You are on page 1of 10

ANGELA POINTNER

Phie und das
Gedächtnis der Steine

Seifert Verlag
Für Paula und Lilith

Ein besonderer Dank an Julia und Max
Knowing
an angel
is a gift
of love and hope.
Prolog

D
er Mond stand genau in der Mitte der mächtigen
Felsklippen, an denen die gebirgige Landschaft
ringsherum ein jähes Ende fand. Riesige Glet-
scher hatten einst diesen Einschnitt geformt, in dem nun
das Meer behäbig rauschte. Der eisige Nordwind jagte ein-
zelne Schneeflocken vor sich her, die wie feine Nadelstiche
auf der Haut prickelten. Der Junge zog seine Kapuze tie-
fer ins Gesicht. Er hatte sich der Witterung entsprechend
warm eingepackt, doch die Kälte kroch ihm unerbittlich in
die Glieder. Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er sich
von seiner Schwester zu dieser Tour überreden hatte lassen!
Zwei Jugendliche fuhren mitten in der Nacht in einer wa-
ckeligen Nussschale den Fjord hinauf. Gut, seine Schwester
war schon fast erwachsen, doch wenn sie beide hier und jetzt
in Seenot gerieten, dann Gnade ihnen Gott. Alles für diese
eine Sache. Bewundernd sah er das Mädchen an, das hinten
am Heck saß und den Steuerknüppel des tuckernden Motors
hielt. Ena hatte immer schon gewusst, was falsch und was

7
richtig war. Ihre glühende Begeisterung hatte ihn angesteckt,
doch im Moment bereute er es zutiefst, auf sie gehört zu
haben.
Seine Schwester hingegen schien die Kälte nicht zu spü-
ren. Blonde Strähnen, die sich aus ihrem langen Zopf gelöst
hatten, wirbelten um ihr Gesicht. Sie blickte konzentriert
nach vorne, ihre Miene wirkte entschlossen, die unentwegt
arbeitenden Kiefermuskeln verrieten ihre Anspannung. Von
Weitem hörte man das laute Surren eines Motors, der we-
sentlich leistungsstärker sein musste als der ihre. Und schon
bald wurden die beiden von der Bugwelle eines schnittigen
Sportbootes durchgeschüttelt. »Das muss Einar sein«, be-
merkte das Mädchen knapp. Sie ließ sich nicht aus der Ruhe
bringen, während sich der Junge noch verzweifelter an der
Sitzbank festklammerte.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis endlich der kleine
Holzsteg im Mondlicht auftauchte. Frischer Schnee bilde-
te flauschige Kissen auf dem Geländer, und tiefe Fußspu-
ren verrieten, dass sie nicht die Ersten hier waren. Mehrere
Boote hatte man bereits in dem kleinen Hafen festgemacht,
und jetzt schaukelten sie im eisigen Wind. Die Geschwister
kletterten vorsichtig von ihrem wackeligen Gefährt über eine
rutschige Leiter nach oben. Die große Schwester zog ihren
Bruder mit festem Griff hinter sich her. Der Blick, den sie
ihm dabei schenkte, ließ ihm warm ums Herz werden. Ena
würde ihn niemals im Stich lassen, das wusste er.
Vor ihnen erstreckte sich zu Füßen der steilen Fjordwände
ein sanftes Plateau. Ein fruchtbarer Schuttkegel, auf dem im
Sommer saftige Wiesen und die weißen Stämme der Birken
zum Verweilen einluden. Jetzt war die Landschaft tief ver-
schneit, und jemand hatte durch das hüfthohe Weiß einen
Pfad gezogen, in den sie nun einbogen. Links und rechts
steckten lodernde Fackeln im Schnee, die den Weg in ein
warmes Licht tauchten. Das Mädchen stapfte entschlossen

8
vorwärts, der Junge stolperte unsicher hinter ihr drein. Ein
Motor heulte jäh auf, und ein herannahendes Snowmobil
durchschnitt die Stille. Es parkte genau an jener Stelle, an
der sich der schmale Pfad weitete. Zwei Gestalten, in dicke
Schneeanzüge gehüllt, stiegen ab. Sie würdigten die Ge-
schwister keines Blickes und hasteten vorwärts, auf jenen
Ort zu, den alle Ankommenden anstrebten.
Der Junge traute seinen Augen nicht, als sie endlich ihr
Ziel erreichten. Auf einer großen Ebene, umrahmt von ver-
krüppelten Birken, die sich unter der Schneelast bogen, rag-
ten die stolzen Felsen eines Steinkreises in den Nachthim-
mel. An drei Stellen brannten Feuer, mehrere vermummte
Menschen tummelten sich zwischen den uralten Steinen.
Es mussten ungefähr zwei Dutzend sein, schätzte der Jun-
ge. Und sie alle gehörten derselben Vereinigung an, für die
er von seiner Schwester angeworben worden war. Hier und
heute sollte etwas Großartiges geschehen, etwas, das in frü-
herer Zeit selbstverständlich gewesen und nun schon über
Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war. Und er sollte ein
Teil davon sein, er wurde gebraucht. Das fühlte sich gut an.
Ena hob ihren Kopf und schritt selbstbewusst auf eine
Gruppe zu, deren Mitglieder sich bereits eifrig unterhielten.
Als sie das Mädchen mit dem langen blonden Zopf bemerk-
ten, hielten sie abrupt inne und begrüßten sie überschwäng-
lich. Seine Schwester schien beliebt zu sein, so wie überall,
wo sie auftauchte, dachte der Junge. Ena konnte mit ihrer
Ausstrahlung einen ganzen Raum zum Leuchten bringen,
und das lag nicht nur an ihrem ausnehmend hübschen Äu-
ßeren, sondern vor allem an der Offenheit, mit der sie jedem
Menschen begegnete. Sie wollte die Welt zu einem besseren,
freundlicheren Ort machen. Deshalb waren sie beide auch
hier in der klirrenden Kälte.
Der Junge hielt sich schüchtern hinter seiner Schwester,
nickte nur kurz, als er der kleinen Gruppe vorgestellt wur-

9
de. Er war noch viel zu jung und zu unerfahren, um das,
was hier vor sich gehen würde, in seiner vollen Bedeutung
fassen zu können. Doch er war hier, war Teil dieses ehrgei-
zigen Vorhabens, das den Lauf der Dinge verändern würde.
Stolz brannte in seiner Brust und hätte fast die übermächti-
ge Angst verdeckt, die ihn in Wellen übermannte. Doch als
der laute und eindringliche Ton eines Horns in den steilen
Felswänden widerhallte, kehrte die Furcht zurück, stärker
denn je. Die Menschen blickten auf, alle schienen das Si-
gnal verstanden zu haben. Sie reichten einander die Hände
und bildeten im Inneren der mystischen Felsformation einen
Kreis. Der Mann, der das Horn, das an ein Trinkgefäß der
Wikinger erinnerte, um Hals und Schulter trug, ergriff das
Wort. In der Kälte gefror sein Atem zu Nebel, der sein bärti-
ges Gesicht umspielte.
»Wie in einem Horrorfilm«, schoss es dem Jungen durch
den Kopf. Es fehlte gerade noch, dass der Teufel einem der
Feuer entstieg. Er hörte nicht, was gesprochen wurde, und
hielt krampfhaft die Hand seiner Schwester und die einer
fremden Frau fest. Ena blickte konzentriert auf den Mann
mit dem Horn. Sie schien absolut furchtlos, während ihr
kleiner Bruder sich seine Angst mit dem Gedanken an weite-
re mögliche Filmszenarien zu vertreiben suchte. So bemerkte
er erst spät, was rund um ihn vor sich ging. Der Bärtige hatte
seine Ansprache beendet und forderte die Anwesenden nun
zu einer gemeinsamen Beschwörung auf. »Unser Kreis öffne
sich und verbinde sich mit den Welten der Wissenden. Un-
ser Kreis öffne sich und verbinde sich mit den Welten der
Wissenden.« Alle stimmten in das gleichförmige Gemurmel
mit ein.
Ena hielt ihre Augen geschlossen, und ihre helle Stim-
me schien den Takt anzugeben inmitten der vermummten
Schar. Der Junge zögerte. Sein Blick wanderte über die Köp-
fe der Anwesenden hinweg zum dunklen Himmel hinauf.

10
Schneeflocken juckten in den Augen, doch er wagte nicht,
Enas Hand loszulassen und den Kreis zu durchbrechen.
Die Schwester schien seine Unachtsamkeit zu bemerken.
Sie drückte seine Hand und nickte ihm streng zu, ohne ihr
Mantra zu unterbrechen. »Unser Kreis öffne sich und ver-
binde sich mit den Welten der Wissenden.«
Pflichtbewusst senkte der Junge den Kopf und stimmte
in das Gemurmel mit ein, doch er konnte seine Augen nicht
schließen. Denn im selben Moment, als er zu sprechen be-
gann, leuchtete die Spitze jenes Felsens, vor dem der Mann
mit dem Horn stand, phosphorgrün auf. Ein fluoreszierender
Schein breitete sich langsam zum Boden hin aus und tauchte
den ganzen Felsen in ein mystisches Licht. Niemand aus der
Gruppe ließ sich von diesem Szenario aus der Ruhe bringen,
im Gegenteil, die Stimmen wurden immer fordernder, im-
mer lauter. Das grüne Licht breitete sich wie ein Rinnsal aus,
kroch von einem Stein zum nächsten. »Bald wird es uns wie
ein Ring aus Feuer umfangen«, dachte der Junge, und nackte
Panik erfasste ihn. Was hatte das zu bedeuten? Er kannte wie
jedes Kind, das im hohen Norden aufwuchs, die wabern-
den Polarlichter, doch was hier und jetzt geschah, war etwas
völlig anderes. Dieses grüne Leuchten war nicht von dieser
Welt.
Wie zur Bestätigung flammte plötzlich ein Stern am Him-
mel grellgrün auf. Wurde der Horrorfilm nun zur Science
Fiction? »Du siehst wirklich viel zu viel fern!«, schalt sich der
Junge in Gedanken selbst. Er wusste, dies war kein Film, dies
war die Realität. Und da oben im Himmel wartete auch kein
Ufo. Das grüne Licht hatte nun alle Steine erreicht und zum
Strahlen gebracht. Die Versammelten richteten ihre Augen
zum Firmament, und der Junge spürte ein Kribbeln, das von
der Hand seiner Schwester durch seinen Körper fuhr und
zur fremden Nachbarin weiterwanderte. Es fühlte sich an,
als würden tausend Ameisen von der einen Hand über den

11
linken Arm, seine Brust und weiter über den rechten Arm
zur anderen Hand marschieren. Die Erde bebte leicht unter
ihren Füßen, als vom großen Zentralstein plötzlich ein hel-
ler Strahl in die Höhe wuchs. Die umliegenden Felswände
leuchteten farbig auf und wirkten wie die Mauern einer rie-
sigen Kathedrale. Auch der grüne Punkt am Himmel wur-
de intensiver und schien plötzlich wie ein Komet Richtung
Erde zu rasen. Sein Schweif wurde dabei immer länger, als
wollte er wie mit einer Leine die Verbindung zu seinem Ur-
sprung wahren.
Als sich die beiden grünen Linien nun miteinander ver-
banden, wurde der Junge von einem gleißenden Lichtball
dermaßen geblendet, dass er instinktiv die Hand seiner
Schwester losließ, um seine Augen zu schützen. Er schreckte
zusammen, als ihm bewusst wurde, dass er den Kreis durch-
brochen hatte.
Verdammt! Er hatte bei der Ansprache des Bärtigen ein-
fach zu wenig aufgepasst! Hatte er die Verbindung zu früh
gelöst? Doch als er Ena erblickte, sah er, dass auch sie längst
alleine dastand. Sie strahlte über das ganze Gesicht, Tränen
der Freude liefen ihr über die Wangen. »Es ist geschafft«,
wisperte sie ihrem Bruder zu und drückte ihn fest an sich.
Die Menschen jubelten inmitten des grünen Lichtermee-
res und fielen sich in die Arme. Manche begannen zu tanzen,
alleine oder miteinander. Das Tuten des Hornes durchbrach
das laute Getümmel, und der Mann mit dem Bart hatte mit
einem Schlag wieder alle Aufmerksamkeit. »Meine Gefähr-
ten! Wir haben es geschafft! Das erste Tor ist geöffnet, und
es werden noch viele folgen. Dies ist ein Schritt in ein neues
Zeitalter. Ich danke euch dafür.«
Als er geendet hatte, erlosch das grüne Licht so plötzlich,
dass ein empörter Aufschrei durch die Menge ging. »Keine
Angst«, ergriff der Bärtige wieder das Wort, »das Leuchten
vergeht, die Energie bleibt.« Und das war auch für den Jun-

12
gen deutlich zu spüren: Ein Kribbeln durchströmte ihn von
Kopf bis Fuß. Er hatte das Gefühl, seine Haare müssten zu
Berge stehen, wenn sie nicht von einer Mütze und der Kapu-
ze seines Anoraks bedeckt wären.
Die drei Feuer waren inzwischen schon weit herunterge-
brannt. Ihr Licht vermittelte zwar einen wärmeren Eindruck,
als es das Grün der Steine getan hatte, der Junge ließ sich
davon aber nicht täuschen. Längst fraß sich die Kälte wieder
unter seine Kleidung, und die Zehen brannten bereits vor
Schmerz. Es würde eine lange und beschwerliche Heimfahrt
mit dem kleinen Boot werden, doch es hatte sich gelohnt. Er
war Teil von etwas Großem geworden, auch wenn er die Be-
deutung dieses einen Tores zur Welt der Träumer noch lange
nicht begreifen würde.

13