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ZEIT CAMPUS Ausgabe 6/2007

Im Knast:
Pierre, Aki,
Tassim,
Steve, Enzo
(v.l.n.r.)

Die Welt da draußen

»Pass auf, bevor dein Leben zerbricht«
Zwei Tübinger Studenten rappen zusammen mit jungen Strafgefangenen:
Gegen die Langeweile im Knast und gewaltverherrlichende Gangsta-Texte
Die Eisentür öffnet sich mit einem lauten Die Proben verliefen von A nfang an unpro-
Klack. In der kleinen Zelle der Justizvollzugs- blematisch: Pierre et wa hatte schon in der Ge-
anstalt Rottenburg sitzen Aki und Tassim am fängnisband »Panzerknacker« gesungen; er riss
Tisch und sehen fern. Kaum haben sie be- die anderen durch sein Können mit. »Als ich
merkt, wer sie besuchen kommt, springen sie den Teilnehmern einen Beat vorgespielt habe,
auf. Mit einer Umarmung und lässigem Hän- fing Pierre sofort an zu rappen«, erinnert sich
deschütteln begrüßen sie »ihre Jungs« (wie sie Ulf. Die anderen wollten genauso gut sein, sie
eologiestu- begannen sofort Texte zu schreiben.
dent Ulf Werner, 23, und der Jurastudent Alex Für Alex war die Arbeit mit Straftätern an-
Kratzenstein, 24, aus Tübingen: zwei Musiker, fangs allerdings ungewohnt. »Ich war unsicher,
die hier im Gefängnis einen Hip-Hop-Work- wie ich mich ihnen gegenüber verhalten soll.
shop betreuen. Sie nehmen gerade die erste Doch ich habe gemerkt, dass sie auch nur Men-
CD auf. schen sind, die sich freuen, wenn sich jemand
Die Idee zu dem Projekt hatte Ulf Werner für sie interessiert.« Inzwischen ist aus dem
vor einem Jahr, als er ein Praktikum auf Gut Projekt der Verein »Fremde Welten« geworden.
K ragenhof bei Kassel machte, einer Resozialisie- Er soll Spenden akquirieren, damit die Aufnah-
rungseinrichtung für straffällige Jugendliche. men auch auf Tonträger gepresst und verbreitet
»Viele identifizieren sich mit den gewaltver- werden können. Sie seien so gut, dass sie ein La-
FOTO: KRISTINA VOHRER (LINKE SEITE), MALIN SCHULZ, JANN WILKEN (RECHTE SEITE) ILLUSTRATION: JON FRICKEY

herrlichenden Texten von Gangsta-Rappern«, bel finden könnten, meint Alex.
erzählt er, »die haben sich gar keine Gedanken Ihr seht unsre Kinder und rappt über Gewalt /
gemacht über den Knastalltag und die Hoff- Tut ihr nur so oder seid ihr so kalt / Verdient einen
nungslosigkeit, die dort herrscht. Wir wollen Haufen Geld mit euren Lügen / Die Jugend zieht
FOTOS (S. 79): NORBERT BAYER/PIXELEXTRAVAGANZA, MALIN SCHULZ, VANJA VUKOVIC

ihnen durch Musik zeigen, dass das Leben im sich’s rein in vollen Zügen.
Knast nichts Erstrebenswertes ist.« Richtig wütend texten Aki und die ande-
Die Botschaft ist angekommen: Glaub mir, ren, wenn es gegen Gangsta-Rapper wie Bu-
die ganze Scheiße lohnt sich nicht / Pass lieber shido oder Sido geht, die das Verbrecherleben
auf, bevor dein Leben zerbricht, rappt Tassim ins glorifizieren. »Dieses Gangstatum kommt da-
Mikro. Jede Woche schreibt er zusammen mit her, dass die Rapper nicht wissen, wie es ist,
Aki, Enzo, Pierre und Steve eigene Songs. Die im Knast zu sein«, sagt Pierre. Er selbst weiß
fünf Männer sind zwischen 26 und 35 Jahre es sehr wohl: Seit 22 Monaten sitzt er – wegen
alt, zusammengerechnet müssen sie 25 Jahre im Drogenschmuggels. Auf die Frage, was er sich
Gefängnis absitzen. Ihre Texte drehen sich um für die Zukunft wünsche, antwortet Aki: »Eine
den Knastalltag, die Reue und die Wut über die Arbeitsstelle finden und endlich mal wieder an
leichtfertig verlorene Freiheit. einer Blume riechen.« KATHRIN KIRSTEIN

LEBEN