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DIE ZEIT

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DOSSIER

19. Juni 2008 DIE ZEIT Nr. 26

Bevor er Journalist wurde, war unser Autor in den neunziger Jahren Mullah im Osten Afghanistans. In einer Reportage beschreibt er die enttäuschten Hoffnungen seiner Landsleute

Die Rückkehr der Taliban
Wie radikale Islamisten in der Provinz Bauern ausplündern und dem Volk Modernisierung und Bildung verwehren VON BORHAN YOUNUS
s sah nicht gut aus für ihn an jenem sonnigen Novembertag des Jahres 2002. Zwischen seinen Weinreben, einer grünen Insel in der gelben Steppe aus Lehmstaub, saß Mohammed Anwar Faruq. Der sich Mullah nannte, obwohl er nur ein paar Jahre die örtliche Koranschule besucht hatte. Der wenig lesen, noch weniger schreiben und eigentlich nur kämpfen konnte. Das hatte er gelegentlich getan in den fünf Jahren der Taliban-Herrschaft. Aber die war seit einem Jahr vorbei, und niemand wollte mehr mit ihm kämpfen. Außer Krieg zu führen hatte Faruq nie etwas gelernt. Der untersetzte Endzwanziger war groß geworden mit dem Hass auf alles Fremde. Die Sowjets hatten in den achtziger Jahren seine Mutter erschossen, anstelle von Faruqs Vater, der in den Bergen gegen sie kämpfte. So saß Mohammed Anwar Faruq nun da im Bezirk Andar in der Provinz Ghazni, zwei bis drei Autostunden südlich von Kabul. An jenem Nachmittag hatte er Commander Abdul Ahad eingeladen, eine Taliban-Legende der vergangenen Zeit. Ahad hatte überall in Afghanistan gekämpft und war zum Kommandeur in Andar aufgestiegen. Nun versuchte Faruq, ihn als ersten Mitkämpfer einer kommenden Streitmacht zu gewinnen. »Nein«, sagte der: »Es ist zu früh. Wir brauchen Zeit, viel Zeit, um uns wieder zu organisieren. Niemand würde mit uns gehen. Noch nicht.« Auf der Überlandstraße nach Süden sah man die Autos der Polizei, gelegentlich die der neuen Regierung vorbeifahren, ohne Eskorte, ohne Angst. Denn es war friedlich. Kinder gingen zur Schule, in die wenigen, die es gab. Statt der Taliban in ihren Pick-ups patrouillierten nun gelegentlich amerikanische Soldaten in ihren Humvees. Alles war ruhig, und Mohammed Anwar Faruq sah einer friedlichen, traurigen Zukunft entgegen. Dass die kommenden Jahre seinem Krieg und ihm selbst einen sagenhaften Aufschwung bescheren würden, ja dass

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AUCH OHNE MASKEN ließen sich die Taliban 2006 fotografieren – Ausdruck ihres neuen Selbstbewusstseins

nicht einmal die Amerikaner, sondern erst seine eigene Arroganz ihn stoppen würden – das ahnte niemand. Auch er nicht. Die Provinz Ghazni war nie ein Angelpunkt des Geschehens. Die Menschen hier sind Paschtunen, aber haben mit Politik nie viel zu schaffen gehabt, stießen Anfang der neunziger Jahre eher freiwillig zu den Taliban, als dass sie sich ergeben hätten. Auch der Opiumanbau hat sich hier nie durchsetzen können. Niemand kann so recht erklären, warum, die Bauern pflanzen einfach weiter Mandeln, Trauben, Maulbeeren und Aprikosen an – wie seit Menschengedenken. »Nach dem Krieg, nach dem Ende der Taliban, warteten wir, was geschehen würde«, wird sich später der alte Bauer Akbar Jan aus dem Dorf Liwan erinnern, der im Frühjahr 2008 die Geschichte dieses Krieges aus seiner Sicht erzählt. Er ist ein gottesfürchtiger Mann mit acht Kindern, einem Weizenfeld und der Hoffnung auf ein besseres Leben: »Aber es geschah nichts.« Die wichtigste Straße nach Süden, nach Kandahar und in die Wüsten, verläuft 2002 als Schotterband durch den Distrikt. Ansonsten sieht es in Andar aus, wie man sich in freundlicheren Ländern die Rückseite des Mondes vorstellen mag: gelb das Land, der Horizont, gleißend die Sonne und alles durchweht von Lehmstaub. Ton in Ton, mit viel Raum dazwischen, die festungsartigen Gehöfte, ummauerte Häuser und Gärten, hinter denen sich das Leben abspielt. Es ist eine konservative Gegend, Paschtunenland, fast jeder Mann hier sieht aus wie die Taliban: schwarzer oder weißer Turban, langer Bart, Salwar Kamiz, ein knielanger Kittel über Pluderhosen. Früher fiel das niemandem auf. Seit dem Jahre 2002 aber sind die Paschtunen aus Andar Fremde, wenn sie ins ferne Kabul fahren. Der Krieg, den die Amerikaner gegen den Terror und Fortsetzung auf Seite 14

Foto (Ausschnitt): Karim Ben Khelifa/Oeil Public

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