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NATUR UND PRAXIS

AD ALFRED SCHMIDT
Prof. Dr. Stefan Gandler
(Universidad Autónoma de Querétaro/Universidad Nacional Autónoma de México)

Goethe-Universität Frankfurt/M., 25. Okt. 2017, 18 h
Campus Bockenheim, Studierendenhaus, Kommunikationszentrum (KOZ)

Der spezifisch erkenntnistheoretische Frageansatz des dialektischen Materialismus ergibt sich
daraus, dass Marx und Engels Hegels Kant-Kritik akzeptieren, ohne zugleich deren spekulative
Basis akzeptieren zu können. Mit Hegel behaupten sie die Erkennbarkeit des Wesens der
Erscheinungen, mit Kant (ohne sich freilich auf die Kritik der reinen Vernunft zu berufen) bestehen
sie auf der Nicht-Identität von Form und Materie, Subjekt und Objekt der Erkenntnis. Es kommt so
– obschon unausgesprochenermaßen – zu einer materialistischen Neuauflage der
Konstitutionsproblematik.
A. Schmidt, Beiträge zur marxistischen Erkenntnistheorie, Frankfurt/M. 1969

Für Alfred Schmidt sind grundlegende philosophische Fragestellungen diejenige nach dem
Verhältnis von Idealismus und (vormarxschem) Materialismus und diejenige nach dem letztlich
materialistischen Charakter einer Praxis-orientierten Marxinterpretation. Diese theoretischen
Problematiken hatten und haben auch insofern weit reichende Folgen, als in ihnen die
Gratwanderung begründet ist, die eine kritische marxistische Philosophie und Theorie permanent
wagen muss. Eine begriffliche Gratwanderung, der diese philosophische Richtung ihren Reiz und
ihre Bedeutung zu einem wichtigen Teil schuldet, die aber zugleich auch ein innerphilosophischer
Grund ist, warum diese theoretische Strömung im politischen Kontext auf wenig Gegenliebe stößt.

Unter bürgerlichen Denkern oder Akteuren wurde sie weiland gerne mit dem Verdacht belegt, mit
dunklen Mächten der Sowjetunion im Bunde zu stehen, ein Vorwurf, der auch nach ihrer
Abwicklung noch Anhänger findet. Unter marxistischen Theoretikern oder Aktivisten hingegen
erregte diese theoretische Strömung, die als westlicher Marxismus bekannt wurde, zu oft den
Argwohn, sie könne eine bürgerliche Aufweichung der marxistischen Kritik an den herrschenden
kapitalistischen Produktions- und bürgerlichen Gesellschaftsverhältnissen enthalten.

Alfred Schmidt ist einer derjenigen Sozialphilosophen, der schon lange vor dem Ende der
Sowjetunion an einer undogmatischen Marxinterpretation arbeitete und nach der Beendigung des
realsozialistischen Experiments die eigene philosophische Produktion aus jener Zeit nicht vergessen
machen wollte, so im Vorwort von 1994 zu seiner unter Horkheimer/Adorno 1960 vorgelegten
Dissertation: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx.