur in dem Sinne. was fiktive Individuen in einem fiktiven Zustand möglicherweise beschließen würden. weil es wesentlich auf Fiktionen beruht. Der grundsätzliche Gang der Argumentation dürfte auch so klargeworden sein. zu denen natürlich auch Nozicks Theorie eines sukzessiven Vertrages gehört.bei rationalem Verhalten . Daß sie weitgehend auf fiktiven Prämissen beruht. Daß er ihre Realisation für möglich und wünschenswert hält. Warum nämlich sollte das. haben jedoch eine ganz andere Stoßrichtung.etwa ein Anarchist . läßt sie nicht irrelevant werden. ist jedoch keineswegs eine Fiktion. Wenn jedoch jemand . welche Konsequenzen unser reales Verhalten möglicherweise haben kann.als unvereinbar. Zwar sind diese Überlegungen ebenfalls kontrafaktischer Natur.

wenn man die keineswegs selbstverständliche Auffassung teilt. daß die aus einem bestimmten fiktiven Denkmodell gezogenen normativen Schlüsse reale Verbindlichkeit besitzen. sondern darum. erscheint jedoch als äußerst zweifelhaft. Möglicherweise helfen sie uns bei der Erfindung rechtfertigungsfähiger Normen und Institutionen. Im Rahmen der Gesellschaftsvertragslehren suggeriert der Bezug auf Verträge und Versprechen nur zu leicht. Das trifft jedoch nicht zu. Denn zumindest gegenüber jedem.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 134 Frankfurt School of Finance and Management Verhaltensweisen durchführen. daß in den Fiktionen von normativ relevanten Kategorien wie Verträgen. muß gezeigt werden. daß die aus gewissen staatsphilosophischen Denkmodellen vertragstheoretischer Natur herleitbaren Normen faktisch gerechtfertigt sind. der nicht von sich aus die vertragstheoretischen Prämissen akzeptiert. daß für die Verbindlichkeit staatlicher Normen letztlich allein entscheidend ist. daß diese sich tatsächlich rechtfertigen lassen. fiktive Versprechen so zu behandeln. denn zu zeigen ist gerade. Versprechen oder freiwilligen Zustimmungshandlungen Gebrauch gemacht wird. bei gegebenen Werten und Normen die für die Anwendung dieser Werte und Normen erforderlichen Informationen bereitzustellen.oder rationalerweise zustimmen könnten. welchem sie in irgendeinem fiktiven Zustand möglicher. insbesondere staatlicher Normen überhaupt erst abzuleiten. Sollte es zutreffen. Der Nachweis. Ihnen geht es also nicht darum. daß sich solche Fiktionen zu heuristischen Zwecken eignen. dann wäre gerade diese Tatsache nachzuweisen. daß eine ebensolche Verbindlichkeit alledem zukommt. Denn selbst dann. muß man noch lange nicht der Meinung sein. Es mag sein. daß der Gebrauch in der Fiktion auch . bildet einen davon logisch wohl unterschiedenen gesonderten Argumentationsschritt. Man kann sich hier nicht darauf verlassen. als wäre in ihnen in irgendeiner Weise die verbindlichkeitsstiftende Wirkung der realen Institutionen des Versprechens oder Vertrages berührt. ob sie dem Willen der von ihnen Betroffenen entsprechen. Versprechen oder Verträge fiktiver Personen können trivialerweise nur die fiktiven Personen binden. die Verbindlichkeit gewisser. Daß dies auf dem Wege der Fiktionsbildung gelingen kann. Insbesondere ist es in höchstem Maße irreführend. wenn man sie auf reale und nicht nur auf fiktive Personen bezieht. Diese kann nur dann ins Spiel kommen. daß das eigentliche Begründungsproblem in der Vertragssituation selbst zu lösen ist.

so lassen sich noch gravierendere Einwände gegen die Gesellschaftsvertragslehren erheben. Die Einmütigkeit der Kontrahenten machte das überflüssig. die Nozick und der nicht gänzlich überoptimistische Anarchist hegen. kann hier dahingestellt bleiben. dann zeigt sich. in dem die Gesellschaftsvertragslehre Nozicks gegenüber einem in ihre Prämissen einstimmenden Gegner Verwendung findet. Sie betreffen die interne Konsistenz des vertragstheoretischen Ansatzes.Spezialfall ab. Denn sieht man von dem einen . und zwar aus Gründen. Dazu müßten sie in einen übergeordneten legitimierenden Zusammenhang wie etwa das Rawlssche "Überlegungsgleichgewicht" (Rawls 1975. die darin bestehen. Untersucht man aber das Modell eines staatsfreien Zustandes einer Vielzahl zusammenlebender Menschen näher. daß es keineswegs vernünftig sein dürfte. auf einen Lockeschen Naturzustand oder Urzustand zu hoffen. Für eine Beurteilung der Diskussion zwischen diesen beiden Kontrahenten war es nicht erforderlich. . 38) eingebettet werden. nicht unvernünftig ist. ob ihre Auffassungen über die Art des Urzustandes akzeptabel sind. genauer zu prüfen. Die Vertragstheorien können dies aber in keinem Falle leisten.wenn auch wichtigen .Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 135 Frankfurt School of Finance and Management außerhalb dieses Rahmens normativ relevante Konsequenzen hat. Vernünftigerweise muß man vielmehr von einem weitaus ungünstigeren Zustand ausgehen. die gleichzeitig die vertragliche Auflösung eines staatsfreien Zustandes als undenkbar erscheinen lassen. daß die Idee eines staatsfreien Zustandes mit der des ursprünglichen Vertrages unvereinbar zu sein scheint. Bislang wurde nämlich stets unterstellt. Hieraus ergeben sich interne Schwierigkeiten der Gesellschaftsvertragslehren. Ob sich generell die vertragstheoretischen Rechtfertigungen des Staates entsprechend ergänzen lassen. daß die Hoffnung auf einen Lockeschen Urzustand. wodurch jedoch der Rahmen der im engeren Sinne vertragstheoretischen Analyse gesprengt würde.

das weitgehend dem klassischen Nachtwächterstaat entspricht.) "Omne agens agendo perficitur" („Was immer handelt. wonach die Menschen ein Bedürfnis haben. das menschlichen Individuen von Natur aus eigen ist. Er sucht einen voll entwickelten Sozialstaat zu rechtfertigen. in einer ganz grundsätzlichen Weise auseinander. die allein auf die Sicherung sogenannter negativer Rechte abstellen. Am Werk dieser beiden Denker kann man daher exemplarisch erkennen. Die Zielsetzung. auf welchem Wege das Ziel der bestmöglichen Beförderung der menschlichen Selbstentfaltung zu erreichen ist. Individuen. Das Ergebnis ist ein Staatsideal. vervollkommnet sich im Handeln selbst“) 7. Nell-Breuning hingegen stellt auf positive Teilhaberechte ab. das gute Leben zu führen. Das gute Leben zwischen negativer und positiver Freiheit Subsidiaritätsprinzip „Die Regierung hat für die Bevölkerung das zu besorgen. daß ich im folgenden Humboldts und Nell-Breunings Ansätze als "aristotelisch" bezeichnen werde. Gesellschaft und Staat sind an sie gebunden. Diese Gedankenführung erinnert so stark an Auffassungen der "Politik" des Aristoteles. wird als etwas betrachtet. was sie aber selbst überhaupt nicht tun können oder doch. ein wie . hat die Regierung sich nicht einzumischen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 136 Frankfurt School of Finance and Management 7. auf sich selbst gestellt. In all das. Übersetzung zitiert nach Nell-Breuning 1990. 87 f. Humboldt gelangt zu Vorschlägen.“ (Abraham Lincoln. was die Men- schen ebenso gut selber tun können. nicht ebenso gut tun können. Ungeachtet dieser Gemeinsamkeit gehen die von den beiden geäußerten Auffassungen darüber. Das Ideal des guten Lebens steht als solches nicht zur Disposition.1 Polare Positionen neo-aristotelischer Staatsphilosophie Wilhelm von Humboldt und Oswald von Nell-Breuning entwickeln ihre normativen Vorschläge zur Gestaltung der Gesellschaft aus einer Konzeption vom guten Leben. Sie wird als "unveräußerlich" angesehen.

ihnen im Denken zu folgen. Innere und äußere Freiheit Man kann durchaus argumentieren. zu verständigen. Sie sind frei im Sinne eines moralischen Anrechtes zu freier Urteilsbildung. lehrt der Vergleich dieser unterschiedlichen neo-aristotelischen Ansätze zugleich etwas über Grundstrukturen unserer politischen (Argumentations-)Wirklichkeit.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 137 Frankfurt School of Finance and Management weites Spektrum sozialgestalterischer Vorschläge im weiteren Sinne aristotelische Konzeptionen zulassen. politisch wirksamen Idealen zugrundezuliegen scheinen.1. könnte die Bedingung Kants wohl erfüllen. was man für rechtens hält.also gerade nicht individuell verantwortlichen -. die Freiheit. das nicht ohne Notwendigkeit zu akzeptieren ist. Man steht unter keiner moralischen Pflicht.1. Er vertritt ein moralisches Anrecht nicht nur darauf. sich ein eigenes Urteil zu bilden. (Pikanterweise käme die Knastsituation "mit Zusammenschluß" einer idealen Sprechergemeinschaft in der realen Welt insofern recht nahe.1. Dabei könnte man äußerlich völlig unfrei sein. bestimmte Urteile zu akzeptieren. aber gehorcht" geht einen Schritt weiter. ohne eine Pflichtverletzung "in foro interno" zu begehen.1 Humboldts aristotelischer Individualismus 7. so legt dieses Ziel es nahe. wohin immer sie führen mögen. weil keiner sie erraten oder verbieten kann. Ein Gefängnis mit freier Kommunikation unter allen Insassen. zur Seite stellen.1. die eigenen Gedanken zu denken. Da solche Konzeptionen zugleich fundamentalen. Die Gedanken sind aus dieser Sicht nicht nur frei. Es wird diese als ein Übel ansehen. sich im öffentlichen Diskurs über das. . als hier die Opportunitätskosten der Zeit tatsächlich vernachlässigt werden könnten. zu einer Präferenz gegen äußere Handlungsbeschränkungen gelangen. daß man selbst dann in seinem moralischen Urteil frei bleibt. 7. den Bereich legitimen kollektiven -. Ausgehend von dem vorausgesetzten Primärwert individueller moralischer Urteilsautonomie wird jedes Individuum. Er nimmt darüber hinaus das Recht an.Handelns so weit wie möglich zu beschränken. das die Freiheit des Urteils mit der des Handelns kombiniert sehen möchte.) Will man der Freiheit. Kants "kritisiert so viel ihr wollt. dem eigenen individuellen Urteil auch in eigener individueller Verantwortung zu folgen. wenn man äußerlich völlig unfrei ist.

jene kollektiv be- stimmten äußeren Regeln auch innerlich als moralisch legitim zu akzeptieren. sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt . Aber das ist nicht der einzige Grund.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 138 Frankfurt School of Finance and Management Ist das Individuum darüber hinaus moralischer Universalist. um den individuellen Gebrauch der Autonomie mit dem gleichen individuellen Gebrauch der Autonomie jedes Anderen auch im äußeren Verhalten vereinbar werden zu lassen. welche es als notwendig erkennt.nicht der.ist die höchste proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. welches mit der gleichen Freiheit eines jeden Anderen vereinbar ist.2. obgleich mit der Freiheit eng Verbundenes: Mannigfaltigkeit der Situationen. 7. Die noch zu Kants Lebzeiten verfaßten Himboldtschen "Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen"." (Humboldt 1851/1967. Auch der freieste und unabhängigste Mensch. bildet sich minder aus.1. 22 alle weiteren Zitate beziehen sich auf die vermutlich am weitesten verbreitete und am leichtesten zugängliche Reclam-Ausgabe). Die Formel ist recht vage. Allein außer der Freiheit erfordert die Entwickelung der menschlichen Kräfte noch etwas andres. so wird es sich aus autonomer Einsicht nur dazu bestimmen lassen wollen. sich auf sie zu besinnen. wieder auf: . Humboldts Menschenbild "Der wahre Zweck des Menschen . daß es auch im äußeren Verhalten seinen eigenen inneren moralischen Überzeugungen zu folgen vermag. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung. Das bedeutet.1. Innerhalb der Grenzen universalisierbarer Freiheit wird ein solches Individuum es für moralisch legitim halten. Auch der kantische Gedanke der unsozialen Sozialnatur des Menschen taucht bei Humboldt. in einförmige Lagen versetzt. welchen die wechselnde Neigung. Kant findet hierfür bekanntlich die Formel des größtmöglichen Ausmaßes an Freiheit. werden in manchen Belangen weit konkreter. daß in- soweit die Wirksamkeit der staatlichen Rechtsordnung auf das Minimum beschränkt werden muß. wenn auch in etwas abgewandelter Form.

innerhalb deren sich das Individuum frei entfalten kann. wie die Kämpfe erbitterter Bürger höheren Ruhm gewähren als die getriebener Mietsoldaten. . die Humboldt vorschlägt. Die bereits von Adam Smith gehegten und von Karl Marx später. Die Aufhebung der Arbeitsteilung. ist Humboldt nicht fremd: "Denn auch durch alle Perioden des Lebens erreicht jeder Mensch dennoch nur eine der Vollkommenheiten. welche gleichsam den Charakter des ganzen Menschengeschlechts bilden. Eine solche Charakter bildende Verbindung ist. Die Menschen sollen frei sein. welche Vorteile gerade aus dem Zusammenfügen des Verschiedenen zieht. die Verbindung der beiden Geschlechter. doch keineswegs den Mitteln zu diesem Zweck. die von Marx zum utopischen Ideal erhoben werden sollte. Wenn bei Humboldt alles der Entwicklung des Individuums zu dienen hat.B.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 139 Frankfurt School of Finance and Management "Das höchste Ideal des Zusammenexistierens menschlicher Wesen wäre mir dasjenige. wie das Ideal einer Gemeinschaft. so würde auch das Ringen der Kräfte dieser Menschen die höchste Energie zugleich beweisen und erzeugen. das in der Spezialisierung auch eine Chance zu vielfältiger Entwicklung sieht. und wie die Kämpfe des Kriegs ehrenvoller sind als die der Arena. Für Humboldt ist nämlich alles. die klare Definition von Rechtssphären. muß einer den Reichtum des Andren sich eigen machen. welche Zwecke verfolgt." (22- 23) Perfektionierung aller Fähigkeiten des Menschen ist das Ideal Humboldts. die den Zwecken der Individuen übergeordnet sind. die aus dem innern der Wesen entspringen. sich im Zeitablauf selbst und getrieben durch die Konkurrenz untereinander. wenn auch mit einer etwas anderen Akzentsetzung wiederholten Befürchtungen. Durch Verbindungen also. waren für Humboldt offenkundig nicht von Bedeutung. nach der Erfahrung aller. aber auch durch die Zusammenarbeit miteinander zu entwickeln. in dem jedes nur aus sich selbst und um seiner selbst willen sich entwickelte. würde dem selbst mancher Sozialist noch zustimmen können. z." (25-26) Auch der Gedanke einer Kooperation. Er hält es für erwiesen. anscheinend ebenso fremd. ist dem Humboldtschen Denken. was von Nöten ist. auch sogar der rohesten Nationen. die Arbeitsteilung führe zu einer "Vereinseitigung" des Menschen. Physische und moralische Natur würden diese Menschen schon noch aneinander führen.

daß "der Zweck des Staats. ein doppelter sein. Wenn er sagt. die einzelnen Teile der gewöhnlichen oder möglichen Wirksamkeit der Staaten genau durchzugehen. daß dem Staat letztlich nur die Aufgabe obliege. dann fährt er sogleich fort. sich in die Privatangele- genheiten der Bürger überall da einzumischen. notwendig. sondern in welchem auch die physische Natur keine andre Gestalt von Menschenhänden empfängt. Indes ist es doch. und es würde sich unmittelbar hieraus auch die nähere Bestimmung ergeben. immer zum Grunde liegen..Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 140 Frankfurt School of Finance and Management "daß die wahre Vernunft dem Menschen keinen andren Zustand als einen solchen wünschen kann. daß jedes Bemühen des Staats verwerflich sei. Von diesem Grundsatz darf. Dies ist eine moralische Frage der richtigen Rechtsgestaltung." (28) Es geht um die Frage. von der hier die Rede ist. durch Menschen anderen Menschen möglicherweise zuzufügende Übel zu verhindern. daß aus- schließlich sogenannte negative Abwehrrechte legitimiert werden können. meines Erachtens.. als zu seiner eignen Erhaltung selbst notwendig ist. in welchen Bereichen wir mit den Mitteln der Rechtsordnung in das Leben der Individuen eingreifen dürfen. Glück befördern oder nur Übel verhindern" (29) zu wollen. ist selbstverständlich. selbst und willkürlich gibt. Der . Die Perspektive ist die des Gesetzesschöpfers oder. Humboldt ist dabei ein Anhänger der These... kann. sich aus sich selbst in seiner Eigentümlichkeit zu entwickeln. in welchem nicht nur jeder Einzelne der ungebundendsten Freiheit genießt." (28) Die Frage auf die Humboldt hier Bezug nimmt. wo dieselben nicht unmittelbaren Bezug auf die Kränkung der Rechte des Einen durch den Andren haben. um die vorgelegte Frage ganz zu erschöpfen. könnte man den wahren Umfang der Wirksamkeit des Staats alles dasjenige nennen. während die sogenannten positiven Teilhaberechte der Legitimation entbehren. wie die Juristen sagen würden. nur beschränkt durch die Grenzen seiner Kraft und seines Rechts. die Vernunft nie mehr nachgeben. Er mußte daher auch jeder Politik und besonders der Beantwortung der Frage. was er zum Wohl der Gesellschaft zu tun vermöchte. als ihr jeder Einzelne nach dem Maße seines Bedürfnisses und seiner Neigung. wie „die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ sind: "In einer völlig allgemeinen Formel ausgedrückt. es ist die Perspektive "de lege ferenda". ohne jenen eben ausgeführten Grundsatz zu verletzen.

Es entsteht nun ein neuer und gewöhnlicher Erwerb. "Vorzüglich ist hiebei ein Schade nicht zu übersehen. zum Teil zu einseitige Beschäftigung. viele sonst nützlicher beschäftigte Hände der reellen Arbeit entzogen. welcher Mangel der Selbständigkeit. welches die Gesellschaft gibt. Sie wird allerdings nach wie vor von ernstzunehmenden Theoretikern mit durchaus ehrenwerten Gründen vertreten. als eigentlich von der Nation abhängig. Ein solcher Eingriff bringt vor allem Einförmigkeit der Lebensverhältnisse hervor. kümmert. eine unglaubliche Menge detaillierter Einrichtungen bedarf und ebenso viele Personen beschäftigt." (31) Das. Von diesen haben indes doch die meisten nur mit Zeichen und Formeln der Dinge zu tun.1.1. sondern ihre Geisteskräfte selbst leiden durch diese zum Teil leere. welche. die Uniformität des Verhaltens der Verwaltungen. 7. Was bleibt. "Gerade die aus der Vereinigung mehrerer entstehende Mannigfaltigkeit ist das höchste Gut. beweist die Erfahrung am . Eine derartige Ablehnung des Wohlfahrtsstaates erscheint heute als "politisch unkorrekt".Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 141 Frankfurt School of Finance and Management Wohlfahrtsstaat in unserem modernen Sinne ist für Humboldt illegitim. Dadurch werden nun nicht bloß viele vielleicht treffliche Köpfe dem Denken.3. welches Warten auf die Hilfe des Staats. Humboldt selbst führt eine Vielzahl solcher Gründe an. welche falsche Eitelkeit. Besorgung von Staatsgeschäften. Humboldts Ablehnung des Wohlfahrtsstaates Wenn der Staat sich um das positive Wohl der Bürger oder ihre "Glückseligkeit". wie Humboldt auch sagen würde. Welche fernern Nachteile aber noch hieraus erwachsen. um nicht Verwirrung zu werden. nämlich daß die eigentliche Verwaltung der Staatsgeschäfte dadurch eine Verflechtung erhält. und diese Mannigfaltigkeit geht gewiß immer in dem Grade der Einmischung des Staats verloren. weil er den Menschen und seine Bildung so nahe betrifft. sieht Humboldt schon klar als Gefahr voraus. welche Untätigkeit sogar und Dürftigkeit. und dieser macht die Diener des Staats soviel mehr von dem regierenden Teile des Staats. der sie besoldet. ist der ordoliberale Nachtwächterstaat. dann hat das aus seiner Sicht verschiedene Nachteile. was wir heute als Bürokratisierung bezeichnen würden.

"Die Sorgfalt des Staats für das positive Wohl der Bürger ist ferner darum schädlich. Dadurch aber werden die Geschäfte beinah völlig mechanisch und die Menschen Maschinen. individuelle Unterschiede einzuebnen.. soviel mehr sind. Sie hindert die Entwicklung der Individualität und Eigentümlichkeit des Menschen in dem moralischen und überhaupt praktischen Leben des Menschen. der mit der positiven Sorgfalt für das Wohl seiner Bürger immer größeren Umfang annimmt. daß dieser Einfluß durch Fehler bzw. aus welchem dieser Nachteil entspringt.."(46-47) Der Staat. zu keinem andren Endzwecke be- schränke er ihre Freiheit.. als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist. da der Gelegenheiten." (52) . entbehrt überdies der Kontrolle. alles durch soviel Hände als möglich gehen zu lassen und selbst die Möglichkeit von Irrtümern oder Unterschleifen zu entfernen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 142 Frankfurt School of Finance and Management unwidersprechlichsten. Dasselbe Übel. der zu Macht und Einfluß gelangt ist.. Tod und Zersplitterung des Vermögens wieder aufgehoben werden könnte." (42-43) Insgesamt dient Humboldts Argument der Verteidigung des folgenden von ihm selbst aufgestellten Grundsatzes: "der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger und gehe keinen Schritt weiter. in beiden zu fehlen. Bedeutsamer noch als diese Übel sind allerdings vom Standpunkt des Humboldtschen perfektionistischen Ideals der Entwicklung des Menschen in allen seinen Fähigkeiten die Tendenzen allgemeiner staatlicher Eingriffe.. auf die pünktlichste und ehrlichste Besorgung an. weil sie auf eine gemischte Menge gerichtet werden muß und daher den Einzelnen durch Maßregeln schadet. welche auf einen jeden von ihnen nur mit beträchtlichen Fehlern passen. Bei einer solchen Verwaltung kommt freilich alles auf die genaueste Aufsicht. besteht keine Hoffnung. Daher nimmt in den meisten Staaten von Jahrzehent zu Jahrzehent das Personale der Staatsdiener und der Umfang der Registraturen zu und die Freiheit der Untertanen ab. wird wieder von dem selben wechselweis hervorgebracht. Daher sucht man insofern nicht mit Unrecht. Anders als bei einem Privatmann. und die wahre Geschicklichkeit und Redlichkeit nehmen immer mit dem Zutrauen zugleich ab.

1. wie Humboldt meint. daß er ein Anhänger der Deregulierung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens ist. kommt er zu dem Schluß. daß diese außerhalb der Grenzen der Wirksamkeit des Staates liegt. so vertritt Humboldt die Auffassung. Auf welchem Wege sie die Fähigkeiten erwerben würden. den Untertanen und bestenfalls den Bürger heranzubilden und nicht den Menschen im Vollbild seiner Fähigkeiten.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 143 Frankfurt School of Finance and Management 7. "Will man aber der öffentlichen Erziehung alle positive Beförderung dieser oder jener Art der Ausbildung untersagen. weil sie die Mannigfaltigkeit der Ausbildung behindert und damit zu einer Vereinheitlichung führt. und dann ist auch unter dieser Voraussetzung der Nutzen einer öffentlichen Erziehung nicht abzusehen. Ferner erreicht auch die öffentliche Erziehung nicht einmal die Absicht. sondern weit darüber hinausgeht.4. was Einheit der Anordnung hat. nämlich die . Die öffentliche Erziehung wird immer unter dem Einfluß öffentlicher Instanzen geraten und damit durch den Erziehungsprozeß eigene Ziele dieser Instanzen befördern. nachlässigen Eltern Vormünder zu setzen oder dürftige zu unterstützen. so ist dies einmal an sich nicht ausführbar. so ist es ja leichter und minderschädlich. bloß die eigene Entwickelung der Kräfte zu begünstigen. Er will den Staat in engste Grenzen verwiesen sehen. auch allemal eine gewisse Einförmigkeit der Wirkungen hervorbringt. will man es ihr zur Pflicht machen. Sie hat eine Tendenz dazu. welche sie sich vorsetzt. daß man öffentliche Prüfungen anbietet. weil es in einer freien Nation kaum an privaten Einrichtungen der Erziehung fehlen wird. Was etwa die öffentliche Erziehung anbelangt.1. die zur Erbringung der Prüfungsleistungen erforderlich sind. daß Kinder nicht ganz unerzogen bleiben. Er argu- mentiert überdies. Öffentliche Erziehung ist nachteilig. der keineswegs ein Nachwächterstaat ist. daß die Sorgfalt für unmündige Individuen nur verlangen würde. Denn ist es bloß die Absicht zu verhindern. Modern gesprochen könnte man sagen. welche von den unmündigen Kindern zu absolvieren wären. da. könnte vollkommen offen gelassen werden. daß viele staatliche Maßnahmen und Regulierungen abgebaut werden sollten. Sie ist überdies unnütz. Humboldts konkrete Politikvorstellungen Da Humboldt als Anhänger des Nachtwächterstaates gleichwohl in einem Staat lebt. Diese Vereinheitlichung ist jedoch der vollen Entwicklung individueller Kräfte abträglich.

wenn diese Verbindung tatsächlich bestünde. ist eines freien Menschen würdig. Der absichtlich geleitete empfängt sie leichter. jene nicht-staatlichen Institutionen und individuellen Tugenden selbst auszubilden. Der Staat ist keine moralische Anstalt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 144 Frankfurt School of Finance and Management Umformung der Sitten nach dem Muster. Ein Arzt etwa. so sind doch noch immer wichtiger die Umstände. "Der sich selbst überlassene Mensch kommt schwerer auf richtige Grundsätze. welches der Staat für das ihm angemessenste hält. kann eben dies nicht tun. staatliche Prüfungen anzubieten. welche den Menschen durch das ganze Leben begleiten. daß der Staat in den Prozeß der Religionsausübung eingreift. daß die Menschen sich selbst entwickeln und verbessern können. Er wendet sich gegen alle staatlichen Zugangsprüfungen. Eine Verbindung von Religiösität und Sittlichkeit wäre aus Humboldts Sicht jedoch selbst dann kein zureichender Grund für eine staatliche Förderung der Religion. allein sie zeigen sich unaustilgbar in seiner Handlungsweise. Das ist überdies auch mit Bezug auf die Sittenverbesserung das nachhaltigere und verläßlichere Vorgehen. Er soll allein dafür Sorge tragen. Dies ermöglicht es jedem. aber sie weichen auch sogar seiner doch geschwächten Energie. Nur dies würde Humboldt sagen. daß der Ursprung aller Religionen gänzlich subjektiv sei und Religiosität ebenso wie der gänzliche Mangel derselben gleich wohltätige Folgen für die Moralität haben können." (72-73) In gleicher Weise hält es Humboldt für unzulässig. wird die Menschen veranlassen. der sich der staatlichen Pürfung unterzogen hat. . der sich dieser Prüfung nicht unterzog. selbst unter verschiedenen Arten von Ärzten zu wählen. Nur dies würde er hinzufügen. So wichtig und auf das ganze Leben einwirkend auch der Einfluß der Erziehung sein mag. kann ein Schild an die Tür hängen. auf dem zu lesen steht. die sich die Verbesserung des sittlichen Niveaus der Menschen zum Ziele setzen dürfte. Ein Arzt. daß etwa staatliche Zugangsbeschränkungen zur Berufsausübung nicht zugelassen werden sollten. Eine Staatsreligion erscheint ihm allemal als unzulässig. Er sagt. gleichwohl sich jedoch als Arzt niederlassen. "staatlich geprüfter Arzt". die ihnen eine verantwortungsvolle wohl informierte Wahl unter verschiedenen Angeboten ermöglichen."(113-114) Von großem Interesse ist auch Humboldts Bestehen darauf. daß es allein erlaubt sein soll. Er sagt.

Da Menschen sich ändern und entwickeln. Mit Humboldt wäre ein allgemeines Verbot von Drogen kaum rechtferti- gungsfähig. Willenserklärungen aufrechtzuerhalten. Kollektives Handeln soll abgesehen von der Garantie jenes minimalen rechtlichen Rahmens. Nur so kann sichergestellt werden. seiner Übertragung durch Übereinkunft und der Durchsetzung von Vertragsversprechen -. In seinem Sinne wären jedoch durchaus Schutzmaßnahmen gegen übereilte irreversible Schritte möglich. dürfen Verträge nämlich seiner Auffassung nach nicht so beschaffen sein. welchen jede Willenserklärung auflegt. Humboldt macht mit Bezug auf die rechtliche Durchsetzung zukunftsgerichteter vertraglicher Zusagen allerdings eine gravierende und überaus interessante Einschränkung.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 145 Frankfurt School of Finance and Management Aus den letzten Bemerkungen geht bereits hervor. daß Humboldt dezidiert für individuelle Eigenverantwortung und vollkommene Vertragsfreiheit eintritt. Überall.nicht legitim sein. "Es ist daher eine der wichtigsten Pflichten des Staats. Anforderungen wie die Wiederholung . alle frei und wohlüberlegt geschlossenen Verträge durchzusetzen. ist nur dann gerecht und heilsam. ist der Zwang ebenso ungerecht als schädlich. rechtswidrigen Willenserklärungen den Beistand der Gesetze zu versagen und auch alle nur mit der Sicherheit des Eigentums vereinbare Vorkehrungen zu treffen. Der Staat hat zunächst einmal die Pflicht." (133-134) Humboldts Sicht hat offenkundige Implikationen für die Behandlung solcher aktueller politischer Fragen wie der nach einer angemessenen Drogenpolitik. daß Verträge nicht dem obersten Ziel der vollen Entwicklung menschlicher Fähigkeiten eiserne Fesseln anlegen. daß sie auf Dauer die menschlichen Änderungs.überhaupt und in dem Moment der Erklärung -. um zu ver- hindern. daß nicht die Unüberlegtheit eines Moments dem Menschen Fesseln anlege. Allein der Zwang." (133) Daraus entsteht "die zweite Verbindlichkeit des Staats.der Stabilität des Eigentums. welche seine ganze Ausbildung hemmen oder zurückhalten. Alle Verträge müssen in absehbarer und angemessener Zeit aufkündbar sein. den Hume als Naturrecht bezeichnete -.und Entwicklungsmöglichkeiten behindern. wenn einmal bloß der Erklärende dadurch ein- geschränkt wird und zweitens dieser wenigstens mit gehöriger Fähigkeit der Überlegung -.und mit freier Beschließung handelte. wo dies nicht der Fall ist.

gewiß nicht unwichtige politisch institutionelle Implikationen sind jene. die sich ganz allgemein auf Verträge beziehen. Das scheint ziemlich radikal und wird möglicherweise der Funktion derartiger Beziehungen nicht gänzlich gerecht. bleibt doch zu bemerken. das kein inhaltliches für alle Menschen gleiches Ziel kennt. Die völlige Entfaltung mannigfacher Persönlichkeiten in Verfolgung vielfältiger persönlicher Ziele stellt das Ziel dar. doch weder geschuldet noch mit der individuellen Freiheit vereinbar. Umverteilung wird als Erfüllung einer ethischen Pflicht betrachtet. Alle Rechtsstaaten. Dahinter steht jedoch die konsequente Anwendung der all- gemeinen Konzeption einer dynamischen Entwicklung der Person. Hilfe und erzwungene Hilfe mögen sich für deren Empfänger nicht unterscheiden. Es ist allerdings gekoppelt an ein Menschenbild. Nicht jeder Vertrag darf und sollte gemessen am Ziel individueller Selbstentfaltung durchsetzbar sein. so meint Humboldt. wie das Preußen seiner Zeit es war. fremden Individuen zu helfen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 146 Frankfurt School of Finance and Management entsprechender Willenserklärungen mit entsprechender "Abkühlungsphase" dazwischen können in Übereinstimmung mit Humboldtschen Prinzipien erhoben werden. Denn. Wichtiger noch als derartige. daß es zwar verdienstlich ist. daß wir in der Wirklichkeit westlicher Rechtsstaaten ebenso weit von seinen Idealen entfernt sind. Gewöhnlich wird dies mit dem Gedanken einer Solidaritätspflicht unter Menschen verteidigt. Individuen dazu gegen ihren Willen in die Pflicht zu nehmen. die diesen Namen verdienen. für den . Auch diese muß jederzeit aufkündbar sein. Humboldt selbst überträgt seine Vorstellung von der notwendigen Beschränktheit vertraglicher Bindungen in aufschlußreicher Weise auf die Ehe. Andere Theoretiker würden dem mit einigem Recht entgegenhalten. Dem haben sich alle anderen rechtlichen Regelungen des äußeren Verhaltens unterzuordnen und sind daher letztlich auf das absolute Minimum begrenzt. sind Umverteilungsstaaten. deren Umverteilungsprozesse weit über die Sicherung der individuellen Freiheit nach außen und innen hinausgehen. Das Ziel der vollen Entwicklung der Person geht in Humboldts Weltbild allen anderen Zielen voran. jede Ausweitung des Staates ist notwendig mit einer Reduzierung der Vielfalt und einer geringeren Möglichkeit zur Entfaltung selbst erworbener Fähigkeiten verbunden. Obschon Humboldt ein beeindruckend konsequentes Bild von den angemessenen Grenzen der Wirksamkeit des Staates entwirft.

Nell-Breunings kollektivistischer Aristotelismus 7. Langer Tradition folgend hat man sich im Katholizismus bis in die Gegenwart hinein mindestens in gleichem Maße um eine theoretische Fundierung des Solidaritätsgedankens bemüht wie etwa in Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie. 7.2. dem freiheitlichen Ideal gleichsam gegenüberliegenden Pol des in unserer Gesellschaft vorherrschenden Rechtsstaatsverständisses.1. beides dennoch zu vereinen. im Rahmen der Diskussion des Solidaritätsgedankens einen Blick auf die katholische Soziallehre zu werfen und hier vor allem auf das Werk des führenden deutschen katholischen Sozialtheoretikers dieses Jahrhunderts. der für das von ihm entwickelte . Es lohnt sich deshalb nicht nur aufgrund des starken Einflusses. den die katholische Soziallehre im Zuge von Adenauers Bemühungen um eine katholisch geprägte Bundesrepublik gewann. Ein interessanter Versuch.1. Respekt vor individueller Entscheidungsautonomie verträgt sich zunächst nur schlecht mit Forderungen nach rechtlichen (Zwangs- )Pflichten zur Solidarität zwischen Individuen. wie den Gewerkschaften oder der Sozialdemokratischen Partei.Von Nell-Breuning führt aus: "In den deutschen Sprachgebrauch wurde der Name 'Solidarismus' eingeführt durch Heinrich Pesch SJ (1854-1926). Das gilt vor allem innerhalb solcher Bewegungen. der nach dieser Theorie gestalteten Gesellschaftssysteme Verwendung. nämlich Oswald von Nell- Breunings.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 147 Frankfurt School of Finance and Management Hilfsleistenden unterscheiden sie sich jedoch in ebenso trivialer wie fundamentaler Weise. Etwas weniger allgemein bekannt ist außerhalb der Sozialausschüsse der CDU. daß das Konzept der Solidarität in der deutschen katholischen Soziallehre ebenfalls eine herausgehobene Rolle spielt. Hier findet sogar der Begriff eines "Solidarismus" zur Bezeichnung einer Gesellschafts- theorie bzw.1. Solidarität Der Begriff der Solidarität ist ganz allgemein positiv besetzt.2. tritt uns in der christlichen Soziallehre Oswald von Nell- Breunings entgegen. Diese bildet gemeinsam mit sozialistischen säkularen Wertvorstellungen zugleich den anderen.

Kollektivismus als Namen von Gesellschaftssystemen verstanden wissen will: "Für den Individualismus ist der Einzelmensch (das Individuum) alles. auf dieses Werk. der Einzelne ist nichts'). Individualismus und Kollektivismus stimmen darin überein." (44) In einer typisch aristotelischen Wendung wird dann betont." (45) . 45. sie kennen nur Bindung in einer Richtung. wenn nicht ausdrücklich anderweitig vermerkt. der Gesellschaft oder Volk oder wie immer sonst benannt wird (Hitler: 'Das Volk ist alles. mit dem man keine Massen in Bewegung setzen kann. der Einzelne nur ein Rädchen in der großen Maschinerie." (Nell-Breuning 1990. sondern nur einen Koloß.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 148 Frankfurt School of Finance and Management Gesellschaftssystem diesen Namen wählte. Der Solidarismus "braucht keine Einseitigkeiten abzuschleifen. wenn es nicht zufriedenstellend funktioniert. Für den Kollektivismus ist umgekehrt die Gemeinschaft alles.und herlaufen und an denen er zieht. Er setze von beiden Seiten zugleich an und werde somit den legitimen Anliegen der beiden anderen Positionen zugleich gerecht. dessen der Einzelne sich insoweit bedient. alle weiteren Verweise beziehen sich. Auch bei dieser Vorstellung gibt es im Grunde keine 'Gemeinschaft'. die wie Drähte zwischen ihm und anderen hin. wobei er recht plakativ Individualismus bzw. sondern nur Beziehungen. daß ihnen beiden die Bindung und Rückbindung fremd ist. die das Solidaritätsprinzip ausspricht.) Diesen Solidarismus setzt von Nell-Breuning dem Individualismus und dem Kollektivismus entgegen. das für sich selbst keine Bedeutung hat und ausgewechselt wird. das breiteste Massen elektrisiert. wenn er von anderen etwas will. 'Sozialismus' ist ein Schlagwort geworden. aber er ist nicht zügig. weil er von vorherein Einzelmensch (Person) und Gemeinschaft in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander bringt. daß der Solidarismus im Gegensatz zu den beiden abgelehnten anderen Positionen nicht einseitig beginne. Im Grunde genommen kennt der Individualist überhaupt keine 'Gemeinschaft'. Der Name ist gut und treffend gewählt. eben jene Gemeinverstrickung und Gemeinhaftung in Bindung und Rückbindung. die Gemeinschaft dagegen nur etwas. als er davon einen Nutzen für sich selbst erwartet. 'Solidarismus' ist ein wissenschaftlicher Fachausdruck geblieben.

so haftet doch jedes Glied für das Wohl der Gemeinschaft als Gesamtschuldner. Auch wenn die Ämter. sondern im Gegenteil: wo andere versagen. so wird die Angelegenheit nicht wesentlich klarer. Was dies näherhin beinhaltet und wie der Anspruch eingelöst werden soll. "So sind in der Gemeinschaft alle und jeder Einzelne für das Wohl und Wehe der Gemeinschaft verantwortlich und haben dafür einzustehen. die notwendig ist. das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft im Solidarismus etwas näher aufzuklären. die Mittel. um das durch die Hinterziehung der anderen entstandene Loch im öffentlichen Haushalt zu schließen. wenn andere Steuern hinterziehen. müssen auf jeden Fall beigebracht werden. um seine Aufgaben zu erfüllen. kann ich mich nicht darauf berufen. habe ich auf Grund der 'Gemeinhaftung' einzuspringen. Sieht man sich unter diesem Aspekt andere Passagen in von Nell- Breunings "Baugesetze der Gesellschaft" an. die zu erbringenden Leistungen und die zu erfüllenden Pflichten nach einer bestimmten Ordnung auf die verschiedenen Glieder je nach ihrer Leistungsfähigkeit usw. die es benötigt. bedarf jedoch der Prüfung. So z. Man erhält allerdings gewisse Hinweise. . Der Mensch wird ganz in der aristotelischen Tradition als ursprünglich vergemeinschaftetes Wesen angesehen. Das bedeutet vor allem: keiner kann sich auf das Versagen der anderen berufen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 149 Frankfurt School of Finance and Management Diesen Ausführungen kann man den Anspruch auf eine größere Ausgewogenheit der eigenen Positionen entnehmen. um gleichfalls Steuern zu hinterziehen und so vermeintlich die gerechte Lastenverteilung wiederherzustellen. wie bereits zitiert. Seine soziale Existenz ist. daß jeder Einzelne von der Gemeinschaft und umgekehrt die Gemeinschaft von jedem Einzelnen abhängig sei. die geeignet sind. gekennzeichnet durch "Gemeinverstrickung" und "Gemeinhaftung" (20). Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die ebenso elementare wie grundlegende Beobachtung. Das Wohl des Ganzen muß auf jeden Fall gesichert sein. Die Folgerungen Nell-Breunings sind durchaus weitreichend. verteilt sind. sondern ich werde um so höher zur Steuer herangezogen. sondern habe die Steuer zu entrichten. Gegen die Steuerhinterziehung der anderen kann und soll ich opponieren: gegen meine Heranziehung zur Steuer darf ich mich nicht wehren.B.

) In diesen Ausführungen ist eigentlich recht wenig von einem Mittelweg zwischen Kollektivismus und Individualismus zu erkennen. Insoweit diese Rechte dabei jedem Individuum unabhängig von dessen Vorleistungen verfügbar gemacht werden. sondern rechtlich durch kollektive Anstrengungen geschaffen werden müssen. daß individuelle Rechte nicht einfach da sind. Es wird nicht davon gesprochen. Denn die gemeinschaftliche Bereitstellung und öffentliche Durchsetzung individueller Verfügungsrechte ist als ein kollektives Mittel zum Zweck der Stärkung des Individuums und seiner individuellen Entscheidungsautonomie anzusehen. Derartige Überlegungen stehen nicht im Vordergrund des von Nell- Breuningschen Solidarismus. Bei nüchterner Betrachtung handelt es sich zunächst einmal um einen klar kollektivistischen Ansatz. Hierin zeigt sich auch durchaus jener Sachverhalt. Es ist bezeichnenderweise überhaupt nicht die Rede von der Sicherung individueller Rechte durch kollektive Aktionen. Die Gemeinschaft. handelt es sich durchaus um einen "solidarischen" Prozeß. den Anspruch auf einen eigenständigen Mittelweg zwischen Kollektivismus und Individualismus durch die Konzeption kollektiv erzeugter individueller Verfügungsrechte einzulösen. . gibt den Individuen Rechte an die Hand und erwartet zugleich.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 150 Frankfurt School of Finance and Management Umgekehrt haftet aber auch die Gemeinschaft für jeden einzelnen. den Nell-Breuning mit "Gemeinverstrickung" (wechselseitiges Aufeinander-Angewiesen-Sein) bezeich- net. deren kollektives Handeln letztlich die Grundlage der realen rechtlichen Existenz individueller Rechte darstellt.und auch vom klassischen Liberalismus." (16 f. Erst diese wechselseitige Bezogenheit und Haftung macht die Solidarität vollkommen. Es hätte jedoch durchaus nahegelegen. daß das Individuum beispielsweise durch kollektiv durchgesetzte Rechtsnormen gegen kollektive Übergriffe bzw. auch Übergriffe anderer Einzelindividuen gesichert werden solle. für den Rechte anscheinend einfach "da" sind. was von Nell-Breuning vorzuschweben scheint -. daß die Individuen am Prozeß der Rechtserzeugung für alle Individuen teilnehmen. Im Gegensatz etwa zur klassischen liberalen Naturrechtslehre hätte man anzuerkennen. Dennoch unterscheidet sich eine solche Konzeption fundamental von dem.

sondern auf eine Wertehierarchie anhand deren sich die Frage jeweils entscheiden lassen soll. weil das Individuum aufgrund der faktischen Gemeinverstrickung letztlich außerhalb der Gemeinschaft nichts ist. Sie ist a priori keineswegs beschränkt auf die sogenannten negativen Abwehrrechte (welche ja ohnehin als eine besondere Form positiver Rechte zu rekonstruieren sind). über die das betreffende Individuum nach seinem Gewissen verfügen kann? Ohne flankierende Forderungen." (39) Was aber ist mit dem Konzept der Gewissensfreiheit gewonnen. bleibt das Bekenntnis zur Gewissensfreiheit.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 151 Frankfurt School of Finance and Management Diese Stärkung könnte durchaus die Gewährung positiver Teilhaberrechte umfassen. "Eben darum darf keine Gemeinschaft (auch die Kirche nicht!) dem Menschen zumuten. zwischen Einzelgut und Einzelwohl. Demgegenüber bildet das Gemeinwohl nur einen sogenannten "Dienstwert". gegen sein Gewissen zu handeln. dem eine jeweilige Gemeinschaft dient. Das erscheint vor allem deshalb als notwendig. Das Gemeingut ist ein Letztwert. daß eine derart verstandene "Solidarität" immer Solidarität mit Individuen ist. Er trifft eine Unterscheidung zwischen Gemeingut und Gemeinwohl bzw. greift von Nell-Breuning nicht auf das Konzept einer letztlich pluralen Wertsetzungen Raum bietenden Durchsetzung von Rechten zurück. Das gilt vor allem für die Durchsetzung individueller Schutzrechte. Im Buch von Nell-Breuning taucht ein ähnlicher Gedanke auf. Klar ist jedoch. Verfolgung der im Gemeingut erfaßten Zwecke dient. entsprechende Abwehrrechte im Sinne des neuzeitlichen Individualismus durchzusetzen. um das Individuum gegen die Gemeinschaft zu schützen. . was es ist: ein bloßes Bekenntnis. durch kollektive Maßnah- men das Individuum gegenüber dem Kollektiv zu stärken. Dieser Wert steht in der von Nell-Breuning unterstellten Wertehierarchie ganz oben. Dort. wo es um die Abwägung der Rechte des Individuums gegenüber den Ansprüchen der Gemeinschaft geht. von entsprechenden Rechten. Es bedarf der Gemeinschaft. wenn es nicht flankiert wird. dessen Verwirklichung die Erlangung bzw. Es geht darum. Bezeichnen- derweise handelt es sich dabei allerdings um das Konzept der Gewissensfreiheit als eines Höchstwertes.

sondern ihrer erst durch die Gemeinschaft teilhaftig wird. an denen er teilhat und je mehr er selbst an der Verwirklichung dieser Werte beteiligt ist. der diese Werte von sich aus nicht besitzt. nach der abgewogen wird. gar totalitäre Tendenzen in der Gesellschaft fördern. die das Gemeingut der Familie ausmachen. ist nicht konstitutiv dafür. reicher und umfassender die Werte sind. die man im allgemeinen mit von Rousseau inspirierten Gemeingut. Welche Rangfolge Individuen unter den Werten aus sich heraus herstellen. Diese Erhebung oder Rangerhöhung verdankt der Mensch der Gemeinschaft. und dies umso mehr. Dieses Teilhaben an Werten hebt den Menschen. von Nell-Breuning zu unterstellen. ob etwa der Gemeinschaft oder aber dem Individuum der Vorrang zu geben ist. Das Gemeingut ergibt sich nach Nell-Breuning gerade nicht aus einer "Aggregation" vorgängiger individueller Werte. je höher. Es geht um die Inpflichtnahme des Einzelnen für die Gemeinschaft aber auch der Gemeinschaft für den Einzelnen. umso höher steht diese Gemeinschaft im Range über dem Einzelmenschen. die anders als in der Gemeinschaft schlechterdings nicht möglich sind . hat sich dem Gemeingut unterzuordnen. existiert unabhängig und vor den individuellen Wertsetzungen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 152 Frankfurt School of Finance and Management "der mit anderen zur Gemeinschaft 'Familie' verbundene Mensch hat als Berechtigter und Verpflichteter Anteil an all den Werten. Eine andere Frage ist allerdings.bzw. ob nicht der von ihm vertretene Solidarismus als Leitprinzip der rechtlichen Gestaltung einer Gesellschaft letztlich in hohem Maße antiindividualistische Tendenzen fördern würde.. er wolle mit seinen Überlegungen etwaige kollektivistische bzw. Je höher dieses Gemeingut der Gemeinschaft ist. Wechselseitige Verpflichtung aufgrund der . verleiht ihm höheren Rang und höhere Würde. der mit anderen zur Gemeinschaft des staatlich geeinten Volkes verbundene Mensch ist ebenso berechtigter und verpflichteter Teilhaber an der ganzen Fülle von Werten. Das Solidaritätsprinzip stellt eindeutig auf Solidarhaftung ab. "der diese Werte von sich aus nicht besitzt". deren Gemeingut diese Werte sind. Der Einzelmensch. Zwar geht es nicht an. Gemeinwohlkonzeptionen verbindet. in diesem Sinne sie erst von der Gemeinschaft empfängt. Anklänge an den Unterschied zwischen dem Gemeinwillen und dem Willen aller bei Rousseau lassen sich hier wohl kaum von der Hand weisen und auch nicht jene Gefahren.." (37) Die Werthierarchie. wie die Werte auf kollektiver Ebene als Gemeinschaftswerte geordnet sind.

auf den Höchstwert individueller Gewissensentscheidungen verweist. Dies geschieht auch in Oswald von Nell-Breunings Baugesetzen der Gesellschaft. daß das Solidarprinzip in der christlichen Soziallehre im allgemeinen nicht ohne Verweis auf das Subsidiaritätsprinzip als seinem komplementären Gegenstück diskutiert wird.ein auf ein gemeinsames Ziel gerichtetes Unternehmen -.) zielt von Nell-Breuning eindeutig auf eine "Taxis" -. Es geht nicht um die möglichst gute Verwirklichung je eigener individueller Werte.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 153 Frankfurt School of Finance and Management Gemeinverstrickung bildet das Wesen dieser Konzeption. jene. die sich nach einer Diskussion des Solidaritätsprinzips dem Subsidiaritätsprinzip zuwenden. Die empirisch zutreffende Beobachtung der Gemeinverstrickung wird so zur Grundlage einer normativen Sichtweise. Es geht gerade nicht um die von der Rechtsordnung vollzogene bzw.wie zuvor erwähnt -. die eine Gestaltung der Gesellschaftsordnung nach dem von Breuningschen Solidarprinzip befürworten. die der neuzeitlichen individualistischen Vorstellung des normativen Vorrangs individueller Wertsetzungen diamentral entgegengesetzt ist. Die Gemeinschaft ist gerade kein Club zur wechselseitigen Förderung je eigener Zielverfolgung. Es geht nicht um das.einen nicht auf ein übergeordnetes gemeinsames Ziel ausgerichteten Koordinationsprozeß -. 1980 ff. Denn dieser Verweis bleibt für die aus dem Solidaritätsprinzip entwickelten Vorschläge zur Gestaltung insbesondere der Rechtsordnung folgenlos. Nach alledem dürfte es nicht unangemessen sein. Dem steht nicht entgegen. Ziele etc. Die solidarische Gesellschaft bzw.ab. die nach dem Solidarprinzip als einem "obersten Prinzip der Rechtsordnung überhaupt" (49) gestaltete Gemeinschaft darf von den Einzelnen nicht einfach als ein Mittel zu den ihm je eigenen Zwecken betrachtet werden.. In der Terminologie von Hayeks (vgl. geförderte Freisetzung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Allerdings muß man hier feststellen. sondern um die Teilhabe an einem gemeinschaftlichen Werk. daß von Nell-Breuning -. Diesen Schritt . Sie ist von gemeinsamen obersten Werten geleitet. eindeutig im Lager der kollektivistischen Ansätze zu sehen. was Freud "eine Fahrordnung für den Verkehr unter Menschen" genannt hat. sondern um einen gemeinschaftlichen Fahrplan bzw.und nicht auf einen "Kosmos" -. um eine gemeinschaftliche Fahrroute.

durch die eigene Tätigkeit tüchtiger. 7. was der einzelne. dadurch entzöge sie ihm ja die Gelegenheit.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 154 Frankfurt School of Finance and Management werde ich nun im zweiten Teil meiner Überlegungen mit vollziehen. um zu prüfen. vollkommener zu werden. daß sich die Fähigkeiten jedes Handelnden im Handeln selber perfektionieren: "omne agens agendo perficitur" (82). Auch nach diesem Prinzip soll die Gemeinschaft ihren Gliedern hilfreichen Beistand leisten. darf die Gemeinschaft ihm nicht abnehmen. Die Logik der Argumentation ist etwa die: Die Perfektionierung der eigenen Fähigkeiten ist ein oberstes menschliches Ziel. die sie für sich selbst erledigen können. "Aus dieser Wahrheit. daher auch vom Menschen gilt. gerade nicht geholfen werden soll. die ein Glied der Gemeinschaft bzw. Insoweit ist kein Unterschied zum Solidaritätsprinzip festzustellen. was dagegen der Einzelmensch selbst leisten kann.1. als . Diese Begrenzung der Förderung rechtfertigt sich für von Nell-Breuning dardurch. der in unvergleichlich höherem Sinn als eine Maschine oder auch als das Tier auf Betätigung angelegt. wo diese Fähigkeit besteht. der Glied der Gemeinschaft ist. scheint eine Beschränkung übergreifender Hilfsansprüche durch das sogenannte Subsidiaritätsprinzip gegeben zu sein. Subsidiarität Wie von Nell-Breuning in seinen Überlegungen zum Solidarprinzip bereits angedeutet hatte. Dieser übergeordnete Wert greift mit Bezug auf die Fähigkeit. die von jedem tätigen Wesen. daß den Gemeinschaftsgliedern in den Dingen. ein 'tätiges Wesen' ist. auf sich allein gestellt und aus eigenen Kräften nicht vermag.2. so überwiegen die Ansprüche auf Hilfsleistungen. Wie Humboldt akzeptiert er die generelle anthropologische Prämisse. sich selbst zu helfen. Allerdings wird dieser hilfreiche Beistand nun dadurch begrenzt.2. Besteht diese Fähigkeit also. eine Untergemeinschaft solcher Glieder selbst erledigen können. ob sich daraus letztlich ein ausgewogeneres Bild ergibt. so hat deren Entwicklung Vorrang vor allen anderen Gesichtspunkten. Besteht die Fähigkeit nicht. daß Hilfe in jenen Angelegenheiten. zieht das Subsidiaritätsprinzip die Nutzanwendung: Die Gemeinschaft soll ihrem Gliede hilfreichen Beistand in dem leisten. überall dort durch. die Fähigkeit zur Selbsthilfe schädigt.

daß er vor allen Dingen die empirische Prämissen von Humboldts angreifen würde. diese Überlegungen zu denen Wilhelm von Humboldts in Bezug zu setzen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 155 Frankfurt School of Finance and Management er bereits ist. daß jeder helfende Eingriff des Staates die Fähigkeit von Individuen bzw. Seinen insoweit nicht besonders präzisen Ausführungen kann man entnehmen." (83) Es ist aufschlußreich. Er sucht diesem Ergebnis ein anderes Ergebnis entgegenzustellen und mit bestimmten Argumenten abzusichern. reduzieren muß. Nur die volle Verantwortung für alle Folgen des Handelns wird dazu führen. dann scheint diese Sicht Humboldts zwingend zu sein. werden die Individuen nach der Humboldtschen Logik zu den äußersten Anstrengungen angetrieben. wendet er sich in etwas diffuser Form im wesentlichen gegen das Ergebnis von Überlegungen wie sie etwa durch von Humboldt angestellt werden. muß er sich letztlich gegen mindestens eine der Prämissen Humboldts wenden. Da diese Deutlichkeit bei von Nell-Breuning nicht zu bestehen scheint. wenn beispielsweise keinerlei staatliche Versicherungssysteme existieren. Die Grenzen des Staatseingriffes sind damit höchst beschränkt. daß jeder Einzelne den vollen Anreiz besitzt. Wenn man den Wert der Perfektionierung menschlicher Fähigkeiten tatsächlich anderen Wertsetzungen voranstellt und wenn man zugleich die empirische Hypothese teilt. das aber wäre kein hilfreicher Beistand. daß nur die volle Internalisierung aller Verhaltensfolgen beim Einzelindividuum bzw. wozu durchaus auch die Fähigkeit gehört. frei organisierte. Da Nell-Breuning diesen ablehnt. . empirischen Aspekte des Problems deutlich wären. Das Ergebnis ist der liberale Individualismus. sich selbst zu helfen. Gilt aus der Sicht von Humboldts doch. von freigebildeten Gemeinschaften von Individuen. Gerade dann. sich gegen die Wechselfälle des Lebens abzusichern. wenn ihm im einzelnen die unterschiedlichen normativen bzw. seine eigenen Fähigkeiten so weit wie nur möglich zu entwickeln. bei einer handelnden freien Gemeinschaft von einzelnen Individuen zur vollen Entwicklung aller Fähigkeiten führen kann. nicht-staatliche Solidargemeinschaften zu bilden. sondern wäre eine Schädigung.

hat die Regierung sich nicht einzumischen.. In dem Zitat ist die Passage hervorzuheben. wird der Unterschied zu einem liberalen Ansatz Humboldtscher Prägung sogleich deutlich. dem sich von Nell-Breuning anschließt. das zur Seite gestellt wird. nicht ebenso gut tun können. eine gewichtige Rolle. Die von Denkern wie von Humboldt aber auch im wesentlichen von Kant vertretene strikt liberale Auffassung impliziert eine andere Version des Subsidiaritätsprinzips als jene. ohne daß es unter diesem Namen er- schiene. Das gilt jedenfalls dann. dann ergibt sich eine ganz wesentliche und fundamentale Abschwächung der strikten Humboldtschen Prinzipien. der für den politischen Bereich das Subsidiaritätsprinzip -. stammt ein Ausspruch aus dem Jahre 1854. Wenn also hier dem. auf sich selbst gestellt. wenn die Individuen bestimmte Aufgaben für sich selbst nicht ebenso gut besorgen können. er komme viel zu spät. In den schweren Kämpfen. "Wenn der Individualismus und Liberalismus des 19. . auf sich selbst gestellt. wonach die Menschen ein Bedürfnis haben. die von Nell-Breuning im Anschluß an Lincoln befürwortet. die zum mindesten sich mit dem Subsidiaritätsprinzip eng berühren. was sie aber selbst überhaupt nicht tun können oder doch.'" (87-88) Insbesondere in dem Zitat von Abraham Lincoln. nicht ebenso gut tun können". Jahrhunderts sich das Verdienst zuschreibt. Von dem großen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. was man selbst überhaupt nicht tun kann. wie es unter staatlicher Mit. was man auf sich gestellt nicht "ebenso gut" tun kann.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 156 Frankfurt School of Finance and Management Nell-Breuning beruft sich zur Fundierung seiner eigenen Position auf die Traditionen der katholischen Soziallehre und insbesondere auf die Enzyklika quadragesimo anno. die zwischen Vertretern der päpstlichen und der kaiserlichen Gewalt geführt wurden.bzw. spielte das Subsidiaritätsprinzip. was die Menschen ebenso gut selber tun können. dann bietet sich anscheinend . in der es heißt: "Was sie aber selbst überhaupt nicht tun können oder doch. In all das. Schon bei den führenden Geistesmännern des Mittelalters finden sich die Gedanken ausgesprochen. wenn der Staat mit seinen Leistungen einbezogen wird. Beihilfe möglich wäre. aber unübertrefflich zum Ausdruck bringt: 'Die Regierung hat für die Bevölkerung das zu besorgen. Wenn nämlich der Staat auch dann schon eingreifen kann.ebenfalls ohne es beim Namen zu nennen -- ganz hausbacken. so ist ihm zu entgegnen. ihm sei das Subsidiaritätsprinzip zu verdanken. Abraham Lincoln..

Die entsprechende abschwächende Klausel der "ebenso guten" Besorgbarkeit der Geschäfte durch die Indviduen. die mit der öffentlichen Durchsetzung der fundamentalen Bürgerrechte selbst verknüpft sind. daß überstaatliche Gebilde . Prima facie können Individuen bzw. daß der Staat auf den Minimalstaat beschränkt werden soll. Es ist vielmehr so. Was den letzteren Fall der Unmöglichkeit der Bereitstellung durch individuelles Handeln anbelangt. Dies ist jedoch gerade nicht die Sicht von Nell-Breunings. Von Nell-Breuning lehnt diese Implikationen seines eigenen Ansatzes ab. daß jedenfalls ein Minimalstaat bzw. sondern besser und leichter ihre Ziele erreichen können. weil sie mit dieser nicht nur ebenso gut. dann bietet das keineswegs irgendeine Handhabe zu weitergehenden Hilfsleistungen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 157 Frankfurt School of Finance and Management für den Staat ein weit größerer Bereich des Eingriffes als in jenen Fällen. Die Verteidigung der Rechtsordnung nach innen und außen im Sinne eines extremen Minimal. jedoch gerade nicht. Er wendet sich unter Berufung auf Bischof Ketteler gegen einen übermäßigen staatlichen Zentralismus und will "Schluß gemacht sehen mit der Vielregiererei und Gesetzesmacherei" (89). wo kleinere Einheiten an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stoßen. die jeder Humboldt- Anhänger sogleich unterschreiben müßte. diese Forderung zu erheben. Das geht sogar so weit.oder Nachwächterstaates wäre dann das einzige dem Staat legitim zuzuordnende Ziel. Das ist eine Forderung. wo die Individuen auf sich gestellt ihre Angelegenheiten nicht "ebenso gut" besorgen können. so blieben letztlich nur solche Leistungen dem Staat überlassen. Wenn man hier etwa in der Nachfolge Kants einräumt. Gruppen von Individuen stets die helfende Hand des Staates gebrauchen. daß der Staat überall dort eingreifen darf und sogar eingreifen soll. der den Staat auch überall dort ins Spiel bringen will. weil dessen Existenz eine notwendige Voraussetzung für die je individuelle Verfolgung eigener Lebenspläne unter der gesicherten Herrschaft des Rechtes und damit der vollsten Entwicklung der eigenen Fähigkeiten ist. Und selbst hinsichtlich dieses Zieles könnte man noch zweifeln. eine Bereitstellung aufgrund freiwilliger Vereinigungen gar nicht möglich wäre. erscheint damit als geradezu universelle Rechfertigung für staatliche Eingriffe jeglicher Art. ob nicht freiwillige Verteidigungsgemeinschaften ein ebenso gutes Mittel der Zielverfolgung wäre. Bei von Nell-Breuning heißt. in denen eine individuelle Bereitstellung von Leistungen bzw. Nachwächterstaat gerechtfertigt werden kann.

Die politische Entwicklung in den Städten und Gemeinden der damaligen Bundesrepublik war gegen Ende der 50-er Jahre häufig dahin gegangen. Stattdessen hat er Tatsachen geschaffen. Die begrenzende Rolle des Subsidiaritätsprinzps als eines Prinzips der Zuordnung von Zuständigkeiten mußte man vor allem zu jener Zeit betonen. Es geht vielmehr darum. Dies behindere die freien Träger. als Leistungen in eigener Regie zu erbringen. wo die Einzelstaaten an ihre Grenzen stoßen würden.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 158 Frankfurt School of Finance and Management überall dort eingreifen dürfen. Nell-Breuning bemerkt dazu "der Gesetzgeber ist den Machenschaften entgegengetreten. und eine negative. Die begrenzende Rolle des Subsidiaritätsprinzips ist dabei selber äußerst begrenzt. den Umfang von Hilfsleistungen und deren Form begrenzende. den kirchlichen Trägern bevorrechtigten Zugriff auf staatliche Subsidien zu sichern. Diese Gestaltung der Dinge . Kindergärten. Aber selbstverständlich spielten in diesem Bereich die Interessen der katholischen Kirche eine besondere und besonders intensive Rolle. die Kirche durch öffentliche Einrichtungen einem Verdrängungswettbewerb auszusetzen. daß sie sich . Das Subsidiaritätsprinzip hat für Nell-Breuning eben immer zwei Seiten: Eine positive. Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen wurden zunehmend durch direkte öffentliche Maßnahmen bereitgestellt und über Steuern und Abgaben finanziert. Von Nell-Breuning unterstützt diese Forderung ganz offenkundig vor allem auch aus dem kirchlichen Interesse an staatlicher Förderung kirchlicher Einrichtungen heraus. Insbesondere geht es eben nicht darum. die ebenfalls Einrichtungen der Wohlfahrtspflege vorrangig vor der staatlichen Eigenbereitstellung beantragen können.vorausgesetzt. Der Fairneß halber muß gesagt werden. dem Solidaritätsprinzip eng verwandte. daß es hier nicht nur um die kirchlichen Träger ging. das Subsidiaritätsprinzip in einem uns erwünschten Sinn sich auswirken zu lassen. sondern auch um andere freie Träger. durch die behördliche Stellen die ihnen unliebsamen Auswirkungen des Subsidiaritäts- prinzips zu unterbinden verstanden. in der es darum ging. daß der Staat eher Hilfe zur Selbsthilfe leisten solle. dem Wohlfahrtsstaat eine Form zu geben. Dabei bleibt schlußendlich die Forderung übrig. die den von Nell-Breuning befürworteten Zielen möglichst weitgehend gerecht wird. die Wirksamkeit des Staates als eines Wohlfahrtsstaates grundsätzlich zu beschränken. die dahin führen.

daß die freien Träger in der Bundesrepublik Deutschland unter Berufung auf das Subsidiaritätsprinzip das gesetzliche Recht besitzen. um die letztlich weitgehend staatlich finanzierten Wohlfahrtsleistungen im Rahmen ihnen nahestehender Organi- sationen bereitzustellen. die den heute bestehenden Ausgangslagen Rechnung trägt.liegt durchaus im Sinne dessen." (109) Die Regelung in einem "uns erwünschten Sinn" ist natürlich die. wenn etwa Anhänger von Humboldts mit Bezug auf praktische Reformen aus einer "alles oder nichts Haltung" heraus auf der Umsetzung der reinen Lehre beharren wollten. skizzieren die nachfolgenden. sondern auch die Allgemeinheit. des staatlichen Anteils am Sozialprodukt also. Das kann zur Entwicklung einer Art von mittlerer Position zwischen Humboldt und Nell-Breuning Anlaß bieten. an heutige Umstände ange- paßten "Ideen zu einem Versuch. Zuschüsse der öffentlichen Hände in Anspruch zu nehmen. Die letztere Beobachtung sollte man beim Übergang von theoretischen Grundsatzüberlegungen zu realistischeren. heißt jedoch nicht. und des Ausmaßes an rechtlicher Reglementierung nahezu aller Lebensbereiche muß es wenig sinnvoll scheinen. Wohin dies mit Bezug auf praktische Politik im Prinzip führen sollte. Im Ergebnis haben von dieser Regelung sicherlich nicht nur die katholischen und protestantischen Kirchen. Angesichts des heutigen Niveaus der Staatsquote. die freien Wohlfahrtsverbände und ähnliche Institutionen profitiert. Das gilt jedenfalls insofern. den zugrundeliegenden Gedanken widerlegt zu haben.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 159 Frankfurt School of Finance and Management bewährt . Dieses durchaus partikulare Motiv offenzulegen. was das Subsidiaritätsprinzip will. Eine solche Haltung hätte von Humboldt selbst abgelehnt. politikbezogenen Erwägungen nicht vernachlässigen. dann sollte man vom Standpunkt der Wahrung individueller Entscheidungsautonomie primäres Augenmerk auf die Form und nicht so sehr auf das Ausmaß der Umverteilung richten. daß der vielfältige Markt von Anbietern derartiger subventionierter Leistungen zu einer Verbesserung des Leistungsniveaus in starkem Maße beigetragen hat. Denn es spricht sehr viel dafür. Subsidien für solche Wohlfahrtsmaßnahmen überhaupt befürwortet. Insoweit hat man es hier mit einem klassischen Fall von gemeinwohlförderlichem Lobbyismus zu tun. freiheitlich-rechtsstaatlichen Reformen der . als man staatliche Wohlfahrtsmaßnahmen bzw. Geht man vom Status quo des Umverteilungsstaates aus.

wie von spontaner Konfliktbereitschaft gekennzeichnet. Über unseren engeren Freundes. Mitleid und Mitleidsfähigkeit gehören ebenso zum menschlichen Verhaltensinventar wie kalte Interessenwahrung und zynischer Hohn angesichts unermeßlichen Lei- ds anderer. näher. Damit wird zugleich. In dem Wort Nächstenliebe ist der Begriff "Nächster" durchaus ernstzunehmen und die insbesondere unter protestantischen Theologen verbreitete Neigung. 7. Schon David Hume hat gewußt. Wir handeln spontan gerade nicht unparteiisch im Sinne eines übergeordneten Allgemeinwohls. den Begriff Nächstenliebe in Fernstenliebe umzudeuten.2. daß sie nämlich zu einer "Überbetonung" des Naheliegenden gegenüber dem Fernliegenden in zeitlicher wie auch sozialer Hinsicht neige. Humes Grundannahme über die menschliche Natur. für ausführliche Literaturhinweise Kliemt 1985). eine halbwegs einladende Brücke zu den aktuellen und konkreten Anwendungen geschlagen. die uns nahestehen (vgl. Ohne in´s einzelne gehende Argumente legt diese Skizze dar.und Familienkreis hinaus dürfte allerdings Gleichgültigkeit sowohl in positiven wie in negativen Belangen die vorherr- schende Reaktionsweise sein. Solidarität in der demokratischen Politik 7. Nahbereichsorientierung und Solidarbürokratie Das menschliche Verhalten ist rein phänomenologisch betrachtet. so hoffe ich. Wir nehmen Partei für jene.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 160 Frankfurt School of Finance and Management Wirksamkeit des Staates eine Richtung zu weisen". ebenso von spontaner Hilfs. Eine von universeller Gleichgewichtung aller Interessen getragene moralische Orientierung ist nur gegen unsere natürlichen Neigungen zu haben. daß Liebe und Solidarität unter Menschen dem Dreiklang nahe.2. was wir heute über Verhaltensbiologie und Evolutionsprozesse wissen. kann nur zu einer mißbräuchlichen und irreführenden Verwendung des Begriffes der "Liebe" führen.1. wie wir uns dem Ideal der Solidarität in Freiheit annähern können. die den allgemeinen katholischen Mißbrauch dieses Wortes womöglich noch übertrifft. nächster folgen. die den zweiten Teil dieses Bandes bilden. Nach dem. wäre alles andere eine Anomalie. hat vielmehr in der modernen soziobiologischen Theorie eine Untermauerung in einer .

Dieser bildet geradezu den Prototyp einer regelgeleiteten Kleingruppenstruktur. ist das erstaunlichste Beispiel eines solchen Resultates sozialevolutionärer Prozesse. die nach Prinzipien der Gleichbehandlung ohne Ansehung der Person und Gruppenzugehörigeit angewandt wird. Eine allgemeine Rechtsordnung. Solidarität mit Fernstehenden gehört somit aufgrund menschlicher Organisationsfähigkeit zu den kollektiven Verhaltensmöglichkeiten unserer Spe- zies. jedoch fast nichts darüber auszusagen vermag. Ähnliches gilt erst recht für die soziale Bereitstellung soge- . Die damit einhergehende öffentlich verbindliche Rechtsdurchsetzung in der Großgesellschaft. die ihrerseits das Skelett der entsprechenden Großgruppenaktion zur Hilfsleistung bilden. welchen inhaltlichen Zwecken derartige Organisationen letztlich zu dienen vermögen. erwarten wir von ihm. auch die Bereitstellung von sogenannten Abwehrrechten sei ein produktiver Akt. Diese "Solidarität im negativen Recht" wiederholt die Auffassung. aufgrund unserer außerordentlichen organisatorischen Fähigkeiten vermögen wir dennoch umfassende Hilfleistungssysteme zu gestalten. Wir müssen dazu Kleingruppenstrukturen formen. Wir kön- nen uns einer institutionellen Umsetzung allgemeiner Gleichbe- handlungsprinzipien annähern. Wie oben argumentiert wurde. Andererseits hat jedoch die menschliche Kulturfähigkeit und die damit ein- hergehende Evolution höchst komplexer sozialer Strukturen dazu geführt. Sie ist ein Akt verallgemeinerter. läuft auf die Erwartung einer universellen Beistandsleistung gegenüber Fernstehenden hinaus. Mit Bezug auf die universelle Durchsetzung bestimmter Rechte für jeden Bürger ist hier insonderheit an den Rechtsstab zu denken. dazu nach wie vor hervorragend Alexander 1979).Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 161 Frankfurt School of Finance and Management Vielfalt von Indizien gefunden (vgl. Im Ergebnis können dabei sogar "künstlich" uni- versalistische Strukturen auf der Basis unserer "natürlichen" partikularistischen Grundeinstellungen entstehen. daß man zwar aus Annahmen über die menschliche Natur einige Folgerungen über basale Prinzipien jeglicher Form menschlicher Organisation ziehen kann. Selbst wenn menschliche Solidarität von Natur aus nur auf einen Nahbereich gerichtet sein sollte und selbst wenn wir aus natürlichem Impuls heraus eher zur Gleichgültigkeit als zur Hilfe neigen. daß er ausnahmslos jedem Bürger zu "seinem Recht" verhilft. gesellschaftlich organisierter Solidarität in der Sicherung der Freiheitsrechte.

Der politische Gebrauch dieser prinzipiellen organisatorischen Möglicheit bedarf in der Demokratie allerdings einer politischen Flankierung durch den Wählerwillen. Gleiches gilt im übrigen für alle dauerhaften. indem sie sie auf einen persönlichen Nahbereich hin ausrichtet. Wenn wir uns dieser Möglichkeit bedienen. Nur in einer arbeitsteiligen Aufteilung von Aufgaben.2. geordneten nicht-staatlichen Organisationsweisen. wieso Zielsetzungen universeller solidarischer Hilfe unter den Bedingungen partikularistischer Interessenwahrung in der demokratischen Politik überhaupt eine Realisierungs- chance haben und wie es zu verstehen ist. Auch sie werden als Nebenfolge sozialer Prozesse erzeugt. So wird man auch die langfristigen Mitglieder von Hilfsorganisationen entlohnen. daß sie sich in dem heute beobachtbaren Maße durchsetzen können. Die Durchsetzung der Solidarhilfe im demokratischen Prozeß 7. Auch auf dieser Ebene scheint Solidarhilfe gegenüber Fernstehenden zunächst an der natürlichen Nahbereichsorientierung des Menschen scheitern zu müssen. 7. Das ist dem moralischen Wert derartiger Organisationsweisen ebenso wenig abträglich. warum weitreichende Solidarformen und daher entsprechende Forderungen gegenüber der Organisation der Gesellschaft keineswegs an der "Schranke sollen impliziert Können" scheitern müssen. die die Ziele der Beteiligten zersplittert. der uns globalisierte oder universalisierte Fernstenhilfe erlaubt. wie es dem Status des Marktes abträglich sein kann. durch Aufstiegschancen und Reputationsgewinne zusätzlich motivieren müssen. die eine Vielzahl von Individuen einbeziehen. daß wir frei nach Adam Smith unser Brot und Fleisch nicht dem Wohlwollen des Bäckers oder Metzgers.2.2. besitzen wir einen sozialorganisatorischen Mechanismus. Bürokratische Organisationsfähigkeit macht Großgruppensolidarität ungeachtet der natürlichen menschlichen Nahbereichsorientierung grundsätzlich möglich. beinhaltet dies freilich im Normalfall auch die Bürokratisierung der Hilfe. Die bisherigen Überlegungen zeigen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 162 Frankfurt School of Finance and Management nannter positiver Teilhaberrechte. die an andere als unsere Hilfsmotive appellieren. Es stellt sich die Frage.2. sondern dem einfachen Appell an deren Eigeninteresse verdanken.1. Das Solidaritätsklima .

ob andere ihn als hilfsbereit oder solidarisch wahrnehmen. Dies ist kein kollektives. wird jeder Appelle zur Solidarität tendenziell unterstützen. wird fast jeder versuchen. bestehen bleiben. nachzuweisen. wenigstens auf der Seite derer zu sein. Hierauf hat er im Gegensatz zu den kollektiven Folgen einen unmittelbaren kontrollierenden Kausaleinfluß. Niemand kann sich den kollektiven Handlungsfolgen durch den Verweis entziehen. das Hilfsziel zu erreichen. All dies wird dazu führen. Solange andere es positiv bewerten. die das Individuum zu tragen hat. zum Prozeß der Präferenzfalsifikation Kuran. der Hilfsbereitschaft äußert. gegen das Ziel der Hilfe als solches aufzutreten (vgl. hängen gewöhnlich nur davon ab. wird das Eintreten für soziale Anliegen öffentlich stets gelobt werden und als solches kaum jemals auf öffentliche Kritik stoßen. Aber selbst dort. Daran etwa. wird der Anreiz. jedenfalls öffentlich für soziale Anliegen einzutreten. Solange diese Unklarheit besteht. was kollektiv beschlossen wird.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 163 Frankfurt School of Finance and Management Der Aufruf zur Solidarität hat immer Konjunktur. welche konkreten Personen oder Gruppen in Solidarhaftung genommen werden sollen. kann er im Gegensatz zu den kollektiven Folgen etwas ändern. Das gilt vor allem dann. dann wird er rationalerweise seine private Entscheidung nicht nach den kollektiven Folgen kollektiver Beschußfassung richten. wo die Kosten der Solidarität klar erkennbar sind. Selbst die Kritiker bestimmter sozialer Vorhaben werden es sorgfältig vermeiden. daß scheinbare oder wahre soziale Anliegen in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung grundsätzlich gut aufgenommen werden. wenn jemand Solidarwerte äußert. Ob es sich selbst einem Solidaritätsappell anschließt oder nicht. Da die Solidarität anderer für jeden von Nutzen ist. Die Kosten. hat keinen Einfluß auf den tatsächlichen Preis. daß Maßnahmen nicht geeignet sind. Er wird in seinem Entscheidungsverhalten vielmehr vor allem auf sekundäre private Folgen abstellen. sondern ein privates Gut für den. indem er sich dem allgemeinen Aufruf anschließt. den es individuell zu zahlen hat. wenn unklar ist. die Hilfsbereitschaft zum Ausdruck bringen. Dem kollektiven Verhalten als ganzem wird er hingegen nur in extremen Ausnahmefällen eine andere Richtung geben können. 1987). er habe diese nicht unterstützt. Denn dieser Preis wird kollektiv festgelegt. . Sie werden im allgemeinen versuchen. Wenn der einzelne aber ohnehin in den kollektiven Folgen "mitgefangen" ist.

B. In diesen spielen aufgrund der Geheimhaltung der Stimmabgabe Fremdwahrnehmungen und Reputationseffekte keine Rolle. mit der die individuelle Stimmabgabe das kollektive Ergebnis beeinflussen kann. daß unter einer großen Anzahl von Wählern. Das läßt sich etwas genauer fassen. ohne andere Solidarziele zu gefährden usw. Unter der psychologisch eher harmlosen Annahme. Angesichts der kollektiven Bedeutungslosigkeit einer einzelnen Stimme wird er dazu neigen. seine allgemeinen Überzeugungen in nicht-strategischer Weise zum Ausdruck zu bringen.2. z. Die Wahrscheinlichkeit p dafür. Einen typischen Anwendungsfall für entsprechende Überlegungen bildet die Zustimmung zur Finanzierung sozialer Leistungen in geheimen Abstimmungen. daß dieses Klima sich dennoch auf das individuelle Verhalten in geheimen Wahlen auswirkt.oder muß man sagen "noch nicht"? -.2. hängt von der Wahrscheinlichkeit ab. werden keinen Anlaß haben. Ein öffentlicher Angriff auf das Solidaritätsziel als solches wird jedoch nicht erfolgen.2. auch jene. Wieweit sich das Individuum rationalerweise von diesem Nettowert der kollektiven Handlungsfolgen moti- vieren lassen sollte. Der Schleier der individuellen Insignifikanz Nun werden politische Entscheidungen in der Regel nicht -. muß man jedoch erwarten. die den Äußerungen des Egoisten zustimmen. dies auch öffentlich zu tun und damit selbst in den Geruch des Egoismus zu geraten.durch öffentlichen Zuruf getroffen. . Im demokratischen Rechtsstaat sind vielmehr geheime Wahlen ausschlaggebend. Jedermann weiß. wenn man die folgende Überlegung anstellt: Sind die Kosten einer kollektiven Solidarmaßnahme aus Sicht des Individuums mit K zu veranschlagen und deren Nutzen mit N.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 164 Frankfurt School of Finance and Management daß sie nicht finanziert werden können. daß das allgemeine Solidaritätsklima individuelle Überzeugungen beeinflußt. da man sich dadurch in den Augen der anderen als unsolidarischer Egoist diskreditiert. so erhält es einen Nettowert von N-K. Mehr noch. 7. Daraus ergibt sich eine Tendenz zur öffentlichen Stabilisierung eines allgemeinen Solidaritätsklimas. daß er als einzelner demokratische Beschlüsse zur Steuererhebung nicht ändern kann. wenn die Maßnahme durchgeführt wird.

Was er tut. Diesen nicht Ausdruck zu geben. die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung nicht erhöht zu haben. Der expressive. Aufgrund der vorherrschenden Identifizierung von altruistischem mit moralisch richtigem Verhalten wollen wir auch vor uns selbst fast alle lieber als Altruisten dastehen. genau die Hälfte der anderen dafür wie dagegen stimmen. was man sich durch die eigene Zustimmung entgehen läßt. Daher können wir dieses Verhalten ebenso wie die für unsere Mitmenschen beobachtbaren Solidaritätserklärungen als "expressiv" bezeichnen.h. die Maßnahme tatsächlich kausal zu Fall zu bringen (vgl. Das gilt auch für unsere Selbstwahrnehmung in der Wahlkabine. d. das. ist höchst gering oder 1>>p>0. kann man sagen. A. der Zustimmung bzw. der Ablehnung. Gemessen am Kausaleinfluß auf den Wahlausgang bestehen die Opportunitätskosten der Pro- Stimme. daß in demokratischen Abstimmungen neben der strategischen die expressive Komponente im individuellen Wahlverhalten eine Rolle spielen wird. Da p so klein ist. eben "insignifikant". die der einzelne seinem eigenen Verhalen zuzu- rechnen hat. geht somit deren Kausalwirkung auf das kollektive Ergebnis nur als vernachlässigbarer Term p(N-K) ein.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 165 Frankfurt School of Finance and Management 106. ist mit Bezug auf die Eintrittswahrscheinlichkeit eines bestimmten kollektiven Ergebnisses praktisch bedeutungslos. Für die Selbstwahrnehmung des einzelnen Individuums ist es allerdings sehr wohl signifikant. Z. In die individuellen Nutzenerwartungen. Bezeichnen wir nun der terminologischen Einfachheit halber alle nicht von den Kausalfolgen der einzelnen Stimmabgabe für das kollekitve Ergebnis abhängigen Nutzenaspekte als expressiv. daß der einzelne in Abstimmungen großer Gruppen hinter einem Schleier der individuellen Insignifikanz entscheidet (vgl. so können wir feststellen. der des Ablehnungsaktes mit A bezeichnet. in dem die einzelne Stimme den Ausschlag gibt. ausschließlich darin. ob es beispielsweise den vorherrschenden moralischen Solidarwerten Ausdruck gibt. Die expressiven Konsequenzen. dazu Kliemt 1987). beinhaltet private Kosten. Das ist aber der einzige Fall. Wir bringen mit dem Abstimmungsakt einen bestimmten Aspekt unserer Persönlichkeit zum Ausdruck. ausführlich die grundlegende Arbeit von Brennan und Lomasky 1993). nicht von den kollektiven Ergebnissen bestimmte. nicht jedoch darin. treten . die mit der einzelnen Stimmabgabe verbunden sind. Nutzen des Zustimmungsaktes sei mit Z.

Jene. die im vollen Bewußtsein gegeben wird. Hier wird erneut deutlich. dazu den nächsten Abschnitt). stützen auf diesem Wege den Ausbau des sogenannten sozialen Netzes in der Demokratie.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 166 Frankfurt School of Finance and Management mit Wahrscheinlichkeit 1 ein. Die konsequenten Radikalen unter ihnen. die mitmenschliche Hilfe auch für Fernstehende wünschen. d. in der Regel gilt 1|(A-Z)|>p(N-K). daß der zuvor geschilderte Mechanismus demokratischer Politik sein Gutes hat. müssen daher den Staat selbst letztlich ablehnen (vgl. individuellen Zustimmung. Das bedeutet. Kollektive können es so bewerkstelligen. Die weniger radikalen plädieren mit durchaus respektablen Argumenten für einen nahezu vollständigen Abbau der erzwungenen Hilfe. daß die Anwendung von Zwang zur Bereitstellung von Hilfe durch mehrheitliche.die Handlungsfolgen bewirkt. daß sie als individueller Akt -. muß ihnen mehr gelten als die demokratische Zustimmung. Sie haben nichts gegen Hilfe. vielleicht sogar ganz allgemeine Zustimmung an der Wahlurne legitimiert wird. h. Orthodoxe Liberale halten ein über individuelle Hilfswilligkeit hinausgehendes Maß kollektiv erzwungener Hilfsbeiträge jedoch für unvereinbar mit dem rechtstaatlichen Respekt für die individuelle Entscheidungsautonomie. sondern nur gegen Zwang. sondern primär an seinen Überzeugungen und Meinungen orientieren wird. die in der Teilnahme am kollektiven Abstimmungsprozeß gegeben wird. daß kollektive Hilfe verläßlich unter Anwendung staatlicher Zwangsgewalt bereitgestellt werden kann. Implizit veranschlagen sie dabei die legitimatorische Kraft der im demokratischen Prozeß gegebenen Zustimmung geringer als die der privaten. daß der orthodoxe Liberale kein genuiner Demokrat sein. Das allgemeine Solidaritätsklima ebenso wie die Bedeutungslosigkeit der einzelnen Wählerstimme. Die Ausweitung des Sozialstaates in praktisch allen modernen demokratischen Rechtsstaaten westlicher Prägung ist hierin vermutlich stärker noch als im Lobbyismus der Partikularinteressen ver- wurzelt.wie etwa bei einem individuellen Versicherungsvertrag -. Daher werden sie die strategischen Konsequenzen in der Regel überwiegen. werden meinen. sondern demokratische Abstimmungsverfahren nur als Mittel zur Sicherung individueller Rechte . daß ein rational handelndes Individuum sich in der großen Abstimmung nicht an seinem strategischen Einfluß auf die kollektiven Handlungsfolgen. Durch ihn wird erreicht. Eine Zustimmung.

dafür zu sorgen. welche die Anwendung fundamentaler Zwangsgewalt zur Hilfserzwingung nicht ausschließt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 167 Frankfurt School of Finance and Management betrachten kann. unten). Zum einen spielt es auf der Verteilungsebene -. Zum anderen verlangen wir -.dem Güter erzeugenden Staat -.wenn auch möglicherweise nicht auf der Allokationsebene -. die Solidarität in Freiheit in einer Weise verstehen. Der Rechtsstab ist gehalten. ohne Tabu nüchtern abzuwägen. Das reicht heute schon aus. Jede Grenzziehung zwischen negativen Abwehrrechten und positiven Teilhaberechten muß daher innerhalb des Bereiches öffentlich erzeugter Regeln vollzogen werden. Auch die sogenannten negativen Abwehrrechte bilden hiervon keine Ausnahme. daß jedermann unabhängig von seiner Zahlungsfähigkeit und -bereitschaft das gleiche Recht auf rechtliches . Dennoch sollte es möglich sein. zu einer Diskussion von Diskussionstabus den Abschnitt V. Buchanan 1975/85). daß ein bestimmtes Profil von grundlegenden Rechten für jedermann im Rechtsstaat von öffentlichen Instanzen erzeugt wird.und "protective state" -. Überdies scheinen nicht-orthodoxes liberale Positionen möglich.mit Ausnahme einiger extremer anarchistischer Positionen --. Das gilt insbesondere auch für die mittlerweile recht gebräuchliche Unterscheidung zwischen "productive" -. Sie sind entgegen einer häufig anzutreffenden Annahme gerade nicht "einfach da". Überdies ist zu beachten. sondern müssen ebenso wie positive Teilhaberechte öffentlich im politisch-rechtlichen Prozeß erzeugt werden. ihn öffentlich für "friedlos" zu erklären.3.1. wer etwa bei Vorliegen externer Effekte ein diese betreffendes Abwehrrecht zuerkannt bekommt und wie weit es reicht. Positives Recht als öffentliche Leistung Alle staatlich gewährten und durchgesetzten Rechte sind öffentlich "produziert".dem Schutzrechte erzeugenden Staat (vgl. Solidarität in Freiheit 7. daß auch mit der öffentlichen Erzeugung negativer Abwehrrechte Verteilungswirkungen verbunden sind.durchaus eine Rolle.3. 7. was denn der orthodoxe Liberale für seine Position und gegen die heute vorherrschenden Sichtweisen von der kollektiven demokratischen Verantwortichkeit für das Wohlergehen jedes Bürgers ins Feld führen kann (vgl.

Wer diese Rechte als Ressourcen in der eigenen Zielverfolgung nutzen will. Ungeachtet des Rechtes zum freien Vertragsschluß können die Bürger beispielsweise nicht ihr Recht auf rechtliches Gehör untereinander in freier vertraglicher Vereinbarung abdingen oder verkaufen. wenn man politische Rechte wie das für jeden gleiche Wahlrecht in die Betrachtung mit einbezieht.bzw. daß praktisch alle fundamentalen Rechte als unabdingbar behandelt werden. daß es ihm ebenso wie die anderen grundsätzlichen Bürgerrechte zusteht. zum Vertragsschluß. Sie werden ihm vielmehr von der Rechtsordnung als gleiche Bürgerrechte gewährt. Die öffentliche Finanzierung derartiger Leistungen für jeden Bürger wird im allgemeinen auch von den schärfsten Kritikern des Umverteilungsstaates ganz selbstverständlich vorausgesetzt. auf den Erwerb von Eigentum usw.oder Anrechtsschein zu erwerben. auf Niederlassungsfreiheit. kann dies tun. Sie werden rechtlich als "unveräußerlich" charakterisiert. Dieses Stimmrecht erhält er. hat. daß wir Rechte auf die Teilhabe am politischen Prozeß der Rechtserzeugung unabhängig vom vorherigen Erwerb von Ansprüchen in einer für jeden gleichen Weise gewähren. eine prinzipielle Grenze zwischen sogenannten negativen Abwehrrechten und weitergehenden positiven Teilhaberechten zu ziehen. Schließlich muß man festhalten. daß mit der öffentlichen Bereitstellung von sogenannten Abwehrrechten und bestimmten politischen Teilhaberechten bereits die beiden zentralen Elemente des Sozial. Wohlfahrtsstaates verbunden sind: Umverteilung und Regulierung. Denn wir gehen davon aus. Derartige Grenzziehungsschwierigkeiten werden noch verstärkt. Sie können auch nicht ihr Recht auf den Schutz durch die Polizei oder ganz konkret ihre Stimme bei der Wahl veräußern. In den modernen Rechtsstaaten westlicher Prägung hat jeder mündige Bürger die gleiche Stimme im öffentlichen politischen Prozeß. Das nicht durch eigene Vorleistungen bedingte Recht zur Inanspruchnahme der fundamentalen rechtlichen Leistungen ebenso wie deren öffentlich finanzierte Bereitstellung läßt es jedoch schwierig werden. auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 168 Frankfurt School of Finance and Management Gehör. ohne vorher einem Klub beitreten zu müssen oder in irgendeiner anderen Weise durch Rechtsakt seine Ansprüche zu begründen. da die Rechte . ohne vorher einen Anteils. Das bedeutet aber. Das bedeutet aber. Umverteilung liegt vor.

und insoweit aufgrund ihrer je . sondern muß mit der Form der Regulierung und Umverteilung zusammenhängen. 7. Gegen eine solche Gewährung von Anspruchsrechten kann jedenfalls nicht eingewandt werden. Wenn man für die klassischen Bürgerrechte eintreten. Regulierung liegt vor. zugleich aber bestimmte weiterreichende Anspruchsrechte gegenüber dem Staat ausschließen möchte. in einer Gesellschaft von einer bestimmten Struktur zu leben. daß Umverteilung und Regulierung erst durch den Wohlfahrts. Vereinfacht formuliert könnte man sagen: Die universelle Gewährung unveräußerlicher Abwehrrechte ist für all jene gerechtfertigt. der hat nach dem vorangehenden Argument bereits eine Art von Wohlfahrtsstaat akzeptiert. Umverteilung und Regulierung sind von vornherein ein essentieller Bestandteil der öffentlichen Bereitstellung jedes allgemeinen Systems von Rechten und insbesondere bereits Teil der Bereitstellung der klassischen negativen Freiheitsrechte. zu seinem im allgemeinen als "Nachwächterstaat" oder "Minimalstaat" bezeichneten Kern. Wer den Nachtwächterstaat errichtet sehen will. während es a priori illegitim sei. nach dem man ausschließlich negative Abwehrrechte öffentlich bereitstellen darf.oder Sozialstaat entstehen. die de facto -.2. daß es jedenfalls keinen prinzipiellen Grund geben kann. Wenn von den positiven Teilhaberechten spezielle Gefährdungen für den freiheitlichen Rechtsstaat ausgehen. dann wird man einräumen müssen. weil sie nicht in freien Vereinbarungen abdingbar sind (vgl. über sogenannte negative Abwehrrechte hinausgehenden positiven Teilhaberechten einhergeht.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 169 Frankfurt School of Finance and Management unabhängig von voraufgehender Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit gewährt werden. die mit den heute gewährten. Hat man dies einmal erkannt. Kliemt 1993). daß durch sie allerst Umverteilung und Regulierung in das rechtliche System eingeführt werden. dann kann man sich gerade nicht darauf berufen. Das Interesse an unveräußerlichen klassischen Bürgerrechten Jedes überzeugende Zweck-Mittel-Argument für eine Unveräußerlichkeit von Rechten wird in irgendeiner Weise auf den Wunsch abstellen müssen. dann kann das somit nicht an Umverteilung und Regulierung per se liegen. positive Teilhaberechte zu gewähren.3. Sie gehören zum Wesen des freiheitlichen Rechtsstaates bzw.

Auch wer selbst kein Interesse an freier Ab.und Zuwanderung besitzt. bestimmte Abwehrrechte zu besitzen. an demokratischen Wahlen teilzunehmen. bestimmte Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern. in einem System mit freier Meinungsäußerung zu leben. So kann es aus Sicht eines überzeugten Nicht-Wählers vorteilhaft sein. wobei die interessenbasierten Gründe weit über das direkte Interesse. daß es in seinem Interesse liegt. kann einsehen. Sie wünschen nicht nur selbst. Sie wünschen vielmehr darüber hinaus. daß die betreffenden Rechte unveräußerlich sind. besteht mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Interesse daran. Auch derjenige etwa. diese Rechte selbst wahrzunehmen. mit der Regulierung der Unveräußerlichkeit versehene öffentliche Bereitstellung der klassischen Bürgerrechte. kann durchaus einsehen. die die Wissenschaftsfreiheit begründenden Rechte öffentlich durchzusetzen. daß es in seinem eigenen Interesse liegt. hierzu auch Thurow 1977). Dieser Wunsch läßt sich durchaus mit plausiblen Interessenlagen verknüpfen. daß auch alle anderen diese Abwehrrechte haben (vgl. Denn diese Unveräußerlichkeit wird im allgemeinen die dauerhafte Erzeugung der erwarteten positiven externen Effekte absichern. anderen Rechte zur Innovation zu garantieren. kann in Voraussicht der allgemeinen Effekte der öffentlichen Meinungsäußerung interessiert sein. daß jedermann Zugang zum Wahlprozeß hat und möglichst auch seine Stimme abgibt. Wer selbst kein Unternehmer ist. 3). der selbst kein Interesse daran hat. in einem liberalen Rechtsstaat westlicher Prägung zu leben. kann ein Interesse daran haben.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 170 Frankfurt School of Finance and Management spezifischen partikularen Werte -. weil dies im Durchschnitt zu bevorzugten politischen Ergebnissen führt. daß anderen die wirtschaftliche Freiheit des Unternehmertums garantiert wird usw. daß andere diese Optionen wahrzunehmen vermögen und damit einen gewissen Kontrolldruck auf Regierungen ausüben.wünschen. Insoweit gibt es gute interessenbasierte Gründe für eine im minimalen Sinne umverteilende. Auch wer selbst kein Interesse daran hat. Wer selbst kein Innovator ist. Sofern derartige auf vielfältige externe Effekte der Rechtswahrnehmung gestützte Interessen vorliegen. Wer selbst kein Wissenschaftler ist. kann durchaus ein Interesse an der Teilnahme anderer nehmen. bereits Mill 1859/1974. Kap. Diese Überlegung zu "strukturellen Interessen" ist ziemlich allgemeiner Natur (vgl. kann ein Interesse daran haben. dazu umfassend Baurmann 1995). hinausreichen können (vgl. .

Das Interesse an der allgemeinen Gewährung von im engeren Sinne positiven Teilhaberechten muß uns in ähnlicher indirekter Weise vermittelt werden. Alle Machtausübung (vgl. die jedenfalls gewisse positive Teilhaberechte gewährt. Im demokratischen Staat tritt hinzu. die jene . daß es im wohlverstandenen Interesse von fast jedermann liegt. essays iv. Hier ist insbesondere mit der langfristigen Stabilisierung des bestehenden politischen Systems zu argumentieren. unter einer freiheitlichen Ordnung zu leben. daß die Bürger in allgemeinen Wahlen Überzeugungen Ausdruck verleihen müssen. ohne im Einzelfall strategisch im Lichte der Einzelentscheidung vorzugehen (vgl. dazu Hume 1985. v. die zentralen Bürgerrechte und damit im wesentlichen die klassischen Abwehrrechte politisch abzusichern. Hier kann man sich unter anderem auf eine bereits für die klassische politische Theorie insbesondere der sogenannten Britischen Moralisten ausschlaggebende Einsicht berufen. daß jedenfalls einige Individuen gewisse Weisungen und Regeln befolgen. wird nur dann ähnlich akzeptabel sein. daß es auch im Interesse von fast jedermann liegt. part I. Die sozialstaatliche Umverteilung ist. Daher kann das direkte altruistische Interesse am Wohlergehen anderer kaum eine dauerhafte Fernstenhilfe im Sozialstaat begründen.3. wenn sie auf ähnliche Gründe gestützt werden kann. die uns fernstehen und womöglich gänzlich unbekannt sind. ein Mittel. Die These. insbes. Von Natur aus nehmen wir kein dauerhaftes und weitreichendes Interesse an Individuen. Danach beruht alle Regierung auf einem Legitimitätsglauben (opinion) hinreichend vieler hinreichend einflußreicher Individuen. In einer großen Gesellschaft sind das fast alle anderen Individuen. ebenso wie etwa der demokratische Wahlvorgang. unter einer Ordnung zu leben.3.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 171 Frankfurt School of Finance and Management 7. wie im Falle der abstrakten Bürgerrechte. und moderner Hart 1961). Hobbes 1682/1990) und insbesondere alle rechtlich geord- nete Machtausübung beruht darauf. Das mögliche Interesse an positiven Teilhaberechten Es scheint eine relativ unproblematische und durch die geschichtliche Erfahrung des Erfolgs freiheitlicher Systeme gut abgesicherte Hypothese zu sein. die von einer Grundstruktur unveräußerlicher klassischer Bürgerrechte getragen wird.

Ein solches Klima wird sich vor allem dann plausiblerweise einstellen. nicht zu einer Ablehnung dieser Form sozialer Organisation führen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 172 Frankfurt School of Finance and Management Parteien dauerhaft an der Regierung halten. daß in allen Gesellschaften. daß die Menschen den Anschluß an Gruppen weniger stark suchen. Insbesondere dadurch. Er muß vor allem in der Festlegung der Grundregeln der Rechtsordnung darauf achten. für eine theoretische Analyse Hegselmann 1994). wenn die Position des Individuums rechtlich stark ist. Andernfalls würde das System nicht bestehen können. wenn ein allgemeines Meinungsklima des wechselseitigen Respektes vorherrscht. wenn die Position des Individuums gegenüber Gruppen gestärkt wird. Die empirische Triftigkeit dieser These kann man insbesondere daran ablesen. sogleich die Klage erhoben wird. die die Stellung des Individuums gegenüber der Gesellschaft so weit wie möglich stärkt. dem die Durchsetzung der Bürgerrechte für jedermann Ausdruck verleihen kann. daß Individuen nicht nur als Mitglieder von Gruppen Zugang zu Rechten und Ressourcen haben. werden Individuen gegenüber allen Gruppen gestärkt. daß der freiheitliche Rechtsstaat auf Dauer nur gedeihen kann. Unter diesem Aspekt ist insbesondere auch die Ausgestaltung des Sozialstaates zu beurteilen. Individuen sollten darauf vertrauen können. daß jedoch auch das von ihm gewünschte Ideal nicht ohne soziale Kosten zu realisieren ist. daß die Solidarität abnehme (was die jüngste Geschichte der vormaligen DDR nach dem Beitritt anschaulich illustriert. vgl. die die rechtsstaatlichen Institutionen unterstützen. Ganz generell wird man erwarten müssen. die ihrerseits den dauerhaften Bestand der Ordnung auch gegen partiell negative Erfahrungen wahren helfen. Die Erkenntnis. in denen stärkere Individualrechte eingeführt werden. Diese Überlegungen können für den Befürworter einer freiheitlichen Rechtsordnung. darf für ihn nicht ohne Folgen bleiben. Gruppenspezifische "Kollektivgüter" können daher von bestimmten Untergruppen nur mehr unter größeren Schwierigkeiten oder überhaupt nicht mehr bereitgestellt werden. Diese Stärkung hat allerdings auch zur Folge. daß sie ungeachtet ihrer Abhängigkeit von der Gesellschaft im Prozeß der Rechteproduktion bei gegebenen Individualrechten je für sich zu bestehen vermögen. daß die Erfahrung mit diesen Regeln Überzeugungen fördert. Das wird . Insoweit wird das sogenannte soziale Klima zwangsläufig kühler. Er wird die Mittel klug wählen wollen.

4. Solche Erfahrungen können unter bestimmten empirischen Randbedingungen Individuen dazu führen. darin begründet. 7. Aus psychologischen Gründen erscheint es sogar eher unwahrscheinlich.bzw. Sie stützt jene Formen. reale Unabhängigkeitserfahrungen von Individuen zu ermöglichen. Zur rechtsstaatskonformen Reform des Sozialstaates Wir wissen auf der anderen Seite. daß zur Erzeugung eines individualistischen Systems politischer Legitimitätsüberzeu- gungen der bloße Rückgriff auf die sogenannten negativen Abwehrrechte ausreicht. Die Selbstwahrnehmung der Bürger eines Staates als unabhängiger. Soweit empirisch haltbar liefert diese Überlegung einen Grund für gewisse Formen des Sozialstaates.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 173 Frankfurt School of Finance and Management womöglich nur dann der Fall sein. was bereits Walter Eucken treffend die "neue soziale Frage" genannt hat.3. Im Gegenteil scheint es eher so zu sein. daß der Ausbau sozialer Netze in den letzten Jahrzehnten verstärkt zu dem geführt hat. daß die einzelnen zunehmend machtlos ausufernden Bürokratien gegenüberstehen. die erforderlich und geeignet sind. Noch besorgniserregender als das Wachstum der Umverteilung als solcher muß aber nach dem zuvor Gesagten sicherlich das Wachstum der Umverteilungsbürokratien erscheinen. wenn jedermann auf bestimmte positive Teilhaberechte zurückgreifen kann. die vor allem an Problemen der Güterverteilung orientiert war. Diese neue soziale Frage ist im Gegensatz zur "alten sozialen Frage". die ihrerseits erforderlich sind. Die Art der in unserer Gesellschaft vorherrrschenden Umverteilungsmaßnahmen kann kaum als geeignet angesehen . daß der Ausbau des Sozialstaates keineswegs generell reale Unabhängigkeitserfahrungen gefördert hat. rechtlich autonomer Entscheidungsträger wird vielmehr wesentlich von ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit gegenüber persönlichen Bezugs. Solidargruppen mitbestimmt sein. Das geradezu atemberaubende Wachstum des Staatsanteiles am Bruttosozialprodukt in den Nachkriegsjahren ist ohne Zweifel besorg- niserregend. die ihm unabhängig von seinen persönlichen Beziehungen zu anderen Individuen als Individuum rechtlich zustehen. jene individualistischen Wertsetzungen zu entwickeln. um den modernen Rechtsstaat im demokratischen Prozeß überlebensfähig zu halten.

Will man dem entgegenwirken. individueller Selbständigkeit und jener zentralen zivilen Tugenden und bürgerlichen Überzeugungen zu fördern. daß man den Sozialstaat in der gewohnten Weise immer weiter ausbaut und zugleich zum Selbstbedienungsladen organisierter Partikularinter- essen verkommen läßt. Indem wir umverteilende Maßnahmen zunehmend spezifizieren und -. Solidarität in Freiheit erfordert ein schematisches Vorgehen. So wie jeder genau das gleiche Recht auf körperliche Unversehrtheit. bei dem gleichsam "alle über einen Kamm geschoren" werden. Dadurch. daß die Vorstellung einer in einem objektivierbaren Sinne gleichen Ausstattung mit Ansprüchen zur Leitvorstellung erhoben werden sollte.aus häufig sogar wohlmeinenden Motiven -. Diese sind gleich in einem äußeren. könnte jeder als Bürger gewisse gleiche positive Teilhaberechte haben. . auf freie Wahl des Wohnsitzes. auf den Erwerb von Eigentum (nicht auf spezifisches Eigentum) hat. Das rechtsstaatliche Ideal des Zusammenlebens freier und rechtlich gleicher Individuen unter allgemeinen Regeln unterminieren wir zunehmend. Das bedeutet. die bereits mit den negativen Abwehrrechten einhergehen. die ihnen einen Anteil an der Beute sichern können.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 174 Frankfurt School of Finance and Management werden. auf die der freiheitliche Rechtsstaat langfristig angewiesen ist. Es darf gerade nicht versucht werden. Das alte aristotelisch inspirierte Ideal der Gleichheit relativ zu den individuellen Bedürfnissen und Gegebenheiten darf gerade keine Rolle spielen. wenn wir die Freiheit nicht gefährden wollen. wird man die Individuen verstärkt in die Abhängigkeit von Gruppen führen. so sollte man sich bei der Wahl aller sozialstaatlichen Umverteilungsmaßnahmen an den negativen Abwehrrechten orientieren.die Berücksichtigung spezieller Bedürfnisse und Einzelinteressen im Gesetzgebungsprozeß zulassen. das sozialpsychologische Ziel der Stärkung individueller Unabhängig- keitsgefühle. sollten möglichst nur jene Arten von Umverteilung und Regulierung aufweisen. fördern wird de facto die partikularistische Fragmentierung der Gesellschaft. So wie die klassischen Abwehrrechte müssen sie den Gesichtspunkt subjektiv unterschied- licher Bedürfnisse vernachlässigen. Solidarität spezifisch auf das einzelne Individuum und seine Bedürfnisse zuzuschneiden. objektiven Sinne. Positive Teilhaberechte.

Der Kluge zählt soviel wie der Dumme. die politisch besser informiert sind. an sich genauerer Diskussion bedürfen.rückzahlbaren Systems von Krediten). Ansprüche auf Sozialfürsorge könnten über die Zahlung eines festen für jeden genau gleichen Geldbetrages an jeden Rechtsgenossen abgedeckt werden. nicht mit einem Mehrfachstimmrecht ausgestattet. sich im Hinblick auf Teilhaberechte am Beispiel des genau gleichen politischen Stimmrechtes für jeden zu orientieren.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 175 Frankfurt School of Finance and Management Es ist hilfreich. die bisherigen öffentlichrechtlichen Krankenvorsorgesysteme in ein einheitliches System der steuerfinanzierten Grundversorgung zu überführen -- der Ausdruck "Versicherung" verschleiert angesichts des Zwangscharakters der Mitgliedschaft ohnehin nur den Steuercharakter -. für jeden gleiche Transferzahlung als öffentlicher Grundrente gewähren. wofür man angesichts der involvierten Externalitäten sicherlich mehr sagen kann. wobei jedes zusätzliche Einkommen besteuert werden könnte (Demograntenschema bzw. als etwa im Falle der Krankenversicherung. was jemand im späteren Leben über das Durchschnittseinkommen hinaus verdient -. Sofern Bildung als öffentliche Aufgabe angesehen wird.wobei dann tatsächlich die Betonung auf "Grundversorgung" und "Gleichheit" für jeden Bürger liegen sollte. Es sollte allerdings im Auge behalten werden. Friedmansche negative Einkommenssteuer). Ganz analog könnte man beispielsweise. daß die zuletzt gemachten Vorschläge. sollte sie ebenfalls aufgrund fixer für jeden gleicher Ansprüche gewährt werden (möglicherweise im Zuge eines Gutscheinsystems oder aber eines über die Besteuerung des Differentialeinkommens -. Es ist klar. die sich etwa mit Bezug auf das Bildungswesen andeutungsweise bereits bei Humboldt finden. Einzelfallgerechtigkeit bei der Zuerkennung staatlicher Hilfsleistungen . Ebenso könnte man daran denken. jedem das gleiche Anrecht auf eine feste. sollte ohnehin freiwillig sein. soweit sie über die Sozialfürsorge hinausgeht. in dem sie dem im weiteren Sinne aristotelischen Ideal einer von den je individuellen Gegebenheiten ausgehenden Einzelfallgerechtigkeit das Wort reden.das also. daß bei den momentanen Sicherungssystemen der Teufel nicht nur im Detail zu stecken scheint. Insoweit stellt sich hier das Problem der einkommensabhängigen Ungleichheit nicht. Bei näherer Betrachtung wird auch hier der Teufel im Detail stecken. die von vornherein auf Spezialbehandlung spezieller Interessen abstellen. Auch hier werden jene. Arbeitslosenversicherung. Er steckt vielmehr in den fundamentalen Annahmen und Prämissen.

Gleichwohl bedürfte das Steuerschema an sich der genaueren Ausarbeitung. ist naheliegend. daß die Individuen von der Abhängigkeit von Gruppen und anderen Individuen weitgehend befreit sind. nämlich "Ungerechtigkeiten". Bei alledem ist anzuerkennen. Ob das ein angemessener Begriff von Gleichheit unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten ist. Eine uniforme Proportionalsteuer auf alles Einkommen jenseits des Mindesteinkommens könnte man unter dem zuvor hervorgehobenen Gesichtspunkt schematischer Gleichbehandlung zu verteidigen suchen. Der Einwand. Das scheint wiederum ein fundamentaler Vorzug vor anderen Vorgehensweisen zu sein. lädt geradezu zur Förderung partikularer Interessen durch den Gebrauch politischer Monopolmacht und damit zum sogenannten "rent- seeking" ein. Ihr schematischer Charakter. wie man auf der Steuerseite keine analogen Beschränkungen installiert. Im übrigen stellt die Allgemeinheit der Regeln sicher. was die allgemeinen Regeln vorsehen. Demgegenüber scheint es ein großer Vorzug der zuvor gemachten Vorschläge. der nach den herkömmlichen Gerechtigkeitskonzeptionen als großer. daß die schematische Gleichheit auf der Maßnahmeseite solange nichts nützt. verursachender Nachteil angesehen werden muß.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 176 Frankfurt School of Finance and Management überhaupt zuzulassen. daß sie einheitlich an dem Prinzip der äußerlichen Rechtsgleichheit ausgerichtet sind. sei wiederum dahingestellt. ist bei realistischer Betrachtung unter politischem Aspekt ihr Hauptvorteil.wie der Einnahmenseite . Das bedeutet. daß auch der Vorschlag einer möglichst schematischen Gleichbehandlung auf der Ausgaben. Denn es steht gerade nicht im Belieben anderer. daß bereits durch die zahlungsunabhängige Gewährung der negativen Abwehrrechte eine schematische Gleichbesteuerung (Kopf-steuer) ausscheidet. so wäre jedenfalls jede Abweichung relativ leicht erkennbar und insoweit justiziabel. daß insoweit durch die Steuerfinanzierung der positiven Teilhaberechte keine grundsätzliche Grenzüberschreitung vollzogen wird. Er erschwert zumindest die Begünstigung von Partikularinteressen. zu versagen. Denn unter diesem Schema wäre die Steuer auf jede verdiente Einkommenseinheit für jeden Bürger genau gleich. zu gewähren bzw. das. der selbst den Beitrag für den Minimalstaat nicht erbringen kann. Es wird schematisch gewährt. Es sollte allerdings gesehen werden. Würde ein solches Schema als Steuerverfassung rechtlich abgesichert. muß bereits steuerlich umverteilen. Wer diese Rechte auch dem gewähren will.

hat eben auch einen Einfluß (Kliemt 1987). daß wir diese Prinzipien inzwischen allgemein vergessen haben. sich wenig- stens um die "relativ absoluten" (vgl. die Gleichheit vor dem Gesetz damit ironisieren zu dürfen. Eine allmähliche Überführung der Umverteilung in schematische Gleichbehand- lungsverfahren kann hierzu hilfreich sein. jenen Formen von Manipulation zu wider- stehen. dazu Brennan und Lomasky 1993). daß er die Grundprinzipien der Rechtsgleichheit nicht begriffen hat. wer in welchem Maße profitiert und wer in welchem Maße zahlt.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 177 Frankfurt School of Finance and Management keine letzte Garantie dafür bietet. dann müssen wir uns gerade auch im Bereich des Sozialstaates wieder auf die Prinzipien der allgemeinen Gleichbehandlung besinnen. Das erleichterte eine interessenbasierte Meinungsbildung in der öffentlichen Abstimmung. um an der Wahlurne Partikularinteressen als Allgemeininteressen durchzusetzen. Zwar sind Meinungen hinter dem zuvor bereits besprochenen Schleier der Insignifikanz der individuellen Stimme an der Wahlurne ausschlaggebend (vgl. Gegen den Staat als Garanten der Sicherheit gibt es letztlich keine garantierbare Sicherheit. desto geringer die Kosten der Information sind. doch die Meinung darüber. Wenn ein neuer Anatol France auftreten und ein zukünftiges Sozialsystem dafür tadeln könnte. daß es dem Millionär wie dem Bettler genau den gleichen Geldbetrag als soziale Grundrente zahlt. Die Bürger könnten leichter erkennen. Dabei wird sie unsere Interessen tendenziell um so zutreffender wiedergeben. dann wäre gegenüber dem heutigen Zustand selbst . dann zeigte er nur. so sollte das jedoch nicht daran hindern. unter Brücken zu schlafen. Sie würde auch Kosten und Erträge von Umverteilungsmaßnahmen für den einzelnen Bürger erkennbarer werden lassen. Sie hätte nicht nur den Vorzug leichterer Justiziabilität. Die Informationskosten würden sinken. Wenn Anatol France meinte.nicht der Umverteilungsstaat als solcher -. die sich des allgemeinen Solidaritätsklimas der öffentlichen Meinung bedienen. Unsere sozialstaatlichen Praktiken -. Sie würden eher in die Lage versetzt.legen es nahe. Wenn es keine absoluten Garantien gibt. worin unser Interesse liegt. Buchanan/Knight) zu bemühen. daß der Umverteilungsstaat nicht über die mit der Freiheit der Bürger vereinbaren Grenzen tritt. So würde ihr Bewußtsein für die eigenen Interessenlagen gestärkt. daß das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit uns allen das gleiche Recht biete. Wenn wir die fundamentale Konzeption der Rechtsgleichheit aller Bürger aufrechterhalten wollen.

was das anbelangt nicht fördern. im . wie es noch heute in manchen vor allem britischen Lehrstuhlbezeichnungen zum Ausdruck kommt. die mit Humboldt am liebsten beim Minimalstaat halt machen würden. viel gewonnen. Appendix: Ursprünge empiristischer Sozialphilosophie Die Begriffe "Wissenschaft" und "Philosophie" wurden zu Beginn der Neuzeit noch nicht klar getrennt. machte damals grundsätzlich nur einen Teil der philosophischen Beschäftigung mit der sozialen Realität aus. Was heute gewöhnlich als "Sozialphilosophie" bezeichnet wird. 8. die mit der Bereitstellung von Rechten einhergehen. den Gegenstandsbereich der modernen Naturwissenschaften. Umverteilung in der Großgruppe ist in einer mit den Fundamentalprinzipien der Rechtsstaatlichkeit vereinbaren Weise möglich. daß sich Thomas Hobbes und David Hume um umfassende. So umfaßte die damalige Naturphilosophie. wenn wir auf unsere aristotelischen Intuitionen der Einzelfallgerechtigkeit durch Ungleichbehandlung des Ungleichen zugunsten schematischer Gleichbehandlung verzichten. sollten wir. Der eine wurde vom anderen im wesentlichen aufgrund der sprachlichen Herkunft aus dem Lateinischen beziehungsweise Griechischen unterschieden. Naturphilosophie im modernen Sinne behandelt nur einen kleinen Unterbereich der früher unter diesem Titel zusammengefaßten Fragestellungen. Ähnliches gilt für die Sozialphilosophie.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 178 Frankfurt School of Finance and Management aus Sicht jener. Unsere anderweitigen "aristotelischen Intuitionen". sondern mit Bezug auf die Großgruppeninteraktion im Staate eher als Relikte unserer Kleingruppentraditionen bekämpfen. Insoweit er Regulierungen. nach denen Gerechtigkeit als höchstes Ideal zu erstreben und dazu Verteilungsvorgänge stets an moralisch relevante Dimensionen wie "Verdienst" oder "Bedürftigkeit" zu koppeln seien. Dementsprechend kann es nicht verwundern. Sie ist es jedoch nur. wäre seine Gründung jedoch aus Sicht einer kosequent am Ziel individueller Selbstverwirklichung ori- entierten Position zumindest als Behelf in einer nicht idealen Welt gerechtfer- tigt. Vielleicht wäre der schematische Gleichbehandlungsstaat nach ethischen Maß- stäben nicht gerecht. auf ein Minimum beschränkt und damit der individuellen Selbstverantwortung den maximal möglichen Raum ließe.

nach wie vor gültige Einsichten gewinnen.1. Die "Bewegungen der Materie" lassen sich mittels der "Kausalwissenschaft" unter Benutzung vor allem geometrischer Verfahren untersuchen. 8. dazu etwa Rorty.und zwar jener Materie. Methodisch steht dabei zwar das . (1970)). Die von ihnen gewonnenen Ergebnisse sind keineswegs nur von historischem Interesse. Für beide ergaben sich die ethisch-normativen Schlußfolgerungen weitgehend aus empirischen Aussagen und Annahmen über die Natur menschlicher Individuen. hätten Denker wie Hobbes und Hume eher verständnislos gegenübergestanden. Alle innerweltlichen Erscheinungen müssen sich nach seiner Auffassung letztlich als Bewegungen von Materie beschreiben und erklären lassen . insbesondere jedoch sozialen Zusammenhängen. Modernen philosophischen Methodenauffassungen (vgl. Beide versucht Hobbes.vor allem auch im Vergleich zu der mehr an antiken Denkmustern ausgerichteten Shaftesburys – wertvolle. die sich aus einem eigenen "inneren" Antrieb bewegen kann.Das Hobbessche Grundmodell der Gesellschaftstheorie Thomas HOBBES war in seinen Erklärungen innerweltlicher Vorgänge ein konsequenter philosophischer "Materialist". Es gilt dies unterschiedslos für die unbelebte wie die belebte Natur. die belebte Natur die letztere Art bewegter Materie. die sich nur aufgrund äußerer Einflüsse bewegt. "more geometrico" und zugleich kausalwissenschaftlich zu analysieren. erschien ihnen als die philosophische Methode schlechthin. Die unbelebte Natur umfaßt die erstere. Sie konzipierten beide in im weiteren Sinne "erklärender" Absicht Abhandlungen über die "menschliche Natur" und deren "Wirkungen" in allen möglichen. Empirisch vorzugehen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 179 Frankfurt School of Finance and Management weiteren Sinne "empirische" Gesellschaftstheorien bemühten. über deren Fähigkeiten. Wünsche und Veranlagungen und die aus diesen individuellen Dispositionen erwachsende Struktur der Gesellschaft. R. und jener. die eine strenge Trennung zwischen Philosophie und empirischer Wissenschaft vorzunehmen suchen. Aus der Hobbesschen und Humeschen Theoriebildung lassen sich vielmehr .

Da der Mensch Teil der lebenden. also vor allem danach. D. Essler. strebt auch der Mensch von Natur aus danach. Man versteht Hobbes' Absichten leicht an dem Beispiel (vgl. W. Dort sollen Definitionen ebenfalls darüber Aufschluß geben. also aus sich heraus bewegten Materie ist und diese Materie "von Natur aus" danach strebt. die der Endpunkt einer Strecke zieht. Alle zur Erhaltung der . ihre Bewegung zu erhalten. Raphael. mag in diesem Zusammenhang als sekundär erscheinen (vgl. (1970-1979)). den man als Menge jener Punkte. Aus seiner Sicht sollen sich sämtliche Folgerungen aus Definitionen ergeben und die Definitionen sollen selbst wiederum darüber informieren. K. 19f. In die Definitionen "empirischer Objekte" geht die Kenntnis jener kausalen Zusammenhänge ein. Hobbes kommt damit trotz seiner von modernen Beschreibungen wissenschaftlichen Vorgehens abweichenden Terminologie der Praxis moderner empirischer Disziplinen recht nahe. konstruktive Definition vorzuziehen. aber auch als jene Linie. Die bedeutsame Rolle der Empirie im Rahmen seiner "philosophischen Definitionsbildung" und damit auch innerhalb seiner sozialphilosophischen Theoriebildung ist jedenfalls offenkundig. als Hobbes eine etwas eigenwillige Konzeption vom Vorgehen "more geometrico" hat. die von einem bestimmten Punkt gleich weit entfernt sind. Zumindest gibt es in diesen häufig einen Übergang von der Untersuchung empirischer Gesetzmäßigkeiten zu einem nachfolgenden Axiomatisierungs. wie das definierte Objekt erstellt werden kann. das wir mit der Geometrie zu verbinden pflegen. "definieren" kann.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 180 Frankfurt School of Finance and Management apriorisch-deduktive Vorgehen. Dieser Eindruck löst sich allerdings insofern auf.oder Systematisierungsversuch. D. Dies überträgt er auch auf den im engeren Sinne empirischen Bereich. da sie zugleich angibt. seine "innere Bewegung" zu erhalten. Für Hobbes ist die zweite. wenn man die Strecke um den anderen Endpunkt dreht. wie die definierten Objekte erstellt werden können oder zu erhalten sind. Daß Hobbes eine angemessene Trennung von Definitionen und Axiomen nicht gelingt. zu den auch heute noch bestehenden einschlägigen Problemen.) eines Kreises in der Ebene des euklidischen Anschauungsraumes. (1980). wie das definierte Objekt zu konstruieren oder zu "bewirken" ist. am Leben zu bleiben. in einem gewissen Spannungsverhältnis zu dem Wunsch nach empirischer Ursachenforschung. die für die Erstellung und Aufrechterhaltung des definierten Objektes ausschlaggebend sind.

welches der Selbsterhaltung dient. allgemein genommen. Die Natur macht ihren "gebieterischen" Einfluß nicht nur im faktischen sondern auch im normativen Sinne geltend. wenn auch in seinem weitesten Verstande. sei ausnahmsweise auch die englische Version dieser Eröffnungszeilen des zentralen zehnten Kapitels des Leviathan wiedergegeben: "The POWER of a man. Die menschliche Natur (der Mensch als bewegte Materie) ist vielmehr so beschaffen.") "Macht" ist somit für Hobbes eine Fähigkeit zur Umweltbeherrschung im allgemeinen und nicht beschränkt auf die Beherrschung anderer Menschen. der damit in das Zentrum seiner Analyse tritt. ist aus der Sicht von Hobbes nicht nur natürlich. (1976). Zur Erhaltung des Lebens kann jede Machtsteigerung beitragen." (Hobbes. Machterwerb. zukünftig dem eigenen Leben (d. wenn sie diese auch selbstverständlich mit umfaßt. sondern zum alleinigen und unbeschränkt ausschlaggebenden Ziel allen und insonderheit allen menschlichen Strebens. Aus dieser ersten ergeben sich im Rahmen der von Hobbes entwickelten Lehre von . Zunächst ist "power" einfach ein Vermögen oder Potential. den Graben zwischen "Sein und Sollen" und gewinnt mit seiner ersten natürlichen Pflicht festen Halt auf dem "normativen Ufer“. wegen der Unmöglichkeit "apparent" in diesem Zusammenhang angemessen zu übersetzen. T. "Die Macht eines Menschen besteht. to obtain some future apparent good. 66. Damit überwindet Hobbes. in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 181 Frankfurt School of Finance and Management Eigenbewegung nützlichen Fähigkeiten faßt Hobbes unter den Begriff "power". wenn auch freilich in methodisch anfechtbarer Weise. Wegen der weiten Hobbesschen Verwendungsweise kann der Begriff "power". h. nur unzureichend mit „Macht" wiedergegeben werden. da im Hobbesschen Ansatz eine solche Steigerung nichts anderes als eine Vergrößerung des Potentials zur Lebenserhaltung bedeutet. is his present means. Die Nachfrage nach der im Hobbesschen Sinne verstandenen Macht ist auch nicht durch andere menschliche Ziele begrenzt. obschon dies im folgenden unvermeidlich ist. Die von Natur aus auf Erhaltung ihrer Bewegung und damit "ihrer selbst" ausgerichtete "bewegte Materie Mensch" strebt grundsätzlich nach Macht in beliebig großem Umfang. daß sie dem grundlegenden Ziel der Selbsterhaltung (der Lebensbewegung) alle anderen Ziele unterordnet. der Bewegungserhaltung) Dienliches erhalten zu können. sondern sogar "natürliche Pflicht". wird damit nicht nur zu einem grundlegenden. Alles Tun.

Dabei ist klar. die "Gesetze der Natur" und die daraus hervorgehenden natürlichen Pflichten herauszufinden. wie sie das alle anderen überragende Ziel der Selbsterhaltung zweck- mäßigerweise verfolgen und damit ihr Überleben sichern können. Doch man kann ihn ohne Probleme dahingehend inter- pretieren. Wenn etwa ein Staat mit einem Souverän an der Spitze existiert. Wegen seiner spezifischen Konzeption einer natürlichen Pflicht zur Selbst- erhaltung macht Hobbes keinen scharfen Unterschied zwischen deskriptiven und normativen Gesetzen. Denn diese Gesetze sagen ihnen. Diese Gehorsamspflicht endet jedoch in jedem Falle dann. Unter dem vorausgesetzten Zweck der Selbsterhaltung ist es nur mehr eine empirische Aufgabe. wirkt ihre Kenntnis machtsteigernd. doch unter veränderten Umständen können die Mittel oder Instrumente kluger Zielverfolgung wechseln und sogar eine "langfristige" Veränderung der Umstände verlangen. wenn der Souverän das Leben eines Staatsbürgers selbst gefährdet oder nicht hinreichend schützt. Da die Befolgung der Gesetze der Natur instrumentellen Wert besitzt. Aber die direkte Gefährdung des Lebens ist – jedenfalls nach der inneren Logik der Hobbesschen Argumentation – keineswegs die einzige Begrenzung der Gehorsamspflicht.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 182 Frankfurt School of Finance and Management den (insgesamt fünfzehn) "Gesetzen der Natur" alle anderen natürlichen Pflichten vernunftbegabter menschlicher Individuen. dem Souverän zu gehorchen. Die naturgesetzlichen Klugheitsregeln gebieten. Denn die Kenntnis dieser Gesetzmäßigkeiten hilft ihm in Erfüllung seiner natürlichen Pflicht. daß die unserem heutigen Interessen- konzept nahestehenden nachgeordneten natürlichen Pflichten sich im Rahmen der Gesetze der Natur inhaltlich nach äußeren. das dem vorausgesetzten Ziel der Selbsterhaltung Dienende zu tun. deren Gesetzmäßig- keiten zu erforschen. Deshalb trifft den Menschen als Folge der natürlichen Pflicht zur Selbsterhaltung auch eine natürliche Pflicht. insonderheit "gesellschaftlichen" Umständen bestimmen. die uns über das unserer Selbsterhaltung Dienliche informieren. Nach Hobbes ist niemand verpflichtet. und insoweit seine natürliche Pflicht sein. Dieses Ziel wechselt nicht. sich etwa einer gegen ihn verhängten Todesstrafe zu unterwerfen. dann mag es der Selbsterhaltung des Einzelindividuums dienen. daß es sich bei den Gesetzen der Natur um hypothetische Imperative handelt. Dem Überlebensziel kann ja grundsätzlich jede Macht- .

ist er – jedenfalls nach der Logik einer strikten Hobbesinterpretation – pflichtwidrig. ohne den Umweg über zielrichtende Klugheitsregeln zur Selbsterhaltung zu gehen. von Menschen geschaffenen Rahmenbedingungen vorhanden. als durch die Hand- lungsumstände ein entsprechender egoistischer Befolgungsanreiz in jedem Einzelfall gegeben ist – d.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 183 Frankfurt School of Finance and Management steigerung dienen. h. Nur insoweit die Existenz eines solchen Systems der Selbsterhaltung des einzelnen dient. daß er zunächst sein Augenmerk auf die Schaffung eines Regelsystems in einem "regellosen" Zustand richtet. dann. der das vergesellschaftete menschliche Zusammenleben ermöglicht und beherrscht. während ihm jede Machtminderung abträglich ist. allgemeine Pflicht zur Selbsterhaltung hinausgehende sekundäre. spezi- fische Pflichten bestehen deshalb insofern und nur insofern. ist es nicht verwunderlich.oder Regelkanon". Dies bedarf einer gewissen zielgerichteten Anstrengung der Menschen. Da Hobbes stets aufzeigen will. Denn die vergesellschaftete Existenzweise liegt. Es bleibt allein die unspezifizierte natürliche Pflicht zur Selbsterhaltung. ist es in Erfüllung der grundlegenden natürlichen Pflicht zur Selbsterhaltung geboten. wenn die Pflichtverletzung dem eigenen Machterwerb abträglich ist. Entsprechendes folgt für den gesamten "Normen. Sobald Gehorsam nicht mehr im Dienste der klugen Verfolgung des vorausgesetzten Überlebenszieles des einzelnen steht. Über die primäre. Und weil die Abwesenheit von Pflichten für Hobbes gleichbedeutend mit dem Vorhandensein von Rechten ist. einzurichten oder aufrechtzuerhalten. hat die Abwesenheit jeglicher institutionell . In diesem Zustand sind keine institutionellen. wie die "Gegenstände" seiner Betrachtungen erzeugt werden können. mag er auch nach allgemeinem Interesse noch so wünschenswert sein. Gesellschaftsordnung und damit auch Gesellschaft insgesamt würden ohne eine gesonderte Anstrengung der Menschen zu ihrer Schaffung und nachfolgenden Erhaltung weder erstmals entstehen noch für eine gewisse Dauer bestehen können. nicht in der menschlichen Natur. Solche Überlegungen gelten nicht nur für den Gehorsam gegenüber einzelnen Normen. weshalb er bei Hobbes auch den Namen des "Naturzustandes" erhält. ein solches System zu akzeptieren. Solche Bedingungen können deshalb auch nicht als Randbedingungen in pflichtenbegründende Klugheitsregeln eingehen. Ordnung ist deshalb ein "artifizieller" und der regellose Zustand insoweit der "natürliche".

die den Individuen einen Anreiz bieten. wollte jemand dem Ansinnen etwa des natürlichen Gesetzes. so hat das betreffende Individuum sogar die natürliche Pflicht. 121 und in neuerer Zeit in ganz ähnlichem Zusammenhang Urmson. Denn jedermann weiß. (1976). J. daß einseitige Unfriedlichkeit bei vorausgesetzter Friedlichkeit der anderen der eigenen "Machtsteigerung" (und damit Selbsterhaltung) besser dient als eigene Friedlichkeit und jeder weiß auch. im Zuge der eigenen Machtsteigerung in foro externo von der nur in foro interno verpflichtenden Maxime abzuweichen. indem die Inanspruchnahme dieses . damit das Naturrecht auf alles untergehen kann. Äußere. wenn institutionelle Anreize wie etwa Strafdrohungen generell bestehen. institutionell begründete und möglichst in jedem Einzelfall wirksame Pflichten sind deshalb eine "conditio sine qua non". daß in der Gesellschaft bestimmte Institutionen bestehen sollen. Ist ein anderweitiges Verhalten machtsteigernd. das entsprechende "abweichende Verhalten" zu zeigen. Hobbes. daß sie gelten mögen (vgl. verpflichten diese Regeln im Naturzustand nur "in foro interno" zu dem Wunsch. damit eine Pflicht in foro externo vorliegt. (1958). Frieden zu suchen und ihn einzuhalten. Die Gesetze der Natur verpflichten deshalb letztlich zu dem Wunsch. O. nachgeben. Denn auch dann. Diese Institutionen müssen sogar in jedem Einzelfall wirksam sein. ein einzelnes Individuum aber in einem Einzelfall weiß oder erwarten darf. ebenfalls unfriedlich zu handeln. Da die äußere oder institutionelle Verankerung der aus Klugheitsregeln abgeleiteten weitergehenden "Prima-facie"-Pflichten fehlt. In jedem Falle ist es also bei Fehlen institutioneller Anreize natürliche Pflicht für die Einzelindividuen. daß es der Bestrafung entgehen wird. sich aus direktem Eigeninteresse heraus im Sinne der natürlichen Gesetze zu verhalten. Ohne institutionelle Garantien wäre es einseitiges Heldentum. liegt nach der Logik der Hobbesschen Argumentation keine Pflicht mehr vor. daß wir im Naturzustand nach Maßgabe unserer Ziele ungebunden verfahren und damit unserer natürlichen Pflicht zur Selbsterhaltung unbeschränkt durch eine kluge Rücksichtnahme auf institutionelle Randbedingungen nachgehen können. Dieses von Hobbes als "Naturrecht" bezeichnete Anrecht beinhaltet.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 184 Frankfurt School of Finance and Management spezifizierter Pflicht ein uneingeschränktes "Recht auf alles" zur Folge. T. es ihm zum Vorteil gereichen würde. 216). daß im Falle der Unfriedlichkeit anderer.

Die Anwendungsbedingungen für kluge Verzichtsregeln sind nicht gegeben. den Frieden einzuhalten. Da die Nachfrage nach Macht unter Hobbesschen Individuen grundsätzlich unendlich ist und im Naturzustand keine Institution oder Klugheitsregel in foro externo verbietet. entsteht der "Krieg aller gegen alle" als ein Zustand permanenter Unsicherheit darüber. welches Hobbes mit dem . friedlich zu sein und Unfriedlichkeit zu strafen. was die jeweils anderen Menschen in ihrem "rationalen" Machtstreben tun werden.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 185 Frankfurt School of Finance and Management Rechtes nun nicht mehr der Selbsterhaltung dient und damit der natürlichen Pflicht widerspricht. die Friedlichkeit anderer als Trittbrettfahrer auszunutzen. dient nicht der Selbsterhaltung des einzelnen und wirkt nicht machtsteigernd. den Versuch zu unternehmen. Im Naturzustand liegt eine derartige Bedingungskonjunktion bestimmt nicht vor. wie streng man sie im Rahmen seiner eigenen Pflichtenlehre nehmen muß. Frieden zu suchen und ihn unter der Voraussetzung allgemeiner Friedlichkeit auch einzuhalten. selbst nicht machtsteigernd und in diesem institutionsfreien Unsicherheitszustand nicht geboten. mit beliebigen Mitteln nach Gütern als weiteren Mitteln zukünftiger Bedürfnisbefriedigung (also Machtmitteln) zu streben. Im Zustand natürlicher Unsicherheit ist es allein geboten. also die Chance zur Selbsterhaltung des einzelnen erhöht. Verschiedene Passagen des Leviathan stützen die Vermutung. Die tatsächliche Befolgung von Klugheitsregeln wie der. wenn alle gemeinsam ihr natürliches Recht auf alles durch die Einrichtung von Institutionen aufgeben würden. Jedermann weiß in diesem Zustand. wenn andere Individuen die Neigung entwickeln. Sich Einschränkungen aufzuerlegen. Hobbes selbst scheint zeitweise zu verkennen. Voraussetzung für die Vorteilhaftigkeit der Rechtsaufgabe ist ein gemeinsames Handeln aller. wenn der Verzicht selbst machtsteigernd wirkt. weil die Regelvoraussetzungen nicht erfüllt sind. ist deshalb im Naturzustand. eine Pflicht zu eigener Friedlichkeit entstehe allein schon aus der Friedlichkeit anderer. Das ist eine sehr strenge Bedingung für das Entstehen einer Pflicht. Erst dann. Doch die natürliche Pflicht zur Machtsteigerung verlangt geradezu. die Anwendungsbedingungen für die Klugheitsregeln zu schaffen. Für das Einzelindividuum entsteht die natürliche Verpflichtung zum Verzicht auf ein unbeschränktes Streben nach Gütern erst. daß es für alle von Vorteil wäre. ergibt sich möglicherweise eine Pflicht.

). sondern nur in den zugrundeliegenden Interessen selbst liegen. die. S. 98). Im Leviathan als dem Hobbesschen Haupt. Er sagt etwas darüber aus. (1980). (1976). 1) Der Erklärungswert derartiger potentieller Erklärungen kann an diesem Ort dahingestellt bleiben. um in Hobbesscher Manier mit dieser Erklärung zugleich eine Rechtfertigung realer Institutionen zu liefern (vgl. Aus der Sicht der Hobbesschen Definitionslehre hat dieser Vertrag den Vorzug. dazu auch Nozick. Da ein fiktiver Vertrag zwischen fiktiven Individuen nur die fiktiven Vertragsparteien und nicht reale Individuen zu binden vermag. Den aggressiven Leidenschaften . daß er zugleich über zumindest eine Methode der Institutionserrichtung informiert. A. Kap. da die kontrollierenden gesellschaftlichen Institutionen im Hobbesschen System grundsätzlich eine . in einem Akt der Feststellung des gemeinsamen Interesses und der freiwilligen Übereinkunft gegründet oder "gemacht" werden könnten.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 186 Frankfurt School of Finance and Management Denkmodell eines "Gesellschaftsvertrages" zur gegenseitigen Rechtsaufgabe und Institutionseinrichtung umschreibt. H. wie Institutionen. dazu Kliemt. nicht in der Freiwilligkeit des Gründungsvertrages. insbes. Dies liefert. wie die Furcht vor dem Tod. wenn es überhaupt eine solche gibt. obschon äußerlich wechselnd. Dabei ist der Terminus "Beherrschung" recht wörtlich zu nehmen. R. die im wohlverstandenen Interesse jedes einzelnen liegen. Kap. T. (1980)). dennoch stetig auf die zugrundeliegende Tiefenstruktur des natürlichen Strebens nach Selbsterhaltung zurückverweist und letztlich auch mit diesem Streben in Harmonie gebracht werden kann. 13.und Meisterwerk spielt der Begriff des "Interesses" allerdings explizit keine Rolle.wie Ruhmsucht und Habgier – wirken jene entgegen. Danach gibt es dann institutionelle Vorkehrungen zur Beherrschung der Leidenschaften. die. (1976). Alle diese Leidenschaften gemeinsam bilden gleichsam eine spontane Oberflächenstruktur menschlicher Verhaltensweisen. Hirshman. Eine Rechtfertigung kann. Abgesehen von dem dem Interessenbegriff nahe verwandten Konzept der natürlichen Pflicht verfolgt Hobbes dort eine Konzeption sich gegenseitig kontrollierender Leidenschaften (vgl. Um diese Harmonie herzustellen muß bei Hobbes selbst der sprichwörtlich wankelmütige Charakter der Leidenschaften nur in einem einzigen Akt vertraglicher Übereinstimmung überwunden werden. zumindest eine "potentielle" Erklärung der betreffenden Institutionen (vgl. 39 f. den Menschen "zum Frieden bereitmachen" (Hobbes. wie wir heute sagen würden. reicht ein derartiger Gesellschaftsvertrag keinesfalls aus. O.

daß in einem System reiner hierarchischer Zwangsausübung offenbleibt. Denn Hobbes geht es ja gerade darum. "wertskeptisch" und "individualistisch". ob die Installierung eines Souveräns wirklich ein Gebot der rationalen Selbsterhaltung und damit indirekten Machtsteigerung aller sein kann. dann erscheint das als bedenklich. daß der Souverän als Souverän vertraglich ungebunden bleibt. Dies erscheint zwar im Rahmen des Hobbesschen Ansatzes nahezu als eine analytische Wahrheit. die sich an einem sehr engen System egoistischer Ziele orientieren. Diese Vorstellung ist jedoch aus verschiedenen Gründen kaum überzeugender als der Vertragsgedanke selbst. wie den Zielsetzungen. Warum dies so ist. sein institutionelles System hierarchischer Zwangsausübung als wirksames Instrument für eine Befriedigung des gegenüber oberflächlichem "leidenschaftlichen" Handeln tieferen Strebens nach Selbsterhaltung darzustellen. doch gerade als solche würde es auf ein internes Problem des Ansatzes verweisen. wie die obersten Ebenen der Zwangsausübung kontrolliert werden können. Wenn dann im wesentlichen hobbeskritische Gedanken die Oberhand gewinnen. An dieser Stelle mag der Verweis auf den recht verbreiteten Einwand ausreichen. "empiristisch". dem das gesamte System hierarchischer Zwangsausübung dienen soll. Es wird dann auch innersystematisch recht fraglich. Hobbes stellt hierzu einfach fest. die Hobbes selbst den von ihm vorgeschlagenen institutionellen Vorkehrungen vorgeben wollte.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 187 Frankfurt School of Finance and Management direkte Zwangsausübung beinhalten. bildet sicherlich die zentrale Schwäche der Hobbesschen Institutionslehre. Die Konzeption einer streng hierarchischen Zwangsausübung gegenüber grundsätzlich widerstrebenden Individuen. Der Souverän kann selbst zum Opfer von oberflächlichen Leidenschaften werden und damit den eigentlichen Zweck gefährden. sollte darüber dennoch nicht in Vergessenheit geraten. wird noch im einzelnen im Lichte späterer Ansätze zu prüfen sein. In Kernelementen sind sie "interessenorientiert". Ausgehend von "hypothetisch" vorgegebenen. Wenn dieses Instrument sich aber gerade im Souverän als seinem ausschlaggebenden Element der Kontrolle entzieht. selbst nicht mehr als theoretisch erkennbar angesehenen Werten oder Zielen (Skeptizismus) werden auf empirischer Basis gesellschaftstheoretische Erklä- . Damit kann man der Normwirklichkeit realer Gesellschaften ebensowenig gerecht werden. wie weitgehend spätere Ansätze der Gesellschaftstheorie auf Hobbes zurückgehen.

8. könnte man Shaftesbury als einen ersten "Systemtheoretiker" bezeichnen. Er steht auch inhaltlich mit seiner Sichtweise. der in der Tatsache der Alternativenbevorzugung bereits einen Beweis für deren egoistischen Charakter sieht. Vor allem gehen seine Annahmen über die Interessenorientierung menschlicher Akteure zu weit in eine solipsistisch-egoistische Richtung. Darüber ging der natürliche Gesellschaftsbezug der normalen menschlichen Existenzweise verloren. die das ganze Universum und speziell die menschliche Gesellschaft als ein System "funktional" aufeinander bezogener (Sub-)Systeme begreift. Das regelnde soziale System muß nicht in allen seinen Teilen gesellschaftlich oder artifiziell geschaffen werden. die ihrerseits die gesellschaftsbezogenen und zumindest in einem umgangssprachlichen Sinne "altruistischen" Züge menschlichen Verhaltens überakzentuierte. gewissen Auffassungen älterer Philosophen. Nicht nur wegen seiner häufigen Verwendung des Begriffes "system". Dies außer Betracht zu lassen.2. sieht man von einem uninformativen definitorischen Egoismus ab.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 188 Frankfurt School of Finance and Management rungen und daran anknüpfend Klugheitsregeln entwickelt (Empirismus). einer ausschließlich egoistisch orientierten Verhaltensmotivation natürlicherweise entgegen. die sich jeweils ausschließlich auf das Verhalten von Individuen (Individualismus) und die diesem Verhalten – unter einer "leidenschaftlichen" Oberfläche – zugrundeliegenden stetigen Interessen richten (Interessenorientierung). akzentuierte er bestimmte Aspekte seiner Theorie viel zu stark. aber auch dem systemtheoretisch-funktionalistischen Grundansatz vieler moderner Soziologen und Politikwissenschaftler recht nahe . der im damaligen Englischen durchaus die Bedeutung unseres heutigen Systembegriffs besaß. In der Tat reagierte Shaftesbury genau in dieser Weise auf die Hobbessche Revolution in der Gesellschaftstheorie. Doch die menschliche Existenz ist von vornherein sozialer Natur. die den Vergleich zu einem Organismus oder gar zu einem bewußt geplanten Mechanismus zogen. Gewisse Verhaltensdispo- sitionen "sozialer Art" sind von Natur aus vorhanden und stehen. Shaftesburys Gegenposition zu Hobbes Wie es bei einem so radikalen Neuerer wie Hobbes schon aus psychologischen Gründen zu erwarten ist. mußte geradezu eine Kritik heraufbeschwören.

die "selbstischen" und die "unnatürlichen" Affekte (Shaftesbury. vom Verf. Raphael. Dabei wird bei Shaftesbury .) Dieser Bezug auf einen externen. daß die Natur selbst eine überindividuelle Ordnung aufweist. (1969). Einbildungskraft das zu fördern. die das private. Da also in jeder Kreatur ein bestimmtes Interesse oder Gut verankert ist. D. 209). 195. daß es in der Realität einen richtigen und falschen Zustand jeder Kreatur gibt und daß der richtige von Natur gefördert und von der Kreatur selbst mit Eifer gesucht wird. muß es auch ein bestimmtes ZIEL geben.-D. 197. "Wir wissen. dem "moralischen Urteil" nur die Funktion zuzuweisen. D. Diese Harmonieannahme erlaubt es ihm. die weder das private noch das öffentliche Wohl fördern. die ihren Subsystemen angemessene Verhaltensweisen und Zwecke unabhängig von deren eigenen individuellen Zielen vorgibt. was ohnehin . Letztlich ist die dritte Klasse aus der Sicht Shaftesburys bedeutungslos und die erste und zweite Klasse befinden sich grundsätzlich in Übereinstimmung zueinander. In der Terminologie Shaftesburys sind dies respektive die "natürlichen". Denn für Shaftesbury liegt eine Handlung immer dann vor. die das öffentliche. Doch insonderheit zum Handlungskonzept von Hobbes besteht eine große Nähe.-D. zumal er nach Shaftesbury sogar für jene "Subsysteme" besteht. (1969). bewußt. (1969). vgl. 170 fortan auch als 'B-ritish M- oralists' mit Angabe der genaueren Randziffer anstelle der Seitenzahl zitiert. ist zumindest aus individualistischer Sicht heute nur mehr schwer akzeptierbar. und solcher. 104 ff. vernünftig und unter Einsatz der menschlichen Vorstellungs. Nun könnte man zwar vermuten. auf das sich jedes Ding natürlicherweise in seiner inneren Verfassung bezieht.ähnlich wie noch bei vielen modernen Denkern .allenthalben der Geist des älteren Naturrechtsdenkens spürbar. daß dies auf einen spezifischen Handlungsbegriff Shaftesburys hinweist. Raphael.-D. Die Klasse der Affekte zerlegt Shaftesbury jedoch . lm Gegensatz zu Hobbes.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 189 Frankfurt School of Finance and Management (vgl. Dem hätte sich Hobbes anschließen können.-D. denen man berechtigt Handlungen zuschreiben kann.abweichend von Hobbes ihrerseits in drei Unterklassen solcher Affekte.und das führt zum Kern seiner Überlegungen . aus der "Natur der Dinge" sich ergebenden Zweck. BM. solcher. wenn ein System von Affekten und Leidenschaften "bewegt" wird (Shaftesbury. geht dieses Denken davon aus. Raphael. spezifische Bedeutung erhält." (Shaftesbury. 210). BM. D. Übers.). Shaftesbury in Raphael.bzw. D. hier: BM. bei dem bereits der Begriff des "Naturrechtes" eine ganz andersartige. (1969). aber auch Shaftesbury 1980####. BM.

BM. daß Wesen wie der Mensch aufgrund ihres Reflexionsvermögens und ihrer Einbildungskraft "moralisch tugendhaft" handeln können. zwischen Gesellschaft im allgemeinen und der von Freunden empfinden. 215. D. aufgrund von Vorstellungen des Guten und Bösen und den daraus hervorgehenden Meta- Affekten zu handeln (vgl. welche geistige Befriedigung es bietet. Es hat zur Folge. die er für wichtiger und befriedigender hält als solche körperlicher Natur. daß etwa die Befriedigungen aus intellektueller Tätigkeit oder ästhetischen Genüssen generell länger während und "reiner" wären. glaubt Shaftesbury. in den wir geraten "unter einer lebhaften Gemütsregung von Liebe. D. BM. In Entsprechung zur modernen Vorstellung.-D.eine Bezugsgruppe. (1969). D. gegenüber der sie sich "altruistisch" verhalten und mit deren . daß nicht nur "äußere Objekte" zum Gegenstand unserer Affekte werden. Auch diese haben . L. vom Verf. Er meint dies nun nicht wie John Stuart Mill in dem Sinne. Präferenzen aufgrund von Meta-Präferenzen zu ordnen und so zur Moral zu gelangen. Mitleid. Hilfsbereitschaft oder welcher freundlichen und sozialen Art auch immer. in eine solche großzügige Stimmung versetzt zu werden. Raphael. Shaftesbury. Freigiebigkeit. auch Mackie. 202). Der Unterschied. angelegt ist.-D. ist sich dessen bewußt. 217. Wohltätigkeit. Das Moralurteil ist nur der bewußte Ausdruck der natürlichen Affekte (vgl. Wer auch nur die geringste Kenntnis der menschlichen Natur besitzt. den wir zwischen Einsamkeit und Gesellschaft. Das Eingreifen des bewußten Reflexionsvermögens und der menschlichen Einbildungskraft zieht jedoch nicht nur Urteile sondern auch neue Affekte nach sich. Reflexionsvermögen und Einbildungskraft stehen ihrerseits in enger Verbindung zu den von Shaftesbury so genannten "geistigen Freuden". sondern die Affekte selbst. die zu bewußter Reflexion fähig sind. J.modern gesprochen ." (Shaftesbury. wie Shaftesbury ausdrücklich betont (vgl. BM.) Solche Phänomene zeigen sich. (1969). Allein dieses Vermögen ermöglicht es. 14). (1969). Dankbarkeit. (1980).-D. der Bezug nahezu all unserer Freuden auf mitmenschlichen Umgang und deren Abhängigkeit von gegenwärtiger oder vorgestellter Gesellschaft beweisen dies sämtlich hinreichend. sondern er führt in diesem Zusammenhang den Zustand an. 219) auch in der sozialen Umgebung von Tyrannen oder Rechtsbrechern. Raphael.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 190 Frankfurt School of Finance and Management in den natürlichen Handlungstendenzen jener Kreaturen. Raphael. Übers.

weil sie auf Vorstellungen von Affekten und Verhaltensweisen beruhen und damit auf unser Reflexionsvermögen und unsere Einbildungskraft zurückgehen.) Aus dieser empirischen Annahme ergibt sich. Raphael.-D. . die die größte Befriedigung bieten. Man sieht nämlich. Raphael. dem Gemeinwohl zuzuarbeiten. Shaftesbury teilt nämlich die beiden zentralen Schwächen der Hobbesschen Institutionen. die abläßt dies zu tun. D. 219. Zum einen ist er ebenfalls der Auffassung. die auf das Gemeinwohl gerichteten "natürlichen" Affekte. vom Verf. Shaftesbury.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 191 Frankfurt School of Finance and Management Wohlergehen sie sich so sehr verbunden fühlen. (1969). Übers. Dennoch stehen sich Hobbes und Shaftesbury im Grundansatz sehr nahe. daß es im wohlverstandenen. daß es im privaten Interesse und Nutzen von jedermann liegt. Übers. D. irgend etwas verwerflichem oder unmoralischem nachzugeben oder zuzustimmen' und 'daß auf der anderen Seite alles. "Geistiger Natur" sind diese Freuden deshalb. Die Harmonie selbstischer und uneigennütziger Interessen reicht für Shaftesbury jedoch noch viel weiter.-D. daß es Teil ihres eigenen wird. und daß eine Kreatur.-D.und Normenlehre. (1969). „'daß es dem Interesse widerspricht und größtes Übel nach sich zieht. auch privaten Interesse von jedermann liegt. insoweit sich selbst schädigt und aufhört ihr eigenes Glück und Wohlergehen zu fördern. interessengemäß ist und zu größtem und beständigstem Glück und Freude führt'. 222 f. Auch in den heute manchmal als "asozial" bezeichneten Gruppen sind es letztlich die geistigen Freuden sozialer Ausrichtung. D. So hat die Weisheit der ERSTEN und HOECHSTEN Instanz in der Natur es so eingerichtet. Raphael. BM.. die sie in den Augen Shaftesburys zu "natürlichen" Affekten werden läßt (vgl. vom Verf." (Shaftesbury. die sich nicht von sozialer Zuneigung herleitet und direkt auf die natürlichen und freundlichen Affekte zurückgeht. BM. daß ein Individuum nur aufgrund seines direkten Eigeninteresses zu bestimmten Handlungen "verpflichtet" sein kann. "Und so gibt es in der Hauptsumme des Glücks kaum eine einzige Einflußgröße." (Shaftesbury. BM.) Ein derart harmonisches Bild des menschlichen Zusammenlebens widerspricht augenscheinlich dem von Hobbes entworfenen. 216). die geistigen Freuden zu bevorzugen und damit auch deren Voraussetzungen. was der Tugend dient oder der Durchsetzung von richtigen Neigungen und Lauterkeit. Ausschlaggebend für die Intensität und Qualität auch dieser Freuden ist jedoch deren soziale Ausrichtung. (1969).

Diese Annahme bildet das natürliche Mittelglied zwischen individuellen und kollektiven Interessen und es bedarf insoweit . denn als Widerlegung und Neubeginn zu betrachten.nicht der artifiziell oder institutionell "organisierten" gesellschaftlichen Reindividualisierung.wenn auch möglicherweise empirisch unzutreffender . Auch in der Hobbesschen Theorie decken sich die Strebungen aller Individuen in dem obersten Überlebensziel. Angesichts dieser von beiden geteilten Mängel ist es sinnvoll.unabhängig von seinen eigenen Intentionen . Nur Verhaltensweisen. Eine "Harmonie" stellt sich nur indirekt in dem durch Klugheitsregeln vermittelten Interesse an einer konfliktregelnden institutionalisierten Zwangsordnung ein und selbst hier wäre es für den einzelnen vorteilhaft.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 192 Frankfurt School of Finance and Management Für ihn ist wie für Hobbes das Eigeninteresse Grundlage jeder Verpflichtung. Gerade diese interindividuelle Übereinstimmung in den obersten Zielsetzungen führt jedoch gemeinsam mit der starken physischen und bedürfnismäßigen Ähnlichkeit menschlicher Individuen zu "nicht-harmonischen" Interessen. Das macht auch der weitere Vergleich zwischen den Auffassungen dieser beiden Gründungsväter des modernen empiristischen Sozialphilosophie deutlich. bei dem sich wenigstens vereinzelt einschlägige Andeutungen finden. Während bei Hobbes das öffentliche Interesse der Gemeinschaft über die Strafdrohungen des Souveräns dem Eigeninteresse des Individuums vermittelt wird. Mögen auch an der "Oberfläche" gesellschaftlicher Interaktion Leidenschaften manchmal über die wirklichen tieferen Interessen der Menschen obsiegen und zeitweilig äußerliche Konflikte zwischen "Individuum und Gesellschaft" entstehen lassen. die Auffassungen von Shaftesbury . um das "öffentliche Interesse" zu einem auch privaten werden zu lassen.im Gegensatz zu der Hobbesschen Sicht der Dinge . gehört sogar zur Bedeutung des Verpflichtungsbegriffs.Harmonieannahme. ergibt sich in der Konzeption Shaftesburys diese Individualisierung des allgemeinen Interesses aus dessen empirischer .eher als Ergänzung zu Hobbes. den Unterschied zwischen kleinen und großen "Gruppen" interagierender Individuen. die im Interesse des Verpflichteten liegen. prinzipiell herrscht für Shaftesbury interindividuelle Interessenharmonie. Das öffentliche und das private Interesse sind von Natur aus grundsätzlich deckungsgleich. Zum anderen berücksichtigt Shaftesbury weniger noch als Hobbes. sind obligatorisch. einseitig vom Zwang ausgenommen zu werden .

aber auch nur in dieser. In dieser eingeschränkten Hinsicht. (1980). auf deren direkte Bezugsgruppen oder Bezugssysteme. Eltern lieben ihre eigenen Kinder und verhalten sich diesen gegenüber weitgehend altruistisch. die ihn das öffentliche Wohl privat wünschen lassen. (Nur so ist es ja nebenbei bemerkt garantierbar. 14). Abweichungen von einem öffentlichen Interessen entsprechenden Verhalten können nur in Form von "fehlerhaften" leidenschaftlichen Handlungen auftreten. So gibt es beispielsweise in der entsprechenden Subkultur oder in dem entsprechenden Subsystem der Gesellschaft. immer nur auf den Nahbereich von Personen. Denn jedermann hat von sich aus auf andere bezogene öffentliche Interessen. Denn sie richten sich aufgrund eines übergeordneten "harmonisierenden Systemzusammenhangs" gerade gegen das Eigeninteresse selbst. Zumindest belegt Shaftesbury sie nicht hinreichend. jedoch niemals Ausdruck eines individuell rationalen Entscheidens aufgrund vernünftiger Interessenverfolgung sein. die von der menschlichen Art in einem langen genetischen und kulturellen Evolutionsprozeß . eine sprichwörtliche "Ganovenehre". das wir uns allgemein als mit "Kriminellen" bevölkert vorstellen.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 193 Frankfurt School of Finance and Management und damit seinem tiefliegendsten Überlebensinteresse besser nachgehen zu können. Die Belege. die er selbst anführt. beziehen sich. Deshalb dienen gesellschaftliche Institutionen auch nicht der Kanalisierung wohlverstandener Interessen. doch unter Mitgliedern konkurrierender Banden kaum. In der von Shaftesbury vertretenen extremen Variante ist die Annahme einer Harmonie allgemeiner und privater Interessen sicherlich verfehlt. der die Mühe des Regierens auf sich nimmt. Wir kennen alle den Unterschied zwischen "nahen" und "fernen" Verwandten etc. die im Nahbereich von Banden oder ähnlichem ihre volle Wirkung entfaltet. Mackie. hat Shaftesbury in der Tat die Ergänzungsbedürftigkeit des Hobbesschen Ansatzes aufgezeigt. Jedes Individuum benötigt zu einer gedeihlichen und befriedigenden Existenz bestimmte Formen von Bezugsgruppen. wie Mackie bemerkt (vgl. doch gilt dies weit weniger gegenüber fremden Kindern. In den betreffenden Nahbereichen entfalten sich gewisse natürliche Affekte des Menschen. L.) Für Shaftesbury hingegen harmonieren die menschlichen Interessen als solche und bedürfen keineswegs der artifiziell vermittelten Harmonisierung. daß sich im Modell von Hobbes tatsächlich ein Souverän finden wird. sondern nur der Vermeidung fehlerhafter Interessenverfolgung. J.

der einem interessenharmonisierenden Systemzusammenhang zugunsten dieser Affekte unterlag. Sober. E. Die Sozialphilosophie ist aber nur dann angemessen. daß er ebenso wie Hobbes die Unterschiede zwischen kleinen und großen Gruppen unzulänglich analysiert. Wilson (1998)). Das gleiche jedoch für den Fernbereich einer Person anzunehmen. da Gruppen unter dieser Disposition erfolgreicher sein dürften als ohne sie und er diesen Erfolg bei geringer Gruppengröße auch kausal zurechenbar selbst erfährt (ohne der Konzeption der Gruppenselektion zuviel Kredit einzuräumen. so resultiert dies offenkundig daraus. erscheint als äußerst gewagt. vgl. Deshalb besteht eine gewisse Harmonie zwischen privaten und auf einen persönlichen Nahbereich bezogenen "direkten öffentlichen Interessen". und dies dient auch letztlich seinem eigenen Interesse. die seiner unmittelbaren Umgebung zuteil werden. was die Britischen Moralisten eine „Great Society“ nannten. S. wenn sie auch und vor allem eine Sozialphilosophie dessen ist. Wenn Shaftesbury zu einer solchen Annahme gelangen kann. and D.Grundkurs Sozialphilosophie 2009/10 194 Frankfurt School of Finance and Management erworben wurden. Aufgrund dieser Affekte erfährt der Mensch Befriedigungen in und durch die Befriedigungen. Die fundamentalsten moralischen und politischen Risiken für den Bestand dieser zivilisatorischen Errungenschaft gehen von einer Verwechslung der Kleingruppenbedingungen und –normen mit den Anforderungen der Großgruppenexistenz einher. .

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