You are on page 1of 3

1

Johannes Tinctoris, Complexus effectuum musices (nach 1475)1
Quelle: Joanni Tinctoris Tractatus de musica, ed. E. de Coussemaker, Lille 1875.

Der Traktat ist der Prinzessin Beatrix von Aragon und Neapel gewidmet. Tinctoris beschreibt
darin, als Beweis für ihre himmlische Herkunft, die Macht, Schönheit und Göttlichkeit der
Musik, ihre ingentes ... admirabiles et ut ita dicam divinos effectus. Mit den effectus sind da-
bei nicht nur „Wirkungen“ der Musik im psychologischen Sinne gemeint, sondern ganz all-
gemein ihre Eigenschaften. Wir mustern diese zwanzig effectus der Reihe nach.
Effectus 1: Die Musik erfreut Gott (Musica Deum delectat). Jeder Künstler auf Erden wird
durch sein Werk erfreut; je vollkommener es ist, umso mehr. Um wie viel mehr Gott, der
keine Unvollkommenheit kennt. Die Musik ist jedoch die ars perfectissima, da Gott durch sie
am meisten ergötzt wird, gemäß Cant. Salom. 2.: Sonet vox tua dulcis in auribus meis. Mit
vox tua ist die Stimme der Braut aus dem Hohen Lied gemeint, die im Mittelalter als die Kir-
che verstanden wurde. In dieser Stimme der Kirche, der himmlischen wie der irdischen, liegt
der Gedanke des Lobgesangs beschlossen.
Effectus 2: Die Musik schmückt das Lob Gottes (Musica laudes Dei decorat). Im Himmel wird
Gott unaufhörlich Lob gesungen: Hinc in ecclesia triumphanti perpetuis Dei laudibus insisten-
tes eas quo magis decorentur cantare dicantur. Deshalb hat David für die Irdischen die
cantores begründet, die vor der Bundeslade sangen: Rex autem David, verae religionis cultor,
Dei laudes decorari cupiens, cantores instituit qui coram archa foederis illas decantarent.
Und ebenso verordnete er, daß das Lob Gottes ab omnibus variis instrumentis erklingen sol-
le. Nach seinem Vorbild begründete Ambrosius die christliche Kirchenmusik : Instar cujus
regis institutionis, Ambrosius primum in ecclesia militanti laudes Dei musica decorari ordina-
vit. Daraus resultiert die Vorrangstellung der geistlichen Musik noch heute: Quorum (der
Kantoren) tantum praestantius est officium, quantum Deus, cui cantando devote serviunt,
rebus caeteris praestat.
Effectus 3: Die Musik vergrößert die Freuden der Seligen (Musica gaudia beatorum ampli-
ficat). Der Zustand der Seligkeit ist vollkommen. Deshalb gehört die Musik mit ihrer Voll-
kommenheit und Schönheit zum himmlischen Leben der Seligen. Die musikalischen Instru-
mente bezeichnen die Glückseligkeit der Seligen: Quoniam felicitatem animorum beatorum
instrumenta musica significant. Tinctoris versteht die musizierenden Engel auf gemalten Bil-
dern als Hinweis auf die Freuden der Seligen: „Wenn die Maler die Freuden der Seligen be-
zeichnen wollen, dann malen sie Engel, die verschiedene Musikinstrumente spielen; das
würde die Kirche nicht erlauben, wenn sie nicht glaubte, daß durch die Musik die Freuden
der Seligen vergrößert würden“. (Pictores etiam quando beatorum gaudia designare volunt
angelos, diversa instrumenta musica concrepantes depingunt; quod quidem ecclesia non
permitteret, nisi gaudia beatorum musica amplificari crederet). Die musizierenden Engel in
der Malerei bedeuten für Tinctoris primär die Freuden der Seligen!
Effectus 4: Die Musik gleicht die streitende Kirche der triumphierenden an (Musica ecclesiam
militantem triumphanti assimilat). Dieser effectus ist eng mit dem zweiten verwandt, da er
vom Verhältnis der himmlischen und irdischen Liturgie handelt. Unter Berufung auf den hl.
Bernhard sagt Tinctoris, daß die Fröhlichkeit der Gott Lobenden den status caelestis

1
Zitiert nach: Reinhold Hammerstein, Die Musik der Engel. Untersuchungen zur Musikanschauung des Mittelal-
2
ters, Bern: Francke 1990, S. 139-142.

des Ausdrucks und Vertrags beurteilt werden. je mehr er ihre innere und äußere Natur erfaßt. Himmlische und irdische Liturgie treten so zueinander in Entsprechung. der den Geist durch die Süßigkeit seiner Harmonie zum Schauen der himmlischen Freuden (ad contemplationem gaudiorum supernorum) hin zu bewegen vermag. Effectus 14: Die Musik heilt die Kranken (Musica aegrotos sanat). die sich am Klang ergötzt. je erfahrener er in der Musik ist. Hier werden die bekannten Beispiele für die Wirkung der Musik auf den Kampfesmut er- zählt. Die äußere Natur ist die potentia auditiva. Beide zusam- men machen erst die vollkommene Kenntnis (perfecta cognitio) und damit die vollkommene Ergötzung (perfecta delectatio) aus: Perfectio igitur delectationis musicae consistit in eius perfecta cognitione. Für die Heilkraft der Musik werden Asklepios. Effectus 7: Die Musik vertreibt die Traurigkeit (Musica tristitiam depellit). aus Aristoteles und Quintilian. 2 habitationis repräsentiert. Effectus 9: Die Musik vertreibt den Teufel (Musica diabolum fugat). Effectus 16: Die Musik stachelt den Mut zum Kampfe an (Musica animos ad proelia incitat). Horaz. Effectus 15: Die Musik erleichtert die Mühen der Arbeit (Musica labores temperat). Statius und Vergil an. Sie hat beseligende. Der eine wird mehr. Zitate aus Quintilian und Vergil belegen diesen effectus. Tinctoris erwähnt hier den Jubilus. Sie richtet sich jedoch nicht wie früher auf kosmologi- sche Zusammenhänge. Das Singen in der Kirche soll erreichen. Avicenna und Galen angeführt. Effectus 6: Die Musik erweckt die Herzen zur Frömmigkeit (Musica animos ad pietatem excitat). sondern auf den innermusikalischen Werkbereich. durch die die Gesetze der Komposition. Als Beweis wird Davids Harfenspiel vor Saul angeführt. Mit Augustin erinnert ihn der geordnete Zusammenklang ver- schiedener Töne an die ideale Einheit des Gottesstaates: Diversorum sonorum rationabilis moderatusque concentus concordi varietate compacta bene ordinatae civitatis Dei insinuat unitatem. bei dem zur Praxis die geistige Durchdringung kommt. Tinctoris führt diesen effectus nicht weiter aus. Effectus 8: Die Musik löst die Härte des Herzens (Musica duritiam cordis resolvit). Effectus 13: Die Musik erfreut die Menschen (Musica hominis laetificat). Mit Beispielen aus der Schrift und aus Vergil wird diese Kraft der Musik belegt. Effectus 11: Die Musik erhebt den irdischen Geist (Musica terrenam mentem elevat). Effectus 12: Die Musik hält den bösen Willen zurück (Musica voluntatem malam revocat). Die innere Natur beruht auf der virtus intellectiva. Dafür folgen Beispiele aus dem Psalter. Effectus 5: Die Musik bereitet auf den Empfang der Segnung des Herrn vor (Musica ad susceptionem benedictionis domini praeparat). . Sie hat damit eine Art propädeutische Funk- tion. daß durch die Ergötzung der Ohren auch schwächere Geister zur Frömmigkeit gestimmt werden. Als Beispiel führt Tinctoris die Pythagoras-Legende von der Besänftigung der liebestollen Jüng- linge aus Cicero und Quintilian an. Für Tinctoris ist nur der ein vollkommener Musiker. verklärende Kraft. umso mehr. der andere weniger durch die Musik erfreut. Quintilian. Als Belege führt Tinctoris Stellen aus Augustinus. Effectus 10: Die Musik bewirkt die Ekstase (Musica exstasim causat). Thomas.

dann sind die Musiker dabei. ut vera quaedam imago supernorum gaudiorum esse videatur). wie der von Dunstaple. die Sänger. Tinctoris schließt mit dem Hinweis auf die jubilatio. die Tuba. – . Dazu bringt er Beispiele aus Horaz. Die Menschen werden durch den Gesang zur compunctio cordis geführt. Die sinnlich-erotische Wir- kung der Musik wird kurz besprochen. Trommler. illic tibicines. wie die Musiker in der alten Welt hoch- gehalten wurden. Tinctoris geht aus von dem Satz aus Eccl. illic tympanistae. die so schön zusammenklingen. Organis- ten. illic citharoedi. illic cantores. Er bringt Beispiele dafür. Da nun die Seelen durch die compunctio zur Seligkeit geführt werden. Busnois. Zum Schluß bringt er auch diese Eigen- schaft der Musik mit den himmlischen Freuden zusammen: „Wenn die Großen freigebig und feierlich speisen. Binchois. Vergil und Quintilian. Deshalb erhielt der Ge- sang auch Einlaß in die Kirche. eine ursächliche Rolle für die Selig- keit. Regis. die Citharisten. Effectus 20: Die Musik führt die Menschen zur Glückseligkeit (Musica animas beatificat). Effectus 19: Die Musik macht die in ihr Erfahrenen berühmt (Musica peritos in ea glorificat). Hier nähert sich Tinctoris renaissancistischem Denken in dem Doppelbezug auf die Antike und die stolze Gegenwart. 3 Effectus 17: Die Musik lockt die Liebe an (Musica amorem allicit). Caron. 32. so vermehrt eine schöne Melodie die Annehmlichkeit des Mahles“. Flötenbläser. quod genus musicorum adesse sentimus. spielt die Musik. Ockeghem. Effectus 18: Die Musik vermehrt die Annehmlichkeit des Mahles (Musica jocunditatem convivii augmentat). illic fistulae. illic organistae. Aber auch in seiner Zeit (nostro autem tempore) ist der Ruhm von Musi- kern weit in alle Welt gedrungen. Mouton. Carlerius. die dafür kennzeichnend sei. adeo melodiose concinentes. daß es ein wahres Abbild der himmlischen Freuden zu sein scheint“ (Magnatibus splendide ac solemniter epulantibus. Obrecht. die zu dieser compunctio führt. Dufay.7: „Wie ein Karfunkel den Glanz des Goldes. illic tubae. die Hirtenpfeifen.