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„The Transparent State“ –

stand wie die Mona Lisa oder der Eiffelturm, der Die „Authentizität“ des Lebens in den „Shelters“
ja bald von einer gläsernen Sicherheitsbarriere zu verlassen, hat mit materiellen Verlockung und
umschlossen werden soll. Letztendlich erzählt dem Versprechen von Mobilität zu tun. Die „Em-
unser Projekt die Geschichte einer zweigeteilten bassy“ – so nennen wir den Glaspalast – besteht

eine abseitige Vision für
Gesellschaft und kann sogar als Porträt Grie- aus einer endlosen Reihe von „Gateways“ und
chenlands in der EU gelesen werden. Unsere damit verknüpften, wechselnden Erfahrungen,
Rolle als Architekten war es, diese Geschichte vergleichbar mit einem Themenpark oder einem
in Zeit und Raum zu positionieren und Fragen Spielplatz. Wir haben bewusst diese attraktive

den Victoria-Platz?
darüber aufzuwerfen, in welche Richtung Städte und verspielte Materialität für den Modellbau ge-
sich entwickeln. wählt, so dass eine Menge Besucher äußerst po-
sitiv darauf reagierten, ungeachtet dessen, dass
Zweigeteilte Gesellschaft Ihr Konzept benutzt es um temporären Freiheitsentzug geht. Aber wir
zwei städtische Bauformen, die sich räumlich stellen uns auch die entgegengesetzte Bewe-
Stella Daouti, Michaeljohn Raftopoulos und Giorgos Mitroulias stark unterscheiden. Auf der einen Seite sind gungsrichtung vor, vom „Transparent State“ und
die „Shelters“, Unterkünfte und Schutzräume, seiner „Embassy“ zum „Shelter“. Dies findet tat-
im Gespräch mit Kaye Geipel die bereits existieren. In den momentan meist sächlich statt; man schaue sich nur das Gedrän-
leer stehenden Erdgeschosszonen der Polyka- ge auf der documenta an, wo Leute ihren Traum
toikia-Struktur von Athen (A.d.R.: ausbaubare von einer alternativen Realität in Exarchia und
Stahlbetonskelette, aus denen sich die Nach- anderen Athener Vierteln ausleben.
Die Architektengruppe AREA hat Sommer 2015 Ausgangspunkt für Ihr Projekt den leer stehenden Wohnungen einrichteten. viele Flüchtlinge den Platz und wandelten ihn in kriegsarchitektur Athens zusammensetzt und
im Rahmen einer Ausstellung sind die Ereignisse auf dem Victoria-Platz vor Das Viertel ist zentral gelegen und sehr gut an- ein informelles Camp um. Heutzutage wissen die die familiären Ökonomien der Stadtent- Solidaritätsnetzwerke Andersherum gefragt:
einen zentralen Platz von Athen zwei Jahren. Warum wurde der Platz 2015 zu gebunden. Später, während der Krise, formten Flüchtlinge schon um den Victoria-Platz, bevor wicklung begünstigt haben) produzieren Stadt- Wie viel Realität steckt in den „Shelters“? Die-
einem bevorzugten Ort für Flüchtlinge und sich Solidaritätsnetzwerke rund um den Platz, sie überhaupt ankommen. Er ist ein Tor zu Euro- bewohner Dinge und Dienstleistungen für die ser Teil Ihres Projekts in den Polykatoikias rund
unter die Lupe genommen und
Schlepper? um bedürftigen Leuten zu helfen, sowohl Grie- pa geworden. post-kapitalistische Gesellschaft. Auf der an- um den Victoria-Platz ist von lokalen Solidari-
„umgeplant“. Der Victoria-Platz, Victoria ist seit den 90ern ein neues Zuhause für chen als auch Ausländern. Als die Flüchtlingskri- deren Seite steht der riesige neue Glaspalast, tätsnetzwerken und Low-Tech-Produktion ge-
Ankunftsort für Flüchtlinge, ist ein ankommende Immigranten. Damals führte das se ausbrach, hatte sich Victoria schon als der Konzept Woher kam die Idee, die bestehende der den gesamten Victoria-Platz einnimmt und prägt. Haben Sie für Ihr Projekt mit Nachbar-
„Tor zu Europa“. Was bedeutet er Wirtschaftswachstum dazu, dass viele Bewoh- Ort etabliert, an dem man Unterstützung finden Stadt um den Victoria-Platz mit einer neuen, in dem das Leben privatisiert, klimatisiert und schafts- und Flüchtlingsinitiativen kooperiert?
für die Stadt und für die heutige ner das Zentrum in Richtung der Vorstädte ver- und sich mit anderen Immigranten und Flüchtlin- dystopischen Sicherheitsarchitektur zu einem weitgehend kontrolliert ist. Was ist der Grund Und weisen Sie solchen „Urban Factories“
Definition von Architektur? ließen und sich viele Wirtschaftsflüchtlinge in gen vernetzen konnte. Im Jahr 2015 besetzten gemeinsamen Projekt, zu einer widersprüchli- für diese Teilung? nicht eine etwas zu große Attraktivität zu?
chen sozialen Struktur, zu verschmelzen? Die Tatsache, dass es im Stadtzentrum im Mo- Wir haben jahrelang im Victoria-Stadtviertel
Ein Regierungsmitarbeiter hat die Situation von ment so viele leer stehende Gebäude gibt, könn- gelebt und gearbeitet, und unsere Erfahrungen
Der Glaspalast – „The Em- 2015 auf anrüchige Weise mit dem Satz „die te ein Schock für jemanden aus einer anderen bereits 2010 im „Athens Charting“-Projekt umge-
bassy“ – erinnert nicht von
Flüchtlinge baden in der Sonne“ beschrieben, europäischen Hauptstadt sein. Aber in Athen ist setzt, das wir 2012 auf der Architekturbiennale
ungefähr an Joseph Paxton
und die frühe Idee eines welcher deren unbestimmten Status „in der es einfach die Realität. Der Besitz von älteren in Venedig gezeigt haben. NGOs und andere
globalen Marktes. Die Ins- Schwebe“ mit der widersprüchlichen Idee von Wohnungen im Stadtzentrum unterliegt einer Initiativen, die wir studiert haben, operieren auf
tallation ist zusammen mit
„Freizeit“ kombinierte und so die Basis für unse- untragbaren Steuerlast. Immobilien- und Miet- beeindruckende Weise in der Stadt und stellen
vier weiteren Modellen von
re Dystopie formte. Gleichzeitig haben wir einen markt sind praktisch inexistent und ein Überan- die Relevanz von konventioneller Architektur in
Platz vor uns, der nach Queen Victoria benannt gebot an Wohnungen bleibt unbenutzt. Diese Zeiten der Krise in Frage. Das „Praxis Day Care
ist, ein Name mit imperialistischer Konnotation Situation hat zum Wiederaufleben von experi- Centre for the Homeless“ beispielsweise ist
und direkter Verbindung zu Joseph Paxtons mentellen Wohnformen geführt, die interessan- innerhalb weniger Wochen in einen leeren Apart-
Crystal Palace. Und in der Mitte des Platzes steht terweise die Dominanz der Kernfamilie heraus- mentblock hineingewachsen, indem es dort
eine Statue des antiken Helden Theseus, der na- fordern, um die sich die Typologie der Polykatoi- Raum für Raum übernommen hat. In diesem Pro-
türlich mythologisch mit der Idee des Labyrinths kia einst entwickelt hat. Unsere Idee des „Shel- zess dominiert Zeitplanung über Raumplanung,
verbunden ist. Der Victoria-Platz ist von vielen ter“ treibt diese Entwicklung ins Extreme, um die und von dieser Idee ist auch der „Shelter“ durch-
Mythen überlagert, die wir in den Vordergrund Polykatoikia sowohl ökonomisch als auch sozial drungen. So gesagt liegen Sie also richtig damit,
rücken und in einen Dialog mit der umgebenden durch ein gesellschaftlich extrovertierteres Mo- auf die Attraktivität dieses Modells hinzuweisen.
modernen Stadt setzen wollten. dell von gemeinschaftlichem Wohnen zu erneuern. Sie interessiert uns, vielleicht weil der „Shelter“
Gleichzeitig sehen wir eine deutliche Tendenz, die Art von Projekt repräsentiert, die wir als
Porträt Griechenlands Architektonische Utopi- dass der öffentliche Raum von privaten Architekten gerne entwerfen würden, während
en sind heutzutage häufig negativ konnotiert. Institutionen befestigt und vereinnahmt wird. konventionelle Architektur immer noch sehr mit
Worin besteht der Sinn, einen neuen „Crystal Unsere Vision basiert also auf diesem Oxymoron: dem Bau von „Embassies“ beschäftigt ist.
Palace“ zu bauen? Was wollen Sie erreichen? Private Räume werden gemeinschaftlich, während
Ist es eine urbanistische Utopie? Oder Kritik? öffentliche Räume privat werden. Referenzen Es gibt zeitgenössische wie histori-
Wir sehen unser Projekt als Dystopie: ein kriti- sche Referenzen, die mir beim Betrachten Ihres
sches Narrativ, das fiktiv ist, aber auf gegenwär- Crystal Palace Wie attraktiv ist der Glaspalast Projekts in den Kopf kommen: Superstudio,
tigen Wahrheiten basiert. Der Sicherheitsstaat eigentlich für die Bewohner? Welche Gründe Fahrenheit 451, die Kuppel über Manhattan von
ist mächtiger denn je, während prekäre Lebens- haben sie, von den „Shelters“ in die privatisier- Buckminster Fuller, Norman Nixons Freedom
situationen dramatisch angestiegen sind. Der te Welt des Crystal Palace zu wechseln? Sie Ship und vielleicht Manuel Herz’ selbstorgani-
öffentliche Raum ist mehr und mehr abge- erwähnen die Sicherheitsbedürfnisse, die für sierte Camps in West-Sahara. Welche Referenzen
schirmt, als sei er ein wertvoller Kulturgegen- Städter immer wichtiger werden. waren es für Sie?

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Auswirkungen Hatte das detaillierte Studium alle Events der documenta 14. Wohlergehen.A. Unsere Referenzen sind vielfältig und beinhalten auch theoretische Texte. anregen und antworten mit punkte zu den Planungsideen der Nachkriegs. Doxiadis und anderen griechischen unten: Kaye Geipel Planern vorgeschlagen wurde? Die Ausstellung „Tomorrows“ ist in dieser Hin- Eines der vier Modelle der sicht erhellend. da sie die visionären Arbeiten „Die heroischen Medizincluster“. sich in der Öffentlichkeit Aus dem Englischen: Fabian Scholz 36 THEMA Bauwelt 13. während die „wahre Stadt“ meiden. Aber sie stellt sich bar. Kultur und Ge.A. In unseren Gehör zu verschaffen und Ideen sichtbar zu „nichtkontrollierten Stadt“. dass Flüchtlinge historisch gesehen die „Avantgarde ihrer Völker sind“. Lefebvres Idee der Polyrythmie und auch „Die Produktion des Raums“. mit Urban nössischen Narrativen über die Zukunft zusam. stäblich „materialisiert“. Wie wurden diese Kartonmodelle Ja. weiterarbeiten. Ihr Konzept ist Welche unverzichtbaren Die Modelle wollen die Vor- gemeinschaftlichen Nut. dass es für posium“. ohne notwendigerweise den Anforde- die sich mit Bildung und Zusammenleben. Ausstellung überflüssige Erläuterungstexte ver. ximum an erzählerischen Details angereichert. das ganze Symposium von Plato. der ein Netzwerk radi- kal privatisierter Infrastrukturen über die „Shel- ter“ stülpt. sondern als Netzwerk über ältere soziale Strukturen und lokale Realitäten stülpt. „Embassy“ wie „Shelter“ sind offen für Interpre- entwickelt und gruppiert? Was ist an dieser serer Praxis und verleiht selbst unseren theore. die nützliche Perspektiven von „drau- dellen. die wir in der sem Fall geht es auch um unsere Rolle als Planer. in dem Technologie voller Versprechungen war. die sich der Vielfalt möglicher Nutzungen der Modelle über die Transformation alltägli. was in Zukunft an ihre diniert. primitive Substitute für die grundlegenden rungen des Marktes entsprechen zu müssen. „Das Sym. wird ßen“ anbieten. Für Darstellungsform so wichtig? tischen Arbeiten eine taktile Qualität. schaft aus. die Sie für die Ausstellung bauen. auch für die Architekturpraxis im Allgemeinen. Und der „Transparent State“ erin. Workshops und anderen Events. engagierte Handlungsweisen wieder angeeignet documenta 14 auf dem Victoria-Platz Ihr Pro- Gesundheitswesen be- schäftigen. Palle Nielsens Installation „The Model“. „Die Fabrik der nutzlosen Objekte“ und Architekten wichtig ist. um zu werks im Umfeld des Platzes mit Hilfe von Dialo- Aber für uns ist die ökumenische Stadt auf ein überleben? Natürlich wollten wir in einer solchen gen. eines Ausschlusses aus – oder gar dem Kollaps Es geht um die Aufwertung eines lokalen Netz- nert in der Tat sehr an Doxiadis’ Ecumenopolis. stellungen der Besucher primär städtisch geprägt. Doxiadis und Takis Zenetos mit zeitge. technologisch. wenn sich der der zeitgenössischen Versi- zeit in Griechenland? Zum Beispiel zur Vision Sozialstaat zurückzieht? on eines viktorianischen Puppenhauses. menbringt. Als Ort der Infrastrukturnetzwerk und Maschinentechnolo. Lila Leontidous Kritik der Smart City. Wir haben Sommer lang Nachbarschaftsinitiativen koor- Vorstellung eines „elektronischen Urbanismus“. Aber in die. viktorianischen Puppenhauses. Letzteres spiegelt zum Beispiel die Struktur des „Transparent State“ wider. auf vielen Ebenen! Modellbau ist die Basis un. tationen und erlauben eine Vielzahl an Ideen. widmet. an dem wir Ausstellung zeigen. – der kapitalistischen Ordnung reagieren. Wie stehen Sie dazu? Aber unser Hauptanliegen ist politisch und nicht Stelle treten könnte: Wie würden Leute infolge Rick Lowes Projekt ist für uns sehr interessant. die durch sozial mit dem Essen und dem sehr in einem optimistischen Moment verharrte. Wir denken. außer Mitte von C. Factories und Ernährung. Rick Lowes documenta-Projekt. eines wissenschaftlichen Städtebaus. Wohnen in der Stadt Die Flüchtlingskrise in Eu- ropa betrifft die Wohnungsfrage auch in einem territorialen Sinn und wie die Unterkünfte über das ganze Land verteilt sind. Wir denken. Um ein paar zu nennen: Hannah Arendts Text „Wir Flüchtlinge“ und ihre These. solchen. die durch die neolibe. Rem Koolhaas’ „Exodus“. Kunstproduktion durch soziale Praxis ist diese gie reduziert worden. Augen handelt es sich bei diesen Themen um machen. vielleicht mit einer Graphic Novel. Diese Frage stellt sich rund um eine bewundernswerte Liebe zum Detail sicht. Pelin Tan und die „Silent University“. So haben wir die Modelle mit einem Ma. korrespondieren mit vier die sich in der alltäglichen Praxis politisch buch. Herausforderung und auch der Erfolg in der Ver- fast wie in einer zeitgenössischen Version eines mittlung zwischen wirklich lokalen Akteuren und Alltägliche Modelle In den farbigen Kartonmo. dass Modernität sich nicht homogen ausbreitet. wie er Fotos: AREA. dass der damalige Blick Ressourcen des Sozialstaats. Es geht dabei um eine Neubewertung cher Praktiken rückblickend auch Auswirkun- von alltäglichen Handlungsweisen im Sinne gen auf Ihre Arbeit als Architekten? Nächster Schritt Wird das Projekt fortgeführt? von Lefebvre. jekt befindet sich fast an derselben Stelle wie Foto: Kaye Geipel Die Idee des „Shelter“ und seine gegenwärtige sundheit – alles Gebiete. von C. Bruno La- tours Buch „Wir sind nie modern gewesen“ und seine Idee. Idee sehr nützlich. das für einen Relevanz beziehen sich definitiv auf Zenetos rale Austeritätspolitik bedroht sind. Themen: „Die Schule der Amateure. reichste Aspekt unseres Projekts. versucht uns vorzustellen. Gibt es Verbindungs- zungen bildet die Gesell. uns ist dieser Anreiz zur Spekulation der erfolg- Die vier Modelle der „Shelters“.2017 StadtBauwelt 214 THEMA 37 . werden: Bildung. Allerdings liegt für uns die irgendwo dazwischen gefangen blieb.