Aufgeklärte Religion und ihre Probleme

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Theologische Bibliothek
Töpelmann

Herausgegeben von
Bruce McCormack, Friederike Nüssel
und Christoph Schwöbel

Band 165

De Gruyter

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Aufgeklärte Religion und ihre Probleme
Schleiermacher – Troeltsch – Tillich

Herausgegeben von
Ulrich Barth, Christian Danz,
Wilhelm Gräb und Friedrich Wilhelm Graf

De Gruyter

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ISBN 978-3-11-031142-6
e-ISBN 978-3-11-031252-2
ISSN 0563-4288
Library of Congress Cataloging-in-Publication Data
A CIP catalogue record for this book is available from the Library of Congress.

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über http://dnb.dnb.de abrufbar.

” 2013 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Druck: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
⬁ Gedruckt auf säurefreiem Papier
Printed in Germany
www.degruyter.com

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Vorwort

Der vorliegende Band geht auf einen von der Friedrich Schleiermacher-
Gesellschaft, der Ernst Troeltsch-Gesellschaft und der Deutschen Paul-
Tillich-Gesellschaft durchgeführten Internationalen Kongress zurück,
der vom 18. bis 21. März 2012 an der Humboldt-Universität zu Berlin
zum Thema Die aufgeklrte Religion und ihre Probleme stattfand. Der Band
thematisiert das spannungsvolle Verhältnis von Religion und Aufklärung
aus der Perspektive der Gesamtwerke von Schleiermacher, Troeltsch und
Tillich.
Der Kongress wurde durch die Fritz Thyssen Stiftung (Köln) er-
möglicht. Ihr sei an dieser Stelle für ihre Unterstützung gedankt. Die
Durchführung des Kongresses wäre ohne die vielfältigste Hilfe nicht
möglich gewesen. Zu danken haben wir Wilhelm Gräb und seinen
Mitarbeitern, welche die Organisation des Kongresses vor Ort durch-
geführt haben. Herrn Alexander Schubach (Wien), in dessen Händen
sowohl die Vereinheitlichung der Manuskripte als auch die Erstellung der
Register lag, möchten wir ebenso danken wie dem Verlag De Gruyter
für die Aufnahme des Bandes in sein Verlagsprogramm und Herrn
Dr. Albrecht Döhnert für die sehr gute Zusammenarbeit.

Halle (Saale), Wien, Berlin, München Ulrich Barth,
im November 2012 Christian Danz,
Wilhelm Gräb,
Friedrich Wilhelm Graf

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Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . V
Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme. Einleitung . . . . . XI
Grußworte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XVII

I. Gegenwartsfragen

Martin Riesebrodt
Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz . . . 3
Dietrich Korsch
Theologie der Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
Monika Wohlrab-Sahr
Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik. Das
Experiment DDR und die Spannungen der Moderne . . . . . . . 43
Arnulf von Scheliha
Konfessionalität und Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65

II. Religionsbegriff und Christentumstheorie

Ulrich Barth
Religion in der europäischen Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
Friedrich Wilhelm Graf
Kreationismus. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der
Moderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

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VIII Inhalt

III. Aufklärung der Dogmatik

Wilhelm Gräb
Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten
Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
Jörg Dierken
Negativität im Selbstverhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Christian Danz
Aufgeklärte Christologie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175

IV. Tillich liest Troeltsch

Michael Murrmann-Kahl
„Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs
Historismusband . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
Friedemann Voigt
Historische und dogmatische Methode der Theologie. Der
Absolutheitscharakter des religiösen Bewusstseins bei Troeltsch
und Tillich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Folkart Wittekind
Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus.
Tillichs Rezeption von Troeltschs Absolutheitsschrift im Kontext 229
Erdmann Sturm
Tillich liest Troeltschs ,Soziallehren‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271

V. Tillich liest Schleiermacher

Michael Moxter
„Tote Schlaken inneren Feuers“. Tillichs Kulturtheologie im
Licht der fünften Rede Schleiermachers . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
Werner Schüßler
„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine
protestantischen.“ Wie „katholisch“ ist Paul Tillich? . . . . . . . . . 311

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Inhalt IX

Christopher Zarnow
Protestantische Identität – heute und gestern. Schleiermacher,
Tillich und der kirchliche Reformprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
Markus Buntfuß
Spiritueller Radikalismus. Protestantisches Christentum und
ästhetische Moderne bei Paul Tillich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347

VI. Troeltsch liest Schleiermacher

Arie L. Molendijk
Ernst Troeltsch über Friedrich Schleiermachers Auffassung von
der Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
Brent W. Sockness
Troeltsch’s Reading of Schleiermacher’s Ethics: Seven Theses 383
Alf Christophersen
Der Jesus der Geschichte in der Geschichte des Christentums.
„Glaubenslehre“ bei Schleiermacher und Troeltsch . . . . . . . . . 407
Jörg Lauster
Die Selbständigkeit der Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431

VII. Aufgeklärter Protestantismus

Lori Pearson
Ernst Troeltsch on the Enlightenment, Modernity, and Cultural
Values . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449
Christopher Voigt-Goy
Ernst Troeltschs Deismusverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 461
Georg Neugebauer
Paul Tillich und die Dialektik der Aufklärung . . . . . . . . . . . . . 477
Claus-Dieter Osthövener
Schleiermachers kritisches Verhältnis zur theologischen
Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 513

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X Inhalt

VIII. Entmythologisierung

Andreas Kubik
Mythos und Symbol. Praktisch-theologischer Versuch über ein
Problem des aufgeklärten Christentums. Mit einem Anhang zur
Normativität der Bibel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545
Joachim Ringleben
Mythos und Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 571
Dorothee Schlenke
„Historischer Jesus und dogmatischer Christus“. Bleibende
Anfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593

IX. Dogmenkritik

Martin Ohst
Dogmenkritik bei Semler und Schleiermacher . . . . . . . . . . . . . 617
Andreas Arndt
Schleiermacher und die Religionskritik der Aufklärung . . . . . . 647
Notger Slenczka
Das Dogma als Ausdruck des religiösen Selbstverhältnisses.
Trinitätslehre bei Schleiermacher, Troeltsch und Tillich . . . . . . 661
Roderich Barth
Mythos und Kultus. Ein Problem aufgeklärter Religion bei
Troeltsch und Tillich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 685
Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 709
Namensregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 713
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 721

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Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme.
Einleitung

,Religion‘ und ,Aufklärung‘ markieren zwei spannungsvolle Stichworte
in den kontroversen Debatten um das Projekt der Moderne. Gibt es so
etwas wie eine aufgeklärte Religion? Oder ist Religion nicht vielmehr
der Hort von Aberglauben und Dunkelmännern, welche das Licht der
Vernunft scheuen? In der jüngsten Gegenwart fokussierte sich die öf-
fentliche Diskussion in Europa vor allem auf die Frage, ob der Islam eine
Aufklärung noch vor sich habe. Von dem Problem einer Verträglichkeit
der Religion mit der Aufklärung ist indes nicht nur der Islam betroffen,
wie die Geschichte des Christentums in der Neuzeit schnell deutlich
macht. Sie betrifft die Religion und ihr Verhältnis zur humanen Vernunft
überhaupt. Die gegenwärtigen, zum Teil höchst kontrovers geführten
Auseinandersetzungen um Religion, deren vermeintliche Wiederkehr,
ihren Gestaltwandel sowie ihre Rolle in der modernen Gesellschaft ge-
winnen freilich erst dann an Tiefenschärfe,1 wenn man sie in ihre mit der
europäischen Aufklärung beginnende moderne Problemgeschichte ein-
zeichnet.2 Seit gut 300 Jahren streiten Theologen, Religions-, Kultur-
und Sozialwissenschaftler über die Frage, ob sich Religionen aufklären
lassen oder ob sie aufklärungsresistent sind.
Der überaus komplexe Prozess der Herausbildung der Aufklärung
infolge der europäischen Konfessionskriege, des Wandels im Weltbild
durch die großen Entdeckungsreisen zu Beginn der Neuzeit sowie der
Herausbildung der modernen Naturwissenschaften führte zur Auflösung
überkommener Sozialstrukturen und zur gesellschaftlichen Ausdiffe-

1 Vgl. Martin Riesebrodt, Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und
der „Kampf der Kulturen“, München 22001; Friedrich Wilhelm Graf, Die
Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, München 32004;
Volkhard Krech, Götterdämmerung. Auf der Suche nach der Religion, Bielefeld
2003.
2 Vgl. Trutz Rendtorff, Theologie in der Moderne. Über Religion im Prozeß der
Aufklärung, Gütersloh 1996; Ulrich Barth, Religion in der Moderne, Tübingen
2003; Ders., Aufgeklärter Protestantismus, Tübingen 2004.

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XII Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme. Einleitung

renzierung in unterschiedliche Subsysteme.3 Hinzu kam die Umformung
der politischen Herrschaftsstrukturen, wobei sich etwa der homogene
Kleinstaat als Vorraussetzung des überlieferten Luthertums auflöste. Das
Wissenschaftssystem unterlag seit 1770 einer Professionalisierung und
fachbezogenen Spezialisierung.4 Die genannten Prozesse hatten allesamt
Rückwirkungen auf die Religion und deren Wahrnehmung unter den
veränderten soziokulturellen Bedingungen. Die protestantische Religion
unterschied sich selbst im Prozess der Aufklärung unter Aufnahme von
reformatorischen Motiven von der Sphäre des Politischen. In der pro-
testantischen Universitätstheologie lässt sich seit ca. 1770 deren Profes-
sionalisierung sowie ihre Etablierung als Fachwissenschaft, die spezielle
Kenntnisse und Fähigkeiten voraussetzt, beobachten.5 Damit löste sich
der überlieferte Theologiebegriff im Sinne der Gottesgelehrsamkeit auf.
Die Theologie unterschied sich nun selbst von der Religion. Dadurch
wurde nicht nur die gelebte Religion von der Vormundschaft der
Theologie befreit, sondern diese im Interesse ihrer konstruktiven Wei-
terbildung zu einer sich im historischen Wandel reflektierenden Wis-
senschaft umgeformt. Im modernen Protestantismus hat sich diese Dif-
ferenzierung durchgesetzt. Durch seinen konstruktiven Anschluss an die
Wissenschaftskultur der Moderne unterscheidet sich der moderne, auf-
geklärte Protestantismus grundlegend von dem Altprotestantismus des 16.
und 17. Jahrhunderts.6

3 Vgl. Niklas Luhmann, Die Ausdifferenzierung der Religion, in: Ders., Gesell-
schaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen
Gesellschaft, Bd. 3, Frankfurt (Main) 1989, 259 – 357; Falk Wagner, Kann die
Religion der Moderne die Moderne der Religion ertragen? Religionssoziolo-
gische und theologisch-philosophische Erwägungen im Anschluß an Niklas
Luhmann, in: Christian Danz/Jörg Dierken/Michael Murrmann-Kahl (Hg.),
Religion zwischen Rechtfertigung und Kritik. Perspektiven philosophischer
Theologie, Frankfurt (Main) 2005, 173 – 201.
4 Vgl. Rudolf Stichweh, Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher
Disziplinen. Physik in Deutschland 1740 – 1890, Frankfurt (Main) 1984.
5 Vgl. Johann Salomo Semler, Versuch einer nähern Anleitung zu nützlichem
Fleisse in der ganzen Gottesgelersamkeit für angehende Studiosos Theologiae,
Halle 1757 [ND Waltrop 2001]. Vgl. hierzu Marianne Schröter, Aufklärung
durch Historisierung. Johann Salomo Semlers Hermeneutik des Christentums,
Berlin/Boston 2012.
6 Vgl. Ernst Troeltsch, Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der
modernen Welt (1906/1911), in: Ders., Schriften zur Bedeutung des Protes-
tantismus für die moderne Welt (1906 – 1913) (KGA VIII), hg. v. Trutz Rendtorff
in Zusammenarbeit mit Stefan Pautler, Berlin/New York 2001, 199 – 316.

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Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme. Einleitung XIII

Sodann setzte sich in mehreren Phasen in der protestantischen
Theologie des 18. Jahrhunderts die historische Bibelkritik durch.7 Diese
äußerst komplex verlaufende Historisierung der Theologie darf als ex-
emplarisch für das auch im neuzeitlichen Christentum strittige Verhältnis
von Religion und Aufklärung gelten. Während Teile der protestantischen
Theologie ( Johann Salomo Semler, Johann Gottfried Eichhorn u. a.) in
der Aufnahme und Einbeziehung der historischen Forschung in die
Theologie eine Erneuerung des reformatorischen Schriftprinzips unter
den Bedingungen des sich etablierenden historischen Bewusstseins sahen,
erblickten andere in der historischen Bibelkritik die Auflösung der
christlichen Religion und ihrer normativen Grundlagen. Aber auch eher
konservative, am überlieferten theologischen Lehrbegriff festhaltende
Theologen, wie der Tübinger Gottlob Christian Storr, begründeten die
Autorität der Bibel nicht mehr wie im Altprotestantismus mit dem Ka-
nonprinzip und der Inspirationslehre, sondern mit den methodischen
Mitteln der historischen Bibelkritik.8 An diesen Debatten zeigt sich nicht
nur die Vielschichtigkeit der Religion unter den Bedingungen der
Aufklärung, man kann an ihnen auch die Frage exemplarisch studieren,
wie viel Aufklärung die Religion vertrage bzw. wo die Grenzen der
Aufklärung der Religion sowie die Folgelasten religiöser Aufklärung
liegen. Während einige Teile des modernen Protestantismus in der
Aufklärung, auch und gerade in der Aufklärung der Religion, die Chance
zur gesellschaftlichen Durchsetzung moderner Kulturideale erkannten,
bekämpften sie andere, um die Religion zur Speerspitze einer antimo-
dernen Moderne zu machen. Auf die Fragen nach dem Verhältnis von
Aufklärung und Religion gibt es keine abschließenden Antworten. Sie
müssen von der Religion und der sie gedanklich reflektierenden
Theologie jeweils neu in den zeitgeschichtlichen Konstellationen ge-
funden werden.
Es zeichnet das Werk Friedrich Schleiermachers, Ernst Troeltschs sowie
Paul Tillichs aus,9 diesen modernen Problemhorizont umfassend in ihre

7 Vgl. Henning Graf Reventlow, Epochen der Bibelauslegung, Bd. IV: Von der
Aufklärung bis zum 20. Jahrhundert, München 2001.
8 Vgl. Walter Sparn, Religiöse Autorität durch historische Authentie? Die „bi-
blische“ Dogmatik von Gottlob Christian Storr (1793), in: Michael Franz (Hg.),
„… an der Galeere der Theologie“? Hölderlins, Hegels und Schellings Theo-
logiestudium an der Universität Tübingen, Berlin 2008.
9 Die Werke Friedrich Schleiermachers, Ernst Troeltschs und Paul Tillichs werden
in diesem Band nach folgenden Siglen zitiert: Friedrich Schleiermacher, Kriti-
sche Gesamtausgabe, Berlin/New York 1984 ff.: KGA unter Angabe der Ab-

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XIV Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme. Einleitung

religionsphilosophischen und theologischen Gesamtkonzeptionen auf-
genommen zu haben. Schleiermacher reagierte auf die durch die Auf-
klärung gestellten Religionsfragen mit einem völligen Umbau der
Theologie. Deren Grundlage ist bei ihm nicht mehr wie im Altprotes-
tantismus das Schriftprinzip, sondern eine ethisch-religiöse Geschichts-
und Kulturphilosophie. Durch sie sollte der Anschluss der die Religi-
onspraxis des Christentums reflektierenden Theologie an die moderne
Ausdifferenzierung der Gesellschaft und der in der Philosophie prinzi-
pienreflexiv fundierten Wissenschaften gesucht werden. In seiner
,Glaubenslehre‘ konstruiert Schleiermacher gleichwohl eine religions-
theoretisch belehrte normative Selbstbeschreibung des Christentums. Er
konnte seine normative Christentumstheorie noch auf die evangelische
Kirche im Ganzen beziehen. Die voranschreitende gesellschaftliche
Ausdifferenzierung im 19. Jahrhundert, der damit verbundene gesell-
schaftliche Dominanzverlust des kirchlichen Modells der Religion, die
zunehmende religiöse Individualisierung und Pluralisierung, neue For-
men sogenannter vagabundierender Formen religiöser Praxis, aber auch
das Anwachsen des religionskundlichen Materials machten am Ende des
Jahrhunderts eine solche auf den kirchlichen Protestantismus konzen-
trierte religiöse Weltsicht unmöglich.
Ernst Troeltsch, der an das methodische Programm Schleiermachers
durchaus anknüpfte, nahm die von ihm wahrgenommene Dramatisie-
rung der religiösen Lage in seine Überlegungen zur methodischen
Grundlegung der Theologie auf und plädierte entschieden für einen
religionsphilosophischen Umbau in der Grundlegung und eine konse-
quente Historisierung in der Durchführung der Theologie. Damit war
freilich auch für Troeltsch nicht der Verzicht auf eine geltungstheoreti-
sche Bestimmung des Wesens des Christentums verbunden. Sie gestaltete

teilung durch römische Ziffern und des Bandes durch arabische Ziffern; Ders.,
Sämmtliche Werke, Berlin 1834 – 1856: SW unter Angabe der Abteilung durch
römische Ziffern und des Bandes durch arabische Ziffern; Ernst Troeltsch,
Gesammelte Schriften, IV Bde., Tübingen 1912 – 1925: GS unter Angabe des
Bandes in römischen Ziffern; Ders., Kritische Gesamtausgabe, Berlin/New York
1998 ff.: KGA unter Angabe des Bandes in römischen Ziffern; Paul Tillich,
Gesammelte Werke, Stuttgart 1959 ff.: GW unter Angabe des Bandes in römi-
schen Ziffern; Ders., Ergänzungs- und Nachlaßbände zu den Gesammelten
Werken. Bd. I-XI, Stuttgart 1971 ff.: EW unter Angabe des Bandes in römischen
Ziffern; Ders., Hauptwerke/Main Works, VI Bde., Berlin/New York 1987 –
1998: MW unter Angabe des Bandes in römischen Ziffern; Ders., Systematische
Theologie, III Bde., Stuttgart 1956 – 1966: ST unter Angabe des Bandes in rö-
mischen Ziffern.

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politischen und religiösen Lebens profiliert. Dieses Desiderat der Forschung bearbeiten die Beiträge des Bandes Die aufgeklrte Religion und ihre Probleme. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Dabei hat Troeltsch die Folgeprobleme der Aufklärung der Religion und der gesellschaftlichen Modernisierung sensibel registriert.Dialektik der Aufklärung‘ in den un- terschiedlichsten Dimensionen des kulturellen. Jahr- hundert wahrgenommenen Anforderungen erheblich schwieriger als noch für Schleiermacher. sozialen. In der Forschung wurde das Werk dieser drei bedeutenden protes- tantischen Theologen der Moderne bisher kaum in ihren verzweigten Rezeptionslinien untersucht. die er als methodische Grundlage von Theologie und Religionsphilosophie ausarbeitete. In seiner Diagnose einer . In Auseinandersetzung vor allem mit Ernst Troeltsch hatte Tillich bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine eigenständige Antwort auf die Krise des Historismus in Gestalt einer Geschichtsphilosophie gefunden. Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme. Dadurch werden nicht nur die Kontroversen um Religion und Aufklärung in ihrer historischen Tiefendimension seit 1800 beleuchtet. Einleitung XV sich allerdings unter den von Troeltsch um die Wende zum 20. Die Krise des Historismus stellt aber auch den problemgeschichtli- chen Hintergrund der Theologie und Religionsphilosophie Paul Tillichs dar. die von ihnen ausgearbeiteten Kategorien sowie deren Leis- tungskraft für die methodische Reflexion der religionskulturellen Lage der Gegenwart untersucht. In der weiteren Entwicklung seiner Theologie und Reli- gionsphilosophie hat Tillich die . Er thematisiert nicht nur die Rezeptionslinien von Schleiermacher über Troeltsch zu Tillich an den jeweiligen werkgeschichtlichen Schwer- punkten der drei Autoren.15 13:45 . sondern vor allem die Erschließungskraft der religionstheoretischen Konzeptionen der drei Autoren. die er in einer ethisch- religiösen Geschichtsphilosophie bearbeiten wollte. sondern nimmt aus deren Perspektive die gegenwärtige religionstheoretische Debatte in den Blick.Krisis des Historismus‘ sind die Folgelasten der Aufklärung aufgenommen.10.

15 13:45 .10.Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.

Dass das Christentum religio ist. eine unter vielen Formen des Gottesverhältnisses. war auch den altprotestantischen Dogmatikern selbstverständlich. nämlich vom altprotestantischen Verständnis einer . Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. ich muss nach einem anderen Zugang zum Thema suchen. der Schleiermacher ebenso wie Troeltsch und Tillich verbunden waren. an der einen oder anderen Stelle das kulturelle Angebot zu genießen. meist nur ein einziges: die je eigene Religion. Grußworte Notger Slenczka Verehrter Herr Bischof. dass Sie in dieser großartigen Stadt. liebe Kolleginnen und Kollegen. der Troeltsch.15 13:46 . Und die erste Unterscheidung war eben die Unterscheidung der religio vera von der religio falsa. Kommilitoninnen und Kommilitonen.10. Die Klasse der religio vera wies eine höchst überschaubare Zahl an Exemplaren auf. 1. meine Damen und Herren. Und selbstverständlich unterwarfen alle Altprotes- tanten den Begriff der religio einer Dihärese und gewannen damit ein Raster. ich darf Sie als Prodekan im Namen der gastgebenden Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin ganz herzlich willkommen heißen und hoffe. vor der sich die Arbeit der drei namengebenden Theologen profiliert. Das setzt meiner Beredsamkeit eine für Sie wohl- tuende zeitliche Grenze. Und die drei werden sicher zu den jeweiligen Helden selbst etwas sagen wollen. um deren heroi eponymoi es in den kommenden drei Tagen gehen soll. dem sie die ihnen zugänglichen faktischen Religionen zusor- tierten. „Aufgeklärte Religion“ – ein altprotestantischer Theologe hätte vermutlich ebenfalls sein Selbstverständnis in diese Wendung fassen können. sprechen.und der Tillich-Gesellschaft. Nach mir werden alle Vorsitzenden der drei Theologischen Gesell- schaften. sehr geehrte Vorsitzende der Schleiermacher-. nicht nur wissen- schaftlich ertragreiche Tage verbringen. Das setzt mir eine inhaltliche Grenze. sondern auch die Muße haben werden.aufgeklärten Religion‘. Und so gehe ich aus von der Folie.

Umformungskrise‘ nötigte zu einer Durcharbeitung der gesamten institutionellen und doktrinalen Gestalt des Protestantismus. die ihre Gestalt unter den Bedingungen der Moderne findet und die ihre Lehrform unter den mit dem Begriff der Aufklärung und ihrer Wirkungsgeschichte verbundenen Anforderungen transformiert. 4. die zu sehr un- terschiedlichen Zeiten und damit unter sehr unterschiedlichen Heraus- forderungen an der Bewältigung dieser Umformungskrise mitgearbeitet haben. 3. Jahrhunderts haben die gegenständlichen Grundlagen nachhaltig erschüttert. immer wieder neu angesichts immer neuer Problemkonstellationen in Angriff zu nehmende Aufgabe – dafür stehen die Titelhelden dieser Tagung. Die Wendung . 19. die auch diesen selbst zu- gänglich war. dass sie die Aufgabe einer . Aber diese Theologen sind auch dadurch ver- bunden. die diesen Vorgang der illuminatio behindern.15 13:46 . Der religio vera gehört man nämlich an aufgrund eines unverfügbaren Vorgangs.. Die von Emanuel Hirsch so genannte .Aufklärung der Religion‘ nicht als aufgenötigten Verzicht auf liebgewordene Sachverhaltsüberzeugungen. Damit zeigt sich: Nicht jede religio ist aufgeklärt. Dies ist nun aber nicht nur eine rückblickende Diagnose. Für jeden Altprotestanten war klar. sondern als Ruf zur ei- gentlichen Sache der Religion verstanden haben – als ein Wiederent- decken des unverfügbaren Glutkerns des Religiösen. Die gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Umbrüche des 18. die die streitbaren Altprotes- tanten träfe.aufgeklärte Re- ligion‘ gewinnt damit einen völlig anderen Sinn: Den Sinn nämlich einer Religion. sondern zugleich als Subjekt einer Aufklärung verstanden haben – das ist ein Gedanke. der Aufklärung verdankt. „Aufgeklärte Religion“ im Sinne von .Religion durch Aufklärung‘ – dies wäre ein Kongresstitel gewesen. auf die sich die Selbstgewissheit der Altprotes- tanten stützte.illuminatio – die Erleuchtung. Verwandt sind die drei Theologen mindestens dadurch. Dabei handelt es sich um eine unabschließbare. und 20. dass sie die recht verstandene Religion nicht nur als Gegenstand. für den auch im 17. Aufklärung‘ ist einer der Schritte im ordo salutis. Jh. den jedenfalls auch zu bedenken ein von mir sehr ge- schätzter Kollege in einem Gespräch vor einigen Wochen als Aufgabe des Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. war eine Einsicht. die Fördermittel gesprudelt wären.XVIII Grußworte 2. sondern das ist eine Einsicht. der in der Asche verselbständigter Vergegenständlichungen unterzugehen drohte: Reli- gion durch Aufklärung. „Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme“ – dass die religio vera Probleme hat. dass die Teilhabe an der religio vera sich der illuminatio. die den Altprotestanten zunächst von außen angetan werden musste.10. in dem das an sich Wahre auch als wahr ein- leuchtet – .

Troeltsch und Tillich verständigt sind darüber. die der gerade zum Bundespräsidenten gewählte Joachim Gauck in den Jahren des Endes der DDR und in den letzten Jahrzehnten im politischen Leben eingenommen hat. sondern der in den Kirchen ge- pflegten religiösen Kommunikation entspringt – damit bin ich wieder bei der illuminatio der Altprotestanten. Religion ist angewiesen auf Institutionen. waren sich aber sehr wohl dessen bewusst. Brandenburg und Schlesische Oberlausitz. Kirchenleitende Personen – Pfarrerinnen und Pfarrer – müssen zu Theologinnen und Theologen gebildet werden. man könnte das als gemeinsame Pointe herausstellen: Die wissenschaftliche Theologie setzt Religion voraus und klärt deren Wesen und Bedingungen auf. noch kann sie Religion hervorbringen. Sie haben hiermit das Wort. Notger Slenczka XIX Kongresses notierte. der als pastor pastorum in unserer Landeskirche die Verantwortung unter anderem für diesen Zusammenhang von Kirchenleitung und theologischer Wissen- schaft hat und. in der das religiöse Be- wusstsein sich als klärend für die Selbstverständigungsbemühungen der Zeitgenossen erweist – vielleicht darf ich hier exemplarisch auf die Rolle verweisen. das haben wir als Fakultät in der guten Zusammenarbeit der vergangenen Jahre erfahren dürfen: der diese Verantwortung sehr ernst nimmt: Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin. verdankt sich einem unverfügbaren Einleuchten. die in einer Be- schäftigung unter anderem mit Schleiermacher. das nicht der theologischen Reflexion. die diese Aufklärung der Religion – verstanden als genetivus objectivus und als genetivus sub- jectivus – betreiben. In unseren Breiten sind das die in der universitas litterarum und damit unausweichlich im interdisziplinären Gespräch verorteten Theologischen Fakultäten. was Religion ist und nicht ist. 5. „Aufgeklärte Religion“ hat also zum einen den Sinn einer über sich selbst und über die Bedingungen ihrer Zeitgenossenschaft verständigten Religion. Aber weder kann die Theologie an die Stelle der Religion treten. Daher ist es sinnvoll. dass Theologie und Religion zweierlei sind. Herr Bischof Dr. Die drei Theologen. ich greife das hier auf. Die Aufklärungsarbeit der Theologie dient den Institutionen. Dass in einem lebensweltlichen Subjekt sich Religion bildet. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Aber sie gewinnt auch den Sinn einer kritischen Zeitgenossenschaft. Markus Dröge. in denen es um jenes Einleuchten geht: den Kirchen. um die es in den kommenden Tagen gehen soll. wenn nach dem Prodekan der theologischen Fakultät derjenige spricht.10. und die geleitet von dieser Einsicht ihre Aufgabe der verantwortlichen religiösen Rede und Kirchenleitung wahrnehmen.15 13:46 .

So das Selbstbild dieser Stadt. und ein wenig Selbstlob würzt einen bürgermeisterlichen Text. dass wir hier in Berlin mit der Politik neu ins Gespräch kommen und die Bedeutung religiöser Tradition für das kulturelle Leben zunehmend wieder deutli- cher wahrgenommen wird. sehr geehrter Herr Professor Gräb. die aus der ganzen Welt stammen. museumshungrige Touristen vom Lande ebenso wie Ein- wohner. Und wer sich in Berlin umschaut und sieht. Fr ein neues Miteinander hebt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Bedeutung der Kultur speziell für die Integration hervor. meine sehr verehrten Damen und Herren. was der Regierende hier schreibt: Kultur in Berlin ist ein Integrationsfaktor. die Breite zwischen Opulenz und spartanischer Klarheit ist eine ideale Bühne für gelebtes Miteinander.10. auch multi-reli. Berlin 2011. ich heiße Sie im Namen der EKBO sehr herzlich zu Ihrer Tagung „Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme“ hier in Berlin willkommen. sich für das gemeinsame Ganze einzusetzen.15 13:46 . unsere Gelassenheit. Aber auch das gehört zu Berlin. Alles ist in Bewegung … 1 Klaus Wowereit. 40 f. Und doch stimmt es.“1 Klappern gehört zum Geschäft. Berlin ist eine Kultur-Metropole.XX Grußworte Markus Dröge Sehr geehrter Herr Prodekan Slenczka. In seinem jüngst erschienen Buch Mut zur Integration. dem bestätigt sich dieser Eindruck. Dennoch habe ich den Eindruck. Aber die religiöse Vielfalt sieht sich einer gewissen Distanz. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. das eigene Selbstwertgefühl. Die kulturelle Formvielfalt – und auch das ist ein Spezifikum von Berlin – lässt sich nicht einheitlich einordnen und in Schubladen pressen. die Bereitschaft. Nicht nur multi-kulti ist Berlin. Junge Malerinnen aus Ost- europa müssen sich hier ebenso wohlfühlen wie Kunstsammler aus Amerika. welche Unternehmen sich hier ansiedeln und dass Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt nach Berlin kommen. liegt vor allem auch an der Kultur. Für ein neues Miteinander. […] Inklusion fördert die Anerkennung von anderen. Skepsis und auch zum Teil einem aggressiv lancierten Atheismus gegenüber. Unsere Offenheit. Mut zur Integration. Allerdings wird in Klaus Wowereits Text Kultur abgelöst von jedweder religiöser Konno- tation verstanden. Er schreibt: „Dass die deutsche Hauptstadt eine verheißungsvolle Zukunftsperspek- tive hat.

Ohne diesen Reflexionsschub“. Wie deuten Menschen ihr Leben und in welchen kulturellen Formen werden diese Deutungen ausgedrückt? Wo bekommen Menschen heute einen Geschmack für das Unendliche? In welcher Spannung stehen wir als Kirche zwischen gelebter Religion und Verkündigung des Evange- liums im öffentlichen Raum? Die Frage nach der aufgeklrten Religion gewinnt in einer pluralis- tischen. 14. die sich mit der „aufgeklärten Religion und ihren Problemen“ befasst. Religion und säkularen Staat als Gegen- sätze zu begreifen und uns aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. in diese Vielfalt kultureller Formen eine Schneise zu schlagen. 2 Jürgen Habermas. Häufig wird diese Fragestellung heute im Gegenüber zum Islam diskutiert.15 13:46 . „ent- falten die Monotheismen in rücksichtslos modernisierten Gesellschaften ein destruktives Potenzial. Aber die Her- ausforderung stellt sich auch für uns als christliche Kirche. die der Glaubende in Bezug auf seine Stellung in einer pluralistischen Gesellschaft leisten muss: „Das religiöse Bewusstsein muss erstens die kognitiv dissonante Begegnung mit anderen Konfes- sionen und anderen Religionen verarbeiten. multireligiösen Gesellschaft neue Brisanz.“2 – Mit Melanchthon gesagt verfallen sie der ruditas. Schließlich muss es sich auf die Prä- missen des Verfassungsstaates einlassen. statt in kriti- schem Dialog mit der Öffentlichkeit. die das gesellschaftliche Mo- nopol an Weltwissen innehaben. Friedenspreis des Deutschen Buch- handels 2001. so Habermas weiter. Wir mssen kulturtheologische Fragestellungen reflektieren und in unseren Kontext einbringen. Glauben und Wissen.10. Markus Dröge XXI In dieser Berliner Gemengelage und Vielschichtigkeit ist eine Ta- gung. Laudatio: Jan Philipp Reemtsma. Es ist von zentraler Bedeutung für die Kirche. die Bedeutung des Phänomens Religion in einer sich selbst als aufgeklärt verstehenden Gesellschaft zu erfassen. Wir müssen uns der Spannung stellen. die sich aus einer profanen Moral begründen. wenn das Heil beispielsweise in weltflüchtiger Spiritualität gesucht wird. die hilft. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. aus dem Transzendenzbezug unseres Glaubens heraus kritisches Gegenüber zur Welt zu bleiben und gleich- zeitig in der Welt zu wirken. Es muss sich zweitens auf die Autorität von Wissenschaften einstellen. Frankfurt (Main) 2001. Aufklärung der Religion darf für uns als Kirche nicht bedeuten. Jürgen Habermas hat in seiner Dankesrede zum Erhalt des Frie- denspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 2001 die dreifache Reflexion beschrieben. gut platziert.

dass für uns Menschen Versöhnung manchmal gar nicht möglich ist. die es zu erfüllen gilt. sie müssen wis- senschaftlich anschlussfähig bleiben und die Prämissen des profanen Verfassungsstaates anerkennen. um in einer modernen Gesellschaft öffentlich religiös wirken zu können. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Der ge- schundene Turm erinnert weiter an die unversöhnte Welt. 22. so wie ich dies auch in der Praxis kirchlicher Arbeit erlebe: Die Religionssysteme müssen die Vielfalt der Weltanschauungen anerkennen. ohne es zu lösen. tätige Nächstenliebe in der Welt mit der Kraft des Glaubens zu verbinden. der historischen Schuld.15 13:46 . Es steht weit über die Grenzen der Stadt Berlins für Versöhnung in der Tradition und im Austausch mit der Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry. wenn sich auch die säkulare Seite einen Sinn für die Arti- kulationskraft religiöser Sprache bewahrt“3. diese wichtigen Ressourcen der Sinngebung in das kulturelle Leben der Stadt einzu- bringen. Die Anschlussfähigkeit 3 A. Gerade in der Gebrochenheit erschließt sich die Versöhnung als Auftrag. ein Überschuss an Möglichkeiten.O. Ich nenne drei Beispiele.10.. Die säkulare Gesellschaft. die Frage nach Wiedergutmachung. die Zukunft möglicherweise anders zu gestalten als die Vergangenheit. Die säkulare Gesellschaft darf die religiöse Verfassung von Menschen und Institutionen nicht ausblenden. nämlich die Anfor- derung der Anschlussfähigkeit des profanen Staates an das religiöse Be- wusstsein. Im bewusst stehen gelassenen zerstörten Turm wird das Thema der Ver- söhnung in die Gesellschaft eingebracht. so Habermas.XXII Grußworte Habermas beschreibt in der dreifachen Reflexion der Gläubigen tatsächlich treffend die Anforderungen. Habermas benennt aber auch die andere Seite. 2) Die Kirche Heilig-Kreuz-Passion in Kreuzberg. denn an dem zerstörten Turm entzünden sich Grundfragen auch des profanen Staates. Diese Gemeinde versteht ihren Auftrag besonders darin. Wir als Kirche bringen dieses historisch geprägte Versöhnungsthema anschluss- fähig in die Gesellschaft ein. Aufgabe unserer kirchlichen Arbeit in Berlin ist es. auch daran. die in die Zerstörung führte. denn ansonsten gingen ihr wichtige Ressourcen verloren. Die Frage nach dem Sinn von Krieg. wie dies in Berlin geschieht und auch gelingt: 1) Das Ensemble der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie steht in der öffentlichen Wahrnehmung für die Verankerung mit der Diakonie.a. In der Ruine findet sich ein Überschuss an Sinn. wird sich nur „dann nicht von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden.

dass Ihre vielfältigen Erwartungen nicht enttäuscht werden. dann besuchen Sie eine der vielen Kirchen in Berlin und ge- nießen Sie die spannende Vielfalt an Religiosität und Kultur in dieser Stadt. der Troeltsch. die ein sehr genaues Gespür dafür haben. sehr geehrter Herr Prodekan. die nur einen kleinen Ausschnitt kirchlicher Wirklichkeit in Berlin darstellen. Ulrich Barth XXIII im Handeln in der Gesellschaft verbindet sich mit dem Überschuss des Sinns. aus dem die Kraft zum Handeln herrührt. Tillich und unserem Berliner Schleiermacher. Ich hoffe. dass ihre Kunst in dieser Welt nicht aufgeht.15 13:46 . Wir wollen anschlussfähig bleiben an kulturelle Aus- drucksformen der Gegenwart und gleichzeitig den Sinnüberschuss in diesen Ausdrucksformen zur Sprache bringen.und der Schleiermacher-Gesell- schaft. Ich wünsche Ihnen für Ihren Kongress gutes Ge- lingen und neue Erkenntnisse im Gespräch mit den drei großen Theo- logen. Unser diesjähriger Kongress zeichnet sich vor allem dadurch aus. ich freue und bedanke mich. In dieser Kirche werden Kontakte zu Künstlerinnen und Künstlern ge- knüpft. hochgeschätzte Referenten. und die gerade darin die Verbindung zur Religion sehen. Sie steht in der öffentlichen Wahrnehmung für den Austausch mit der modernen Bildenden Kunst. Und wenn es Ihre Zeit erlaubt. dass drei wissenschaftliche Vereinigungen miteinander kooperieren. werte Gäste. Ulrich Barth Sehr geehrter Herr Landesbischof. denen sich Ihre Gesellschaften verpflichtet wissen: Troeltsch. Dies ist Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass Sie unserer Einladung so zahlreich gefolgt und hierher nach Berlin gekommen sind. sei es im privaten Gespräch – Gelegenheit finden. dass Sie vielmehr – sei es innerhalb des offiziellen Rahmens. Wir fördern diesen Dialog mit der Kunst und tragen ihn in unsere Kirche hinein. Matthäuskirche am Kulturforum in unmit- telbarer Nähe des Potsdamer Platzes. diejenigen Fragen zu diskutieren. drei Beispiele. 3) Die Kunstkirche St. Sehr verehrte Gäste. liebe Mitglieder der Tillich-.10. die Ihnen als be- sonders vordringlich erscheinen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Resultat dieses Abstimmungsvorgangs ist das nunmehr vorliegende Programm. wenn auch in ganz anderer Hinsicht. wie den vielfältigen Erscheinungsformen von re- ligiösem Fundamentalismus (innerhalb und außerhalb des Christentums) zu begegnen sei. welche Rolle das Christentum dabei spielte bzw. . In beiderlei Hinsicht ist man sich über die Generallinie relativ schnell einig. Zugrunde lag die gemeinsame Über- zeugung.Menschenrechte‘. wenn beide Problemsphären zueinander ins Verhältnis gesetzt werden sollen. Bis in die Gegenwart halten sich Stimmen – sie sind vermutlich sogar in der Mehrzahl –. die in ihm einen Mitstreiter und Mitakteur jenes umfassenden Trans- formationprozesses erblicken. Als der Vorstand der Schleiermacher-Gesellschaft gemäß dem Votum der letzten Mitgliederversammlung in Halle sich daran machte. insbesondere wenn die Frage auftaucht.Freiheit‘. Innerhalb der Wissenschaft stellt sich das Thema kaum minder am- bivalent dar. dass eine als liberal (im weitesten Sinne) sich begreifende Theologie geradezu verpflichtet ist. die darauf po- chen. sich diesem Projekt anzuschließen. Es fanden drei Treffen hier bei Wilhelm Gräb in der Fakultät statt. gegen seinen Willen. dass sie ihm vielmehr von außen.Aufklärung und Religion‘ abzustecken. Uns allen war daran gelegen. Besonders prekär wird die Lage dadurch. bekun- deten die Kollegen Christian Danz (für die Tillich-Gesellschaft) und Friedrich Wilhelm Graf (für die Troeltsch-Gesellschaft) spontan ihre Bereitschaft. die Konturen des Themas . zu jenem hochaktuellen Thema Stellung zu nehmen.Demokratie‘. aufgezwungen werden musste. Zum anderen. wenn die normativen Grundlagen der Moderne wie .Weltgesell- schaft‘ thematisch werden.15 13:46 . Vergleichsweise klein ist demgegenüber die Schar derer. Insofern führt die Frage nach dem Ver- hältnis von Religion und Aufklärung fast zwangsläufig in eine Kontro- verse um den genuinen Sinn von Aufklärung.10. was die beteiligten Gesellschaften je aus ihrer Per- spektive beizutragen vermögen. dass jener Streit nicht durch ein einfaches Entweder-Oder zu entschieden ist. . . Schwieriger wird es aber schon dann. um die es in den folgenden Tagen gehen soll. sondern zu einer wirklichen Vernetzung dessen. spielt. bei denen die verschiedenen Interessen und Akzentsetzungen abgeglichen wurden. dass es nicht zu einem bloßen Nebeneinander freier parallel verlaufender Tagungen kommt.XXIV Grußworte der Fragestellung geschuldet. wenn es darum geht. dass Aufklärung und Christentum nichts miteinander zu tun hätten. Für die historischen Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Von der Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf die Aufklärung ist im öffentlichen Leben heute meist an zwei Stellen die Rede: Zum einen.

10. Schleiermacher war seiner wissenschaftlichen Ausbildung nach noch Zögling der Aufklärungsepoche. Sieht man indes genauer hin. fremde Kulturen ohne weiteres nach den kontingenten Maßstäbe der eigenen Herkunftsgeschichte zu bewerten.. Fragt man allerdings nach den maßgeblichen Struktureigen- schaften. Eine vergleichende Zu- sammenschau ihrer Positionen ist darum höchst aufschlussreich. Doch das damit aufge- worfene Problem berührt auch die weit über den Bereich der Wissen- schaften hinausreichenden Frage. die sich von der zweiten Hälfte des 17. Ich erinnere an Termini wie Universum. jenen Begriff strukturell zu fassen und als zeitübergreifendes Modell gesellschaftlicher Modernisierung zu inter- pretieren.Aufklärung‘ eine eini- germaßen klar umrissene Epoche. sieht man sich auf Sachverhalte wie Ausdifferenzierung.15 13:46 . Mitteilung. könnte man sie getrost auf sich beruhen lassen. besonders dessen forciertes Endlichkeits. Handelte es sich bei der Alternative . wie sich ihnen die Beziehung von Aufklärung und Religion konkret darstellte. Jahrhundert erstreckt und die in West. Das Ziel ist beschei- dener. dann zeigt sich. Menschheit. Auch noch der nachfol- gende Aufschwung zum philosophisch-theologischen System hält sich in jeder irritierenden Mitte zwischen Überwindung und Beerbung. Plu- ralisierung. Unsere Tagung kann und will nicht den Anspruch erheben.Strukturbegriff‘ lediglich um eine methodische Angelegenheit. Anschauung. Auch dieser Streit ist längst nicht ausgestanden. genannte Kontroversen auch nur ansatzweise zu schlichten. Jahrhun- derts verdanken. Autonomisierung. dass diese Kritik weithin mit den begrifflichen Mitteln der Aufklärung selbst be- stritten wurde. Individualisierung verwiesen – also samt und sonders Kategorien.Epochenbegriff‘ oder . Ulrich Barth XXV Kulturwissenschaften bezeichnet der Terminus . weil sie jene Verhältnisbestimmung aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven unternahmen. Insofern lässt sich Schleiermachers Denken durchaus unter den für die Spätauf- klärung geprägten Begriff einer . Doch alsbald drängte es ihn darüber hinaus. aber gerade darin für die Theologie umso nachhaltiger: Die Schriften der drei Protagonisten des liberalen Protestantismus sollen daraufhin ausgeleuchtet werden. Epochemachend wurde er zunächst durch die mit dem eigenen Reformkonzept einhergehenden Invektiven gegen die Grundmentalität seines Zeitalters.reflexiven Aufklärung‘ subsumieren – Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.und Mit- teleuropa ihren geographischen Schwerpunkt besaß. Geselligkeit. Demgegenüber tendiert die Soziologie dahin. Gefühl.und Nütz- lichkeitsdenken. über das gesamte 18. inwiefern es sinnvoll und zulässig ist. die sich dem Denken des langen 18.

Geschichtsphilosophie. sonder auch systemtisch fruchtbar zu machen. Die kulturellen Ver- änderungen des 18. Beide einander gegenläufigen Motive werden nirgends prägnanter greifbar als in seiner ambivalenten Handhabung des neuzeitlichen Autonomieprinzips. Tillichs Bezugnahme auf das Aufklärungszeitalter fiel demgegenüber weit reservierter aus. Umgekehrt zeichnen sich seine diesbezüglichen Abhandlungen dadurch aus. Doch Tillich wusste andererseits zu genau. Doch dabei blieb es nicht.15 13:46 . bei ihm selbst vor allem innerhalb der Ethik.Theologie der Kultur‘ auf. Ich erinnere etwa an die Behandlung des Entwicklungsgedankens. dass eine Rückkehr zur heteronomen Welt vorneuzeitlicher Kirchlichkeit weder möglich noch wünschenswert war. Jene Zugangsweise diente vielmehr zugleich als Einstieg. die sich überhaupt um ein präzises Verständnis der Aufklärung mühten – jenseits des bis dahin üblichen. werden geradewegs als Ursache für die nun eingetretene Misere namhaft gemacht. Durch die Herkunft von Albrecht Ritschl und die Nähe zu Wilhelm Dilthey war er für eine streng geschichtliche Be- trachtung jener Epoche bestens vorbereitet. Troeltsch gehört zu den frühesten Geisteswissenschaftlern in Deutschland. auf die sie sich dann allerdings ganz verschieden bezogen. Jahrhunderts. Für ihn bildete besagte Epoche den Ausgangsimpuls jener kul- turellen und mentalen Gesamtsignatur. von Religion als Sinnstif- tung. die 1918 abrupt endete und – seiner Auffassung nach – verdientermaßen endete.In-sich-ge- schlossene Endlichkeit‘. Ihr sei nur beizukommen durch eine ent- schlossene Neukonstruktion von Sinn bzw.10. Im Falle Troeltschs und Tillichs stellt sich das Verhältnis ganz anders dar. nicht zuletzt des Kontextes wegen. Damit sollen keineswegs jene Einflüsse kleingeredet werden. jedoch eher der Stigmatisierung dienenden Eti- ketts . denen das 19. dass er neben den Errungenschaft der Aufklärung zugleich auch deren Grenzen markierte. die ihm seitens Frühromantik und nachkantischem Idealismus zuwuchsen. dann zu Breitenwirkung verhalf. Dies wird exemplarisch deutlich an seiner Gesamtwürdigung des Neu- protestantismus. darum trat das Ganze als . dem sie ent- sprang. Das diagnostische Stichwort dafür lautet . das Erbe der Aufklärung für den zeitgenössischen Wissenschaftsdiskurs nicht nur historisch.XXVI Grußworte darin etwa Herder vergleichbar. Für beide war die Aufklärung bereits eine längst vergangene Epoche. theologischen Methodenlehre und Religionsphilosophie. Deren Basis wurde in den Begriff des Absoluten verlegt.Rationalismus‘. Si- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Vielmehr wäre umgekehrt zu fragen. aber auch an seinem Konzept von Historismus. inwieweit auch diese Bewegungen noch von jener Ausgangskonstellation zehren und ihr insofern zuzurechnen sind.

liebe Kolleginnen und Kollegen. Betrachten wir Schleiermacher. Doch selbst jetzt verschwand jene tief eingewurzelte Skepsis ge- genüber der Aufklärung nicht ganz. und zwar konzentriert auf die Welt und das Leben der Religion. die auf diesem Feld zu berück- sichtigen sind. Insofern können die breit gestreuten Beiträge unserer Schleiermacher-. sondern um ein genaues Abwägen sämtlicher Pro. dann wird deutlich.10.und Geschichts-Philosophie und christliche Religionsgeschichte“. wenn auch aus unter- schiedlichen Beweggründen und mit unterschiedlichen Gewichtungen. als es den Erfindern jener Formel vorschwebte. die ihn mit dem Kulturphi- losophen Dilthey verbinde.15 13:46 . sich auch auf sperrige Gegebenheiten der Moderne konstruktiv einzu- lassen. und zwar in einer – wie mir scheint – weit tiefgründigeren und sachlich zutreffenderen Be- deutung.Anarchie der Werte‘. Tillich-Tagung auch als Kommentar zum Stichwort . am 1. dass Troeltsch in Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Troeltsch-. Wenn wir das Thema .Aufgeklärte Religion und ihre Probleme‘ als Motto dieses Kongresses gewählt haben. Friedrich Wilhelm Graf XXVII cherlich war Tillich seit seiner amerikanischen Zeit zunehmend bereit. Rezeption und Korrektur halten sich die Waage.Dialektik der Aufklärung‘ bezeichnet wird. Die kulturwissenschaftlichen und religionstheoretischen Impulse dieser Epoche werden aufgenommen. damit geben sei ein instruktives Beispiel für das. heißt es in einem Bericht des Berliner Tageblatts. zugleich aber auch nach ihren Folge- lasten kritisch reflektiert. dann kann es somit nicht um einseitige Verdikte oder Optionen gehen. Ich denke. Friedrich Wilhelm Graf Sehr geehrte Damen und Herren. „Geheimrat Troeltsch dankte und sprach über seine Berufung auf den Lehrstuhl. Ich wünsche uns allen viel Freude dabei und ein gutes Gelingen.und Kontra-Faktoren. „Troeltsch betonte die starke geistige Verwandtschaft. Troeltsch und Tillich aus kompa- ratistischer Warte. der jener Forscher nicht habe Herr werden können. was heute als . dass alle drei sich mehr oder weniger an der Aufklärung abgearbeitet haben.Dialektik der Aufklärung‘ verstanden werden. Sozial. den einst Schleiermacher innehatte“. doch sein Streben sei die . als es eine brennende Frage dieser Zeit sei. endlich zu meistern – um so mehr.“ Man mag mit Paul Tillich aus guten Gründen bezweifeln. Mai 1915 hielt Ernst Troeltsch seine erste Vorlesung als Berliner Ordinarius für „Religions-.

Ernst Troeltsch hat sich selbst niemals als „liberalen Theologen“ bezeichnet und trotz seines späten Engagements für den politischen Linksliberalismus immer wieder ein Eigenrecht konservativer Glaubensideen und Normen betont. Dies gilt gerade mit Blick auf seine ideengeschichtlichen Studien zur britischen und deutschen Aufklärung. die . Was erlaubt es. Paul Tillich als einen „liberalen Denker“ zu be- zeichnen? Politisch gesehen war der Weimarer Tillich ein eigentümlich unpolitischer „religiöser Sozialist“. Troeltsch war auch ein Kritiker Schleiermachers. Troeltschs und Tillichs produktiv aufeinander bezogen werden sollen. nachdrücklich zur Schleiermacher-Lektüre ermuntert. Aber deutlich ist: Der Berliner Troeltsch gab seiner Kultur- philosophie und Ethik eine dezidiert gegenwartsbezogene Zuspitzung.Soziallehren‘ zu lesen. Aber solche Verbindungslinien erlauben es keineswegs. von der Westfront zurückgekehrte Privatdozent Tillich den von ihm damals hoch verehrten Ernst Troeltsch 1919 und 1920 in dieser Universität gehört und unter seinen Wingolf-Freunden begeistert dafür geworben. Auch hat der junge. Elemente der Kontinuität stärker zu akzentuieren als Elemente entschiedener Differenz. und für Tillich gilt dies in anderer Weise auch mit Blick auf Schleiermacher wie Troeltsch. das sich mit komparativ orientierten Kon- stellationsanalysen und der Konstruktion von Traditionslinien verbindet: das Problem der Kontinuitätsfiktionen.XXVIII Grußworte seinem großen „Historismus“-Fragment tatsächlich die „Anarchie der Werte“ zugunsten neuer ethischer Verbindlichkeit hat überwinden können. Als Geschichtsphilosoph schrieb er Geschichte des modernen Ge- schichtsdenkens.10. an dem die theologischen wie philosophischen Ent- würfe Schleiermachers. Ein Kongress. etwa seinen fernen Schüler Hermann Süskind. Auch in den USA Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:46 . Als Ge- schichtstheologe wollte er die bleibende Bedeutung der jüdischen und christlichen Herkunftsgeschichte Europas für eine humane Zukunfts- gestaltung erweisen. der liberale Ordnungskonzepte als Spiegelungen bourgeoiser Klassenherrschaft verwarf. Dennoch möchte ich auf ein Problem hinweisen. um angesichts historistischer Relativitätserfahrungen ethisch orientierungskräftige Überlieferungen zu erschließen. um deutsche politische Traditionen mit denen der westlichen Demokratien produktiv zusammenzuführen und so der fragilen Weimarer Demokratie sozialmoralische Ressourcen zu er- schließen. Und als Ideenhistoriker und politischer Publizist betrieb er Geschichtspolitik. hat seinen eigenen Reiz. Troeltsch hat Schleiermacher gelesen und andere. So ist die in der Vorbereitung dieses Kongresses bisweilen zu hörende Rede von den „drei liberalen Theo- logen“ oder den „drei liberalen Gesellschaften“ eher gedankenlos.

Jahrhunderts. verweist er doch zugleich auf Schelling und Hegel. und auch wenn er mit der Formel von der „voll- kommenen Neuschöpfung in allen Gebieten“ seine Eigenständigkeit betont. Januar 1923. der die Vorstellung eines umfassenden Systems schon früh problematisiert. schrieb er nicht ohne Stolz: „Ich kann wohl sagen. Man sucht nach einem Verständnis der Dinge durch Auffindung eines möglichst beherrschenden Zentrums.15 13:46 .System der Wissenschaften‘. orientiert an der inneren Einheit alles Wissens und an einer trotz aller Spannungen und Oppositionsfiguren letztlich harmonischen Geistessynthese. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Methode des akademischen Studiums‘ und Hegels . Paul Tillichs „System der Wissenschaften nach Gegenständen und Me- thoden – ein Entwurf“. Es ist eine voll- kommene Neuschöpfung in allen Gebieten. Friedrich Wilhelm Graf XXIX blieb Tillich sozialistischen Vergemeinschaftungsideen treu. nur daß die einheitliche Leitung des letzteren fehlt. selbst wenn er nun. Ideenpolitisch spannend und intellektuell produktiv ist ein Kongress der Schleiermacher-. um so subjektiver ist das Produkt solcher 4 Brief Paul Tillichs an Wilhelm Ruprecht. Auch Tillich begann früh schon mit der Arbeit an einem .“4 Tillich will Systemdenker sein. in: Friedrich Wilhelm Graf. Genese. Konzepte und Rezeption. und ist das erste derartige Werk seit Schellings .10. Je höher u beherrschender dies aber ist. Göttingen 2013. 13. manche marxistisch inspirierten Texte der Weimarer Jahre nicht ins Englische übersetzt sehen wollte. nicht zuletzt aus Anpassung in der McCarthy-Ära. das aus der Grund- richtung der neuen kritisch-intuitiven Richtung der Philosophie geboren ist und sämtliche Gebiete der Wissenschaft in Betracht zieht.und Tillich- Gesellschaften gerade dann. In einem Brief an Wilhelm Bousset schreibt der damals 23jährige 1888: „Die ganze Wissenschaft kribbelt u krabbelt hin u her wie ein Ameisenhaufen.Encyklopädie‘. daß von den üblichen Auffassungen der Systematik kein Stein auf dem andern geblieben ist. Es ist ein durchgeführtes System. Troeltsch. wenn möglichst prägnant die zwischen ihren Theologiekonzepten bestehenden Spannungen und die elementaren Differenzen in Denkstil und Begrifflichkeit betrachtet werden. Theologisch gesehen war er sehr viel stärker ein Schüler Martin Kählers als ein Schüler Ernst Troeltschs – dies zeigt nicht zuletzt seine Kritik des Autonomiebegriffs und seine Polemik gegen den als bloß bourgeois verdächtigten Rationalismus der „modernen Theo- logie“ des 18. und als er am 13. Ganz anders Ernst Troeltsch. Schleiermacher wollte wie viele andere deutsche Meisterdenker um 1800 ein Systembaumeister sein. Januar 1923 seinen darüber erleichterten Verleger Wilhelm Ruprecht vom Abschluss des Manuskripts in Kenntnis setzte.

wo ich mit wirklich aufrichtigem Wissensdurst eine Allheit u Ganzheit der Erkenntnis suchte u für un- entbehrlich zum Dasein hielt“. Die Wissenschaft lebt aber nur von immer neu gewendeten. 11. der sein „kindliches Unternehmen einer alles umfassenden Erkenntnis“ jetzt als 5 Brief Ernst Troeltsch an Wilhelm Bousset. […] Ich strebe hier eben vor allem nach Härte u Bestimmtheit der thatsächlichen Wahrheit mit Verzicht auf die Sehnsucht nach Geschlos- senheit. daß ich wie in jeder andren Wis- senschaft so auch hier nur mannigfache. runde wissenschaftliche Erkenntnis giebt es nicht. aber auch gleich hypothetisch und unbeständig ist.10. 14. Eine klare.“ So erklärt der junge Troeltsch zum Begriff der Wissenschaft: „Was ist Wissenschaft? ist mir natürlich eine grundlegende Frage. Ms. daß das Hauptgewicht in der transzendenten Conzeption der religiösen Phantasie liegt u daß man von hier aus das Geschichtliche zu verstehen [hat]. u daß für das Ganze keine Wahr- heitsgarantien existiren als die Überwindung unseres Gewissens u das Bedürfnis unseres Herzens. In diesem immer wieder neu durcheinander geschüttelten Chaos die beste erreichbare Ordnung zu stiften. September 1888. partiell weniger fortgeschritten ist als jede andere Wissenschaft u daß der um- fassende Rahmen eines Systems hier wie dort zwar gleich anregend u fördernd für neue Untersuchung.“ Speziell mit Blick auf die Christologie fährt er dann fort: „In summa ist meine Stellung zu der Frage nach dem Verhältnis historisch- natürlicher (denn das letztere liegt immer irgendwie im ersteren) u re- ligiös-transcendenter Auffassung die. Cod. nur Un- gefähres. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.“5 Den Systembegriff gibt Troeltsch zwar nicht generell preis. Oktober 1888. Aber er betont den fragilen. partiell mehr. Privatbesitz. immer neu versuchten Compromissen zwischen Phantasie u Wissen. 12. daß bei aller Klarheit u Einfachheit des christlichen Heilsglaubens selbst die theologische Wis- senschaft so unabgeschlossen. hypothetischen Charakter jeder Systemorientierung: „[I]ch bekenne ausdrücklich. Überall ist das Alltägliche.15 13:46 . tastend. SUB Göttingen. nur etliche mehr oder weniger hell beleuchtete Partien inmitten eines großen Chaos. zusammengestoppelte u leidlich hie und da unter einen Hut gebrachte Fragmente. Bousset 130. liegen angesichts des „nun erworbenen Skeptizismus u Realismus“ hinter dem jungen Theologen. 6 Brief Ernst Troeltschs an Julius Braun.“6 „Zeiten […]. tastenden.XXX Grußworte Erklärungsversuche. rathend. tastende Erklärungsversuche sehen kann. ist theo- logische Wissenschaft. das unbemerkt unserm Leben zu Grunde liegende das Wichtigtse u überall sind nur Versuche.

Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Bousset 130. Gogarten.. Sie weisen voraus auf den historistischen Denkstil sowohl des Ideenhistorikers als auch des Systematischen Theologen und Kulturphilosophen Troeltsch und seine bis zur Verzweiflung intensive Auseinandersetzung mit den anarchischen Folgeproblemen der historistischen Revolution – jener Denkrevolution also. ist kein Heldengedenkverein.9 Man mag Tillich in der bedenkenswert bescheidenen.15 13:46 . 488. 15. selbst ein „großer Mann“ genannt zu werden verdient: „Nicht eine Schule stiftet er sondern ein Zeitalter. in Gesprächen mit seinem Freund (aber auch intriganten Konkurrenten) Wilhelm Pauck mehrfach bekundeten Selbsteinschätzung zustimmen. hier: 489 f. Sieglinde Graf. hg. solche grundlegenden Differenzen in Denkstil. Gisela Renz. Oder man mag ihm mit mehr oder minder guten Gründen wi- dersprechen. ohne ihnen damit „Talent“ oder „Genie“ abzusprechen. „daß es große Männer nur giebt im Staat und in der Kir- che“.10. „Rang“. „Held“ ist keine sinnvolle Kategorie der Wissenschaftsgeschichtsschrei- bung.11). Trutz Rendtorff. „Bedeutung“. Berlin/New York.. Margrit Rendtorff. in: Ders. dass von „Helden“ die Rede war. Akademievorträge (KGA I.a. Fredeke Rössler. dass er trotz seiner Behauptung.“8 Dies wird man von Ernst Tro- eltsch und Paul Tillich gewiss nicht sagen können. Man mag mit Schleiermacher über den Begriff des „großen Mannes“ nachdenken und dann zur Einsicht gelangen.O. die Brüder Niebuhr und so fort – und er selbst keineswegs an so prägende theolo- gische Gestalten wie Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch heranrei- chen. „Erfolg“. dass seine theo- logischen Generationsgenossen – Barth. Ms. die Tillich und andere antihistoristische Theologen der Frontge- neration durch neues. Hermann Fischer. Friedrich Wilhelm Graf XXXI Ausdruck mangelnder Reife deutet. 2002. SUB Göttingen. 15. 479 – 490. Cod.7 Das sind deutlich andere Töne. 8 Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Zur Öffentlichen Sitzung am 24. Die Ernst Troeltsch-Gesellschaft. 9 A. 1981 in Augsburg von Hans-Joachim Birkner. Horst Renz. Aber „Größe“. Theorieprogramm und Theologiebegriff durch das Etikett „liberale Theologie“ zu überspielen? Mit einiger Irritation habe ich soeben gehört. seinerseits durchaus geistesrevolutionäres Unbe- dingtheitsdenken und theologischen Systembau ein für allemal zu überwinden suchten. Dezember 1888. v. 7 Brief Ernst Troeltschs an Wilhelm Bousset. Bultmann. Martin Rössler unter Mitwirkung von Lars Emersleben. Januar 1826. als man sie beim jungen wie alten Tillich hören kann. Was trägt es aus. Dietrich Rössler und mir gegründet.

Gewiss lassen sich Schleier- macher. wie denn das Erbe der „modernen protestantischen Theologie“ im kulturellen Gedächtnis des Faches – sofern es so etwas überhaupt noch gibt – präsent zu halten ist.und Nachlassbände zu den Gesammelten Werken von Paul Tillich“ verfolgen. Doch kann man sagen: Im gelehrten Kanon jener Texte. forschungsstärker als unser Fach. Editionsstandards und Defizite der Selbsthistorisierung wären zwei spannende Themen für ein Kolloquium der jeweiligen Editionsexperten und der theologiehistorisch Interessierten. die jeweils die Präsentation der Texte leitet. Auch in Hinblick auf die Editionskonzepte. geht es um das Gemeinsame unserer drei Klassiker. subjektiven Neigungen und überhaupt Projektionen guter oder gar idealer Theologie bestimmt sind. zu Recht eine ganz andere. Aber sie sind doch solche Klassiker in ganz unterschiedlicher Weise und Intensität. Jetzt. die die Verant- wortlichen der Friedrich Schleiermacher KGA. dass nur sehr selten rezeptionsgeschichtliche Forschung betrieben wird. Die Editionsprinzipien. „Geltung“ sind Konzepte. Wir sollten den von Schleiermacher wie Troeltsch und auch von Paul Tillich so geschätzten Shakespeare – in Shakespeare-Begeisterung stimmen sie überein! – ernst nehmen: „I’ll teach you differences. sachlich. etwa die . der Ernst Troeltsch KGA und der – entscheidend von Erdmann Sturm vorangetriebenen – „Er- gänzungs.10. Darin spiegelt sich auch die eher problematische Lage der Theologiegeschichtsforschung: Es gibt zu wenig Austausch und argumentativen Streit darüber. das nur angedeutet sein soll. Die Theologiegeschichtsforschung leidet auch darunter. Das Denkmal des Gelehrten ist die hoffentlich kritische Edition. „Klassikern“ sucht man gerecht zu werden. die stark von je individuellen Vorlieben. verstanden) haben sollte.Reden‘ oder die . Aber dies ist ein – ich sage selbstironisch – „Projekt“.15 13:46 . lassen sich grundlegende Differenzen beobachten. die man gelesen (und hoffentlich auch angeeignet. wichtigere Rolle als Texte Troeltschs und Tillichs.Glaubenslehre‘. indem man ihr Erbe denktätig pflegt. zu Beginn dieses Kongresses. um sich zurecht einen evan- gelischen Theologen nennen zu können. nüchtern und argumentativ Dissense auszutragen – Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.und sozialwissenschaftliche Disziplinen sind in Sa- chen Selbsthistorisierung sehr viel fleißiger.“ Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen Debatten. lassen sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Troeltsch und Tillich als „Klassiker“ der nicht nur deutsch- sprachigen protestantischen Theologie verstehen.XXXII Grußworte „Ansehen“. in denen sich Respekt vor dem jeweils anderen mit der Bereitschaft verbindet. Viele andere geistes. spielen Texte Schleiermachers.

welche in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden. Das theologische Vereinswesen führte allerdings auch dazu. welches dieser Kongress gefunden hat. dann ist das ein wichtiger Schritt zu einer Bündelung des liberalen Erbes. Insofern bin ich auch davon überzeugt.und die Deutsche Paul Tillich-Gesellschaft ge- meinsam einen Kongress durchführen. Christian Danz Sehr geehrte Damen und Herren! Ich möchte Sie herzlich im Namen der Deutschen Paul Tillich-Gesell- schaft und ihres Vorstandes zu unserem Kongress „Die aufgeklärte Re- ligion und ihre Probleme“ begrüßen. Wenn nun – zum ersten Mal – die Friedrich Schleiermacher-. und einen guten Abend. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den Vorsitzenden der Friedrich Schleiermacher Gesellschaft – Ulrich Barth – und der Ernst Troeltsch Gesellschaft – Friedrich Wilhelm Graf – für die konstruktive Zusammenarbeit bei der Planung und Vorbereitung des Kongresses be- danken. die Ernst Troeltsch. durch den sich bessere Einsicht ge- winnen lässt. uns allen einen konstruktiven Kongress mit spannenden Vorträgen und Diskussionen zu wünschen. dass von ihm wichtige Impulse ausgehen werden. Dieser Kongress darf als ein Novum in der neueren Geschichte der protestantischen Theologie gelten. dann die Ernst Troeltsch-Gesellschaft und schließlich die Friedrich Schleiermacher- Gesellschaft. widmeten sich der Pflege des Werkes ihres Helden: zunächst die Deutsche Paul Tillich-Gesellschaft.15 13:46 . Das große Interesse. dass das Interesse an dem liberalen theologischen Erbe oder an denkender Theologie – um eine Formel von Jörg Dierken aufzugreifen – sich zerspaltete. Die Planungen für diesen Kongress laufen seit zwei Jahren. Die theologischen Gesellschaften. bestätigt dies ebenso.10. Danke sehr. Ein solcher gemeinsamer Kon- gress war schon seit längerem mehr als nötig. Mein ganz besonderer Dank gilt Wilhelm Gräb. der die mü- hevolle Aufgabe der Organisation des Kongresses vor Ort übernommen hat! Jetzt bleibt mir nur noch. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Christian Danz XXXIII denn allein gebildeter Streit ist es.

dafür aber ausreichend großen Hörsaal zu gehen. in diesen optisch nicht so attraktiven. auch durch harte Zeiten gegangenen universitären Übungsraumes. die diesen Kongress veranstalten. Überraschend war die enorme Resonanz auf die Einladung zu dieser Veranstaltung. wohl aber. weil es so viele geworden sind. die daran teilneh- men. die Grußworte gesprochen. wenn die ganze Versammlung sich mit einem kräftigen Applaus bei der Fritz-Thyssen-Stiftung bedankt. Die vielen Referenten und Referentinnen anzufragen und hierher nach Berlin zu bringen. obwohl das Programm erst nach Weihnachten verschickt werden konnte. haben die ersten inhaltlichen Beiträge zu seiner Thematik vorgetragen. die wir die Anmeldungen zu dieser Tagung zu sammeln hatten. Das war viel Arbeit. auch die nötige finanzielle Unterstützung beizubringen. Das ist wahrlich nicht selbstver- ständlich und ohne die Zusage der Fritz-Thyssen-Stiftung.XXXIV Grußworte Wilhelm Gräb Meine verehrten Damen und Herren. dass die. der Senatssaal hat aber maximal 180 Sitzplätze. Wir können nur deshalb nicht im festlichen Senatsaal zu seiner Eröffnung und den Vormittagsvorträgen zusammenkommen. wofür ich ihm ganz herzlich danken möchte. Uns hier in Berlin. Ich hoffe deshalb. Das mag an den attraktiv gestalteten Plakaten und Flyern gelegen haben. wie schon die letzen Schleierma- cher-Kongresse. dass es ein großes Fest werden wird. hätten wir diese Tagung nicht durchführen können.15 13:46 . wurde schon bald klar. Er hat immerhin den Charme eines alten. die Vorbereitungen sind abgeschlossen. verbunden damit. nicht dass Schleiermacher. nein. die gutachterlich für diese finanzielle Zusage eingetreten sind. die erst kurz vor Weihnachten einging. dass schon Troeltsch in diesem Hörsaal am Katheter gestanden und Tillich in diesem Ambiente Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. es jetzt hören. Das wird aber sicher auch am Thema und den viel versprechenden Namen der zahl- reichen Referenten und Referentinnen. Ebenso können wir leicht die Vorstellung mobilisieren. deren Auftritt die Plakate und Flyer in Aussicht stellten. gelegen haben. die Vorsitzenden der drei wissenschaftlichen Gesellschaften. dieser Ge- bäudeteil ist erst später hinzugekommen. das Fest kann beginnen. Dieser Kongress wird ein Fest. so nun auch den Schleiermacher-Troeltsch-Tillich- Kongress großzügig zu finanzieren.10. wofür ich Stefan Pautler in München ganz herzlich danken möchte. Dankenswerter Weise war die Fritz-Thyssen-Stiftung wieder bereit. So haben wir uns entschlossen. das hatte Christian Danz von Wien aus unternommen. Über 300 Anmeldungen sind bei uns eingegangen.

die wir in diesen Tagen hoch leben lassen. der morgen früh den ersten Vortrag im Plenum halten sollte. ein Namensschild zusammen mit der Tagungsmappe erhalten. bereit. Wilhelm Gräb XXXV unter den Hörern gesessen hat. Assmann jedoch schwer er- krankt und musste alle Termine absagen. Der Verlag de Gruyter wird deshalb an den beiden Nachmittagen unseres Kongresses sich mit einem reich gedeckten Büchertisch in der theologischen Fakultät präsentieren und am Montagabend auch zu einem üppigen Empfang in deren Foyer einladen. Dankenswerter Weise war dann Martin Riesebrodt. Dann werden wir am Montagabend. auch wieder feiern. es sei denn Sie sind Mitglied der Schleiermacher-Gesellschaft oder werden es bis dahin noch. Sie findet um 19. die ihn tragen. dem Berliner Dom schräg gegenüber. dort in der Theologischen Fakultät. Alle unsere drei Helden liberaler Theologie. Im Anschluss an den Eröffnungsvortrag laden die drei wissenschaftlichen Gesellschaften.und Dienstagnachmittag sind wir hingegen in der Theologischen Fakultät in der Burgstraße. An allen drei Vormittagen finden die Vorträge dann aber hier in diesem Hörsaal statt. Bitte lassen Sie Ihr Na- mensschild hier zurück. dem Restaurant hier im Südflügel des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität statt. freilich nicht ohne sie von Kritik zu verschonen.10. Leider ist Prof. schon heute Abend aufzutreten und somit als Eröffnungs- redner zu fungieren. nicht aber um das Fest zu feiern. Für unsere Vorträge ist der Senatssaal jedenfalls zu klein. Sie haben. Auf der Einladung zu diesem Kongress konnten Sie lesen. noch eine Bitte.15 13:46 . Dort tagen wir parallel in drei Sektionen. in den Se- natssaal zum Empfang.30 im „Cum Laude“. wenn Sie wieder abreisen. Jetzt aber möchte ich ihnen den Eröffnungsredner kurz vorstellen. falls wir sie nicht wieder abliefern. Über seine Zusage hatten wir uns natürlich sehr gefreut. Diese Schilder sind nur ausgeliehen und müssen von uns bezahlt werden. Wir stellen dafür entsprechende Behälter bereit. Damit haben wir keineswegs notdürftigen Assmann-Ersatz. Bevor ich den Eröffnungsredner vorstelle. Am Dienstagabend haben Sie frei. Dann sind Sie zur Mitgliederversammlung der Schleiermacher-Gesellschaft einge- laden. dass Jan Ass- mann den Eröffnungsvortrag halten wird. zu dem uns dieser Kongress allen Anlass gibt. werden ja vom Verlag de Gruyter mit ihren kritischen Gesamtausgaben und vielem anderem mehr verlegt. Am Montag. Denn Martin Riesebrodt hat sich mit seinen Beiträgen zu einer analytischen Theorie der Religion und der religionsvergleichenden Erforschung Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. sofern Sie sich bis zum vergangenen Donnerstag angemeldet haben.

XXXVI Grußworte

fundamentalistischer Bewegungen weltweit einen Namen gemacht.
Martin Riesebrodt ist Professor Emeritus für Soziologie an der Divinity
School und am Department of Sociology der Universität von Chicago/
USA. Martin Riesebrodt hat besonders mit seinem letzten Buch in
Deutschland wie international hohe Aufmerksamkeit gefunden. In die-
sem Buch mit dem Titel Kultus und Heilsversprechen entwickelt er eine
analytisch-interpretative Theorie der Religion, die den Anspruch erhebt,
gleichermaßen auf alle Religionen anwendbar zu sein und dasjenige, was
sie zu Religionen macht, beschreiben zu können. Er gewinnt diesen
allgemeinen, hermeneutischen Begriff der Religion nicht, indem er auf
die theologischen Konstrukte religiöser Traditionen, sondern indem er
auf die kultisch-liturgische Praxis der Religionen schaut.
Martin Riesebrodt lebt, nachdem er als Professor Emeritus Chicago
verlassen hat, im Winter in Berlin und im Sommer in der Toskana.
Gestern wurde es gerade erst Frühling in Berlin, welch ein Glück, so ist er
noch hier und wir können seinen Vortrag am Beginn unseres Nach-
denkens über die aufgeklärte Religion und ihre Probleme hören. Vielen
Dank, lieber Herr Riesebrodt, dass Sie da sind. Wir freuen uns auf Ihren
Vortrag.

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Religion zwischen Aufgeklärtheit und
Aufklärungsresistenz
Martin Riesebrodt

Das Thema der Aufgeklärtheit von Religionen wird häufig stark ver-
einfacht, indem man bestimmte religiöse Traditionen für aufgeklärt,
andere für aufklärungsresistent erklärt. So galt etwa im 18. und
19. Jahrhundert der Protestantismus als aufgeklärt oder zumindest als
aufklärungsfreundlich. Der Katholizismus mit seiner institutionellen
Verankerung in der Autorität von Papst und Tradition sowie mit seiner
Betonung der Sakramente galt hingegen als aufklärungsresistent.
Das wurde ebenfalls vom Judentum behauptet, das vielen Aufklärern
als eine „starre Gesetzesreligion“ galt, die dem „Ritualismus“ verfallen,
also nicht reflexiv sei. So bemängelt etwa Kant, dass die jüdische Ge-
setzesreligion nur äußerlich durch die Auferlegung von Zeremonien und
Gebräuchen wirke, nicht aber eine innere moralische Gesinnung her-
vorgebracht habe.1 Schleiermacher hält das Judentum für eine „tote
Religion“, dessen „Idee des Universums“ in einer „allgemeinen un-
mittelbaren Vergeltung“ zum Ausdruck komme.2 Bei Kant und Schlei-
ermacher kommt wohl ein weitverbreiteter Anti-Judaismus zum Aus-
druck, den man bei vielen führenden Köpfen der Aufklärung antrifft, wie
etwa bei Voltaire, Diderot oder dem witzigen Lichtenberg.
Auch die aufklärerische Toleranz hat Grenzen. In seinem ,Letter
Concerning Toleration‘ von 1689 schließt John Locke Katholiken und
Atheisten von der Duldung durch den Staat aus, die Katholiken, weil sie
dem Papst als ihrem Oberhaupt verpflichtet sind, die Atheisten, weil er
ihre Vertragstreue bezweifelt.3 Wer keine Eide leisten kann, dem kann
man auch nicht trauen. Voltaire teilt dieses Feindbild, begründet es freilich
schlechter. Er hasst nicht nur – wie allgemein bekannt – die Kirche,

1 Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden, hg. v. Wilhelm Weischedel, Bd. IV,
Darmstadt 1956, 735
2 Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter
ihren Verächtern (1799), hg. v. Günter Meckenstock, Berlin 22001, 182 – 83.
3 John Locke, Two Treatises of Government and A Letter Concerning Toleration,
New Haven 2003.

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4 Martin Riesebrodt

sondern auch die Atheisten: „Wir verdammen den Atheismus, verab-
scheuen den Aberglauben, lieben Gott und die Menschheit“, schreibt er.4
An diesen Beispielen kann man sehen, dass Aufgeklärtheit stets ein
relativer Begriff ist. Auch die Aufklärer besaßen je nach gesellschaftlicher
und ideologischer Position ihre eigenen Vorurteile und Tabus. Aufklä-
rung hat stets Grenzen, die es immer wieder neu zu begründen gilt. Was
den einen nicht weit genug geht, geht anderen zu weit.
Heute sieht man zumindest in Europe weniger im Atheismus eine
Bedrohung als vielmehr in radikalen Religionen. Vor allem hat sich eine
ganz merkwürdige Allianz säkularer wie auch religiöser Kräfte vom
rechten bis zum linken Meinungsspektrum darauf verständigt, den Islam
für besonders aufklärungsresistent zu halten. Der Islam – so heißt es häufig
– sei ja einmal Grundlage einer bedeutenden Zivilisation gewesen, aber
dann habe er leider die Aufklärung verpasst. Dieser vermeintliche Mangel
wird dann gerne verantwortlich gemacht einerseits für den Islamismus
und andererseits für Integrationsprobleme von muslimischen Einwan-
derern. Diese undifferenzierte Verallgemeinerung des Islam als Anti-
Aufklärung lenkt bequem von nicht aufgeklärten oder anti-aufkläreri-
schen Positionen innerhalb der eigenen Gesellschaft und ihren religiösen
Traditionen ab.
Die Arbeiten von Reinhard Schulze und Thomas Bauer haben
freilich eindrucksvoll gezeigt, dass diese Sicht des Islam ein Zerrbild
darstellt.5 Was dem Islam über Jahrhunderte hinweg „gefehlt“ habe, hat
Bauer – vielleicht etwas polemisch und übertrieben – so formuliert. Es
gab weder eine „Unterdrückung von Philosophie und Naturwissen-
schaften“, noch gab es „Ketzerprozesse gegen Rationalisten“.6 Es fehlten
zudem Klerikalismus, Dogmatismus, ein Beharren auf einer absoluten
Wahrheit, Religionskriege und Verfolgungen. Selbst wenn diese Sicht
überzeichnet sein mag, so bleibt doch richtig, dass es Religionskriege des
Ausmaßes und der Dauer, wie sie in Europa stattgefunden haben, in der
islamischen Geschichte aus einer Vielzahl komplexer Gründe nicht ge-
geben hat.
Wie Thomas Bauer überzeugend darlegt, kennzeichneten den Islam
über lange Zeiträume ein gewisser Skeptizismus und eine Akzeptanz von

4 Zitiert nach Karl Vorländer, Die Philosophie der Neuzeit, Leipzig 51919, 131.
5 Reinhard Schulze, Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert, Mün-
chen 2003; Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte
des Islams, Berlin 2011.
6 Bauer, Die Kultur der Ambiguität (s. o. Anm. 5), 377.

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Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 5

Ambiguität. Es waren nicht zuletzt westliche Einflüsse, die diese Kultur
der Ambiguität unterminiert und dadurch zur Radikalisierung und
Dogmatisierung des Islam beigetragen haben. Der gegenwärtige Isla-
mismus sei ein Resultat dieser Begegnung; aber er repräsentiere eben
nicht den Islam insgesamt. Darüber hinaus besteht auch angesichts der
europäischen Geschichte gerade auch des 20. Jahrhunderts und der Rolle,
welche die christlichen Kirchen darin gespielt haben, wahrlich kein
Anlass zur Überheblichkeit gegenüber dem Islam oder anderen nicht-
christlichen Religionen.
Die Begriffe der Aufgeklärtheit und der Aufklärungsresistenz tragen
offenbar nicht nur polemische Konnotationen, sondern es wandeln sich
auch die Standards dessen, was als aufgeklärt gilt. Insofern wird man gut
daran tun, religiöse Aufklärung nicht als einen Zustand, sondern als einen
Prozess zu verstehen, und zwar als einen Prozess, der stetiger Erneuerung
bedarf und deshalb auch nicht als eine kontinuierliche Fortschrittsge-
schichte geschrieben werden kann. Zudem sollte man sich von der
propagandistischen Idee verabschieden, dass bestimmte religiöse Tradi-
tionen prinzipiell aufgeklärter oder aufklärungsresistenter seien als andere.
Wer, wie ich, mehr als zwanzig Jahre in den USA gelebt hat, kommt
angesichts des protestantischen Fundamentalismus, der charismatischen
Wunderheiler und nationalistischen Propheten, nicht auf die Idee, aus-
gerechnet den Protestantismus mit Aufklärung zu identifizieren.
Aus meiner Sicht sind alle religiösen Traditionen ambivalent genug,
um eine Vielzahl von Deutungen und Ideologien zuzulassen. Deshalb
lässt sich sowohl Aufklärungsresistenz wie auch Aufklärbarkeit in allen
religiösen Traditionen antreffen. Es gibt Juden, Christen und Muslime,
Buddhisten und Hindus, die ihre Religion so verstehen, dass sie mit
modernen Lebensformen vereinbar sind, aber auch andere, die einen
prinzipiellen Widerspruch zwischen Moderne und religiöser Lebens-
führung sehen. Da der Vorwurf der Aufklärungsresistenz häufig von
Leuten vorgetragen wird, die sich selbst für religiös aufgeklärt halten, will
ich zunächst einmal der Frage nachgehen, worin religiöse Aufklärung
historisch gesehen eigentlich bestanden hat.

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6 Martin Riesebrodt

1. Religion und Aufklärung

Ernst Troeltsch hat den Deismus als die „Religionsphilosophie der
Aufklärung“ bezeichnet.7 Und in der Tat eint der Deismus bedeutende
Intellektuelle der Epoche zwischen 1650 und 1800 in England, Frank-
reich und Deutschland. Ausgangspunkt ist England, wo der Deismus sich
von Herbert von Cherbury über Autoren wie Toland, Tindal und Collins
verbreitete und von dort auch in Frankreich und Deutschland rezipiert
wurde. Dabei sollte man aber die Vielfalt deistischer oder dem Deismus
nahestehender Positionen nicht übersehen, wie auch die Kritik am De-
ismus in aufklärerischer Absicht. Die Aufklärung ist in sich vielfältig und
neben den Deisten gibt es ja auch noch Skeptiker, Agnostiker und
Atheisten.
Das zentrale Anliegen des Deismus ist die Behauptung einer ver-
nünftigen natürlichen Religion und die Ablehnung jeglichen Offenba-
rungsglaubens.8 Herbert von Cherbury hatte schon 1624 in De Veritate
fünf Glaubensartikel als vernünftig definiert, die man als allgemeinen
Leitfaden ansehen kann.9 Danach gebe es ein höchstes Wesen und dieses
Wesen solle man verehren. Den wichtigsten Teil dieser Verehrung bilde
Tugend verbunden mit Frömmigkeit. Der Mensch müsse seine Sünden
bereuen und von ihnen lassen. Gutes und Böses werde in diesem und in
jenem Leben belohnt und bestraft. Was über diese „Wahrheiten“ hin-
ausgeht, sei eine Erfindung herrschsüchtiger Priester und der wahren
Gottesverehrung nicht angemessen.
Nicht jede Spielart des Deismus lässt sich auf diese Punkte reduzieren,
aber alle Deisten eint doch der Glaube an einen Gott als den Urheber des
Universums, das nun gemäß seinem Gesetz funktioniere, sowie an die
Zentralität ethischen Verhaltens als wichtigster religiöser Praxis. Dieses
Postulat einer natürlichen, universalen, vernünftigen Religion ist gegen
alle Offenbarungsreligionen gerichtet, einschließlich des Christentums.
Denn Gott offenbare sich ja objektiv in der Natur und ihren Gesetzen,
nicht in fragwürdigen Wundererzählungen. Der frühe Deismus ist radi-
kal, denn er macht Priester, Sakramente und Dogmen wie auch religiöse

7 Ernst Troeltsch, Der Deismus, in: Ders., Aufsätze zur Geistesgeschichte und
Religionssoziologie (GS IV), hg. v. Hans Baron, Tübingen 1925, 429 – 487; Ernst
Cassirer, The Philosophy of the Enlightenment, Princeton 1951; Manfred Geier,
Aufklärung. Das europäische Projekt, Reinbek 2012.
8 Peter Gay (Hg.), Deism. An Anthology, Princeton 1968.
9 Herbert von Cherbury, De Veritate, Paris 1624.

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Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 7

Autoritäten, Traditionen und Institutionen überflüssig. Damit untermi-
niert er zugleich die Legitimation politischer Autoritäten.
Während konsequente Deisten jegliche Offenbarung und Wunder
prinzipiell ablehnen und den Urheber des Universums nicht notwendig
christlich deuten, fühlen sich andere dem Christentum verpflichtet und
versuchen, Christentum und Vernunft zu versöhnen. Manche identifi-
zieren das Christentum mit der vernünftigen natürlichen Religion und
präsentieren Christus als ethisches Vorbild.10 In Deutschland bringt dies
etwa Hermann Samuel Reimarus zum Ausdruck in seinem Buch Die
vornehmsten Wahrheiten der natrlichen Religion in zehn Abhandlungen auf eine
begreifliche Art erklret und gerettet. 11 Das Buch ist nicht so sehr gegen die
protestantische Orthodoxie gerichtet – mit dieser legt er sich in den von
Lessing postum herausgegebenen Fragmenten an12– als vielmehr gegen die
allgemeine Desorientierung, gegen den Abfall vom Glauben und vom
Christentum, ja sogar von jeglicher Religion. „Aber dieses habe ich nicht
ohne Befremden bemerket, daß seit wenig Jahren eine ganz ungewohnte
Menge kleiner Schriften, mehrentheils in französischer Sprache, über die
Welt gestreuet ist, worinn nicht sowohl das Christentum, als vielmehr alle
natürliche Religion und Sittlichkeit, verlacht und angefochten wird. Und
mich dünket, dieses ausgesäete Unkraut findet jetzt, mehr als jemals, leere
Äcker, wo es einwurzeln und sich ausbreiten kann.“13
Reimarus geht es hier also um den Kampf gegen Atheismus und
Materialismus. Vor allem aber liegt ihm an einer Apologie der natürlichen
Religion, die er mit dem Christentum im Einklang sieht. Das Chris-
tentum setze die „Wahrheiten der natürlichen Religion“ voraus.
Reimarus will es von „Tand und Aberglauben“ befreien, aber auch von
einem düsteren Gottesbild. Denn auch Menschen, die sich ein Schre-
ckensbild von Gott gemacht hätten, könnten „in eine grübelhafte
Atheisterey gerathen“. Deshalb betont Reimarus das Bild eines weisen,
gütigen Schöpfers, auf dessen Vorsehung die Menschen vertrauen kön-
nen. Dies führe zu Zufriedenheit, Ordnung und Einigkeit.

10 Als Überblick dazu: Albrecht Beutel, Kirchengeschichte im Zeitalter der Auf-
klärung, Göttingen 2009.
11 Hermann Samuel Reimarus, Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen
Religion in zehn Abhandlungen auf eine begreifliche Art erkläret und gerettet,
Hamburg 31766
12 Gotthold Ephraim Lessing (Hg.), Fragmente des Wolfenbüttelschen Unge-
nannten, Berlin 41835.
13 Dieses Zitat und alle folgenden stammen aus dem nicht paginierten „Vorbericht“.

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8 Martin Riesebrodt

Trotz des großen Einflusses deistischen Denkens unter den Intel-
lektuellen der Aufklärung sind einige der bedeutendsten Denker keine
Deisten. John Locke versuchte etwa die Vernünftigkeit des Christentums
einschließlich der Wunder Jesu und der Offenbarung zu beweisen.14
Hume lehnte den Urmonotheismus der Deisten ab und war Agnostiker
und Skeptiker. Diderot und d’Holbach, Winzersohn aus Edesheim in der
Pfalz, waren bekennende Atheisten. Was viele Aufklärer jedoch einte,
war der Salon, wo kontroverse intellektuelle Debatten in der Atmosphäre
toleranter Geselligkeit stattfanden. Dort fand ein David Hume nicht nur
an d’Holbachs Küche und Weinkeller Gefallen, sondern auch an den
Gesprächen mit Diderot und Rousseau.
In gewisser Weise kulminiert und endet der Deismus in Kant. Auf der
einen Seite entzieht Kant diesem die Grundlage, indem er die Beweis-
barkeit eines Schöpfergottes bzw. eines göttlichen Urmachers argu-
mentativ zerstört, auf der anderen Seite postuliert er ihn als einen
höchsten moralischen Gesetzgeber. Seine Grenzwanderung zwischen
radikaler Religionskritik und Deismus fasst keiner so amüsant zusammen,
wie Heinrich Heine: „Ihr meint, wir könnten jetzt nach Hause gehn? Bei
Leibe! es wird noch ein Stück aufgeführt. Nach der Tragödie kommt die
Farce. Immanuel Kant hat bis hier den unerbittlichen Philosophen tra-
giert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die
Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in
seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte,
keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterb-
lichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt – und
der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als
betrübter Zuschauer und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom
Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein
großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt,
und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: ,Der alte Lampe muß
einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der
Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische
Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die
Existenz Gottes verbürgen.‘ In Folge dieses Arguments, unterscheidet
Kant zwischen der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft,

14 John Locke, The Reasonableness of Christianity as delivered in the Scriptures,
Toronto 2011.

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Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 9

und mit dieser, wie mit einem Zauberstäbchen belebte er wieder den
Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.“15

2. Die radikale Aufklärung

D’Holbach hatte keinen Lampe und Diderot ließ seiner Frau zwar ihre
Religion, ging aber intellektuell deshalb keine Kompromisse ein. Viel-
leicht waren beide ja nicht so gute Menschen wie Kant. Aber – wie
Philipp Blom jüngst in einem bemerkenswerten Buch gezeigt hat – sollte
man die radikale Aufklärung nicht so ungeniert beiseite lassen, wie das
gemeinhin geschieht.16 Allein schon das Stigma der Radikalität soll ja
wohl suggerieren, dass diese Philosophen zu weit gegangen seien und
deshalb nicht wirklich ernst genommen werden müssen.
In der Tat kann man der französischen Aufklärung vorwerfen, dass sie
häufig eher journalistisch als akademisch schreibt und gelegentlich einen
allzu flachen Materialismus vertritt, der im Vergleich zur intellektuellen
Brillanz, etwa eines Kant, abfällt. Man kann sich aber auch nicht des
Eindrucks erwehren, dass die Feindseligkeit gegenüber einem Diderot
oder d’Holbach darauf gründet, dass sie Tabus verletzt haben, denen
andere Aufklärer verhaftet blieben.
Auch die radikalen Aufklärer wagten es ja, selbst zu denken. Nur
blieben dabei nicht nur ein paar christliche Wundergeschichten und
Dogmen auf der Strecke, sondern auch die Vorstellung einer unsterbli-
chen Seele sowie der deistische Gottesglaube, der auch durch die Hin-
tertüre nicht wieder hereingelassen wird. Das ging schon zu ihren Leb-
zeiten anderen Aufklärern, wie Voltaire und Rousseau, zu weit. Und
selbst die Französische Revolution machte sich nicht d’Holbachs Reli-
gionskritik zu Eigen, sondern schuf sich eine neue Religion mit neuer
Orthodoxie, neuen Priestern und neuen Ketzern. An Stelle von auf-
klärerischer Vernunft, Toleranz und Humor herrschte die Guillotine.
All dies trug dazu bei, die radikalen Philosophen dem Vergessen
anheim zu geben. Dabei gibt es bei ihnen Anknüpfungspunkte für ein
aufklärerisches Ethos, das auch heute noch Bedeutung besitzt. Natürlich
teilten sie mit anderen Aufklärern Ideale der Vernunft, Humanität und
Toleranz, aber sie zeichnen sich auch durch Züge aus, die anderweitig

15 Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland,
Berlin 2009, 111 – 112.
16 Philipp Blom, Böse Philosophen, München 2010.

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10 Martin Riesebrodt

weniger stark ausgeprägt waren, wie Zivilcourage, Affirmation von Se-
xualität und Erotik, sowie Humor und Ironie.

2.1 Zivilcourage

Im Jahre 1766 erinnerte ein spektakulärer Prozess die französischen
Aufklärer an das Risiko, das sie ständig eingingen.17 Ein 19-jähriger
Adliger, der Chevalier de la Barre, wurde der Blasphemie angeklagt. Er
soll ein Kruzifix auf einer Brücke mit Säbelhieben beschädigt haben. Es
gab keine Beweise gegen ihn, aber er soll – so Zeugen – schon einmal
seinen Hut vor einer vorbeiziehenden Prozession nicht abgenommen
und unfromme Lieder gesungen haben. Zudem besaß er Voltaires
„Philosophisches Wörterbuch“.
Er wurde verurteilt, mit einem Büßerhemd bekleidet vor der Ka-
thedrale kniend um Vergebung zu flehen, dann würde er gefoltert, ihm
würde die Zunge herausgerissen und eine Hand abgehackt und
schließlich würde man ihn zusammen mit dem Buch lebendig ver-
brennen. In der Revision wurde das Urteil abgemildert. De la Barre
wurde lediglich gefoltert, seine Zunge wurde durchbohrt, man ent-
hauptete ihn und verbrannte dann seine Leiche.
Die radikalen Philosophen nahmen also ein beträchtliches Risiko auf
sich, selbst wenn sie ihre Bücher im Ausland unter falschem Namen
drucken und nach Frankreich schmuggeln ließen. Verglichen damit
bestand das Risiko deutscher Professoren zumeist lediglich in der
Amtsenthebung.

2.2 Plädoyer für persönliche Freiheit und Sinnlichkeit

In seinem Nachtrag zu Bougainvilles Reise von 1796, der so verfasst war, als
stamme er von Bougainville selbst18, kritisiert Diderot die Moral der
Europäer. Einen tahitianischen Greis lässt er bei der Abfahrt der Europäer
sprechen: „Weint, unglückliche Tahitianer, weint ruhig; aber weint über

17 Die Schilderung des Falls ist Blom, Böse Philosophen (s. o. Anm. 16), 307 – 08,
entnommen.
18 Dessen Reisebericht über seine Weltumsegelung, speziell die Kapitel über Tahiti,
hatten großes Aufsehen erregt. Siehe Louis-Antoine de Bougainville, Reise um
die Welt, Wiesbaden 2010.

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Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 11

die Ankunft und nicht die Abfahrt dieser ehrgeizigen und bösen Men-
schen. Eines Tages werdet ihr sie besser kennen. In der einen Hand das
Holzscheit […] und in der anderen das Schwert […] so werden sie eines
Tages wiederkommen, um euch in Ketten zu legen, euch niederzuma-
chen oder euch ihren Ausschweifungen und Lastern zu unterwerfen.
Eines Tages werdet ihr unter ihnen dienen, ebenso verdorben, niedrig
und unglücklich wie sie.“19
In einer fiktiven Unterhaltung zwischen dem Schiffskaplan dem
Tahitianer Oru kritisiert Diderot insbesondere die unaufrichtige Sexu-
almoral der Europäer.20 Aus eigener Erfahrung weiß er, dass der Mensch
nicht nur ein animal rationale, sondern auch ein von Leidenschaften be-
stimmtes Wesen ist. Diderot plädiert dafür, die Natur des Menschen, seine
Körperlichkeit, Sexualität und erotische Sinnlichkeit zu akzeptieren,
anstatt sie zu unterdrücken. So hält er auch Homosexualität nicht für
moralisch verwerflich, sondern erklärt sie schlicht für unschädlich.
In seinen Schriften zur Kunst beklagt Diderot die christlichen Dar-
stellungen von Folter und Leiden, anstatt nach Vorbild griechischer
Mythen etwa die Schönheit der Körper und die Erotik zu feiern. „Wenn
der Engel Gabriel wegen seiner schönen Schultern […] bewundert
worden wäre; wenn Maria Magdalena ein galantes Abenteuer mit
Christus gehabt hätte; wenn, bei der Hochzeit zu Kanaan, Christus […]
seine Hand über den Hals der Ehrenjungfern oder über die Hinterbacken
von Sankt Johannes hätte streifen lassen. […] Du würdest sehen, wie das
auf unsere Maler, unsere Dichter und Bildhauer gewirkt hätte. […]“21
Und nicht nur auf die!

2.3 Aufklärendes Lachen

Schließlich bedienen sich die französischen Aufklärer gerne des Humors,
des Spottes und der Ironie. Auch Lachen befreit, weil es von Wahrheits-
und Machtansprüchen entlastet. In seiner Taschentheologie oder kurzgefasstes
Wçrterbuch der christlichen Religion von 1778 gibt d’Holbach etwa folgende
Definitionen:
Theologie: „Tiefgründige, übernatürliche, göttliche Wissen-
schaft, die uns hilft, über alles zu urteilen, wovon wir

19 Denis Diderot, Nachtrag zu „Bougainvilles Reise“, Frankfurt (Main) 1965, 17.
20 A.a.O., 27 – 53.
21 Zitiert nach Blom, Böse Philosophen (s. o. Anm. 16), 328 – 29.

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12 Martin Riesebrodt

nichts verstehen, und alle Vorstellungen von Dingen,
die wir verstehen, zu verwirren.“22
Gçttliche Attribute: „Unbegreifliche Eigenschaften, von welchen die
Theologen nach vielem Kopfzerbrechen beschlossen
haben, daß sie mit Notwendigkeit einem Wesen zu-
kommen müssen, von dem ihnen alle Begriffe feh-
len.“23
Gesellschaft Jesu: „Eine Vereinigung geistlicher Grenadiere mit Jesus als
Hauptmann an der Spitze. Wo immer man sie Dienst
tun läßt, gerät alles außer Rand und Band, jedoch
lassen sie im allgemeinen die Frauen ungeschoren,
wohingegen die kleinen Jungen nicht so billig da-
vonkommen.“24

2.4 Aufklärung als Ethos. Oder: Multiple Enlightenments

Wenn man diese Vielfalt aufklärerischer Positionen betrachtet, muss man
wohl zu dem Schluss kommen, dass sich Aufklärung nicht so leicht in-
haltlich definieren lässt, sondern – wie schon bei Kant – eher als ein Ethos.
Analog zu Eisenstadts Begriff der „multiple modernities“ könnte man
deshalb auch von „multiple Enlightenments“ sprechen und so den Begriff
auch kulturübergreifend öffnen. Es handelt sich um Prozesse, die zwar
von einem vergleichbaren Ethos getragen werden, aber unterschiedliche
Prämissen und Tabus kennen. Ein solches Ethos hat etwa Lessing for-
muliert, wenn er schreibt: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein
Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er
angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des
Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachfor-
schung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin alleine seine
immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig,
träge, stolz.“25
Die religiösen Aufklärer mögen sich weitgehend einig gewesen sein,
welche Autoritäten und Traditionen, welche Konventionen und Dog-

22 Paul Thiry d’Holbach, Religionskritische Schriften, hg. v. Manfred Naumann,
Berlin/Weimar 1970, 286.
23 A.a.O., 200.
24 A.a.O., 213.
25 Gotthold Ephraim Lessing, Eine Duplik, Braunschweig 1778, 10 – 11.

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Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 13

men dem Gericht der Vernunft nicht standzuhalten vermögen. Aber sie
waren sich keineswegs einig, wo die religiöse Wahrheit oder die Wahrheit
über die Religion liege. Bedeutet Aufklärung eine Versöhnung von
Christentum und Vernunft, wie bei Locke, eine Kritik jeglichen Of-
fenbarungsglaubens, wie im radikalen Deismus. Bedeutet sie Skeptizis-
mus und Agnostizismus, wie etwa bei Hume, der den deistischen Ur-
monotheismus zugunsten eines ursprünglichen Polytheismus ablehnt, da
Religion nicht auf rationaler Welterkenntnis beruhe, sondern auf Cha-
oserfahrung und Kontingenzbewältigung? Oder bedeutet Aufklärung die
Aufgabe aller metaphysischen Hilfskonstruktionen und eine Akzeptanz
von Naturalismus, Materialismus und Atheismus, wie bei Diderot und
d’Holbach?
Die atheistische Position hat zumindest einen großen Vorteil: Sie
muss sich nicht mit der Frage auseinandersetzen, welche religiösen
Praktiken eigentlich aus diesen theologischen oder religionsphilosophi-
schen Annahmen folgen. Denn, obgleich die meisten Aufklärer sich ja
primär mit Religion als Weltbild und Ethik befassen, entfalten solche
Ideen ja erst dann Massenwirksamkeit, wenn sie Eingang in die religiöse
Praxis der Gläubigen erhalten.
Das führt uns zu der Frage, welches Religionsverständnis eigentlich
der Erwartung zugrunde liegt, dass man Religion aufklären könne? Was
bedeutet Aufklärung, wenn wir Religion nicht als subjektive Emanzi-
pation in ihrer moralischen Ordnungsfunktion betrachten, sondern als
gelebte Religion einer Gemeinschaft? 26 Sind auch religiöse Praktiken der
Kontingenzbewältigung aufklärbar oder sind sie aufklärungsresistent, wie
Hermann Lübbe meint? 27 Oder, anders gefragt, sind aufgeklärte Theo-
logien überhaupt liturgiefähig? Wie weit kann man Religionen aufklä-
ren, ohne ihre allgemeine Praxis, ohne den Cultus unmöglich zu ma-
chen? Müssen Religionen vielleicht zu einem gewissen Grad
aufklärungsresistent sein, um als Praxissysteme religiöser Gemeinschaften
überhaupt fungieren zu können? Besteht etwa das unvermeidliche Er-
gebnis religiöser Aufklärung in der Transformation von Religion in sozial
ungebundene Religiosität oder Spiritualität?

26 Dazu Friedrich Wilhelm Graf, Protestantische Theologie und die Formierung
der bürgerlichen Gesellschaft, in: Ders. (Hg.), Profile des neuzeitlichen Pro-
testantismus, Bd. 1, Gütersloh 1990, 19 – 33.
27 Hermann Lübbe, Religion nach der Aufklärung, Graz 1986.

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14 Martin Riesebrodt

3. Ist Religion prinzipiell aufklärungsresistent?

Hume hatte die religiösen Aufklärer gewarnt, als er feststellte: „Unsere
allerheiligste Religion basiert auf Glauben, nicht auf Vernunft; und es ist
eine sichere Methode sie bloßzustellen, wenn man sie auf eine Probe
stellt, die sie in keinem Falle bestehen kann.“28
Diese Sicht hat auch Kant bestätigt, wenn er schreibt: „Ich musste das
Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen […].“29
Wenn man Hume und Kant zustimmt, dass Religion auf Glauben
beruht, so impliziert das aber nicht, dass man jeglichen Glauben als
Religion bezeichnen kann. Es gilt vielmehr, zwischen religiösen und
nicht-religiösen Glaubensvorstellungen zu unterscheiden. Weiterhin
stellt sich dann die Frage, wie und wo religiöser Glaube zum Ausdruck
gebracht wird und welche dieser Quellen verlässlich, d. h. relativ stabil
und allgemein verbindlich, ist. In meinem Buch Cultus und Heilsver-
sprechen habe ich ein Religionsverständnis begründet, das auf beide
Probleme eine Antwort gibt. Danach ist Religion ein System von
sinnhaften Praktiken, die auf dem Glauben an die Existenz in der Regel
unsichtbarer übermenschlicher Mächte beruhen. Die „Übermensch-
lichkeit“ dieser Mächte besteht darin, dass ihnen Einfluss auf oder
Kontrolle über Dimensionen des individuellen oder gesellschaftlichen
Lebens und der natürlichen Umwelt zugeschrieben werden, die sich
direkter menschlicher und damit auch wissenschaftlicher Kontrolle ge-
wöhnlich entziehen. Dazu gehören vornehmlich die Mortalität des
Menschen (also Krankheit und Tod), mangelnde Naturkontrolle sowie
Probleme sozialer Konflikte und Ungleichheiten.
Religiöse Praktiken bestehen darin, 1. durch kulturell vorgegebene
Mittel mit übermenschlichen Mächten kommunikativ oder manipulativ
in Kontakt zu treten, 2. die Beziehung zwischen übermenschlichen
Mächten und Menschen diskursiv zu deuten sowie 3. menschliches
Verhalten an Geboten oder Verboten dieser Mächte bzw. ihren antizi-
pierten Reaktionen zu orientieren.
Praktiken, die auf Kontaktaufnahme zu übermenschlichen Mächten
abzielen, nenne ich interventionistisch. Ein Großteil dieser Praktiken

28 “Our most holy religion is founded on faith, not on reason; and it is a sure method
of exposing it to put it to such a trial as it is, by no means, fitted to endure.” (David
Hume, An Enquiry Concerning Human Understanding and other writings,
Cambridge 2007, 115)
29 Kant, Werke, Bd. 2 (s. o. Anm. 1), 33.

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Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 15

betrifft das, was man christlich als „Gottesdienst“ oder als „Cultus“ be-
zeichnet. Hierunter fallen etwa auch Handlungen, wie Gebet, Opfer,
Beschwörung oder Gelübde.
Als diskursive Praktiken bezeichne ich die zwischenmenschliche
Kommunikation über die Natur, den Status sowie die Zugänglichkeit
übermenschlicher Mächte, über ihren Willen sowie über Techniken der
Selbstermächtigung. Diskursive Praktiken tradieren und revidieren das
religiöse Wissen und erbringen religiöse Sozialisationsleistungen. Sie
stellen die Grundlage religiöser Deutungskulturen dar. Unter sie fallen
Theologien im weiteren Sinne des Wortes, also auch Alltagstheologien
von Laien.
Verhaltensregulierende Praktiken nenne ich die religiöse Formung
sozialen Handelns mit Rücksicht auf übermenschliche Mächte, auf deren
Willen oder antizipierte Reaktionen. Es geht dabei zumeist um das
Vermeiden von Sanktionen und das Anhäufen von Verdiensten, um
Ethik, Moral und Tabus.
Alle drei Typen von Praktiken sind häufig nur analytisch trennbar. In
der religiösen Praxis, wie etwa dem Gottesdienst, treten sie gemeinsam
auf. Alle drei hängen von Prämissen ab, die speziell in interventionisti-
schen Praktiken ihren symbolischen Ausdruck finden. Denn ohne den
Glauben sowohl an die Existenz übermenschlicher Mächte als auch an die
Möglichkeit, mit ihnen zu kommunizieren oder sie zu manipulieren, sind
diskursive und verhaltensregulierende Praktiken gegenstandslos.
Obgleich religiöser Glaube in vielerlei Formen zum Ausdruck ge-
bracht werden kann, kommen für die Bestimmung des Sinns religiöser
Praktiken vor allem drei Arten von Glaubensäußerung in Frage: die
Weltbilder und theologischen Debattenbeiträge von Intellektuellen, die
subjektiven Glaubensäußerungen von praktizierenden Laien sowie die in
Liturgien festgeschriebenen Vorstellungen, die in frommen Praktiken in
Szene gesetzt werden. Sowohl Theologien wie subjektive Glaubens-
vorstellungen sind freilich weder stabil noch verbindlich und stellen
deshalb keine solide Grundlage zur Ermittlung des Sinns religiöser
Praktiken dar. Liturgien hingegen besitzen den Vorzug, relativ stabil,
verlässlich und über geschichtliche und kulturelle Grenzen hinweg
verfügbar zu sein. Vor allem aber sind sie verbindlich, d. h. sie gelten für
alle Teilnehmer gemeinschaftlicher religiöser Praktiken unabhängig von
deren subjektiven Einstellungen.
Der Religionsbegriff, wie ich ihn verwende, hängt an bestimmten
Vorstellungen bezüglich übermenschlicher Mächte und ihrer Eigen-
schaften. Erst solche Vorstellungen geben Praktiken, wie Gebeten, Op-

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1 Deistische Liturgie Im Jahre 1776 publizierte Williams ein kleines Büchlein von 131 Seiten mit dem Titel Eine Liturgie gemß den universalen Prinzipien der Religion und Moral. zum anderen die Gesangbuchreform der Berliner Neologen Diterich. dass es Grenzen der Deutbarkeit dieser übermenschlichen Mächte gibt. dem die Attribute der Macht fehlen. in menschliche Schicksale helfend oder strafend einzugreifen. ein religiöses Pra- xissystem tragen und gestalten kann er aber wohl nicht. Ein hochab- strakter Gottesbegriff zum Beispiel. o. 32 David Williams. Bd. führten dann konsequenter Weise entweder zur Abschaffung interventionistischer re- ligiöser Praktiken oder zu deren Irrationalisierung. London 1776. 32 Im Gegensatz zu den partikularistischen Liturgien anderer Be- 30 Kant. Spal- ding und Teller von 1780. 31 Samuel Beckets Theaterstück „Warten auf Godot“ funktioniert auf der Bühne. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. A Liturgy on the Universal Principles of Religion and Morality. ziehe ich hier zwei historische Beispiele heran: zum einen den Versuch des walisischen Geistlichen David Williams.16 Martin Riesebrodt fern. 4 (s. deren Überschreiten auch die Grenzen von Religion sprengen. wie etwa Kants „Religion des guten Lebenswandels“30 und darauf gründende Theologien. Das impliziert. Fürbitten. 4. Intellektuelle Rationalisierungen. Werke. 703. als liturgische Grundlage religiöser Praktiken ist es aber schwer vorstellbar. Solch ein abstrakter Gottesbegriff mag ja dem philosophischen Bedürfnissen von Intellektu- ellen nach Selbstreflexion und Sinngebung genügen. 1776 eine deistische Liturgie zu institutionalisieren. Anm.15 13:46 .31 Deshalb wende ich mich jetzt der Frage zu: ist aufgeklärte Religion liturgiefähig? 4.10. überschreitet dann die Grenzen meiner Religionsdefinition und wäre der Philosophie zuzuordnen. 1). Segnungen oder Gesten der Unterwerfung und Vereh- rung ihren spezifisch religiösen Sinn und unterscheiden sie von anderen Praktiken sowie philosophischen Reflexionen. Ist aufgeklärte Religion liturgiefähig? Anstatt über die Antwort zu spekulieren. und der weder diesseitige Segnungen noch jenseitiges Heil versprechen kann.

and the introduction of a liturgy on the universal principles of religion and morality. Deshalb gibt es ein öffentliches Bekenntnis der Irrtümer und Dummheiten die man begangen hat. Cavendish-Square.. 6) 37 A. O God. wohingegen er den deistischen „Geist universaler Tole- ranz“ lobend hervorhebt...a. 14 36 ‘‘We thank thee. sondern auch gelegentlich fehlbar.. für den Lebensatem.O. Muslime oder Heiden. Ursache der Verfehlungen sei nicht. an der alle Menschen partizipieren können. eine Abendliturgie. for our benevolent and friendly affec- tions.O. das Licht der Vernunft und des Gewissens. Christen. 6) 35 A.a. für unsere wohlwollenden und freundlichen Ge- fühle. dass die Menschen es nicht besser wüssten.O. London [1776].“36 Freilich ist der Mensch nicht immer nahezu göttlich. X-XI.a. for our creation. für unsere Schöpfung. I do not mean any particular mode of it. sondern dass ihnen die Gründe für ein tugendhaftes Verhalten nicht frisch genug im Gedächtnis hafteten.’’ (David Williams. for the excellent form of our bodies. unsere Ideen einander mitteilen zu können.10. Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 17 kenntnisse will Williams eine Form des gemeinschaftlichen Gottes- dienstes stiften. „Öffentlicher Gottes- 33 A.O.“34 Die Predigt stellt eine überaus intellektuelle Rede über den Deismus dar. o Gott. Er beklagt deren Engstirnigkeit.’’ (A. and all the noble and useful powers of our minds. for the breath of life. für die Macht. eine Morgenliturgie. welche die Existenz einer höchsten Intelligenz sowie universale moralische Ver- pflichtungen anerkennen. und all die edlen und nützlichen Geisteskräfte.. eine Hymnen- sammlung sowie eine Sammlung von Psalmen. 22 38 A.a. den er mit anderen Bekenntnissen vergleicht.35 Der Text der Liturgie ist unterteilt in ein Vorwort. for the power of communicating our ideas to each other.O.a. seien sie Juden. 34 ‘‘When I take up the cause of religion. meine ich damit keine ihrer partikularen Formen.37 Man bittet um Stärkung der Tugend und Kontrolle der Leidenschaften. A sermon preached at the opening of a chapel in Margaret- Street. für die exzellente Form unserer Körper. the light of reason and conscience. 20 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:46 . Das allgemeine Dank- gebet am Morgen betont etwa Gottes Größe sowie die Perfektion seiner Schöpfung: „Wir danken Dir.33 In seiner Predigt anlässlich der Einführung der neuen Liturgie heißt es deshalb: „Wenn ich mich hier der Sache der Religion annehme.38 Genau deshalb sei der Gemeinschafts- gottesdienst als Erinnerungsstütze ja so nützlich.

.10. das nach dem Verleger auch der „Mylius“ genannt wurde. Zwischen den Gebeten erfolgen Lesungen aus der Bibel oder Werken klassischer Au- toren. v. Vielleicht war er ja sogar mit diesem Experiment vertraut. nützlich in seinen Wirkungen und erfreulich im Vollzug. 42 Malte von Spankeren.O. and delightful in the exercize. 4. Außer Mitleid wird freilich nicht viel Tröstendes erwähnt.” (A. den Alten und Sterbenden. Schriften und Briefe. die sich mit freundlichen Briefen be- dankten.“41 Der Versuch scheiterte binnen kurzer Zeit.a. 27) 41 Georg Christoph Lichtenberg. Es sollte den „Porst“ er- 39 “Public Worship. 18. Johann Joachim Spalding und der Berliner Gesang- buchstreit (1781).15 13:46 . IX) 40 “We sympathize with all who are in distress.a. Georg Christoph Lichtenberg bemerkt aber wohl zutreffend: „Ein Sonntags-Collegium über theologiam naturalem hat zu wenig Anziehendes für den gemeinen Mann. in: JHMTh/ZNThG. hg. wie das ja wohl auch Schleiermacher vorausgesagt hätte. Wolfgang Promies. Herr Williams scheint ein vortrefflicher Mann und guter Kopf. und weinen mit denen.” (A. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Spalding und Teller erstellten in langer Arbeit das 1780 publizierte Gesangbuch zum Gottes- dienstlichen Gebrauch in den Kçniglich Preußischen Landen. Heilsversprechen diesseitiger oder jenseitiger Art fehlen.“ 39 Anderer Menschen Unglück wird gesehen. Das Abendgebet läuft ähnlich ab. is reasonable in itself. den Kranken. andererseits nach Vereinheitlichung des Gottesdienstes entsprach. der sich ja in seiner „fünften Rede“ ausführlich mit dem Thema befasst hat..O. und der Denker entbehrt es leicht. ist in sich selbst vernünftig. Williams hatte jeweils eine Kopie der Liturgie an Voltaire und Friedrich den Großen geschickt. mit den Armen. 191 – 211. die in Bedrängnis sind. „Wir haben mit allen Mitgefühl.42 Die aufgeklärten Theologen Diterich. den Witwen und Waisen. die weinen“40.18 Martin Riesebrodt dienst als Vortrag sublimer und wichtiger Wahrheiten. Bd. allein seine Hauptabsicht verrät im ganzen doch grobe Unbekanntschaft mit der Natur des Menschen. 3. 193. as a recital of sublime and important truths. was dem Wunsch Friedrichs des Großen einerseits nach Aufklärung. useful in ist effects. München 1972.2 Die Neologische Gesangbuchreform in Preußen Die neologische Gesangbuchreform versuchte ein neues Gesangbuch in Preußen einzuführen.2 (2011). and weep with those who weep.

Johann Hermann. und die bisher in Kirchen und Schulen der Königlich Preußischen und Churfürstlichen Brandenburgischen Lande bekannt. muss man die beiden Gesangbücher vergleichen. von Jesu Christo Von den göttlichen Gnaden-Mitteln.10. Vom Erwerber unsers Heils. Ein wichtiger Unterschied drückt sich schon im Titel aus. nebst einigen Gebeten und einer Vorrede von Johann Porst. während der „Mylius“ nur noch ca. in den vorigen und jetzigen Zeiten gedichtet […].15 13:46 . Die Reformer hatten also stark gestrichen. Von GOTT und der heiligen Dreyeinigkeit. Paul Gerhard. Jahrhunderts herausge- gebene. Die lauten etwa: Vom Urheber unsers Heils. Vor allem aber wurde die Struktur des Gesangbuchs drastisch verändert. Vor allem wurde der strafende und drohende Gott eli- miniert und stattdessen Erbauung und Belehrung betont.“ Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. und andere seine Werkzeuge. Johann Hermann. in den vorigen und jetzigen Zeiten gedichtet. pietistisch geprägte Gesangbuch.“43 Zum zweiten bestand der „Porst“ aus nahezu 900 Seiten. Im „Mylius“ gibt es nur noch zwei Abteilungen: Lob Gottes und Bitten zu Gott. Alte Lieder wurden zu diesem Zweck umgetextet und neue Lieder der offenbar vielseitig begabten Theologen hinzugefügt. 380 Seiten aufweist. Anders als der „Mylius“ stellte sich der „Porst“ noch ausdrücklich in die lutherische Tradition: Geistliche und liebliche Lieder. Paul Gerhard. und andere seine Werkzeuge. wodurch wir zum Genuß des Heils gelangen Von der Ordnung und den Mitteln. das von Johann Porst seit Mitte des 18. Der „Porst“ hingegen war noch heilsgeschichtlich organisiert. Königlich Preußischen Consis- torial-Rath. und mit Königlicher Allergnädigster Ap- probation und Privilegio gedrucket und eingeführet werden. wie die Überschriften der größeren Abschnitte belegen. wodurch der Mensch zum Genuß des Heils gelangt Vom Kreuz und Leiden als einem Hülfs-Mittel Von den Gütern des Heils Vom Kreuz der Christen Von den Früchten des Heils 43 Der gesamte Titel lautet: „Geistliche und liebliche Lieder. welche der Geist des Glaubens durch Doctor Martin Luthern. welche der Geist des Glaubens durch Doctor Martin Luthern. Probst und Inspectore in Berlin. Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 19 setzen. Um die drastischen Implika- tionen der Reform und das Akzeptanzproblem des „Mylius“ zu verste- hen.

Wer mag es ihnen verdenken. Maj. der immer noch in Gebrauch war. was die Gesangbücher angeht. wenn er nur ehrlich ist. Vermutlich vermissten sie auch die im „Porst“ noch gegebe- nen Heilsversprechen. im aufgeklärten Glauben an Gottes allgemeine Vatergüte und Nachsicht und an Unsterblichkeit ruhig fort- 44 Spankeren.45 Als Friedrich II. beim „Porst“.10. 42). was und wie er will. aber sie fanden wohl den Geist der Vernunft und Belehrung. um den „Mylius“ zu er- setzen und endlich den „Porst“ abzulösen. 197. veredelte. Zudem gibt es Lieder für alle Anlässe des Kirchenjahres wie auch für alle Begebenheiten des menschlichen Lebens. Johann Joachim Spalding und der Berliner Gesangbuchstreit (s. 46 Zitiert nach Spankeren. Der „Mylius“ hingegen bricht mit dieser Tradition und vollzieht den Wandel des Christentums von einer „positiven“ Of- fenbarungsreligion mit einer Betonung des göttlichen Heilsversprechens zu einer ethisch orientierten Vernunftreligion. um die Beförderung der menschlichen Vollkommenheit und Glückseligkeit durch richtiges Handeln. 42). Anm. Anm. wie es ein Kritiker formulierte. o.20 Martin Riesebrodt Es geht also um Heilsversprechen und Heilshoffnungen. Unterthanen (steht) es ganz frei […]. Johann Joachim Spalding und der Berliner Gesang- buchstreit (s. weil er. um Dispens vom neuen Gesangbuch gebeten wurde. so steht es jedem frei zu singen: Nun ruhen alle Wälder. etwas penetrant.15 13:46 . Der „Porst“ entfaltet somit ein in sich systematisch gestaltetes Heilsszenarium für die Praxis der Gläubigen.44 Die überwiegende Zahl der Gemeinden wollte es aber wohl weniger allgemein und blieb deshalb mit Genehmigung Friedrichs II. die nichts mehr verspricht. der Glückseligkeit und Tugendhaftigkeit. 199 45 Knapp fünfzig Jahre später war es dann aber wieder soweit. Nun geht es um Erbauung und Belehrung. zu glauben und zu singen. Heilsmittel und Heilswege. 1829 wurde das ebenfalls umstrittene Berliner Gesangbuch eingeführt.“ Und handschriftlich fügte er hinzu: „Ein jeder kann bei mir glauben. Das Problem war nur: Der „Mylius“ stieß auf weitverbreitete Ab- lehnung. o. wenn man sich einige Stilblüten der Reformrhetorik zu Gemüte führt? So beschreibt ein gewisser Kirchenrat Lang in den „Liturgischen Blättern“ Jesus als „reine. was er will. oder dergleichen thörigt und dummes Zeug. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. antwortete er: „Jedem Sr. „exemplarisch für eine neumodische allgemeine Gottesverehrung“ stehe.“46 Nun wollten die Leute zwar nicht unbedingt „Nun ruhen alle Wälder singen“. der nun allenthalben wehte.

Alfred Ehrensperger. als Hilfe bei der Bewältigung von Krisen oder als ewiges Heil. die den religiösen Bedürfnissen und Erwartungen der Gläu- bigen gemäß sind. Erlangen 1796. Dezember 1794“. für dich vergossen“ verändert er so: „Genießen Sie – dies Brod! Der Geist der Andacht ruh auf Ihnen mit seinem vollen Segen! Genießen Sie ein wenig Wein! Tugendkraft liegt nicht in diesem Wein – sie liegt in Ihnen – in der Gotteslehre – und in Gott! Genießen Sie dies Brod – im Andenken Jesu Christi. 5. Taoismus und Shinto miteinander verglichen. hg. für dich gegeben – Christi Blut. dass den Liturgien interventionistischer Praktiken in allen genannten religiösen Traditionen eines gemeinsam ist: Sie versprechen „Heil“. die sich auf unvorhergesehene Ereignisse beziehen. in: Liturgische Blätter. aber aufge- klärte Theologien scheinen sich nicht so recht als Grundlage für Liturgien zu eignen. Lange und modernisiert die Schrift: http://www.liturgiekommission. 2012). etwa in der Form ewigen Lebens. ist aber wohl ernst gemeint. F. edler Tugend dürstet. 47). R. wie Gesundheit oder Wohlstand. Religion als Kontingenzbewältigung Offensichtlich sind Theologen und Theologien aufklärbar.10. 18. lebenszyklischen und variablen Praktiken. und woher kennen wir sie? Um das herauszufinden. zitiert den Namen als K. unterschieden. in Form von Abwehr befürchteten Unheils. Dabei habe ich zwischen kalendarischen. „Abendmahlsfeyer am 12. 47 Kirchenrath Lang.15 13:46 . Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 21 wandelnde Tugend“. Der Gottesdienst in der Aufklärungszeit (ca. „Abendmahlsfeyer am 12. dem ich diesen Hinweis verdanke.47 Die Lutherische Formel bei der Spendung des Abendmahls „Christi Leib. Hufnagel. hier: 6. W. Sie versprechen „Heil“ in Form weltlicher Segnungen. Aber. was sind diese Bedürfnisse der Laien. der Erlösung vom Rad der Wiedergeburt oder irdischer Un- sterblichkeit. o. Dezember 1794“ (s.“48 Der Text könnte aus d’Holbachs satirischen Schriften stammen. 1 – 21. 10. v. edler Tugend hungert. 1750 – 1820).pdf (Zugriff: 14. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Anm. 48 Lang. wird nicht vergeblich schmachten. Wer nach reiner. wird gesättigt! Genießen Sie ein wenig Wein! Wer nach reiner. Christentum und Islam sowie des ostasiatischen Buddhismus. Sechste Sammlung. habe ich interventionistische Praktiken verschiedener historischer Epochen in den religiösen Tradi- tionen des Judentums. Trotz aller historischen und kulturellen Differenzen stellte sich her- aus.ch/Orientierung/ III_E_03_Aufklaerung.

Anm. was sich menschlicher Kontrolle entzieht. in: Peter Claus Hartmann (Hg.22 Martin Riesebrodt Aus der Tatsache.15 13:46 . hörte sie zumindest auf. wie man dies nicht nur an Liturgien. und 18. Jahrhunderts. es bleibt stets ein unaufklärbarer Restbestand. Siehe Jan Harasimowicz. Im Zuge der Intellektualisierung und Ethi- sierung der Religion seit der Aufklärung wurden aber gerade ihre Heilsversprechen immer stärker marginalisiert oder gar eliminiert. sondern aufklärungsindifferent oder aufklärungsresistent. Mainz 2004. Da das menschliche Schicksal aber nicht rational bewältigt werden kann. sind vollständig aufklärungsresistent und eman- zipatorischen Bemühungen weder zugänglich noch [ihrer] bedürftig. 135 50 A.. entzieht sich Re- ligion auch der Aufklärung. dass dies über historische und kulturelle Grenzen hinweg so ist.O. dass Religion allein als „Kontingenzbewältigung“ unersetzlich ist. Freilich folgt aus der Aufklärungsresistenz der Daseinslagen nicht notwendig eine völlige Aufklärungsresistenz religiöser Glaubensvorstellungen und Praktiken. also was Lübbe als das „Unverfügbare“ bezeichnet. 149 51 So wurden etwa während der Aufklärungszeit mittelalterliche Fresken über- tüncht. dass diese Versprechen mit den Erwartungen der Gläubigen aller religiösen Traditionen korrespondie- ren. In diesem Sinne hat auch Hermann Lübbe betont.a. Wenn das Verhalten zum „Unverfügbaren“ lediglich in existenzieller Reflexion besteht oder wenn die religiöse Praxis völlig entzaubert wäre. Religion und Kultur des 17. Religion sei deshalb nicht unaufgeklärt. und 18.10. 327 – 370. „Die Daseins- lagen. spezifisch religiös zu sein. o. Die Zentralität der Kontingenzbewältigung impliziert nämlich. Jahrhunderts. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 27). Protestantischer Kirchenbau im Europa des 17. die kontrollieren. auf die die Frommen sich in den angedeuteten Formen religiöser Lebenspraxis beziehen. darf man wohl schließen. Religion nach der Aufklärung (s. dass Religion ohne Heilsversprechen und auf sie bezogene Sinngebungsangebote nicht auskommen kann.50 Die religiösen Praktiken von Laien gründen auf dem Glauben an die Existenz über- menschlicher Mächte. sondern auch an kirchlicher Architektur und Kunst beobachten kann.“49 Religion ist für Lübbe – und da stimme ich ihm partiell zu – die jeweilige „Kultur des Verhaltens zum Unverfügbaren“. Aber. Auch das Verhalten zum Unverfügbaren kann mehr oder weniger irrationale Formen annehmen und mehr oder weniger irratio- nale Konsequenzen für das Alltagsverhalten zeitigen.51 49 Lübbe.). und da gebe ich Lübbe recht.

darunter auch intellektualisierte Reflexionsmilieus.15 13:46 . Religiöse Intel- lektuelle orientieren sich weniger an den Bedürfnissen von Kirchen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Wenn sich ein Kon- sens überlebt hat. Sie wollen – und das kann man ihnen nicht verdenken – akademisch respektabel sein. Jede Klientel kann die ihr zusagenden religiösen Glaubensinhalte. Wie schon Schleiermacher richtig bemerkt hat. So besteht die Gefahr der Verwässerung von Formeln zu leeren Phrasen oder der beabsichtigten Doppeldeutigkeit. um Konsensfiktionen zu erzeugen. Gewiss können auch Volkskirchen eine Vielfalt von Milieus ertragen. ist Religion aber sowohl als Metaphysik wie auch als Ethik entbehrlich. Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 23 Wie ist es zu dieser Diskrepanz zwischen Theologie und religiöser Praxis. Doch gibt es Grenzen solcher Integrationskapazitäten und Konsensfiktionen. Demgegenüber müssen Volkskirchen weitaus schwierigere Integra- tionsleistung vollbringen. zwischen den Bedürfnissen von Intellektuellen und Laien ge- kommen? Da diese Kluft sich weitaus stärker in Deutschland als in den USA zeigt.10. inhaltsleer oder folkloristisch. Allein schon durch die Aufnahmeprozedur findet in freiwilligen Vereinigungen eine Auswahl Gleichgesinnter statt. Die Akademisierung der Theologie hat zu einem extremen Aus- einanderfallen religiöser Theorie und Praxis geführt. sind Neugründungen und Spaltungen relativ unpro- blematisch zu bewerkstelligen. Gemeinden und Laien als an den Wissensstandards akademischer Insti- tutionen. zunächst institutionelle Unterschiede in den Blick zu nehmen. wie etwa die Akademisierung der Theologie und die organisatorische Struktur der Volkskirchen in Deutschland. ist deshalb schwer vorstellbar. wird die religiöse Praxis entweder irrational. die sich zwar noch einer religiösen Sprache bedienen. liegt es nahe. Eine Theologie und Liturgie. Ausdrucksformen und Praktiken in Selbstorganisation institutionalisieren. aber ohne Heilsversprechen aus- kommen. Dies verstärkt aber die Tendenz zur Intel- lektualisierung und Ethisierung von Religion. die all ihre Kli- entele gleichermaßen anspricht. Wenn etwa ein vorherrschendes aufgeklärtes theolo- gisches Verständnis in einem allzu großen Spannungsverhältnis zu der in der Liturgie institutionalisierten Theologie steht.

Die Wahrheit gilt es nicht mehr zu suchen. Wissenschaften gelegentlich im Namen religiöser Offenbarungswahrheiten bekämpft. Wie können ein Staat und eine Öffentlichkeit aufgeklärt mit prin- zipiell aufklärungsresistenten Religionen umgehen? In Deutschland sind die Aktivitäten aller Religionsgemeinschaften negativ durch das Straf- gesetzbuch. Insofern gehen funda- mentalistische Religionen prinzipiell über die unvermeidliche Aufklä- rungsresistenz hinaus.24 Martin Riesebrodt 6. welche den Gegenentwurf direkt auf die konkreten Sorgen und Nöte ihrer Anhänger bezogen. Hier gilt es. Fragen der Metaphysik. In diesem Sinne entstammt der Impuls ei- niger fundamentalistischer Bewegungen durchaus der Moderne und der Aufklärung. sinnstiftenden Entwurf entge- genzusetzen. öffentlich Kritik zu üben und den be- stehenden Verhältnissen einen großen. Die kritische Öffentlichkeit wird zumeist gemieden. Die anfängliche Reflexivität weicht einer weitge- henden Traditionalisierung und Konventionalisierung. Absatz 2. wie Lessing dies im obigen Zitat so schön formuliert hat. wie etwa in der Bekämpfung der Evolutionstheorie in den USA. Marginalisierungserfahrungen. eine graduelle von einer prinzipiellen Aufklärungsresistenz zu unterscheiden. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Ethik. das Recht auf „ungestörte Religionsausübung“ garantiert.10. sondern in einer Offenbarung anzuerkennen. die sich die Freiheit genommen haben. die man zu besitzen ver- meint. moralische Empörung oder Identitätsinteressen handelt. positiv durch das Grundgesetz geregelt. Bedeutet dies. Sozialmoral.15 13:46 . Toleranz und Individualismus werden durch den rigiden Wahrheitsanspruch ex- trem eingeschränkt. Sie wurden häufig von prophetischen Intellektuellen initiiert. Anthropologie und Gesellschaftsordnung gelten somit als weitgehend beantwortet. die das kritische öffentliche Selbstdenken durch Tabus stark einschränken. ob es sich um ökonomische Benachteiligung. Vielfach traten zu diesen Propheten „organische Intellek- tuelle“ im Sinne Gramscis. Zur Aufklärungsresistenz von Religion Ich habe der Religion generell eine gewisse unvermeidliche Aufklä- rungsresistenz zugeschrieben. Auf der anderen Seite üben fundamentalistische Bewegungen aber intern Formen der Sozialkontrolle aus. dass Religionen funda- mentalistisch zu sein hätten? Keineswegs. Wenn man mit Kant Aufklärung als den auf Freiheit angewiesenen öffentlichen Ver- nunftgebrauch versteht. so sind auch fundamentalistische Bewegungen in ihrer Gründungsphase oft durch einen Aufklärungsimpuls entstanden. politische Unterdrückung. Privilegien- verlust. das in Artikel 4.

die sich als aufgeklärt verstehen. sondern dient auch der Markierung sozialer Grenzen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:46 . aufklärungsresistente Religionsge- meinschaften durch Druck von außen aufklären zu wollen. Wie formulierte Albert Camus so schön? „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. müssen sich stets prüfen. Zu starker Druck von außen verstärkt in der Regel solche Grenzziehungen. Auch Menschen und Institutionen. innerhalb derer ein gewisser Grad an Autonomie und Selbstregulierung herrscht. sondern unterliegt selbst his- torischen und sozialen Dynamiken. dass sich auch in Zukunft immer wieder neue religiöse oder nichtreligiöse Milieus herausbilden werden. Ob diese Maßnahmen den von Staat erhofften Erfolg haben werden.10. kann man noch nicht abschätzen. durch die Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie und Anreize zur Verkirchlichung einen aufgeklärten Islam zu befördern. Das kritische und selbstkritische Ringen um religiöse (oder nichtreligiöse) Aufgeklärtheit stellt deshalb eine nicht endende Aufgabe dar. In Deutschland wird nun versucht. Verhältnismäßigkeit der Mittel sowie ein gewisser Grad an Gelassenheit. Dazu gehören insbe- sondere Rechtstaatlichkeit. in der Auseinandersetzung mit ihnen die Ideale der Aufklärung nicht zu verleugnen. 62004. durch Aufklä- rungsresistenz symbolischen Ausdruck verleihen. ob ihre Kriterien für Aufgeklärtheit noch adäquat sind. Aber dieses Ringen bleibt eine permanente Aufgabe. Ein aufgeklärter Umgang mit aufklärungsresistenten Religionsge- meinschaften setzt vor allem voraus. Man muss also zu- nächst die Bedeutung dieser Grenzziehung für die Betroffenen ent- schlüsseln.“52 52 Albert Camus. Zum zweiten impliziert es. 159 f. wird Ansätze zu einer Öffnung ermöglichen. dass eine Akademisierung des Islam zu denselben Akzeptanzproblemen führen wird wie im Christentum. Religion zwischen Aufgeklärtheit und Aufklärungsresistenz 25 Dieses Recht besitzen selbstverständlich auch prinzipiell aufklärungsre- sistente Religionen. dass die Kriterien dessen. die Grenzen ohne Machtverlust und Identitätsaufgabe lo- ckern zu können. Es ist auch ein schwieriges Unterfangen. Erst die Zuversicht. der einer Überdramatisierung vorbeugt. was als aufgeklärt gilt. Denn die Aufklärungsresistenz ist ja nicht nur eine intellektuelle Position. die sich für aufgeklärt halten. die ihrer Opposition zu Milieus. Denn Aufklärung ist kein linearer ideengeschichtlicher Prozess. Das bedeutet zum einen. Reinbek. um mit ihnen adäquat kommunizieren zu können. Der Mythos des Sisyphos. Gleichwohl steht zu erwarten. in stetem Wandel begriffen sind.

10.15 13:46 .Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.

handelt es sich – gerade in ihrer Unterschiedenheit – um Theologien des liberalen Typus. Die Ausgangsintuition war ja die Beobachtung. wie man weiß. dass sich Theo- logien des liberalen Typs um die explizite Wahrnehmung des authentisch Religiösen in ihrer jeweiligen Gegenwart bemühen. die den Blick auf die Gegenwart leiten. die insofern zu ihrem Begriff gehört. die sich der Aufgabe annimmt. das religiös Authentische und die Bedingungen der Gegenwart zugleich zu reflektieren.10. Dieses Wissens versichert sich die aufgeklärte Religion durch Theologie. Niemand ist in der Lage. Das hat zur Folge. Diese Partikularität bedingt eine mögliche Plura- lität der Ausgangspunkte. so oder anders durch- geführt. Gegenwartsdiagnose ist daher. aber von sehr verschiedenen Formatierungen durchzogen sind.15 13:46 . die sich zu ihrer Gegenwart an der Zeit weiß. kann liberale Theologie heißen. Die Theologie. Damit rückt das Phänomen der Gegenwart selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit. Daher hat man es am Ende mit einem ziemlich unübersichtlichen Geflecht von unterschiedlichen und konfliktträchtigen Ganzheitsvor- stellungen zu tun. und die Unterschiede ergeben sich nicht zuletzt aus einer verschiedenen Wahr- nehmung der jeweiligen Gegenwart. Alle Versuche einer Gegenwartsdiagnose stehen. müssen sich in ihm doch das religiös Zutreffende und das zeitgeschichtlich Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. stets ein hermeneutisches Experiment. denen jedoch jeweils entsprechende Ver- ständnisse des Allgemeinen im Verständnis der Gegenwart korrespon- dieren. die sich hinsichtlich ihrer empirischen Beschrei- bungskraft überlappen. um über die Wahl des hier bevorzugten Perspektivpunktes genauer Rechenschaft zu geben. Deren erste ist die Zugehörigkeit der Beurteilungsmaßstäbe zum Gegenstand der Unter- suchung selbst. Ich erinnere an diese wohlbekannten Umstände nur. Theologie der Gegenwart Dietrich Korsch Aufgeklärte Religion ist die Religion. Wenn man den Begriff einer liberalen Theologie in diesem strukturellen und unpolemischen Sinn versteht. unter nicht einfachen methodischen Rahmenbedingungen. denen sich dieser Kongress widmet. kann man weiter sagen: Bei den Theologien. dass es notwendigerweise immer partikulare Perspektiven sind. um sich von außen auf sie zurück zu beziehen. aus der Gegenwart auszusteigen.

Über die Religion. 181 (Originalpaginierung: 282). Drittens soll es dann darum gehen.15 13:46 . wiewohl historisch entstanden. das sich.“1 Dieses Wort Friedrich Schleiermachers aus der Fünften Rede.10. mit dem er die Un- terscheidung zwischen der historischen Entstehung von Religionen und ihrer strukturellen Formierung einleitet. 1 Friedrich Schleiermacher. dass es um eine spezifisch religiöse Geltung der Religion zu tun ist. doch einer Sub- sumtion unter das historische Vergehen widersetzt. dass das allgemeine Merkmal von Religion. ist fast sprichwörtlich geworden. dass die im Ein- gangszitat statuierte Differenz der Aufklärung der genannten Missver- ständnisse dienen will – in dem Sinne nämlich. um das – voraufklärerische – Ineinander von geschichtlichem Werden und religiösem Gelten aufzulösen. wie – im Kontakt mit dieser Diagnose – eine heutige Theologie des liberalen Typus aussehen könnte. Günter Meckenstock. aber es ist auch die Quelle großer Mißverständnisse. Dabei wird sich der geschichtliche Unterschied der Gegenwarten in der Weise dartun. Bekanntlich besteht Schleiermachers Auffassung von der Eigentümlichkeit des Christentums als positiver Religion darin.28 Dietrich Korsch Einleuchtende bündeln. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Troeltschs und Tillichs zu erkennen ist. das macht den zweiten Ab- schnitt aus. denn wenn tatsächlich zwischen Genese und Geltung zu unterscheiden ist – worauf gründet sich dann die Geltung? Und inwiefern kann ein religiöser Geltungsanspruch geschichtlich wirksam sein und vielleicht auch bleiben? Nun ist es bei Schleiermacher klar zu erkennen. Berlin/New York 1999. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. v. Nun kann man einwenden. In seiner ganzen lakonischen Knappheit ist es ein erstklassiger Ausdruck eines komplexen methodischen Problems. Ich möchte in einem ersten Abschnitt in Erin- nerung rufen. dass diese Differenz ja selbst erst eine von der Aufklärung hervorgebrachte ist – und dieser Einwand ist auch richtig. dass sich die Frage nach einer heutigen Gegenwartsdiagnose unter dem Zeitmodus unserer Gegenwart selbst stellt. inwiefern und in welcher Gestalt das an den Theologien Schleiermachers. „Religiöse Menschen sind durchaus historisch: das ist nicht ihr kleinstes Lob. 1. Denn die Unterscheidung wird ja vorgenommen. Gegenwart als Thema der liberalen Theologie a. Er verschärft aber gerade in seiner Triftigkeit das Problem. hg. In der Religion muss es also etwas geben.

Oder genauer: Im Christentum werden die Bedingungen der Geschichte namhaft. Der Rechtfertigungsrahmen ist eine – perspekti- visch ausgelegte – Anthropologie. Zwischen unmittelbarem religiösem Geltungsanspruch und historischer Nivellierung wird die Tradition einer personal begründeten und struktureröffnenden Geschichte wirksam. die mit dem bleibenden Über- wiegen des religiös konstituierten reinen Selbstbewusstseins über das sinnliche zu rechnen erlaubt. Vielmehr muss eine Vermittlung gedacht werden. die in der Religion des Christentums abschließend und un- überbietbar aufgedeckt worden ist und kultiviert werden soll.Reden‘. Hier kommt der Gedanke der Selbstbezeugung Jesu Christi ins Spiel. so muss man Schleiermachers implizite Hintergrundannahme für diese Figur verstehen. ist nun aber auch in seiner Gegenwart geschichtlich möglich. Denn Christi Einführung derjeni- gen anthropologischen Konstellation. dass das Unendliche selbst diesen Wi- derstand des Endlichen überwindet. so in- terpretiert und aufgelöst wird. die um ihre Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Innerhalb einer Geschichte. Denn mit einem Neben- einander von Anthropologie und Geschichte kann es nicht abschließend sein Bewenden haben.Glaubenslehre‘ ausgeführt wird. die selbst historisch und prinzipiell ist. die nun – in bleibender Anhänglichkeit an die sie generierende Religion oder auch in Absetzung davon – konstant erhalten bliebe. Theologie der Gegenwart 29 nämlich das Widerstreben des Endlichen gegen das Unendliche. lebt zugleich in seiner geschichtlichen Vermittlung im Gesamtleben der Kirche – und in diesem vom lebendigen Kontakt mit dem Erlöser. Es handelt sich damit also um eine für die Verknüpfung von Weltverhältnis und Selbstverhältnis maßgebliche anthropologische Struktur. wie er in der . Die allgemeineren Formen von Anschauung und Gefühl in den . Allerdings kommt nun eine weitere Notwendigkeit ins Spiel – und erst die macht die Sache wirklich interessant. die das Geschehen der Geschichte zu verstehen erlauben – und zwar gerade in der Konzentration auf das sich in der Geschichte orien- tierende Bewusstsein.Glaubenslehre‘ lassen sich mit kleinem Aufwand dieser Struktur ein- schreiben. Das heißt: Der Geltungshorizont der Religion überschreitet in der Geschichte die Bedingungen der Geschichte. unter denen er ausgesprochen wurde.15 13:46 . noch sind die Zugangsbedingungen zu diesen anthro- pologischen Einsichten bloß subjektiv und beliebig. Weder ist die Anthropologie nur eine religiös entdeckte allgemeine Struktur. Die anthropologische Struktur der Geltungs- bedingungen der Religion wird so ins Geschichtliche transformiert.10. aber je gegenwärtig an- geeignet werden kann und muss. Das. die als solche im allge- meinen Zusammenhang der Geschichte steht. aber auch die Formeln der .

aber zugleich auch der Zusammenhang dieser Gegenwartskraft mit der Ver- gegenwärtigung und Verlebendigung der geschichtlichen Grundlagen.a.“2 Die Nähe dieser Auffassung Tro- eltschs zu Schleiermacher ist so deutlich wie ihr Unterschied zu ihm sprechend ist. […] Jene Grundlagen aber nimmt der Glaube auf.. „Es ist“ sagt Ernst Troeltsch in seiner Glaubenslehre „am Glauben in erster Linie seine innere Gegenwartswahrheit und Kraft zu betonen.10. nicht geschichtswissenschaftliche Sätze. 4 A. diese Texte aus einer religiösen Rezeptionshaltung heraus heute zu entschlüsseln und zu verstehen. Nach Heidelberger Vorlesungen aus den Jahren 1911 und 1912. 3 A. 5 Ebd. b. mit dem Resultat einer „Umwandlung der Seelen durch die Wirkung Jesu“5. Es lässt sich beobachten. wertet und deutet sie re- ligiös als Höhepunkt der göttlichen Selbstmitteilung und Offenbarung. wie massiv der Historiker Troeltsch die gegen- wartsbestimmende Kraft des Glaubens unterstreicht. Und das. das sich im Falle des Christentums elementar durch „die geschichtliche Persönlichkeit Jesu“4 anregen ließ – und dass es möglich ist. 102. „Diese Deutung aber muß aus dem geschichtlichen Sinn und Geist der Sache selbst hervorgehen. 85. So ergeben sich die historisch-religiösen Sätze als wirklich religiöse. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:46 . Glaubenslehre. aus einer bestimmten Aneignung der Geschichte. die Wertung und Deutung genannt wird.O. München/Leipzig 1925. darf also kein willkürliches Spiel der Phantasie sein.“3 Im Hintergrund dieser Auffassung steht die Überzeugung.O. dass religiöse Texte historische Produkte eines religiösen Bewusstseins sind.30 Dietrich Korsch Bestimmungsbedürftigkeit weiß. aber ins Allgemeine hinauslaufende Gesamtgeschichte zu. Zunächst fällt auf.a. kommt der Geschichte Christi in seiner Kirche die Aussicht auf eine partikular begründete. obwohl er – im Abstand von 100 Jahren – noch kräftiger als Schleiermacher den Unterschied zwischen dem methodischen Bewusstsein der Geschichts- forschung und der Glaubensüberlieferung markiert.. 103. die sich von religiösen 2 Ernst Troeltsch. aber auch unbe- stimmter angelegt ist als bei Schleiermacher. dass die von Troeltsch unterstellte Rezep- tionsfähigkeit des religiösen Bewusstseins breiter. Troeltsch geht es um die religiös deutende Sinnsuche in der Geschichte. Woher rührt dann die Gegenwartswahrheit des Glaubens? Nun.

Die Individualität Jesu wird viel- mehr ganz und gar über die Struktur des Paradoxes ausgelegt. das durch das Ineinander von „Essenz“ und „Existenz“ im „Neuen Sein“ charak- terisiert ist. Denn keineswegs liegt die Bedeutung des Christus in seiner historisch erkennbaren religiösen Persönlichkeit. 261 – 436 (Abschnitt I und II). 8 Paul Tillich. Stuttgart 1958. (1896).“9 Die Rezeptionsbedingung des historischen Faktums ist in der Weise in ein ontologisch-anthropologisches Spannungsfeld eingestellt. Die Selbständigkeit der Religion. stellt dann die Konkretion in einem allge- meineren religiösen Erwartungshorizont dar. ist das Paradox der christ- lichen Botschaft. Dass dabei innerhalb der religiösen Wir- kungsgeschichte Jesu Erfahrungen aufscheinen wie die einer Vertiefung der eigenen Persönlichkeit „durch Glaubens.und Willenshingabe an den in Jesus offenbarten Gott“6.O.a. 102.“8 Paul Tillich teilt mit Schleiermacher und Troeltsch die Affirmation der kritischen Bedeutung des historischen Bewusstseins. ZThK 6.15 13:46 . „Die Erscheinung des Neuen Seins unter den Bedingungen der Existenz.. also im Kon- text gegenwärtiger Geistesformationen zu profilieren. die Macht in ihm erfahren. „Jesus als der Christus ist sowohl ein historisches Faktum als auch der Gegenstand gläubiger Aufnahme. noch vermittelt sich seine Wirkung durch die Vermittlung einer strukturbil- denden Rezeption in der Geschichte. Theologie der Gegenwart 31 Persönlichkeiten anregen lässt. 108. Dabei kann man. dass dadurch das Wahrnehmen dieses Faktums mit dessen rettender Funktion zusammenfällt. 167 – 218 (Ab- schnitt IV). die die existentielle 6 Ebd. der als Referenz der Religion unabdingbar ist. das hat Troeltsch spätestens nach dem großen Selbständigkeitsaufsatz von 1895/967 beschäftigt. von der Präsenz eines geistesgeschichtlich wirk- samen Personalismus in der westlichen Kultur ausgehen. 71 – 110 (Abschnitt III). „Das Neue Sein in Jesus als dem Christus erfahren heißt.10. so lautet bekanntlich Troeltschs Überzeugung bis in die letzten Jahre seines Wirkens hinein. ST II. Die Vermittlungsebene der geschichtlichen Religion rückt derart schärfer unter das Vorzeichen ge- genwärtigen religiösen Sinnbedürfnisses – und diese ist entsprechend. 9 A. anthropologisch zu plausibilisieren. Die Bedingungen der religiösen Aufnahme freilich werden spezifisch anders konfiguriert. sie richtend und überwindend. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 7 Ernst Troeltsch. c. in: ZThK 5 (1895).

im extremen Falle. teils mehr explizit gemachten Gegenwartsdiagnose ab- hängig. Darum konnten wir in dem raschen Überblick der Positionen auch deutliche Veränderungen – bei geteilten Grundvor- aussetzungen – beobachten.a. einer in sich widersprüchlichen Existen- tialisierung als Auflösung der im Leben wirksamen Spannung andererseits. die aufklärerische Perspektive hat eine Unterscheidung eingeführt zwischen der histori- schen Abfolge von Traditionen und ihren Geltungsbegründungen. die bei Tillich in vielen anderen Schriften nicht nur implizit durchgeführt wird. die solche Geltungsansprüche absichern und plausibilisieren können.15 13:46 . diese Steigerung sogar darin wahrgenommen finden. Diese Figur geht nun selbst auf eine Gegenwartsdeutung zurück. die jedoch bei ihm. dass die Plausibilisierungsstrategie eben darin 10 A. 136. anders als bei Troeltsch. in dem solche Gegen- wartsdiagnosen ausgesprochen werden müssen.10. eine klare Tendenz zur Überzeitlichkeit besitzen.32 Dietrich Korsch Entfremdung in ihm selbst und in jedem. dass nur die paradoxe individuell-existentielle Vergegenwärtigung und Über- windung ontologisch widersprüchlicher Strukturen als zeitgemäße und religiös authentische Wahrnehmung des Religiösen in Betracht kommt. Erstens. d. im Laufe der Geschichte steigt. die Reinheit der Geltungsbedingungen. dass der Grad. in unserm Falle: der Religion.O. ist selbst von der Wahrnehmung der jeweiligen Gegenwart abhängig. zu steigern. die Art und Weise der Ein- führung von Kriterien. Für ein Zwischenfazit genügen vier Sätze.. Wir stehen hier also vor dem selbst wieder paradoxen Verhältnis zwischen einer ins Überge- schichtliche tendierenden Ontologisierung der Bedingungen gegen- wärtigen Verstehens einerseits. überwin- det. Drittens kann man sagen. Jahr- hundert erscheint seinem Blick als so radikal erlösungsbedürftig. Seine Gegenwart im krisendurchtränkten 20. der an ihm teilhat. Man kann. Zweitens. Diese sind nicht zufällig. Den Überle- gungen Troeltschs kommt Tillich nahe durch die Ausarbeitung allge- meiner Verstehensstrukturen. sondern als Paradox zugleich überwunden und festgehalten bleibt. sondern von einer teils weniger.“10 Mit den Aufstellungen Schleiermachers verbunden ist bei Tillich die basale Schematisierung des anthropologischen Grundverhältnisses im Modus eines Gegensatzes – der freilich nicht auf geschichtlichem Wege einer Minderung und tendenziellen Auflösung entgegengeführt. Da- mit wird im Prozess der Überlieferung differenziert – und zwar durchaus mit dem Interesse. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.

gehört auf alle Fälle zur Signatur desjenigen Typus von Theologie. eine bestimmte Lektüre der Theologie Karl Barths könnte dieser Auffassung sein. ist eine Vertiefung des Fundaments. zwischen diesen drei Konstellationen so etwas wie eine Kontinuität der Ent- wicklung zu behaupten. Über die Religion (s. wogegen bei Tillich eine einiger- maßen harte ontologische Struktur aufgeboten werden muss. dass das Verständnis der Zeiten selbst eine historische Signatur trägt. Theologie der Gegenwart 33 besteht. von dem er in der Zweiten Rede spricht11 – eine „höhere Geschichte“ annehmen. die Zeitdiagnose gerade nicht zum Thema der Theologie zu machen. Doch ob es eine Nötigung zu dieser Konsequenz gibt. den letzten in unserer Reihe zu nennen – ist nicht (mehr) unsere Gegenwart. Anm. die die Maßstäbe der Ge- 11 Schleiermacher. in der Geltung und Tradition zusam- mengehen (und zwar unter der Führung der Geltungsebene).15 13:46 . Sie soll nun im Ausgang vom Phänomen unserer Gegenwart selbst in allerersten. Die Gegenwart der Gegenwart Zu den aus dem Historismus überkommenen und nicht wieder aufzu- gebenden Einsichten gehört es. das die Last der Geltungsbe- hauptung tragen soll. so läuft die Sache bei Troeltsch doch auf das eher mittelbare Nebeneinander von historischem Faktum. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. eine schlichte Einsicht besagt. a. der im hier unterstellten Sinne als li- berale Theologie bezeichnet wurde. Dass eine explizite Entsprechung von Gegenwartsver- ständnis und Religion angestrebt wird. dafür umso holzschnittartigeren Ansätzen versucht werden. Nimmt man für die heutige Reflexion die Zeitmodi als Ausgangpunkt. Die Gegenwart Tillichs – um nur ihn. o. dass für eine li- berale Theologie heute eine eigene Gegenwartsdiagnose auszuprobieren wäre. darin verborgener Sinndimension und differen- zierter Rezeptionskompetenz hinaus. die für die Bedingungen des Verstehens in Anspruch zu nehmen ist. worin die Ver- gangenheit der Gegenwart besteht. 2. Könnte man bei Schleiermacher – analog zum „höhern Realismus“. 81 (Originalpaginierung: 54). was sich im Verlauf libe- raler Theologie von Schleiermacher über Troeltsch zu Tillich beobachten lässt. dann lässt sich am leichtesten die Frage beantworten. In dieser Hinsicht nämlich ist das prinzipielle Credo der Aufklärung ungebrochen: Es ist nicht die Vergangenheit. sei dahingestellt. 1).10. Viertens. Es wäre ein kühner und ausführlich begründungsbedürftiger Versuch.

Der Antitraditionalismus im Verhältnis zur Vergangenheit schlägt um in einen konstruktiven Traditionalismus im Umgang mit der Zukunft. Sucht man auch hier nach einem vorzüglichen Beispielfeld. Gewiss ist es so. Wie ist es um die Zukunft der Gegenwart zu tun? Das lässt sich exemplarisch an dem Ausdruck „zukunftsfähig“ ablesen. das aber sich angeblich auf eine bevorstehende und hereinbrechende Zukunft zugeht. Insofern wird im Terminus „zukunftsfähig“ reale Zukunft gegenwärtig verbraucht. Das Novum bleibt auf die Gegenwart be- schränkt. stellen daher nichts anderes dar als eine Prolongation der Gegenwart – und werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach als unterkomplex erweisen. dann kommt die sog. im Blick auf die Geltung bestimme sich die Gegenwart nicht aus der Vergangenheit. „Schuldenkrise“ in den Blick. die eine Zukunft vorwegzunehmen bean- sprucht. aber doch nicht anders als im Sinne einer Illustration. dann kann man auf die jüngste Geschichte der deutschen Universität verweisen und sich alle weiteren Detailbemer- kungen ersparen. Im Blick auf die Zukunft aber wird realiter das Gegenteil inszeniert: Die Zukunft ist nichts anderes als das Produkt der Gegenwart. die für „Zukunftsfähigkeit“ in Anspruch genommen werden. die man gar nicht kennen kann. Die Selektionsmechanismen. der inzwischen sogar schon in den kirchlichen Sprachgebrauch eingedrungen ist. muss jetzt gelten und sich in seinem Geltungsanspruch bewähren lassen – ohne beglaubigenden Rückgriff auf die Tradition. Damit tritt eine eigentümliche Asymmetrie im Verhältnis der Ge- genwart zur eigenen Vergangenheit und zur eigenen Zukunft auf. Der Ausdruck „Innovation“ mag das semantisch belegen.10. Aneignung der Vergangenheit und Aneignung der Zukunft vereinigen sich im Selbstbewusstsein der Gegenwart. der im Wesentlichen als Mechanismus der Absetzung von der Vergangenheit dient und sich dabei selbst die höheren Weihen des Novum verleiht.15 13:46 . Was „zukunftsfähig gemacht“ werden soll. Fragt man nach einem Erfahrungsfeld für diesen Innovationsdruck. Was gilt. Die Vergangenheit kommt in der Gegenwart vor allem unter dem Aspekt der Unterscheidung und höchstens noch der Aus- beutung von Ressourcen in Betracht. „Zu- kunftsfähig“ ist das. also die gesellschaftliche Festlegung von ökonomisch induzierten Interaktionen in der Zukunft Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die Gegenwart ist sich selbst Gesetz. dass hier und da auch auf historische Erinnerungen zurückgegriffen wird. Denn einerseits wird kategorisch behauptet. Der Verbrauch der Vergangenheit ist potentiell auch schon der Verbrauch der Zukunft für die Gegenwart. unterliegt daher einer Beurteilungsperspektive.34 Dietrich Korsch genwart setzt. dessen Zukunft noch gar nicht begonnen hat.

Sie wird ohnehin nichts anderes sein als die Gegenwart. verschwindet das Widerständige ebenso wie das Ausständige. dem sich solche Phänomen. Das wiederum ist eine Empfindung. sondern auf eine gesellschaftliche Dynamik verweisen will – dass also die vielleicht etwas abfällig klingenden Bemerkungen keine Kulturkritik des vermeintlich Besserwissenden sind. dann ist die Haltung des Wartens auf Zukunft sinnlos. Gegenstände der Welt. Gerade und nur das Einkehren in un- mittelbare Gegenwart verspricht Erfüllung. Wenn man von „Eventkul- tur“ redet und diesem Ausdruck die entsprechenden Phänomene zuordnet. Die Abgrenzung zu den flankierenden Zeitmodi der Gegenwart lässt schließlich genauer nach der Bestimmung der Gegenwart der Gegenwart fragen. Wenn alles in die Gegenwart hineingezogen wird. Der Kreislauf freilich zwischen Fülle und Leere. Ort das Ganze zu suchen. b. der damit nicht vermieden werden kann. der man nur – oder: am besten – mit Mitteln der Erfahrungsintensivierung meint be- gegnen zu sollen. der sich heute niemand entziehen kann. Auf der anderen Seite: Wo Vergangenheit und Zukunft auf diese Weise ver-gegenwärtigt werden. nach Marxens Kurzformel: dem sich selbst verwer- tenden Wert. sondern auf eine Bewegung verweisen. beginnt die Dominanz des Tauschwerts über die Gebrauchswerte.10. dessen man sich nicht einfach durch Naserümpfen entle- digen kann. als Waren zu fungieren. Vielmehr ist an ihrem. Es zeigt sich eine extreme Selbstbezüglichkeit. Wo der Markt sich geschichtlich durchgesetzt hat. Darum sei in ge- botener Kürze auf den theoretischen Ort hingewiesen. deren primärer Zweck nun in die Steigerung des Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. treten in die Perspektive ein. Die eindringlichen Diskurse über Leiblichkeit und Gefühle nehmen dieses Bedürfnis auf. dem jet- zigen. Dieser theoretische Ort ist in der Analyse des entfalteten Begriffs des Kapitals zu suchen. Angesichts dieser Eindrücke kommt es darauf an zu unterstreichen. dann liegt auch für diese Bewegung der Intensivierung ein Name bereit. Theologie der Gegenwart 35 auf die unmittelbaren Bedürfnisse der Gegenwart: „Zukunftsverbrauch“ im eminenten Sinne. liegt ebenso direkt vor Augen.und Sprachbetrachtungen verdanken. die für das Ver- sprechen der Erfüllung in gleicher Weise verantwortlich ist wie für die Erfahrung der Leere. alles dreht sich im Kreis und erzeugt den Eindruck der Leere. die für die Erhaltung und Steigerung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens benötigt werden. dass eine solche zunächst an semantischen Indizes und kulturellen Paradigmen entlanggehende Beschreibung nicht subjektive Stimmungen wiederge- ben.15 13:46 .

Denn damit wird so etwas wie eine Imprägnierung des gesamten Marktgeschehens vorge- nommen. Neu ist allenfalls – aber das ist nicht uner- heblich –. was man abgekürzt „Finanzmarkt“ nennt. eine neue Stufe der Intensivierung des Marktgeschehens begonnen. Daher spielen Traditionen als solche keine Rolle – abgesehen von Verwertungsmög- lichkeiten. andererseits als Lieferant von Ressourcen. Schon die Tatsache. der Funktion des Tausches als Bezugspunkt zu dienen. der über Dinge und Personen läuft. sofern sie keine Elemente zur Aneignung von Wert mehr bereitstellt. Abgeschrieben ist die Vergangenheit. belegt die Eigenart dieser Entwicklungsstufe – so wenig sie sich von der grundsätzlichen Markt- gesetzlichkeit entfernt hat. an denen sich der Tauschwert artikuliert. schon lange im Gange. realisiert nun seine eigene gesellschaftliche Basis. Was hier interessiert. die sich mit diesem extensiven Marktmechanismus verbinden. sondern auch auf die Verfertigungs- formen von Gegenständen in sozialer Interaktion.15 13:46 . Jahrhunderts ausgiebig gehandelt. dass das Ausmaß solcher Transaktionen den Markt. dass auf Verhältnisse der gegenständlichen oder der sozialen Welt gar keine Rücksicht mehr genommen werden muss. Seither erstreckt sich dessen Logik nicht nur auf Gegenstände. kommt nun auch phänomenal zur Erscheinung in den Abläufen computergesteuerter Transaktionen im Rhythmus von Sekunden- bruchteilen. in den Kreislauf des Marktes hineingezogen wurde. haben die an Marx anschlie- ßenden Theoretiker aus der ersten Hälfte des 20. das. neue Erwartungen bauen sich auf und andere Maßstäbe werden gesetzt. Die Dimension der Vergangenheit erscheint aus der Perspektive des sich selbst steigernden Wertes einerseits als verloren. seit der Aufklärung im Schwange.10. durch verschiedene Faktoren begünstigt. die ja für die Herstellung von Dingen nötig ist. ist die Rückwirkung dieser Situation auf das Selbstverständnis der Gegenwart. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Über die Vorgänge von Vergegenständlichung und Entgegenständlichung. In jüngster Zeit hat. Interessant ist sie allein da. Der Antitraditionalismus. wo sie dingliche oder soziale Gegebenheiten für den Marktkreislauf zur Verfügung stellt. Er verhält sich gewissermaßen reflexiv zum Marktgeschehen.36 Dietrich Korsch eingesetzten Wertes verlegt wird. Die Selbstbezüglichkeit des Marktes. Diese gesellschaftliche Konstitution von Dingen als Waren gewann da eine neue Intensität. tendenziell überschreitet. wo auch die menschliche Arbeit. sofern jetzt gar nicht mehr Dinge oder soziale Verhältnisse auf die Position des Gebrauchswertes geschoben werden. Vielmehr kommen Konstellationen des Kapitaltransfers als solche in die Rolle.

dass sich dort einerseits Ten- 12 Ausführlicher zu diesen Zusammenhängen vom Vf. Andererseits ist alles Andere auch schon in das Jetzt einbezogen. dass sich die Verwendung der Begriffe Transzendenz und Immanenz anbot. Immanenz und Transzendenz.15 13:46 . sondern besitzt so etwas wie einen transzendentalen Status – nur dass es gar kein Außen mehr gibt. Differenzkompetenz. nicht das Ding an sich zu sein. Eine Anmerkung zur transzendentalen Struktur des Religionsbegriffs. die religionsproduktiv wirkt. Jede potentielle Setzung von Gegenständlichkeit kann sofort wieder zurückgenommen werden.). nicht verwunderlich ist in diesem Zusammenhang der erkenntnistheoretische und soziale Konstruktivis- mus. in die Gegenwart eingepreist. Zunächst wird man sagen können. Keineswegs aber werden von der Zukunft Veränderungen der Interaktionsmodelle des Marktes selbst erwartet. indem sie Vergangenheit und Zukunft gleichsam in sich bannt. die sich aus all dem für die Religion der Gegenwart ergeben – dass hier religionstheoretische Folgerungen naheliegen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. seiner empirischen Genese und seiner theologischen Kritik. deutete sich ja schon darin an. Die Gegenwart der Gegenwart verbindet. Genau das kennzeichnet ja die religiöse Lage in den entwickelten Gesellschaften des Westens. der auf keine „Natur“ mehr referiert. indem sie gesell- schaftliche Wirklichkeiten erzeugt. Theologie der Gegenwart 37 Die Zukunft ist. Leipzig 2012. das verläuft. c. die die Gegenwart bestimmen – und nur unter deren fortgesetzter Geltung wird die Zukunft überhaupt gesellschaftlich empfindbar. Religiöse Bildung in der Zeit.12 Dieser Typus von Transzendenz legt sich sodann aus in einem Wechselspiel von Vergegenständlichung und der Zurücknahme. vorgenommen werden könnte. wie man in den Börsennachrichten sagt. Es gibt unter ent- falteten Marktbedingungen des Kapitals so etwas wie eine gesellschaftlich induzierte Transzendenz. in: Thomas Klie/Dietrich Korsch/Ulrike Wagner-Rau (Hg. Warentausch und Religion. 111 – 124. Das Jetzt ist gar nicht etwas. die sich dem unmittelbaren Zugriff entziehen. ja überhaupt das Merkmal der Unhintergehbarkeit an sich tragen. Einerseits ist das Ganze im Jetzt gegenwärtig.10. mit Bezug auf das die transzendentale Selbstbegrenzung. Die Vorwegnahme der Zukunft erfolgt auf der Linie der Determinanten. die insoweit ab- strakte Vorbereitung auf die Zukunft („zukunftsfähig“) erfolgt nach den gegenwärtigen Maßstäben. Von besonderem Interesse sind an dieser Stelle natürlich die Konse- quenzen. insofern sich der Veränderbarkeit widersetzen. dass es die Situation der Gegenwart selbst ist..

auch ihren Bedingungen – unabhängig davon. dass diese scheinbar gegenläufigen Tendenzen sich einer ge- meinsamen Grundbewegung der gesellschaftlich-ökonomischen Wirk- lichkeit verdanken. andererseits auch deren Auflösung im Be- wusstsein des Gesetztseins derselben. Theologie der Gegenwart Zweipolig sei die Struktur liberaler Theologie. eine Klammer aufgemacht zwischen akuter Geistpräsenz im Jetzt und einer Zukunftsperspektive. dass in diesen Erwägungen ihr Charakter des hermeneutischen Experiments besonders deutlich spürbar wird. sondern als ein Spannungsgegensatz. Die von dieser Wirklichkeit heraufgeführte Tran- szendenz unterliegt. 3. bleibt gegeben. dass durch die eigene Lebensführung die religiös schematisierte Zukunft in einen gangbaren Weg der Le- bensentwicklung überführt wird.10. wie sich das im Bewusstsein der Beteiligten darstellt. wenn man andere Beobachtungen für elementar hält: die Aufgabe für eine liberale Theologie. lautete die anfänglich geäußerte Einsicht. In- dem sie eine Tendenz beschreiben – die zur Ver-gegenwärtigung –. lassen sie sich als kategoriale Vorschläge zu weiterer empirischer Forschung verstehen – und wollen nicht als abschließende Sachverhaltsbeschreibungen gelten. sich auf eine Analyse der Gegenwart einzustellen. Denn hier wird. der so wider- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Es ist wichtig zu sehen. Es versteht sich von selbst. warum in weniger entwickelten Gesellschaften Bewegungen des pfingstlerischen Spiritualismus en vogue sind. Das ist nicht im Sinne einer ästhetisch befriedigenden Ellipse gemeint. Aus dieser Perspektive der Gegenwart der Gegenwart lässt sich auch verstehen. Fundamentalismus und die Sehn- sucht nach Mystik sind zwei Seiten derselben Medaille. wie man analytisch sehen kann.38 Dietrich Korsch denzen der Verfestigung religiöser Weltbilder zu einem ausgeprägten Vorstellungskosmos finden. Der Erfolg der Pfingstkirchen korreliert mit ihrem sozialen Aufstiegsversprechen. wenn sie aufgeklärte Religion befördern will. die so etwas wie ein gehaltvolles Anderes im Auge hat. Allerdings beruht der Erfolg dieser Kombination darauf. mit den Mitteln der Ge- genwart die Zukunft zu bestimmen. Insofern folgt auch diese reli- giöse Strömung dem Gesetz der Gegenwart. Auf welche Modifikationen in der Beschreibung der Gegenwart man aber auch immer kommen mag. durchaus mit produktiver religiöser Kraft.15 13:46 . zu der es immer auch Gegenbewegungen gibt.

Dass dabei eine Interde- pendenz von Gegenwartswahrnehmung und theologischer Explikati- onsaufgabe besteht. als sei sie nicht nur eigenen Rechtes. unbedingte Gegenwart zu reklamieren. an dem die Aufgaben koinzidieren. reli- gionskritische und selbstkritische Theologie – am Ort ihrer Gegenwart. die Gestalt aufgeklärter Religion theologisch als schlichte Transposition eines auch sonst umlaufenden Gegenwartsbewusstseins dechiffrieren – noch lässt sich eine Separation der Religion von der Gegenwart durchführen. Der zweite – konstruktive – Schritt der religiösen Selbstbehauptung aufgeklärter Religion besteht dann etwa in der Intuition. dann bildet genau diese Gegenwart die Ausgangsbedingung. um unbedingte Gegenwart als Ausgangs- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Theologie der Gegenwart 39 sprüchliche Elemente wie historisches Bewusstsein der Gegenwart und letzte Glaubensgewissheit zusammenzwingt. wie sie gern erscheinen möchte. Es ist vielmehr der Ort der Gegenwart selbst. dessen ontologische Fassung der Verstehensbedingungen hatte sich ja am deutlichsten von den Umständen historischer Vermittlung entfernt. gilt unter Bedingungen der Perspektivität und möglichen Pluralität auf alle Fälle. wie sie sich kulturell in der bevorzugten Erlebnisform des Events dokumentiert und wie sie sich in den vielfältigen Gefühlsdiskursen artikuliert. Weder lässt sich also. dass die geschichtliche Konzentration auf die Gegenwart erkauft ist um den Preis eines Aufsaugens der Vergangenheit wie auch der Zukunft. an der aufgeklärte Religion zu behaupten ist. dann heißt das freilich sofort: Die beiden Aufgaben sind weder identisch noch ausein- ander herzuleiten. welche Ausgangspunkte man auch immer wählt.15 13:46 . Insofern ist die mit dieser Bewegung der Ver-gegenwärtigung verbundene Einheit von Immanenz und Transzendenz selbst eine bedingte – und keineswegs so absolut. Dass in diesem Ausdruck eine bei Tillich breit repräsentierte Figur aufscheint. sondern auch eine eigene Wirklichkeit. auf den sie verpflichtet ist Wenn sich als Grundmerkmal unserer Gegenwart deren progressive Intensivierung herausstellt. Nimmt man also die konstruktive Perspektive ein. Liberale Theologie ist also in ihrer Grundverfassung gesellschaftskritische. die aufgrund ihrer strukturellen Nähe zu dieser in ihrer religiösen Eigenart nicht auszuweisen ist. ist unübersehbar.10. Der erste – kritische – Schritt dieser Behauptung besteht in der Einsicht. Wenn die Behauptung dieser Zweipoligkeit zutrifft. in scheinbar ideologiekritischer Absicht. Das erfordert seitens der li- beralen Theologie eine Kritik an der Verfasstheit der Gegenwart im Namen der authentischen Religion – und auch eine Kritik der mit dieser Gegenwart synchronen Religion.

dann ist damit auf alle Fälle eine Unterscheidung zu der bedingten Gegenwart zu markieren. Im gleichen Maße. Diese Position ist jedoch nur dann nicht die Wiederholung der kritisierten Unselbständigkeit. Erst in der Individualität kommt die hier gemeinte Personalität vollends zu sich. wenn sie mehr darstellt als das Produkt der Abgrenzung. Es zeigt sich aber auch. so wenig auf sie als Medium verzichtet werden kann. in dem aus der Personalität individuelles Selbstsein im Modus unbedingter Gegenwart entsteht. versteht sich von selbst. sich vollständig verrechnen zu lassen. Ist Personalität als Dimension aufgeklärter Religion theologisch einsichtig zu machen.40 Dietrich Korsch punkt aufgeklärter Religion zu statuieren. Der Personalismus Troeltschs muss also keineswegs als geistesgeschichtliche Großwetterlage in An- spruch genommen werden – er ergibt sich schon aus dem Vorgang der Bestimmung unbedingter Gegenwart selbst. dass es sich beim Merkmal der Personalität nicht um ein leicht abzuschüttelndes vorneuzeitliches Relikt in der Gottesvorstellung handelt.10. der freilich nicht in die Figur einer (auch) historischen Herkunftslinie ein- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dann widersetzt sich diese einer Einvernahme in die Dynamik der Warengesellschaft. wenn für die unbedingte Gegenwart eine eigene Bezugsdimension angegeben werden kann. Damit tritt ein nichtnegierbares personales Gegenüber ins Spiel ein. Denn Personalität ist Selbstsein im Bezogensein. sondern baut sich erst in der Bezugnahme auf. dass hier aus der Perspektive konstitutiver Gegenwart ein Anschluss an Schleiermacher vorliegt. Die Behauptung von Personalität besteht nicht zuletzt in einer Weigerung. muss auch das Gegenüber die Schranken allgemeiner Personalität überschreiten und zum Individuum werden. Es ist offenkundig. die alles verrechnen will. sondern um eine je länger je mehr nötige Grundbestimmung (so dass man geradezu umgekehrt die Personalitätskritik auf ihre Motive und Strukturen hin zu untersuchen hätte). Die gesuchte Instanz der Bestimmung kann nun aber nicht von ir- gendwoher gegeben sein. Dass die Weigerung nicht auch schon aus dem Widerstreit mit der Bewegung herausnimmt. die dezidiert nicht-weltlich ist. Denn nicht bereits die Zugehörigkeit zur personalen Welt versichert unbedingte Gegenwart. dass die Behauptung unbedingter Gegenwart stets an einen individuellen Vollzug geknüpft ist. als die die gesellschaftlich induzierte Immanenz-Transzendenz der Gegenwart auftritt. Das ist nur dann möglich. dann ist damit der Boden vorbereitet für den nächsten Schritt – nämlich die Tatsache. wenn sie also auch noch eine „höhere Bedingtheit“ aus- schließen kann. Wird also die Bezugsinstanz der unbedingten Gegenwart personal ausgelegt.15 13:46 .

die aufgeklärter Religion dient. Darum ist aber auch das. Die Motiv-Anschlüsse an Schleiermacher. die sich den subtilen Vermittlungsstrategien der Ver-gegenwärtigung entzieht. dass den Ausgangspunkt ein akutes Selbstinteresse an „realer. Eben in dieser kritischen Funktion ist die Christologie auch seitens einer liberalen Theologie zu durchdenken. dann könnte man vorzüglich an das Abendmahl und an das Gebet denken. wie es in der Konzentration der Gegenwart auf die Gegenwart selbst sich ausspricht. Fragt man nach Medien einer solchen Frömmigkeit der unbedingten Gegenwart. Theologie der Gegenwart 41 geschrieben werden muss – und auch nicht mehr eingeschrieben werden kann. Worin genau besteht aber jetzt der Unterschied in der Verfahrensweise einer liberalen Theologie heute insgesamt und im Unterschied zu den drei Bezugstheologien? Er liegt darin.15 13:46 . Auf der einen Seite ist die Konzentration auf die Gegenwart ein Resultat der Immanenz-Transzendenz der modernen Gesellschaft. die der Horizont unbedingter Gegenwart wird.10. was seitens aufgeklärter Religion für die Vergegenwärtigung solch unbedingter Gegenwart ins Spiel kommt. Die christologische Pointe der Gotteslehre ist unabdingbar für konkret unbedingte Gegenwart – und das religiöse Verhältnis zu Jesus von Nazareth ist nicht das einer historischen Abkünftigkeit. im Gebet um die Einstellung auf eine immer neue Zukunft. un- bedingter Gegenwart“ bildet. von dem symbolisch zu reden ist. auf der ande- ren Seite stellt gerade das ein hohes Maß von Abhängigkeit dar – das dem Unbedingtheitsanspruch im Selbst nicht entspricht. jenseits historischer Vermittlung. Erst eine nicht mehr gesellschaftlich vermittelte Transzendenz kann dieser mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Intention Genüge tun. Es wäre ein interessanter Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. woher sich diese Gegenwart bestimmt – und die Bestimmung ist strittig und umkämpft. Gott in der individuellen Gestalt Jesu Christi ist der Ankerpunkt für unbedingte Gegenwart. Im Ausgang von beidem ließe sich eine kritische liberale Theologie konfigurieren. Unbedingte Gegenwart – von diesem kritisch-konstruktiven Aus- druck ließen sich die hier vorgetragenen Überlegungen leiten in der Umschreibung der Aufgaben einer liberalen Theologie. Troeltsch und Tillich sollten nicht verheimlicht werden. sondern der Gleichzeitigkeit des Geistes im Unterschied der Zeiten. so sehr es in humaner Kom- munikation sich äußert. Die Frage ist. Denn im Abendmahl geht es um die Ver- dichtung des Inbegriffs der Vergangenheit in einer unmittelbare Ge- genwart. dessen Verwirklichung aber selbst vom indivi- duellen Auftreten unter den Bedingungen humaner Selbstverständigung abhängt. selbst auf einem unbedingten Grund. Es ruht.

unter denen wir jetzt leben. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. was die Gegenwart auszeichnet: dass sich im Modus unbedingter Gegenwart eine Selbst-Präsenz mit und durch Gott ereignet. Von einer solcherart konstituierten unbedingten Gegenwart her er- öffnen sich auch Vergangenheit und Zukunft überhaupt. die Dogmatik auf diese praktischen Vollzüge der Religion hin zu perspektivieren.10. Von diesen Momenten des Erfülltseins aus lassen sich dann auch die Rahmenumstände in Geschichte und Gegenwart schätzen. die uns manchmal Beschwer machen. es lassen sich auch die Tendenzen differenziert beurteilen. die vergangen ist. ohne schon immer ausgebeutet und nivelliert zu werden. in denen eben wieder das geschieht. Denn die Vergangenheit kann von der erfüllten Gegenwart aus geschätzt werden – als die Zeit.15 13:46 .42 Dietrich Korsch Versuch. dazu will eine Theologie der Gegenwart die aufgeklärte Religion anregen. in der aber jeder Moment selbst schon als Moment un- bedingter Gegenwart ausgezeichnet war. Und die Zukunft wird erwartet als erfüllt von Momenten. Im widersprüchlichen Geflecht der Zeiten am Ort der Ge- genwart standzuhalten.

Santeri und ihre Globalisierung. Tradition und Innovation in einer afrokubanischen Religion. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik.15 13:47 . und „fremden“ Religionen. Würzburg 2012. zu denen nun die volksreligiösen Kulte gezählt werden. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 2 Claudia Rauhut. diese möge das Land von Putin befreien. Einleitung Angesichts der vielfachen – und in mancher Hinsicht durchaus begrün- deten – Rede von der „Wiederkehr der Religion“ könnte man die Frontstellung gegenüber der Religion. Das Experiment DDR und die Spannungen der Moderne Monika Wohlrab-Sahr 1. belegt dies eindrücklich. Kuba versucht ebenfalls. die ehemals verfolgten volksreligiösen Kulte durch Kulturalisierung einzubinden (und damit zu entschärfen) 1 und sieht sich überdies einer stark wachsenden christlichen Hauskirchenbewegung gegenüber.2 Und in vielen orthodoxen Ländern sind nach dem Ende des Sowjetstaates die alten Bündnisse zwischen Staat und ortho- doxer Kirche wiederhergestellt worden: In Georgien ist die georgisch- orthodoxe Kirche zur Staatskirche geworden. Selbst China versucht heute. die sich in einer russisch-orthodoxen Kirche in einem Gebets-Happening an die Jungfrau Maria gewandt hatten. und in Russland korre- spondiert mit der verstärkten Hinwendung der Bevölkerung zur Or- thodoxie eine demonstrativ zur Schau gestellte Nähe zwischen Staat und Kirche. als ein Phänomen der Vergangenheit ansehen. die nach wie vor starken Sanktionen ausgesetzt sind. 1 Es kommt hier zunehmend zur Gegenüberstellung eigener kultureller Tradi- tionen. und die dafür wegen „Religionshasses“ mit zwei Jahren Lagerhaft bestraft wurden. wie sie die sozialistischen Staaten hervorgebracht haben. Das harsche Vorgehen gegen die drei jungen Frauen der Punk- Gruppe „Pussy Riot“. mit der Bitte. die lange Zeit kritisch beargwöhnte afrokubanische Praxis der Santería zu kulturalisieren und für den Tou- rismus zu nutzen.10.

Nach der sozialistischen Moderne? Der Streit um die Rekonstruktion der Leipziger Universitätskirche St. 13 – 17. sowie: Christian Winter. Dies hat sich zum einen anhand der erbitterten.3 Auch wenn sich etwa im Osten Deutschlands die christlichen Kirchen auf niedrigem Niveau einiger- maßen konsolidieren konnten und – über klassische Musik. Hier ergibt sich ein ganz anderer Eindruck als man ihn angesichts der Besetzung der höchsten deutschen Staatsämter mit ostdeutschen protestantischen Pfarrern oder Sprösslingen aus Pfarrersfamilien gewinnen könnte. jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um den Neubau von Aula und Universitätskirche der Universität Leipzig an der Stelle der von der SED 1968 gesprengten alten Universitätskirche gezeigt. Leipzig 1998. Gewalt gegen Geschichte. Wiesbaden 2011./11.6 Der Anlass schien zunächst banal: Eine Bür- gerinitiative machte sich dafür stark. Dezember 2011.44 Monika Wohlrab-Sahr In den vormals überwiegend protestantischen Ländern wie Ost- deutschland und Estland. 6 Vgl. sondern auch Fragen der Gestaltung des Innenraumes4 hochgradig symbolisch aufgeladen und politisch immens konfliktträchtig waren. Zwanzig Jahre nach dem Umbruch – Religion und Religiosität im vereinigten Deutschland 1989 – 2010. ob es im Inneren des Gebäudes eine mobile Glastrennwand geben solle – oder dürfe –. Pauli.10. Open-Air-Musik in der Innenstadt 3 Zur aktuellen religiösen Situation in Ostdeutschland siehe Gert Pickel/Kornelia Sammet (Hg. die eine Fülle von Leserzu- schriften provoziert hat. in: dérive.15 13:47 . Der Weg zur Sprengung der Universitätskirche Leipzig.5 Die leichte Erregbarkeit in Sachen öffentlicher Religion lässt sich aktuell auch sehr gut anhand einer in der Leipziger Volkszeitung doku- mentierten Auseinandersetzung zeigen. 5 Siehe dazu Ralph Richter/Thomas Schmidt-Lux. 20: „Gemüter erhitzen sich an Classic Open“. bricht doch die Frontstellung gerade gegenüber einer öffentlich sichtbaren Rolle religiöser Repräsentanten bei kleinsten Anlässen immer wieder auf. aber auch in Tschechien ist dagegen von einem religiösen Revival wenig zu spüren. Zeitschrift für Stadtforschung 1 (2010). aber auch über Christen in öffentlichen Ämtern – auch nach dem Systemumbruch und dem damit einhergehenden Verlust an politischer Bedeutung wieder sichtbare Präsenz erlangen konnten.). Die Zitate auf den folgenden Seiten stammen alle aus dieser Ausgabe. die den „weltlichen“ Teil vom „kirchlichen“ abtrennt und die überdies klimatechnische Funktionen hat. in denen nicht nur die Frage. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 4 Ein bis in die Gegenwart andauernder Streit ging um die Frage. wie der Bau an sich gestaltet werden soll und wie dabei der Sprengung gedacht werden kann. die Leserbriefe zu dieser Auseinandersetzung in: Leipziger Volkszeitung vom 10.

und die Classic Open längst zu einer populären Institution geworden sind.10. sondern ein moderner Ort der Wirtschaft. Die eigentliche Ruhestörung gehe von den Kirchenglocken aus. polemisierte ein in Leipzig ansässiger Musikproduzent. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Einer schrieb: „Endlich hat der Hirte Wolff es begriffen: Leipzig ist eine Atheis- tenstadt. So wurde aus dem Konflikt schnell ein Streit um den legitimen Ort und die Grenzen des Religiösen. keine mittelalterliche Betburg für Ewiggestrige.“ Wieder andere verwiesen 7 Es ist bemerkenswert. Dass daraus schnell mehr wurde.15 13:47 . Was er wohl nie begreifen wird. bitte mischen Sie sich nicht in das weltliche Leben unserer Stadt Leipzig ein. sonst würde er sich nicht ständig in universitäre und städtische Angelegenheiten einmi- schen. Wissenschaft und Kultur. hat wohl auch damit zu tun.“ Repräsentanten der Theologischen Fakultät und schließlich in einer Stellungnahme auch die Gemeinde der Thomaskirche sahen darin einen im Kern rechtsex- tremistischen Aufruf zu Pogrom und Menschenjagd. mit Visionen und Zukunftsdenken. das sei eine für das Niveau einer „Atheistenstadt“ typische Retourkutsche. und der Pfarrer konterte. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 45 auf maximal fünf aufeinanderfolgende Tage und während der Woche auf 22 Uhr zu begrenzen.“7 Ein anderer sekundierte: „Herr Wolff. Der Verfasser eines Leserbriefs an die Leipziger Volks- zeitung wollte daraufhin den vor 20 Jahren aus Mannheim gekommenen Pfarrer „mit Schimpf und Schande aus der Stadt jagen“ und provozierte damit eine Fülle zustimmender wie auch vehement ablehnender Leser- briefe. im Zuge dessen auch die Natur dieses Reli- giösen mit definiert wurde. sondern als „Kirche“ verbuchten. hier kommunale. Damit – so wurde in den prompten Reaktionen deutlich – attackierte sie faktisch das unter Leipzigern außerordentlich beliebte Programm der Classic Open. die auf Grenzziehungen pochten und dabei den Pfarrer nicht als Akteur der Zivilgesellschaft. dass der Leiter der Bürgerinitiative der stadtbekannte Pfarrer der Thomaskirche ist. wie er auch anderswo ausgefochten wird. Daneben fanden sich Voten. dass hier die Trennung von Staat und Kirche gleichgesetzt wird mit einer Nichteinmischung kirchlicher Repräsentanten in „weltliche“. soll doch wieder seine sieben Sachen packen und verschwinden. Angelegenheiten. Etliche schlossen sich an: „Wem es in Leipzig nicht passt. ist die im Grundgesetz festgeschriebene Trennung von Staat und Kirche. Nun hätte man das Ganze als Streit um das Verhältnis von Wohnqualität und Belebung der Innenstädte be- handeln können.

die auf ihr Recht auf Vergnügen pocht und sich von Pfaffen nicht hineinreden lassen will. dem Zugezogenen und der missliebigen Position – intolerant) die in den Leserbriefen immer wiederkehrende Aufforderung an den Pfarrer ist. kleinbürgerliche Weltlichkeit. Die für den Pfarrer sprechenden Leserbriefe. dass die Classic Open auch für „weniger Begüterte“ oder für „viele Bürger der Stadt mit schmalem Geldbeutel“ Teilhabe an kulturellen Ereignissen ermöglichen.9 Auf der anderen Seite steht die rückschrittliche. in dem Kirchlichkeit und Weltlichkeit zu kämpferischen Anti- poden geworden sind. aber auch mit der Zugänglichkeit für Jedermann.im Kern rechtsextremem Denken‘ am Duktus der Äußerungen vorbei und verkennt deren performativen Charakter. sondern erfreut sich auch in der Stadt größter Beliebtheit. laute. Zu toppen wäre dies nur noch mit dem freien Eintritt in den Zoo. wo auch eine alter- 8 Immer wieder wird in Leserbriefen darauf hingewiesen. Besonders deutlich wird dies dort. demokratische. mit dem Anliegen Weniger verbündete und dem Vergnügen feindliche Kirchlichkeit. an dem sich keiner. in denen es um Moral und Gottes Wille gehe und warfen ihm „weltlichen Geltungsdrang“ vor. erst recht kein Pfaffe vergreifen soll. wo er herkomme.46 Monika Wohlrab-Sahr den Pfarrer auf Anliegen. Sie paart sich mit Moderne.15 13:47 . So steht auf der einen Seite der Dichotomie die fröhliche. so geht doch m. Kultur und Wissen- schaft. So auffällig (und in der Tat in mehrfacher Hinsicht – gegenüber der Kirche.10. antimoderne. die die LVZ abdruckte. was sie dafür halten). Manche Leser- briefschreiber versetzen sich hier rhetorisch gleichsam ins Mittelalter oder die frühe Neuzeit und deren Auseinandersetzungen (oder das. stammen alle- samt von Theologen. E. 9 Der Leipziger Zoo ist nicht nur ein Touristenmagnet. Sie skandalisieren überwiegend den harschen Tonfall („mit Schimpf und Schande aus der Stadt jagen“) oder versuchen das Grundanliegen des Maßvollen in die Diskussion einzuführen („Hat nicht alles sein Maß und seine Zeit?“) und so religiöse Deutungsmuster mit Alltagsfragen zu vermitteln.8 Die Eventkultur der Classic Open wird dabei in gewisser Weise zu deren sakralem Zen- trum. Wirtschaft. die – bei beliebigen Konflikten – einen ganzen Bedeutungsraum wachrufen. dorthin zurückzukehren. Dazwischen gibt es wenig Vermittelndes. Unabhängig von der Neigung aller beteiligten Akteure zur Drama- tisierung verweist der Konflikt doch auf einen kulturellen Resonanz- boden. die Gleichsetzung dieser Voten mit einer „Aufforderung zur Menschenjagd“ und mit . tote. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Der überwiegende Eindruck bleibt der einer unversöhnlichen Kluft.

Um es auf das Thema dieses Bandes zu beziehen: Es ist nicht die aufgeklärte Religion. dass ihm die Luft der Atheistenstadt Leipzig nicht bekommt. mit der ich mich hier be- schäftigen will. Diese Verbindung besteht in einer Haltung gegenüber der Religion. Nun könnte man dies als Ausnahmesituation verbuchen. Was hier öffentlich zelebriert wird. die zum Teil eine altertümliche Rhetorik kopieren. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 47 tümliche Sprache kopiert wird: „Ist dem nun aber so. ist eher ein antikirchliches „Mittelalterspiel“ als ein rechtsextremer Aufruf zum Pogrom. Ich tendiere daher dazu. Bis in die Sprache der Leserbriefe hinein. Damit versuchen wir eine über das Erzwungene hinaus zum Eigenen gewordene Haltung zu erfassen.“ Auch das „mit Schimpf und Schande aus der Stadt jagen“. die wir im Rahmen eines Leipziger Forschungsprojekts als forcierte Skularitt 10 bezeichnet haben. sondern die hartnäckig fortdauernde Frontstellung zwischen aufgeklärter Moderne und kirchlich verfasster Religion als Repräsentantin der Unaufgeklärtheit.15 13:47 . sich davonzumachen. vor deren Hintergrund der „Schimpfklatsch“ tatsächlich eine total ex- kludierende Funktion haben konnte. Ich sehe darin eines von vielen Do- kumenten für eine Haltung forcierter Grenzziehung gegenüber dem Religiösen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die den Pfarrer in seinem zivilgesellschaftlichen Engagement – wie auch immer man es in der Sache und im Tenor beurteilen mag – nur als illegitimen Grenzverletzer ansehen kann. Der Atheismus im Osten Deutschlands wäre dann eine ebensolche Kuriosität wie die hohe Religiosität und Atheismusfeindschaft in den USA. dokumentiert sich diese Gegenüberstellung. Auch wenn der Bezug zur Wissenschaft in diesen Leserbriefen nur am Rande auftaucht – als Teil der mit dem Weltlichen verbundenen Mo- derne – gibt es doch eine Verbindungslinie zwischen diesem Konflikt und der verwissenschaftlichten Religionskritik. das die Leserbriefflut ausgelöst hat.10. die sich auch in Debatten wie der eben skizzierten manifestiert. in der skizzierten Konfrontation nicht nur die durch eine geschickte Auswahl von Leserbriefen bewerkstelligte Zuspitzung der Leipziger Volkszeitung zu sehen. Forcierte Säkula- rität. suggeriert ja eine Situation hochgradiger gesellschaftlicher Kohäsion. stimmungslustige Treiben allhier zu- wider ist. dass diesem Knechte Gottes das frohsinnige. deren Probleme hier zuvorderst aufscheinen. Die religionssoziologische Debatte der letzten Jahrzehnte ist voller solcher 10 Monika Wohlrab-Sahr/Uta Karstein/Thomas Schmidt-Lux. dann steht es ihm doch frei. Religiöser Wandel und Generationendynamik im Osten Deutschlands. Leipzig 2009.

A. in: Detlef Pollack/Daniel V.C. Sociological Theory. E. dass sie immer auf einen normativen Mastertrend rekurrieren. oder – von philosophisch-weltanschaulicher Seite – im Wiener Neo-Positivismus. in: Philosophische Rundschau. aber auch die Frage nach den allgemeineren Tendenzen im Prozess der Moderne. Insofern interpretiere ich die Situation im Osten Deutschlands als spezifische. The Role of Religion in Modern Societies. Sinnvoller scheint mir die Analyse der Bedin- gungen. in: Edward A. 12 Dies leugnet nicht den wichtigen Anteil. Christianity and Modern Industrial Society. Berger/Grace Davie/Effie Fokas. den etwa die europäischen Kirchen an der Förderung der Wissenschaften hatten. B. 58 (Heft 1) (2011). 13 Dazu auch: Monika Wohlrab-Sahr.12 Ich gehe davon aus. Allerdings führt die zunehmende Autonomisierung der Wissenschaften dann doch zu erheblichen Auseinandersetzungen. Kon- flikthafte Zuspitzungen fanden und finden sich auch anderswo.15 13:47 . Religious America. D. Washington.13 Es geht mir also nicht um einen weiteren Exzeptionalismus. Peter L. dass er anschließen konnte an die breitere Perspektive der Aufklärung und dass er dieser eine bestimmte Konnotation gegeben hat. New York/London. 224 – 247 14 Siehe dazu Tom Kaden. Sorokin. Peter L.10. Die konflikthafte Zuspitzung und deren Popularisierung aber. Aldershot 2008. Dieser Erfolg hängt aber auch damit zusammen.11 Diese sind jedoch darin unbefriedigend. Was ist neu am Neuen Atheismus? Geistesgeschichtliche und soziologische Perspektiven. halte ich für einen höchst voraussetzungsreichen Vorgang. hier: 46 f. New York 1963.). Essays in Honor of Pitirim A. Tiryakian (Hg. in die diese Besonderheiten eingebettet sind. Values. Secular Europe? A Theme and Variations.). Beides – die Zuspitzung und deren Popularisierung – haben m. Dass diese Zuspitzung aber Eingang in die Haltung weiter 11 So z. The De-Secularisation of the World. ent- scheidend zum nachhaltigen „Erfolg“ der Religionspolitik der SED beigetragen: zur Schaffung eines weitgehend a-religiösen Landstrichs. Berger.48 Monika Wohlrab-Sahr Exzeptionalismen. Siehe dazu auch Talcott Parsons. 22 – 34 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 1999. dass eine solche Spannung der Moderne inhärent ist. von dem der Ausnahmefall abweicht. konflikthafte Zuspitzung einer allgemeineren Spannung zwischen Wissenschaft und Religion. Olson (Hg. and Sociocultural Change. die zu besonderen Entwicklungen führen. Religion and Science or Religion versus Science? About the Social Construction of the Science-Religion-Antagonism in the German Democratic Republic and its Lasting Consequences. etwa – von religiöser Seite – im Kreationismus oder in verschiedenen anderen Fundamentalismen. wie sie in der DDR erfolgte. im Monismus oder neuerdings: im neuen Atheismus14. 33 – 70.

Ich halte es allerdings umgekehrt für problematisch. Am Berliner Ensemble wurde im Übrigen das Stück „Das Leben des Galilei“ nach seiner Premiere im Januar 1957 innerhalb von 5 Jahren 242 Mal aufge- führt: auch dies eine Form der Popularisierung des Konflikts. Im Verweis darauf lässt sich die ideologische Zuspitzung des Gegensatzes historisch plausibilisieren. wie es in der religionssoziologischen Diskussion bisweilen geschieht. Baker. 19 – 55. dass der Kommunismus eine eigene. Es geht mir um die spezifischen Bedingungen. unter denen solch ein Antagonismus breitenwirksam konstruiert wurde. in dem Maße. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 49 Teile der Bevölkerung gefunden hat. Globalization. in die der Soziologe Ronald Inglehart15 Prozesse des Wertewandels einzeichnet und sie mit verschiedenen Kulturkreisen in Beziehung setzt.10. legt es nahe. Während sich dies in manchen Ländern nach dem Fall des Kommunismus partiell revidierte. „Szientismus“ versus Religion: der ostdeutsche Fall Die meisten sozialistischen Regimes. ist etwas Besonderes an der ost- deutschen Entwicklung und wohl auch an der einiger anderer postso- zialistischer Länder. nachhaltige „Kultur“ generieren konnte. 2. war dies im Osten Deutschlands nicht der Fall. Modernization. besonders diejenigen mit mehr- heitlich protestantischer oder orthodoxer Bevölkerung. and the Persistence of Tradition: Empirical Evidences from 65 Societies. Die kulturelle Landkarte. impliziert dies nicht die Annahme eines „natürli- chen“ Widerspruchs oder einer grundlegenden Hierarchie zwischen beiden. in denen die Wissen- schaftler selbst religiös waren. die Spannungen zwischen Wissenschaft und Religion in der Moderne. Die europäische Geschichte ist voller Beispiele dafür. in: American Sociological Review 65 (2000). waren in der Lage. Wenn ich den Ausgangspunkt beim Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion nehme. schlicht zu ne- gieren. zu der die Distanz zur Religion – zumindest in bestimmten Dimensionen – gehört. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 15 Ronald Inglehart/Wayne E. etwa unter Verweis auf die persönliche Gläubigkeit vieler Naturwissenschaftler. dass solche Spannungen aus der inneren Entwicklung der Wissenschaften heraus entstanden sind. wie evolutionistische Denker es nahegelegt haben. Kirchenmitgliedschaft und Religiosität zurückzudrängen. wie sich diese aus ihrer religiösen Ein- hegung lösten. Und dies gerade auch in Fällen.15 13:47 .

15 13:47 . Angesichts der Ähnlichkeit der ideologischen Ausrichtung in der Sowjetunion und der DDR stellt sich die Frage. Opladen 2003. die einen Antagonismus von Wis- senschaft und Religion vertraten. Die Ostdeutschen. die Verbindung von Religionskritik und Wissenschaftlichkeit zu Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10. Atheismus und religiöse Indifferenz.50 Monika Wohlrab-Sahr Historiker haben gezeigt.17 Auf dieser Grundlage konnte die SED noch einmal einen massiven Rückgang von Kirchenmitgliedschaft und Religiosität bewirken. Berkeley 2008. Es geht mir hier nicht um eine monokausale Interpretation. Auf der Basis protestantischer Kirchbücher zeigt Lucian Hölscher. Zu fragen ist aber auch. Berlin/New York 2001. und schließlich die sogenannte wissenschaftliche Weltan- schauung. der wissenschaftliche Atheismus gehöre in Russland der Vergangenheit an. Kunde von einem verlorenen Land. Das Ergebnis war auf lange Sicht nicht überall dasselbe. ob es der Propaganda tatsächlich gleichermaßen gelungen ist. 99 – 128. Organisierter Atheismus im 19. bald auch der Sozialisationseffekt einer zur Normalität gewordenen Areligiosität. Berlin 1999 20 Paul Froese. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Ganz offensichtlich existierten solche Ideologien auch in anderen ehemals kommunistischen Ländern.). was in den Beiträgen zu diesem Band unter dem Stichwort „Probleme der aufgeklärten Religion“ verhandelt wird. wo du stehst!“18 . Datenatlas zur religiösen Geographie im protestantischen Deutschland. Von der Mitte des 19. So meint Paul Froese. dass die spätere Ost-West-Teilung in religiöser Hinsicht bereits seit 1910 bestand. die kulturelle Trans- formation der DDR in eine „arbeiterliche Gesellschaft“19 .16 In der mitteldeutschen Region trafen unterschiedliche säkul- arisierende Einflüsse zusammen: Säkularistische Bewegungen mit Rückhalt in der Arbeiterbewegung. in: Christel Gärtner/Detlef Pollack/Monika Wohlrab-Sahr (Hg. Ohne Zweifel kamen in der DDR verschiedene Faktoren zusammen: Re- pression. die Dominanz des Protestantismus und das. The Plot to Kill God: Findings from the Soviet Experiment in Secularization. Die religiösen Unterschiede zwischen Protestantismus und russischer Orthodoxie spielen hier sicherlich eine Rolle. Jahrhundert. dass im mittel. 17 Jochen-Christoph Kaiser.und norddeutschen Raum die Bevölkerung bereits vor dem Nationalsozialismus relativ kirchenfern war. die Einführung der Jugendweihe und der damit kommunizierte Loyalitätskonflikt des „Sag mir. 19 Wolfgang Engler. waren einer davon.20 Im Hinblick auf 16 Lucian Hölscher. auf welchen Boden die szientistische Propaganda jeweils fiel. 18 So der Titel eines der bekanntesten Agitationslieder der Singebewegung der DDR.

Wir plädieren im Rahmen dieses Projekts – wie ich bereits angedeutet habe – für eine konflikttheoretische Perspektive auf Säkula- plausibilisieren. die im Rahmen des DFG-Projektes „Generationenwandel als religiöser und weltanschaulicher Wandel: Das Beispiel Ostdeutschlands“ erarbeitet wurden. Auch wenn die Praxis an verschiedenen Orten und in verschiedenen Perioden des DDR-Regimes unterschiedlich war. Das sehr viel stärker agrarisch geprägte Umfeld im Unterschied zu den industrialisierten Städten Mittel- deutschlands wird das seinige dazu beigetragen haben. Keine dieser Insti- tutionen war ausschließlich ideologisch. Aber sie taten dies innerhalb des Rahmens einer wissenschaftlichen Weltanschauung. Wissenschaft als Religion. sondern absichtlich herbei- geführt wurde. Insofern fungierten sie als Instrumente in einem allgemeinen Prozess der Ent- zauberung. Eine wichtige Bedingung der Möglichkeit des Erfolges waren In- stitutionen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Offenbar hat die Propaganda in der Sowjetunion weit weniger den Charakter einer „Volksbildung“ angenommen als dies in der DDR der Fall war. alle verbreiteten tatsächlich na- turwissenschaftliche Erkenntnisse in der Bevölkerung. sobald diese Bedingungen verschwinden.21 Die Einrichtung von Sternwarten quer durch das Land und die Einführung von Astronomie als allgemeines Schulfach sind hier ebenfalls zu nennen.10.15 13:47 . der sich nicht einfach „ergab“. Szientismus im ostdeutschen Säkularisierungsprozess. Einrichtungen der Erwachsenenbildung wie die URANIA wurden in vielen Städten gegründet. Die Vorstellung. Empirischer Bezug: Forcierte Säkularität Ich möchte nun auf einige ausgewählte Ergebnisse zu sprechen kommen. 3. „Religion und Aberglauben“ zu ersetzen. sondern blieb vorrangig politische Agitation. Würzburg 2008. 21 Thomas Schmidt-Lux. blieb das Moment der Entzauberung doch essentiell. die dazu gedacht war. dass Weltsichten. irrelevant werden. dass szientistische Thesen dort weniger Rückhalt fanden. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 51 Ostdeutschland lässt sich dies allerdings nur für die offiziellen Programme. die unter diktatorischen Bedingungen ausgebildet wurden. ist offensichtlich zu einfach. Die Frage nach dem Erfolg ideologischer Programme ist von daher zu erweitern zur Frage nach den Mitteln ihrer Durchsetzung und nach dem Ausmaß und der Form ihrer Aneignung. um sich mit wissen- schaftlichen und ideologischen Fragen zu befassen. nicht aber für die subjektiven Überzeugungen sagen. die die wissenschaftliche Weltanschauung in der Bevölkerung verbreiten sollten.

eine interpretative Rahmung von Religion zu etablieren. Dieser konflikthaft zuge- spitzte Kontrast schafft eine Rahmenbedingung. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. (Hg. die sich im Osten Deutschlands herausgebildet hat.22 In dieser Perspektive betrachten wir das sich im Zuge der Moderne herausbildende Spannungsfeld zwischen der Religion und anderen gesellschaftlichen Teilbereichen als Konfliktgrundlage. Wir haben anhand unseres Materials für die DDR drei verschiedene Konfliktdimensionen herausgearbeitet: einen Konflikt um Mitglied- schaft und Loyalität (Partei vs.10. sozialistische Moral) sowie einen Konflikt um Weltdeutung (wissenschaftliche Weltanschau- ung vs.52 Monika Wohlrab-Sahr risierung. einen Konflikt um Ethik und Moral (christliche vs. religiöse Weltdeutung). sie kann aber auch zum manifesten gesellschaftlichen Konflikt werden. Gesellschaftstheorie und Konfliktsoziologie. Kirche. insofern es ihr gelungen ist. 22 Hans-Joachim Giegel. die den Niedergang des politischen Systems überdauert hat. Konfirmation). dass von einer Konfliktpartei (hier dem Staat) die eigenen Deutungsangebote und Riten erfolgreich als Alter- nativen zu den Angeboten der zweiten Konfliktpartei (hier der Kirche) ins Spiel gebracht werden. sie kann von kleinen Gruppen stell- vertretend ausgefochten werden. 9 – 28. Die Politik der SED war – so meine These – auf dem Gebiet der Religion (als einem der wenigen Bereiche) 23 erfolgreiche Machtpolitik. Ich rekurriere dabei im Folgenden auf das Konfliktmodell. das Hans-Joachim Giegel entwickelt hat. Voraussetzung dafür ist. in: Ders. Jugendweihe vs. ist. dass dieser Konflikt bei Weitem nicht nur auf der Ebene der Parteipro- grammatik.15 13:47 . Ich werde mich hier ausschließlich auf diesen letzten Konflikt kon- zentrieren. ja dass der Gegensatz von wissenschaftlicher Weltanschauung und Religion ein wesentliches Element der Säkularität ausmacht. zu der sich auch religiöse Orientierungen oder religionsnahe Suchbewegungen ins Verhältnis set- zen müssen. sondern auch auf der Ebene lebensweltlicher Deutungen eine Rolle spielt. Konflikt in modernen Gesellschaften. Diese Konflikt- grundlage kann unter bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedin- gungen in der Latenz verbleiben. in dem nachhaltige Wirkungen erzielt werden konnten. Frankfurt (Main).). Was ich anhand von Interviewmaterial zeigen will. Dafür muss die latente Spannung zwischen Religion und anderen Teilbereichen durch gesellschaftliche Akteure kommuniziert und damit als manifester Konflikt generiert werden. 23 Die Steigerung der Frauenerwerbsarbeit ist sicherlich ein zweiter Bereich.

bis hin zu Beispielen aus poli- tischen Reden. weil sie nicht allein Repression blieb.24 Damit komme ich zum empirischen Material. angefangen bei statistischen Daten. das ich nur anhand weniger Beispiele präsentieren möchte. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. sondern subjektiv plausibilisierbar war. die Religionspolitik der DDR war erfolgreich. Religion and the People of Western Europe 1789 – 1989. die sich vor dem Hintergrund dieses Grundkonfliktes entwickeln. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 53 D.10. Und zwar nicht zuletzt deshalb.. Ich gehe im Folgenden in zwei Schritten vor: Im ersten Schritt zeige ich. 1848 – 1914. Dabei konnte sie auf das europäische Erbe der Religionskritik re- kurrieren und auf eine besondere Geschichte säkularistischer Bewe- gungen im 19. Auf- klärung auf der einen und Religion auf der anderen Seite eine zentrale Spannungslinie der Moderne aufgegriffen und zugespitzt hat. Ders. und 20. Dennoch spielt der Gegensatz von Wissenschaft und Religion hier eine zentrale Rolle. zunächst am Beispiel einer Familie. in denen der Antagonismus von Wissenschaft und Re- ligion bemüht wird. die die Verbin- dung zur evangelischen Kirche nie völlig gekappt hat und zur Wendezeit diesen Kontakt sogar wieder erneuert. Jahrhundert. Im zweiten Schritt betrachte ich dann religiöse Perspektiven oder religionsnahe Suchbewegungen. aber gleichzeitig auf ihn zurück- verweisen. Ein paar Bemerkungen zur Familiengeschichte: Die aus Schlesien stammenden Großeltern siedelten sich 1945 zusammen mit den Ur- 24 Siehe dazu insbesondere Hugh McLeod. wie sich in der Perspektive der Befragten der Grundkonflikt do- kumentiert. Secularisation in Western Euro- pe. Dieses Material dient mir hier primär zur Verdeutlichung der Argumentationsfigur. der in der DDR als Antagonismus von wissenschaftlicher Weltanschauung und Religion ausgetragen wurde. All dies kann ich hier nicht näher ausführen. 3.h. die – anders als in anderen Ländern – über die Sozialdemokratie in der Arbeiterklasse Verankerung gefunden hatten. in denen sich in der Fokussierung auf Rationalität bis heute deutliche Ost-West-Differenzen zeigen. Man könnte eine ganze Reihe weiterer Belege anführen.1 Wissenschaftliche Weltanschauung versus Religion Ich behandle den Konflikt um Weltdeutungen. Oxford 1997.15 13:47 . London 2000.. weil sie mit dem Konflikt von Wissenschaft bzw.

gefärbt durch meinen Vater wieder. ihn aber nirgendwo gefunden. Protestantisch war er allenfalls im Sinne eines asketischen Arbeitsideals. en bisschen also mit diesem Staat.10. Die hatten damals keine große eu/achte Klasse. hatte ihre moralischen Grundwerte aus der Bibel eben. Die Fa- milie ist geprägt durch den Unabhängigkeitswillen und Handwerkerstolz des Großvaters.54 Monika Wohlrab-Sahr großeltern in der Nähe Berlins an. wurde Anfang der 1960er Jahre nicht nur in der Sowjetunion. er habe im Weltall nach Gott Ausschau ge- halten. sondern auch in der DDR als eine Art negativer Gottesbeweis kolportiert. GM: ºAch Dorfschule Øirgend’n M: ºAlso auf ’m Dorf groß geworden und. [Familie 2] Indem die Urgroßmutter als schlichter Mensch ohne Bildung charak- terisiert wird. des. als se mir sachte. aber ähm. was ’n bisschen Märchen und Ge- schichten. äh hab’ ich mich also zu diesem Christlichen hingezogen gefühlt. das für alle Familienmitglieder auch über seinen Tod hinaus noch Verbindlichkeit besitzt. ja.“ I: {lacht} Hat se wirklich gesagt? M: Hat se gesagt. Die religiöse Erziehung der Kinder übernimmt die Mutter des Groß- vaters: M: Und ja. Ah Ønoch nich’ ma. also bin ich an die Bibel rangeführt worden. […] Nun muss man sagen. der auch heute noch im Familienbesitz ist. ist ihr Kommentar zu Gagarin bereits entsprechend ge- rahmt. Außerdem war ich ein sehr phantasievoller Mensch (2) und alles was mit Mythos und mit. jetzt kommt der liebe Gott und haut ihm was auf ’n Deckel. nich’? […] Und durch sie hab‘ ich so ’n bisschen diesen christlichen. Dessen Feststellung. Zum DDR-Re- gime hatte er ein distanziertes Verhältnis. Ich weiß noch. Auch bei der Großmutter ist der Bezug zum christlichen Glauben nur noch schwach. Dieser wird als extrem leistungsorientiert („Arbeiten bis die Knochen bluten“) und als Atheist charakterisiert. sie war also auch ’n schlichter Mensch. Ich interpretiere das als eine Form der Konfliktkommunikation: Die latente Spannung zwischen religiöser und Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Gagarin flog das erste Mal im Weltall: „Kind jetzt wirste seh’n. das fand ich toll. Und da ich in Op- position stand mit den Jungpionieren und so weiter. eh bin ich. äh. und diese diese Oma […] war sehr gläubig.15 13:47 . Dort gründeten sie einen selbständigen Handwerksbetrieb.

war es im Alltag durchaus möglich. das. entspricht der konkretistischen Bildersprache. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 55 säkularer Weltdeutung wird über Konfliktkommunikation in einen manifesten Konflikt überführt: Die religiöse Weltdeutung wird karikiert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Der Mensch wird irgendwann alles eh ’rausfinden“. Und dann kam das.10. Man kann alles erklären.realistisches Men- schenbild‘ und so weiter. und dann sagt man sich „Nein“. In diesen Aussagen spiegelt sich – als eine Form der Konfliktkommunikation – ein Argumentationsmuster. Diese Haltung hält aber der Konfrontation mit der wissenschaftlichen Weltanschauung nicht stand. wie auch durch die großväterliche Distanz gegenüber den staatlichen Organen geprägt. Ob- wohl der Marxismus-Leninismus immer beides meinte. von der sich die Mutter im Laufe ihrer Schulzeit abwendet und zunächst „zum Atheisten“ wird. Also zum Kommunisten bin ich trotzdem nicht geworden. der dem Fortschrittsoptimismus und der Macht der Wissenschaft nichts entgegen zu setzen hat. ja. Obwohl ihre Eltern sie nicht hatten taufen lassen. entscheidet sie sich als Jugendliche für Taufe. Konfirmation und Chris- tenlehre. wie uns also die Genossen auch immer gesagt haben: . das auch die Religionskritik der SED wie ein roter Faden durchzog. dass die Mutter zwischen der kommunistischen Ideologie und einer atheistischen Grundeinstellung unterscheidet. da. ja. dass die Mutter dieser offiziellen Betrachtungsweise letztlich folgt. ja das Wissen dazu. in dieser kleinen einfachen Form kennen gelernt habe. aber erst mal zum Atheisten. Das is’ Humbug. ohne dass dies die Übernahme der politischen Ideologie zur Voraussetzung Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Bemerkenswert ist. Im Verlauf der höheren Klassen vollzieht sich bei der Mutter unter diesem Einfluss eine Abwendung vom Glauben: M: Und eh. Gott würde Gagarin . Weil ich ja den Glauben in dieser. dann später setzten dann die naturwissenschaftlichen Fächer bei mir ein in der Schule. Die Formulierung der Urgroß- mutter. Toll. Der Glaube der Urgroßmutter steht nun für „Humbug“. Dies konnte einen Prozess subjektiver Säkularisierung in Gang setzen. [Familie 2] Es ist vor allem die naiv anmutende Form des Glaubens. nur die szientistischen Aspekte zu übernehmen.was auf den Deckel geben’.15 13:47 . Im weiteren Verlauf wird sich zeigen. dacht ich mir: „Des is’ ja alles Humbug. Zunächst aber wird sie in ihrer Kindheit durch die christliche Überzeugung der Urgroßmutter. die die staatlichen Instanzen zu diskre- ditieren trachteten.

deren Relativierung immer mit transportiert wird: „immer als Geschichte“ und „immer mit Fragezei- chen“.Aufklärung‘ hindurch gegangene kulturalistische Zugang zur Religion ist. So wat war bei uns natürlich nicht der Fall. der unter verändertem gesellschaftlichen Vorzeichen tradiert wird: M: Na du kamst ja auch nicht aus einem gläubigen Haus […] wo dann also immer gebetet wurde vorm Essen oder so was.15 13:47 . Und als T: ºJaa schön verpackt und immer mit Fragezeichen M: Kulturgut mehr als dass es also Glaubens […] äh sache gewesen wäre.10. Der Wahrheitsanspruch einer sich auf die Wissenschaft berufenden Weltauffassung liegt der Mutter näher als die schlichte Religiosität der Urgroßmutter. Die mittlere Generation vollzieht aber unter dem Eindruck der institutionalisierten Religionskritik in der Schule die Abkehr von einem als unmodern angesehenen Glauben. Es ist gerade die mit dieser Konfliktkommunikation ver- bundene Positionierung „für die Wissenschaft“. In den Passagen. Die folgende Passage aus dem Familienin- terview stammt aus einem Teil. wird deutlich. Ja. dass er seine Grundlagen in der nur noch geringen Kir- chenbindung der Großeltern hat. für die Nachhaltigkeit von Säkularisierungsprozessen besonders relevant ist. dass es vor allem der durch die szientistische . kommt nach dem Tod?“. [Familie 2] Zusammenfassend lässt sich über den Säkularisierungsprozess in dieser Familie sagen. innerhalb dessen sie entstanden ist. Wir ham zwar auch drüber geredet und sie kennt viele. in der die Gegenüber- stellung von Wissenschaft und Religion gerade im Vergleich der Gene- rationen sehr deutlich wird. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.56 Monika Wohlrab-Sahr gehabt hätte. Sie kann sich von dem politischen Umfeld. Ich gehe noch auf eine zweite Familie ein. der auch nicht durch andere Glaubensformen ersetzt wird. ØDie hatt’ ich dir auch erzählt. in denen die Tochter als Repräsentantin der jüngsten Generation zu Wort kommt. in dem die Familie gefragt wurde „Was glauben Sie. die m. E. du kanntest viele Geschichten aus der Bibel. Religion bleibt oder wird später wieder relevant als Teil der eigenen Kultur und als Fundus von Geschichten und Mythen. aber immer als Geschichte. auch wieder lösen.

[…] Was würden Sie denken. Damit setzt sie einen exklusiven Rahmen („und nichts anderes“). M: Nee das is bei mir anders. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 57 I2: Also wir ham so eine […] Standardfrage die stellen wir […] allen Familien noch mal zum Schluss.) überall also es war wirklich schön.) /I2: mhm/ Also die Øähm (. kommt nach dem Tod? Gm: Asche I2: Asche Gm: Und nichts anderes I2: Mhm Gm: Das finden Naturwissenschaftler /I2: mhm/ {schmunzelt} (1) [Familie 9] Die Großmutter. /I2: mhm/ Da war ich glaub ich drei? Da bin ich von ner Welle /Gm: mhm/ erwischt worden und war eigentlich schon weg.15 13:47 . Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. es tat weh wie nix ne? Und da kann ich mich aber sehr genau daran erinnern […] es wirbelte alles es waren Farben über (. (.10. /Gm: mhm/ Hab also nich mehr geatmet und ich hab nur Farben gesehen. gibt hier den rationalistischen Tenor vor und liefert gleichzeitig den Deutungshorizont: „das finden Naturwis- senschaftler“.) I2: ºdiese ØNahtod M: ºdie Tunnel und solche Geschichten /I2: ja/ ne? und was was man so […] Also damit befasse ich mich schon intensiv. Dann ham die mich da raus gezerrt mein Riesenvater hat mir da auf de Brust gedrückt und das war also Øganz grausig Gm: ºreanimiert M: Ich war stinkwütend dass die mich zurück geholt haben. Es war so schön. eine Ärztin. das is aber auf Grund dieser Ostseegeschichte damals. /Gm: {schmunzelt}/ Weil es war kalt es war. zu dem sich die anderen Familienmitglieder ins Verhältnis setzen müssen. Gm: Ja ja ich hab ja nur meine Meinung gesagt M: Ja bei mir is das anders Øalso ich Gm: ºfuffzich Jahre Medizin M: Na gut ähm wir Øwissen‘s nich Gm: ºich hab noch keinen Auferstandenen wieder Øerlebt M: ºalso ich befasse mich relativ äh intensiv mit diesen ganzen Ge- schichten der der todesnahen Erlebnisse.

die selber kurz vor der Aufnahme eines Medizinstudiums steht. Sie bringt dies in Verbindung mit Berichten von sog.15 13:47 . T: Nee ich kann das noch nich genau beurteilen weil (. Diese wiederum überträgt die Erzählung der Mutter immer wieder in wis- senschaftliche Bezüge („reanimiert“) und versucht. Es sterben viele lächelnd. dass der Tod nun irgendwas ’n Ge- spenst is.10. M: ºgenau. Gm: Des hat/ kriegste dann in fünfzig Jahren […] I1: Aber jetzt wie ist das? T: Ja na ich denke schon dass da noch was kommt.) ich weiß nich ich (.) ich möcht es einfach haben weil man bewahrt sich ja damit auch was (. den Tod zu norma- lisieren: dieser sei kein „Gespenst“.) die auch diese Beschreibungen haben Ø/I2: mhm/ Gm: ºEs is auch nich immer ich hab ja nun s/ inner ØNeurochirurgie M: ºna gut ’s Hirn kann einem natürlich Ø’n Streich spielen. Gm: […] So und du [zu T] was denkst du was kommt? Weißt du noch nich. ob ich nun an Gott direkt glaube […] ich kau/ also glaub auf jeden Fall an ne höhere Macht.58 Monika Wohlrab-Sahr Gm: (es is auch) M: Und n paar Sachen hab ich auch inzwischen gelesen und gesehen (. Außerdem hat sie sich der katholischen Gemeinde ihres – von der Mutter geschiedenen – sorbischen Vaters angeschlossen.) Und es is ja auch so in unserer [sorbischen] Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. ich kann nich genau sagen was und ich weiß auch nich genau. Im Anschluss daran zieht die Großmutter ihre Enkelin ins Gespräch. Nahtoderfahrungen und bringt das Nichtwissen gegenüber der wissen- schaftlichen Perspektive der Großmutter als Option ins Spiel. als sie in der Ostsee fast ertrunken wäre. […] Øalso es is nich. das auf jeden Fall. indem sie auf ein Erlebnis in ihrer Kindheit rekurriert. aber Gm: ºhab ich natürlich äh unendlich viele Sterbende gesehen.) ich will jetzt aber Medizin studieren und ob ich dann auch vielleicht so ne Auf- fassung hab wie meine Oma das kann ich jetzt noch nich sagen. weil es gibt so viele unerklärliche Dinge und (. {lacht} [Familie 9] Die Mutter versucht im Anschluss daran die Perspektive zu öffnen.

Gegen die Perspektive der Großmutter. dass sie später – als Ärztin – vielleicht einmal die Perspektive der Großmutter übernehmen wird. dass die Wissenschaft später einmal die Reste des Unerklärten beseitigt haben wird. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wie dominant die von der Großmutter vertretene wissenschaftliche Weltanschauung gegenüber den von Mutter und Tochter formulierten Perspektiven ist.15 13:47 .10. die am stärksten religiös eingebunden ist und dies für sich erklärtermaßen als wichtig ansieht. Und auch die Mutter – trotz ihrer Faszination durch Nahtodereignisse – ordnet sich der Perspektive unter. Trotz der behaupteten Differenz gegenüber der Perspektive der Großmutter bleiben sie aber gleichsam im Code der Wissenschaft und markieren lediglich einen größeren Bereich für das Unerklärte. Gm: […] Ja also da is schon is schon irgendwas. es handle sich dabei eher um ein „noch nicht“ als um etwas qualitativ Anderes. /I2: mhm/ Und ich kann nich genau sagen […] […] [Die Familie diskutiert über diverse „unerklärliche Dinge“]. der auch dann noch bestehen bliebe. Ein eigener Ort der Religion.) uner- klärlichen Dinge laufen da. die man zwar jetzt noch nicht wissen kann aber die Ødann Gm: º na sicher I2: früher oder später noch aufgeklärt werden M: irgendwann Øja mhm Gm: ºja irgendwann sicher I2: Das denken sie auch? [zu M] M: Das denk ich auch. dass es Sachen gibt. Insofern antizipiert sogar die Tochter. Gm: Das denk ich schon. irgendwelche (. wird hier nicht erkennbar. /I2: mhm/ I2: Glau/ glauben Sie aber. lässt sich von daher aber letztlich nicht argumentieren. dass es ähm. wie Vieles in der Wissenschaft. die sich vor allem am „Unerklärlichen“ festmachen. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 59 Gemeinde da es is halt auch sehr wichtig und es gehört halt dazu. aber /M: mhm/ es is wissenschaftlich einfach noch nicht geklärt. [Familie 9] In diesem Gesprächsteil wird besonders deutlich.

GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. wäre diese Altersgruppe die religiöseste überhaupt in Ostdeutschland. weil.2 Religiöse Orientierung vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Weltanschauung Was entsteht aber in diesem Kontext in religiöser Hinsicht an Neuem? Auf der Ebene von Umfragedaten zeigt sich. dass seit 1990 im Osten Deutschlands durchaus neue Entwicklungen im Bereich der Religion zu beobachten sind.15 13:47 .10. die sich irgendwie zu irgend’nem lebendigen Wesen. die Moleküle zerfallen mit Sicherheit. […] die sich wirklich zu […] ’nem Bewusstsein entwickeln. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Ansonsten glaub’ ich auch. und ich denke auch. Ich möchte zum Abschluss noch auf zwei Interviewpassagen einge- hen. alles is’ wissenschaftlich erklärbar und genauso seh’ ich das auch mit dieser Sterbesache. Im ersten Auszug spricht die Tochter der Familie über ihre Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode: T: […] also genauso wie ich das vorhin ge/ beschrieben hab.60 Monika Wohlrab-Sahr 3. Insofern ist zwar keine umfassende Re- Vitalisierung von Religion oder gar eine neue Kirchlichkeit festzustellen. die etwas Licht auf diese Entwicklungen werfen können. dass das ähm vielleicht wissenschaftlich nich’ erklärbar is’. das weiß ich nich’ genau. die in der DDR-Zeit in hohem Maße in ein ka- tholisches Milieu integriert war. was wir ja sind. gleichwohl sind jedoch partielle Konjunkturen auf der Ebene individu- eller Überzeugungen zu verzeichnen. die gänzlich kir- chenfern und atheistisch eingestellt ist. so wie wenn man durch ’n Tunnel fährt und auf einmal eröffnet sich das weite Land. Köln (Umfragen 1991 und 2002). die aus Teilchen. kann ich mir halt selbst nich’ erklär’n. Die erste stammt aus dem Familiengespräch mit einer Familie. So zeigt die ALLBUS-Umfrage des Jahres 2002 bei der jüngsten befragten Gruppe der 18. diese äh Be/äh Bewusstseinssache. Wenn man den Glauben an ein Leben nach dem Tod als Indiz für Re- ligiosität interpretieren würde. also […] diese Zusammensetzung. wie. Hg. und das. wie das passiert. v. Den größten Zuwachs – von 15 auf 34 Prozent – erfuhr dabei der Glaube an ein Leben nach dem Tod. ohne dass jedoch der Glaube an Gott in relevantem Maße angestiegen wäre. die zweite aus dem mit einer katholischen Familie. diese diese ähm.bis 29jährigen Ostdeutschen eine im Vergleich zum Jahr 199125 erkennbar stärkere Zustimmung zu be- stimmten religionsnahen Aussagen. Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften. dass wir eben mehr sind als nur ’n Haufen Moleküle. 25 ALLBUS.

Im Laufe der sich nun anschließenden Interaktion modifiziert die Tochter ihr Modell und kommt damit den skeptischen Nachfragen der Eltern entgegen. Während der Körper in einen natürlichen Kreislauf eingeht. is mir eigentlich egal. das sich einem vollständigen wissenschaftlichen Zugriff entzieht. so träumerisch irgendwie so/ T: ºnein. dass es en Menschen gibt. /M: mhm/ ich zerfalle mit meinem Körper. entweder von Würmern zerfressen oder ins Wasser geschmissen wie auch immer. M: Aber du denkst. […] das löst sich auf mit den Molekülen. ich denke. was ich als Kind schon dachte. […] sich bewusst sein. ähm. dass ich irgendwann. ich bin ’n anderer Mensch. das sie an einer anderen Stelle explizit als „Wunder“ bezeichnet. für die diese Gedanken Ausdruck einer überschäu- menden Fantasie sind. […] Also was mit meinem Körper passiert. wer anders ich bin. ich werde verbrannt. scheint dies für das Be- wusstsein nicht in gleicher Weise zu gelten. ºdu hast zu viel Fantasy-Filme gesehen […] Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. so. der ich bin. Also ich glaube nich’ direkt an die Wiedergeburt. […] und dass irgend- wann ähm. Ich denke. nein. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 61 was man vielleicht als Seele bezeichnen kann. nein. also dass ähm M: So was denkst du? [Familie 18] Interessant ist hier zunächst die Feststellung. Sein Vorhandensein stellt für die Tochter ein Faszinosum dar. dass es ’n Kreislauf gibt. gar kein Zusammenhang. dass. dass das Bewusstsein ein Phänomen ist. der. ich. nein. aber ich denke. zum Entwickeln dieser Seele oder dieses Bewusstseins kommt. […] dass es dann wieder äh zum. dass. es könnte noch da irgendwo was Øsein. bei dem das Bewusstsein eine Art Sonderstellung innehat. weil der geht wieder in ’n Kreislauf über. dass es dann aber irgendwann so sein wird. Ich verrotte. Gibt’s ja. nein. dass mit der Zusammensetzung von neuen Molekülen. ich denke. Der Wiedergeburtsbegriff bildet für sie das Gemeinte nicht wirklich ab. so. dass. und das is’ das. dass Øich ähm M.15 13:47 . halt […] irgend ’n Bewusstsein halt. Tragfähiger ist demge- genüber ein modifiziertes Kreislauf-Modell. aber ich glaube schon daran.10. ich denke aber.

dass auch das Bewusstsein mit dem Tod eines Menschen zunächst zerfällt. wird eine Vorstellung persönlicher Unsterblichkeit entwickelt. dieser innere Zusammen- hang zwischen der Welt und so weiter und so fort. Allerdings ist diese neue Person eine. die dann sage „Ich bin ich“. dass sich das Bewusstsein wieder zusammenfüge und sich in einer neuen Person einniste. dies könne man vielleicht „als meine Religion bezeichnen“. Auffällig daran ist.15 13:47 . ohne dabei auf explizit religiöse Ideen zu rekurrieren. es wird aber ’n. dass hier die häufig auftauchende Frage nach einem persönlichen Weiterleben in spezifischer Weise beantwortet wird. dass es sich wieder neu zusammensetzt.Øsetzen von Molekülen M: ºalso naturwissenschaftlich trotzdem Øirgendwie. das sähe nicht gut Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die offenbar ohne persönliche Geschichte in der Lage ist. Zudem sorgt es beim jeweiligen Träger für ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit der Welt. wird es irgendwann wieder jemanden geben. von der sie an anderer Stelle sagt.62 Monika Wohlrab-Sahr T: ja also ich geh ja nich’ in irgendwen über. In diesem Gespräch reagieren Vater und Tochter zunächst auf die Frage. sondern durch dieses Zusammen. hm T: ºja genau. ergibt sich ’n Bewusstsein. ich denke. In ihr treffen gewissermaßen Bewusstseinsmoleküle aufeinander und richten sich in ihr ein wie in einem Gefäß. was nach dem Tod komme. Der Vater meint. dass sich die Mutter immer wieder der Anschlussfähigkeit an naturwissenschaftliches Denken vergewissert. gewinnt sie wieder. [Familie 18] Obwohl sie davon ausgeht. Über die Idee. dass das ’n Zusammenhang mit mir hat /M: mhm/ mein Bewusstsein löst sich auf. Dabei scheint es vom konkreten Körper unabhän- gig: Es behält eine unverwechselbare Konstitution bei bzw. Auffällig ist in dem Gespräch auch.10. so wie ich’s jetzt/ wie ich hier sitze und ich es euch sage. der sagt „ich bin ich. „ich“ zu sagen. ich bin in diesem Körper“. ergibt sich ’n. dass sich da wieder was ergeben könnte. Ist das Vorgestellte nur „Fantasy“ oder wäre es in irgendeiner Weise naturwissenschaftlich erklärbar? An einer ähnlichen Vorstellung arbeitet sich auch eine katholische Familie ab. ’n neues Ø(Leben irgendwas) M: ºdass es zufällig so sich wieder zusam- mensetzen kann oder so? T: Es wird einfach jemand irgendwann sagen „ich bin ich“. ähm. beharrt die Tochter darauf.

nicht anschlussfähig sind. dass noch irgend/ irgendetwas is’. dass Energie bestehen bleibe: M: Nee. Erfolg und Folgen verwissenschaftlichter Religionskritik 63 aus. Von jedem Menschen. es müsse etwas „Dauerhafteres“ sein und sich von „Irdischem“ merklich absetzen. dass das dann bedeuten würde. Aber irgendwie so. dass so was schon erhalten bleibt und in irgend ’ner Form (. aber so was wie (2) Kraft oder (2) Materie. […] M: Sacht ma’ ihr. Aber ich weiß nich’. [Familie 1] Die Familie kann offenkundig in ihrem Orientierungsversuch weder an christliche noch an volkstümlich-religiöse Vorstellungen anschließen. wenngleich die mehr oder weniger konkreten Bilder (Garten oder Wolke). Seele irgendwie. In Absetzung davon entwickelt nun die Mutter der Familie die Vorstellung davon. die nach dem Tod erhalten bleiben. dass die Mutter die Vorstellung der Bewahrung der Seele mit dem Bild der „Energiehäufchen“ illustriert. dass. es is’ ja keine Materie. (2) Aber. Was denkt ihr denn? […] V: {lacht kurz laut auf} (3) Ja. wat jetzt Seele oder (3) oder dieses. ich denke schon. dass. Vorstellungen von Ewigkeit und Tran- szendenz werden hier also abstrakt als Kriterien festgehalten. Dennoch gewinnt im Verlauf des weiteren Gesprächs die Vorstellung die Oberhand. wie so ’n Energiehäufchen oder so was {lacht} irgendwo erhalten bleibt. […] S: Meinst du/ Meinst du. also ich hoffe. na ja. ich denk des jetzt vom Menschen. Keiner aus dieser Familie nimmt Bezug auf die Idee der Auferstehung. damit wir alle reinpassen. Es ist bemerkenswert. Deutlich wird auch die Vorstellung. Man kann’s auch Energiehäufchen nennen. die dafür zur Verfügung stehen. Die anderen Familienmitglieder stellen Verbindungen zu Science-Fiction- Filmen („Matrix“) und zu astronomischen Theorien her („Deswegen Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. was. na das hört sich vielleicht ganz doof jetzt an. ja? […] V: ºdeswegen dehnt sich doch des Weltall aus.15 13:47 . dass irgendwie. […] Ich. „nichts“ glaub’ ich nich’. eben wie gesacht: nich’ Garten und nicht Wolke sowieso. dass da der Glaube sofern doch was bringt. dass nach dem Tod noch etwas ist und sein soll.10. die Tochter sagt eindeutig: Nichts. sondern (3) dass vielleicht ir- gendwie so was. dass die andern dann noch immer irgendwo da Øsind. /{alle lachen}/ V: Wie in der Matrix.) in irgend’ner Form T: Aber denkst du des mehr von dir oder oder denkst du des für andere? M: Nee.

Auch wenn die Familie sich über die Metapher lustig macht. die die Religion abschaffen wollte. 4. In gewisser Weise sind Anschlüsse an Science-Fiction-Filme leichter möglich als an die Bilderwelt des Christentums. mit dem offensiv kommuni- zierten Gegensatz von Wissenschaft und Religion kein äußerlicher Zwangsvorgang geblieben ist. das alte religiöse Anliegen – der Ewigkeit und des persönlichen Weiterlebens – aufgreift. Damit setzt es sich in Differenz zur wissenschaftlichen Weltanschauung. dass sie per se naiv erscheinen. dass sich hier – vor dem Hintergrund einer beson- deren Säkularisierungstypik – eine charakteristische Form eines religi- onsnahen Nachdenkens entwickelt. Die Metaphern der Energieerhaltung und der „Energiehäufchen“ – die wohl eher als Chiffren für etwas inhaltlich nicht zu Beschreibendes zu verstehen sind – dienen offenkundig als Substitut für eine religiöse Semantik. wird diese doch nicht komplett zurück ge- wiesen. wenngleich eher in der Sprache der Science Fiction als in derjenigen der Science. sie werden in so konkretistischer Weise kolportiert. Der Konflikt von Wissenschaft und Religion ist zum verbreiteten Deutungsmuster geworden.15 13:47 .64 Monika Wohlrab-Sahr dehnt sich doch des Weltall aus […]“). und schließt gleichzeitig in ihrer Terminologie doch daran an. wo sich religiöse Suchbewegungen neu entwickeln. dass die Religionspolitik der SED und der von ihr mit beeinflusste Säkularisierungsprozess. Aber es scheint mir. Es bedient sich aber nicht mehr der konkreten Bildersprache der Religionen. sondern gerade mit dieser Gegenüber- stellung subjektiv anschlussfähig war. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Schluss Ich habe argumentiert.10. Die Diskussion findet kein klares Ergebnis. das die ost- deutsche Säkularität zumindest der älteren Generationen kennzeichnet. dass auch dort. ist. Im Gegensatz dazu scheinen die klassischen Bilderwelten der Religion entweder obsolet oder nicht mehr vorhanden bzw. sondern greift auf den Fundus der Wissenschaft und der Science Fiction zurück. Was ich im letzten Teil versucht habe zu zeigen. Im Hintergrund der Metapher des Ener- giehäufchens sind jedoch die Ideen der Transzendenz und der Ewigkeit unschwer zu erkennen. dies wesentlich in Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Weltbild geschieht.

Konfessionalität und Poli- tik‘ einige Erwägungen zu diesem Anlass voranzustellen. die entscheidende bildungsbiographische Prägungen im pro- testantischen Pfarrhaus empfangen haben.1 In den Wochen vor der Wahl wurde mehrfach betont. März 2012 zum Prä- sidenten der Bundesrepublik Deutschland. Mit Gauck amtiert übrigens erstmals ein Pastor als Bundespräsident. den Katholiken Philipp Rösler. Dazu kam.15 13:47 . das den Bundesvorsitzenden der FDP. Aus diesem Befund wurde gelegentlich gefolgert. Die Nominierung und Wahl von Joachim Gauck verdanken sich wohl nicht der Einsicht.unglücklich‘ archiviert werden.10. einige Differenzierungen anzubringen. dem ge- genwartsdiagnostischen Beitrag zum Thema . dass nun die beiden wichtigsten Staatsämter der Bundesrepublik Deutschland von Politikern versehen würden. der Deutschen Paul-Til- lich-Gesellschaft und der Schleiermacher-Gesellschaft Die aufgeklrte Religion und ihre Probleme. die aus Gründen der Koalitionsräson zustimmte. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. der CDU-Bundesvorsitzenden und Bundes- kanzlerin Angela Merkel die Kandidatur von Gauck aufzunötigen. dass bei der Kan- didatensuche mehrere protestantische Geistliche genannt wurden und dass es überhaupt erst zwei römisch-katholische Bundespräsidenten ge- geben hat. dem Tag der Eröffnung der Inter- nationalen Tagung der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft. Solche Suggestionen sind auf den ersten Blick bestechend. deren Amtszeiten überdies im kollektiven Gedächtnis unter der Überschrift . Die 1 Die Bundesversammlung wählte Joachim Gauck am 18. Gleichwohl ist es notwendig. dass die konfessionelle Milieuprägung im Protestantismus für politische Aufgaben in höchsten Staatsämtern in besonderer Weise prädestiniere. sondern eher einem parteipolitischen Kalkül. dazu veranlasste. Konfessionalität und Politik Arnulf von Scheliha Unmittelbar nach der Wahl des ehemaligen lutherischen Pastors Joachim Gauck zum elften deutschen Bundespräsidenten liegt es nahe. die zugleich die Funktion haben. in das Thema dieses Beitrages einzuleiten. freilich lange Zeit nach seinem Ausscheiden aus dem landeskirchlichen Dienst im Jahre 1990. dass Protestanten dem Amt grundsächlich besser gewachsen wären als Katholiken.

Volker Drehsen in Zusammenarbeit mit Christian Albrecht. Stark landesmann- schaftlich gefiltert ist der protestantische Habitus bei den Rechtsprofes- soren Karl Carstens (1979 – 1984) und Roman Herzog (1994 – 1999).66 Arnulf von Scheliha Bundeskanzlerin ist zwar im Pfarrhaus aufgewachsen.Konfessionalität und 2 Vgl. Schließlich sind noch wenige Worte zu den beiden katholischen Bundespräsidenten zu sagen. hg. Berlin/New York 2004. dass die kon- fessionellen Politikmilieus in Deutschland schon während der Nach- kriegszeit aufbrachen. Bei seinem älteren Bruder Friedrich Wilhelm Lübke war das ebenso. Ernst Troeltsch. Aber auch sie verkörpern sehr verschiedene Richtungen im politischen Pro- testantismus. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Er konnte daher zwischen 1951 – 1954 als Ministerpräsident im lutherischen Schleswig-Holstein amtieren. Wirklichen . Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit. KGA VII. aber die Tönung fällt im Einzelnen sehr unterschiedlich aus und dürfte mehr den zeitgeschichtlichen Um- ständen mit ihren politischen Erfordernissen geschuldet sein. Danach ist es ausgesprochen problematisch. in: Ders. Der politische Habitus von Frau Merkel ist weniger durch den Protestantismus als durch ihre naturwissenschaftliche Ausbildung und durch die parteipolitischen Lehrjahre in der CDU während der Spätzeit der Ära des langjährigen CDU-Bundesvorsitzenden und Bundeskanzlers Helmut Kohl geprägt. ihr Vater Horst Kasner (1926 – 2011) ist aber einem anderen protestantischen Milieu zuzuordnen. Eher marginal ist es bei Theodor Heuß (1949 – 1959). deren protestantisches Profil sehr unterschiedlich ausgeprägt war. v. vielmehr ist – wenigstens für den Neuprotestantismus – von seiner national-. Richard von Weizsäcker (1984 – 1994) und Johannes Rau (1999 – 2004).10. – Was immer man über die Amtszeit von Christian Wulff (2010 – 2012) sagen wird: Für das Thema . als einem durchgängig identifizierbaren protestantischen Habitus..2 Das zeigt ein Blick auf die anderen evangelischen Bundespräsidenten. Damit deutet sich ein Sachverhalt an.15 13:47 .Stallgeruch‘ vermittelt die Verbundenheit mit der evange- lischen Kirche vor allem bei Gustav Heinemann (1969 – 1974). 81 – 504.leiser‘ Katholik. Insofern wird man zwar von einer protestantischen Ein- färbung des Amtes sprechen können. den schon Ernst Troeltsch (1865 – 1923) gründlich reflektiert hatte. Walter Scheel (1974 – 1979) und Horst Köhler (2004 – 2010) kenntlich. Heinrich Lübke (1959 – 1969) war ein eher . kulturell- und frömmigkeitsgeschichtlich bedingten Vielgestaltigkeit auszugehen. was zeigt. von dem Protestantismus im Allgemeinen und von dem politischen Protestantismus im Besonderen zu sprechen.

nach dem der Islam zu Deutschland gehöre4. Chancen und Probleme staatlicher Steuerung und fachlicher Selbstbestimmung – am Beispiel der Etablierung des Faches Islamische Studien/Theologie an deutschen Universitäten.de/SharedDocs/Re- den/DE/Christian-Wulff/Reden/2010/10/20101003_Rede_Anla- ge. Han- nover 2006. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: . v.Konfes- sionalität und Politik‘ geht es auf der einen Seite um die konfessionelle Prägung von Politik und Staat. in: Alexander Heit/Georg Pfleiderer (Hg.pdf ?__blob=publicationFile&v=3 (Zugriff: 08. 27 – 41. Hannover. Zürich/Baden-Baden 2012. wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. 5 Vgl. dazu die in der Amtszeit Hubers veröffentlichte Handreichung des Rates der EKD: Klarheit und gute Nachbarschaft. 4 Vgl. Frankfurt (Main) 2007. Zur pluralistischen Religionskultur in Europa. wie nicht-selbst- verständlich diese Politik der Konfessionalisierung des Islam ist. Kritisch dazu die Beiträge in dem Band: Evangelisch aus funda- mentalem Grund. Christen und Muslime in Deutschland. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. 10.bundespraesident. Wie sich die EKD gegen den Islam profiliert. Als niedersächsischer Ministerprä- sident (2003 – 2010) hat er das Projekt der Konfessionalisierung des Islam in Deutschland politisch angeschoben und mit seinen integrationspoli- tischen Initiativen maßgeblich vorbereitet. 2012). Jürgen Miksch. hg.15 13:47 . Bei . Oktober 2010. Die akademische Seite der Umsetzung dieses ambitionierten Projektes erfolgt übrigens federführend durch die ebenfalls katholische Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan. Auf der anderen Seite verbindet sich mit dem Thema die Frage nach der politischen Steuerung der Konfessiona- lisierung der Religionen.3 Die zum Teil kritischen Reaktionen auf Wulffs bundespräsidiales Bekenntnis. „Das Chris- tentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Damit ist die Doppelseitigkeit des Themas benannt. Religions-Politik II. sondern 3 Vgl.Wer sich selbst und andere kennt. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland.5 Insofern spielen hier – wie schon 1848 und 1918/19 – bei der Konfessionalisierungspolitik katho- lische Politiker eine sehr viel konstruktivere Rolle als der kirchliche Protestantismus. zur Genese und Durchführung der akademischen Seite dieser Integrati- onspolitik Arnulf von Scheliha. Konfessionalität und Politik 67 Politik‘ hat er Bedeutsames geleistet. Genau diesem Anliegen war Bundespräsidentenfastkandidat Wolfgang Huber in seiner Amtszeit als EKD-Ratsvorsitzender (2003 – 2009) noch strikt entgegengetreten.10.).‘“ Siehe: http://www. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die sich gar nicht von selbst versteht. die Rede von Bundespräsident Wulff am 3. v. zeigen. hg. Religiöse Pluralität an der Universität.

Alle drei . in: Eilert Herms (Hg. Die Auseinan- dersetzungen um die Reform der Kirchenverfassung in Preußen (1799 – 1823). Anschließend wird der Befund zu einer Gegenwartsdiagnose herangezogen. Thomas Kaufmann hat gezeigt.Konfessionalität und Politik‘ seien nacheinander kurz skizziert.10. dazu Albrecht Geck.68 Arnulf von Scheliha historische Voraussetzungen hat und religiöse . Schleiermacher als Kirchenpolitiker. Er ergreift im Namen der Religion die Initiative. aber er versucht politische Freiheit durch Konfessionalität zu erreichen. durch den Einbau von repräsentativen Elementen in die Kirchenverfassung ein Vorbild für die ihm vorschwebende Demokratisierung des Staatswesens aufzubauen.15 13:47 . um die organi- sierte Religion vom Staat zu lösen und um mehr Freiheit für die Kon- fessionen zu erwirken. 6 Vgl. an dem sich in dem korporativ angelegten Religionsrecht Europas konfessionspolitische Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Ihre Beiträge zum Thema . Jahr- hundert und die Grenzen der Werteautonomie des staatlichen Rechts. Theologiegeschichtlich steht Friedrich Schleiermacher genau an dem Punkt. staatlicher und dogmatischer Ebene gelang. Bielefeld 1997. Vier Aspekte sind hervor- zuheben. Neben einer Verbesserung der kirchlichen Situation verband Schleiermacher damit die Absicht. aber die Bildung der Union auf gemeindlicher. Schleiermachers engagiertes Mitwirken an der Bildung der Preußi- schen Unionskirche kann als vorzüglicher Ausdruck dieses konfessions- politischen Gestaltungswillens gelten. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Kosten‘ verursacht. Menschenbild und Menschenwürde. Gütersloh 2001. und 20. Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834) und Troeltsch haben überdies in der Konfessionspolitik aktiv Verantwortung übernommen. 7 Vgl. Dabei verbleibt er zwar im korporativen System des konfessionell geprägten Hochabsolutismus. dass dieser korporative Ansatz staatlicher Religi- onsgovernance bis auf den Augsburger Religionsfrieden zurückgeht und in Deutschland erst im Verfassungswerk von Weimar mit der westlich- aufklärerischen Tradition der Menschenrechte synthetisiert wurde.Helden‘ dieses Bandes haben beide Seiten des Themas reflektiert. 1. Das deutsche Staatskirchenrecht im 19. Thomas Kaufmann.).7 Das letztgenannte Ziel erreichte er zwar nicht. 173 – 197.6 Schleiermacher steht gewissermaßen am Wendepunkt dieser Entwick- lung.

sondern er wollte auch die von ihm befürchtete Re-Katho- lisierung Europas abwenden helfen.9 Die Freiheit. hg. Nur sollen sie nicht über die größere NationalEinheit dominiren […].-) 4. März 1813 „Zum Besten der Auszurüstenden“ in: Schleiermacher.12. o.8 Für Schleiermacher ging es dabei nicht nur um die Befreiung von Fremd- herrschaft. KGA III. hg. v. exemplarisch die 1821 angebrachten Anmerkung 4 zur Nachrede „Über die Religion“ in: Friedrich Schleiermacher. in: Ders. Über die Religion (2. Auflage. KGA I. in: Ders. Berlin/New York 1995. Berlin/New York 2005. 06. die deutsche Einigung unter einem nationalen Kaisertum vorsieht und den Einzelstaaten wiederum regionale und konfessionelle Autonomie ein- räumt.15 13:47 .11 Dies skizziert die politische Seite jener von Schleiermacher vertretenen Theorie des Christentums. die es mit dem kriegerischen Einsatz für das „deutsche Vaterland“ zurückzugewinnen galt10. Berlin/Boston 2011. Ich bin gar nicht so ganz dagegen. 563 – 577.4. 10 So die durchgängige Formulierung in der berühmten Predigt vom 28. die er mit der Herrschaft von „Buonaparte“ verband. Brief an Friedrich Schlegel vom 12.. Predigten 1809 – 1815.. Ich kann Dir das Allgemeine davon in wenig Worten mittheilen. Die Stammesverschiedenheiten sowol als die Spuren der alten ein- zelnen politischen Concrescenzen. 369) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10. Predigten 1809 – 1815 (s. 1813. 9 Vgl. sind den Deutschen zu stark aufgedrückt. dass sie die nationale Selbstbestimmung der europäischen Völker einschließt. Es ist bemerkenswert. die freilich mit jenen nicht immer genau zusammenfallen. Günter Meckenstock. daß es Sachsen und Brandenburger Oestreicher und Baiern geben soll. die auf ein europaweit gleich- 8 Wieder abgedruckt in Friedrich Schleiermacher. nur fürchte ich. Anm. bürgerlicher und kirchlicher Sphäre. sich nach ihrer Ei- genthümlichkeit aus zu bilden und zu regieren. als daß man sie sollte vernichten wollen dürfen. Konfessionalität und Politik 69 Auch Schleiermachers politisches Wirken im Kontext der napoleo- nischen Befreiungskriege hatte eine konfessionspolitische Dimension. 321. Seine patriotischen Predigten von 1813 sind Ausdruck des damaligen Ineinander von staatlicher. Du wirst wenig eigenthümliches darin finden […].“ (Friedrich Schleiermacher. zitiert nach Matthias Wolfes. Darum ist nach der Befreiung mein höchster Wunsch auf Ein wahres deutsches Kaiserthum. das aber wieder nach innen den ein- zelnen Ländern und ihren Fürsten recht viele Freiheit läßt. v. wie oft Schleiermacher als Ziel der Erhebung die „Freiheit Europa’s“ nennt. lieber Freund. 11 „Du forderst mir kurz und gut mein politisches Glaubensbekenntniß ab. 8). Sie wird von ihm so gedacht. Öffent- lichkeit und Bürgergesellschaft I. schloss für ihn ausdrücklich die Bewahrung der konfessionellen Vielfalt in Europa ein. Patrick Weiland unter Mitwirkung von Simon Paschen. kräftig und nach außen hin allein das ganze deutsche Volk und Land repräsentirend.

Reden‘. Die Pluralität der Religionen in Schleiermachers . lehnte Schleiermacher ab. Berlin/New York 1984. Markus Schröder.. v. Berlin/New York 1996. Briefe bei Gelegenheit der politisch theologischen Aufgabe und des Sendschreibens jüdischer Hausväter (1799).10. weil die den Juden aufgenötigte Doppelmoral am Ende die staatsbürgerliche Gesinnung gefährden würde. Anm. Internatio- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Akten des Internationalen Kongresses der Schleiermacher-Gesellschaft in Halle. sondern auch der Staat. Das .). dass Schleiermachers politische Publizistik während der Be- freiungskriege keine agitatorische Dimension konfessioneller Prägung aufweist. 200 Jahre . Akten des 1. aber sie weiß nichts davon.14 Seine differenzierte Sicht gibt einen Vorausblick auf die Konfessionali- sierungspolitik des 19. die Schleiermacher in den Reden ber die Religion im gleichen Jahr aufzeigt. 15 Friedrich Schleiermacher. Hans-Joachim Birkner. 335 Z. Günter Meckenstock.12 Diesem Ziel entspricht. 27 – 29. 15).). „aus unreinen und fremdartigen Bewegungsgründen zum Christenthum überzugehen“. v. und es muß also auf vielerlei Art möglich sein. Schriften aus der Berliner Zeit (1796 – 1799) (KGA I.70 Arnulf von Scheliha berechtigtes Nebeneinander der Konfessionskulturen zielt.15 Dadurch würden nicht nur die Religionen Schaden nehmen. daß Alle Bürger sein sollen. und 20. daß Alle Christen sein müßen. hg. Diese Initiative liefe auf eine Instrumentali- sierung des Christentums hinaus und Juden würden veranlasst. Jahrhunderts.13 Ein dritter Aspekt: Schon 1799 hatte sich der junge Schleiermacher an der Debatte über die bürgerliche Gleichstellung der Juden beteiligt.2).. Hermann Fi- scher.Reden über die Religion‘. o. 17 Vgl. 327 – 361. dazu neuerdings Hans-Martin Kirn. in: Roderich Barth/Ulrich Barth/Claus-Dieter Osthövener (Hg. hier: 335 Z. hg. o. Berlin/Boston 2012. Den Vorschlag des jüdischen Aufklärers David Friedländer (1750 – 1834). Schleiermachers grundsätzliche Feststellung lautet: „Die Vernunft for- dert. 125 – 136.17 Seine prinzipielle Zustim- 12 Vgl. 323 – 541. Bürger und Nicht-Christ zu sein. in: Ulrich Barth/Claus-Dieter Ost- hövener (Hg. Deutung und Kritik des Katholizismus bei Schlei- ermacher und Hegel. Christentum und Judentum. 32 f. Briefe bei Gelegenheit (s. in: Ders. 13 Vgl. den Juden durch Bildung einer christlich-jüdischen Religionsvereinigung unter dem Dach einer formalen Christlichkeit die bürgerliche Gleichstellung zu ermöglichen. Schleiermacher-Studien. in: Ders. 193 – 212 (dort finden sich auch Hinweise auf die inzwischen reiche Li- teratur zum Thema). Öffentlichkeit und Bürgergesellschaft I (s. 16 Schleiermacher.15 13:47 . Friedrich Schleiermachers Stellung- nahme zur Judenemanzipation.unendliche Chaos‘ der Religion. Anm. 14 Vgl. 11).“16 Zu dieser vernnftigen Einsicht ge- sellen sich religionstheoretische Gründe. Wolfes. März 2009.

in: Barth u. in: Ders. die Schleiermacher im Blick auf das Judentum anbringt. Sein Eintreten für die bürgerliche Gleich- stellung der Juden ist vor allem politisch motiviert. Schleiermachers Deutung von Judentum und Chris- tentum in der fünften Rede . hoch allgemeine Begriff der Theologie lautet bekanntlich: „Die Theologie in dem Sinne. anderenfalls würde man dem erforderlichen bürgerlichen Patriotismus nicht gerecht.. 215 – 220. dass Schleiermacher programmatisch und wissenschaftsorganisatorisch die konfessionelle Theologie in die Humboldt’sche Universitätsreform ein- gebracht hat.10. Friedrich Schleiermacher. o.15 13:47 . 12). in welchem das Wort hier immer genommen wird. 585 – 608. Wenn die Inkulturation der jüdischen Religion in Staat und Gesellschaft gelingen soll. Universitätsschriften – Herakleitos – Kurze Darstellung des theologischen Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.–17. Konfessionalität und Politik 71 mung zur pluralen Konfessionskultur wird eingeschränkt durch zwei Bedingungen. d. Hans-Joachim Birkner.“21 Die wissen- nalen Kongresses der Schleiermacher-Gesellschaft in Halle.. hg. Beiträge aus . Friedrich Schleiermacher. Anm. deren Theile zu einem Ganzen nur verbunden sind durch ihre gemeinsame Beziehung auf eine bestimmte Glaubensweise. Anm. Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen. a.Über die Religion‘ und ihre Rezeption bei Abraham Geiger.19 Aber Sterbehilfe durch Konversionszwang sollten weder Staat noch Christentum leisten dürfen noch wollen. in: Ders. 19 Vgl. Mit diesen Forderungen wusste Schleiermacher sich mit den Reform- kräften im Judentum einig. ist eine positive Wissenschaft. 14. Arnulf von Scheliha. Kleine Schriften 1786 – 1833 (KGA I. v. 20 Vgl.). 285 – 306.. Schleiermacher-Studien (s. 21 Vgl. 395 – 500. eine bestimmte Gestaltung des Gottesbewußtseins. Matthias Wolfes/Michael Pietsch.Kurze Darstellung‘ als theologi- sches Reformprogramm.. 18 Im Preußischen Correspondenten berichtet Schleiermacher über die konfessionelle Gleichstellung der Juden in „Baiern“ (vgl. Berlin/New York 2003. Schleiermachers . in: Ders.14). o. (Hg.). 213 – 227. Christentum und Judentum (s. Der von ihm entworfene. 14). die der christ- lichen also durch die Beziehung auf das Christenthum. Er rechnete eher mit dessen religionsgeschichtlichen Tod. müssen die Juden das Ritualgesetz dem Staatsgesetz un- terordnen und der Hoffnung auf das Heilige Land entsagen. Konfessionspolitisch von erheblicher Bedeutung war schließlich. h. Berlin/New York 2000. hier: 454 f.18 Religiçs hat Schlei- ermacher mit dem Judentum nicht viel anfangen können. März 1999 (SchIA 19).Der Preußische Correspondent‘. Zweite umgearbeitete Ausgabe (1830).20 Dabei hat er – unbeabsichtigt – einen Beitrag zur Kon- fessionalisierung des Judentums geleistet.

Frankfurt (Main) 2013. 22 Vgl.6). Troeltsch reflektiert auf die historische Kontingenz. Scheliha. „Historische Theologie“ und „Praktische Theologie“ nebst ihren Unterbestimmun- gen und unterfüttert mit diesem Entwurf die Forderung progressiver Juden nach akademischer Repräsentanz und Anerkennung. 2. 317 – 446. in: Ders. v. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die „Wissenschaft des Judentums“ – dieser Begriff setzte sich im Judentum durch – wurde jenseits des offiziellen Wissen- schaftsbetriebes institutionalisiert. in Frankreich.72 Arnulf von Scheliha schafts.24 Auch in histo- Studiums (KGA I. politische und bürgerliche Freiheit verhindert hat. Zu dieser Zeit sind die Pluralisierung der Re- ligionskultur und die Politisierung der Gesellschaft erheblich fortge- schritten. hg. Deutscher und westeuropäischer Geist im Weltkrieg (1916). Das mag auch an Schleiermacher selbst gelegen haben. Dirk Schmid. 23 Vgl. 19).15 13:47 . Trotz mancher Teilerfolge blieb die Wirklichkeit also hinter Schleiermachers politischen und konfessionspolitischen Visionen zurück. 31 – 166. in den Niederlanden und in den USA. Einhundert Jahre später hat Ernst Troeltsch wesentliche Grundeinsichten Schleiermachers vertieft. Deutscher Geist und Westeuropa. insbesondere in England. hier: 325.und religionstheoretisch begründete Offenheit dieser Definition hat den jüdischen Religionsgelehrten Abraham Geiger (1810 – 1874) dazu ermuntert. Tübingen 1925.10. Anm. einen analogen Begriff der Jüdischen Theologie zu entwerfen. Eine Studie zur jüdischen Rezeption von Friedrich Schleiermachers Theologiebegriff. Abraham Geigers Wissenschaftsverständnis. dazu insbesondere Ernst Troeltsch.23 Politik und Wissenschaft waren zur Konfessionalisierung des Judentums damals noch nicht bereit.22 Geiger folgt Schleiermacher dabei bis zur bekannten Dreiteilung der Theologie in „Philosophische Theologie“. Berlin/New York 1998. hg. Imke Stallmann. o. dessen tief empfundene Treue zur Monarchie wohl ein energischeres Eintreten für religiöse. die ihnen freilich versagt wurde. 24 Vgl. Hans Baron. Seine Diagnosen zur kon- fessionellen Prägung der politischen Lage beziehen vergleichend die Entwicklung außerhalb Deutschlands mit ein. 221 – 226. v.. Schleiermachers Deutung von Judentum und Christentum (s. den Wandel und die konfessionspolitischen Folgen der engen Staatsbindung der evangelischen Kirchen in Deutschland.

o. 259 – 268. in: Ders. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Gangolf Hübinger in Zusammenarbeit mit Johannes Mikuteit. Deren Lage wird von Troeltsch als außerordentlich kritisch eingeschätzt. Religionsphilosophie und Ethik (GS II). 25).. hg. 86. sondern auch „mit dem konfessionell gemischten Staate vor- trefflich zu paktieren imstande ist“ und sich „den Anforderungen einer realistischen Machtpolitik […] nicht verschließt“31. Deutlich schärfer als Schleiermacher nimmt Troeltsch den Katholi- zismus in den Blick. 46. Die Religion im deutschen Staate (1912).a. hier: 73. Die Religion im deutschen Staate (s. Konfessionalität und Politik 73 rischer Perspektive werden die vielfältigen Strömungen im Protestan- tismus herausgearbeitet. Zur reli- giösen Lage. Er steht daher dem 25 Ernst Troeltsch. Tübingen 1907. Tübingen 21922.15 13:47 . Die Kundgebungen des Deutschen Kirchentages (1919). 29 A.a.. 75. Im „Zentrum“ verbindet sich für Troeltsch „der entsetzliche dogmatische Geisteszwang“29 mit einem „politisch- sozialen Modernismus“30. „das moderne Religionsbedürfnis. dass der landeskirchliche Protestantismus „der re- ligiöse Begleiter der bürokratisch-militärischen Monarchie und der Gutsherrschaft“26 war. 26 Ernst Troeltsch. 28 Troeltsch. Berlin/ New York 2002. das gerade im Gegensatz gegen die ökonomische Materialisierung und die politische Brutalisierung mit leidenschaftlicher Stärke erwacht ist“28.10. der staatliche Religions- unterricht und die theologischen Fakultäten. hier: 264. v. der nicht nur „auf die sozialen Forderungen und die sozialen Organisationskünste der Gegenwart einzugehen ver- steht“.O. 31 A. der sich mit dem Ersten Vatikanischen Konzil als kirchliche Gegenwelt zur Moderne konstituiert hat und der auf dieser Grundlage in Gestalt der Deutschen Zentrumspartei (kurz „Zentrum“ ge- nannt) seit 1870 viel entschlossener als der Protestantismus in das poli- tische Geschehen eingreift. Die Trennung von Staat und Kirche. 27 Ernst Troeltsch. 68 – 90. dass Protestantismus und evangelische Kirchen in Deutschland zusammenfallen. 30 Ebd. Durch ihre zwischenzeitlich erfolgte organisato- rische Verselbstständigung hat die „uniformierte und zentralisierte pro- testantische Kirche“27 zwar erheblichen politischen Einfluss.. 75 f..O. aufzugreifen. in: Ders. Aber wegen ihrer Milieuverhaftung hat sie breite Bevölkerungskreise verloren und ist nicht in der Lage. Schriften zur Politik und Kulturphilosophie (1918 – 1923) (KGA XV). so dass nicht mehr – wie noch zu Zeiten Schleiermachers – der Eindruck entstehen kann. Anm. Der „Zustand […] der schweren Religionskrisis“25 in Deutschland ist maßgeblich da- durch mitverursacht.

Gelehrtenpolitik und Historismusverständnis. Die Kundgebungen des Deutschen Kirchentages (s.O.74 Arnulf von Scheliha „modernen politischen Denken gar nicht so fern“32. in: Friedrich Wilhelm Graf (Hg. nicht aber als Regel des eigenen Verhaltens dient. 493) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Historismus‘. 260. einerseits und das romantisch-individualistische Geschichtsdenken Deutschlands andererseits. die auf beiden Seiten zum Zweck der Kriegspropaganda erfolgt sei. um sie im Blick auf die da- malige politische Situation in einer „Kultursynthese“36 zusammenzu- führen. Beide Traditionen werden in einem kühnen Überblick genetisch rekonstruiert. das maßgeblich durch lutherische Denker in Klassik und Romantik geprägt ist.37 Die von Troeltsch angestrebte Kultursynthese soll den geschichtlichen Indivi- dualitätsgedanken mit dem Menschenrechtsdenken und der mit ihm 32 A. 33 Troeltsch. Naturrecht und Humanität in der Weltpolitik.a.. 26). 493 – 512. Anm. 36 A. o.a. in denen das Verhältnis der Konfessionen zur Politik bestimmt ist. Er verbindet demokratische und aristokratische Elemente. hier: 497.“ (A.10. dem „der Katholizismus […] viel näher steht“35. so Troeltsch an anderer Stelle. 37 Die treffende Formulierung Troeltschs lautet: „Das ist ja überhaupt heute in dem furchtbar gesteigerten Daseinskampf die Rolle […] der öffentlichen Moral und politischen Moral[] geworden.“33 Die mit Kriegsniederlage und Revolution verbundenen politischen Umbrüche werden für Troeltsch zum Anlass für den Versuch einer Synthese seiner etwas disparaten geschichtsphilosophischen Diagnosen der Vorkriegszeit. Der Katholizismus. „vereinigt in seiner Sozialethik den In- dividualismus der Menschenwürde und die willige Anerkennung der sozialen Differenzierung.34 In seinem im Herbst 1922 erstmals in Kiel gehaltenen Vortrag Naturrecht und Humanitt in der Weltpolitik legt er eine Revision der von ihm selbst bis in den Krieg hinein vertretenen Theorie vom deut- schen Sonderweg vor. kann für die Massen fühlen und doch die Ausbildung von Führern sicherstellen. 76.. das westdeutsche Denken des rationalen Naturrechts und der Humanität. Ernst Tro- eltschs .15 13:47 . o. werden nun auf zwei dominante Linien reduziert.O. 26).. 34 Vgl. 508. Anm.). in: Ders. Die vielen Varianten. dazu die instruktive Studie von Hartmut Ruddies. 135 – 163.O. 35 Ernst Troeltsch. Gütersloh 22003. KGA XV (s. kann […] demokratische und sozialistische Politik treiben. Maßgeblich ist dabei die von Troeltsch durchaus selbstkritisch formulierte Einsicht in die Ideologisierung von Moral und Religion. daß sie wesentlich als Waffe zur moralischen Entwertung der Gegner. Über die Formierung der Geschichtsphilosophie Ernst Troeltschs im Ersten Weltkrieg.a..

Weimarer Koalition ge- meinsam mit der SPD und dem Zentrum. Einschränkung der Zerstörungskräfte und Egoismen steckt ein unverlierbarer moralischer Kern. Historische und systematische Studien zum Pro- testantismusbegriff. gegenwrtig ist es die Religion 38 A. hat er als politischen Arm des urbanen und weltoffenen Protestantismus verstanden.10.O. o. Der moderne Protestantismus als politische Theologie der Differenzierung.).. Da- mals waren es die Weltanschauungsvereine43. Aber diese darf nicht an dem erforderlichen „neuen unbefangenen und weitsichtigen Denken[]“40 hindern. 137 Abs. 182 – 190. in: Ders.O.. Der liberale Protestantismus und der politische Katholizismus sind in den ersten Weimarer Jahren auf Konsens und Kompromiss ausgelegt. In all den Ideen von Völkerbund. Gegenwärtige und bleibende Werte der Deutschen de- mokratischen Partei (1919). Das Beispiel der Vernunftrepublikaner Ernst Troeltsch und Thomas Mann. KGA XV (s. sie aber mit einem grundrechtlichen Unterbau versieht. das die korporative Tradition in gewisser Weise zwar fortsetzt.. Johann Hinrich Claussen. die sich die gemein- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 43 In Art. Da- durch können auch neue Akteure in die Religionskultur eintreten.“38 Daraus folgt für Troeltsch „ein Programm der Selbstbesinnung des deutschen historisch- politisch-ethischen Denkens“39. 40 A. Anm. In seiner Tätigkeit als Mitglied der Verfassung gebenden Landesversammlung Preußens und als Unter- staatssekretär im Preußischen Kultusministerium hat Troeltsch an der Entflechtung von Staat und Kirche mitgewirkt und war insofern mit- verantwortlich für die Etablierung des bis heute gültigen Religionsver- fassungsrechtes. 510. 7 der Weimarer Reichsverfassung heißt es: „Den Religions- gesellschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt. 26). Das protestantische Prinzip.a. 512.15 13:47 . 42 Vgl. 39 Ebd. 181 – 199. 98 – 99. Ernst Troeltsch. den man grundsätzlich nicht preisgeben darf. 41 Vgl. Sie gestaltet in den An- fangsjahren das neue Staatswesen in der sog. „Der Horizont des Weltbürgertums und der Menschheitsgemeinschaft muß alles das um- schließen als moralische Forderung und Voraussetzung […]. Menschheitsorganisation. das seine konfessionelle Prägung nicht zu vergessen braucht. um die junge Demokratie von Weimar zu fundieren. das moralisch und ideenpolitisch nun erforderlich ist. Stuttgart 1998.41 Diese Synthese ist auch der ideelle Boden für Troeltschs politisches Engagement in der Weimarer Republik. Konfessionalität und Politik 75 verbundenen universalen Perspektive verknüpfen.42 Die Deutsche Demokratische Partei (DDP). in: Arnulf von Scheliha/Markus Schröder (Hg. der er sich anschloss.a.

45 A.a. Die Entstehung des modernen Staatskirchenrechts in den Verhand- lungen der Weimarer Reichsverfassung. o. 44 Ernst Troeltsch. 136. weil sie Ausdruck der Verwirklichung der demokratischen Idee in Deutschland ist..44 Aber diese religiös-sittliche Fundierung des Staates kann nur auf der Basis der Trennung von Staat und Kirchen erfolgen. In seinem Beitrag Der Religionsunterricht und die Trennung von Staat und Kirchen vom Frühjahr 1919 untersucht Troeltsch die Verwiesenheit von Sozialismus und Demokratie auf religiöse Fundierung und kann – im Blick auf Deutschland – sogar von einer „christlichen Demokratie“ und einem „christlichen Sozialismus“ sprechen. sie ist für beide Seiten „unausweichlich“45. Auf dem Weg zum Grundgesetz. Grundrechte und Religionen im Licht der Rechts- ethik. 24 – 30. 67 – 89. KGA XV (s. Er nimmt das sog. sondern ist „auf den amerikanischen Sinn und Ton [zu] stimmen“46. Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation [1967]. Der Religionsunterricht und die Trennung von Staat und Kirchen. Darmstadt 1981. 47 „Der freiheitliche Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen. 26). in: Günter Brakelmann/Norbert Friedrich/Traugott Jähnichen (Hg. dazu Folkart Wittekind. Für die angestrebte freundschaftliche Kooperation stehen der öffentlich-rechtliche Körperschaftsstatus der Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie die Beibehaltung des schulischen Reli- gionsunterrichtes ein. die in diesen – oft verkürzt als „Staatskirchenrecht“ bezeich- neten – Verfassungsrahmen eintritt. 77 – 97. Anm.O. tiefe und lebendige Religion braucht und von ihr sich nicht trennen kann. die er selbst nicht ga- rantieren kann. in: Heinz-Horst Schrey [Hg.“ Vgl. Münster 1999.15 13:47 . auch wenn sie die Kirchen schaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen.76 Arnulf von Scheliha des Islam. Beiträge zum Verfassungsverständnis des neuzeitlichen Protestantismus.“ (Ernst-Wolfgang Böckenförde. Böckenförde-Argument der Sache nach vorweg47 und behauptet. Die Trennung soll aber nicht in dem feindlichen Sinne Frankreichs vollzogen werden. Stuttgart 2011. in: Ders. Unter dem Eindruck der 1905 voll- zogenen laizistischen Trennung von Staat und Kirche in Frankreich tritt Troeltsch in einer 1906 gehaltenen Rede für eine besondere Berück- sichtigung der konfessionellen Verhältnisse in Deutschland ein. kritisch dazu: Hartmut Kreß. „daß […] die Gesellschaft eine starke.. Säkularisie- rung.10.). Diese Position hatte Troeltsch schon vor der Revolution gedanklich antizipiert. hier: 87) Vgl. 123 – 146. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.]. 46 Ebd. hier: 127. Ethik der Rechtsordnung. Staat.

a. 60. Vielmehr sind für ihn die theologischen Fakultäten gerade Ausdruck der Unterscheidung von Christentum und Kirchen und institutionelle Realisierung der im Christentum wurzelnden sittlichen Grundierung des Staates. Spektator in Berlin 1918 – 1922. Adolf von Harnack. 60. 52 A. 53 Vgl. Die Fehlgeburt einer Republik. 51 A. 59. Christentum. konnten nicht gefunden werden.O. Ein auffällig blinder Fleck ist bei Troeltsch das Problem der konfes- sionellen Integration des Judentums. (Hg. Hinweise Troeltschs dazu. Symmetrie und Asymmetrie der Wissenschaftskul- turen. Religion also affirmativ verstehen. Ausdrücklich grenzt sich Troeltsch von einer bloß historischen Betrachtung der Re- ligion ab. In dem Artikel Vorherrschaft des Judentums? wird zwar bilanziert. dass die Trennung von Staat und Kirche in Deutschland „keine Trennung von Staat und Christentum“49 sein muss. Konfessionalität und Politik 77 vom Staate trennt. 50 A.). 163 – 187. 54 Ernst Troeltsch..10. 61.O.a.“48 Das bedeutet. Eine die Religionen übergreifende.O. a. 61.. Man sieht daran: Schärfer als Schleiermacher differenziert Troeltsch zwischen dem Christentum als Kulturmacht einerseits und den Konfessionskirchen andererseits. Die Trennung von Staat und Kirche. Die dafür notwendige „Wissenschaft vom Christentum“52 würde von den konfessionell differenzierten theo- logischen Fakultäten (in Kooperation mit der Pädagogik) angeboten. Theologie – Religionswissenschaft – Kulturwissenschaften um 1900. in der Schule vermitteln und an der Universität erforschen. Frankfurt (Main) 1994. ob und wie es in die Konfessionalisierungspolitik einzubeziehen ist. Tübingen 1907. „daß das Judentum[] bisher in dem amtlichen und offi- ziellen Deutschland aufs schärfste unterdrückt“ war und „mit der Re- volution ganz ungeheuer emporgeschnellt ist“54. 93.. in: Kurt Nowak/Otto Gerhard Oexle/Trutz Rendtorff u.a. Troeltsch entkräftet mit vorwiegend kulturgeschichtlichen Argumenten die Angst vor Über- 48 Ernst Troeltsch. der staatliche Religions- unterricht und die theologischen Fakultäten. zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Johann Hinrich Claussen. Vielmehr muss man „überall von unserem gegebenen Besitz ausgehen“51.. Wissenschaft und Gesellschaft. Vielmehr sei für die Bildung der christlichen Fundierung der Gesellschaft der schulische Religionsunterricht zuständig.a. der als „ein wesentlich historischer Unterricht“50 durchzuführen wäre. angeblich voraussetzungsfreie Reli- gionswissenschaft lehnt Troeltsch – ebenso wie Adolf Harnack53 – ab. Göttingen 2003. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 49 A.O.15 13:47 . Adolf von Harnacks Position im wissenschaftstheoretischen Diskurs. Arnulf von Scheliha.

Marion Enzmann. in: Ders. sondern trägt mit den von ihm gewählten Formulierungen eher zur Marginalisierung dieser Minderheit bei. Anm. 57 Vgl. sondern die eifrigen Kommentatoren und geistreichen Umschreiber deutscher Führer“ (Troeltsch. Auch die konfessionelle Orientierung der Parteien wird von ihm in Richtung Verständigung und pragmatischem Realismus ausgelegt.78 Arnulf von Scheliha fremdung und jüdischer Vorherrschaft.o. Die Staatsferne bietet ihnen die Chance. 54]. 68 – 126.. Einerseits thematisiert er die bisher angesprochenen Themen auf einer sehr ab- strakten Ebene. Alf Christophersen. Er fordert für es „Gerechtigkeit und Billigkeit“56 – nicht weniger.55 An anderer Stelle gesteht Troeltsch zu. sich religiös zu regenerieren. o. Troeltsch sieht deutlich die Krisen und Aporien der konfessionellen Prägung der deutschen Politik. Studien zum religiösen Sozialismus Paul Tillichs und Carl Mennickes. wie an seinen – schwer zu deutenden – Schriften zum religiösen Sozialismus deutlich wird. in der christliche Sittlichkeit sich mit dem Menschen- rechtsdenken und der allgemeinen Humanitätsgesinnung verbindet. Er tritt dem Antisemitismus vorsichtig entgegen. Tübingen 2008. Andererseits drängt seine theologische Interpretation des christlichen Glaubens selbst auf politische Realisierung.57 55 „Wir müssen mit allem Ernst und aller Hingebung eine nationale Kulturform schaffen und ausbauen. gesellschaftliche Praxis. Das Staatskirchensystem von Weimar bedeutet für ihn die Entpolitisierung der Kirchen. dass er keine intime Kenntnis vom Judentum habe. aber auch nicht mehr. Bei Paul Tillich (1886 – 1965) liegen die Dinge komplizierter. Protestantische Zeitdeutungskämpfe in der Weimarer Republik. Ein Projekt. Anm. Frankfurt (Main) 2000. 3. KGA XV (s. Zur sittlichen Fundie- rung der Demokratie strebt Troeltsch eine überkonfessionelle Kultur- synthese an. Thomas Ulrich. Zürich 1971. dem sich – anders als der politische Katholizismus – der kon- servative Protestantismus von Weimar bekanntlich verweigerte. [Deutscher Geist und Judenhaß] (1920).“ Juden „sind ein belebender Zusatz zu deutscher Schwerfälligkeit und Philisterei. Kairos. Die politischen Idee Paul Tillichs zur Zeit der Weimarer Republik.10. 98). Theologie. macht aber keinerlei Vorschläge für eine in die Zukunft gerichtete Integrationspolitik. 56 Ernst Troeltsch.15 13:47 . Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die Fehlgeburt einer Republik [s. aber sie sind auch heute nicht die geistigen Führer. 395. 26). Ontologie.

in der politischen Sphäre einen parteimäßigen Ausdruck im Zentrum […] zu finden“58. 77. religioide Bewe- 58 Paul Tillich. Das Christentum und die moderne Gesellschaft (1928).59 In der problemgeschichtlichen Abfolge dieses Beitrages ist neu.15 13:47 . 9 – 93. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.62 Diese bringen denjenigen Durchbruch der Ewigkeit auf den theologi- schen Begriff. 58). 60 Vgl. Der Protestantismus kennt zwar die strikte Unter- scheidung von Religion und Politik. zu kritisieren.O. dass Tillich in der Spannungseinheit von Religion und Kultur die religiöse Aufladung des Politischen prinzipiell erfassen und theologisch auf den Begriff bringen kann. Aus der jeweiligen Konstellation ergibt sich der Zugang zum Politischen. den Tillich in allen gesellschaftlichen Sphären wahrnimmt. Autonomie und Heteronomie unterschiedlich konstelliert ist. 59 Paul Tillich. Jahrhundert hochanteilig dem „Geist der in sich ruhenden End- lichkeit“60 der bürgerlichen Gesellschaft und des Wirtschaftsliberalismus angepasst. Anm. schwankt faktisch aber zwischen enger Verbindung mit den politischen Mächten einerseits und der Hal- tung einer konservativen Opposition zum demokratischen Staat ande- rerseits. Die politische Epoche von Weimar deutet Tillich als in eminenter Weise religionshaltig.. 105 f. theologisch ganz unterschiedlich gelagerte Aufbrüche erkennbar. Tillich.10. 81. Stuttgart 1968. 61 A. Konfessionalität und Politik 79 Tillich denkt das Christentum in konfessioneller Differenzierung. Beide Konfessionen verweisen strukturell und historisch aufeinander. Die religiöse Deutung der Gegenwart. Phänomene politischer Theologie und religiöser Politik wahrzunehmen und dort. insbesondere im Nachkriegsprotestantis- mus. wie Tillich es für große Teile des Protestantismus von Weimar feststellt. o. 62 A. Dies wird von Tillich insbesondere in den zeitdiagnostischen Schriften durchgeführt.a. Die katholische Kirche und die evangelischen Kirchen hatten sich im 19..61 Doch nun seien.. Die religiöse Lage der Gegenwart (s. hier: 75 f. o. Schriften zur Zeitkritik (GW X). Anm. Dadurch nimmt er planmäßig politischen Einfluss. 58). Dadurch wird es möglich.O. Die religiöse Lage der Gegenwart (1926). wo es zur Verzerrungen kommt. 91 – 93. in: Ders. weil in ihnen das Verhältnis von Theonomie.. die Gegenüberstellung von Katholizismus und Protestantismus ist für ihn schon kategorial grundlegend. 100 – 107. in: Ders. Der hierarchische Katholizismus mit seiner fest gefügten religiösen Kulturidee hat „die Möglichkeit. GW X (s. 80. Auf dem Gebiet der Politik verkörpern der „mystische Nationalismus“ und die „sozialistischen Utopien“ anti-bürgerliche.a.

10.15 13:47 . 65 Vgl. 58]. 64 A. sakramentalen Haltung der Religion verstetigt. Das macht seine eigentümliche Doppelstellung gegenüber den reformatorischen und den ka- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die Tillich begrifflich und phänomenologisch vornimmt. die das kritisch-theokratische Element am stärksten in sich trägt. Anm.63 Die komplexen Zuordnungen. Die religiöse Lage der Gegenwart [s. bezeichnet er in den zwanziger Jahren als „gläubigen Realismus“.und Wirtschaftslage.O. 73) 67 „Der religiöse Sozialismus steht derjenigen Konfession am nächsten. aber die Hoffnung auf eine Gesellschafts.O. oder religiös artikulieren kann.. Die in dem Zitat angesprochene Überwindung der in sich ruhenden Endlichkeit erfolgt durch den prophetischen Geist.. Der religiöse Sozialismus allerdings ist nicht allein eine prophetische Bewe- gung.a.“ (Tillich. in der der Geist des Kapitalismus – das stärkste Symbol der in sich ruhenden Endlichkeit – überwunden ist“64. in denen die theonome Idee eine. Paul Tillich. 44 – 49. Ausprägung gefunden hat. a. Es handelt sich um „ein unbedingtes Ernstnehmen der konkreten Lage unserer Zeit und der Zeit vor der Ewigkeit überhaupt.a.o. Grundlinien des Religiösen Sozialismus (1923). Die von Tillich konstruierte Syntheseposition. also ein Nein zu jeder Romantik und Utopie. weil sie ein Struktur- merkmal der Religion selbst ist. in der die kritische Kraft der Religion und das auf vernünftige Weltgestaltung zielende politische Handeln zusammen kommen.80 Arnulf von Scheliha gungen. daß die Erschütterung durch das Ewige zu einer Gestaltung des Daseins und der Gesellschaft führt. wenn auch dämonisch ausgeartete. in der die Hinwendung zum Ewigen er- kennbar ist.67 Der 63 Vgl. weil sie der existenziellen Abgründigkeit weder der Religion noch des Politischen gerecht zu werden scheinen. weil er in seinem Gegensatz zum Katholizismus die Kritik an der sog. 46. Die „prophetische Haltung“ ist zwar in allen Religionen vertreten. der sich politisch und bzw. 66 „Nur das kann […] nach Meinung des Religiösen Sozialismus Ziel der End- hoffnung sein. Christentum und soziale Gestaltung.. 91 – 119. die – freilich in dämonischer Verzerrung – im Katholi- zismus verwirklicht ist. in: Ders. Stuttgart 1962. lassen die von Schleier- macher und Troeltsch angestrebte Trennung von Staat und Kirche als vordergründig erscheinen. sondern zielt auf Verwirklichung des Ideals einer theonomen Gesellschaft66. wenn er sich auch im Ziel denjenigen Konfessionen näher weiß. die sich zum Teil dämonisch aufladen und Menschen verach- tende Gewalt entfesseln. Frühe Schriften zum Religiösen Sozialis- mus. Tillich spricht daher von der „eigentümliche[n] Doppelstellung“ des religiösen Sozialismus „gegenüber den reformato- rischen und den katholischen Ausprägungen der christlichen Idee“.65 Sie ist aber vorzüglich im Protestan- tismus beheimatet. hier: 93 f.

GW VII (s.. Die protestantische Ära (1948/50). o.a. Stuttgart 1962. 153. weil sie die Antagonismen des modernen Lebens nicht mehr integrieren könne. die Rekatholisierung des Protestantismus oder die Verbindung mit einer von den großen politisch-weltanschaulichen Mächten. Der gläubige Realismus ist Ausdruck der Autonomie des Politischen. Tillich zieht daraus den Schluss: „Die protestantische Ära ist zu Ende. auf der es ruht. a.15 13:47 . hier 12. sind nicht zu Ende. 118) 68 Vgl. nachdem ihr fast alle geschichtlichen Voraussetzungen. nämlich die Ablösung vom Humanismus durch die Dialektische Theologie.. 151 – 170.O.10. 73 A. Alle erkennbaren Gegenstrategien. 65]. daß er in der kritischen Haltung mit den radikal-reformatorischen Formen.ewig‘ in Geltung stehen. 72 A. in: Ders. 74 Paul Tillich. Protestantismus als Kritik und Gestaltung.a. Aber das protestantische Prinzip und die christliche Verkündigung. 157 f. 71 Vgl. Grundlinien des religiösen Sozialismus [s.a.O. Anm..O.O.. keine Katalysatoren.“73 Der protestantische Prinzip werde .. die „vom Pro- testantismus durchdrungene[] Kultur“70 und das protestantische Prinzip. seien Symptome der Krise. sich „in den großen Religionen der Menschheit“ zeigt und „unabhängig vom Anwachsen oder Zurückgehen religiöser Erfahrung oder geistiger Kraft“ als Formel für die dialektischen Verschränkungen von Position und absoluter Ne- gation „das letzte Kriterium jeder religiösen und geistigen Erfahrung“74 tholischen Ausprägungen der christlichen Idee aus. Ende der protestantischen Ära? (1937). in der theonomen Idee mit einem von der dämonischen Heteronomie befreiten Katholizismus gehen muß. Paul Tillich.“ (Tillich. 70 Ebd. auf denen sie ruhte.. Diesen Ansatz hat Tillich in den dreißiger und vierziger Jahren noch einmal christentumstheoretisch vertieft. Dabei geht es nicht um einen ökumenischen Konsens.71 Die protestantische Kultur. nämlich die „Ver- wirklichung des Protestantismus in Massenkirchen“69. Anm. sondern um eine normative Überwindung der alten Verbindung von Konfessionalität und Politik. nicht erschöpflich sind. 157. die Tillich als „religiösen Sektor einer au- tonomen Welt“ bezeichnet72. Schriften zur Theologie I (GW VII). weil sie nicht endlich. weil es „wirksam in allen Perioden der Geschichte“ ist. Konfessionalität und Politik 81 gläubige Realismus verkörpert also eine post-konfessionelle Haltung. 11 – 28. 151. in: Ders. sei erschöpft. 69 A.o. In den Beiträgen zum Ende der protestantischen ra 68 unterscheidet er drei Ebenen. 68). der mit einem post-konfessionellen Standpunkt der Religion ausbalanciert ist. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.a. entzogen sind.

Das aufgeklärte Christentum kultiviert das Differenzbewusstsein. Die spezifische Aufgabe der Religion besteht in der Pflege des Bewusstseins für die „Widersprüche. das politisches Handeln motiviert. hier: 279. hier: 179. Diese Skepsis ist auch der Grund. 58). Der Versuch. […] Deshalb kann die christliche Botschaft keine zu- künftige Situation antizipieren. in: Ders. Aspekte – Probleme – Perspektiven. die ohne Tragik ist. Protestantismus und Kultur. muß trotz aller Niederlagen fortgeführt werden. warum er in seinen späten Texten zur Zeitkritik allgemeiner vom Christentum spricht.10. Die europäische Lage..a. hier: 32) 76 Paul Tillich. Protestantismus und Kultur.15 13:47 . o. Systematische und werkbiographische Erwägungen zum Denken Paul Tillichs. der alle auf die eigene Konfession abzielende Apologetik weit hinter sich läßt.. weil in der existenziellen Perspektive der Religion die „Trennung des profanen Bereichs vom religiösen Bereich“79 immer schon überwunden ist. aus dem er religiösen Fanatismus ausscheidet und das er normativ auf Vernunft und Gerechtigkeit ver- pflichtet. weil Tillich seine steile Protestantismus-Apo- logie skeptisch gegenliest. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.O.82 Arnulf von Scheliha bildet. Religion und Christentum (1929). Die gegenwärtige Weltsituation (1945). Anm. Trotz des prophetischen Pathos hat Tillich also einen aufgeklärt- nüchternen Blick auf das Politische. es aber niemals 75 „Auf der einen Seite präsentiert er sich als Verfechter der steilsten Protestantismus- apologetik. GW X (s. selbst wenn die dä- monischen Kräfte der gegenwärtigen Lage überwunden würden. Berlin/Boston 2011. o.“78 Tillich etabliert also im Blick auf das Politische einen post-konfessionellen Begriff des Christentums. die Erwartungen eines Neuen stärken und formen. 279. in: Christian Danz/Werner Schüßler [Hg. den Kampf für soziale Gerechtigkeit und Völkereinheit auf christliche Grundlage zu stellen.a. 170 – 180. Anm. Paul Tillichs Theologie der Kultur.“76 Die normative Orientierung an Gerechtigkeit und Wahrheit schließt Vernunft ausdrücklich ein und weitergehend heißt es: Die „Errungenschaften der bürgerlichen Periode [dürfen] der zukünftigen Menschheit nicht verloren gehen“77.]. 237 – 279.O. 79 A. 58). 77 Paul Tillich. die je gedacht wurde. ohne Utopien Nahrung zu geben. GW X (s. 13 – 37.“ (Ulrich Barth. in: Ders... 78 A. die Dämonien der Zeit ent- hüllen. Zu Recht hat Ulrich Barth diese Haltung Tillichs als „extrem ambivalent“ beurteilt 75. das er als Synthese aus „Prophetismus und Humanismus“ versteht und dessen politische Wirksamkeit er wie folgt beschreibt: „Das Christentum muss den verlorenen prophetischen Geist neu in sich erwecken und in diesem Geist die Zeichen der Zeit deuten. die menschliches Leben stets kennzeichnen. 270. auf der anderen Seite tritt er als skeptischer Zeit- diagnostiker auf.

zu stark ist dieses durch vernünftige Einsicht. war für Tillich damals nicht absehbar. in denen er sich bewegt. Deutlich ist. die selbstverständlich konfessionell eingefärbt sind. dass Tillich in den abstrakten Höhenlagen. Paul Davis Ryan jr. Adolf von Harnack. bestätigt in gewisser Weise Til- lichs Diagnose von der post-konfessionellen Präsenz des Religiösen in der Politik. keiner protes- tantischen Denomination angehören80. Die Tatsache aber.81 Das Etikett „protestantisch“ im Unterschied zu „katholisch“ wird aber auch dem politischen Wollen der damit zuletzt bezeichneten Politiker nicht gerecht. Tübingen 2005. dass die beiden republikanischen US-Prä- sidentschafts. sachliche Erfordernisse und historische Er- fahrungen geprägt. Insgesamt dürfte die politische Kultur Deutschlands sich 80 Willard Mitt Romney gehört der der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage („Mormonen“) an.bzw. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. aber in der politischen Entscheidung nicht ausschlaggebend sind. hg. mehr aber auch nicht.10. Auf der Akteursebene spielt die religiöse Dimension bei der Reflexion von politischer Verantwortung zwar eine gewisse Rolle. 81 Vgl. Konfessionalität und Politik 83 loswird. Auch in den breit diskutierten ethischen Grenzfragen lassen sich eher Verständigungsprozesse von liberalen Katholiken und liberalen Protestanten und entsprechend zwischen konservativen Katholiken und Protestanten identifizieren. die in den USA damals ohnehin nicht auf der Tagesordnung stand. 4. Kommt man von Tillichs Bestimmungen auf die Debatte um die durch Protestanten besetzten Staatsämter zurück. Es gehört zu den Grundeinsichten aller Parteien in Deutschland. vor dem übrigens Adolf von Harnack immer gewarnt hatte. v. Das Wesen des Christentums (1900). die zugleich die religiöse Rechten politisch repräsentieren. Claus- Dieter Osthövener. Vizepräsidentschaftskandidaten des Jahres 2012. ist Mitglied der römisch-katholi- schen Kirche. 164 ff. dass das Hantieren mit konfessionellen Etiketten Ausdruck eines re-ka- tholisierten Verständnisses von Protestantismus ist. dass in ihnen die konfessionellen Milieus überwunden sind und diesbezügliche Prägungen im Sinne von Denkschulen zwar identi- fizierbar. Die Politisierung des evangelikalen Protestantismus. dann wird man sagen können.15 13:47 . der die USA seit der Reagan-Zeit bestimmt. kein Interesse an einer politischen Steuerung der kon- fessionellen Vielfalt hat.

Man folgt dabei dem korporativen Weg staat- licher Religionspolitik. in: Theologische Quartalsschrift 183 (2003). Versuche im 19. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Erlangen-Nürnberg und Frankfurt/Gie- ßen). 84 Vgl. Lehrstühle für die Wissenschaft des Judentums zu etablieren. in: Religionspolitik und Zivilreligion. dass wir gegenwärtig den groß angelegten Versuch der politisch ge- stützten Konfessionalisierung der Religion des Islam in die deutsche Religionskultur erleben. die für Lehrer. 83 Vgl. hg. Religion in post- säkularen Gesellschaften. jüdisch-theologische Fakultäten bzw. 8 – 22. nach der Re- Konsolidierung der jüdischen Gemeinden in Deutschland. 7 Abs. wurden mit der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (eröffnet 1979) und dem Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam (gegründet 1999) zwei aka- demisch selbstständige Einrichtungen gegründet.84 Arnulf von Scheliha aber in einem post-konfessionellen. http://www. Systematische Aspekte einer geschichtlichen Realität. 149 – 159. in: Georg Pfleiderer/Alexander Heit (Hg.und Rabbinerausbildung zuständig sind und mit nahe gelegenen Universi- täten kooperieren. Arnulf von Scheliha. scheiterten bekanntlich.15 13:47 . Ein Schrei ins Leere? Tübingen 1999.). 82 Vgl. Zivilreligion als Diskurs. Sphärendynamik II. Jahrhundert. der – den Vorgaben von Ernst Troeltsch grundsätzlich folgend – über den schulischen Religionsunterricht (nach Art.zentrum-juedische-studien. 97 – 127. und frühen 20. Erst spät. Ist Menschenwürde ein theologisch- politischer Grundbegriff ? Thesen aus evangelisch-theologischer Perspektive. Rolf Schieder. Mit dem 2011 gegründeten Zentrum Jüdische Studien in Berlin-Brandenburg werden die in dieser Region bestehenden Ein- richtungen für Jüdische Studien miteinander vernetzt und gemeinsame Aktivitäten in Forschung und Lehre gebündelt. dazu Eilert Herms. 10. Zürich/Baden-Baden 2012. 3 des Grundgesetzes) und damit verbunden über die Ein- richtung Islamisch-Theologischer Institute an deutschen Universitäten verläuft. Wissenschaft des Judentums und protestantische Theologie im wilhelminischen Deutschland.de (Zugriff: 08. Christian Wiese.84 Seit 2010 entstehen an vier Standorten in Deutschland Zentren für Islamische Theologie (Os- nabrück/Münster.83 Die Debatten konzentrierten sich lange Zeit auf das Ver- hältnis von Theologie und Religionswissenschaft. Baden- Baden 2001. v. 2012). Die akademische Abbildung der religiösen Pluralität war in Deutschland bis in die jüngste Vergangenheit hinein auf die beiden großen christlichen Konfessionen beschränkt geblieben. vielleicht zivil-religiösen Zeitalter befinden. Rolf Schieder. Tübingen.10.82 Zu diesem Befund verhält sich nur auf den ersten Blick gegenläufig.

wo im Blick auf das Christentum 85 Vgl. Dadurch ergeben sich Spielräume für eine post-konfessionelle Selbstorganisation der christlichen Akteure in der Politik. Das aufgeklärte Niveau theologischer Reflexion ist gesichert und das Verhältnis der christlichen Konfessionen zueinander pazifiziert. Ich vermute.de/download/archiv/9678 – 10. 86 Wissenschaftsrat. o. dass man in Deutschland den korporativen Weg politischer Religionsgovernance weitergeht und Judentum und Islam nun offensiv einbezieht.10. Warum sollte das dereinst nicht auch für Spitzenpolitiker muslimscher Herkunft gelten? Es gibt also gute Gründe für die Prognose. Konfessionalität und Politik 85 Die auf den Islam bezogene Konfessionalisierungspolitik verfolgt integrationspolitische. staatsethische und wissenschaftspolitische Ziele. die durchaus in Spannung zueinander stehen.pdf (Zugriff: 08. Das wiederum ist die Voraussetzung dafür. Aber es sind auch Gegenläufigkeiten hervorzuheben: Die auf den Islam bezogene Konfessionalisierungspolitik im Sinne des aufgeklärten Religionsverständnisses setzt dort ein. die in die entscheidende Studie des Wissenschaftsrates auch spürbar eingeflossen sind. 10. während das kerygmatische Theologieverständnis von Karl Barth über Rudolf Bultmann bis hin zu Eberhard Jüngel dabei so gut wie gar keine Rolle mehr spielt.15 13:47 . Die hochgradig differenzierte Einkreisung der konfessionellen Lehrunterschiede wirkt auch deshalb zivilisierend. Die ökumenische Diskussion zwischen den christlichen Konfessionen wird auf akademi- schem Niveau geführt. Für die dafür not- wendige Erweiterung des Theologiebegriffs liegen bis auf Schleiermacher zurückgehende gedankliche Impulse des Protestantismus vor. Scheliha. 34 – 40. Religiöse Pluralität an der Universität (s. dass die Konfessionali- sierung des Islam ähnliche Effekte haben könnte. weil sie an der Basis nicht mehr verstanden werden. dass sich die konfessionellen Lebenswelten einander annähern und durchdringen können.86 Es ist eine großartige Anerkennung der gedanklichen Arbeit des theologischen Liberalismus. Mit der akademischen Pflege der konfessionellen Theologien im Christentum hat man gute Erfahrungen gemacht. dass sich nicht wenige diese politische Akteure heute in Tillichs Beschreibung des „gläubigen Realismus“ wiederfinden können. Anm. 2012). „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen (2010): http:// www. 5).85 Grundsätzlich aber ist es konsequent. dass seine Idee der aufgeklärten Religion Pate steht für die Konfessionalisierungspolitik der Gegenwart. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.wissenschaftsrat.

o. 5). Im 19. sondern auch aus den gleichen Gründen.konfessori- schen‘ Beiräten aber gerade nicht vertreten sind. Wer sind wir? Deutschland und seine Muslime. die vor einer religionspolitischen Überidentifizierung insbesondere von Menschen islamischen Glaubens warnen und in öf- fentlichen Debatten zunehmend Beachtung finden. Die Beiräte. a. Die politischen Bemühungen betrachten den Islam als eine Konfession. Aber es ist ei- gentlich kaum vorstellbar. Schiiten der verschiedenen Richtungen und Alewiten in einer akademischen Theologie und in einem islamischen Religionsunterricht repräsentiert sehen wollen. Hier ist an die sog. die viele Protestanten auf Abstand zu ihren Kirchen gehen lassen. weil sie als bevormundend und fremdbestimmend empfunden wurde. Gerade weil aber diese Beiräte unter erheblicher staatlicher Mitwirkung entstanden sind. Ihm werden sich die Muslime auch immer wieder entziehen. 89 Vgl. Religions-Politik II (s. die sich aus religiösen Gründen gegen die konfessionelle Einbindung aussprachen. 88 Vgl. Sie ist bei der korporativen Religionsgovernance stets vorausgesetzt.konfessionelle‘ Profilbildung der ver- schiedenen Standorte für islamische Theologie. in den . weht in ihnen der Geist der korporativen Religionspolitik. Anm. Diese Reaktion kann man sich auch innerhalb des Islam gut vorstellen. (Hg. München 2009.87 Aber gerade eine solche Profilbildung würde die Frage nach der organisierten Präsenz des Islam noch einmal dringlicher machen.86 Arnulf von Scheliha die Entwicklung gerade angelangt ist. in: Heit u. im Islam aber gerade nicht gegeben. 87 In der Tat gibt es gegenwärtig keinerlei Abstimmung über die Profilbildung oder . Von Religion sprechen und schweigen. sind Ausdruck dieser Flexibilisierung des Religionsrechtes. uneingedenk der ethnischen und religiösen Vielfalt. die sich hinter dem Begriff verbirgt.konfessionelle‘ Ausrichtung der akademischen Standorte für Islamische Theo- logie. Inzwischen hat man unter den Religions- verfassungsrechtlern die Position eingenommen. Navid Kermani. dass die Muslime hierfür nicht den vergleichsweise hohen Organisationsgrad der christlichen Kirchen erreichen müssen. Hilal Sezgin. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:47 .10. Ein möglicher erster Schritt zur Lösung dieses Problems wäre . die jetzt gegründet werden und die die Rolle der Kirchen funktional äquivalent übernehmen sollen.). Kulturmuslime wie zum Beispiel Hilal Sezgin88 oder Navid Ker- mani89 zu denken. Jahrhundert stießen die Bestrebungen der progressiven Juden nach akademisch-theologischer Repräsentanz auf Widerstand im konservati- ven und orthodoxen Judentum. 171 – 186. nicht nur aus Gründen ihrer inneren Vielfalt. dass sich Sunniten.

15 13:47 . Insofern stößt auch hier die Konfessionalisierungspolitik an Grenzen der Selbstbestimmung der religiösen Korporationen.10. hg v. zu diesem Thema den Sammelband: Imam-Ausbildung in Deutschland. Insofern wäre ein mutmaßliches Erstarken und Sichtbarwerden der Religion des Islam in Europa nicht als Überfremdung zu deuten. Die Volksabstimmung in der Schweiz vom No- vember 2010 hat gezeigt. sei es. 2012). 91 Vgl.de (Zugriff: 08. dass diese Akzeptanz nicht einfach vorausgesetzt werden kann. dass die islamischen Organisa- tionen selbst die Ausbildung in die Hand nehmen. dass es neben der jetzt angestrebten akademischen Ausbildung von Imamen weiterhin andere Zugangswege zum Imamat geben wird. Bülent Ucar. Göttingen 2010. Das aber ist unter der Bedingung der Konfessionalisierung des Islam weder zu er- warten noch wünschenswert. Es wird mehr Moscheen. zum Beispiel beim 2004 neu ge- gründeten orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin91 oder bei den christlichen Freikirchen. Diese Entwicklung wird wiederum die Frage nach deren öffentlicher Akzeptanz aufwerfen.90 Davon ist man gegenwärtig noch sehr weit entfernt.rabbinerseminar. sei es durch Entsendung von Gast-Imamen aus der Türkei. Hier sind die Mo- scheegemeinden die Anstellungsträger von Absolventen der universitären Studiengänge. Den Zufluss von Studierenden für die Lehrämter kann der Staat durch seine Politik der Einstellung von isla- mischen Religionslehrerinnen und -lehrern selbst steuern. dass mit der Beheimatung von Muslimen ihre Religion verschwindet. Konfessionalität und Politik 87 Die ähnliche Ambivalenz kann auch im Blick auf ein anderes Phä- nomen beschrieben werden. Die Diagnose lautet: Auf Grund der fortge- schrittenen pluralen Binnendifferenzierung aller großen Religionen besteht die Möglichkeit. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass sich beste integrationspolitische Absichten mit dem Wunsch verbinden. Im Blick auf die projektierte Imam-Ausbildung geht das nicht. sondern als Ausdruck gelingender Integration 90 Vgl. An dem Schweizer Votum wird deutlich. Für die Anwerbung von Studierenden ist nun eine Standardisierung von Karriereweg und Berufsbild mit entsprechender Gehaltserwartung erforderlich. Minarette und mehr Kopftücher geben. Eine letzte Gegenläufigkeit sei angeführt: Die Konfessionalisierung wird die Sichtbarkeit der Präsenz des Islam im öffentlichen Raum stei- gern. wie es etwa auch in der Rabbiner-Ausbildung der Fall ist. die Voraussetzungen zum Zugang in die religiöse Funktionseliten in staatlicher Obhut zu monopolisieren. Daher wird man sich darauf einstellen müssen. weil diese gerade die Ausgestaltung der Religionsfreiheit freisetzt und fördert. www. nicht (mehr). 10.

der immer wieder darauf hingewiesen hat. sondern ihnen in emergenter Gestalt immer wieder neu begegnen. Freilich gehört zu dieser Entwicklung auch eine Kehrseite. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Umarmung‘ regenerieren. Das gehört schon zum Begriff der Religion und gerade die religiösen Aufklärer sollten das wissen. wie wir ihn von den christlichen Kirchen kennen: Mit der Stärkung der institutionellen Religion geht die Mobi- lisierung des Einzelnen zurück und das Partizipationsverhalten der Muslime wird sich dem der volkskirchlichen Christen angleichen. Denn mit der Konfessionalisierung wird on the long run der gleiche Effekt eintreten.10. Das Ergebnis dieser Erwägungen lautet: Wir sind gegenwärtig Zeugen einer forcierten Konfessionalisierungspolitik. die die fortge- schrittene religiöse Pluralität auf staatlicher Ebene re-organisiert. Dabei steht das im europäischen Christentum bewährte Modell der aufgeklärten Religion Pate. sondern sich in prophetischer Haltung auch immer wieder kritisch davon absetzt. Es kann religionssoziologisch als Phänomen der Individualisierung und Privati- sierung des religiösen Lebens verstanden werden. Die akademische Ausbildung der religiösen Eliten ist für dieses Ziel ein hierzulande bewährtes Medium. Seine Einsicht besagt. Das muss nicht als Schwund der vitalen Religion gedeutet werden. Es ist vor allem Paul Tillich gewesen. oder – mit Tillich – religionsphilosophisch als zur Natur der Religion selbst gehörig. dass Religion grundsätzlich nicht in konfessionellen Kulturen aufgeht.88 Arnulf von Scheliha und aktivierter Religionsfreiheit. Wegen dieser Dialektik wird die aufge- klärte Religion die im Spannungsfeld von Konfessionalität und Politik gestellten Probleme nicht endgültig lösen. Man verspricht sich von ihr die Integration und Zivili- sierung des Islam und von ihm. das er das sittliche Fundament des freiheitlichen Staates mittrgt.15 13:47 . Freilich ist vor zu hohen Erwartungen an diese Konfessionalisierungspolitik zu warnen. deren europäische Wurzeln eng mit der Reformation verbunden sind. dass sich die Religionen in der Regel außerhalb konfessioneller Korpo- rativität und staatlicher .

Geburtstag Das Religionsverständnis der europäischen Aufklärung bedeutet nach wie vor eine Provokation. Umgekehrt lassen sich bei aller Disparatheit unschwer historische Ab- hängigkeiten und strukturelle Entsprechungen namhaft machen. auch wenn letztere allerorts Spuren hin- terließen. so dass sich das Gesamtspektrum als äußerst bunt darstellt. Jenes Thema birgt darüber hinaus aber noch Schwierigkeiten ganz anderer Art: Es gibt – streng empirisch betrachtet – nicht . Die vorgetragenen Standpunkte sprengen noch heute den Großteil der Erwartungen hinsichtlich dessen. 5. Für die Genese des aufgeklärten Religionsbegriffs kommen vor allem England.15 13:47 . Ange- sichts beider konträren Aspekte scheint kein anderer Weg gangbar zu sein. Die neuere Forschung hat deshalb den Vorschlag gemacht. Was war die Aufklärung?. ein Modell von Religion. das die Moderne weit nachhaltiger zu prägen vermochte1 als sämtliche restau- rativen Gegenbestrebungen. wurde infrage gestellt. was Kirche und Theologie bis dahin als substantiell und unverzichtbar erachteten.die Aufklä- rung‘.2 und das Übrige von daher zu beleuchten – wenn auch andere kaum minder gewichtige Stimmen dabei zwangsläufig entfallen. 2 Rudolf Vierhaus. Gütersloh 1991. Theologie in der Moderne. Frankreich und Deutschland infrage. Religion in der europäischen Aufklärung Ulrich Barth Jürgen Stolzenberg zum 65. Gütersloh 1986. Falk Wagner. Umgekehrt erwuchs. Religion nach der Aufklärung. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Trutz Rendtorff. Graz/Wien/Köln 1986. wo jene Herausforderung aufgenommen und bestanden wurde. als „die Komplexität des Gegenstandes auf gewisse Grundpositionen zu reduzieren“. Wolfenbüttel/Göttingen 1995.den Aufklärungen‘ zu sprechen. Was ist Religion? Studien zu ihrem Begriff und Thema in Ge- schichte und Gegenwart. Hermann Lübbe. Vieles von dem.10. Innerhalb dieser Regionen haben dann nochmals höchst unterschiedliche Entwicklungen stattgefunden. 1 Vgl. Christentum zu gelten habe. jenen Terminus als Pluralbegriff zu gebrauchen und von . Über Religion im Prozeß der Aufklärung. was als Religion bzw.

Deismus‘-Begriffs: „Der Deismus ist die Religionsphilosophie der Aufklärung und somit der Ursprung der modernen Religionsphilosophie überhaupt. hg. 429 f. Stuttgart-Bad Canstatt 1967. in: Gotthard Victor Lechler. v. in: Anthony Collins.15 13:47 .“3 Fr diese Herangehensweise spricht die Beob- achtung. Parerga. Günter Gawlick. A discourse of free-thinking 1713. hg. Einleitung. dass besagter Begriff nicht zum Ausdruck bringt. in der Tat den Anfang der Religionsphilosophie der eu- ropäischen Aufklärung bildet. 15 – 43. Angesichts dessen verbietet sich eine derartige terminologi- sche Schematisierung. 3 Ernst Troeltsch. in: John To- land. sondern ebenso im Modus der Ablehnung Schule machte – was schlagend deutlich wird. Günter Gawlick. der kategorial weniger voraussetzungsreich ist. Vorwort. dass er im 18. Stuttgart-Bad Canstatt 1964. Geschichte des englischen Deismus (a.Deisten‘ über- tragen wurde. Einleitung. v. Ders. De Veritate (3. Einleitung. Faksimile-ND.a.).). wenn man zunächst England mit Frankreich und dann beide wiederum mit Deutschland vergleicht. Ders. Als angemessener erweist sich ein genetischer Überblick.10. in: Edward Herbert of Cherbury. Christianity not mysterious 1696. hg.. Hildesheim 1965. Faksimile-ND. Günter Gawlick.. 11 – 54.. 4 Vgl. dass die in England entstandene Bewegung. auf die der schon in der französischen Spätrenaissance geprägte Spottname . De religione gentilium errororumque apud eos causis. v. Gotthard Victor Lechler. Joachim Jungius-Gesellschaft Hamburg. Göttingen 1973.4 Ungengend daran ist. hg. De causis errorum. Stuttgart-Bad Canstatt 1965. De religione laici. d. Günter Gaw- lick. Ders.92 Ulrich Barth Ernst Troeltsch suchte jene Vielfalt gleichsam definitorisch in den Griff zu bekommen. Aufl. Aufsätze zur Geistesgeschichte und Religionssoziologie (GS IV). Jahrhundert nicht nur in der Weise der Zustimmung. Ein . Ders. sowohl nach der metaphysischen als nach der historisch-kritischen und geschichts- philosophischen Seite. Günter Gawlick. hg.. Günter Gawlick. ND Aalen 1966. Einleitung. Wir werden im Folgenden darum die genannten Länder nacheinander abschreiten und erst am Ende ein allgemeineres Fazit ziehen. nämlich mit Hilfe des .O. v.. v.bekannter Unbekannter‘ der Aufklärung. v. in: Edward Herbert of Cherbury. Geschichte des englischen Deismus. in: Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768). Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. hg. Ders. Der Deismus als Grundzug der Religionsphilosophie der Aufklärung. Stuttgart-Bad Canstatt 1966.

Religion in der europäischen Aufklärung 93 1. nämlich auf dem Feld der Religion selber. Anders als sein gleichaltriger Lands- mann setzte er jedoch nicht auf die Unterwerfung der Kirchen unter die Botmäßigkeit des staatlichen Souveräns. n.o. Herbert von Cherbury. Bd. Politikers und Philosophen Edward Herbert von Cher- bury (1581 – 1648).5 Wie Thomas Hobbes war auch Sir Herbert – wie er in England respektvoll genannt wurde – unmittelbarer Zeitgenosse der frühneuzeitlichen Religionskriege und der mit ihnen einhergehenden kulturellen Zerrissenheit Europas. Clemens Stroppel. Gott als Projekt der Vernunft. Sie entstanden nicht am grünen Tisch und waren keine graue Theorie. wurde er durch den auch 5 Vgl. Grundriß der Geschichte der Philosophie. 227. Anm. Jahrhunderts. zwischen den Fronten zu vermitteln und auf einen Religionsfrieden hinzuarbeiten. 201 – 208.15 13:47 . wo die Konflikte entstanden waren. die „uns zu allgemeiner Eintracht und Frieden bewegen“. Basel 1988. in: Journal of Theological Studies. Wahrheit – Religion – Freiheit. Pailin. 3/1 (England). David A. Zugleich sah er. IX. 6 Zit.. sondern unter Einladungen bis hin zu Drohungen auf nichts anderes hinarbeiten als uns zu veranlassen. XXXV. dass die kompromisslosen Konfessionsstreitigkeiten alle besonneneren Menschen zutiefst anwidern und sie letztlich der Religion überhaupt abspenstig machen würden. in: Edward Herbert of Cherbury.). in: Jean-Pierre Schobinger (Hg. sondern erwuchsen aus konkreten Problemen der historischen Situation.10. Aufgeklärter Protestantismus. Darum setzte er auf eine Verständigung sämtlicher Glaubenssysteme auf der alleinigen Basis der humanen Vernunft. 224 – 239. „Weil so viele Religionen und verschiedene Sekten […] nicht nur den Titel der wahren Kirche für sich beanspruchen. vgl. Die Philosophie des 17. gilt es an den „uni- versellen und unzweifelhaften Wahrheiten“ festzuhalten. 4). 133 f. England Als Beginn des Deismus gelten im Allgemeinen die Schriften des eng- lischen Ritters. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. sondern wollte Ausgleich auf dem Terrain schaffen. unseren Glauben zu- gunsten eines schlichten Gehorsams aufzugeben“. war ihm die diplomatische Aufgabe übertragen wor- den. Ulrich Barth. Edward Herbert von Cherbury. NS 51 (2000). Should Herbert of Cherbury be regardes as a . Nach England zurückgekehrt.. Gawlick. 113 – 149. Ders. Tübingen/Basel 2000. Einleitung. Tübingen 2004. De Veritate (s. Tübingen 2005.6 Die Notwendigkeit eines solchen überpositiven Versöhnungsprogramms hatte sich ihm während seines zweiten Pariser Aufenthalts (1619 – 1624) als britischer Botschafter am französischen Hof ergeben: In dem erneut aufgeflammten Religi- onskrieg zwischen der Hugenottenpartei und den katholischen Ständen um Ludwig XIII. Ders.deist‘?.

Zu gegenseitigen Abgrenzungen. in: Edward Herbert of Cherbury. (2) das Gebot seiner gläubigen Verehrung. Gawlick. Jenen rationalen Kern bezeichnet Herbert in der Manuskriptfassung von . unter der sie entstanden ist. Einleitung. sein Verständigungskonzept publizistisch umzusetzen. et a falso und erschien zu seinen Lebzeiten insgesamt drei Mal: 1624 als Privatdruck. Ihr Vorwurf lautet. Anm. (4) die Bereitschaft zur Wiedergutmachung eigener Verfehlungen durch innere Reue.94 Ulrich Barth hier von religiösen Gegensätzen aufgeheizten Bürgerkrieg darin bestärkt. Mir scheint. Diesen Minimalbestand sieht Herbert in der einen oder anderen Form überall vorliegen. dieser Ein- wand ist prima facie zwar richtig. religiöse. De Veritate (s. Aus ihr entspringen fünf allgemeine Wahrheiten: (1) die Annahme eines höchsten Wesens.15 13:47 . der Begriff der natürlichen Religion missachte die ge- schichtliche Positivität aller gelebten Religion und sei darum nichts weiter als ein künstliches Abstraktionsprodukt.7 Damit ist das Stichwort benannt. das dann in der gesamten Aufklärung furore machte. Idealismus und neuere Theologie sind dagegen Sturm gelaufen. sowie (5) der Glaube an eine ausgleichende Gerechtigkeit durch einen jenseitigen Richter.De veritate‘ als „religio naturalis“. Wil- helm Dilthey hat recht. 1633 in erweiterter öffentlicher Auflage und 1645 dann zusammen mit einigen anderen thematisch verwandten Texten. sondern auch in Frankreich und Deutschland. Konflikten und Kämpfen kommt es nur dann. (3) die Pflicht zu einer tugendgemäßen Lebensführung. 4).und Begründungsebene dem Ziel. nicht nur in Eng- land. Magie und Ritus entstellen.10. Erst Romantik. Sein erstes Hauptwerk trägt den Titel De veritate. Auf ihn müssten sich darum alle einigen können. In beiden Fällen diente der Rückgang auf eine überpositive Be- ziehungs. Das Aufkommen des neuzeitlichen Begriffs der natürlichen Religion ist in genauer Entsprechung zur Genese des neuzeitlichen Naturrechts zu se- hen. doch er verkennt die einstige Funktion jener Idee ebenso wie die Realität. Herberts These lautete: Alle Religionen – auch die miteinander im Streit liegenden Konfessionen – gründen in der Vernunftdimension des menschlichen Geistes. a verisimili. wenn herrschsüchtige Priesterschaften jene Grundwahrheiten durch die Hinzufügung von Aberglauben. XLII. Doch solche Erweiterungen sind immer nur par- tikular und parteiisch und können darum niemals vor dem Forum der Vernunft bestehen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. kulturelle und politische Zerissenheit zu überwinden und Versöhnung zu stiften. wenn er feststellt: „Nur Unwissende können über 7 Vgl. prout distinguitur a revelatione. o.

Toleranz und Humanität gehabt haben.10. Die Lehre von den angeblichen Offenbarungsmysterien – so sein Fazit – „trifft ganz besonders uns Laien. denn […] die Geistlichkeit […] dehnte sie so weit aus. die in der Folgezeit je auf ihre Weise ein unge- heueres Emanzipationspotential entfalteten. niemals absolute Geltung. der sich dem je- weiligen frommen Subjekt innerlich kundgibt. In diesem Fall hängt das ihr eigene Autoritätsmoment ganz an der Instanz dessen. So stehen gerade Offenbarungsreligionen in der ständigen Gefahr. 2). Problematisch wird es jedoch dann. sondern auch die 8 Wilhelm Dilthey. erst posthum veröffentlichten zweiten Hauptwerk De Religione Gentium.15 13:47 . Diesen Gedankengang hat dann vor allem John Toland (1670 – 1722) in seiner 1696 erschienenen Abhandlung Christianity not mysterious aufge- griffen. Das eine ist die Kritik am Offenbarungsgedanken. 95. sondern durch Erzählung vermittelte Nachrichten von jenen Vorgängen oder gar deren schriftliche Codifizierung. Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation (Gesammelte Schriften. Zwischen Offenbarungserfahrungen und Offenbarungsberichten ist also strikt zu unterscheiden. wenn darunter nicht mehr unmittelbare Erlebnisse ver- standen werden. Letztere unterliegen – wie alle schriftlichen Zeugnisse der Vergangenheit – der historischen Kritik und können als solche bestenfalls Wahrscheinlichkeitscharakter haben. jedenfalls dann. Gefähr- lich werden derartige normative oder kanonische Traditionen vor allem dadurch. welchen für die Menschen jener Tage die Worte: natürliche Religion. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Aufklärung. zum Einfallstor für klerikales Herrschaftswissen und religiöse Bevormundung zu werden. Bd.“8 In Herberts Begriff der natürlichen Religion sind noch zwei weitere Momente enthalten. Religion in der europäischen Aufklärung 95 den heiligen und frommen Klang spotten. Das in . Sie bildet vielmehr auch für ihn ein basales Phänomen von Religion. An und für sich ist Herbert kein Gegner von Offenbarung. Stuttgart/Göttingen 111911. Das Aufatmen einer unter dem Druck der Konfessionen erliegenden Welt ist in ihm. dass Priesterschaften als deren institutionelle Träger auftreten und für sich ein Deutungsmonopol beanspruchen. wenn damit das persönliche Widerfahrnis einer göttlichen Geistmitteilung gemeint ist.De veritate‘ nur gestreifte Thema be- gegnet ausführlich in dem späten. daß sie nicht allein die klarsten.

5). hg. De religione Laici. Aufgeklärter Protestantismus (s.15 13:47 ..96 Ulrich Barth unwichtigsten Dinge in der Welt mit Geheimnissen erfüllte. 14 Collins. Demgemäß sind für ihn wie für Herbert die mündigen Laien die eigentlichen Träger aufgeklärter Religion.9 Damit ist zugleich die andere Folgerung aus dem Begriff der natür- lichen Religion berührt. damit wir beständig in der Erklärung von ihnen abhängig sein sollten“. übers. Anm. Aufgeklärter Protestantismus (s. v. weil sie Denk- freiheit in Glaubensdingen grundsätzlich verweigert. Barth. Gießen 1914. Angesichts des „Terrors der militanten Kirchen auf dem ganzen Erdball“10 gelangt er zu dem Ergebnis. o. o. 10 Edward Herbert of Cherbury. Leopold Zscharnack. 13 Vgl. Der dritten Auflage seines frühen Hauptwerks gab Herbert die Abhandlung „De religione Laici“ samt Anhang . seien sie religiöser. 210 – 213.O. in: Ders. In der Tat waren die meisten der englischen Deisten der Ausbildung oder dem Beruf 9 John Toland. auf der Basis der Lehre Jesu „die Vernünftigkeit des Christentums“12 nachzuweisen. 5). o. Reasonableness of Christianity (1695) (dt. hg. Anm. Anm. Gott als Projekt der Vernunft (s. Anm. Christianity not mysterious (1696) (dt. Darüber hinaus werden sie zur Kontrollinstanz sämtlicher kirchlichen Verlautbarungen erhoben.10.13 Darum muss – so die Forderung Collins’ – das „Menschenrecht des freien Denkens“14 auch in der Religion Platz greifen. 5. vgl.a. Wilhelm Lunde. Barth. o. Anm. 208 – 210. Gießen 1908. Die Priesterschaft gerät hier deswegen unter Beschuss. weil auf diese Weise eigenverantwortete Überzeugungen generell unmöglich würden. übers.Ap- pendix ad sacerdotes‘ bei.. 127. Ein Denkverbot im Namen absoluter Wahrheit ist aber in sich selbst widersprüchlich. o. 4). 12 John Locke. dass von der Hierarchie keinerlei Verständigung unter den Konfessionen zu erwarten sei. Was Herbert unter dem „besonnenen Laien“ (prudens Laicus) vorschwebte. 134 f. v. Ders. ethischer oder politischer Art. v. 5). v. Im Hintergrund steht das Aufklärungskonzept John Lockes (1632 – 1704) sowie dessen Versuch. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Leopold Zscharnack. auf der Basis jener fünf Religi- onswahrheiten den längst fälligen Vermittlungsprozess selber in die Hand zu nehmen. 78. Vernünftigkeit des bi- blischen Christentums). Carl Winckler. Christentum ohne Ge- heimnis). De Veritate (s. 4). 11 A. A discourse of free-thinking (s. So werden die Laien aufgerufen.11 hat dann Anthony Collins (1676 – 1729) in der 1713 erschienenen Schrift A Discourse of Free-Thinking näher ausgeführt. 228.

16 Vgl. Reprä- sentativ dafür sind das Werk und die Gestalt Voltaires. die vorgetragene Kritik beruhe samt und sonders auf dem schon der Antike geläufigen und in der Frühneuzeit wiederbelebten Topos vom Priesterbetrug. Anm.. speist sich ursprünglich jedoch aus ganz anderen Quellen. 137 – 142. Lechler. Eine genauere Betrachtung aber zeigt. die den tatsächlichen Befund kaum angemessen wiedergeben. Grundriß der Geschichte der Philosophie. Er war nicht nur der Brillanteste unter allen französischen Aufklärern. Gott als Projekt der Vernunft (s. ist allerdings eine wichtige Abgrenzung vonnöten. Ders. Voltaire. 4). Anm. sondern wurde auch überall in Europa als solcher geschätzt oder gefürchtet. in: Johannes Rohbeck/Helmut Holzhey (Hg. Er spielte zweifellos eine gewisse Rolle. 2. als der er heute oft abgestempelt wird. 5). Geschichte des englischen Deismus (s. Drei Phasen scheinen mir bedeutsam zu sein. Philosophie und Theologie in Geschichte und Gegenwart. dass eine solche Fokussierung die Wahrneh- mung des hier zu verhandelnden Themas eher verstellt als erschließt. Die Philosophie des 18.10. Generell wird man indes sagen müssen. Jahrhunderts. die revolutionäre Politisierung im Umkreis des Jahres 1789. dass die maßgeblichen Impulse von genuin aufklärerischen Motiven ausgingen. Jan Rohls. Religion in der europäischen Aufklärung 97 nach Laien.16 Bevor wir auf sie direkt eingehen. 15 Vgl. „Er war keineswegs sein ganzes Leben lang der erbitterte Gegner des Christen- tums bzw. sich seine diesbezügliche Ent- wicklung etwas näher anzusehen. 361 – 372. 215 – 261. Barth. der katholischen Kirche. o. La Religion de Voltaire. Basel 2008. René Pomeau. Das Bild der französi- schen Aufklärung ist weithin beherrscht durch die spektakulären Ereig- nisse ihrer Schlussphase. Darum hat sich gerade um sein Verhältnis zur Religion eine Fülle von Klischees gerankt. hier: 222. vgl. Hier verlief die Ent- wicklung ungleich dramatischer. 17 Gerhardt Stenger. Bd. Frankreich Wenden wir uns nun hinüber nach Frankreich.15 Kirchliche Apologeten damals wie heute haben einge- wandt. Tübingen 2002. Das Religionsverständnis der französischen Aufklärung weist zwar in seinen Schlussfolgerungen mannigfache Berührungen mit jenem Großereignis auf. Paris 1956.“17 So wird man gut daran tun. 143 – 358.15 13:47 . o. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 2/1 (Frankreich). Frankfurt (Main) 1994.). Hegels Deutung ist ein gutes Beispiel dafür. Voltaire.

Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wurde er nicht nur mit den Dogmen seiner Kirche bekannt. So macht sich Voltaire im Mai 1726 18 Vgl. einem Abbé. Die intensiv gepflegte Tradition des jesuitischen Schuldramas verlangte von sämtlichen Zöglingen die theoretische und praktische Einübung in Poetik und Rhetorik. katholischer Kirche und offizieller Kultur entstehen konnte. Hier begegnete ihm das bis ins 16. der sich dann in nahezu allen Gattungen seines vielseitigen Œuvres nieder- schlug. Jene literarische Schulung beeinflusste auch den Stil seiner Religionskritik.98 Ulrich Barth Zunächst tritt er als literarischer Kämpfer für natürliche Religion und Glaubenstoleranz an die Öffentlichkeit.Le Temple‘ ein- geführt.. Theodore Bestermann.Henriade‘ genannt – ein Preisgedicht auf Heinrich IV.und Religionslehren artiku- lierte. Erzählungen oder Dialogen dargeboten. später . Jahrhundert zurück reichende Denken der Libertins. der im Jahre 1598 die Hugenottenverfolgung durch das Toleranzedikt von Nantes beendete. der sich von 1715 bis 1723 unweit von Orléans im Exil aufhielt. in den renommierten Pariser Freidenkerzirkel . Bo- lingbroke verdeutlicht ihm. Hier wurden die Grundlagen gelegt für die nachmalige Karriere als vom Bürgertum umjubelter Theaterschriftsteller und hoch dekorierter Hofpoet. Voltaire. dass philosophisch zur Zeit am meisten bei den englischen Denkern zu holen sei. die den scharfen Protest aller kritischen Intellektuellen auf den Plan rief. München 1971. Frühe Kostproben seiner literarischen Religionskritik18 finden sich in der Tragödie Oedipe. 55 – 77. in der Epistel Le Pour et le Contre und in dem Epos Pome de la Ligue. sondern wird meist in der Gestalt von Gedichten. und zugleich eine Anklageschrift gegen Ludwig XIV. Von Philosophie im eigentlichen Sinne ist in den gerade genannten Texten noch wenig zu spüren.. Auf dieses Defizit scheint Voltaire erst durch die Begegnung mit dem englischen Politiker und Philosophen Lord Bolingbroke aufmerksam geworden zu sein. Noch während der Schulzeit wurde er von seinem Paten. wo ihn der junge Dichter besuchte und ihm dabei auch Ausschnitte aus jenem Epos vortrug.10. sondern – was ihn weit stärker prägte – auch mit der Dichtkunst. dass in Frankreich überhaupt erst jene Zwangseinheit von Staat. deren skeptisch-hedonistische Lebenseinstellung sich gerne als Spott über offizielle Moral. In einem Pariser Jesuitenkolleg erzogen. Sie besitzt nur selten den Charakter trockener Traktate.15 13:47 . der 1685 jenes Edikt wieder aufhob und damit die Voraussetzungen dafür schuf. Jene Eindrücke verdichteten sich bei dem jungen Literaten in Gestalt einer besonderen Vorliebe für den ironisch-satirischen Stil.

Berlin/New York 1997. Bei den Engländern war es umgekehrt. indes gibt es ihrer dreißig. Mindestens ebenso sehr ging es um den Gewinn einer tragfähigen Basis der Metaphysik. Das eine ist der dort praktizierte religiöse Pluralismus. Voltaire (s. die es Voltaire am meisten angetan haben. auch zum Hof. Martin Fontius. in der großen Dar- stellung Le Sicle de Louis XIV. Letzterem widmete er in den 30er Jahren ausführliche Spezialstudien.“20 Mit .Florenz‘ ist hier die von der Renaissance begründete Idee einer Experimentalphilosophie gemeint. 248. hg. hg. Anm. Auf deren religionstheoretischen Gehalt wird unten zurückzukommen sein. Berlin/Weimar 1989. o. die die britischen Verhältnisse als vorbildlich erscheinen lassen. alle großen Erfindungen und Wahrheiten kamen von anderwärts. Aus den noch während der Rückreise begonnenen Lettres philoso- phiques werden zwei weitere Momente erkennbar. sind John Locke (auf dem Feld der Erkenntnistheorie und Psychologie) sowie Isaac Newton (für den Bereich der Physik und Metaphysik). Die Metaphysik des Neuton. und wenn auch die Akademie der Wissen- schaften dem menschlichen Geiste Dienste erwies. 20 Voltaire. mit . Bestermann. würden sie sich die Gurgel durchschneiden. 20). o.England‘ die von Francis Bacon inaugurierte Verbindung von Philosophie und Naturwissenschaft. wäre der Despotismus zu befürchten. Der kulturelle Eindruck der Stadt scheint überwältigend gewesen zu sein. Ein Lesebuch für unsere Zeit. liest sich dies dann so: „Die gesunde Philosophie machte in Frankreich nicht dieselben Fortschritte wie in England und in Florenz.10. 19 Zit. v.15 13:47 . Die beiden englischen Denker. Elemente der Philosophie Newtons. Anm. Ein Lesebuch für unsere Zeit (s. so erhob sie doch Frankreich nicht über die andern Nationen. Dank Empfehlungen seitens befreundeter Mitarbeiter des französischen Außenministeriums fand er leicht Zugang zu Londons höheren Kreisen. 93. den Voltaire als einzig gangbaren Weg für die Gegenwart und Zukunft erachtet. 22 Voltaire. Religion in der europäischen Aufklärung 99 zur Überfahrt nach England auf und verweilt dort reichlich zwei Jahre. v. 18). gäbe es zwei Religionen. 21 Voltaire. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.22 Doch dies war nicht ihr alleiniger Zweck. Renate Wahsner/Heinz-Heino Bor- zeszkowski. Gleich nach dem ersten Gedankenaustausch notiert er selbstkritisch in sein Tagebuch: „Wir haben in Frankreich recht gut zu schreiben begonnen. die „philosophische[n] Romane“ Descartes’ durch theo- retisch exaktere Modelle abzulösen.21 In naturwissenschaftlicher Hinsicht zielen sie darauf ab. bevor wir zu denken angefangen haben. n. 252. „Gäbe es in England nur eine Religion.“19 25 Jahre später. Verteidigung des Newtonianis- mus.

die zahlreichsten und grausamsten Verbrechen in der Ge- schichte seien im Namen Gottes begangen worden. Die Affäre Calas. Ders.27 Den Ausschlag gaben zwei Faktoren. v. Martin Fontius. Auf der einen Seite erhärtete das genauere Studium der Kir- chengeschichte und der Bibel – insbesondere des Alten Testaments – den Verdacht.24 Am Beispiel des Inselreichs wurde Voltaire schlagartig klar. Als prominente Stimme zu Hilfe gerufen. Voltaire (s. München 1970. Anm. 111 – 247. Andererseits wurde Voltaire mehrfach Zeuge von Rechtsskandalen und Justizmorden (die Fälle Calas. religiösen wie politischen Seite – als „ein Symbol des freien Denkens“. L’Ingénu – Der Freimütige. 24 Zit.26 Von diesem Ideal ist Voltaire auch nach der Bekanntschaft mit Friedrich dem Großen und Preußen nicht abgerückt. Peter Brock- meier. 20). und wurde dabei selbst zu einem erbitterten Gegner der unheiligen Allianz von frommer Indoktrination und staatli- chem Gewaltapparat. 20 f.. Ders. 122 – 154. hg...25 So erscheint England insgesamt – nach der wissenschaftlichen. hg. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:47 . v. 3 – 193. Ein Lesebuch für unsere Zeit (s. hg.. n. 85. dass es eine reale Alternative zum zuhause herrschenden System von machtgestützter Staatsreligion und blutigen Konfessionskonflikten gibt. Kritische und satirische Schriften. 25 Vgl. 3 Bde. 27 Vgl. Stenger. Voltaire. […] Das ist der grösste Dienst. den wir der Menschheit erweisen können“. 17). Nicht minder beeindruckte ihn der dort nach langen Auseinanderset- zungen erzielte Kompromiss von Monarchie und Parlamentarismus. Berlin 1981. Ingrid Gilcher-Holthey. was zu retten war. o. Stuttgart 1982. doch unterschieden sich Jansenisten und Calvinisten seines Erachtens davon nur gradweise.a. Anm.10. Berlin 2010.100 Ulrich Barth und sie leben glücklich und in Frieden. Voltaire. frz. 23 A. Die mit dem d’Alembert-Brief angeklungene zweite Phase von Voltaires Religionsauffassung fällt in den Zeitraum der 50er und 60er Jahre. die auf das Konto eines vom Klerus auf- gehetzten Pöbels und davon infizierter Gerichte gingen. 33 – 74. suchte er durch publizistisches Eingreifen zu retten. o. 257 – 370. Voltaire (s. Sie ist durch eine fortschreitende Radikalisierung des Urteils über Kirche und Christentum gekennzeichnet. Bd. v.. Im Zentrum der Kritik standen Katholizismus und Jesuitentum. 18).-dt. Ders. o. 227. Sirven.“23 Noch drei Jahrzehnte später kann Voltaire an seinen Freund d’Alembert schreiben: Die Kirche von Frankreich „muß auf dieselbe Stellung beschränkt werden wie in Eng- land. 2 (Dialoge). Anm. 26 Bestermann. Erzählungen – Dialoge – Streitschriften.O. 17. La Barre).

Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. n. Bd. sondern auf die in ihrem Wirken zutage tretende Synthese von Aberglaube. Geschichte der neuern evangelischen Theologie im Zu- sammenhang mit den allgemeinen Bewegungen des europäischen Denkens.. 30 A.l’infâme‘ bezog sich zunächst nicht auf die Kirche selbst. „Die Vernunft dringt in Frankreich täglich weiter vor […]. Im August 1768 schreibt er einem befreundeten Marquis: „Es ist nichts Gutes im Atheismus.“30 Die für die gesamte Aufklärung signifikante Perfektibi- litätshoffnung hatte auf dem Feld der Religion ihre vermutlich stärkste Bewährungsprobe zu bestehen. 227. Damals – so Voltaire – „entstand eine Furie. 69.28 Wie die englischen Deisten hebt auch Voltaire das Liebesevangelium Jesu scharf von jenen Missbräuchen ab. Die Affäre Calas (s.O. die dem Zusammenleben förderlich ist – gleichgültig wie es um die sachliche 28 Vgl. 21). Angesichts dieses Zwecks ist auch das Mittel der Blasphemie legitim – und Voltaire war wirklich ein Meister darin.10. ihr fortdauerndes Wachstum zu verhindern. 29 Voltaire. 27). und die Früchte dieser Vernunft muß man solange pflegen. Elemente der Philosophie Newtons (s.a.29 Aufgeklärte Religionskritik als Kampf gegen Fanatismus und Intoleranz übt darum ein verdienstvolles Werk der Humanisierung und Pazifizie- rung aus. Religion in der europäischen Aufklärung 101 Beide Sachverhalte überformten jenen negativen Kirchenbegriff. Den Erfolg jener Bemühungen beurteilt er durchaus optimistisch. Anm. Anm. der Glaube an einen vergeltenden Gott übe auf die Menschen eine disziplinierende Wirkung aus. bis es unmöglich ist.“ Der Ausdruck . in: Voltaire. Doch wurde er bald zu ihrem zweiten Eigennamen.15 13:47 . Emanuel Hirsch. 3. Gütersloh 1949 – 54. Einleitung. wenn es den Atheismus verbreitet?“31 Mit dem Nutzen der Religion für die Moral ist das von ihm häufig geäußerte utilitaristische Argument gemeint. 31 Zit. o. o. sondern bereits in der Antike. Aber welchen Dienst kann es ihm leisten. wenn es die humanen Grundsätze der Toleranz verbreitet. der sich bereits 1760 zu dem berühmten Aufruf verdichtet hatte: „Écrasez l’infâme (Vernichtet die Niederträchtige!). […] es leistet dem Menschengeschlecht einen Dienst. insbesondere im Überschritt zur Reichskirche und dem von ihr durchgesetzten Lehrsystem. Und dennoch sieht sich Voltaire alsbald zu einer Kurskorrektur ge- drängt. 63. Renate Wahsner/Heinz-Heino Borzeszkowski. 224. sieht den Verfallsprozess jedoch nicht erst im Mittelalter einsetzen. Wahn und Unterjo- chungsdrang. Dieses System ist schlecht in der Physik und in der Moral. mit Dolch und Sophisma bewaffnet. die alle Menschen unsinnig und grausam machte“. 5 Bde. 1997.

Berlin 1960. Schon geraume Zeit hatte er bei den Enzyklopädisten – allen voran Diderot und anderen Autoren wie Buffon. v. Anm. übers. dass das große Lexikon vor allem deswegen den Kurs eines materialistischen Atheismus eingeschlagen habe.). in: Rohbeck/Holzhey (Hg. Erzählungen – Dialoge – Streitschriften (s. die als solche einen ganz anderen kate- gorialen Status besitzen. in: Werner Krauss/Walter Dietze (Hg.15 13:47 . Anm. Voltaire (s. der weniger durch die Neuheit seiner Kri- tikpunkte als vielmehr durch deren geballte Zusammenstellung Eindruck machte. Étienne Damilaville.Système de la nature‘ (1770) bildete dann die krönende Zu- sammenfassung. Briefe an Eugénie.32 Voltaire in Ferney besucht und ihm dargelegt. Voltaire selbst hat diesen Argumentationsgang als förmlichen Gottesbeweis betrachtet. 51 – 171. Die Philosophie des 18. Bd. Ihr Auftreten nötigt den Verstand nach über- geordneten Ursachen zu suchen und schließlich nach einem letzten Prinzip alles Wirkens und nach einem höchsten Sein als dessen Subjekt zu fragen.. Doch worin besteht der Nutzen der Gottesvorstellung für die Physik? Im September 1765 hatte ein befreundeter Mitarbeiter der . Das von d’Holbach ausgear- beitete .). Beides könne niemals aus Materie allein erklärt werden.Christianisme dévoilé‘. v. Immer sind vielmehr Kräfte mit im Spiel.102 Ulrich Barth Triftigkeit jener Vorstellungen bestellt sein mag. Bestermann. Grundriß der Geschichte der Philosophie. o. Jahrhunderts. Bd. 2/1 (s. La Mettrie. Voltaire stimmte dem Ziel zu. Religionskritische Schriften. Rolf Geißler. Anm. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 17). um die Gesamtheit der Dinge zu bezeichnen“36 – und darüber hinaus einen noch unklareren Begriff von Materie. Neue Beiträge zur Literatur der Auf- klärung. Berlin/Weimar 1970. Fritz-Georg Voigt. missbilligte aber den Weg.33 Ihm entsprach in kirchen. 18). 27). Natur aber. Bonnet oder Robinet – eine zunehmende Neigung zum Naturalismus und Materialismus bemerkt.35 Voltaire bemängelte an jenen materialistischen Konzepten ei- nen „verschwommenen Begriff“ von Natur – er sei „nur ein erfundenes Wort. Taschentheologie.Das entschleierte Christentum‘34 – ein Text.und dogmenkritischer Hinsicht die wenig zuvor verfasste Kampfschrift . 2. Paul Thiry d’Holbach. 34 Vgl. Rosemarie Heise/ Fritz-Georg Voigt. Er beruht methodisch ganz und gar – wie David 32 Vgl. 373 – 390. Paul Thiry d’Holbach.10. System der Natur oder Von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Zur Publikationsgeschichte des . 33 Vgl. zeige sich vor allem im Wirken und Schaffen. o. Berlin 1964. o. 285 f. 155 – 183. 35 Vgl. um jedem religiösen Fanatismus ein für alle Mal das Wasser abzugraben. 263. Die Enzyklopädie. 263 – 301.Enzy- klopädie‘. wie wir sie tagtäglich erfahren. 36 Voltaire. übers. Das entschleierte Christentum. 505 f. Manfred Naumann.

356 – 398 sowie Bd. o. Voltaire (s. Mit dieser paradoxen Doppelthese erweist sich der späte Voltaire – wie mir scheint – zugleich als ein Zeitdiagnostiker mit feinem Gespür für die durch die Aufklärung bewirkte Transformation der Religion. „Wir müssen hinnehmen. Bonn 1895. eine lächerliche Art der Gotteslästerung. 2. 39 Vgl.10. Anm. 27). aber alle Diejenigen. Jenem höchsten Wesen gebührt vielmehr „achtungsvolles Stillschweigen“.15 13:47 . dass Voltaires naturwissen- schaftlich angelegter Gottesbeweis sich eng mit dem kosmologischen und teleologischen Gottesweis der theologischen Lehrtradition berührt. Erzählungen – Dialoge – Streitschriften (s. 38 Vgl. Religion in der europäischen Aufklärung 103 Friedrich Strauß zutreffend festgestellt hat – auf der dualistischen Prämisse der „Trennung von Kraft und Stoff“.a. 276. „Gott sein Geheimnis entreißen zu wollen. das ist. zu wissen meinen. Bd.39 An der Notwendigkeit einer radikalen Kirchenkritik hat dies allerdings nichts geändert. was er uns verborgen hat. 2. o. 257 – 330.“40 Es ist wiederholt festgestellt worden. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 37). nicht geschont. 280. 98. dass die maßgeblichen Einsichten nun gegen einen militanten Atheismus naturalistischer oder materialistischer Provenienz in Stellung gebracht werden. Voltaire.. daß es ist. o.–8.O. Anm. aber die gegenteilige Meinung enthält 37 David Friedrich Strauß. Voltaire zielt gerade nicht auf eine ausformulierte Gotteslehre. Erzählungen – Dialoge – Streitschriften (s. bereitet Schwierigkeiten. 3 (Streitschriften).“41 Die Idee eines höchsten Wesens besitzt für ihn den Status eines bloßen Grenzbegriffs. 21). Aufl. 40 Zit. 41 Voltaire. Bd. Das ist grundsätzlich richtig. Doch darf über solchen Parallelen nicht die Differenz des Beweisziels übersehen werden. 27).37 In werkgeschichtlicher Hinsicht verweisen all diese Überlegungen auf die durch die Begegnung mit Newton ausgelösten metaphysischen Studien der 30er Jahre. So bewegt sich Voltaires Einstellung zur Re- ligion insgesamt in einer eigentümlichen Schwebelage – einer Ambiva- lenz. die er einmal mit Bezug auf die Tischgespräche bei Friedrich dem Großen folgendermaßen charakterisierte: „Gott wurde respectirt. daß es einen Gott gibt. 42 A. n. 6. Voltaire. was es ist und wie es waltet. Elemente der Philosophie Newtons (s.38 Das Neue ihrer Reaktivierung in den späten 60er und 70er Jahren besteht darin. Anm. o. ohne zu wissen. nicht dogmatische Ge- schwätzigkeit und Spitzfindigkeit. Bereits in den 30er Jahren konnte er sagen: „Die Meinung. Strauß. 34.. Anm. wie mir scheint. 159.“42 Der Gottesgedanke ist der menschlichen Vernunft ebenso notwendig wie unbegreiflich. die in seinem Namen die Menschen betrogen hatten. Voltaire.

In Wahrheit ist sie vielmehr durch eine tiefe Verlegenheit gekennzeichnet. da er nur die eine. und dass im Fortgang des Zitats förmlich pan- theistische Konsequenzen gezogen werden. auch wenn sie selbst diesen Titel für sich reklamierten. Mélanges. hg. die das Universum beseelen und die die Dinge zwingen. Nicht von ungefähr trägt das Kapitel die Überschrift „Vom Pantheismus“. Voltaires ausgereifte Position könnte man als die eines skeptischen Theismus bezeichnen. 45 A. wenn jene ersatzlos entfielen. sie wird immer existieren.Système de la nature‘ hervor – wenn er programmatisch zusammenfasst: „Die Natur ist die Ursache von allem. dass die alten Formeln nicht mehr tragfähig sind. in welche Leere wir stürzen würden. von dem sich die Sterblichen so dunkle und so falsche Ideen machen. Der in der Sekundärli- teratur zuweilen verwendete Begriff . Jacques van der Heuvel.Agnostizismus‘ scheint mir un- passend zu sein. die traditionell dem metaphysischen Begriff des Absoluten zukommen. v. […] In der Tat. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.“44 Es ist offenkundig.O.104 Ulrich Barth Absurditäten. ir- gendeinen Sinn verbinden wollen. 44 D’Holbach.a.15 13:47 . doch lassen sich vielfach metaphysische Prämissen erkennen. wenn wir mit dem Wort Gott. die den vermeintlich rein naturwissenschaftlich gehaltenen Darlegungen einen religiösen Unterton verleihen. Zwar haben sie nichts mehr mit dem gemein.10. die negative Seite der Medaille her- vorhebt. 387 – 403. dass in der ersten Hälfte des Zitats der Natur genau jene Prädikate zu- geschrieben werden.Atheismus‘ nicht ohne weiteres nachsprechen können. 401 f. 170.“43 Die Situation des religiösen Bewusstseins in der Mo- derne ist nur auf den ersten Blick eine solche der Entscheidung zwischen vorbehaltlosem Bekennertum und entschlossenem Atheismus. ent- sprechend der ihnen eigentümlichen Energie und mithin nach not- wendigen und unwandelbaren Gesetzen zu wirken. System der Natur oder Von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt (s. Am deutlichsten tritt dieses Moment in d’Holbachs . sie ist ihre eigene Ursache. sie wird immer wirken. daß es nur die wirkende Natur bezeichnen kann oder die Summe der unbekannten Kräfte. die andererseits aber zugleich ahnt. Allerdings wird man die von ihm vollzogene pauschale Subsumtion jener naturalistischen oder materialistischen Optionen unter den Ober- begriff .45 Ähnliche Beobachtungen 43 Voltaire. was herkömmlich als theistische Weltanschauung galt. die einerseits weiß. ihre Bewegung ist eine notwendige Folge ihrer not- wendigen Existenz. sie existiert durch sich selbst. so werden wir finden. 33). Anm. o. Paris 1961.

“47 Wie sich freilich die Privat- religion des Émile und die Zivilreligion des . scheint Voltaire kein Sensorium besessen zu haben. Das Dasein einer allmächtigen.46 Denn Gefühle. Beidesmal steht der All-Einheitsgedanke Spinozas im Hinter- grund. hg. dass Voltaire nicht nur dem Atheismus der Materialisten abgeneigt war. Jean-Jacques Rousseau. ließ Rousseau im Dunkeln. einer alles umfassenden Vorsehung. so Voltaire. v. die Belohnung der Gerechten und Bestrafung der Gottlosen. hg. weisen. die Unduldsamkeit. v.15 13:47 . die gesell- schaftliche Funktion von Religion bestehe vornehmlich in der Stiftung sozialer Kohäsion. seien als solche nicht gegen die Gefahr gewappnet. in Obsessionen. das sind die posi- tiven Glaubenssätze. Was die negativen anbelangt.Émile‘ (1762). ein zukünftiges Le- ben. übers. so im Hinblick auf den Panvitalismus bei Buffon und Robinet oder den Pansensualismus bei Diderot. Deswegen müssten sie unter die kritische Obhut kühler Rationalität gestellt werden.10. Martin Rang. Religion in der europäischen Aufklärung 105 lassen sich auch bei den anderen Autoren machen. Religion im Gefühl zu verankern. Eleonore Sckommodau. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wohltä- tigen Gottheit. die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrages und der Gesetze.Contrat‘ zueinander ver- halten. das auf seine Weise die spätere These Émile Durkheims vorwegnimmt. 46 Vgl. Stuttgart 1969. Abschließend bleibt zu erwähnen. Ihr Begriff wird von Rousseau folgendermaßen de- finiert: „Die Dogmen der bürgerlichen Religion müssen einfach. Stuttgart 2006.Contrat Social‘ (1762). 193 f. so beschränke ich sie auf einen einzigen. Wahnvorstellungen und Fanatismen umzuschlagen. Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechtes. Ebenso ausgeprägt – wenn auch anders motiviert – war Voltaires Reserve gegenüber Rous- seaus Konzept von Zivilreligion im . sondern mindestens ebenso sehr Rousseaus (1712 – 1778) wirkungsmächtigem Versuch im . Émile oder über die Erziehung. Dafür. ethisch-religiöser Subjektivität ankündigte – ähnlich dem Shaftesburys –. 47 Jean-Jacques Rousseau. v. dass sich in Rousseaus Gefühlsreligion ein neues Modell religiöser bzw. Hermann Denhardt. Heinrich Weinstock. v. übers. gering an Zahl und bestimmt ausgedrückt sein und keiner Auslegungen und Erklärungen bedürfen.

in: Rudolf Vierhaus (Hg. Friedrich Wilhelm Graf. Profile des neuzeitlichen Protestan- tismus. Halle 1929. insbeson- dere gemessen an Frankreich. Doch fällt auf. o. naturalistische oder materialistische Radikaloptionen wenig empfänglich machte. in: Ders. 460 – 468.15 13:47 . Der Pietismus wirkte in ähnlicher Weise. Die Theologie der Lessingzeit. was an der englischen und französischen Aufklärung sichtbar wurde. Sodann fehlte trotz Einführung des landesherrlichen Kirchenregiments aufgrund der Zersplitterung in Ter- ritorialstaaten und freie Reichsstädte jede Voraussetzung dafür. Klaus Scholder. dass es zu einer den westeuropäischen Zentralmonarchien vergleichbaren Ver- schmelzung von absolutistischem Staatsapparat und kirchlicher Großin- stitution hätte kommen können. die für sen- sualistische. Die Wirkungen dieser Impulse blieben nicht auf die protestantischen Landesteile beschränkt. Geist und Geschichte der Reformation.10.). Göttingen 1985.und Gemeindeideal erheblich zur kulturellen und sozialen Aufwertung des Bürgertums beigetragen. Kurt Nowak. Walter Sparn.). in: Ders. Ein Beitrag zur Deutschen Geistesgeschichte des 18. dass die Entwicklung hier in weit gemäßigterer Form verlief als dort. Dadurch hielten sich die Reizquellen und Angriffsflächen für die Kritik am politisch-klerikalen Gesamtsyn- drom von vornherein in wesentlich engeren Grenzen. Und schließlich hatten sich auch in intellektueller Hinsicht ganz andere Startbedingungen ergeben. Bd. wird man in erster Linie an drei Besonderheiten zu denken haben. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30./Heinz Liebing (Hg. 28). Durch Leibniz und die ihn fortführende Wolffsche Schulphi- losophie wurde das allgemeine Denken in Bahnen gelenkt. Rationale Theologie und Offenbarungstheologie 48 Vgl. Zürich 1933. Karl Aner. Protestantische Theologie und die Formierung der bürgerlichen Gesellschaft. begegnet uns auch in Deutschland. Zunächst hatte bereits die Reformation mit ihrem Angriff auf Hierarchie und Mönch- tum eine weitgehende Beseitigung kirchlicher Missstände erzielt und mit dem neuen Glaubens. Jahrhundert in Deutschland. Deutschland Vieles von dem. Leipzig 1999. 1. Hirsch. Vernünftiges Christentum? Über die Erforschung der Aufklärung in der evangelischen Theologie Deutschlands seit 1945. Geschichte der neuern evangelischen Theologie (s.48 Sucht man nach Gründen dafür.). (Hg. Hans Böhi. Grund- züge der theologischen Aufklärung in Deutschland. Wissenschaften im Zeitalter der Aufklärung. Vernünftiges Christentum.106 Ulrich Barth 3. Jahrhunderts. 11 – 54. Konrad Feiereis. Die religiöse Grundlage der Aufklärung. Über die geschichtliche Aufgabe der theo- logischen Aufklärung im 18. Die Umprägung der natürlichen Theologie in Religionsphilosophie. Anm. Gütersloh 1990. sondern strahlten auch auf die katholischen Nachbargebiete aus. Leipzig 1965. Berlin 1966. 18 – 57.

Johann Salomo Semlers Herme- neutik des Christentums. 77 – 120. Göttingen 2006.50 49 Vgl. Albrecht Beutel. die für die Entwicklung des Religionsbegriffs maßgeblichen Autoren sind Johann Salomo Semler (1725 – 1791) und Johann Joachim Spalding (1714 – 1804). 50 Vgl.und Dogmengeschichte. dass die gedankliche Ausarbeitung des neuen Religionsbegriffs – von wenigen Außenseitern abgesehen – weithin innerhalb der Theologie verlief. den Kant eröffnet hatte. Sie ist bestimmt vom Prinzip der moderierten Lehrart: Die gröbsten Anstö- ßigkeiten des altprotestantisch-orthodoxen Theologiebegriffs werden beseitigt. Theologie und Kirche im Zeitalter der Aufklärung. Barth. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Hinsichtlich der gedanklichen Originalität der drei Phasen ist ein deutliches Gefälle zu konstatieren. von folgendem Dreierschema auszugehen:49 Die erste Phase (1720 – 1750) bildet die sogenannte Übergangstheologie. Das ausgeglichenere Gesamtklima schlug sich nicht zuletzt darin nieder. Seine Domäne war viel- mehr die historisch-kritische Forschung und Hermeneutik auf dem Gebiet der Bibelwissenschaft wie der Kirchen. betrieben von Pfarrern. Der theologische Rationalismus ist nicht ohne den Diskussionshorizont zu verstehen. um dem zur Selbständigkeit erwachten Vernunftinteresse par- tiell entgegenzukommen. Aufgeklärter Protestantismus (s. 5). Anm. die einstigen Offenbarungslehren werden als reine Ver- nunftwahrheiten entfaltet.15 13:47 . Universitätsprofessoren oder Angehöri- gen der Kirchenleitung. Die Hermeneutik J. Religion in der europäischen Aufklärung 107 wurden vielmehr als gegenseitige Ergänzung begriffen und an den Universitäten auch in dieser Form institutionell verankert. Ulrich Barth. 232 – 305. Beide verdanken sich allerdings ganz verschiedenen Ausgangs- bedingungen. Aufklärung durch Historisierung. Wolfgang Gericke.10. Marianne Schröter. Ihr geht es darum. Aufklärung in Deutschland. Die zweite Phase (1720 – 1790) bildet die so- genannte Neologie. die wesentlichen Gehalte der biblischen Religion von der Idee der natürlichen Religion her zu er- schließen. Die dritte Phase (1790 – 1820) bildet der sogenannte theologische Rationalismus. Hier sind alle supranaturalistischen Prämis- sen getilgt. ist es zweckmäßig. Semler war kein systematischer Theologe. um damit einem undogmatischen Christentumsverständnis den Weg zu bereiten. Die kon- zeptionell innovativste Phase ist zweifellos die Neologie. Will man sich die Entwicklung der protestan- tischen Aufklärungstheologie in Deutschland vergegenwärtigen. 182 – 196. Berlin/Boston 2012. o. Berlin 1989. Die Übergangs- theologie ist weithin Reflex auf die gedanklichen Weichenstellungen der Schulphilosophie.

März 2009. Andreas Urs Sommer. Ausg. 109 – 124.54 Durch seine Dissertation über Christian Wolff wurde Spalding mit dessen Verständnis von natürlicher Religion bekannt: Vernunft und Offenba- rung müssen keinen unüberwindlichen Gegensatz bilden. Johann Salomo Semler. Die Philosophie der deut- schen Aufklärung. Eine Un- tersuchung zur Theologie der . Berlin/New York 2012. Leipzig 1786. Anm./ Roderich Barth/Ulrich Barth (Hg.53 von der auch die meisten anderen Neologen reichlich Gebrauch machten – an vorderster Stelle Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709 – 1789). Ders. v. dt. 52 Vgl. und eingl. moralischer und ge- sellschaftlicher Religion. vielmehr ste- hen theologia rationalis und theologia revelata – wie bereits erwähnt – in einem Verhältnis der Arbeitsteilung. 5). Einleitung. Hildesheim 2007. Bd. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Jo- hann Friedrich Wilhelm Jerusalems Bild der mosaischen Religion. Claus-Dieter Osthövener. Spaldings Stärke hingegen lag auf dem Feld des begrifflichen Den- kens. in: Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem. v. Christentum und Judentum. Versuch einer Typologie.10. die sich für die Erforschung und Darstellung der Religionsgeschichte als außerordentlich fruchtbar erwiesen haben. Norbert Hinske. Er machte Epoche durch das 1748 erstmals publizierte und zu seinen Lebzeiten insgesamt in dreizehn Auflagen erschienene Buch Betrachtung ber die Bestimmung des Menschen. in: Christian Danz (Hg. 55 Vgl.55 Einen Anstoß ganz anderer Art gab S. Die Bestimmung des Menschen. Norbert Hinske/Rainer Specht. Ueber historische. Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem. Wolfgang Erich Müller. Barth. (Hg. Gottfried Hornig. führte er jedoch zwei Unterscheidungen ein.Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion‘. Berlin/New York 1984.).). 53 Vgl. 407 – 458. geselschaftliche und moralische Religion der Christen. 51 Vgl. Texte und Darstellung. in: Raffaele Ciafardone. o.52 Damit hat er speziell das Christentum einer über alle bisherigen Betrachtungsweisen hinausführenden religi- onssoziologischen Beschreibung zugänglich gemacht. Semlers. Andreas Urs Sommer. Hamburg 1999.51 zum anderen die Unterscheidung von öf- fentlicher und privater Religion.15 13:47 . Es lieferte – wie Norbert Hinske treffend bemerkte – eine der Basisideen der deutschen Aufklärung überhaupt. 180 – 194. 146 – 160. Tübingen 1996. 54 Vgl. in: Ders. Die tragenden Grundideen der deutschen Aufklärung. Stuttgart 21990. Schelling und die Hermeneutik der Auf- klärung. der große Praktiker der theologischen Aufklärung in Deutschland. zum einen die Unterscheidung von historischer. Tübingen 2012. Johann Salomo Semler: Studien zu Leben und Werk des Hallenser Aufklärungstheologen. 1.). Gott als Projekt der Vernunft (s.108 Ulrich Barth Um deren Dynamik verständlich machen zu können. V – LXXIX. 29 – 50. Schriften. hg. Akten des Internationalen Kongresses der Schleiermacher-Gesellschaft in Halle.

Bestätigung und Enttäu- schung müssen auf jeder einzelnen Stufe genauestens gegeneinander abgewogen werden. Johann Joachim Spaldings . die zunächst als einander gleichberechtigt auftreten. Spalding übersetzte Mitte der 40er Jahre zwei seiner ethischen Schriften und wurde damit zu einem der wich- tigsten Anreger der nachfolgenden Shaftesbury-Rezeption in Deutsch- land. selbst aber kein Deist im eigentlichen Sinne. welches Maß an Erfüllung die einzelnen Lebensformen zu ge- währen imstande sind.57 Ihm selbst diente er als methodisches Vorbild. Clemens Schwaiger. 165 – 171. Aufklärung als praktische Philosophie. 351 – 368. Sinnstiftung durch Individualgeschichte. o. Anm. Tübingen 1998. 59 Vgl.59 Dabei kommt es vor allem auf die ungeschminkte Bilanzierung zwischen vorgängiger Er- wartung und tatsächlicher Befriedigung an. den Menschen glücklich zu machen.15 13:47 . Für den Religionsdiskurs kommt der Glücksthe- matik eine paradigmatische Funktion zu. Spalding geht davon aus. Andreas Urs Sommer.Bestimmung des Menschen‘. Das Problem des Glücks im Denken Christian Wolffs. dass mit einer einförmigen Definition von Glück nicht auszukommen ist. Anm. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 163 – 200. Die philosophisch-literarische Darstellung dieses Klärungsprozesses kann deshalb immer nur exemplarische Bedeutung 56 Vgl. Aufgeklärter Protestantismus (s. Barth. 5). dass aller Vernunftgebrauch letztlich dazu diene. Die Objektivität des Glücks.). die kritische Selbstreflexion des Ichs. wie Philosophie sich in Lebensbetrachtung überführen lässt. je für sich zu er- kennen. Stuttgart-Bad Cannstadt 1995./ Friedrich Vollhardt (Hg. Darum müssen diese selbst dahin gelangen. da es höchst differente Arten menschlicher Zufriedenheit gibt. Religion in der europäischen Aufklärung 109 die ab den 30er Jahren unter Wolff-Kritikern aufgekommene Glücks- debatte:56 Was soll es heißen. 57 Vgl. 58 Vgl. o. Die weit stärkste Anregung ging indes von der Lektüre des englischen Philosophen Earl of Shaftes- bury aus. Gleichwohl scheint es erhebliche Unterschiede hinsichtlich der inneren Konsistenz und Stabilität derselben zu geben. eines angesehenen Zeitgenossen der Deisten. weil ein solcher niemals die freie Zustimmung der betroffenen Individuen garantieren würde. Die Gestalt dieses kognitiven Wegs ist der innere Dialog58 bzw. in: ZNThG 8 (2001). in: Ders. Barth. über deren Grad und die daraus resultierende Rangordnung jedoch durch keinen allgemeinen Machtspruch der Vernunft entschieden werden kann. 5). 219 – 223. Gott als Projekt der Vernunft (s. Die oben erwähnte Programm- schrift von 1748 bietet gleichsam die konstruktive Synthese jener drei heterogenen Impulse.10. Aspekte der Eudämoniediskussion in der deutschen Aufklärung. Friedrich Grunert.

Religion. sondern entspringt der Frage des Menschen nach sich selbst und kann darum auch nur in Form der An- leitung zu einem solchen Selbstdeutungsprozess vermittelt werden. Religion ist letztlich kein theoretisch objektivierbarer Sachverhalt.110 Ulrich Barth und in dieser Hinsicht didaktischen Wert haben. o. sondern um deren subjektive Plau- sibilität am Orte der betreffenden Person. Sie leistet – um mit Platon zu reden – lediglich Hebammendienste. System der reinen Glückseligkeitslehre des Christentums. a. 235 – 262. (4) kosmisches Einheitsgefühl und (5) Vollendung im Ewigen.. Nur so wird Religion tatsächlich zu einer „Angelegenheit des Menschen“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. eine Angelegenheit des Menschen. 5). Gotthilf Samuel Steinbart. suchte er sie in der Religionsphilosophie wenigstens partiell zu rehabilitieren.62 Mit diesem Konzept hat Spalding das Muster einer anthropologischen Begründung von Religion geliefert. Berlin (1772) 21782. Während er in der rationalen Grundlegung der Ethik sämtliche Eudaimonismen strikt ablehnte. jene Glückser- wartung gleichsam zu sublimieren und ihr in Gestalt einer weltüber- windenden Hoffnung Ausdruck zu verschaffen. sei es des Dogmas. Vielmehr wollte er an ihr zugleich die individuelle Genese von Religion verdeutlichen. das eine ebenbürtige Entsprechung 60 Vgl. Spätestens an den drei letzten Gestalten wird die innere Verbindung von Glück und Religion offensichtlich. (3) innere Übereinstimung mit dem Guten. 2.61 Spalding selbst ging es aber nicht nur um jene Verbindung von Religion und Glückstreben als solche.a. Johann Samuel Diterich. zu Kants Fassung des Gottesgedankens vgl.. 62 Johann Joachim Spalding. Berlin 1798. in denen eine Person sukzessiv ihre kontingente Vorfindlichkeit überschreitet: (1) Sinnliche Lust.10. Denn es geht nicht um die Anerkennung irgendwelcher Wahrheiten an sich. (2) intel- lektuelles Vergnügen.15 13:47 . In diesem Sinn werden fünf Stufen des Glücks benannt. sei es der Meta- physik. Menschen – so sein dortiges Argument – sind endliche Vernunftwesen. Unterweisung zur Glückseligkeit nach der Lehre Jesu. So ist es die Aufgabe der Religion. Anm. Gott als Projekt der Vernunft (s. 61 Zu Kants Religionskonzept vgl. Barth. verm. Aufl.O. 263 – 307. Züllichau (1778) 31786. Hier versagen seiner Auffassung nach sämtliche Arten der Demonstration.60 Noch Kant hielt an ihr fest. Darum können sie von der Frage der Befriedigung ihrer sinnlichen Neigungen niemals vollständig absehen. Besonders markant tritt sie bei Johann Samuel Diterich (1721 – 1797) und Gotthilf Samuel Steinbart (1738 – 1809) hervor. Sie gilt nahezu allen Neologen als unumstößlich.

Entklerikalisierung und Entdogmatisierung von Religion. Hans-Walter Schütte.Religion‘ in die römische Antike und wurde als solcher vom Christentum über- nommen. 64 Vgl. Individua- 63 Vgl. in: Norbert Schiffers/Ders. um zu erfassen.10. Doch auch hier bewegt sich – wie bei nahezu allen Aufklärern – die Theorie der Religion im Zugleich von Kritik und Konstruktion. Deren kulturelle Transformation steht zur Debatte. Tübingen 2013. Peter Grove. (3) Auch der Siegeszug des Autonomieprinzips führte nicht per se zur Aufhebung von Religion. Seine eigentliche Geburt fällt in die Epoche der europäischen Aufklärung. 142 – 144. nicht ihre ge- nerelle Abschaffung.65 Als Fazit lässt sich Folgendes festhalten: (1) Der Wortbedeutung nach verweist der Ausdruck . Kollektive Zwänge werden vor allem deshalb verworfen. sondern wurde zunächst als Plädoyer zu deren Individualisierung verstanden: Es steht jedem einzelnen Menschen frei. Studien zu Herder und Har- nack. Zur Theorie der Religion. Schleiermachers Philosophie der Religion.15 13:47 . Unmittelbare semantische Äquivalente in anderen Hochkulturen lassen sich nicht leicht ausmachen. Freiburg/Basel/Wien 1973. (Hg. Religion in der europäischen Aufklärung 111 erst wieder in Herder63 und in Schleiermacher64 fand. Roderich Barth. Berlin/New York 2004.). 65 Vgl. 95 – 135. sein Verhältnis zu ihr für sich selbst zu bestimmen. obwohl es natürlich sachliche Entsprechungen in Hülle und Fülle gibt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Deutungen des Subjekts. kontrastieren- der oder integrativer Funktion. welche Art von Kritik jeweils gemeint ist. weil sie der Ausbildung einer eigenen Überzeugung abträglich sind. In der überwie- genden Mehrzahl zielen die Forderungen auf Entkonfessionalisie- rung. Radikale Athe- ismusoptionen begegnen vergleichsweise selten. Aber man muss genauer hinsehen. Treibendes Motiv dabei war die Frage nach den rationalen Grundlagen jenes ebenso vielschichtigen wie schwer durchschaubaren Phänomens. (2) In allen Religionstheorien der Aufklärung spielt das Element der Kritik eine zentrale Rolle. Innerhalb der vorneuzeitlichen Geschichte des Christentums spielte er allerdings eine erstaunlich geringe Rolle. Hier erlangt er den Status einer reflexiven Darstellungskategorie mit vergleichender. Religionskritik und Religionsbegründung. Selbst streng materialistische Positionen arbeiten vielfach noch mit unterschwelligen Pantheismusoptionen. Seele nach der Aufklärung.

Über eine Abnahme oder ein Verschwinden religiösen Lebens ist damit noch nichts gesagt. so dass beide Momente einander als Kriterium dienen – vergleichbar dem wenig später formulierten Programm einer Kunstreligion. er- scheinen auf den ersten Blick als den betroffenen Religionssystemen von außen aufgezwungene Reduktionismen. son- dern folgt durchaus einer eigenen Idee religiöser Sinnstiftung. ist dies: Religionstheorien haben immer eine doppelte Aufgabe. Die neuzeitliche Fassung des Gottesgedankens besitzt geradezu darin ihre Pointe.Säkularisierung‘. sie auf höherer Ebene wieder miteinander zu verschmelzen. (6) Was man vom Religionsdiskurs der europäischen Aufklärung me- thodisch lernen kann. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Individualisierung. Kon- struktion und Kritik gehören notwendig zusammen. muss aber nicht deren vollständige Privatisierung zum Ergebnis haben. sich gegen alle falschen Verge- genständlichungen und zweckwidrigen Instrumentalisierungen zu verwahren. Entdogmatisierung etc.10. Der heutige soziologische Terminus dafür lautet . (5) Säkularisierung. Insofern bildet aufgeklärte Religion kein bloßes Epi- phänomen anderweitiger kultureller Transformationsprozesse. Soziologisch handelt es sich hier um ein Ineinander von Ausdifferenzierung und Interpenetration.15 13:47 . Auch in Sachen Religion ging es der Aufklärung zuallererst um die Frage der Mündigkeit des Men- schen. (4) Modernisierungstheoretisch ist der Religionsdiskurs der Aufklärung als ein Faktor funktionaler Differenzierung zu betrachten. Aber es gibt auch au- tochthone Motive. zum andern die Reichweite und die Grenze seines Geltungsanspruchs zu bestimmen. Einen Spezialfall bildet allerdings das Verhältnis von Religion und Ethik: Neben der Forderung nach strikter Trennung findet sich zugleich das gegenläufige Bestreben. bringt sie sich selbst um ihre Glaubwürdigkeit. Dies gilt auch für den reflektierten Lebensvollzug: Wo das Element der Selbstkritik ganz aus den Praktiken einer Religion verschwindet. zum einen die Verfasstheit und Vollzugsgestalt des religiösen Bewusstseins zu beschreiben.112 Ulrich Barth lisierung von Religion kann.

in: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Schöpfungsvorstellungen konnten aber auch ganz andere. In Berlin habe ich einen teils neuen Text vorgetragen.15 13:48 . that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights“. Kreationismus. Metaphern des ersten Anfangs oder Mythen der Schöpfung eine zentrale Rolle. gegenläufige politische Ideen begründen helfen. Schöpfungssprachen prägen zudem neuzeitliche ästhetische Diskurse.10. etwa in der Vorstellung vom Künstler als einem secundus deus. Hier wird Schöp- fungssprache benutzt. „Kreationismus“. nationalistische Erfindungen des ewigen Ursprungs des 1 Mein Berliner Kongressbeitrag geht zurück auf einen Festvortrag. „We hold these truths to be self-evident that all men are created equal. den ich am 3. Dieser Münchner Vortrag ist inzwischen publiziert: Friedrich Wilhelm Graf. Religionsgeschichten der Moderne. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Doch in erster Linie ist Schöpfung ein Grundbegriff religiöser Sprache. und die Begriffsbildung diverser moderner Wissenschaften. 143 – 161. von Joseph Schumpeters „kreativer Zerstörung“ in der Ökonomie bis hin zur „Verfassungsschöpfung“ in der Staatsrechtslehre. zweiten Schöpfergott. Wie alle anderen religiösen Grundbegriffe ist er in der Moderne permanent umstritten und wird gerade von gelehrten Theo- logen und Philosophen seit der Mitte des 18. Zu diesem begriffshistorisch bisher nur kaum erkun- deten. aber auch auf stark gekürzte Passagen des Münchner Vortrags zurückgegriffen. Dezember 2011 auf der Jahresfeier der Bayerischen Akademie der Wissen- schaften gehalten habe. Vorstellungen einer gottgewollten Prärogative von Monarch und Adel vor dem ge- meinen Volk. dass Schöpfung analog zu „Natur“ und „Naturrecht“ als zentrale religiöse Vorstellung zugleich auch ein Grundbegriff moderner politisch-sozialer Sprache ist. heißt es in der Unabhängigkeitserklärung der USA. um aus der Gleichheit der Geschaffenen vor Gott Gleichheit vor dem Gesetz und eine demokratisch gleiche Freiheit aller Bürger abzuleiten. Jahrbuch 2011. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne1 Friedrich Wilhelm Graf In vielen religiösen „Symbolsprachen“ der Menschheit spielen Bilder vom Ursprung. bis heute andauernden Grundlagenstreit trägt bei. München 2012. Jahrhunderts höchst kon- trovers diskutiert.

Diese fundamentalpoliti- sche Dimension der Bedeutungskämpfe um den Schöpfungsbegriff bitte ich Sie im Hinterkopf zu behalten. Die in Deutschland wie in Großbritannien entwickelten Phy- sikotheologien trugen im 18. der fortdauernden Erschaffung.114 Friedrich Wilhelm Graf eigenen Volkes oder rassistisches Denken. Wie auch immer in den theologischen wie politischen Ideenkämpfen der Moderne seit 1800 „Schöpfung“ gedeutet wurde: Im theologischen Diskurs und in den religiösen wie explizit politischen Ideenkämpfen ging (und geht) es niemals nur um Gottesglauben in einem engeren Sinn. vor allem die Schwarzen. nahmen auch viele Theologen. Evolutionskonzepte auf. gerade wenn sie selbst experimentelle Naturforschung be- trieben. also um eine tugendhafte individuelle Lebensführung. um teils aus dem librum naturae. und frühen 19. die mit dem jeweils erreichten Stand naturwissenschaftlicher Erkenntnis kompatibel waren. die dann später religionsanalytisch gedeutet und theologisch gewichtet werden sollen. etwa die behauptete Überle- genheit der Weißen über die jeweils anderen. sondern immer auch um Ethik. der Ordnung der Natur. dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies schon seit dem 17. eine gute Ordnung des gemeinsamen Lebens und ins- besondere das politische Institutionengefüge. der Erschaffung von Adam und Eva. Seitdem bei den naturkundlich Gelehrten Bilder gradueller Entwicklung und Evolution des Lebens an Attraktivität gewannen. ließen sich unschwer in Konzepte einer theistischen Evolution überführen: Gott als die invisible hand in den natürlichen Prozessen der Evolution des Lebens.10. Bis in die unmittelbare Gegenwart hinein sind von jüdischen. sehr alte jüdische wie christliche Lehren von der creatio continua. wenn ich Ihnen nun sechs Kurzge- schichten modernen frommen Schöpfungsglaubens erzähle.15 13:48 . teils auch Gott als Subjekt des evolutionären Schöpfungs- prozesses zu denken. Bewahrung und Fort- entwicklung der Welt durch Gott. Biologie als Sozialtheorie Vor allem protestantische Theologen in Deutschland hatten die Schöp- fungsmythen der Genesis mit ihren Vorstellungen von sechs Schöp- fungstagen. christlichen und muslimischen Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 1. Viele Theo- logen engagierten sich intensiv in der besseren Erkenntnis der Natur. Jahrhundert kritisch gelesen und Konzepte göttlicher Schöpfung entwickelt. Jahrhundert entscheidend zu empirisch orientierter naturkundlicher Forschung bei. auf ein göttliches Ordnungssubjekt zurückzu- schließen.

Kreationismus. der seinen Got- tesglauben für vereinbar mit der Akzeptanz von Evolution hielt. einem einflussreichen Popularisator Darwins. den (kaum noch bekannten) Er- langer Ordinarius der Zoologie und vergleichenden Anatomie Albert Fleischmann. Diese „Sozialdarwinismen“ – „social Darwinism“ ist ein Neo- logismus aus dem Jahre 1879 – begründeten biologistische Programme zur Förderung des „survival of the fittest“. mit zum Teil großer Resonanz beim religiösen Publikum – genannt sei nur Teilhard de Chardin. Charles Darwins Origins of Species aus dem März 1859 markieren in den theologischen Debatten der Zeit deshalb keine tiefe Zäsur. geprägt durch die Prinzipien von Variation. in den . die Schwachen. der 1900 in Erlangen unter dem Titel Die Deszendenztheorie „gemeinverständliche Vorlesungen über den Auf. Botaniker in Harvard und als enger Korrespondenzpartner der wichtigste Verbreiter von Darwins Einsichten in den USA. die auch prominente Naturwissenschaftler. hielt. Darwin. gegen seine eigene bessere Einsicht.und Niedergang einer naturwissenschaftlichen Hypothese“ gehalten hatte. Die diskursive Lage änderte sich erst. Leistungsunfähigen an Fortpflanzung zu hindern – um der Durchsetzung der Starken willen. große Resonanz. etwa Ernst Haeckel. broad church-Theologen des anglikanischen Establishments hatten zuvor schon Evolutionsdenken akzeptiert.15 13:48 . Zwar kam es in Oxford zu einigem Streit zwischen Thomas Huxley. Kranken. war ein überaus frommer und kirchlich aktiver Presbyterianer. Aber die große Mehrheit von Darwins Unterstützern war selbst religiös und hielt seine Sicht der Evolution. als unter dem Einfluss von Herbert Spencer Begriffe und Ideen Darwins aus der Naturgeschichte auf die Geschichte menschlicher Gesellschaften und die Kultur übertragen wurden.Origins‘ zudem am alten biblischen Bild vom „Baum des Lebens“ fest. Großbritannien und den USA fanden solche sozi- aldarwinistischen Konzepte. Doch der frühe Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. und einzelnen anglikanischen Kirchenmännern. die meisten liberalen. Asa Gray.10. der selbst Theologie studiert und hier den Grad eines BA erworben hatte. Die frühen Krea- tionisten in den USA stützten sich in ihrem Kampf gegen Darwin auf einen bayerischen Haeckel-Gegner. für vereinbar mit christlichem Schöpferglauben. verbanden sich also bald mit Konzepten von Bevölkerungshygiene und eugenischen Projekten. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 115 Gottesgelehrten Abertausende solcher theistisch fundierten oder über- formten Evolutionskonzepte geschrieben worden. propagierten. nahm Begriffe aus William Samuel Paleys Natural Theology aus dem Jahre 1802 auf und sprach in den poetisch gehaltenen Schlusspassagen der Origins ausdrücklich vom gött- lichen „creator“. In Deutschland. Selektion und struggle for existence. sog.

ökonomische Modernisie- rung und auch das Rechtssystem verarbeiten. 2. wie frommes Bewusstsein sich wandelt und wie religiöse Organisationen Veränderungsdruck durch politische Entwicklungen. dass das Leben auf der Erde vergleichsweise jung sei und eine weltweite Sintflut die gesamten Lebensumstände auf der Erde tiefgreifend verändert habe. In ihren sektiererischen Glaubenstraktaten haben sie niemals Darwin selbst zitiert. in den 1920er Jahren.10. ein Sieben-Tage-Adventist. historisch-kritische Exegese und jede nur allegorische Schriftlektüre. nach der Erfahrung der „Urkatastrophe“ des letzten Jahrhunderts. soziale Konflikte. Deutlich ist jedoch die außerordentlich hohe Anpassungselastizität religiösen Bewusstseins. und es spricht nichts dafür. in uralten Symbolsprachen und überlieferten Glaubensbildern neue kognitive Herausforderungen konstruktiv wahrzunehmen. Sie waren zumeist sozial De- klassierte. Die frühen Kreationisten bekämpften im biologischen Evolutionsdenken primär einen Sozialdarwinismus. Hunderte von antievolutionistischen Essays. Kampfschriften und Büchern finden nun große Resonanz. wird aber von theistischen Evolutionisten hart bekämpft. Er nennt sein Denken selbst „New Cata- strophism“. Dies zeigt meine zweite Geschichte. den sie als ideologische Basis eines radikalen Marktdenkens. sie lesen allegorisch Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.116 Friedrich Wilhelm Graf kreationistische Antievolutionismus. hat nur wenig mit Evolutionsbiologie. New Geology. des Ersten Weltkriegs. aber sehr viel mit Gesellschaftstheorie und harten Interessenkämpfen um die wahre öko- nomische Ordnung zu tun. kaum gebildete Autodidakten. wissen nur wenig darüber zu sagen. seine Fähigkeit. Katastrophendenken Akademische Religionsdeuter. gestützt auf den Kampf gegen li- berale Theologie. Mit seiner Sintflutgeologie findet McCready Price zunächst nur in der eigenen Sekte Zustimmung. 1923 veröf- fentlicht George McCready Price. Diese Gegner halten an einer religiös überformten Evolutionsbiologie als Leitdiskurs fest. Sie spielt in den USA. dass sie jemals auch nur einen Darwin-Text gelesen haben. gerade auch wir protestantischen Theo- logen. mit der These.15 13:48 . Ausbeutung der Schwachen und Legitimation für eugenische Programme wahrnahmen. Die meisten fossilen Nachweise für Evolution stammten aus der kurzen Zeit einer weltweiten Sintflut und der ihr folgenden Jahr- hunderte. unbegrenzter ka- pitalistischer Konkurrenz. agrarromantische Verlierer in den Prozessen kapitalistischer Modernisierung.

in der es nur brutalen Interessenkampf. Darwinistisches Denken untergrabe alle humanitäre Moral und werde die USA von innen her paralysieren. wie ein Tag“ – und war bereit. Dafür bezog sich Bryan immer auf das Deutsche Reich als Negativbeispiel. Zu den radikalen Kurzzeitkreationisten um McCready Price wahrte Bryan durchaus Distanz. initiierte Bryan 1921 einen antievolutionistischen „Crusade“. Langzeitkrea- tionisten als geologische Zeitalter – „Tausend Jahre sind vor Dir. wenn sie sich mit Interessen verbinden. sondern auch gegen die Akzeptanz der Darwinschen Deszendenztheorie in den liberalen Theologeneliten der protestantischen Mainline Churches richtete. eine Entwicklung der Lebewesen an- zuerkennen – solange ein transzendenter. In Bryans Hauptwerk The Menace of the Theory of Evolution diente Evolutionsdenken erneut als Projektionsfläche dafür. dass das starke sozialdarwinistische Denken in den Eliten des Kaiserreichs in einem nietzscheanischen Kult des „Herrenmenschentums“ kulminiert habe.15 13:48 . ein ele- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Margin- alisierten gebe. „Kreuzzug“. McCready Price hingegen betont die Deutungsmacht der Geologie. Herr. Ideen wirken. in dem er ausführlich über seine langen Gespräche mit deutschen Offizieren in Belgien und Frankreich berich- tete. der auf Ausmerzung der schwachen „Untermenschen“ und vor- sätzlich gewollten Vernichtungskrieg hinausgelaufen sei. Ausbeutung. Willkür und die Herrschaft der Starken über die Schwachen. Egoismus. Zur Erfolgs- geschichte kreationistischen Denkens in den 1920er Jahren trägt ent- scheidend bei.10. eine Unmittelbarkeit von Gottes Ebenbild zum Schöpfer gewahrt blieb. grenzenlose Habgier. Der erfolgreiche Autor von In His Image las die Schöpfungstage der Genesis wie viele andere sog. begann seit 1920 einen harten ideenpolitischen Kampf gegen den Einfluss darwinistischen Denkens in staatlichen Bildungseinrichtungen. der sich nicht nur gegen Evolutionsdenken in Schulen und Universitäten. dass prominente Politiker gegen alles Evolutionsdenken mobil machen. ein pazifistisch gestimmter frommer Presbyterianer. übernatürlicher Ursprung des Menschen. Der entschiedene Gegner von Eisenbahnmagnaten und reichen Bankern sah im Darwinismus die kognitive Grundlage für eine zutiefst inhumane Gesellschaft. Vernon Lyman Kellogg hatte 1917 ein bald berühmtes Buch Head- quarter Nights veröffentlicht. Um einen vergleichbaren moralischen Verfall in den USA zu verhindern. der dreimal als Kandidat der Demokraten um den Einzug ins Weiße Haus gekämpft hatte und von 1913 bis 1915 Außenminister unter Woodrow Wilson gewesen war. Kreationismus. William Jennings Bryan. In Benjamin Kidds The Science of Power (1918) fand Bryan die These. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 117 die biblischen Schöpfungstage als Zeitalter.

und den Verteidigern gelang es. The Scopes Trial. Der Lehrer wurde verurteilt. selbst ein theistisch überformtes Evolutionsdenken lehrten. das Urteil in nächster Instanz wegen eines Formfehlers wieder aufgehoben. als ignorante.118 Friedrich Wilhelm Graf mentares Leiden an den vielen Negativphänomen eines nur schwach regulierten und so entfesselten Kapitalismus zu artikulieren. und ihn auf eine strikte Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften verpflichte.15 13:48 . in der Presse auch „The Monkey Trial“ genannt und später. der es untersagte. Doch zunächst schien es. im Biologieunterricht Darwin zu erwähnen und Evolution zu lehren. Als in Tennessee 1925 der Butler Act verabschiedet wurde. nun ihrerseits mobil zu machen. er verstoße gegen das First Amendment. die es den Lehrern verboten. allen voran Bryan selbst. je- denfalls dazu. als hätten die Vorkämpfer freier Wissenschaft zumindest einen moralischen Erfolg er- rungen. den von ihr getragenen Schulen. Die American Civil Li- berties Union überzeugte den Lehrer John T. das es dem religiös-weltanschaulich neutralen Staat verbiete. Der Lehrer wurde verhaftet und in Dayton angeklagt. Scopes davon. wenn sie Evolutionismus. machte Sensation und gilt als eines der wichtigsten Verfahren der amerikanischen Rechtsgeschichte. die Abstammung des Menschen von niederen Formen des Lebens zu lehren. die Kreationisten. Antievolutionistische Gesetze hatten in vielen Bundesstaaten der USA bis 1968 Bestand.10. Die Bedeutung des Prozesses liegt auch darin. In religionsgeschichtlicher Perspektive gilt: Gerichtssäle sind Schaubühnen für Kulturkampftheater. Zwar scheiterte Bryan in seiner eigenen presbyterianischen Kirche damit. 1960 unter dem Titel Inherit the Wind mit Spencer Tracy. Fredric March und Gene Kelly verfilmt. Aber er konnte – als Demokrat! – in zahlreichen Südstaaten politische Initiativen für Gesetze anregen. Bryans politische Erfolge motivierten seine ideenpolitischen Gegner. gegen das Gesetz demonstrativ Darwin zu lehren. die sie in den Zeugenstand beriefen. Colleges und Universitäten die finanziellen Mittel zu entziehen. in welcher Form auch immer für eine bestimmte religiöse Position Partei zu ergreifen. dass er zum Modell für Tausende ähnlicher juristischer Konflikte in den USA wurde. ungebildete Südstaatentrottel vorzuführen. die Verteidiger freier wissenschaftlicher Einsicht und naturwissenschaftlicher Aufklärung. als der Supreme Court den Butler Act aus Tennessee nach langen juristischen Auseinandersetzungen für verfassungswidrig erklärte. Genau besehen war dies nicht der Fall. kam es zum Showdown zwischen liberalen Evolutionisten und religiösen Anti-Evolutionisten. Beide Seiten ließen nun berühmte Anwälte nach Dayton einfliegen. In öffentlichen Schulen dürfe weder missioniert noch für einen religiös fundierten Antievolutionsmus Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.

Kreationismus geworben werden. 1963 wurde die Creation Research Society gegründet. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 119 bzw. Nach dem Sputnik-Schock im Jahre 1957 beschlossen die für Bildungsfragen zu- ständigen US-Behörden eine tiefgreifende Reform des Science-Unter- richts in Schulen und Colleges. So begann man mit Untersuchungen zur vergleichenden Mythologie. Kreationismus. Morris Genesis Flood. Der Dar- winismus galt nun zugleich als ideologische Grundlage des verhassten Kommunismus. Im breiten Spektrum kreationistischer Positionen setzte das Institute for Creation Research auf eine Glaubensgeologie. Scientific Creationism oder Creation Science Darf nicht Religion. und der Name Darwins wird nur in einigen wenigen Büchern kurz erwähnt.15 13:48 . 1970 das Creation Science Resarch Center. Die bildungspolitische Lage hatte sich nun gegenüber den 1920er Jahren signifikant verändert. geprägt von den antikommunistischen Feindbildstereo- typen im „Kalten Krieg“. 3. In den in öffentlichen Schulen benutzten Biologiebüchern der 1930er bis 1950er Jahre spielt Evolution nur eine marginale Rolle. angeheizt durch schöpfungsfromme Eltern. die man durch – dem eigenen Anspruch nach – seriöse wissenschaftliche Forschung erhärten wollte. die in der Hebräischen Bibel bzw. 1961 veröffentlichten John C. das wichtigste und erfolgreichste Buch der Kurzzeit-Kreationisten seit dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch gingen die Kreatio- nisten insoweit als Sieger aus den Konflikten der 1920er Jahre hervor. muss man „special creation“ oder Schöpfungsglauben zur bes- seren Wissenschaft machen. Auch betrieb man geologische Feldforschung. Als die Kinder neue Biologiebücher nach Hause brachten. kam es zu vielfältigen lokalen Konflikten. dass ihre Kinder mit materialistischem Denken konfrontiert würden. die sich dagegen wehrten. als sie die Zurückdrängung des Darwinismus aus den Biologiebüchern er- reichten. um nachzuweisen.10. Whitcomb Jr. dass Flutberichte in nahezu allen Schöpfungsmythen der Menschheit eine wichtige Rolle spielten. im Alten Testament „dokumentierte“ Sintflut also kein lokales. sondern ein weltweites Phänomen war. vom Grand Canyon bis hin nach Argentinien. Nach dem Vorbild der vor allem von deutschen und bri- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Zahlreiche Kreationisten verkündeten deshalb eine neue Gegenagenda. und Henry M. sondern nur Wissenschaft in den Schulen gelehrt werden. Genau dies versuchten Kreationisten seit den 1960er Jahren überaus erfolgreich. von dem sich aufgrund heftiger interner Mei- nungsverschiedenheiten 1972 das Institute for Creation Research ab- spaltete.

die nur selten transparent gemacht würden. Hatten die Kreationisten zunächst gehofft. bornierte Glau- bensideologen zu verachten. In den 1980er und 1990er Jahren beginnen Kreationisten denn auch. um die Rechtsprechung zum First Amendment zu unterlaufen. Zugleich dringt man nun auf Gleichbehandlung.120 Friedrich Wilhelm Graf tischen Alt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. So verrückt die archäologische Suche nach Noahs Arche erscheinen mag: Gerade wir europäischen Intellektuellen und Wissenschaftler nei- gen allzu schnell dazu.10. wo man im April 2010 Überreste von Noahs Arche zu finden meinte. das sog. zu hören. und Großkonzepte wie Selektion oder Variation seien nicht falsifizierbar. sondern bestenfalls Hypothesen. und haben später gern auch Foucault und Latour gelesen: Gute Wissenschaft kenne keine Fakten. Sie lesen Kant und Witt- genstein. Auch derzeit gibt es entschiedene Mehrheiten für „ba- lanced treatment“ und „teach the controversy“. Sie trennen in ihren curricularen Gegenentwürfen streng zwischen ihrer creation science und den biblischen Bezügen.15 13:48 . Aber viele wissenschaftlich gebildete Kreationisten sind in der Auseinandersetzung mit Evolutionsbiologen bemerkenswert argumentationsstark. Werden alle über- kommenen Rationalitätsstandards durch Dekonstruktion verabschiedet. Kreationisten als ungebildete. Mit diesem Appell an eine US-spezifische Akzeptanz stoßen die Kreationisten bei einer großen Mehrheit der Amerikaner auf starke Zustimmung. allen voran Karl Mannheim. so ändern sie in den 1970er Jahren ihre Taktik. „balanced treatment“. wenn sie die Tests möglicher Falsifizierbarkeit überstehen. dass Be- hauptungen nur dann als wissenschaftlich gelten können. Obendrein sei die herrschende Wissenschaft nur eine Machtpraxis. den Schülern die Gelegenheit zu geben. Auf hohem intellektuellem Niveau machen sie epistemologisch mobil: Mit Popper wissen sie. Es sei nach allen genuin amerikanischen Überlieferungen von Toleranz und Meinungsfreiheit nur fair. kennen die Klassiker der Wissenssoziologie. Hier zeigt sich: Fromme „Fundamentalisten“ sind die wahren Gewinner von Postmoderne-Diskursen. beide Seiten. Jahrhunderts be- triebenen „Biblischen Archäologie“ mit ihren zahlreichen Grabungs- projekten in Palästina warb man bei diversen Stiftungen zudem For- schungsmittel für Ausgrabungen am Berg Ararat ein. ge- leitet von Erkenntnisinteressen. alle möglichen Vordenker der Postmoderne zu lesen und zustim- mend zu zitieren. im staatlichen Bildungs- system Denkverbote durchsetzen und alles evolutionistische Denken aus den Curricula verbannen zu können.wie Neutestamentlern seit Mitte des 19. Evolution und die neue wissenschaftliche Gegenposition.

Diese Neo-Darwinisten wie John May- nard Smith und Richard Dawkins treiben den Ausbau ihrer Disziplin zu einer Universalwissenschaft voran. „Intelligent Design“. haben Wissenschaftler auch das Freiheitsrecht. Und wenn zugleich die Freiheit von Forschung und Lehre rechtlich garantiert ist. Genau dies passiert seit den frühen 1980er Jahren in Reaktion auf die neue „creation science“. die auch alle geistigen. die fatal an hoch ideologische Weltanschauungsfehden um 1900 erinnert. fördert das Rechtssystem immer schon religiöse Vielfalt: Nun darf jeder für seinen Glauben werben. Prominente Evolutionsforscher in den USA und in Großbritannien gehen zum ideenpolitischen Gegenangriff über: Mit evolutionsbiologischen Konzepten könne nicht nur die Geschichte des Lebens. Johnson. 4. suchen diverse Neo-Kreationisten einzulösen. im Namen der Wissenschaft – so behaupten sie jedenfalls – oder um der Aufklärung willen seriöse Forschung in eine gewiss weniger seriöse „wissenschaftliche Weltanschauung“ zu über- führen. indem sie seit 1984 eine neue Form der „Verwissenschaftlichung“ von Schöpfungsdenken entwickeln. Als „secular humanists“ erzeugen diese Neo-Darwinisten in ihrem aggres- siven Kampf gegen allen „Gotteswahn“ (Dawkins) eine diskursive Konstellation. Der Begriff „Intelligent Design“ lässt sich erstmals 1847 – also vor Darwins . Dembski nun auf das Konzept des sog. sondern auch alle menschliche Kultur umfassend gedeutet werden. Michael Behe und William A. kulturellen Überlieferungen in evolutionsbiologischen Konzepten deuten können will und zudem notwendig religionskritisch und atheistisch sei. ungleich bessere Lebenswissenschaft als die von Darwin inspirierten normal science-Apologeten in verkommenen Uni- versitäten zu betreiben.10. Ist Religionsfreiheit institutio- nalisiert.Origins‘! – in einem Text der Zeitschrift Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:48 . Gegen die Neo-Darwinisten setzen Neo-Kreationisten wie Phillip E. Ernsthafte Wissenschaft kann in dieser Kampfstellung gegen Religion immer nur verlieren. Ihren Anspruch. Stephen C. Intelligent Design Die Binnenrationalität und je eigene Funktionslogik relativ autonomer gesellschaftlicher Subsysteme schließt vielfältige kommunikative Wech- selwirkungen zwischen ihnen nicht aus. Charles Thaxton. Kreationismus. Meyer. könne Gott als eine irra- tionale Illusion durchschauen. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 121 kann man auch die phantastische Suche nach Noahs Arche als Wissen- schaft ausgeben. Und wer Darwin verstanden habe.

niemals aber diese Ursachen als solche. ins Spiel zu bringen: Erkenntnis- kritisch gebildete Wissenschaftler könnten nur die Auswirkungen von intelligenten Ursachen erkunden. Die so gebildete Gegenöffentlichkeit wirbt seit Mitte der 1990er Jahre dafür. dass sich bestimmte Entwicklungsschritte des Lebens und einige Eigenschaften des Univer- sums sehr viel besser durch einen intelligenten Urheber als durch Plan- losigkeit. Zufall. ohne in den „wissenschaftlichen“ Texten jemals explizit den göttlichen De- signer als Wirkursache.122 Friedrich Wilhelm Graf Scientific American nachweisen und wurde seit dem ausgehenden 19. von Phillip E. beschränkt man sich auf Nachweise von Design-Strukturen. Johnson 1991 publiziert. Aber genau dies tun sie nicht. Forschungspreisen und Anträgen auf Drittmittelforschung. Das Buch des Chemikers Charles B. natürliche Selektion erklären ließen. die zugleich den Vorzug habe. Gutachtergre- mien. Die Neo-Kreationisten greifen ihn in den 1980er Jahren auf. alter religiöser Wahrheit zu ent- sprechen. Überschüsse und überhaupt eine so außerordentliche nichtreduzierbare Komplexität beobachten. nun auf Proteinfunk- tionen. um ihre These zu bündeln. Jahrhundert immer wieder von Vertretern einer theistischen Evolu- tion in Anspruch genommen. erschienen 1984 – oder Darwin on Trial. Thaxton The Mystery of Life’s Origin – schnell popularisiert als MoLO. unter ihnen viele Chemiker. für die sie peer review-Verfahren einrichten: Sie wollen in dem von ihnen mitgegründeten „Discovery Institute“ und speziell seinem „Center for Science and Culture“ nicht Gott verkünden oder religiös missionieren. aber auch in zahlreichen anderen Ländern sehr hohe Auflagen. Blutgerinnung und Bakteriengeißeln. Strukturmuster. jedenfalls nicht in ihren „wissenschaftlichen“ Büchern und eigenen Journals. Um die Präsenz im Bil- dungssystem zu verstärken. sondern eine intelligentere Wissenschaft be- treiben.15 13:48 . prima causa. Die Neo-Kreationisten nennen dies selbst Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. erreichen auf dem Buchmarkt der USA.10. Fachzeitschriften. dass allein überlegene Intelligenz als Wirkursache in Frage komme. von der Grundschule bis in die Universitäten hinein. mit großen internationalen Gelehrtenkongressen. Auch ahmt man den modernen Wissenschaftszirkus nach. neben Evolution nun auch Intelligent Design in staatlichen Schulen und Universitäten zu lehren. Hatten Kreationisten einst das Auge oder die Schönheit der Pfauenfedern gegen natürliche Selektion und Mutation ins Feld geführt. In Fortschreibung der alten physikotheologischen Überlieferungen scheinen die ID-Kreationisten von der Ordnung des Geschaffenen auf den Schöpfer zurückschließen zu wollen. so stützen sich die ID-Kreationisten. In der durch fortwährende Evolution geprägten Ordnung der Natur ließen sich Brüche.

und er und seine „Brights“ werden wissens- stolz erklären. dass die Auflage eines Schulbezirks. im Biologieunterricht sei ID als Alternative zur Evolution zu lehren. in der öffentlichen Schule davon keine Rede sein. sie wollen einen Keil in jene normal science-Akteure treiben. aber in vielen Einzelfragen heftig miteinander streiten. „Teach the Con- troversy“-Kampagne der Akteure im Umfeld des Discovery Institutes erfolgreich. dass Evolution nur eine Hypothese und wissen- schaftlich höchst umstritten sei. Selten dürfte sich ein prominenter Naturwissenschaftler mehr geirrt haben. der Lehrer müsse darauf hinweisen. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 123 „wedge strategy“. Trotz dieser Niederlage gebieten inzwischen Tausende curricularer Ordnungen auf der Ebene von Schulbezirken in den USA. Die kreationistische Internationale Im Jahr 2000 erklärt der in Harvard lehrende bekannte Paläontologe Stephen Jay Gould bei einem Vortrag vor Lehrern in New England. dass Evolutionsdenken notwendig und in allen von den Fachwissenschaftlern diskutierten Varianten atheistisch sei. dass Evolutionsdenken im Biologieunterricht allein kritisch gelehrt werden dürfe. Kreationismus. doch 2005 urteilt der Richter eines Bundesgerichts. weil diese nur eine genuin amerikanische Ideologie sei. indigenous American bizarrity“ (s. In zahlreichen von ihnen an- gestrengten Verfahren suchen sie vor Gericht durchzusetzen.10. Höchst geschickt nutzen die Kreationisten wissenschaftsinterne Kontroversen. Associated Press. um Teile von Evolutionskonzepten für ihre eigenen Deutungsinteressen zu instrumentalisieren. den Establishment Clause des ersten Verfassungszusatzes verletze. dass Atheismus selbst nur eine religiöse Weltanschauung. Erneut kommt es zu diversen Prozessen. nach dem First Amendment.15 13:48 . Seit den 1970er Jahren und verstärkt seit den 1990er Jahren lässt sich weltweit eine schnelle und zunehmend beschleunigte kreationisti- sche Ideenzirkulation über die Grenzen von Konfessionen und Reli- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. May 6. die scientific community habe von der creation science nur wenig zu be- fürchten. 2000). au- ßerhalb der USA ohne Chance auf Rezeption und Wirkung: „[T]his is a local. 5. die Evolutionsdenken unterstützen. Insoweit war die sog. Dann darf. Derzeit setzen die ID-Kreationisten ihren alten Kampf mit immer neuen juristischen Strategien fort. Die bildungspolitischen Folgen kann man sich leicht ausmalen: Schon bald werden neo-kreationistische Anwälte Richard Dawkins in den Zeugenstand berufen. selbst bloß Religion sei.

Dennoch überrascht die Intensität und Geschwindigkeit. Scientific Creationism wird nicht nur von zumeist ökumenischen. also überkonfessionellen. durch eine religiös-moralische „Wende“ erfolgreichen Türkei beide Modelle „fairly“. Gesundheit und Wohlstand prämierenden Frömmigkeit. der grenzüberschreitende Austausch von heiligen Vorstellungen und Symboltransfer gehören zu den Kon- stanten der Religionsgeschichte. dreißig Jahren durchgesetzt haben. „evolution-only teaching“ der von korrupten Militäreliten beherrschten alten Türkei wolle man in einer neuen. in einer protestan- tischen „health and wealth“. besonders erfolgreich in Kanada. Mitte der 1980er Jahre erreicht das „Institute for Creation Research“ überraschend die Bitte des türkischen Erziehungsministers. Die gut be- zahlten Kreationsexperten aus den USA lassen nun ihre Lehrbücher ins Türkische übersetzen. Australien. fügen statt der Bezüge auf die Bibel jedoch Belege aus den Schöpfungssuren des Korans ein – eine religionspolitisch fol- genreiche Operation. sondern zunehmend auch in ökonomisch wie politisch sich modernisierenden islamisch dominierten Gesellschaf- ten. Auch gibt es in der Türkei und in anderen dominant muslimischen Gesellschaften inzwischen eine ganze Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10. propagiert. mit der sich unter den neuen Bedingungen religiöser Globalisierung kreationistische Weltbilder in den letzten zwanzig. Südkorea und auch Großbritannien. wo Angehörige der technischen Intelligenz. Keine relevante Religionsgemeinschaft. und theologischer Ideenraub. Organisationen in vielen christlich geprägten Län- dern. gleichgewichtig lehren: Evolution und Kreation.15 13:48 . mu- slimischen Curricula werden inzwischen in den Golf-Staaten sowie in Marokko und Tunesien rezipiert. eines aufstiegsorientierten Mit- telstandes die römisch-katholische Kirche verlassen und in protestantische Pfingstkirchen übergehen. die sich auf kreationistische Weltbilder stützt. Schnell an Einfluss gewinnen christliche scientific creationists in Lateinamerika. Solche Grenzen waren schon immer hy- bride.000 Konvertiten pro Jahr – fortschreibt. insbesondere in Brasilien. in der derzeit nicht Kreationisten um die Meinungsführerschaft kämpfen. Ich kann ob der knappen Zeit nur einige wenige Beispiele nennen. wird Brasilien – 1980 noch ein Land mit 90 % Katholiken! – schon im Jahre 2022 eine mehrheitlich protestantische Gesellschaft sein: statt Samba und Karneval in Rio dann viel „innerweltliche Askese“. sein Land bei der Reform von Lehrplänen für den Biologieunterricht zu unterstützen. wenn man die Konversionsraten der letzten zwanzig Jahre – zumeist 600. gerade auch im Internet.124 Friedrich Wilhelm Graf gionen hinweg beobachten. des Wirtschaftsbürgertums. Denn diese vermeintlich genuin türkischen. Statt des rein säkularen.

aber auch verdichteter Austausch über die überkommenen Grenzen von Konfession und Religion hinweg. die Wissenschafts.10. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in denen gerade avantgardistische Neu-Konservative nach 1989 Kreationismen rezipierten. die Barelvis. führe in blanken Materialismus und ende im Kommunismus. wenn wir „die auf- geklärte Religion und ihre Fragen“ verstehen wollen. Herald Tribune hat im November 2011 berichtet. In Westeuropa lassen sich antievolutionistische Konflikte verstärkt im Bil- dungssystem beobachten. Oxford und Cambridge demonstrativ Lehrveranstaltungen. die erhofften sozialen Aufstieg primär über Bildung zu errei- chen versuchen. extrem erfolgreiche Verkäufer scharia-konformer Finanzprodukte. und wie bei den Orthoxen Kirchen im einstigen sowjetischen Herrschafts- bereich.15 13:48 . in de- nen evolutionsbiologische Erkenntnisse vermittelt würden. Denn zu diesen Fragen gehören nicht nur vielfältige Spannungen zwischen Religion und Wissenschaft. In Großbritannien verbreiten neben funda- mentalistischen Christen aus Indien kommende Hindus und aus Pakistan sowie Bangladesh kommende muslimische Reformbewegungen. Die indischen Hindu-Kreationisten sind smarte junge Banker aus der City. dass Karl Marx sein Hauptwerk Das Kapital Darwin habe widmen wollen und Friedrich Engels seinen großen Freund Karl in der Grabrede den „Darwin der Gesellschaftswissenschaft“ genannt habe. kreationistische Ideen. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 125 Reihe von überaus finanzkräftigen kreationistischen Forschungsinstitu- ten und Organisationen. junge muslimische Medizinstudenten beiderlei Geschlechts verließen in Lon- don. sondern die reli- giösen wie bildungspolitischen Ideenkämpfe in weltanschaulich pluralen Gesellschaften verdienen unsere Aufmerksamkeit. sondern auch neue interne Pluralisierungsprozesse in vielen Religionsgemeinschaften. dient antievolutionistisches Denken nun auch der Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Der Darwinismus verneine die Existenz Allahs. und lehnten die Teilnahme an einschlägigen Klausuren ab. Hatte sich die Türkische Akademie der Wissenschaften zunächst noch gegen den Neo-Kreationismus in den Schulen gewandt. Ein besonders wichtiger Text stammt von Hârun Yaha: The Evolution Deceit: The Collapse of Darwinism and Its Ideological Background (1999). so regt sich in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit inzwischen kaum noch Protest. Nicht der seit Samuel Huntington viel beschworene „clash of civilizations“. Kreationismus. unterminiere alle sozialintegrativen moralischen Werte. die Deobandis und ihre Gegner.und Bildungspolitik zu machen suchen – etwa die in Durban residierende Ansaar Foundation. es sei kein Zufall. Erneut geht es um Sozialmoral und Ordnung des Gemeinwesens. die Deobandis hingegen sozial Deklassierte und wirtschaftlich Margi- nalisierte.

Glaubten 1982 44 % aller Ameri- kaner. Gebildetere deutlich stärker als Amerikaner ohne College-Abschluss. dass 13 % aller Biologielehrer die Ansicht vertreten. Seit nun vierzig Jahren lassen die bei sozialwissenschaftlichen Umfragen er- hobenen Daten eine bemerkenswert stabile Zustimmung zu Kurzzeit- wie Langzeitkreationismus erkennen. mindestens 25 % im Biologieunterricht aus- schließlich Kreationismus-Konzepte vermitteln und es eine signifikante Mehrheit für „balanced treatment“. Weitere 38 % glauben. Dabei schrieb er die Tradition seiner Kirche fort. dass sich das Ganze welthafter Wirklichkeit einem „schöpferi- schen Akt Gottes“. „Kreatianismus“ – römisch-katholisches „a“ statt protestantisch-evan- gelikales „o“.000 Jahren erschaffen habe. Schon der Tü- binger Dogmatikprofessor Joseph Ratzinger hatte sich immer wieder zum Verhältnis von darwinistisch inspirierter Evolutionslehre und alter christlicher Lehre von der besonderen Erschaffung des Menschen ge- äußert. Ent- scheidend ist: Im Wissenschaftssystem organisierte Gegenbewegungen haben nur wenig bewirkt. 6.10. man könne exzellenten Biologieunterricht ohne jede Bezugnahme auf Evolution halten.126 Friedrich Wilhelm Graf Die Globalisierung der ursprünglich US-amerikanischen Kreatio- nismen hat vielfältige Rückwirkungen auf die kreationistisch geprägten Glaubensmilieus in den USA. 16 % der Lehrer sich als Kurzzeit- kreationisten verstehen. dass Gott den Menschen in seiner jetzigen Form vor ca. Der römisch-katholische „Notstand“ in der Schöpfungskatechese Wer die Wanderwege kreationistischer Ideen nachzeichnet. Korrekte katholische Lehre sagt: Gott habe jedem ein- zelnen Menschen unmittelbar die Seele eingehaucht. Selbst das „National Center for Science Education“. Man fühlt sich bestätigt und gestärkt. den sog. 10. musste 2010 einräumen. Nur 16 % vertreten eine dominant säkulare Sicht der Evolution. aber Gott selbst diesen Prozess geleitet habe. gelangt spätestens in den 1980er Jahren auch in die bayerische Landeshauptstadt. dem vernünftigen Willen eines göttlichen Geistwe- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:48 . beauftragt mit „defending the teaching of evolution in public schools“. Gleichbehandlung gibt. dass der Mensch über Millionen von Jahren evolutiv entstanden sei. Republikaner sind bei Kurzzeitkreationisten stärker vertreten als Demokraten. so sind es im Dezember 2010 laut Gallup gut 40 %. genauer: ins Münchner katholische Gelehrtenmilieu. Zugleich wird gelehrt.

ein Professor der Technischen Uni- versität München. Im März 2009.10. das der Münchner protestantische ID-Kreationist Siegfried Scherer. Noch im selben Jahr erreicht ihn aus München ein teleologisches Beratungsangebot. als sich der Präfekt der Glaubens- kongregation im November 1999 in der Sorbonne positiv auf das „kri- tische Lehrbuch“ der Evolution berief. in dem er aus einer „overwhelming evid- ence for purpose and design found in modern science“ auf einen gött- lichen Designer zurückschließt. Dabei kann man an ehrwürdige. intellektuell anspruchsvolle Traditionen der neueren römisch-katholi- schen Theologie anschließen. Kreationismus. Gastgeber ist die Glaubenskongregation unter ihrem damaligen Präfekten Ratzinger. sein Lieblingsschüler aus Re- gensburger Zeiten. Robert Spaemann. 1985. schreibt Christoph Schönborn. Sehr früh schon beklagte Joseph Ratzinger „die Defizite an Schöpfungslehre in weiten Bereichen der neueren Theolo- gie“. mit archäologischer Feld- forschung „Glaubenstatsachen“ belegen zu können. will man durch einen neuen Begriff der Teleologie einen theistischen Evolutionismus stärken. inzwischen Erzbischof von Wien. und seine Schüler veranstalten in Rom ein Symposium zum Thema „Evo- lutionismus und Christentum“. „Als Erzbischof von München hat Kardinal Ratzinger deshalb dem Thema Schöpfung in seiner Verkündigung einen vorrangigen Platz ge- geben“. Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität. genau 150 Jahre nach dem Erscheinen von Darwins Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. denen man zurecht philosophische Unbildung vorwirft.15 13:48 . gemeinsam mit Reinhard Junker veröffentlicht hatte. Christoph Kardinal Schönborn veröffentlicht im Juli 2005 in der New York Times einen Text über „Finding Design in Nature“. insbesondere wegen ihres naiven Biblizismus und ihres abenteuerlichen Faktenglaubens. In Kritik der Neo-Darwi- nisten um Dawkins. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 127 sens oder logos verdanke. Schönborn erklärt die Einsicht in eine „reality of design in nature“ zum „perennial teaching“ seiner römisch- katholischen Kirche. erklärt Joseph Kardinal Ratzinger. Andere Schöpfungsdenker in Rom setzten dem- gegenüber auf Abgrenzung vom protestantisch-evangelikalen Diskurs. nun Präfekt der Glaubenskongregation in Rom. es sei ihm „von meiner neuen Aufgabe her der Notstand des Schöpfungsthemas in der heutigen Verkündigung noch deutlicher geworden“. Immer wieder hatten sich römisches Lehramt und prominente ka- tholische Universitätstheologen von den diversen protestantischen Kreationisten abgegrenzt. Desto überraschter waren die theologischen Experten. Seitdem lässt sich im engsten Umfeld Joseph Ratzingers ein starkes In- teresse an Intelligent Design beobachten.

veranstaltet die Gregoriana. Wie lassen sich die großen Erfolge kreationistischer Weltbild- produktion erklären? Worin liegt die spezifische Faszinationskraft kreationistischer Ideen? Was sind die wichtigsten Trägergruppen? Mir ist bewusst. Troeltsch und Tillich beeinflussten und hier nun versammelten älteren wie jüngeren protestantischen Theologen. die biblischen Schöpfungsmythen auch im Biologieunterricht zu behandeln. dass viele der von mir skizzierten krea- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Castel Gandolfo wird zu einem Labora- torium für neue Kreationsideen gemacht.128 Friedrich Wilhelm Graf Origins. Aber das Irrationale des religiösen Bewusstseins hat eine eigene Rationalität. alte Vorstellungen vom welterschaffenden göttlichen logos in den Sprachspielen von Intelligent Design zu reformulieren – vielleicht auch deshalb. das Erzählte zu be- greifen. also höchst in- terpretationsoffen ist. eine große internationale Konferenz „Biological Evolution. Ihn verbindet religionspolitisch und im theologischen Ideenhaushalt nur sehr wenig mit den protestan- tisch-evangelikalen Neo-Kreationisten in den USA. ist kein Kreationist im engeren Sinne des Begriffs. Aber einige seiner engsten Schüler und Vertrauten suchen ihn derzeit davon zu überzeugen. naiv. weil der Design-Begriff äußerst vage. Benedikt XVI. verbindet sich das bisweilen obsessive Interesse an theistischer Überfor- mung von Evolution mit der Bereitschaft. finanziell unterstützt von der Templeton Foundation. ignorant oder einfach phantastisch halten. Facts and Theories“. unscharf. Robert Spaemann. Intelligent Design zu rezi- pieren. um Intelligent Design abzuwehren. sektiere- risch. die päpstliche Universität. Erster Versuch einer religionsanalytischen Deutung Viele weitere Geschichten moderner kreationistischer Glaubensbe- schwörung ließen sich erzählen. Doch im Kreis der akademischen Ratzinger- Schüler. redet hier im Beisein Benedikts über „Deszendenz und Intelligent Design“.10. Aber nun gilt es. obskurant. Und wir sollten als unseren mehr oder minder liberalen Helden verpflichtete akademische Theologen niemals vergessen. dass die große Mehrheit europäischer Wissenschaftler.15 13:48 . der in ei- nem im August 2007 geführten Interview die Forderung der hessischen Kultusministerin Wolff unterstützt. die sich einmal im Jahr mit ihm in Castel Gandolfo treffen. kreationistische Ideen für skurril. 2006 trifft sich der Kreis der einstigen Ratzinger-Doktoranden mit dem nun zum Papst gewählten Lehrer zu einer Tagung über „Schöpfung und Evolution“. wohl auch die meisten von Schleiermacher.

die sich selbst genuin religiösen. Pluralistische Vielfalt der Lebensentwürfe und Weltdeutungen verunsichert und wirkt relativierend. Kreationistische Weltbilder er- zeugen demgegenüber klare Verhältnisse. gemacht. fortwährend bedroht von Legitimitätsschwund und Vertrau- enserosion. herzlos und sinnleer er- littene Moderne Sinnwärme zurück. weil sie eine Wiederverzauberung der Welt befördern. dunkel. sondern in „neue Unübersichtlichkeit“ ( Jürgen Habermas) und den Dauerstreit der sog. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 129 tionistischen Ideen auch in Gruppen des deutschen kirchlichen Protes- tantismus kommuniziert werden.15 13:48 . unerschütterlichen. Sie bringen in eine als kalt. produziert. Das ist für all jene attraktiv. anonym. Kreationismus. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Kreationistische Ideen essenti- alisieren Kontingenzen und Konstrukte zu notwendig Gegebenem. Fünf Deutungselemente seien vorläufig und mit dem Eingeständnis bleibender Ratlosigkeit genannt: a) Die Wiederverzauberung der Welt Max Weber hat in seinen faszinierenden religionsanalytischen Texten moderne szientifische Aufklärung und Rationalisierung als „Entzaube- rung der Welt“ bezeichnet. relativistisch. „Experten“. Sie sind darin bleibend prekär und brüchig. weil absoluten Grund und politische Insti- tutionen ein tragendes Sinnfundament. weil Magie durch Askese ablösenden protestantischen Impulsen verdankt. Kreationistische Weltbilder gewinnen Faszinations- kraft. die unter Vieldeutigkeit leiden und die historische Verflüssigung von Normen nicht zu ertragen vermögen. In Schöpfungssprachen hingegen kann das Gemachte als nicht-gemacht. Hier gewinnen Wertideen einen ganz festen. Wissenschaft führt oft nicht in bessere Er- kenntnis. zweifelsresistente Orientierung. eine „Entzauberung“ freilich. b) Gemacht als nicht-gemacht Schöpfungssprachen eignet eine spezifische Logizität. Alle Bestände unserer Kultur und gerade auch politische Institutionen sind von uns entworfen.10. als immer schon gegeben imaginiert werden. Genau darin liegt ihre Faszinationskraft in einer pluralistischen Moderne. ungemütlich. etwa im idea-Protestantismus. neue Eindeutigkeit und stabile.

e) Weltanschauungsbranding In aller Regel sind es nicht Kirchenfunktionäre oder Kleriker mit einem kirchlichen Verkündigungsauftrag.10. sondern auch von native americans. ist inzwischen eine mächtige religionskulturelle Bewegung. Diesen Minderheiten dient Kreationismus dazu. h. stiften die kreationistischen Religionsintellektuellen neues Vertrauen. die schreibend und redend kreationistische Weltbilder propagieren. organisationssoziologisch gesehen höchst modern. Wo Menschen Angst haben und Sorge. d) Identitätsstiftung Auf dem nordamerikanischen Religionsmarkt wurden kreationistische Ideen nicht nur von weißen evangelikalen Protestanten. besser und ganz anders als die vielen anderen zu sein. sich in Unmittelbarkeit zu Gott zu sehen. charismatischsten jüdischen Religionsintellektuellen des 20. Da Vertrauen in kom- plexen Gesellschaften unseres Typs ein äußerst knappes Gut ist. Die Vordenker der diversen Kreationismen sind Verunsicherungsprofiteure und agieren als Gewiss- heitsexperten. sondern freie religiöse Akteure ohne jedes offizielle Mandat. indem man ihn zum göttlichen Mandat erklärt. verkündet. wird religiöse Vertrauensbildung. den Ureinwohnern. haben höchst effizient internationale und re- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wie es denn weitergeht. Was zu Beginn sektiererisch war. Kreationisten können sich auf überaus finanz- starke Stiftungen stützen. Hier wird durch Schöpfungsmythos die starke Identität kleiner Gesinnungsgemeinschaften sakralisiert und der eigene Durchsetzungs- wille gestärkt. den elitären An- spruch zu erheben. indem sie die Verlässlichkeit einer in Gottes Schöpferwillen selbst gründenden Ordnung der Welt preisen. Jahrhunderts. dem wohl er- folgreichsten.15 13:48 . d. die Generierung von Gottvertrauen für viele Akteure überlebenswichtig.130 Friedrich Wilhelm Graf c) Krisenkompensation Vor allem in Zeiten der Krise oder eines als krisenhaft erlittenen schnellen Wandels bieten sich den Produzenten kreationistischer Weltbilder Chancen auf erhöhte Aufmerksamkeit. den schwarzen muslimischen Brüdern um Malcolm X und dem Lubawitscher Rebbe. eben von Gott direkt geschaffen und genau so gewollt wie man ist oder sein will.

000 Amerikaner be- teiligten – werden wohl nur wenig bewirken. trotz aller entschieden antipluralistischen Mo- derne-Kritik. dass die Siegeszüge eines globalen Kreationismus die Freiheit der Forschung bedrohen? Die ap- pellativen Texte. wirkt nur religions- produktiv und provoziert jenen Köhlerglauben. keine kalte Funktionsratio- nalität ohne kompensatorische Wertrationalität. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 131 ligionsübergreifende Netzwerke geknüpft und verfügen über eigene Kommunikationsmedien. Desto mehr hat die Wissenschaft Anlass. Die mythopoietische Einbildungskraft des religiösen Bewusstseins.10. h. Die Kreationismen des 19. Eine Wissenschaft. eine höchst moderne religiöse Bewegung.15 13:48 . und 20. Jahrhunderts waren und sind Reaktionsphänomene. aus Erkennen Sinnstiftung und besseren Glauben zu machen. Auch haben Kreationisten erfolgreich einen eigenen Markt für schöpfungsbezogene Produkte und Dienstleistungen etabliert. Deshalb: Die wichtigste Antwort der Wissenschaften auf die Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Schlussbetrachtung Wie kann kritische Wissenschaft verhindern. wird man durch Be- schwörung von Vernunft nicht begrenzen können. ihre eigene Rationalität und das Verständnis von „wissenschaftlicher For- schung“ nachzudenken. auf Versuche. Gern inszenieren sie sich als ein grassroots movement gegen die herrschende (gern als korrupt verdäch- tigte) Religion und (als nicht minder verlogen geltende) offizielle Wis- senschaft. In all dem sind sie. die etwa diverse Wissenschaftsakademien veröffentlicht haben.und Fernsehsendern. von Zeitungen und Zeitschriften bis hin zu Radio. Keine kritische Aufklärung ohne gegenläufige Romantik. und ihren Sozialprotest äußern sie in immer neuen Kampa- gnen. das die ei- genen Narrative bald für heilige Fakten hält. vom Arche Noah-Rucksack mit allem Überlebenswichtigen bis hin zu Be- ratungsangeboten für alle Lebenskrisen. Bei Schleiermacher wie bei Troeltsch lässt sich lernen: Religion kann nur durch Religion über- wunden werden. an der sich knapp 40. die die hohe Mobilisierungsbereitschaft ihrer Anhänger erkennen lässt. oder die antikreationistische Lobbyarbeit von Science Debate – einer Unterschriftenaktion. unter dem sie dann leidet. Sie errichten große Schöpfungs-Museen mit nachgebauter Arche und Vergnügungsparks mit Dinosauriern vor der großen Flut. seine Nähe zu einem phantastischen Erzählen. religiöse Antworten auf die Verweltanschaulichung bestimmter Naturwissenschaften. die sich als Weltanschauung versteht. Kreationismus. kritisch über ihr Projekt der „Aufklärung“. d.

Wer die Mülltrennung im Drei-Tonnen-System fordert. die eine Vielfalt der Epistemologien. sich die eigene ideologische Verführbarkeit präsent zu halten. Auch die ganz Säkularen. und 20. sondern auch in Deutschland wird im politischen Diskurs von allen möglichen Akteuren fortwährend von Kreationssemantik Gebrauch gemacht. Forschungslogiken und Methoden anzuerkennen erlauben. das kann nur Religion. etwa den USA. also Wissenschaftsgeschichtsforschung: In- dem Wissenschaftsgeschichtsschreibung die hohe Ideologisierbarkeit aller wissenschaftlichen bzw.132 Friedrich Wilhelm Graf Kreationismen ist die erkenntnistheoretisch informierte Selbstbegren- zung der Forschungspraxis. das sich erst in der subjektiven Konstruktion durch den Historiker zu einer narrativen Einheit formt. disziplinären Diskurse im 19. Statt totalisierender Entwürfe sind die Akzeptanz von Perspektivität und die Arbeit am Kleinen zu befördern. Die in meinen Augen wichtigste kognitive Strategie zur Selbstbegrenzung szientifischer Rationalität ist die radikale Selbsthistorisierung. Jahrhun- dert transparent macht. Nicht nur in vergangenen Zeiten oder in anderen Ländern. es übersteigt die Grenzen unserer Vernunft.und Tillich-Jünger noch sehr viel mehr von ihren Helden lernen als sie es bisher getan haben. Aber Selbstbe- grenzung der szientifischen Vernunft lässt sich selbstverständlich auch ganz anders denken: Vor allem über eine transzendentalphilosophische Reflexion auf die Bedingungen der nicht immer nur reinen wissen- schaftlichen Vernunft.“ (Adolf von Harnack) Begriffene Selbstbegrenzung bedeutet zunächst die wissenschaftsin- terne Kritik an totalisierenden Theorien. Selbstbegrenzung der Wissenschaft bedeutet die kognitive Akzeptanz der funktionalen Differenzierung von Wissen- schaft und Religion: „Wissenschaft kann nicht Sinn stiften. Hier könnten gerade Troeltsch. also an allen mehr oder minder metaphysischen Entwürfen einer Einheits. gerade auch den konfessionellen Theologien. Skeptischen im Wissen- schaftssystem sind immer schon in Schöpfungsgeschichten verstrickt. Speziell für die Geistes- und Kulturwissenschaften bedeutet dies: Sie müssen Wissenschafts.15 13:48 . be- müht gern – theologisch nur gedankenlos – die Trinititätslehre und beschwört – von den Grünen bis hin zu ganz wertkonservativen Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10. Auch tut allen Wissenschaften.und Ideengeschichte primär als Problemgeschichte konzipieren und dabei Geschichte als ein heterogenes Kontinuum konzipieren. mehr Rezeption wissenssoziologischer Theoriebildung gut. bietet sie immer auch die Chance. geschlossenen Begriff bringen will – das können wir nicht. Religionsfernen.und Universalwissenschaft. Geboten sind stattdessen kritizistisch inspirierte Erkenntnis- theorien. die die Welt und das Leben auf einen einheitlichen.

haben zahlreiche Beteiligte die viel und inzwischen inflationär beschworene Menschenwürde auch in Schöpfungssprache zu verankern versucht. die bisweilen die Differenz von „Menschenwürde“ und „Menschen- rechten“ eskamotieren. allen voran der imago Dei-Überliefe- rungen. speziell in den alten Vorstel- lungen vom Menschen als höchstem Geschöpf und Ebenbild Gottes. behaupten: Weil Menschenwürde in einem emphatischen Sinne auf Unbedingtheitsdenken – etwa auf „Sakralisie- rung der Person“. Das heißt: Um einen zentralen.15 13:48 . Menschenwürde. das sich gewiss nicht in evolutionsbio- logischen Konzepten hinreichend ausbuchstabieren lässt. um die von ihnen behauptete Un- bedingtheit von Menschenwürde vorstellen zu können. die gerade in theologischer Begriffsbildung immer nahelagen. vom Streit um die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen bis hin zu den harten Debatten über die Präimplantationsdiagnostik (PID). Sie müssen die spezifi- sche Rationalität der Rede von Gottes guter Schöpfung entfalten kön- nen. Dazu in wenigen Schlusssätzen mein natürlich an den hier in Berlin verehrten Theoriehelden orientierter (insofern alles andere als origineller) Vorschlag: Um jene totalisierenden Tendenzen zu vermeiden. freiheitsgefährdender Gebrauch gemacht werden. die Theologien. ist Schöpfungsrefle- xion von jeder kosmologischen Spekulation zu entkoppeln. lässt sich in Begriffen Kants rational entfalten. um ihr Geltung zu verschaffen. sei auch der religiös-weltanschaulich neutrale Verfassungsstaat ein Stück weit auf Kreationssemantik angewiesen.10. Kreationismus. Allerdings vertreten nun in der Ge- genwart einige Theoretiker des Politischen die These. bedürfe es auch religiöser Symbolbestände und Ressourcen. ein (in meinen Augen aporetisches) Konzept Emil Durkheims. ein Konzept. So hoffen sie auf einen Mehrwert religiöser Sprache. Es geht in Schöpfungstheologie weder um irgendeine „theistische Evolution“ noch gar um Alternativen zur naturwissenschaftlichen Deutung der Entstehung und Entwicklung von Universum und Leben. die Grundnorm des Grundgesetzes zu entfalten. Diese Denker. Rational plausibel und zur Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Sechs Kapitel aus der Religionsgeschichte der Moderne 133 Christsozialen – die „Bewahrung der Schöpfung“. müssen die fürs religiöse Bewusstsein be- sonders zuständigen normativen Wissenschaften. in den Augen vieler: den wichtigsten Begriff. Soll von dieser Semantik kein unvernünftiger. Und in den biopoli- tischen Kontroversen der letzten Jahre. jetzt von Hans Joas (nicht minder aporetisch) reformuliert – hinauslaufe. dass eine rein rationale Explikation der Menschenwürde zu motivationsschwach sei. Schöpfung rational deuten und denken können. um eine starke Praxis der Durchsetzung von Menschenrechtsdenken anleiten zu können – selbst entschieden säkulare Denker.

eröffnet sie einen Erwartungshorizont von starker individueller Freiheit.134 Friedrich Wilhelm Graf Deutung unserer selbst hilfreich ist der Schöpfungsbegriff in genau dem Maße. Wir beanspruchen Freiheit und sind in Entscheidendem doch unfrei. um individuelle Existenz. Denn niemand hat sich selbst das Leben gegeben. die er selbst nicht zu garantieren vermag.10. am besten: reflexiv verhalten. christli- chen und auch muslimischen Schöpfungscredo: Indem die Rede von der Schöpfung einen Erfahrungsraum von „schlechthinniger Abhängigkeit“ (Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher) symbolisch erschließt. geht es im jüdischen. Genau darum. jede ist sich selbst immer schon als frei gegeben.15 13:48 . auf die paradoxe Konstitution des Menschen als eines endlichen Vernunftwesens bezogen wird. und jeder muss sich zu seinem Sichgegebensein irgendwie. sondern jeder. Jeder lebt aus Voraus- setzungen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in dem er subjektivitätstheoretisch entfaltet.

eine Dogmatik bzw.15 13:48 . oder eben. die in die freie Zuständigkeit der Individuen fällt. Die Religion wird zu einer Angelegenheit des Menschen. Wenn nun aber aufgeklärte Religion eine solche ist. Die aufgeklärte Religion ist entkonfessionalisierte und entdogmatisierte Religion. was sie un- bedingt angeht. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion Wilhelm Gräb Die aufgeklärte Religion. Es soll in einem ersten Teil darum gehen. Sie macht keine Vor- schriften. das ist dasjenige. die ihrerseits die Autonomie des religiösen Bewusstseins anerkennt und die freie persönliche Überzeugungsgewissheit auch in den letzten Dingen achtet. Theologie. Was aber macht sie dann. wie die Aufgabe der Theologie zu stehen kommt. setzt auf die Autonomie des re- ligiösen Bewusstseins. wie Spalding das gesagt hat. des Näheren aus der Dogmatik bzw. Sie leistet darauf Verzicht. was als kirch- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wenn diese sich nachgängig zur gelebten Religion be- greift. woran sie ihr Herz hängen. Das wäre eine aufgeklärte Dogmatik. Zeigen will ich. die sich in einem selbständig urtei- lenden Verhältnis dann auch zur kirchlichen Lehre wissen. wie freilich schon Luther im Großen Katechismus wusste. noch genauer der kirchlichen Lehre? Die aufgeklärte Religion muss sich doch wohl mit einer aufgeklärten Dogmatik bzw. sie die religionsproduktive Autonomie der Individuen anerkennt. was zu glauben und wie zu leben ist. wie dann Tillich formulierte. den religiösen Glauben der Individuen normieren zu wollen. Tro- eltsch und Tillich deutlich zu machen. die überlieferten Symbolbestände des Christentums und das. Sie lebt von der persönlichen Über- zeugungsgewissheit der Individuen. an Schleiermacher. was wird dann aus der Theologie bzw. über das. dass die Dogmatik damit vor der Aufgabe steht. die liberale Theologie? Dieser Frage will ich in meinem Vortrag nachgehen. wozu braucht die aufgeklärte Religion die aufgeklärte Dogmatik bzw. woraufhin sie sich letzt- hinsichtlich selbst verstehen. Diese respektiert die gelebte Religion der Menschen. so hat Ulrich Barth gestern in der Zusam- menfassung seines Vortrags festgestellt. Theologie verbinden.10. Die Religion der Menschen.

auf die letzten Fragen Antwortende erkennen. Fortführung und Neubildung religiöser Symbole in den außerkirchlichen Bereichen der Gegenwartskultur. dass sie die Chance hat. In der modernen Kultur. an die Gegenwart des religiösen Bewusstseins auf eine ebenso kritische wie konstruktive Weise an- schlussfähig zu halten.15 13:48 . politischen und kulturellen Lebens unbe- dingt Angehende. in der die christliche Botschaft. versteht die christliche Botschaft nicht mehr so weiterzusagen. Sie versucht. so Tillich. Die aufgeklärte Dogmatik bzw. die gesellschaftlich anstehen. in der die Botschaft der Kirche ihre religiös sinnbildende Kraft weitgehend eingebüßt hatte. reflektiert eine aufgeklärte Dogmatik auf eine gesellschaftliche Situation.138 Wilhelm Gräb liche Lehre Anspruch auf Geltung erhebt. Die existentiell-religiösen Herausforderungen. Das ist es. was ich im zweiten Abschnitt meines Vortrages zeigen werde.und Kulturhermeneutik. Aufgeklärte Dogmatik Mit Schleiermacher beginnend. Sie leitet an zu einem professionellen. in der wir es mit einer autonom gewordenen Religion zu tun haben. so Tillich. den Zeitgenossen nicht mehr verständlich ist. dem auf freie Einsicht und persön- liche Überzeugungsgewissheit ausgehenden Subjekt als religiös sinnge- bend einleuchten zu können. Sie wird zur Reli- gions. die neu sich bildenden religiösen Be- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. eingebunden in die überlieferte Form der kirchlichen Lehre von Sünde und Gnade. die li- berale Theologie will aber schließlich nicht nur die Überlieferung ans gegenwärtige Bewusstsein anpassen. Damit übernimmt sie zugleich eine kriti- sche Steuerungsfunktion. dass die Menschen in ihr das sie heute in den komplexen Verhältnissen ihres sozialen. Für Tillich insbesondere stellte sich in den 20er Jahren des 20. Die Kirche.10. Jahrhunderts die religiöse Lage als eine solche dar. gesteigert dann bei Troeltsch und Tillich. Sie reflektiert darüber hinaus die Aufnahme. ist es aber auch zu einer ungeheuer schwierigen Aufgabe geworden. dem gegenwärtigen Bewusstsein zugänglichen Umgang mit den religiösen Gehalten der christlichen Überlieferung. werden eher von politischen oder kulturellen Bewegungen als von der durch die Kirche verwalteten traditionellen Religionskultur aufgenommen. die alles und jedes mit der Kraft des Unbedingten besetzen kann.und Bil- dungsprozesse. Das will ich im dritten Abschnitt meines Vortrags zeigen. sondern für institutionalisierte religiöse Kommunikations. 1. nicht für die gelebte Religion der Individuen. die überlieferte kirchliche Lehre so darzulegen.

historische Denken 1 Friedrich Schleiermacher. Bd. dass diese Dogmatik a) Einverständnis auch über die gegenwärtig geltende kirchliche Lehre herstellen kann und b) diese kirchliche Lehre sich ohne größere Schwierigkeiten in Übereinstimmung mit dem ge- genwärtigen religiösen Bewusstsein bringen lässt. Reflexion auf Selbstauslegung des christlich-from- men Selbstbewusstseins.1. nicht mehr in der Position einer normativen Kontrolle oder Steuerung der gelebten Religion. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dafür zu sorgen. Die Theologie bzw. Troeltsch machte geltend. So freilich hatte allerdings Schleiermacher die Dogmatik bzw. Eine solche Übersetzung der traditionellen Begriffe kirchlicher Lehre hinein in eine religiös sinnstiftende Deutung gegenwärtigen Lebens sahen dann Troeltsch und erst recht Tillich noch vor sehr viel größere Probleme gestellt. Erläu- terungen und Register versehen v. Theologie als Glaubenslehre ist für Schleiermacher kritische Reflexion auf die im gesellschaftlich-kulturellen Gegenwartshorizont sich vollziehenden Symbolisierungsleistungen der gelebten Religion. die Menschen über ihr religiöses Gefühl zu verständigen. dass sie sich dann auch symbolsprachlich zu ihrem eigenen religiösen Gefühl verhalten können. zugleich darauf vertrauen und dann zeigen zu können. gleich der Dogmengeschichte anheimgegeben. von denen er meinte. Nun meinte Schleiermacher noch. in den Appendix seiner Glaubenslehre verwiesen bzw. hier: § 15 Leitsatz. Aufgrund der zweiten Auflage und kritischer Prüfung des Textes neu hg. Die Theologie. zur Reflexion auf die in die kulturellen Lebensvollzüge eingelassenen und sich in der Kultur als Le- benswelt selbst vollziehenden Prozesse religiöser Selbstauslegung und religiöser Sinnbildung.15 13:48 .10. die Dogmatik muss sich überhaupt anders begreifen. Martin Redeker. erhebliche Umstellungen hinsichtlich ihrer Anordnung vorgenommen und Lehr- stücke. Berlin 1960. insbesondere in Gestalt der Dogmatik muss vielmehr zu einer kritisch hermeneutischen Operation werden. dass sie sich in keine Entsprechung zu einer religiös begründeten Interpretation gegenwärtiger Erfahrung bringen lassen. Er hat aber auch bereits die traditionellen kirchlichen Lehrbegriffe neu interpretiert. Glaubenslehre bereits verstanden.1 Aufgabe der Glaubenslehre wie dann auch der kirchlichen Verkündigung ist es. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 139 wegungen und die in die verschiedenen Kultursphären sich verlagernden Prozesse religiöser Sinnbildung in die Großkirchen integrieren oder gar durch Theologie steuern zu wollen. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Der christliche Glaube. und mit Einleitung. dass das moderne.

Art. Das wie- derum bedeutete für Troeltsch. „Dogmatik“. gar nicht mehr die Aufgabe der Theologie sein. Wissenschaft und Kultur. 4 Ebd. muss sich das vernünftige Recht einer religiösen Lebensposition und Weltansicht unter den Bedingungen der modernen Gesellschafts. die normative. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in: RGG1 1. Dann erst kann der spezifische Deutungssinn der christlichen Symbolbestände dargelegt werden. Die Theologie muss vielmehr diejenigen Lesarten ihrer Lehrstücke entwickeln. Und diese schließlich hat die Theologie in praktischer Absicht auszuführen.140 Wilhelm Gräb und die ganz neuen gesellschaftlichen Herausforderungen in Politik und Ökonomie. nicht nur die jeder Zeitbedingtheit enthobene. der jeden transhistorischen Geltungs- oder gar Absolutheitsanspruch kirchlicher Lehre torpediert. jedem an religiösen „Fragen Interessierten zur Selbstverständigung über sein religiöses Denken [zu] dienen“. hier: 109.und Kulturkämpfen sich als relevant erweisendes religiöses Deutungspotential abgewinnen lassen. Denn. Aufgabe der Dogmatik wird es. Die Darlegung des Lebensdeutungssinns der christlichen Symbole wiederum ist dann für Troeltsch des Näheren die Aufgabe der Dogmatik bzw. Weltanschauungs. so Troeltsch. zur „Erziehung und Beratung des auch für sich in seinem Glauben selbständigen praktischen Geistlichen“3 beizutragen. Tübingen 1910. überzeitliche Verbindlichkeit der tradi- tionellen kirchlichen Lehre aufrechtzuerhalten und ihre Binnenlogik auszuarbeiten. sondern diese sozio-kulturellen Verhältnisse einen religiösen Individua- lismus und Pluralismus befördern. um den substantialen Gehalt religiöser Symbole in ihrer lebens- sinnorientierenden Gegenwartsbedeutung zu erschließen.10.15 13:48 . Glaubenslehre. absolute Geltung der biblischen Offenbarung auflösen. dass die Theologie sich zunächst eine „wissenschaftlich-religionsphilosophische Basis“2 verschaffen muss. die diesen ein in den modernen Gesellschafts- verhältnissen.4 In beiden Richtungen. 106 – 109.und Kulturverhältnisse überhaupt erst einmal begründen lassen. sowohl was die religionsphilosophische Grundlegung als auch die religionskommunikative Leistung der Theo- logie anbelangt. Der religiöse Deutungssinn der christlichen Symbole muss in eine sehr viel größere Vielfalt der Lebenswelten und gesellschaftlichen Herausforderungen und ein in seinem Anspruchsniveau gesteigertes Sinnempfinden hinein übersetzt werden. 3 Ebd. Die religionsphilosophische Grundlegung der 2 Ernst Troeltsch. hat dann Paul Tillich das Anforderungsprofil noch einmal erheblich gesteigert. ja. Es kann.

die eigengesetzliche Dynamik der gesellschaft- lichen Teilsysteme. Paul Tillichs Theologie der Kultur: Aspekte. Volume 1). Er legitimierte dabei zudem die relative Höchstgeltung des Christentums unter den Weltreligionen eben damit. ob der Religion in den dramatischen gesellschaftlichen Krisenerfahrungen einer durch den 1. der Selbstdeutung ihres religiösen Be- wusstseins und der geltenden kirchlichen Lehre ausgehen. aber es bringt sich nicht mehr im Raum der Institutionalisierung des Religiösen. könnte sie vielleicht ihrer gesellschaft- 5 Vgl. Weltkrieg zerbrochenen bürgerlichen Kulturwelt überhaupt noch eine lebensorientierende Bedeutung zuzugestehen ist. dass es mit seiner der Christologie einge- setzten Revolutionierung des Gottesgedankens der modernen Idee von der sakralen Würde der Persönlichkeit immer noch am ehesten die re- ligiöse Grundlage verschafft. nicht mehr in der Kirche und deren Theologie zum Ausdruck und man erwartet von dort auch keine den entscheidenden gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit begegnenden und in die Zukunft weisenden Gegenwartsdeutungen mehr. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. somit religiös begründeten Individualitätskultur und einer religiös integrierten Weltsicht setzen zu können. dass ihm die Verteidigung einer religiösen Lebensposition zur vordringlichen Aufgabe der Theologie wurde. Für Troeltsch war die moderne Gesellschaftskultur dann bereits so stark durch ihre innere Differenzierung. dazu grundlegend: Christian Danz/Werner Schüssler (Hg. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 141 Theologie muss jetzt nicht nur die vernünftige Geltung und den le- benspraktischen Wert einer religiösen Lebensposition und Weltansicht begründen. Dann.und Deutungskultur in der Gesellschaft zu sein.10. der vorzügliche Ort religiöser Ausdrucks.15 13:48 . Perspektiven (Tillich Research. Sie muss auch noch das Unternehmen einer solch vernünf- tigen Begründung der Religion begründen. Berlin/Boston 2011. Probleme. kirchlich verfasste christliche Religion und die sie explizierende kirchliche Theologie das Privileg. Jetzt muss daher die Theologie von einer affirmativen kirchlichen Theologie wegkommen und zur hermeneutisch-kritischen Kulturtheo- logie werden.5 Das religiöse Sinnverlangen hat sich aus Kultur und Gesellschaft nicht verloren. den Individualismus der religiösen Sinneinstellungen und den Pluralismus der Weltanschauungen und Weltreligionen ge- kennzeichnet. so Tillich. Schleiermacher konnte noch von der Zusammenstimmung zwischen der Religion der Menschen.). Bei Tillich jedoch verlieren die traditionelle. Denn in Frage steht. Allerdings meinte er dann doch noch auf den humanen Wert einer im christlichen Gottes- gedanken implizierten.

. lässt sich unter den modernen Verhältnissen nur dann aufrecht erhalten. auf die ausge- hend diese von Menschen hervorgebracht werden. wo Religion auf diese Weise vorkommt. wo letzte Fragen gestellt und das Vertrauen auf einen unbedingten Sinn in allem Bedingten und Vorläufigen fest- gehalten wird. sondern überall in Kultur und Gesellschaft. also gerade auch außerhalb der Kirche übernimmt. Religion ist die „Richtung des Bedingten auf das Unbedingte“6. hier: 65. weg von der Religion im engeren Sinn.und Verpflichtungsanspruch. Die religiöse Lage der Gegenwart (1926). dass re- ligiöser Sinnglaube in alle Gesellschafts. Die Theologie hat darüber zu wachen.142 Wilhelm Gräb lichen Marginalisierung abhelfen und der kulturellen Präsenz der Reli- gion als deren kritische Reflexionsinstanz zuarbeiten. Nie darf der unbe- dingte Sinn mit den menschlichen Kulturleistungen in Kunst und 6 Paul Tillich.10. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. ist ein ideologiekritischer Vorbehalt eingestiftet. droht auch die Aufladung bloß bedingter Wirklichkeit mit unbedingtem Anerkennungs. dass religiöse Sinnstiftung nicht nur am Ort der kulturell partikularen und zunehmend marginalisierten Kirchen passiert. ist sie gewissermaßen diesen selbst implizit und kann eigentlich gar nicht un- abhängig von ihnen als eigene Form kulturellen Ausdrucks vorkommen. 9 – 93. hin zu den religiösen Implikationen der säkularen Kultur und Gesellschaft. wenn die Theologie die hermeneutisch-kritische Reflexionskompetenz für die gelebte Religion im Horizont des gesellschaftlich Allgemeinen von Politik und Ökonomie. Überall kommt Religion vor.15 13:48 . GW X. Wird die Theologie zur Kulturtheologie dann kann sie sichtbar machen. Dann nimmt sie wahr und kann es in ihre kritische Theorie der Religion aufnehmen. in: Ders. droht somit Religion zur gefährlichen Ideologie zu werden. den religiösen Institu- tionen und Kirchen. Der Anspruch auf die vernünftige Allgemeinheit der Religion. Überall dort aber. in das politische Wollen genauso wie in die wissenschaftliche Forschung und in die Betriebssysteme der Kunst. dass der unbedingte Sinngehalt überhaupt nur an den immer menschlich be- dingten Kulturschöpfungen als die Richtung aufscheint. so ist Tillichs kulturtheologische Wende doch wohl zu verstehen. Tillichs Behauptung einer Verlagerung der religiösen Ausdrucks- kultur. Kunst und Kultur. nach Tillichs Auffassung im protestantischen Prinzip geschichtlich wirkmächtig geworden. Als „Richtung des Bedingten auf das Unbedingte“ liegt sie allen kulturellen Ausdrucksformen zugrunde.und Kulturarbeit investiert wird. wo aber immer auch die Verwechslung von Bedingtem und Unbedingtem droht.

aber auch nicht in der gesellschaftlichen Kommunikation über Religion. konnte dieser nicht mit der vernünftigen Allgemeinheit der Religion zusammenbrin- gen. Religiöse Sinn- stiftung findet hingegen jetzt an anderen Kulturorten statt.10. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 143 Wissenschaft. die Sinneinstellungen und Lebens- orientierungen der Menschen formende Kraft mehr.. Die Verkirchlichung des Chris- tentums im 19. als dass die Liturgie der Kirche tiefere Resonanzen in ihnen erzeugt. die Religion. als 7 A. Aber auch in religionssoziologischer Hinsicht meinte Tillich in den 1920er Jahren feststellen zu müssen. Kirchenkritik. leistet sie selbst. Tillichs Kritik der institutionalisierten kirchlichen Religion war zum Teil ebenfalls theologisch begründet. so Tillichs theologisch begründete Religions- bzw. sofern sie außerhalb der Kirche lebt. Sie findet zumeist gar nicht als Religion Anerkennung. Die Kirchen. Deshalb müssen wir Tillichs Plädoyer für eine kritische Kul- turtheologie auch noch entschiedener als dies ihm bereits im Blick war. nicht von Seiten der Kirchen. Das scheint mir noch einmal ungleich gesteigert auch unsere heutige Situation zu sein. werden eher von sozialkritischen. Sobald die Religion sich in besonderen Kulturformen kulturell se- pariert. Die Erfahrungen der Selbsttranszendierung stellen sich vielen Menschen eher im ästhetischen Kunsterleben ein. somit diese nie ins Göttliche hinein überhöht werden. die ein aus der Sozialverantwortung entlassender Kapitalismus für die von Massenarbeitslosigkeit bedrohten Menschen bedeutet.15 13:48 . dem ideologischen Schein Vorschub. menschliche Kulturarbeit könne das Reich Gottes auf Erden schaffen.O. Die in die Tiefe reichenden Fragen menschlicher Existenz werden in der Lebensphilosophie und der Tiefenpsychologie energischer angegangen als in der kirchlichen Predigt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die Tillich diagnostizierte. ist ohne religionssensible Wahrnehmungsraster weder zu sehen noch ohne kritische Religions- theologie vor ihrer Ideologisierung zu bewahren. 68. darauf hat Tillich eben auch aufmerksam gemacht. nicht mehr in den kulturell bedeutungslos und religionsunfähig gewordenen Kirchen.a. Allerdings. dass die Kirchen „durchweg zerstört und kraftlos“7 geworden sind. Politik und Recht selbst identifiziert. ihre Verkündigung und ihre Lehre haben keine kulturprägende. Die drängenden Herausforderungen. Jahrhundert. politischen Be- wegungen als von einer patriarchal und staatstragend fungierenden Kirche aufgenommen.

Jörg Lauster. sie in ihrer se- mantischen Sonderwelt zu stabilisieren und die Religion außerhalb der Kirche zu übersehen. die auch außerhalb der Kirche verstanden wird. 5). 420 – 435. wie Troeltsch noch meinte. die überkommene kirchliche Lehre an die religiösen Kommunikations. die kirchliche Religion vor Kritik zu immunisieren. Eine traditionelle. können dann religiöse oder religionshaltige Phänomene in den ver- schiedenen Bereichen der Kultur identifiziert und als solche religiös kritikfähig gemacht werden. Sie wird vielmehr die in den säkularen Sphären der modernen Kultur und Gesellschaft auf spezifische Weise aufbrechenden und in den Ausdrucksformen der Zeit sich artikulierenden religiösen Sinnfragen erkennen und im Horizont der christlichen Botschaft zu deuten. das Tillich unter der Bezeichnung „Methode der Korrelation“ zum Verfahren seiner Systematischen Theologie ge- 8 Vgl. o.und Kulturhermeneutik zur Ausführung bringen. Als ebenso religionshermeneutische wie religionskritische Kultur- theologie nimmt die liberale Theologie sich nicht mehr.8 Am Leitfaden eines Religionsbegriffs.15 13:48 .und Kulturhermeneutik kann sie auch die traditionellen. damit sowohl deren Lebensdienlichkeit zu ver- kennen wie eben auch ihren ideologischen Trends nur allzu leicht zu erliegen. Nur als theologische Religions. Die Bedeutung Tillichs für eine religiöse Kulturanalyse der Gegenwart.und kulturhermeneutische Erschließung. der formal weit genug gefasst ist. Nur als Religions.144 Wilhelm Gräb eine kritische Religions. Anm. tiefer über sich aufzuklären und damit immer auch kritisch über sich zu verständigen versuchen. darauf zurück.und Orientierungsbedürfnisse der Moderne lediglich anzupassen. Die religions. Deutung und Kritik der zumeist unsichtbaren religiösen Dimension muss zum Kerngeschäft der Theologie werden. Paul Tillichs Theologie der Kultur (s. christlichen Glaubenssätze wieder als deutungsstarken Ausdruck für die Unbedingtheitsdimension in den un- umgänglichen Sinnfragen des Lebens verständlich machen. in: Danz/Schüssler (Hg. Dieses religionshermeneutische und religionskritische Verfahren war es dann im Grunde auch.). Dann nur findet sie eine Sprache.und Kultur- hermeneutik. kirchliche Dogmatik hingegen trägt weiterhin dazu bei.10. nicht als kirchliche Dogmatik kann die Theologie die vernünftige Allgemeinheit der Religion und ihren konstitutiven Beitrag für das Ganze der individuellen und gesellschaftlichen Lebensbezüge verteidigen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.

Praxisorientierte Dogmatik Die entscheidende Aufgabe der religions. Die Ausrichtung der Theologie nicht auf die Normierung der ge- lebten Religion. so Tillich. 12 – 15. die Symbolbestände der christlichen Über- lieferung dem gegenwärtigen Bewusstsein zu erschließen. kann die Dog- matik die Gehalte der christlichen Überlieferung ebenso produktiv wie kritisch beziehbar machen auf das. Die sich von Schleiermacher über Troeltsch bis hin zu Tillich steigernde Anforderung an die Theologie liegt nicht in der Ver- abschiedung ihres funktionalen Bezugs auf die Leitung der christlichen Kirche. Stuttgart 1956. der das religiös sinnstiftende Po- tential der christlichen Überlieferung und der kirchlichen Lehre er- schlossen und erhalten werden soll. theologisch ernst genommen zu werden. ST I.9 Der Zweck dieser Methode sollte es schließlich sein.und kulturhermeneutischen Theologie wird es sein. kultur. die auf den weiten Feldern existentiell- lebensphilosophischer. Paul Tillich. wissenschaftlicher oder politischer Kulturpraxis gesprochen werden. die Praxis einer dem gegenwärtigen Bewusstsein aufgeschlossenen. Diese Theologie übergibt die Be- gründungsfragen der Religionsphilosophie und sie begreift sich selbst als eine der kirchlichen Praxis zugewandte Glaubenslehre. 2. sie fördernden und kritisch orientierenden Glaubens- kommunikation zu unterstützen. sondern in der kritischen. sollen ein Recht darauf gewinnen. Die religionsphilosophische Fundierung wie die auf die kirchlichen Kommunikationszwecke ausgerichtete Konzeption der Dogmatik als Glaubenslehre ist insofern das kenn- zeichnende Merkmal ihrer von Schleiermacher paradigmatisch neu ge- 9 Vgl. die Symbolbestände der christlichen Überlieferung im Horizont einer kri- tischen Hermeneutik der in den Sphären von Kultur und Gesellschaft gelebten Religion zu erschließen. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 145 macht hat.15 13:48 .10. was die in der modernen Gesell- schaftskultur sich bewegenden Menschen „unbedingt angeht“. Die vielen religiös interpretations- fähigen Sprachen.und Seelsorgepraxis wollte also auch Tillich bei- behalten wissen. ästhetischer. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. so dass sie zu aneignungstauglichen Angeboten an die religiöse Selbstdeutung der Zeitgenossen werden können. Dann nur.und religionshermeneutischen Analyse eben derjenigen Gegenwart. wohl aber auf die normative Orientierung der kirchli- chen Verkündigungs. Als solche sieht sie ihre Aufgabe primär darin.

dann auch noch zu einer eigenen Disziplin erklärt hat. Allerdings war Troeltsch der Meinung. dann stimmte er mit Schleiermacher. Stellt man in Rechnung. Die Dogmatik der „religionsgeschichtlichen Schule“. auf die praktisch-gelebte Religion stand ebenfalls im Hintergrund. Dieser Blick auf die Praxis der Religion bzw.. Troeltsch und Tillich schließen daran an. Was alle Disziplinen der Theologie zu theologischen macht. 500 – 524. er unternahm es. 1922). indem er die Dogmatik zu einem „Stück der Praktischen Theologie“10 erklärte. Auch Tillich hielt jedoch daran fest. die Dogmatik geradezu in eine auf der Positivität des Christentums aufbauende Reli- gionsphilosophie zu verwandeln. dass er die religions- philosophischen Begründungsfragen nicht verabschieden. ist jedoch der Tatbestand.10. 11 Ebd. dass die in ihnen ent- wickelten Kenntnisse in die Regie des praktischen Interesses an der Leitung der christlichen Kirche genommen werden. auch wenn er die Praktische Theologie in einem engeren Sinn. Dieser Praxisorientierung der Dogmatik ist hier deshalb noch größere Aufmerksamkeit zu schenken.und Wahrheitsfragen nicht aus der Dogmatik ausgliedern. hier: 515. die Methoden religiöser Kommunikation betreffend. sondern eben der mit der Dogmatik kooperierenden Religionsphilosophie überlassen wollte. der ja das Ganze der Theologie dem kirchenpraktischen Zweck unterordnete. mit dieser in seiner Systematischen Theologie zusammenführte. Für Schleiermacher ist die Theologie als Ganze Praktische Theologie. dass die Theologie insgesamt die schon von Schleiermacher eingeforderte Ori- entierungsleistung für die kirchliche Kommunikationspraxis zu erbringen hat. durchaus überein.146 Wilhelm Gräb fassten Form. in: Ders. Tillich ebnete diese Differenz hingegen vollkommen ein. Anders als Troeltsch wollte Tillich freilich die Begründungs. Troeltsch hat die zur Glaubenslehre transformierte Dogmatik sogar disziplinär der Praktischen Theologie zugewiesen und sich dabei auf Schleiermacher berufen. GS II. Troeltsch vertiefte die Differenz zwischen Dogmatik und Religionsphilosophie. wenn Troeltsch die Dogmatik als ein „Stück der Praktischen Theologie“11 bezeichnete. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Aufl. indem er die Dogmatik in die Religionsphilosophie integrierte bzw. nehmen freilich auch erhebliche Transformationen vor. der die Dogmatik ebenfalls als eine Funktion der kirchlichen Kommunikationspraxis beschreiben konnte. seine Zuweisung der Dogmatik an die Praktische Theologie 10 Vgl. Hinsichtlich des Praxisbezuges ist auch die Verbindung zu Tillich deutlich. Im Gegenteil. Aalen 1962 (ND der 2.15 13:48 . Ernst Troeltsch.

so gilt dies erst recht für die Dogmatik. Unter Einschluss der die Begründungsfragen aufnehmenden Religionsphilosophie sollte sich die Systematische Theologie als eine „Funktion der Kirche in der Kirche und für die Kirche“12 begreifen. ST I (s. Denn eine Einschränkung ihrer wissenschaftlichen Objektivität sollte mit der praktischen Dogmatik ja lediglich deshalb verbunden sein.und kulturphilo- sophisch durchzuführende Wesensbestimmung des Christentums mit der praktischen Aufgabe der Gestaltung religiöser Praxis verbunden. wenn sie nicht einem ruinösen Werterelati- vismus anheimfallen will. bei aller wissenschaftlichen Arbeit der Fall. Auch sie wird zum Zwecke der Organisation einer gewinnenden Explikation der christli- chen Glaubensüberzeugung nur von solchen unternommen. dass sie im Unterschied zur Religionsphilosophie die persön- liche Glaubensbindung in Anspruch nehme.15 13:48 .und geschichtsphilosophische Reflexion braucht. wie Troeltsch ansonsten selbst immer wieder betonte. ist ihm jedoch. engagiert vertreten und erläutert zu wer- den. der sie durch- führt. die Wesensbestimmung in eine konstruktive. geschichts. dass sie sich mit persönlichen Wert- haltungen verbinden muss. Gerade für die his- torische Erkenntnis sollte gelten. Tillich. Das zeigt sich nach Troeltsch gerade auch bei der Wesensbestimmung des Christentums. also 12 Vgl. Das ist aber. dessen Wert erachten.E. religions-. die diese Überzeugung auch selbst teilen oder die sie. Wer sie vornimmt. Paul Tillich hat ebenso die Aufgabe der Dogmatik in der gegen- wartsbezogenen Auslegung und Vermittlung des christlichen Glaubens gesehen. zumindest was die Einschränkung des wissenschaftlichen Anspruchs der Dogmatik betrifft. und ist darauf zu setzen. nicht ablösbar ist. religiös verankerten Überzeugung von der lebensorien- tierungspraktischen Vorzüglichkeit der christlichen Weltsicht. dass sie geschichtliche Erkenntnis sowie religions. Anm. aber zugleich doch auch von der christlich-religiösen Grundüberzeugung dessen. speist sich gerade aus der je persönlichen. gewissermaßen ein Selbstmissver- ständnis unterlaufen. o. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass diese Gestaltungsaufgabe nur von solchen in Angriff genommen wird. M. 41. wird dessen gewahr. auf die Zukunft des Christentums setzende und für sie arbeitende Wesensgestaltung weiterzuführen. weil subjektiv-persönliche Überzeugungsgewissheiten in sie eingehen. Der Wille. und insofern mit einer Abmilderung ihres wissenschaftlichen Anspruchs einhergehe. 9). Ist die auf Wesensgestaltung ausgehende. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 147 bedeute. die sich fürs Christentum aus innerer Überzeugung engagieren.10. aus welchen Gründen auch immer.

Sie reflektiert die Selbstdeutung religiösen Erlebens so wie diese nicht nur am Ort der Kirchen und explizit religiösen Gemeinschaften. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Deutung und kritische Reflexion der Ar- tikulation religiöser Sinnmotive und damit der religiösen Symbolsprache in den verschiedenen Bereichen der Gegenwartskultur. Dieser Vorwurf verkennt jedoch.und kulturhermeneutische Theologie Die aufgeklärte Dogmatik bzw. dass die immer bedingte Teilhabe am Unbedingten nur in der Sprache der Symbole ausgedrückt werden kann.148 Wilhelm Gräb im Grunde dann doch wieder „ein Stück der Praktischen Theologie“13 sein. historischen Relativität. bzw.10. Dabei bleibt sie als christliche Theologie zwar an das biblisch überlieferte Ursprungszeugnis christlichen Glaubens gebunden. das Selbstbewusstsein einer Religion. Troeltsch. Glaubenslehre liberaler Theologie zielt auf eine aufgeklärte Religion.und kulturhermeneutische wie religions. Religions. dass sich das 13 Vgl. weiß somit auch. o. So kann man es durchaus sehen. Eine aufgeklärte Religion. vermöge dessen diese sich selbst versteht als die nur im Medium des Bedingten realisierbare Richtung auf das Unbedingte. Zur Beförde- rung der kirchlichen Glaubenskommunikation sollte die Theologie nach Tillich vielmehr durch ihre religions. sie sei schuld am Au- toritätsverlust und der nachlassenden Integrationskraft der kirchlich verfassten Religionskultur. Sie ist offen auch für die Wahrnehmung. 515. Die Dogmatik der „religionsgeschichtlichen Schule“ (s. sieht dann aber auch die biblischen und kirchlichen Ausdruckgestalten des Christlichen in ihrer je zeitgebunde- nen. Anm. 10).und kulturkritische Ausrichtung beitragen. das ist ein re- ligiöses Selbstbewusstsein.15 13:48 . 3. Eine auf aufgeklärte Religion zielende und sie auf dem Wege religiöser Bildung befördernde Theologie lehrt jedoch nicht nur den symbolischen Gehalt der kirchlichen Glaubensüberlieferung zu verstehen. sondern in Kultur und Gesellschaft vorkommt und zum Ausdruck findet. Aufgeklärte Re- ligion weiß die Richtung auf das Unbedingte von diesem selbst zu un- terscheiden. Aber gerade bei Tillich bedeutet der konstitutive Bezug der Theologie auf die Praxis der kirchlichen Glau- benskommunikation nicht deren kirchliche Engführung. Angesichts ihrer Offenheit für die Vielfalt religiöser Symbolsprachen im dogmatisch weit gefassten Horizont des Christlichen wird der libe- ralen Theologie zwar gern der Vorwurf gemacht.

in denen sie ihre existentiell-religiösen Sinnfragen und Wertorientierungen artikulieren. Sie mauert sich vor allem nicht in einer nur den kirchlichen Dogmatikern noch verständlichen bzw. die sich immer schon in weltanschaulich orientierenden Lebensdeutungszusammenhängen bewegen. Die liberale Theologie rechnet vielmehr mit der Vielfalt milieubezogener Religionsproduktivität und sie gesteht den Menschen auch das Recht zur autonomen religiösen Selbstbildung zu. das dem Verstehen der biblischen und kirchlichen Überlie- ferung das Verstehen der religiösen Selbsttätigkeit der Menschen in den religionsproduktiven Momenten ihres komplizierten Lebens gleichge- wichtig zur Seite treten lässt. die von den Kirchen längst nicht mehr erreicht werden. „Psychologie heute“ z. besonders an den Krisen. Rechnung zu tragen.und Wendepunkten der Lebensgeschichte. die nicht Adressaten der im Glauben anzunehmenden biblischen (Heils)Botschaft sind. sondern souveräne Subjekte ihrer religiösen Selbstdeutung. der kircheninternen Sondergruppensemantik artikuliert. Die liberale Theologie verschließt sich dieser Situation nicht. als solche. weil die entscheidenden Herausforderungen der Zeit und je individuellen Lebens kritisch aufnehmende Lebensdeutungsangebote abzugewinnen. Liberale Theologie zielt im Kern darauf. B. in bestimmten kirchlichen Milieus gepflegten Sondergruppensemantik ein.15 13:48 . versucht ihre oft recht anderen Symbolsprachen. auf dem eine Vielzahl religiöser Akteure mit ihren Sinnangeboten aufwartet. der christlichen Botschaft heute glaubwürdige. gelingt es oft besser als den kirchlichen Deutungsexperten.10. aber an weiterführenden Deutungsangeboten interessiert sind. Wir haben es heute zudem mit einer Ent- grenzung des religiösen Feldes zu tun. die religi- onsproduktiven Motive der modernen Gesellschaft aufzunehmen und der religiösen Sinnbedürftigkeit derjenigen sozio-kulturellen Milieus. um sie im Horizont der christlichen Botschaft kritisch und vertiefend zu deuten. weil diese Sprache allzu oft nicht mehr als kraftvolle Artikulation und Deutung der religiösen Sinngehalte und weltanschaulichen Orientierungen in der modernen Kultur und Gesellschaft funktioniert. Sie traut den Menschen die religiöse Selbstdeutung zu. Liberale Theologie entwickelt deshalb dieses dialogisch-korrelative Verfahren. Sie hat Menschen vor Augen. Einige konkrete Schritte auf dem Weg zu einer solchen auf die religiöse Selbstdeutungs- kompetenz der Menschen setzenden und sie kritisch-vertiefend zum Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wahrzunehmen und zu verstehen. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 149 gegenwärtige religiöse Erleben zumeist gerade deshalb nicht mehr in der Sprache der biblisch-kirchlichen Überlieferung bzw.

und dies in Gestalt der Frage nach Gott. Die Symbolbestände der christlichen Überlieferung.Ich glaube das so.‘ . Armin Nassehi. zu sagen. nicht auf kirchliche Bekenntnisse und Lehren Bezug nehmen. wenn sie auf Religion angesprochen werden. in Zustimmung oder Kritik zu profilieren. h.‘ .Das ist meine Überzeugung. auch religiös. Was in religiöser Kommunikation entschei- dendes Gewicht zu haben scheint. Religiöse Kommunikati- on: Religionssoziologische Konsequenzen einer qualitativen Untersuchung. werden in der heutigen religiösen Alltagskommuni- kation kaum empfunden. eine eigene religiöse Meinung haben zu dürfen.Ich habe das so erfahren. wie freilich auch anderer religiöser Überlieferungen.und Weltsicht abzuheben bzw. dass sie nicht auf die Bibel. Gütersloh 2009.‘ Oder auch: .150 Wilhelm Gräb Verständnis bringenden Religions. auf transzendente Sinndimensionen und weltanschliche Konstruktionen ausgreifend. Diese Theologie geht nicht nur von der religiösen Ansprechbarkeit der Menschen aus. ist vielmehr dies.‘ Die authentische Selbstpräsentation der als individuell angemuteten religiösen Erfahrung oder auch nur das Recht.‘ . wie sie die liberale Theologie betreibt. Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008.14 Aber sie tun dies eben in der Regel so. keine Rolle spielen. in: Bertelsmann Stiftung (Hg. 169 – 204 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.). dem Ungeheuren und dem Bösen geschieht. Konsistenzanforderungen. sind die Menschen auch hierzulande durchaus bereit und in der Lage.Ich habe das erlebt. Sinn und Glück. um davon ihre individuelle Selbst.und Kulturhermeneutik. Die Menschen nehmen selbstbewusst Vorstellungen aus unterschiedlichen religiösen Symboltraditionen auf und verbinden sie zu individuellen und zugleich milieugebundenen und insofern auch wieder sozio-kulturell vermittelten religiösen Sinnkon- strukten.Ich sehe das so. dem Tod. Es wäre aber auch falsch. stellen vielmehr ein frei kom- binierbares Symbol-Material dar. die die Menschen in der Alltagskommunikation hervorbringen. zu antworten. sondern setzt auf deren religiöse Sinndeutungspro- duktivität. dass die Bibel und die kirchliche Symboltradition in den religiösen Sinnkonstrukten. denen die Theologie auch noch von Schleiermacher bis Tillich meinte entsprechen zu müssen und entspre- chen zu können. seien deshalb hier noch angedeutet. d. dass die religiösen Äußerungen als authentische anerkannt werden: . werden entscheidend 14 Ich beziehe mich im Folgenden vor allem auf den Beitrag von Arnim Nassehi im Bertelsmann Religionsmonitor: Vgl.15 13:48 . Wie auch von Seiten der empirischen Religionsforschung bestätigt wird und im Besonderen die Beiträge von Armin Nassehi zeigen können.10.

in den verschiedenen sozio-kulturellen Milieus dann auch verschiedene.10. Die gelebte Religion existiert in den verschiedenen religiösen Bewegungen und Kirchen. den christlichen Glauben dem gegenwärtigen Bewusstsein verständlich zu machen. die sich entschieden zu ihrem Glauben bekennen. Die Theologie muss heute darüber hinaus dem Rechnung tragen. die ihr Leben durch diese erfahren hat. wenn sie als aufs Ganze gehende Sinnfragen bewusst sind. Die liberale Theologie nimmt die Herausforderung an. so Tillich. Das gilt offensichtlich gerade für diejenigen. welches die gesellschaftlichen Herausforderungen so- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. oft nur schwer ineinander übersetzbare Symbolsprachen sprechen. Sie berufen sich auf ihre persönliche Gottesbegegnung und die Wende. dass die Menschen auf autonome Weise ihre Religion artikulieren. Ihr bleibt ja die Un- terscheidung von Theologie und gelebter Religion entscheidend wich- tig. wenn sie sich recht versteht. der in verschiedenen. Theologie ist Reflexion auf gelebte Religion und die gelebte Reli- gion ist eine sich heute in ungeheurer kultureller Vielfalt entfaltende. sondern die ver- schiedenen religionskulturellen Milieus bis hin zu pfingstlichen und evangelikalen Milieus für einander offen halten. Sie kommt in der sozialen Wirklichkeit zudem in Form eines religiösen Sinnglaubens vor. rein säkular erscheinenden kulturellen Einstellungen und Praktiken eingelagert ist. sich auf die so veränderten Kulturen des Religiösen in der Gesellschaft einzustellen. Sie muss erfassen.15 13:48 . Sie will nicht ein eigenes Milieu ausbilden. dass die Theologie nicht nur diejenigen Lesarten der christlichen Botschaft zu entwickeln hat. Die in der menschlichen Situation auf- brechenden Fragen. Es genügt nicht. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 151 wichtig genommen. die gar nicht mehr gestellt werden. die den Anspruch mit sich führen kann. gegenüber verschiedenen religiösen Milieus und Symbolsprachen auf einer Meta- ebene. Fragen zu be- antworten. Die liberale Theologie operiert. Konkret bedeutet dies. Will die Theologie also nicht in die missliche Lage geraten. die sich auf ihren heute religiös anschlussfähigen Deutungssinn hin ausführen lassen. Dabei kann die Theologie sich allerdings immer noch am ehesten an Tillichs Verfahren der Herstellung einer Korrelation zwischen den in der menschlichen Situation aufbrechenden religiösen Fragen und der im biblischen Ursprungszeugnis des christlichen Glaubens aufzufindenden religiösen Antwort orientieren. verweisen ja dann auf die biblische Antwort. die klassischen Symbolbestände der christlichen Überlieferung in eine Sprache zu übersetzen. dann muss sie die in die religiöse Frage führenden und sie implizit thematisierenden Lebenssi- tuationen und kulturellen Ausdruckformen aufsuchen und beschreiben.

10. nur im Ausgriff auf eine absolute Sinndi- mension eine Bearbeitung finden können. auf dem Wege qualitativ-empirischer Religionsforschung die Menschen in ihrer Le- benswelt selbst zu Wort kommen lassen. sondern nach Maßgabe der Bereit- schaft der Individuen. wie Menschen sich in ihrer Sprache. also der Sprache ihrer sozio-kulturellen Milieus selbst religiös artikulieren und in einen Prozess kritischer religiöser Selbstthematisierung und Selbstbildung ein- treten. als Frage. wo und wie die im Leben aufbrechenden Sinnfragen als unbedingt an- gehende und damit als religiöse den Menschen auch bewusst sind. wenn überhaupt. Die Methode der Korrelation lässt nach den reli- giösen Sinnformen in populären Hollywood-Filmen. ist insofern ebenfalls religionskulturherme- neutischer Natur. somit die Interpre- tation des biblischen Ursprungszeugnisses christlichen Glaubens an- schließen können und sie diese in ihrem aufs Ganze gehenden Sinner- schließungsgehalt verstehen. als Sehnsucht nach einem unbedingten Sinn? Die Methode der Korrelation verlangt im Grunde genau dieses re- ligions. die sich an die religiöse Kommunikation in der Kirche heute richtet. auf die theologische Antwort verweisenden Fragen und Sinnmotive sind. zu gehaltvoller Deutung bringen. Sie nimmt in ihre Lehrbildung konstruktiv auf. dass die Menschen an die Deutungsangebote der kirchlichen Verkündigung. Unterricht und Seelsorge zielt ja auch darauf. Wo und wie artikuliert sich in den lebensweltlichen Milieukontexten die gelebte Religion der Menschen und sei es eben als Suche.und kulturhermeneutische Vorgehen. Die Theologie muss des Weiteren zu verstehen versuchen bzw. die Menschen vor letzte Fragen stellen und zu religiösen Sinndeutungen motivieren. und deshalb in ihnen die Bereitschaft wächst. die hybriden Neubildungen des Religiösen ebenso zu thematisieren wie die weithin verborgen bleibende religiöse Dimension in den lebenspraktisch gleichwohl mit unbedingtem Anspruch sich anmeldenden Lebenssinn- fragen anzusprechen. weil sie. Die mit der Korrelationsmethode arbeitende Theologie zielt heute schließlich darauf. Denn die kirchliche Kommunikation in Predigt. Sünde Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. sie für sich selbst zu übernehmen.15 13:48 . Die entscheidende Frage. die christlichen Symbole von Schöpfung. die deshalb religiöse. in der Popmusik und Fankultur fragen und deckt den religiösen Gehalt in den Online- Netzwerken der neuen Medien auf.152 Wilhelm Gräb wie existentiellen Erfahrungen sind. Sie veranlasst. Auch die in kirchlicher Verantwortung stattfindenden religiösen Bildungsprozesse verlaufen heute nicht mehr im Schema der Vermittlung vorgegebener Traditionsbestände.

wenn sich die christlichen Glaubensinhalte als Deutung eigener Lebens. den christlichen Glauben in seiner lebensdienlichen Kraft zu verdeutlichen.und Glau- benserfahrung verständlich machen lässt. an Kreuz und Auferstehung Jesu orientierte. je eigene Glaubenseinsicht. reflektiert auf die persönliche Glaubenserfahrung.10. Die Lebensrituale sind insofern für eine liberale Theologie die ent- scheidenden missionarischen Gelegenheiten. gerade die der Gemeinde nur locker Verbundenen und sehr oft auch Austrittsbereiten. doch in der Kirche bleiben und der Ge- meinde weiterhin bewusst zugehören zu wollen. und ermöglicht so die selbstkritische. Am ehesten gelingt es. einer Konfirmation. Sie weiß. dann wird sie Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wollen. Das ist in der kirchlichen Praxis nach wie vor am stärksten bei den Kasualien bzw. im evangelischen Rechtfertigungsglauben zusammen- fassend formulierte christlich-religiöse Lebensdeutung zur Sprache kommt und in ihrer die Lebensgewissheit fundierenden wie die Le- bensführung orientierenden Deutungsmacht expliziert wird. den Schluss. dass die christliche. ziehen aus einer kirchlichen Trauung. Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion 153 und Erlösung in die Vollzüge ihrer religiösen Selbstdeutung zu integrieren – nach Maßgabe einer selektiven. braucht die liberale Theologie. einer kirchlichen Bestattung. also nicht nur die schon Bekehrten bekehren will. die an ihren Lebensstationen einen kirchlichen Gottes- dienst wünchen. Wer heute auf breiterer Front missionarisch er- folgreich sein will. von lebensgeschichtlichen Sinnbe- dürfnissen gesteuerten Wahrnehmung. Menschen ihren Lebensglauben bewusst zu machen und sie für die christliche Ausgelegtheit menschlicher Existenz zu interessieren. Menschen. Wer ein liberaltheologisches Bewusstsein in der universitären theo- logischen Ausbildung noch nicht entwickelt hat. Ich denke. einer Tauffeier.15 13:48 . aufgeklärte Theologie denn auch in der Regel spätestens angesichts der kasualpraktischen Anforderungen des kirchlichen Berufs und damit angesichts der Anforderungen an die Glaubenskommunikation in Ge- meinde und Schule. Trauung und Bestattung der Fall. Denn sie lehrt die unterschiedlichen Formen gelebten Glaubens zu beachten. wenn die liberale Theologie in diesem Bemühen nur energisch genug vorangeht. Sie sind aufgeschlossen dafür. Liberale Theologie setzt darauf. denen es gelungen ist. dass die Kasualien nach wie vor die liberale Volkskirche stabili- sieren. entwickelt seine libe- rale. dass die Bewusstheit des Lebens. den Lebensritualen von Taufe und Konfirmation. interpretiert die milieubedingt höchst verschieden auftretenden Glaubenssprachen. in die der Durchgang durch diese Lebensstation hineindrängt. in den Deutungs- zusammenhang des christlichen Glaubens hineingenommen wird.

15 13:48 . die Attraktivität der christlichen Lebensdeutung erkennbar halten.154 Wilhelm Gräb schließlich sowohl den ernsthaft Frommen und ihres Glaubens Gewissen wie auch den Distanzierten und Gleichgültigen.10. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. den Fremdlingen und Skeptikern.

Das Selbstverhältnis. Mit dem Autonomieprinzip ist zwar eine Relation von Einzelnem und Allge- meinem verbunden. hg. Alteritätsfreie Egoität scheint angesagt. Frankfurt (Main). A 491. der das Glücksbedürfnis in die moralische Glückswürdigkeit integriert. nach Werkausgabe.die aufgeklärte Religion‘. seine Negativität und der Optimismus der Aufklärung Es wäre wohl ein Problem.1 So sehr mit dem aufklärerischen Motiv der Perfektibilität eine Zielbestimmung verbunden ist. markiert ein Problem. v. Aufklären ist aber nicht ohne Richtungssinn. Darin scheint für Negativität kein Platz zu sein.10.2 Es geht mit einer klassischen Formel um .15 13:48 . aber Selbstgesetzgebung will nicht deren Zwiespalt. hätte sie mit der Aufklärung abgeschlossen. sondern einen dynamischen Prozess. Negativität im Selbstverhältnis Jörg Dierken 1.Selbstdenken‘.aufgeklärten Zeitalter‘. Bd. Gäbe es sie.Zeitalter der Aufklärung‘ im Gegensatz zu einem vermeintlich . wenn die aufgeklärte Religion keine Pro- bleme haben sollte. Der Pflichtcharakter von Kants Ethik ist nur dem Gegensatz gegen die Neigung geschuldet. Aufklärung beschreibt keinen Zustand. Schon die Frage. Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?. so wenig lässt sich vom Ende her Auf- geklärtheit diagnostizieren. Heteronomie wird durch Aufklärung abgewiesen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 2 Vgl. mithin einen eigenen Vollzug mit innerer Rückbezüglichkeit. Wilhelm Weischedel. Religion soll im Modus 1 Vgl. Das erhellt aus Kants Formel von einem . ebd. Sie eröffnet einen letzten Aus- gleich durch einen vernünftigen Gottesglauben. ob es sie gibt: . Die dahinter stehende Differenz von Vernunft und Natur wird in der Religion vermittelt. Der Distanzierung von äußerer Leitung durch einen anderen entspricht innere Selbstän- digkeit. XI. auch die im Namen eines Absoluten. zit. Imanuel Kant. Gerade in Religionsdingen ist er nach Kant durch eigenen Verstandes- gebrauch ohne Leitung eines anderen bestimmt. 21978.

deren Wirkung die „Selbstbilligung“ des Subjekts ist. Wolfgang Erich Müller. und sie gewähre eine hoffnungsfrohe „in- ner[e] Erheiterung“. die sich dem um Moralität bemühten Subjekt angesichts faktischer Defizite auftun. Der klassische religiöse Ort für Phänomene des Negativen ist die Sündenlehre.10. Der Stellvertre- tungsgedanke und die Externalität des göttlichen Heils verstärkten dies.5 Im Kontext dieses Urteils ist Hegel selbst um aufklärende Historisierung dieser Religiosität bestrebt. dass „der Mensch in diese Qual versetzt worden [ist]. steht solche Frömmigkeit quer zu einer Stimmung. ö.156 Jörg Dierken der Hoffnung die Zweifel und Zwiespälte überwinden. 15/22 u. 131/364. Dadurch habe der Protestantismus das Gepräge „eines kleinlichen Grübelns über den subjektiven Seelen- zustand“ angenommen und „den Charakter einer innerlichen […] Jämmerlichkeit in sich gehabt“. 5 Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Vorlesungen über die Philosophie der Ge- schichte (Theorie-Werkausgabe.Grübelei über den Seelenzustand‘ einen Hinweis darauf. 505. 4 A. Wenn die Bedrohung durch Sünde. Tod und Teufel den Menschen das irdische Jammertal zugunsten des himmlischen Freudensaals fliehen lässt. Bd. Religion. hg. Frankfurt (Main) 1970.a.3 Religion erlaube durch den Bezug auf die weise Vor- sehung des Schöpfers eine kluge Veredelung des Glücksstrebens über flüchtige Sinnenlust hinaus. Darmstadt 1997. lässt solche Negativität jedenfalls nicht zum ersten Thema werden. dass mit der reformatorischen Theologie das Selbstverhältnis des Menschen zum entscheidenden Anker 3 Johann Joachim Spalding. Sie stand trotz Kants Figur des radikal Bösen nicht im Zentrum aufklärerischen Denkens. überwindungspflichtige Größe in Betracht. der mit seinem Praxisprimat verbunden ist.. 125/346. hg. v.4 Negativität im Selbstverhältnis kommt danach als transitorische. Gleichwohl enthält Hegels Beschreibung der . eine Angelegenheit des Menschen. Eva Moldenhauer/Karl Markus Michel. die auf eine Optimierung des Diesseits zu höherem Glück ausgerichtet ist. 12). vgl. Nach Hegels Diagnose hat die reformatorische Fixierung auf das Sündenthema dazu geführt. v. sich das Bewußtsein seiner Sündhaftigkeit aufzuzwingen“. Im Zenit der Aufklärungsepoche hat Spalding eine auf höheres Glück ab- stellende Moralreligion entworfen.15 13:48 . Der dahinter stehende anthropologische Pessimismus entsprach kaum der Diesseitsorientierung des Aufklärungszeitalters.O. Der Opti- mismus aufklärerischen Denkens. 15/22. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die Objektivität eines heteronomen Normengefüges und der erfahrungsferne Naturalismus der Erbsünde ließen die alte Hamartiologie abständig erscheinen.

Schon daher hat die aufgeklärte Reli- gion die Negativität im Selbstverhältnis eher an Phänomenen mensch- licher Endlichkeit thematisiert und darüber Zugänge zum Gottesthema gebahnt. Der Schöpfungsglaube überlagerte die Kreuzestheologie als Anker von Religion. Negativität im Selbstverhältnis 157 für theologische Gehalte wurde. Wenn die externen Vorgaben des Gottesverhältnisses im Selbstverhältnis und seiner Negativität einzuholen sind. statt sich unter sie zu beugen. Mit dieser Verschiebung eröffnet sich der aufgeklärten Religion die Chance zu einer integrativen Dynamik von Schöpfungs.und Sündentheologie. das ihm neue Konstellationen bietet. kann es sich zudem kritisch auf deren Plausibilität beziehen. Darum bedarf es der religiösen Klärung im Gottesverhältnis. Troeltsch und Tillich auf ihren Umgang mit Negativität im Selbstverhältnis hin befragt werden.10. Die Lehren von Erbsünde. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Ein wesentliches Problem dieser wechselseitigen Klärung von Gottes. Dass der unerbittlich Gerechtigkeit Fordernde zugleich der gnädig Rechtfertigende ist. Subjektivitätstheorie wurde zur religionstheoretischen Basisfi- gur. Das Gesetz und die richtende Gerech- tigkeit Gottes galten als Maßstab einer kritischen Selbstbeurteilung des Menschen in seiner Lebenspraxis. ermöglicht im Selbstverhältnis. dass der Sünder seiner als im Glauben Gerechtfertigter gewiss wird. dass die Korrespondenz von Selbst. auch Troeltsch und Tillich forcierten das Bewusstsein von Am- bivalenz.und Gottesverhältnis in ihrer konstruktiven Passungenauigkeit von bleibender Kontingenz geprägt ist. Die kontrafaktische Klärung durch Überwindung der Anfechtung in Rechtfertigungsgewissheit ist niemals sicher. sei ein Exkurs zu deren reformatorischer Entdeckungsgeschichte gestattet. aber sie bekommt auch das Problem. Zugleich bleibt es ob solch doppelter Negativität partiell unzugänglich. Bevor Schleiermacher. Darauf hat nicht nur Kierkegaard aufmerksam ge- macht. die am Sündenthema haftende Zwiespäl- tigkeit abzublenden. zeigt paradigmatisch Schleiermachers subjektivitätstheoretische Explikation von Frömmigkeit. Damit wird das Selbstverhältnis über den doppelten Umweg von externen theolo- gischen Kriterien und interner Gebrochenheitserfahrung zugänglich. Sühnopfer und Schuldübertragung sind im Aufklä- rungszeitalter brüchig geworden.und Selbstverhältnis besteht darin. Abgründigkeit und Kontingenz – bis hin zu deren Einholung in Figuren des Kontrafaktischen. Dass Negativität im Selbstverhältnis ein Grundelement der Endlichkeit des Geschöpflichen ist und den Zugang zur Struktur des religiösen Bewusstseins vermittelt. und das Erlebnis innerer Zwiespälte ließ den externen Maßstab erst eigentlich plausibel werden. Teufel.15 13:48 .

. 1 (s. 54 u. 19. 382. Luther. 2. sondern nur in abgründigere Formen von Sünde.). Göttingen 1962. 358. Bd. Operationes in psalmos 1513/15. Kurt Aland (Hg.9 Der frühe Luther hat diese subtile Dialektik des bis zur Selbstnegation reichenden Selbstverhältnisses des Menschen mitsamt der doppelten 6 Vgl. Vorrede zu Bd. 43. 1. Martin Luther. dass schon ein Streben nach guten Werken vor Gott zum Schaden ge- reicht. 6). die indirekt komplexe Formen der Selbstbeurteilung freisetzt. Exkurs: Sündenbewusstsein und Selbstbeurteilung Den Entdeckungszusammenhang des Rechtfertigungsglaubens bestimmt eine religiöse Praxis. sofern er es nicht schon in der mit as- ketischer Selbstverneinung gesetzten Bestreitung eigenen Sünder-Seins gewesen ist. Bd. WA 1.158 Jörg Dierken 2. Aland (Hg. Martin Luther. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 9 Vgl. Luther Deutsch. I der lateinischen Schriften 1545. Die Diskrepanz von Weg und Ziel ließ innere Entzweiung ebenso an- wachsen wie die Sensibilität der Selbstbeobachtung. dass dieser Weg von der im Gesetz geforderten Gottesliebe wegführt. Der Rechtfer- tigungsglaube wurde zu dessen anderer. Zudem tritt die angesichts der erblichen Universalität der Sünde geforderte bußfertige Selbstverneinung in Konkurrenz mit der von Gott in Christus gegebenen Gerechtigkeit.6 Mehr noch sind religiös gebotene Akte der Buße und Selbstdemütigung problematisch. bes.7 Der zu liebende Gott wird faktisch gehasst. o. ö.15 13:48 . WA 55.2. 1 (s. VII. Bd.). 8 Vgl. dass dieser von Gott und seinem Gesetz anscheinend geforderte Weg weder das Selbst-. WA 55. noch das Gottesverhältnis befriedet.2. Neben Momenten von Stolz ob harter Askeseleistungen erkennt der in der Buße begriffene fromme Mensch. Dieses Bemühen führte nicht zu Gott und seinem Heil. da es intentional die Ehre des eigenen Selbst zum Ziel hat und sich damit Gott entgegensetzt. 171 f. Operationes in psalmos 1513/15. Luther Deutsch.10.). aber mit der auf das Selbst gerichteten Verneinung die Erfahrung provozieren. Heidelberger Disputation. 7 Vgl. Bd. Kurt Aland (Hg. o. Das erhellt aus Luthers Bemühen um demütige Askese zur Vermeidung von Sünde und ihren ewigen Strafen im Kontext des spätmittelalterlichen Bußverständnisses. Luther Deutsch. Anm. positiver Seite. 171. Göttingen 21983.. 43. Hieraus erwuchs eine spannungsvolle Dynamik des Sündenbewusstseins. 237. WA 54.). 185. Aland (Hg. Anm. 6). Martin Luther. weil sie zwar Gott in seiner strafenden und vergeltenden Gerechtigkeit entsprechen. Luther Deutsch.8 Damit erklärt der Mensch Gott zum Lügner – und wird mithin nun selbst zum Lügner. Die in Luthers frühen Texten exponierte Selbstbeobachtung zeigt.

Bd. Aland (Hg. 6).). o. Operationes in psalmos 1513/15. Bd. 11 Luther. Röm 3. Bd.13 Daher ist das im Negativ der Sündenthematik aufkommende Selbstverhältnis nicht auf die historischen Bedingungen von Luthers Frömmigkeit festgelegt. Die Struktur des Rechtfertigungs- glaubens ist im Einzelnen sehr vielschichtig. 6). nur Luther. Ähnliches gilt für den vor- geblich objektiven Beweis der Allgemeinheit der Sünde durch bloße Schriftautorität sowie die Übertragung von Schuld auf das Sühnopfer Christi. Aland (Hg. o. von Hölle und Teufel. 134. Aland (Hg. Luther Deutsch. o. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 1 (s. WA 3. die um Christi willen denjenigen für gerecht erklärt und damit gerecht macht. Anm.14 Darin korrespondieren innere Reflexivität und Entzweiung. Luther Deutsch. 1 (s. Sch. Römerbriefvorlesung 1515/16.10.). WA 55.).10 Sein späterer Ausweg aus dem Dilemma ist bekannt. 12 Vgl. 178 f. 175 ff. 13 Vgl. Martin Luther. 47. Disputation de homine. Doch ohne die Dialektik der „Selbsterkenntnis“11 im Sündenbewusstsein. Bd. o. 6). WA 39. Sie erscheinen nach der Aufklärung ebenso ab- ständig wie der die eigene Verantwortung aushebelnde Erbsündenge- danke.1. Römerbriefvorlesung 1515/16. 202. 14 Diese Bedeutung der Hamartiologie zeigt sich unbeschadet der schöpfungs- theologischen Umrahmung noch in der Anthropologie des späten Luther. Negativität im Selbstverhältnis 159 Spitze in der lügnerischen Korrespondenz von Gott und Mensch bei gleichzeitigem Gegeneinander von Deus mendax und homo mendax va- riantenreich expliziert. Gleichwohl lässt die reformatorische Hamartiologie eine Struktur des menschlichen Subjekts von hoher Komplexität erkennen. Anm. dem Gottesbewusstsein im Negativ des Selbstverhältnisses.7..2. 37.4. auch Martin Luther. wie wir sie aner- kennen“ – was freilich nur indirekt über den umkehrenden Spiegel des Gottesverhältnisses möglich ist. der das göttliche Urteil über die innere Sündhaf- tigkeit glaubt und durch solch externen Glauben über seinen faktischen inneren Zustand kontrafaktisch zum Glauben an seine göttliche Recht- fertigung im Kreuz Christi gelangt. sondern „nur in dem Maße vorhanden. 269 f. WA 55. Dabei treten tatbe- standliche Verfehlungen in den Hintergrund. 26 f.15 13:48 . Röm 4. Anm. Nicht nur die 10 Vgl. WA 3. Aland (Hg..12 bleibt er abstrakt. 6). vgl. 287 ff. Luther. 1 (s. Anm. Die Bußmotivik haftete an einer realistisch ge- meinten Vorstellung von dem göttlichen Weltgericht und seinen Strafen. Luther Deutsch. Sünde ist keine objektive Bestimmung..). 1 (s. An die Stelle der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes trat die rechtfertigende. Luther Deutsch. 172 f. der mit einem hierarchisch über den prinzipiell rebellischen Menschen gebietenden Gott einhergeht.2. Operationes in psalmos 1513/15. 232.

Sie hat auf dem Gebiet der Religion die Wendung zum Subjekt konsequent durchgeführt. dem „die ganze Schöpfung […] feindlich gesinnt zu sein scheint“.). Ihr primäres Thema sind „Be- schreibungen menschlicher Lebenszustände“. Martin Redeker. sondern auch diese Struktur gehört zum reformatorischen Erbe als Herausforderung der Aufklärung. beschreibt nicht wie bei Luther ein geängstigtes Ge- wissen.15 13:48 . Schleiermachers kunstvolle Verschränkung der „Tatsachen des frommen Selbstbewusstseins. die den zweiten Hauptteil der materialen Dogmatik prägt. WA 55. Die Frömmigkeit weiß sich in der Welt lebendig. 1. o. 2 Bde. 163. Das fromme Bewusstsein ist als 15 Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher.16 Der aufgeklärten Religion geht es vielmehr darum. Luther Deutsch. wie sie durch den Gegensatz [sc. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Ohne dieses Erbe wäre schwer denkbar.10.und Handlungsvollzügen des Subjekts aktualisierten Wechselzusammenhang mit der Welt in das subjektive Bewusstsein auf- zunehmen. dass das Selbstverhältnis zum Schlüssel des Gottes. Berlin 1960. die von dem spinozistisch verstandenen Absoluten nicht durch einen Hiat getrennt ist.160 Jörg Dierken bußtheologische Düsternis. 16 Schleiermacher.2. Bd.und des Weltverhältnisses werden konnte. Aland (Hg. § 30 (zit. hg.Glaubenslehre‘ expliziert protestantische Religiosität nach der Aufklärung. ohne dass damit die Selbständigkeit des Subjekts verlustig geht oder sich der Fiktion einer absoluten. Schleiermacher: Sünden. selbstgründenden Autarkie ver- schreibt. 39. 6). obwohl es seiner selbst gerade nicht mächtig ist. von Sünde und Gnade] bestimmt sind“.und Gnadenbewusstsein als Momente des Abhängigkeitsgefühls Schleiermachers .15 So sehr die Beschreibung menschlicher Lebenszustände durch vielfältige Differenzen und deren Ausgleich im Inneren des Subjekts geleitet ist. 341. den mit den Wissens. Der christliche Glaube. Überschrift auf S. Bd. Durch Begleitung aller einzelnen Vorgänge von Wissen und Handeln ist sie mit dieser Welt praktisch verwoben. so wenig stehen Anfechtungszustände mit innerer Abgründigkeit im Fokus. Luther. 1 (s. CG. CG). Anm. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt (21830). 3. Operationes in psalmos 1513/15. v. davon abgeleitet kommen Sätze über Gott und Welt in ihren Korrelatverhältnissen in Betracht.

Gott. § 4. ö. Hierfür steht das überreflexive Gefühl als das für Religion charakteristische mentale Vermögen.3.Woher‘.18 Dies setzt freilich eine monotheistische Fassung des . dass dieses gleichsam . 18 Schleiermacher. Schleiermacher.15 13:48 . Der inneren coincidentia oppo- sitorum entspricht. § 8.19 Es ist Endlichkeitsbe- wusstsein – aber eben als Freiheitvollzug. dass sich das Bewusstsein mitsamt der in ihm mitgesetzten Totalität der Welt in seiner Endlichkeit gewahr wird. Gerade in seiner Freiheit und Eigenart setzt sich dieses Bewusstsein aber nicht selbst. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10. Anderenfalls könnte es andere Bewusstseinsvollzüge nicht hintergründig begleiten. Ihr entspricht eine Einheit des Selbst als Bedingung für ein Bewusstsein von der Allheit der Welt. Und dessen Bestimmung durch schlechthinnige Abhängigkeit fußt auf einer apagogischen Argumentation. aber so. CG. § 33. Als Be- wusstsein solcher Abhängigkeit ist das Selbstverhältnis nicht ohne alle Freiheit. § 36 u. Schon Schleierma- chers transzendentallogischer Aufweis des Abhängigkeitsbewusstseins argumentiert mit der Doppelheit gegenläufiger Relationen von Selbst und Welt in Wissen und Handeln. deren Indifferenz das Gefühl sein soll.2. wie sie mit eher aktiven und eher passiven Wissens. Negativität im Selbstverhältnis 161 „Teil der Welt“17 in diesen Wechselzusammenhang integriert.höhere‘ Abhängigkeitsgefühl nur indirekt erscheint.und Handlungsrelationen von Selbst und Welt einhergeht. Im Abhängigkeitsbewusstsein wird somit zwar die „ganze Welt mit in die Einheit unseres Selbstbe- wußtseins“ aufgenommen. CG. das sich mit Bezug auf sein . Diese Einheit ist allerdings keineswegs einfach. Es findet sich in seinem Verlauf immer schon vor und ist sich darin gegeben. § 34. Sodann wird das Verhältnis von Selbst und Welt in eine durchgehende Wechselrelation aufgehoben. Es kommt nur in Verbindung mit dem sinnlichen Bewusstsein in dessen Gegensatz von Lust und Unlust vor. allerdings kann es als Bewusstsein von diesem Zusammenhang kein bloßes Teil- moment sein. um diese schließlich in ei- nem Status schlechthinniger Abhängigkeit zu beschreiben.Woher‘ der Abhängigkeit voraus. 19 Vgl. Dafür steht das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit. Insofern es nicht durch Unlust gehemmt wird oder sein Hervortreten mit Lust 17 Schleiermacher. Für sie wird zunächst die doppel- seitige Relativität von Freiheit und Abhängigkeit. symbolisch artikuliert. CG. Genau diese Doppelheit wird in der Frömmigkeit dadurch zum Ausdruck gebracht. zum Nachweis der Unmöglichkeit schlechthinniger Freiheit. dass „unser Selbstbewußtsein die Endlichkeit des Seins im allgemeinen vertritt“.

10. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. CG.niederen‘ Bewusstseins wirklich. §§ 70 – 72. 22 Vgl. § 63. Schleiermacher. wird das fromme Abhängigkeitsgefühl in Modifikationen des . Sünde lässt sich zwar mit dem alten Motiv der Abwendung von Gott als „ursprüngliche[ ] Tat“ des Ich kraft seiner Freiheit verstehen. Er macht sich als latentes Gottesbewusstsein im Streben nach Erlösung geltend. Sein transzendentaler Status und seine reflexiv erkundete.15 13:48 . Und darum kann sie sowohl als eine mit der „ursprünglichen Vollkommenheit“ kompatible „Störung“ gedacht wie 20 Schleiermacher. im Bewusstsein der Gnade tritt es in lustvoller Leichtigkeit auf. Sünde ist zwar „Widerstreit des Fleisches gegen den Geist“. variiert aber in individuellen Bildungsbiogra- phien.2. gleichwohl über. CG. Darin erweist sich die andere Seite der Spannung von Fleisch und Geist. Das subjektivitätstheoretisch exponierte Strukturmuster von Frömmigkeit und ihrem Vorkommen im auch sinnlich bestimmten Bewusstsein wird individuell in kontingenten Variationen durchlaufen. sondern bewusste Zustände des Subjekts. Darum ist das universale Sündenbewusstsein mit der individuellen Ausgestaltung der Subjektstruktur verbunden. ist mit der Ordnung von Sündenbewusstsein und Erlösungsbedürftigkeit anti- dualistisch eine im ganzen Menschengeschlecht angelegte Entwick- lungsgeschichte zu höherem und frommem Menschsein im Spiel. 21 Schleiermacher. Dafür steht dogmatisch die subjektivitäts- theoretisch eingeholte und mit dem schöpfungstheologischen Endlich- keitsmotiv verwobene Figur des Gegensatzes von Sünde und Gnade. § 66. In diese individualitäts. die Sünde als einen in die menschliche Selbständigkeit eingravierten Drang nach Selbstver- göttlichung denken zu wollen.oder vorreflexive Aktuosität wer- den mit den Bedingungen des empirischen Bewusstseins in dessen sinnlicher Form vermittelt.21 aber vermöge der Struktur von höherem und nie- derem Selbstbewusstsein in den Koordinaten von Lust und Unlust nie ohne jeden Geist. § 66.22 Während das Motiv der je eigenen Sündentat antimonistisch auf Selbständigkeit der Subjekte abstellt.162 Jörg Dierken einhergeht. Im Sündenbewusstsein ist das Gottesbewusstsein durch Unlust bei seinem Hervortreten gehemmt. CG.und bildungsbiographische Figur wird das Erbsündenmotiv umgeschmolzen. Diese Spannung ist nach Schleiermacher aufgrund eines entwicklungsbiographischen Vorsprungs des Fleisches vor dem Geist in jedem angelegt. Beides sind keine Gegebenheiten. nicht aber primär als Gesetzesübertretung.20 Es wäre sinnlos im Gefälle von Schleiermachers Denken. vgl.

28 Die Negativität im Selbstverhältnis reicht kraft der Dynamik von Alt und Neu ins so- teriologische Verhältnis zu Christus. 25 Schleiermacher. Schleiermacher. Negativität im Selbstverhältnis 163 auch als von Gott her „geordnet“ verstanden werden. In sie geht zwar der Gesamtgehalt von Christologie und Soteriologie ein. 24 Vgl. Das gilt in ähnlicher Weise auch für die ekklesiologische Sozialgestalt dieser Le- bensgemeinschaft. 28 Vgl. Sie resultieren neben unterschiedlichen Naturanlagen aus dem „vor der Wiedergeburt verflossene[n] Teil“ des Lebens. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Schleiermacher. CG. Dies wäre ohne Differenzen der Christen nicht denkbar. Aber die erneuerten. § 63.26 Da die Gestalt Christi keine wesentliche Negativität im Selbstverhältnis kennt. Darin gelange „der Einzelne“ zu einer neuen „religiöse[n] Persönlichkeit“.Fleisch‘ gehemmten Gottes- bewusstseins verkörpert.2. der Sünde entgegengesetztes .1. § 106. CG. sondern sind immer auch von der Differenz des Alten im Verhältnis zum Neuen mitgeprägt.3. des Gottesbe- wusstseins] des Erlösers“ in ein neues. CG. Das hamartiologische Motiv ursprünglicher Selbsttätigkeit wird mit der in einer . § 123.24 Dem Sündenbewusstsein entspricht gegenbildlich das der Gnade. auch § 110. bezieht sich die soteriologische Aufnahme in die „Lebensgemeinschaft“ mit ihm in den Figuren von Wiedergeburt und Heiligung auf das in Erlösungsbedürftigkeit transformierte Sündenbe- wusstsein.Persönlichkeiten‘ können sie nicht mit Christus gleich sein. § 68. 23 Schleiermacher.23 Beidem korre- spondiert im Blick auf den Weltbegriff die Deutung von den natürlichen und geselligen Übeln im Wandel von Strafen zu Reizmitteln des Geis- tes.15 13:48 . zugleich von Christus immer auch unterschiedenen Christen sollen in der Kirche aufeinander ein- wirken und die Kirche durch wechselseitige Ergänzung ihrer Indivi- dualität vervollkommnen. haftet die Differenz von Alt und Neu an dem Kontrast von der Sündlosigkeit Christi und der „Nachwirkung“ der vergebenen Sünde in den einzelnen Christen.10. und die in religiöse Individuation transformierte Nachwirkung der Sünde forciert die kommunikative Dynamik des kirchlichen Sozialverhältnisses.1.25 Während Christus das Urbild des christlichen Gnadenbewusstseins kraft seines durch keinen Widerstreit mit dem . CG. §§ 75 ff. 26 Schleiermacher. CG. vgl. § 80. § 100.Ordnung des Freien‘ erfolgenden „Mitteilung [sc. 27 Schleiermacher.Gesamtleben‘ der Gnade eingestellt und darin sozial umgeformt. § 109.3. vgl. CG.27 Als .

Soteriologie und Ekklesiologie zielt auf ausgeglichene. 365 ff. Ders. Harte und unauflösliche Entzweiung kann es für das Individuum nicht geben. Das Wesen des modernen Geistes. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. das „alles Sinnliche[ ] im Geistigen. von supranaturaler Gottesautorität und übergeschichtlichem Bibelwort. bes. Ernst Troeltsch. II.. Die Moderne Welt. hier: 320. allerdings verborgen unter einem neuen Gewand. alles Endliche[ ] im Unendlichen. Aufsätze zur Geistesgeschichte und Religionssoziologie (GS IV). das Christentum gelte von vornherein als absolute Religion. Tü- bingen 21925 (ND Aalen 21981).164 Jörg Dierken Ebendarin findet sie allerdings auch ihr Limit. ebenso wenig wie eine eschatologische Ewigkeitsperspektive für seine stets gebrochene Einzelheit. Auf ihn passt Tro- eltschs Charakterisierung des modernen Immanenzdenkens. Die geschichtliche Ausrichtung seiner Begriffe sei nicht wirklich historisch.. Ei- nerseits gilt er neben Hegel als Lichtgestalt religiösen Denkens nach der Aufklärung. Dem Diagnostiker der Moderne bietet sich ein widersprüchli- cheres Bild. passim. Die Selbständigkeit der Religion.15 13:48 . Insbesondere die Kräfte der Individualität und Freiheit 29 Ernst Troeltsch. 297 – 338. die subjektivitätstheoretische Begründung der Religion sei Metaphysik und die Zwiespälte des Lebens seien in kunstvollen Balancen aufgefangen und auf Distanz zur wirklichen Härte der modernen Welt gebracht. Jahrhunderts veränderten Einschätzung der Moderne und ihrer Denkweisen resul- tieren.10. Teil I u. Troeltsch: Neuprotestantische Personalitätsreligion Für Ernst Troeltsch bietet Schleiermacher ein ambivalentes Bild. Die Eschatologie wird dominiert von dem Motiv der Voll- endung der Kirche – freilich im Modus eines regulativen Grenzbegriffs. alles Ein- zelne[ ] in der Weltharmonie“ aufgehen lasse und dabei durchaus auch um die Negativität des Daseins wisse. 30 Vgl. 4.29 Andererseits habe Schleiermacher letztlich die alten Prinzipien der christlichen Lehre wieder aufleben las- sen. in: ZThK 5 (1895). Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte. Tübingen 21912.. letztlich beruhigte Wechselbalancen der Individuen. Der Zusammenhang von Christologie. die Ernst gemacht hat mit der rationalen und historischen Kritik der Vorstellungen von Erbsünde und Hölle. 1. In dieser Größe liegt zugleich die Grenze von Schleiermachers Individualitätsgedanken im filigranen Geflecht von Sünde und Gnade. 361 – 436. in: Ders.30 Die Ambivalenzen in Troeltschs Schleiermacher-Bild dürften aus der um die Wende zum 20.

Die moderne Welt.10. 32 Vgl.. Tübingen 1913. Jahrhunderts haben diese Kräfte zur Re- lativierung von Idealen und Werten beigetragen. Ernst Troeltsch.. 34 Vgl. Dazu zählen die Skepsis als Basis historischer Kritik und die auf die Melodie einer Fortschrittsplanung gestimmte Geschichtsphilosophie. Ders. Ökonomie.. 139 ff. 297 – 374. in: Ders. Das betrifft den nationalen Machtstaat und den Kapi- talismus. mehr noch den mit moderner Wissenschaft verbundenen Na- turalismus. 1. sondern mit Geschichtsphilosophie in prakti- scher Absicht verwickelt.a.O. 29).15 13:48 . Auch das mit der Aufklärung aufgekommene Ideal der Rationalisierung ist ambivalent. passim. in: RGG1 4. GS IV (s.32 Für den Parteigänger und Diagnostiker des Historismus führt das Ne- gativitätsthema auf das Gebiet der Geschichte.31 Insbe- sondere haben für Troeltsch die Auswirkungen des mit der Aufklärung aufgekommenen Geschichtsdenkens zur Krisensignatur beigetragen. Darin kommt in analytischer Hinsicht Troeltschs Unterscheidung von Alt. 503 u. 2. a. zu Troeltschs Verständnis der Aufklärung: Ernst Troeltsch.33 Danach habe nicht schon die Reformationstheologie oder die auf sie folgende or- thodoxe Systematisierung. Jahrhunderts. So können die Kräfte von Individualität und Freiheit auch zum Vehikel einer neuen Irrationalität werden. die mit den Prinzipien modernen Denkens kompatibel ist. Wissenschaft und Technik kam es erst mit der Aufklärung des 18..und Neuprotestantismus besonderes Gewicht zu. 33 Vgl. im Verhältnis zur Kultur“. Art. Negativität im Selbstverhältnis 165 werden durch Entwicklungen unterminiert. 1 – 66. Das Wesen des modernen Geistes. „Protestantismus II. Im Historismus liegen neue Sinnpotentiale neben Tendenzen zu relativistischem Nihilismus. Tübingen 1922 (Neudruck 21977). GS III. Trotz 31 Vgl. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. P. Es ist nicht primär mit Subjektivitätsmetaphysik. höchstens die psychologisch beschreibbare Gestalt selbstre- flexiver Subjektivität. ö. die sie selbst mit hervor- gebracht haben. Doch zu einer diesseitsori- entierten Weltgestaltung im Bereich von Staat. Anm. o. Ernst Troeltsch. in: Ders. in: Historische Zeitschrift 97 (1906). Die Aufklärung. Der Historismus und seine Probleme. Doch im Historismus des 19.. wie etwa Nietzsches Ideal des vornehmen Gewaltmenschen zeige. Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt. sondern erst die Aufklärung zu religiösen Umformungen geführt. 1912 – 1920.34 Hiermit sind die gegenständlichen Voraussetzungen der reformatorischen Vorstellungen von Sünde und Rechtfertigung nicht vereinbar. die sich zugleich in ethisches Handeln in den Formationen des weltlichen Lebens schickt.

Troeltsch. Die in der Aufklärung fundierte „moderne Welt [hat] ihr Werk der Zertrümmerung der alten religiösen Bindungen gründlich getan. sondern auch in ihrem Binnenraum haben Phänomene des Negativen zentrale Bedeutung. Mystik und Kirche. Systematisch“. 39 Ernst Troeltsch.10. etwa im Wechselspiel von Figuren wie Sekte. Teil III u. 31). aber auch Sinnkrisen und Schuld.. GS II. Dies gelte schon im Blick auf die allgemeine Psy- 35 Troeltsch. 452 – 499. Die Selbständigkeit der Religion. Es entzieht sich in der Religion aber funktionalistischer Handhabbarkeit. So sei das Problem der „Theodizee“ in weiterem Sinn die „Grundfrage aller Religion“. sei es durch deren Veran- kerung im Gottesgedanken. 1. Ihn hat Troeltsch paradoxerweise in sub- stanzialistischen Figuren verstanden. Das Wesen des modernen Geistes (s. Der Historismus und seine Probleme (s. in: Ders. in: RGG1 5. Die Religion hat die moderne Welt mitgebaut. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Es ziehe die Gebiete des „persönlichen Lebens und seiner Werte“ in den Bann.39 Hinter ihm stehen Endlichkeitserfah- rungen von Leiden. 965 ff.38 Dabei sollte sie zur Stärkung von Personalität beitragen. Das Wesen der Religion und die Religionswissenschaft. „Theodizee II.166 Jörg Dierken aller Leistungen um Erforschung von Religionsquellen. 71 – 110. Tübingen 21922 (Neudruck Aalen 21981). 36 Vgl. 37 Vgl. Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen. Die kirchliche Lehre habe es im Sündengedanken bearbeitet. aber irgend eine wirklich neue Kraft hat sie nicht hervorgebracht“35. Mit der Kritik von deren gegenständlichem Realismus ist aber jenes Problem nicht beseitigt. Tübingen 1913. GS I. Ders.. Die Selbständigkeit der Religion. Nicht nur im geschichtstheoretischen Zugang zur Religion. o. Anm. in: Ders. 328. Troeltsch. Teil I u. Tübingen 21919 (Neudruck Aalen 31977). o. Art. Ders. Der Theologe und Religionsphilosoph Troeltsch reagiert auf diese Diagnose. sei es durch Aneignung einschlägiger Traditionsbestände. II (s. Anm. Anm. o. sei aber von dieser in ihrer alten Stellung überrollt worden. Dennoch ist das Motiv des Kon- trafaktischen unübersehbar. in: ZThK 6 (1896). Ernst Troeltsch.15 13:48 . -psychologisches und geltungstheoretisches Programm zum Erweis der Selbständigkeit der Religion entwirft36 und die Religion zugleich behutsam auf die sozio- logischen Strukturen der Moderne bezieht. Übeln und Versagungen. Hebung der Moral und Stärkung des Individuums sei es darin aber nicht zu einer wirklichen religiösen Neuerung gekommen. indem er ein religionsgeschichtliches. 167 – 218.37 Der spätere Kulturphilosoph brachte die christliche Religion in die Kultursynthese des Europäismus ein. hier: 1186. Die moderne Welt. 30). IV. 694 ff. 38 Vgl.. 1186 – 1192. 29).

Dies eröffnet eine Dynamik kontrafaktischer Umkehrung in religiösen Deutungen. Vor diesem Hintergrund beschreibt Troeltsch die Religion selbst als eine „Empfin- dung von .43 Unberührt davon bleibt Troeltschs geschichts. 481 – 488. hier: 1470 f.a.. Negativität im Selbstverhältnis 167 chologie sinnhaften Lebens. Art. 490 ff. 40) stellt demge- genüber auf den Willen als Merkmal des vom Relativen unterschiedenen Ab- soluten ab und hebt seine Eigenschaft als Schöpfer hervor.40 Solches Erleben letzter und absoluter Werte sei transrational und lasse sich reflexiv nicht einholen oder gar begründen.O. Art. 622 – 632. in dem das indivi- duelle Leben mitsamt seiner Freiheit gegründet und vollendet werde. „Erlösung II. o. deren unterschiedliche Akzentuierungen von Immanenz und Transzendenz einander überlagern können.. auch Ders. Anm. Die Selbständigkeit der Religion (s.. ziele personalistische Religiosität auf eine Einheit des Subjekts mit Gott. in: RGG1 2. Troeltsch beschreibt differente Typen von Integrationen und Um-Wertungen jener Negati- vität. Das Spektrum reicht von pantheistischen zu personalistischen Fi- guren. Art. kennt aber auch das Motiv der „Aufzehrung der endlichen Selbstheit durch die Gottesgemeinschaft“ (a. Anm.letzten Dingen‘“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Theodizee‘ umschrie- bene Zugang zur Religion ist der Ort für Negativität in einem geschichts- und sozialtheoretisch kontextualisierten Selbstverhältnis. Tübingen 1910. Während pantheistische Figuren drängende Lebensfragen dadurch abblenden. 43 So in Troeltsch. hier: 483. in: RGG1 2. Dogmatisch“. – Der RGG1-Artikel „Eschatologie“ (s. hier: 622. 36). „Gnade Gottes III. Der von Troeltsch mit dem Stichwort . Tübingen 1910. 41 Vgl.a. „Eschatologie IV. 36). könne aber die drängenden Negativitätserfahrungen aufnehmen und deuten.15 13:48 . ob Troeltschs Figur der Fundierung der gefährdeten freien Personalität in einer tendenziell mystischen Religio- sität der Hingabe an einen substanzial-allumfassenden Gott überzeugt. Das Wesen der Religion und die Religionswissenschaft (s. die sich nicht harmo- nistisch beruhigen lassen.. 624 u. a. 627). Ders.O. o. 42 Ernst Troeltsch. in: RGG1 2. vgl.41 Dabei komme es durchaus zu verschiedenen Wertoffenbarungen. Dogmatisch“. ö. Schon darum bleiben die Um- kehrungen im Letzten für das Subjekt kontingent – so sehr sie auf die 40 Ernst Troeltsch.und sozialtheoretische Verortung von Empfindungen von Negativität. Tübingen 1910. Dogmatisch“. 196 ff. Anm.. Die „Persönlichkeit [erscheint] als das [in Gott fundierte] Ziel der Welt. o. genauer „Wirklichkeiten und Werten“. insbesondere aber angesichts der Entwick- lungen von naturalistischem Determinismus und historistischem Rela- tivismus.“42 Es mag dahingestellt bleiben. 1469 – 1474. dass sie das Subjekt in ein Ganzes des Seins und Werdens einbinden.10. bes.

45 Vgl. Tillich hat gewissermaßen das Motiv einer . Das Dämonische. Ders. GW VIII. nur Paul Tillich..Dialektik der Aufklärung‘ auf seine Weise vorweg genommen. in: Ders.Essen- tifikation‘.. 285 – 291.45 Allerdings werde das Unbedingte mit bestimmtem Bedingtem und partikularen Interessen identifiziert. o.und sozialgeschichtlichen Hintergrund solcher Verkehrung sah Tillich in der Schwächung traditionaler Formen im Gefolge von Auf- klärung. 51 – 98. manifest werdende Machtdynamik teile ein Strukturmoment von Religion.168 Jörg Dierken Negativität im Selbstverhältnis bezogen sind. GW V. Dass Offenbarung dann in verneinenden Figuren des . Stuttgart 21963.. von Tillich später . Das Christentum und die Begegnung der Weltreligionen (s. der kapitalistischen Gesellschaft und den po- litischen „Quasi-Religionen“ totalitären Zuschnitts finden konnte. in: Ders. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Er fokussierte Phänomene des Negativen.44 In erkenntnistheoretischer und religionsphilosophischer Hinsicht kamen dem Zweifel und der Skepsis größere Bedeutung zu als der Zustimmung zur alten Offenbarungslehre. 5. die Tillich in der Geschichte. 44). Das Christentum und die Begegnung der Weltreligionen. in: Ders. Der Begriff des Dämonischen und seine Bedeutung für die Systematische Theologie. GW VI. Sie avanciert zum pro- duktiven Problem aufgeklärter Religion. 42 – 71. Tillich.Korrelation‘ genannte Methodik. Säkularisierung und dem mit der Diesseitsausrichtung verbun- denen technischen Weltverhältnis. Ein Beitrag zur Sinndeutung der Ge- schichte (1926). Ders.15 13:48 . In dieser Sicht verbanden sich kon- 44 Vgl. Jahrhunderts geradezu ex- plodierenden Moderne in den Blick. nimmt daher we- niger Wunder als die gegenläufigen Ausblicke auf Figuren von . insbesondere im Kapitalismus und den totalitaristischen Quasi-Religionen. nämlich die Thematik des Unbedingten. Den kultur. In sozialphilosophischer Hinsicht gipfeln sie in Figuren dämonischer Umkehrung des Unbedingten.. Anm. Und in dogmatischer Hinsicht bestimmten Variationen über Negativität im Selbstverhältnis die gesamte. Dass der Schöpfungsgedanke sogleich im Zeichen des Sündenfalls expliziert wird.10.Durchbruchs‘ des Unbedingten durch das Bedingte expli- ziert wurde. Die in geschichtlichen Phänomenen. Stuttgart 1970. Tillich: Das Unbedingte im Negativen Mehr noch als bei Troeltsch kam bei seinem Schüler Tillich die Kri- sensignatur der in der ersten Hälfte des 20. ist die Kehrseite..

46 f. Für Ersteres steht das Sein des Selbst. Der ka- tegoriale Hintergrund war jedoch ein anderer. und Letzteres führt auf die Sinnform als solche. 44). dass Sinn auf weiteren Sinn geht. o. 123 – 127. eine „heilige Negativität des Abgrunds“ in der „Intention der Zerstörung“.15 13:48 . Sowohl der gedanklich-theoretische als auch der existenzielle Zweifel impliziert Momente des Unbedingten. Sie kann ebenso in seinem Gegenteil.10. In beides findet sich das Subjekt unwillkürlich hineingezogen. Das Dämonische (s. Stuttgart 21959. das in jeder dy- namischen Aktualisierung bereits beansprucht ist. 295 – 364. Hierfür steht das Motiv des Dämonischen. Negativität im Selbstverhältnis 169 servative Motive mit solchen der späteren Kritischen Theorie. Insbesondere die sinntheoretischen Figuren verbinden die sozial. realisiert. GW I. sondern auch die in der skep- tischen Verneinung beanspruchten Gedanken lassen sich nicht als bloße. Das zeigt die Dialektik von Zweifel und Gewissheit. hier: 338. als destruktive Macht manifest werden. wenn es skeptisch seinen eigenen Vollzug ergründen will. Tillich. Religionsphilosophie. EW VI. Tillich dachte in Figuren einer aus dem Selbstvollzug von Subjektivität gewonnenen. gewann beim späteren die ontologische Begrifflichkeit ein Übergewicht. Während der frühe und mittlere Tillich sinntheoretische Figuren zur Explikation von Negativität fokussierte.46 Diese Struktur aktiver Opposition gegen das Unbedingte. in: Ders. gar willkürliche Erzeugnisse des Selbst verstehen. nur den Brief Tillichs an E. auf ein im Akt des Zweifels Nichtbezweifelbares stößt – nämlich diesen eigenen Akt als solchen –.47 kann sowohl in ontologischen Begriffen der Kreativität von Seinsmächtigkeit im Negativen als auch in sinntheoretischen Figuren eines unerschöpfli- chen Sinngrunds und seiner sinnverneinenden Beanspruchung expliziert werden. 47 Vgl.und kulturtheoretische Dimension des Negativitätsthemas mit dem religiös konnotierten Selbstverhältnis. sodann ab- solutheitstheoretisch explizierten Dynamik des Unbedingten. die zugleich von dessen eigener Kraft zehrt. in: Tillich. Wie das Selbst. Es ist das „heilig Gegengöttliche“.48 Die Re- flexionsfiguren. wobei das Sein nicht 46 Paul Tillich. Anm. so zeigen die skeptischen Gedanken eine elementare Kon- textbezogenheit. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die jede Kontextualisierung allererst ermöglicht und sich darin. in denen Tillich Phänomene des Subjektiven über rückbezügliche Negationen aufzuhellen sucht. verweisen auf die un- übersteigliche Voraussetzung von Sein und Sinn. dem Bedingten. in beidem ist es aber zugleich auch selbsttätig.. 1918. Hirsch vom 9. 5. 48 Vgl. Nicht nur sein Selbstvollzug.

202. Stuttgart 1967. 44).O. Stuttgart 31956.51 Eine Grundstruktur der Dynamik von Negativität auf dem Boden absoluter Positivität kenn- zeichnet auch seine reife Systematische Theologie. in: Ders. Die Überwindung des Religionsbegriffs in der Religi- onsphilosophie..a. GW VIII (s. Dadurch „ist [er] die Frage nach sich selbst“. Wenn Tillich Letzteres in die Metapher des . bes. 13 – 31... u. 196. 85 – 100. Die Möglichkeit zur Sünde wurzelt in der Gottebenbildlichkeit menschlicher Freiheit.O. GW I (s. Die Korrelationsmethode fokussiert das. 218 ff.170 Jörg Dierken anders als in der Sinnform zugänglich wird. 50 So argumentiert Tillich in dem grundlegenden Aufsatz Rechtfertigung und Zweifel. mit der er die Manifestation des Unbedingten im Be- dingten kennzeichnet. kommt symbolisch in der Untrennbarkeit von Schöpfung und Fall zum Aus- druck. 54 A. 193 ff. 51 Paul Tillich. 367 – 388. in ihrem Nicht-sein-Sollen ist sie gleichwohl 49 Vgl. 53 Vgl. im Verhältnis zu seinem Sein oder Nichtsein.unbedingt angeht‘. a.53 Deren Ort ist das Selbstverhältnis. Rechtfertigung und Zweifel... Sie zielt auf ein existenziell wie ethisch relevantes Verständnis von end- licher Freiheit.a. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Anm.54 In der End- lichkeit jener Freiheit reflektiert sich die Individuation des je eigenen Selbstverhältnisses.Durch- bruchs‘ kleidet.49 so kann die Negativitätsfigur allerdings in ab- strakte Verneinung übergehen.15 13:48 . ST I. o. Anm. was den Men- schen . Vgl. o. der Freiheitscharakter im Endlichen fokussiert seine zentrierte Selbsttätigkeit in welthaft-kulturellen Zusammenhängen. in: Ders. 52 Paul Tillich. 76. Sie wird immer nur in einzelnen Sinnele- menten im Bedingten aktual.Entfremdung‘ gefeit sein kann. Ob die Gewissheit tatsächlich den Zweifel . hier: 18. Subjektivität wird darin zum Nadelöhr. Dass es in sich selbst spannungsvoll ist und weder für sich noch in seinem Verhältnis zu anderem vor . das zugleich eine Welt .durchbricht‘ und hinter sich lässt oder sich in seinem Vollzug einstellt. ö. mag gefragt sein. Paul Tillich.10. in: Ders.52 Hintergründig steuert eine Sinntheorie im Negativ die ontologisch gefärbte Endlichkeitsreflexion. GW IX. 46). Über die Idee einer Theologie der Kultur.hat‘: „[K]ein Selbstbewußtsein ohne Weltbewußtsein“. die aneinander anschließen – in Kontinuität und Widerspruch. nur Paul Tillich.50 Für Tillichs frühes Religionsverständnis ist die „Erfahrung des Un- bedingten“ die „Erfahrung schlechthinniger Realität auf Grund der Erfahrung schlechthinniger Nichtigkeit“. Darin liegt die Unbedingt- heitsdimension des Sinns..

57 Während auch hier das für Dynamik in Kritik und Korrektur erforderliche Moment des Negativen nicht abgeblendet wird. kommt es mit dem vollendenden Übergang vom Zeitlichen der Ge- schichte in die Ewigkeit des Reiches Gottes zu einer Aufhebung des Negativen. Gegenläufig dazu steht die Freiheit eines sozial vermittelten Selbstseins. ö.. 58 A. in der „das Negative negiert wird“ unvermeidlich. 56 Vgl. GW XI. die zu einem ethisch und kulturell verantwortlichen Umgang herausfordern. bes. a.58 Mit der Ambivalenz der Existenzform ist ein transzendierender Ausgriff auf ihr Gegenmoment mitgesetzt. das allerdings vom Schatten der Entfremdung begleitet wird. 13 – 139. die Ewigkeit als Leben eine ans Zeitliche erinnernde Prozes- sualität. Es bleibt auch auf dem Boden des Geistes bei einem Leben in . u.Sein-selbst‘ zeigen dies sowohl Tillichs Figur von .Gott über Gott‘. hier: 127 ff. die aus der Dialektik des Negativen erwachsen. ST III.. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Neue Sein‘ in Jesus als Christus bietet zwar kontrafak- tische Gegenbilder zur entfremdeten Existenz. Stuttgart 1969.56 Die Stelle der traditionellen Eschatologie wird zu erheblichen Teilen von Geschichtsdeutung in praktischer Absicht eingenommen.a. führt aber nicht aus ihr heraus. Doch selbst die Positivität dieser höchsten Formel für das Absolute tilgt nicht alle Spuren von Selbsthaftigkeit. Begrifflich ist eine eschatologische „Essentifikation“.15 13:48 . die als kritischer Vorbehalt gegen alle Verdinglichung des Seins- Gottes fungiert.O. Der Mut zum Sein.Zweideutigkeiten‘. 452 f. Paul Tillich. Sie zeigt sich in seiner leibhaften Geistigkeit ebenso wie in den sozialen und geschichtlichen Umständen seiner Existenz. 35 ff. Die Seligkeit hat das Gericht zur Kon- trastfolie. 341 ff.55 Seine Endlichkeit bedeutet für das Selbst tragische Schicksalhaftigkeit..a.. 57 Vgl.Seins-selbst‘. Dass Tillich die Eschatologie nicht im Sinne einer regulativen Idee fasst und damit auf innere Transzendenzen bezieht. 36. Stuttgart 21958. 191 – 323. Doch schon auf der Ebene symbolischer Artikulation kann Tillich es nicht durchhalten. Vgl. Stuttgart 1966. in: Ders.absoluten Glaubens‘. etwa Paul Tillich.O. hat seinen Grund im Primat der Ontologie einer letzten Positivität: des . Die Erlö- sung durch das . Paul Tillich. ST II. 45 ff.10. bes.Mut‘ zur Annahme des eigenen unannehmbaren Seins einhergehenden .. 39. als auch die damit korrespondierende Figur eines mit dem . 59 Neben der Formel vom . Negativität im Selbstverhältnis 171 kontingent.59 55 Vgl. Tillichs Reformulierung des Rechtfertigungsglaubens.

Und die emp- fohlene Therapie kann nicht darin liegen. Zweitens. in welchem Maße die Aufmerksamkeit auf Ne- gativität im Selbstverhältnis Prozesse religiösen Aufklärens forciert. etwa dem Weltlauf in seiner Schlechtigkeit als ökonomische Gier. der Fokus auf das Negative hat besondere kulturelle Be- deutung in Zeiten gesellschaftlich erwarteter Positivkommunikation. wenn sie nicht in Selbstverhältnissen lebt. um sodann auch aufs Eigene abzufärben. Das objektive Bewusstsein ist nach der Aufklärung nicht der Boden von Religion. Bandbreite und Vieldimensionalität der produktiven Kraft des Negativen lassen sich nicht auf einen simplen Nenner bringen. Dennoch wird Religion hohl. Dazu gehören die Sensibilisierung der Selbstbeurteilung in der frühreforma- torischen Theologie. wie in manchen Predigtmustern. wenn sie privatistisch missverstanden werden und nicht zugleich in sozio-kulturelle Praxen eingehen. Schleiermachers religionstheoretische Durchdrin- gung der Subjektivitätsstruktur in religiöser Phänomenalität. vertreibt keine Selbstgerechtigkeit. Dennoch ist die Pflege der Er- innerung an bedeutsame Gestalten aufklärender Theologie keine museale Angelegenheit. primär im Äußeren und Anderen identifiziert werden. jedenfalls als religiös aufklärende. Negativität im Selbstverhältnis be- wahrt davor. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Sie geht in kul- turelle Gestalten ein. Diese werden jedoch leer. Dies sei in drei Hinsichten noch angedeutet. sich selber auf die Seite des von allem Bösen schadlosen Guten bringen zu wollen. dass immer nur die Anderen vom Teufel sind. Das gilt auch für theologiegeschichtliche Aufstiegslinien. Freilich objektiviert sich Religion in ihren kommunikativen Äußerungen. Er trägt zur Kultivierung der Kategorie des Kontrafaktischen bei. politische Macht oder ökologische Verfehlungen. in denen sie auch beobachtet werden kann.15 13:48 . Freilich darf dazu das Negative nicht. Sie kann auch aktuale Entwicklungen orientieren. in religiösen Zusammenhängen ist der primäre Ort der Negativitätsthematik das Selbstverhältnis. Religion.und sozialtheoretische Aufnahme von Figuren des Kontra- faktischen und Tillichs sinntheoretische Erhellung endlicher Freiheit. Erstens. Troeltschs geschichts. Schlussbemerkung: Die Kraft des Negativen Der Durchgang durch klassische Gestalten protestantischer Theologie dürfte gezeigt haben. Religion steht für das Eigenrecht des Subjektiven im intersubjektiven Leben des ob- jektiven Geistes. auch nicht in vermeintlich heilen Gegenwelten.10.172 Jörg Dierken 6. Und ohne diese bildet sich auch kein subjektives religiöses Bewusstsein.

Das gilt ebenso im Selbstverhältnis wie im Verhältnis zu Anderem.15 13:48 . Negativität im Selbst- verhältnis kann moralistische Verkürzungen aufklären.10. Ebendarin wird er gerechtfertigt. In reformatorischer Terminologie ist deren höchste Form der Glaube an das göttliche Urteil über den eigenen Status als Sünder. Negativität im Selbstverhältnis 173 Drittens. dass die Rechtfertigung dem Sünder gilt und nicht dem schon Heiligen. das vermeintlich abständige Thema der Sünde gehört zum Themenbestand auch der aufgeklärten Religion. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Das befähigt zu erhellender Reflexivität im Aufklären. mit Widersinnigem produktiv umzugehen. einhergehend mit einem realistisch gebrochenen Optimismus der Lebensführung im Am- bivalenten. Sündenbewusstsein ermöglicht Selbstdistanz und Orientie- rung im Zweideutigen. Ein in Aufklärung begriffenes Sündenverständnis erlaubt es. Auch in Umformungen des Rechtfertigungsglaubens kennzeichnet es protestantische Religiosität.

10.15 13:48 .Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.

Auf der Suche nach der Wahrheit.10. welches die Streitsache unter den Gelehrten auslöste.15 13:48 . in: Ders. daß sie nöthig gewesen. dem Hamburger Orientalisten Hermann Samuel Reimarus. Februar 1787 aus Barby. Nur 10 Jahre zuvor hatte Gotthold Ephraim Lessing durch die Publikation der Fragmente eines Ungenannten den Fragmentenstreit ausgelöst. In ihr artikuliert sich – ebenso wie in dem Brief des jungen Schleiermacher – ein zunehmender Plau- sibilitätsverlust des dogmatischen Lehrbegriffs des Altprotestantismus. Johann Salomo Semlers Position im Fragmentenstreit. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Johann Salomo Semler. Waltrop 2003. daß der wahrer ewiger Gott war.1. mit den Mitteln der sich herausbildenden modernen Ge- schichtswissenschaft geleistete Nachweis. Schleyermacher vom 12.2 Es war insbesondere der von dem großen Unbekannten.G. 55.A. Nr.“1 Ende des 18. daß sein Tod eine stellvertretende Versöhnung war. 2 Einen Überblick über den Fragmentenstreit bietet: Dirk Fleischer. ich kann nicht glauben. KGA V. weil er es selbst nie ausdrücklich gesagt hat. (Hg. sondern der die voran- schreitende Erosion des dogmatischen Christusbildes der Kirche un- übersehbar werden ließ. dass das Christentum – das neue Systema der Apostel – nicht auf den Mann aus Nazareth zurückgeführt werden könne. Für die gebildeten Zeitgenossen waren – mit den von Jacobi Lessing in den Mund gelegten Worten formuliert – die „orthodoxen Begriffe von der 1 F. Beantwortung der Fragmente eines Un- genanten insbesondere vom Zweck Jesu und seiner Jünger. Jahrhunderts gehört.). Aufgeklärte Christologie? Christian Danz Mit „zitternder Hand und mit Thränen“ schrieb der junge Friedrich Schleiermacher am 12. 1 – 106. der nicht nur zu den bedeutendsten literarischen Streitsachen im letzten Drittel des 18. sondern eine Erfindung seiner Jünger sei. Schleiermacher an J. der sich selbst nur den Menschensohn nannte. und weil ich nicht glauben kann. Februar 1787 aus dem Seminar der Brüderge- meinde in Barby an seinen Vater: „Ich kann nicht glauben. Jahrhunderts ist der junge Schleiermacher nicht der Einzige. dem das christologische Dogma der Alten Kirche – inklusive der Lehre vom stellvertretenden Versöh- nungstod des Gottessohnes für die Sünden der Menschheit – fraglich geworden ist.

Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn. Jahrhunderts. 5 Vgl. Ernst Troeltsch.15 13:48 .10. Seit der Kritik der Sozinianer und Arminianer in der Reformati- onszeit. 133 – 134. dem englischen Deismus im 17. der Ämter- sowie der Ständelehre zusehends ins Visier der historischen. ethischen und erkenntnistheoretischen Kritik. und er hat sich von ihr seither nicht wieder erholt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Tübingen 2003. Jahrhundert und dessen durchaus modifizierter Rezeption in der protestantischen Schultheologie des 18. v. Die Auflösung der Lehre von der stellvertretenden Genugtuung des Got- tessohnes setzte bei der Frage ein. Volker Drehsen in Zusammenarbeit mit Christian Albrecht. sondern auch die alte Versöhnungslehre. Die in der Sattelzeit der Moderne voranschreitende Modernisierung der Gesellschaft – von Ernst Troeltsch als Übergang vom Alt. dass sich sittliche Leistungen nicht übertragen lassen.176 Christian Danz Gottheit“ nicht mehr zu genießen. dass Schuld „keine transmissible 3 Friedrich Heinrich Jacobi. Darmstadt 2000. hg. Die Kritik am Dogma löste nicht nur die Personchristo- logie der alten Kirche auf. Berlin/New York 2004. Jahrhunderts5 geriet der christologische Lehrbegriff des Altprotestantis- mus mit seinen drei Bestandteilen der Personchristologie. 22. wenn er darauf hinweist. Eine Studie zur Rezeption englisch-deistischer Literatur in deutschen Zeitschriften und Kom- pendien des 18. wurde die überlieferte Satisfaktionslehre durch Johann August Eberhard und Wilhelm Abraham Teller vollständig verlassen. ob dem aktiven Gehorsam Christi eine genugtuende Wirkung zukomme. Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit (1906/1909/1922) (KGA VII). Immanuel Kant hat in seiner Religionsschrift von 1793 dann nur noch die Kritik an der kirchlichen Versöhnungslehre und ihren Voraussetzungen zusam- mengefasst. der schließlich im Fragmentenstreit kulminierte. Johann Gottlieb Töllner verneinte dies mit dem Argument. dass die „orthodoxen Begriffe“ für die aufgeklärten Zeitgenossen nicht mehr annehmbar waren. Der englische Deismus in Deutschland.3 Der das gesamte 18. Während Töllner das stellvertretende Sühnopfer des Gottessohnes noch gelten ließ. 4 Vgl. darf nicht zuletzt als ein Streit über die Grundlagen der Deutung menschlichen Lebens in einer sich zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaft verstanden werden.zum Neu- protestantismus beschrieben4 – trug nicht unerheblich dazu bei. Jahrhundert durchziehende Streit über natürliche und geoffenbarte Religion. Christopher Voigt.

wie eine Geldschuld […] auf einen an- deren übertragen werden kann“.10. rekonstruiert einen Mann aus Nazareth. A 88 = Werke. Sie beschreibt den individuellen Vollzug von Religion als ein Geschehen von Reflexivität im Selbstverhältnis des Menschen in seiner geschichtlichen Einbindung. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.Aufklärung der Christologie‘ wurde durch deren Historisierung vorangetrieben. oder. dass die Christologie als eine theologische Theorie der Religion ausgeführt werden muss. Darmstadt 1983. der sich nicht mehr mit dem geschichtlichen Erlöser der christlichen Religion zusammenbringen lässt. Bd. v. Aufgeklärte Christologie? 177 Verbindlichkeit“ sei. der sich durch auch noch so feine Kunstgriffe nicht mehr überbrücken lässt. und der geschichtliche Jesus von Nazareth auf der anderen Seite sind unwiederbringlich geschieden“. wie in der neueren Jesusforschung zu einem galiläischen Erneuerer der jü- dischen Religion wird. hatte freilich schon David Friedrich Strauß in seiner Auseinandersetzung mit dem Leben Jesu von Friedrich Schleiermacher als Ergebnis der Problemlage seit der Aufklä- rung bilanziert. Eine Kritik des Schleiermacher’schen Lebens Jesu. 726. Berlin. Dass zwischen dem historischen Bild des Mannes aus Nazareth und dem Christusbild des Glaubens ein Gegensatz besteht.15 13:48 . der durch ein paar Modi- fikationen am christologischen Dogma oder am überlieferten Lehrbegriff des Altprotestantismus gerade noch nicht eingelöst ist. Aus dem wahren Gott wird der Menschensohn. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. welche ich in meinen Ausführungen erläutern möchte. hg. Der „ideale wie der dogmatische Christus auf der einen. die sich im Laufe des 18. wie sie seit der europäischen Aufklärung geführt werden. 7 David Friedrich Strauß. Jahrhunderts zunehmend von den Vorgaben der Dogmatik emanzipierte. Die These. die „etwa. Der Christus des Glaubens und der Jesus der Geschichte.6 Die . 7. 1865.7 Die Debatten über die dogmatische Christologie. 222 f. der nur noch sehr wenig mit dem Christusbild des kirchlichen Dogmas gemein hatte. dass sie als jüdischer Apokalyptiker wie bei Reimarus und später bei Albert Schweizer in ihre eigene Zeit zurücktritt. Diese These möchte ich sowohl in 6 Immanuel Kant. Aber auch in der historischen Forschung verlor sich die Stiftergestalt des Christentums zusehends im Nebel der Geschichte – sei es. In meinen fol- genden Überlegungen möchte ich die Bedingungen für eine konstruktive und modernegemäße Umformung der Christologie ausloten. Wilhelm Weischedel. lautet. Die historische Forschung. der selbst ausdrücklich nichts von seinem Versöhnungstod gesagt hatte. indizieren einen grundle- genden Umformungsbedarf der Christologie.

In seiner Auseinandersetzung mit der posthumen Veröf- fentlichung des Schleiermacherschen Lebens Jesu schreibt Strauß über die Bedeutung des Berliner Theologen: „Die deutsche Theologie steht immer noch – oder eigentlich erst jetzt recht – an Schleiermacher.a... Nämlich nachgekommen. 8 A. VI. ist sie ihm einigermaßen nachgekommen. Das Urbild als Erkenntnis der Geschichtlichkeit des Glaubens Die .178 Christian Danz einer problemgeschichtlichen als auch in einer systematischen Perspek- tive entfalten. daß es ein überschrittener ist“.a. der „sicherste Be- weis.15 13:48 .O.O.10 Wie auch immer es um die Deutung und Kritik der Schleiermacherschen Christologie durch Strauß bestellt sein mag. nun erst. sie habe „eigentlich nur ein einziges Dogma: das von der Person Christi“.a. 1. 10 A. wie alle bedeutenden Geister. In den Blick zu nehmen sind zunächst die christologischen Konzeptionen Friedrich Schleiermachers.10. V. wenn dreißig Jahre nach dem Tod des großen Theologen selbst „Con- sistorien […] aus diesem Standpunkt heraus reden“. ein Menschenalter nach seinem Tode. daß sich in ihrem stumpfern Sinn die Umrisse seiner Ansichten im Groben wiederholen.“9 Freilich manifestiere sich darin. in der diese als Beschreibung und Darstellung des religiösen Aktes verstanden wird. der Zeit voran.8 markiert ohne Zweifel einen wegweisenden Neuanfang in der modernen Christologie.O. das Epochale dieser Christologie ist ihm nicht ent- gangen. Das hatte bereits der ehemalige Tübinger Stiftsrepetent selbst erkannt.. Ernst Troeltschs und Paul Tillichs. IV f. Nur als derart umgeformte Beschreibung des religiösen Vollzugs und seiner Selbstdarstellung vermag die dogmatische Christo- logie denn auch einen Beitrag zur Aufklärung der komplexen religiösen Lebenswelten der Gegenwart leisten. 9 A. von der David Friedrich Strauß 43 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage gesagt hatte.Glaubenslehre‘ Friedrich Schleiermachers. Er war. vor die sich die dogmatische Christologie seit der Aufklärung gestellt sieht. Abschließen möchte ich mit einer kurzen systematischen Skizze einer modernegemäßen Chris- tologie. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Sie dürfen allesamt als systematische Umgangsweisen mit den Problemanforderungen verstanden werden. wie die Massen einem großen Individuum nachkom- men können: so.

Er ersetzt nicht nur die im Zentrum der Prolegomena der altprotestantischen Dogmatiken ste- hende Schriftlehre. sondern der Vernunft.15 13:48 . Carl Gebhardt. 12 Vgl.10. Der Christus des Glaubens (s. Ferdinand Christian Baur. Jesus ist der geschichtliche Anfang der reinen. Berlin/New York 1984. 3. 2. 11). v. 93. Anm. 13 Vgl. welche unter dem Ansturm der historischen Kritik 11 Friedrich Schleiermacher. o.Glaubenslehre‘ hatte Schleiermacher be- kanntlich den Problemdruck aufgenommen und zu bearbeiten versucht. Manfred Walther. v.12 Die Christologie Schleiermachers und die in deren Zentrum stehende These. CG1 (s. so bezieht sich dieses auf das geschichtliche und urbildliche in seiner Person als unzertrennlich vereint. 20 (im Folgenden CG1). Im Unterschied zu Semler tritt bei Lessing. Kant und Fichte das Historische hinter die Idee des Christentums zurück. 277. o. Martin Redeker. 209 – 223.14 In der Einleitung zur . übers. Hermann Peiter.13 David Friedrich Strauß und Christian Ferdinand Baur haben Schleiermachers Christo- logie ohne Zweifel so verstanden. das Urbild des gottwohlgefälligen Menschen ist bei ihnen wie bereits bei Spinoza gerade kein Bestandteil der Geschichte. Bd. v. dass die Vereinigung von Urbildli- chem und Geschichtlichem – die wir sonst überall „ganz auseinander halten“ – in der Person des Erlösers wirklich vereinigt zu denken seien. geistigen Religion. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. als dem Ort aller Normativität. auch Ders. scheint auf den ersten Blick Idee und Geschichte – die in der Aufklärung auseinandergetreten sind – wieder zu vereinigen. Briefwechsel.Glaubenslehre‘. Hamburg 31986. hatte in dem historischen Indi- viduum Jesus von Nazareth den geschichtlichen Ausgangspunkt des Christentums erblickt. Baruch de Spinoza.. Die dogmatische Ausgestaltung der Christologie hingegen stuft Semler auf der methodischen Grundlage seiner Unter- scheidung von Theologie und Religion als zeitbedingten und lehrhaft didaktischen Ausdruck der überzeitlichen christlichen Religion ein. T. 2. Die christliche Lehre von der Dreieinigkeit und Menschwerdung Gottes in ihrer geschichtlichen Entwicklung. 283. 34. hg. Strauß. Aufgeklärte Christologie? 179 Mit seinem Hinweis im Paragraphen 114 der ersten Auflage der . dass „wir überall sonst geschichtliches und urbildliches ganz auseinanderhalten“ knüpft Schleiermacher an die christologische Debatte der Aufklärungstheologie an. Friedrich Schleiermacher. der seit der Aufklärung auf der Theologie lastete. Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der Evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt (1830/31). 14 Vgl. Tübingen 1843. v. 842 – 886. hg. Anm. Bd. 19: „Indem die Förderung des höheren Lebens in dem Bewußtsein des Christen auf den Erlöser zurükgeführt wird. Der christliche Glaube 1821 – 1822 (Studienausgabe). 7). § 114. Berlin/New York 1999.11 Johann Salomo Semler. Die Idee des Christentums.“ Vgl. hg. der Begründer der historischen Theologie.

in dem schon geschichtlich bestimmten Selbst- bewusstsein durch den Eintritt des höheren in das niedere Selbstbe- wusstsein. o. und ihn zu verfolgen. 2. Das eigentümliche Wesen der Frömmigkeit im Unterschied zum Wissen und zur Moral versteht Schleiermacher als den Eintritt des höheren Selbstbewusstseins in das niedere.16 wie Schleier- macher sich ausdrückt. § 109. Markus Schröder. zu ver- ständigen.180 Christian Danz zerbrochen wurde. Jahrhundert. „Dieses Bezogenwerden des sinnlich bestimmten auf das höhere Selbstbewußtsein in der Einheit des Moments ist der Vollendungspunkt des Selbstbewußtseins“ – so Schleiermachers bekannte Formulierung aus dem 5. in welchem die neue Entwiklungsstufe der 15 Vgl.Glaubens- lehre‘ allein dargestellt wird. wie er von der . wie sein inneres Wesen in der Gestalt der Lehre heraustritt“. 16 Friedrich Schleiermacher.15 sondern die Einleitung bietet bereits eine förmliche Christologie. Tübingen 2 2011. „daß und warum grade dieser Jesus von Nazareth derjenige ist.15 13:48 . bes. gerade nicht in einem empirisch-ge- schichtlichen Ereignis liegen. „nicht für diejenigen. dazu Folkart Wittekind. 17 Ebd. sondern nur für diejenigen. Die Religion entsteht „schlechthin“. CG1 (s. durch eine Bestimmung des Wesens des Christen- tums. Jahrhundert. um sich über seinen Inhalt.). 14 – 16. welche den Glauben nicht haben. Die kritische Identität des neuzeitlichen Christentums. Anm.17 Auf der methodischen Grundlage der subjektivi- tätstheoretischen Bestimmungen der Frömmigkeit als einem Geschehen im geschichtlich eingebundenen und bestimmten Selbstbewusstsein kann der geschichtliche Anfang des Christentums. nicht über seine Gründe. welche ihn haben. Zwischen historischem Jesus und dog- matischem Christus. um ihn ihnen annehmlich zu machen. wie Schleiermacher in den Ein- leitungsparagraphen zur materialen Christologie der ersten Auflage schreibt. Christologie im 20. und allein dadurch ist das höhere Selbstbewusstsein – das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit – auch ein bestimmtes. Die Christologie der . Was besagt diese Fassung der Eigenart der Religion nun für den Bezug des religiösen Bewusstseins auf seine geschichtlichen Bestandteile? Die christliche Glaubenslehre sei. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10.18 Folglich kann sie auch nicht beweisen wollen. 13 – 45.Glaubenslehre‘ be- schreibt mithin den aktualen Glaubensvollzug und dessen eigene Sicht von sich selbst als einem Geschehen in der Geschichte. Tübingen 1996. 8. Schleiermachers Wesensbestimmung der christlichen Religion. Zum Stand der Christologie im 21. 11). Paragraphen der zweiten Auflage der . Bd. 18 Vgl.Glaubenslehre‘. in: Christian Danz/Michael Murrmann-Kahl (Hg.

die Christologie um zu einer Darstellung des Glaubens als einem Akt des Selbstbewusstseins. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. S. warum sich der christliche Glaube an die Gestalt Jesu von Nazareth hefte. Bd. welches in diesem Akt bereits geschichtlich bestimmt ist. 2.. 8. auch Jörg Dierken.10. Diese Konstruktion des Erlösers. reproduziert doch gerade durch seinen Versuch. 2. deren Aporien. Anm. 393 – 395.21 Der Hinweis von Strauß. die altkirchliche und altprotestantische Personchristologie zu transformieren. wie an den genannten Formulierungen deutlich wird. o. hat auch Ernst Troeltsch beschäftigt.O. so sehr sie als Selbstdarstellung des christlich-religiösen Bewusstseins konstruiert wird. unterzieht zwar den überlieferten dogmatischen Lehrbegriff einer fulminanten Kritik.19 Schon Schleiermacher arbeitet.Glaubenslehre‘ aufgeworfene Frage. Studien zum Verhältnis von religiösem Vollzug und theologischer Bestimmtheit bei Barth und Bultmann sowie Hegel und Schleiermacher. 20 A. dass die . das eigentlich historische und das geschichtsphilosophisch-normative Element schärfer zu trennen“. 21 Vgl. § 113 (Leitsatz). Glaube und Lehre im modernen Protestantismus.Glaubenslehre‘ nur ein einziges Dogma kenne. Aufgeklärte Christologie? 181 Menschheit begründet ist“. Aber Schleiermachers Fokussierung auf die Person des Erlösers. sowie seine Kritik an der Schleiermacherschen Christologie haben an diesen Aporien ihren Anhalt. Wie in der alten Personchristologie lässt auch deren Reformulierung unter dem Leitbe- griff der Kräftigkeit und Stetigkeit des Gottesbewusstseins in dem ge- schichtlichen Erlöser nicht mehr viel von dessen Menschsein übrig. § 109.Glaubenslehre‘ ersetzt werden.a. CG1 (s. indem die Zweina- turenlehre restlos durch die religionstheoretischen Bestimmungen aus der Einleitung der .15 13:48 . oder: Christologie im Kreuzfeuer des Historismus Die schon von Schleiermacher in seiner . 17. In seinem Vortrag Die Be- deutung der Geschichtlichkeit Jesu fr den Glauben aus dem Jahre 1911 schreibt er zu der inneren Bindung des Glaubens an die von der modernen 19 Friedrich Schleiermacher. „Es ist vielleicht gut. 11). Die in der materialen Christologie ausgeführte Lehre von der „ei- genthümliche[n] Würde“ und „Thätigkeit des Erlösers“20 ist also eine in der Perspektive des Glaubens vorgenommene Konstruktion von seinem eigenen geschichtlichen Anfang. das kann hier nur noch angedeutet werden. Tübingen 1996. nämlich das von der Person Christi.

der ideale wie der dogmatische Christus auf der einen. so Troeltsch.24 In dem „Schleiermacher-Ritschl-Herrmannschen Vermitt- lungstypus“.10. so dass die Geschichte hier von der „christlichen Sonntagskausalität“26 durchbrochen wird. darin die Förderung. die sich aus der schroffen Spannung von Ritschls Christusbild gegen die doch von ihm anerkannte historisch-kritische Forschung vor allem er- klärt“.. Der Christus des Glaubens (s. und der geschichtliche Jesus von Nazaret auf der andern Seite sind unwiederbringlich geschieden. in der Sache hat er nichts verändert. 22). werde zwar die historisch- kritische Erforschung der Urkunden der christlichen Religion anerkannt. Die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu für den Glauben. 26 Ernst Troeltsch. insbesondere der von Wilhelm Herrmann vor- genommenen Rückbindung des Glaubens an den historischen Jesus. welche die Menschheit in ihren dermaligen Entwicklungskämpfen von ihr – es wird sich zeigen.a. darin besteht für die nächste Zeit die Aufgabe der Theologie. Strauß. 132 – 162. 25 A. 143.25 wie Troeltsch sich ausdrückt. ob immer vergeblich – erwartet. der andere immer tiefer und vollständiger erkannt und für das menschliche Leben immer fruchtbarer gemacht werde. Anm.: „Schleiermacher’s Eifer für das persönlich dagewesene Christusideal ist eben nur ein persönlicher gewesen.. 7). o. o. Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte (1902/1912) mit den Thesen von 1901 und den handschriftlichen Zusätzen Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in: Ders. „ihre volle Analogie an der Entwicklung der Ritschlschen Schule gefunden. und daß unabhängig von einander der eine immer gründlicher erforscht. indem gerade aus dieser die sogenannte religionsgeschichtliche Schule entsprungen ist. Die moderne Geschichtsfor- 22 Ernst Troeltsch. Die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu für den Glauben (s.“ 24 Troeltsch. Die Straußsche Kritik an dem Schleiermacherschen Leben Jesu – die ja gerade auf die unwiederbringliche Scheidung von Christusbild und dem Mann aus Nazareth zielt23 – hat. Anm. 144.182 Christian Danz Historie rekonstruierte neutestamentliche „Urgeschichte“: „Muß diese selbst nicht vielmehr innerlich unabhängig gemacht werden von jeder wesentlichen Beziehung auf historische Elemente. Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte und zwei Schriften zur Theologie. 222 f.O. Gütersloh 21985. plädierte Troeltsch mit Strauß für eine Trennung von Glaube und Ge- schichte.15 13:48 . aber es werde zugleich und in inkonsequenter Weise der Glaube an die Geschichte gebunden. 23 Vgl. die unter allen Um- ständen der Wissenschaft unterliegen und die bei wissenschaftlicher Er- forschung ein von dem heutigen religiösen Leben so weit abliegendes Bild zeigen?“22 Vor dem Hintergrund der Debatten um die Christologie in der Ritschl-Schule.

Der Glaube als ein geschichtliches Geschehen ist selbst auf die Geschichte bezogen und hat ein eigenes Bild der Geschichte und dem (KGA V). dass es „vielleicht gut“ sei. 386 – 451.“27 Unter den Bedingungen des historischen Denkens kann es folglich keine Bindung des Glaubens an historische Tatsachen geben. v.. Jahrhundert (s. Anm. in: Ders. Nach Heidelberger Vorlesungen aus den Jahren 1911 und 1912. Vgl. Aufgeklärte Christologie? 183 schung kennt jedoch keine absoluten Haftpunkte mehr. v. Glaubenslehre. 22). nicht in dem Sinne. die er auch in seiner Auseinandersetzung mit Adolf Harnacks Deutung des Wesens des Christentums ausgeführt hat. wenn die „Idee“ gerade nicht an die „historische Per- sönlichkeit Christi gebunden“ werden kann? 28 In seinem Vortrag über Die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu fr den Glauben und ebenso in den zeitgleich gehaltenen Heidelberger Vorle- sungen über Glaubenslehre. sondern nur von der Ueberschau des Ganzen ausgehen kann. Zur religiösen Lage. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. hier: 737. „das eigentlich historische und das geschichtsphilo- sophisch-normative Element stärker zu trennen“. Anm.. daß damit jeder Wertmaßstab aus- geschlossen und ein nihilistischer Skeptizismus das Endergebnis sein müßte. hat Troeltsch Überlegungen zum Verhältnis von Glaube und Geschichte aufgenommen. 27 Ernst Troeltsch. die „Feststellung des historischen Tatbe- standes und der religiösen Deutung“ seien „von Hause aus streng zu trennen“. 100. hg. 18). Trutz Rendtorff in Zusammenarbeit mit Stefan Pautler. Tü- bingen 21922 (ND Aalen 1962). 125.15 13:48 . daß jeder Moment und jedes Gebilde der Geschichte nur im Zusammenhang mit anderen und schließlich mit dem Ganzen gedacht werden kann.10. o. o. 139. Zur religiösen Lage. dazu Wittekind. Gertrud von le Fort. o. Anm.29 Und ebenso betont Troeltsch in der Glaubenslehre.30 Das historische Urteil und das des Glaubens sind zu unter- scheiden. 29 Ernst Troeltsch. 27). 13 – 45. Religionsphilosophie und Ethik (GS II). hier: 449. Welche Bedeutung hat dann aber die Geschichte für den Glauben. daß jede Bildung von Wertmaßstäben deshalb nicht von isolierten Einzelnen. in: Ders. hg. Was heißt „Wesen des Christentums“?. Ueber historische und dogmatische Methode in der Theologie. die posthum 1925 publiziert wurden und in den damaligen Debatten ein sehr unterschiedliches Echo auslösten. 729 – 753. Christologie im 20. 28 Troeltsch. München/Leipzig 1925. „Sie relativiert Alles und Jedes. Dort fasste er seine methodologische Kritik an den Voraussetzungen und Implikationen des Wesensbegriffs mit dem Hinweis zusammen. 30 Ernst Troeltsch. Religionsphilosophie und Ethik (s. Berlin/ New York 1998. Die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu für den Glauben (s. aber in dem Sinne.

32 A. Glaubenslehre (s.a. der religiösen Persönlichkeit Jesu zugeschrieben werden. 22).35 ist nicht nur das bereits von Schleiermacher ausgearbeitete Modell des Geschichtsbezugs des Glau- bens wiederholt. die in ihm gipfelt. Vgl. um das er sich „schart“. Mit Troeltschs sozialpsychologischer Be- gründung des Geschichtsbezugs des Glaubens und der daraus der dog- matischen Christologie zuwachsenden Aufgabe. Glaubenslehre (s. Troeltsch. 35 Vgl..O. Anm.184 Christian Danz „unendlich konkreten und doch unendlich vieldeutigen Christusbilde“. Die Be- deutung der Geschichtlichkeit Jesu für den Glauben (s.Tatsache‘ Jesus haben soll“. Zwar hat die historische For- schung die „Grundzüge“ der Predigt Jesu und „seiner religiösen Per- sönlichkeit“ herauszuarbeiten. Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (GS I). 30). Tübingen 1912.33 Troeltsch verlagert die Christologie der Ritschl-Schule in die Geschichte. 30). Die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu für den Glauben (s.34 aber die unter Absehung der metaphysischen Konstruktion der Person Jesu als Ämter- lehre durchgeführte Christologie bezieht sich auf die durch Jesus be- stimmte Gesamtgeschichte einschließlich ihrer Vorbereitung bei den alttestamentlichen Propheten. 30). Anm. o.. Vgl. 34 – 42. 118. Anm. 153. damit „das . sondern aus der Eigenart des geschichtlichen Erlösungsglaubens. Glaubenslehre (s. 33 Ernst Troeltsch. so dass die weltüberwindende Kraft des Glaubens.32 aber die religiöse Deutung richtet sich „auf das Faktum in seinem historischen Zusammenhang der Vorbereitung. auch Ders. 102.10. Jahrhundert liegt jedoch nicht in Troeltschs Überzeugung. Anm. 22). Anm. 152. also die Konstitution des Subjekts in der Spannung von Universalität des Reiches Gottes und der Individualität der Seele.. auch Ders. 34 Vgl.Symbol Christus‘ einen festen und starken inneren Grund in der . o. allerdings mit einer gegenüber diesem veränderten Funktion der historischen Forschung. sondern in seiner Unterscheidung zwischen dem eigentlich historischen und dem geschichtsphilosophisch-normativen sowie der Ersetzung des histori- 31 Troeltsch.15 13:48 . Ernst Troeltsch. o. 147.31 Der Bezug auf die Geschichte resultiert für Troeltsch nicht aus einer inneren und notwendigen Anbindung des Glaubens an isolierte Tatsachen der Geschichte. nicht das isolierte his- torische Individuum Jesus von Nazareth. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Der Anknüpfungspunkt der christologischen Debatte im 20. 101 f. sondern die von diesem ausgehende Geschichte zu deuten. o. dass die historische Forschung ein grundsätz- liches Gesamtbild der Gestalt Jesu rekonstruieren könne. o. und der Folgezeit. die seine Auswirkung darstellt“.

Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in seinen christologischen Thesen Die christliche Gewißheit und der historische Jesus ausgeführt hatte. so Paul Tillich in seiner in der Mitte der 1920er Jahre in Marburg und Dresden gehaltenen Dogmatik-Vorlesung. 31 – 50. philosophische und politische Stellungnahmen und Gespräche. Tillichs frühe Christologie.15 13:48 . Christus als Realbild des Glaubens Die Generation nach Troeltsch hat auf unterschiedliche Weise an dessen Unterscheidung des „eigentlich historische[n]“ und des „geschichtsphi- losophisch-normative[n] Element[s]“ angeknüpft und die dogmatische Christologie als Darstellung der reflexiven Struktur des Glaubensaktes ausgearbeitet. Georg Neugebauer. die er bereits vor dem Ersten Weltkrieg ge- genüber Herrmanns Versuch. 38).. Ernst Troeltsch in Berlin. Aufgeklärte Christologie? 185 schen Jesus durch eine Deutung der Religionsgeschichte in der Chris- tologie. Eine „Auf- richtung des Glaubens an den historischen Jesus“. Theologische. 45.). Dogmatik-Vorlesung (Dresden 1925 – 1927). in: Friedrich Wilhelm Graf (Hg. so Tillichs oft zitierte Formulierung. 38 Paul Tillich. Anm. das Christusbild des Glaubens an die historische Gestalt Jesus von Nazareth zu binden. Gütersloh 2006.38 Mit Troeltsch bestreitet der junge Tillich die Möglichkeit. sei „völlig un- abhängig von der Frage nach den Ursachen der Entstehung dieses Glaubens zu beantworten“. den „historischen Jesus zum Grund seines Gottesglaubens“ zu machen. Briefwechsel und Streitschriften. 327.10. hier: 35. 198 – 225. Die christliche Gewißheit und der historische Jesus.Schüler‘. Frankfurt (Main) 1983. „Geschichte durch Geschichte überwinden“.36 „Die Frage nach der Begründung des Glaubens an Jesus als den Christus“. Folkart Wittekind. Berlin/New York 2005. in: Ders. Sie vermag „diejenige Gewißheit über den absoluten Charakter des Chris- tentums zu geben. 37 Paul Tillich.37 Mit seiner Unterscheidung von dogmati- schem und historischem Urteil nimmt Tillich in seiner Dogmatik-Vor- lesung Überlegungen auf. Die christliche Gewißheit und der historische Jesus (s. 39 Tillich. 49 – 74. „führe mit unvermeidlicher Konsequenz zum Papst“ zurück. Eine Untersuchung zu Offen- barung und Geschichte bei Tillich vor dem Hintergrund seiner Schellingre- zeption. Christologie als Geschichtsreflexion: Troeltsch und seine . Vgl.39 Nicht durch die historische Forschung könne der Glaube be- gründet werden. Berlin/New York 2007. welche historische Untersuchungen über die Abso- 36 Vgl. sondern allein durch eine Geschichtsphilosophie. 3. o.

Anm. Dadurch kommt es zu einer Neubestimmung der Christologie. 85 – 100. 125 – 128. dass sich Wertmaßstäbe nur aus der „Ueberschau des Ganzen“ ergeben. hg.. 98. in: Ders. 238 – 260.40 Troeltschs These. Stuttgart 21958. sondern es ist ein Bild. Zur Neubestimmung der Christologie bei Karl Barth und Paul Tillich. Christo- logie als Selbstbeschreibung des Glaubens. in: Ders. Unveröffentlichte Texte aus der deutschen Zeit (1908 – 1933). 43. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 43 Zur Aufnahme dieser Formel in der Systematischen Theologie vgl. sondern auf den Glauben als ein Geschehen in der Geschichte. v. Christologie und Geschichtsdeutung.. Paul Tillich.186 Christian Danz lutheit des historischen Jesus nicht geben können“. Kultur. in dem sich das Geschehen von Reflexivität selbst bezeichnet.43 „In diesem Bild aber hat sich Realität Ausdruck geschaffen. bes. die reflexive Struktur der Selbsterfassung des Selbstverhältnisses an seinen konkreten 40 A. in: KuD 58 (2012). Religion. Berlin/New York 2008. Die kreuzestheologische Fassung der Christologie bei Tillich hat genau die Funktion. 42 Vgl. wird von Tillich in die Konzeption einer Geschichtsphilosophie aufge- nommen und gegen Troeltsch selbst gewendet. Diese Realität ist keine Idee. Sie wird zur Darstellung des Glaubensaktes und seines re- flexiven Wissens um sich selbst sowie seine Einbindung in eine inhaltlich bestimmte Geschichte.O. Paul Tillich. 132 – 146. Erster Teil.und Deutungsab- hängigkeit sowie die geschichtliche Bestimmtheit des Geschichte set- zenden Reflexionsaktes hat Tillich in den 1920er Jahren in Form einer offenbarungstheologisch durchgeführten Christologie ausgearbeitet und in seiner Formel von Christus als dem Realbild des Glaubens zusam- mengefasst. 37). Erdmann Sturm.. Vgl.“44 Das Christusbild ist die Darstellung der Selbsterfassung des sich selbst in seinem reflexiven Bezug auf sich selbst durchsichtig ge- wordenen Selbstverhältnisses des Bewusstseins. Das Wissen um die Geschichte. 41 Vgl. Es bezieht sich also gerade nicht auf eine historische Gestalt. o. 339.41 sondern er verlagert das reflexive Wissen um die Geschichte im Unterschied zu Troeltsch auch in den Glaubensakt. Denn Tillich konstruiert seine Geschichtsphilosophie nicht nur strikt selbstbezüglich – sie kon- struiert nur sich selbst als Geschichtsphilosophie –. ihre Standpunkt. Berlin/New York 1999. Ausgewählte Texte. dazu Christian Danz. nämlich die Realität des wesenhaften Verhältnisses von Unbedingtem und Bedingtem.15 13:48 . sie ist eine existent ge- wordene Wirklichkeit und hat die Wirkung einer existierenden Wirk- lichkeit. ST II.10. 44 Tillich. Gesellschaft.a. Dogmatik-Vorlesung (s. Das Problem der Geschichte. Paul Tillich.42 Die Christologie bezieht Tillich ebenso wenig wie Schleiermacher und Troeltsch auf den historischen Jesus.

177 f.und Heilsoffenbarung. 43).47 45 Vgl. Vol. o. 322.45 Welche Funktion hat dann aber Jesus von Nazareth für die dogma- tische Christologie. Zur Ausformung der Christologie Tillichs in der Auseinandersetzung mit Karl Barth. Aufgeklärte Christologie? 187 Setzungen zu veranschaulichen. Gleichwohl hat der Glaube für Tillich einen notwendigen Bezug auf Jesus von Nazareth. hierzu Folkart Wittekind. ST II (s. 37).10. 6). dass dem „Symbol Christus“ eine in ihren Grundzügen erkennbare religiöse Persönlichkeit zugrunde liegt. in: Jesus of Nazareth and the New Being in History (International Yearbook of Tillich Research. Grund. Anm. Berlin/Boston 2011. Durch die Negation der Konkretheit des Christusbildes – für die bei Tillich das Kreuz Christi steht – kommt diejenige Durchsichtigkeit des reflexiven Aktes zur Anschauung. nämlich einmal als das Resultat der histo- rischen Forschung und zum anderen als ein notwendiger Bestandteil des Glaubens. 90 – 119. wenn sich diese als Beschreibung des Glaubensaktes und seiner Selbstdarstellung nicht auf die empirische Geschichte bezieht? „Der Durchbruch der vollkommenen Offenbarung ist nicht nur ange- schaut in einem Zeitmoment. Unbedingtheit im Selbstverhältnis kann sich nur durch konkrete Setzungen im Selbstverhältnis des Bewusstseins selbst bezeichnen. die allen symbolschaffenden Akten des Be- wusstseins zugrunde liegt. Er repräsentiert nicht nur die geschichtliche Einbindung und Bestimmtheit des Glaubensaktes. 46 Tillich. wird von Tillich aufgegeben. Anm. Auch der von Troeltsch noch der historischen Forschung zugeschriebene Nachweis. 47 Vgl. Das personale Christusbild des Glaubens ist also für Tillich der Ausdruck für den Glauben als ein personales Geschehen in der Geschichte. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. denn nur als solche kann er Überwindung des Dämonischen sein. Diese konkrete Wirklichkeit aber hat den Charakter der Personhaftigkeit.15 13:48 . Tillich. Er ist zugleich angeschaut in einer kon- kreten Wirklichkeit. sondern auch die Unhintergehbarkeit des individuellen Vollzugs des Glaubens. Der Durchbruch ist persönliche Tat. und sie ist doch nicht mit diesen identisch. In der Weiterführung seiner frühen Christologie hat Tillich in der Systematischen Theologie dann völlig konsequent zwei Funktionen des Begriffs „histo- rischer Jesus“ unterschieden. Dogmatik-Vorlesung (s.“46 Der historische Jesus hat in der Christologie Tillichs keine begründungslogische Funktion mehr inne. o.

Christologie als reflexive Darstellung des religiösen Aktes In der Entwicklungsgeschichte der dogmatischen Christologie von Schleiermacher über Troeltsch bis hin zu Tillich wurde diese zunehmend als eine vollzugsgebundene. Darin zeigt sich jedoch vor allem. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:48 . Darin kommt zum Ausdruck.Wesen‘ der Religion liegt in ihrem individuellen Vollzug.und Subjektbegriff nun selbst in den Vollzug der Religion und ihrer Selbstdarstellung auf- gelöst wurde. Das Subjekt kann allerdings nur vermittels eines von ihm selbst geschaffenen Bildes von sich zu sich selbst kommen. Tübingen (1926) 1964. dann nur als ein sich selbst fremdes. dass das Selbstverhältnis des Menschen sich selbst entzogen ist. von dem es zugleich unterschieden ist. Hatte Troeltsch noch von der historischen Forschung zu erhebende Grundzüge der re- ligiösen Persönlichkeit Jesu als Grundlage für dessen religiöse Deutung gefordert. Der religiöse Akt als das Geschehen der Selbsterfassung des Menschen in der inneren Reflexivität und Geschichtlichkeit seines Selbstbezugs stellt sich im Christusbild selbst dar und klärt sich über sich selbst als ein unab- leitbares und auf die Geschichte bezogenes Geschehen auf. durch eine Deutung der Religionsgeschichte oder durch den Glauben als ein geschichtliches Geschehen. 7 – 17. der sich 48 Vgl. Dadurch wird frei- lich die Christologie selbst zu einer Theorie der Religion. sondern als Beschreibung der reflexiven Struktur von Durchsichtigkeit im Selbstverhältnis des Menschen. reflexive Beschreibung und Darstellung des Glaubensaktes ausgearbeitet. Selbstheit und Andersheit haben ihren Ort im Selbstbezug des Bewusstseins. Jesus. in dem sie zugleich mit ihrem Subjekt sowie ihrem Gehalt entsteht. so wird auch diese Bedingung in der Debatte des 20. Unter den Bedingungen der Aufklärung ist die Christologie also weder als ein eigenes Lehrstück der Dogmatik noch in ihrer überlieferten Lehrgestalt als Personchristologie oder Versöhnungslehre weiterzu- schreiben.48 Jesus von Nazareth symbolisiert nun den Glauben als einen personalen Vollzug in der Geschichte. Rudolf Bultmann. Kommt es zu sich selbst. In diesem Vollzug erfasst sich das Subjekt in der Reflexivität seines Selbstbezugs und stellt sein Sich- Verstehen in symbolischen Formen dar. Jahr- hunderts fallen gelassen und die dogmatische Christologie in die reflexive Struktur des religiösen Aktes verlagert. dass der Persönlichkeits. in dem zugleich dessen Subjekt sowie seine Gehalte erst entstehen.10. Das . Der um sich wissende religiöse Akt ist derjenige Vollzug.188 Christian Danz 4. Die historischen Bestandteile der Christo- logie wurden ersetzt durch das Urbild als Erkenntnis der Geschicht- lichkeit des Glaubens.

Wagner.50 Sie zielen nicht auf eine Beschreibung einer Gegenstandswelt welcher Art auch immer. in: Ders. Dieses liegt in der Selbstdurchsichtigkeit desjenigen Aktes.10. Falk Wagner. Bd. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:48 . Niklas Luhmann. worauf Falk Wagner in seinen letzten Schriften zu Recht hingewiesen hat. überzogen. da sie nicht mehr in der Lage sei. die Religion der Moderne zu erfassen. 49 Vgl. o. Mit dem Christusbild als dem reflexiven Ausdruck des Sich- Verstehens des Subjekts in seinem Selbstvollzug enthält die Christologie freilich auch ein Kriterium zur normativen Reflexion der religiösen Lebenswelten der Moderne. 3. eine Funktion für den Aufbau und die Auslegung religiöser Individualitäten. Diesseitsreligion. Anne Honer/Ronald Kurt/Jo Reichertz (Hg. Mit dem Selbstverhältnis. Individualismus. sondern auf die Durchsichtigkeit des endlichen Subjekts in seinen Voll- zügen. Individuum. Metamorphosen des modernen Protestantismus (s. leistet die Christologie einen Beitrag nicht nur zur Wahr- nehmung der gegenwärtigen Religionskultur. Metamorphosen des modernen Protestantismus. seinem Wissen um sich und seiner Selbstdarstellung sind die moderne Lebenswelt und ihre Religion er- reicht. und 20. 49). Individualität. Gesellschaftsstruktur und Semantik.Enttheologisie- rung‘ der Theologie gezogen.. sondern auch zu deren Aufklärung. 186. 149 – 258. in dem das Subjekt zugleich mit seinen Gehalten entsteht. Konstanz 1999.49 Die religiösen Gehalte haben. Indem sie die Funktionalität der Gehalte und Selbstbilder für die Be- schreibung der Durchsichtigkeit des Subjekts in seinem Selbstverhältnis analysiert. Frankfurt (Main) 1993. Auch die sogenannte Religion der Moderne existiert nicht anders denn als Formen der Selbstbeschreibung und Selbstdeutung.). Sie the- matisiert den Aufbau von Identität im Schnittpunkt von Individualität und Sozialität unter den Bedingungen einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft. Jahrhundert. Gerade die dog- matische Christologie beschreibt individuelle Vollzüge der Selbstdar- stellung des Sich-Verstehens des Menschen in seinem Selbstverhältnis. Tübingen 1999. Aufgeklärte Christologie? 189 im Ereignis des Sich-Verstehens in seiner inneren Reflexivität erfasst und darstellt. 167 – 190. Diese Konsequenz scheint mir jedoch. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Zur Deutung der Bedeutung moderner Kultur. auch vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklungsgeschichte der Christologie im 19. Anm. An der Selbstdurchsichtigkeit der endlichen Freiheit für sich selbst sind die religiösen Formen der Gegenwart zu messen. Wagner selbst hatte allerdings aus der Umformungskrise der Theologie seit der Aufklärung die Konsequenz einer . 50 Vgl.

Das hatte bereits David Friedrich Strauß als Resultat der Problemgeschichte der Christologie seit der Aufklärung festgehalten.190 Christian Danz Schleiermacher hatte in dem eingangs genannten Brief an seinen Vater den geschichtlichen Jesus gegen das dogmatische Christusbild der Kirche gewendet. Unter den erkenntniskritischen Bedingungen der Moderne lassen sich Glaube und Geschichte nicht mehr zusammenführen. Es dürfte auch und gerade unter den Be- dingungen der in den 1980er Jahren einsetzenden historischen Jesus- forschung gelten.10. Welche Funktion hat Jesus von Nazareth für die skizzierte Umformung der Christologie? Das Bild des Glaubens von sich selbst als ein personaler Akt in der Geschichte ist zu unterscheiden von der historischen Rekonstruktion des Stifters der christlichen Religion. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass Jesus von Nazareth sowohl einen Bestandteil der jüdischen als auch der christlichen Religionsgeschichte bildet. Als geschichtlicher Erlöser der christlichen Religion hat Jesus von Nazareth jedoch eine ersichtlich andere Funktion als in der historischen Wissenschaft: Er repräsentiert die geschichtliche Bestimmtheit des religiösen Vollzugs als ein personales Geschehen in der Geschichte. Die neuere historische Forschung hat herausgearbeitet.15 13:48 .

Bd. beschränkt sich heute meine Hoffnung darauf. Protestantische Zeitdeutungskämpfe in der Weimarer Republik (BHTh. 1 Erdmann Sturm (Hg. 2 Paul Tillich.1 In diesem Zusammenhang bemerkt Tillich im Rückblick durchaus selbstkritisch: „Wenn ich damals noch glaubte.“2 Jenseits der bemerkenswerten Selbstüberschätzung des Einflusses eines Intellektuellen auf den Weltlauf darf man der hier geäußerten Intention Tillichs für die deutsche Zeit von 1919 bis 1933 durchaus Vertrauen schenken.a. die geistig mit beiden Seiten verbunden waren. Max Horkheimer (1885 – 1973). Adolph Löwe (1893 – 1995) und Friedrich Pollock (1894 – 1970) im amerikanischen Exil und debattieren über die Rolle Tillichs als Vorsitzender des 1944 gegründeten „Council for a Democratic Germany“. hier: 297. mit den Kategorien des religiösen Sozialismus eine fundamentale Wendung in der christlichen Theologie herbeizuführen. war es klar. daß diese Situation unerträglich und auf die Dauer sowohl für die Religion als auch für die Kultur verhängnisvoll sein mußte. da wollte ich eine neue Periode des Christentums inaugurieren. (Einleitung des Herausgebers). in: ZNThG 1 (1994). Wir hielten es für möglich. die sie niemals hatten. Tübingen 2008. 274 f. 143). Januar 1945 treffen sich die ehemaligen Frankfurter Kollegen Paul Tillich. Drei bisher unveröffentlichte Texte (1942/45). Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 295 – 304. a. Paul Tillich und Max Horkheimer im Dialog. 275 – 304. In einem Aufsatz von 1948 beschreibt Tillich die Lage nach dem Ersten Weltkrieg ähnlich als den Hiatus zwischen politischer Revolution – profaner Autonomie – und transzendenter Heteronomie. Siehe dazu auch Alf Christophersen. den Amerikanern eine gut ausgearbeitete Theologie zu geben.O.„Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband Michael Murrmann-Kahl Am 28. hier: 278 ff. für die die Kirchen stehen: „Für diejenigen unter uns.).. 1920 war es anders.10. Diskussion über Theorie und Praxis (28. Kairos.15 13:48 . Dabei geht es zugleich ganz grundsätzlich um unterschiedliche Sichtweisen auf das Problem von Theorie und Praxis. Januar 1945).

82 – 113. 4 Siehe dazu Matthias Kroeger. Studien zum Gottesbegriff in der Neuzeit. in: Christian Danz (Hg. hg. o.15 13:48 . 7 Paul Tillich. geschichts- philosophisches Programm mit kulturpraktischem Anspruch entworfen wird“. eingeht: siehe Christian Danz. 10 – 16. Studien zur Ideengeschichte der protes- tantischen Theologie in der Weimarer Republik. 27 – 213. 206 – 210. 67 – 128. 60 – 84.5 Allen stilisierten Selbstauskünften zum Trotz haftet dem plötzlichen Übergang Tillichs nach dem Weltkrieg und seinen eigenen noch eher zeittypischen Kriegspredigten etwas Opakes an. hier: 84. Paul Tillich. 198. „Holy Love Claims Life and Limb“. „Sinndeutung der Ge- schichte“. 9). 124 f. 93 – 137. Die religiöse Substanz der Kultur (GW IX). 6 „Der Religiöse Sozialist Paul Tillich steht im Jahre 1919 fast plötzlich vor uns. auch Erdmann Sturm. Berlin/New York 2001. siehe auch 87. Paul Tillich’s War Theology (1914 – 1918). hier: 102 – 128. Georg Pfleiderer deutet Tillichs frühen Versuch auf dem Hintergrund von Troeltsch als einen religiösen „Sozialismus. hier: 95 f.7 In dieser Hinsicht bietet das revolutionär 3 Paul Tillich. Paul Tillich. der Tillich je- denfalls in seiner deutschen Zeit seit 1919 treu geblieben ist. Paul Tillich als Religiöser Sozialist. Tübingen 2011. in: ZNThG 2 (1995). Erd- mann Sturm. der als anspruchsvolles. Zur Entwicklung und Bedeutung von Tillichs Geschichtsphilosophie.). dass Christian Danz bei seiner Tillich-Studie in dem „Gott im Historismus“ überschriebenen Kapitel mit keinem Wort auf die gesellschafts- politischen Optionen Tillichs. 200.194 Michael Murrmann-Kahl diese Kluft zu schließen […].10. Anm. 95. 5 Es fällt auf. Gott und die menschliche Freiheit. in: Ders. Einen Überblick vermitteln Werner Schüssler/Erdmann Sturm. in: Hermann Fischer (Hg. Wien 2004. Re- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Berliner Vorlesungen I (1919 – 1920) (EW XII). und Friedrich Wilhelm Graf.. Paul Tillich als Religiöser Sozialist (s. Leben – Werk – Wirkung.“3 Mit „religiöser Sozialismus“ wird dabei die gesellschaftspolitische Grundintuition beschrieben. hier: 82..)... Neukirchen-Vluyn 2005. um die Krise des Historismus zu überwinden: siehe Georg Pfleiderer.4 Die Formulierung von der „Grundintuition“ benennt natürlich die spezifische Verlegenheit. Darmstadt 2007. Vgl. Der heilige Zeitgeist. Kultur- synthesen auf dem Katheder.6 Der 1919 als Privatdozent an der Berliner Fakultät und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ernst Troeltsch lehrende Tillich votiert in seiner Nachkriegsvorlesung über das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart für einen theologisch überhöhten sozialistischen Anarchismus im Gefolge Gustav Landauers.. 82 – 93. Studien zu einer Theologie der Moderne. in: Ders. 40 f. 135 – 172. Dasselbe gilt für Folkart Wittekind. Bd.). 4). Religion und Kultur (1948). Stuttgart 1968. in: Christian Danz/Werner Schüssler (Hg. Frankfurt (Main) 1989. den „religiösen Sozialismus“ irgend dingfest zu machen. bes. Theologie als Religionsphilosophie (Tillich-Studien. die in „Kairos“ und „religiösem Sozialismus“ chiffriert sind. 19 f. v. hier: 195 ff.“ So Kroeger. Das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart (1919).

Ders. Anm. „und ich habe theoretisch und praktisch für eine neue sozia- listisch aufgebaute Gesellschaftsordnung Stellung genommen“. 359 ff. in: Christian Danz/Werner Schüssler (Hg. o. Der heilige Zeitgeist (s. Paul Tillich (s. 96..). Paul Tillich (s. 137 – 154. 4).. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Anm. o. dazu vom Vf. und von Schüssler/Sturm. Aufhebung der Klassengegensätze. ligion – Kultur – Gesellschaft. 4). a. „Kierkegaards junge Herren“ (1987). Anm. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 195 bewegte Berlin nach dem Ersten Weltkrieg in der Tat reichlich An- schauungsmaterial. S. Paul Tillich als Religiöser So- zialist (s. Bd. in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 2004.9 Mit der neueren Forschung wird man die permanenten inhaltlichen Verschiebungen in den Tillichschen Schlüsselbegriffen beachten müssen. und „Old harmony?“ Über einige Kontinuitätsele- mente in „Paulus“ Tillichs Theologie der „Allversöhnung“ (2004). Wien/Berlin 2008. Anm. Außerdem Graf. Freilich bleibt dieses Programm vage und interpretationsbedürftig. 139 ff. 8 So Tillich in einem Rundbrief an seine Freunde vom September 1919. Paul Tillich und die sozialdemokratische Junge Rechte in der Weimarer Republik. München 2005.. 49 – 81. 364. 20). 119 – 136. Christophersen.8 Tillichs die deutsche Zeit zusammenfassende „Sozialistische Entscheidung“ – man beachte den vielsagenden Titel! – irritiert mit schillernden Visionen eines Zusammenwirkens bestimmter rechter und linker Kräfte in der Endphase der Weimarer Republik. in: Ders.15 13:48 . Berlin/ Münster 2008. 35 – 52. 1 – 110). Theologisches Prinzip und Modernitätserfahrung in Paul Tillichs Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart (1919). Die Revolution habe Tillich zur Stellungnahme ge- zwungen. Bd. Stuttgart 21962. die Ver- bindung revolutionärer Programmatik mit dem Volksgedanken. hier: 134. Die So- zialistische Entscheidung. o. 4). 10 Dazu bes. Ausführlich dazu Christophersen. Dass Tillichs „religiöser So- zialismus“ theorietechnisch das funktionale Äquivalent für Troeltschs „euro- päische Kultursynthese“ darstellt ist dort (87) unmissverständlich ausgesprochen... Kairos (s. vgl. 4). 1). im Anschluss an den Aufsatz von Stefan Vogt. o. 1). 219 – 365. Der heilige Zeitgeist (s. Kairos (s. o. 9 P. 343 ff. Annihilatio historiae? Theologische Geschichtsdiskurse in der Weimarer Republik. Sehr kritisch dazu Graf. 83 f. 6).. S. Tillich. o. 215 – 245.10 Dennoch gibt es eine bemer- kenswerte Kontinuitätslinie im Festhalten am „religiösen Sozialismus“.. Anm. 104 – 110.. Anm. S. zitiert nach Schüssler/Sturm.. 117 ff. Der frühe Tillich im Spiegel neuer Texte (1919 – 1920) (Tillich-Studien. Die sozialistische Entscheidung (1933). bes.O. Als charakteristische Elemente dieser Schrift Tillichs nennt Christophersen antibürgerliches Denken. Christentum und soziale Gestaltung (GW II). Religion und Politik (Internationales Jahrbuch für die Tillich-Forschung. in: Religion – Kultur – Gesellschaft.. Anm. eine gewichtige neue Einleitung. o. 111 ff. S. 6) (enthält zu den schon pu- blizierten Aufsätzen wie: Die „antihistoristische Revolution“ in der protestan- tischen Theologie der zwanziger Jahre (1988).10.a. Abgewogen die Stellungnahme Kroegers. die „Exposition dezisionistischen Verschärfungsdenkens“ (220).

126 – 144. 12 Vgl. die häufig – ob zu Recht oder zu Unrecht sei hier dahingestellt – mit dem bürgerlichen Individuum assoziiert wird.). Was ist Theologie? Studien zu ihrem Begriff und Thema in der Neuzeit. hier: 501. Adorno.13 Der berühmte Anfang der Negativen Dialektik und die Selbst- rechtfertigung Adornos beziehen genau daraus ihre Pointe: „Philosophie. Allerdings sah es bloß so aus […].“ und die „der Zerstörung jener Möglichkeit durch die Etablierung der Mächte. 142 f. 3 und 7: siehe in Paul Tillich. Hinsichtlich des Nationalsozialismus bewies Tillich grundsätzlich schon früh eine bemerkenswerte Klarsicht wie aus seinen „Zehn Thesen“ von 1932 hervorgeht. Anm. Frankfurt (Main) 21980. das heißt. Gütersloh 1989. Bd. dazu auch Tillich.. in: Ders. o. Negative Dialektik (1966). hier: 133. Neun kritische Modelle (Gesammelte Schriften. Etwas salopp formuliert handelt es sich hier um einen Typus von Naherwartung. erhält sich am Leben.“14 Tillich hätte hier gewiss vom „Kairos“ gesprochen. Berlin/New York 2008. hin zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit. Frankfurt (Main) 1986. 83: „einen Augenblick trächtig von schöpferischen Möglichkeiten“. Jene zwanziger Jahre („Merkur“ 1962). 10. v. 261 – 263. 3). die zum Besseren sich wenden könnte. anschlie- ßend ausführlicher auf die Geschichtsphilosophie Tillichs aus der Frankfurter Zeit eingegangen (2. hg. Religion und Kultur (1948) (s. der in seiner Glosse über „Jene zwanziger Jahre“ von Anfang 1962 festhält: „Damals […] sah es wie die offene Möglichkeit einer politisch befreiten Gesell- schaft aus. weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Absolute Positivität – Das Grundthema der Theologie Paul Tillichs (1973). 15. hier bes. Adorno.10. hier: 262.196 Michael Murrmann-Kahl wenn auch keineswegs von vornherein feststeht.2). Ein- griffe. nämlich ersichtlich von gesellschaftlichen Verän- derungen zum Besseren. die einmal überholt schien.) und schließlich einige allgemeinere 11 Siehe Falk Wagner. Adorno bestätigt. 499 – 506. Ausgewählte Texte. Demnach soll in den folgenden Ausführungen zuerst die Konstella- tion Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts um den His- torismusband und den frühen Tod Troeltschs dargestellt (1. Man kann zumindest vermuten. die Thesen 1. 13 Theodor W. 14 Theodor W. in: Ders. der aller intensiven Erwartung zum Trotz am Ende ausblieb.15 13:48 . was darunter zu ver- stehen ist. so würde ich Tillich interpretieren wollen.11 In diesem Sinne wird diese Einschätzung an ganz anderer und un- verdächtiger Stelle von Theodor W. dass diese Erwartung auf der sonstige Linie Tillichs einer grundsätzlichen Kritik von unmittelbarer Selbstbehauptung und Selbst- durchsetzung liegt. Christian Danz/Werner Schüssler/Erd- mann Sturm.. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.“12 So bleibt die Ambivalenz der Weimarer Jahre zu notieren: die „einer Welt. die dann vollends im Faschismus sich enthüll- ten“.

1. Die religiöse Deutung der Gegenwart (GW X). dass die unterschiedlichen Akzentsetzungen nicht zu übersehen sind. in: Christian Danz/Marc Dumas/Werner Schüssler/ Mary Ann Stenger/Erdmann Sturm (Hg. Tillich hatte in der Weimarer Republik sehr klar gesehen. Religion und Kultur (1948) (s. Diskussion über Theorie und Praxis (s. 237 – 407. Ders. Bd.15 13:48 .10. in: RGG2. „Beweise einer unsichtbaren Beziehung“. Die religiöse Lage der Gegenwart (1926). 298. den Differenzpunkt genau zu bestimmen. Deduktionsprogramm: vom Begriff des Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. siehe jetzt Edition: Alf Christophersen/Friedrich Wilhelm Graf (Hg. Zu den Irritationen. 88 f. 306.17 15 So auch Kroeger. 3). Anm. dass die protestantischen Kirchen viel mehr als der bürgerlichen Gesellschaft noch einem vorbrgerlichen Geist verpflichtet sind – daraus aber für seine eigene Position des religiösen Sozialismus keine Konse- quenzen gezogen. er bleibt Außenseiter wie vor und mit ihm Ernst Troeltsch. Freilich ist es eben auch schwierig. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 197 Reflexionen zur verhandelten Historismusthematik im Kontext der Leitfrage „Die aufgeklärte Religion und ihre Probleme“ vorgetragen werden (3. 81. C.). Paul Tillich als Religiöser Sozialist (s.15 Dies wird von ihm zutreffend beschrieben. je mehr auf den ersten Blick zwei Positionen sich nahezustehen scheinen.). Siehe Paul Tillich. Religiöser Sozialismus“. Näher hätte es gelegen. 82 f. 16 Siehe Tillich. o. 637 – 648.. B. in: Ders. Von der Vergangenheit zur Gegenwart Mit dieser gesellschaftspolitischen Intuition des „religiösen Sozialismus“ hat sich Tillich zwischen alle Stühle gesetzt. Stuttgart 1968. 4). 17 Die Dissertation von Martin Harant versucht die Verhältnisbestimmung von Troeltsch und Tillich mit den Leitbegriffen von „Induktion“ (von der Kultur zur Religion) und „Konstruktion“ (bzw. o. o. die Tillich bei aller Nähe zu Troeltsch unterscheidet. Mohr (Paul Siebeck).). erst einmal eine tatsächliche „Ver- bürgerlichung“ der kirchlichen Lebenswelten zu empfehlen. Denn sie präformiert die Wahrnehmung gerade auch der Geschichtsphilosophie und des Historismusbandes dergestalt.. hier: 242 – 246.16 Es ist nun genau diese schon benannte. Die Korrespondenz zwischen Paul Tillich und dem Tübinger Verlag J. 2). Interna- tional Yearbook for Tillich Research Vol. Anm. 6 ( Jesus of Nazareth and the New Being in History). Jahrhunderts. wie auch immer inhaltlich zu füllende Intuition. 5 (1931). Berlin/Boston 2011. 108 – 113. wenn er glei- chermaßen die Ablehnung durch den marxistischen Materialismus der Arbeiter und Arbeiterpartei und durch das konservative Luthertum der Kirche erinnert. Er vertritt eine eklatante Minderheitenposition im theologischen Spektrum der zwanziger Jahre des 20. die Tillichs eigenwillige Lesart im Artikel „Sozialismus: II. hervorgerufen hat. Anm.

Das Programm der „gegenwärtigen Kultursynthese“ zielt vielmehr auf eine konservativ-liberale geistige Revolution der Nachkriegsära. Frankfurt (Main) u. wenn nicht sogar Vereinnahmung Tillichs zielt Troeltschs berühmte Anmerkung 370a.). Anm. Friedrich Wilhelm Graf. 425 – 428. aus der gewesenen Historie die kommende Unbedingten zur Kultur) beizukommen. B 698 f.15 13:48 . 13). indem er ihm den in der Georgeschule üblichen Namen des .20 Interessant ist denn auch. wird im Folgenden zu prüfen sein: Martin Harant. 43 – 72. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.“19 Dabei nimmt Troeltsch ersichtlich eine histo- rische Rekontextualisierung des „jungen Wilden“ vor.. aus. Eine Untersuchung zu ihrer Verhältnisbestimmung im Werke Ernst Troeltschs und Paul Tillichs im Vergleich.. betont aber zu- gleich die verwandte Stoßrichtung in den Ausführungen und Intentionen. 158 f. was weiter reicht. Für dieses Erdenleben selbst aber stellt jeder Moment von neuem die Aufgabe. o. Der Historismus und seine Probleme (1922) (KGA XVI). Siehe dazu die Rezension von Christian Danz. Aus- führlich zum Historismusband siehe vom Vf. 15). 2009. Anm. obwohl Troeltschs eigene Überlegungen keines- wegs in eine wie immer interpretierte sozialistische Richtung weisen. Re- ligion – Kultur – Theologie. Anm.198 Michael Murrmann-Kahl Auf diese Nähe.Tat‘. 20 Graf. hier bes. 43 – 62. Der heilige Zeitgeist (s. Ausgewählte Texte (s. Er will den religiös erfüllten Sozialismus als Forderung des Kairos. Ob das für die Historismusfrage trennscharf genug ist. v. August 1922. in: Ders. o. und das.10. Bd. und nicht als solche der Dialektik oder des Na- turrechts begründen. in: Mitteilungen der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft. o. könnte höchstens aus ihrer Analogie und ihren Pos- tulaten erst geahnt werden. hg. 6). in: Danz u. 22.Kairos‘ gibt. zu welchem Haupttext die Anmerkung gesetzt wird. Anm. Troeltsch schreibt hier: „Wir kennen nur diese historische Welt und alles. Tillich hatte seinen Aufsatz „Kairos“ aus der Zeitschrift Die Tat 1922 Troeltsch zukommen lassen. a. 370a. München 2011. Berlin/New York 2008. in der . Die Ambivalenz des Historismus bei Ernst Troeltsch. Kairos (1922). wogegen in der Fassung in den GW VI viele Formulierungen getilgt sind!) 19 Ernst Troeltsch. 18 Paul Tillich. International Yearbook for Tillich Research Vol.18 Dieser reagiert darauf im ersten Abschnitt des vierten Kapitels über die europäische Kultursynthese mit den Worten: „Einen ähnlichen Gedanken führt P. (Hg. 6 (s. 103 – 122.. Kairos. die noch in die „Unterkelle- rung“ des Historismusbandes durch Fußnoten nachträglich eingefügt wurde. (Der Abdruck entspricht dem Original von 1922. a. Tillich.

Ringen um eine Sinndeu- tung der Geschichte vom Begriff des Kairos her. das ist hier gewollt.O. Zürich 2008. o. in: Mitteilungen der Ernst- Troeltsch-Gesellschaft. M. man muß dafür eine Mischung von Historischem u. wie noch zu zeigen sein wird. worin sich auch bei ihm das durchaus vor- handene Gegenwartsinteresse verrät24. Kroeger. Anm. Geschichtsphilosophie.. Allgemeingültigem vornehmen. hg. München 2006. Nachschrift von Hans Baron. Zur Aktualität von Ernst Troeltschs Protestantismusschrift. Vergangene Zukunft. Kairos (s. hier bes.).“21 Das genau ist nun eben nicht Tillichs Ansicht. Schon der von Troeltsch genannte Tat-Aufsatz enthält für eine solche Eingemeindung Tillichs in den Historismusband Widerhaken.“23 Damit verschiebt sich der Akzent deutlich von der Vergangenheit weg auf die Gegenwart und mehr noch die Zukunftserwartung.). 19). 4).-K.a. Protestantismus und moderne Welt. 43. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 199 zu formen.“22 Das setzt natürlich das Bewusstsein voraus: „Wir sind der Überzeugung. Frankfurt (Main) 1979. Aber allein aus der Geschichte heraus ist diese nicht zu erreichen. In der Spannung von Erfahrungs. Der Historismus und seine Probleme (s. Vorlesung im Wintersemester 1921/22. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. hier: 72 f. Bd.10.15 13:48 . 59. o. Forderung eines Ge- genwartsbewußtseins und Gegenwartshandelns im Geistes des Kairos. 133 Anm. 19. v. 55 – 73. die den Begriff „der“ Geschichte gerade für die Neuzeit seit der Aufklärung charakterisiert25. Während Troeltsch aus der gewesenen Historie die kommende „formen“ will. In der Einleitung ruft Tillich programmatisch zu einem „geschichtsbewußtem Denken“ auf.“ 25 Dazu Reinhart Koselleck.und Erwartungs- begriffen. 62. Seinsollendem. daß gegenwärtig ein Kairos. ein epochaler Ge- schichtsmoment sichtbar ist. 23 A. 22 Tillich. Protestantisches Ethos und moderne Kultur. Hans Cymorek/Friedrich Wilhelm Graf/Christian Nees. in: Georg Pfleiderer/Alexander Heit (Hg. nach einer Kultursynthese aus dem gegenwärtigen Augenblick heraus fragen. 24 So zu Recht Friedemann Voigt. das näherhin so beschrieben wird: „Aufruf zu einem Geschichtsbewußtsein im Sinne des Kairos. Anm. 37 – 54. expressionistisch aufgeladenen Texte“. B 698 (Her- vorhebung M.“ Siehe Ernst Troeltsch. So auch die prägnante Formulierung Troeltschs aus der Vorlesung über Geschichtsphilosophie vom Wintersemester 1921/22 in Berlin: „Die materiale Geschichtsphilosophie will […] nach Sinn und Bedeutung der Geschichte als Ganzer u. Paul Tillich als Religiöser Sozialist (s. das Troeltsch-Zitat S. verschiebt sich der Akzent deutlich weg von 21 Troeltsch. Anm. 39: „So ist das Verständnis der Gegenwart das letzte Ziel aller Historie. spricht hier zu Recht von der Stimmung der „frühen. 18). o. so dass von etwas in naher Zukunft Erwartetem das Licht allererst auf Vergangenheit und Gegen- wart fallen könnte. ruft Tillich explizit zur Sinndeu- tung der Geschichte vom Kairos her auf.

„Die Frage der historischen Kausalität ist damit nicht berührt. Die Geschichte blieb für sie etwas bloß Ge- genständliches. 91: „Die Profetie wird von Tillich zum Maßstab aller religiös-sozialistischen Rede erhoben.“26 Das klingt schon wie eine Kritik des Historismusbandes „ante portas“. sie erfordert eine völlig andersartige. das man höchstens mit Kausalerklärungen und Analogien für die Gegenwart . 47. o. in dem man sich die einfache Frage stellt: 26 Tillich. Anm.29 Wie wenig einleuchtend solche Aufstellungen sind.“27 Tillich tendiert schon in diesem frühen programmatischen Aufsatz dazu. die sich im Bewußtsein des Kairos verstehen […]..200 Michael Murrmann-Kahl der Erfahrung hin zur Erwartung – und Erwartungsbegriffe wie etwa par excellence der „Fortschritt“ sind durch ihre inhaltliche Unbestimmheit und Ideologieanfälligkeit gekennzeichnet. dazu Christophersen. merkt man in dem Moment. Ausge- wählte Texte (s. 27 A. sie war aber nicht der Ort der absoluten Entscheidungen. Anm. Anm.“ Die erwünschte und ersehnte neue theonome Geisteslage unter- stützt freilich „den politischen Kampf des Sozialismus. Tillich beschreibt dabei seine Sichtweise des „Historismus“ folgen- dermaßen: „Daß der Geschichtsschreibung der letzten Jahrzehnte bei aller Größe der Forscherenergie die innere Größe mangelte. 58..O. in der diese Historie dem epochalen Denken. Kairos (s. 29 Tillich. Anm. Anm. o. Dazu Christophersen. 1). liegt an der Weltenferne. vor seinem Erscheinen. o. 18). o.15 13:48 .“ Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. hier: 85 f. würde man besser mit „Ge- schichtsprophetie“ bezeichnen. dem Be- wußtsein des Kairos stand. Was er stattdessen anbietet. 107. in der auch der Betrachtende unmittelbar. 13). das Kairosbewusstsein des religiösen Sozialismus von den diffizilen Fragen historischer Forschung und geschichtsphilosophischer Reflexion abzu- koppeln. objektivierende Betrachtung und darf mit der Frage nach der Sinndeutung der Geschichte nicht vermengt werden. 28 Paul Tillich. o. Grundlinien des Religiösen Sozialismus (s. Kairos (s. Kairos (s. 84 – 107. 90 – 96.10.a. in: Ders. geht aber darin nicht auf. 28). In dem nur ein Jahr jüngeren Aufsatz „Grundlinien des Religiösen Sozialismus“ spricht er denn auch selbst für den Kairos und religiösen Sozialismus explizit von einer nötigen „pro- fetischen Haltung“! 28 Die Zirkularität dieser sozusagen verschworenen „Geistgemeinschaft“ ist offensichtlich: „Der religiöse Sozialismus ist eine Gemeinschaft von solchen.fruchtbar‘ machen konnte. soweit er die Herrschaft der politisch-sozialen Dämonien brechen will“. 1). in jedem Augenblick gestellt wird. Grundlinien des Religiösen Sozialismus (1923). Vgl.

steht eben draußen. in: Ders. Zum Tode von Ernst Troeltsch (a... 13). Berlin/New York 1999. 226 – 235.).. 1).10. den argumentativen Sachzusammenhang und historischen Anmarschweg offenzulegen.. a. Der Historismus und seine Überwindung (1924). Alle rationale Arbeit in Theorie und Praxis kann keinen anderen Sinn haben.a. Tillich konnte sich sowohl als „Schüler“ von Troeltsch bezeichnen (siehe in: GW V. 108 ff. o. Ders.. Gesellschaft. 175 – 178. 115. Anm.. 106: „Der Glaube an den Kairos ist der Ausdruck für das Bewußtsein. 234 f.) Denselben Sachverhalt zeigt auch Tillichs Antrittsvorlesung an der Frankfurter philoso- phischen Fakultät „Philosophie und Schicksal“ (1929). 175)! Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. nie eine von dessen Vorlesungen gehört zu haben (in: Tillich. wer nicht des elitären Kairosbewusstseins teilhaftig wird. Paul Tillich als Religiöser Sozialist (s. Ernst Troeltsch... der selbst ein Element des Schicksals ist. Begegnungen. v. hg. Zum gleichnamigen Buch von Ernst Troeltsch (1924). o. Versuch einer geistes- geschichtlichen Würdigung (1924). Anm. in: Ders. von einem neuen Durchbruch des Unbedingten berhrt zu sein.-K. 166 – 174. 72) als auch angeben.15 13:48 . die Geltung in die Zeitenflle..O. Ausgewählte Texte (s.O. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 201 Wie gelangt man überhaupt zu einem solchen Kairosbewusstsein? 30 An dieser Stelle steckt die Hauptdifferenz zu Troeltschs Vorgehensweise in seinem Historismusband. 28). 78 – 89. 31 Erhellend für dies gleichsam „messianische“ Bewusstsein ist der Satz Tillichs aus den „Grundlinien des Religiösen Sozialismus“ (s. hier: 234 f. Kultur. hinführt.“ (Hervorhebung M.. Stuttgart 21980. Zum Tode von Ernst Troeltsch (Februar 1923). eben zur „europäischen Kultursyn- these“. Teil I. Begegnungen (GW XII). Erd- mann Sturm (EW X).O.. für sich schon höchst bezeichnend und aufschlussreich. Ders. o. in: Ders. als diesem Gehalt Ausdruck zu geben auf jedem Gebiet. der mit ihr im Schicksal steht. die im Schicksal steht. Einleitung in die Geschichtsphilo- sophie (1923/24). Anm. Tillich hat sich nach dem Tode von Ernst Troeltsch gleich fünfmal 1923 und 1924 zu diesem und dessen Geschichtsphilosophie geäußert32. o. Ders.a. Begegnungen. Religion. Philosophie und Schicksal. Anm. in einem solchen Schicksal zu stehen. dass Tillich sich der Schlüsselworte ausgerechnet des Stefan George-Kreises (vor allem Friedrich Gundolfs) bedient hat. 204 – 211. die Wahrheit in das Zeitschicksal. M. 4). Kairos (s. […] Die Wahrheit dagegen.31 Insofern ist allein schon die Tatsache. Rezension: Ernst Troeltsch.“ (!) Die eigene Aufgabe wird bestimmt als „dem Logos zu dienen aus der Tiefe unseres in Krisen und Katastrophen sich ankün- digenden neuen Kairos“: Paul Tillich. 32 Siehe Paul Tillich. in: Ders.a. der zu einem politisch-praktischen Ideal. ist nur dem offen. 426 – 431. Eine solche Hinführung sucht man dagegen bei Tillich vergebens. Ausführlich dazu Christophersen. Der Historismus und seine Probleme. in: ThLZ 49 (1924). 30 Kroeger. in: Ders. spricht im Anschluss an Tillichs Selbstaussagen von einer „politisch-öffentlichen Ekstase des politischen rauschhaften Erlebens“ Anfang der zwanziger Jahre. a. die gerade darauf abzielt. wenn er für seine Ge- genwart behauptet: „Der Logos ist aufzunehmen in den Kairos. Ders.

[…] Es ist die Tragik der Größten seiner Generation. Anm. Zunächst wird noch unterm Eindruck des Ablebens ein Un- behagen am Verharren Troeltschs auf dem innerweltlichen Standpunkt ohne Ausblick auf ein „Übergeschichtliches“ notiert. 32). 17). Das bleibt freilich eine schillernde und im Ungefähren verharrende Verhältnisbe- stimmung. gewaltigen Anstrengung. daß er auch in der letzten. o. Ernst Troeltsch (s. 32).. 168. 35 Tillich. schließlich versagte. 173. o. 428. „Dadurch rückt die Sinndeutung des Vergangenen in unmittelbare Nähe der Gestaltung des Gegenwärtigen. Anm. Anm.. o. 173.) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Das ist in der Würdigung von 1924 explizit ausgesprochen.. die den Differenzpunkt eher zu ertasten versucht als präzise bestimmt. 178.34 Man kann sich dazu denken: Tillich fehlt entscheidend der Bezug der ganzen Ge- schichtsphilosophie aufs Unbedingte. o. so sind doch auch die Religions. in: Ders. 38 Paul Tillich.“ (Ebd. 32). 209.“39 Während in den Würdigungen der frühen 33 Tillich.15 13:48 . Der Historismus. Zum Tode von Ernst Troeltsch (s. 32). und dabei das nach- haltig wirkende Cliché des Aporetikers Troeltsch als der „negative[n] Voraussetzung für jeden kommenden Aufbau“33 geprägt.. vgl. Anm. 37 A.und Sozialphilo- sophie mitgemeint: „Es ist die tiefe Tragik von Troeltschs Lebenswerk. dass Troeltsch „den schöpferischen Charakter des Historisch-Individuellen betont“ und in den Zusammenhang der Rekonstruktion des Entwicklungsbegriffs eingestellt habe. Zum Tode von Ernst Troeltsch (s. Denn: „Die wahre Religion ist für Tillich nichts anderes als das vollzugsgebundene aktuale Geschehen.37 Deshalb fehlt in Tillichs Augen trotz der grundsätzlichen Übereinstim- mung mit Troeltschs Intention die „auf das Unbedingte gerichtete Ge- schichtsmetaphysik“. 171.“35 Positiv aufgenommen wird. 34 Tillich. 39 Christian Danz.a. Anm. Rezension: M. 175.“36 Aber die in- haltliche Füllung der „europäischen Kultursynthese“ muss dann doch enttäuschen. Ders. Anm. insofern sie dem historischen Relativismus nicht standhält: Dieser Europäismus bleibe eben auch nur „ein zufälliges Produkt im Strom der Bedingtheiten“ und ermangelt gerade des unbedingten Sinns. Harant. in dem sich das kulturschaffende Sym- bolbewusstsein durchsichtig wird […].Krisis des Historismus‘ (E.202 Michael Murrmann-Kahl woraus die ihnen zugemessene Bedeutung erhellt. o.O. Ernst Troeltsch (s. o. Begegnungen (s.O. Religion – Kultur – Theologie (s. 32). Troeltsch) ist die Tillich umtreibende Frage. 172.10. und auch wenn sie sich primär auf den Histo- rismusband bezieht. 36 A.a. das Unbedingte im Bedingten zu finden.38 Denn in der Tat: „Das Geltungsproblem ange- sichts der .

Anm. Soziologie und Sozialpädagogik berufen. 82 – 85. Vorlesungen über die Geschichtsphilo- sophie und Sozialpädagogik (Frankfurt 1929/30) (EW XV). ohne den historischen Kontext der Debatten um den Begegnungsbegriff bei Buber. Bultmann und Go- 40 Tillich. Von der Zukunft in die Vergangenheit Erst der Tillich der Frankfurter Zeit. aus den Krisen der Zeit geborene Geschichtsbewusstheit versteht sich vielmehr als ein solches Bewusstsein. und Friedrich Wilhelm Graf. 1). „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 203 zwanziger Jahre der Einwand auf den Verzicht auf eine „echte. 47. in: Ders. Anm.und dem zusätzlich aufgenommenen Gestaltbegriff: dazu Christophersen. In der von Erdmann Sturm edierten Vorlesung vom Wintersemester 1929/30 wird die bislang nur latent greifbare Differenz zu Troeltsch in der Lehre von den drei Zeitmodi explizit. lautet das spätere Verdikt da- gegen auf schlechte Metaphysik. Kritisch zu Grafs Rezension: Pfleiderer. 43 Paul Tillich. auf die vergangene Geschichte“41.. Anm. Anm. in: NZZ Nr. 42. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. o. 2. 82 (9.a. 119 – 289.10. Kairos (s. deutend und sinngebend. für die kommende Geschichte verantwortlich zu sein und darum zurückzublicken zu müssen. meta- physische Geschichtsanschauung“ geht40.O. hg. 42 1923/24 arbeitet Tillich mit seinem Kairos. 4. Kultursynthesen auf dem Katheder (s. Der Historismus (s. Heidegger. 135 Anm. „in der Geschichte zu stehen. 1227 – 1230. v. Siehe zu diesem Band auch die Rezensionen von Hermann Fischer. nämlich nahe- liegenderweise in der Umstellung der Geschichtsphilosophie auf die Dimension der Zukunft. o. Kairos (s.43 Tillich entwickelt seinen eigenen Ansatz als Begegnungsphilosophie. 7). ausführlich und jenseits aller theologischen Kontexte Geschichtsphilo- sophie zu treiben. Dieser Band Tillichs ist bei Christophersen. hier: XXIII-XL. sieht sich genötigt.15 13:48 . 1 – 118. in: ThLZ 133 (2008). 204. 1929 auf einen Lehrstuhl für Phi- losophie. Tillichs eigene. Erdmann Sturm. Geschichtsphilosophie (Vorlesungsmanuskript) und Nachschrift (wohl von Gertie Siemsen). Die historische Einleitung von Erdmann Sturm berichtet ausführlich über die Hintergründe der Berufung Tillichs nach Frankfurt: S. o. o. 210 41 A. XXIII-LIX.. noch nicht berücksichtigt. 38). 2008). 1). Diesen Ansatz42 zu explizieren unternimmt die spätere Frankfurter Geschichtsphilosophie zumindest im Umriss. Berlin/New York 2007.

Friedrich Gogarten. Tübingen 1983.a. denn: „Zeit haben heißt primär. Rudolf Bult- mann.“45 In diesem Sich-Begegnen des Menschen steckt zugleich dessen Mächtigkeit: „Die Mächtigkeit der Begegnung ist die Mächtigkeit des Vorstoßen-Könnens. 9.47 Entscheidend ist hierbei. Offenbar übernimmt Tillich Max Schelers Bestimmung des Menschen als „weltoffen“ im Gegensatz zur Umweltgebundenheit des Tieres. 43).O. 37: „Die Begegnungs-Analyse zeigt uns. 57. 50 A.O. und Tillichs Verweis auf die darin liegende „Mächtigkeit“ erinnert an seine spätere Rede von der „Seinsmächtigkeit“.. wenn für den Menschen das Begegnen als ein „Vorstoßen“ auf der Basis des „Stehen-Bleibens“ beschrieben wird: „Wir begegnen uns selbst als gespannt über uns hinaus. daß alle unsere Begegnungen Sinn-Begegnungen sind..50 In seiner ausführlichen Analyse der drei Zeitmodi erhält die Zukunft die konstituierende Funktion. Jesus (1926). so dass hinsichtlich des Menschen von der Unendlichkeit.. daß wir mit gerichtetem Sinn begegnen und in der Sinn-Anerkennung oder Ablehnung stehen. Sein und Zeit (1927). Geschichtsphilosophie (s.O.48 Im Zusammenhang mit der historischen Zeit wird diese sinnhafte Begegnung als das Hinausstoßen über die jeweils gegebene Zeitspanne auf das „Überzeitliche“ bezogen. Tübingen 151979. 47 A. und ein sinnhaftes Ziel. ohne den Sinn und seine unbe- dingte Forderung abschieben zu können. Eine Untersuchung über Glauben und Geschichte. Zukunft haben.O. 45 Tillich. ohne die Gegründetheit aufzu- geben. zu sprechen ist. o.49 Tillichs Geschichtsphi- losophie insgesamt stellt sonach die „methodische Bewußtmachung der Geschichte als ursprünglicher Begegnungsart.15 13:48 . von Welt- Raum und Welt-Zeit. ohne aufzuhören zu stehen.“ 49 A. 136 (Nachschrift). 51 A. 48 A. nämlich eine Spanne haben.a. ohne sich zu verlieren.a.“46 Dabei fungiert „Begegnen“ als ein weit gefasster ontologischer Grundbegriff. die vorweg- genommen wird. Martin Heidegger. 46 Ebd.204 Michael Murrmann-Kahl garten eigens zu thematisieren.a. ihrer Charaktere und ihres Sinnes auf Grund konkreten gegenwärtigen Sich-Vorfindens in der Geschichte“ dar.a. 49. auf das über den Tod hinaus vorgestoßen wird. dass für den Menschen ein sinnhaftes Be- gegnen gilt. 27. Jena 1926. Anm.. Dieses Über- Sich-Hinaus-Sein auf Basis des Bei-Sich-Seins geschieht in Raum und Zeit.44 Er gemahnt im Ausgangspunkt an Helmuth Plessners Bestimmung des Menschen als „exzentrischer Posi- tionalität“. Ich glaube an den dreieinigen Gott..O. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.“51 Von der bestimmenden Zukunftserwartung aus lässt 44 Vgl.10.

a. an der Tillich Troeltschs Geschichtsphilosophie scheitern sieht. dass diese Zukunftsbe- stimmtheit durch das proletarische Bewusstsein repräsentiert wird. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 205 sich allererst über Vergangenheit und Gegenwart handeln.“52 Nun lässt Tillich keinen Zweifel daran. das eine bestimmte gruppenhafte Abge- schlossenheit hat.15 13:48 . wenn er als Stichwort sich notiert: „Verbindung von religiöser und sozialistischer Forderung der Geschichtsphiloso- phie.O. dass er sich der gegenwärtigen Krise nach dem Ersten Weltkrieg und der Revolution 52 A. das das Hineingerissenwerden in die Zukunft ausdrückt.O. 232 (Nachschrift). so liegt hier der neuralgische Punkt: Bürgerlichkeit und Vergangenheitsorientierung markieren die Grenze. Wenn man auch mehrere Einwendungen Tillichs gegen Troeltsch notieren kann. Allerdings ergeben sich von dem darge- stellten Ansatz her zwei Hauptpunkte der Kritik: Gerade Troeltschs Historismusband repräsentiert ein offensichtlich anderes als das proleta- rische Bewusstsein. durch die Klassenkampfidee. 129 (Nachschrift).. In dieser konstitutiven Bedeutung der Zukunft kommt die sinnhafte Ge- schichtsdeutung in Tillichs Geschichtsphilosophie allererst zu sich.O. nämlich das bürgerliche. In einem ersten Schritt wird Troeltsch zugute gehalten. 54 A. mit denen das vergangene Geschehen rekonstruiert wird.10. vgl. und er steht für die Ver- gangenheitsverhaftetheit der Problembehandlung. Seine kritischen Anmerkungen zu Troeltsch liegen dabei auf Ebenen unterschiedlicher Reichweite..“53 Er erblickt im proletarischen Bewusstsein das entschlossene „Vorwegnehmen der Zukunft“ und daraus resultierend „ein reales sich Tradition-Schaffen“: „Aus der Mächtigkeit dieser Situation heraus […] hat sich das Proletariat eine Tradition geschaffen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die die Wahrnehmung und Strukturierung der Vergangenheit leitet und so auch das Gegenwarts- bewusstsein als Krisenbewusstsein prägt.“54 Offenbar ist es dieses Zukunftsbewusstsein bzw.a. Dieses Argument leuchtet ge- rade unter den Tillichschen Bedingungen des Kairosbewusstseins durchaus ein: Die Zukunftserwartung bestimmt die Wahrnehmung und Kategorien. das Volk der jeweilig Unterdrückten. Er greift wiederum die Kairosbegrifflichkeit auf. anstatt energisch auf Zukunft umzustellen.. die damit verbundenen Erwartungsbegriffe (wie etwa die klassenlose Gesellschaft). 53 A. „Das gesamte Verstehen der Vergangenheit muß ausgehen vom Verstehen der Zu- kunft.a. 8. Vielleicht am wich- tigsten ist dies Schaffen einer Tradition und damit eines Volkes. 184 (Nachschrift).

Anm. M. das durch die Situation unbedingt geforderte geschichtsphilosophische Denken aufzunehmen. 56 A.“57 Insofern kann Tillich sich in seiner eigenen Vorgehensweise sogar von Troeltsch legitimiert sehen. 184 (Nachschrift). 129 (Nachschrift). (Nachschrift). an dem Punkt anzuknüpfen.und Geistprozeß als ob- jektive Gegenstände gleichsam an uns vorüberziehen.a.-K). 80. 59 So Tillich. die in sich selber ganz primitiv idealistisch und ungeklärt war.15 13:48 . wird er anders als bei Troeltsch rein negativ konnotiert: „Für bürgerliches Geschichts- bewußtsein ist das historische Ruhen auf der Vergangenheit das We- sentliche. Insofern „Historismus“ damit zugleich die Fehlform geschichtsphilosophischen Denkens darstellt. 83. hier bes. Im dritten Schritt führt er den Historismusbegriff als vergangen- heitsorientiert ein. o. 132.a.59 Entsprechend wird der bür- gerliche Historismus als objektiv-distanzierende.a..: „Es soll versucht werden. vgl. in der er sich um die Dynamik der Geschichte bemüht.. 86 f. in der der Natur.206 Michael Murrmann-Kahl beherzt angenommen habe: „Dieser Tatbestand war es. Er trieb eine uns zur Zeit schon naiv anmutende gegenständliche Ontologie...O.O. 58 A.10. 16). vgl.“ 57 A. Die bürgerliche Gesellschaft wird bekanntlich als „Geist der in sich ruhenden Endlichkeit“ beschrieben und kritisiert. der mit dem Nebeneinander von formaler Geschichtslogik und materialer Geschichtsphilosophie die Ab- kopplung von der konkreten Geschichtsforschung unternommen habe: „Die Beziehung der Philosophie auf die Wissenschaft ist sekundr ge- worden. wo Troeltsch die Geschichtsphilosophie liegen ließ. das ist der zweite Punkt.O. 127 (Nachschrift) (Hervorhebung M. scheitere Troeltsch an der Insuffizienz seiner eigenen metaphysischen Aufstellungen: „Das ist darin begründet. dass er selber mit einer Metaphysik arbeitete. wo er mit schlechter Metaphysik versuchte. ästhetische Anschauung der Geschichte charakterisiert: „Dies ist eine Situation des Ausruhens. 135. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. seine eigentliche Geschichtsmetaphysik.“58 Die Geschichtsphilosophie der „europäischen Kultursyn- these“ stellt mithin nur einen Ausdruck bürgerlicher Ideologie dar.“55 Allerdings. neben der Geschichtslogik steht eine materiale Geschichtsphi- losophie.a.. der wohl am meisten zu einem unmittelbaren Schwung führte.O. ohne Rücksicht auf die Problematik der Metaphysik eine Metaphysik der Geschichte zu versuchen. Die religiöse Lage der Gegenwart (1926) (s. so daß sofort die aktuellen Probleme dabei in den Vordergrund rückten […].“56 In Tillichs Augen ist es schon Troeltsch selber. 7. des spannungslosen Ausruhens aufgrund einer weiten erfüllten rückwärts 55 A. 93. 128 f. der Troeltsch trieb und ihn veranlaßte.

sich mit wissenschaftlichen (historischen) Mitteln eine Tradition über alle realen Traditionsabbrüche hinweg zu schaffen: „Die Objektivierung des Gewesenen bannt die Dinge in eine gegenständlich fixierte Welt. weitgehend selbst meist unhistorisch verfasst ist. die durch diese Gesellschaftsordnung entstanden ist und in der diese Gesellschaftsordnung zur Vergangenheit gemacht werden soll. und als Begnadung der proletarischen Situation.“61 Diese Kritikmomente: Vergangen- heitsfixierung. vgl. wenn er Troeltsch gerade deshalb an diesen relativis- tischen Folgen scheitern sieht.a. Geschichtsphilosophie (s. Objektivierung.a. 190 (Nachschrift).-K). 232. die Vergangenheit heißt und zu der man eine anschauende Haltung hat. o. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 207 gerichteten Spannung. überwunden werden soll. eines weit zurückgerückten Ursprünglichen. hat es auch Vergangenheit als Schuld und als Begnadung. 63 A. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in der es steht.O. weil dessen „relativische[] Betrachtung der Geschichte“ es nicht gewagt habe.“63 Zwar ist sich Tillich dessen bewusst. M.“60 Der Historismus versuche so. als Schuld der Gesellschaftsordnung.15 13:48 . Das ist die eigentliche Widerlegung des Historismus. 289. Distanzierung. Aber dennoch gilt im Sinne der Zu- kunftsmächtigkeit dieses Bewusstseins: „[…] weil es in höchstem Maße Zukunft hat. 232 (Nachschrift). Anm. ästhetische Haltung und (ruhende) Anschauung der Vergangenheit („Zuschauerrolle“) werden im Ideologieverdacht gegenüber dem Historismus als typischer Veranstal- tung des bürgerlichen „Geistes der in sich ruhenden Endlichkeit“ ver- knüpft..a. vgl.O. dass das proletarische Bewusstsein an sich.a. 289.. 61 A. 43).“64 Damit läuft diese Geschichts- konzeption wieder auf die sie leitenden Begriffe von Kairos und reli- giösem Sozialismus zurück und weist auf Tillichs bald folgende politische 60 Tillich.10. auf das er rekurriert. Dieser vierte Schritt zielt nun exakt auf die Überwindung des bürgerlichen Historismus durch die entscheidende Umstellung von Vergangenheit auf Zukunft im Rekurs aufs proletarische Bewusstsein. So kann Tillich seine Intention gegenüber Troeltsch in dem einen zentralen Satz zusammenfassen: „Geschichtsmächtigkeit ist Zukunftsmchtigkeit.. 232. 191 (Nachschrift)... 62 A.O. der Geschichte an der Vergangenheit orientiert. „Sinn und Ziel dem Geschichtsprozeß zu geben“62. 129 (Nachschrift). 64 A. vgl.O. 59 = 183 (Nachschrift) (Hervorhebung M. 134 f. Tillich folgt der negativen Konnotation Troeltschs von Historismus als Relativismus.

entsprechend: „Glauben im Sinne des Ergriffenseins von einer Mitte der Geschichte. muss er so- zusagen einen Inspirationsort für seine Intuitionen angeben können.. 69 Ebd. „in einem Sinnzusam- menhang zu stehen. daß die Wahrheit getan werden muß. Troeltsch jedoch nicht! Siehe Paul Tillich. 112. in das. der die Geschichtsdeutung leitet. 66 Tillich. und er übernahm die Einsicht der ganzen biblischen Tradition. 68 Tillich. ST I. als unbe- dingtem „Ergriffensein von einem tragenden Sinn der Existenz“. Wenn der Ge- schichtsphilosoph so dezidiert innerhalb der Geschichte selbst verortet wird wie von Tillich und eine Sinndeutung unternimmt67. wenn es heißt: „Der religiöse Sozialismus berief sich auf die Einsicht des vierten Evangeliums. um die Alternative von Immanenz und Transzendenz des Zieles des geschicht- 65 Graf. das Erreichen des Ziels.“ Im Zusammenhang der Historismusproblematik werden Marx und Nietzsche genannt.69 Von dieser Mitte der Geschichte her bestimmen sich jeweils Anfang und Ende.15 13:48 .10. Tillichs Kairosgedanke stellt mithin dafür das Symbol dar. Anm. 43). o. Unter diesem Glauben ist die Gewissheit zu verstehen. o. 6). o. siehe 281 ff. 284 (Nachschrift).65 3. 67 Sehr allgemein gehalten taucht dieser Ansatz wieder in der Systematischen Theo- logie im Vernunftkapitel und im Kontext der Theorie-Praxis-Debatte auf. 364. 43). Anm. Der heilige Zeitgeist (s. sofern man Geschichtsphilosoph ist?“66 Diese Frage drängte sich schon bei der Genese des Kairosbewusstseins und dem unterschiedlichen Zugang zur Geschichtsthematik bei Troeltsch und Tillich auf. Am Ende der fragmentarischen Frankfurter Vorlesung greift er zu seiner in- geniösen Formel von der „Mitte der Geschichte“.“ Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.208 Michael Murrmann-Kahl Option für die „große Koalition antiliberaler Kräfte“ in seiner „Sozia- listischen Entscheidung“ voraus.68 Tillich spricht insofern ohne nähere Spezifi- kation von einem Glauben. 286 (Nachschrift). sich historische Zeit schaffende Bewußtsein“. Geschichtsphilosophie (s. Anm. Von der Gegenwart des Vergangenen Nach all dem Ausgeführten fragt man sich: „Wo steht man selber. der auf etwas zugeht und jeden einzelnen Akt des Lebens als sinnhaft erscheinen läßt“. die als sinngebendes Prinzip Tradition schafft und als sinngebendes Prinzip Zukunft schafft […] in das Kommende hinein. Stuttgart 51977. daß ohne lebendige Partizipation an der „neuen Wirklichkeit“ deren Wesen nicht erkannt werden kann. Geschichtsphilosophie (s. damit auch die Zu- kunftserwartung und die Symbole für die Erfüllung. denn sie übernimmt die „Garantie des Sinnhaften für das handelnde. was als Ziel und Entscheidung des Entwicklungsprozesses gedacht wird.

5!) 71 In der Außen.. Zum anderen. 289 (Nachschrift). Offensichtlich gehört zu einer wie auch immer aufgeklärten Religion das Bewusstsein ihrer eigenen Historizität und Relativität. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 209 lichen Prozesses aufzuheben: „Historische Zeit schaffen heißt dann.15 13:48 . o. vgl. Es ist klar. die die sozialethischen Implikationen ab- blendet. Als Maxime könnte gelten: Keine aufgeklärte Religion ohne historisches Bewusst- sein! Zugleich verursacht diese historische Selbstrelativierung erhebliche Irritationen bei allen religiösen und theologischen Geltungsansprüchen. Ausgewählte Texte (s. sondern als das un- serem Handeln aufgegebene Nächste. dass es offenbar unabgegoltene Problembestände gibt. hier: 249 ff. Anm.O. die historisch genetisierte Gegen- wartsdeutung oder „Sinndeutung der Geschichte“. Günter Dux. die dem Bewusstsein der Moderne […] gerecht würde. warum Tillich seine Erörterungen auch ganz unbezüglich auf solche im engeren Sinne theologische Implikationen darstellen kann. in: ÖZS 26 (2001). als das. zurück und stellt man ihn in den Zusammenhang des hier verhandelten Themas von „der aufgeklärten Religion und ihren Problemen“ ein. Die Religion im Prozess der Säkularisierung. 61 – 88. das Nächste. dass das Verständnis der Geschichtlichkeit der Re- ligion nicht dazu geführt hat. Jahrhunderts) natürlich selbst historisch geworden ist.71 70 A. dass die Radikalität dieser Forderung und ihrer Konsequenzen schon ausreichend verinnerlicht wurde. Es stellt sich allerdings die Frage. 238 – 253. Das Religionsverständnis Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.. worin die zeitliche dialektische Geschichte aufhört. die sich in der historischen Beschreibung dieser Diskussion nicht erschöpfen.und Beobachterperspektive kann dann durchaus bezweifelt werden. gleichwohl ist festzustellen. das Kommende zu setzen.“ Interessanterweise verzichtet Tillich hier in seinen ge- schichtsphilosophischen Ausführungen auf den sonst üblichen Rekurs auf die Christologie vollständig. die Religion einer Erkenntniskritik zu unterwerfen.10. Treten letztere dann doch nur akzidentell zum „Kairos“ und „religiösen Sozialismus“ hinzu? (Das verhielte sich dann spiegelbildlich zur immanent- theologischen Tillichinterpretation. in: Ders.70 Blickt man auf diesen Diskurs zwischen Tillich und Troeltsch um die adäquate Geschichtsphilosophie. das selbst ersichtlich nahe am Historismusband entlang formuliert wurde.a. Symbol für die Situation des Überzeitlichen. aber nicht Setzen als Ende. Vgl. hier: 63: „[…] insbesondere im Protestantismus ist ihre Historizität in den Theoremen der Entmythologisierung wie der Säkularisierung in das religiöse Selbstverständnis integriert worden. dazu Tillichs Aufsatz von 1930 Christologie und Geschichtsdeutung. so lässt sich zweierlei feststellen: Einmal dass diese Debatte in ihrer Konstellation (der zwan- ziger Jahre des 20. siehe oben unter Anm. 13). dass diese „Sinndeutung der Geschichte“ immer die unausdrückliche Brücke zur Religionsphilosophie und Christologie bildet.

unangreifbaren „über- zeitlichen“ Ort konstruiert. Christus ohne Jesus? – Die „Fragwürdigkeit des Empirischen“ als Konstruktionsmoment in Paul Tillichs Christologie.und Dogmengeschichte und schließlich Theologiegeschichte infiltrierte Protestantismus objektiv sein Widerspiel im Fundamentalismus ausgebrütet hat. Die Christologie Paul Tillichs und die neuere Jesus-Forschung. hier bes.“ Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 3 ff. Auch Christian Danz. 136 f. dass der weitläufig mit historischer Forschung von Bibel.15 13:48 . o. hier bes. zu diesem von Troeltsch übernommenen und umgeprägten Begriff aus- führlich: Christian Albrecht. Anm. konkrete Geschichtsforschung von einer in sich selbstevidenten „Sinndeutung“ abgekoppelt. stellt sich die Frage. Dass Tillichs Formel über Troeltsch als der „negativen Voraussetzung jedes künftigen Aufbaus“ einen klaren Überbietungsanspruch enthält ist offensichtlich. in: Mitteilungen der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft. 13. in: a. 73 Siehe vom Vf. seine Merkwür- digkeit kann man als Beobachter konstatieren und sinnvollerweise nur dem inkommensurablen „psychischen System“ zurechnen. 15).a. Sehr viel schwerer fällt es schon..“ (!) 72 Vgl. Augsburg 2000. 23 – 46.. Troeltschs Umdeutung des Neuprotestantismus- Begriffs. Der Umgang mit Geschichte wird so zur Nagelprobe für die Aufgeklärtheit und Modernität des Neupro- testantismus72. 121 – 141. in: International Yearbook für Tillich Research Vol. Bd. Bekenntnis. Tillich ver- fährt in seiner Geschichtsphilosophie generaliter wie im Umgang mit der historischen Jesusfrage innerhalb der Christologie spezialiter73 gleich: Geschichte wird von einem selbst ahistorischen. Diese Problematik zeichnet sich in der Genese des Kairosbewusstseins ab. Denn wie schon Martin Dibelius 1925 nüchtern resümierte: „Die Wahrnehmung des ist vielmehr auch im Westen unter der Decke der Historisierung fundamenta- listisch geblieben. ob und inwieweit es gelingen kann. 1 – 34. Glaube und Geschichte.. Wenn man mit Troeltsch Naturalismus und Historismus als die un- hintergehbaren Bedingungen der Moderne einschätzt und sich dabei der dadurch verursachten permanenten Selbstreflexion und Verunsicherung erhobener Geltungsansprüche bewusst ist. 31 ff. Kirchen. 6 (s. diesen weitläufig beklagten Historismus- Relativismus tatsächlich zu „überwinden“.: „Der historische Jesus hat damit in Tillichs Christologie keine begründungslogische Funktion für die dogmatische Chris- tologie.210 Michael Murrmann-Kahl So nimmt es nicht Wunder.10.O. ihn plausibel einzulösen.

498 – 519. zumal politischen Handelns.“ 77 Der Reflex darauf: Paul Tillich.auf Erwartungsbegriffe um. für Tillich die Einsicht. den Sinn und Zweck unseres Tuns und unserer Institutionen. Unter dem Label „Geschichtsphilosophie“ lässt sich allerhand betreiben. Voraussichtlich lässt sich dieser Streit auch gar nicht mit einem Macht- spruch schlichten. Siehe dazu Friedrich Wilhelm Graf. gegen Tillich der Mangel an wirklicher historischer Forschung und Reflexion geschichtswissenschaftlicher Probleme. 76 Das als „Revolution des Historismus“ hat Thomas Nipperdey ausdrücklich herausgestellt.).77 Schlechte Karten hat am Ende derjenige. 170. in: Friedrich Wilhelm Graf (Hg. weil er in der Natur der Sache liegt. 419 – 423. Deutlich enthüllt sich letzteres durch den Streit um eine „linke“ oder „rechte“ Lesart des schillernden Kairosbegriffs zwischen Tillich und Emanuel Hirsch. 69. in: Ders.10. Stuttgart 21978. ST III. Beide Einschätzungen lassen sich mit Argumenten vertreten: gegen Troeltsch spricht die in der Tat schwache Metaphysik75. dass es Geschichtsphilosophie mit der Deutung und Reflexion vergangenen Geschehens. Bd. Deutsche Geschichte 1800 – 1866. Individuelle Totalität. Für Troeltsch spricht. o. Gütersloh 2000.“74 Das kann man als Fortschritt über die Defizite Troeltschs deuten oder als Rückfall hinter die bereits im Historismusband erreichten Differen- zierungsgewinne. 11). Tillich stellt typisch modern von den alteu- ropäischen Erfahrungs. 157 – 202. zu tun hat. die – mangels er- fahrungsgesättigter Füllung – leicht ideologieanfällig bleiben. wo notorisch Vielfäl- tigkeit und Vieldeutigkeit herrschen. Kairos (s. Göttingen 1925. auch viel Frag- würdiges und gegenüber realer Geschichtswissenschaft Freischwebendes. Bürgerwelt und starker Staat. München 1983. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.. Jahrhunderts seit Ranke und Droysen. o. Anm. 243 – 260. Anm. 1). Ernst Troeltschs „Historismus“ (Troeltsch-Studien. die sich von dort aus in die Gegenwartslage vortastet. 10).15 13:48 . hier: 499: „Der Rückgriff auf Ge- schichte begründet jetzt die Normen unseres gemeinsamen. 74 Martin Dibelius. dass sich auch gegenwärtige Geltungsfragen historisch le- gitimieren lassen müssen76. der auf dem Feld des Historischen Eindeutigkeit zu erzwingen sucht. und dazu Christophersen. also „der“ Geschichte. dass die Gegenwart mit ihren jeweiligen Zukunftserwartungen die Fokussierung auf die Vergangenheit bestimmt. Geschichtliche und übergeschichtliche Religion im Christen- tum. 75 Siehe Jörg Dierken. Troeltsch folgt noch einmal dem großen Paradigma der Geschichtswissenschaft des 19. Ernst Troeltschs Geschichtsphiloso- phie in praktischer Absicht. „Tillichs Traum“ – Paul Tillich liest Ernst Troeltschs Historismusband 211 Übergeschichtlichen ist nicht mit den Erkenntnismitteln des Historikers zu erlangen. Annihilatio historiae? (s.

Aus „der“ Geschichte aussteigen zu können bleibt gemessen daran eher ein Wunschtraum. deren Ursprung in Gottes Schöpfungshandeln und deren Ziel im eschatologischen Reich Gottes liegen. aber nicht die Realität“.“ So Graf. 79 So Marion Pauck. wie sie trotz aller Selbstrelativierung ihre dogmatischen und ethischen Geltungsansprüche kommunizieren will – nach Möglichkeit mit Argumenten. Für die systematische Theologie bleibt angesichts dieser paradoxiehaltigen Problemlage die Aufgabe. die Reflexion historischer For- schung und damit verbundener Konsequenzen. […] So kann es nicht überraschen. Dann darf sie sich allerdings auch nicht den Mühen der Ebene verschließen.79 78 „Der neue Überwölbungsbegriff „Geschichte“ beerbte uralte religiöse Vorstel- lungen der Einheit der Menschheitsgeschichte. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. o. Schwindelgefühle an- gesichts solcher Zirkularität sind inbegriffen. Dies kann sich freilich nur auf das intellektuelle Vorbild und die Ausstrahlung Tro- eltschs im Nachkriegsberlin beziehen – besetzungspolitisch strebte Tillich viel- mehr nach einer systematischen Professur an und innerhalb der Berliner Theo- logischen Fakultät (Nachfolge Reinhold Seeberg 1928/29). Bd. o. dass neben den Historikern auch Theologen „Geschichte“ konstruierten und über historische Zeiten nachdachten.15 13:48 . wäre nämlich in den zwanziger Jahren zu gerne Ernst Troeltschs Nachfolger in Berlin ge- worden. Annihilatio historiae? (s. 106 – 121. 10). so berichtet er.212 Michael Murrmann-Kahl Dass die Beunruhigung und Befassung mit dem Kollektivsingular und Reflexionsbegriff „der“ Geschichte. sozusagen die Perspektivierung der Perspektive. Paul Tillich in deutschen Augen (2001). 22 (s. in: Mitteilungen der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft.78 Mit „Historismus“ wird die Paradoxie einer Selbstbeschreibung aus- drücklich gemacht. hier: 111. der Auseinandersetzung mit Fragen realer histori- scher Forschung und geschichtswissenschaftlicher Debatten über „die“ Geschichte. nicht aufgehört hat und wohl im Neuprotestantismus auch nicht zur Ruhe kommen wird. Anm. Anm. Genau das eben „war Tillichs Traum. hängt nicht nur mit der historischen Jesusforschung und Exegese zusammen. Insofern enthält die Sentenz des Tillich- Schülers Harald Poelchau zu Tillichs Befindlichkeiten in der Dresdner Zeit über die reine und vergangene Karrierefrage hinaus noch einen treffenden Hintersinn: Tillich. 19).10. die sich selbst in ihre eigene Beschreibung einschließt. 51.

Der Aufsatz ist eine Streitschrift im Rahmen jener Auseinandersetzung um die „Absolutheit des Christentums“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. v. Die Absolutheit des Christen- tums (s. was die Einsichten in die historischen Entwicklungs. o. Der Absolutheitscharakter des religiösen Bewusstseins bei Troeltsch und Tillich Friedemann Voigt Die Alternative einer historischen oder einer dogmatischen Methode der Theologie hat Ernst Troeltsch in seinem programmatischen Aufsatz aus dem Jahr 1900 entwickelt. das historische Denken auch in diesen Fragen zuzulassen. die allgemeinen religionsgeschichtlichen 1 Ernst Troeltsch.10.1 Diese ganze Debatte. würden aber nicht mit derselben Konsequenz angegangen. Die sich von daher aufdrängenden Fragen. Trutz Rendtorff. Sie war von Angriffen auf Troeltsch und andere durch den Altritschlianer Ferdinand Kattenbusch angestoßen worden. 2 Vgl. Einleitung. zur Auseinandersetzung innerhalb der Ritschl-Schule und vor allem mit Kattenbusch bes.Historische und dogmatische Methode der Theologie. Berlin/ New York 1998. dass in ihr das historische Denken in der Bibelforschung und Kirchengeschichte zwar zu bedeutenden Einsichten führen. sondern vielmehr durch die dogmatische Scheidung in eine Welt. 1). ist zunächst und vor allem eine innertheologische Debatte um Begründung und Methode der Theologie. Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte (1902/1912) mit den Thesen von 1901 und den handschriftlichen Zusätzen (KGA V). Kattenbusch mokierte sich über das „Bedürfnis. hg.2 Troeltsch hielt dem entgegen.und einer Heilsgeschichte abge- wehrt. 1 – 50. Seine Forderung war. zu der Troeltsch dann wenig später seine gleichnamige große Abhandlung beisteuerte.15 13:49 . die Theologie leide seit hundert Jahren darunter. Trutz Rendtorff in Zusammenarbeit mit Stefan Pautler. Anm. . 4 – 15.und Wandlungsprozesse für die Geltungsansprüche und die moderne Bedeutung des Christentums bedeuteten. es ist immer wieder notwendig darauf hinzuweisen.modern‘ zu sein“ und identifizierte diese vermeinte Zeitgeistkonformität in einem skeptischen Relativismus und einer religionswissenschaftlichen Ausrichtung der Theologie bei Troeltsch und anderen. „Es gilt. in: Troeltsch.

4 Troeltsch. Ders. denen wir außerhalb des christlichen Gebietes alle Erfolge verdanken. Erste Hälfte. in: Die christliche Welt 12 (1898).5 Mit dieser Grundentscheidung für die historische Methode treten aber sofort auch die damit einherge- henden Probleme der historischen Methode auf: Sie liegen vor allem im „Verhältnis des Historisch-Individuellen und dem Normativ-Gelten- den“6 sowie dem Problem des Standortes: Wenn die Theologie nicht von einem Ort jenseits der Geschichte betrieben werden kann. Dieses ganze Bemü- hen Troeltschs stand im Zeichen der Ermittlung und Ermöglichung der „Zusammenbestehbarkeit“ von religiöser und wissenschaftlicher Welt- 3 Ernst Troeltsch. wie findet sie im Fluss und Wandel des Historischen einen Standort. Zur theologischen Lage. Zur theologischen Lage. deren Lösung von der Dogmatik der Schule Ritschls überall im Keime erstickt wird.Geschichte‘“ umgestellt werden. Tübingen 2003. 2). 627 – 631. Es sei gerade das Ziel. hier: 11. Ueber historische und dogmatische Methode der Theologie (1900).Christentum‘ und . bzw. der in ihr vielfach wirksame Dualismus „natürlicher“ Geschichte auf der einen und „übernatürlicher“ Heilsge- schichte auf der anderen Seite müsse beseitigt werden. müsse nach „historischer.. eine Aufgabe.15 13:49 . Einleitung (s.).214 Friedemann Voigt Methoden. teils willig. 2 [Duhm]. o. 630. in: Die christliche Welt 12 (1898). wie Troeltsch diese Probleme einer angemessenen Historik mit den normativen Geltungsansprüchen der Theologie verbindet. ohne jeden Vorbehalt anzuwenden und zu sehen. die Theologie von den alten dogmatischen Prinzipien von Offenbarung und Absolutheit auf „das Problem . 3). o. das wir auf christlichem Gebiet besitzen.“3 Der vorbehaltlosen Kritik dieser Art müsse dann eine neue Konstruktionsarbeit folgen. Erste Hälfte (s. Ernst Troeltsch Lesebuch. „bei aller Anerkennung der modernen Methoden doch Mög- lichkeit und Notwendigkeit fester religiöser Überzeugungen zu erwei- sen“. Die Theologie. universalge- schichtlicher Methode“ verfahren. wie sich diese Ansprüche unter Bedingungen einer historistischen Historik reformulieren lassen.4 In entschiedener Weise forderte Troeltsch für eine solche methodi- sche Besinnung der Theologie. von dem aus sie ihre historische Arbeit beginnt? Daran schließt sich die Frage an. hier: 629 f. 2 – 25. Anm. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.. was dabei herauskommt. 6 Rendtorff. Anm. Zur theologischen Lage. und denen auch das Maß geschichtlichen Verständnisses.10. 650 – 657. so Troeltsch weiter. 5 Ernst Troeltsch. 19. teils widerwillig ver- dankt wird. in: Friedemann Voigt (Hg.

Zustimmung zur historischen Kritik. Anm. Tübingen 1913 (GS II). Erst diese historischen Ermöglichungsgründe ge- ben dann wieder dem theologischen Postulat Gründe. o. o. Theologisches in den großen Romanen Thomas Manns. 16. aber ihre theologische Position sei schwach“. 1943. in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 3 (1893).10. Tübingen 2008. Ueber historische und dogmatische Methode (s. weil Tillichs theologiehistorischer Ausgangspunkt eben die 7 Ernst Troeltsch. 9 Brief Tillichs an Thomas Mann vom 23. aber ihre „theolo- gische Position“ wegen der mangelnden Einsicht in den „dämonischen Charakter der menschlichen Existenz“ nicht folgen könne. zit. Religionsphilosophie und Ethik. Die Theologie als „phänomenologisch-historische Beschäftigung mit der Religion“ ge- winnt Gestalt in der Beschäftigung mit der Geschichte von Christentum und moderner Welt. Anerkennung der wis- senschaftlichen Überlegenheit.7 Historik und Theologie finden bei ihm als historische Methode darin zusammen. 8 Troeltsch. Faustus. das soll im Vergleich mit Troeltsch hier im Folgenden erörtert werden.9 Dies hat dann bekanntlich Eingang gefunden in Thomas Manns Dr. 167 – 231. Die christliche Weltanschauung und die wissenschaftlichen Gegenströmungen. 5. überarbeitet in: Ernst Troeltsch. Anm. 495. Zit. 44. Ablehnung der theologischen Konsequenzen. dies scheint aber vertretbar. nach Christoph Schwöbel. Widerspruch gegenüber der theologi- schen Architektonik. nach Schwöbel. Zit. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. so wie sie von Troeltsch entwickelt wurden. 235. sie muss Ermöglichungsgründe in der historischen Wirklichkeit besitzen. 5). Zur religiösen Lage. der Se- renus Zeitblom sprechen lässt. Die Religion des Zauberers. Ich werde mich dabei auf die systematischen Probleme der historischen Methode konzentrieren. 10 Zit. Historische und dogmatische Methode der Theologie 215 anschauung.15 13:49 . Paul Tillich hat in der Auseinandersetzung mit einem solchen Konzept der historischen Methode mehrfach betont. wie das zumindest für Tillich zusammengehen mag. der liberalen Denkart eigne „wissen- schaftliche Überlegenheit […]. 9). und ZThK 4 (1894). Die Religion des Zauberers (s. Das ergibt zwar eine gewisse Asymmetrie der Darstellung. dass die Zusammenbestehbarkeit mehr sein muss als ein Postulat. 227 – 327.10 Wie das zusammengehen mag. 229.8 So führen Troeltschs Überlegungen zur histori- schen Methode der Theologie konsequent zu seinen Beiträgen über die Kulturbedeutung des Protestantismus und bilden also das systematische Fundament seiner historischen Arbeit und erweisen so zugleich den historisch-systematischen Zusammenhang seiner Christentumstheorie. 493 – 528. dass er der liberalen Theologie in ihrer „historischen Kritik“ zustimme.

). Eine Untersuchung zu ihrer Verhältnisbestimmung im Werke Ernst Troeltschs und Paul Tillichs im Vergleich.). . in: Wolfgang Schluchter/ Friedrich Wilhelm Graf (Hg. Studien zu den problemgeschichtlichen und systematischen Voraussetzungen der Theologie Paul Tillichs (Tillich-Studien. wie sie von Troeltsch prägnant formuliert wurde. Martin Harant. Paul Tillichs Theologie der Kultur.11 Ich werde in einem ersten Abschnitt Troeltschs Historik explizieren. Wien 2004. Theologie als Religionsphilosophie. Hermann Fischer.a. Aspekte – Probleme – Perspektiven. Berlin/New York 2011. 185 – Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Zu den philosophischen Hintergründen der Christologie der Marburger Dogmatik. Frankfurt (Main) u. 17 – 36.). Folkart Wittekind. 12 Gangolf Hübinger. 9).). in: Christian Danz (Hg. Max Weber und Ernst Troeltsch. 133 – 157. Gangolf Hübinger hat überzeugend dargelegt. Bd. Quebec 2002. in: Danz/Schüßler/Sturm (Hg. Pour une nouvelle synthese du christianisme avec la culture de notre temps. Aufgrund dieses Zugriffs sehe ich auch ab von einer exakten Rekonstruktion der Troeltsch-Lektüre Tillichs. Ernst Troeltsch et Paul Tillich. Wie viel Vernunft braucht der Glaube? a. Zur Entwicklung und Bedeutung von Tillichs Geschichtsphiloso- phie.15 13:49 . Troeltschs Historik und die historische Methode der Theologie Es ist eigentlich nicht ganz zutreffend von Troeltschs Historik im Singular zu sprechen. dazu Alfred Dumais/Jean Richard (Hg. und schließlich eine Schlussbemerkung zum Verhältnis der Ab- solutheitsdeutung Troeltschs und Tillichs machen.216 Friedemann Voigt Auseinandersetzung mit dieser liberalen Position historischer Kritik ist.Geist‘ des modernen Kapitalismus..O. Zur Epistemologie von Paul Tillichs Kulturtheologie in Auseinandersetzung mit Ernst Troeltsch und Georg Simmel.Sinndeutung der Geschichte‘. und die Tillich mit seinem Programm der Kulturtheologie überbieten wollte. Religion – Kultur – Theologie. sodann den imaginären Dialog zwischen Tillich und Troeltsch über Religion und Kultur darstellen. Die Vernunft des Christusglaubens. Absolutheitserfahrung und In- dividualitätskultur.. in: Christian Danz/Werner Schüßler/Erdmann Sturm (Hg. Ders. Friedemann Voigt. 135 – 172. Tübingen 2005. 2009. 1. Tillichs Verhältnisbestimmung von Glaube und Vernunft in theologiegeschichtlicher Perspektive. in: Christian Danz/ Werner Schüßler (Hg. dass wir besser zwischen einer „Heidelberger“ und einer „Berliner“ Historik Troeltschs unterscheiden sollten.).10. Asketischer Protestantismus und der . drittens etwas zu Tillichs „Historik“ sagen. a. 171 – 191.12 Was sind die wesentlichen Merkmale 11 Vgl.). Wie viel Vernunft braucht der Glaube? (In- ternationales Jahrbuch für Tillich-Forschung 1/2005). Troeltschs Heidelberger Historik. Wien 2005.

. Jahrhundert zu neuer Klarheit 199. 14 Hübinger. die durch das Christentum „in die Seele unserer ganzen Kultur eingesenkt ist“15. 75 – 92. die ihn bei der Konstruktion der gedanklichen Zusammenhänge leiten“. 199 – 316. In kritischer Prüfung des Protestan- tismus macht er deutlich. Der Zusammenhang von christlichem und modernem Individualismus wird von Troeltsch aber nicht durch die These einer Kontinuität oder gar Identität postuliert. Trutz Rendtorff in Zusam- menarbeit mit Stefan Pautler. Denn auch der „mo- derne Individualismus und Rationalismus“ habe seine Wurzeln in einer Metaphysik und Ethik. v.13 Nun bedarf die Ermittlung eines solchen Kausalzusammenhangs aber der gezielten Auswahl der die Rekonstruktion leitenden Gesichts- punkte. 15 Troeltsch.10. Ernst Troeltsch in Berlin (Troeltsch-Studien [NF]. Anm. 12). Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt. sondern gerade in der Analyse einer Diskontinuität. 188. o. Gütersloh 2006. So entwickelte Troeltsch die Doppelthese von der weitgehend vom Protestantismus unabhängigen Entstehung der modernen Welt einerseits sowie der indirekten Folgen des christlichen Persönlichkeitsgedankens für den modernen Individualismus andererseits. Schriften zur Bedeutung des Protestantismus für die moderne Welt (1906 – 1913) (KGA VIII). dass jener personalistische Kern bei Luther und dem Altprotestantismus von mittelalterlich-katholischen Elementen verhüllt gewesen sei und erst im Prozess der Aufklärung und gesamt- kulturellen Emanzipation seit dem 18. in: Friedrich Wilhelm Graf (Hg.14 Dieser lei- tende Gesichtspunkt der Rekonstruktion war für Troeltsch der Prozess der Individualisierung. Geschichtskonstruktion und Gedächtnispolitik. Troeltschs Heidelberger Historik (s. 221 f. Im Vortrag über „Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt“ führt Troeltsch dies exemplarisch durch. Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt (s. Ders. Berlin/New York 2001. Es ist eine „kulturelle Standortreflexion des Beobachters. 13 Ernst Troeltsch.) „Geschichte durch Ge- schichte überwinden“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in: Ders.15 13:49 . Historische und dogmatische Methode der Theologie 217 der Heidelberger Historik Troeltschs? Es ist zunächst die Verabschiedung des „antiquarischen Historismus“ der Kaiserzeit zugunsten einer auf das Verständnis der Gegenwart zielenden Rekonstruktion ihrer Genese. 1). der Wertbeziehungen. Anm. Diese Auswahl erfolgt gemäß der Ausrichtung der Konstruktion auf das Verständnis der eigenen Gegenwart als Bestimmung der diese eigene Gegenwart charakterisierenden Grundzüge. Ernst Troeltschs Berliner Historik.. 13). Bd. indem er auf den Kausalzusammenhang von Protestantismus und moderner Welt ab- zielt. hg. o.

so wird deutlich. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wie es Gangolf Hübinger formuliert hat. Die Darstellung der vom Christentum teils bedingten. dass dabei ein objektiver his- 16 Gangolf Hübinger. die cum grano salis mit dem Historismus-Band Troeltschs identisch ist. „Ernst Troeltsch – Die Bedeutung der Kulturgeschichte für die Politik der modernen Gesellschaft“. Die Beschreibung des Gewordenseins des eigenen Standpunktes wird nicht mehr allein von dem Individualismus regiert. Die Selbstbe- obachtung des Beobachters erfordert nun mehr Beschreibungen. unsicherer geworden ist. Diese gewaltige materiale Auswei- tung seiner Historik macht zugleich. In dieser „neuprotestantischen“ Gestalt habe der christ- liche Persönlichkeitsgedanke eine katalysatorische Wirkung auf die moderne Kulturentwicklung gehabt. dass der Grund. die zum Aufbau Europas beigetragen haben und auch eine zukünftige europäische Kultursynthese ermöglichen sollen. die Darstellung des Gewordenseins der eigenen Position wird zur multi- perspektivischen europäischen Kulturgeschichte. Sie wird nicht zur historischen Methode der Theo- logie erweitert. unvollendet. Diese konzise Beschreibung der Historik durch Hübinger bleibt je- doch hinsichtlich der Bedeutung und Funktion.10. sondern erweitert sich auf die Suche nach Grundgewalten. Die Unterscheidung von modernem Individualismus und christlichem Per- sonalismus ist darin. ist die Berliner Historik nach Hübinger die Art und Weise. So wird bei Troeltsch die Religi- onsgeschichte des modernen Protestantismus zur „religiösen Kulturge- schichte eines sozial wirksamen neuzeitlichen Individualismus“.16 Von der Heidelberger Historik unterschieden ist nach Hübinger die „Berliner Historik“. deren Angemessenheit von der Ana- lyse der Genese der modernen Welt gleichsam überprüft wird. von dem aus diese Kultursynthese erfolgen soll. dass der protestantische Glaube gegenüber den depersonifizierenden Kräften der Moderne ein Gegengewicht bilden kann. teils unabhängigen Entwicklung der mo- dernen Welt ist daher für Troeltschs theologisches Programm auch notwendig: Sie bietet wesentliche Argumente zur Berechtigung der ei- genen theologischen Position dar. in: Geschichte und Gesellschaft (30) 2004. diese aber nicht mehr allein mit dem leitenden Konstruktionsprinzip eines modernen religiösen In- dividualismus belebt.218 Friedemann Voigt gekommen sei.15 13:49 . die sie für Troeltsch hatte. 189 – 218. welche zweifellos das eigentliche Ziel Troeltschs ist. In gedrängter Kürze gesagt. Dies darf freilich nicht so missverstanden werden. in der Troeltsch zwar an seiner Figur der Standortbestimmung festhält. hier: 201. die Voraussetzung dafür.

gleichsam in einer Beob- achtung zweiter Ordnung. Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt (s. wenn Tillich sodann die Ausrichtung der Theologie auf die „wissenschaftliche Darstellung eines 17 Ernst Troeltsch. h. Dies erfordert und ermöglicht erstens die streng wissenschaft- liche. d. wenn er im neuprotestantischen Personalismus die Gestalt der Re- ligion identifiziert. 314. 13). werde ich später im Vergleich mit Tillich zeigen. zu einer theologischen Standortepistemolo- gie. Fast wörtlich erinnert es an Troeltsch. wie sich diese Historik Troeltschs zu Tillichs Programmidee einer Kulturtheologie verhält. 2. 297 – 316. bes. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die das Wissen über sich selbst als historische Position ein- schließt. o. Historische und dogmatische Methode der Theologie 219 torischer Blick über eine subjektive theologische Position zu Gerichte sitzt. Anm. sondern es wird eine Selbstbestimmung der theologischen Position vollzogen. nämlich Gott. Die Unterschiede der Entwürfe Troeltschs und Tillichs lassen sich durch eine Analyse der impliziten Historik von Tillichs Kulturtheologie gut erkennen.17 Hier vollzieht er den Brückenschlag hin zur normativen Bestimmung. So wies er das Verständnis einer auf einen besonderen Gegenstand. Wie sich dies dann im theologischen Programm Tro- eltschs weiter auslegt.15 13:49 . die der modernen individualistischen Kultur auf Augenhöhe zu begegnen erlaubt. „wertfreie“ historische Forschung. weshalb der neu- protestantische Personalismus eine der Moderne angemessene Religio- sität präsentiert. Troeltsch bestimmt dabei erstens die eigene theologische Position hinsichtlich ihres historischen Ortes – als eine Gestalt des Neuprotes- tantismus – und begründet die Angemessenheit seiner theologischen Position mit historischen Gründen. er legt dar. Dies geschieht im Schlusskapitel von Troeltschs Protestantismusstu- die. bezogenen Theologie ab und bezeichnete sie demgegenüber als „systematisch-normative[n] Teil“ der Religionswis- senschaft.10. setzt diese aber in einem zweiten Schritt in einen konstruktiven Zusammenhang mit den nor- mativen Urteilen über den Wert der Religion. Paul Tillich und Ernst Troeltsch: Zur Theologie von Religion und Kultur In seiner Skizze „Über die Idee einer Theologie der Kultur“ von 1919 scheint Tillich eingangs ganz auf Troeltschs historische Methode ein- zuschwenken. Nun zunächst zur Frage. Dabei verlässt er die Ebene der rein historischen Betrachtung und erweitert diese.

O. der ihm eine solche Konstruktion erlaubt. 20 A. Die religiöse Substanz der Kultur. der nicht immer als solcher kenntlich gemacht wird. So geht Tillich etwa im Text über „Die Idee einer Theologie der Kultur“ im zweiten Abschnitt.15 13:49 . von der Rede von „Kultursphären“ und „Gesellschaftsformen“ sobald es zur 18 Paul Tillich. Vielmehr gibt es einen regen Transfer zwischen diesen beiden Theo- riesphären.. Die Ermittlung des „Gehalts“. in: Ders. Schriften zur Theologie der Kultur (GW IX). ist dann weiter zu fragen.). Über die Idee einer Theologie der Kultur. auf den Troeltsch als wertfreien Ausgangspunkt weiterer Konstruktion so großen Wert legt. „sie [die Theologie] schafft […] den idealen Entwurf einer religiös erfüllten Kultur“20. die der Darstellung eines „normativen Religionssystems“ dienen soll.V. wie sich Tillich die theologische Aufgabe näherhin vorstellt: nämlich als „religiçse Analyse sämtlicher Kulturschöpfungen unter dem Gesichtspunkt des in ihnen realisierten religiösen Gehalts“. die er allen Kulturerschei- nungen eingeschrieben sah. 19 A. Dieses sei zu entwi- ckeln „von einem konkreten Standpunkt aus auf Grund der religions- philosophischen Kategorien und unter Einbettung des individuellen Standpunktes in den konfessionellen und den allgemein religionsge- schichtlichen und den geistesgeschichtlichen überhaupt“. Stuttgart 19752. Noch weiter gesteigert konnte Tillich dann auch formulieren. Dabei bleiben dann bei ihm die religionsphilosophisch-bewusstseinstheoretischen und die historisch-kulturtheoretischen Überlegungen nicht immer klar getrennt. 13 – 31.a. ist dann allerdings darauf zu achten. Tillich genügt also der rein historisch-analytische Blick nicht. der religionsphilosophisch und historisch er- mittelt werden soll.10. der mit „Kultur und Religion“ überschrieben ist.19 Erinnert das noch stark an Troeltschs historische Methode.O.a. Die Alternative entwirft Tillich in der Kulturtheologie.18 Ein solcher theologischer Zugriff sei durch das kritische Denken und die „religionsgeschichtlichen Einsichten“ obsolet geworden. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die ei- gentliche kulturtheologische Aufgabe zielt nach Tillich dann auf die Identifizierung jener religiösen Substanz.. Gemäß des von Tillich selbst beanspruchten Ausgangs von einem „konkreten Standpunkt“. 20 (Hervorhebung F. weil dies einen „supranatural-autoritativen Offenbarungsbegriff“ voraus- setzt.220 Friedemann Voigt besonderen Offenbarungskomplexes“ als überholt charakterisiert. 14 f. wie Tillich diesen Standort bestimmt. Diese Betrachtungsweise würde nach Tillich in den Bereich der „Kultursystematik“ fallen. hier: 14.

24 Hier wiederholt sich der methodische Dogmatismus auch in seinen . 23 Zu Tillichs Auseinandersetzung mit Troeltschs .Soziallehren‘ vgl. 89 – 123. das „in allen Provinzen des Geistigen“ anwesend sei.. noch von ihr isolieren.Soziallehren‘ so viel Auf- merksamkeit gewidmet hatte23 – als Uneigentlichkeiten disqualifiziert. Wie die einzelnen Kulturgebiete über sich hinausweisen auf Religion. der „Unbedingtheitsdimension von Sinn“ ins Feld geführt. Eine solche Differenzierung erlaubt Barth dann auch den kulturtheo- retisch relevanten Schluss. nämlich eine solche.. 123).10. in: Ders.O. Zunächst einmal ist zu Tillichs These von der Unvereinbarkeit religiösen Bewusstseins und soziokultureller Differenzierung zu sagen. Religion lasse sich „weder auf Kultur zurückführen. Darin stecken nun aber tiefergehende und weitreichende Implikationen. In Barths Formulierung von dem religiösen Verweisungscharakter scheinen diese beiden zu unterscheidenden Dimensionen aber wieder ineinander überzugehen. Und dann heißt es darauf wieder: Hierin gründeten die „großen kulturellen Konflikte“ zwischen Kirche und Staat usw.absolutistischen‘ Konsequenzen. welche die historisch-kulturellen Kompromisse von Christen- tum und Welt – denen Troeltsch in seinen . Pro- blemgeschichtliche Hintergründe zum frühen Tillich. Tübingen 2003. welches zur Entgrenzung des Religiösen führe. Es ist keine historische.a. die den „absoluten“ oder „unbedingten“ Charakter des religiösen Be- wusstseins einschließlich der damit einhergehenden Geltungsansprüche selbst verabsolutiert – und zwar gegenüber allen Formen historischen Denkens. so wird Religion nur erlebbar an kulturellen Einstellungen“ (a. Die sinntheoretischen Grundlagen des Religionsbegriffs.O. sondern eine geltungstheoretische These Tillichs. die Troeltsch durch die konse- quente Historisierung vermeiden wollte – nicht zuletzt um die kultu- 21 A.22 Diese Schilderung und diese These bedürfen einiger Bedenken. 17. Historische und dogmatische Methode der Theologie 221 Religion kommt unvermittelt zur Rede vom „religiösen Bewusstsein“ über. Denn diese Annahme einer prinzipiellen Unvereinbarkeit von religiösem Absolutheitsbewusstsein und kulturellem Kompromisscharakter gilt nur für einen bestimmten Typus einer Religionstheorie. hat demgegenüber die Unterscheidung von der „mentalen Struktur von Religion als Deutungskultur“ und dem „intentio- nalen Gehalt“ von Religion.21 Er spricht vom „Absolutheitscharakter jedes religiösen Bewußt- seins“. 24 Ulrich Barth. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.a. dass sie die vielfältigen tatsächlichen historischen Vermittlungen dieses Verhältnisses zugunsten einer vermeintlich prinzipiellen Unvereinbarkeit außer Acht lässt.. den Beitrag von Erdmann Sturm in diesem Band. 22 Ebd. Religion in der Moderne.15 13:49 .

EW XII. Es ist zunächst weiter zu fragen.und Absolutheitstheorie eine echte Alternative zu diesem Konzept Tillichs.“25 Wie aber ist es unter den Bedingungen dieser indivi- dualistischen Kultur dann überhaupt möglich. EW XII. in: Ders. nicht neue Inhalte geben kann. 82. Das ist ja auch sein eigener Anspruch. die oberen ungeistigen Schichten.O. in die der „Geist der neuen Gesellschaft“ dann einziehen kann.a.15 13:49 . 1 – 26. dazu auch Erdmann Sturm. Hierfür möchte ich auf seine Berliner Vorlesungen über Das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart von 1919 zurückgreifen. und diejenigen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.. „Und wir können diese Formen schaffen. Historische Einleitung. Tillich verschiebt stattdessen die Standortbestimmung der Gegenwart in das Zwischenreich einer nicht mehr funktionierenden und im Vergehen begriffenen Individualitätskultur einerseits und einer im Entstehen be- griffenen und noch nicht funktionierenden neuen Gemeinschaftskultur 25 Paul Tillich. die sie im Schoße birgt. weil wir sehen können. Das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart (1919). Und sie weisen Tillich geradezu als Anti-Troeltsch aus.. und Kunst nennt Tillich. 26 A.. weil wir aus dem lebendigsten Bewusstsein unserer Zeit heraus die Zukunft ahnen und lieben können. Politik. Diese lassen sich als die große Darlegung dieser historischen Standpunktermittlung lesen.10.“26 Offensichtlich ging es Tillich darum. die Massen der an ungeistige Arbeit Gefesselten ertragen sie nicht mehr in ihrer Arbeit. aber wohl durch das Schaffen neuer Formen. Recht. Damit liefert Troeltschs Religions. in: Ders. in welcher Weise Tillich den reli- gionsphilosophisch erhobenen Absolutheitscharakter des religiösen Be- wusstseins auch historisch als seinen gegenwärtigen Konstruktions- standpunkt ausweist. hier: 81 f. sie zu verändern? Nicht unmittelbar durch Schöpfung neuer Inhalte. 27 – 258. wohin die Entwicklung auf allen Gebieten strebt. das von Kritik zu Kritik führt. die sich anscheinend wohl dabei fühlen. sondern vor allem auch ihre normative theologische Deutung im Sinne einer Standortepistemologie Troeltschs auszuschließen. nicht nur diese Individuali- tätskultur. Die Vor- lesungen sind ein einziger Protest gegen die „individualistische Kultur“: „Wir die geistig Lebendigen ertragen diese Kultur nicht mehr im Geis- tigen.222 Friedemann Voigt rellen Konflikte einer konstruktiven Bearbeitung zugänglich zu machen. Vgl. sich aus ihr zu erheben. Paul Tillichs frühe Berliner Vorlesungen (1919 – 1920). leiden in tiefster Seele unter der Qual der Entleerung des Lebens durch das Prinzip des Individualismus. aber nicht aufbauen.

die We- sensbestimmung der Religion.a. so Tillich weiter.15 13:49 .10.historisch‘ geworden ist in des Wortes dop- pelter Bedeutung: geschichtlich und geschichtswissenschaftlich“27. An die Stelle einer Genealogie der modernen Kultur tritt daher die metaphysisch abgesicherte Religionsgeschichte.a.“ Denn. Diese Absolutheitserfahrung tritt nun aber ein – zweites Moment. „Die historische Periode. dass eine Geistesperiode zu ihrer Selbster- kenntnis und damit zu ihrem Ende gekommen war. Das hat auf dem Hintergrund von Tillichs eigener historischer Analyse durchaus gute Gründe: Die historische Einordnung in die Religionsgeschichte erlaubt mittels des theologischen Prinzips eine Standortbestimmung auch dort noch. so Tillich in der ersten Stunde der Vorlesung. „die allen Realitäten sonst überlegen ist“. An die Stelle dieser historisch-relativen Konstruktionen sei nun die Realität zu setzen. 45.. dass die glänzenden historischen Leistungen der vergangenen Periode zugleich ein Zeichen dafür waren.28 Diese Realität wird in das Subjekt verlegt als „schlechthinniges Realitätserlebnis. die eine Sphäre der Konflikte.O. wenn sie sich selbst durchschaut hat.. Gegensätze und Widersprüche sind. Im Sinne der hier vorgenommenen Rekonstruktion und der von Tillich häufig be- 27 A. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die Aufhebung des Widerspruchs des absoluten Wesens und seiner nur relativen Konkretionen ist schließlich das dritte Moment des theologischen Prinzips: Die „Heiligkeit alles Konkreten“. Forschung. Ver- ständnis des Vergangenen. wenn sie . 50. „Es ist wohl nicht ungerecht zu sagen. An die Stelle einer historischen Methode der Theologie tritt das normativ re- gierende „theologische Prinzip“. Historische und dogmatische Methode der Theologie 223 andererseits.29 Hier aktiviert Tillich also wieder die bewusstseinstheoretischen. aus der wir kommen“. „so ist jede Geistesperiode abgeschlossen. Aus dem kulturellen Gegenwartsstandort ist kein Zentral- wert zu entnehmen. 28 A. re- ligionsphilosophischen Bestimmungen. habe methodisch auf „Beobachtung.O. 28 f.O. 29 A. Das ist bekanntermaßen mit dem „Posi- tivitätserlebnis von gleicher Bedeutung und Kraft“ sowie der paradoxen Einheit beider das erste Moment des theologischen Prinzips. wo die kulturellen Grundlagen unsicher und unklar geworden sind.a. nämlich die Realität der Religion. konkretes Moment – in die Sphäre des Relativen und Geschichtlichen. unschöpferischen Zweifel und Relativismus“ gesetzt.. das sich gründet auf ein schlechth- inniges Negativitätserlebnis“.

Religion – Kultur – Gesellschaft. Die damit einhergehenden Distanzierungen Tillichs von Troeltschs „relativistischer“ Geschichtsphilosophie sind bekannt: Troeltschs Standpunkt sei selbst geschichtlich „und nicht der übergeschichtliche“.). hier: 146. dass sich die analytische Aufgabe der religionsgeschichtlichen Kontextualisierung der Kulturerscheinun- gen und die synthetische Aufgabe ihrer theologischen Normierung kaum noch trennen lassen. Zugleich aber. aber es beansprucht die Autorisierung durch eine theonome Zukunft. Wien 2008.224 Friedemann Voigt mühten Rede vom Standort wird hier also ein universal zugänglicher Standort aufgesucht. In der Durchführung der Analyse der Gegenwartsprobleme hat der so bezogene Standort allerdings zur Folge. und das unterscheidet Tillichs Kritik an der Geschichte von vielen anderen theologischen Kritikern der modernen Kultur.und Gesellschaftsgeschichte“ gesprochen. 20).30 Es lässt sich in der Tat fragen. denn die kultu- relle Situation ist für ihn so beschaffen. Die religiöse Substanz der Kultur ist also immer schon vorhanden. Freilich wird damit die systematische Bedeutung der historischen Analyse praktisch eliminiert. Zwar sieht sich Tillich durch die eigene Gegenwart geradezu auf diesen normativen theologischen Standort gezwungen. Der frühe Tillich im Spiegel neuer Texte (1919 – 1920) (Tillich-Studien. Sicher ist Tillichs Behauptung eines normativen theologischen Prinzips der Geschichte selbst als Konstruktionsperspektive zu lesen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. ist für ihn die Religionsgeschichte als die hidden agenda der Kulturgeschichte Gewähr dafür. nicht rückwärts zu überwinden ist. Michael Murrmann-Kahl hat hinsichtlich des theologischen Prinzips deshalb auch kritisch von einem „Universalschlüssel zur Welt-. dass die Kultur der Gegenwart nicht schlechthin wertlos ist und dass sie nur in Richtung Zukunft.15 13:49 . wozu es der historischen Standpunktermittlung für die im Sinne Tillichs kulturtheologische Konstruktion dann eigentlich noch bedarf. So tendiert Tillichs System dazu. Bd. in: Christian Danz/Werner Schüßler (Hg. Religions.10. dass sie keinen konstruktiven Wertstandpunkt in ihr selbst hergibt. Theologisches Prinzip und Modernitätserfahrung in „Das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart“. 137 – 154. 30 Michael Murrmann-Kahl. als deren prophetischer Künder Tillich hier antritt. das Maß ihrer faktischen Realisiertheit wird dabei gemessen an der Annäherung an den idealen Zielpunkt der vollkommenen neuen Synthese von Religion und Kultur. die kulturellen Phänomene als Reflexe der Religionsgeschichte zu deuten und sie am normativen Leitfaden der Religionsgeschichte zu messen.

sondern die Dechiffrierung der religiösen Substanz der Kultur. der zudem mit Schleiermacher in Verbindung steht. hier: 365. 7). 646 – 653. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Wesen des Christentums‘. Bei Troeltsch wird derselbe Problemkreis in einer anderen Art und Weise aufgenommen. So stellt er den Religionsbegriff und seine theo- logische und kulturtheoretische Bedeutung selbst in eine historische Perspektive. Dieses Feld kann ja niemand unberührt lassen.33 Das spezifisch Moderne des Religionsbegriffs identifiziert Troeltsch im Begreifen der Religion als eines einheitlichen Phänomens. wie sie in modernen bewusstseinstheoretischen Religionstheorien thematisiert werden. das gegenüber anderen Lebensgebieten eine „relative Selbständigkeit“ besitzt und behauptet. Bd. Methode der Theologie und Absolutheit des Christentums In einem abschließenden dritten Teil möchte ich noch etwas zu der zwischen Tillich und Troeltsch im Raum stehenden schlechten Alter- native von Wissenschaftscharakter und theologischer Relevanz sagen. Gütersloh 2002. Anm. Historische und dogmatische Methode der Theologie 225 Mit der Auszeichnung dieses Standpunktes als eines „Wächterstand- punktes“ begibt sich Tillich erneut in den semantischen Dunstkreis der dogmatischen Methode und des Antihistorismus. Was heißt . Ernst Troeltsch. 32 Ernst Troeltsch. schon gar nicht im Rahmen eines Kongresses. 33 Ernst Troeltsch. 167 – 218. Später wird er dafür die Formel „Wesensbestimmung ist Wesensgestaltung“ prägen. wie gezeigt. 12). 71 – 110. der sich für die Theologie der beiden interessiert. 386 – 451. gerade die entgrenzenden. Tillich betont. 361 – 436. sondern die universalistischen Kräfte der Religion interessieren und faszinieren ihn.15 13:49 .10. in: Friedrich Wilhelm Graf (Hg. Nicht die individualistischen. o. Die Selbständigkeit der Religion.).31 3. Zur religiösen Lage. Nicht die Zusammenbestehbarkeit von Protestantismus und moderner Kultur ist Ziel seiner Konstruktion. in: Zeitschrift für Religion und Kirche 5 (1895). Versuch einer geistesgeschichtlichen Würdigung (1924). in: Ders. 32 Damit lenkt Troeltsch die Aufmerksamkeit auf die Funktion.. und Zeitschrift für Religion und Kirche 6 (1896). Religionsphilosophie und Ethik (s. die der Religi- onsbegriff in den jeweiligen Kontexten besessen hat und besitzt. Der Religionsbegriff ist selbst ein „Erzeugnis der modernen wissenschaftlichen Bewegung“ wie Troeltsch ausdrücklich sagt. Tübingen 1913. den Abso- lutheitscharakter zeigenden Potenziale der Religion. Ernst Troeltsch in Nachrufen (Tro- eltsch-Studien. Mit einer solchen in der Tat bewusstseinstheo- 31 Paul Tillich.

a.15 13:49 . 34 Und nun sind wir an der Stelle. an der die Historik Troeltschs und die historische Methode der Theologie zusammenkommen im Interesse an der Gegenwartsgestaltung: Diese wissenschaftliche Relativierung tue der subjektiven Frömmigkeit keinen Abbruch. Geschieht das. So ist es Troeltschs Absicht. o.absoluten‘ Religion verhalte. so Troeltsch weiter. sondern andererseits auch eine erhebende und befreiende Wirkung“35. daß die wissenschaftliche Verwandelung nicht bloß Schmerzen. Anm.). Troeltschs Antwort ist bekannt: Diese Frage ist dem historischen Religionsvergleich zur Beantwortung übergeben. „daß der naive Bestand der Wirklichkeit nicht vernichtet. In der Absolutheitsschrift entfaltet Troeltsch den Gedanken.10. Das Christentum sei die „stärkste und gesammeltste Offenbarung der personalistischen Religiosität“. Troeltsch hat später auch anderen Religionen eine solche „naive Absolutheit“ zuerkannt: Die Stellung des Christentums unter den Weltreligionen. Die historische Kritik wird damit zum Mittel. „dann zeigt sich. o. der freilich keine ab- solute Gewissheit erzeugen wird. 45 – 60. Absolutheit des Christentums (s. 1). Anm. er relativiert aber gleichzeitig – gemäß der Geltungskraft historischer Erkenntnisse – den Anspruch der „Absolutheit“ auf das Urteil einer „Höchstgeltung“ des Christentums..O. im Christentum sei die persönliche Gottes- beziehung in höchster Weise ausgebildet. sondern in höherem Zusammenhang gesehen wird“. Hierin liege die kulturbedeutsame Prägekraft des Christentums be- gründet. inwiefern eine solche Bestimmung der Religion sich zu dem Christentum als der . gerade die selbst- reflexiven und insofern immer schon selbstlimitierenden Potenziale des modernen Religionsbegriffs zu aktivieren. 5). Ernst Troeltsch Lesebuch (s. Eine Theologie dieses Zu- schnitts lässt also die fundamentalistischen Potenziale eines supranatura- listischen Offenbarungsverständnisses als historisch kontingente Produkte erkennen. 35 A. daß er [der Fromme] eine höhere sonst nirgends finden könne“. die dogmatische 34 Troeltsch.226 Friedemann Voigt retischen oder wie Troeltsch sagt „religionspsychologischen“ Fassung war aber zugleich die Frage gestellt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Gegen alle „Ra- dikalismen“ formuliert Troeltsch dabei das Ziel. Korrelat dieser persönlichen Gottesbeziehung ist die Schätzung der individuellen Persönlichkeit. 216. Vielmehr strke sie die Anschauung vom Christentum als „einer wirklichen Offenbarung Gottes und der Gewißheit. Sorgen und Brüche mit sich bringt. 195. in: Voigt (Hg. die nicht zuletzt dem Christentum eine positive Beziehung zur Moderne ermöglicht.

die „Richtlinien“ der Entwicklung der Kultur und ihres „idealen Ziel- punktes“ zu bestimmen. 37 Tillich. Vielmehr stehen beide. o.10.37 Für Troeltsch damals wie für uns heute ist die Vorstellung. Bei ihm klingt das 1919 hingegen so: Zwar stehen theologische Analyse und Synthese unter dem Vorbehalt. Eine Theologie der historischen Methode im Sinne Troeltschs ist Tillichs Kulturtheologie nicht geworden. 71 f. Der Theologie aber komme die „letzte und höchste Aufgabe“ zu. In der Durchführung treten dann aber doch. Zwar sind Tillichs Ausführungen in den nächsten Jahrzehnten und in der für ihn signifi- kanten lebhaften Aufnahme und Verarbeitung von Kultur und Lebens- erfahrungen von einer solchen schwärmerischen Beschreibung der theonomen Zukunft näher an die politischen und kulturellen Realitäten herangerückt. 205. Den theologischen Konstruktionsstandpunkt hat er aber dennoch nicht in den geschichtlichen Gang legen wollen. Tillich und Troeltsch.O. „um ihr volle Kraft und Sicherheit zu geben“. wie Tillich ausdrücklich sagt. In Troeltschs Worten: Der subjektiven Frömmigkeit genügt die historische Betrach- tungsweise.. in einer solchen Gesellschaft zu leben sicher unerträglich.a. für den Versuch be- wusstseinstheoretische und kulturtheoretische Religionsdeutungen miteinander zu vereinen und mittels dieser Theoriesynthese zu einer Gegenwartsanalyse zu verbinden. dass jede Kulturfunktion „autonom“ ist. 25). Anm. wie gezeigt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die Unterschiede und letztlich Unverein- 36 A. Historische und dogmatische Methode der Theologie 227 Isolierung des Christentums zu verhindern und es der Zusammenbe- stehbarkeit mit der modernen Kultur offen zu halten.15 13:49 . Die historisch verfahrende Theologie steht damit also durchaus in einem konstruktiven Verhältnis zur personalistischen Religion. sondern in ihr Realisierungsmöglichkeiten der Frömmigkeit identifizieren kann. Das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart (s. „in dem die Wissenschaft Mythos und die Kunst Kultus und die Ethik Frömmigkeit und die Gesellschaft Liebesgemeinschaft und der Staat Kirche ist“. die zugleich einen tragfähigen Standort für die theologische Konstruktion bietet. Die Theologie entwerfe ein System der Kultur.36 Für Tillich wäre eine solche Beschreibung nicht möglich gewesen. die nicht gegen die moderne Welt. Das hat seinen konkreten Ort aber nicht zuletzt in der individuell-persönlichen Haltung und Lebensführung. Sie sollen nicht durch die Religion besetzt und in ihrer „organischen“ Entwicklung beeinflusst werden.

Eine Stand- ortanalyse unserer Gegenwart legt es nahe.15 13:49 . deshalb auf die Rede von einer religiösen Substanz der Kultur zu verzichten. wenn dies ohne theologische Verlustängste geschieht. Die Verbindung kul- turtheoretischer und bewusstseinstheoretischer Religionsdeutung bleibt auch für die gegenwärtige Theologie. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Das Potential aufgeklärter Religion und ihrer Theologie kommt erst dann recht zum Tragen. Es wird aber auch eine zentrale Aufgabe sein. die konstruktive Bedeutung einer solchen religionstheo- retischen Grundlegung für unsere Gegenwart zu zeigen. eine zentrale Aufgabe. die sich dem Projekt aufgeklärter Religion widmet.228 Friedemann Voigt barkeiten zwischen Troeltsch und Tillich hervor.10.

1 Dies soll im Folgenden geschehen. Religions- theorie und Wesensfrage mit der Christologie. Christologie als Geschichtsreflexion. Religionstheoretische. Gütersloh 2006. die Troeltsch in seiner Absolutheitsschrift zum Ausdruck gebracht hat. Tillichs Rezeption von Troeltschs Absolutheitsschrift im Kontext Folkart Wittekind 1.). 49 – 74. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus. Zugleich ist die Verbindung von Absolutheitsproblem. dass die historische Erforschung des Christentums.15 13:49 . die Lösung für die dogmatisch-apologetischen Schwierigkeiten des Christentums in der Gegenwart bieten könne. Dazu wird die Verbindung von Absolutheitsthematik und Christologie in den Vordergrund gestellt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wie sie in der Christologie in Sonderheit zum Tragen kommen. der Widerlegung der im 19. geschichtsphilosophische und -methodologische sowie christologische Probleme stehen an nach dem Verlust bzw. die das Frühwerk Tillichs beherrscht. Vgl. Das Christentum als 1 Hier geht es also um eine Entwicklungsgeschichte. in: Friedrich Wilhelm Graf (Hg. in historisch kontrollierter Form darstellen können. Ernst Troeltsch in Berlin. Troeltsch und seine Schüler. Denn das Wesen des Christentums muss einerseits einem allgemeinen Begriff von Religion entsprechen. Diese Verbindung wird her- gestellt über die Frage nach dem Wesen des Christentums. ins- besondere des Lebens Jesu und des Urchristentums. Jahrhundert leitenden Überzeugung. „Geschichte durch Geschichte überwinden“. auch Folkart Wittekind. die auf die gegenwärtige Fragestellung der pluralistischen Religionstheologie hinführt. Problemstellung Tillichs Theologie kann in ihrer Problemanlage von Anfang an ver- standen werden als Antwort auf die Beschreibung der Grundfragen moderner Theologie. die die moderne Theologie entwickelt.10. andererseits die spezifischen Gehalte des Chris- tentums. einzubinden in die Funktionsbeschreibung für die Christo- logie.

Diese Möglichkeit wird allerdings in der gegenwärtigen Theologie der Religionen gerade da bestritten. wie sie die monotheistischen Re- ligionen für den Glauben erheben. steht einem ernsthaften Dialog mit Anders- denkenden nichts im Weg. die trotz Jahrhunderten der Religionskritik noch immer von manchen Glaubensgemeinschaften gestellt werden. Dabei stellen sich in der gegenwärtigen Debatte über die Pluralis- musfähigkeit der Religion(en) zwei verschiedene Fragen. mit der Organisationsform moderner Gesellschaften.10. 3 So wird in einer jüngeren Untersuchung als Ergebnis formuliert: „Gesteht man die Möglichkeit des Irrtums ein und setzt sich aufgeschlossen mit religionskri- tischen Einwänden auseinander. Wahrheitsansprüche von Religionen und religiöser Exklusivismus. dass allerdings die Gewissheit insofern pluralisiert werden kann. die Christologie mit der Absolutheit des Christentums zusam- menzubinden. wo die Pluralität möglicher (reli- giöser) Selbstdeutungen des Menschen zugestanden werden soll. dass eine . ist eine der Möglich- keiten. Christologie im Kontext der Religionstheologie.Depotenzierung‘ der Christologie2 möglich zu sein.3 Sodann im Kontext der Religionen und ihrer Beziehungen untereinander die Frage. über- haupt vereinbar sind.und Absolutheitsforderungen zu nehmen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 123.230 Folkart Wittekind wahre und vollkommene Religion aufzufassen. Die pluralitätsoffene Modernisierung der Religion scheint nur durch die .objektive‘ Überlegenheit oder gar eine objektive Absolutheit einer bestimmten Religion in der Geschichte nicht behauptet werden kann. Abstand von Un- fehlbarkeits. 42 – 50. Das bedeutet konkret für das Chris- tentum gefragt: Schließt die Anerkennung der Offenbarung Gottes in Jesus Christus notwendig den Ausschluss anderer Offenbarungen ein? Schließt nicht jede inhaltliche Festlegung die Universalisierbarkeit der Gewissheit aus? Die gegenwärtige Debatte über die Absolutheit der Religionen im Kontext des Pluralismus geht dagegen davon aus.“ Gunter Graf. in: MThZ 60 (2009). Wien/Berlin 2011. Diese Meinung gilt gleichsam als Prüfstein des Plu- ralismus. ob nicht die Verbindung des Gewissheitsanspruchs mit bestimmten Gehalten in den einzelnen Reli- gionen prinzipiell notwendig ist. Damit werden alte . ob universale Gewissheitsansprüche.15 13:49 . die auf rational begründbaren Ansichten.kolonialistische‘ Versuche zurückgenom- 2 So kritisch Klaus von Stosch. Zunächst die. ihrer Unterhandlung und ihrem Ausgleich aufbaut. individuellen Ansprüchen. als die verschiedenen Religionen alle mit ihrem jeweiligen Inhalt an der religiösen Grundge- wissheit teilhaben. Dazu ist es jedoch notwendig.

darstellt). dass dieser Anspruch selbst genau die Form der Gewissheit ist (bzw. Von außen be- trachtet entwickeln die Menschen vielfältige Formen religiöser Über- zeugung. dass Glaubende ihre eigene Art des Glaubens mit einem Ab- solutheitsanspruch versehen. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 231 men. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass das Existenzrecht anderer – für sich selbst absoluter – Überzeugungen zu- mindest im Verhalten zugestanden wird. einer institu- tionalisierten Konfliktregelung müssen von allen anerkannt werden. Äußere Rahmenbedingungen des Völkerrechts. Einen bekannten Deutungsversuch in dieser Richtung hat der So- ziologe Ulrich Beck unternommen. Eigentlich ist in der Religion eine in- dividualisierte Form der Selbstdeutung gemeint. der allgemeinen Menschenwürde etc.15 13:49 . die Überlegenheit des Christentums oder (gar) die weltgeschicht- liche Mission des Protestantismus zu behaupten. so seine Interpre- tation des Wesens der Religion. Religionen müssten dann nicht mühsam durch äußere Regelungen eingegrenzt und befriedet werden (wie sie in Europa im Konflikt des 17. Gerade im religiösen Kontext wird es als selbstverständlich an- gesehen. Angesichts des Konfliktpotentials. das die je für sich selbst absoluten Überzeugungen der Religionen im gegenseitigen Miteinander bergen. dass es nicht so sehr die Glaubenden selbst. und alle anderen sind falsch. Dieser Anspruch ist es.und großkirchliche Vereinnahmung im eigenen Interesse wehren muss. dass alte Absolutheitsansprüche entschieden auf subjektive Gewissheiten und Überzeugungen umverlegt werden.10. Aber für die Glaubenden gibt es jeweils nur eine richtige und mögliche Gewissheit. Objektivierte Formen von Abso- lutheitsansprüchen und jede institutionalisierte Form der Durchsetzung einer bestimmten Religion sind ein Missverständnis. die sich gegen amts. Beck unterstellt mit seiner Deutung. mit der sie glauben. der in der gegenwärtigen Debatte eingegrenzt werden muss. Die Auseinandersetzung würde sich dann auf die interne Hoheit über Identität und Transformationsfähigkeit der jewei- ligen Religion verlagern. die die Ansprüche der Religionen auf Absolutheit und Durchsetzung der ei- genen Absolutheit in ihnen selbst begrenzen. sondern sie könnten – bei angemessenem Verständnis – auch in sich selbst zur ge- genseitigen Anerkennung und Achtung der verschiedenen Kulturen und Religionen beitragen. im äu- ßeren Umgang müssen Überzeugungen so zivilisiert werden. Jahrhunderts durch Ausgrenzung des Rechts aus der Religion entstanden). Die postmodern-pluralistische Abkehr von solchen offensichtlich kurzschlüssigen Versuchen bedeutet. Denn was auch immer die Glaubenden denken.. werden Strategien mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht.

Religionen wollen also. wenn die einzelnen Absolutheitsan- sprüche der vielen verschiedenen Glaubensweisen anerkannt werden. Beck bietet damit eine soziologische Reformulierung der neuprotestantischen Individualisierungsthese im Sinne seiner eigenen Modernisierungstheorie. die den inneren Absolutheitsanspruch der ein- zelnen Religionen theologisch zu begrenzen versuchen. Von der Friedensfähigkeit und dem Ge- waltpotential der Religionen.15 13:49 . dass die Individuen das Wahrheitsmonopol ihrer Religion ernstnehmen und durchsetzen wollen. also Glauben.4 Aber Beck spricht den Religionen zugleich ein inneres Potential zu. dass das Problem erst dann angemessen formuliert ist. wenn die Individuen sich in ihrem Glauben immer zugleich gegen die Institution richten. wenn sie in ihrem Verhalten alle universalen und normierenden inhaltlichen An- sprüche gleichsam . Ein auf- geklärtes. konfliktfreies Zusammenleben der Menschen entsteht nur gegen diejenige Form der Darstellung des inneren Sinns der Religionen. erschweren so das Zusammenleben ihrer An- hänger in der globalisierten Welt und erwecken in fanatischeren An- hängern den Anschein. sie könnten zu Recht im Namen der jeweiligen Kirchen einen Heiligen Krieg führen.ablaufen‘ lassen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Nun gibt es innerhalb der Entwicklung der christlichen Theologie durchaus Strömungen. Weiterhin träumen diese Theologen von der Wahrheit ihres Glaubens und erheben Absolutheitsansprüche. Der eigene Gott. Ulrich Beck. die die im einzelnen Glauben ent- haltenen Gewissheitsansprüche inhaltlich objektivieren. Es ist die übereinstimmende Meinung der theologischen Pluralismustheorien. dass sich alle zu der in ihnen angebotenen Wahrheit be- kennen. Frankfurt (Main) 2008. weil sie bereits im Ur- sprung abzielten auf individuelle Beteiligung. mit Hilfe dessen der von den Theologen der Religion aufgebaute uni- versale Anspruch zurückgedrängt werden kann. Denn Gewalt entstehe nur dadurch. Dies geschieht heute im Wesentlichen unter Anerkennung des von den einzelnen Glaubenden erhobenen Evidenzanspruchs. Und umgekehrt seien Religionen dann friedlich nutzbar. Beck will nun diesen Wahrheitsanspruch für die jeweiligen Inhalte eingrenzen durch die Art der individuellen Befolgung. Denn die universalen Religionen könnten nur deshalb universal sein. 4 Vgl. wie ihn die Theologie bietet.232 Folkart Wittekind sondern die Theologen der verschiedenen Religionen sind. dann zu abso- luter Geltung überhöhen und allgemein verbindlich machen.10. die den Ernst der Lage in der pluralistischen Welt noch nicht erfasst haben. Seine eigentlichen Feinde sind die Theologen der Religionen.

ob es dem Wesen der einzelnen Religion gerecht wird.). ist unauflöslich verbunden mit dem Glauben an eine letzte. 78 – 83. den Weg zum Heil des Menschen zu lehren. in: Christian Danz/Friedrich Hermanni (Hg.). Für das Christentum bedeutet das. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. sondern zugleich die Bewusstheit der Glau- benden in Bezug auf diesen Gehalt.6 Da diese Transzendenz für alle dieselbe ist. dass die Christologie selbst als Ort einer reflexiven Ausformulierung des Absolutheitsanspruchs gelesen werden muss. Als Folgerung aus dieser Kritik ist deshalb die These aufzustellen. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 233 Die pluralistische Religionstheologie der Gegenwart5 versucht deshalb. Warum es zur pluralistischen Religionstheo- logie keine plausible theologische Alternative gibt./Werner Schüßler/ Erdmann Sturm (Hg. Erkundung des Eigenen im Lichte des Fremden. den berechtigten Anspruch auf Wahrheit durch die Behauptung einzu- lösen. entsteht im Wesen der Religion kein inhaltlich antagonistischer Absolutheitsan- spruch.“ Perry Schmidt-Leukel. die 5 Vgl. allen Religionen liege die gemeinsame Beziehung auf eine ob- jektive Transzendenz zu Grunde. Religionstheologie und interreligiöser Dialog. Diese methodische Schwierigkeit kann auch theoriereflexiv ausformuliert werden. in: Ders. Sie formuliert nicht nur den inhaltlich-objektiven We- senskern des Christentums. dass der Ausgleich der Absolutheitsansprüche nur im Rückgang auf die in- neren wesentlichen Gehalte der jeweiligen Religionen gewonnen wer- den kann.15 13:49 . transzendente Wirk- lichkeit. Wahrheitsansprüche der Weltreligionen. Gewissheit ist nach dieser Theorie gleichsam ein direkter Ausfluss des Bezogenseins der Glaubenden auf die eine Transzendenz. Wien 2010. 11 – 28. 75 – 92. hier: 15. Neukirchen-Vluyn 2006. Methodisch wird gefragt.10. die in ihr zugrunde liegende Vorstellung der Realisierung des Göttlichen aus dem allgemeinen Religionsbegriff zu eliminieren. die kurze resümierende problemorientierte Zusammenfassung bei Christian Danz. Paul Tillichs Beitrag zur religionstheologischen Debatte der Gegenwart. 6 „Der Anspruch der Religionen. Die Christologie bietet unter einer solchen theologischen Fragestellung also eine (theologisch reformulierbare) Form reflexiver Aufmerksamkeit auf die Weise der Symbolbenutzung in der Religion. Eine pluralistische Absolutheitstheorie (oder eine absolut- heitsbewusste Pluralismustheorie) kann nur in pluraler Form gegeben werden. In diesem Bezug aber liegt die Ge- wissheit. die ihre Nähe zu dem eigentlich doch zu reformulierenden Anspruch der Glaubenden nicht aufzuzeigen ver- mag. Konturen gegen- wärtiger Religionstheologie. Doch ist diese Konstruktion mit erheblichen Schwierigkeiten behaftet. Die allgemeine Transzendenzbehauptung wird dann zum Konstrukt einer Theorie.

die Christologie als Theorie der Anerkennung pluraler Absolutheitsansprüche auszuformulieren. begrenze er sich in der Welt selbst. als wenn es nur eine Besonderheit des Christentums als Religion wäre. und zwar eine solche./Christian Danz (Hg. Neukirchen- Vluyn 2005. Positionen und Perspektiven evangelischer Theologie. Synkretismus und Differenzwahrnehmung als Probleme einer Theologie der Religionen. Die Intention Körtners aufnehmend.10. weil wahrheitsversessener Zug. hat er auf die christliche Kreuzestheologie hingewiesen. Dadurch ist auch der Verdacht zu zerstreuen. 57 – 76. Im Folgenden werden einige Stationen der Geschichte des Abso- lutheitsanspruchs in der protestantischen Theologie aufgerufen. Und zwar besonders im Hinblick auf die Funktion der Christologie. Die Wahrheitsan- sprüche fremder Religionen gerieten dadurch in den Bereich der Ver- borgenheit Gottes und darüber könnten Christen infolgedessen nichts sagen. dass die Geschichte des Neuprotestantismus als Entwicklung einer solchen reflexiven Theorie der religiösen Symbolbenutzung gelesen werden kann. Damit wird die Möglichkeit kreuzestheologisch formuliert.234 Folkart Wittekind dem Glaubenden selbst zugeschrieben werden muss.15 13:49 . dass die Christologie in der Moderne benutzt wird. Gegen die Meinung. die es für den lebensweltlichen Pluralismus in der globalisierten Welt tauglich macht. es bestände gleichsam die Absolutheit des Christentums als Religion darin. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Eine theologische Theorie in der angegebenen Richtung hat Ulrich Körtner aufgestellt. keinen eigenen Absolutheitsan- spruch zu vertreten. So kann die Christologie als Grundlage für eine pluralistische Theologie der Religionen verstanden werden. dass Gott die Wahrheit anderer Religionen bei sich anerkennt und den Glaubenden reale Absolutheit für ihre jeweiligen Überzeugungen zu- spricht. als eine Strukturtheorie 7 Ulrich Körtner. den Religionen zutiefst we- senseigen sei ein intoleranter. Die Christologie ist der Ort.). Theologie der Religionen. in: Ders. eine reflexive Theorie von Gewissheit zu formulieren. in der die Geschichtlichkeit dieses Gewissheitserlebnisses nicht ihm äu- ßerlich bleibt. Dabei soll gezeigt werden.7 Denn indem sich Gott am Kreuz offenbare. soll im Folgenden eine etwas andere christologische Begründung formuliert werden für den Zusammenhang von Wahrheit und Pluralismusfähigkeit in den Religionen. These dieses Bei- trags ist es. an dem eine pluralistische Theologie der Religionen ausformuliert werden kann. Denn nach Körtner wäre der Absolutheitsanspruch in das Be- kenntnis zum Kreuz Christi gelegt. sondern als Bestandteil der Gewissheit selbst in ihr bewusst wird.

Jeder der drei hat seinen als den einen wahren aus der Hand des Vaters erhalten. Rationalität und Toleranz. Silvia Horsch. 2. sagt an! Ihr 8 Vgl. die beiden anderen unecht. wen lieben zwei / von euch am meisten? – Macht. also Gott selbst. Er weigert sich zunächst ein Urteil zu fällen.15 13:49 . 41 – 90. zu Lessing 42 – 47. „Nun. ohne ihnen ihre Inhalte zuzumuten. Lessings Auseinandersetzung mit dem Islam. Das könne nur der Vater. Dann folgt ein Mittelteil zu Troeltsch. Düsseldorf 2004. Doch das ist nicht der Fall. Zunächst steht ein Abschnitt zu Lessing und Schleiermacher. Karl Josef Kuschel. Jan Rohls. Die Ringparabel erzählt von der Suche nach dem echten unter gleich aussehenden Ringen. Berlin/ New York 2008. In Lessings .10.8 Als Beispiel für diesen Ausgangspunkt der modernen Entwicklung wird hier Lessings Sicht der Entwicklung der Religion in der Mensch- heitsgeschichte dargestellt. jedem hat der Vater versichert.Nathan‘ geht es um die Wahrheit der Religionen.). Zur Geschichte der christologischen Konstruktion der Absolutheit des Christentums 2. Würzburg 2004. er sei der ihm liebste Sohn und so sein voller Erbe. Doch dann überlegt der Richter weiter. die drei Brüder vom Vater geerbt haben. Tillich und Bultmann. die sich ihrer partikularen Darstellungsform be- wusst bleibt und trotzdem allgemeinen Anspruch formuliert. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Das Christentum – die Religion der Religionen?. Jud. Historische Absolutheit löst sich auf und damit wird die soteriologische Funktion gleichzeitig absolutiert wie pluralisiert. Wäre also ein Ring echt. Gibt es unter der Bedingung geschichtlicher Existenz einen Hinweis auf Echtheit? Das wäre die allgemeine Anerkennung. in: Andreas Arndt/Ulrich Barth/Wilhelm Gräb (Hg. so müssten dem Träger auch die Sympathien der beiden anderen Brüder zuwachsen. Christ und Muselmann vereinigt? Lessings Nathan der Weise. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 235 religiöser Gewissheit. Die Söhne nun fangen an zu streiten und suchen einen Richter auf. Christentum – Staat – Kultur. So steht sie exemplarisch für die Möglichkeit anderer Religionen. um am Beginn der modernen historischen Abgren- zungstheologie ihren soteriologischen Sinn aufzuzeigen.1 Lessing – Geschichtliche Entwicklung zur vollkommenen Religion Schleiermacher hat seine Anschauung einer Absolutheit der christlichen Erlösung in Auseinandersetzung mit der Aufklärungstheologie entwi- ckelt.

V. 2041 f. 2035 – 2037. dass der Vater nun die Tyrannei des einen Rings nicht länger in seinem Haus dulden wollte. 10 A. sondern mit Bewusstheit.. „Es eifre jeder seiner unbestochenen. (Sein Rat zeigt.10. aber ohne Verket- zerung der anderen. 1 (Dichtungen). als wenn er den seinen für den echten Ring halte. Entscheidung und Deutung zu tun hat..a. die Möglichkeit der geschichtlichen Existenz des Menschen.“10 Mehrere Religionen sind besser als bloß eine. 777. Zugleich würde damit Gott als Schöpfer die Pluralität religiöser Deutungen als menschengemäß zugestehen. Aber wie sieht es nun damit aus? Der Richter schickt dem Unechtheitsurteil für alle drei bekanntlich einen Rat hinterher: Jeder solle so leben. welches der Kinder das ihm liebste ist. Und natürlich auch. weil Religion dann nicht bloß naturhafte Grundausstattung des geschaffenen Menschen ist. Der echte Ring ver- mutlich ging verloren. Unnötig wird die Konversion von einer der Religionen zur anderen. Bd. oder gar keiner. Werke in drei Bänden. er muss und kann keine Entscheidung mehr fällen. hier: 777 (III/7.O. so seid ihr alle drei / betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht echt. Dann würde die Selbstwahrnehmung berechtigt sein. 2019 – 2026). Die Kräfte der Steine würden sich dann bei den Kindes-Kindeskindern äußern. wenn die nachgemachten Ringe gleichsam zu echten Ringen werden. München 1969. „Möglich. also in den Echtheitserweis durch Entwicklung innerhalb der einzelnen Religionen. ob das Rätsel tatsächlich als Verlust des einen Rings verstanden werden muss. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzüge (1779).“9 Der Verlust des echten Rings bedeutet also die Pluralisierung des nur je für sich selbst erhobenen Wahrheitsanspruchs. in der die Religionen noch nicht global ineinander verflochten sind. also die Möglichkeit der Religionsgeschichte und ihrer Entwicklung. Nathan der Weise.236 Folkart Wittekind schweigt? / Die Ringe wirken nur zurück? Und nicht nach außen? Jeder liebt sich selber nur am meisten? – O. 711 – 837. dass er in einer Welt lebt. 11 A. Denn die Durchdringung der jeweiligen Re- ligion ist als Aufgabe in allen gleich.a. in der noch jeder Sohn seines Weges gehen kann. Damit verlagert Lessing das Urteil in die Zukunft.O. 777. in: Ders.. Lessing lässt in der Erklärung offen. Nach der Anlage der Geschichte könnte einer der Ringe echt sein. von Vorurteilen freien Liebe nach!“11 Lessing fordert die Gestaltung der Welt nach den Maßgaben der jeweiligen Religion. dass es ihm mehr um die Wirkung seiner Perspektive auf die Weiterentwicklung des 9 Gotthold Ephraim Lessing. Insoweit ist religiöse Pluralität auch für Lessing erstrebenswert. V. V. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:49 . aber auch alle drei.

wie in den Auslegungen oft behauptet. nimmt man die Schrift über die Erziehung des Menschengeschlechts 13 hinzu.10. 13 Gotthold Ephraim Lessing. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 237 Christentums. seine Gestaltung geht. als um tatsächlichen Religions- vergleich. sprich Dogmenkritik und allgemeine autonome Sittlichkeitsbegründung. Werke in drei Bänden. an dieser vollendeten Menschheit Anteil zu haben. In ihr kommen Aufklärung und Moralität zusammen. Dieser Idee gegenüber ist der einzelne an seinem Ort der Geschichte nur Staub. Echt ist jede Religion nur. V. Die Echtheit des Ringes sei in tausend mal tausend Jahren von einem weiseren Mann auf dem Richterstuhl zu entscheiden. noch als „bescheiden“ bezeichnet werden. 2053 (vgl. Es ist – und deshalb muss auf einen endgültigen Spruch über die wahre Religion verzichtet werden – erst in der Entwicklung der Reli- gionen die Entscheidung enthalten.O. Die Wahrheit der Religionen entscheidet sich danach genau darin.15 13:49 .. 1110 – 1132. dann könnte er weder auf einen späteren Richter verweisen. Welche Funktion hat in Lessings Entwurf die Christologie? Zunächst ist Jesus der erste zuverlässige praktische Lehrer der Unsterblichkeit der Seele. 2 (Kritische Schriften – Philosophische Schriften).. Die personale Wiedergeburtslehre am Ende der Schrift gibt den einzelnen Menschen die Gelegenheit. 778.a. Und auch der werde sprechen: „Geht!“12. Damit ist die Kritik an einer innerweltlichen Zielbestimmung guter Handlungen gemeint. die Weiterentwicklung der Religionen hin zur Menschheitsreligion.und Wahrheitsgedanke. wie sich die Reli- gionen in sich zur Idee der einen Menschheit und der Wahrheit eines vernunftgemäßen Umgangs der Menschen miteinander im Reich Gottes stellen.) Nathans Richter zeichnet ein Zukunftsbild. München 1969. unter der die Anerkennung der Vielfalt der Religionen steht. Dieser weisere Mann in der Zukunft steht für die Idee des ganzen Menschengeschlechts als endzeitlicher Vertreter Gottes auf Erden im Reiche Gottes. V. nur Nichts. Jesus lehrt für Lessing die jenseitige Welt als den Ort des Gerichts über das Leben. Das Christentum wird damit als Weiterent- 12 A. Er ist der apokalyptische Prophet des jenseitigen Gerichts. in: Ders. Bd. insofern sie in sich über sich hinausgeht zur Mensch- heitsreligion. die über das Menschsein der Men- schen richtet. 2031). Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die Erziehung des Menschengeschlechts (1780). Gemeint ist damit. wie Saladin ausruft. Wenn der Richter für Gott stünde. Diese ist der Einheits. Diese Lehre ist eine Stufe auf dem Wege zum Verständnis von Moralität. womit er gerade kein identifikatorisches Urteil über die wahre Religion trifft.

dass er moralischen Gesetzen folgen könne“. also in der Aufklärung erreichte transformierende Selbstdeutung sagen. Und er lehrt dies so. Daneben gibt es dann Nebenmotive in der Geschichte des Christentums. können auch andere Religionen prinzipiell als Ort dieses Durchgangs gedeutet werden. Sondern Jesus Christus ist das vorweggenommene Bild einer vollkommenen Menschheit. Sün- denvergebung ist hier Nichtbeachtung. aber nicht abschließend gegen- über den anderen Religionen.15 13:49 . dass das Christentum als eine reale geschichtliche Bewegung entsteht. In der Erziehung des Menschengeschlechts hat Lessing auf die weitere Ent- wicklung anderer Völker hingewiesen.a.10. deren Anhänger sich nach dieser Lehre verhalten. Und über Jesu Lehre wird das neue Evangelium der Aufklärung schließlich hinauskommen. dass „der Mensch auf der ersten und niedrigsten Stufe seiner Menschheit schlechterdings so Herr seiner Handlungen nicht sei. Die christologischen Bekenntnisse des Christentums wie auch die soteriologische Funktion des Glaubens sind solche Nebenmotive. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die ausgeschieden oder uminterpretiert werden können. die bestenfalls uminterpretiert werden müssen. Angesichts der Vollkommenheit des Sohnes verschwindet die Unvollkommenheit.. Und so auch nicht die Lebensgeschichte des einzelnen als der Ort. § 74. 1127.238 Folkart Wittekind wicklung der jüdischen Religion gesehen. auf die evidente heilvolle Selbstdeutung bezogenes Geschehen kommt nicht in den Blick. Ist das Christentum also absolute Religion? Das kann man vielleicht im Hinblick auf die gegenwärtig. Jesu An- schauung vom Gericht unterscheidet sich dadurch von der griechisch- römischen Unterwelt. die Sünde des einzelnen. 14 A. dass die innere Reinigkeit des Herzens einziges Entscheidungskriterium über die Person sein wird. Insofern das Christentum seine eigentliche Verwandlung hin zum neuen Evangelium noch vor sich hat. Die Erbsündenlehre formuliert ein Bild der frühen Menschheitsge- schichte. auf die hin die geschichtliche Entwicklung zur reinen Moralität erfolgt. und die Besonderheit der jüdisch- christlichen Religionsgeschichte als Nicht-mehr-Vergessen-können der einmal erreichten Stufen erklärt.O.14 Sünde ist menschheitsgeschichtlich gegebene fehlende Einsicht in abstrakte Handlungsprinzipien und eine gegenüber den Trieben mangelhafte Form der Motivation des Handelns. Sündenvergebung als individu- elles.und Versöhnungslehre verstanden. Die Christologie wird entsprechend nicht als individuelle Erlösungs. an dem Religion Sinn stiftet. in der der Mensch noch durch seine Triebe und sinnliches Verlangen bestimmt wird: Erbsündenlehre heißt.

in den hin die Religion überführt wird. die in der Einleitung zur . Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. geht von einer formalen Gleichheit der Reli- gionen und der verschiedenen Wahrheitsansprüche ihrer Grundoffen- barungen aus.Glaubenslehre‘ und im kulturphilosophischen Kontext der Ethik maßgeblich ist.Verschiebung‘ der Prioritäten im Lebenswerk Schleiermachers aus. Das Ziel der Geschichte ist die Einsicht in das Wesen der moralischen Vernunft. Sie sind also nicht kulturell verankerte. als bildliche Einkleidung und Pädagogik für das Erwachsenwerden der Menschheit. Berlin/New York 2012. dogmatisch-christentumsspezifische hingegen rückt den christlichen Erlösungsbegriff ins Zentrum und behauptet einen Alleinvertretungsanspruch der christlichen Offenbarung als einer letzt- gültigen. Sie wäre als Erinnerung an die notwendige Entwicklung in der rein moralischen Anschauung (wie im kantischen Kirchenbegriff) mit enthalten. Oder die Religion bleibt als geschichtliches Bewusstsein von der eigenen Entwicklung.15 13:49 . bleibt unausgesprochen. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 239 Welche Funktion hat die Religion für den Menschen? Sie ist not- wendig als Ort geschichtlicher Entwicklung. bes. der eigenen geschichtlichen Existenz notwendig mit bewusst. Der Status.2 Schleiermacher – Die Entwicklung eines individualistischen Absolutheitsanspruchs Ausgangspunkt der Überlegungen zu Schleiermacher sind die Beob- achtungen von Reinholdt Bernhardt. Schleiermachers christologische Fassung der . Lessings Pluralitätsanerkennung lebt von einer dominanten Wahr- heitsforderung. 325 – 343. Die zweite. Die erste. qualitativ grundsätzlich anderen und unableitbaren Setzung 15 Reinhold Bernhardt.Absolutheit‘ des Christentums. 332 – 339.10. Weltanschauungen müssen dahin überführt werden. Christentum und Judentum. unhintergehbare Weisen der Selbstdeutung. Mit Bezug auf Maureen Junker (Das Urbild des Gottesbewusstseins. Berlin/New York 1990) geht Bern- hardt von einer . religionsphilosophisch-allgemeine. Aber am Ende soll diese Pädagogik aufhören. in: Roderich Barth/Ulrich Barth/Claus-Dieter Osthövener. 2.Glaubenslehre‘. Lessings Fortschrittsglaube lässt ein echtes Verständnis geschichtlicher Existenz noch vermissen. Zur Ent- wicklung der Religionstheorie und Christologie Schleiermachers von der ersten zur zweiten Auflage der .15 Er hat bezüglich der Frage der Absolutheit des Christentums zwei verschiedene Argumentationsreihen beschrieben. Sie könnte zu einer bildlosen Philosophie aufgeklärter Moralität überführt werden.

Markus Schröder.Reden‘. also aus dem Wesen der Religion selbst. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.. und diese mit dem des Christentums religiös gleichwertig sind. 3) auf die Struktur des Ab- hängigkeitsgefühls in seiner Verbindung mit dem sinnlichen Bewusstsein hin (a.O. nur in Christus allein sei die Erlösung begründet. Vgl. in: Ulrich Barth/Claus- Dieter Osthövener (Hg. sondern dass diese Setzung selbst aus dem Gedanken der Erlösung. Andererseits wird die endzeitliche Menschheitsreligion in die Geschichte mit hin- eingenommen und als in Jesus Christus verwirklicht angesehen. Berlin 2003) weist die Analyse der Erlösung (a. Rolf Schäfer. Im Kontext seiner eigenen Theologie der Religionen fordert Bernhardt. Das bedeutet. 585 – 608. hg. Die Pluralität der Religionen in Schleiermachers . Schleiermacher plädiert im religionsphilosophischen Kontext einerseits für die Unhintergehbarkeit der Positivität der Religionen. 200 Jahre „Reden über die Religion“. Berlin/New York 2000. Insofern kann man 16 Bernhardt hat in seiner Rekonstruktion den Erlösungsbegriff aus der Religi- onstheorie eliminiert und ausschließlich der christlichen Wesensbestimmung zugewiesen. v.a. wie die Behauptung. § 10.240 Folkart Wittekind Gottes in der Geschichte. Es ist zu zeigen. entwickelt wird. von dem her die anderen Religionen unbegründet abgewertet würden. Auflage der . sondern bloß eine Explikation des christlichen Geltungs- anspruchs. indem Schleiermacher die zivilisatorische Entwicklung grundsätzlich von der religiösen Entwicklung trennt.). Die ganze Konstruktion beruht auf der reflexiven religi- onstheoretischen Anlage des Erlösungsbegriffs in der fünften Rede über die Religion.. Doch es ist zu fragen. die Geltung der Christologie auf den Anspruch der Glau- benden zu begrenzen und sie mit Troeltschs Kritik zu einem sozialen Gestaltungs.a. Diese letztere Argumentation sei aber nicht ausgewiesen. § 18. die das Wesen der Religion im Menschen verwirklicht.10. dass andere Religionen andere Zentralsymbole haben. Das Christentum ist die vorweggenommene Menschheitsreligion. Das funktioniert wie- derum nur. dass es sich dabei nicht bloß um eine kontingente Setzung handelt.Glaubenslehre‘ (Friedrich Schleiermacher.16 Gerade die reflexive Funktion des Erlösungsbegriffs macht für Schleiermacher zugleich den entscheidenden Unterschied zu den auf- klärerischen Religionstheorien und Christologien aus. Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt [1821/22].O. Die Funktion der christologischen Setzung ist als reflexiv zu bezeichnen. Aber bereits in der 1.und Sammlungsmittel der spezifisch christlichen Religion zu erklären. Das unendliche Chaos der Religion. Denn die These der Ausdrucksgestalt der Religionen gegenüber der einen wahren Re- ligion der Menschheit (wie bei Lessing) wird nicht aufrechterhalten.15 13:49 . bei Schleiermacher begründet wird. 2 – 5).

Die christliche Erlösung entwickelt sich auch nicht geradlinig aus dem 17 „[…] die Urbildlichkeit aber. Und häretisch. wenn Christus bloß als historische Person angesehen wird. die religiöse Reflexivität der Christologie besteht darin. hg. dass Urbildlichkeit als ge- schichtliche Wirkung von einem absoluten Wunderanfang aus gedacht wird. § 93. Jede künftige historische Entwicklung bleibt immer nur eine Annähe- rung. § 93. Und zwar selbst dann. Martin Redeker.18 Noch zulässig dann. dass Jesus Christus das Wesen der Religion in Unabhängigkeit von Moral und Weltanschauung erst in Reinheit erkannt und verwirklicht hat. Die Perfektibilitätstheorie der Aufklärung wird in noch zulässige und bereits häretische Modelle ge- trennt. v.O.. letzte Religion in der Geschichte angenommen wird. Allerdings hängt die historische Epochenbeurteilung damit an der Selbstzuschreibung der religiösen Individuen. Die aufkläre- rische Entwicklungsgeschichte der Religionen wird durch die These einer einmaligen historischen Ausdifferenzierung von Religion und Moral (und Wissen) für nebensächlich erklärt.2. dass die Menschheit über ihn niemals hinausgehen kann und wird. wenn in Jesus zwischen zeitbedingter Akkomodation seiner Darstellung und innerer Wesensvollkommenheit. Das Christentum ist ein geschichtlicher Körper eigener Art. der nicht in der kulturellen Entwicklungsgeschichte der Religionen steht. Das ist der Inhalt der Christologie.. Das liegt daran. weil in ihr das Wesen der Religion immer weiter entwickelt wird.10. a. Die ge- schichtsphilosophische Konsequenz der religionstheoretischen Rein- heitsthese ist deshalb die Meinung.17 Dies gilt jedoch nur für den Bereich der Religion. denn nur in deren Be- wusstsein entsteht Religion. Urbildlichkeit heißt. Das Auftreten Jesu als religiöser Epochen- schwelle hängt an dem Vorkommen von reinem religiösen Bewusstsein in ihm.2). in: Friedrich Schleiermacher. 35. Berlin 1960. Jesus ist als Urbild das eigentliche Sein des Begriffs selbst. Bd. Auflage 1831). Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt (2. dass mit dem Auftreten Jesu in der Menschheit ein ganz neues Stadium begonnen hat – jedenfalls was die Selbständigkeit und die Erkenntnis der Religion betrifft. In der Lehre von der Person Christi beschreibt Schleiermacher seine Urbildlichkeit. wenn das Christentum als die endgültige. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 241 auch sagen. also die schlechthinnige Vollkommenheit […]“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. unterschieden wird. 36 f.15 13:49 . die eigentlich das Sein des Begriffes selbst aussagt. so dass über das Christentum hinaus keine neue ge- gründet werden muss.2. die Vorbild bleibt.a. 18 Vgl.

“ (A.3) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. § 100. 96. Diese reale Veränderung meines Bewusstseins hin zum Glauben schließt aus. erlebbar für den einzelnen ge- schehende Aufhebung der Sündlichkeit. Erlösung als ein Geschehen . heißt.. § 100.. die einzige in der evangelischen Kirche geltende sei […]. Denn dieser höhere Wert der Erlösung beruht bei ihm gerade darauf. § 88.19 Geht die in der Aufklärung konstruierte Entwicklungsgeschichte über den Kopf der einzelnen hin- weg. Und Schleiermacher sieht es als die eigentliche Absicht seiner Soteriologie an. Denn 19 Schleiermacher wirft der Vorbildchristologie der Aufklärer vor. Sie schließt bloß daran an.. dass das Christentum nur eine neue Idee in der Religionsgeschichte bringt.1) 21 „Wir aber können uns nicht mit dem Selbstbewusstsein wachsender Vollkom- menheit begnügen. 20 „Es kann in der gegenwärtigen Zeit nicht behauptet werden.242 Folkart Wittekind Sündenbewusstsein der Religionen. Sondern weil er das Feld der Religionen gleichsam abschließt. 96 f. Wir aber halten uns an diese Auffassung als die ursprünglich aus der ersten Kirche in die unsrige herübergenommene […]. Zwar sollen alle Religionen in den Christusglauben überführt werden.O. den Wert der Erlösung so groß wie möglich zu machen. „auf Erlösung im eigentlichsten Sinne – nämlich das Hinwegnehmen der Sünde – Verzicht zu leisten“ (a.a. kein unableitbar Neues geben kann? Die Christologie ist ein Bestandteil der Erlösungslehre. Gnadenbewusstsein ist eine reale Verände- rung des Bewusstseins des Menschen.15 13:49 . Er hat zugleich darauf verwiesen. Selbsterlösung auszu- schließen. Wie begründet Schleiermacher aber dieses Ausreißen aus dem Feld der Geschichte. sondern als reale.“ (A. dass diese Auffassung sowohl paulinisch als auch reformatorisch ist. Oder positiv dargestellt. weil dieser Übertritt gerade nicht religionsgeschichtlich hergeleitet werden kann. Den Wert der Erlösung steigern. so beharrt Schleiermacher auf der individuellen Zurechnung im Glauben.10. die den Wert der Erlösung aufs höchstmögliche steigert.O.3).a. Aber nur deshalb. in der alles zusammenhängt. die Erlösung zu begreifen. und es wird Luthers Paulinismus beerbt.. als eine Neuerung gegenüber der Aufklä- rung verstanden. Und dafür das Christentum als die vollendete Er- lösung in der Geschichte öffnet.von anderwärts‘ her auszusagen. weil es ebenso sehr dem Bewußtsein der Sünde als dem der Gnade angehörig das eigentümlich Christliche nicht in sich schließen kann. dass diese Art.O.20 In seiner Christologie wird also entgegen der Aufklärung21 bewusst auf die urchristliche Auffassung der Sünde zurückgegangen. dass er Erlösung nicht als fortschreitende geschichtliche Entwicklung sieht. in der es kein Wunder. Schleiermacher hat diese Erlösungslehre.a. 18.

10. Sie hängt an dem realen Auftreten von Evidenz im Bewusstsein und zugleich seiner Unableitbarkeit aus dem früheren Stadium der Ungewissheit. Der eigentliche Unterschied im Sündenverständnis ist die individu- elle Zurechnung von Sünden. Und es bedarf des Individuums Jesus Christus. ist ein reflexives Element des individuellen Erlösungsbewusstseins. Vielmehr ist dieser Grund der Erlösung genauso . Die Funktion Christi. Damit wird die individuelle Realität des Erlösungsbewusstseins zum Ausgangspunkt dieses dogmati- schen Kapitels.und Heilsbewusstsein. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 243 die Aufklärung. Gnade Gottes ist Grundlage der Rechtfertigung. weil dieses sich selbst als reale Größe im Be- wusstsein erlebt. Absolutheit ist ausschließlich Ausdruck individueller Evidenz. habe den Wert der Erlösung nicht richtig verstanden. Aber sie ist deshalb nicht bloß ein uneinlösbarer Anspruch. Erlösung von anders her zu begründen.real‘ wie das Heilsbewusstsein selbst. dann bedarf es des realen Rückgangs auf Christus. Es bedarf eines Kommens von an- derwärts her. weil diese ihr Entstehen im Bewusstsein nicht erklären kann. aber sie ist nicht nur ein Konstrukt. weil der Wunderanfang der personalen Existenz Jesu für das wirkliche Kommen von Evidenz in das individuelle Bewusstsein einsteht. Es ist zu wenig. aber bezüglich des Ursprungs und Anfangs prinzipiell ungeschichtliche Größe bedeutet. Dieser wird durch die Kirche als einen gleichen realen Zusammenhang vermittelt. Wenn der Christ seine Erlösung als ein wirkliches Geschehen an seinem Bewusstsein verstehen will und so den Wert der Erlösung gegenüber der Aufklärung auf die höchstmögliche Stufe steigern will. sie habe die Sünde und die Erlösung negiert und damit auch das Kommen Christi in die Welt vergeblich gemacht. Die Christologie wird tatsächlich von der Erlösung her entworfen. die jenseits und unabhängig von den Sünden der einzelnen sich in der Geschichte irgendwann realisiert. Die historische Größe Christi ist also ein Abdruck der individuellen Größe des real veränderten Bewusstseins. die Behauptung der histori- schen Absolutheit des Christentums in Jesus Christus bloß als Ausdruck der Erlösung zu verstehen. Dagegen ist Gott für Schleiermacher die indivi- duelle Zurechnung der Sünde und der Gnade. Schleiermacher verschärft also die Auffassung des Individuums gegenüber der Aufklärungstheolo- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Jesu Er- scheinen in der Welt ist wunderbar genau deshalb. so führt Schleiermacher im Kontext der Christologie immer wieder aus. Gott ist für Lessing gleichbedeutend mit der allgemeinen Idee der Menschheit.15 13:49 . das den Anfang der Kirche in der Geschichte als eine in ihrer Dauer geschichtliche. um reale Erlösung zu bewirken und mitzuteilen. sondern – gegen Bernhardt – Realität.

ist ei- gentlich kein Christ. Schleiermachers meinte. solange jedenfalls kein Traditionsabbruch erfolgt und noch be- 22 „…dem menschlichen Geschlecht keine vollkommnere Gestaltung des Got- tesbewusstseins bevorsteht.10.a. Christi] Einwirkung: so muß offenbar jeder gegebene Zustand dieses Gesamtlebens nur Annäherung bleiben zu dem. sondern dass das Christentum die Eigenart der Religion in seinem Er- lösungsbegriff überhaupt erst angemessen erkannt hat und deshalb allen anderen Religionen der Menschheit gegenüber qualitativ hervorgehoben ist. Religionen. Religion ist individuelle Gewissheit des Heils. und eben dies verstehen wir unter urbildlicher Würde.. es ist gleichbedeutend mit der Entstehung des Gnadenbewusstseins. Genau deshalb muss eine reale geschicht- liche Größe von außen in die Geschichte der Religion gesetzt sein. Nicht die Absolutheit des Christentums gegenüber den anderen Religionen steht im Vordergrund.244 Folkart Wittekind gie.22 Zusammenfassend lässt sich hinsichtlich der Absolutheitsbehauptung für das Christentum also konstatieren. Bei Schleiermacher wird diese vollkommene Menschheit der Religion als nicht entwickelbar in der Geschichte angesehen. sondern immer nur aus der regebleibenden Empfänglichkeit für seine [sc. Von der behaupteten Gewissheit des Glaubens als einer wirklichen Tatsache aus wird die geschichtliche Lebenssituation Jesu Christi als eines durch wunderbaren Anfang gesetzten Gottessohnes postuliert. Gottes Eingreifen ist deshalb unverzichtbar. Lessing hielt den Sohn für ein Bildwort für die allgemeine Menschheit. dass Schleiermacher mit seiner christologischen Fassung des Problems in erster Linie die Differenz von Religion einerseits.2) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.O. und daß in derselben jeder Wachstum an Wirksamkeit des Gottesbewusstseins nicht aus irgendeiner neu hinzutretenden Kraft hervorgeht. reine Religionen in der Menschheit werden danach. bleiben in Schleiermachers Geschichtsdenken für immer ab- hängig von Jesus. für die Idee der Vollkommenheit des Menschengeschlechts unter Absehung von allen Sünden des einzelnen. eines .. Und Erlösung ist die Herstellung dieser Gewissheit in der Geschichte. § 93.“ (A. 34 f.von anders her‘ betrachtet. Wer Christi Leben nicht unter dem hamartiologi- schen und soteriologischen Verständnis innergeschichtlich sich realisie- render religiöser Transzendenz. um überhaupt eine mögliche Verwirklichung religiöser Vollkommenheit denken zu können. dass dieser geschichtliche Durchbruch für immer an die Person Jesu gebunden bleiben wird. geschichtlich eingebundener Moral und zuneh- mendem Wissen andererseits betonen wollte.15 13:49 . Richtige. was in dem Erlöser selbst gesetzt ist. sondern jede neue nur ein Rückschritt wäre. die später eine eigene Fassung des rein religiösen Erlösungsbegriffs entwickeln könnten.

Zürich 2004. wie sie Troeltsch vorschwebt. Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte. Die geheime Leitfrage kann man sehen als eine nach der Eigenart der Theologie gegenüber dem Glauben bzw. Er sieht als letzte Aufgabe dieses Denkens. 2. die Lebenswirklichkeit in den einzelnen Bereichen möglichst umfassend zu erblicken. jede über- kommene Regel und Sitte gilt dem naiven Menschen als absolut.o.).3 Troeltsch – Religionsgeschichte als Entwicklung der Ausdrucksreflexivität Im letzten Teil seiner Absolutheitsschrift23 entwickelt Troeltsch ein ei- genes Bild von der Notwendigkeit des Christentums.15 13:49 . 269 – 276. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 245 wusste Erinnerungen an die heutige Kultur vorhanden sind. nicht das eigene Wesen des christlichen Glaubens? Und muss man die Verschiedenheit der Religionen dann nicht einfach stehen las- sen? Troeltsch plädiert für die Gegenwart für eine Ablösung des Chris- tentums von seiner kirchlich-historischen Form. Darmstadt 2009. Ernst Troeltsch. Kanon der Theologie. Kultur ist allgemeines Denken über Lebenswirklichkeit in ihren verschiedenen Bereichen. 45 Schlüsseltexte im Portrait. Trutz Rendtorff/Stefan Pautler. Die allgemeine Ausgangsthese lautet: „Jedes einfachste Wahrnehmungsurteil.naive Lebenswirklichkeit‘24 in Distanz zu ihrer Darstellung. Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte (1902/1912) mit den Thesen von 1901 und handschriftlichen Zusätzen. Was heißt das aber für die Absolutheitsbehauptung des Christentums und welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Christologie? Troeltsch setzt die . v. immer aus anonymen Christen bestehen. 212) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Verschieden- heiten in der naiven Gestaltung der Lebenswelt sind bloß Ausdrucks- 23 Ernst Troeltsch. Zur Deutung vgl. Berlin/New York 1998. in: Christian Danz (Hg. Erforschung und Kritik im Denken. der religiösen Empfindung des Menschen. 24 Im letzten Abschnitt der Absolutheitsschrift bietet Troeltsch eine Entwick- lungstheorie der Kultur vom naiven Weltbild zum wissenschaftlichen. sich mit anderen Religionen zu vergleichen und seine Besonderheit herauszustellen. Folkart Wittekind. Auseinandersetzungen mit Ernst Troeltschs Absolutheitsschrift im Kontext heutiger Religionstheologie. Zum Aufbau der Absolutheitsschrift vgl. 23]. Transformationsbe- wusstsein kommt mit kritischem Identitätsbewusstsein zusammen. jede natürlichste Willensregung. Christlicher Wahrheits- anspruch – historische Relativität. Anm. in die die religiöse Entwicklung eingeordnet wird. Reinhold Bernhardt/Georg Pfleiderer.10. Die Absolutheit des Christentums [s. Verfehlt die historische Vergleichung. hg.“ (Troeltsch.

die Geschichte des Urchristentums rein historisch zu be- trachten. ein Geheimnis wie das Geheimnis alles Wirklichen. Die Religionen der Menschheit sind unterschiedliche Aus- drucksgestalten der religiösen Anlage des Menschen. Anm. Religiöse Gewissheit ist nicht diese oder jene inhaltliche Überzeugung 25 Troeltsch fordert. Die Religionswis- senschaft befreit die faktischen Religionen der Gegenwart von der Notwendigkeit.o. hinter denen gleichsam die Grund- ausstattung des Menschen immer durchschimmert. Religion gehört zur menschlichen Lebenswelt. 229) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die Notwendigkeit dieser Sache gegenüber der dogmatischen Theologie zu retten.15 13:49 . sich bekämpfen zu müssen. unmittelbare Ab- solutheit. woraus man den realisierten Religionsbegriff wie eine Art Unterton vernehmen könnte“ (Troeltsch. denn sie sei „aber nichts. Im Hintergrund steht Schleiermachers Satz. Der Rückgang hinter den Ausdruck auf die Sache steht bei Troeltsch funktionsadäquat zum Gedanken des Transzendenten in modernen Religionstheologien. indem sie sie alle hinter ihre Außendarstellung zurück und auf ihren gemeinsamen menschlichen Kern hinführt. 26 „Die Tatsache aber solcher Verknüpfung menschlichen Lebens mit der Ge- wissheit des Göttlichen ist wie alle naive Erfahrung ein letztes unauflösliches Element der Wirklichkeit.25 Troeltsch stellt dabei ebenso wie die theologischen Varianten einer pluralistischen Religionstheorie die Durchsichtigkeit der Grundidee für die einzelnen Religionen bewusst zurück. Er erlaubt die Vergleichbarkeit der historischen Religionen auf der Basis eines allgemeinen gedachten Kerns. in dem die Urbildlichkeit Jesu als ein Sein des Begriffs erklärt wird. 157). Troeltsch sieht die Aufgabe seiner historischen Theologie darin. Historischer Ausdruck und der innere höhere und objektive Wert des Seinsollenden sind für die ur- sprünglichen Religionen eins.“ (A. Hier ist unreflektierte.26 Ihre kom- plexere Darstellung in dogmatischen Gebilden ist überflüssige Zutat. sie ist ein Ergebnis der wissenschaftlichen Bildung und der historischen Aufgeklärtheit gegenüber dem naiven Ausdruck. Die „Voraussetzung einer Gleichartigkeit und Zusam- mengehörigkeit alles seelischen Lebens“ ist der „axiomatische Grund- gedanke“ einer solchen Wissenschaft.10.246 Folkart Wittekind möglichkeiten in der Geschichte. Deshalb ist sie in ihrer Ursprünglichkeit auch unverlierbar und von Dauer. Der Glaubende lebt in der Notwendigkeit der Sache. die innere Wahrheit teilt ihre Gültigkeit der geschichtlichen Gestalt mit. der eigene individuelle Ausdruck der Religion wird unmit- telbar mit ihrer inneren Wahrheit identifiziert..a. So auch in der Religion. 23]. Die Absolutheit des Christentums [s. Die Reflexion geschieht außerhalb der naiven Gewissheit.O.

28 A.29 Entscheidend ist im Zusammenhang der Absolutheitsfrage aber nicht diese historische Konstruktion. Seine bildhafte.. dass die zusammenhängende Religionskultur in der Entwicklung der Menschheit bei Troeltsch immer schon ein Abirren von der ursprüng- lichen lebensweltlichen Empfindung wahrer Religion ist..a. die das nötig hat. dass Jesus diese richtige Erkenntnis Gottes auch in unmittelbarer Direktheit ausgesprochen hat. Und hier ist es schließlich Jesus. Gleichwohl konstruiert Troeltsch eine Religionsgeschichte hin zur Klärung des reinen normativen Absoluten im Geist in den Materialien des Denkens. Religion wird bei ihm (wieder) Darstellung personaler Innerlichkeit. dem Gefühl für das Absolute) genug sein zu lassen. anstatt es mit der inneren Absolutheit (bzw. die „wahre innere Nötigung zur Absolutheit nicht mehr voll wirkt“.28 Insofern kann man vielleicht sagen.“27 Jede äußere Einkleidung der Religion in differente eigene Erzählungen. dass in der jeweiligen Religion. Johann H. Claussen. der gegenüber Mysterienreligionen. Mythen. wortgebundene und erzählende Darstellung seiner Re- 27 A. Die Jesus-Deutung von Ernst Troeltsch im Kontext der liberalen Theologie. asiatischen Erlösungsreligionen. des Judentums und des Islam ande- rerseits die reine universale Vorstellung Gottes als des ewigen sittlichen Willens für alle Menschen entwickelt.O. Insbesondere die Differenzen der Universalreligionen hin- sichtlich ihrer Gottesvorstellung sind das Arbeitsfeld des religionsge- schichtlich arbeitenden Theologen.O. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 247 einer Religion. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Der signifi- kante Wechsel in den Zitaten von dem Absoluten zur Absolutheit macht den unklaren erkenntnistheoretischen Status des Grundbezugs der Re- ligion im Bewusstsein deutlich.a. Wichtig ist nur die kritische Distanz gegenüber allen Inhalten.10. sondern die zusätzliche Auskunft. sondern gleichsam vorreflexives Bezogensein auf das Absolute. für die das religiöse Subjekt Absolutheitsan- sprüche erhebt. Gegenüber den anderen Stiftern hat Jesus – obgleich er in die jüdische Religionsgeschichte hineingehört – die Bedeutung und Geltung zeitbezogener Ausdrucksmittel in seiner Religion herabgesetzt. neu- platonisch-synkretistischen Logosreligionen einerseits und den ethischen Religionen des vorderen Orients. Tübingen 1997. „[A]lle religiösen Reaktionen gegen Skepsis und Atheismus sind in erster Linie leidenschaftliche Erhebungen des tief im Menschen wurzelnden Gefühls für das Absolute. 220.15 13:49 . Ansprüche und Absolutheitsbehauptungen sind für Troeltsch der Hinweis. 221. 29 Zu Troeltschs Christologie vgl.

Troeltsch modernisiert Schleiermachers Religionsbegriff. aber alles liegt nur an Gott […] und an der Seele. die aber bei Jesus in der Sache selbst enthalten ist. sondern auf der Ebene einer Angemessenheit des Ausdrucks gegenüber dem inneren religiösen Gefühl.äußere‘ Entwicklungsgeschichte der Religion. Schleiermacher hatte den religionsgeschichtlichen Wechsel zwischen den Religionen und dem Christentum als Übergang von unreinen zur reinen Religion themati- siert.15 13:49 . als Funktion der inneren Religion betrachtet werden. Hier wird dem Christentum eine neue Form der Absolutheit zugesprochen. . höhere Offenbarungen des Vaters (als die reine innere Perso- nalität der Gotteskindschaft) wird es nicht geben. Le- diglich in der vollkommenen Individualisierung und Humanisierung der Reli- gion. Daneben etabliert Troeltsch aber eine reflexive Betrachtung der Religion. so entspricht die innere Religion Jesu dem Vollbild der Religion. wenn sie unmittelbar Ausdruck des Erlebens ist. aber auch nicht hinsichtlich des Religionsverständnisses selbst. Höchster religiöser Gedanke Gottes und 30 Troeltsch. Diese dürfen nicht für sich selbst stehen.: „Wohl trägt alle seine Verkündigung jüdische Farbe und bewegt sie sich in der populären jüdischen Begriffswelt.10. 23).248 Folkart Wittekind ligion ist „lediglich Ausfluß der Sache selbst“. Auch wenn Jesu Aussprechen seiner inneren Religion sich natürlicherweise der zeitgenössischen religiösen Sprache bedient. o. eine funktionale Absolutheit der Angemessenheit des Ausdrucks. 226 f. die genau das Verhältnis des Ausdrucks zu dem zugrunde liegenden Inneren thematisiert. Die Evidenz der Religion ist dann richtig dargestellt.“ Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die erst in der Gemeinde zum bestimmten Glaubenssatz wird. Anm. Diese christentumsspe- zifische Deutung von reiner Religion ist Troeltsch nicht (mehr) möglich. […] liegt hier die Absolutheit. Hier kann nicht von einer Ab- solutheit des Christentums geredet werden. Die Absolutheit des Christentums (s. sondern nur als Ausdruck. Allerdings geschieht dies auf der Ebene des Ausdrucks nur in Form einer Kritik an den explikativen Gehalten.Naive Absolutheit‘ ergibt sich aus der Beziehung aller histori- schen Ausdrucksgestalten auf das allgemeine menschliche Apriori der Religion. Dieser Übergang kann geschichtlich eingebettet werden in die . „ohne Nebengedanken an andere Lehren und Theologien“30. Er nimmt dessen Begründung der Religion auf das individuelle Evidenzbewusstsein auf und verallgemeinert es über das Christentum hinaus für alle Reli- gionen. Die Vergleichung der Religionen geschieht also nicht auf inhaltlicher Ebene. denn wie Troeltsch mit Jesus ausführt. Vielmehr erkennt er auf der grundsätzlichen Ebene des Ausdrucks die Pluralität der Religionen prinzipiell an. wie sie in Jesu eigenem Glauben und Erleben […] vorliegt.

32 Ebd. sondern Ausflüsse des religiösen Gedankens selbst.. diesmal intern christentumsgeschichtlichen Durchgang will Troeltsch nun alle christliche Dogmatik für überflüssiges 31 A. In allen Religionen treten Gewiss- heiten auf.O. Einerseits will er auch die anderen großen Universalreligionen zu selbstverständlichen Trägern wahrer menschli- cher Religion erklären. Das gilt von den großen und er- habenen.“ (A. 228. Denn die gegenständliche Darstellung Gottes in den Religionen soll selbst auf die eine menschheitliche Religionsidee bezogen sein. solange die naive Selbstzuversicht nicht geschwunden ist. In einem weiteren. dass es nicht um die Gegenständlichkeit der Wahrheit geht.15 13:49 .a. die anzuerkennen sind. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 249 unmittelbarster und freiester Ausdruck hängen im Christentum zusam- men. Vom Christentum aus müssten alle Religionen erkennen. es ist nicht die einzige wahre oder vollkommene Religion (wie bei Schleiermacher). Andererseits bleibt eine historische Vergleichung und Reihung möglich. absoluter als die anderen.10. Sie geben sich bei der Abwesenheit jedes apologetischen Nebengedankens ganz von selbst als letzte und endgültige Wahrheit. Aussagen und Meinungen von ihm ohne weiteres mit. Das Christentum ist als Religion nicht wahrer. unmittelbare.“32 Troeltsch hat zwei Ziele.33 Denn sie sind als Gewissheiten auf das große universale Absolute. 229) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die christliche Sicht Gottes entspricht am meisten dem religionswissenschaftlich er- kennbaren Sinn der humanen Religion. indem sie „ihnen allen ihr re- latives Recht gewährt und nur die rein naive Überzeugung der […] Einzigartigkeit nimmt. Denn die Religionen „sind keine Theorien einzigartiger gegründeter und legitimierter Wahrheit. 33 „Wo Gott und das Ziel des Geisteslebens stark und lebhaft vor den Seelen steht.a. jener seelisch-religiösen Inner- lichkeit der Person. Damit wird jeder direkte sachliche Gegensatz zwischen den Absolutheitsansprüchen der Religio- nen zurückgewiesen. nichtreflexive Beziehung zwi- schen Erleben und Darstellen. sondern um die adäquate.O.“31 Nur die historische Vergleichung des Religionswissen- schaftlers macht dann alle Religionen zu möglichen Darstellungsformen der einen zugrunde liegenden Religion. die reine innere Norm des Guten bezogen. wie weit dieses Verhältnis in ihnen ausgedrückt ist.. Sie alle empfinden sich als absolut in ihrer Weise und dürfen es. da teilt sich die Absolutheit Gottes in völlig naiver Weise den Erlebnissen. in der Gewissheit in Bezug auf den transzendenten Geist Gottes erlebt wird. wie von den verworrenen und kleingeistigen Religionsbildungen. Von hier aus werden dann andere Universalreligionen beurteilt.

So kann man Absolutheitsan- sprüche einerseits befrieden. Reflexion geschieht allein in der wis- senschaftlichen äußeren Betrachtung. andererseits die antidogmatische Einstellung der protestantischen 34 A. 239) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.und Le- benswelt selbst.a.und Gültigkeitsanspruchs. insbesondere wird hier theologisch das innere Verhältnis des Glaubens zur Ge- schichte formuliert und die paulinische und johanneische Theologie als Geist- christologie einbezogen. der Ablehnung der neutestamentlichen Sündenlehre. dass den einzelnen Religionen einfach verboten wird. bleibt sich Troeltsch treu. sondern nur die in Art und Stärke des Anspruchs widergespiegelte Sache.10. Erlösungs. mit dem sie zuerst naiv auftrat und den sie dann künstlich theoretisiert hat. 230. Denn damit würde Gewissheit zum christlichen Spezifikum. Die Ausdruckstheorie enthält bei Troeltsch ein Reflexionsverbot.) Jesu unmittelbarer Gottesglaube bleibt die darstellerische Norm für die christliche Religion.“ (A. Absolute Gewissheit ist gegeben. die sich in Form von anzuerkennenden Lehr- sätzen oder Moralgeboten darstellen. (Die Kritik gilt prinzipiell aber auch für alle anderen religiösen Gewissheiten. der Keim des kirchlichen Dogmas und der Apologetik.“34 Troeltsch beansprucht. die religiös-ethische Ideen.a. Dabei sieht Troeltsch den Sün- denfall unmittelbar im Urchristentum: „Der Messiasglaube der Urge- meinde und die paulinische Christus-Mystik sind der selbst noch naive Anfang dogmatischen Denkens.250 Folkart Wittekind Beiwerk erklären. Nicht aus den Erörterungen über Art und Stärke des Offenba- rungs-. „Entscheidend ist darum nicht mehr der Absolutheitsanspruch.O. In Glaubenslehre (1912/13) stellt sich dies differenzierter dar. Ein modernes pluralistisches Bild der Religionen könnte dem- nach so entstehen. sich apologetisch auf andere Religionen (oder frühere Entwicklungs- stufen von sich selbst) zu beziehen. Schleiermachers Theorie der Gewissheit ist für ihn falsch.O.“ „Die Sache ist ablösbar von der Form des Absolutheitsanspruches. hinter dem alle Dogmatik prinzipiell zurückbleibt. sondern aus dem Urteil über die von ihm vertretene Sache läßt sich dann die Gültigkeit des Christentums er- weisen. Es gibt auf dieser Ebene keine Differenzen zwischen den Reli- gionen..15 13:49 .. weil sie die dogmatische Theorie der gnadenhaften Erlösung von der Sünde zur Darstellung und Formulierung dieser Gewissheit benutzt. religiöse Gewissheit unabhängig von be- stimmten Inhalten und erreichten Stufen der Religion darstellen zu können. wenn einfach lebensweltlich Religion existiert und an Gott geglaubt wird. Troeltsch schreibt die Reflexivität der Gewissheit ausschließlich der religionsgeschicht- lichen Betrachtung der Religionen zu. indem man Streit zum Missverständnis er- klärt. Im entscheidenden Punkt aber.

Es liegt in der methodischen Unterscheidung zwischen dem bestimmten Glaubenssatz und dem reinen Ausdruck der Sache selbst.. in: Ders. im Glauben selbst die Differenzierung zwischen Selbstverhältnis.). als Troeltschs Konzeption der reli- gionswissenschaftlichen Betrachtung naiver Überzeugungen zugeben kann. Berlin/Boston 2011. So wäre Troeltschs Versuch gerade ein Nachweis der Notwendigkeit. Paul Tillich. um naiv glauben zu können? Dann wäre aber der ideale Glaube mit komplizierten Strukturen behaftet. Die werkgeschichtliche Entwicklung der Christologie Tillichs. Das Problem dieser Konstruktion ist damit bereits im Zitat deutlich geworden. sondern schreibt dem Glauben die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Ausdruck und Sache selbst zu. Selbst der naiven Absolutheit der Religion. die sich auf den historischen Jesus stützen will. 1 – 22. Frankfurt (Main) 1983. Diese ist eine Setzung der religionsgeschichtlichen Theorie. sie be- ansprucht als moderne Theologie keine . Vortrag auf der Kasseler Pfingstkonferenz 1911.. a. Die biographische. Vgl. wer . so wäre inhaltlich zu folgern.4 Tillich – Religionsgeschichte als Entwicklung der Geschichtsreflexivität der Religion Tillich hat die Absolutheitsschrift Troeltschs als Eingeständnis der apo- retischen Lage der systematischen Christologie verstanden.10. systematische und werkgeschichtli- che Bedeutung dieser Thesenreihe hat jüngst noch einmal hervorgehoben Georg Neugebauer.künstlichen Absolutheiten‘. sowie Christian Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 2. die jenseits der historischen Religionsentwicklung ein zusätzliches Wissen um die Sache hat.die Sache‘ formuliert und welche sprachlich-begrifflich-theoretischen Mittel dazu verwendet werden. Die christliche Gewissheit und der historische Jesus. Aber muss nicht auch Jesus selbst die Trennung zugeschrieben werden. (Hg.35 Das war zwar schon Troeltschs 35 Vgl. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 251 Theologie des 19. müssen theologisch viel mehr inhaltliche und methodische Differenzen zugeschrieben werden. Briefwechsel und Streitschriften. Es fragt sich. Jesus of Nazareth and the New Being in History. Jahrhunderts zur Norm der Entwicklung der Religi- on(en) erklären. Die Theologie enthält das von Troeltsch beanspruchte reflexive Wissen ebenfalls in sich. Sachbezug und sprachlichem Ausdruck vorzunehmen. 3 f. Eine Untersuchung zu Offenbarung und Geschichte bei Tillich vor dem Hintergrund seiner Schellingrezeption.15 13:49 . zum ganzen Ders. die gerade nicht naiv sind. Tillichs frühe Chris- tologie. in: Christian Danz u. Berlin/New York 2007.

Jörg Dierken. Umgekehrt ist das Christentum genau deshalb absolute Religion. Selbstbewusstsein individueller Freiheit. wo Jesus Christus als Gott bekannt wird und damit eine Erscheinung des normativen Kerns der Geschichte in der Geschichte selbst (so seine Übersetzung von Inkar- nation) angenommen wird.O.. zum Ausdruck zu bringen. 299 – 323. wie die des Paulus. Dabei hat er sich gegen Troeltsch nicht auf den historischen Jesus. in: Ders. Zwischen historischem Jesus und dogmatischem Christus.). selbst nur ein Beispiel für das Problem. in: Ders.15 13:49 .37 Die von Troeltsch ausgesprochene Höchstgeltung Jesu ist für Tillich nicht bloß ein Ergebnis moderner universalgeschichtlicher Betrachtung. Glaube und Geschichte. 13 – 45. Tübingen 2010. In der Dogmatik der 20er Jahre ist beides in der reflexiven Anlage der Chris- Danz. Dies versucht die christliche Theologie.. Tübingen 2005. sondern methodisch erst auf die Christologie im ei- gentlichen Sinn gestützt. Denn wie ist das Wissen begründet. Dafür steht das Bild Jesu als des Christus. 19 – 22. Die Christologie Paul Tillichs und die neuere Jesus-Forschung. Jesus of Nazareth. dass Jesu Gottesbewusstsein historisch als höchste Entwick- lung der Menschheit gelten soll? Gehen darin nicht zugleich normative Vorannahmen über das eigentliche Wesen der Religion ein? Tillich hat von seinen idealistischen Frühschriften an diese Normativität selbst ab- solutheitstheoretisch36 und geschichtstheologisch zu verstehen und aus- zuarbeiten versucht. Innerhalb der geistphilosophischen Anlage der frühen Theologie verschiebt Tillich den Ausgangspunkt von der absolutheitstheoretischen Grundlegung im Kontext eines idealistischen Systems immer mehr hin zu den individualisierungsbezogenen Anerkennungsmomenten des abso- luten Geistes im Prozess menschlicher Gewissheit. Aber für Tillich war Troeltschs Versuch.a. 37 Vgl. Christentum ist dort. Christologie im 20. 36 Vgl. Die Rückbindung des Christentums an den historischen Jesus dient nur als geschichtlicher Ort für das im Christus- bekenntnis ausgesprochene Geschichtsbewusstsein. Die spekulative Deutung der Geschichte als Ort der Selbstverwirklichung des absoluten Geistes wird mit dem individuellen Heilsglauben verbunden. Zweifel und Gewissheit. Zur religiösen Bedeutung skepti- scher Reflexion bei Paul Tillich (2004). in: Christian Danz/ Michael Murrmann-Kahl (Hg. weil in ihm die reflexive Absolutheit der Geschichte selbst zum Gegenstand der Religion wird. a. Folkart Wittekind. Jahrhundert.10.252 Folkart Wittekind Ausgangspunkt gewesen. 121 – 141.. Religionstheoretische Erkundungen in protestantischer Perspektive. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die Situation durch eine religionsgeschichtliche Universalhistorie zu über- winden. sondern eine ge- schichtsphilosophische Reflexion im Glauben selbst.

geschichtstheologisch dargestellter Zirkel von Voraussetzungshaftigkeit und Vollzug religiöser Selbstdeutung an den spezifisch idealistisch-ge- schichtsspekulativen Hintergründen seiner Theoriebildung hängt.). Die Vernunft des Christusglaubens. Geistphilosophische Grundlagen können sowohl kosmologisch-schöp- fungstheologisch als auch bewusstseinstheoretisch. Auch er bezieht sich auf die Probleme der Absolut- 38 Vgl. 142 – 154. wenn Absolutheit einfach zu einem internen Bestandteil der religiösen Selbstdeutung und des religiösen Vollzugs allgemein ge- macht wird? Müsste dann die Tillichsche Offenbarungsgeschichte mit ihrer Zuordnung der Religionsgeschichte zum Ereignis Jesus Christus nicht hinfällig werden? Verliert mithin die Christologie ihre ge- schichtstheologische Komponente (und damit auch jeden objektiven Bezug einer Absolutheitsbehauptung). aber auch individua- litätsbezogen ausbuchstabiert werden. als der entscheidende Durchbruch der Erkenntnis der Zirkelhaftigkeit von Vollzug. Wäre bei einer stärker subjektivitäts. Berlin 2007.10.15 13:49 . Die Religionsphilosophie wird mit der geschichtstheologischen Religions.38 Es stellt sich die Frage. im Menschen. Jesus Christus ist in der religiösen Deutung. Folkart Wittekind. in: Peter Haigis/ Gert Hummel/Doris Lax (Hg. So ist er die Mitte der Geschichte. die der Glau- bende der Stellung seines eigenen Glaubens in der Offenbarungsge- schichte der Menschheit gibt.oder gar individualitätstheoretisch argu- mentierenden Theologie überhaupt ein Bezug auf die Geschichte not- wendig? Wie sähe es mit der Absolutheitsbehauptung für die christliche Religion aus. Wieviel Vernunft braucht der Glaube. Jesus Christus als Mitte der Geschichte. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 253 tologie als Geschichtstheologie ununterscheidbar ineinandergewachsen. Wien 2005. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wenn sie als Ausdrucksgestalt individueller religiöser Selbstdeutungsvollzüge rekonstruiert wird? Beispielhaft soll dazu im Folgenden das Werk Bultmanns in der an- gegebenen Spannung von Christologie und Absolutheitsanspruch un- tersucht werden. in: Christian Danz/Werner Schüßler/Erdmann Sturm (Hg. der Geschichte und der Kultur bleibt auf die Heilsoffenbarung bezogen. Christus Jesus – „Mitte der Geschichte“!?. in der die Religion zu ihrer Wahrnehmung und Deutung der Grundoffenbarung kommt. Zu den philosophischen Hintergründen der Christologie der Marburger Dogmatik.und Offenbarungsge- schichte verbunden. Vom Glauben aus kommt es deshalb zu einer Strukturierung der vorbereitenden und erfüllenden Offenbarung in den Religionen. 133 – 157. ob Tillichs geschichtsphilosophisch bzw. Herleitung und Deutung zu betrachten. Christian Danz. Gottes Grundoffenbarung in der Welt. Die geschichts- philosophischen Grundlagen von Paul Tillichs Christologie.).

10. Nur wird das Gespräch der Religionen auf eine höhere reflexive Ebene gehoben.15 13:49 . Während Jesus hin- sichtlich der Ausdrucksgestalt seines reinen Gottesglaubens zum Juden- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.5 Bultmann – Geschichtliche Entwicklung der Ausdrucksreflexivität in der Religion Von seinen Anfängen an bleibt Bultmanns Theologie und Erforschung des Neuen Testaments auf die Probleme Troeltschs bezogen.254 Folkart Wittekind heitsschrift. Er hat aber von Anfang an die von Troeltsch aufgezeigten modernen Denkbedin- gungen reflexiv in die religiöse Selbstdurchsichtigkeit des Glaubens mit aufgenommen. Bultmanns Geschichtsschreibung des Christentums ab den 30er Jahren entwickelt ein solches Bild notwendiger komplexer offenbarungstheologischer Selbsteinordnungen. Absolutheitsansprüche bleiben nicht isoliert für sich selbst. sein Kampf um die hermeneutische Entmythologisierung und sein Beitrag zur zeitge- nössischen Säkularisierungsdebatte in einer zusammenhängenden sinn- vollen Weise zu stehen. dass immer noch eine Pluralität solcher religionsgeschichtlich-theologischer Selbstdeutungen möglich ist. dass die Theologie des Paulus mit ihrem Bezug auf Jesus genau ein Ausdruck dieses einheitlichen Religionsverständnisses ist. Erst in einem solchen Gesamtbild von Bultmanns Theologie kommen seine Stellungnahme zur Moderne. Er war aber gegen Troeltsch einerseits der Meinung. Und er war andererseits der Meinung. Gleichwohl kann dabei bewusst werden. sondern entfalten sich in einer vergleichenden Theologie der Religionen. Es wird die These aufgestellt. dass die Entwicklung der Theologie Bult- manns über die 20er Jahre hinaus von prototypischer Bedeutung für die Notwendigkeit einer geschichtsphilosophischen Selbsteinordnung des Glaubens ist. das dem systematischen Entwurf Tillichs sehr ähnlich ist. Er kommt aber am Ende zu einem Gesamtbild. Bultmann hat diese entscheidende his- torische Differenz zwischen Jesus und dem Christentum immer betont. wenn die jeweiligen Einschätzungen der anderen Re- ligionen mit in die Theoriebildungen einbezogen werden. 2. bleibt aber der historischen Forschung am Neuen Testament einerseits und einer strikt subjektivitätstheoretischen Deutung des Glaubens andererseits verbunden. So gehört zwar mit Troeltsch die Einsicht in den religi- onsgeschichtlichen Abstand von Jesus und Paulus zu den ursprünglichen Antriebskräften seines Denkens. hinter den Ausdrucksmitteln ihres jeweiligen Denkens. dass Jesus und Paulus dasselbe Religionsverständnis teilen.

Kontext ist die Frage nach dem Wesen der Offenbarung. 1 – 34.. hg. fängt das Christentum mit dem Bekenntnis der Gemeinde zu ihm als Messias an.“39 39 Rudolf Bultmann. Bd. als den Gottesglauben Jesu zu bewahren. unter denen der Glaube sich darstellen und historisch verstehen kann.O. Daran ist nichts Wunderhaftes. Müller. ob mein Glaube die höchste und un- überbietbare Form des religiösen Lebens ist.. dass von außerhalb des Glaubens eine Rangordnung der als Weltphänomene vorfindlichen Religionen – auch der christlichen – versucht wird. eine Verfälschung des ursprünglichen Evangeliums. Doch für Bultmann ist Neuesschaffen innerhalb der Geschichte geradezu Merkmal des menschlichen Vermögens. Bultmann schreibt: „Die Frage nach der Absolutheit der christlichen Offenbarung oder des christlichen Glaubens kann sich dann nicht mehr erheben. Eberhard Jüngel/ Klaus W. 190: „Ich bedanke mich für eine solche Apologetik. Der Begriff der Offenbarung (1929). nicht in der Geschichte ab- leitbar. Offenbarung ist ein schlechthin Neues. 88: Wenn der Mensch „als Glaubender Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Ist die Frage so gemeint. die romantische religiöse Konnotation ist reli- gionstheoretisch irreführend. wenn sie christliche Theologie sein will. Deshalb ist die christliche Offenbarung nicht im Zusammenhang der Religionsgeschichte als Vertiefung. in: Ders. v. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 255 tum gehört. wie Troeltsch meint.15 13:49 . sondern ich will einfach wissen. vom Jenseits her. Tübingen 1960. und das gerade weil die Gemeinde nichts anderes versucht. so ist sie von vornherein sinnlos. Vgl. denn im Bezirk solchen Fragens gibt es nur Relatives und nichts Absolutes. Die Romantik habe die . ob wahr ist. So ist Theologie eine Weise der Reflexion der Bedingungen. denn ich will nicht wissen. So werden die Denkbedingungen für die Schleiermachersche Erlösungsidee noch einmal verschärft. 3. Glauben und Verstehen. Die Theologie ist nicht. Jahrhunderts religiös zu vertiefen sucht. deren Verständnis Bultmann gegen die Auffassung des 19. woran ich glaube!“ Oder a. Tübingen 1984. Bultmann hat von der Be- schreibung der Gewissheit des Glaubens aus in den 20er Jahren die Frage nach der möglichen Pluralisierung seiner theologischen Glaubensbeschreibung abgewie- sen. Sondern sie weiß in sich selbst um die Differenz von reinem Offenbarungsbezug und historisch-darstellerischer Leistung. 1929 äußert sich Bultmann im Kontext einer Analyse des Offenba- rungsbegriffs zum Absolutheitsproblem und damit zur möglichen Ver- gleichbarkeit der Religionen. Ders.Of- fenbarung‘ als besondere religiöse Auszeichnung der menschlichen Schöpferkraft angesehen. hier: 33. Aufgipfelung oder Reinigung bestimmbar. Auch die moderne Theologie muss noch dieses paulinische Denken aufnehmen und neu formulieren. Theologische Enzyklopädie (1926/36).a.10.

aus der er sich als Vollzug und in Absetzung von ihrer dogmatischen Form aufbaut. dass die Anhänger einer bestimmten Religion sie für wahr halten und ihrer gewiss sind. die in sich den Unterschied von Darstellung und Glaubens- gewissheit überspringt. kann er nur diese Antwort verkündigen.“40 Damit ist gesagt. wo er die Frage laut werden sieht. denn der Glaube versteht – weil er sich selbst versteht – die Religionen – auch die christlichen – als das Fragen nach Gott. 33. was sich für den Glauben als religiöses Vorver- ständnis und was als angemessenes Selbstverstehen erweist. Anm. Oder aber es ist falsche Theologie. in der es einen Bezug auf andere Religionen außerhalb der eigenen nicht gibt. falsche his- torische. um sich ereignen zu können. die Höchstgeltung der Gottesanschauung Jesu zu beschreiben. mittels derer Bultmann hier unter der Hand Gewissheit in allen Religionen möglich macht.10. religionskritisch die vielen Schichten von Aberglaube anzukreiden. nach Offenbarung und sieht in ihnen jenes Vorverständnis lebendig. mittels dessen sich christliche Theologie aufbaut. Aber freilich ist vom Glauben aus auch die Religionsge- schichte sinnvoll. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. und er ereignet sich nicht ohne eine solche Religion. Sie beschreibt die formale Struktur des Glaubens. Gewissheit als Ergebnis von strikter Transzendenz. heißt aber. So gesehen ist aber nun die Offenbarungsbeschreibung. Über ihr Verhältnis zu anderen Antworten reflektieren. dass sich der Glaube in sich auf diejenige Religion kritisch bezieht. der Glaube ist ja die Antwort auf die Offenbarung. so ist dies entweder eine anmaßende. Sie steht gleichsam nur für die von Troeltsch angeführte naive Gewissheit. die eigene Antwort schon preisgeben. Bultmann fährt fort: „Im Glauben aber ist die Frage doch sinnlos. Denn es kann nicht gesagt werden. das er selbst erst radikal versteht. sondern reflexive Stufen. denn sie ist schon entschieden. mittels derer sich der Glaube in sich von sich selbst als Religion unterscheidet. Pluralistisch könnte man heute sagen. es ist ei- nerseits selbstverständlich. 39). die die jeweilige Religion inhaltlich aufweist.15 13:49 . Denn der Glaube braucht eine historische Religion. nur das erste Element. Seine interpretative und kritische Selbstunterscheidung ist gleichsam seine Existenzform. Glaube un- terscheidet nicht Religionen. Unklar bleibt hier der Status des christologischen Bekenntnisses im Glauben. Der Begriff der Offenbarung (s.256 Folkart Wittekind Wenn also Troeltsch versucht. ebenso strikter Vollzugsabhängigkeit und ganzheitlicher Selbstreflexion. um eine Antwort weiß. andererseits ist es natürlich trotzdem möglich. o. religionsvergleichende Vorgehensweise.“ 40 Bultmann.

1. Bd. Rudolf Bultmann. die vom Wort der Schrift abhängt. dass die Identität des Christlichen 41 Die Geschichtlichkeit der Glaubensentstehung arbeitet Bultmann im Kontext der christologischen Fragestellung ab ca. bedeutet das Auseinanderhalten von Religions- geschichte und Wesensbestimmung. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:49 . Tübingen 1933. aber nicht als Gewissheit ihrer Realisierung realisiert waren. Vgl. Damit entkommt er der Ritschlschen Neigung zum Ineinanderschieben der beiden Probleme und einer konstitutionstheo- retischen Überfrachtung der historischen Jesusbeziehung in der liberalen Christologie. also eine historische Wahrnehmbarkeit der Identität des Christentums. Kirche und Lehre im Neuen Testament (1929). also den Anfang einer neuen Glaubensidee. 42 Die religionstheoretischen.. mit der der sich ereignende Glaube sich von seinem Gehalt unterscheidet. in: Ders. sondern nur an der Unterscheidung seines Gehalts von seiner Existenz als Glaube. in der wohl die Inhalte und die Ahnung von der wahren personalen Gottesbeziehung schon da waren. Der Bezug auf Jesus im entstehenden Urchristentum steht also für die funktionale Differenz im Glauben.10. Tübingen 1988. und die historische Identität des christlichen Glaubens entkoppelt. Rudolf Bultmann in seiner Frühzeit.41 Der ausgesprochene Realisierungsgedanke nämlich ver- langt notwendig einen Vergleich der Gewissheit mit der vorigen Stufe der Religion. Historischer Jesus und Begründung der Identität des Christlichen sind zwei verschiedene Dinge. Diese liegt nicht schon in Jesus selbst. Mittels der Ekklesiologie wird die Christologie aus einer reinen Strukturbeschreibung des Glaubens für sich selbst zu einer Abhängigkeitsbeschreibung des Glaubens von einer ge- schichtlichen Größe – eben der Verkündigung der Gemeinde. und der Glaube kann seine Bestimmtheit nicht am historischen Jesus festmachen. 153 – 187. Erst mit dieser reflexiven Betrachtung entsteht eine tatsächliche. Aber Bultmann unterscheidet von dieser inhaltlichen Ähnlichkeit mit Jesu Gottesanschauung als zweite Ebene das Selbstbewusstsein der Urgemeinde als realisierter Gemeinde der Endzeit. Glauben und Verstehen. Nicht der Gehalt ist am christlichen Bekenntnis zu Jesus wichtig. wirkliche Unterscheidung vom Judentum. sondern die mit der Christologie beschreibbare Differenz von Glauben und Ge- halt.42 Beides ist allerdings Element des Glaubens selbst. hermeneutischen und geschichtsphilosophischen Hintergründe dieser Operation im Denken Bultmanns hat herausgearbeitet Martin Evang. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 257 So hat schon Jesus in der Aufnahme und Zusammenführung von apokalyptischen und gesetzestreuen Strömungen des Judentums die menschliche Gottesbeziehung verstanden. 1927/28 aus. Die Differenz verdeutlicht den Sachverhalt. Dass Bultmann damit den Gottesgedanken.

1 (s. Zur Frage der Christologie (s. als Erweckung von Glauben. Ders. Glauben und Verstehen. o. Aus dem Realisierungs-Selbstbewusstsein der Gemeinde entsteht dann in einer dritten Stufe – über den Jesus-Bezug hinaus – die eigentliche Christologie. Christus ist so der reine eschatologische Begründer der eschatologischen Gemeinde. 1 (s. Anm. Rudolf Bultmann. Vgl. Bd. sondern immer nur das Verständnis des Wortes als Anrede.. Aus biographisch-perso- naler Bezugnahme entsteht keine religiöse Gewissheit. 41).258 Folkart Wittekind nicht historisch. 43).15 13:49 . sondern der daran an- hängende Vollzug glaubender Gewissheit ist an Jesus religiös wahrzu- nehmen. aber geschichtlichen Faktum. Er hat den Tendenzen vieler seiner Schüler in den 60er Jahren. sondern nur reflexiv. o. Das Wort ist aber nur das. um einerseits die historische Unableitbarkeit der eigenen Gottesgewiss- heit auszusagen und sie andererseits in ein geschichtliches . Zur Frage der Christologie (1927). bes.. Gegen Hirsch und gegen Herrmann hat Bultmann versucht zu zeigen. dass der Sinn der Christologie nicht in der Beschreibung von Jesu Gottesbewusstsein liegen kann. 188 – 213.Von anders her‘ des Glaubens einzuzeichnen. 41). Nicht die per- sonale Identität in ihrem biographischen Gehalt.43 Sie ist ein religiöses Darstellungsmittel für die Gemeinde. hier eine ontologische oder auch historische Eindeutigkeit wie- 43 Zur Christologie vgl. weil hier immer historische Vermittlung und personale Konstruktion dazwischentritt. Anm. In der Berufung auf die Verkündigung Jesu wird nicht eine geschichtliche Größe44 als Gründungspunkt angegeben. Glaube als evidentes Bewusstsein versteht sich selbst nur in einem ge- horsamen Bezug auf das unverfügbare Wort. Bultmann. im Selbstverstehen des Glaubens gegeben ist. durch das unsere eigene geschichtliche Existenz entscheidend qualifiziert ist“. Bultmann hat das Verhältnis von Wort und Glaube in diesem von ihm als eschatologisch-geschichtlich (im Gegensatz zu historisch- geschichtlich) bezeichneten Raum immer in dieser gegenseitigen Schwebe gelassen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die Bedeutung des geschichtlichen Jesus für die Theologie des Paulus (1929). 44 Bultmanns Differenzierungsversuche in der Verwendung des Geschichtsbegriffs bereiten bis heute Schwierigkeiten. in: Ders.als‘ wiederum überhaupt nur für und im Glauben entsteht. weil es den Glauben bereits gibt. Bd.. was im Glauben als anredendes Wort gewusst wird. 85 – 113. o. Glauben und Verstehen. Anm. 107: „[…] dass die Verkündigung von Jesus redet als einem zwar nicht historisch feststellbaren. in: Ders. welches .10. Nur darauf kann sich der Glaube als Glaube und zugleich in seiner geschichtlichen Art sinnvoll beziehen.

Kanon der Theologie (s. Anm. Doch während hier der Exeget das Verhältnis interpretierend herstellt. nach der „mit dem Begriff des Selbstverhältnisses die Einheit von Erkennen und Existieren seitens des Glaubenden zum Ausdruck“ (a. sondern auch in der Bultmann-Interpreta- tion selbst zeigt sich die Tendenz einer Reontologisierung der Theologie. 293 – 295. Herkunft. ab den 30er Jahren und verstärkt in der Debatte um die Entmythologisierung. nach denen sich der neue Mensch durch die Entscheidung des Glaubens gleichsam selbst konstitutiert. Damit eignet dem christlichen Glauben seinem historischen Wesen nach genau diejenige Reflexivität auf sich selbst. in: ZThK 109 [2012]. Der Glaube als freie Tat des Ge- horsams. die parallel zur Ausarbeitung seiner zusammenfassenden Geschichtsschreibung sowohl zum Neuen Testament als auch zum Urchristentum. Bedeutung und Problematik einer Denkfigur Rudolf Bultmanns. 206 – 234. schließlich aber zur Darstellung der Entwicklung der Geschichtsanschauung im Christentum führte. Rudolf Bultmann. Die Theologie der Gemeinde schreibt also in dem Bezug auf Jesus nicht nur den Inhalt seiner Verkündigung weiter. die kurze Darstellung der Rezeptionsgeschichte und die Einschätzung von Bultmanns Werk bei Ulrich Körtner. die Troeltsch versucht hatte. auf die daraus resultierende notwendige hermeneutisch-historische Arbeit hingewiesen. zugunsten einer ursprünglichen Naivität auszuschalten.. sondern nur im Bekenntnis der Gemeinde zu ihm.a. 289 – 296. Nicht nur in der gegenwärtigen Kritik an Bultmann. in: Danz (Hg. dass die Formulierungen abgedeckt sind durch die auch von Hammann hervorgehobene Denkfigur Bultmanns.).15 13:49 . Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Doch auch damit ist die von Bultmann aufgemachte Struktur des Glaubens noch nicht vollständig bestimmt. 23).45 Jesus war eben nicht historisch der Messias.“ Ders. Zwar hat er bereits früh das Kern-Schale-Modell der his- toristischen Wesensgeschichtsschreibung radikalisiert in ein freies. immer widerstanden. wie sie den exegetischen Arbeiten der 2. hier: 225) halte ich nicht für richtig. zugunsten des reinen Ob- jektbezugs. sondern sie reflektiert zugleich das Entstehen von Glauben. nicht inhaltlich gebundenes interpretatives Verhältnis von Religion und Aus- druck. Theologie des Neuen Testaments. Hälfte der 20er Jahre und der Theolo- gischen Enzyklopdie zugrunde liegt.10. o. 224) gebracht wird.O. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 259 derherzustellen.. ist in der späteren Entmythologisierungsthese die interpretative Leistung an den Glauben (und seine eschatologische Geschichte) selbst 45 Vgl. Die Folgerung Konrad Hammanns („Von daher wird man diejenigen Formulierungen. Vielmehr wäre zu zeigen. als den eigenen Intentionen Bultmanns zuwiderlaufend relativieren dürfen. Vielmehr hat er nach der Entwicklung des eigenen theologischen Glaubensverständnisses.

Wenn das so ist. Das interpretative Durchsichtig- machen der eigenen Geschichte des Glaubens wird dadurch zum Be- standteil dessen. Jeder Glaube bezieht sich auf die Tradition seiner Kirche. Doch diese Absetzbewegung wird dadurch konterkariert. so mag die Funktion des Gesetzes eben anders besetzt 46 Rudolf Bultmann. Matthias Dreher/Klaus W. in: Hans Werner Bartsch (Hg. 47 In der Rezension zu einem Buch W. die ihr eigenes Judentum (also das. nicht das beendende Ziel. dass der Glaube sich von seiner Ausdrucksgestalt als Religion unterscheidet. v. um sich darzustellen. immer zu- gleich auch als Kritik an dieser Tradition vorlaufen. Ist im Judentum das Gesetz selbst als Evangelium verstanden worden. Rudolf Bultmann. Die konstitutive Abfolge von Gesetz und Evangelium ist also eine spezifisch historische Religionsgestalt der christlichen Gewissheit. Kerygma und Mythos.260 Folkart Wittekind zurückgegeben. sich von dem Judentum abzusetzen.47 Die Situation in der Gegenwart ist immer bestimmt durch eine Kritik an der Vergangenheit. Einerseits: Bultmann hat in der Frage nach der Bedeutung des Alten Testaments für das Christentum zwar einerseits die scharfe Schleiermachersche Entgegensetzung (Nicht-Vorliegen von rei- ner Erlösung) weitergeführt. Hamburg 1948. wie sich der Glaube selbst versteht. Entmythologisierung ist interpretativer Selbstvollzug in der Geschichte. Sondern dieser Kern ist selbst nicht unabhängig fix- ierbar. dass meine entmythologisierende Interpretation den Gedanken der Heilsgeschichte preisgebe und der Gestalt Jesu als einem geschichtlichen Faktum ihre zentrale Bedeutung raube […]“.10. aber er muss. G. 1 (Ein theologisches Gespräch).15 13:49 . dass Bultmann für das Judentum selbst eine eigene Selbstinterpretation zugesteht. wird die scheinbar exklusiv christliche Absolut- heitsbehauptung des oben genannten Zitats aber gebrochen. Das lässt sich an den religionsgeschichtlich-vergleichenden Arbeiten Bultmanns ab den 30er Jahren verdeutlichen. Das Neue Testament sieht seine religiöse Identität gerade darin. Müller. hg. und sie baut gerade darauf auf. Bd. Es geht also nicht einfach nur um die Reduktion der Tradition auf einen existenzial in- terpretierten Kern. Ausgewählte Rezensionen und Forschungs- berichte. wovon es sich absetzt) möglicherweise in einer an- deren Gestalt in sich selbst trage. „dass es ein Missverständnis ist zu meinen. 421. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Theologie als Kritik. Seine Bestimmung bleibt eine historische Aufgabe für den Glauben. Kümmels weist Bultmann darauf hin. Tübingen 2002.).46 Die Aufgabe der Entmythologisierung ist gleichbe- deutend mit der Herstellung eines eigenen Geschichtsbewusstseins im Glauben. Neues Testament und Mythologie (1941).

Griechen49. als unter der bloßen Forderung. dass er in einer systematischen Interpretation für sich selbst religionsvergleichende.48 Und andererseits kann Bultmann im Hinblick auf die Selbstbeschreibung des Glaubens und ihrer Elemente dann auch umge- kehrt sagen. bes. h. dass das Sein unter dem Gesetz als unter der Gnade Gottes stets das Sein unter dem Gesetz als Gesetz.“ Das führt für die Religion des AT zu der Ausdifferenzierung von Gesetz als Gnade und Gesetz als Gesetz: „[…] [D]eshalb besteht schon für das Alte Tes- tament das Problem.“ Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die der Vorgeschichte eingedenk bleibt. das nicht zugleich ein Sein unter der Gnade wäre. damit wir Christen sein könnten. in: Ders. die allgemein menschlich ist […]. um Troeltschs historistische Relativierung des Absolutheitskonzepts zu überwinden. die Tillich entwickelt hat. 41). o. Denn die Geschichte der Entmythologisierung des Neuen Testaments (ebenso wie die Geschichte der eschatologischen Geschichtsauffassung im Christentum) wird von dem heute in der Si- tuation der Entscheidung stehenden Subjekt als der notwendige Rahmen dafür konstruiert. Tübingen 1952. Und zwar.und selbst- 48 Vgl. Rudolf Bultmann. Damit wird durch die Einbeziehung der interpretativen Absetzung in den Glauben die Geschichte des Neuen Testaments systematisch aufgenommen. identitätsbezogene. die zwischen Gesetz und Evangelium besteht“ und überträgt diese Beziehung auch auf das Judentum: „[…] [S]o gilt auch für das Alte Testament. wir alle seien ja immer auch Juden bzw. d. 1 (s.und geschichtstheo- logischen Einteilungen der Religionsgeschichte. Bultmann spricht hier von einer „ständige[n] sachliche[n] Beziehung. Bd. Anm. dass der Glaube an Jesus Christus im Christentum in der Weise reflexiv ange- reichert wird. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 261 gewesen sein. 2. nähert sich Bultmann von seinen individualexistenzialen Vor- aussetzungen aus genau derjenigen offenbarungs. Die theologisch ausgedeutete Geschichte des Neuen Testaments wird zur Strukturbeschreibung der geschichtlichen Existenz. indem sich der einzelne dieser Existenz in der Geschichte bewusst wird. die zu einer Vertiefung und Kritik des Religionsbegriffs führt.. 326 ff. dass es kein Sein unter dem Gesetz kennt. 59 – 78. konstitutions. in: Ders. dass es selbst heute Glauben vollziehen kann. Glauben und Verstehen.“ 49 Rudolf Bultmann. zu überwinden hat. Glauben und Verstehen.. und eine ei- gentliche Verwirklichungsgeschichte. denn im Griechentum ist nur radikal eine Haltung ausgebildet. Das Verständnis von Welt und Mensch im NT und im Griechentum (1940).10. Die Bedeutung des Alten Testaments für den christlichen Glauben. Zusammenfassend zu Bultmann kann also gesagt werden. Mit der Periodisierung der Geschichte in eine Vorbereitungsgeschichte.15 13:49 . 313 – 336. Bd. hier: 77: „Griechen sind wir im innersten Herzen immer.

Wie kann nun die Christologie so formuliert werden. vatikanischen Konzils gilt. im Kontext der zu- nehmenden Reflexivität von Glaubensgewissheit. 3. Das geschieht in der Chris- tologie. Freiburg/Basel/Wien 1996. dass die christologische Fassung des Absolutheitsproblems nicht inhaltliche Ansprüche auf die Absolutheit des christlichen Glaubens an Jesus Christus erhebt.262 Folkart Wittekind verhältnistheoretische sowie geschichtstheologische Darstellungen ent- wickelt. dass ihre interne Komplexität bei ihrer Ausformulierung als pluralismusreflexive Darstel- lung symbolischer Tätigkeit des Menschen in der Religion deutlich wird? Die Geschichte der neuzeitlichen protestantischen Theologie zeigt. Die Thematisierung der Absolutheit des Christentums geschieht in der neuprotestantischen Theologie. Christus allein? Der Streit um die pluralistische Religionstheologie. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Das liegt auch daran. Damit gibt es allerdings kaum Chancen für eine wirklich moderne. Die Konsequenzen sind in der gegenwärtigen Debatte über die Religionstheologie und ihre mögliche pluralistische Weiterentwicklung nicht immer ausreichend präsent. auch nicht von seinem Gegenstand her. sondern dass die Christologie ausgearbeitet wird entlang einer 50 Vgl.15 13:49 . die aber zugleich den zuordnenden Bezug auf andere Glaubensweisen in sich enthält. Christologie als pluralistische Reflexivität absoluter Gewissheit in der Geschichte 1.50 Damit wird eine in weiten Teilen ontolo- gische Theologie (und substantialistische Religionsauffassung) zum Hauptreferenten der pluralistischen Theologie der Religionen. sondern hebt dieses Gespräch auf die Stufe reflexiver Erörterungen der Gesprächsbedingungen.). Seine Absolutheit wiederum hat er weder von seinem histori- schen Grund her. und auch nicht von seiner geschichtlichen Höchststellung her. so hat sich gezeigt. sondern nur von seiner internen Explikationsfähigkeit in der Selbstbezüglichkeit seiner Existenz. Die Differenz zwischen den historischen Ausdrucksgestalten von Religion und dem jeweiligen per- sonalen Vollzug von Gewissheit wird in der theologischen Explikation des Glaubens selbst dogmatisch verhandelt. pluralis- musaffine Erneuerung des theologischen Gesprächs der Religionen.10. Die Christologie stellt keine inhaltliche Unterscheidungslehre innerhalb des Gesprächs der Religionen dar. dass als Hinter- grund des Pluralismusproblems immer noch der inklusive Anspruch des 2. Raymund Schwager (Hg.

dass ihr Ort in anderen Religionen anders besetzt sein sollte. Komparative Theologie der Reli- gionen.10. Zürich 2009. die auf andere Religionen und ihre Gewissheit ebenso übertragbar sein sollte. das Glauben bedeutet. Die spezifisch christliche Verbindung Jesu Christi mit dem Gottesgedanken. 2. So kommt die Geschichte des Glaubens als Geschichte der Religion bzw. Reinhold Bernhardt/Klaus von Stosch. die in den verschiedenen Religionen nur eine verschiedene Darstellung erhält. dass ihre Gläubigen wahrhaftes Heil in ihrer Religion erfahren. Christus ist nicht die inhaltliche Grundlage dieser Gewissheit. Für einen echten Pluralismus ist es notwendig. So muss im Kontext des modernen Pluralismus die Depotenzierung der Christologie51 gefordert werden. Zugleich wird damit unter der Hand eine Struktur aufgebaut. sondern Ausdruck der inneren Reflexivität. jede universale Konstruktion von Religion aufzugeben. sondern erst im Durchgang durch sie und in der Anerkennung. In dieser wird die Christologie meist zu einer spezifischen inhaltlichen Darstellung der christlichen Religion erklärt. die Idee einer geschichtlich bestimmten Offenbarung und die Identifikation dieses geschichtlichen Offenba- rungsträgers mit Gott selbst wird als Verhinderung einer gleichmäßigen Anwendung der Ausdrucksthese gesehen.15 13:49 . Das Chris- 51 Vgl. Die damit den anderen Religionen in sich theologisch zu- gemutete Reflexivität wird selbst christologisch ausgedrückt. Und nur so kann den anderen Religionen tatsächlich die Möglichkeit eingeräumt werden. 52 Vgl. Damit ergibt sich ein neuer Zusammenhang der Absolutheitspro- blematik mit der Pluralismusdiskussion der Gegenwart. um andere Religionen als gleichwertige Religionen anerkennen zu können oder um – wie in der komparativen Religionstheologie52 – einen vorbehaltslosen Vergleich der Inhalte der Religionen zu ermögli- chen. mit der sich Gewissheit über gegebene religiöse Gehalte aufbaut. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Im Anschluss an die dargestellte Geschichte ist aber für eine ange- messene Behandlung der Christologie im Kontext des Pluralismuspro- blems genau umgekehrt zu argumentieren. Interreligiöse Vergleiche als Weg der Religionstheologie. Denn nur so kann die Struktur religiöser Evidenz und ihres Bezugs auf religiöse Ausdrucks- formen in der Religion selbst dargestellt werden. Christlich ist an der Notwendigkeit der Bindung Gottes an seine Offenbarung in Jesus Christus festzuhalten. der Geschichte der Entste- hung des Christentums aus dem Judentum zur Darstellung. oben Anm. Dies kann aber nicht ohne Christologie geschehen. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 263 reflexiven Vertiefung desjenigen Gewissheitserlebnisses.

dass allen Religionen ein gleichmäßiger Bezug aller Menschen auf die eine Wahrheit Gottes zu- grunde liegt. Methodisch gilt es.10.. die Religion auf einen metaphysischen Gottesbegriff zu gründen. Erkundung des Eigenen (s. o.264 Folkart Wittekind tentum ist als Modell für das Verstehen von Religion geschichtlich ge- sehen genau deshalb besonders geeignet. 5). die nur in einer Religion erkannt werden kann.53 Der All- gemeinheitsanspruch einer solchen Religionstheorie ist theorie. Hinsichtlich der soge- nannten pluralistischen Religionstheologien ist die für beide Theorie- formen treffende Kritik formuliert worden. dass mit der zu formulierenden Religionstheorie die Möglichkeit gedacht werden soll.15 13:49 . zum Folgenden die Arbeiten von Christian Danz. weil in ihm von Anfang an der Gottesglaube Jesu und die Funktion dieses Gottesglaubens für den Menschen in der Christologie und Anthropologie des Paulus neben- einander zu den Inhalten des Glaubens gehört haben. eine Religi- onstheorie zu entwickeln. Einführung in die Theologie der Religionen. Bin- dungen des Religionsverständnisses an eine inhaltliche Wahrheit. Selbstverständnis und Reflexion auf die Ge- schichtlichkeit des eigenen Aktes führt. dass die Konstruktion einer allgemeinen Religionstheorie außerhalb der Selbstdeutung der Glau- benden nur einen übergeordneten Machtanspruch darstellt. Auch eine allgemeine anthropologische Religionstheorie kann unter gegen- wärtigen Bedingungen nicht formuliert werden. Die Religionskritik muss aber weitergeführt werden. Ders. B. Im Kontext der Suche nach einer modernen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. z. (Dies ist das sys- tematisch-theologische Ergebnis des Endes der historischen Jesusfor- schung für das 20. die die reale Nichtreligiosität der Menschen mit einbezieht. ist oben dargestellt worden. Wien 2005. Eine generelle Verschärfung des Pluralismusproblems ergibt sich aus der Lage der Religion in Europa. dass es unter modernen religionstheoretischen Bedingungen nicht mehr möglich ist. Natürlich geht die dargestellte protestantische Theolo- giegeschichte selbstverständlich von der Voraussetzung aus.. dass auch unreligiöse Menschen und atheistische Lebens- 53 Vgl.) Wie dies in der Theologiegeschichte der Moderne hin zu einer internen Beschreibung des Glaubens zwischen Transzendenzbeziehung. 2. radikal pluralistischen Theorie der Religion ist einzugestehen. Aber ist die anthropologische Religions- theorie der Moderne wirklich pluralismusfähig? Aus dem Abweis alter exklusiver Wahrheitsansprüche schließt die pluralistische Behandlung der Religionen in der Theologie heute zumeist. Jahrhundert. fallen so aus dem Umkreis möglicher Theorien heraus.und ideologiekritisch zu hinterfragen. Ders. Anm.

was z. nach den inneren Strukturen und Selbstbezügen tatsächlich sich ereignender religiöser Sprachverwendung zu suchen. Auch hier bleibt der Gegenstandsbereich unscharf. 3.10. esoterischen Welt-. die wir uns angewöhnt haben. Nicht überall. wo religiöse Sprache vor- liegt. Der Bereich dessen. Religions- pluralismus kann nicht nur heißen. auf die dann die Religion Antwort gibt. Man kann hier natürlich das Wort Heil durch ein anderes er- setzen. Geboten oder Handlungen. Nichtglaubenden der westlichen Moderne zugestanden werden. B. was nun wirklich Religion ist. klare Grenzen zu ziehen. Die Gottesvor- stellung mag eine davon sein. sich in einem langen Entwicklungsprozess aus einem gesamtkulturellen Deutungsagglomerat von Welterklärung. 4. Sie sind in der Regel kenntlich an gewissen Vorstellungen. kann definitorisch nicht eingegrenzt werden. Geschichtserzählung. sondern sie sind je für sich und in sich gültige Gesamtverständnisse. Gesundheitssorge. als Verfehlung des Menschlichen oder als Ignoranz gegenüber dem Transzendenten er- scheint. Deutungen des menschlichen Lebens. Deshalb scheint es theologisch weiterfüh- rend. Seelenpflege. noch eine allgemeine anthropologische Funktion. Auch die Konstruktion bewussten Menschseins als Frage. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 265 einstellungen ein angemessenes menschliches Leben führen. als Religion zu bezeichnen. kann also weder ein allgemeiner religiöser Gegenstandsbezug sein. son- dern es muss ein gelungenes Leben ebenfalls für die unreligiös Glau- benden bzw. und zwar ohne dass diese Haltung als individuelle Schrulle. christliche Inhalte benutzt und weitergeschrieben werden. dass es Menschen gibt.Heil‘ als Zeichen für die Konstruktion spezifisch religiöser Lebenshaltungen verwendet werden soll. Aber notwendig scheint es einzuräumen. ist aufzugeben. Und andererseits ist es in dem postmodernen Graubereich zwischen Religion. Die verschiedenen Religionen sind dann nicht nur kontingent verschiedene historisch-kulturelle Darstellungen der einen Transzen- denz. Die christliche Theologie gewinnt ihre spezifische Erkenntnisfähigkeit nicht aus der Gründung auf den allgemeinen Religionsbegriff. Dagegen spricht einerseits. fremden Religionen und differenten individuellen Religiositätslagen Heilsmöglichkeiten zuzugestehen. Verhal- tensherleitungen und Identitätsbeschreibungen herausentwickelt hat. Was die pluralistische Religionstheologie aufklärt. Erzählungen. Sternen- und Zeitpseudotheorien kaum möglich.15 13:49 . sondern auf die in eine Theorie symbolischer Selbstverständigung einzuzeichnende Geschichte der christlichen Symbolisierungen und ihrer Reflexivität im Kontext der europäischen Religionsgeschichte. die christliche Religion heute ist. Gebets- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass das. die ohne Religion selig werden. wenn .

sondern dafür steht. (Hg.]. Mel Gibsons Passi- onsfilm ein ästhetisches Werk. die Ratzingersche dogmatisch-platonische Jesu- logie zu modernisieren. mit hinein. dass die Behauptung eines Wunderanfangs in der Geschichte gerade nicht eine offenbarungstheologische. im Anschluss an die Überlegungen von Armin Nassehi (Religiöse Kom- munikation. so dass „die christologische Lehrentwicklung nichts anderes sein darf als die Entfaltung einer Bedeutung. Jahr- hunderts mit dem Verweis auf die Historie. Nochmals: Geschichte und Offenbarung. abgelehnt und ihr einen Kategorienfehler vorgeworfen. Der katholische Theologe Georg Essen hat eine Umfor- mung der Christologie zu einer Theorie. um ein bekanntes Beispiel zu nennen. die die Bestimmtheit und Geschichtlichkeit des Glaubens in diesem selbst beschreibt. bewussten Zusammenhängen versteht.54 5. die der Geschichte Jesu bereits ursprünglich selbst eignet“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Metho- disch-hermeneutische Überlegungen zum Religionsverständnis des Religions- monitors. 55 Georg Essen. 35 – 72. hier: 160. Deshalb müsse auch das Offenbarer- Sein Jesu Christi als eine geschichtliche Tatsache anerkannt werden. 143 – 162.Christologie von unten‘ weitergeschrieben. Zudem müsste für eine histori- 54 Vgl. Damit zur Funktion der Christologie in einer solchen Religi- onstheologie. dies geschieht wie im Protestantismus des 19. Gütersloh 2009. Hermeneutische Überlegungen zu ungelösten Fragen der Christologie. metaphysische ist. wodurch aber in den Geschichtsbegriff ähnlich wie bei Pannenberg eine universale offenbarungstheologische Deutung hinein projeziert wird. in: Matthias Petzoldt (Hg. Religion zwischen Objektivität und Selbstbeschreibung. Theologie im Gespräch mit empirischen Wissenschaften. liegt notwendig Religion vor. das der Existenz des Glaubens vorausliegt. Dazu wird Pannenbergs . in: Danz u. die die Theologie bietet. Denn die Theologie müsse den Glauben begründen und diese Begründung auf etwas stützen. dass die Erlösung sich selbst als gänzlich unabhängig von weltlichen. o. ihn religiös zu rezipieren.15 13:49 . in: Bertelsmannstiftung [Hg.). Religionssoziologische Konsequenzen einer qualitativen Untersu- chung. dass auch in Rezeptionshaltungen ein inneres Element für die Hervorbringung von religiöser Artikulation in der Selbstbe- schreibung liegt. Die argumentative Absicht ist. Leipzig 2012. So ist. a. Die Rezeption der eigenen religiösen Sprache als reli- giös gehört in die Verwendungsbeschreibung. Jesus of Nazareth and the New Being in History (s. Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008. 169 – 203): Folkart Wittekind.10.266 Folkart Wittekind und Gottesdienstformeln aufgerufen werden. Anm. 35).55 Es war aber schon bei Schleiermacher zu sehen gewesen. Doch das lässt nur darauf schließen.). auch wenn es natürlich wiederum die Möglichkeit geben mag.

Jede erlaubt letztgültige Gewissheit. Die hier gesuchte reflexive Christologie soll also gerade eine pluralistische Form von Wahrheit erlauben. ä. Urahn u. dass sie anders als religionsgeschichtliche oder religionswissenschaftliche Be- trachtungsformen den Pluralismus geradezu im Interesse einer Heraus- arbeitung der Wahrheit bzw. So beschreibt die Christologie als eine Reflexion reli- giöser Sprache den Nutzen. jede für sich wahr.10. Heil etc. In der interkulturellen Christologie wer- den Jesus Prädikate wie Häuptling. wie Erlösung. dass der Beurteilung anderer Religionen offen steht. Es fordert. zugeschrieben. 6. Was bedeutet eine solche Anlage der Christologie für die Abso- lutheit des Christentums? Ich gehe gleich auf den Dauervorwurf in den Pluralismustheorien ein. Geltung von „Religion“ überhaupt be- treibt. ihre Funktionalität und ihre Reflexivität hinweisen kann. So geht auch die Geschichte in den Glauben ein. dass sie in sich auf ihre Symbolizität. So liegt also der Kategorienfehler umgekehrt darin. Es beschreibt die interne Reflexivität der Gewissheit. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 267 sche Begründung des Glaubens der historische Umfang des in Jesus Christus Besonderen und wirkenden Göttlichen einigermaßen klar festzustellen sein. Die christologische Beschreibung von Glauben und seiner Differenz zu seinen Gehalten ist ein Modell. spezifisch religiöses Modell für diesen Nutzen. Während die inhaltlichen Vorstellungen der Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Es liegt aber so. die nicht substantialistisch oder anthropologisch oberhalb der verschiedenen Religionen formuliert wird. Jede der Religionen ist in sich absolut. anstatt seine Inhalte als eine freie symbolische Weise der historischen Bewusstheit des Glaubens zu interpretieren. sondern als Moment der bestimmten Selbstbeschreibung seiner Entstehung im Kontext religiöser Sprache. dass trotz päpstlicher Jesus-Christus- Bilder der reale Umfang an Jesusdeutungen selbst innerhalb des Chris- tentums permanent zunimmt. Zugleich aber formuliert die christologische Theorie der Religionen ein normatives Verständnis von Religion. den der Mensch bei ihrem Gebrauch von ihr hat. logische Ursächlichkeit und geschichtliche Kausalität auf religiöses Bewusstsein anzuwenden.Wahrheit‘ in einem gegenständ- lichen Sinne ist nicht die Begründung religiöser Gewissheit. das sich auf den Prozess der Darstellung von Religion in ihr selbst richtet. Religionen bieten ein alternatives.15 13:49 . Denn es gehört zu den Gründungsmythen der pluralistischen Religionstheologie. die überall zugestanden wird. Hier ist ein letztgültiges Urteil nicht unbedingt nötig. Aber nicht als Verursachung. Denn . die Behandlung der Inhalte in der jeweiligen Religion so anzulegen. also den Relativismusvorwurf. Sondern Gewissheit begründet in sich den Bezug auf Wahrheit.

aber nicht für einen grundlegenden Einwand halten.15 13:49 . dass dieser Weg genau über die fortschreitende Zuschreibung reflexiverer Innensichten an den Glauben funktioniert.10. die Geschichte der Systematischen Theologie im Neuprotes- tantismus als Weg einer Autonomisierung der Wissenschaft der Systematischen Theologie (gegenüber religionswissenschaftlichen. Damit wird vermie- den. so scheint es mir heute not- wendig. Aber so wie schon Schleiermacher die Einheit der Theologie als Wissenschaft von dem Interesse an der Er- haltung der Kirche abhängig gemacht hat. Natürlich gibt es andere wissenschaftliche Zugangsweisen zum Phänomen der Religion.268 Folkart Wittekind Religionen sich verändern und entwickeln. auf die freie Selbstbezüglichkeit der religiösen Symbole hinzuweisen. Und schließlich kann auch die strikte Verneinung einer anthropologischen Funktionalisierung – wie es die gegenwärtige Theologie als Grundrauschen von der dia- lektischen Theologie geerbt hat – den Zweck haben. So wird die Systematische Theologie als Wissenschaft selbständig und gewinnt einen eigenen Zuschnitt.oder Theologentheologie? Dies würde ich inzwischen bejahen. Denn notwendig ist es für die Existenz der Systematischen Theologie. Im Durchgang durch die Theologiegeschichte lässt sich die reflexive Behandlung der Symbole der Religion durch die Theologie begründen. den Glauben in einer Weise zu beschreiben. denn sie erklärt ihr eigenes Sein als abhängig von diesem Akt der Zu- schreibung. Denn es handelt sich bei der Konstruktion und Zuschreibung von Re- flexivität an die Religion um ein theologisches Programm. und kann deshalb als ein funktionales Alternativprogramm zu einer theologischen Theorie des Absoluten gesehen werden. können sich Interpretationen auf die gegenständlichsten Vorstellungen richten. dass sie selbst an ihn anschlussfähig ist. nicht jedoch selbst um Religion. Der Inhalt der Zu- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. gleichsam das Programm der Systematischen Theologie am Ort des Glaubens überprüfbar zu machen. phi- losophischen und anderen Außenbeschreibungen des Glaubens) zu verstehen und dabei zuzugestehen. Deshalb handelt es sich bei der formulierten Reflexivität um ein theologisches Programm zur Erkenntnis der Religion. Ein solches Konzept ist von der radikal-genetischen Religionskritik nicht betroffen. Ist mit der angegebenen Reflexivitätsforderung für die Christo- logie nicht allerdings die Religion der Praktikanden systematisch über- fordert? Hat Troeltsch mit seiner Beschränkung auf die naive Gewissheit nicht möglicherweise recht? Handelt es sich bei dem Formulierten also (nur) um eine Virtuosen. den Glauben selbst als eine Weise der Erkenntnis festschreiben zu müssen. 7. Letztlich beschreibt sich die Theologie in ihrem wissenschaftlichen Tun selbst.

um das im Gespräch stattfindende Reden über die Identität ihres Glaubens zu rechtfertigen. Die Christo- logie soll nicht bloß zur Hermeneutik der religiösen Gewissheit anderer Religionen verwendet werden. der ja 56 Vgl. In diesem Kontext kann die Christologie als eine anschlussfähige Strukturreflexion von zeichenhafter menschlicher Be- schreibung und Darstellung für andere kulturell mögliche Zeichen.56 Dabei ist die Tatsache anzuerkennen. Neukirchen- Vluyn 2008. die ein ganz anderes Aussehen in anderen Deu- tungsvarianten des Lebens haben kann. dass eine nichtreligiöse Interpretation des eigenen Lebens sinnvoll möglich ist. Zuletzt ist auf die kulturbezogene Relevanz dieses pluralismus- bezogenen Christologieverständnisses zurückzukommen. Christian Danz. sie letztlich ein solches Modell re- flexiver Selbstbezüglichkeit des Glaubens entwickeln müssen.und Beschreibungssysteme gelten. Dabei hat die Christologie nicht die Aufgabe. Inhaltlich wird die Analogie bewusst offen gelassen. wie sie in der Christologie für die Religion formuliert werden. denn es geht um Funktionsreflexivität. Vielmehr dient sie dazu. in ganz anderen Formen auch innerhalb anderer kultureller Selbstdeutungen gegeben sind. Schübe von Säkularisierung wie Re-sakralisierung von reli- gionsalternativen Deutesystemen zeigenden Kultur der Moderne. Nicht nur andere Religionen. dass dann. Die Behauptung ist nur. sondern zugleich eine freie Nebenord- nung von Religion und anderen Sprachen und Weisen menschlicher Selbstdeutung in der Moderne ermöglichen. wie im religionspluralistischen Theologiemodell ge- wünscht. wenn. 8. auch die christliche Religion kommt in nichtwestlichen Varianten durchaus auch ohne die aufgeklärte Theologie aus. Kultur und säkulare Sinnsysteme in Religion zu überführen. wie sie sich im Abendland entwickelt hat. die religionsferne Autonomie dieser Sprachen anzuerkennen und ein hermeneutisches Angebot zur Anerkennung und zum Geltenlassen solcher reflexiver Muster zu machen. Sie kann nur vermuten. Aufgaben und Probleme der Theologie im Zeitalter des religiösen Pluralismus. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Gerade die Nichtüberführbarkeit garantiert die wechselseitige Autonomie von Religion und Kultur.10. dass ähnliche Strukturen von Selbstdeutung.15 13:49 . Die Christologie reflektiert die Anschlussfähigkeit der Religion in der sich ausdifferen- zierenden. Die Deutung der Religion in der Kultur. die Religionen sich auf ein systematisch-theologisches Ge- spräch über ihren Glauben einlassen. Absolutheit und Christologie im modernen Protestantismus 269 schreibung von Reflexivität an Religion durch die Theologie ist also eigentlich die eigene Anschlussfähigkeit der Theologie an den Glauben.

270 Folkart Wittekind auch andere Differenzkonstrukte von den anderen Seiten aus entge- genstehen.10.15 13:49 . selbstbezüglichen Geistes beschrieben werden. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. So kann die Verbindung und zugleich die Unterschiedenheit kultureller Systeme. ihre gegenseitige Autonomie und ihr Funktionieren unter einem schwachen Begriff des allgemeinen.

Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (GS I). Religion – Kultur – Theologie. Eine Untersuchung zu ihrer Verhältnisbestimmung im Werke Ernst Troeltschs und Paul Tillichs im Vergleich.3 Schon der Titel der Vorlesung – Das Christentum und die Gesellschafts- probleme der Gegenwart – erinnert an Troeltschs . Erst an dritter Stelle sind Troeltschs . GS I (s. Bd.10.). auch John Clayton. Québec 2002.Soziallehren‘. Unter der Überschrift „Das Christentum und das soziale Problem der Gegenwart“ hatte Troeltsch seine breit angelegte Darstellung abgeschlossen. 3 Tillich. EW XII. Hartmut Ruddies. um die Frage nach der Bedeutung des Christentums für „die Lösung des heutigen sozialen Problems“ zu stellen. o. Er hat seine Lektüre der . Tübingen 1912. 4 Troeltsch. Martin Harant. 2 Ernst Troeltsch. Anm. Ernst Troeltsch und Paul Tillich. 259 – 283.Soziallehren‘ in seine allererste Vor- lesung integriert.4 1 Zum Verhältnis Paul Tillichs zum Werk Ernst Troeltschs vgl. Die Zukunft der Neuzeit im Urteil der Epoche Ernst Troeltschs (Troeltsch-Studien. Alfred Dumais/Jean Richard (Hg.Soziallehren‘2 zu nennen. Philosophie de la religion et théologie chez Ernst Troeltsch et Paul Tillich.15 13:49 . 983 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. in die im Sommersemester 1919 an der Berliner theologischen Fakultät gehaltene Vorlesung für Hörer aller Fakultäten. 4). Alfred Dumais/Jean Richard (Hg.). Ernst Troeltsch et Paul Tillich. Unterwegs für die Volkskirche. Frankfurt (Main) 1987.ein Apfel vom Baume Kierkegaards‘?. 2). Paul Tillich – ein .Soziallehren‘ Erdmann Sturm 1.). 409 – 422. in: Horst Renz/Friedrich Wilhelm Graf (Hg. Eine theologische Skizze. Gütersloh 1987. FS für Dieter Stoodt. 27 – 213.). Pour une nouvelle synthèse du christianisme avec la culture de notre temps. „[…] das große theologische Buch seit Harnacks Dogmengeschichte“ Tillichs Interesse an Troeltsch1 richtete sich in erster Linie auf dessen „Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte“ und auf den „Historismus“. Québec 2002.verjüngter Troeltsch‘ oder noch . Frankfurt (Main) 2009. in: Wilhelm-Ludwig Federlin/Edmund Weber (Hg. Umstrittene Moderne. Tillich liest Troeltschs .

9 Ernst Troeltsch. aber prinzipiell sei diese Beschränkung nicht er- forderlich. Dies sei „das große theologische Buch seit Harnacks Dogmengeschichte. Hier habe es Epoche gemacht – „wie Harnacks Dogmengeschichte und die Schriften Ferdi- nand Christian Baurs“. 11. GS IV. die sich daraus ergaben und noch ergeben.O. war die Tatsache. Es habe den soziologischen Gesichtspunkt in die Theologie eingeführt.a. der an der Wei- terentwicklung der Theologie teilnehmen will. „von dem ich wünschte. daß es in Ihrer aller Hand wäre und daß Sie sich mit seinem Inhalt möglichst tief durchdrungen hätten“.Soziallehren‘. so schreibt er. Und so fordert er seine Freunde auf: „Scheut bitte den Preis nicht und kauft’s solange es zu haben ist!“8 Als „volle Parallele zu Harnacks Dogmengeschichte“ hat Troeltsch selbst zwei Jahre später seine .Soziallehren‘ bezeichnet.. unumgänglich notwen- dig ist“.9 Was Tillich an Troeltschs .272 Erdmann Sturm Gleich zu Beginn seiner Vorlesung empfiehlt Tillich seinen Hörern Troeltschs Buch. 142 – 145.10. 6 Tillich. mit voller Klarheit erfasst“. erwähnt er diese Vor- lesung und im Zusammenhang mit ihr Troeltschs . Schließlich kann seine Vorlesung als eine kulturtheologische Analyse der politischen Richtungen in 5 Tillich. so Tillich.Sozi- allehren‘. „Ich möchte […] auf ein Buch hinweisen“. 30. dass sich dieses Buch. einem Dokument des Abschieds von seinen bisherigen politischen und theologischen Überzeugungen. Er nennt es „bedeutungsvoll in erster Linie für die Theologie“. 8 Ebd. den sie nun nicht mehr verlieren könne. EW XII.7 Es gebe „die reichste Anregung für die praktische Behandlung der politischen Probleme vom Standpunkt der Kirche“. 144. „die Kirchen. Es sei vielmehr nötig. Es habe zum ersten Male „die Zusammenhänge zwischen christlicher Ethik und gesellschaftlicher Entwicklung. EW V. die wechselseitigen Bedingtheiten und die tiefen Probleme.Soziallehren‘ offensichtlich so beein- druckte. vor allem sein histori- sches Material.15 13:49 . nicht zuletzt auch Troeltschs Methodologie – die Ein- führung der Soziologie in die Theologie – in seine damalige Kulturtheologie einzufügen schien. 7 A. Es habe diesen Gesichtspunkt auf die So- zialethik angewandt.und vor allem die Dogmengeschichte von dieser Seite her neu zu beleuchten“.6 Das „historische Material“ seiner Vorlesung stamme meistens aus den .5 Auch in seinem Rundbrief an seine Freunde im Wingolf vom Sep- tember 1919. das für jeden von Euch. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.

sodann das soziologische Problem des Protestantismus.15 13:49 .O. auf den Trümmern des Alten sich erhebenden religiös geleiteten Ein- heitskultur. Zwischen der Abfassung von Troeltschs . Sie ist „an und für sich rein religiös“. Tillich liest Troeltschs .15 Tillich weist aber darauf hin. 985 11 Ebd. 12 Tillich. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 14 A. 2.O. 13 A. die Gegenwart als eine Zeitenwende wahrzunehmen und mitzuarbeiten an der Idee einer neuen. dass die „innere revolutionäre Gewalt“ des Christentums immer dann wichtig 10 Troeltsch. In dieser Perspektive blickt Tillich auf Troeltschs . 86 f. Im Gegenteil. wohl ge- ordneter Form als Vorlage für den mündlichen Vortrag notiert hat.Soziallehren‘.a. kommt in Tillichs Vorlesung überhaupt nicht zur Sprache. Sie entspricht auch ganz und gar nicht Tillichs Denken. 83. des Calvinismus. 86. ersetzt er Troeltschs Überschrift „Das Evangelium“ durch „Das Urchristentum“. 2). die Einsicht.Soziallehren‘. die Revolution..Soziallehren‘ in konzentrierter.14 Statt von der „Predigt Jesu“ und der „Bildung der neuen Religionsgemeinde“ spricht Tillich von einer „Bewegung“. z.12 Er variiert dabei ein wenig die Überschriften. GS I (s. „daß aller Idee die brutale Tatsächlichkeit“11 entgegensteht. die ganze Vorlesung ist ein Appell. Das historische Material der . eine Zeitenwende.10. 83 – 111. des Sek- tentypus und der Mystik auf protestantischem Boden. EW XII.Soziallehren‘ und Tillichs Vorlesung liegt der Untergang der bisherigen gesellschaftlich- politischen Ordnung.. Anm.Soziallehren‘ Zu Tillichs Vorlesungsmanuskript gehören Aufzeichnungen. 15 A. nämlich die als Ergebnis der Untersuchung formulierte „Einsicht in die problematische Lage aller christlich-sozialen Arbeit“10 in der Gegenwart.13 Aber er übernimmt Troeltschs These vom „rein religiösen“ Charakter der Bewegung und von der Unmöglichkeit einer „positiven Stellung“ der Bewegung „zu den sozialen Ordnungen“. genauer: des Luthertums. behandelt also – wenn auch knapp – die Grundlagen der Soziallehre in der Alten Kirche. in denen er das historische Material der . im mittelalterlichen Katholizismus.a. Er folgt dabei den drei Kapiteln der . Der offene Schluss von Troeltschs Buch.. B. o.Soziallehren‘ 273 Deutschland unmittelbar nach dem Kriege verstanden werden.O.a.

O. Auch in dem schon erwähnten Brief an die Freunde im Wingolf hebt er die Funktion der Naturrechtsdeutung Troeltschs für seine kulturtheologische Analyse der drei politischen Richtungen in Deutschland hervor.a. Der lange Schatten des Naturrechts. so Tillich. 83 – 86..18 Im Folgenden werde ich mich auf zwei für Tillichs Vorlesung mar- kante und zentrale Elemente aus Troeltschs . In seiner Vorlesung von 1919 bildet er das Rückgrat seiner Deutung der politischen Rich- tungen der Gegenwart. „Ich habe versucht“.Soziallehren‘ beschränken: den Begriff des Naturrechts und die Beurteilung Luthers und des Lu- thertums.O. 6). 3. Bd. Klaus Tanner. aufzufassen.. 19 Zu Troeltschs Deutung des Naturrechts vgl.Kulturdogma‘ der Kirche.a. auch für Tillichs Theologie besitzt. sondern mit den Anfängen der griechischen Religionsgeschichte.17 Tillich schildert die weitere Entwicklung bis hin zur Stoa. 173. 17 A.15 13:49 . an Schellings „Philosophie der Mythologie“ erinnernd.274 Erdmann Sturm wurde.19 Troeltsch hat ihn „das eigent- liche Kulturdogma der Kirche“20 genannt. 2). o. GS I (s. 86. 122 – 132. Das .. „die primitiv-mystische Erfülltheit aller Dinge“ und „die Heiligkeit aller soziologischen Beziehungen“. Gütersloh 1993. das Konser- 16 A.). bis hin zur Lehre vom relativen Naturrecht als Annäherung an das absolute Naturrecht des Urzustandes. Am Anfang der altgriechischen Religion steht.a.16 Anders als Troeltsch beginnt Tillichs historischer Überblick auch nicht mit den „Grundlagen in der Alten Kirche“. dass Tillich gerade den Begriff des Naturrechts von Troeltsch übernimmt. Es überrascht nicht. „die Demokratie als Konsequenz des säkularisierten Naturrechts des . Stuttgart/Berlin/ Köln 1993. d.O. Anm. gegründet auf reine Rationalität. die die antike Logos-Lehre für das theologisch-dogmatische Denken besaß. 87.. 83. in: Friedrich Wilhelm Graf/Trutz Rendtorff (Hg. 59 – 163. Tillichs Rezeption der Naturrechtsdeutung Troeltschs Der Begriff des Naturrechts ist für Troeltschs wie für Tillichs Geschichts- und Gegenwartsdeutung grundlegend.Urstandes‘. h. „wenn sie für die immanente Wirklichkeit angewandt wurde“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. so schreibt er. Ernst Troeltschs Naturrechtsdeutung.10. Eine fundamental-ethische Untersuchung. Ernst Troeltschs Soziallehren (Troeltsch-Studien. 20 Troeltsch. Seine Bedeutung für das so- zialphilosophische Denken entspricht der Bedeutung. 18 A. Ders.

an Stelle des Nützlichkeitsstaats der Staat als Gott auf Erden. an Stelle des Naturrechts das positive Recht“. die Sozietäten (z.. Troeltsch hat dieses Ausscheren des deutschen politischen Denkens aus der westeuropäisch-humanistisch- calvinistischen Tradition des Naturrechts in seinem Vortrag über „Na- turrecht und Humanität in der Weltpolitik“ von 1923 kritisch reflek- 21 Tillich. Dem entspricht die Unterschei- dung zwischen Sekte und Kirche bzw.O. der seinerseits eine bestimmte Anthropologie impliziert (Urstand. innerliche. 22 Tillich. was man den „deutschen Sonderweg“ genannt hat. an die Stelle der Natur die Geschichte tritt. einem naturalen und einem supranaturalen Element. in dem das Rationale. Tillich sieht aber. Demokratische. B. Sündenstand des Menschen). der Kompromiß mit der Welt. in der Kirche das relative Naturrecht. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 112.“21 Im Demokratischen überwiegt die Form.Sündenstandes‘. EW V. der Träger aller Werte. Zentralistische die allgemeine. 144. an Stelle der Gleichheit die Eingliederung in organische Verhältnisse. zwischen ihren säkularisierten Formen.15 13:49 . Das christliche relative Naturrecht der mittelalterlichen und der altprotestantischen Theologie besteht für Tillich wie für Troeltsch aus einem rationalen Unterbau und einem autoritativen Aufbau.Soziallehren‘ 275 vative als irrationales Naturrecht des .10. In der Sekte gilt das absolute Naturrecht. im anarchischen Föde- ralismus kommen Form und Gehalt zusammen. des goldenen Zeitalters vom re- lativen Naturrecht des Sündenstandes. dass in Deutschland nach der Aufklärung und gegen die Aufklärung. „an Stelle des atomistischen einzelnen das differenzierte Individuum. an die Stelle der Vernunft die Intuition und das Gefühl.Räte‘) den wirklichen Gehalt des po- litischen Lebens bilden. in der Romantik und im deutschen Idealismus.22 Der entscheidende Begriff ist in beiden Fällen der Naturbe- griff. vor allem bei Hegel. Tillich liest Troeltschs . an Stelle der rationalen Freiheit die teleologische. die . In der Dogmatik wie in der Ethik „erhebt sich auf der Grundlage einer rationalen Wissenschaft eine irrational offenbarungs- mäßige“. an Stelle des Vertrags die historische Rechtsidee. das Irra- tionale. leichte Form. 23 A. Im Anschluss an Troeltsch unterscheidet Tillich das reine oder ab- solute Naturrecht des Urstandes bzw. 149.23 Tillich beschreibt damit das. im Konservativen überwiegt der irrationale Gehalt.a. EW XII. endlich habe ich den theoretischen Anarchismus zu einem System des demokratischen Föderalismus weiter zu entwickeln versucht.

mit seiner Vision einer neuen religiös-sozialistischen Einheitskultur. mit seiner Option für den anarchischen Sozialismus und mit seiner Skepsis gegenüber der Demo- kratie kann er ihn durchaus vereinbaren. „und nun begann die Welt. dass alle Menschen prinzipiell vernunftbegabt und gleich sind.a. „Parlament und Regierung blieben un- überwindliche Momente der Anti-Demokratie“31. die ganze Welt zur Nachfolge zwingende deutsche Son- derform der Volksfreiheit“. „Wir haben nur eben die westliche Demokratie unseren Verhältnissen ent- sprechend abgewandelt. sondern dass auch „unser Staat ganz selbstverständlich längst in die Demokrati- sierung eingetreten ist“. 25).. 110. sie zu beherrschen“. 27 A. wie es alle Kirchen haben müssen. Anm. aus der Sekte wurde Kirche. „Die Demokratie kommt von dem absoluten Naturrecht. 79 – 113.276 Erdmann Sturm tiert. Naturrecht und Humanität in der Weltpolitik. im Majoritätsprinzip und in der Einführung einer repräsentativen Demo- kratie niederschlägt. Der Ansturm der westlichen Demokratie.27 Der deutsche Großstaat habe sich „Stück um Stück der Demokratie genähert und nähern müssen“. die Demokratie 24 Ernst Troeltsch. hg. Gotha 1917.26 Besonders die soziale Gesetzgebung sei eine „großartige. Er beschreibt den deutschen Sonderweg seit der Ro- mantik und Hegel.15 13:49 ... Mit seiner Idee einer Synthese von deutscher Romantik und französischem Frühsozialismus. Der Ansturm der westlichen Demokratie (s. 26 Troeltsch. Fünf Vorträge.O. o.“29 Sie ging davon aus. Von Harnack – Meinecke – Sering – Troeltsch – Hintze. 109.“28 Ähnliche Reflexionen vermissen wir in Til- lichs Vorlesung. aber sie kann diesen „revolutionären Enthusiasmus rationalistischen Naturrechts“30 in der politischen Praxis nicht durchhalten. das sie verwirklichen wollte. was sich dann im Wahlrecht.24 Aber auch schon während des Krieges hatte Troeltsch in einem Vortrag über das Thema „Der Ansturm der westlichen Demokratie“25 die Auffassung vertreten. Die Entwicklung der Demokratie ist für Tillich eine Entwicklung von der Sekte zur Kirche. Bund deutscher Gelehrter und Künstler.a. sie schließt Kompromisse mit der Welt.O. 28 Ebd. Die ideelle Grundlage und das praktische Vorbild stamme aus dem Westen. So kam die Demokratie zum Sieg. EW XII. 25 Ernst Troeltsch. 31 A. KGA XV. in: Ders. 29 Tillich. v.10. 147. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 477 – 512. zu einem relativen Naturrecht. in: Die deutsche Freiheit. 141 30 Ebd. dass nicht nur der Westen demokratisch sei.

die andere Freiheit: die anarchistische. 98 – 102.“36 Wie Troeltsch behauptet er für Luthers Gewaltverherrlichung Ähnlichkeiten mit Machiavellis Lehre. So verbinde sich bei Luther religiöser Spiritua- lismus mit „Gewaltmenschentum“. 2). 38 Ebd. Im Anar- chismus bzw..10. 237 f. 37 Ebd. Tillich liest Troeltschs . 4. in: Graf/Rendtorff (Hg..“32 Die Demokratie ist also eine „Übergangserscheinung“33. 512 – 605. Troeltsch. 36 Tillich. EW XII. und die hochkirchliche Bewegung schloss sich an alle irrationalen Momente an und führte sie zu einem Sieg auf dem Boden des lutherisch-irrationalen Naturrechts. 152 – 177. anarchischen Föderalismus Gustav Landauers sieht Tillich den Versuch. dass jede Obrigkeit „durch ihr bloßes Dasein ihre 32 Ebd.O. 19).a. h. sie treibt weiter entweder zum Sozialismus der SPD oder zum Konser- vatismus der konservativen Parteien oder zum Anarchismus.15 13:49 . „Luther mit seinem irrationalen Naturrecht der Gewalt. 2). „Die Gewalt ist heilig. Anm. Vgl. 100.a. 34 A.38 Von Troeltsch übernimmt er auch den von Friedrich Julius Stahl geprägten Begriff des „irrationalen Naturrechts“.. 148. 537. 172. o. EW XII.. 35 A. das Prinzip der Demokratie rein zu bewahren. 142 – 154. Die Sozi- alphilosophie von Ernst Troeltsch. „unter völliger Ausschaltung des Machtgedankens“34 durchzusetzen. „So kamen neue Sekten und eine neue hochkirchliche Bewegung auf. Die eine Sekte forderte Gleichheit: die sozialdemokratische.Soziallehren‘ 277 wurde immer formaler und leerer. Luther und das irrationale Naturrecht Auch in der Beurteilung Luthers und des Luthertums folgt Tillich der Darstellung Troeltschs.a. 221. „mit den Herrenmenschen einen Bund einzugehen“. Tübingen 1963.“ (A. Schon im Urstand habe es Gewalt gegeben. 166 – 175.39 Gemeint ist mit diesem Begriff.). Troeltsch. o. d. 166. GS I (s. 33 A. Wilhelm Kasch.O. Sie sei aber in jeder Form von Gott eingesetzt. 173) Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Ernst Troeltschs Soziallehren (s. 39 Tillich.O. Zu Troeltschs Darstellung des Luthertums vgl. 197. Anm.a. durch die Sünde werde sie ins Unermessliche gesteigert.O. Walter Sparn. Anm. o.35 Das Naturrecht Luthers beschreibt er als ein Naturrecht ohne rationale Elemente. Vgl. Ernst Troeltschs Erwartun- gen an das Luthertum. GS I (s. Preußische Religion und lutherische Innerlichkeit.37 Die lutherischen Konservativen seien jederzeit bereit gewesen.

166. „das Staatsideal des Kon- servatismus“. sei an die Stelle der Mystik die Macht getreten.49 40 Tillich. 178. sondern durch den Vorsehungsge- danken begründet. 2). der al- lerdings – anders als Tillich – für seine Behauptungen in reich ausge- statteten Fußnoten entsprechende Belege aus der Gegenwart liefert. „Daraus ergibt sich nun“.Soziallehren‘ und an Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.a. 41 Ebd.O. so Troeltsch. dem gibt er auch Verstand. GS Bd.O. EW XII. ent- weder in der supranaturalen Autorität oder in dem irrationalen Natur- gesetz. 169. o.. 537.48 Nichts anderes hatte auch Troeltsch behauptet.278 Erdmann Sturm göttliche Begründung in sich trägt“.42 Troeltsch hatte bei Bis- marck das Nebeneinander seiner Gewaltpolitik und seiner Christlichkeit aus dem Gedankenreis des lutherischen „Naturrechts des Irrationalismus“ neben einer reinen „Gesinnungschristlichkeit“ abgeleitet. Wie Troeltsch zieht auch Tillich diese Linie von Luther über Bismarck bis in den Biologismus des Darwinismus aus45.43 Dieses Ne- beneinander sei. 46 Tillich. GS I (s. 173 48 A. 44 Ebd. Tillich sieht „eine interessante Parallele zwischen Luthertum und moderner biologischer Ethik“ (a. Hirsch. Anm. Tillich. Die Reich-Gottes-Begriffe des neueren europäischen Denkens. Blättern 1 (1922). 2). veröffentlichten Rezension der Schrift von E. EW XII.46 Tillichs Fazit: „Der kon- servative Machtgedanke ist entweder oben oder unten verankert... I (s.10.“47 Das irrationale Naturrecht führt zum irrationalen Naturgesetz. bei dem Calvinisten Cromwell „ganz unmöglich“ gewesen.44 Bismarck habe sich für diese Trennung von äußerer Gewaltpolitik und innerer Gesinnungschristlichkeit gern auf Luther berufen.“41 Die „kritiklose Untertänigkeit des typi- schen Lutheraners unter alle Obrigkeiten“ habe ihren Grund in diesem Vorsehungsgedanken. Tillich zitiert den Spruch: „Wem Gott ein Amt gibt. Anm. Tillich nennt dies „die Tragödie des Konservatismus seit Bismarck“. Als die religiöse Kraft dieses Glaubens erloschen sei.Soziallehren‘. Göttingen 1921. 537 Anm. erinnert Tillich an Troeltschs .40Auch unterhalb des Monarchen seien alle Autoritäten nicht rational. o. fügt aber noch Nietzsches „Willen zur Macht“ hinzu.15 13:49 . 42 f. so stellt Tillich fest. 42 Ebd. 43 Troeltsch. 170 f.O. 49 In seiner in den Theol. Tillichs Bild des politischen Luthertums und der „preußischen Religion“ ist und bleibt wesentlich geprägt durch Troeltschs Darstellung in den . 173).. 47 A.a.a. EW XII. 45 Troeltsch.

43). 53 A.und Gesellschaftsleben der modernen Zeit gewesen sind“ (a. 54 Ebd.“55 Diese Sisyphus-Haltung teilt Tillich in seiner Vorlesung ganz und gar nicht. wie Hirsch sich von seinem lutherischen Standpunkt aus den teils mittelalterlich-feudalistischen.a. „in der doch die typisch lutherische Einstellung am deutlichsten zur geschichtlichen Auswirkung gekommen ist“ (a.15 13:49 . Im Gegenteil! Wir hatten schon auf seine Idee einer deutsch- französischen Synthese von Romantik und Frühsozialismus. GS I (s. „wie tiefgreifend.a.). zu sehen.O. Es könne seit diesen Schriften nicht mehr zweifelhaft sein. 51 Ebd. werde eine „Anpassung an die Lage sein und nur das Mögliche wollen“. E. 72 – 82.54 „Für jede bedrohliche Kluft.. 42).. von reli- giöser Logik und religiöser Ökonomie hingewiesen.50 Die Fähigkeit der Idee zur „Bemeisterung der brutalen Wirklichkeit“51 bleibe immer eine schwierige Sache. Tillich be- dauert. o.53 Das Leben bleibt nach Troeltschs Auffassung „ein auf immer neuen Fronten sich immer neu erzeugender Kampf“. das Troeltsch in seinen . Hier liege doch „ein durchaus eigenartiger und historisch wirksamer Typus“ vor. 2). den fran- zösisch-utopistischen Sozialismus und den romantisch-ethischen „deutsch- idealistischen Humanismus“. die jetzige wie die kommende. Tillich liest Troeltschs . dass E. teils mili- taristisch-machtpolitischen Konsequenzen dieses Standpunktes entzogen hätte“ (ebd.52 Jede christliche Ethik. Hirsch diesen Typus nicht berücksichtigt hat. Hirsch unterscheidet drei Typen des Reich- Gottes-Begriffs: die englisch-liberal-utilitarische Gesellschaftslehre. „die noch nicht gedacht sind und die dieser Lage entsprechen […]“. 50 Troeltsch. 55 Ebd. Tillich kritisiert in seiner Rezension das Fehlen der konservativen Ge- sellschaftslehre.O.Soziallehren‘ in so beeindruckender Weise vorgestellt M.56 Sie ist sozusagen eine Erneuerung des großartigen Bildes der christlichen Einheitskultur des Mittelalters.. geht eine neue auf. 986. die sich schließt. 56 Tillich. und bemerkt.10.a. Webers Aufsätze zur „Religionssoziologie“. die Tillich zu Be- ginn seiner Vorlesung vorträgt. 52 Ebd. ja fundamental die Einflüsse der Religion auf das Wirtschafts. Romantisch-frühsozialistische Geschichtsphilosophie Als Ergebnis seiner Untersuchungen formuliert Troeltsch die Einsicht in die „problematische Lage aller christlich-sozialen Arbeit“. so Tillich. so seien hier neue Gedanken nötig.O. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. EW XII. Anm.Soziallehren‘ 279 5. „es wäre außerordentlich interessant gewesen. Für diese an Fichte orientierte letzte Form optiert Hirsch. 985. Soll es eine „christlich-soziale Bemeisterung der Lage“ geben.

so Tillich.280 Erdmann Sturm hatte. so redet Tillich sein Auditorium an. 59 Ebd. der sie im Kreise herumtreibt. die aus der Freiheit geboren ist und die freudige Zustimmung aller hat. die Troeltsch ja auch nicht bestritten hatte. getragen von machtvoller Überzeugung und letzter Hingabe. 61 A. „Das hindert aber den nicht“. 63 Ebd. wie auch die Vereinigung der Völker nicht durch eine kirchliche Zwangsgewalt. dass wir vor einer Wende der Zeiten stehen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. wie sie seit der Reformation oder seit dem Sieg des Christentums über die germanischen Völker nicht mehr dagewesen ist.58 Sie soll kein „einfacher Abklatsch“ der mittelal- terlichen Einheit sein.“61 Tillich denkt aber in Zeiträumen von Jahrhunderten. „Ich bekenne mich […] zu dieser romantisch-frühsozialistischen Geschichtsphilosophie. 60 Ebd.15 13:49 . „daß Ideen klar. in den Geist der Zeit eindringen.O. in unüberwindliche Unruhe versetzen.a. „um eine Religion handeln. dass zeitgleich mit dieser Vorlesung die Unterzeichnung des Vertrags von Versailles anstand..a.60 Man muss sich vergegenwärtigen. so Tillich. Tillich aber zitiert Novalis. revolutionieren. 58 A. 77.59 Denn die Menschheit habe ja inzwischen das Zeitalter der Mündigkeit erreicht. „der die Idee geschaut hat. einseitig. Das wahrhaft Neue wachse in Jahr- hunderten voran. und die mittelalterliche Zwangsform der Kultur.. „Meine Damen und Herren!“. 62 Ebd. um am Ende zu zeigen. sondern nur durch freies Einswerden auf rauchenden Trümmern möglich ist“.62 Nur so vollziehe sich das Wachstum im Geistigen. um sich anzuschließen und Mitbürger des Himmelreichs zu werden […]. „Die Christenheit oder Europa“: „Es wird so lange Blut über Europa strömen.10.O. sie radikal zu bejahen“. wie er betont. 81. 76. sei für immer vorbei.63 „An dem Tempel 57 A. […] Nur die Religion kann Europa wieder aufwe- cken. bis durch tausend Übergänge und Vermittlungen und Syn- thesen die Idee sich das Gebäude geschaffen hat […]“.a. bis die Nationen ihren fürchterlichen Wahnsinn gewahr werden.. Es ist auch meine Überzeugung. „wie hier die Idee einer neuen religiös geleiteten Einheitskultur aus den Auflösungserscheinungen der Gegen- wart geboren wird“. ihn bewegen. dass diese Synthese ganz und gar der Vergangenheit angehört. „Es kann sich nur“.“57 Tillich sieht.O. […] Die andern Weltteile warten auf Europas Versöhnung und Auferstehung.

64 Sein konkretes politisches Ziel ist der religiös fundierte anarchische Föderalismus. Wir. 65 A. ertragen diese Kultur nicht mehr […]“. dazu will er seine Hörer aufrufen..Soziallehren‘ 281 dieser neuen Idee mitzuarbeiten“. 14. so ruft er ihnen zu.O. Tillich liest Troeltschs . 68 Tillich. 67 Paul Tillich.65 „Nicht den Staat wollen wir anbeten. Die Autoren sprechen von einer „unauflöslichen. 210. So seien in „engste soziologische Verbindung […] nacheinander getreten“: die alte Kirche („mit der spätrömischen Sklavenwirtschaft“). 13 – 20. sondern den Geist. GW II. die lutherische Kirche („mit Agrarwirtschaft und absolutistisch-patriarchalischem Ob- rigkeitsstaat“). sondern die Föderationen und Assoziationen sollen mit ihrem „realen Gemeinschaftsleben und Wert- bewußtsein […] das Göttliche in sich realisieren.10. GW II. Berlin 1919. die geistig Lebendigen. der sich in der lebendigen Gesellschaft seinen heiligen Bau schafft. jede eine andere Seite und sie alle zusammen die Fülle der Gottheit auf Erden“.a. Lehnsverfassung und Hörigkeit“). die frühkatholische Kirche („mit Cäsarismus und Militarismus“). die moderne Kirche („mit Hochkapitalismus. „Es muß sein“. Nationa- 64 Ebd. Der Sozialismus als Kirchenfrage. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. In einer gemeinsam mit seinem Freunde Carl Richard Wegener verfassten.Soziallehren‘ zeigt sich in zwei ebenfalls im Jahre 1919 verfassten kleinen Schriften. wenn auch jeweils wechselnden Einheit“68 des Christentums mit den autonomen Formen des Kulturlebens. „Eine neue große Synthese von Religion und Gesellschaftskultur“ Tillichs Nähe wie auch Distanz zu Troeltschs . ebenso in: Tillich. 66 Ebd. der Calvi- nismus („mit Kolonialkapitalismus und Demokratie“). Dieses ist die Kirche Gottes im Sinne der Kulturtheologie.“66 6. Nicht der abstrakte Staat.15 13:49 . „zu unwiderleglich sind in den letzten fünf Jahren die Wirkungen der individualistischen Kultur ad absurdum geführt worden. die mittelalterliche Kirche („mit Naturalwirtschaft. aus 30 Leitsätzen bestehenden Broschüre „Der Sozialismus als Kirchenfrage“67 wird zunächst das Verhältnis des Christentums zu den Gesellschaftsordnungen überhaupt dargestellt.

a. auf dem sie [d.73 Der Sozialismus könne aber auch eine Betrach- tungsweise anerkennen. 16.. 77 Paul Tillich.und Sozialgeschichte samt ihrer Charakteristik übernommen. der Sozialismus wird seine wirt- schaftliche und gesellschaftliche Grundlage bilden. so erheben Tillich und Wegener eine mehrfache Anklage gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung der Gegenwart. 76 Ebd. der Boden der modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und der bureaukratischen Militärstaaten.“ (Troeltsch. 29 – 33.o. 984. o. GS I [s.O. Beschränkt sich Troeltsch am Ende seiner Untersuchung auf die „Einsicht in die problematische Lage aller christlich-sozialen Arbeit“71 angesichts des „harten Stoff[s] der sozialen Wirklichkeit“72. Anm. zieht aber für die Gegenwart andere Konsequenzen als Troeltsch. 2].282 Erdmann Sturm lismus und Militärstaat“69). 72 A. Dabei betonen sie den grundstz- lichen Egoismus der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. „auch das Diesseits von sich aus gestalten zu wollen“.a.76 In dem 1920 publizierten Aufsatz „Christentum und Sozialismus“77 folgt Tillich zunächst Troeltschs Darstellung der Predigt Jesu und des Urchristentums. Ewigen stellt“. 985. 2). die christlichen Gruppen] sich bewegen. „die alles Bedingte.70 Hier wird Troeltschs in den .“75 Das Christentum aber stehe vor der Aufgabe. GW II. wie er sich in der Privat. Das Diessei- tigkeitsideal des Sozialismus wird mit dem Argument verteidigt. in: Freideutsche Jugend (6) 1920. Tillich. GW II.. „dieser Entwicklung seine sittlichen und religiösen Kräfte zuzuführen und dadurch eine neue große Synthese von Religion und Gesellschaftskultur anzubahnen“. zugleich aber auch als Beginn einer neuen Einheit: „[E]in neues Zeitalter der Einheit hebt an. 73 Tillich.Soziallehren‘ gegebene Einteilung der Kirchen. 15.und Profitwirtschaft. Zeitliche unter den Ge- sichtspunkt eines Unbedingten. indem er die neuzeitliche Idee der Immanenz aufgreift und geistesgeschichtlich und theologisch rechtfertigt. GS I (s.O. dass es der Ethik der Liebe „wesentlich“ sei. 965) 70 Tillich. ist ein neuer geworden. 167 – 170. der Gliederung der Gesellschaft nach Klassen und in der nationalen Machtpolitik manifestiert. Christentum und Sozialismus. 71 Troeltsch. 75 Ebd. Anm. Wie Troeltsch betont er 69 Für seine Gegenwart stellt Troeltsch fest: „Der Boden.74 Die Gegenwart wird als eine Periode der Auflösung wirtschaftlicher und geistiger Einheit be- schrieben.h. GW II.10. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 74 A. 14.15 13:49 .

so sei man konsequent und nenne nur das christlich. um das Christentum und den Sozialismus zu einer Einheit zusammenzuführen.“ für den bestehe kein Grund. mussten dafür aber auf Universalitt verzichten. auch Tillich. Die Paradoxie des göttlichen Urteils besteht darin. Diese neue Idee ist für Tillich die Idee der Immanenz.15 13:49 . […] imstande und im Begriffe ist. was katholisch sei. „daß der Geist. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. sondern um die Erlösung aus ihr. Tillich sieht in dieser Transformation der Erwartung zur Gestaltung eine Konsequenz des Prinzips der Rechtfertigung allein durch Glauben.10. Ihr Grundprinzip. 80 Ebd. In ihr wird die Erwartung des baldigen Hereinbrechens des Himmelreichs durch den Willen zur Gestaltung des Weltreichs zu einem Reich Gottes ersetzt. 81 Ebd. sei auch von der Renaissance und der Re- formation erkannt worden. d. um „das schnelle Hereinbrechen des jenseitigen Got- tesreiches“. Jesus und Paulus gehe es nicht um Umgestaltung dieser Welt. 146 f. Der Sozialismus lasse sich daraus nicht begründen. die Einheit des Absoluten und Relativen. was an dem Unterschied von Natur und Übernatur. Wer aber glaube. von Diesseits und Jenseits festhalte. dass der relative und un- heilige Mensch absolut und heilig ist. der von Christus ausgeht. 82 Tillich. GW II. 79 Ebd. und sie tat es mit allerhand Kompromis- sen. eine neue Periode des Christentums her- beizuführen. GW II. „nach neuen Namen zu su- chen“. Der Sozialismus sei eben dieser 78 Tillich. Es habe erst eine „neue Idee“80 eintreten müssen. An seine Stelle ist der Wille zur Weltgestaltung getreten. 83 Ebd.78 „Da das Himmelreich nicht erschien. EW XII. 30.82 Die klassische deutsche Philosophie habe so gedacht. Tillich liest Troeltschs . Wolle man es nicht christlich nennen.83 Für Tillich hat sich ein „neues Lebensgefühl“ durchgesetzt.Soziallehren‘ 283 den rein religiösen Charakter der Verkündigung Jesu und des Urchris- tentums. so musste sich die Kirche in der Welt einrichten. „Beides ist eins in der einen Wirklichkeit. Aber auch sie seien nicht zu Sozialisten ge- worden.“81 Eben diese „Einheit des Wider- spruchs“ schaffe „die Tiefe und den Sinn des Lebens“. Vgl. Dadurch wird das Jenseitige dies- seitig.“79 Die Sekten konnten an der Intensitt festhalten. 31. h. das sich „von dem traumhaften Jenseitsbewusstsein des Orients und der müden Weltverneinung der sterbenden Antike“ unterscheide. Der Gegensatz von Jenseits und Diesseits wird aufgehoben.

“88 Für Tillich bilden Jenseits und Diesseits eine rechtfertigungstheolo- gisch begründete paradoxe Einheit. nach der Norm der Gerechtigkeit“.). wie immer man sie denken möge.85 Von der Vorstellung einer Einheit von Christentum und Sozialismus ist Troeltsch in seinen Ausführungen am Schluss seiner . „So wird auch die jetzige und kommende christliche Ethik eine Anpassung an die Lage sein und nur das Mögliche wollen. GS I (s.und wirtschaftspolitischen Rich- tungen. ein neues Zeitalter der Einheit. EW XII. 87 A. o. zu- künftigen absoluten Sinnes und Zieles menschlicher Arbeit“. tat er dies unter dem etwas bescheideneren Titel Der religiçse und philosophische Gehalt der staats. Diese innere Stärkung und Erhebung über die Welt wehre der Skepsis und mache alle Gesell- schaftsutopien überflüssig. 89 Tillich.“86 Der Gedanke des Reiches Gottes als der „endgültigen Verwirklichung des Absoluten“. Es gibt für ihn keine Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden im Sinne eines vollkommenen und vollendeten sozialen Orga- nismus.. 86 Troeltsch. Die Elemente der Romantik in Kolleg und Hörerschaft […]. schließlich auch die Ein- heit von Christentum und Sozialismus und „eine neue große Synthese von Religion und Gesellschaftskultur“ begründen. „Das Jenseits ist die Kraft des Diesseits.. 85 A. GW II. nur ein ständiges Ringen und Kämpfen. 223.O. 979. 90 Er blickt nun auf die drei Jahre zuvor gehaltene Vorlesung zu- rück und notiert: „Die Stimmung der ersten Vorlesung nach dem Krieg […]. 2). 297.84 Dies sei aber zugleich „die Gegenwartsforderung des Geistes Christi: Weltgestaltung nach der Idee der Gerechtigkeit um der Liebe willen“.Soziallehren‘ weit entfernt.a.284 Erdmann Sturm Wille zur Gestaltung der Wirklichkeit und zwar „grundlegend der Wirtschaft. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.87 Dies sei letztlich der Sinn aller christlichen Askese. Sie soll eine neue Periode des Christentums.15 13:49 .89 7. 16. Die 84 Ebd. Aufl.10. 90 Tillich.a. 986.O. 32. Tillich. entwerte nicht die Welt und schwäche nicht unsere Aktivität. Anm. „[…] der absolut-feste Punkt im geschichtlichen Werden“ Als Tillich im Sommersemester 1922 die 1919 gehaltene Vorlesung zum dritten Mal hielt. er mache vielmehr „die Seele stark in ihrer Gewissheit eines letzten. GW XIV (1. Vgl. 88 Ebd.

das sie überwältigt. aus denen für die Gegenwart das lebendige Blut strömen kann“. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 94 Ebd. 225. So habe man in Deutschland den Katholizismus und den Calvinismus als „Übergriff“ des Politischen ins Religiöse verstanden. insbesondere dem Neukantianismus. um in der religiösen Ver- kündigung den Welthorizont.“ 91 Tillich beklagt.O. dass sie das Politische nur abstrakt-theoretisch betrachtet hat.O. dass man in der Vergangenheit in Deutschland. den ehernen Damm des Ich will entgegenzustellen und dadurch den Tatsa- chen die Adern zu öffnen. 93 A.96 Dass Troeltsch sich den „Tatsachen“ nicht entgegen- stemmt. Die Sphäre der Enttäuschung da. be- sonders im Luthertum und „unter der Herrschaft dieses Geistes“. 91 Tillich. Es gehöre aber zur Religion.10. wo ein Unbedingtes geweissagt wurde.a. 96 A.94 Der Philosophie. die „religiös-politischen Kausalitäten“ mehr als sonst vergessen habe. dem Geschiebe der psychologischen und historischen Tatsachen. nicht aber: „Wie soll die Welt gestaltet werden?“95 Selbst Simmels geniale Soziologie und Troeltschs . Neben einer persönlichen Frömmigkeit und Innerlichkeit habe sich nach außen hin Machtpolitik durchgesetzt..93 Auf diesem Hintergrund sei auch der Satz „Christlich-sozial ist Unsinn“ zu verstehen. im Auge zu behalten“. Tillich liest Troeltschs .Soziallehren‘ 285 einfache Not […]. Es sei notwendig. eine Stellung zu finden. „diese Dinge gerade der protestantischen Geistlichkeit zum Bewusstsein zu bringen.Soziallehren‘ „fragen nach Typen und Tat- sachen“.15 13:49 .. 224.92 Besonders auf lutherischem Boden habe man die Welt sich selbst überlassen. […] Es kommt darauf an. EW XII. 223. Sie habe gefragt: „Wie ist Politik als Wissenschaft überhaupt möglich?“. so Tillich in seiner Vorlesung von 1922. 92 Ebd. aber – so Tillich – „sie wagen es nicht. der sich dem Religiösen geziemt. Die Arbeiten von Max Weber und Troeltsch aber hätten den Gesichtskreis erweitert. das ist seine Kritik. 95 Ebd. „weil wir die religiösen Zusam- menhänge von Imperialismus und christlich-sozialem Willen nicht ver- standen“. wirft Tillich vor. in der nüchterne Erkenntnis der Sachlage und unbedingt-metaphysische Spannung der Politik sich einigen. „die Weltgestaltungsprobleme mitzubehan- deln“.a.

. kann Tillich seine Übereinstimmung mit Troeltsch festellen. Er stimmt Troeltsch zu: “It is im- possible for me to understand how we could ever come to a philosophical un- derstanding of religion without finding a point in the structure of man as man in which the finite and the infinite meet or are within each other. So bekennt Troeltsch am Schluss seines Werkes. hier die absolute Ver- nunft in ihrer uns zugewandten und im gegenwärtigen Zusammenhang geformten Offenbarung zu erkennen. 977. 100 Tillich.a. 99 A. nichts zu bringen vermöge als „historische Einsichten in Gewesenes und in dessen Nachwirkung auf die Gegenwart“. das ein Leitstern wäre für die Gegenwart und für die Zukunft.100 Es geht Tillich nicht um eine bestimmte Weltanschauung. EW XII. etwas.102 97 Troeltsch. Troeltsch bejaht diese Frage. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. In der Würdigung des Troeltsch’schen religiösen Apriori. „sondern um die Verbindung.O. die die Wurzel des Bewusstseins mit dem Unbedingten hat. so Tillichs Entgegnung. Aber solche Erkenntnisse ewiger ethischer Werte sind für ihn keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. „über den Relativismus nicht hinaus“. Tillich hätte hier an Troeltsch anknüpfen können. in welcher das Bewusstsein das Element der Unbedingtheit in sich trägt“. 98 Ebd. sondern auch dem Gestalten der Lage dient?“98.286 Erdmann Sturm Alle seine Erkenntnisse seien „historischer Art“. so fragt er.15 13:49 .“99 Tillich greift diese von Troeltsch selbst durchgeführte Unterschei- dung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis historischer Tatsachen und der Gestaltung der Wirklichkeit nicht auf. o. wie sein Buch sie darstellt. die die lebendige Überzeugung und der handelnde Wille vollzieht in der Gewissheit. Statt dessen statuiert er eine im Un- bedingten fundierte Stellung des Bewusstseins einer Zeit.101 Hier allein ist für Tillich „der Durchbruch durch die historischen Kausalitäten“ gegeben.” (Paul Tillich. ob eine „so ausgedehnte Untersuchung über die Ideen. „Sie sind Herausgreifun- gen aus dem geschichtlichen Leben. einer Gesell- schaft usw.97 Aber es erhebe sich die Frage. Anm. 978. 101 Ebd. die Art. 2).und Lebenswelt des Christentums“. 102 Ebd. was nicht bloß dem Begreifen. „Lehrt sie nicht auch etwas Bleibendes und Ewiges als Gehalt des christlichen Sozialethos kennen.10. so Troeltsch. Ohne diese Verwurzelung des Bewusstseins im Unbedingten „kommen wir“. 227. GS I (s. „der absolut-feste Punkt im geschichtlichen Werden“. Tillichs „Ich will“ findet sich immerhin auch in dem von uns zitierten Satz Troeltschs. die er in seiner theologiegeschichtlichen Vorlesung von 1963 vornimmt.

166 – 174. Braaten. 103 Zum Tode von Ernst Troeltsch. die er vor allem auf dem Boden des Lu- thertums und des irrationalen Naturrechts Luthers vorfinde. 107 Ebd.105 In seiner Würdigung von Troeltschs . 104 Tillich. 106 A. 169.. für das Ideal des auf dem Luthertum sich gründenden preußischen Konservatismus nur wenig Verständnis auf. Troeltsch protestiere gegen die falschen Absolutheiten.a. deren Abschwächung und Umbildung. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.Soziallehren‘ hebt Tillich wiederum den Begriff des Naturrechts hervor. 105 A.. Troeltsch habe.109 Das demokratische Ideal.104 In seinem Ringen um diesen Widerspruch habe aber das Übergewicht auf der Seite des Relativen gelegen. Carl E.10.O. 109 A. niemals aber als „Durchbruch durch das Geis- tesleben“. Troeltsch stimme innerlich viel stärker dem Calvi- nismus zu mit seiner „stark gesetzlich theokratischen Sozialethik“. GW XII. GW XII.107 Troeltsch stoße dabei auf die Frage der „absoluten religiösen Kultur-Transzendenz“ bzw.a. 168. Versuch einer geistesgeschichtlichen Würdigung.. Ernst Troeltsch.O. 108 Ebd.a.Soziallehren‘ 287 8.108 Tillich fragt nun. 351 – 358 = Tillich. 175 – 178. Troeltsch bringe für die lutherische Sozialethik bzw.15 13:49 . 231) In diesem Sinne versteht er Troeltschs religiöses Apriori. Der Durchbruch des Unbedingten durch die Geschichte In den beiden nach dem Tode Troeltschs verfassten Gedenkartikeln von 1923 und 1924103 wiederholt Tillich seine Kritik an Troeltsch. Besonders den „reinen Machtrealismus“ empfinde er als „widerchristlich“. „verbunden mit einer mystisch-individualistischen Perspectives on 19th and 20th Century Protestant Theology.106 Im Mittelpunkt von Troeltschs Interesse stehe der Gegensatz von absolutem und relativem Naturrecht. In seinem Historismus-Band erscheine das Göttliche ausschließlich als „Grund und Sinn des Geisteslebens“. so Tillich. 166. hg. in: Vossische Zeitung 58 (1923). New York/Evanston/London 1967. die Spannung von Absolutem und Relativem als ent- scheidend erkannt.O. 2 – 3 = Tillich. wie denn Troeltsch selbst mit der Wirklichkeit umgeht. wie die Kirchen und Sekten als die Vertreter des absoluten göttlichen Rechts sich mit der Wirklichkeit und ihren Bedingtheiten „abfinden“. v. in: Kant-Studien 29 (1924). Tillich liest Troeltschs . 170. GW XII. Troeltsch decke die Art und Weise auf.

Doch auch auf diesem Felde zeige sich seine Grenze: „Der liberale Individualismus und die im Grunde optimistische Kulturphilosophie hinderten [Troeltsch] an einem voll- kommenen Miterleben der ungeheuren sozialen und politischen Krise Europas.. Troeltsch sei „die negative Vor- aussetzung für jeden kommenden Aufbau“. sehr undemokratische Gewaltherrschaft des Kapitals“. 115 Ebd. 111 Ebd.O. 177. ein seit dem Erstdruck tradierter Druckfehler.“115 In dem zuvor in der Vossischen Zeitung publizierten Gedenkartikel nennt Tillich Troeltsch einen „Wegbereiter“. „Jede Willkürmacht kann sie benutzen.117 Das er- lösende Wort – für Tillich ist es nicht der geschichtliche Standpunkt. des Systems der Formen“. muss das Werk Troeltschs energisch weiterführen – und zwar hin zum Religiösen Sozialismus. dass der Phi- losoph nach dem Krieg Politiker wurde. „eine neue. So ist es für Tillich kein Wunder.a. könne von dem Punkt.“113 Es fehlt das Kriterium des Unbedingten. sondern der übergeschichtliche.a. den er begonnen habe. „weit wegführen“. Doch der Weg.“112 Mit anderen Worten: Die Demokratie als Form ist leer und anfällig für antidemo- kratische Herrschaft. So bleibe Troeltschs Sozi- alethik „in den Grenzen der Humanität.288 Erdmann Sturm Grundhaltung“110..10. In wachsendem Maße aber habe ihn das liberale Element der Demokratie misstrauisch gemacht. 114 Ebd. 116 A. der 110 Ebd. 113 Ebd. 112 Ebd. an dem er durch seinen Tod habe abbrechen müssen. der Gehalt. Tillich sieht in Troeltschs Werk den Ausdruck der „inneren Dyna- mik“ seiner Geistigkeit. leite die politische Theorie und Praxis Troeltschs. Troeltsch sah nicht das Zerbrechen seines Humanitätsideals in den Krisen des Weltkrieges und der Revolutionen.114 Und: „Das Bedingte siegte auch hier. Darum fand er weder als Sozialphilosoph noch als Politiker das erlösenden Wort“. von dem aus die Geschichte zu deuten ist. 117 A.15 13:49 . Sein Humanitätsideal habe Troeltsch aber nicht erlaubt. 116 Der Vertreter einer neuen Generation. so dürfen wir Tillich verstehen. „der sozialistischen Demokratie ein volles Ja zu ge- ben“. wurde hier getilgt.O. 175. Der Calvinismus habe den Kapitalismus befördert. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. – Das Komma hinter „Systems“.111 Der Sozialismus sei der Gegenschlag. Tillichs Fazit lautet: „Das System der reinen Formen erwies sich als unzulänglich gegenüber den Irrationalitäten des Seins.

den Historismus zu überwunden.“121 Einen weiteren Unterschied zu Troeltsch sieht er 118 So Tillich 1927 in seiner Dresdner Dogmatik-Vorlesung (§ 63. Ebenso wichtig aber sei Troeltschs Erkenntnis gewesen. „We felt that he himelf was still under its power. Troeltsch sei es nicht gelungen. A History of Christian Thought. Perspectives on 19th and 20th Century Protestant Theology (s. dass die Art und Weise. EW XIV [s. Braaten. so wäre der Kritiker Troeltschs zu fragen. From Its Judaic and Hellenistic Origin to Existentialism. EW II. hg. J. 370 – 376). 102). wenn wir sie im Lichte der sozialen Wirklichkeit sehen. „is largely dependent on their ultimate concern. der nicht selbst geschichtlich wäre? Und ist nicht Tillichs „Kairos“ eine solche „Herausgreifung aus dem geschichtlichen Leben“? Tillich würde beides bejahen. ebenso in: Ders.119 In seiner Würdigung der . 191 – 194. Perspectives on 19th and 20th Century Protestant Theology (s.: Paul Tillich.. Anm. 120 Tillich. Carl E. aber auf der Einheit des (Inner-)Geschichtlichen und Übergeschichtlichen in dem in Jesus dem Christus angeschauten neuen Sein bestehen. New York o. Anm. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 102). dass alle dogmatischen Aussagen der Kirche von gesellschaftlichen Be- dingungen abhängig seien. einen „Durchbruch [des Unbedingten] durch die historischen Kausalitäten“. Gibt es.15 13:49 . 230 – 234 [hier zitiert]. Ge- schichts. Anm. „I already belonged to a new generation“ In seiner im Frühjahr 1963 an der Divinity School of the University of Chicago gehaltenen Vorlesung Perspectives on 19th and 20th Century Pro- testant Theology wirft Tillich einen Blick auf Troeltschs Religions-.120 Bezeichnenderweise bleibt aber Tillichs theologiegeschichtliche Vorlesung selbst von den beiden Seiten dieser Erkenntnis unberührt. o. by their religious convictions and their ethical implications“. 121 Ebd. Tillich wiederholt seinen bekannten Vorwurf. wie die sozialen Bedingungen von Menschen interpretiert wer- den..o.Sozialleh- ren‘ Troeltschs hebt er erstmals den Einfluss Max Webers auf Troeltschs Methode hervor. 526 – 530. Tillich. v. dass wir die dogmatischen Aussagen „vielleicht“ besser verstehen. 90]. Deutsche Übers. Troeltsch sei einerseits der marxistischen These gefolgt.und Sozialphilosophie. Tillich beschränkt sich allerdings auf die Bemerkung.Soziallehren‘ 289 Durchbruch des Unbedingten durch die Geschichte. Tillich liest Troeltschs . 119 Tillich. o.10. 234.118 9.

Er ist die Antwort einer neuen Generation auf Troeltschs „Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen“. Als Ritschl-Schüler habe Troeltsch an dessen „rationalistic essentialism“ festgehalten. geworden – und die Erinnerung an den Religiösen Sozialismus.122 So ist dann der nächste Abschnitt seiner theolo- giegeschichtlichen Vorlesung der Darstellung des Religiösen Sozialismus gewidmet. Aus der einstigen Idee einer neuen Periode des Christentums und einer neuen Gesell- schaftssynthese ist in der Vorlesung von 1963 der Rückblick auf einen Generationswechsel.290 Erdmann Sturm in dessen Abstand zur Philosophie der Existenz.). wie er ausdrücklich bemerkt.15 13:49 . vom Historismus zum Existentialismus. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Letztlich versteht sich Tillich. 122 „… in two respects I already belonged to a new generation“ (ebd. als Vertreter einer neuen Generation.10.

. hg. Nietzsche und Freud oder aufgrund persönlicher Begegnungen an Kähler oder von Sydow. die Sei- tenzahlen in Klammern beziehen sich bis zum Ende des Abschnitts 1 auf diesen Text. Kierkegaard.1 1. Tillichs Kulturtheologie im Licht der fünften Rede Schleiermachers Michael Moxter Für viele Leserinnen und Leser sind Schleiermachers Texte der Ort und Anstoß wichtiger Entdeckungen. der dem ersten Teil meines Vortrags zugrunde liegt und von dem sich dann auf charakteristische Weise unterscheidet. hg.15 13:49 . der sich von der traditionellen kirchlichen bzw. was im zweiten Teil zu bedenken ist. Auch Tillich hätte einer solchen Be- schreibung der Bedeutung Schleiermachers nicht widersprochen. „Tote Schlaken inneren Feuers“. 36. Jedenfalls ist dies der zusam- menfassende Eindruck. Gleichwohl sind seine eigenen prägenden und begeisternden Leseer- fahrungen an andere Namen gebunden: an Schelling. Berlin/New York 2005. Dogmatik-Vorlesung (Dresden 1925 – 1927). mit denen Tillich eine bereits gefestigte eigene Position klärt und konkretisiert. v. Ich folge der Dresdner Dogmatik als der gegenüber der Marburger Dogmatik von 1925 überarbeiteten Fassung (vgl.).10. Düsseldorf 1986. orthodoxen Theologie absetzt und Po- 1 Nur leicht überarbeitete Fassung des Manuskriptes. allen voran der Freiheit der wissen- schaftlichen Theologie und einer ihrer kulturellen Gegenwart zuge- wandten christlichen Religion. Der Vortragsstil wurde beibehalten. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.. v. 13. Werner Schüßler. Ders. EW XIV. Dogmatik. Marburger Vorlesung von 1925. Tillich als Leser Schleiermachers beobachtet Für Tillich ist Schleiermacher – wie im Übrigen auch Albrecht Ritschl – ein „Vorkämpfer[] der dogmatischen Autonomie“2. 2 Paul Tillich. Werner Schüßler/Erdmann Sturm. in: Ders. Schleiermachers Texte erscheinen demgegenüber eher als in Lektüren eingebunden. zu Schlei- ermacher insgesamt: 31 ff.

Damit sind Nähe zu und Abständigkeit gegenüber Schleiermacher grob skizziert. gilt die von ihm ausgehende theologische Richtung als besonders affin zu der zeitge- nössischen Situation des Christentums. O. die mit sich selbst unvermittelt mit ihrer Sache beginnen oder gar – wie Barths Kirchliche Dogmatik – die Prolegomena zur Dogmatik als Trinitätstheologie entfalten will. Letzteres zeige sich vor allem daran. Verdeutlichen wir uns das genauer am Verständnis der Dogmatik! Deren Eigenart lasse sich – darin stimmt Tillich Schleier- macher zu – nur im Horizont einer Wissenschaft bestimmen. Jedoch verbänden sich mit den Stärken ihres Freiheitssinnes und ihrer Modernität auch typische Gefahren einer zeitgemäßen Theologie. hg. dass Schleiermacher die Dogmatik der historischen Theologie zuordnet. einer allgemeinen Kulturtheorie oder eines Systems der Wissenschaften. dass sie wesentlich „Antwort auf Offenbarung“ (13) sei. Die vorschnelle Bereitschaft. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10. The World Situation (1945). Einen solchen Typ der Theologie zeichnet – wie Tillich später in den USA erläutern wird – deren Bereitschaft aus. erliege einer Selbsttäuschung über den Charakter der Theologie als Wissenschaft. Eine Dogmatik.. komme es darauf an. Wer 3 Paul Tillich. der Kritik des Schleiermacher-Herausgebers Scholz an Barth) Recht zu geben. Aber da zugleich vermieden werden müsse.294 Michael Moxter sitionen einer Vermittlungstheologie entwirft. dass die Dogmatik auch inhaltlich in eine Abhängigkeit von den ihren Ort formal bestimmenden Wissenschaften gerät. also im Kontext der Religionsphilosophie. a. Darin sei Schleiermacher (bzw. MW II. Berlin/New York 1990. das Christentum den gerade aktuellen Bedürfnissen anzupassen.3 Da dieser Typ der Theologie den Glauben im Horizont seiner ethischen Bedeutsamkeit und Schleiermacher das Christentum explizit als teleo- logische Form monotheistischer Religion begreift. 194. v. sich bewusst zu machen. und kraft der daraus resultierenden Reinter- pretation seiner Gehalte erweise sich das Christentum als „living power“.. zählt er zu diesen genauso wie Tendenzen zur Auflösung der Dogmatik in Religi- onsphilosophie oder zum Positivismus. als es die liberale Theologie des neunzehnten Jahrhunderts auf seinen Spuren versuchte. a. 165 – 196. Michael Palmer. hier: 193. 4 Vgl. die Tillich im Blick zu behalten rät. in: Ders. Insofern müsse der von Schleiermacher eingeschlagene Weg an entscheidenden Kreuzungspunkten und Wegmarken anders fortgesetzt werden.15 13:49 . „to re-examine all theological issues in the light of the question of our day“. die selbst noch nicht Dogmatik ist.4 wie Tillich sie in den USA erlebt.

Schleiermacher fehle – wie im übrigen auch Troeltsch – der Begriff einer normativen Wissenschaft. vorkanti- schen Metaphysik verteidigt und ihre Unabhängigkeit gegenüber der Moral etabliert zu haben. 364 (§ 102).a. die Tillich gegen Schleiermachers Definition der Dogmatik mobilisiert – wirft er ihr doch vor. 395 ff. Allerdings macht sich in dieser Nachbarschaft zur Dialektischen Theologie ein Motiv bemerkbar. KGA I. ST I/II.O. Berlin/New York 1998. Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen (21830). Kurze Darstellung (s. Insofern betont Tillich: „Ge- genstand der Dogmatik ist Offenbarung“ (14) gerade dort. letztere „auf geschichtliche Kenntnis von dem gegenwärtigen Zustande des Christentums“ hinsichtlich der „jetzt geltenden Lehre“7 reduziert zu haben. 15 ff. 325 – 446.a.5 Wenn also die Aufgabe der Dogmatik nur begriffen werden kann. das Tillichs Position von derjenigen Barths unterscheidet. um ihren Gegen- stand nicht aus den Augen zu verlieren. die Einleitung in die Dogmatik stehe „außerhalb der Dogmatik“ (12). Paul Tillich. Dirk Schmid. in: Ders. indem man – mit Schleiermacher – den „Aus- gangspunkt […] über dem Christentum in dem logischen Sinne des Wortes“6 nimmt.10. Berlin/New York (1958) 81987. müsse in dasjenige Vorausset- zungsverhältnis eintreten. 6 Friedrich Schleiermacher. dass man „in der konkreten- existentiellen Haltung der Dogmatik“ stehen müsse.O. das aufgrund eines Selbstmissverständnisses verdeckt bleibe. wird Schleiermacher also in einer Form zu- gesprochen. 8 Vgl. das später in der Systematischen Theologie Tillichs . die im Zusammenspiel mit philoso- phischer und praktischer Theologie operiert und deshalb „Historische Kritik“ zu ihrem maßgeblichen und unentbehrlichen „Organon“9 hat. a. die Autonomie der Dogmatik gegen ihre Abhängigkeit von einer aristotelischen. Das Verdienst... 6). hg. o.6. so gilt doch zugleich.15 13:49 . die der Schleiermacher-Gesellschaft einer zu großen Inkli- nation zum Barthschen Offenbarungsbegriff verdächtig erscheinen mag. einem solchen freilich. 353 ff. wo er Schleiermachers Pointe aufnimmt. Es zeigt sich gerade an den Gründen.). „Tote Schlaken inneren Feuers“ 295 der Offenbarung entsprechen wolle. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. (§§ 196 ff. 9 A. Schleiermacher hatte diese Definition im zweiten Teil seiner Kurzen Darstellung aufgestellt8 und damit die Dogmatik in die historische Theologie integriert.. Anm. 7 Schleiermacher. hier: 338 (§ 33). Nach Tillich führt diese Deutung der Dogmatik zu einem Defizit. 393 – 416 (§§ 195 – 256).). v. 363 (§ 97).der theologische Zirkel‘ heißt. Seine Theologie bleibe im Modus bloßer Beschreibung mit Feststellungen über den gegenwärtigen Zustand der Lehre befasst und führe damit bereits in die Fallen des Historismus und 5 Vgl. (§§ 69 ff.

296 Michael Moxter Positivismus. v. wie sie für Troeltsch charakteristisch seien. Schleiermachers Selbstmissverständnis bestehe näherhin darin. in: Ders. der als Erschütterung aller bedingten und als solche in sich selbst ruhenden 10 Paul Tillich. und es lasse sich nicht verkennen. sondern die Last und den Problemdruck eines selbstkritischen Wahrheitsbewusstseins zum Angelpunkt seines Argumentes macht. Solange jedoch die .Glaubenslehre‘ an der historisch ge- wachsenen Gemeinschaft und an einer in Kauf genommenen Funktio- nalisierung der Theologie durchs landesherrliche Kirchenregiment. Das war be- kanntlich auch Barths Eindruck. Encyklopädie der Theologie und Religionswissenschaft (1920). 259 – 295. dass er den Ausgangspunkt beim religiösen Bewusstsein „um des Existentiellen willen“ (9) wähle. Schleiermachers Dogmatik fehle die entschiedene Stellungnahme und mit ihr vor allem die Erfahrung der Erschütterung aller dogmatischen Ansprüche: „[W]er […] dogmatische Sätze als historische nimmt. dass die faktische Durchführung seiner . Zwar habe Schleiermacher selbst durchaus anders agieren und die bestehende Kirchenleitung mit deutlichen Worten kritisieren können. wenn man sich klar macht. wäre ihm das Defizit seiner eigenen Dogmatikdefinition nicht entgangen. wenn er ihn auch nicht mit dem In- teresse an der unverzichtbaren Rolle normativer Disziplinen im System der Wissenschaften begründet hätte. Hätte Schleiermacher sein eigenes Vorgehen angemessen reflektiert. hier: 293. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. das Uns- unbedingt-Angehen“ (10) ausblende. aber diesen Existenzbezug dann nicht wahrheits- theoretisch relevant. das Transsubjektive. der gibt sich den Dingen in ihrer Fragwür- digkeit hin und nimmt sie. Das manifestiere sich in der Ausrichtung seiner . Der Anspruch der Wahrheit und das Recht der Offenbarung würden folglich verdrängt. Der prägnante Unterschied in ihrer jeweiligen Einschätzung der Defizite Schleiermachers wird aber erst dann deutlich. 76).10. sondern nur noch historisch fasse und folglich „das Normative […]. Erdmann Sturm. hg.“ (11) Der Rekurs auf Offenbarung und Wahrheit ist also für Tillich stets ein Schritt.Glau- benslehre‘ als systematisch-dialektische Darstellung des christlichen Glaubens „unter dem Wahrheitsgesichtspunkt und insofern unhisto- risch“10 prozediere. als ruhten sie in sich.Glaubenslehre‘ als bloße Beschreibung der Sätze des frommen Selbstbewusstseins entfaltet wird.15 13:49 . Berlin/New York 2001. Aber das sei eine glückliche Inkonsequenz.. dass jedenfalls Tillich nicht die Erhebung von Wahrheitsansprüchen als solchen. verfehle sie den normativen Charakter der Dogmatik (vgl. EW XII. das Auf-uns-Zukommen.

Gütersloh 1989. wie sie sich beispielsweise bei Schlei- ermacher und Ritschl zeigt“. sondern ausschließlich als „Medium der Dogmatik“ (75) gelten. Tillich leitet. Falk Wagner. mit dem Tillich Schleiermacher betrachtet.13 Auch im Blick auf den Religionsbegriff bestätigt sich diese Linie der Schleiermacherrezeption. dieses könne weder als „Gegenstand noch [als] Norm“. sei „eine der bedauerlichsten Entwick- lungen der protestantischen Theologie der letzten 100 Jahre“12. weil er den negativen Sinn der paradoxalen Einheit von Of- fenbarung und Krisis verfehle und deshalb in eine Neoorthodoxie führe. Umzuwendende. aber nie ein Inhaber eines Besitzstandes“ (76). 201. 13 Vgl. dass er aber betont. 126 – 144. 19 ff. sondern er ist das ständig zu Erschütternde. „Tote Schlaken inneren Feuers“ 297 Formen wirksam wird (vgl. sich an die historisch gewachsenen Formen anschmiege und die Theologie auf eine partikulare Kirche beziehe. Barth dagegen. ST III. „ist jedenfalls nicht das. In dieser Hinsicht unterzieht Tillich Schleiermacher und Barth der- selben Kritik: Schleiermacher.“11 Noch im dritten Band der Systematischen Theologie hält Tillich fest.10. „was nicht in irgendeiner Form unserem gegenwärtigen aktuellen Be- wusstsein angehört“ (ebd. Was ist Theologie? Studien zu ihrem Begriff und Thema in der Neuzeit. Der existentielle Standort wird ein- genommen. „Das religiöse Bewusstsein“. die einem Positivismus der kirchlichen Formen einen erschütterungs- freien Raum verschaffe. insofern uns nichts gegeben sein kann.). die Beeinflussung durch die „positivistische[] Richtung […]. Dem religiösen Bewusstsein komme eine „außerordentliche Bedeutung“ zu. 12 Ebd. weil er Offenbarung nicht als Durchbruch des ganz Anderen denke. der „Status“ christlicher Er- fahrung.. ausgehend von Schleiermachers 11 Paul Tillich.15 13:49 . Aber die Art und Weise des Gegebenseins bestehe in Sachen religiöser Erfahrung gerade in der Erschtterung alles Gegebenen. indem „im Konkreten die Erschütterung des Konkreten“ erfahren und so zum „eigentliche[n] Geheimnis der Offenbarungslehre“ (47) wird.). in: Ders. Berlin/New York (1966) 41987. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Absolute Positivität – Das Grundthema der Theologie Paul Tillichs. Zusammengefasst kann man sagen: Normativität plus Negativität in Kontraposition zum Positivismus ist das Interpretations- muster. was uns unbedingt angeht. Im Blick auf beide gilt: „Positivismus in der Theologie ist Verzicht auf Universalität. Für sein Verhältnis zu Schleiermacher besagt dies. dass Tillich die Zentralstellung des religiösen (Selbst-)Bewusstseins für unverzichtbar hält und also ausdrücklich anerkennt.

insofern Religion von Denken und Wissen einerseits. das. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Die Stellung der Religion im Geistesleben (1920). indem er in mehreren Abstraktionsstufen ein „Unbedingtheitsbewusstsein über- haupt“14 aus Schleiermachers Beschreibung herausschält. hier: 319. von Praxis und Moral andererseits. ist seine Herrschaft. zu seinem eigenen Religionsbegriff hin. zu dem wir in einem Unbedingtheitsverhältnis stehen. o.298 Michael Moxter Definition der Frömmigkeit als eines .Gefühls der schlechthinnigen Abhängigkeit‘. Präfiguration des eigenen Theologieprogrammes. so bleibt übrig das . Das Residuum dieser Schritte der Abstraktion.. ist eine Steigerungsfigur: Gott ist das. in dem das Unbedingte in Differenz zu allen konkreten Inhalten begriffen wird. die Tillich zugleich als reli- gionsgeschichtliche Stufen der Präzisierung religiöser Erfahrung be- schreibt. Schon dessen Er- 14 Paul Tillich. in: Ders. was in der Rede von Abhängigkeit psychologistisch klingt oder zu einer Verwechslung mit Formen bedingter Abhängigkeit im Wechselverhältnis von teilweiser Freiheit und teilweiser Dependenz einladen könnte. 16 Ebd. setzt Tillich ein mit einem „Satz von Newton: Deitas est dominatio Dei. Religion und Kultur. so bleibt übrig die schlechthinnige Abhängigkeit Schleierma- chers. da sie auch sonst vorkommt. was Gott zu Gott macht. Insofern diese als schlechthinnige Abhängigkeit gedacht werden soll. freilich bleibe dabei offen. Tillich beginnt mit einer ersten – und wie er sagt – „üblichen Definition“ der Religion.absolut‘. Das wird in einem Manuskript der Vorlesung Religion und Kultur. Anm. Entfernen wir von diesem Gedanken das bildliche Moment. Die Stellung der Religion im Geistesleben aus dem Wintersemester 1920 besonders deutlich. Schleiermachers Religionsbegriff wird auf diese Weise zu einer Vorstufe bzw.O. Diese sei „Beziehung auf ein überweltliches göttliches Wesen“15. einem Verhältnis. Religion ist demnach Beziehung auf einen Gegenstand.15 13:49 . das an die letzten Wurzeln der Existenz geht.. kann alles beiseite gesetzt werden. vertieft sich das religiöse Verhältnis ins existentiell Bedeutsame. 10).10. In dem Maße.unbedingt‘ oder . Lassen wir die Abhängigkeit bei Seite. 309.schlechthinnig‘ oder . EW XII (s. 297 – 332. unterschieden ist. Um das zu klären.a. was immer noch unbe- dingter gedacht werden muss. 15 A. wie der Begriff eines solchen Wesens eigentlich gedacht sei. Tillich schließt an ihn an.“16 So kurz kann der Weg von Schleiermacher zu Tillich sein: Die Tilgung der bildlichen Anteile der Vorstellung von Herrschaft erlaubt eine Reduktion auf das wesentliche Begriffsmoment der Abhängigkeit.

Der frühe Tillich im Spiegel neuer Texte (1919 – 1920) (Tillich-Studien 20). ST I/II (s. 21 Martin Luther. Die theoretische Verortung Schleiermachers und die Art der Anknüpfung an ihn mögen erklären.. 333 – 384. o. Berlin/New York 1990. Über die Glaubenslehre. Mit ihm wird der Kontext einer genetischen Psychologie verlassen. EW XII (s. 20 Vgl. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. was sonst Gefühl heißt.. Münster u. a. „Tote Schlaken inneren Feuers“ 299 läuterung mittels des Gefühlsbegriffs wird indes kritisch gesehen.10. Dogmatik-Vorlesung (s. 2008. 20 ist es auffällig. um Schleiermachers Reli- gionsverständnis zu charakterisieren. hier: 560. Tillichs frühe Religionsphilo- sophie zwischen Neukantianismus und Phänomenologie. v. dass er sowohl den Intuitions. wie 17 Friedrich Schleiermacher. warum Tillich seine knappe Herleitung des Gegenstandes der Theologie nicht wie sonst mit dem Hinweis auf Luthers Definition Gottes als das. Dagegen ist der Begriff des unmittelbaren Selbstbe- wusstseins bzw. 2).als auch den Kritikbegriff nutzt. 8 f.10. Schleiermacher verfalle im Übrigen nicht dem „einfachen Psychologis- mus“. hier: 318. „worauf Du […] Dein Herz hängest“21 eröffnet. 1. 173 – 195. Anm.. Michael Moxter. Göttingen 101986. 53 Anm. Schleiermacher entwickle seine Beschrei- bung der Religion schließlich ja auch nicht empirisch. Religion – Kultur – Gesellschaft. Zur entschiedenen Abwehr des Psychologismusvorwurfes gegen Schlei- ermacher vgl. 309 – 335. der zwischen Neukantianismus und Phänomenologie.: Eine Kritik an Brunners Schleiermacherinterpretation schließt sich an: Brunner habe sich einen „Popanz“ zurechtgemacht. 18 Paul Tillich. zwi- schen Kritik und Intuition vermittelt. Denn die Einschlägigkeit der Schleierma- cherschen Definition liegt nicht in ihrem Gehalt. muss sie doch vor der Verwechslung mit dem. eines „unmittelbaren Existentialverhältnis[ses]“17 mit Tillichs Überlegungen produktiv vermittelbar. Zwei Sendschreiben an Lücke (1829).19 Da Tillich in dieser Vorlesung seine eigene Position als die eines kritischen Intuitionismus definiert. in: Ders. 545 – 738. sondern in der Art. Rat der EKD im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930. in: BSLK. Insofern dieser nicht empirisch- genetisch auf das Phänomen der Religion blicke. hg. v. in: Christian Danz/ Werner Schüßler (Hg. KGA I. 10). Anm. umständlich bewahrt werden. sondern folge der „kritische[n] Methode“. Religionsphilosophie (1920). hier: 387. 5).15 13:49 . o. Anm. o. 337 – 394. Tillich. Hans-Friedrich Traulsen. in: Ders. Kritischer Intuitionismus. in dem der Religionsbegriff nicht fundiert werden kann. Barths Abrücken von Brunners Interpretation wird in Tillichs Systematischer Theologie gelobt: Ders. orientiere er sich an echter Intuition. sondern bediene sich „einer wirklich intuitiven Analyse der religiösen Funktion“18. 19 Ebd. hg. Der Große Katechismus (1529).).

die das Feld der Gegenstände charakterisiert. Tillichs kurze Skizze der Dogmatik am Ende der Enzyklopdie-Vorlesung von 1920 statuiert im selben Sinne: „Wie bei Schleiermacher ist der Got- tesgedanke nicht Anfang. die der Dogmatiker philosophisch bejaht.).Dresdner Dogmatik‘. in: Ders. Indem Schleiermacher die schlechthinnige Abhängig- keit von der teilweisen Abhängigkeit. MW IV.300 Michael Moxter sie verwendet wird.Glaubenslehre‘ erklärt auch Tillichs . vgl.. o. Über die Religion.25 Ob Tillich den Paragraphen 22 Tillich. Dass das Unbedingte in kritischer Form gedacht werden muss und also nicht als Gegenstand neben anderen Gegenständen begriffen werden darf. die unverkennbare Affinitäten zu Tillichs Grundüberzeugungen hat. hier: 249. 18). Encyklopädie (s. Religionsphilosophie (s. dass auch im Blick auf Schleiermachers Kritik der traditionellen Gotteslehre weitere Kontinuitäten zwischen beiden Autoren zu erkennen sind. John Clayton. Zunächst aber ist festzuhalten. Anm. Seine Vergegenständlichung nimmt er aus den Weltbegriffen. hier: 71. v.. ebd. 247 – 254..“24 Die Nähe zum Schluss der zweiten Rede. verbindet er Religionsbegriff und Got- tesgedanken in einer Form. Berlin/New York 1992. weil man sonst Gott zu einem Objekt mit Eigenschaften mache und den korre- lativen Sinn des Offenbarungsbegriffs damit verfehle (vgl. in: Ders. ein weiteres Seiendes behandelt und nicht als das . Our Protestant Principles (1942). auch 437. Zweite Rede: Über das Wesen der Religion (1799). Friedrich Schleiermacher. dass sie „keine Lehre von Gott als Sonderkapitel“ (111) aufstellt. Ders. „Mit dem . 10). Gert Hummel. nämlich gestaltet durch das jeweilige Unbedingtheitserlebnis. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. hg. 25 Vgl.10. MW VI. Berlin/New York 1987. 389. 53 – 72. o. in: Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 23 Paul Tillich. die Gott als ein weiteres Objekt. v. was in der idealistischen Spekulation immer in der dogmatischen Form einer Beziehung auf das gegenständliche Absolute erschienen ist“22.Sein selbst‘ denkt. bringt am Ort der Gotteslehre jene Negativität zur Geltung. Anm.schlechthinnig‘ ist in der Tat zum ersten Male ausgesprochen in kritischer Form. hg. Davon wird gleich noch ausführlicher die Rede sein.15 13:49 . unterscheidet. in ihrer kritischen Form und also zur Abwehr einer Vorstellung von Gegenständlichkeit. 24 Tillich. die Tillich unter dem Titel protestantisches Prinzip gegen jeden „Absolu- tismus eines Konkreten“23 protestieren lässt. vgl. sondern Resultat. ist unverkennbar. Wie Schlei- ermachers . in der Schleiermacher die Aus- gestaltung der Gottesvorstellung als von der Richtung der Phantasie abhängig behauptet und das Weltverhältnis insofern als maßgeblich auch für das Gottesbild erklärt. 294. Kairos (1922).

. Jedoch darf eine systematische Zuspitzung versucht werden. über die Nachbar- schaft seiner Christologie zu der Schleiermachers gibt Tillich im zweiten Band der Systematischen Theologie 30 ausführlich Auskunft. 1. ohne zugleich zu versichern. 28 Paul Tillich. 29 Schleiermacher. (§ 219). Gott ist auch nicht ohne die Welt zu denken“26 entzieht sich meiner Kenntnis. 3). o. „Tote Schlaken inneren Feuers“ 301 219 der Dialektik von 1814/15 gekannt hat – also Schleiermachers Be- hauptung: „Beide Ideen[.] Welt und Gott[. nicht zu folgen gedenkt.] sind correlata. 206 – 247. in: Ders. v. 329 f. v. Anm. Kairos (s. Andreas Arndt. der religiöses Interesse und wissenschaftlichen Geist im höchsten Grade29 vereint. mit Schleiermachers Texten leicht in Übereinstimmung bringen. und um den Zusammenhang von Religion und Kultur sowie um eine angemessene Berücksichtigung des Symbolischen in der Theologie haben sich beide verdient gemacht. MW IV (s. in: Ders. 23) und seinen Aufsatz Die Überwindung des Religionsbegriffs in der Religionsphilosophie (1922). Berlin/New York 1984. 162. Es ließen sich zahlreiche weitere Übereinstimmungen aufführen: Tillichs Ideal einer Personalunion zwischen Kultur. 53 – 72. hg.und Kirchentheo- loge (ber die Idee einer Theologie der Kultur 28) hat ihr Vorbild in Schlei- ermachers „Idee eines Kirchenfürsten“. 5)..10/1.Weltanschauung‘ bezieht. Ausarbeitung zur Dialektik (1814/15 mit späteren Zusätzen). Nichts davon kann hier weiter ausgeführt werden. Kurze Darstellung (s. 27 Vgl. An den zentralen Themen des Dogmatik. Zu denken ist aber eines nicht ohne das andere.. 69 – 85. Über die Idee einer Theologie der Kultur (1919). in: Ders. dass er „Schleiermachers Methode. 23). hier: 147 f. (§ 9). Allerdings wird man wiederum festhalten müssen. 6). Anm. 26 Friedrich Schleiermacher. o. KGA II. o. Die Welt nicht ohne Gott […]. dass es sich um eine begrenzte Übereinstimmung handelt: Tillich knüpft nicht an Schleiermacher an. Identisch sind beide nicht […] 2.10. hier: 230. . Tillich. o. Anm. 73 – 90.und Religionsbegriffs sowie an der Behandlung des Gottesgedankens zeigt sich der maßgebliche Ders. Faktisch argumentiert Tillich jedoch mehrfach mit dieser Figur. dass die Vergegenständlichung Gottes ihre jeweiligen Gehalte aus der . o. Günter Meckenstock . Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Anm.2. 75 – 197 (§§ 215 – 229).15 13:49 . hg. Berlin/New York 2002. MW II (s. erst Aussagen über das fromme Bewusstsein und dann über Gott auf Grund dessen zu machen“ (112). KGA I. 30 Tillich.27 Es ließe sich jedenfalls die Über- zeugung Tillichs. ST I/II (s.. Anm. die Trinitätslehre begegnet bei beiden als Schlussstein der Dogmatik.

Frankfurt (Main) 1988. in allen Abgründen dennoch im Unbedingten gegründet. hatten die Erlebnisse.Erlebnis‘ gehabt hätte […] – worin konnte es bestanden haben?“32 Blumenbergs Antwort – nicht ohne Einschüchterung des Lesers vorgetragen – lautet: „Sollte ich etwas von Nietzsche begreifen. Paradoxerweise ist gerade der allgemeine Religionsbegriff Tillichs durch ein evangelisches Verständnis von Gesetz und Evangelium. 126 – 144. als) kritische(n) Wendung gegen alle Versuche des Bedingten.10. 69. führt näher an die Realität des Unbedingten heran als die ungebrochene und darum unkritische Bindung an das Gegebene. o. Religion ist existentiell bedeutsam. die in seiner Philosophie aufgegangen sind. Dass dieser maßgebliche Gesichtspunkt Tillichs in Schleiermachers fünfter Rede vorgebildet ist. unter dem Tillich Schleiermacher interpretiert. 32 Hans Blumenberg. Matthäuspassion. Absolute Positivität (s.302 Michael Moxter Gesichtspunkt. Dieser resultiert aus einer eigentümlichen Spannung zwischen Positivität und Negation. 13). 2. wie Falk Wagner gezeigt hat. Aus der in den Lebenserinnerungen Louis Kelterborns festgehaltenen historischen Gewissheit. weil sie den Umschlagspunkt darstellt. dieses zu usurpieren.15 13:49 . an dem die unmit- telbare Affirmation scheitert und in der Krise die Präsenz des Unbe- dingten das Leben gleichwohl bewahrt. Wagner. Tillich als Leser Schleiermachers gedacht Die Überschrift dieses Abschnittes lehnt sich an Blumenbergs Matth- uspassion an. Anm. soll im zweiten Teil meines Vortrages gezeigt werden. dass Nietzsche im Basler Münster Bachs Matthäuspassion hörte. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die Erschütterung der an sie geknüpften Erwartungen ist Erfahrung des letzten Ernstes und der Abgründigkeit der menschlichen Existenz. Zu- gleich aber macht sich der Glaube. über- wiegend – wenn nicht ausschließlich – die Konstitution von . Der auf diese Weise vertiefte Sinn für Realität erlaubt es dem Glauben daher auch. von Gericht und Gnade strukturiert.31 Gegeben ist das Unbedingte immer nur in der (bzw. die im Zerbrechen der bedingten Formen erfahren wird. als die Eigenart der Religion geltend. trotz der Hinfälligkeit aller konkreten Formen dennoch gestaltend tätig zu werden.Ärgernis- 31 Vgl. entwickelt Blumenberg die historisch überschwängliche und darum hypothetische Frage: Wenn Nietzsche dabei „ein . Die Negation aller bedingten Formen. Die Enttäuschung.

„Tote Schlaken inneren Feuers“ 303 sen‘“33. und wenn Tillich deutlich zu machen sucht. sondern um einen Impuls. fürs Normative keinen Sinn zu haben. EW X.“35 Brunners Schleiermacherkritik Die Mystik und das Wort 36 war 1924 erschienen.Erlebnisse‘ des Lesers. das der Herausgeber auf 1923 oder 1924 datiert. Freilich beruhen sie auf zwei verlässlichen Beobachtungen. 36 Vgl. der in Tillichs Theologie offensichtlich präsent ist – nur dass wir von Tillich nicht hören. dass in ihm eine Ausrichtung an der Bedeutung der fünften Rede fehlt. 35 Paul Tillich.10. Emil Brunner. Insofern bleibt es bei Hypothesen. 385. Erster Teil. dass dieser aus seiner Schleiermacher-Lektüre stammt. Religion. um eine knappe Paraphrase der . Daran kann schon deshalb kein Zweifel sein. 35). wird daher unter der Überschrift erörtert: „Nietzsche als Hörer der Matthäuspassion ge- dacht“34.15 13:49 . In ihr fällt die Konzentration auf die Diskussion mystischer Elemente auf: „Die mystische Haltung hat über die reformatorische gesiegt. Um welche es sich genau handeln könnte. weil sich in seinem Nachlass ein von Erdmann Sturm 1999 publiziertes Manuskript mit dem Titel Schleiermacher und die Erfassung des Gçttlichen im Gefhl findet. Religion. Die Mystik und das Wort. Reden an die Gebildeten unter ihren Verchtern gründlich gelesen. hg. Berlin/New York 1999. 34 A. 385. um „Mystik der Kultur“37 handelt. Kultur. Es handelt sich.a. die sich vor dem Hintergrund der fünften Rede Schleiermachers ergibt. Der Gegensatz zwischen mo- derner Religionsauffassung und christlichem Glauben dargestellt an der Theo- logie Schleiermachers. 37 Tillich. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Erdmann Sturm. Tübingen (1924) 21928. in: Ders. bewege ich mich auf ähnlich ungesichertem Boden..Reden‘. Wenn die Fragestellung dieser Sektion im Folgenden in der Form einer Vermutung über Tillichs Theologie aufgenommen werden soll. Unveröffentlichte Texte aus der deutschen Zeit (1908 – 1933). 68.. Zwar geht es mir nicht um hypothetische . dass es sich nicht um asketische.Glau- benslehre‘. Gesellschaft. v. so spricht das für eine Datierung des Textes auf 1924. neben einer Einleitung zur geistesgeschichtlichen Einordnung Schleiermachers. Ansonsten schließt der Text mit einer Darstellung des uns nun bekannten Vorwurfs gegenüber der .O. Die Reaktion auf Brunner dürfte eindeutig sein. Man kann die Kürze des Textes nicht als Entschuldigung dafür anführen. sondern um ästhetische Mystik. Tillich hat Schleiermachers ber die Religion. Kultur. an die sich dann eine nur wenige Seiten ausfüllende Auslegung anschließt. Vielmehr muss 33 Ebd. Gesellschaft (s. Anm. o.

381 – 472. Und dies mit großem Recht. 1.40 Da die oben in Erinnerung gerufene Deutung des protestantischen Prinzips als eines permanenten Protestes gegen die konkreten und darum stets bedingten Formen zu den wichtigsten Bau- steinen von Tillichs Theologie gehört. die sich aufgrund ihrer Eigenart nicht in Orthodoxie abschließen kann. Schleiermacher.“39 Aber indem Tillich Schleiermachers Pointe in diesem Sinne va- riiert. hg. sondern aus- drücklich auf Schleiermacher zurückgeführt wird. sondern im Wer- 38 Vgl. Günter Meckenstock. dass dieses Prinzip nicht nur mit Schleiermachers Gedanken übereinstimmt. dass Tillich be- sonders häufig Schleiermachers aus anderen Kontexten stammende These „Die Reformation geht noch fort“38 zitiert. ö. Tillich. o. Es ist nämlich erkennbar.Glaubenslehre‘ nicht auf einzelne Zitate der Bekenntnisschriften als einer abgeschlossenen Lehre aus der Gründerzeit evangelischer Kir- chen. ST III (s. 11). Luther in Bezug auf die neue preußische Agende (1827). o. KGA I. v.10.15 13:49 .. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. den frühen Marx vom orthodoxen Marxismus dadurch abzuheben. wie zentral dieser Satz aus Schleiermachers anonym veröffentlichter kirchenpolitischer Einrede Gesprch zweier selbst berlegender evangelischer Christen ber die Schrift 41 für dessen gesamte Reformationsdeutung war. 5). Schleiermacher bezieht sich in Anwendung dieser Grundsätze in seiner . Anm. sondern sieht in der Reformation den Anfang. Er betont bekanntlich. Anm. 106 Anm.9. hat doch Martin Ohst gezeigt. Gespräch zweier selbst überlegender evangelischer Christen (s.304 Michael Moxter man sich mit dem – im Übrigen ja nicht überraschenden – Faktum einer gründlichen Textkenntnis Tillichs begnügen und alles Weitere der Ver- mutung überlassen. dass Marx seinerseits hätte sagen können: „Die Revolution geht noch fort. lobt er sie zugleich ausdrücklich als „die einzige konsequente protestantische Haltung“. ST I/II (s. „dass der Lehrbegriff unserer Kirche überall nicht etwas durchaus Feststehendes ist. in: Ders. 41 Vgl. ist festzuhalten. 216 u. 39 Tillich. hier: 471. 38). Dieselbe Hochschätzung des Satzes begegnet im dritten Band: vgl. Der zweite verlässliche Sachverhalt vermag das Begründungsdefizit jedoch etwas auszugleichen. Ein Beispiel findet sich im ersten Band der Systematischen Theologie in einer Anmerkung. das epochale Prinzip einer Lehrbildung. Gespräch zweier selbst überlegender evangeli- scher Christen über die Schrift. o. Anm. 40 Ebd. Friedrich Schleiermacher. die darauf zielt. Berlin/New York 2000.

Letztere ist für Schleiermacher eine „Vielheit“. Der christliche Glaube (s. Zusatz). Anm. Fünfte Rede: Über die Religionen.ausarten‘ können. nur in Form der positiven Religionen. dass es mit dem Geist der evangelischen Kirche besser zusam- menstimmt als der Buchstabe der Bekenntnisschriften: so wird dieser antiquiert. Denn dann „werdet Ihr finden. Es gibt Religion. die sie machen.). also in „bestimmten Gestalten“. sondern die Religionen an ihrer „Quelle“ zu untersuchen.2). liegt oft genug an dieser Erstarrung.und Protestantismusdeutung (BHTh 77). 170 (§ 25. indem sie ebenso häufig „in eine gedankenlose Folge leerer Gebräuche“ wie „in ein System abstrakter Begriffe und Theorien“ (298) umschlagen. hierzu auch Martin Ohst. o. an der Art und Weise. wie sie in den ersten drei Reden beschrieben wird.immer‘ meint) die Verhärtung dessen einher. 74 f. hg. Insofern setzt sich Schleiermachers . daß in Allen Religion enthalten ist“ (ebd. Tübingen 1989. Anm. ob er . und wie hängen beide mit der fünften Rede Schleiermachers zusammen? Deren Thema ist bekanntlich die Pluralität der Religionen. fließen und erstarren auf das voraus. Berlin/New York 2003. 293 – 326. an ihre „sehr markirte Physiognomie“ (297) erinnern. Die Metaphorik Schleiermachers verweist mit dem angedeuteten doppelten Gegensatz von lebendig und tot bzw.10.manchmal‘ oder .und Bestimmtheit ist nun allerdings. und jenes wird orthodox. Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich bis zum Ende des Abschnitts 2 auf diesen Text. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. v.“43 Inwiefern verweisen nun diese Deutung reformatorischer Lehrbil- dung und Tillichs Verständnis des Protestantismus aufeinander. Mit der Konkretion geht (Schleiermacher verrät nicht. Eine Unter- suchung zu seiner Reformations. die bei jeder Bewegung. was als lebendig fließende Bewegung begann. KGA I. vgl. Der christliche Glaube (21830/31). Dass Religion ihren Kritikern verachtenswert er- scheint. Rolf Schäfer. Schleiermacher und die Bekenntnisschriften. 42). das Urteil nicht vom Blick auf ihre erstarrten Formen bestimmen zu lassen. Über die Religion (s. Der Preis für deren Konkret. „Tote Schlaken inneren Feuers“ 305 den“42 bleibt: „Wenn […] Heterodoxes sich dafür geltend zu machen weiß. 44 Schleiermacher. daß alle die todten Schlaken einst glühende Ergießungen des inneren Feuers waren. in: Ders.. was Simmel in der Differenz von subjektiver und objektiver Religion als 42 Friedrich Schleiermacher.15 13:49 .Apologie‘ der Religion in der fünften Rede in der Aufforderung fort. o. hier: 294 f. dass sie jederzeit – wie Schleiermacher sich ausdrückt – . 25). die „in ihrer Absonderung unzer- trennlich verbunden“44 ist und darum die Unterscheidung zwischen Religion und Religionen erforderlich macht. in der Religion objektiviert wird. 172 (§ 25. 43 Schleiermacher.13/1.

In der Radikalität der Selbstkritik begründe sich die Dynamik seiner Veränderungen und also seine Geschichtlichkeit. Frankfurt (Main) 1975.Reden‘ kehrt in Schleiermachers Verständnis protestantischer Lehre wieder und motiviert das in der . die Castoriadis45 auf die Formel vom Magma kultu- reller Bedeutungsbildung stoßen lässt. zwischen innerem Leben und äußerer Form. In ihren Formen aber verflüchtigt sich ihr Anfangsimpuls.306 Michael Moxter unabwendbare Tragödie kultureller Formen beschreibt. „auch das Liebste und Theuerste nicht“ (319). Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. rein Subjektives und Kommunikationsresistentes. Institutionelle Ordnungen. Denn die Beweglichkeit und Veränderbarkeit des Lehrbegriffs resultiert aus dem selbstkritischen Sinn des zwar nicht reformatorischen. und unter ihnen auch die der Religionskultur.10. bilden sich durch permanente Bedeutungsverschiebungen heraus. Darum kommt es auf erneute Ver- lebendigung an. sondern vor allem in der Polemik nach innen: Das „immerwährende[] Polemisiren gegen Alles Wirkliche in der Religion“ begreife es nämlich als eine Aufgabe. Mit dem Ge- gensatz von glhender Ergießung und fester Schlacke wird dagegen eine Bildwelt eröffnet. aber die Refor- mation fortschreibenden Wahlspruchs ecclesia semper reformanda.15 13:49 . Im Blick ist insofern eine Dialektik zwischen Beweglichkeit und Verfestigung. Dass sich Ersteres in Letztere übersetzt. 559 ff. Diese Auffassung der . dass sie mit einem Faktum anfangen. Im Christentum sieht er den allgemeinen Charakter der Religion in besonderer Weise gesteigert und zwar nicht nur in dessen Polemik nach außen. dass sie sich „durch und durch polemisch“ (318. Cornelius Castoriadis. aber bereits feste Formen ausbilden und sozusagen ihre beiden Tendenzen – die zur festen Ordnungsform und die zu ständiger Veränderung – müssen vereinbaren können. ö. die aus der Bewegung des Lavaaus- bruchs stammen. Ohne Verendlichung in einer gegebenen Form bliebe Religion etwas bloß Innerliches. Es entspricht der Eigenart positiver Religionen. Entwurf einer politischen Philosophie. u.Glaubenslehre‘ vorausgesetzte Verhältnis von Orthodoxie und Heterodoxie. ist ebenso unverzichtbar wie zugleich problematisch. vgl. Gesellschaft als imaginäre Institution. Insofern führt Schlei- ermacher den Protest gegen die äußeren Formen der Religion auf Re- ligion selbst zurück. 310) gegen dieses kehren. 45 Vgl. „der nie völlig Genüge geleistet werden kann“ (318) und die nichts schone. und ihrem religiösen Gehalt. und diese ist in der Gegenläufigkeit zwischen endlicher Form und unendlichem Feuer unter den Bedingungen der Gegenwart nur in der kritischen Wendung der Religion gegen sich selbst zu haben.

in denen er sich selbst darstellt. an dem diese generelle Auffassung der Kultur zum ersten Mal er- kennbar wird. Anm. sondern zugleich zu neuen Formen drängt.10. Dies vollzieht sich prägnant im Expressionismus und wird zum zentralen Motiv der religionstheoretischen Deutung der Kultur. dem das Zitat im Titel meines Vortrags angehört. dass die Reformation weitergeht – und dies in der Form.Gestalt‘.Gehalt‘ und . „Tote Schlaken inneren Feuers“ 307 Bemerkenswerterweise gebraucht Schleiermacher in dem Zusam- menhang. neben den expliziten Kommentaren und Stellungnahmen Tillichs zu Schleierma- cher auch nach untergründigen Sachzusammenhängen zu fragen. ist es doch die Schleiermacher und Tillich verbindende Überzeu- gung. die drei Begriffe .Form‘. die für Tillichs Kulturtheologie bekanntlich zentral sind.Gestalten‘. und darum die dynamische Beziehung zwischen Gestalt.15 13:49 . indem die Religion eine Form annimmt. Die Destabilisierung einer sich aufs Endliche fixierenden Bürgerlichkeit. die ihren „wahren Gehalt“ (298) zugleich verdeckt. wie stark Tillichs Kulturtheologie mit einer protestantischen Selbstdeutung verbunden ist. Kritik und neuer Gestalt charakterisieren die Eigenart des Protestantismus. Religionen sind für Schleiermacher . 285. Tillichs Expressionismusverständnis ist der systematische Ort. wenn man sie auf die Formel bringt. o. die sich in die Idealität und Autonomie der reinen Form flüchten will. die Substanz der Kultur sei Religion und deren Form von der jeweiligen Kultur geprägt. Ein solcher Sachzusammenhang wird in der Protestantismustheorie erkenn- bar. laut Kongressregie denken sollen).46 Unverzichtbar ist vielmehr Aufmerksamkeit für die Art und Weise. Tillich. aber auch die 46 Vgl. 11). der aber nicht formzersetzend bleibt. in der Tillich die kulturellen Prozesse konkret beschreibt: nämlich als permanente Dynamik zwischen Formsetzung und Form- durchbrechung. ST III (s. erfolgt als Durchbruch eines unbedingten Gehalts. Diese ist unzureichend verstanden. Vor dem Hintergrund der fünften Rede Schleiermachers wird er- kennbar. dann lohnt es sich. . sondern auch gegen das evangelische Kirchentum und gegen die faktischen Religi- onsvollzüge der Subjekte richtet. Die kritische Wendung des evangelischen Glaubens gegen die bedingten Formen. Tillich entwickelt aus diesem Protes- tantismusverständnis ein konstitutives Element seiner Kulturtheologie. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass sich ihr kritischer Impuls gegen die im äußeren Werk erstarrende Frömmig- keit nicht länger nur gegen das mittelalterliche Bußwesen. die sich bilden. Wenn wir uns also Tillich als Leser Schleiermachers denken wollen (bzw.

Religion sei die Substanz der Kultur. solange dieses Programm nachvollziehbare Deutungen pro- duziert. die sich dem Sinn fürs – mit Waldenfels gesprochen – Außerordentliche und Unbedingte selbst ver- Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:49 . die im Kern zuerst bei Schleiermacher begegnet. Ob man der Be- hauptung. die Präsenz der Person Jesu Christi vermittelt sich mit der negativen Wendung gegen die endlichen Formen von Brot und Wein. wenn man sie allein unter dem Leitgedanken zu erfassen suchte.10. Und schließlich macht sie sich in der Symbollehre Tillichs bemerkbar. Sie zeigt sich bei Tillich aber auch im Verhältnis seiner Inkarnationschristologie zum zentralen Motiv der Selbstaufgabe Jesu an den Christus. dass die Voraussetzungen und Grundüberzeugungen Tillichs es erlauben. Als Abbreviatur für ein Programm bzw. An der Kultur zeigt sich das in den negativen Energien der Durchbrechung geordneter Formen. Kultur . Man kann dann zumindest sagen. wenn man sie aus der evangelischen Perspektive analysiert. wird wohl umstritten bleiben. dass es in der Kultur um unbedingten Sinn geht – man muss vielmehr gleichur- sprünglich festhalten. dass sich die Richtung aufs Unbedingte wesentlich in derjenigen Bewegung zeigt.308 Michael Moxter Dynamik der Kultur. in der die Teilhabe des Symbols an der Wirklichkeit des Repräsentierten die Selbstnegation des Symbols steigert. wie stark das Programm (wir können auch sagen: die Idee einer Theologie der Kultur) von einer Einsicht in die protestantische Gestalt der Religion geprägt ist. In solch schwächerer Lesart genommen. von Rechtfertigung und Gericht stellt. also im Verhältnis von Neuem Sein und Tod Jesu. Allerdings kommt es darauf an wahrzunehmen.substantiell‘ zu be- schreiben. behält Tillichs Kul- turtheologie ihre Deutungskraft auch diesseits der Frage nach der Be- lastbarkeit ihrer metaphysischen Ansprüche. welche mit den Zähnen zerbissen und vom Magen verdaut werden müssen und genau in diesem Gebrauch und Verbrauch die Wirklichkeit Gottes repräsentieren. dass und inwiefern Tillichs kulturtheologische Interpretationen sich in seiner Doppelformel von Substanz und Form zusammenfassen lassen. Tillichs Kulturtheologie wäre deshalb einseitig beschrieben. die jede konkrete und also bedingte Form unter die Dialektik von Bejahung und Verneinung. Auf allen diesen Ebenen ist Religion immer beides – und zwar das eine im anderen: Sinn fürs Unbedingte und beständige Polemik gegen die Tendenz seiner Verendlichung in bedingten Formen. Tillich denkt diese Einheit bekanntlich sakramentstheologisch als Zusammensein von priesterlicher Gestalt und prophetischer Kritik: Der Glaube an die Gegenwart des Heiligen bzw. einen vernünftigen Sinn geben kann. Man versteht aber durchaus. als dessen Prägnanzformel bleibt sie nützlich.

Tillichs Kulturtheologie scheint mir jedenfalls gleichur- sprünglich am Sinnbegriff wie an der rechtfertigungstheologischen Einheit von Gericht und Gnade orientiert zu sein. „Tote Schlaken inneren Feuers“ 309 danken. sondern zugleich als Lust an der Präsenz der Gnade verstehen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.10.15 13:49 . die sich in der Durchbrechung kräftig erweist. Insofern darf man die Arbeit der Kultur nicht nur als Mühsal endlicher Freiheit. sondern im Gegenteil der erste Ausdruck einer neuen Gestalt. Die Prozesse der Formendestabilisierung sind dann weder Ne- gation um der Negation willen noch Ausdruck der Eitelkeit eines Sub- jekts. Dies zeigt sich. das sich über die Endlichkeit hinwegsetzt. wenn man sie im Horizont des Protestantismusverständnisses Schleiermachers begreift.

Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.15 13:49 .10.

die sich mit seinem Denken kritisch auseinandergesetzt haben. sondern eher philosophische und theologische Kollegen. An Afterword by Paul Tillich. Der philosophische Gottes- gedanke im Frühwerk Paul Tillichs (1910 – 1933). Heywood Thomas. von der man es am wenigsten erwartet hätte. Reihe Philosophie. mit denen er fachliche Kontakte pflegte. 1).2 Ob das der entscheidende Grund ist. die auch alle Beiträge zu dem folgenden Band beige- steuert haben: Thomas A.). S. so sind wohl weniger Menschen gemeint.Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen‘.10. oder Erich Przywara. in: Werner Schüßler. steht außer Frage. Tillich] öfters betont: .“1 Dabei macht sie vornehmlich „den Mangel an philosophischer Bildung im Werdegang des evangelischen Theologen für das eingeschränkte Verständnis der Til- lichschen Theologie verantwortlich“. 03. a. Foreword by J.15 13:49 .. Aufl. Dulles. „daß Tillich in Amerika und Deutschland von einer Seite beachtet und wahrge- nommen wurde. Und in diesem Zusammenhang schreibt sie: „Im Gespräch hat er [sc. aber es ist sicherlich auch an solche zu denken. Bd.3 Aber ohne Zweifel spielen hier auch noch andere Aspekte eine wichtige Rolle. 3 Vgl. die Herausgeberin der Gesammelten Werke Paul Tillichs. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.J. dazu den Brief Emil Brunners an Tillich vom 14. Avery R. hier: VII. 342 f. VII-VIII. Geleitwort.J. George McLean. XXII). nämlich vom Katholizismus“. (1. 1958 (EW V. Zu nennen wären hier u.. Männer wie Gustave Weigel.I. S. VII. New York 1964) Chicago 1969.. ablehnende Haltung ihm gegenüber innerhalb der protestantischen Theologie des 20. Paul Tillich in Catholic Thought. Darstellung und Interpretation seiner Gedanken und Quellen (Epistemata. Dass Tillichs Hochschätzung der Philosophie sicherlich mit eine Rolle spielt für die z. 1 Renate Albrecht.. Anm. O’Meara/Celestin D. Weisser (Hg.J. S.“ Wie „katholisch“ ist Paul Tillich? Werner Schüßler Renate Albrecht. o. Würzburg 1986. sei einmal dahingestellt. hat schon früh auf das merkwürdige Phänomen hingewiesen. Würzburger wissenschaftliche Schriften. – Wenn Tillich hier von seinen „katholischen Freunden“ spricht.„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen. Geleitwort (s. Jahrhun- derts. mit denen ihn eine tiefe persönliche Freundschaft verband.). T. 2 Albrecht.M. O.

ist gut in dem Sammelband Paul Tillich in Catholic Thought von 1964 dokumentiert. o. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 540).5 In Bezug auf diese Punkte unterscheidet sich Tillich nicht unwesentlich von der Dialekti- schen Theologie.15 13:49 . 1). ich werde im Folgenden also nicht auf spezifisch theolo- gische Probleme eingehen. 195 – 208. 5 Vgl. wie sie sich aus dem Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus ergeben. zweitens anhand seiner Wertschätzung des philosophischen Eros-Begriffs – neben derjenigen des neutestamentli- chen Begriffs der Agape – und drittens anhand seines Begriffs der „ka- tholischen Substanz“. 4). Der Religionsbegriff im Werk Paul Tillichs (athenäum monografien: Theologie. Das heißt. Jenseits von Religion und Nicht-Religion.O. Ders. Anm. Darmstadt 2007. München 1997. a. die die protestantische Theologie im 20. 111. das sich in einer modernen Reformulierung wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk hindurchzieht. vgl.312 Werner Schüßler In meiner Tillich-Einführung in der Beck’schen Reihe „Denker“ habe ich darauf hingewiesen.4 Andererseits ist er es aber auch wiederum nicht. Paul Tillich (Beck’sche Reihe Denker.. auch nicht auf Tillichs Einfluss auf das katholische Denken. Werner Schüßler. Bd.6 Aber gerade diese Punkte sind es auch.a.10. neben dem Begriff des „protestantischen Prinzips“ ein entscheidender Aspekt seines ganzen Denkens. Frankfurt (Main) 1989. dass Tillich zwar einerseits ein typisch protestantischer Denker ist. Paul Tillich: Leben – Werk – Wirkung. Der philosophische Gottesgedanke (s. 35 – 44. 6 Vgl. o. Anm. 1). Schüßler. die eine gewisse Nähe zu katholischem Denken aufweisen. Bd. natürlichen Theologie. Jahrhundert bekanntlich wie keine andere theologische Richtung geprägt hat. 229 – 231. und damit verbunden seine Stellung zur sog. die Entdeckung der Bedeutung von Tillichs Denken für die katholische Theologie. Die erste Phase der ka- tholischen Tillich-Rezeption.7 die zweite Phase. Und in diesem Zusammenhang habe ich auf drei As- pekte aufmerksam gemacht: seine Offenheit gegenüber der Philosophie. die einer eher kritischen Auseinanderset- zung und Abgrenzung. man denke nur an das Rechtfertigungs- prinzip. dazu Werner Schüßler/Erdmann Sturm. Paul Tillich in Catholic Thought (s. 247 – 251.). wie er sich – spätestens seit dem Zweiten Vaticanum – immer deutlicher zeigt. macht der 4 Vgl. Im Folgenden möchte ich das an drei exemplarischen Themenfeldern näher zu verdeutlichen suchen: erstens anhand von Tillichs Anknüpfen an den Begriff der analogia entis. der Kultur und den nicht-christlichen Religionen. 7 O’Meara/Weisser (Hg..

dass Tillich in seiner Autobiographie Auf der Grenze davon spricht. Längere Ausführungen hierzu begegnen nur im dritten Kapitel des dritten Teils der Schrift Die religiçse Lage der Gegenwart von 1926 unter der Überschrift „a) Der Katholizismus“ (GW X..). Protestant Response by Langdon Gilkey. 75 – 78) sowie in der Vorlesung A History of Christian Thought von 1953 in Kap. 5) 10 Diesbzgl. 335. Foreword by Monika Hellwig. o. Introduction.13 Doch wurde ihm diese Wahl erspart.” (A. Paul Tillich. der die Überschrift trägt: „Auf der Grenze von 8 Raymond F.10 Diese ist – wie auch umgekehrt so manche Protestantismus-Deutung von Seiten katholischer Theologen – nicht frei von Missverständnissen und Polemik. wenn auch nicht die tiefste Schicht […] [seines] Geistes“ drang. 1 – 7: “Tillich is no longer an outsider within the Catholic house. indeed welcome. wenn er hier meint. Parrella (Hg.15 13:49 . 14 GW XII. friend and colleague.. ST III. „Bekennenden Kirche“ politischer Widerstand entgegengebracht wurde.“ 313 30 Jahre später erschienene Sammelband Paul Tillich: A New Catholic Assessment 8 deutlich. dem erst mit Aufkommen der sog. Ein typisches Beispiel hierfür sind Tillichs Ausführungen zur „Jungfrau Maria“ in der Systematischen Theologie.12 Das war 1933. finden sich in Tillichs Werk meist nur wenige verstreute Bemerkungen. Paul Tillich (s. 27. in: Dies. His role and place in Catholic theology has evolved since the sixties from friendly stranger to not-so-strange. dazu Schüßler/Sturm. V unter der Überschrift „Die Entwicklung des römi- schen Katholizismus vom Tridentinum bis zur Gegenwart“ (EW I. vgl. Parrella. die dem Nationalsozia- lismus huldigten. 222 – 237). 7). Diese Ausführungen finden sich in der genannten Autobiographie im sechsten Abschnitt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 13 Tillich spielt hier auf die sog. dass diese im Katholizismus fast auf der Ebene der Trinität angesiedelt sei. 12 GW XII. Bulman/Frederick J.11 Es sei an dieser Stelle auch nicht unerwähnt gelassen. Raymond F. Anm. „da die deutsche evangelische Kirche sich auf ihr christliches Prinzip besann“.9 Es geht mir auch nicht um Tillichs Katholizismus-Deutung. o. A New Catholic Assessment. 27. Paul Tillich (s. Bulman/Frederick J. 251 f. Anm. Collegeville/Minnesota 1994.„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen. 8).O. 9 Vgl.a.10. 11 Vgl.14 Diese Überlegungen zu einer mçglichen Konversion hatten ihren Grund also mehr in den äußeren Umständen als in einer inneren Überzeugung. „Deutschen Christen“ an. dass sogar einmal in seinem Leben „der Gedanke an einen möglichen Übertritt zum Ka- tholizismus in eine tiefere. als noch „vor der Erhebung des deutschen Protestantismus die Alternative zu bestehen schien: entweder […] römische Kirche oder nationales Heidentum in protestantischem Gewande“.

.15 13:49 . hg. dass er den rçmischen Katholizismus als „ausgeprägtestes System religiöser Heteronomie“ versteht. dazu Hans-Joachim Birkner. nämlich die Bedeutung der bil- denden Kunst im Denken Paul Tillichs. New York 1987. übers. wenn sie nicht tatsächlich. Jane Dillenberger. 16 GW XII. v. der zugleich protestantisch und autonom sei. hg. Drei Vorlesungen (1952).. John u. nicht innerlich Autorität ist“. 1). der auch ohne Zweifel eine große Nähe zu katholischem Denken aufweist. Bd. u. was Schleiermacher in seiner Vorlesung über „Christliche Sittenlehre“ aus dem Wintersemester 1822/23 sagt: „Noch ist niemand imstande gewesen. Aus dem Engl. in: Ders. Nun. 131. 15 GW XII. Paul Tillich. „der Behauptung einer prinzipi- ellen Autorität. Beihefte. Tillich ist sich dessen auch sehr wohl bewusst. v. vgl. und mit einem Nachwort über die Bedeutung der Kunst für das Denken Paul Tillichs v.Wort‘ ge- bunden. Paul Tillich. 576. 16). Abt. wie Sie vielleicht schon bemerkt haben. hg. Münster 2004. a. bedenkt man nur. Schleiermacher-Studien.Wort‘. 17 Friedrich Schleiermacher. wo es heißt: „Den bildenden Künsten mangelt das . v. 27.“15 In diesem Zusammenhang sagt Tillich u. 18 Vgl. Berlin 1843. sondern dieser nur dessen „heteronomem Charakter“ gelte. 26 – 30. aber er betont hier auch ausdrücklich. Deutung und Kritik des Katholizismus bei Schleiermacher und Hegel [1966]..10. Berlin 1996. h. a. Die Religion hat ein sehr fragwürdiges Verhältnis zu den bildenden Künsten gehabt. d. hg. Werner Schüßler (Tillich-Studien. Ludwig Jonas. 572. Aus Schleiermacher’s hand- schriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen (SW I/12). Kunst und Gesellschaft.“17 Auf einen Aspekt sei an dieser Stelle auch noch kurz hingewiesen. die auch dann maßgebend ist. dass sich sein diesbezüglicher Protest.16 Ob sich in diesem Punkt der entscheidende Unterschied zwischen Protestantismus und Katholizismus dokumentiert. Bd. was besonders auf das Christentum und mehr noch auf den Protestantismus zutrifft. Eingel. und die Religionen sind an das . 126 – 136. v. v. den ich aber nicht weiter vertiefen möchte. Die christliche Sitte nach den Grundsätzen der evan- gelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. den Gegensatz des Katholischen und des Evangelischen in einer bestimmten Formel auszudrücken.. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. „nicht auf die dogmatischen Gehalte oder die kultischen Formen des katholischen Systems“ beziehe. hg. meine eigene persönliche Vorliebe gilt den bildenden Künsten. Werner Schüßler/Erdmann Sturm.314 Werner Schüßler Heteronomie und Autonomie. was aus seiner Antwort auf die Frage eines Studenten deutlich hervorgeht.18 ein Aspekt. ist eine schwierige Frage. Hermann Fischer (Schleiermacher-Ar- chiv. hg. On Art and Architecture. Hermann Fischer u.

117 – 131. o. VIII f. ö. zit. wo man mich nicht als einen echten Protestanten betrachtet. Analogia fidei. wohingegen er „alle anderen Gründe. Werner Schüßler/Erdmann Sturm. kann ich im Rahmen dieses Beitrages nur andeuten. 21 Karl Barth.. dass sich diese Stoßrichtung gegen die Metaphysik ins- gesamt wendet. Tillich in dialogue.10..“ (Übers. Mackenzie Brown (Hg. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Das Vorherrschen des . 24 Bekanntlich identifiziert Tillich Gott mit dem Sein-Selbst (vgl.a. 214 (Contemporary Protestant Architecture. Vgl. für kurzsichtig und unernsthaft“ ge- halten hat. Ottilien 1988. Wie läßt sich über Gott sprechen? Von der negativen Theologie Plotins bis zum religiösen Sprachspiel Wittgensteins. Werner Schüßler. 135 Anm. Chiffer oder Symbol? Die Stellung von Karl Jaspers und Paul Tillich zur Frage nach der „analogia entis“. 18). B. 22 Klaus Kremer. in: Werner Schüßler (Hg. I/1. Der Metaphysikbegriff in den Aristoteles-Kommentaren der Ammonius-Schule.“ Studien zur Theologie und Philosophie Paul Tillichs (Tillich-Studien.). GW IX. 20 Vgl. aber keine bedeutende Architektur. 23 Vgl. On Art and Architecture (s. St. Ultimate concern. San Francisco 1965.O. Anm. 4 (Übers. Analogia entis und „natürliche Theologie“ 1. 194 u. „daß man ihretwillen nicht katholisch werden kann“. auch a.). 316. Eine Untersuchung zum Ort der analogia entis im Denken Paul Tillichs. die man haben kann. dazu Schüßler. Die Tiefe des Seins. Anm. Zürich 51947. hg. 287 – 308. Die Kirchliche Dogmatik.. Chiffer oder Symbol (s. dazu Dirk-Martin Grube. Dass Barth das Wesen der Analogie verkannt hat. o.Ohres‘ gegenüber dem .24 19 D. 133. 1). 303 f.Auge‘ hatte im protestantischen Denken zur Folge. sondern fast als einen Katholiken.“ 315 Aber das ist einer der Punkte.„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen. die Kirchenarchitektur eingeschlossen. Berlin 32009. nach Tillich. sondern iden- tifiziert ihn mit dem Sein-Selbst. analogia entis „für die Erfindung des Antichrist“ gehalten und gemeint. nicht katholisch zu werden. Zum „Analogiegeschehen“ bei Karl Barth. 39 f. dazu Norbert Ernst. „Was uns unbedingt angeht.1 Analogia entis 20 Karl Barth hat bekanntlich die sog. v. GW XII. denn diese subsumiert Gott nicht unter den Seinsbegriff. z. Bd.. ST I.“19 1. Darmstadt 2008. dass das Analogiedenken geradezu als „Herzstück“22 der klassischen Metaphysik bezeichnet werden kann. Münster 1961. 1962): „Von Anfang an lag der protestantische Glaube im Streit mit den bildenden Künsten. so wird deutlich. in: Ders. 338. aber nicht weiter ausführen. von mir!) Vgl.21 Bedenkt man.23 Tillich hat das deutlich gesehen. von mir!). Malerei und Bildhauerkunst. 20).). dass der Protestantismus zwar bedeutende Musik und bedeutende Dichtung hervorbrachte.15 13:49 .

München 1932. ST II. wo Tillich die „analogia entis“ nicht ausdrücklich zum Thema macht. Ernst. MW IV.30 Um Tillich in dieser schwierigen Frage nicht misszuverstehen. 28 MW IV. 126. 273 – 276. ST I. o. 31 ST I. 157. Sie beruht auf der Tatsache. 8 u. in: Theologische Revue 88/2 (1992) 131 f. I (Prinzip). in: The Journal of Liberal Religion 2/4 (1941) 202 – 206. – Ernst gelingt in dieser Untersuchung in überzeugender Weise der Nachweis. Analogia entis. allerdings mit einigen Einschränkungen. 303. 253 – 269. Die Tiefe des Seins (s. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.”28 Tillich hat auf diese Kritik mit einem eigenen Beitrag reagiert. Bd. der auf die gleichnamige Schrift Erich Przywaras zurückgeht. Wilbur M. erhellt aus dem folgenden Zitat aus der Systematischen Theologie: „Die analogia entis gibt uns allein das Recht. jetzt auch in: MW IV. Anm. denn Teilhabedenken ist im Grunde Ähnlichkeits- 25 Vgl. in: Journal of Liberal Religion 2/1 (1940) 13 – 33. auf die ich gleich zu sprechen kommen werde. 20). Vgl. 278.: “My own belief is that unless there is ‘analogy of being’ between the ‘Creator’ and the ‘created’. 196 – 212) in englischer Übersetzung.10.29 in dem er Urban in dieser Frage prinzipiell zu- stimmt. GW V. selbst da. 26 Vgl. ist allerdings zu beachten. Anm. Urban hat darauf seinerseits mit einem Beitrag geantwortet: A critique of Professor Tillich’s Theory of the Religious Symbol. Erich Przywara.15 13:49 .316 Werner Schüßler Allerdings wird der Begriff der analogia entis. Symbol and Knowledge. Was Tillich unter analogia entis in einem weiteren Sinne versteht. 30 Vgl.25 erst in Tillichs amerikanischer Zeit virulent. a. 269 – 271. dazu auch meine Rezension zu diesem Buch. Metaphysik. between being in itself and being for us. A Response. jetzt auch in: MW IV. in: The Journal of Liberal Religion 2/1 (1940) 34 – 36. jetzt auch in: MW IV.26 Er ist ihm durch eine Kritik des amerikanischen Philosophen Wilbur M. – Der Sache nach spielt der Begriff seit Platon eine entscheidende Rolle im philo- sophischen Denken.27 In Urbans Kritik an Tillich heißt es u. 273 f. GW XII. daß Gott als Sein-Selbst verstanden werden muß. 27 1940 erscheint Tillichs Aufsatz „Das religiöse Symbol“ von 1928 (vgl. 4. dass er den Begriff der analogia entis in einem weiteren und einem engeren Sinne verwendet. it is perfectly futile to talk of either religious symbolism or religious knowledge.“31 In diesem Kontext stellt Tillich auch die Verbindung der analogia entis zum Partizipationsgedanken her – und das zu Recht. 270. überhaupt von Gott zu sprechen. 351. vgl. Urban an seinem Symbolbegriff zugespielt worden. dass das Denken Tillichs in all seinen Bereichen von der Anwesenheit des Analogieprinzips geprägt ist. 29 Paul Tillich.

3. was die Entstehung und das Vergehen religiöser Symbole angeht. in: Philosophi- sches Jahrbuch 68 (1960) 191 – 203.33 Die Analogie der Proportionalität.35 Beides hat damit zu tun. was ihre Wandelbarkeit be- trifft. 273 f. 317.10. „unveränderlich“ und „ewig“ ist. 35 Vgl. Schüßler. bes. und Analogiedenken ist – wie Johannes Hirschberger32 gezeigt hat – seinem Wesen nach ebenfalls Ähnlichkeitsdenken. MW IV. genauerhin der natürlichen Theologie gehört.„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen. so bei Tillich um das Problem der religiösen Sprache. Aristoteles. unveränderlich = nicht veränderlich. White. zum anderen. die neben der Dass-Frage – Stichwort „Gottesbeweise“ – auch immer einige wenige Aussagen über das Was Gottes macht: wie dass er „einer“. XI. Anm. 34 Vgl. 1060 b 37 – 1061 a 7. dass die thomistische Analogielehre zum Bereich der Metaphysik.34 Gegenüber der thomistischen Analogielehre macht Tillich zu Recht auf zwei entscheidende Unterschiede in Bezug auf seine Symboltheorie aufmerksam: nämlich zum einem. Met. Thomas von Aquin. Neben diesem weiten Gebrauch des Begriffs der analogia entis ver- wendet Tillich diesen aber auch in einem engeren Sinne.oder Attributionsanalogie. Chiffer oder Symbol (s. Diese Differenzierung mag zwar auf den ersten Blick uner- 32 Johannes Hirschberger. 304. o. in: Theologische Literaturzeitung 136/9 (2011) 941 – 943. GW XII. die in ähnlicher Weise schon bei Platon. 33 Vgl. Geht es bei Thomas um metaphysische Wesensaussagen über Gott. 36 Wobei es sich bei diesen Prädikationen letztlich um negative Bestimmungen handelt: einer = nicht vieles. Aristoteles oder Plotin zu finden sind. Genauerhin handelt es sich hierbei um die Proportions. ewig = nicht zeitlich. dazu meine Rezension. Paronymie und Analogie bei Aristoteles. die beide Denker mit dem bekannten Beispiel der Gesundheit zu verdeutlichen suchen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. die auf die Aristotelische Pros-Hen-Aussage zurückgeht. Dann bezieht er sich auf die Analogielehre des Thomas von Aquin als einer bestimmten Ausprägung der Gottesprädikation.“ 317 denken. Talking about God. 6 c. um nur die wichtigsten zu nennen – Aussagen. Ashgabe 2010.15 13:49 . 73 – 103.36 Bei Tillich gehört die Symboltheorie in das Gebiet der Religions- philosophie im engeren Sinne. 20). scheidet Thomas bekanntlich schon früh als für die philosophische Gotteslehre wenig hilfreich aus. Summa Theologiae. I 13.. dazu insgesamt Roger M. die ein Verhältnis zweier Verhältnisse meint und ur- sprünglich im mathematischen Bereich beheimatet ist. The Concept of Analogy and the Problem of Religious Language.

Anm. Met. in: O’Meara/Weisser (Hg. Paul Tillich zum Problem der sog. Hier liegt eine gewisse Inkonsequenz in seinem Ansatz. Vorlesungen über den religiösen Glauben. XIII.37 Religiöse Symbole sind nämlich nach Tillich außerhalb der existentiellen Situation eines „ulti- mate concern“ bedeutungslos. 37). in: Christian Danz/Marc Dumas/Werner Schüßler/Mary Ann Stenger/Erdmann Sturm (Hg. 5. o. Wie läßt sich über Gott sprechen? (s. 317. der mit demjenigen der analogia entis aufs Engste zusammenhängt und in den verschiedensten Bereichen von Tillichs Denken eine entscheidende Rolle spielt. o.39 37 Paul Tillich. 39 Vgl. o. wenn man sich die oben genannten Ar- gumente Tillichs gegen die thomistische Analogielehre näher anschaut. 369 – 380. Mit dem Begriff der Partizipation.15 13:49 . und das führt zur Idee wechselnder Ausdrücke in Bezug auf die göttlich-menschliche Begegnung. 2000. in: Werner Schüßler (Hg. Bd. Theology and Natural Science (International Yearbook for Tillich Research. Vgl.38 Allerdings darf nicht übersehen werden. was Gott von einem Götzen unterscheidet. 77 f.).). 195 – 217. Anm. 45 – 78. sondern letztlich ein Stück „natürliche Theologie“ darstellt. Das heißt. Werner Schüßler. An Afterword: Appreciation and Reply. So hielt Aristoteles den Begriff für leeres Gerede (vgl. – Bis hin zu Cusanus spielt dieser Begriff in der klassischen Metaphysik eine wichtige Rolle. Vol. hier: 374. GW XII. dass Tillich in der Frage der Gottesprädikation kaum hinter einige metaphysische Minimalaussagen über Gott zurückgehen kann. „Galilei-Konflikte“. Naturwissenschaft – Philosophie – Theologie. die oben kurz angesprochen wurden. In diesem Punkt weist seine Symbol- theorie eine sehr große Nähe zur religiösen Sprachspieltheorie des späten Wittgensteins auf. Paul Tillich in Catholic Thought (s. Denn ansonsten müsste man sich die Frage stellen. in: Schüßler.). der für protestantisches Denken recht untypisch ist. dazu Andreas Koritensky. v. 7). Anm. Freiburg/Br. An Afterword (s. es geht ihm nicht mehr um eine „objektive Information“ über Gott. die auch darin zum Ausdruck kommt. 21). 1). der aber nicht einfach „vom Himmel“ fällt. dass er Gott mit dem „Sein-Selbst“ identifiziert. ein Begriff. Berlin/Boston 2012. Ludwig Wittgenstein. 371. wobei es hier natürlich auch immer Ausnahmen gab. was Tillich selbst auch sehr wohl bewusst ist. 1079 b 24 – 26). hg. dazu Michael Thomas. 285 – 300. ist es aber nicht. Karl-Heinz Lembeck. Der Teilhabegedanke in den Schriften und Predigten des Nikolaus von Kues (1430 – 1450) (Buchreihe der Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. 38 Vgl.10. kommt ein weiterer Begriff ins Spiel. Religionsphilosophie (Alber-Texte Philosophie. Ludwig Wittgensteins Erschließung der Religion durch Sprachspiele.318 Werner Schüßler heblich sein. beruhend auf einer ontologischen Analyse. Denn Tillich geht es um eine existentielle Beziehung zwischen Gott und Mensch. 12). Tillich.

). o. 111 u.42 1. sondern vielmehr. Der philosophische Gottesgedanke (s. was Person bedeutet und wie sie sich von allem A-Personalen unterscheidet und wie sie vor dem Absinken ins A-Personale geschützt werden muss. An Afterword (s. zuvor in Gott in höherer Weise vorhanden ist (vgl. dass Gott die Ursache der Güte in den Dingen ist (vgl. über die Negationen hinaus etwas Positives über das Göttliche zum Ausdruck zu bringen. ebd. Bd.15 13:49 . geht es ihr doch darum. 37). dass Begriffe wie „Güte“ usw. MW IV. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30.41 Aber auch der Negativen Theologie liegt letztlich die analogia entis im weiteren Sinne zugrunde.“ (Übers. durch rationale Schlüsse Gott zu erreichen).2 Natürliche Theologie Im Zusammenhang der Analogielehre kommt Tillich auch auf die na- türliche Theologie zu sprechen: „Wenn analogia entis (oder jede andere Theorie religiöser Symbole) die erkenntnistheoretische Begründung der natürlichen Theologie bedeutete (. dass das. o. dass Tillichs Symbol- theorie eine größere Nähe zur Negativen Theologie aufweist als zur Proportionsanalogie eines Thomas von Aquin. 12).“ 319 Insgesamt darf auch nicht übersehen werden. 1). Dazu auch Schüßler. Anm. Allerdings scheint er die natürliche Theologie – wie das Zitat deutlich macht – mit den klassischen Gottesbeweisen im Sinne der quinque viae des Cusanus-Gesellschaft. was wir in den Geschöpfen „gut“ nennen. was Person ist und dann den Gottesbegriff hiernach ausrichten. Summa Theologiae I 13. die an letztere erinnern. 42 Vgl.„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen. Der philosophische Gottesgedanke (s. u. I 13. so wäre die Verwerfung dieses Begriffs sowie all seiner Implikationen zu fordern.) – wie die Vertreter der negativen Theologie meinen –. 367: „Es ist nicht so. 2 resp.natürliche Theologie‘ verstanden als eine Methode. hg. ebd. Anm.10. Schüßler. Klaus Kremer/Erich Meuthen/Josef Stallmach. worauf er auch selbst immer wieder aufmerksam gemacht hat. dass der Begriff „natürliche Theo- logie“ nicht so eindeutig sei. 160. 328. 43 GW XII. 6 resp. 1). Anm. 40 Vgl. v. bes. o. auf Gott angewandt nicht nur meinen. 351. Anm. 41 Vgl. Sondern in der Begegnung mit Gott er- fahren wir zuerst.40 wobei sich bei ihm aber ebenfalls Formulierungen finden. von mir!) In diesem Sinne ist auch Thomas von Aquin der Überzeugung. 157 – 162. 377.“43 Aber er gesteht dann doch auch zu. um ihn einfach zu verwerfen44 – und damit hat Tillich ohne Zweifel Recht. Münster 1996. 44 Vgl. dass wir zuerst wissen. Tillich.

6). Protestantisches Prinzip versus natürliche Theologie? Zu Paul Tillichs Problemen mit einer natürlichen Theologie. 34 f. 49 GW V.54 aber gemeint. Die Stellung des Menschen im Kosmos. dass es nach Tillich einen Punkt der Identität zwischen Gott und Mensch gibt. Paul Tillich (s. 4). Methode der Korrelation auf.50 Er kann dies mit dem sog. EW II. 89: „Welt-.48 Ich habe allerdings den Eindruck. so scheint mir das auch eine Form natürlicher Theologie zu sein.52 ebenso mit dem Ansatz Augustins oder Descartes’. o.51 aber auch mit der Mystik. 36 f. die sich des logischen Schlussver- fahrens bedienen. findet sich in Tillichs Werk immer wieder. hat sich doch besonders letzterer vehement gegen die sog. in: Ders. 48 Vgl. allerdings in verschiedensten Wendungen und Zusam- menhängen.natürlichen Theolo- gie‘“47 in seiner sog. Jaspers zur Einführung (s. 122 – 137. 352. 46 Ebd. dazu Werner Schüßler.und Gottesbewußtsein bilden eine unzerreißbare Sturktureinheit. Zu all diesen Versuchen sagt er lapidar: „Gegen dies alles steht das protestan- tische Prinzip.. 161 – 173. Schüßler.. Denn wenn er in seinem Beitrag „Zwei Wege der Religionsphilosophie“49 den ontologischen vom kosmologischen Weg unterscheidet und sich selbst ersterem zurechnet. o. vgl. 31 – 55. Anm. „sich Gott auf moralischem Wege durch Erfüllung des Gesetzes zu nähern oder auf rituellem Wege durch Befolgung sakramentaler Vorschriften“. Anm. ST I. Karl Jaspers. 41 – 50. Paul Tillich (s. 83 f. 4). 55 A.und Freiheitsbewusstsein unverbrüchlich zusammenhängen. 51 Vgl.320 Werner Schüßler Thomas von Aquin zu identifizieren. Selbst. Max Scheler. dass es sich dann hierbei selbstredend auch um eine Form „natürlicher Theologie“ handelt. 20). Anm.55 Bedenkt man noch. 53 Vgl. 50 Vgl. 52 Vgl. dass das nicht das letzte Wort in dieser Frage ist. Bonn 121991. Anm.. Das. dass Gottes. „Was uns unbedingt angeht“ (s. 87 – 95. Schüßler. dazu Werner Schüßler.O. Man könnte in diesem Zusammenhang auch an den späten Max Scheler53 oder Karl Jaspers erinnern. Identitätsprinzip in Verbindung bringen. „Gottesbeweise“ gewendet. worum es hier geht. Einführung in die Philosophie. GW XII..57 45 Vgl.45 Und er vergleicht dies mit dem Versuch. 56 Vgl. 352. 47 GW XII.“46 Tillich greift ja bekanntlich „das Anliegen der . 55). Hamburg 1995. 26 – 35. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. o. München 252003.“ 54 Vgl. o.a.56 so wird deutlich. Jaspers zur Einführung. Anm. von dem auszugehen ist.15 13:49 .10. 73 – 80. dass sich Jaspers entschieden gegen jede Form von Offenbarungsreligion wendet. dazu Schüßler. o. 82. Jenseits von Religion und Nicht-Religion (s. Das Gemeinsame ist hier immer. Schüßler.

17). 37).. Brücken der Versöhnung. Natürliche Theologie und Offenbarungstheologie.“61 Und letzteres wollte Tillich nun wohl doch unter allen Umständen vermeiden. Ich halte Tillich nicht für so naiv. dass die protestantische Theologie. bes. von mir!). Ein theologiegeschichtlicher Durchblick [1961].10. Jahrhundert. 28 – 31. Zudem ist zu bedenken: Natürliche Theologie gab es schon vor dem Auftreten des Christentums. 61 Ebd. hier: 14. und es gibt eine natürliche Theologie nach Kant. 21 – 36.O.). 376. Der Gott der Philosophen und der Gott Jesu Christi. FS für Gert Hummel.59 Spricht in dem ersten Zitat vielleicht – recht ungeschützt – der Philosoph Tillich. und natürliche Theologie findet sich auch bei modernen Philosophen – wie das Beispiel von Karl Jaspers deutlich macht –. so als hätte man ihn etwa des Ka- tholizismus […] geziehen. in: Peter Haigis/Doris Lax (Hg. Es gab eine natürliche Theologie vor Kant. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. Anm. der unserem Geist gegenwärtig ist“.15 13:49 . In diesem Zusammenhang ist auch darauf aufmerksam zu machen. besonders diejenige des 20. h. indem sie diese letztlich verabschiedete.a. dass man hier zumeist recht undifferenziert urteilt – so stellt es sich mir jedenfalls auch bei Tillich dar. dass er als Philosoph davon überzeugt gewesen wäre. An Afterword (s. dass der Gegensatz zur natürlichen Theologie ursprünglich nicht die geoffenbarte übernatürliche Religion ist und die natürliche Theologie auch nicht mit der Annahme rationaler Gottes- beweise zusammenfällt. für den die „natürliche Theologie“ – um mit Hans-Joachim Birkner zu sprechen – „eine Art Ketzername“ be- deutet? 60 Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal Birkner bemühen: „Sagt man nämlich über einen theologischen Satz.. Ich wüsste auch nicht. 371 (Übers. dass jedes Wissen von Gott – wie auch jedes Gebet – „das Werk des Heiligen Geistes“ ist .“58 Wobei ich mir sehr wohl bewusst bin. 58 Tillich. 60 Hans-Joachim Birkner. wie ich den folgenden Satz sonst interpretieren sollte: „Awareness of God precedes discursive knowledge of him. dass Tillich an anderer Stelle in diesem Zusammenhang auch davon sprechen kann.“ 321 Aber dieser Begriff scheint spätestens seit Kant und Schleiermacher so in Verruf gekommen zu sein. so in dem zweiten der pro- testantische Theologe Tillich. „d. die das Christentum hinter sich gelassen haben. Werner Schüßler. hier han- dele es sich doch um natürliche Theologie. o. zu glauben. zum Problem der natürlichen Theologie das letzte Wort gesprochen hätte. in: Ders. Gottes selbst.„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen. Ein unversöhnlicher Gegensatz?. o. 59 A. 57 Vgl. Anm. Münster 2003. Schleiermacher-Studien (s. so reagiert der so Ange- sprochene unweigerlich allergisch. 3 – 22.

wie das Erosmotiv in das Christentum eindringt. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. dass zwischen Eros und Agape „ein Abgrund“ besteht. Man hat eros definiert als Sehnen nach Selbsterfüllung durch das andere Wesen. die auch die Kultur verwerfen. 64). Vgl. agape als Willen zur Selbsthingabe an den anderen um des anderen willen. auch Karl Barth. Anders Nygren. […] Liebe als Einheit von eros und agape ist ein Wesenszug des Glaubens.66 erscheint mir fraglich. GW V. Keine Liebe ist wirklich Liebe ohne die Einheit von eros und agape. […] Ohne die Sehnsucht des Menschen nach Wieder- vereinigung mit seinem Ursprung wird die Liebe zu Gott zu einem leeren Wort. 66 A.a.“63 Wenn Tillich in diesem Kontext auch keine Namen nennt. wie Nygren meint. Den sinnlichen Eros mit der Agape zu vergleichen. kann man von einer Hellenisierung des Christentums sprechen. o. der in den 30er Jahren sein monumentales. Gestaltwerdung christlicher Liebe. IV/2: Die Lehre von der Versönung. Love and Action“: „Man hat verschiedene Typen der Liebe unterschieden und den griechischen eros der christlichen agape gegen- übergestellt. 63 GW XI. 64 Anders Nygren. doch kennt Platon bekanntlich 62 GW VIII.O. Eros und Agape. 65 Nygren.“62 Und in seiner Schrift Love. Die Kirchliche Dogmatik. die jedes mystische Element im Verhältnis des Menschen zu Gott leugnen. 825 – 953. Gütersloh 1930/37 (schwedisch: 1930/36). und auch von jenen. dass Eros und Agape ursprünglich zwei voll- kommen verschiedenen geistigen Welten angehören. I.15 13:49 . so denkt er hier ohne Zweifel an den lutherischen Theologen und späteren Bischof von Lund.Qualitäten der Liebe‘. zweibändiges Werk Eros und Agape vorgelegt hat. Eros und Agape (s. Wesens- züge. 162. 188.10. 15. Die sogenannten .322 Werner Schüßler 2. Power. wäre der Mühe nicht wert. Zollikon/Zürich 1955. „der keinen unmittelbaren Übergang zuläßt“. 15. 164 f. 176 f... vgl.“65 Es ist keine Frage. Aber diese Alternative gibt es nicht. II. sondern im Liebesgedanken. aber ob das auch schon bedeuten muss. Anm. die miteinander verbunden auftreten und nur in ihrer entarteten Form in Widerstreit miteinander geraten. wenn er schreibt: „In dem Maße. 2 Bde..64 Nygren sieht hier die sogenannte Hellenisierung des Christentums weniger im Zusammenhang mit der Dogmenbildung. and Justice von 1954 heißt es: „Die Liebe als eros wird einmal von jenen Theologen verworfen.Typen der Liebe‘ sind in Wirklichkeit . Eros und Agape In seiner Schrift Dynamics of Faith von 1957 heißt es unter der Überschrift „Faith.

I.. Symposion.70 Eros ist also der Weg des Menschen zum Göttlichen. In den Begriffen „Synthese“ und „Reformation“ sieht er darum „den eigenen Rhythmus der christlichen Ideengeschichte“. I. die Agape aus dieser Verbindung mit dem Eros zu befreien. wenn Nygren die Verknüpfung dieser beiden Motive als einen widerspruchsvollen Kompromiss bezeichnet und eine Synthese zwischen Eros und Agape grundsätzlich als Verrat an der Agape wertet. 71 Vgl. Für ihn bedeutet Eros letztlich Leistung und Selbsterlösung. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten ist immer nur die Antwort auf Gottes zuvorkommende Liebe zu uns.a. 68 A.. 195.O. 19.a.73 Die Konsequenzen eines solchen Verständnisses. h.“ 323 auch einen himmlischen Eros – und um diesen geht es Nygren we- sentlich.O. Eros und Agape (s.71 Liebe im Sinne der neutestamentlichen Agape ist demgegenüber der Weg Gottes zum Menschen.O. 185. Anm. Nygren bezeichnet den Eros aus diesem Grund auch als begehrende und damit egozentrische Liebe.a.72 Damit scheint die Alternative Eros oder Agape bei Nygren geradezu eine kontroverstheologische Relevanz zu bekommen. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 30. a. wobei es allerdings immer wieder Versuche gegeben hat.15 13:49 . dass wir alles der gnadenvollen Liebe Gottes zu verdanken haben. Beide unterscheiden sich Nygren zufolge nicht nur dem Grade. sondern auch der Art nach. 73 Vgl. I. wie es Nygren vertritt. denn dieser himmlische Eros ist „der geborene Konkurrent des Agapegedankens“67. für ihn führt kein Weg vom Eros zur christlichen Agape.69 Für Platon ist bekanntlich Eros die Kraft. II.10. 72 Vgl. wohingegen bei der Agape deutlich wird.68 und er versteht in diesem Sinne den Kampf zwischen griechischem Erosge- danken und christlichem Agapegedanken geradezu als „Schlüssel zum Verständnis“ der Geschichte des Christentums.O. Platon.. 21. 64). 34. 70 Vgl. er führt das Unvollkommene hinauf zum Vollkommenen. liebt aber selbst nicht. a. Von hieraus wird verständlich. Der platonische Gott. die den Menschen vom Sinnlichen weg zur Welt der Ideen hin treibt.O.„Meine katholischen Freunde verstehen mich besser als meine protestantischen. Nygren...a. die Idee des Guten und Schönen. d. Nygren interpretiert die Geschichte des Christentums bis hin zu Luther als die Verbindung von Eros und Agape. I. fasst Paul Tillich so zusammen: „Wenn agape und eros sich aus- 67 A. ist zwar Gegenstand der Liebe. 69 A. II. 153 ff.a. 201d ff. o.

„Protestantisches Prinzip“ und „katholische Substanz“ Tillichs dynamische Typologie von protestantischem Prinzip und ka- tholischer Substanz gründet letztlich in seiner religionsphilosophischen Reformulierung des klassischen Transzendenz-Immanenz-Verhältnisses in Bezug auf den philosophischen Gottesgedanken. De divinis nominibus IV. Conf. vom primitiven Gebet bis zum kompliziertesten theologischen System. dazu Crépin Magloire C. bis hin zur Enzyklika „Deus Caritas est“ Benedikts XVI. heißt es in diesem Sinne bei Tillich schon in einem Beitrag aus dem Jahre 1941. 75 GW VII.“81 Tillich spricht in diesem Zusam- menhang von einer „unausweichlichen Spannung in der Gottesidee“.79 3.80 In der religiöse