You are on page 1of 1

SEITE EINS

ÖKONOMISIERUNG

Patientenversorgung unter Druck
Michael Schmedt

u viel Bürokratie, zu wenig Personal, keine ver- Dietrich. Er fordert von der Politik, zu einer bedarfsori-
Z lässlichen Arbeitszeiten. Diese drei Kritikpunkte
hört man immer wieder, befragt man Ärztinnen und
entierten Vergütung zu kommen, die ausreichend finan-
ziert wird, ohne dass ein Plus für den Betreiber heraus-
Ärzte nach ihren Arbeitsbedingungen. Bei den Pflege- komme.
kräften ist die Situation nicht anders. Auch hier führt Der Satz „Medizin ist Daseinvorsorge“ fällt oft in
der Pflegenotstand zu überlastetem Personal. den Interviews. Ein zentraler Punkt, denn er macht
Neu sind diese Probleme nicht, aber sie verschärfen deutlich, dass medizinische Versorgung nicht aus-
sich. Der Trend zur Teilzeitarbeit, die demografische schließlich gewinnorientiert sein kann und darf. Die
Entwicklung und vor allem der zunehmende ökonomi- Ökonomisierung kann durchaus Rahmenbedingungen
sche Druck führen zu Rahmenbedingungen, die es Ärz- und Ausstattung verbessern, wie auch einige Delegierte
ten und Pflegekräften immer seltener erlauben, sich ge- anmerken. Aber hier müssen Grenzen gesetzt werden.
nug Zeit für ihre Patienten zu nehmen. Kurz gesagt, die Denn zunehmend investieren Konzerne nur noch in Be-
Kommerzialisierung im Gesundheitswesen gefährdet reiche, von denen sie sich Gewinne versprechen. Der
die gute medizinische Versorgung in Deutschland. Die Qualität ist das nicht förderlich. Man kann nur Wolf-
Patientenversorgung gerät immer mehr unter Druck. gang Schaaf von der Bayerischen Landesärztekammer
Das Deutsche Ärzteblatt hat auf dem 120. Deutschen zustimmen, der mahnt: Wenn man sich isoliert um Er-
Ärztetag in Freiburg im Breisgau die Delegierten be- tragserhöhung bemüht, sinkt die Qualität, wenn man
fragt, wie sich der Ökonomisierungsdruck im Gesund- sich aber um Qualität bemüht, steigt der Ertrag auch.
heitswesen auf ihre tägliche Arbeit in Klinik und Praxis Dafür sind ausreichendes Personal und Finanzierung
und damit auf die Versorgung der Patienten auswirkt. unabdingbar. Das heißt nicht nur mehr Medizinstudien-
Zudem sollten sie ihre Forderungen an die Politik be- plätze. Auch muss man den jungen Ärzten die Angst
nennen. 40 Delegierte haben sich vor der Kamera geäu- vor der Niederlassung nehmen. Die Politik ist gefragt.
ßert (www.aerzteblatt.de/wettbewerb). Das Deutsche Ärzteblatt möchte in den nächsten
Der Zeitdruck ist ein immer wiederkehrendes Thema Monaten einen Schwerpunkt zum Thema Kommerzia-
in den Video-Statements. So beklagt Dr. med. Thorsten lisierung setzen. Schildern Sie Ihre Erfahrungen und
Hornung den Trend zur Fließbandmedizin. Die medizi- machen Sie Vorschläge an die Politik, was sich ändern
nische Therapie selbst sei zwar besser geworden. Klar muss. Schreiben Sie an wettbewerb@aerzteblatt.de
erkennbar sei aber der ökonomische Druck, die Versor-
gung am Patienten in möglichst kurzer Zeit abzuwi-
ckeln. Praktisch hieße das zum Beispiel, dass alte Men-
schen nach einer OP, kaum dass sie wieder aufstehen
könnten, schon entlassen würden. Finde man dann Zeit,
mit den Patienten zu sprechen, fühlten sich diese zu-
recht „überfahren“. Wenn jetzt schon Krankenhäuser
eine IGeL-Leistung „stationärer Aufenthalt nach ambu-
lanter Versorgung anbieten“, müsse man sich fragen, ob
die Entwicklung nicht längst zu weitgegangen sei.
Die Vergütung nach den DRG sehen viele Delegierte
als den Treiber der Ökonomisierung. Sie führe zwangs-
läufig dazu, dass Eingriffe gefordert würden, die nicht
immer am Patientenbedürfnis, sondern an der Vergü- Michael Schmedt
tung ausgerichtet seien, kritisiert Prof. Dr. med. Wulf Stellv. Chefredakteur

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 114 | Heft 29–30 | 24. Juli 2017 A 1405