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Polen – Nachbar, Partner und Freund im Osten. Die deutsch-polnischen Beziehungen seit 1989 Bewährte Partnerschaften mit Potential – Die Beziehungen Deutschlands zu Tschechien und der Slowakei

Stephan Georg Raabe

Hubert Gehring / Tomislav Delinić / Andrea Zeller

Andreas M. Klein / Gesine Herrmann

Die Beziehungen Deutschlands zu den baltischen Ländern seit der Wiedervereinigung

Jörg Wolff / Laura-Theresa Jaspers

Über die Befindlichkeiten des deutsch-französischen Paares zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung

Claudia Crawford

Die Beziehungen zwischen Großbritannien und dem wiedervereinigten Deutschland Union für das Mittelmeer – Realitäten anerkennen und Chancen nutzen! Die Philippinen nach den Wahlen vom 10. Mai 2010 Vom Uribismo zur Unidad Nacional – Kolumbien nach den Kongress- und Präsidentschaftswahlen

Gerrit F. Schlomach

Peter Köppinger

Stefan Jost

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ISSN 0177-7521 Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. 26. Jahrgang Tiergartenstraße 35 D-10785 Berlin Telefon (030) 2 69 96-33 83 Telefax (030) 2 69 96-35 63 Internet: http://www.kas.de http://www.kas.de/auslandsinformationen E-Mail: stefan.burgdoerfer@kas.de Bankverbindung: Commerzbank AG Filiale Bonn, Kto.-Nr. 110 63 43, BLZ 380 400 07 Herausgeber: Dr. Gerhard Wahlers Redaktion: Frank Spengler Hans-Hartwig Blomeier Dr. Stefan Friedrich Jens Paulus Dr. Hardy Ostry Dr. Helmut Reifeld Verantwortliche Redakteure: Stefan Burgdörfer Gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Bezugsbedingungen: Die KAS-Auslandsinformationen erscheinen zwölfmal im Jahr. Der Bezugspreis für zwölf Hefte beträgt 50,– € zzgl. Porto. Einzelheft 5,– €. Schüler und Studenten erhalten einen Sonderrabatt. Die Bezugsdauer verlängert sich jeweils um ein Jahr, sofern das Abonnement nicht bis zum 15. November eines Jahres schriftlich abbestellt wird. Bestellungen: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (obige Anschrift) Das Copyright für die Beiträge liegt bei den KAS-Auslandsinformationen. Gestaltung: SWITSCH KommunikationsDesign, Köln Satz: racken, Berlin

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4 | EDITORIAL 7 | POLEN – NACHBAR, PARTNER UND FREUND IM OSTEN. DIE DEUTSCH-POLNISCHEN BEZIEHUNGEN SEIT 1989

Stephan Georg Raabe
34 | BEWÄHRTE PARTNERSCHAFTEN MIT POTENTIAL –  DIE BEZIEHUNGEN DEUTSCHLANDS ZU TSCHECHIEN  UND DER SLOWAKEI

Hubert Gehring / Tomislav Delinić / Andrea Zeller
65 | DIE BEZIEHUNGEN DEUTSCHLANDS ZU DEN BALTISCHEN LÄNDERN SEIT DER WIEDERVEREINIGUNG

Andreas M. Klein / Gesine Herrmann
81 | ÜBER DIE BEFINDLICHKEITEN DES DEUTSCHFRANZÖSISCHEN PAARES ZWEI JAHRZEHNTE NACH DER WIEDERVEREINIGUNG

Jörg Wolff / Laura-Theresa Jaspers
101 | DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN GROSSBRITANNIEN  UND DEM WIEDERVEREINIGTEN DEUTSCHLAND

Claudia Crawford
117 | UNION FÜR DAS MITTELMEER – REALITÄTEN  ANERKENNEN UND CHANCEN NUTZEN!

Gerrit F. Schlomach
135 | DIE PHILIPPINEN NACH DEN WAHLEN VOM  10. MAI 2010

Peter Köppinger
154 | VOM URIBISMO ZUR UNIDAD NACIONAL –  KOLUMBIEN NACH DEN KONGRESS- UND  PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

Stefan Jost

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EDITORIAL
Liebe Leserinnen und Leser, zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer ist Deutschland  umgeben  von  Freunden.  Die  Wiedervereinigung  ist  eine  Erfolgsgeschichte  –  nicht  nur  eine  nationale,  sondern  eine  europäische.  Die  Beziehungen  des  wiedervereinten  Deutschlands zu seinen Nachbarn sind vertrauensvoll, die  Rolle  der  Bundesrepublik  als  europäischer  Partner  wird  ausgesprochen  positiv  bewertet.  Nach  Jahrhunderten  kriegerischer Auseinandersetzungen und zwei Weltkriegen  hat  das  europäische  Projekt  Demokratie,  Wohlstand  und  Sicherheit  gebracht.  Die  Wiedervereinigung  Deutschlands  hat diesen Prozess nicht gestört oder aufgehalten, sondern  vorangebracht.  Gegenteilige  Befürchtungen  einzelner  europäischer  Partner,  aber  auch  im  eigenen  Land,  haben  sich nicht bewahrheitet. In  diesem und  dem vergangenen Jahr wurden in  zahlreichen  Veranstaltungen  bundesweit  die  Jubiläen  von  Freiheit  und  Einheit  begangen:  60  Jahre  Bundesrepublik,  20  Jahre  Wiedervereinigung.  Dabei  war  der  Blick  vor  allem  nach innen gerichtet. Die Deutschen haben eine nationale  Erfolgsgeschichte  gefeiert.  Die  Wiedervereinigung  war  jedoch  ebenso  ein  internationales  Ereignis.  Sie  markierte  das Ende der bipolaren Weltordnung mit den USA auf der  einen und Russland auf der anderen Seite. Im ungarischen  Sopron  an  der  österreichischen  Grenze  öffnete  sich  erstmals der Eiserne Vorhang. Die Ausreise einer großen Zahl  von  DDR-Bürgern  über  die  Nachbarländer  Polen,  Tschechien und Ungarn brachte schließlich das Grenzregime zum  Kollabieren. Mit  der  deutschen  Wiedervereinigung  begann  ein  neues  Kapitel in der deutschen Außenpolitik. Die Beziehungen zu  den  Nachbarstaaten,  die  vielfach  ebenfalls  inmitten  von  Transformationsprozessen waren, haben sich hervorragend  entwickelt.  Die  Überwindung  sozialistischer  Strukturen,  eine Eingliederung in die Strukturen der NATO, schließlich 

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die Aufnahme in die Europäische Union – diesen Weg der  östlichen Nachbarn begleitete Deutschland in den vergangenen 20 Jahren. Mit ihnen, aber auch mit den bewährten  Partnern  in  der  Europäischen  Union,  gestaltete  Deutschland in partnerschaftlicher Weise die Zukunft Europas. Die  Ratifizierung des Vertrags von Lissabon hat diese Erfolgsgeschichte fortgesetzt. Es  waren  die  Christdemokraten,  die  auf  eine  baldige  Wiedervereinigung  gedrängt  haben.  Die  Bundesregierung  nutzte  entschlossen  die  sich  bietenden  Möglichkeiten.  Rückblickend hat sie Recht behalten. Deutschland ist nicht  in Nationalismus zurückgefallen. Bei der Fußballweltmeisterschaft  im  eigenen  Land,  aber  auch  kürzlich  während  des  Turniers  in  Südafrika  ist  internationalen  Gästen  und  Beobachtern ein neuer deutscher Patriotismus begegnet –  sympathisch,  nie  abschätzig  gegenüber  anderen  Nationen  und  fähig,  Bevölkerungsgruppen  unterschiedlicher  Herkunft zu integrieren. Zeitungskommentare  und  politische  Statements  zeigen:  Die  europäischen  Nachbarn  fürchten  heute  keineswegs,  Deutschland  könne  zu  mächtig  werden.  Stattdessen  wird  gefordert,  dass  die  Bundesrepublik  ihr  Gewicht  bei  der  Lösung  europäischer  Probleme  noch  stärker  einbringt.  So  wird  auch  die  positive  wirtschaftliche  Entwicklung  Deutschlands  im  europäischen  Ausland  überwiegend  begrüßt,  wie  eine  aktuelle  Studie  der  Konrad-AdenauerStiftung  zeigt  (Der Blick von außen,  http://www.kas.de/ wf/de/33.20195/).  Nachrichten  über  den  deutschen  Auf-  schwung  und  die  sinkenden  Arbeitslosenzahlen  wecken  Hoffnung  auf  eine  positive  Entwicklung  im  eigenen  Land.  Dieser Aufschwung zeigt: Die Soziale Marktwirtschaft hat  sich  bewährt.  Politik  und  Sozialpartner  haben  verantwortlich  gehandelt.  Konjunkturprogramme,  DeutschlandFonds, Kurzarbeitergeld, Zeitarbeit und Lohnzurückhaltung 

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haben ihre Wirkung gezeigt. Die Europäische Union sollte  sich für die Aufgabe, die Märkte und Haushalte wieder ins  Gleichgewicht  zu  bringen  und  Grundlagen  für  nachhaltiges Wachstum zu legen, die Soziale Marktwirtschaft zum  Vorbild  nehmen.  Sie  hat  zur  deutschen  Erfolgsgeschichte  beigetragen und ebenso zur europäischen. Vor 60 Jahren  haben Christdemokraten mit ihr ein Ordnungsmodell etabliert, das „Wohlstand für alle‟ schafft und soziale Sicherheit  gewährleistet.

Dr. Gerhard Wahlers Stellvertretender Generalsekretär

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POLEN – NAcHBAR, PARTNER UND FREUND IM OSTEN.
DIE DEUTScH-POLNIScHEN BEzIEHUNGEN SEIT 1989

Stephan Georg Raabe

Adam  Michnik,  der  ehemalige  Solidarność-Vorkämpfer  und  Herausgeber  der  liberalen  Gazeta  Wyborcza,  der  größten Tageszeitung Polens, kommentierte den Ausgang  der  jüngsten  polnischen  Präsidentenwahlen  vom  4.  Juli  2010  mit  den  Worten,  er  freue  sich,  denn  Polen  sei  nun  „das  feindliche  Gespenst  der  IV.  Republik‟  losgeworden.1  In der Tat: Mit dem Wahlsieg von Bronisław Komorowski,  dem  Kandidaten  der  liberal-konservativen  „Bürgerplattform‟ (Platforma Obywatelska, PO), über seinen nationalkonservativen  Konkurrenten  Jarosław  Kaczyński,  den  Vorsitzenden  der  größten  Oppositionspartei  „Recht  und  Gerechtigkeit‟  (Prawo i Sprawiedliwość,  PiS)  ist  zunächst  einmal das politische Reformprojekt der „IV. Republik‟ ad  acta gelegt worden.

Stephan Georg Raabe  ist Auslandsmitarbeiter  der Konrad-AdenauerStiftung in Warschau.

1 |                                 

Adam Michnik: Polacy wybrali politykę racjonalną i opartą  na przekonaniu, że Polska jest dla wszystkich (Die Polen  wählten eine rationale Politik auf die Überzeugung gestützt,  dass Polen für alle Polen da ist), in: Gazeta Wyborcza vom  05.07.2010, 5. Die Erste Republik war die Adelsrepublik mit  der ersten modernen Verfassung in Europa überhaupt vom  3. Mai 1791, die nach der dritten polnischen Teilung durch  Preußen, Österreich und Russland aufgelöst wurde. Die  Zweite Polnische Republik bezeichnet die Geschichte Polens  von 1918 bis 1939 in der Zwischenkriegszeit, wobei es seit  dem Putsch Józef Piłsudskis im Mai 1926 eine autoritäre  Herrschaft in Polen gab. Als III. Republik wird die Zeit nach  der friedlichen Revolution 1989/90 betitelt. Vgl. dazu  Stephan Georg Raabe, „Geschichte und ihre Interpretation. Zum Verfassungstag in Polen‟, Länderbericht der KonradAdenauer-Stiftung, Auslandsbüro Polen vom 04.05.2010;  einen guten Überblick gibt Manfred Alexander, Kleine Geschichte Polens, (Bonn: Bundeszentrale für politische  Bildung, 2005).

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DAS GESPENST DER IV. REPUBLIK

Die  grundlegende  politische  Veränderung  Polens  hatte  mit  dem doppelten Sieg der Kaczyńskis bei den Parlaments- und  Präsidentschaftswahlen  im  Herbst  2005  nach  vier  Jahren  postkommunistischer  Linksregierung  begonnen.  Damals  wurde  zunächst  die  PiS  mit  27  Prozent  stärkste  Partei  im  polnischen Parlament. Wenig später gewann Lech Kaczyński  mit  54  zu  46  Prozent  gegen  den  lange  Zeit  führenden  PO-Vorsitzenden  Donald  Tusk  die  Präsidentschaftswahlen.  Schließlich  bildete  die  PiS  entgegen  der  weit  verbreiteten  Erwartung keine Koalition mit der PO, sondern eine Minderheitsregierung und später ein formelles Regierungsbündnis  mit  der  linkspopulistischen  „Selbstverteidigung‟  und  der  rechtspopulistischen „Liga der Polnischen Familien‟. Zwar  war  schon  bald  nach  1989  sowohl  das  Lager  der  Solidarność  wie  auch  die  ehemalige  kommunistische  Koalition  in  rivalisierende  Gruppen  zerfallen,  aber  der  polnischen  Gesellschaft  blieb  doch  aufs  Ganze  gesehen  die  Teilung  bestehen.  Sie  verlief  zwischen  denjenigen,  die  eher  zur  Nomenklatura  des  alten  Systems 
Die grundlegende politische Veränderung Polens hatte mit dem doppelten Sieg der Kaczyńskis bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Herbst 2005 nach vier Jahren postkommunistischer Linksregierung begonnen.

gehört  hatten,  und  jenen,  die  eher  mit  der  Solidarność gegen dieses System aufbegehrt  hatten,  und  zwischen  deren  Nachfahren.  Dies  zeigte  sich  in  den  wechselnden  Regierungsmehrheiten:  1989  bis  1993  regierten  zunächst  die  Solidarność-Kräfte,  dann  bis 

1997  bereits  die  postkommunistischen  Linken,  bis  2001  wieder  das  Wahlbündnis  Solidarność  unter  Premier  Jerzy  Buzek,  welches  erneut  von  einer  linken  Mehrheit  abgelöst  wurde,  die  schließlich  2005  wiederum  durch  eine  Mehrheit  der beiden aus der Solidarność-Bewegung hervorgegangen,  erst 2001 gegründeten Parteien PO und PiS ersetzt wurde.  Einen  zweiten  ähnlichen  politischen  Strang  bildeten  die  Präsidentschaften:  Zunächst  sicherte  der  Militärdiktator  General  Wojciech  Jaruzelski  1989  die  Macht  der  Kommunisten.  Erst  Ende  1990  folgte  der  Solidarność-Führer  Lech  Wałęsa  als  erster  frei  gewählter  Staatspräsident.  Doch  bereits  1995  gewann  der  mit  41  Jahren  noch  junge  Postkommunist  Aleksander  Kwaśniewski,  der  ähnlich  wie  Egon  Krenz  in  der  DDR  in  kommunistischer  Zeit  für  die  Jugend  zuständig  war  und  von  Jaruzelski  gefördert  wurde,  gegen   

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den Solidarność-Heroen Wałęsa die Präsidentschaftswahl.  Erst nach zwei Amtszeiten wurde Kwaśniewski Ende 2005  im  Zuge  der  damaligen  konservativen  Wende  von  Lech  Kaczyński abgelöst. Die „IV. Republik‟ der Kaczyński-Brüder spaltete ab 2005 das  Land in neuer Weise. In einem wahren Gerechtigkeitsfuror  sollte  Polen  gereinigt  werden  von  postkommunistischen  Hinterlassenschaften  und  Korruption.  Mit  den  Kommunisten  und  Wendeprofiteuren  wollte  man  jetzt  endlich  genauso  abrechnen,  wie  mit  den  ehemaligen  Besatzern,  den Deutschen und Russen. Mit dem NATO-Beitritt im März  1999  und  dem  EU-Beitritt  im  Mai  2004  hatte  Polen  sein  außenpolitisches Hauptziel, die vollständige Integration in  die militärischen und politischen Institutionen des Westens,  erreicht.  Nun  galt  es,  die  polnischen  Interessen  unüberhörbar zur Geltung zu bringen. Nation und nationale Solidarität,  starker  Staat,  Recht  und  Ordnung,  Souveränität,  Geschichtspolitik,  regionale  Führung  in  Mitteleuropa  und  gleiche  Augenhöhe  mit  dem  westlichen  Nachbarn  waren  nun die Leitworte. Längst überholt geglaubte  Gedanken  aus  der  Zwischenkriegszeit  von  Die „IV. Republik‟ der Kaczyńskider  national-konservativen  Endecja  Roman  Brüder spaltete ab 2005 das Land. In Dmowskis,  die  einen  homogenen  katholieinem wahren Gerechtigkeitsfuror sollte Polen gereinigt werden von schen  Ein-Volk-Staat  anstrebte,  von  Polen  postkommunistischen Hinterlassenschaften und Korruption.

als Führungsmacht in einem „Dritten Europa‟  zwischen  Deutschland  und  Russland  oder 

von der Politik als Unterscheidung von Freund und Feind in  Anlehnung an den katholischen deutschen Staatsrechtlers  Carl Schmitt traten wieder hervor. Zwar gab es genügend  Anlass  für  grundlegende  Reformen.  Aber  diese  politische  Einstellung  polarisierte  genauso  wie  der  rabiate  Stil,  mit  der  die  Sanierung  (sanacja)  und  die  neuen  Ambitionen  verwirklicht  werden  sollten.  Die  Kaczyńskis  verstanden  Politik  als  andauernden  Kampf  und  Konfrontation.  Innenpolitisch wurde die Antikorruptionsbehörde CBA (Centralne  Biuro  Antykorupcyjne)  zu  einem  wichtigen  Instrument.  Politische  Gegner,  unliebsame  Kritiker  und  selbst  Regierungsmitglieder  wurden  bespitzelt  und  öffentlichkeitswirksam  verhaftet,  so  wie  der  entlassene  Innenminister  Janusz  Kaczmarek.  Im  Fernsehen  erschienen  regelmäßig  wackelige  Bilder  von  maskierten  Spezialeinheiten,  die  die  Opfer  der  „Säuberung‟  abführten.  Nach  kaum  mehr   

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als  einem  Jahr,  im  Sommer  2007,  brach  schließlich  die  rechtspopulistische Regierung in abgrundtiefem Misstrauen    auseinander.2 Europa-  und  außenpolitisch  manövrierten  die  Kaczyńskis  und die PiS Polen mehr und mehr an den Rand, weil auch  hier  die  Durchsetzung  eigener  nationaler 
Die Kaczyńskis verstanden Politik als andauernden Kampf und Konfrontation. Politische Gegner, unliebsame Kritiker und selbst Regierungsmitglieder wurden bespitzelt und öffentlichkeitswirksam verhaftet.

Interessen  Vorrang  hatte  vor  konstruktiver  Kooperation  und  geduldigem  prozessualen  Ausgleich. Während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft  im  ersten  Halbjahr  2007  erreichte  diese  Art  von  Politik  einen  Höhe-

punkt  in  der  Auseinandersetzung  um  die  nationale  Stimmengewichtung im Europäischen Rat („Quadratwurzel oder  Tod‟).  Der  Streit  konnte  nur  mit  größter  Mühe  und  unter  gehörigem  politischem  Druck  in  letzter  Minute  beigelegt  werden.  In  der  Frankfurter Allgemeinen Zeitung  hieß  es  nachdenklich: Es ist „der Dämon einer anderen, vergangen  geglaubten  Zeit,  dessen  giftiger  Atem  da  plötzlich  durch  Europa  streicht‟.3  Die  Kaczyńskis  und  ihre  Gefolgschaft  begegneten  Deutschland  mit  blankem  Misstrauen,  was  in  Deutschland, das nach 1989 als verlässlicher Fürsprecher  für Polen aufgetreten war, Unverständnis hervorrief. Neues  Hegemoniestreben, Geschichtsfälschung, Missachtung der  polnischen Interessen und anderes mehr wurde jetzt dem  deutschen  Nachbarn  vorgeworfen.  Da  half  es  nur  wenig,  dass die etwa zeitgleich mit den Kaczyńskis an die Regierung gelangte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine intensive,  gleichwohl  rücksichtsvolle  Kontaktpflege  mit  Polens  Regierung und Präsidenten betrieb. Verschiedene Faktoren  erschwerten  oder  blockierten  sogar  ein  gedeihliches  und  partnerschaftliches Miteinander und ließen die politischen  Beziehungen  erstarren:  Der  „Steinbach-Komplex‟4,  der  Streit  um  das  Gedenken  an  die  Vertreibung  in  Deutschland, oder wie man jetzt in Polen wieder „politisch korrekt‟  sagte, an die „Aussiedlung‟, der häufig wiederholte Vorwurf,  „die  Deutschen‟  stilisierten  sich  von  „Tätern  zu  Opfern‟,  die  unsägliche  Diskussion  um  vermeintliche  Restitutions- 
2 |  Vgl. Stephan Georg Raabe, Polen – Politische Chronik 2007. Länderbericht (Konrad-Adenauer-Stiftung, Auslandsbüro    Polen vom 28.01.2008). 3 |  Vgl. ebd. 4 |  Vgl. Stephan Georg Raabe, Im Antlitz der Geschichte. Tiefere Ursachen und Lösungsansätze des Streits um Erika Steinbach, Länderbericht (KAS, Auslandsbüro Polen vom   25.03.2009).

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ansprüche  einer  so  genannten  „Preußischen  Treuhand‟5  und  um  Entschädigungsforderungen  Polens  als  Reaktion  darauf,  das  an  Polen  vorbei  geplante  russisch-deutsche  Joint Venture Ostsee-Gaspipeline6, der Streit um den europäischen  Verfassungsvertrag  und  den  Einfluss  in  der  EU  und  die  Diskussion  um  die  Stationierung  von  Elementen  der  US-Raketenabwehr  in  Polen.  Die  Kommunikation  auf  politischer  Ebene  war  gestört,  und  die  Medien  multiplizierten diese Störung.7 Politisch hatte in Polen von Neuem  das  Misstrauen  gegenüber  Deutschland  die  Oberhand  gewonnen.8 Der  polnische  Publizist  Adam  Krzemiński  Neues Hegemoniestreben, Geschichtsbemerkte  2006  zu  Recht,  mit  Jarosław  fälschung, Missachtung der polnischen
Interessen und anderes mehr wurde

Kaczyński regiere „der erste Zornige der IV.  jetzt dem deutschen Nachbarn vorgeRepublik‟.9 Denn diese Republik gewann ihre  worfen. Motivation  gerade  aus  einer  Art  von  „ZornAufladung‟  gegen  die  „III.  Republik‟  und  deren  Krankheiten  wie  Korruption,  Ineffizienz  und  soziale  und  historische  Ungerechtigkeit.10  Sie  manifestierte  sich  alsbald  bei den „ehrgeizigen und empörungsstarken Akteuren‟ in  einer „Politik der Ungeduld‟11, in der Forderung nach Recht  und  Ordnung,  nach  Anerkennung  der  bisher  sozial  und   
5 |  Vgl. Stephan Georg Raabe, „Restitutionsansprüche abgewie  sen. Ursache und Genese eines politischen Konfliktes‟, in:    Die Politische Meinung, 11 (2008), 65-69; ders.: „Die Klagen    der ‚Preußischen Treuhand‛. Zwischen politischer Hysterie    und rechtlichen Fragen‟, in: Die Politische Meinung, 5 (2007)  69-73.   6 |  Vgl. Stephan Georg Raabe, „Der Streit um die Ostsee-Gas  pipeline. Bedrohung oder notwendiges Versorgungsprojekt?‟,    in: KAS Auslandsinformationen 2/2009, 67-94. 7 |  Vgl. Beata Ociepka, Agnieszka Łada, Jarosław Ćwiek-Karpowicz:    „Die Europapolitik Warschaus und Berlins in der deutschen  und polnischen Presse.‟ Forschungsbericht hrsg. vom Institut    für Öffentliche Angelegenheiten Warschau mit Unterstützung      der Konrad-Adenauer-Stiftung, Warschau 2008. 8 |  Vgl. Stephan Georg Raabe: „Schwierige Nachbarschaft.    Aktuelle Entwicklungen und Probleme in den deutsch  polnischen Beziehungen‟, Vortrag vor der Jahrestagung 2007  des Landesverbandes Bayern der Deutschen Vereinigung für    Politische Bildung: http://www.kas.de/proj/home/pub/48/1/     year-2008/dokument_id-12727/index.html; ders.: „Poten  zielle Stabilität. Polen nach dem Ende der IV. Republik‟,    in: KAS Auslandsinformationen 6/2008, 27-40.  9 |  Adam Krzemiński: „Tiefe Risse in der Demokratie‟, in:    Internationale Politik 5/2006, 23-29, hier 24. 10 | Vgl. Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer    Versuch, Frankfurt am Main 2006, 61-73: Die postkommunistische Situation, hier 66 f. 11 | Sloterdijk, a.a.O. 71 f. 

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h   istorisch  hinten  Anstehenden,  nach  sozialer  Gerechtigkeit und Durchsetzung der nationalen Interessen. Die „IV.  Republik‟, aber auch die jüngste Präsidentenwahl, zeigen  die  Spaltung  Polens  geografisch  wie  soziologisch  in  den  wohlhabenderen  Westen  und  den  ärmeren  Osten,  die  Stadt- und die Landbevölkerung, die Gebildeteren und die  weniger  Gebildeten,  die  Jüngeren  und  die  Älteren.  Diese  Spaltung  lässt  sich  bei  allen  Wahlen  seit  2005  deutlich  beobachten.  Während  die  einen  die  eher  ausgleichenden  Liberalen  oder  Linken  wählen,  stimmen  die  anderen  für  die Zorn-Fraktionen nationaler oder populistischer Ausprägung, wobei rund die Hälfte der Wahlberechtigten gewöhnlich  sowieso  der  Wahl  fernbleibt.12  Aber  eine  politische  Kultur des Zornes schlägt leicht in Hass um und vergiftet  die Gesellschaft. Im  Verhältnis  zu  Deutschland  strebt  Polen  nach  Beachtung, Rücksichtnahme, Anerkennung, Gleichberechtigung,  Wertschätzung, eben nach „gleicher Augenhöhe‟ trotz der  selbstverständlich  vorhandenen  und  oftmals  fast  schon  rituell  angeführten  Asymmetrien,  UngleichDie „IV. Republik“ zeigte die Spaltung Polens in den wohlhabenderen Westen und den ärmeren Osten, die Stadt- und die Landbevölkerung, die Gebildeteren und die weniger Gebildeten, die Jüngeren und die Älteren.

gewichte,  des  wirtschaftlichen  Niveauunterschiedes  zwischen  beiden  Ländern  und  ihrer  ungleichzeitigen  Entwicklung.  Hier  wirkt  sich  sozialpsychologisch  die  Longue durée  (Fernand  Braudel),  die  lange  Dauer 

geschichtlicher Erfahrung eines Landes aus, das sich stolz  an die Piastenzeit im Mittelalter und das polnisch-litauische  Großreich  in  der  frühen  Neuzeit  erinnert,  Ende  des  18.  Jahrhunderts jedoch Objekt der Politik der aufstrebenden  Teilungsmächte Russland, Preußen und Österreich wurde,  für 123 Jahre von der Landkarte verschwand und kulturell  unterdrückt wurde. Bereits 21 Jahre nach dem Wiedererstehen 1918 wurde Polen erneut Opfer seiner großen Nachbarn Deutschland und Sowjetrussland. Es wurde jetzt aber  nicht nur geteilt und besetzt, sondern in seiner physischen  Existenz bedroht und ausgebeutet. Die deutschen Besatzer  demütigten  die  Polen  als  „slawische  Untermenschen‟.    Obgleich  sie  im  Zweiten  Weltkrieg  aufopferungsvoll  auf 
12 | Vgl. dazu aktuell die Länderberichte des Auslandbüros Polen    der Konrad-Adenauer-Stiftung zu den jüngsten Präsidenten  wahlen, „Bronisław Komorowski vierter Präsident der III.    Republik Polens‟ (05.07.2010); „Kopf an Kopf‟ (02.07.2010)   und insbesondere „Polen: Nach der Wahl ist vor der Wahl‟    (22.06.2010). 

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Seiten der Alliierten und im Untergrund kämpften, erhielten  die Polen nach dem Kriege aber nicht ihre Freiheit, sondern  fielen unter sowjetrussische Herrschaft. Das  Land und mit ihm die Bevölkerungen wurden  Die Geschichte prägt den ambivalennun  auf  der  Landkarte  um  150  Kilometer  ten Blick auf den deutschen Nachbarn,
in dem sich nicht selten vorsichtige

nach Westen verschoben. Erst 1989/90 ging  Skepsis mit Bewunderung, manchmal diese  zweifache  Nachkriegszeit  des  Ersten  aber auch mit Neid und Missgunst und Zweiten Weltkrieges mit ihren Kämpfen  für Polen zu Ende. Erst jetzt konnte sich das  Land endlich an den keineswegs leichten Transformations-  und  Aufholprozess  machen  und  die  Lösung  der  grundlegenden Dilemmata der polnischen Politik angehen.13 Diese Geschichte, die man in Polen bis heute nicht so recht  aufarbeiten konnte, prägt die nationale Psyche und ebenso  den  ambivalenten  Blick  auf  den  deutschen  Nachbarn,  in  dem  sich  nicht  selten  vorsichtige  Skepsis  mit  Bewunderung, manchmal aber auch mit Neid und Missgunst paart,  nationaler Stolz mit Minderwertigkeitskomplexen. Es wäre  jedoch  falsch,  die  mit  der  „IV.  Republik‟  verbundenen  Krisenphänomene in den deutsch-polnischen Beziehungen  allein auf die „Zorn-Aufladung‟ unter den Kaczyńskis und  damit  auf  die  national-konservative  Wende  in  der  polnischen Politik im Jahre 2005 zurückzuführen. Diese Wende  verschärfte nur die seit geraumer Zeit schon vorhandenen  Spannungen und Turbulenzen. 
DIE GENESE DER BEzIEHUNGEN NAcH 1989
paart.

Blicken wir noch einmal zurück: In den Zeiten des Kalten  Krieges  wurde  die  deutsch-polnische  „Versöhnung‟  zu  einem  Schlüssel,  um  die  weltanschaulich  zementierte  politische Teilung zu überwinden. Versöhnung bezieht sich  auf gemeinsame Werte, die Menschen und Gesellschaften  verbinden.  Nicht  zufällig  waren  die  Kirchen  eine  wichtige  Quelle  dieser  Versöhnungsarbeit.  Von  ihnen  kamen  die  ersten Anstöße für den deutsch-polnischen Dialog.14 Mit der 
13 | Vgl. Władysław Bartoszewski, Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Herrschaft (Bonn: Deutscher Bundestag 28.04.1995)  14 | Vgl. Stephan Georg Raabe, „Die Kirchen als Katalysatoren    der Versöhnung‟, in: Elżbieta Opiłowska, Krzysztof Ruchniewicz,    Marek Zybura (Hrsg.), ‚Das Friedenszeichen von Kreisau‛ und ‚Der Händedruck von Verdun‛. Wege zur deutsch-polnischen und deutsch-französischen Versöhnung und ihre Symbole im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaften (i.A. der Stiftung 

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politischen Überwindung der europäischen Teilung und der  Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Versöhnungsprozess fortgesetzt durch die Beseitigung der Gegensätze  und  Konflikte,  die  es  auf  der  politisch-rechtlichen  Ebene  gab.15 Der Vertrag zwischen dem wiedervereinigten Deutschland  und  der  Republik  Polen  vom  14.  November  1990  bestätigte die zwischen ihnen bestehende Grenze 
Nicht zufällig waren die Kirchen eine wichtige Quelle der Versöhnungsarbeit. Von ihnen kamen die ersten Anstöße für den deutsch-polnischen Dialog.

und räumte damit das Hauptproblem in den  deutsch-polnischen  Beziehungen  aus.  Der  anschließende  Vertrag  „über  gute  Nachbarschaft  und  freundschaftliche  Zusammen- 

arbeit‟  vom  17.  Juni  1991,  dessen  20.  Jahrestag  2011    ansteht, legte die Grundlage für die strategische Partner-  schaft  der  kommenden  Jahre.16  Auf  der  Grundlage  eines  umfangreichen Maßnahmenkataloges, der in dem Vertrag    beschrieben  wurde,  entwickelten  sich  die  deutsch-polnischen  Beziehungen  in  den  neunziger  Jahren  positiv  im    Sinne einer „Werte- und Interessengemeinschaft‟. Rechts-  staatlichkeit, demokratische Freiheit, soziale Gerechtigkeit    in der Marktwirtschaft, Solidarität für Frieden und Entwicklung  waren  wichtige  gemeinsame  Grundwerte.  Die  Überwindung  der  Ordnung  von  Jalta,  die  Gestaltung  einer  neuen freiheitlichen Friedensordnung und die euro  äische  p Vereinigung waren zentrale gemeinsame Inte  essen. r Allerdings  waren  Fragen  der  Staatsangehörigkeit  und  Vermögensfragen  im  Nachbarschaftsvertrag,  worauf  ein  Briefwechsel  zum  Vertrag  hinweist,  ausdrücklich  ausgespart  worden.17  Wie  sich  zeigen  sollte,  blieben  die  sich  aus  der  Kriegs-  und  Nachkriegszeit  ergebenden  Themen 
  Kreisau, des Willy-Brand-Zentrums der Universität Breslau    und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen), Wrocław 2009,  53-86 (liegt ebenso auf polnisch vor).   15 | Zum Zusammenhang von Versöhnung und Interessengemein  schaft vgl. Witold Góralski, „The Polish-German Community  of Interests. Origins – Achievements – Threats‟ in: ders.      (Hrsg.), Poland-Germany 1945-2007. From Confrontation to Cooperation and Partnership in Europe. Studies and Documents. Polish Institute of International Affairs, Warsaw 2007,  309-354, hier 339, 352 f.   16 | Auswärtiges Amt und Bundesministerium des Innern in    Zusammenarbeit mit der Botschaft der Republik Polen    (Hrsg.): Die deutsch-polnischen Verträge vom 14.11.1990 und 17.6.1991 (deutsch/polnisch), Bonn, o.J. (Deutsch  Polnische Verträge).  17 |  Deutsch-Polnische Verträge, a.a.O. 70-74, hier 74. 

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politisch-gesellschaftlich heiße Eisen. Zwar wurden neuralgische Punkte wie die Vertreibung der Deutschen im Laufe  der  Zeit  keineswegs  umgangen,  sondern  offen  und  differenziert angesprochen.18 Ein erster Höhepunkt war diesbezüglich  das  zweijährige  polnische  Forschungsprojekt  „Der  Vertreibungskomplex‟,  welches  die  einstigen  Differenzen  zwischen deutscher und polnischer Historiographie ad acta  zu  legen  half  und  zu  einer  Enttabuisierung 
schen Außenministers Krzysztof Skubiszewski, „Polens Weg nach Europa gruppe von Historikern, die von der Stiftung  führt über Deutschland‟, wurde erfolgfür  Deutsch-Polnische  Zusammenarbeit  und  reich in praktische Politik umgesetzt.

und  Entideologisierung  dieses  Themas  in  Der Ausspruch des ehemaligen polniPolen  beitrug.19  Später  legte  eine  Arbeits-

der  Robert  Bosch  Stiftung  gefördert  wurde,  eine  mehrbändige,  sowohl  in  Deutsch  wie  in  Polnisch  publizierte  Dokumentation  aus  polnischen  Archiven  über  das  Schicksal  der  Deutschen  im  polnischen  Machtbereich  1945 bis 1950 vor.20 Inwieweit aber diese Aufarbeitung des  Vertreibungskomplexes Eingang in das allgemeine öffentliche  und  politische  Bewusstsein  gefunden  hat,  ist  angesichts des Streits um dieses Thema in den letzten Jahren  fraglich.  Ohne  Zweifel  wurde  jedoch  der  Ausspruch  des  ehemaligen  polnischen  Außenministers  Krzysztof  Skubiszewski, „Polens Weg nach Europa führt über Deutschland‟,  erfolgreich in praktische Politik umgesetzt.21 Deutschlands  Unterstützung  für  Polens  EU-Beitritt  war  ein  effektiver  Katalysator  der  deutsch-polnischen  Interessengemeinschaft in Bezug auf die europäische Integration.22 Exemplarisch  für  diese  Phase  der  deutsch-polnischen  Beziehungen  sind  ihr  symbolträchtiger  Beginn  mit  der  Versöhnungsmesse  im  niederschlesischen  Kreisau  am   

18 | Vgl. Klaus Bachmann, Jerzy Kranz (Hrsg.), Verlorene Heimat. Die Vertreibungsdebatte in Polen (Bonn, 1998). 19 | Vgl. Włodzimierz Borodziej, Artur Hajnicz (Hrsg.), Kompleks wypędzenia (Kraków, 1998). 20 | Vgl. Wlodzimierz Borodziej, Hans Lemberg (Hrsg.), Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden… Die Deutschen östlich von Oder und Neiße. Dokumente aus polnischen    Archiven, Herder Institut Marburg, Bd. 1/2000: Einführung, zentralstaatliche Verordnungen, Wojewodschaft Allenstein (südliches Ostpreußen); Bd. 2/2003: Zentralpolen, Wojewodschaft Schlesien (Oberschlesien); Bd. 3/2004: Wojewodschaft Posen, Wojewodschaft Stettin (Hinterpommern);    Bd. 4/2004: Wojewodschaft Pomerellen und Danzig (Westpreußen), Breslau (Niederschlesien). 21 | Vgl. Alexander, Geschichte Polens, a.a.O. 391. 22 | Vgl. Góralski, a.a.O. 330 ff., 343.

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12.  November  1989  unter  Beteiligung  der  beiden  Regierungschefs Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl, die in einer  Umarmung  den  Friedensgruß  austauschten,  sowie  zwei  Ansprachen  zu  historischen  Gedenktagen.  Anlässlich  des  50. Jahrestages des Warschauer Aufstandes am 1. August  1994 sprach Bundespräsident Roman Herzog in Warschau  und bat die polnischen Opfer des Krieges um „Vergebung für  das, was ihnen von Deutschen angetan worden ist‟.23 Und  er führte zustimmend die Sätze des polnischen Essayisten    Jan Józef Lipski an: „Wir haben uns daran beteiligt, Millionen  Menschen ihrer Heimat zu berauben‟. Nationale Gruppie-  rungen  nd  pferverbände  ritisierten  räsident  ech  ałęsa  u O k P L W   heftig für die Einladung von Herzog, manche Aufstandsveteranen blieben der Veranstaltung aus Protest sogar fern. Etwas später, am 28. April 1995, hielt der polnische Außenminister Władysław Bartoszewski im Deutschen Bundestag  zum  50.  Jahrestag  des  Endes  des  Zweiten 
Anlässlich des 50. Jahrestages des Warschauer Aufstandes bat Bundespräsident Roman Herzog die polnischen Opfer des Krieges um „Vergebung für das, was ihnen von Deutschen angetan worden ist‟.

Weltkrieges  eine  bedeutende  Rede.24  Sie  wurde  als  „die  repräsentativste  Interpretation  der  polnisch-deutschen  Versöhnung,  Partnerschaft  und  Interessengemeinschaft‟  bezeichnet25,  vor  allem  wegen  seiner  bahn-

brechenden  Worte:  „Als  Volk,  das  vom  Krieg  besonders  heimgesucht  wurde,  haben  wir  die  Tragödie  der  Zwangsumsiedlungen kennengelernt sowie die damit verbundenen  Gewalttaten und Verbrechen. Wir erinnern uns daran, dass  davon  auch  unzählige  Menschen  der  deutschen  Bevölkerung betroffen waren und dass zu den Tätern auch Polen  gehörten. Ich möchte es offen aussprechen: Wir beklagen  das individuelle Schicksal und die Leiden von unschuldigen  Deutschen,  die  von  den  Kriegsfolgen  betroffen  wurden  und ihre Heimat verloren haben.‟ Mit Blick auf den Weltkrieg  beharrte  Bartoszewski  aber  auf  einer  klaren  Unterscheidung  von  Opfern  und  Tätern  und  ihren  Mitläufern.  Das  Gedenken  und  die  historische  Reflexion  müssten 
23 | Veröffentlichung des Bundespräsidialamtes, 01.08.1994:   http://bundespraesident.de/Reden-und-Interviews/Reden  Roman-Herzog-,11072.12003/Ansprache-von-Bundespraesi   dent.htm [05.08.2010] 24 | Bartoszewski, Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges, a.a.O.  25 | „The most representative interpretation of Polish-German    reconciliation, partnership, and community of interests was    made on 28 April 1995 in Bonn by Poland’s foreign minister,    Władysław Bartoszewski‟: Góralski, a.a.O. 342.

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die  deutsch-polnischen  Beziehungen  stets  begleiten.  Sie  sollten aber nicht das Hauptmotiv dieser Beziehungen sein,  sondern den Weg bereiten für die gegenwärtigen und in die  Zukunft  gerichteten  Motivationen.  „Unsere  Nachbarschaft  wird  im  hohen  Maße  darüber  entscheiden,  ob  und  wann  das geteilte Europa zusammenwachsen wird.‟ (Władysław  Bartoszewski) Bartoszewskis  Rede  war  im  Vorfeld  in  Polen  allerdings  ebenfalls  alles  andere  als  unumstritten.  Zum  einen  hatte    Staatspräsident Wałęsa eigentlich erwartet, zu den 50-Jahr-  Feierlichkeiten  des  Kriegsendes  nach  Deutschland  eingeladen zu werden. Das dies nicht geschah, rief  in Polen das schmerzhafte Gefühl der Zweit„Unsere Nachbarschaft wird im hohen rangigkeit  hervor.  Während  man  sich  selber  Maße darüber entscheiden, ob und wann das geteilte Europa zusammenwachsen ebenso  wie  Frankreich  zu  den  Alliierten  wird.‟ (Władysław Bartoszewski)

Siegern zählte, rechnete die Regierung Kohl 

Polen nicht dazu. Vor diesem Hintergrund diente die Einladung Bartoszewskis auch dazu, einen diplomatischen Eklat  zu vermeiden. Zum anderen hatte man in Polen überwiegend  nicht  den  Eindruck,  sich  gegenüber  den  Deutschen  entschuldigen zu müssen. Zwei Drittel der Befragten einer  Untersuchung  des  Meinungsforschungsinstitutes  CBOS  gaben  im  Mai  1996  an,  es  gäbe  nichts,  wofür  die  Polen  die  Deutschen  überhaupt  um  Vergebung  bitten  müssten.  Fast  die  Hälfte  der  Befragten  wusste  überhaupt  nicht,  dass es eine Vertreibung der Deutschen gegeben hatte.26  Bartoszewski meisterte die schwierige Situation, indem er  zwar nicht um Vergebung bat, aber Empathie auch für die  Vertriebenen zeigte und eine Mitverantwortung von Polen  an  den  Gewalttaten  und  Verbrechen  im  Zusammenhang  der Zwangsumsiedlungen eingestand. 

26 | Vgl. Markus Mildenberger, „Die deutsch-polnischen Beziehun  gen nach 1990: Eine Werte- und Interessengemeinschaft?‟,    in: Wolf-Dieter Eberwein, Basil Kerski (Hrsg.), Deutschpolnische Beziehungen zehn Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrages: Eine Werte- und Interessengemeinschaft?, Berlin 2001, 28-34, hier 30 f., online unter   http://bibliothek.wz-berlin.de/pdf/2001/p01-305.pdf    [26.08.2010]. Zum ganzen Vorgang auch Adam Holesch,    Verpasster Neuanfang? Deutschland, Polen und die EU,    Bonn 2007, 41 f.

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EIN FRüHER WARNRUF: „VERSöHNUNGSKITScH GEHOBENER ART‟

Die Bitte um Vergebung von deutscher Seite für die Kriegsverbrechen und das Eingeständnis einer Mitverantwortung  von  polnischer  Seite  für  den  „Raub  der  Heimat‟  vieler  Deutscher  bildeten  zweifellos  eine  wichtige  Grundlage  für  Verständigung  und  Versöhnung.  Doch  bereits  wenige  Tage  nach  Herzogs  Rede  in  Warschau  warnte  der  deutsche  Polenkorrespondent  Klaus  Bachmann  nachdrücklich  vor  einem  „Versöhnungskitsch‟  zwischen  Deutschen  und  Polen.27  Nach  wie  vor  vorhandene  Vorurteile,  Meinungsverschiedenheiten  und  Probleme  würden  nicht  dadurch  gelöst,  dass  man  sie  mit  bloßen  Gesten,  Symbolhandlungen und Appellen zudecke, sondern dadurch, dass man  sie  offen  ausdiskutiere.  Stattdessen  jedoch  überzeugten  sich  „germanophile  Polen  und  polenfreundliche  Deutsche  gegenseitig davon, dass sie einander mögen, meist unter  peinlicher Ausklammerung kontroverser Themen. Versöhnungskitsch gehobener Art.‟ Bachmann befürchtete, dass  die  Kontroversen,  denen  Politiker  und  Intellektuelle  jetzt  aus  dem  Weg  gingen,  später  umso  heftiger  ausbrächen.  Die deutsch-polnischen Beziehungen vertrügen auch einen  gesunden  Streit,  vorausgesetzt,  er  werde  ehrlich  ausgetragen. Bachmann  hatte  mit  seiner  Warnung  nicht  ganz  unrecht.  Denn  wie  der  lang  andauernde  und  intensive  Streit  um  das geschichtliche Gedenken an die VertreiEinige der „heißen Eisen‟ sind noch längst nicht abgekühlt. So lehnte in Polen eine breite Mehrheit eine deutsche Gedenkstätte vehement ab.

bungen  wenige  Jahre  später  zeigte,  sind  einige  der  „heißen  Eisen‟  noch  längst  nicht  abgekühlt.  So  lehnte  in  Polen  keineswegs  nur  der  polnische  Staatspräsident  Lech 

Kaczyński,  sondern  eine  breite  Mehrheit  in  Politik  und  veröffentlichter  Meinung  eine  deutsche  Gedenkstätte  an  die  Vertreibungen  vehement  ab,  weil  dies  die  historischen  Rollen  von  Tätern  und  Opfern  angeblich  verkehren  würde.  Gleichzeitig  distanzierte  sich  der  Staatspräsident  geradewegs  von  der  Sichtweise  Lipskis  und  Bartoszewski  und  wies  darauf  hin,  dass  deren  Ansichten  von  vielen 

27 | Klaus Bachmann, „Versöhnungskitsch zwischen Deutschen    und Polen‟ in: Transodra 8/9, S. 41-43, gekürzte Fassung in:    Die Tageszeitung vom 05.08.1994.

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in  Polen  eben  nicht  geteilt  würden.28  Damit  entzog  Lech  Kaczyński  den  deutsch-polnischen  Beziehungen  in  einem  sensiblen  Bereich  die  historisch-moralische  Grundlage  der  Verständigung  und  Versöhnung,  die  so  mühsam  seit  den  sechziger  Jahren  gelegt  worden  war.  Oder  waren  es  vielleicht  doch  die  Deutschen,  die  mit  ihrem  Gedenkprojekt den Burgfrieden zwischen den Historien  störten? Deutsche und Polen wurden jedenfalls seit Anfang des Jahrzehnts auf eine ganz  Gedenken an die Vertreibungen museal
historisieren und sich der Während man in Deutschland das

undiplomatische  Weise  darauf  gestoßen,  zuwenden wollte, begriff man in Polen dass den Erfahrungen des Weltkriegs und der  die Vorgänge als einen Versuch der Nachkriegszeit für die gegenseitige   ollektive  k Wahrnehmung  in  Politik  und  Medien  „eine  konstitutive  Bedeutung  zukommt‟.29  Eine  merkwürdige  Ungleichzeitigkeit  der  Entwicklungen  griff  Platz:  Während  man  in  Deutschland  das  Gedenken  an  die  Vertreibungen  museal  historisieren,  der  geschichtlichen  Betrachtung  übergeben  und  sich  vor  allem  der  Zukunft  zuwenden  wollte,  begriff  man  in  Polen  die  Vorgänge  in  Deutschland  als  einen  Versuch  der  Geschichtsrevision,  als  politisch  gefährlich, da in subtiler Weise das Potsdamer Abkommen  von 1945 in Frage gestellt werde, und erwartete von den  Deutschen  eine  erneute  Hinwendung  zur  Geschichte  und  deren  kritische  Aufarbeitung.  Nach  Jahrzehnten  intensiver  Geschichtsbefassung  in  West-Deutschland  und  der  Beschäftigung mit der kommunistischen Vergangenheit in  Gesamt-Deutschland  nach  1989  war  dies  für  weite  Teile  der  deutschen  Politik  und  Gesellschaft  eine  anachronistische Erwartung.
GOLDENE JAHRE UND ERSTE KRISENzEIcHEN
Geschichtsrevision.

zukunft

In  den  neunziger  Jahren  entwickelten  sich  die  deutschpolnischen  Beziehungen  auf  politischer,  wirtschaftlicher  und gesellschaftlicher Ebene dennoch insgesamt erfolgversprechend. Manche bezeichnen sie deshalb sogar als „die  ‚goldenen‛  neunziger  Jahre‟.30  Aber  bereits  im  Juni  2000  heißt  es  in  einem  Strategiepapier  der  Konrad-Adenauer28 | Vgl. dazu die beiden Interview-Auszüge mit Präsident Lech    Kaczyński, in: Stefan Troebst (Hrsg.), Vertreibungsdiskurs und europäische Erinnerung (Osnabrück 2006), 245 ff. 29 | Dieter Bingen, Krzysztof Ruchniewicz: „Deutschland und    Polen‟, in: dies. (Hrsg.): Länderbericht Polen, (Bonn:    Bundeszentrale Für politische Bildung, 2009), 649-673,    hier 649. 30 | Ebd. 654 ff.

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Stiftung, das für einen Neubeginn der deutsch-polnischen  Partnerschaft  warb,  die  bilateralen  Beziehungen  hätten  sich seit 1998 deutlich verschlechtert und bräuchten neue  Impulse.31 Probleme der Tagespolitik wie die Anpassungsschwierigkeiten  in  Vorbereitung  auf  den  EU-Beitritt  und  vergangenheitsbezogene  Streitigkeiten  verstellten  den  Blick auf die strategische Bedeutung der Partnerschaft. Von  einer  „Entfremdung‟  auf  polnischer  Seite  und  „fehlenden  gemeinsamen Zukunftsvisionen‟ ist  die  Rede.  Es  bestehe  dringender  Handlungsbedarf,  wenn  die  bilateralen  Beziehungen  sich  nicht  –  zu  beiderseitigem  Schaden  –  weiter  verschlechtern sollen. Was war geschehen? Als Anlässe für  die Entfremdung und Enttäuschung werden in dem Strategiepapier genannt: ▪  Die  Irritationen  im  Kontext  der  Bundestagsresolution  vom  28.  Mai  1998  zur  Brückenfunktion  von  deutschen  Vertriebenen  und  Minderheiten.32  Darin  bekräftigte  der  Deutsche  Bundestag  den  Standpunkt  von  der  Unrechtmäßigkeit und Völkerrechtswidrigkeit der Vertreibungen  und  forderte  die  Bundesregierung  auf,  sich  auch  weiterhin  „für  die  legitimen  Interessen  der  Heimatvertriebenen‟ einzusetzen.33 ▪  Eine  auf  polnischer  Seite  wahrgenommene  Abwendung  der neuen rot-grünen Bundesregierung von Polen, durch  eine neue „Realpolitik‟ und die Betonung deutscher Interessen. ▪  Der  Streit  um  deutsche  Kulturgüter  in  Polen  und  die  zähen  Verhandlungen  über  die  Entschädigung  von  ehemaligen Zwangsarbeitern. 34
31 | Vgl. Roland Freudenstein und Henning Tewes, In die Zukunft investieren: Strategien für einen Neubeginn in der deutschpolnischen Partnerschaft, Außenstelle Warschau der Konrad  Adenauer-Stiftung, 27.06.2000; dies.: „Stimmungstief    zwischen Deutschland und Polen. Für eine Rückkehr zur  Interessengemeinschaft‟, in: Internationale Politik 2, 2000,      49-56.  32 | Vgl. Deutscher Bundestag, 13. Wahlperiode, Drucksache    13/10845: Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP:    „Vertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten sind eine    Brücke zwischen den Deutschen und ihren östlichen    Nachbarn‟. 33 | Vgl. Góralski, a.a.O. 351; Markus Mildenberger, Funktioniert die ‚Interessengemeinschaft‛? Bilanz eines Jahrzehnts    (Berlin: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik,    09.08.2001), 12 f. http://www.dgap.org/publikationen/view/   09f3595eceaf11da89fb8d4e2743af4daf4d.html [05.08.2010] 34 | Vgl. Holesch, a.a.O. 64 f., 67-70.

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▪  Ängste und Widerstände gegen die EU-Osterweiterung in  Polen wie in Deutschland. Der  eigentliche  Grund  liege  aber  in  einer  „strukturellen  Asymmetrie‟:  „In  Polen  existiert  nach  wie  vor  ein  auf  historischen  Erfahrungen  beruhendes  latentes  Misstrauen  gegenüber  Deutschland,  in  Deutschland  ein  oft  auf Unwissen beruhender Mangel an Interesse gegenüber  Polen‟,  heißt  es  in  dem  Papier  der  Konrad-AdenauerStiftung. Beides verstärke sich gegenseitig. Das deutsche  Interesse an der Partnerschaft mit Polen müsse klar artikuliert und durch den politischen wie wirtschaftlichen Nutzen  begründet  werden.  Empfohlen  werden  Gesprächskreise  zur Europa-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik, bilaterale  Sitzungen  der  Parlamentsausschüsse,  eine  Vernetzung  der Eliten, die Gründung eines Institutes für Deutschlandstudien  in  Polen  sowie  eine  Intensivierung  der  Kooperation  in  den  grenznahen  Regionen.  Vieles  von  dem  wurde  zwischenzeitlich  realisiert.  Die  nachfolgenden  politischen  Verwerfungen in den Beziehungen konnten dennoch nicht  verhindert werden. 
EINE SPIRALE DER IRRITATIONEN

Das  Titelbild  war  skandalös.  Polens  konservatives  Nachrichtenmagazin  Wprost  zeigte  Mitte  September  2003  auf  dem  Titelblatt  in  einer  Fotomontage  die  VertriebenenVorsitzende  Erika  Steinbach  in  schwarzer  Nazi-Uniform – auf Gerhard Schröder reitend.  War es im Frühjahr 2003 zu einer Darunter  stand:  „Das  deutsche  trojanische  weiteren erheblichen Entfremdung im

Pferd‟.  Links  daneben  in  großen  Lettern:  setzte sich nunmehr eine ganze Spirale „Die  Deutschen  sind  den  Polen  eine  Billion  der Irritationen in Gang. Dollar  für  den  Zweiten  Weltkrieg  schuldig.‟  Das  Bild  stellte  den  vorläufigen  medialen  Höhepunkt  in  einer  emotional  geführten  Debatte  dar,  den  Steinbach  mit ihrem Vorschlag ausgelöst hatte, ein „Zentrum gegen  Vertreibungen‟ in Berlin einzurichten. War es im Frühjahr  2003 zu einer weiteren erheblichen Entfremdung zwischen  Polen  und  Deutschland  wie  auch  Frankreich  im  Zuge  des  Irakkrieges gekommen, den Polen in Partnerschaft mit den  USA  im  Gegensatz  zu  seinen  westlichen  Nachbarn  unterstützte,  so  setzte  sich  nunmehr  eine  ganze  Spirale  der  Irritationen in Gang.

zuge des Irakkrieges gekommen, so

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Das  „Zentrum  gegen  Vertreibungen‟  und  die  gleichzeitig  von einer „Preußischen Treuhand‟ vorangetriebenen Restitutionsansprüche einzelner Vertriebener führten damals in  Polen,  wo  sich  die  Konservativen  auf  die  Übernahme  der  Regierungsverantwortung  vorbereiteten,  zu  stürmischen  politischen  und  medialen  Reaktionen.  Am  10.  September  2004 verabschiedete der Sejm einstimmig eine Resolution  zu  den  „Rechten  Polens  auf  deutsche  Kriegsreparationen  sowie  zu  den  in  Deutschland  vorgebrachten  unrechtmäßigen  Forderungen  gegenüber  Polen  und  polnischen  Bürgern‟. Der Beschluss mit seiner Forderung finanzieller  Kompensation  für  die  Zerstörungen  und  die  materiellen  wie  immateriellen  Verluste  im  Zweiten  Weltkrieg  war  ein  spektakulärer  politischer  Akt.  Er  ignorierte  das  Faktum,  dass  über  die  Kriegsreparationen  für  Polen  schon  viel  früher  entschieden  worden  war  und  dass  Deutschland  keinerlei  Besitzansprüche  gegenüber  Polen  stellte.  Ein  weiteres  Paradoxon  der  Resolution  war,  dass  kurze  Zeit  vorher Bundeskanzler Gerhard Schröder in einer Rede aus  Anlass  des  60.  Jahrestages  des  Warschauer  Aufstandes  in  Warschau  ausdrücklich  erklärt  hatte,  dass  für  Restitutionsansprüche  von  Deutschland  kein  Raum  sei,  Eigentumsfragen im Zusammenhang mit dem Krieg kein Thema  mehr für die deutsche und polnische Regierung seien und  weder  die  Bundesregierung  noch  irgendeine  bedeutsame  politische  Kraft  in  Deutschland  individuelle  Eigentumsansprüche unterstützten. In Reaktion auf die Sejm-Resolution  beauftragten beide Regierungen eine Expertengruppe, die  Frage von individuellen Restitutionsansprüchen zu klären.  Die  beiden  Völkerrechtsexperten  Jan  Barcz  und  Jochen  Frowein  kamen  zu  dem  Ergebnis,  dass  solche  Ansprüche  rechtlich  nicht  existieren.  Dennoch  betrieb  die  „Preußische  Treuhand‟  ihre  Sache  weiter  und  Polens  nationale  Rechte nutzte die Gelegenheit, um in den Beziehungen zu  Deutschland im Namen der polnischen Nationalinteressen  auf Konfrontationskurs zu gehen. Auf diese Weise wurden  die  „nicht  existenten‟  Rechtsansprüche  aus  zwei  Quellen  so  lange  genährt,  bis  der  Europäische  Menschenrechtsgerichtshof  endlich  am  7.  Oktober  2008,  gut  fünf  Jahre  später,  die  Klagen  der  „Preußischen  Treuhand‟  endgültig  zurückwies und damit dieses Thema weitgehend ruhte. Ein  später Sieg des Rechts über den Populismus.35
35 | Vgl. Góralski, a.a.O. 344-348; Raabe, Restitutionsansprüche,    a.a.O.

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Unterdessen  geht  der  Streit  um  das  „Zentrum  gegen  Vertreibungen‟ weiter. Zwar hatte die neue liberal-konservative Regierung unter Premier Donald Tusk ab November  2007  eine  vorsichtige  Neubewertung  vorgenommen,  die  zumindest  eine  skeptische  Duldung  signalisierte.  Aber  als es um den Einzug Erika Steinbachs, die dieses Projekt  maßgeblich  angestoßen  hatte,  in  den  Stiftungsbeirat  ging,  eskalierte  der  Streit  im  Da Westerwelle und die FDP mit Rücksicht auf Polen eine Berufung Steinbachs blockierten, verzichtete Steinpräsident  Norbert  Lammert  veranlasst  sah,  bach auf den Beiratssitz. Der Kampf in  einem  offenen  Brief  in  der  Süddeutschen um ihren Kopf war entschieden.

Frühjahr 2009 derart, dass sich Bundestags-

Zeitung  und  der  Gazeta Wyborcza  für  die  Bundestagsabgeordnete  einzutreten  und  um  Mäßigung    in  der  Auseinandersetzung  zu  bitten.36  Als  der  neue  Bundesaußenminister  Guido  Westerwelle  am  31.  Oktober  2009 seinen ersten Antrittsbesuch in Polen unternahm und  von  einem  Journalisten  nach  Steinbach  gefragt  wurde,  signalisierte er, dass die FDP diese Frage im Sinne Polens  behandeln  werde,  da  es  schließlich  um  einen  „Beitrag  zur Versöhnung‟ gehe.37 Da Westerwelle und die FDP mit  Rücksicht auf Polen eine Berufung Steinbachs in den Beirat  hartnäckig  blockierten,  verzichtete  Steinbach  schließlich  am  12.  Februar  2010  endgültig  auf  den  Beiratssitz.  Der  Kampf um ihren Kopf war entschieden, die „Mission erfüllt‟,  wie  ein  hoher  polnischer  Regierungsvertreter  bemerkte.  In  Deutschland  fühlten  sich  am  Ende  die  Gegner  Steinbachs  genauso  erpresst  wie  ihre  Unterstützer.  Die  polnische  Regierung  begrüßte  dagegen  die  Lösung  als  gut  für  die polnisch-deutschen Beziehungen. Doch der über Jahre  andauernde Kampf hat Spuren hinterlassen. Auch  in  anderen,  ungleich  gewichtigeren  Politikfeldern  drehte  sich  die  Spirale  der  Irritationen  im  deutsch-polnischen  Verhältnis  weiter.  War  der  Irak-Krieg  eine  Bewährungsprobe  für  die  deutsch-polnischen  Beziehungen  in   

36 | Vgl. Raabe, Antlitz der Geschichte, a.a.O.; ders.: Das gefährliche Spiel mit Erika Steinbach, Länderbericht der Konrad  Adenauer-Stiftung, Auslandbüro Polen vom 06.03.2010,    http://www.kas.de/proj/home/pub/48/1/year-2009/   dokument_id-15878/index.html [05.08.2010]; der Brief    Lammerts ist zugänglich unter: http://www.kas.de/proj/   home/pub/48/1/year-2009/dokument_id-15909/index.html. 37 | Vgl. Gerhard Gnauck: „Guido Westerwelle. Deutschlands    neuer Außenminister verzückt Polen‟, in: Welt Online,    01.11.2009.

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Bezug auf die Sicherheitspolitik und transatlantische Partnerschaft,  so  gestaltete  sich  der  Streit  um  den  Europäischen Verfassungs- oder später Reformvertrag als Bewährungsprobe für die bilateralen Beziehungen im Bereich der  Europapolitik.  Beide  Proben  misslangen.  In  beiden  Fällen  kam es zu teils scharfen Konflikten, die wohl nicht nur etwas  mit  „einer  fatalen  Ungleichzeitigkeit  außenEin gutes Beispiel für eine misslungene politische wie unternehmerische Kommunikation betrifft die OstseeGaspipeline, die seit April 2010 gebaut wird.

politischer  Kulturen‟38  in  Deutschland  und  Polen zu tun haben, sondern auch mit politischen  Positionen  und  der  Unfähigkeit,  diese  in geregelten Prozeduren zu einem Ausgleich 

zu bringen. Ein weiterer, sich seit 2005 hinziehender Streit  und  gleichzeitig  ein  gutes  Beispiel  für  eine  misslungene  politische  wie  unternehmerische  Kommunikation  betrifft  die  Ostsee-Gaspipeline,  die  seit  April  2010  gebaut  wird  und Russland mit Deutschland und Westeuropa verbinden  soll. Das Projekt, das der polnische Verteidigungsminister  Radek Sikorski 2006 mit dem Hitler-Stalin-Pakt verglich39,  bleibt in den Augen der polnischen Politik und Medien ein  Beispiel  für  die  Missachtung  polnischer  Interessen.  In  Nachhutgefechten wird jetzt noch über die Tiefe der Verlegung vor dem Stettiner Haff gestritten.
PARADIGMENWEcHSEL VON DER INTERESSENGEMEINScHAFT zUR KONFLIKTNAcHBARScHAFT

Die  genannten  Konfliktfelder  waren  allesamt  schon  da,  als  die  Brüder  Kaczyński  ab  Herbst  2005  die  Politik  in  Polen  zu  bestimmen  begannen.  Mit  ihnen  kam  der  Teil  des  Solidarność-Lagers,  der  sich  seit  1989  mehr  oder  weniger  als  Verlierer  sah,  an  die  politische  Macht.  Beim  innenpolitischen Kulturkampf, der dem politischen Wechsel  vorausgegangen  war,  „ging  es  nicht  zuletzt  um  den  Stellenwert  der  Geschichte  und  der  Geschichtspolitik  sowohl  für die Innenpolitik wie auch für die Außenpolitik‟40. Jetzt  kam  es  über  die  bisherigen  Divergenzen  hinaus  zu  einer  grundlegenden Änderung der polnischen Politik gegenüber  Deutschland. Waren die Kaczyńskis schon früher als Politiker aufgefallen, „die die deutsch-polnischen Gegensätze  hochspielten, um aus ihnen politisch Kapital zu schlagen‟,  so distanzierten sie sich jetzt ausdrücklich vom Prozess der 
38 | Bingen, Ruchniewicz, a.a.O. 661. 39 | Vgl. Polnischer Minister, „Pipeline-Vertrag wie Hitler-Stalin  Pakt‟, in: Fokus Online, 30.04.2006. 40 | Bingen, Ruchniewicz, a.a.O. 666.

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Versöhnung und sahen in Deutschland mehr einen Rivalen  als einen Partner. Dabei schreckten sie nicht davor zurück,  diejenigen,  die  seit  vielen  Jahren  die  Verständigung  mit  Deutschland  gesucht  hatten,  als  „Vaterlandsverräter‟  zu  brandmarken.41 Das gipfelte etwa in dem absurden Vorwurf  an  den  hochangesehenen  zweimaligen  Außenminister  Polens,  Władysław  Bartoszewski,  eine  „Politik  auf  den  Knien gegenüber Deutschland und dem Westen‟ gemacht  zu haben. Bartoszeweski konterte diesen Anwurf im Wahlkampf 2007 mit den Worten, er verbitte sich „kategorisch  die heftige   eleidigung Polens durch unkompetente RegieB rungsmitglieder  und  unkompetente  Diplomatie-Trottel‟  (diplomatołki).42 Jarosław Kaczyński hatte bereits in der Parlamentsdebatte  zur erwähnten Sejm-Resolution vom 10. September 2004  den  neuen  Ton  vorgegeben,  indem  er  feststellte, es gebe eine Phalanx von deutschen  Die führenden Politiker nutzten bald
frontationskurs zu gehen. Da konnte

Interessen  in  Polen  durch  Leute,  die  als  sämtliche Konfliktfelder, um auf Konunabhängige Experten oder Kommentatoren  schon eine unsinnige Satire in der taz aufträten, aber von deutschem Geld lebten.  eine Krise hervorrufen. Versöhnung  sei  ein  Ausdruck  großer  Naivität.43 Eine rapide Verschlechterung der deutsch-polnischen  Beziehungen ließ folglich nicht lange auf sich warten. Die  führenden  Politiker  der  „IV.  Republik‟  und  ihre  publizistischen  Unterstützer  nutzten  bald  sämtliche  Konfliktfelder,  um  auf  Konfrontationskurs  zu  gehen.  Da  konnte  schon  eine  unsinnige  Satire  in  der  linken  Tageszeitung  taz  vom  26.  Juni  2006,  in  der  der  polnische  Staatspräsident  als  „Polens  neue  Kartoffel‟  lächerlich  gemacht  werden  sollte,  eine  Krise  hervorrufen.44  Die  polnische  Außenministerin  verlangte  eine  Entschuldigung  der  deutschen  Regierung  und der Präsident sagte das kurz darauf geplante Weimarer  Gipfeltreffen „wegen Bauchschmerzen‟ ab, was immerhin  acht  ehemalige  Außen  inister  Polens  in  einem  offenen  m
41 | Ebd. 665. 42 | Vgl. Stephan Georg Raabe: Zur politischen Instrumentalisierung der Stiftung ‚Polnisch-Deutsche Aussöhnung‛. Die polnische Regierung und ihr Deutschlandbeauftragter nutzen die Stiftung zur Verbreitung ihrer Verschwörungstheorien und deutschlandkritischer Ressentiments. Konrad-Adenauer  Stiftung, Auslandsbüro Polen, 12.10.2007: http://kas.de/   proj/home/pub/48/1/year-2007/dokument_id-12126/   index.html [05.08.2010]. 43 | Vgl. Góralski, a.a.O. 348 f. 44 | Vgl. Stephan Georg Raabe: „Stereotyp na resentymencie    (Stereotype Ressentiments)‟, in: Wprost, 30.07.2006, 36-37.

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Brief kritisierten.45 Das „Weimarer Dreieck‟ als Instrument  des  Dialogs  und  der  Vertrauensbildung,  das  bereits  seit  1995 an Dynamik verloren hatte, konnte in der Krise keine  vermittelnde Rolle spielen.46 Aber  nicht  nur  das:  Eine  Reihe  von  Beschwerden  wurden  nun zusätzlich nicht nur von den Medien, sondern auch von  der Regierung gegenüber Deutschland vorgebracht. Dazu  gehörten: ▪  der  Mangel  an  gleichen  Rechten  für  die  in  Deutschland  lebenden Polen im Vergleich mit der deutschen Minderheit in Polen; ▪  die Vernachlässigung der polnischen Sprache in Deutschland;  ▪  eine  vermeintliche  sprachliche  Diskriminierung  von  polnischen  Staatsbürgern  und  deren  Kindern  bei  Ehe-  scheidungen  und  Umgangsrechten  (laut  der  polnischen  Botschaft in Berlin handelte es sich um etwa 30 schwierige und acht sehr schwierige Konfliktfälle, was ungefähr  0,08 Prozent der deutsch-polnischen Ehen betraf)47; ▪  die staatliche Unterstützung für Vertriebenen-Organisationen in Deutschland; ▪  die  Fälschung  der  Geschichte  durch  die  Verwendung  des Begriffes „polnische Lager‟ oder „Lager in Polen‟ für  deutsche Konzentrationslager48. Dies alles wurde in der innerpolnischen Diskussion begleitet  durch  den  Vorwurf,  die  polnischen  Verhandlungsführer  der  Verträge  mit  Deutschland  nach  1989  hätten  damals  kapituliert  und  die  polnischen  Anliegen  nicht  genügend  zur Geltung gebracht, woraus sich die Notwendigkeit einer   
45 | Vgl. Gabriele Lesser, „Kaczynsksi Affäre – Die unendliche    Kartoffel. Polens Staatsanwaltschaft ermittelt noch immer in    Sachen taz-Satire – ohne Rechtshilfe aus Deutschland‟, in:    taz.de, 28.06.2007: http://taz.de/?id=medien&art=1304&   id=497&cHash=5a01a8f4a6 [05.08.2010]. 46 | Zur Rolle des Weimarer Dreiecks vgl. Holesch, a.a.O. 47 | Vgl. Thomas Urban, „Diabeł tkwi w liczbach. Problemy między    Polską a Niemcami mają charakter bardziej emocjonalny,    niż polityczny. (Der Teufel steckt in den Zahlen. Die Probleme    zwischen Polen und Deutschen haben mehr einen emotionalen    Charakter als einen politischen.)‟, in: Polityka.pl, 16.07.2010:   http://www.polityka.pl/swiat/tygodnikforum/1507334,1,   polska-niemcy-nowi-prezydenci-czy-nowy-poczatek.read   [05.08.2010]. 48 | Vgl. ebd.

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Neuverhandlung  des  Nachbarschaftsvertrages  und  einer  Vereinbarung  über  eine  Null-Option  in  Bezug  auf  jegliche  Besitzansprüche  ergebe.49  Aus  der  einstmaligen  „Werte-  und Interessengemeinschaft‟ war endgültig eine „KonfliktNachbarschaft‟ geworden. Die  Konflikt-Nachbarschaft  ließ  die  öffentliche  Meinung  nicht  unbeeinflusst,  was  sich  in  Umfragen  niederschlug.  Die  Sympathie  der  Polen  für  die  Deutschen  sank  von  44    Prozent im Jahr 2005 auf 29 Prozent im Jahr 2008 deutlich.  In  Deutschland  gingen  die  Sympathiewerte  von  31  Prozent  im  Jahr  2000  auf  23  Prozent  2008  ebenfalls  zurück. Erstaunlich ist die trotz allen Streits weiter positive  Einschätzung  des  deutsch-polnischen  Verhältnisses,  die  darauf verweist, dass Politik nicht alles bei der Bewertung  ist. Angesichts der historisch bedingten Streitfälle ist folgendes  Ergebnis  ebenfalls  bemerkenswert:  Immer  noch  eine  Mehrheit von 51 Prozent (2005: 62 Prozent) äußerte 2008  in Polen, dass der Zweite Weltkrieg nur noch 
Kaczyńskis durch ein populistisch instrumentalisiertes Misstrauen gegenteiliger Auffassung waren 43 Prozent (2005:  über Deutschland innen- wie außen34  Prozent).  In  Deutschland  räumte  eben- politisch Kapital zu schlagen.

einen geringen oder gar keinen Einfluss mehr  Letztlich scheiterte der Versuch der auf die bilateralen Beziehungen habe. Gegen-

falls eine Mehrheit von 55 Prozent dem Krieg  nur  einen  geringen  oder  keinen  Einfluss  auf  die  deutschpolnischen  Verhältnisse  ein  (2006:  51  Prozent).  Anderer  Auffassung waren 34 Prozent (2006: 36 Prozent).50 Dazu  passt,  dass  der  Versuch  der  Kaczyńskis,  vor  dem  Hintergrund  der  belastenden  Geschichte  durch  ein  populistisch  instrumentalisiertes  Misstrauen  gegenüber  Deutschland  innen- wie außenpolitisch Kapital zu schlagen, letztendlich  scheiterte.
49 | Vgl. Góralski, a.a.O. 350 f. Zu den Kaczyńskis und Deutschland insgesamt, Holesch, a.a.O. 114-120. 50 | Vgl. Agnieszka Fronczyk, „Deutschland und die europäische   Politik in den Augen der Polen‟ sowie Agnieszka Łada, „Polen    und die europäische Politik in den Augen der Deutschen‟ in:    Lena Kolarska-Bobińska und Agnieszka Łada (Hrsg.), Polen und Deutsche. Ihr gegenseitiges Bild und ihre Vision von Europa (realisiert in Kooperation mit der Konrad-Adenauer  Stiftung), Warschau 2009, 144-187 sowie 188-217.  Agnieszka Łada, „Wächst mit der Vertrautheit die Abneigung‟,      in: Dialog 88 (2009) 58-61.

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POLITIScHER WEcHSEL 2007: BERUHIGUNG, ENTSPANNUNG, INTERESSENPOLITIK

Als  bei  den  vorgezogenen  Parlamentswahlen  am  21.  Oktober  2007  die  „IV.  Republik‟  der  Kaczyńskis  abgewählt  wurde  und  die  PO  als  Sieger  feststand51,  war  die  Erleichterung über den politischen Wechsel in Polen, aber  auch  in  Berlin  groß.  Die  PO  stellte  jetzt  mit  Donald  Tusk  den    remierminister  in  einer  Koalitionsregierung  mit  der  P Polnischen  Volkspartei  (PSL)  unter  Führung 
„Die zeit politischer Gesten wie zwischen Kohl und Mazowiecki ist zu Ende. Die zeit der Interessenpolitik ist gekommen.‟ (Donald Tusk)

von  Waldemar  Pawlak,  der  Vizepremier  und  Wirtschaftsminister  wurde.  Beide  Parteien  sind Mitglied in der Europäischen Volkspartei  (Christdemokraten),  was  das  Gespräch  und 

die  Zusammenarbeit  erleichterte.  Die  Einbindung  in  den  Parteiendialog  mit  den  Christdemokraten  in  Deutschland  hatte zudem bereits früher für gute Kontakte gesorgt. Es  war nicht zu erwarten, dass mit dem politischen Umschwung  in  Polen  die  Probleme  zwischen  Polen  und  Deutschland,  die in den vergangenen Jahren deutlich zu Tage getreten  waren, nun vom Tisch verschwinden würden. Doch konnte  man nun auf einen konstruktiven Umgang mit den Schwierigkeiten und auf eine erneute Annäherung hoffen. Tatsächlich gelang es der Regierung Tusk schon bald, die  Politik  im  Inneren  wie  nach  außen  in  ruhigere  Bahnen  zu  lenken.  In  seiner  ersten  Regierungserklärung  am  23. November 2007 versprach der neue Premier die Unterzeichnung  des  EU-Reformvertrags,  bessere  Beziehungen  zu  den  Nachbarn,  die  Wiederbelebung  des  „Weimarer  Dreiecks‟,  den  schnellen  Beitritt  zur  Euro-Zone  und  ein  „polnisches  Wirtschaftswunder‟  durch  mehr  Wettbewerb.  Vor  allem  aber  machte  er  Vertrauen  und  Normalität  zum  Motto  seiner  Regierung.  In  der  Gazeta Wyborcza  vom  5.  November  2007  erklärte  Tusk  allerdings  auf  die  Frage, ob er nun mit Angela Merkel eine neue Etappe der  polnisch-deutschen  Versöhnung  beginnen  werde:  „Die  Zeit politischer Gesten wie zwischen Kohl und Mazowiecki  ist zu Ende. Die Zeit der Interessenpolitik ist gekommen,  und wir müssen unsere Interessen verteidigen.‟ In einem   

51 | Die PO schaffte in kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg. Kurz    nach ihrer Gründung bei den Wahlen 2001 begann sie mit    12,68 Prozent, 2005 wurde sie zweitstärkste Kraft mit 24,11   Prozent hinter der PiS, 2007 mit 41,51 Prozent stärkste Partei.

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Essay  für  das  deutsch-polnische  Magazin  Dialog,  der  an  seine  Rede  vom  29.  März  2007  in  Berlin  während  einer  Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 85. Geburtstag  von  Władysław  Bartoszewski  anknüpfte,  führte  er  unter  der  Überschrift  „Die  Notwendigkeit  einer  neuen  Sprache  zwischen  Polen  und  Deutschland‟  aus:  „Man  kann  den  Stil  oder  die  Effizienz  der  Außenpolitik  ändern,  aber  die  Probleme in den gegenseitigen Beziehungen verschwinden  nicht  nur  deswegen,  weil  sich  die  Regierungsmannschaft  in Warschau oder Berlin ändert. Deshalb werden wir auch  Entscheidungen nicht akzeptieren, die eine fundierte historische Bilanz in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg in Zweifel  ziehen.  […]  Genauso  wichtig  ist  es,  dass  die  Pläne  zur  Realisierung des ‚Zentrums gegen Vertreibungen‛ endgültig  aufgegeben werden. In all diesen Fragen werde ich Befürworter unserer Haltung suchen.‟52 Kritisch sprach er auch  die Erdgaspipeline durch die Ostsee an, die „das Monopol  Russlands bei der Lieferung von Energierohstoffen‟ stärke. Neu war diese Sprache keineswegs. Allerdings wurde eine  Begriffsverschiebung  weg  vom  „Interessenkampf‟  und  hin  zur  „Interessenpolitik‟  deutlich.  Von  nun  an  tauschte  man  sich  eher  vertrauensvoll  und  freundschaftlich  über  die alten Kontroversen aus, man führte gute,  offene  Gespräche,  beschwor  die  Bedeutung  Die Atmosphäre hat sich wesentguter  Beziehungen,  die  auf  Wahrheit  aufzuStandpunkten und historischen Wahrheitsbelich verbessert. Es bleibt die unterschiedliche politische Bewertung der bauen hätten, was an den unterschiedlichen  „Vertreibung‟ bzw. „Aussiedlung‟.

griffen allerdings nichts änderte.53 Von einer tatsächlichen  Neubegründung  einer  Partnerschaft  und  einer  konkreten  politischen  Zusammenarbeit  in  Bereichen  gemeinsamen  Interesses erfuhr man nach außen hin wenig. Aber wenn es  auch kaum zu gemeinsamen Lösungen in den Hauptstreit  punkten kam, so wurden diese doch nach und nach durch 

52 | Donald Tusk: „Was für eine Union braucht Polen, was für eine  Gemeinschaft braucht Europa?‟, in: Dialog 80/81 (2007/2008)    10-13, hier 13.   53 | Vgl. exemplarisch den Bericht zum Antrittsbesuch von Tusk    in Berlin von Nina Mareen Spranz: „Die neue Vertrautheit    von Deutschland und Polen‟, in: Welt online, 11.12.2007:    http://welt.de/politik/article1451139/Die_neue_Vertrautheit_   von_Deutschland_und_Polen.html [05.08.2010]; und den  Beitrag zum Treffen von Merkel und Tusk in Hamburg:      „Merkel und Tusk schweigen zu Steinbach‟, in: Welt online,    27.02.2009: http://welt.de/politik/article3289352/Merkel-und  Tusk-schweigen-zu-Streit-um-Steinbach.html [05.08.2010].

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den Gang der Dinge obsolet oder an den Rand gedrängt,  so dass sie nicht mehr direkt im Wege standen. Die Regierungen Merkel und Tusk haben in den letzten zweieinhalb  Jahren einiges dafür getan, dass nach den Zerwürfnissen  der  vorangegangen  Jahre  wieder  ein  meist  gutnachbarschaftlicher  Alltag  eingekehrt  ist.  Die  Atmosphäre  hat  sich wesentlich verbessert. Normalität herrscht – wie der  Fall  Steinbach  zeigt  –  jedoch  noch  nicht.54  Es  bleibt  die  unterschiedliche  politische  Bewertung  der  „Vertreibung‟  (deutsch) bzw. „Aussiedlung‟ (polnisch).
PLÄDOyER FüR EINE PARTNERScHAFTLIcHE zUSAMMENARBEIT

Angesichts der Differenzen klingt es vielleicht noch immer  ein  bisschen  wie  ein  Rufen  im  Walde,  wenn  nun  allenthalben  bei  offiziellen  Anlässen  von  beiden 
Deutschland ist der wichtigste strategische Wirtschaftspartner Polens, und Polen ist für Deutschland der größte Handelspartner im östlichen Europa.

Seiten  deklariert  wird,  die  Probleme  seien  so gut wie alle ausgeräumt, die Beziehungen  so  gut  wie  nie  in  der  langen  wechselhaften  Geschichte  von  Deutschen  und  Polen,  „aus 

der ‚Interessengemeinschaft‛ sei ‚Partnerschaft‛ geworden,  aus dem Vertrauensvorschuss gegenseitiges Vertrauen‟.55  Dieses diplomatische Pathos weckt hohe Erwartungen, die  dann auch im täglichen politischen Handeln erfüllt werden  müssen.  Es  kann  eine  ernsthafte  Diskussion  in  Deutschland  nicht  ersetzen,  die  die  Brüche  und  Enttäuschungen,  die  unerfüllten  Wünsche  und  vor  allem  die  Ursachen  der 

54 | Vgl. Kazimierz Wóycicki, Waldemar Czachur: „Polen im    Gespräch mit Deutschland. Zur Spezifik des Dialogs und    seinen europäischen Herausforderungen. Mit Vorworten von    Gesine Schwan, Heinrich Oberreuter‟, Wrocław, 2009, 16:  „Man hatte normale Beziehungen gewollt, doch es stellte      sich heraus, dass die Beziehungen normal letztlich nicht sind.‟   In Polnisch ist das Buch ohne deutsche Kommentare unter    dem Titel „Jak rozmawiać z Niemcami. O trudnościach    dialogu polsko-niemieckiego i jego europejskim wyzwaniu‟    (Wie ist mit den Deutschen zu sprechen. Über die Schwierig  keiten des polnisch-deutschen Dialoges.) erschienen. 55 | Rede von Bundesaußenminister Guido Westerwelle beim    14. Deutsch-Polnischen Forum Deutsch-polnische Partner  schaft für Europa in Warschau, 24.06.2010:    http://auswaertiges-amt.de/diplo/de/Infoservice/Presse/   Reden/2010/100624-BM-Dt-Pol-Forum.html [05.08.2010];    vgl. auch den Bericht von Gerhard Gnauck zum Antritts  besuch von Guido Westerwelle in Warschau: „Deutschlands    neuer Außenminister verzückt Polen‟, in: Welt online,    01.11.2009.

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P   robleme  ernst  nimmt.56  Zu  kurz  gegriffen  wäre,  die  Ursache für die Spirale der Irritationen der letzten Jahre vor  allem oder ausschließlich bei den politischen Provokateuren  und  Populisten  und  den  sie  verstärkenden  Medien festzumachen, wobei dann einerseits  Das deutsch-polnische Verhältnis kann Deutschland  auf  die  Vertriebenenorganisatiin Polen auf die Nationalkonservativen und in  heute wieder als ein „Raum der Hoff-

nung‟ definiert werden, den es in der politischen Praxis allerdings auszufülonen  gezeigt  wird57,  oder  aber  einseitig  das  len gilt.

mangelnde  Verständnis  der  Deutschen,  ihre  Missachtung  und  Ignoranz  und  ihren  fehlenden  Respekt  gegenüber  Polen  und  das  zu  zurückhaltende  Auftreten  Polens für die Misere Verantwortlich zu machen.58 Andererseits  sollen  und  dürfen  die  Schwierigkeiten  und  Probleme nicht die Potenziale und Chancen verdecken. Die  Ergebnisse  der  politischen  und  wirtschaftlichen  Transformation in Polen sind eindeutig positiv und angesichts der  Probleme, die zu überwinden waren, ein bemerkenswerter  Erfolg.  Deutschland  ist  der  wichtigste  strategische  Wirtschaftspartner  Polens,  und  Polen  ist  für  Deutschland  der  größte Handelspartner im östlichen Europa vor Tschechien  und  auch  vor  Russland.  Aus  dem  Blickwinkel  der  Wirtschaft sehen die Beziehungen folglich viel positiver aus.59 
56 | Wóycicki, Czachur, a.a.O. 60. Die Autoren meinen, solche    Reden von deutschen Politikern seien „nur für den Export    bestimmt‟, wogegen es in Deutschland selber an einer    Diskussion über das Verhältnis zu Polen fehle. In wichtigen    Reden spreche man zwar von Partnerschaft, unternehme    aber nichts Konkretes (66). 57 | Diese Tendenz ist im Beitrag von Góralski, a.a.O. zu bemerken. 58 | Diese Tendenz findet man im Buch von Wóycicki, Czachur,    a.a.O. 137 f.: Traurig sei, „dass die deutsche Seite oftmals    erst dann bereit ist, sich mit dem auseinanderzusetzen, was    die polnische Seite sagt wenn es zu ernsten Spannungen    kommt. Wesentlich besser wäre es, wenn die deutsche    Seite lernen würde, Polen schon dann zu verstehen, wenn    diese selbstironisch von ihren Schwächen sprechen. Hierauf    muss sich die polnische Seite jedoch früher vorbereiten und    in potenziellen Konfliktsituationen deutlicher werden. […]    Missachten und Ignorieren [eine deutsche Spezialität] bzw.    Ängste [eine polnische Spezialität] und Komplexe [hier hat    jede Seite ihre eigenen] führen nur zu Missverständnissen.‟   Zur „Asymmetrie des Respekts‟ ebd. 52-68, 75-84. 59 | Vgl. Jóyef Olsyzński: „Aktueller Stand der deutsch-polnischen    Wirtschaftsbeziehungen‟, in: Witold Małachowski (Red.),    Deutschland – Polen im vereinigten Europa und ihre ökonomische Verantwortung, Warschau, 2006, 39-43; Statistisches  Bundesamt: Außenhandel. Rangfolge der Handelspartner im   Außenhandel der Bundesrepublik Deutschland 2009,    Wiesbaden 2010.

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So kann das deutsch-polnische Verhältnis heute wieder als  ein  „Raum  der  Hoffnung‟  definiert  werden,  den  es  in  der  politischen Praxis allerdings auszufüllen gilt etwa durch die  Kooperation  im  Rahmen  des  Weimarer  Dreiecks  und  der  EU, der transatlantischen Sicherheitspolitik, der Russland-  und  Ostpolitik,  aber  auch  in  der  wirtschaftlichen,  kulturellen und zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit und auf  allen Feldern, die schon der Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag  von  1991  angesprochen  hat.  „Die  Europäische  Union,  die  wirtschaftliche  Zusammenarbeit  und  die  Intensivierung  der  zwischenmenschlichen  Kontakte  –  all  dies  bildet  einen  stabilen  Rahmen  für  die  deutsch-polnischen Beziehungen.‟60 Das  bilaterale  Verhältnis  von  Deutschland  und  Polen  hat  in  den  letzten  20  Jahren  verschiedene  Wandlungen  erlebt:  von  einer  „Werte-  und  Interessengemeinschaft‟  über  verschiedene  Interessenkonflikte  zu  einer  „KonfliktNachbarschaft‟  und  schließlich  hin  zu  einer 
Vielleicht kann aus einer pragmatischen Kooperation später eine strategische Partnerschaft entstehen. Ebenso kann eine Multilateralisierung der zusammenarbeit nützlich sein.

dualen  „Interessenpolitik‟.  Deutschland  und  Polen  haben  nichts  desto  trotz  als  unmittelbare  Nachbarn  und  wegen  ihrer  geografischen  Lage,  Geschichte  und  Größe  eine 

wichtige Bedeutung für die Gestaltung europäischer Politik.  Aber die beiden Länder sind nicht der Nabel der Welt, sie  sind  eingebettet  in  ein  Netzwerk  internationaler  Bezüge  und  Partnerschaften  wie  der  transatlantischen  mit  den  USA,  der  Kooperations-Partnerschaft  mit  Frankreich,  der  Modernisierungspartnerschaft  mit  Russland,  der  östlichen  Partnerschaft  der  EU  sowie  einer  von  Deutschland  angestrebten  privilegierten  Partnerschaft  mit  der  Türkei  oder  einer  strategischen  Partnerschaft  mit  China.  Angesichts  dessen wird deutlich, dass eine konkrete Zusammenarbeit  mit  Blick  auf  gemeinsame  Ziele  und  Schlüsselprobleme  zwischen  Deutschland  und  Polen  einem  Konzept  auseinanderstrebender Interessenpole, die in einem schwierigen  Kompromissprozess zum Ausgleich zu bringen sind, allemal  vorzuziehen ist.61 Die bewusste Betonung von Interessenunterschieden und ständige Forderungen führen   nweigerlich  u
60 | Wóycicki, Czachur, a.a.O. 132. 61 | Bingen, Ruchniewicz, a.a.O. 668 ff. Die Autoren vertreten    unter Bezug auf den polnischen Politikanalytiker Piotr Buras   ein solches Polaritätskonzept, in dem die divergierenden    deutschen und polnischen Pole in der „Interessengemein  schaft in Europa‟ jeweils zum Ausgleich zu bringen seien.

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zu einer Distanzierung und Entfremdung. Von daher kann  das Politikkonzept der Polarität nur ein Notnagel sein, aber  kein erstrebenswertes Ziel. Es geht vielmehr um die Überwindung der divergierenden Polaritäten durch Zusammenarbeit, um die Schaffung von Feldern der Kooperation durch  die  konstruktive  Beseitigung  oder  Neutralisierung  von  Konflikten.  Vielleicht  kann  aus  solch  einer  pragmatischen  Kooperation später eine strategische Partnerschaft wieder  entstehen.62  Dafür  können  neue  Formen  und  Methoden  des  Krisenmanagements  und  möglichst  breit  gestreute  direkte  Kontakte  unter  Einschluss  gerade  auch  der  kritischen  Akteure  hilfreich  sein.  Es  ist  an  der  Zeit,  „mutiger  und  offener  miteinander  zu  reden‟.63  Ebenso  kann  eine    Multilateralisierung des Dialoges und der Zusammenarbeit  nützlich  sein,  um  die  bilaterale  Fixierung  zu  überwinden.  In  diesem  Sinne  zitierte  Bundeskanzlerin  Angela  Merkel  in  ihrer  Rede  in  der  Warschauer  Universität  am  16.  März  2007 Johannes Paul II, der sagte: „Es war Gottes Wille, der  Deutsche und Polen zu Nachbarn gemacht hat. Aus diesem  Grunde ist es unsere gemeinsame Aufgabe und Verantwortung,  in  Einigkeit  zu  leben.‟64  Und  der  polnische  Premier  Donald Tusk gab dazu bei der Verleihung des Karlspreises  in Aachen am 13. Mai 2010 die passende Losung: „Europa  als Norm, Gemeinschaft als Regel, Freiheit und Solidarität  als Grundsatz. Das sind unsere Wegweiser.‟65

62 | Vgl. Kai-Olaf Lang: „Pragmatische Kooperation statt strategi  sche Partnerschaft. Zu Stand und Perspektiven der deutsch  polnischen Beziehungen‟, in: SWP-Aktuell 48, Oktober 2004;    Stephan Georg Raabe: „Eine neue Agenda ist nötig. Die  deutsch-polnischen Beziehungen nach dem politischen      Wechsel in Polen‟, in: Euro Journal. Pro Management 1/2008,    32-34 (polnisch erschienen im Europakalender der Polnischen    Robert Schuman Stiftung 1/2008): http://kas.de/proj/home/   pub/48/1/year-2008/dokument_id-12938/index.html    [05.08.2010]; „Jutta Frasch: Dynamisierung der deutsch  polnischen Beziehungen. Vorschläge für eine Vertiefung der    bilateralen Zusammenarbeit‟, in: SWP-Aktuell 34, Juli 2009. 63 | Wóycicki, Czachur, a.a.O. 16. Die Autoren entwerfen drei    Szenarien für die deutsch-polnischen Beziehungen: einen    „verdeckten Antagonismus‟, eine „Zusammenarbeit auf  Distanz‟ und eine „pragmatische Zusammenarbeit‟.   64 | Zitiert nach Góralski, a.a.O. 354. 65 | Donald Tusk: Dankesrede nach der Verleihung des Karls  preises am 13.05.2010, in: Adalbertusforum. Zeitschrift für ostmitteleuropäische Begegnung 6 (2010) 14-17, hier 17.

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Bewährte partnerschaften Mit potential
Die Beziehungen DeutschlanDs zu tschechien unD Der slowakei

Dr. Hubert Gehring ist Auslandsmitarbeiter der Konrad-AdenauerStiftung, zuständig für Tschechien und die Slowakei.

Hubert Gehring / Tomislav Delinić / Andrea Zeller

Die Grenze zur Tschechischen Republik ist mit einer Länge von 811 Kilometern die zweitlängste Außengrenze Deutschlands. Sie trennte 40 Jahre lang die Bundesrepublik und das Land, das damals die Tschechoslowakei war, nicht nur räumlich, sondern vor allem politisch, kulturell, wirtschaftlich und ideologisch. Seitdem sind Tschechien und die Slowakei eigene Wege gegangen. Die Beziehungen beider Länder zu Deutschland haben sich indessen positiv entwickelt und besitzen in einigen Bereichen noch Potential.
1. Die Beziehungen zur tschechischen repuBlik

Tomislav Delinić ist für die KonradAdenauer-Stiftung in Prag tätig.

40 Jahre der kommunistischen Herrschaft stellten lediglich einen kurzen Abschnitt in den Deutsch-Tschechischen Beziehungen dar, die bereits vor über 1000 Jahren ihren Ursprung fanden. Obwohl Deutschland mit der Tschechischen Republik traditionell eng verflochten ist, wurde die gemeinsame Geschichte oftmals getrennt erlebt und getrennt gelebt. Mit der „Samtenen Revolution‟ 1989 ist
Andrea Zeller war von März bis Juli im Auslandsbüro der Konrad-AdenauerStiftung in der Slowakei tätig.

ein weiteres Kapitel der gemeinsamen Beziehungen aufgeschlagen worden. Nach Jahrzehnten der Trennung hatten Deutschland und Tschechien wieder eines gemeinsam: Demokratie, Freiheit, Marktwirtschaft und vor allem den Drang, Frieden und Wohlstand in Europa zu stabilisieren. Symbolisch dafür soll Prag stehen, im Spätherbst 1989 Hauptstadt der Tschechoslowakei.

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JuBelschreie aM 30. septeMBer 1989 künDigen neue zeitrechnung an

Prag spielt in der Geschichte der deutschen Einigung eine ganz besondere Rolle. Ab August 1989 flohen Tausende DDR-Bürger in die Botschaft der BRD in Prag. Am 30. September wurde den Flüchtlingen die mögliche Ausreise in die BRD angekündigt. Aber auch danach und selbst nach der Schließung der Grenze von der DDR zur Tschechoslowakei sammelten sich weitere DDR-Flüchtlinge an, denen abermals durch Sonderverhandlungen die Ausreise ermöglicht wurde. Am 3. November 1989, also sechs Tage vor der innerdeutschen Grenzöffnung, wurde eine direkte Ausreise über die tschechoslowakisch-deutsche Grenze von nun an auch ohne Sondergenehmigung möglich. Die Grenze nach Westen war für die Flüchtlinge nun faktisch offen. Diese Öffnung des Eisernen Vorhangs ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur deutschen Einheit, da sie praktisch auch die Grenzöffnung der DDR erzwang. Somit hat die Tschechoslowakei einen nicht unbedeutenden Anteil am weiteren Verlauf der Geschichte und der Wiedervereinigung Deutschlands. Symbolisch bleibt Prag dabei nicht zuletzt wegen des Ringens des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher und Rudolf Seiters, damals Chef des Bundeskanzleramts, in Erinnerung – und das nicht nur den Deutschen. Viele Prager erinnerten sich anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Ereignisse an die überall stehen und liegen gelassenen „Trabis‟, die das Stadtbild prägten. Und als der Jubel der DDR-Bürger von der Prager Kleinseite hinüber ins Stadtzentrum hallte, wurde vielen klar, dass ein neues Kapitel der deutsch-tschechischen Beziehungen aufgeschlagen wurde.
Verträge Bringen aB 1992 annäherung
als der Jubel der DDr-Bürger von der prager kleinseite hinüber ins stadtzentrum hallte, wurde vielen klar, dass ein neues kapitel der deutsch-tschechischen Beziehungen aufgeschlagen wurde.

Noch aber war Tschechien Teil der nun demokratischen tschechoslowakischen Föderation. Der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit am 27. Februar 1992 war dann ein erster Schritt der konkreten Verständigung der Nachbarländer nach dem

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Zusammenbruch des Ostblocks. Das Dokument bildet eine Art Grundlagenvertrag, in dem eine breite Palette nachbarschaftlicher Fragen angesprochen wird, allerdings keine konkreten Aussagen zur Vergangenheit gemacht werden. Die territoriale Integrität und Feststellung der Grenzen werden erwähnt und 1994 durch einen Grenzvertrag ergänzt. Zwei Probleme der Vergangenheit, die weiterhin unangetastet bleiben, sind die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus und die Frage der Vertreibungen. Der Vertrag von 1992 wird deshalb von Kommentatoren als ungenau und ohne greifbare Folgen bewertet, so dass 1997 schließlich noch eine ergänzende Erklärung unterschrieben wird. Die Deutsch-Tschechische Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung war danach der erste Versuch der Aufarbeitung der Vergangenheit. Gerade weil dieses Mal auch Vergangenheitsthemen angesprochen wurden, ist das Dokument für Tschechien und Deutschland von wichtiger symbolischer Bedeutung. Nach langen beidseitigen Verhandlungen unterzeichneten Vertreter beider Länder am 21. Januar 1997 das wegweisende Dokument. Auf tschechischer Seite waren einige Akteure beteiligt, die heute führend in Politik und Gesellschaft tätig sind, darunter der heutige Staatspräsident Vacláv Klaus, der ehemalige Europaminister Alexandr Vondrá und der heutige Botschafter Tschechiens in Berlin, Rudolf Jindrák. Die Feststellung, dass beide Länder die „Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belasten werden‟, war ein wichtiger Schritt für eine gegenseitige Annäherung und die Entkrampfung der Beziehungen.
Die Deutsch-tschechische erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige entwicklung war danach der erste Versuch der aufarbeitung der Vergangenheit.

Kritikern ging die Erklärung gerade in den Punkten Aufarbeitung der Vergangenheit nicht weit genug. Gerade einige Vertreter der Sudetendeutschen sehen in der Erklä-

rung nach wie vor eine verpasste Chance. Doch angesichts der großen Spannungen in der Vergangenheit und der Wichtigkeit symbolischen Aufeinanderzugehens ist die Deutsch-Tschechische Erklärung nach Auffassung vieler Experten aus heutiger Sicht ein wegweisendes Element der

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gegenseitigen Beziehungen. Durch die Institutionalisierung der nachbarschaftlichen Zusammenarbeit in Form des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und des DeutschTschechischen Gesprächsforums wurden in der Erklärung Plattformen für Kooperation und Dialog geschaffen, die eine konstruktive Debatte ermöglichen.
nachBarschaft in Der praxis

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds wurde Ende 1997 als zwischenstaatliche Institution gegründet und hat die Form eines Stiftungsfonds, der finanziell von der tschechischen und deutschen Regierung anteilig unterstützt wird. Er soll auf vielfältige Weise die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen fördern. Jährlich erreichen den Zukunftsfonds etwa 600 Projektanträge, die mit unterschiedlichen Beträgen entweder in Euro oder Kronen gefördert werden. Insgesamt steht ein jährliches Budget von 75 Millionen Kronen (etwa drei Millionen Euro) für die Unterstützung zur Verfügung. Die Projekte stammen aus ganz verschiedenen Bereichen. Beispielsweise ist für 2010 ein Musikfestival „Mitte Europa‟ länderübergreifend in Bayern,
Durch die institutionalisierung der nachbarschaftlichen zusammenarbeit in form des Deutsch-tschechischen zukunftsfonds und des Deutsch-tschechischen gesprächsforums wurden plattformen für kooperation und Dialog geschaffen.

Böhmen und Sachsen geplant. Des Weiteren gibt es in Kooperation mit der Organisation Tandem ein Jugendbildungsprogramm mit Praktika in Deutschland und Tschechien für Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz erhalten haben. Auch Stipendien für Studierende mit Bezug zu deutsch-tschechischen Beziehungen sind vorgesehen. Daneben werden zahlreiche kleine Projekte gefördert. Seit seiner Entstehung 1998 wurden mehr als 5000 deutsch-tschechische Projekte mit insgesamt über 36 Millionen Euro vom Zukunftsfonds gefördert. Tschechien und Deutschland beschlossen im Jahr 2007, den Zukunftsfonds noch weitere zehn Jahre fortzuführen. Das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum ist ebenfalls als Folge der Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung Ende des Jahres 1997 entstanden. Finanziert wird das Gesprächsforum aus den Mitteln des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds,

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die wiederum von den beiden Regierungen zur Verfügung gestellt werden. Es wurde zunächst mit einem 20-köpfigen Beirat, der zu gleichen Teilen von der deutschen und tschechischen Regierung ernannt wurde, ausgestattet und hat die Aufgabe, regelmäßige Treffen und eine jährlich stattfindende Konferenz zu organisieren. Seit 2004 hat sich die Form insofern gewandelt, als zudem je ein Vorsitzender von beiden Regierungen benannt wird. Relevante Themen der deutsch-tschechischen Beziehungen, aber auch solche mit Bezug zu den beiden Nachbarländern im Rahmen der Europäischen Union sollen hier diskutiert werden.
eu-MitglieDschaft 2004 – chance für enge kooperation

Europa ist eine weitere Dimension für die Intensivierung der nachbarschaftlichen Beziehungen. Tschechien trat 2004 der EU bei und schloss damit einen langen Weg der Assoziierung und Anpassung ab, bei dem das Land auch von Deutschland unterstützt wurde. Waren die neunziger Jahre geprägt von Anfangswirren im nun demokratischen und marktwirtschaftlich orientierten Tschechien, entwickelte sich das Land schnell zum Vorreiter von Reformpolitik und wirtschaftlichem Aufschwung innerhalb der Beitrittskandidaten zur EU in Mittel- und Osteuropa. Wenige Jahre nach dem Beitritt übernahm Tschechien am 1.
2009 übernahm tschechien erstmals die eu-ratspräsidentschaft. Der zeitpunkt war heikel: Die Verfassungskrise drohte die eu in einen institutionellen konflikt zu stürzen.

Januar 2009 erstmals die EU-Ratspräsidentschaft. Die Bundesregierung, angeführt von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sicherte dem Land ihre volle Unterstützung zu. Der Zeitpunkt der Ratspräsidentschaft war heikel:

Die Verfassungskrise drohte die EU in einen institutionellen Konflikt zu stürzen, denn sowohl Irland als auch Tschechien zeigten sich sehr skeptisch im Hinblick auf die Ratifizierung des Lissabonner Vertrags. Die russisch-ukrainische Gaskrise erzwang Diskussionen um die europäische Energiesicherheit. Der neu aufgeflammte Gaza-Konflikt machte eine geschlossene Außenpolitik notwendig. Nicht zuletzt war die globale Finanzkrise eine elementare Bedrohung für die europäischen Staaten. Darüber hinaus war Tschechien mit internen Problemen konfrontiert. Der tschechische Präsident Václav Klaus äußerte sich immer wieder kritisch zur EU und blockierte mit der Verweigerung seiner Unterschrift die Ratifizierung des Lissabonner Vertrags. Zudem

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wurde die Regierung von Mirek Topolánek, der den Vorsitz des Rates der Europäischen Union während der tschechischen Ratspräsidentschaft innehatte, infolge eines Misstrauensvotums im März 2009 gestürzt. Topolánek blieb bis Mai interimistisch im Amt, danach übernahm Jan Fischer mit einer Expertenregierung die Regierungsgeschäfte und somit auch die Ratspräsidentschaft. Trotz der Probleme und turbulenten Ereignisse konnte die Ratspräsidentschaft auf Erfolge verweisen. Die Beratungen der G20 und der Europäischen Finanz- und Regierungschefs zur Finanzkrise wurden weitergeführt. Zudem wurde die Östliche Partnerschaft der EU, ein Assoziierungsabkommen mit Armenien, Aserbaidschan,
„für tschechien ist es besser, die deutsche kanzlerin zu küssen, als den russischen Bären zu umarmen.‟ (Mirek topolánek)

Georgien, der Republik Moldau, der Ukraine und Belarus bei einem Gipfeltreffen in Prag ins Leben gerufen. Gerade an diesem Projekt zur Stabilisierung der östlichen europäischen Nachbarn sowie der Kaukasus-Region hatte auch Deutschland ein starkes Interesse. Für Tschechien ist es eine erneute Möglichkeit, sich als zugehörig zum Westen und zur EU und unabhängig von Russland zu profilieren. Topolánek provozierte bereits zu Beginn der EU-Ratspräsidentschaft: „Für Tschechien ist es besser, die deutsche Kanzlerin zu küssen, als den russischen Bären zu umarmen‟, und machte somit die Orientierung an Deutschland noch einmal deutlich. Reihenweise zeigten sich vormalige Europa-skeptische und Deutschland-kritische Politiker in Tschechien zunehmend pragmatischer und lobten die Rückendeckung für ihr Land seitens Angela Merkel – und das gerade in Zeiten, als die eigene Regierung fiel und aus anderen EU-Ländern lautstark Kritik an Tschechien und der tschechischen Ratspräsidentschaft geübt wurde. Durch solche symbolische Unterstützung, durch die fortschreitende Integration der Tschechischen Republik in die EU und durch die nachbarschaftliche Kooperation mit Deutschland haben sich gute wechselseitige Beziehungen entwickelt. Die Zusammenarbeit findet inzwischen in diversen Themenbereichen, von Umwelt über Lebensmittelverordnungen bis zur Energiefrage, statt und knapp fünf Jahre nach Tschechiens EU-Beitritt gibt es auch erste gemeinsame Projekte im Rahmen der EU. Nachdem dafür nun alle formalen Voraussetzungen geschaffen sind, gilt es, die Kooperation auf EU-Ebene weiter zu stärken.

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tschechien als wirtschaftspartner für DeutschlanD auf gleicher augenhöhe Mit Japan

Dass hier gemeinsame Interessen vorhanden sind, zeigt die enorme wirtschaftliche Verflechtung der Bundesrepublik und Tschechiens. Die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder sind in der Tat als exzellent zu bezeichnen. Seit Jahren bewegt sich der Handelsaustausch zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik im Rahmen zwischen 35 bis 50 Milliarden Euro, das ist zum Teil mehr als Deutschland im Handel mit Japan oder Lateinamerika umsetzt. Deutschland gilt als der größte und wichtigste Handelspartner Tschechiens. Die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) sieht durchaus noch weiteres Potential. Dennoch dürften neue Investoren aus Deutschland aufgrund eines enormen Fachkräftemangels in Tschechien schwer zu finden sein. Die Tschechische Republik zeigt gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise, dass sie nicht zu den Wackelkandidaten in Mittel- und Osteuropa gehört, eine stabile Finanzpolitik führt und längst kein reines Niedriglohnland
Die tschechische krone ist zwar gesund, doch mancher investor überlegt, sein geld eher im euroland slowakei anzulegen.

mehr ist. Nicht zuletzt aufgrund der langen Maschinenbautradition, der Rohstoffe sowie der geografischen Lage im Herzen Europas entwickelte sich das Land zu einem hoch-

technologischen Entwicklungsstandort. Umso wichtiger ist es deshalb für Tschechien, auch weiterhin für ausländische Investoren attraktiv zu bleiben. Will die Tschechische Republik auch weiterhin mit hervorragenden Wirtschaftszahlen glänzen, muss die Regierung dringend benötigte Reformen einleiten und auch die Einführung des in der Wirtschaft massiv geforderten Euro ernsthaft diskutieren. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Einheitswährung zunächst auf die lange Bank verschoben. Obwohl die ehemalige Teilrepublik Slowakei bereits zum 1. Januar 2009 die europäische Einheitswährung eingeführt hat, nannte der scheidende Zentralbankchef Zdeněk Tůma das Jahr 2019 als realistisches Szenario für Tschechien. Das verärgert vor allem die Wirtschaft. Die tschechische Krone ist im Vergleich zu anderen Währungen in der Region

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zwar gesund, doch die starken Wechselkursschwankungen machen Tschechien auch für deutsche Investoren immer unattraktiver. In Zeiten, in denen Transportwege effizient überwunden werden können, überlegt so mancher Investor, sein Geld lieber im Euroland Slowakei anzulegen anstatt Tschechien als Standort zu wählen. Das bekommt die tschechische Wirtschaft immer deutlicher zu spüren und sollte die neue tschechische Regierung zu einer ernsthaften Diskussion über den Euro motivieren. Für die deutsch-tschechische Wirtschaftskooperation wäre das ein wegweisender Schritt, die bereits sehr intensiven Handelsbeziehungen in Zukunft zu festigen und weiter auszubauen.
DeutschlanD unD tschechien – zwei gesellschaften koMMen sich näher

Doch die beeindruckenden Wirtschaftszahlen sind nicht alles, was die Nachbarschaft Deutschlands und der Tschechischen Republik ausmacht. Neben den bereits erwähnten Projekten Zukunftsfonds und Gesprächsforum wurden während der letzten 18 Jahre unzählige deutsch-tschechische Initiativen auf den Weg gebracht, um die gemeinsame Zukunft zu gestalten und die Schatten der Vergangenheit aufzuarbeiten. Neben der DeutschTschechischen Historikerkommission wurden unzählige Städtepartnerschaften ins Leben gerufen. Zudem entstanden binationale Kooperationen auf Vereinsebene, bei Verbänden und Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) sowie ein reger Schüler- und Studentenaustausch. Sogar an Kindergärten in der Grenzregion werden inzwischen Austauschprogramme durchgeführt, um bereits den Kleinsten die Angst vor dem „fremden‟ Nachbarn zu nehmen. Besonders in den Grenzregionen gibt es dafür Musterprojekte der Zusammenarbeit. Ein Beispiel für eine Schule in Deutschland ist das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna, wo ein binationaler-bilingualer Bildungsgang angeboten wird. Kooperation von Kindergärten in Tschechien und Deutschland gibt es unter anderem über das Projekt „Von klein auf – Odmalička‟. Auf studentischer Ebene bietet die Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e.V. Stipendiatenprogramme für Sprachkurse und Studienaufenthalte in beiden Ländern an. Weitere herausragende Beispiele für
unzählige deutsch-tschechische initiativen wurden auf den weg gebracht, um die gemeinsame zukunft zu gestalten. obwohl derartige Basis-arbeit von enormer Bedeutung ist, findet sie nur selten erwähnung in politik und Medien.

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die lebendige zivilgesellschaftliche Kooperation zwischen deutschen und tschechischen Akteuren sind die Brücke/ Most-Stiftung, Antikomplex, das Prager Literaturhaus, das deutsch-tschechische Jugendforum, die AckermannGemeinde, das Collegium Bohemicum und Vereinigungen der Sudetendeutschen. All diese Organisationen bemühen sich auf ihre Weise, in den Feldern Kultur, Geschichte und Begegnung gegenseitige Achtung und Völkerverständigung zu fördern. Obwohl eine derartige Basis-Arbeit von enormer Bedeutung für die gemeinsame Zukunft ist, findet sie leider nur selten Erwähnung in Politik und Medien. Doch gerade diese Arbeit ist es, welche die Deutsch-Tschechischen Beziehungen zu etwas Besonderem macht. In den letzten Jahren hat sich der Kontakt zwischen tschechischen und deutschen Initiativen verstärkt, insbesondere der direkte Kontakt ohne den Umweg über Parlamente oder Regierungen. Die Zusammenarbeit ist dezentralisiert, entpolitisiert und von den staatlichen Hierarchien unabhängiger geworden. Besonders in den „Euregionen‟, die grenzübergreifend in Tschechien, Sachsen und Bayern liegen, gibt es eine gute Zusammenarbeit. Ein ganz praktisches Beispiel für die bayrisch-tschechische Kooperation sind die gemeinsamen Grenzkontrollen tschechischer und bayrischer Beamter, die auch vor der Aufnahme in den Schengenraum schon stattfanden, beispielsweise am Grenzpunkt Furth im Wald / Domažlice.
ist Die Mauer noch in Den köpfen?

Trotz der Vielzahl an beidseitigen Projekten wird das gegenseitige Bild des Nachbarn in den breiten Gesellschaften aber nach wie vor auch noch von Desinteresse oder Vorurteilen geprägt. In Deutschland mangelt es oft an Neugier, sich mit den östlichen Nachbarn eingehend zu beschäftigen. Für Deutschland erscheint Tschechien als kleines Land ohne ernsthafte Probleme – und ohne ernsthafte politische Schnittpunkte. Die Tschechen werden so in ihrem Selbstbild, aus einem kleinen Land ohne große europapolitische Bedeutung zu stammen, teilweise bestätigt. Dabei ist wenigen bewusst, dass die tschechische Bevölkerung größer ist als z. B. die österreichische und die Landesfläche doppelt so groß wie die niederländische. Aus tschechischer Sicht wiederum wird das Deutschlandbild

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bisher eng mit der Vergangenheit verknüpft. Die bekannten Stereotype über Deutsche sind natürlich vorhanden, aber seit dem EU-Beitritt wird die Wahrnehmung mehr und mehr von den realen nachbarschaftlichen Kontakten geprägt. Doch gerade in der Normalisierung liegt auch eine Gefahr. Je weniger aufsehenerregende Nachrichten es aus dem Nachbarland gibt, desto geringer fällt in Prag das Interesse an Deutschland aus. Eine politische Annäherung hat stattgefunden, ist aber leider hinter den Möglichkeiten geblieben, und heute gibt es nur wenige deutsche und tschechische Politiker, die sich intensiv mit dem jeweiligen Nachbarn beschäftigen. Die heutige Annäherung ist nicht mehr in den Parlamenten zu suchen, sondern im NGO-Sektor und im Kulturbereich, wo Austauschforen, Jugend- und Kulturprojekte den Prozess weiter vorantreiben. Eine normale Nachbarschaftspolitik, die auch in wenig aufregenden Zeiten aufrechterhalten wird, wie beispielsweise die deutsch-polnische oder deutsch-französische, muss erst noch erlernt und erlebt werden. In der deutschen Bevölkerung gibt es zwei verschiedene Varianten der Wahrnehmung Tschechiens – eine differenzierte Sicht, wie sie vor allem in den unmittelbar angrenzenden Bundesländern Bayern und Sachsen zu finden ist, und ein undifferenzierteres Klischee der Tschechischen Republik als ehemaliger Ostblockstaat. Während besonders bei der älteren Bevölkerung noch eine Mauer in den Köpfen zu sein scheint, die Deutschland und Tschechien trennt, sind es vor allem junge Leute, die die europäischen Grenzen problemlos überwinden. Die Jugendlichen heute sind in die Situation offener Grenzen und Reisefreiheit hineingewachsen. Viele Studierende nutzen Austauschprogramme wie Erasmus, um in einem anderen Land zu leben und zu lernen. Im Studienjahr 2008/2009 kamen so 349 deutsche Studenten nach Tschechien und 873 tschechische nach Deutschland. Nur 1,4 Prozent der deutschen, aber ganze 16 Prozent der tschechischen Erasmus-Studenten wählen also das jeweilige Nachbarland. Die Mobilität wird vermutlich in Zukunft weiter steigen, wenn schnelle, günstige Verbindungen das Reisen über die
eine politische annäherung hat stattgefunden, ist aber hinter den Möglichkeiten geblieben, und heute gibt es nur wenige deutsche und tschechische politiker, die sich intensiv mit dem jeweiligen nachbarn beschäftigen.

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Grenze vereinfachen und eine Generation heranwächst, für die offene Grenzen und internationale Vernetzung eine Selbstverständlichkeit sind. Durch Aufarbeitung der Geschichte und bilaterale Projekte kann Vertrauen wachsen und Vorurteile können abgebaut werden. So kann die Grundlage für ein gesellschaftliches Annähern gelegt werden. Die Mauer in manchen Köpfen wird dann langsam, aber stetig schwinden.
Die europäische union als zukunftschance für Die Deutsch-tschechische kooperation

Europa ist das Stichwort, wenn es um die Zukunft einer engeren, intensiveren Zusammenarbeit Deutschlands und Tschechiens auf politischer Ebene geht. Mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon am 1. Dezember 2009 wurden für die institutionelle Zusammenarbeit im Europäischen Parlament und im Rat neue, effizientere Abstimmungsverfahren verabschiedet. Das Europäische Parlament soll nun in vielen Entscheidungsprozessen stärker beteiligt werden und daher nach dem so genannten Mitentscheidungsverfahren dem Rat gleichberechtigt abstimmen können. Im Rat werden künftig weitere Politikbereiche nicht mehr die Einstimmigkeit
eine Verbesserung der kooperation auf dem energiesektor ist dringend erforderlich. Die tschechische republik fühlte sich durch die ostseepipeline von Deutschland und russland hintergangen.

aller 27 Mitgliedstaaten erfordern, sondern bereits durch eine qualifizierte Mehrheit (ab 2014 nach dem Prinzip der doppelten Mehrheit von Mitgliedstaaten und Bevölkerung) zur Beschlussfassung führen. Für die

tschechische Europapolitik bedeutet dies eine zunehmende Bedeutung der parlamentarischen Fraktionsbildung und die wachsende Notwendigkeit von Verbündeten unter den Mitgliedstaaten. Ein einfaches Veto wird in Zukunft nicht ausreichen, um nationale Anliegen auf europäischer Ebene zur Geltung zu bringen. Eine inhaltliche Schärfung des europapolitischen Profils könnte daher neue Formen der Kooperation eröffnen und zudem tatsächliche europäische Interessen der Tschechischen Republik aufzeigen. Schnittpunkte für eine mögliche Kooperation mit Deutschland sind z. B. im Bereich der Energie, Forschung und Innovation, Binnenmarkt sowie bei Fragen der Menschenrechte durchaus vorhanden. Eine Verbesserung der Kooperation auf dem Energiesektor ist dringend erforderlich, da diese

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Thematik bislang, vor allem aufgrund des von Gerhard Schröder und Vladimir Putin geschlossenen Abkommens zum Bau der Ostseepipeline, wohl eher eine Belastung der Deutsch-Tschechischen Beziehungen darstellt. Die Tschechische Republik fühlte sich durch die Vereinbarung, Gas über den Meeresgrund in die Bundesrepublik zu befördern, von Deutschland und Russland hintergangen. Eine Meinung, die im Übrigen in nahezu allen mittelosteuropäischen Ländern vertreten wurde. Deshalb scheint es umso wichtiger, dass die EU unter deutscher Beteiligung mit der Tschechischen Republik einen gemeinsamen Weg zur Energiesicherung erarbeitet. Tschechien gilt gemeinhin als innovativer Standort für technologische Entwicklungen, was nicht zuletzt die Automobilindustrie in Tschechien beweist, die weltweit große Erfolge feiert. Aus diesem Grund könnten beispielsweise deutsch-tschechische Forschungs- und Entwicklungskooperationen auf dem Energiesektor ein möglicher Weg zu neuen Kooperationen sein. Die tschechische Regierung betont stets die große Bedeutung technologischer Neuerungen für das Land. Demnach dürfte gemeinsamen Forschungsprojekten auf Hightech-Sektoren, z. B. dem Wachstumsmarkt der regenerativen Energien, kaum etwas im Wege stehen. Zwar ist der tschechische Staatspräsident Klaus ein vehementer Kritiker der Thesen rund um die Globale Erwärmung, doch dürfte er Maßnahmen nicht abgeneigt sein, welche die energiepolitische Unabhängigkeit des Landes fördern und zugleich steigende Einnahmen im Staatshaushalt versprechen, zumal dies den Ruf des Landes als hochtechnologischer Innovationsstandort weiter stärken dürfte. Sowohl Tschechien als auch Deutschland verfügen traditionell über hervorragende Wissenschaftler und Forscherteams, von deren Zusammenarbeit beide Länder nachhaltig profitieren können, nicht nur auf dem Energiesektor. Engere Schulterschlüsse zwischen beiden Ländern könnten auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens erfolgen, um noch effizienter arbeiten zu können. Auf dem Automobilsektor wird diese Symbiose bereits seit einigen Jahren eindrucksvoll umgesetzt und vorgelebt.
Die tschechische regierung betont stets die Bedeutung technologischer neuerungen für das land. gemeinsamen forschungsprojekten dürfte nichts im wege stehen.

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Die Zusammenarbeit der Nachbarländer Deutschland und Tschechien auf der politischen Bühne Europas könnte in den nächsten Jahren im Bereich der Menschenrechte intensiviert werden. Der Kampf um deren Achtung hat in Tschechien, das lange von totalitären Regimes regiert wurde, eine lange Tradition. Hinzu kommt, dass die EU gerade Themen wie die Einhaltung der Menschenrechte und humanitäre Hilfe oftmals zu wenig behandelt. Um solche Erfolgsgeschichten auch in anderen Bereichen, und gerade innerhalb der Europäischen Union, realistisch zu machen, sollte die neue tschechische Regierung die eigene Positionierung in Europa strategisch reiflich überlegen. Bisher war Tschechien in europapolitischer Hinsicht nicht sonderlich aktiv und konstruktiv. Inzwischen sind mehr als fünf Jahre seit dem EU-Beitritt vergangen und eine entsprechende Expertise für eigene
themenbezogen auf partnersuche zu gehen, sollte für die tschechische regierung nach der langwierigen, theoretischen lissabon-grundsatzdebatte nun die Devise sein.

europapolitische Initiativen sollte aufgebaut sein. Eigene Vorschläge, klare Stellungnahmen und das Präsentieren von möglichen Schnittmengen für die europäischen Partner,

insbesondere die Bundesrepublik, sind entscheidende Eckpunkte, damit das „Pakete schnüren‟ auch mit dem bisher zurückhaltenden Partner Tschechien vonstatten gehen kann. Themenbezogen auf Partnersuche zu gehen, sollte für die tschechische Regierung nach der langwierigen, theoretischen Lissabon-Grundsatzdebatte nun die Devise sein. Gerade die Kooperation mit den Nachbarn, mit den Partnern in der eigenen Region sollte für Tschechien und Deutschland in der nahen Zukunft Priorität haben. Hier herrschen ähnliche Interessen, hier sind kulturell bedingte Schnittpunkte in Lebens- und Denkweise. In wirtschaftlicher Hinsicht haben Deutschland und Tschechien bereits Großes erreicht. In den genannten Themenbereichen Umwelt, Forschung und Bildung wären ebenso Möglichkeiten für gemeinsame Positionen in der EU vorhanden.

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fazit unD ausBlick nach Den parlaMentswahlen VoM Mai 2010

„Noch nie waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien so gut wie heute.‟ Dies ist ein Satz, der sehr häufig im Zusammenhang mit der gegenseitigen Nachbarschaft genannt wird. Und in der Tat ist diese Aussage in jeder Hinsicht korrekt. Die Beziehungen beider Länder waren trotz vieler Schatten aus der Vergangenheit noch nie so gut wie heute: Gemeinsame Verträge haben den Status und die Beziehungen beider Länder auf eine rechtliche Ebene gebracht. Viele Organisationen, Projekte und Akteure tragen tagtäglich einen weiteren Teil zum Zusammenwachsen beider Länder bei, weit weg von Fragen der Vergangenheit oder der Politik. Die Jugend drückt in wegweisenden Gemeinschaftsprojekten in den Grenzregionen gemeinsam die Schulbank und lernt die jeweilige Sprache des Nachbarn – und das kostet angesichts der bekannten Schwierigkeit der tschechischen und auch der deutschen Sprache viel Kraft und Konzentration. Die wirtschaftliche Verflechtung hat innerhalb von zwanzig Jahren Dimensionen erreicht, der die mancher in westliche fünf Partner Bundesrepublik Jahrzehnten
Die „normalisierung des Verhältnisses‟, also die gegenseitige wahrnehmung als partner auf gleicher augenhöhe hat auch eine gewisse „De-emotionalisierung‟ der Beziehungen mit sich gebracht.

nicht aufbauen konnte. Und dabei geht es nicht nur um bekannte Großprojekte in der Automobilindustrie. Es sind die kleinen und

mittelständischen Unternehmer, die beiderseits der Grenze dafür sorgen, dass auch in einer globalen Wirtschafts- und Finanzkrise der gegenseitige Handel auf stabilen Füßen steht. Erfolgsgeschichten gibt es also genug! Doch könnten die Beziehungen noch besser sein. Denn die „Normalisierung des Verhältnisses‟, also die gegenseitige Wahrnehmung als Partner auf gleicher Augenhöhe anstelle von Stereotypen und Vorurteilen, hat auch eine gewisse „De-Emotionalisierung‟ der Beziehungen mit sich gebracht. Das ist zwar gerade in Fragen der Vergangenheitsbewältigung zu begrüßen, doch scheint es in der Politik hier und da an Herz und Entschlossenheit zu mangeln, die Partnerschaft auf eine neue, positiv-emotionale Ebene zu heben. Vielleicht könnte der angekündigte Besuch des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer im Herbst 2010 unter Teilnahme sudetendeutscher Vertreter ein weiterer

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Schritt sein, die Beziehungen auf eine neue Ebene zu heben. Das wäre immerhin der erste offizielle Besuch eines bayerischen Ministerpräsidenten im Nachbarland. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auf tschechischer Seite eine stabile Regierung, die sich nicht wie in den letzten Jahren auf eine Mehrheit von nur ein oder zwei Abgeordneten stützt und damit immer der Gefahr von Instabilität und Beeinflussbarkeit unterliegt. Die Ergebnisse der Wahlen zum Abgeordnetenhaus vom Mai 2010 haben zumindest diesbezüglich für Klarheit gesorgt. Nach großer Instabilität der Vorgängerregierung von Premierminister Mirek Topolánek ist nun mit größerer Stabilität der neu gewählten Mitte-Rechtsauswirkungen, zumal negative, auf die bilaterale Deutsch-tschechische nachbarschaftspolitik dürfte das wahlergebnis vom Mai 2010 nicht haben.

Koalition zu rechnen. Auswirkungen, zumal negative, auf die bilaterale Deutsch-Tschechische Nachbarschaftspolitik dürfte das Wahlergebnis vom Mai 2010 nicht haben.

So wurde während der tschechischen Ratspräsidentschaft 2009 gerade von den teilweise eher deutschskeptischen konservativen Kreisen sehr positiv die deutsche Rolle und die Unterstützung Tschechiens durch Bundeskanzlerin Merkel registriert. Sollte jedoch die neue tschechische Regierung eines Tages zuhause auch unter Druck geraten, wie zuletzt die ODS-geführte Regierung Topolánek im Frühjahr 2009, könnte die politische Agendasetzung leiden. Und gerade klarer, politischer Signale bedarf es, um die gemeinsamen deutsch-tschechischen Beziehungen auf dem Weg der Entkrampfung und positiven Gestaltung weiterzuführen. Die bis heute geschaffenen, funktionierenden Mechanismen für eine aktive Gestaltung der Zusammenarbeit beiderseits der Grenzen und die vielfältigen Beispiele für eine fruchtbare Kooperation sollten auch in Zukunft Vorbild genug für die Politik sein, mehr Herzlichkeit, Offenheit und Vertrauen einzubringen, um innerhalb Europas neue, gemeinsame Wege zu beschreiten und dabei alte Vorurteile beiseite zu lassen. Das gelang Deutschland bereits mit anderen Nachbarn, deren Deutschlandbild zu jener Zeit deutlich belasteter war als es heute in Tschechien der Fall ist. Warum also nicht auch etwas mehr Herz für die deutsch-tschechische Freundschaft zeigen?

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Für geführte Gespräche, Informationen und Anregungen zur Erstellung des Textes über die Beziehungen zur Tschechischen Republik danken die Verfasser: ▪ Msgr. Dominik Duka OP, Erzbischof von Prag ▪ Dr. Lucie Černohousová, Institutsleiterin Prager Literaturhaus, Prag ▪ Dr. Vladimír Handl, Institut für Internationale Beziehungen IIR, Prag ▪ Sebastian Holtgrewe, Leiter Unternehmenskommunikation, Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer Prag ▪ Ondřej Matějka, Direktor, Antikomplex Prag ▪ Msgr. Anton Otte, Ackermann Gemeinde Prag ▪ Gerald Schubert, Chefredakteur, Radio Prag, Auslandssender des tschechischen Rundfunks ▪ Erik Tabery, Chefredakteur, Wochenmagazin Respekt, Prag ▪ Dr. Volker Weichsel, Redakteur, Zeitschrift Osteuropa, Berlin

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2. Die Beziehungen zur slowakei

Auch die deutsch-slowakischen Beziehungen sind freundlich1, auch sie verlaufen jedoch überwiegend unauffällig und geräuschlos. Dies ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass das bilaterale Verhältnis nicht von historischen Konflikten überschattet wird. Inwieweit man jedoch, wie der slowakische Historiker und Politologe Pavol Lukáč, vom „Fehlen einer Gemeinschaft‟2 sprechen kann, bleibt zu klären. Seit der Teilung der ehemaligen Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik (ČSFR)
1993 war Deutschland unter den ersten staaten, die die unabhängigkeit der slowakei anerkannten. Bereits am ersten tag der selbständigkeit war die Deutsche Botschaft in Bratislava vertreten.

1993

waren

sowohl

die

Bundesrepublik

Deutschland als auch die Slowakische Republik von Anfang an am Aufbau guter Beziehungen interessiert. So hob etwa Bundespräsident Johannes Rau beim Besuch seines

Amtskollegen Rudolf Schuster im Jahre 1999 hervor, dass er die Slowakei noch immer als Nachbarland Deutschlands sieht. Auch Außenminister Guido Westerwelle und der slowakische Außenminister Miroslav Lajčák betonten im Februar 2010, dass Deutschland und die Slowakei zwar über keine geografische Grenze verfügen, sich jedoch als Nachbarn im Geiste sehen.
politische Beziehungen

Im Februar 1992 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die ČSFR einen Vertrag „über gute Nachbarschaft und Freundschaftliche Zusammenarbeit‟. Darin wurden unter anderem gegenseitige Gebietsansprüche ausgeschlossen, der bestehende Grenzverlauf bestätigt, die Rechte der jeweiligen Minderheiten definiert sowie die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in der ČSFR durch die Bundesrepublik Deutschland zugesagt.
3

Dieser

Vertrag, der von der Slowakischen Republik als ein Nachfolgestaat der ČSFR anerkannt wurde, bildet bis heute die Grundlage der deutsch-slowakischen Beziehungen.
1 | Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laender informationen/Slowakei/Bilateral.html [15.06.2010]. 2 | Pavol Lukáč, Dejiny a zahraničná politika v strednej Európe (Bratislava: 2004), 106. 3 | Vgl. Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik über gute Nachbarschaft und Freundschaftliche Zusammenarbeit, http://www.glasnost.de/db/DokAus/92csfr.html [16.06.2010].

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1993 war Deutschland unter den ersten Staaten, die die Unabhängigkeit der Slowakei anerkannten. Bereits am ersten Tag der Selbständigkeit war die Deutsche Botschaft in Bratislava vertreten. Generell kam die deutsche Unterstützung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation in Mittelosteuropa4 auch der Slowakei zugute. Während der Regierungszeit von Ministerpräsident Vladimir Mečiar sind die deutsch-slowakischen Beziehungen jedoch bis zu seiner Abwahl 1998 vorübergehend abgekühlt. Bundeskanzler Helmut Kohl gefiel Vladimir Mečiar und sein mitunter fast autoritärer Regierungsstil nicht. Verschiedene Versuche des slowakischen Außenministeriums, ein Treffen zwischen Helmut Kohl und Vladimir Mečiar zu arrangieren, wurden mit Verweis auf den ausgefüllten Terminkalender des Bundeskanzlers abgewiesen. Umgekehrt verzögerte die Slowakische Regierung bis 1995 die Anerkennung der offiziellen Bezeichnung Deutschlands als Bundesrepublik Deutschland (Spolkova republika Nemecko) und griff auf die während des Kalten Krieges verwendete Bezeichnung Deutsche Bundesrepublik (Nemecka spolkova republika) zurück.5 Helmut Kohl stattete der Slowakischen Republik dann erst im Juni 2007 anlässlich der Verleihung des Internationalen Adalbert-Preises an den früheren polnischen Außenminister Władysław Bartoszewski einen Besuch ab. Mit dem Amtsantritt von Mikuláš Dzurinda 1998 verbesserten sich die deutsch-slowakischen Beziehungen merklich. Gerhard Schröder folgte im Oktober 2000 der Einladung des slowakischen Ministerpräsidenten und besuchte als erster deutscher Bundeskanzler die Slowakische Republik. Nach dem Gespräch der beiden Regierungschefs hob Ministerpräsident Dzurinda die guten deutsch-slowakischen Wirtschaftsbeziehungen hervor und bekräftigte seinen Wunsch nach einem baldigen EU-Beitritt der Slowakei. Gerhard Schröder wiederum würdigte die wirtschaftlichen Reformen der Regierung Dzurinda und betonte, dass Deutschland die Slowakei in ihrem Bestreben nach einem
4 | Vgl. Josefine Wallat, „Alte Lasten, neue Chancen. Deutschlands Blick auf Visegrád‟, in: Osteuropa, 10 (2006), 78. 5 | Vgl. Stephen D. Collins, German policy-making and eastern enlargement of the EU during the Kohl era. Managing the agenda? (Manchester: Manchester University Press, 2002), 130 f. während der angriff der usa auf den irak im frühjahr 2003 von der deutschen seite sehr kritisch gesehen wurde, unterstützte die slowakei die amerikanische haltung.

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raschen Beitritt zur EU unterstützen werde. Insgesamt reiste Bundeskanzler Schröder zwei Mal in die Slowakische Republik, Mikuláš Dzurinda stattete der Bundesrepublik Deutschland in seinen beiden Amtszeiten zehn Besuche ab.
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Meinungsverschiedenheiten bestanden während dieser

Phase hauptsächlich im Hinblick auf den Irak-Konflikt sowie aufgrund der Steuerreform der zweiten Regierung Dzurinda. Bezüglich des Irak-Konfliktes vertraten Deutschland und die Slowakei entgegengesetzte Positionen: Während der Angriff der USA auf den Irak im Frühjahr 2003 von der deutschen Seite sehr kritisch gesehen wurde, unterstützte die Slowakei die amerikanische Haltung.7 Der 2004 eingeführte slowakische Einheitssteuersatz von 19 Prozent wurde von Gerhard Schröder als „Steuerdumping‟ betitelt. Dies hätte die Steuerflucht von Unternehmen sowie den Abbau von Arbeitsplätzen in den
Den freundschaftlichen Beziehungen haben alle politischen Differenzen keinen abbruch getan, betonten beide regierungschefs. Die mutigen slowakischen reformen hob Merkel hervor.

westeuropäischen Staaten zur Folge.8 Den guten wirtschaftlichen Kontakten und den sehr freundschaftlichen deutsch-slowakischen Beziehungen haben diese Differenzen keinen Abbruch getan, wie Bundeskanzlerin

Angela Merkel und Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda im Mai 2006 in Bratislava betonten. Dabei hob die Bundeskanzlerin ausdrücklich die mutigen Reformen der Regierung Dzurinda hervor.9 Robert Fico, slowakischer Ministerpräsident von 2006 bis Juli 2010, traf sich ebenfalls einige Male mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Deutschland. Hierbei wurden stets die guten Beziehungen betont. Auch nach den slowakischen Parlamentswahlen vom 12. Juni, aus denen Iveta Radičová als Siegerin hervorging, ist davon auszugehen, dass das Interesse an der Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen Bestand haben wird.
6 | Gespräch mit Agáta Pešková, Konrad-Adenauer-Stiftung Bratislava, 02.06.2010. 7 | Vgl. Josefine Wallat, „Alte Lasten, neue Chancen. Deutschlands Blick auf Visegrád‟, in: Osteuropa, 10 (2006), 81. 8 | Vgl. Stefan Gehrold und Daniel Wolf, „Wirtschaftswunder Slowakei. Musterknabe oder neuer Bösewicht in der Europäischen Union?‟, in: KAS-Auslandsinformationen 11/2005, 63. 9 | Vgl. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Pressburg, „Pressebegegnung von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und dem Ministerpräsidenten der Slowakischen Republik Ing. Mikuláš Dzurinda‟ (2006), http://pressburg.diplo.de/ Vertretung/pressburg/de/03/Bilaterale__Beziehungen/seite__ pressekonferenz__bk_27in__dzurinda.html [17.06.2010].

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Betrachtet man die gegenseitigen Besuche der Staatsoberhäupter, Regierungschefs und Außenminister seit 1993, fällt auf, dass die Besuche von slowakischer Seite in Deutschland bei Weitem überwiegen. Seit dem EU-Beitritt der Slowakei sind diese Besuche in Deutschland jedoch rückläufig10, was daran liegen könnte, dass es nun im Rahmen der EU zu regelmäßigen Treffen der Regierungschefs und Außenminister kommt. Die politischen Kontakte spielen sich jedoch nicht nur auf der höchsten staatlichen Ebene ab, auch die einzelnen Ministerien, der deutsche Bundestag und die deutschen Bundesländer gestalten die Beziehungen
auch die einzelnen Ministerien und die Bundesländer gestalten die Beziehungen mit. im Bundestag ist eine Deutsch-slowakische parlamentariergruppe aktiv.

mit: Zahlreiche Mitglieder des Deutschen Bundestages, Regierungsmitglieder wie Franz-Josef Jung, Manfred Stolpe oder Renate Künast sowie einige Ministerpräsidenten, darunter Christian Wulff, Georg Milbradt, Matthias Platzeck und Roland Koch, besuchten die Slowakischen Republik in den vergangenen Jahren während ihrer Amtszeit. Im Bundestag ist zudem eine Deutsch-Slowakische Parlamentariergruppe aktiv, die sich um einen intensiven Austausch zwischen den Parlamenten bemüht. Von slowakischer Seite reisten ebenfalls verschiedene Minister zu offiziellen Besuchen nach Deutschland, wie etwa Ivan Mikloš in seiner damaligen Funktion als Finanzminister oder Robert Kaliňak, Innenminister der Slowakischen Republik.11 Die Zusammenarbeit slowakischer und deutscher Behörden wird nachfolgend exemplarisch am Beispiel des slowakischen Instituts des Nationalen Gedenkens (Ústav pamäti národa – UPN) nachgezeichnet: Die Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) und das UPN unterzeichneten eine Erklärung zur gegenseitigen Unterstützung. Danach fördert die BStU Konferenzen des UPN teilweise durch finanzielle Zuwendungen oder Referenten. So erhielt das UPN etwa für
10 | Vgl. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Pressburg, „Gegenseitige Besuche der Staatsoberhäupter, Regierungschefs und Außenminister seit 1999‟, http://pressburg.diplo.de/ Vertretung/pressburg/de/03/Bilaterale__Beziehungen/seite__ gegenseitige__besuche__seit__1999.html [18.06.2010]. 11 | Gespräch mit Agáta Pešková, Konrad-Adenauer-Stiftung Bratislava, 02.06.2010.

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eine Konferenz zum sowjetischen Geheimdienst KGB im Jahre 2008 eine finanzielle Unterstützung seitens der BStU. Zudem wurde einem leitenden Mitarbeiter des UPN ein mehrmonatiges Praktikum in der deutschen Behörde ermöglicht.12 Ein weiteres Bindeglied zwischen Deutschland und der Slowakei stellen die heute noch etwa 5.000 Karpatendeutschen dar, die sich bei der Volkszählung in
ein Bindeglied zwischen Deutschland und der slowakei stellen die 5.000 karpatendeutschen dar. Die karpatendeutschen wurden von der slowakischen republik als eine von 13 Minderheiten offiziell anerkannt.

der Slowakischen Republik im Jahre 2001 zur deutschen Nationalität bekannten. Im Karpatendeutschen Verein (KDV), der die deutsche Minderheit auf slowakischem Gebiet repräsentiert, geht man jedoch davon aus, dass

etwa doppelt so viele Deutsche in der Slowakei leben. Die Karpatendeutschen wurden von der Slowakischen Republik als eine von insgesamt 13 Minderheiten offiziell anerkannt. Außer mit Ján Slota, dem für seine nationalistischen Ansichten bekannten Leiter der Slowakischen Nationalpartei (Slovenská národná strana – SNS), hatten die Karpatendeutschen seit der Gründung der Slowakischen Republik bislang keine Probleme mit politischen Vertretern. Insbesondere mit den slowakischen Staatspräsidenten Rudolf Schuster (1999–2004) und Ivan Gašparovič (2004 bis heute) war und ist die Zusammenarbeit hervorragend. Auch die Beziehungen zu den anderen Minderheiten in der Slowakischen Republik werden als gut bezeichnet. Das Museum der Kultur der Karpatendeutschen in Bratislava ist Bestandteil des Slowakischen Nationalmuseums und wird zu etwa 99 Prozent vom slowakischen Kulturministerium finanziert. Von dort werden auch weitere finanzielle Mittel für ausgewählte Projekte des Vereins bereitgestellt. Auch die deutsche Seite beteiligt sich an der Finanzierung der Karpatendeutschen Minderheit: Das Innenministerium gewährt Zuschüsse, verschiedene Vereine und Stiftungen wie etwa die Karpatendeutsche Landsmannschaft Slowakei e.V. mit Sitz in Stuttgart oder die Hermann Niermann-Stiftung aus Düsseldorf fördern die Karpatendeutschen finanziell und organisatorisch.13

12 | Gespräch mit Marta Košíková, Ústav pamäti národa (UPN), 26.05.2010. 13 | Gespräch mit Ondrej Pöss, Karpatendeutscher Verein, 08.06.2010.

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DeutschlanD unD Die slowakei in Der europäischen union

Im Juni 1995 bewarb sich die Slowakische Republik um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Der Beschluss seitens der EU zum Beginn direkter Beitrittsgespräche erfolgte jedoch erst auf dem Gipfel des Europäischen Rats im Dezember 1999 in Helsinki.14 Während der Regierungszeit Vladimir Mečiars wären direkte Beitrittsverhandlungen kaum vorstellbar gewesen. So hatte sich die EU unter anderem im Oktober 1995 tief besorgt über die politischen innerhalb
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und der

institutionellen Slowakischen

Spannungen

noch bis zum 30. april 2011 ist für slowakische staatsangehörige der zugang zum deutschen arbeitsmarkt eingeschränkt und bedarf einer „arbeitsgenehmigung-eu‟ der Bundesagentur für arbeit.

Republik gezeigt.

Die 1998 gewählte Regie-

rung Dzurinda trat mit verschiedenen Reformen den negativen Entwicklungen entgegen und bemühte sich um die Verankerung des Landes in der westlichen Staatengemeinschaft. Dabei wurde sie auch von Deutschland unterstützt, das sich für den EU- und NATO-Beitritt der Slowakischen Republik einsetzte.16 Im Zuge der Beitrittsverhandlungen drängte die Regierung Schröder jedoch erfolgreich darauf, die Stilllegung des slowakischen Kernkraftwerks V1 in Jaslovské Bohunice als Beitrittsbedingung in die Verträge aufzunehmen.17 Ein weiterer deutsch-slowakischer Konfliktpunkt betraf die Übergangsfristen für die Freizügigkeit der Arbeitnehmer: Noch bis zum 30. April 2011 ist für slowakische Staatsangehörige der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt eingeschränkt und bedarf einer „Arbeitsgenehmigung-EU‟ der Bundesagentur für Arbeit.18 Mit dem slowakischen Beitritt zur NATO und zur EU im Jahre 2004 erreichte das Verhältnis zwischen Deutschland und der Slowakei eine neue Qualität: Das Land war vom „Bittsteller‟

14 | Gespräch mit Agáta Pešková, Konrad-Adenauer-Stiftung Bratislava, 02.06.2010. 15 | Europäische Kommission, „Agenda 2000 – Commission. Opinion on Slovakia‛s Application for Membership of the European Union‟ (1997), 16 ff. 16 | Kai-Olaf Lang, „Anatomie einer Zurückhaltung. Deutschland und die Visegrád-Gruppe.‟, in: Osteuropa, 10 (2006), 5. 17 | Vgl. Verordnung (Euratom) Nr. 549/2007 des Rates vom 14.05.2007. 18 | Vgl. EURES, „Freizügigkeit: Deutschland‟, http://ec.europa.eu/ eures/main.jsp?acro=free&lang=de&countryId=DE&from CountryId=SK&accessing=0&content=1&restrictions=1& step=2 [24.06.2010].

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zum „Partner‟ Deutschlands aufgestiegen.19 Doch auch innerhalb der EU bleibt Deutschland als eines der bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Länder wichtig für die Slowakei.20 Umgekehrt setzte sich die Bundesrepublik weiterhin für slowakische Belange ein, wie der slowakische Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda beim Besuch Angela Merkels 2006 in BratisMit inkrafttreten des lissabon-Vertrages muss auch Deutschland Mehrheiten für die eigene position organisieren und könnte künftig auf die slowakische unterstützung angewiesen sein.

lava hervorhob. Er dankte Frau Merkel bei dieser Gelegenheit für ihren großen Beitrag zur Verabschiedung der Finanziellen Vorausschau 2007-2013, die vor allem für die neuen EU-Mitgliedsländer von hoher Bedeutung

gewesen sei.21 Deutsch-slowakische Meinungsverschiedenheiten innerhalb der EU herrschten vor allem hinsichtlich einer möglichen EU-weiten Abstimmung der Steuersätze, der fortdauernden Beschränkung der Freizügigkeit slowakischer Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt sowie bezüglich der genauen Einhaltung der MaastrichtKriterien.22 Mit Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages am 1. Dezember 2009 muss auch Deutschland nun im Rat in etlichen Politikbereichen Mehrheiten für die eigene Position organisieren und könnte künftig auch auf die slowakische Unterstützung angewiesen sein.
wirtschaftliche Vernetzung

Mit der Selbstständigkeit 1993 übernahm die Slowakische Republik auch die Verantwortung für den Umbau des ehemals zentral gesteuerten Wirtschaftssystems hin zu marktwirtschaftlichen Strukturen. Der Fokus lag hierbei vor allem auf der Privatisierung von Staatsunternehmen, der Liberalisierung der Preise und des Außenhandels sowie der Ermöglichung ausländischer Direktinvestitionen.23 Nach der Überwindung anfänglicher Schwierigkeiten begann die slowakische Wirtschaft rapide zu wachsen. Im Zuge dessen gewann auch der Handel mit Deutschland an Fahrt: Die slowakischen Exporte in die Bundesrepublik stiegen kontinuierlich von 762 Millionen Euro 1993 auf 8.962 Millionen
19 | Vgl. Josefine Wallat, (2006), 78. 20 | Vgl. Vladimir Bilčík und Juraj Buzalka, „Die nicht-existente Gemeinschaft. Die Slowakei und Deutschland in der EU‟, in: Osteuropa, 10 (2006), 65. 21 | Vgl. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Pressburg (2006). 22 | Vgl. Vladimir Bilčík und Juraj Buzalka (2006), 68. 23 | Vgl. Stefan Gehrold und Daniel Wolf (2005), 64.

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Blogroll

Euro 2007. Lediglich in den Jahren 2008 und 2009 war
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ookmarking

infolge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ein Rückgang zu verzeichnen. Der Handel boomte auch in umgekehrter Richtung: 1993 importierte die Slowakei deutsche Güter im Wert von 717 Millionen Euro, bis 2008 hatten sich die Importe auf insgesamt 8.739 Millionen Euro mehr als verzehnfacht.24 Obwohl hier 2009 ebenfalls ein Rückgang zu vermerken ist, war Deutschland auch in diesem Jahr wieder der größte Handelspartner der Slowakischen Republik: Der Anteil deutscher Güter an den slowakischen Importen betrug 25 Prozent, umgekehrt bezog die Bundesrepublik insgesamt 23,4 Prozent der slowakiAusfuhr aus BRD schen Exporte. Die wichtigsten slowakischen Exportgüter

für den deutschen Markt sind Verkehrsmittel, chemische Erzeugnisse, Maschinen und Anlagen.25 Die Bedeutung der Slowakei für den deutschen Außenhandel ist hingegen wesentlich geringer: Im Jahr 2009 wurden 0,83 Prozent der deutschen Exporte in die Slowakei geliefert, damit belegt das Land beim Außenhandel den 23. Platz.26
Abb. 1
Einfuhr in BRD

handel zwischen Deutschland und der slowakei von 1993 bis 2009
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SK DE Einfuhr nach Deutschland Einfuhr nach Deutschland >Ausfuhr aus Deutschland Quelle: Statistisches Bundesamt, „Aus- und Einfuhr (Außenhandel): Deutschland, Jahre, Länder‟, Fn. 24, eigene Darstellung

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24 | Vgl. Statistisches Bundesamt, „Aus- und Einfuhr (Außenhandel): Deutschland, Jahre, Länder‟, https://www-genesis. destatis.de/genesis/online SK [09.06.2010]. Ausfuhr aus Deutschland DE > 25 | Vgl. Auswärtiges Amt, „Slowakei. Wirtschaft‟, http://auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/ Slowakei/Wirtschaft.html [09.06.2010]. 26 | Vgl. Statistisches Bundesamt, a.a.O.

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Seit Bestehen der Slowakischen Republik wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder gefördert: Noch im Jahre 1993 wurde eine Repräsentanz der deutschen Wirtschaft in Bratislava eröffnet, diese wurde jedoch bis zur Gründung einer eigenständigen Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer (DSIHK) im Jahre 2005 von Prag aus geleitet. Die DSIHK sieht sich als Forum für deutsche und slowakische Unternehmen und konzentriert sich auf den Aufbau von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und der Slowakei. Etwa 20 Prozent ihrer Dienstleistungen werden von slowakischen Firmen in Anspruch genommen, die sich den deutschen Markt erschließen möchten. Ungefähr 80 Prozent der Leistungen werden von deutschen Unternehmen nachgefragt. Auch die Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Wirtschaftsvereinigung hat sich die „umfassende Förderung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen deutschen, tschechischen und slowakischen Unternehmen, Institutionen und Kommunen‟ zum Ziel gesetzt.27 Zudem werden ausländische Investoren in Deutschland von der Germany Trade & Invest Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH und in der Slowakei von der Agentur für Investition und Handelsentwicklung (SARIO) unterstützt. Deutsche Investitionen auf slowakischem Gebiet erfolgten im Wesentlichen in zwei Wellen: Zu Beginn der neunziger Jahre nutzten viele deutsche Unternehmen
Vor allem im Bereich der automobilzulieferindustrie haben sich viele deutsche Betriebe auf slowakischem gebiet angesiedelt. zunehmend wurde die slowakei auch als absatzmarkt erkannt.

die Gelegenheit zur Beteiligung an verschiedenen Privatisierungen und betrachteten die Slowakei als verlängerte Werkbank. Maschinelle Vorleistungen wurden in Deutschland belassen und nur arbeitsintensive Tätigkeiten

in die Slowakei verlagert. Nach deren Abschluss wurde das Produkt wieder nach Deutschland reexportiert. Ab der Jahrtausendwende erfolgten unter anderem Privatisierungen in den Bereichen Energiewirtschaft und Telekommunikation, bei denen deutsche Energieversorger sowie die Deutsche Telekom massiv investierten. Mittlerweile war die Slowakei zwar als verlängerte Werkbank zu teuer geworden, jedoch hatte sich die industrielle Struktur
27 | Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Wirtschaftsvereinigung, http://www.dtsw.de/deutsch/dtsw_ziele.html [16.06.2010].

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durch die Investitionen der neunziger Jahre gefestigt und das Land wurde als vollwertiger Unternehmensstandort wahrgenommen. Vor allem im Bereich der Automobilzulieferindustrie haben sich viele deutsche Betriebe auf slowakischem Gebiet angesiedelt. Zunehmend wurde die Slowakei auch als Absatzmarkt erkannt, was sich in der Präsenz großer deutscher Handelsketten wie Kaufland, dm oder Hornbach widerspiegelt. Heute sind über 400 deutsche Unternehmen in der Slowakei tätig, darunter auch große Firmen wie Volkswagen, Bosch, E.ON oder Siemens. Mehrheitlich handelt es sich jedoch um kleine- und mittelständische Betriebe. Insgesamt investierten deutsche Unternehmen bislang etwa 3,5 Milliarden Euro, die Schwerpunkte lagen dabei vor allem in den Bereichen Automobilbau, Maschinenbau und Elektrotechnik. Die Unternehmen der deutschen Investoren beschäftigen etwa 80.000 Mitarbeiter.28
gesellschaftliche zusaMMenarBeit

Am 28. Mai 1998 trat das im Mai 1997 unterzeichnete deutsch-slowakische Abkommen über kulturelle Zusammenarbeit in Kraft. Dieses Abkommen zielt darauf, die gegenseitigen Kenntnisse über die deutsche und die slowakische Kultur zu verbessern, und stellt die kulturelle Zusammenarbeit der beiden Länder auf ein rechtliches Fundament. In Bratislava koordiniert das Goethe-Institut als Partner des Auswärtigen Amtes verschiedene Tätigkeiten im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Zu den
Momentan belegt Deutsch in der rangfolge der erlernten fremdsprachen in der slowakei nach englisch den zweiten platz.

wichtigsten Arbeitsgebieten des Institutes zählt dabei die Förderung der deutschen Sprache im Bildungssystem des Gastlandes. Dazu werden unter anderem Unterrichtsmaterialien erstellt sowie Programme für Schüler und Lehrer durchgeführt. Seit dem Jahr 2008 wird im slowakischen Schulsystem das frühe Erlernen von Fremdsprachen besonders gefördert. Um hierfür genügend Deutschlehrer bereitzustellen, bietet das Goethe-Institut verstärkt Fortbildungen für Lehrer an. Dabei arbeitet man eng mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA)
28 | Vgl. Gespräch mit Markus Halt, Deutsch-Slowakische Industrie- und Handelskammer, 19.05.2010.

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zusammen.29 Die ZfA betreut in der Slowakei unter anderem die Deutsch-Slowakische Begegnungsschule in Bratislava, ein Gymnasium in Poprad, das sowohl das deutsche als auch das slowakische Abitur anbietet, sowie 26 Sprachdiplomschulen.30 Momentan belegt Deutsch in der Rangfolge der erlernten Fremdsprachen in der Slowakei nach Englisch den zweiten Platz. Insgesamt lernten im Schuljahr 2009/2010 knapp 268.000 Schüler und Studenten die deutsche Sprache.31 Das deutsche Interesse an der Slowakei und ihrer Sprache und Kultur ist hingegen weniger stark ausgeprägt. So sind Ost- und Mitteleuropa-Studien im literaturwissenschaftlichen, ethnologischen und geisteswissenschaftlichen Bereich beispielsweise wesentlich besser besucht als rein deutsch-slowakische Studiengänge. Dies wird auf die geringe Landesgröße der Slowakei zurückgeführt, aber auch auf das Fehlen von Institutionen, die sich für die deutsch-slowakischen Beziehungen einsetzen. Zudem fällt der Bereich der Slowakistik an deutschen Universitäten mehr und mehr dem Sparzwang zum Opfer. Die Beziehungen zwischen den einzelnen deutschen und slowakischen Instituten für Slowakistik sind jedoch gut. So arbeiten etwa die Comenius-Universität in Bratislava und die Humboldt-Universität zu Berlin gemeinsam an einem Projekt zur Zwischenkriegsliteratur. Am Collegium Carolinum in München befassen sich wissenschaftliche Experten aus aller Welt mit der Geschichte und Gegenwart der Tschechischen und der Slowakischen Republik. Der wissenschaftliche Austausch zwischen der Slowakei und Deutschland wird zudem durch die Alexander-vonHumboldt-Stiftung und den Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert.32 Sehr gut funktionieren die deutsch-slowakischen Beziehungen im Bereich der Städtepartnerschaften. Außer Nitra,
29 | Vgl. Gespräch mit Wolfgang Franz, Goethe-Institut Bratislava, 10.06.2010. 30 | Vgl. Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, „Das DSD IIProgramm in der Slowakei‟, http://auslandsschulwesen.de/ nn_1674788/Auslandsschulwesen/DASAN/Fachberater/ Europa/Bratislava/DSD/node.html?__nnn=true [22.06.2010]. 31 | Gespräch mit Wolfgang Franz, Goethe-Institut Bratislava, 10.06.2010. 32 | Gespräch mit Prof. Dr. Peter Zajac, Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin, 15.06.2010.

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Žilina und Trenčín verfügen alle großen slowakischen Städte über eine Partnerschaft mit einer deutschen Stadt. So unterhält die Stadt Bratislava Städtepartnerschaften mit Bremen, Karlsruhe, Ulm und Regensburg. Košice, die zweitgrößte Stadt, hat enge Beziehungen zu Wuppertal und Cottbus, Banská Bystrica ist mit Halberstadt verbunden, Prešov mit Remscheid.
sehr gut funktionieren die deutschslowakischen Beziehungen im Bereich der städtepartnerschaften.

Auch die religiösen Beziehungen sind sehr gut. Seit seinem Bestehen unterstützt das 1993 von der römischkatholischen Kirche gegründete Hilfswerk Renovabis die Menschen in der Slowakei. Die Unterstützung erfolgt sowohl projektbezogen als auch mittels der Förderung des Austauschs zwischen Ost und West. Der Fokus der Projekte liegt oft im sozialen Bereich. Renovabis förderte etwa den Bau eines Hospizes in Nitra und verschiedene Projekte für betreutes Wohnen. Weitere Tätigkeitsschwerpunkte sind die soziale und pastorale Integration der Minderheit der Roma sowie die Förderung des Laienapostolats.33 Auch das Forum christlicher Institutionen (Fórum kresťanských inštitútcií – FKI), das verschiedene christliche Organisationen unter seinem Dach vereint, erhält finanzielle Zuwendungen von Renovabis. Das FKI dient als Informationsund Kooperationsplattform für seine Mitglieder, es ist unter anderem zuständig für die Kontakte zur Regierung und zur öffentlichen Verwaltung sowie für die Vertiefung internationaler Beziehungen. So war das FKI beispielsweise auch an der Organisation des zweiten ökumenischen Kirchentages im Mai 2010 in München beteiligt. Einen weiteren Bezug zu Deutschland bildet das slowakische Kolpingwerk, das wiederum eng mit dem internationalen Kolpingwerk mit Sitz in Köln verbunden ist und sich ebenfalls zu den Mitgliedern des FKI zählt. Neben den Beziehungen verschiedener deutscher und slowakischer Verbände gibt es zudem einige deutsch-slowakische Partnerschaften wie etwa zwischen dem Bistum Banská Bystrica und dem Dekanat Andernach oder zwischen der Katholischen Jungen Gemeinde des Diözesanverbands Limburg und der slowakischen Bewegung christlicher junger Gemeinden eRko.34
33 | Vgl. Renovabis, „Länderinformationen Slowakei‟, http://renovabis.de/laender-projekte/laenderinformationen/ slowakei [23.06.2010]. 34 | Gespräch mit Katarína Hulmanová, Fórum kresťanských inštitútcií, 07.06.2010.

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fazit unD ausBlick – üBerraschung Bei Den parlaMentswahlen iM Juni 2010

Die nähere Betrachtung der deutsch-slowakischen Beziehungen brachte äußerst vielfältige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verbindungen zu Tage. Die Auffassung von Pavol Lukáč aus dem Jahre 2004 vom Fehlen einer Gemeinschaft kann daher nicht geteilt werden. Auch dass viele Beziehungen abseits der öffentlichen Wahrnehmung bestehen, sollte nicht als Maßstab für ihre Bewertung herangezogen werden. Vor allem im politischen und wirtschaftlichen Bereich fällt jedoch auf, dass die Beziehungen eher asymmetrischer Art sind: Während Deutschland für die Slowakei eine hohe Bedeutung hat, misst es der Slowakei eine geringere Bedeutung bei.35 Seit einigen Jahren kann jedoch eine Verringerung dieser Asymmetrie beobachtet werden: Auf der politischen Ebene wurde die Slowakische Republik in der EU, der NATO, im Schengenraum sowie in der Eurozone zu einem Partner der Bundesrepuum der gesteigerten Bedeutung der slowakischen republik tribut zu zollen, sollte sich Deutschland besser um seinen „kleinen‟ partner in der Mitte kümmern, beispielsweise europas durch vermehrte Besuche der obersten politischen ebene.

blik Deutschland. Auch im wirtschaftlichen Bereich wird die Slowakei mehr und mehr als vollwertiger Partner denn als verlängerte Werkbank gesehen. Um der gesteigerten Bedeutung der Slowakischen Republik Tribut zu zollen, sollte sich Deutschland auch

angesichts der künftigen Notwendigkeit zur Sicherung von Mehrheiten innerhalb des EU-Ministerrates besser um seinen „kleinen‟ Partner in der Mitte Europas kümmern. Dies könnte beispielsweise durch vermehrte Besuche der obersten politischen Ebene oder durch die Unterzeichnung eines eigenen deutsch-slowakischen Freundschaftsvertrages erfolgen. Umgekehrt sollte die Slowakische Republik ihre Präsenz in Deutschland erhöhen, um künftig seitens der Deutschen besser wahrgenommen zu werden. Vielleicht passiert das ja nun nach den Parlamentswahlen vom 12. Juni 2010. Bereits am 8. Juli wurde die 53-jährige Soziologieprofessorin Iveta Radičová als erste Frau in der Geschichte der Slowakei Regierungschefin, nachdem sie und die vier Parteichefs der künftigen Mitte-Rechts-

35 | Vgl. Vladimir Bilčík und Juraj Buzalka (2006), 65.

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Koalition in öffentlicher Zeremonie ihren Koalitionsvertrag unterzeichnet hatten. „Die Slowakei soll wieder ein Ort für ein würdiges Leben werden‟, verkündete die künftige Premierministerin nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages als gemeinsames Ziel der von ihr geführten Regierung. Sie versprach „ein verantwortungsvolles und transparentes Regieren‟, bei dem die Bekämpfung der Korruption neben der Eindämmung des Haushaltsdefizits oberste Priorität haben werde. In Anspielung auf zahlreiche Korruptionsskandale aller bisherigen Regierungen drohte Radičová auch ihren Regierungspartnern mit „Nulltoleranz‟ schon beim ersten begründeten Verdacht von Korruption. Und wie werden sich nun die Beziehungen der Slowakei zur EU und zu Deutschland weiterentwickeln? Der ehemalige Premier und neuernannte Außenminister Mikulas Dzurinda wird sich zunächst einmal darum kümmern müssen, irritierte EU-Partner zu besänftigen. „Die Slowakei wird den Euro-Schutzschirm nicht blockieren‟, widersprach Premierministerin Radičová schon eigenen Wahlkampftönen. Etwas Nachverhandeln werde aber doch noch nötig sein. Gerade Radičová und ihre Partei hatten mit dem Argument, die arme Slowakei dürfe nicht für das reichere Griechenland zur Kasse gebeten werden, für merkliche Verstimmung gesorgt, nachdem Fico eine solidarische Beteiligung der Slowakei bereits zugesichert hatte: „Wir dürfen nicht nur die Vorteile der Europäischen Union genießen, aber abseits stehen, wenn unsere Solidarität gefragt ist‟, hatte Fico wiederholt gemahnt. Man wird sehen, ob bei diesen von Radicova gewünschten Nachverhandlungen etwas herauskommt oder nicht. Ein Ausscheren der Slowakei aus dem Solidaritätsprinzip würde von den anderen EU-Partnern wohl kaum ohne Folgen akzeptiert werden. Die Beziehungen zu Deutschland werden nunmehr wahrscheinlich wieder etwas lebendiger werden. Mikulas Dzurinda und Angela Merkel kennen und schätzen sich bereits seit Jahren, und auch die neue slowakische Regierungschefin Iveta Radicova dürfte in Berlin wohl offene Türen vorfinden, wenn es um den weiteren Ausbau der
Die premierministerin radičová und ihre partei hatten mit dem argument, die arme slowakei dürfe nicht für das reichere griechenland zur kasse gebeten werden, für merkliche Verstimmung in der eu gesorgt.

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deutsch-slowakischen Beziehungen geht. Und wer weiß, vielleicht intensiviert die Slowakei auch etwas ihre Präsenz in Deutschland und wartet nicht nur darauf, dass deutsche Investoren von allein den Weg in die Slowakei finden.
Das Manuskript wurde am 10. Juli 2010 abgeschlossen.

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DIE BEzIEHUNGEN DEUTScHLANDS zU DEN BALTIScHEN LÄNDERN SEIT DER WIEDERVEREINIGUNG
Andreas M. Klein / Gesine Herrmann

Die  Beziehungen  Deutschlands  zu  Estland,  Lettland  und  Litauen können zweifelsfrei als gut und intensiv bezeichnet  werden.  An  der  besonderen  Qualität  der  Beziehungen  lässt auch der neue Bundesminister für Auswärtige Beziehungen,  Guido  Westerwelle,  keine  Zweifel  aufkommen.  Bereits  kurz  nach  seinem  Amtsantritt  im  Herbst  2009  traf  er  seine  Amtskollegen  aus  den  Baltischen  Ländern  in  Brüssel  zu  Konsultationen,  die  im  Juli  2010  im  traditionellen  3+1-Format  in  Tallinn  fortgesetzt  wurden.  Dieses  jüngste  Treffen  der  vier  Außenminister  ist  Beleg  für  die  engen  Beziehungen,  die  Deutschland  zu  den  Baltischen  Staaten insgesamt und zu jedem einzelnen der drei Staaten  unterhält,  ebenso  wie  der  Besuch  der  Staatsministerin  Cornelia Pieper im Baltikum zu Beginn des Jahres, bei dem  es  darum  ging,  insbesondere  den  Ausbau  der  kulturellen  Zusammenarbeit mit den Partnern in Estland, Lettland und  Litauen zu beraten. Im September steht die aufgrund der  Bundespräsidentenwahl  verschobene  Visite  von  Bundeskanzlerin  Angela  Merkel  nach  Litauen  und  Lettland  an.  Bei  dieser  Gelegenheit  wird  sie  sich  bei  der  litau schen  i Staatspräsidentin  Dalia  Grybauskaite  und  dem  lettischen  Ministerpräsidenten  Valdis  Dombrovskis  auch  über  die  Spar- und Reformanstrengungen der beiden von der Wirtschafts-  und  Finanzkrise  gebeutelten  Länder  informieren.  Der  Dialog  mit  den  Baltischen  Nachbarn  findet  darüber  hinaus  zum  einen  in  den  Europäischen  Institutionen  in  Brüssel  und  zum  anderen  in  Berlin  statt,  wohin  es  sowohl  den  Staatspräsidenten  Lettlands,  Valdis  Zatlers,  im  Januar  2008  als  auch  den  lettischen  Ministerpräsidenten Valdis Dombrovskis Ende April 2009 auf eine ihrer 
Gesine Herrmann  studierte bis Sommer  2009 Politikwissenschaften in Chemnitz,  Berlin und Tartu/ Estland mit dem  Schwerpunkt Transformationsstudien.  Derzeit arbeitet sie  an der HWR Berlin. Andreas M. Klein ist  Auslandsmitarbeiter  der Konrad-AdenauerStiftung in Riga. Er  betreut von dort aus  die Aktivitäten der  Stiftung in den Baltischen Ländern sowie  das Regionalprojekt  „Ostseekooperation‟.

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ersten  Auslandsdienstreisen  zu  politischen  Gesprächen  führte. Zuletzt weilte der Auswärtige Ausschuss des estnischen  Parlaments  im  März  2010  zu  Gesprächen  mit  dem  Auswärtigen  Ausschuss  des  Deutschen  Bundestages  und  Vertretern der Bundesregierung in Berlin. Darüber hinaus  tragen  die  Bundesländer  sowie  Partnerstädte  und  -kreise  in Deutschland und den Baltischen Ländern zur Vertiefung  der bilateralen Beziehungen bei.
zuletzt weilte der Auswärtige Ausschuss des estnischen Parlaments in Berlin. Darüber hinaus tragen die Bundesländer sowie Partnerstädte und -kreise zur Vertiefung der Beziehungen bei.

Das  besondere  gegenseitige  Interesse  liegt  begründet in der über 800-jährigen gemeinsamen  Geschichte  als  Missions-  und  Siedlungsgebiet  des  Deutschen  Ordens,  in  den  Wirtschaftsbeziehungen  zur  Zeit  der  Hanse 

sowie  in  der  zentralen  Lage  Deutschlands  zwischen  den  einstigen Blöcken, die die Welt bis 1990 in sowjetische und  amerikanische  Einflusssphären  teilte.  Einen  herausgehobenen Stellenwert als „Schicksalstag‟ in den deutsch-baltischen Beziehungen nimmt dabei der 23. August 1939 ein,  als der deutsche Außenminister der nationalsozialistischen  Regierung, Joachim von Ribbentrop, und sein sowjetischer  Amtskollege,  Wjatscheslaw  Molotow,  mit  der  Unterzeichnung des geheimen Zusatzprotokolls zum Nichtangriffspakt  zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, dem  so  genannten  Hitler-Stalin-Pakt,  das  vorläufige  Ende  der  Unabhängigkeit  der  drei  Baltischen  Staaten  besiegelten.  Daraus leitet sich bis zum heutigen Tage die Verbundenheit  Deutschlands  mit  und  die  Verantwortung  gegenüber  den  drei Baltenrepubliken ab. Dennoch schwankte die deutsche  Außenpolitik  gegenüber  den  baltischen  Nachbarn  in  den  vergangenen  zwanzig  Jahren  zwischen  dem  „Anwalt  der  Balten‟ einerseits und einer Position des advocatus diaboli  andererseits, wenn die baltischen Belange die Erreichung  deutscher  Ziele  und  insbesondere  das  Verhältnis  der  Bundesrepublik zu Russland zu beeinträchtigen drohten.
DIE BUNDESREGIERUNG UND DIE UNABHÄNGIGKEITSBESTREBUNGEN DER BALTIScHEN LÄNDER

Die Baltikumpolitik Bonns war von 1988 bis zur offiziellen  Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen am 28.  August 1991 maßgeblich davon geprägt, dass die baltische  Frage der Unabhängigkeit eng mit der deutschen Frage der  Wiedervereinigung zusammenhing. 

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Mit  den  vom  damaligen  Generalsekretär  der  Kommunistischen  Partei  der  Sowjetunion  (KPdSU),  Michail  Gorbatschow, angestrengten Reformen Glasnost und Perestroika kam es auch in den drei baltischen Sowjetrepubliken zum  nationalen  Wiedererwachen.  Die  Aktivitäten  der  Bürgerbewegungen  Estlands  (Rahvarinne),  Lettlands  (Tautas  Fronte)  und  Litauens  (Sajūdis)  nach  größtmöglicher  Autonomie  fanden  ihren  vorläufigen  Höhepunkt  am  fünfzigsten  Jahrestag  der  Unterzeichnung  des  Hitler-Stalin-Paktes  in  einer  über  600  Kilo- Als Litauen am 11. März 1990 als erste meter  langen  Menschenkette,  die  rund  eine  baltische Republik seine Trennung von

Millionen  Menschen  von  Vilnius  über  Riga  Bundesregierung mit einer Stellungnach  Tallinn  miteinander  verband.  Wenn- nahme zunächst zurück. gleich dieser als Baltischer Weg bezeichnete  Bürgerprotest  zunächst  wirkungslos  blieb,  beförderte  er  dennoch  gemeinsam  mit  den  historischen  Vorgängen  in  Polen,  Ungarn  und  der  Tschechoslowakei  gleichermaßen  Entwicklungen,  die  den  Fall  der  Berliner  Mauer  und  die  Wiedervereinigung  der  beiden  deutschen  Staaten  erst  möglich machten. Als Litauen am 11. März 1990 als erste der drei baltischen  Republiken  seine  umgehende  und  vollständige  Trennung  von  der  Sowjetunion  erklärte,  hielt  sich  die  Bundesregierung mit einer Stellungnahme zunächst zurück – sehr zum  Unmut  des  ersten  kommissarischen  Staatsoberhauptes  der unabhängigen Republik Litauen, Vytautas Landsbergis:  „Bisher sahen wir nicht, dass wir große Erwartungen in die  Politik Deutschlands setzen konnten.‟1 Um der deutschen Einheit willen war Bonn bestrebt, „dass  der  Litauen-Konflikt  nicht  zum  Stolperstein  für  Michail  Gorbatschow  und  seine  Reformpolitik  werden  dürfe‟2  und  eine  weitere  Destabilisierung  der  UdSSR  vermieden  werden müsse. Bundeskanzler Helmut Kohl plädierte daher  für  eine  Politik  der  kleinen  Schritte.  Er  war  der  Meinung,  man müsse den Litauern sagen, dass sie mit ihrer Politik  des  „Alles  oder  Nichts‟  ihre  Chance,  unabhängig  zu  werden, aufs Spiel setzten. Zudem war er überzeugt, dass  sie innerhalb der nächsten fünf Jahre mit Klugheit, Geduld 

der Sowjetunion erklärte, hielt sich die

1 |  Interview mit Vytautas Landsbergis, in: Der Spiegel    (04.02.1991), 175. 2 |  Kai Diekmann und Ralf Georg Reuth, Helmut Kohl, Ich wollte Deutschlands Einheit, (Berlin: Propyläen Verlag, 1996), 363.

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und psychologischem Geschick ihr Ziel erreichen könnten.3  Es galt, sowohl eine Machtübernahme durch Militärs oder  Hardliner in Moskau als auch die Anwendung von Gewalt in  den Warschauer-Pakt-Staaten abzuwenden. Ein öffentlicher  Einsatz des Westens für die Souveränität der 
Bundeskanzler Kohl befürchtete, dass die Entwicklung im Baltikum negative Auswirkungen auf die zwei-plus-VierGespräche haben könnte. Daher lag ihm daran, die deutsche Frage von der baltischen Frage zu entkoppeln.

sowjetischen Republiken lag daher zunächst  nicht  im  Interesse  der  Bundesregierung.  Somit  behandelte  die  Kohl-Administration  die baltischen Unabhängigkeitsbestrebungen  vorerst als innersowjetische Angelegenheit.

Bundeskanzler  Kohl  befürchtete,  dass  die  Entwicklung  im  Baltikum  negative  Auswirkungen  auf  die  für  Mai  terminierten Zwei-plus-Vier-Gespräche haben könnte. Daher lag  ihm daran, die deutsche Frage von der baltischen Frage zu  entkoppeln. Als sich die Lage in Litauen nach dem 1. Juli  aufgrund der vorübergehenden Aussetzung der Unabhängigkeitserklärung entspannte, machten auch die Verhandlungen zur Lösung der deutschen Frage bis zur Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober zügige Fortschritte. Die baltischen Länder mussten sich mit der vollständigen  Wiederherstellung und Anerkennung ihrer Unabhängigkeit  bis  ins  Jahr  1991  gedulden.  Nach  den  blutigen  Zusammenstößen  der  Unabhängigkeitsbewegung  Litauens  und  Lettlands mit der sowjetischen Spezialpolizeieinheit OMON  in Vilnius und Riga im Januar 1991 wandte sich der deutsche  Bundeskanzler  an  den  sowjetischen  Regierungschef  Gorbatschow  mit  der  Forderung,  „jeder  weiteren  Gewaltanwendung Einhalt zu gebieten und zum Weg des Dialogs  und der Verständigung zurückzukehren‟4. Als Zeichen der  Solidarität  empfing  Bundesaußenminister  Hans-Dietrich  Genscher  die  kommissarischen  Außenminister  Estlands  und  Lettlands,  Lennart  Meri  und  Janis  Jurkāns,  wenige  Wochen  später  in  Bonn.  Damit  signalisierte  die  deutsche  Regierung den Balten den lange erhofften Beistand, wenngleich  sie  deren  Eigenstaatlichkeit  weiterhin  nicht  formell  anerkannte.  Das  deutsche  Engagement  und  die  Zusammenarbeit  mit  dem Baltikum nahmen nach den Vorfällen in Riga und Vilnius   
3 |  Vgl. ebd., 363-366. 4 |  Nach Staatsminister Schäfer am 28.01.1991, in: Bundesdrucksache 12/66, 1.

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merklich zu: Im Februar beantragte die SPD-Bundestagsfraktion die Errichtung eines baltischen Informationsbüros  in Deutschland, im April öffnete das deutsche Kulturinstitut  in Tallinn, und im Juni gründete der Abgeordnete Wolfgang  von  Stetten  (CDU)  die  Deutsch-Baltische  Parlamentariergruppe.   Zur  Wende  in  der  deutschen  Baltikumpolitik  kam  es  nach  dem  Moskauer  Putschversuch  im  Sommer  1991.  Die  OMON-Übergriffe  und  der  Putsch  in  Moskau  hatten  deutlich  die  Schwäche  der  kommunistischen  Machthaber  im  Kreml  einerseits  und  die  Entschlossenheit  der  Unabhängigkeitsbewegungen  in  den  drei  baltischen  Ländern  andererseits  gezeigt.  Spätestens  seit  diesem  Zeitpunkt  war  davon  auszugehen,  dass  der  Verbleib  Estlands, Lettlands und Litauens in der Union  zur Wende in der deutschen Baltikumnicht länger mit friedlichen Mitteln, sondern  politik kam es nach dem Moskauer allenfalls noch mit militärischen Maßnahmen  Wenige Tage später formalisierte die zu  sichern  war.  Die  Anwendung  von  Gewalt  Bundesregierung die Beziehungen zu jedoch  lag  weder  im  sowjetischen  noch  im  westlichen Interesse, denn in der damaligen  Situation hätte dies den Verlust des politischen Einflusses  des  Kremls  bestätigt  und  die  regionale  Instabilität  verschärft.  Unter  Berücksichtigung  der  vorangegangenen  Ereignisse war zudem davon auszugehen, dass der Kollaps  der UdSSR kaum noch zu verhindern war.  Wenige  Tage  nach  dem  Augustputsch  in  Moskau  formalisierte  Deutschland  am  28.  August  1991  als  einer  der  ersten  westlichen  Staaten  seine  Beziehungen  zu  den  baltischen Republiken. Dabei war nicht von einem Neubeginn,  sondern  von  einer  Fortsetzung  der  diplomatischen  Beziehungen die Rede. Schon in der Erklärung, die sich der  Unterzeichnung  der  Urkunden  über  die  Wiederaufnahme  diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik  Deutschland und den baltischen Staaten anschloss, unterstrich  die  Bundesregierung  die  Möglichkeit  von  Assoziierungsverhandlungen  zwischen  der  Europäischen  Gemeinschaft  (EG)  und  den  neuen  Demokratien  im  Baltikum  zu  einem späteren Zeitpunkt.5
den baltischen Republiken. Putschversuch im Sommer 1991.

5 |  Vgl. Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 90 (30.08.1991).

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Als  erster  hochrangiger  westlicher  Politiker  besuchte  der  deutsche  Außenminister  Hans-Dietrich  Genscher  am  11.  und  12.  September  Tallinn,  Riga  und  Vilnius  und  signalisierte damit, dass Bonn die drei Republiken unterstützte.  Um die zukünftigen Inhalte der deutschen Baltikumpolitik  zu identifizieren und zu konkretisieren, setzte er eine parlamentarische  Evaluierungskommission  ein.  Der  damalige  Staatssekretär  Berndt  von  Staden,  ein  Baltendeutscher  aus  Estland,  übernahm  die  Leitung  und  schlug  vor,  dass  sich  Deutschland  bei  den  westlichen  und  internationalen  Institutionen zum „Anwalt der Balten‟ machen sollte.
DEUTScHE BALTIKUMPOLITIK zWIScHEN UNTERSTüTzUNG UND zURücKHALTUNG

Das  Bundeskanzleramt  verhielt  sich  gegenüber  den  jungen  Ostseerepubliken  weiterhin  zurückhaltend,  trotz  der  Aufnahme  diplomatischer  Beziehungen  und  der  unmittelbar  einsetzenden  umfangreichen  und  mannigfaltigen 
Einem ersten Belastungstest waren die Beziehungen Deutschlands zu den drei Baltenrepubliken einerseits und Russland andererseits während der Verhandlungen über den Truppenabzug der russischen Armee unterworfen.

bilateralen 

Zusammenarbeit 

in 

kultureller,  wirtschaftlicher  und  sicherheitspolitischer  Hinsicht.  Die  deutsch-baltischen  Beziehungen  standen  und  stehen  bis  zum  heutigen  Tage  im  Schatten  der  deutschrussischen  Beziehungen.  Zunächst  war  die  deutsche  Außenpolitik  darauf  bedacht,  die 

deutsche Wiedervereinigung in keiner Weise zu gefährden;  dies galt insbesondere für eine dem Kreml möglicherweise  missliebige Politik gegenüber den baltischen Staaten. Aber  auch nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten  achtete die Bundesregierung darauf, dass die Kontakte zu  den baltischen Ländern die Beziehungen zu Moskau nicht  belasteten.  Einem  ersten  Belastungstest  waren  die  Beziehungen  Deutschlands zu den drei Baltenrepubliken einerseits und  Russland  andererseits  während  der  Verhandlungen  über  den Truppenabzug der russischen Armee unterworfen, die  sich auch noch unmittelbar nach der Wiederherstellung der  Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens auf dem  Territorium der ehemaligen Sowjetunion befand. Aus Sicht  der  baltischen  Staaten  war  die  Anwesenheit  der  fremden  Streitkräfte eine potenzielle Gefahr für die Integrität und die  Sicherheit der drei Republiken. Während Estland, Lettland   

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und  Litauen  die  schnelle  Integration  in  die  westlichen  Bündnisse  suchten,  trat  Russland  das  Erbe  der  sowjetischen Großmacht an und rechnete das Baltikum als „Nahes  Ausland‟  zum  Moskauer  Einflussbereich.  Die  gegensätzlichen  außenpolitischen  Ziele  sowie  die  divergierenden  Geschichtsauffassungen  der  Verhandlungspartner  führten  dazu,  dass  der  Kreml  den  geforderten  Abzug  hinauszögerte und immer wieder an neue Bedingungen knüpfte.  Die  baltischen  Staaten  verfügten  weder  über  die  finanziellen  Mittel  noch  über  die  politische  Macht,  um  ihre  nationalen Sicherheitsinteressen durchzusetzen.  Sie  konnten  Russland  nicht  zwingen,  die  Aus Bonner Sicht war der Abzug der Truppen  schnellstmöglich  abzuziehen,  und  russischen Streitkräfte aus Estland, bemühten  sich  daher  um  die  Unterstützung  onalen Kooperation ein wichtiger der  westlichen  Regierungen.  Auch  Bonn  Schritt zur Entspannung in der Region. unterstützte  die  drei  Länder  und  engagierte  sich international für den baldigen Abzug der Truppen, riet  den  baltischen  Staaten  allerdings,  nicht  gegen,  sondern  mit  Russland  nach  Sicherheit  zu  streben.6  Damit  Moskau  einem baldigen Rückmarsch zustimmen konnte, bewegten  Deutschland  und  die  westlichen  Staaten  die  drei  Republiken  zu  Zugeständnissen,  beispielsweise  bei  der  zeitlich  begrenzten  Nutzung  von  Militäranlagen  in  Lettland  und  Estland.  Außerdem  forderte  Bonn  die  beiden  Länder  auf,  zu überprüfen, ob die von Russland kritisierten Einbürgerungsbestimmungen  für  die  russischsprachige  Minderheit  den  Vorgaben  der  KSZE  entsprachen,  und  diese  gegebenenfalls zu korrigieren. Infolge des internationalen Drucks  auf  beide  Seiten  verließen  die  russischen  Truppen  das  estnische und lettische Staatsgebiet schließlich fristgerecht  zum 31. August 1994, genau ein Jahr nach dem Rückzug  der  Einheiten  der  ehemaligen  Okkupationsmacht  aus  Litauen.  In  der  Frage  des  Truppenrückzugs  unterstützte  die deutsche Regierung die baltische Forderung, da diese  mit  den  eigenen  Sicherheitsinteressen  übereinstimmte.  Aus Bonner Sicht war der Abzug der russischen Streitkräfte  aus  Estland,  Lettland  und  Litauen  neben  der  regionalen  Kooperation, etwa im Ostseerat, ein wichtiger Schritt, der  zur Entspannung in der Region beitrug.
Lettland und Litauen neben der regi-

6 |  Vgl. Udo Bergdoll, „Bonn will Anwalt der Balten sein‟,    in: Süddeutsche Zeitung, 10.07.1993.

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Seit  der  Anerkennung  ihrer  Unabhängigkeit  strebten  die  baltischen  Staaten  die  Einbindung  in  das  politische,  wirtschaftliche  und  sicherheitspolitische  Gefüge  der  (west-) europäischen Gemeinschaft an. Dabei nahm die Einbindung  in  die  transatlantische  Sicherheitsallianz  für  die  Balten  einen  ungleich  höheren  Stellenwert  ein  als  die  Integration  in  die  aus  ihrer  Sicht  eher  ökonomisch 
Genscher sicherte seinen baltischen Kollegen zu, dass sich Deutschland für die Assoziierung mit der EG einsetzen werde. Deutlich distanzierter positionierte sich die Bundesregierung hingegen gegenüber einer Erweiterung der NATO.

ausgerichtete EG. Nach den Erfahrungen der  rund  fünfzigjährigen  Okkupation  durch  die  UdSSR war für die baltischen Länder nach der  Wiedererlangung  ihrer  Unabhängigkeit  ein  neutraler  Status  ebenso  wenig  eine  Option  wie die sicherheitspolitische Kooperation mit 

Russland.  Die  gegenseitigen  Sicherheits-  und  Beistandsverpflichtungen  der  NATO-Partner  stellten  in  den  Augen  der  Balten  die  einzige  Garantie  dar,  die  ihnen  dauerhaft  Freiheit und Eigenstaatlichkeit versprach.7 Bereits  bei  der  Wiederaufnahme  der  diplomatischen  Beziehungen  im  August  1991  sicherte  Genscher  seinen  baltischen  Kollegen  zu,  dass  sich  Deutschland  für  die  Assoziierung der Republiken mit der EG einsetzen werde.  Entsprechend  befürwortete  die  deutsche  Regierung  etwa  die  Aufnahme  der  drei  Länder  in  das  PHARE-Programm  zum 1. Januar 1992 und den Abschluss von Kooperationsabkommen  mit  der  Gemeinschaft  wenige  Monate  später.  Deutlich  distanzierter  positionierte  sich  die  Bundesregierung hingegen gegenüber einer Erweiterung der NATO bis  an die Grenze Russlands, obwohl sich sowohl Bundesverteidigungsminister Volker Rühe als auch später Bundesaußenminister Klaus Kinkel aktiv an der Erweiterungsdiskussion beteiligten, diese teilweise gar initiierten. Insbesondere  das  bundesdeutsche  Außenamt  hoffte,  dass  engere  politische  Konsultationen  und  wirtschaftliche  Kooperation  im  Ostseeraum  die  Sicherheitsbedürfnisse  der  Baltenrepubliken  befriedigen  würden.  Außenminister  Genscher war davon überzeugt, dass Sicherheit im Ostseeraum  nur  durch  eine  institutionalisierte  Form  der  Kooperation  möglich  sei,  die  Balten  und  Russen  gleichermaßen  einbezog. Im Herbst 1991 regte Genscher daher zusammen   
7 |  Vgl. Gerd Föhrenbach, „Die Sicherheitskonzepte der baltischen    Staaten‟, in: Sicherheitspolitische Analysen, Nr. 1 (Waldbröl:    Amt für Studien und Übungen der Bundeswehr, 1999).

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mit seinem dänischen Amtskollegen Uffe Ellemann-Jensen  eine  Konferenz  aller  Anrainerstaaten  der  Ostsee  an.  Das  Ergebnis  der  deutsch-dänischen  Initiative  war  die  Gründung des Ostseerates am 6. März 1992, an dem sich neben  Dänemark und Deutschland ebenso Estland, Finnland, Lettland,  Litauen,  Russland  und  Schweden  sowie  Island  und  Norwegen  beteiligten.  In  der  Ostseeregion,  in  der  Russland  aufgrund  seines  geopolitischen  Gewichts  und  seiner  historischen  Rolle  die  sicherheitsrelevante  Agenda  stark  beeinflusste, sollte der Rat über den politischen Dialog auf  Außenministerebene Vertrauen aufbauen. Der  Ostseerat8  war  und  ist  trotz  seines  unverbindlichen  Mandats ein wichtiges regionales Gremium. In den neunziger  Jahren  bot  er  eine  neue  und  angesichts  der  angespannten  baltisch-russischen  Beziehungen  geforderte  Möglichkeit  zum  Austausch  und  zur  Zusammenarbeit  der  Ostseeanrainer  auf  Augenhöhe.  Bonn  unterstützte  die  Zusammenarbeit  der  nord-  und  osteuropäischen  Länder,  um seinen ureigenen Sicherheitsinteressen in der Ostseeregion  nachzugehen.  Der  multilaterale  Rahmen  des  Ostseerates  sollte  den  Dialog  insbesondere  zwischen  den  Ostseeanrainerstaaten Estland, Lettland und 
stets weit mehr für die baltischen Staaten als der Bundeskanzler. Diese mationsprozess  im  Rahmen  dieses  Forums  Rollenverteilung galt 1991/92 für ausräumen.  Darüber  hinaus  beinhaltet  der  Kohl und Genscher ebenso wie 1992 bis 1998 für Kohl und Kinkel.

Litauen einerseits und Russland andererseits  Der Außenminister interessierte sich fördern  und  strittige  Punkte  im  Transfor-

Ostseerat  eine  ganze  Reihe  von  Initiativen  im  Bereich  der  Demokratieförderung,  Wirt-

schaftsentwicklung,  Technologie-  und  Wissenstransfer,  Umweltschutz, Energiesicherheit, Transport und Kommunikation, um die Grundlage für nachhaltiges Wachstum und  Stabilität in der Region zu schaffen. Der  Ostseerat,  aber  auch  die  Annäherung  der  drei  baltischen Staaten an Europarat, EG und NATO förderten den  zeitweiligen  Dualismus  zwischen  deutschem  Außenamt  und  Bundeskanzleramt  zutage.  Der  Außenminister  interessierte sich stets weit mehr für die baltischen Staaten als  der  Bundeskanzler.  Sie  verfolgten  unterschiedliche  Prioritäten:  Der  Minister  widmete  sich  den  drei  Ländern,  der  Kanzler konzentrierte sich auf die Beziehungen zu Moskau.  Diese Rollenverteilung galt 1991/92 für Kohl und Genscher 
8 |  Vgl. www.cbss.com 

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ebenso wie 1992 bis 1998 für Kohl und Kinkel. Die Politiker  verfolgten damit keine strategische Arbeitsteilung, sondern  vertraten  unterschiedliche  Ansichten  zur  europäischen  Integration  der  baltischen  Staaten.  So  war  das  Auswärtige Amt überzeugt, dass die baltischen Republiken gleich  den  anderen  MOE-Ländern  zu  einem  erweiterten  Europa  gehörten, und unterstützte daher deren Bemühungen um  eine  baldige,  umfassende  Mitgliedschaft  in  den  europäischen  Institutionen  und  Organisationen.  Das  Kanzleramt  hingegen  stand  der  EG/EU-Mitgliedschaft  der  baltischen  Länder teilweise gleichgültig bis skeptisch gegenüber und  bremste entsprechende Bestrebungen. Ebenso lehnte das  Bundeskanzleramt zunächst die Erweiterung der NATO bis  an die westliche Außengrenze Russlands ab, 
Die Verhandlungen über die Erweiterung von EG und NATO nach Osten schritten auch nach dem Führungswechsel im Auswärtigen Amt zu Klaus Kinkel nur langsam voran.

in  erster  Linie  erneut,  um  nicht  die  für  den  Wiedervereinigungsprozess wichtigen Partner  im Kreml zu brüskieren. Angesichts der Kritik  des  Kremls  an  den  Erweiterungsplänen  der  NATO  plädierte  Bonn  für  einen  „Mittelweg 

zwischen  der  Vollmitgliedschaft  und  der  lockeren  Zusammenarbeit  im  Kooperationsrat‟9.  Für  die  Balten  hingegen  hatte  die  Aufnahme  in  die  militärische  Sicherheitsallianz  oberste Priorität, da sie sich dadurch letzten Endes die für  sie wichtigen Sicherheitsgarantien gegenüber einer möglichen Aggression aus Russland erhofften. Die Verhandlungen über die Erweiterung von EG und NATO  nach  Osten  schritten  auch  nach  dem  Führungswechsel  im  Auswärtigen  Amt  zu  Klaus  Kinkel  nur  langsam  voran.  Angesichts der Schwierigkeiten im Transformationsprozess  in  den  postsowjetischen  Ländern  reagierte  Deutschland  im  Frühjahr  1993  zurückhaltend  auf  den  Vorschlag  der  dänischen  EG-Ratspräsidentschaft,  mit  den  baltischen  Ländern zeitnah Freihandelsabkommen zu verabschieden.  Den  Wunsch  der  Balten,  in  naher  Zukunft  mit  Verhandlungen  über  die  Assoziierung  zu  beginnen,  hielt  Bonn  zu  diesem Zeitpunkt für unrealistisch. Damit signalisierte die  deutsche  Regierung,  dass  sie  die  drei  Länder  noch  nicht  für beitrittsfähig hielt, da derartige Gespräche in der Regel  den  Abschluss  von  Europa-Abkommen  und  die  damit  verbundene  Perspektive  der  EG-Vollmitgliedschaft  nach  sich zogen.
9 |  Karl Feldmeyer, „Auf der Suche nach einem Mittelweg‟,    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.1993.

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Die  Zurückhaltung  der  Bundesregierung  wich  erst,  als    Deutschland im Juli 1994 turnusgemäß selbst den EU-Rats-  vorsitz  übernahm.  Es  wurde  als  erklärtes  Ziel  der  Ratspräsidentschaft formuliert, die MOE-Staaten weiter an die    Union  heranzuführen  sowie  innerhalb  von  sechs  Monaten  EU-Assoziierungsabkommen mit allen drei baltischen Län-  dern  zu  unterzeichnen.  Entsprechend  beschrieb  Bundesaußenminister Kinkel in einem Namensartikel die Haltung  der Bundesregierung im März 1994: „Deutschland befürwortet mit Nachdruck, die baltischen Staaten konsequent über eine Assoziation zu einer vollen Mitgliedschaft in der Europäischen Union zu führen. Wir wollen diesen Staaten rasch und großzügig dabei helfen, den ihnen gebührenden Platz in Europa zu finden. Als Fürsprecher und Anwalt der baltischen Staaten setzen wir uns dafür ein, noch in diesem Jahr Europa-Abkommen mit den baltischen Staaten abzuschließen. Die Europäische Union bliebe unvollkommen, wenn nicht eines Tages auch alle drei baltischen Staaten Mitglieder würden.‟10 Während  der  deutschen  Ratspräsidentschaft  appellierte  Bonn  wiederholt  an  die  europäischen  Staats-  und  Regierungschefs,  der  baldigen  Aufnahme  von  Assoziierungsgesprachen  mit  den  baltischen  Ländern  zuzustimmen.  Schlussendlich  entschied  der  Europäische  Rat  auf  dem  Essener EU-Gipfel am 9. und 10. Dezember 
1994 formulierte Deutschland, innerhalb von sechs Monaten EU-AssoziieAbkommen  aufzunehmen.  Damit  hatte  die  rungsabkommen mit allen drei baltiBundesregierung die europäische Integration  schen Ländern zu unterzeichnen.

1994  einstimmig,  die  Verhandlungen  mit  Als ziel der EU-Ratspräsidentschaft

Litauen,  Lettland  und  Estland  über  Europa-

der  baltischen  Staaten  maßgeblich  vorangebracht.  Die  rasche  Unterzeichnung  der  Abkommen  mit  allen drei baltischen Staaten war ein Erfolg für die deutsche  Außenpolitik  und  förderte  das  Selbstverständnis  der  drei  jungen Demokratien als Teil des westlichen Wertekanons.  Die  Beschlüsse  unterstrichen,  deutlich  an  die  Adresse  Moskaus  gerichtet,  die  Souveränität  und  die  europäische  Perspektive der drei Staaten.

10 | Klaus Kinkel, „Die Zukunft des Baltikums liegt in Europa‟,    in: Die Welt, 05.03.1994.

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Aller  Unterstützung  vor  und  während  der  deutschen  EU-Ratspräsidentschaft  zum  Trotz  hielt  sich  die  deutsche  Bundesregierung  jedoch  auch  weiterhin  mit  einem  eindeutigen  Fahrplan  für  die  Aufnahme  der 
Die Balten waren enttäuscht, dass sich Bonn ausweichend verhielt und ihr Anliegen, bereits in der ersten Erweiterungsrunde aufgenommen zu werden, nicht unterstützte.

baltischen  Länder  in  die  EU  zurück.  Unter  Berücksichtigung  der  russischen  Interessen  plädierte  der  deutsche  Kanzler  zunächst  nur  für  die  uneingeschränkte  Aufnahme 

Polens, der Tschechischen Republik und Ungarns als neue  Mitglieder  in  der  EU  und  NATO.  Der  Beitritt  der  übrigen  MOE-Staaten zu auch nur einer der beiden Organisationen  wurde zunächst auf die undatierte Zukunft geschoben. Die  Position  der  Bundesregierung  bezüglich  der  Erweiterungsperspektive der Länder Mittel- und Osteuropas legte  Bundesverteidigungsminister  Rühe  im  November  1996  bei  einer  Vortragsreise  nach  London  dar:  „Die  wichtigste  Botschaft an die Länder, die noch nicht Mitglied werden, ist  das politische Signal: Wir sind in einem offenen politischen  Prozess;  wir  sagen  nicht  ‚nein‛,  sondern  ‚noch  nicht‛.‟11  Dass die baltischen Staaten zu den „Noch-nicht‟-Beitrittskandidaten  gehören  würden,  galt  zu  diesem  Zeitpunkt  bereits  als  wahrscheinlich.  Die  Balten  waren  enttäuscht,  dass sich Bonn so ausweichend verhielt und ihr Anliegen,  bereits in der ersten Erweiterungsrunde aufgenommen zu  werden, nicht wie gehofft unterstützte.12 Kurz  nach  dem  Entschluss  der  kleinen  NATO-Erweiterung  im Juli 1997 legte die EU-Kommission ihre Stellungnahmen  zur Beitrittsfähigkeit der zehn Kandidaten vor. Sie empfahl,  die Gespräche zunächst mit Estland, Polen, Slowenien, der  Tschechischen Republik, Ungarn und Zypern zu beginnen.  Um  zu  verhindern,  dass  die  Zurückstellung  und  Enttäuschung Lettlands und Litauens die bereits geleisteten und  noch  notwendigen  Reformprozesse  beeinträchtigten,  traf  der  deutsche  Außenminister  im  Oktober  1997  seine  drei  baltischen  Amtskollegen  in  Riga.  Dabei  ermutigte  er  die  beiden  südlichen  Baltenrepubliken,  das  estnische  Beispiel  anführend,  ihre  Reformbemühungen  weiter  fortzusetzen  und an den Kopenhagener Kriterien auszurichten.
11 | Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung, Nr. 94 (22.11.1996). 12 | Jasper von Altenbockum, „Die baltischen Staaten sind von    Bonn enttäuscht‟, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung,    19.07.1996.

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Die von 1998 bis 2005 amtierende Koalition aus SPD und  Bündnis  90/Die  Grünen  unter  Bundeskanzler  Gerhard  Schröder  führte  im  Wesentlichen  die  verbindlich-unverbindliche  Baltikumpolitik  der  Vorgängerregierung  fort.  Dabei  fürchteten  die  MOE-Staaten  vor  allem  zu  Beginn  der rot-grünen Regierung, dass Bonn sich in Zukunft noch  weniger für die Erweiterung der Union interessieren würde  als bisher. Im Vorfeld des Wiener EU-Gipfels im Dezember  1998 betonte Bundeskanzler Schröder, dass der Zeitpunkt  der  Erweiterung  noch  nicht  feststünde  und  es  aufgrund  weiterhin  offener  Fragen  leichtfertig  sei,  terminliche  Zusagen  zu  machen.  Auch  das  Lippenbekenntnis  seines  Außenministers  Joschka  Fischer,  Deutschland  verstünde  sich  weiterhin  als  „Anwalt  der  Mittel-  und  Osteuropäer  in  der  EU‟13,  konnte  nicht  darüber  hinwegtäuschen,  dass  keines  der  Kabinettsmitglieder  der  rot-grünen  Koalition  sich besonders für das Baltikum engagierte. Berlin förderte  in  diesen  Jahren  weder  den  Fortgang  der  Verhandlungen  mit Estland noch die Aufholprozesse Lettlands und Litauens  nachdrücklich. Dennoch setzten auch Lettland und Litauen  in der zweiten Runde den Acquis communitaire erfolgreich  um und konnten gemeinsam mit Estland und fünf weiteren  Ländern  Mittel-  und  Osteuropas  sowie  Malta  und  Zypern  am 1. Mai 2004 der EU beitreten, nachdem bereits zuvor  die Aufnahme in die NATO erfolgt war. Für  Verstimmung  in  den  baltisch-deutschen  Beziehungen  sorgte  das  von  einem  russisch-deutschen  Firmenkonsortium  geführte  milliardenschwere  Erdgasprozweiten Runde den Acquis communitaire erfolgreich um und konnten wald in Deutschland verbinden und ab 2012  gemeinsam mit Estland am 1. Mai bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich  2004 der EU beitreten.

jekt  Nord  Stream,  das  Wyborg  in  Russland  Lettland und Litauen setzten in der mit  seinem  Endpunkt  Lubmin  nahe  Greifs-

in  die  EU  transportieren  soll.  Im  Prozess  der  Vorbereitung  des  Projektes,  das  Teil  des  Europäischen  Energienetzwerkes  werden  soll,  fühlten  sich  die  drei Baltischen Länder von den für das Projekt werbenden  Regierungen  Russlands  und  Deutschlands  wenn  nicht  gleich  übergangen,  so  zumindest  nicht  hinreichend  über  die Pläne informiert. Angesichts des wenig diplomatischen  Vorgehens  von  Bundeskanzleramt  und  Kreml  in  dieser  Angelegenheit  sowie  der  offen  zur  Schau  getragenen 
13 | Interview mit Joseph Fischer, in: Süddeutsche Zeitung,    27.11.1998.

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„Männerfreundschaft‟14  zwischen  Gerhard  Schröder  und  Russlands  Präsident  Wladimir  Putin  zogen  eine  ganze  Reihe von baltischen Politikern in der öffentlichen Diskussion Parallelen zum Hitler-Stalin-Pakt, als zwischen Berlin  und Moskau über die Zukunft der baltischen Republiken als  Teil der sowjetischen Einflusszone entschieden worden war.  Obwohl  der  Vergleich  an  sich  jeder  Grundlage  entbehrt,  ist  er  dennoch  ein  Beleg  für  die  tiefe  Verunsicherung  und  das  mangelnde  Selbstbewusstsein  der  Balten  nach  der  fünfzigjährigen  Besatzungszeit.  Dass  eine  gewisse  Skepsis  gegenüber  einem  ehemaligen  Besatzungsregime  vorherrscht, das die Auflösung der Sowjetunion als „größte  geopolitische Katastrophe des (zwanzigsten) 
Der Georgien-Konflikt im Sommer 2008 hat in den Baltischen Ländern aufgrund vergleichbarer Erfahrungen mit der sowjetischen Expansionspolitik zu großen emotionalen Reaktionen geführt.

Jahrhunderts‟15  bezeichnet,  sowie  gegenüber  dessen  politischem  Partner,  der  den  Urheber dieses Statements als „lupenreinen  Demokraten‟  charakterisiert16,  ist  nachvollziehbar.  Nicht  zuletzt  der  Georgien-Konflikt 

im Sommer 2008 hat in den Baltischen Ländern aufgrund  vergleichbarer Erfahrungen mit der sowjetischen Expansionspolitik im zwanzigsten Jahrhundert zu großen emotionalen Reaktionen geführt.17
FAzIT

Das  Verhältnis  Deutschlands  zu  den  baltischen  Nachbarn  wurde in den zurückliegenden zwanzig Jahren im Wesentlichen  sowohl  vom  Bemühen  der  jeweiligen  Bundesregierung um gute Beziehungen zu Russland als auch von der  historisch-politischen  Verbundenheit  Deutschlands  zum  Baltikum geleitet.

14 | Vgl. Michael Thumann, „Anatomie einer Männerfreund  schaft‟, in: Die Zeit, 09.09.2004, abrufbar unter:    http://zeit.de/2004/38/Putin_2fSchr_9ader [05.08.2010]. 15 | Rede des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin zur    Lage der Nation vor der Duma am 25.04.2005, zitiert nach:    Russland Analysen, Nr. 63 vom 29.04.2005, 13. 16 | So der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die    Frage von Reinhold Beckmann, ob er den russischen Staats  präsidenten Wladimir Putin als lupenreinen Demokraten  betrachte. Beckmann, ARD, 22.11.2004.   17 | Vgl. zur Einschätzung des außenpolitischen Anspruchs    Russlands unter Putin u.a. Erich G. Fritz, „Gute Worte –    Falsche Taten‟, in: Die Politische Meinung Nr. 440, Juli 2006,    53-56.

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Bis  zum  Jahr  1990  war  es  das  Primat  der  deutschen  Außenpolitik,  die  Wiedervereinigung  Deutschlands  in  Frieden und Freiheit unter Beibehaltung der europäischen  und transatlantischen Partnerschaften zu erreichen. Nach  der  Wahl  Michail  Gorbatschows  zum  Generalsekretär  der  KPdSU  und  seiner  anschließenden  Reformpolitik  bot  sich  der  Bundesregierung  unter  der  Führung  Helmut  Kohls  dieses möglicherweise einmalige „window of opportunity‟  zur  Vereinigung  beider  deutscher  Staaten.  Die  Einheit  Deutschlands war allerdings auch zu diesem Zeitpunkt nur  mit  dem  Wohlwollen  und  der  Zustimmung  Moskaus  auf  friedlichem Wege zu erreichen und konnte nur mit entsprechenden Sicherheitsgarantien an den Kreml einhergehen.  Wenn die deutsche Politik eine zurückhaltende Position zu  den baltischen Wünschen einnahm, wie bei den baltischen  Forderungen  nach  Unabhängigkeit  und  Aufnahme  in  die  NATO, geschah dies um der deutschen Interessen willen.  Deutschland  setzte  sich  immer  dann  aktiv  auch  für  die  baltischen  Belange  ein,  wenn  derartiges  Verhalten  die  Erreichung der eigenen nationalen Ziele nicht gefährdete.  Keine deutsche Regierung konnte die Position des Kremls  zum  Baltikum  ignorieren,  wenn  sie  das  Wohlwollen  der  Moskauer  Führung  und  damit  die  von  ihr  angestrebten  Ziele  nicht  aufs  Spiel  setzen  wollte.  Die  konfliktreichen  Beziehungen zwischen Moskau und den baltischen Staaten,  beispielsweise  in  Hinblick  auf  den  Truppenabzug  und  die  russischsprachige  Minderheit,  verkomplizierten  die  Lage  zusätzlich.  Unter  diesen  Bedingungen  entschieden  sich  die  deutschen  Regierungen  für  eine  Baltikumpolitik,  die  Deutschland wiederholt den Vorwurf zu großer Rücksichtnahme auf Moskau eintrug. Der  zweite  bedeutende  Faktor,  der  auf  die  Politik  der  Bundesregierungen  einwirkte,  war  die  wechselvolle  deutsch-baltische  Geschichte.  Das  heutzutage  in  der  Summe  positiv  bewertete  Wirken  des  Deutschen  Ordens  und der Deutschbalten seit dem 13. Jahrhundert einerseits  und  die  negativen  Auswirkungen  des  Hitler-Stalin-Pakts  vom August 1939 andererseits begründeten Deutschlands  Verbundenheit mit und Verantwortung gegenüber den drei  Republiken. Vor allem in den ersten Transformationsjahren  verwies die Bundesregierung häufig auf diese historischen   

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Determinanten. Die daraus resultierende Verpflichtung war  und ist eine wichtige Antriebskraft der deutschen Baltikumpolitik. Ob  Deutschland  der  selbst  zugeführten  Rolle  als  „Anwalt  der Balten‟ immer gerecht wurde, ist vielerorts diskutiert  worden.18 Insgesamt lässt sich konstatieren, dass sich alle  deutschen  Regierungen  von  Helmut  Kohl  über  Gerhard  Schröder  bis  zu  Angela  Merkel  sowohl  in  den  internationalen  Organisationen  als  auch  über  bilaterale  Vereinbarungen für die baltischen Staaten engagierten, wenn auch  mit wechselnder Intensität. Sowohl die Aufnahme Estlands,  Lettlands und Litauens in die Europäische Union als auch  in  die  NATO  wäre  ohne  das  Zutun  der  deutschen  Außenpolitik so rasch nicht möglich gewesen. Bis zum heutigen  Tage  bieten  sowohl  Kanzleramt  als  auch 
Während sich die Balten eine eindeutigere Positionierung zu ihren Gunsten wünschen würden, erwartet Deutschland im Umkehrschluss eine größere Gelassenheit im Umgang mit dem russischen Nachbarn.

Außenamt  ihre  unterstützende  und  vermittelnde Rolle auf europäischer Ebene an, um  für  die  Balten  zentrale  Fragen  der  inneren  und  äußeren  Sicherheit  zu  befördern.  Dass  der Ton die Musik auch auf dem außenpoliti-

schen Parkett bestimmt, ist spätestens seit der Diskussion  um die Verlegung der Ostseepipeline Nord Stream im Jahr  2005 offenbar geworden. Immer wenn es darauf ankam, wie beispielsweise während  der Zwischenfälle in Vilnius und Riga zu Beginn des Jahres  1991  oder  während  der  heißen  Phase  des  GeorgienKonfliktes  im  August  2008,  die  auf  einen  Besuch  der  Bundeskanzlerin  Angela  Merkel  in  Tallinn  fiel,  stand  die  deutsche  Bundesregierung  solidarisch  hinter  den  baltischen  Freunden  und  Partnern.  Während  sich  die  Balten  von den deutschen Partnern jedoch auch in konfliktfreien  Phasen eine eindeutigere Positionierung zu ihren Gunsten  wünschen  würden,  erwartet  Deutschland  im  Umkehrschluss  eine  größere  Gelassenheit  im  Umgang  mit  dem  russischen  Nachbarn  insbesondere  vor  dem  Hintergrund  der unumkehrbaren Verankerung der baltischen Länder in  der Europäischen Union und der Transatlantischen Sicherheitsallianz.

18 | Vgl. Helge Danchert, ‚Anwalt der Balten‛ oder Anwalt in eigener Sache?: Die deutsche Baltikumpolitik 1991-2004,    (Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag, 2008).

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ÜBEr diE BEfindlichkEitEn dEs dEutsch-französischEn paarEs zwEi JahrzEhntE nach dEr wiEdErvErEinigung
Jörg Wolff / Laura-Theresa Jaspers

Deutschland und Frankreich sind in vielfältiger Weise und mit engmaschigen Netzwerken verbunden. Dies gilt für den politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Bereich wie für die kulturellen und zivilgesellschaftlichen Ebenen. Dabei kommt der politischen Zusammenarbeit mit ihren umfassenden Abstimmungsund KooperationsmechaJörg Wolff ist Auslandsmitarbeiter der Konrad-AdenauerStiftung in Paris.

nismen im internationalen Vergleich eine einzigartige Stellung zu. Die gegenseitige Verflechtung zwischen beiden Nachbarländern ist tiefer als mit irgendeinem anderen Staat. Sie ist langfristig-strategisch angelegt und prägte in der Vergangenheit entscheidend den europäischen Integrationsprozess. Insoweit ist es nachvollziehbar, wenn die bilateralen Beziehungen als „deutsch-französisches Tandem‟, als „europäischer Motor‟ oder als „Schwungrad für Europa‟ bezeichnet werden. Die deutsch-französische Aussöhnung war am Ende des Zweiten Weltkrieges alles andere als selbstverständlich. Sie stellt in ihrem Ergebnis eine herausragende politische Leistung von geschichtlichem Format dar. An ihre Grundlagen ist besonders in Zeiten gelegentlicher Irritationen und Missverständnisse zwischen beiden Ländern immer wieder zu erinnern.
EntwicklungsphasEn dEr dEutschfranzösischEn BEziEhungEn
Laura-Theresa Jaspers studiert Romanistik in Dresden und war von April bis Juli 2010 im Auslandsbüro der Konrad-AdenauerStiftung in Paris tätig.

Die deutsch-französischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg werden in der Regel in drei Phasen eingeteilt. Die erste Periode war von der Versöhnung beider Länder und ihrem Ausgleich geprägt und mit dem europäischen Neubeginn verbunden. Dafür steht die historische

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Unterzeichnung des Élysée-Vertrages 1962. Es folgten Jahrzehnte der Institutionalisierung und Dynamisierung der bilateralen Zusammenarbeit und des weiteren Aufbaus der Europäischen Gemeinschaft. Diese zweite Phase dauerte bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990. Die darauf aufbauende europäische Osterweiterung, die
die sicht der krisenreichen vierten republik (1948 bis 1956) auf den deutschen nachbarn war von vorsichtigem Misstrauen, sicherheitserwägungen und kontrollabsichten geprägt.

Jahre von Maastricht bis zum Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon, die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion mit ihrem Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Europäische Sicherheits- und Verteidi-

gungspolitik charakterisieren bis heute die dritte Phase der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Eine vierte Phase, an deren Beginn wir gegenwärtig stehen, wird sich vermehrt mit der Weiterentwicklung einer gemeinsamen Politikgestaltung auf bilateraler Ebene befassen müssen. Daneben gilt es, eine tragfähige Übereinstimmung für die Umsetzung des Vertragswerkes von Lissabon zu erzielen, europäische Handlungsoptionen für die Gestaltung einer internationalen Ordnung zu finden und insgesamt die Frage der Rolle Europas in einer neuen multipolaren Welt überzeugend zu beantworten.
dEr BEginn: Europa als gEBurtshElfEr

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war nach den beiden Weltkriegen ein starker Antagonismus fest im kollektiven Bewusstsein der beiden Völker verankert, der sich auch in dem Begriff „Erbfeindschaft‟ äußerte.1 So war die Sicht der krisenreichen Vierten Republik (1948 bis 1956) auf den deutschen Nachbarn von vorsichtigem Misstrauen, Sicherheitserwägungen und Kontrollabsichten geprägt. Man fürchtete ein Erstarken des Nachbarn und damit eines neuen Nationalismus. Daher war Paris zunächst bestrebt, Deutschland durch eine verstärkte Föderalisierung zu kontrollieren. Die westlichen Siegermächte, insbesondere die USA, forderten wegen des Koreakrieges und des Beginns des Kalten Krieges jedoch eine rasche Integration Deutschlands in die westliche Gemeinschaft. Auf dieser Grundlage strebte Frankreich in seiner Europapolitik
1 | Vgl. Wolfram Vogel, „Die deutsch-französischen Beziehungen‟, in: Adolf Kimmel und Henrik Uterwedde (Hrsg.), Länderbericht Frankreich. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft (Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005), 419.

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Sicherheit gegenüber Deutschland durch Einbindung und Kontrolle an und versuchte gleichzeitig, seine eigene Führungsrolle in Westeuropa auszubauen. Jedoch konnte nur die Lösung der für Frankreich essenziellen Themen wie die Kontrolle des Ruhrgebietes, die Saarfrage und die Sorge vor einer deutschen Wiederbewaffnung den Weg für eine deutsch-französische Versöhnung ebnen.2 Dem kam auch die Bildung einer Förderation europäischer Staaten entgegen, die 1949 in Form des Europarats gelang. Ein weiterer Impuls erfolgte durch den Vorschlag Robert Schumans vom 9. Mai 1950, durch eine Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) die gesamte deutsche und französische Montanindustrie zusammenzufassen und einer gemeinsamen Aufsichtsbehörde zu unterstellen. Er wurde 1951 als Montanunion unter Einbezug der Benelux-Staaten und Italiens verwirklicht. Dadurch konnten Frankreich und Deutschland „ihre Länderbeziehung auf den gemeinsamen Bezugspunkt einer neu zu schaffenden Europäischen Gemeinschaft ausrichten‟3. Frankreich suchte durch dieses Projekt maßgeblich sicherheitspolitische Interessen umzusetzen, während Deutschland darin eine Möglichkeit sah, auf europäischer Ebene schrittweise seine Souveränität zurückzuerlangen und einen wichtigen Schritt der Westbindung zu vollziehen. Trotz des Scheiterns einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft wurde das Ziel eines vereinten Europas und der deutschfranzösischen Annäherung in Deutschland vor allem durch Konrad Adenauer weiterverfolgt. Mit der Wiederangliederung des Saarlandes an die Bundesrepublik nach einer Volksabstimmung 1955 war der Weg für eine volle Aussöhnung beider Staaten frei. Trotz der krisenreichen letzten Jahre der Vierten Republik konnten nach der Bildung der Euratombehörde die Römischen Verträge unterzeichnet werden, welche die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) als Kern der heutigen Europäischen Union (EU) errichteten. Die deutsch-französischen Beziehungen wurden in diesem Zeitraum auf beiden Seiten des Rheins primär als nötiges Werkzeug für
2 | Vgl. Vogel (2005), 420. 3 | Ebd., 420. trotz des scheiterns einer Europäischen verteidigungsgemeinschaft wurde das ziel eines vereinten Europas und der deutsch-französischen annäherung in deutschland vor allem durch konrad adenauer weiterverfolgt.

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die Ausgestaltung der europäischen Einigung verstanden. Die Fünfte Republik (seit 1958) wurde in den ersten elf Jahren von der Persönlichkeit Charles de Gaulles dominiert. Seine Außenpolitik war durch die Aufrechterhaltung einer weitgehenden Unabhängigkeit Frankreichs gekennzeichnet. Er sprach sich gegen die Abgabe
die enge annährung beider länder fand ihren abschluss im „Élyséevertrag‟. Er symbolisierte die versöhnung beider völker als geschichtliches Ereignis.

von Souveränitätsrechten an die EWG aus und verfolgte das Ziel eines „Europas der Vaterländer‟. Folgerichtig zog er Frankreich aus den Strukturen der NATO zurück und

baute eine eigene Atomstreitmacht auf. Bereits 1958 lud er Konrad Adenauer nach Colombey-les-Deux-Églises ein, wo beide die Grundlagen für eine stärkere bilaterale Zusammenarbeit und Aussöhnung legten.4 Es war der Ausgangspunkt einer engen Annäherung beider Länder. Sie fand ihren Abschluss im „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit‟, der seither nach dem Dienstsitz des französischen Präsidenten „Élysée-Vertrag‟ genannt wird. Er markierte „sowohl das Ende als auch den Anfang einer Entwicklung‟5 und symbolisierte die Versöhnung beider Völker als geschichtliches Ereignis. Er setzte die Erkenntnis beider Staatsmänner um, dass beide Völker solidarisch miteinander verbunden sein müssen und eine enge Zusammenarbeit ein unerlässlicher Teil des Weges zu einem vereinten Europa sei. Wie Konrad Adenauer selbst in seinen Erinnerungen ausführt, werde dieser Vertrag von der Geschichtsschreibung als eines der wichtigsten und wertvollsten Vertragswerke der Nachkriegszeit bezeichnet.
dEr ElysÉE-vErtrag: fundaMEnt fÜr vErsöhnung und zukunft

Ob der Élysée-Vertrag im Sinne Charles de Gaulles als Gegengewicht gegen die beiden Supermächte gedacht war oder nicht bzw. ob er mit ihm ein vereinigtes Europa unter französischer Führung anstrebte, ist unerheblich. Denn
4 | Vgl. Ernst Weisenfeld, „Deutsch-Französische Beziehungen 1945-2007‟, in: Ingo Kolboom, Thomas Kotschi und Edward Reichel (Hrsg.), Handbuch Französisch. Sprache, Literatur, Kultur, Gesellschaft. Für Studium, Lehre, Praxis (Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2008), 680. 5 | Vogel (2005), 422.

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der Vertrag gestaltet bis heute grundlegend das Verhältnis beider Länder zueinander und er legte das organisatorische und programmatische Fundament für eine enge bilaterale Zusammenarbeit und Abstimmung. Seine Forderung nach regelmäßigen Konsultationen und Koordinationen zur Behandlung von Fragen „von gemeinsamem Interesse‟ soll „soweit wie möglich zu einer gleichgerichteten Haltung‟ führen. Rückblickend liegt die Bedeutung des Vertrags heute vor allem in der Erkenntnis, dass unterschiedliche Positionen und Interessen beider Länder ein gemeinsames Handeln nicht verhindern, sondern tragbare Konsense und damit sinnvolle Politikoptionen ermöglichen. In diesem Sinne drückte und drückt er den gemeinsamen Willen beider Länder aus, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen, die Kooperation zu institutionalisieren und auszubauen. Dies hat sich in der Folge als Stabilisierungs- und Vertrauensfaktor für die deutsch-französische Partnerschaft erwiesen und wurde von allen Regierungen, unabhängig von parteipolitischen Richtungen, auch als Verpflichtung betrachtet. Der Vertrag legte die Zusammenarbeit in Bereichen der auswärtigen Angelegenheiten, der Verteidigung sowie in Erziehungs- und Jugendfragen fest. Von zentraler Bedeutung haben sich die bilateralen Treffen zwischen Staatsund Regierungschefs erwiesen, die mindestens zweimal jährlich stattfinden und einen strukturbildenden Charakter für das deutschfranzösische Verhältnis angenommen haben. Sie haben ferner zu vielen Gemeinschaftsprojekten geführt. Darüber hinaus hat sich auf der Grundlage des Vertrags, wie zu Recht in einer im Mai erschienen KAS/Ifri-Studie zu den deutsch-französischen Beziehungen festgestellt wurde, „von Gipfel zu Gipfel und Jahrestag zu Jahrestag eine Vielfalt an Kooperationsstrukturen zwischen den Regierungen, den Behörden, den Ministerien und den Zivilgesellschaften entwickelt, die in der Welt einzigartig ist‟.6
von zentraler Bedeutung haben sich die bilateralen treffen zwischen staatsund regierungschefs erwiesen, die mindestens zweimal jährlich stattfinden und einen strukturbildenden charakter für das deutsch-französische verhältnis angenommen haben.

6 | Hans Stark, „Rück- und Ausblick: Frankreich – Deutschland, eine komplexe Beziehung‟ in: Konrad-Adenauer-Stiftung Frankreich (Hrsg.), Deutschland – Frankreich: Fünf Visionen für Europa / France – Allemagne: Cinq visions pour l’Europe (Paris: Konrad-Adenauer-Stiftung, 2010), 25.

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diE zusaMMEnarBEit iM wandEl dEr zEitEn

Der Ausbau des Vertrags stand in der Folge zunächst im Mittelpunkt der Beziehungen, wenngleich von Frankreich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre „gemeinsame Aktionen‟ angemahnt wurden. Unter der Präsidentschaft von Georges Pompidou verzeichnete der deutsch-französische Bilateralismus kaum Aufwind. Die Ostpolitik von Willy Brandt weckte Befürchtungen, dass die
als günstiger faktor kamen mit valéry giscard d’Estaing und helmut schmidt nahezu gleichzeitig zwei politiker an die Macht, die sich kannten – und schätzten.

Bundesrepublik sich nach Osten orientieren könnte und Frankreich nicht in diese neue Phase der europäischen Politik einbezogen sei. In der Zwischenzeit hatte sich auch

die wirtschaftliche Bedeutung zugunsten Deutschlands verschoben und damit das in französischen Augen wichtige „relative Gleichgewicht‟7 verändert. Die Währungspolitik sowie die Zukunft des Gemeinsamen Agrarmarktes ergaben weitere Unstimmigkeiten. Dennoch konnten bemerkenswerte Vereinbarungen abgeschlossen werden, so die gemeinsame Produktion des Airbus (1969), die Errichtung deutsch-französischer Gymnasien und 1972 die Einführung des deutsch-französischen Abiturs. Die zweite bedeutende Phase der deutsch-französischen Zusammenarbeit begann in den siebziger Jahren vor dem Hintergrund der ersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit und der Neuordnung des internationalen Währungssystems. Als günstiger Faktor für das deutsch-französische Verhältnis kamen mit Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt nahezu gleichzeitig zwei Politiker an die Macht, die sich bereits aus ihren vorigen Funktionen als Finanzminister kannten – und schätzten. Die Zugkraft dieses „Tandems‟ konzentrierte sich auf bemerkenswerte wirtschaftliche, europäische und internationale Initiativen mit bleibender Substanz: Abstimmung der ökonomischen Entwicklung beider Länder mit Blick auf eine künftige europäische Wirtschafts- und Währungsunion (WWU), Schaffung des europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs, Errichtung eines Weltwirtschaftsgipfels (G7) und Einführung des Europäischen Währungssystems (EWS).8

7 | Vgl. Vogel (2005), 424 ff. 8 | Ebd., 425.

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Das deutsch-französische Verhältnis war zu Beginn der achtziger Jahre von der internationalen sicherheitspolitischen Lage bestimmt, die von dem Doppelbeschluss der NATO (1979) dominiert war und zu einer Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen führte. Der Nachrüstungsbeschluss komplizierte zunächst die Beziehungen, da beide Länder unterschiedliche sicherheitspolitische Konzeptionen vertraten. 1982 fanden die 40. deutschfranzösischen Konsultationen erstmals zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl statt. Sie beschlossen eine aktive bilaterale Zusammenarbeit im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Beide Seiten betonten das Festhalten an beiden Teilen des NATO-Doppelbeschlusses, keine Einbeziehung der französischen Nuklearstreitkräfte in die Rüstungskontroll-Verhandlungen und die Fortsetzung des KSZE-Prozesses. Anlässlich der Feier des 20. Jahrestages des Élysee-Vertrags sicherte der französische Präsident in einer Aufsehen erregenden Rede im Bundestag der Bundesregierung seine Unterstützung bei der Durchsetzung des Doppelbeschlusses zu. Dies entspannte das deutsch-französische Verhältnis. In einer bewegenden Zeremonie bei einem Besuch der Schlachtfelder von Verdun 1984 erklärten François Mitterrand
frankreichs reaktionen auf die wiedervereinigung blieben verhalten. die französische regierung übte sich in einer „verzögerungstaktik‟.

und Helmut Kohl, dass „beide Völker unwiderruflich den Weg des Friedens, der Vernunft und der freundschaftlichen Zusammenarbeit eingeschlagen haben‟. 1986 vereinbarten beide Regierungen den Ausbau der außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Zusammenarbeit, der 1987 durch eine Deutsch-Französische Brigade und 1988 durch die Einrichtung des „Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats‟ ergänzt wurde.
diE auswirkungEn dEr wiEdErvErEinigung

Die Umwälzungen in Europa kündigten auch für das deutsch-französische Verhältnis eine weitere Verschiebung der Machtbalance an. Frankreichs Reaktionen auf die Wiedervereinigung blieben zunächst auf offizieller Seite verhalten. Die französische Regierung übte sich in einer „Verzögerungstaktik‟9. Von deutscher Seite hätte man eine klare, spontane Unterstützung sicherlich begrüßt,

9 | Weisenfeld (2008), 684.

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aber das Zögern Mitterrands hinterließ in Deutschland, im Gegensatz zu auch heute noch in Frankreich anzutreffenden Befürchtungen, keine tieferen Spuren – zumal Paris letztendlich die deutsche Einheit voll unterstützte.10 Negativer wirkten sich indes Mitterrands Europapolitik und die damit verbundene Absicht aus, Deutschland zu kontrollieren. Während die Nachbarländer zuvor noch als der Motor Europas anerkannt wurden, schienen sie sich nun von der europäischen Baustelle zu entfernen.
nach deutsch-französischen unstimmigkeiten im zuge der nominierung des ersten präsidenten der EzB ging das projekt einer Europäischen sicherheits- und verteidigungspolitik auf eine britisch-französische und keine deutsch-französische initiative zurück.

Im September 1992 scheiterte in Frankreich nahezu das Referendum zum Vertrag von Maastricht und auch in Deutschland mehrten sich kritische Stimmen gegenüber der Gemeinschaftswährung.11 Letztendlich wurde die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion dann vor allem durch andere

EU-Staaten vorangetrieben. Der bittere Streit um die deutsche Forderung eines Stabilitätspaktes 1996/1997 zeugte zudem von mangelnder deutsch-französischer Partnerschaft. Nach der Gründung des Weimarer Dreiecks 1991 und der Ratifizierung des Vertrages von Maastricht 1993 wurzelten die deutsch-französischen Unstimmigkeiten in den unterschiedlichen Haltungen gegenüber der Osterweiterung. Während auf deutscher Seite der Zehn-Punkte-Plan die Offenheit der Europäischen Gemeinschaft vor allem für ehemalige Ostblockstaaten, aber auch für Südeuropa forderte, zeigte sich Paris in punkto Osterweiterung eher reserviert. Divergierende Auffassungen zwischen beiden Regierungen machten eine Klärung der Frage nach EU-Institutionen bei den Beratungen, die dem Vertrag von Amsterdam 1997 vorausgingen, nicht möglich. Nach erneuten deutsch-französischen Unstimmigkeiten im Zuge der Nominierung des ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) 1998 ging schließlich das Projekt einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) auf eine britisch-französische und keine deutsch-französische Initiative zurück.

10 | Vgl. Stark (2010), 18. 11 | Ebd., 18.

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Vor dem Hintergrund der Verbesserung des bilateralen Verhältnisses zwischen Jacques Chirac und Gerhard Schröder wurde ein gemeinsamer Konsultationsmechanismus
das gescheiterte Eu-referendum in frankreich im Mai 2005, die statische Endzeit chiracs, die vorgezogenen Bundestagswahlen im september 2005 sowie die darauf folgende große koalition kultivierten vorerst keinen günstigen nährboden für den deutsch-französischen dialog.

etabliert, der informelle Abstimmungen als „Blaesheim-Treffen‟ in regelmäßigen zeitlichen Intervallen von sechs bis acht Wochen vorsieht. Diese Neubelebung der bilateralen Beziehungen brachte gemeinsame Initiativen innerhalb des Europäischen Konvents zu Fragen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, zur Wirtschafts- und Ordnungspolitik, den Bereichen Inneres und Justiz sowie zur institutionellen Ordnung der EU hervor. 2003 wurde das Verfassungsprojekt verabschiedet. Somit gaben Deutschland und Frankreich wiederum gemeinsam wichtige Impulse im Rahmen der Debatte um die EU-Verfassung. Die von Frankreich sorgenvoll erwartete EU-Osterweiterung lief 2004 reibungslos. Die Zugkraft des deutschfranzösischen Tandems konstituierte sich aber vor allem in dem gemeinsamen Widerstand gegen die amerikanische Intervention im Irak. In Europa standen Deutschland und Frankreich isoliert da – Alfred Grosser bezeichnete beide Länder damals als „Lokomotive ohne Anhänger‟. Vor diesem Hintergrund bemühte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel um einen Balanceausgleich, um die „traditionelle Äquidistanz zwischen Berlin, Paris und Washington‟12 wiederherzustellen. Das gescheiterte EU-Referendum in Frankreich im Mai 2005, die statische Endzeit Chiracs, die vorgezogenen Bundestagswahlen im September 2005 sowie die darauf folgende Große Koalition kultivierten vorerst keinen günstigen Nährboden für den deutschfranzösischen Dialog. Bis 2007 wurde zwischen den beiden Staaten kaum eine nennenswerte EU-Vereinbarung vorangetrieben.

12 | Stark (2010), 21.

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diE gEgEnwart: notwEndigkEit EinEr nEuEn vision?

Die Wahl Nicolas Sarkozys als Staatspräsident im Mai 2007 brachte eine Stabilisierung der innenpolitischen Lage Frankreichs und den französischen Vorschlag eines vereinfachten, aber die Substanz wahrenden EU-Vertrages, welcher der beginnenden EU-Krise eine Lösung bot,13 und rettete somit den Vertrag von Lissabon. Eine neue Dynamik entstand hieraus für das deutschfranzösische Tandem allerdings nicht – zu viele Steine lagen noch auf seinem Weg. Verschiedene Regierungsstile im Élysée-Palast und im Kanzleramt
unter dem Eindruck der finanz- und wirtschaftskrise ist im Jahr 2009 die stärkung der deutsch-französischen zusammenarbeit ein vordringliches anliegen geworden.

erschwerten oft den Dialog, das französische Projekt einer von der EU-27 finanzierten Mittelmeerunion, die aber nur Mittelmeeranrainern offen stehen sollte, wurde von

Deutschland im Frühjahr 2008 abgelehnt. Während Frankreich sich von deutsch-russischen Annäherungsprozessen wie der Siemens-Rosatom-Kooperation oder dem Einstieg Gerhard Schröders bei Gazprom beunruhigt zeigte, schien auch Frankreich über einen eventuellen Partnerwechsel nachzudenken, indem mit Großbritannien ein gemeinsamer Fahrplan gegen die Krise angestrebt wurde. Der 20. Jahrestag des Mauerfalls wurde jedoch auf der Pariser Place de la Concorde mit aufrichtiger Freude und beeindruckender Atmosphäre gefeiert, was in Deutschland aufmerksam registriert wurde. Genau so aufmerksam registriert wurde in Frankreich demgegenüber auch die Anwesenheit der Bundeskanzlerin bei den Feierlichkeiten zum 11. November 2009, dem Tag des armistice, in Paris. Unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise ist im Jahr 2009 die Stärkung der deutsch-französischen Zusammenarbeit ein vordringliches Anliegen geworden. Sie hat in beiden Ländern wohl die Überzeugung gefestigt, dass nationale Alleingänge ein Irrtum wären. Sie hat jedoch einmal mehr deutsch-französische Unterschiede in Diagnose und Therapie verdeutlicht, die zu einer sehr kritischen Berichterstattung in Frankreich führten. Trotz unterschiedlicher wirtschaftlicher Strukturen hängen beide Länder in ihrem
13 | Ebd., 21.

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Wachstum von einer freien, aber geregelten Marktwirtschaft ab, die sozialen Zusammenhalt ermöglicht und auf einem geordneten internationalen System beruht. Innerhalb der letzten Monate haben beide Regierungen bedeutende Sparpakete vorgestellt und ihren Willen bekräftigt, bis 2013 die Konvergenzkriterien des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts wieder einzuhalten. Auch zu dem von Deutschland zunächst skeptisch betrachteten französischen Projekt einer europäischen Wirtschaftsregierung fanden Merkel und Sarkozy Mitte Juni 2010 einen Kompromiss. Nur wenig verstanden wird indes, dass Deutschland eine eher marktwirtschaftlich-ordnungspolitische und Frankreich eine mehr interventionistisch orientierte Wirtschaftspolitik verfolgen. Die deutsch-französische Agenda 2020, die im Rahmen des 12. Deutsch-Französischen Ministerrats am 4. Februar 2010 in Paris vorgestellt wurde, signalisiert, dass dies ein neuer Anfang einer sich über ein Jahrzehnt erstreckenden Kooperation ist. Mit 80 konkreten Vorhaben in sechs wichtigen Bereichen der bilateralen Zusammenarbeit sollen deutsch-französische, vor allem aber auch europäische Projekte vorangebracht werden.
rÜckkEhr zur norMalität: Exkurs zuM französischEn dEutschlandBild

Bei dem Rückblick auf die deutsch-französischen Beziehungen wird deutlich, dass das bilaterale Verhältnis teilweise starken Turbulenzen ausgesetzt war. Dies beeinflusste verständlicherweise auch die gegenseitige Wahrnehmung.

franzosen neigen zur vorsicht. die wurzeln ihres sicherheitsbedürfnisses gehen zurück in die frühe geschichte frankreichs, als das land um die festigung seiner Mittellage bemüht war.

Um das aktuelle französische Deutschlandbild nachvollziehen zu können, ist ein Blick in die Geschichte unerlässlich. So spielte historisch der Sicherheitsgedanke im französischen Volksbewusstsein eine wichtige Rolle. Franzosen neigen zur Vorsicht. Die Wurzeln ihres Sicherheitsbedürfnisses gehen zurück in die frühe Geschichte Frankreichs, als das Land, umklammert von den beiden Habsburgischen Mächten, um die Festigung seiner Mittellage bemüht war. Von Richelieu über Turenne, Danton bis zu Clemenceau

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und Poincaré wurde versucht, durch vorgeschobene territoriale Sicherheitsgrenzen das Kernland vor Angriffen zu schützen. Diesem Ziel dienten auch die politischen Bündnisse des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beides war das Ergebnis der historischen individuellen und politischen Sicherheitshaltung, die vor allem auch aus einer Angst vor Deutschland entstanden war. Nach dem Ersten Weltkrieg basierte das französische Deutschlandbild auf diesem Sicherheitsmotiv. Dabei trafen zwei innerfranzösische Konzepte aufeinander: Die politische Rechte strebte einen Ausbau der aus Zeiten des Versailler Vertrages stammenden französischen Vormachtstellung an und wollte den ehemaligen deutschen Kriegsgegner in seiner Entwicklung begrenzen. Sie gründeten ihr Konzept auf ein angeblich pan-germanistisch ausgerichtetes Deutschland, das unwandelbar von einem aggressiven Eroberungswillen und vor allem durch einen „Militär- und Herdengeist‟14 geprägt sei. Auf der anderen Seite vertrat die politische Linke ein Konzept der deux Allemagne. Danach stand das militärisch-autoritär geprägte Deutschland des Krieges dem Vorkriegsnach dem zweiten weltkrieg entstand in beiden ländern eine eher integrierende als ablehnende wahrnehmung. dazu trug besonders der ost-west-konflikt bei, der deutschland und frankreich in das westliche lager führte.

deutschland mit seinen historischen Wurzeln in der europäischen Aufklärung und der deutschen Klassik gegenüber. Insofern strebte diese Gruppe einen politischen und wirtschaftlichen Interessenausgleich an, um

Deutschland eine Rückkehr zu den Werten der deutschen Vorkriegszeit zu ermöglichen. Bis 1945 diente die jeweilige Nachbarnation aufgrund der häufigen Kriege als eine Art „Kontrastfolie‟15 für die Eigenschaften, die man für die jeweils eigene Nation beanspruchen wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in beiden Ländern eine eher integrierende als ablehnende Wahrnehmung. Dazu trug besonders der Ost-West-Konflikt bei, der Deutschland und Frankreich in das westliche Lager führte. Das französische Deutschlandbild war jedoch in den fünfziger Jahren von Ambivalenz geprägt. Sie äußerte sich sowohl in dem Willen, den danger allemand, also den unberechenbaren deutschen Nachbarn, zu kontrollieren, ihn aber auch in die europäische Integration einzubinden.
14 | Bock (2008), 726. 15 | Ebd., 725.

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Letzteres entsprach dem damaligen deutschlandpolitischen Leitsatz Frankreichs, „Kontrolle durch Integration‟.16 Die Sorge vor der Unberechenbarkeit des Nachbarn gründete auf dem so genannten Rapallo-Komplex und sicherlich überbewerteten neonazistischen Tendenzen. Die skeptische Haltung der Bevölkerung konnte jedoch durch die zunehmenden zivilgesellschaftlichen Begegnungen und den Dialog in den siebziger Jahren abgebaut werden. In den achtziger Jahren wandelte sich
vor allem die geografische dimension der wiedervereinigung sorgte für mancherlei verzerrungen und schien historische Erinnerungen an das Bismarck-reich zu wecken.

die Befürchtung der Medien vor einem zu starken Deutschland zur Sorge um einen zu schwachen deutschen Nachbarn. Ein in französischen Augen latenter Pazifismus und

der Geburtenschwund wurden auf französischer Seite mit Befremden zur Kenntnis genommen: „Das ‚romantische‛ Deutschlandbild war also wieder angesagt, diesmal aber weniger als Objekt der Sehnsucht oder puren Faszination, sondern als Stein des Anstoßes oder als Quell der Sorge.‟17 Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, reagierte die französische Bevölkerung mit aufrichtiger Anteilnahme, was nicht der eher ambivalenten Reaktion der französischen Medien entsprach. Nach einer anfänglichen Phase der Sympathie verwiesen besorgte Kommentare auf eine Verschiebung des europäischen Gleichgewichts und das mögliche Entstehen eines „Groß-Deutschlands‟, eines „Wirtschaftsimperiums‟ und eines „politischen Riesen‟.18 Vor allem die geografische Dimension der Wiedervereinigung sorgte für mancherlei Verzerrungen und schien historische Erinnerungen an das Bismarck-Reich zu wecken. Frankreich wünschte einen „kontrollierten, langfristigen Übergang‟19, um bei der damals noch nicht einschätzbaren europäischen Neuordnung nicht an den Rand gedrängt zu werden.

16 | Vgl. Bock (2008), 727. 17 | Ingo Kolboom, Vom geteilten zum vereinten Deutschland. Deutschland-Bilder in Frankreich (Bonn: Europa Union Verlag, 1991), 39. 18 | Vgl. Kolboom (1991), 44. 19 | Ebd., 45.

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Andererseits sah Paris realistisch die enormen finanziellen Schwierigkeiten und Herausforderungen, die für Deutschland mit der Wiedervereinigung verbunden waren. Die beachtliche Verbesserung der französischen Außenhandelsbilanz nach der Wiedervereinigung dank hoher Exporte in die ehemalige DDR gab dem Wunsch nach einer wirtschaftlich stabilen Bundesrepublik erneut Aufwind.20 Gleichzeitig bestand kein Zweifel mehr an der deutschen Westbindung. All dies trug zu einem weitgehend normalisierten Deutschlandbild bei, das von freundlicher Zustimmung, verstärkter Neugier und dem Bewusstsein geprägt war, Gemeinsamkeiten zu haben.21 Es wird von deutscher Seite allerdings in Frage gestellt, ob dieses positive Bild tatsächlich zu einem tieferen Verständnis des deutschen Nachbarn und seiner Kultur geführt habe.22 Dennoch bleibt die Einschätzung positiv: „Dass sich die meisten Befürchtungen, die gerade auch die französische Presse während der Wiedervereinigung und in deren Folgejahren artikulierte, nicht bestätigt haben, veränderte das Bild und wird langfristige Wirkungen hervorbringen.‟23 Wie sehr sich jedoch bereits vor der Wiedervereinigung das Deutschlandbild der französischen Bevölkerung geändert hatte, zeigte eine Umfrage des Institut franErfreulicherweise nimmt die französische Bevölkerung deutschland nicht mehr als Bedrohung oder als undemokratischen staat wahr.

çais d’opinion publique (Ifop) vom Februar 1989. Danach gaben nur 25 Prozent der Franzosen an, mindestens einmal vier aufeinander folgende Tage in Deutschland verbracht

zu haben. Von den Befragten, die zuvor noch nicht in der Bundesrepublik waren, bewerteten nur 37 Prozent einen Besuch als interessant, 56 Prozent als überhaupt nicht. Bei Fragen zu gebräuchlichen Assoziationen zu Deutschland standen Feindbilder von einst bereits weit unten in der Rangliste und ein Vergleich der französischen und deutschen Kultur förderte ein relativ ausgewogenes Meinungsbild zutage, was nach Kolboom sowohl einer fortschreitenden
20 | Vgl. Cary von Buttlar, Das vereinigte Deutschland in der überregionalen Presse Frankreichs 1989 bis 1994. Kontinuität und Wandel französischer Deutschlandbilder (Berlin: Duncker & Humblot, 2006), 211 f. 21 | Vgl. Kolboom (1991), 62. 22 | Ebd., 63. 23 | von Buttlar (2006), 344.

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Banalisierung der Deutschlandwahrnehmung als auch einer Europäisierung französischer Mentalitäten Rechnung trägt.24 Erfreulicherweise nimmt die französische Bevölkerung Deutschland nicht mehr als Bedrohung oder als undemokratischen Staat wahr: „Heute scheint das eher negative Alt-Bild vom Nachbarn in der breiten Öffentlichkeit so sehr ein Relikt der Vergangenheit zu sein, dass neue Generationen Mühe haben zu begreifen, warum da eigentlich in der Vergangenheit eine Gegnerschaft bestanden hatte.‟25
auswEitungsMöglichkEitEn dEr zusaMMEnarBEit

„In einer Welt, in der neue globale Akteure zunehmend selbstbewusst agieren, sind wir überzeugt, dass eine möglichst enge deutsch-französische Partnerschaft für unsere beiden Länder und für Europa von höchster Bedeutung ist.‟26 Dies ist der Leitgedanke der deutschfranzösischen Agenda 2020, die im Februar 2010 vom 12. Deutsch-Französischen Ministerrat in Paris vorgestellt wurde. Beide Länder haben dabei ein besonderes Augenmerk auf die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise und die Wiederherstellung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums gelegt. Die Agenda beschreibt zum Teil detailliert künftige Maßnahmen in den Bereichen ▪ Wirtschaft, Finanzen, Beschäftigung; ▪ Energie, Klima, biologische Vielfalt; ▪ Wachstum, Innovation, Forschung, Bildung; ▪ Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik; ▪ engere Kontakte zwischen den Bürgern und ▪ institutioneller Rahmen.

24 | Genauer zu den Umfrageergebnissen vgl. Ingo Kolboom, „,Ist der Teufel deutsch?‛ – Sorgen und skeptischer Konsens in Frankreich. Deutschlandbilder der Franzosen: Der Tod des ,Dauerdeutschen‛‟, in: Günter Trautmann (Hrsg.), Die hässlichen Deutschen? Deutschland im Spiegel der westlichen und östlichen Nachbarn (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991), 223 ff. 25 | Kolboom (Darmstadt, 1991), 219. 26 | O.A., Deutsch-Französische Agenda 2020, http://bundesregierung.de/nn_774/Content/DE/Artikel/2010/ 02/2010-02-04-deutsch-franzoesische-agenda-2020.html [17.06.2010]

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Hervorzuheben ist der Wille einer Intensivierung der deutsch-französische Zusammenarbeit auf EU-Ebene. Auf den ersten Blick mögen die benannten sechs Aktionsfelder recht breit gefächert scheinen, aber sie benennen doch alle Bereiche, in denen Deutschland und Frankreich Kommunikations- bzw. Kooperationsdefizite aufweisen. Als weitere wichtige Zukunftsbereiche deutsch-französischer Initiativen sehen die Autoren der KAS/Ifri-Studie Deutschland – Frankreich: Fünf Visionen für Europa die Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Industrielle Zusammenarbeit, die Energiepolitik, eine Interparlamentarische Zusammenarbeit im Rahmen des Vertrags von Lissabon sowie die Außen- und Sicherheitspolitik an27. Bei der Wirtschafts- und Finanzpolitik, so die Autoren
im rahmen der g20 sollten sich deutschland und frankreich für eine bessere Behandlung globaler ungleichgewichte und eine intensivere steuerung der wechselkursentwicklung einsetzen.

Jacques

Mistral

und

Henrik

Uterwede,

drängt sich vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise eine verstärkte deutsch-französische Zusammenarbeit als Krisenlösung auf. So sei eine haushaltspoli-

tische Abstimmung zwischen Frankreich und Deutschland unerlässlich. Sie heben hervor, dass eine Synchronisierung der Zeitpläne der Haushaltsverfahren in beiden Ländern durch gemeinsame Treffen der Ministerien und der Parlamente sowie eine pragmatische Rückkehr zur Anwendung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes nötig seien. Es gelte ebenfalls, geeignete Verfahren und Instrumente zu entwickeln, die es erlauben, die für die Sanierung eines Mitgliedslandes notwendigen Anpassungsmaßnahmen zu erarbeiten und umzusetzen. Im Rahmen der G20 sollten sich Deutschland und Frankreich für eine bessere Behandlung globaler Ungleichgewichte und eine intensivere Steuerung der Wechselkursentwicklung einsetzen. Schließlich ist es wünschenswert, dass sich Paris und Berlin mit der Frage einer finanziellen Infrastruktur, die für Europa erforderlich ist, auseinandersetzen. Eine bessere Zusammenarbeit im Bereich der Industrieund Technologiepolitik könnte die europäische Wirtschaftsposition optimieren. Dafür ist jedoch auch eine Harmonisierung von nationalen Rechtsvorschriften, auch für außereuropäische Investitionen, notwendig. Der

27 | Die folgende Darstellung lehnt sich an Stark (2010), 10-16 an.

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Autor, Louis-Marie Clouet, schlägt im Zusammenhang mit einem notwendigen deutsch-französischen Industrie- und Technologiedialog die Einrichtung eines entsprechenden Beraterstabes in Kanzleramt und Élysée vor. Parallel dazu wäre zu empfehlen, dass Deutschland und Frankreich in enger Zusammenarbeit neue Rüstungsprogramme entwickelt, die einen strukturierenden Nebeneffekt für die europäische Industrie und die nationalen Streitkräfte haben könnten. Dabei sei es wichtig, das Prinzip des juste retour hinter sich zu lassen und eine Spezialisierung jenseits von nationalen Proporzüberlegungen voranzutreiben. Nicht zuletzt brauchen Deutschland und Frankreich eine gemeinsame Technologiepolitik. Im Bereich der Energiepolitik schlägt die Autorin Susanne Nies ein bilaterales Pionierprojekt ‚Erneuerbare Energien‛ vor. Ebenso bedarf es einer Harmonisierung der Energiesteuern, um die Transparenz der Preise zu verbessern und die Konkurrenz zwischen den europäischen Anbietern zu stärken. Hinsichtlich der vitalen Frage der Versorgungssicherheit sollten beide Länder die Verbesserung der ukrainischen Transit-Strecke als Priorität ansehen. Außerdem müssten beide Länder auf eine Revision der Energiecharta hinwirken, die sowohl die Positionen der Produzenten als auch die der Konsumenten berücksichtige. Bei der EnergieEffizienz sollten grenzüberschreitende Initiativen erfolgen. Die europäische Gesetzgebung bedarf einer engeren Zusammenarbeit der Parlamente Frankreichs und Deutschlands. Die Autorinnen Anne-Lise Barrière und Céline Caro schlagen die Schaffung eines Mechanismus zur gegenseitigen Information und Koordination zwischen den Ausschüssen vor. Dies entspreche auch den Kontrollanforderungen des Subsidiaritätsprinzips durch die nationalen Parlamente, wie sie im Vertrag von Lissabon vorgesehen sind. Diese Maßnahme würde es ermöglichen, gemeinsame parlamentarische Berichte zu verfassen. Darüber hinaus sollten bilaterale Gesetzesinitiativen ausgearbeitet werden, die mit der Anwendung der EU-Richtlinien verbunden sind. Ein abgestimmtes Handeln auf der Gesetzgebungsebene zwischen beiden Parlamenten im Bereich der Haushaltsund Finanzpolitik wäre ebenfalls ein positives Signal im
hinsichtlich der frage der versorgungssicherheit sollten beide länder die verbesserung der ukrainischen transit-strecke als priorität ansehen. außerdem müssten beide länder auf eine revision der Energiecharta hinwirken.

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Hinblick auf die Notwendigkeit einer größeren Abstimmung innerhalb der EU. Ebenfalls wünschenswert wäre ein Austausch zwischen deutschen und französischen Abgeordneten über die Fragen der Information der Bürger zur EU, um die Transparenz und demokratische Legitimität der europäischen Institutionen zu stärken. Nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon müssen Deutschland und Frankreich Pfeiler einer verstärkten Zusammenarbeit im Bereich der Europäischen Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Gemeinsamen Sicherheitsund Verteidigungspolitik werden. Daher sollte auch die Deutsch-Französische Brigade als Teil der ESVP wahrgenommen werden. Es empfehle sich, so der Autor Stephan Martens, eine ständige deutsch-französische parlamentarische Arbeitsgruppe zur Außen- und Sicherheitspolitik einzurichten. Deutschland und Frankreich müssten eine gemeinsame Sprache gegenüber Drittländern entwickeln. Foren wie das Weimarer Dreieck oder der Dialog mit Russland müssten neu belebt und weiterentwickelt werden. Die außenpolitischen Interessen beider Länder seien, sofern sie die Außenpolitik der EU betreffen, identisch. Umso mehr müssten die Prioritäten für die deutsch-französische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Außenpolitik definiert werden.
ausBlick: diE dEutsch-französischE zusaMMEnarBEit und Europa

Seit dem Beginn des europäischen Projektes konnten Deutschland und Frankreich trotz allem immer eine Motorfunktion
ganz im sinne der Begründer der versöhnung charles de gaulle und konrad adenauer ist die deutsch-französische partnerschaft von gemeinsamen werten und einer gemeinsamen verantwortung getragen.

für

Europa

einnehmen.

Dies war möglich, weil die trotz manchmal unterschiedlicher Konzeptionen gefundenen Kompromisse für die übrigen EU-Mitglieder meist akzeptabel waren. So wurden beide Länder ein zentraler Ideen- und Impuls-

geber der europäischen Integration. Ihre Fähigkeit, selbst bei Konflikten gemeinsame Lösungen zu finden, war für Europas Entwicklung wegweisend: „Nicht die Divergenzen als solche sind wichtig, sondern der produktive

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Umgang mit ihnen, d.h. die Fähigkeit, gegensätzliche Positionen durch geduldige, zähe Arbeit zusammenzuführen.‟28 So zeigt die Bilanz der bilateralen Beziehungen, dass die deutsch-französische Partnerschaft zwar Turbulenzen und Irritationen, aber auch zahlreiche bemerkenswerte Erfolge erlebte. Was nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst zaghaft seinen Anfang nahm und durch den Elysée-Vertrag weitsichtig formalisiert wurde, ist heute zu einer außerordentlich engen und vertrauensvollen Partnerschaft geworden. Ganz im Sinne der großen Staatsmänner und Begründer der
Bilaterale projekte und initiativen trugen zur dynamik der zusammenarbeit bei, während gemeinsame impulse entscheidend die europäische integration bestimmten. am 22. Januar 2013, begeht der deutsch-französische „Ehevertrag‟ seinen fünfzigsten Jahrestag.

Versöhnung Charles de Gaulle und Konrad Adenauer ist sie von gemeinsamen Werten und einer gemeinsamen Verantwortung getragen. Die deutsch-französischen Beziehungen sind daher weder vom europapolitischen Parkett, noch aus der zivilgesellschaftlichen Verflechtung wegzudenken. Bilaterale Projekte und Initiativen trugen zur Dynamik der Zusammenarbeit bei, während gemeinsame Impulse und Interessen entscheidend die europäische Integration bestimmten. In zwei Jahren, am 22. Januar 2013, begeht der deutsch-französische „Ehevertrag‟ seinen fünfzigsten Jahrestag. Er gibt Anlass, Bilanz zu ziehen, die Ausgestaltung der weiteren Zusammenarbeit der beiden größten Länder Europas zu überprüfen und die ursprüngliche Vision des Vertrags in die Bedingungen einer veränderten europa- und geopolitischen Welt einzuordnen, vielleicht auch neu zu formulieren. Wie in diesem Beitrag dargestellt wurde, sind viele bilaterale deutsch-französische und vor allem europäische Politikbereiche in ihrer Substanz voranzubringen. Vor allen Dingen muss Europa jedoch mit einer Stimme sprechen, wenn es vor dem Hintergrund des dramatischen weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Paradigmenwandels bestehen, seine Interessen wahren und seine Werte aufrechterhalten will. Dies ist in Form der europäischen Nationalstaaten nicht mehr möglich. Das Entstehen der neuen multipolaren

28 | Henrik Uterwedde, „Deutsch-französische Wirtschaftsbeziehungen seit 1945‟, in: Ingo Kolboom, Thomas Kotschi und Edward Reichel (Hrsg.), Handbuch Französisch. Sprache, Literatur, Kultur, Gesellschaft. Für Studium, Lehre, Praxis (Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2008), 695.

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Ordnung stellt immer mehr die Frage nach der Rolle Europas in der Welt. Darauf hat EU-Kommissar Günther Oettinger im Juni 2010 bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Robert Schuman Stiftung in Paris in beeindruckender Weise hingewiesen. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist dazu innere Geschlossenheit, das Hinauswachsen über nationale Interessen und die Akzeptanz eines Gemeinschaftsinteresses notwendig. Dem deutsch-französischen Tandem kommt dabei eine Führungsrolle zu. Diese wird von Europa akzeptiert und auch erwartet. Beide Länder haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie diese Verantwortung als historische Aufgabe wahrnehmen. In diesem Sinne haben, wie der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering, kürzlich bei einem hochrangigen Forum im französischen Parlament ausführte, die verantwortlichen Politiker beider Länder in voller Überzeugung ihr Handeln danach ausgerichtet, dass „nur ein gemeinsamer Weg in die Zukunft führt‟.

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DIE BEzIEHUNGEN zWIScHEN GROSSBRITANNIEN UND DEM WIEDERVEREINIGTEN DEUTScHLAND
Claudia Crawford

Die  Ergebnisse  der  Vorrunde  bei  den  Fußballweltmeisterschaften  2010  ergaben  für  die  Achtelfinalspiele  eine  Klassiker-Begegnung:  Deutschland  gegen  England.  Ohne  auf die Details einzugehen: am Ende gewannen die Deutschen mit 4:1. Nach allem, was man aus früheren Zeiten  kannte, konnte eine hitzige Debatte mit reichlich deutschfeindlichen  Tönen  in  England,  vor  allem  in  den  einschlägigen Zeitungen, erwartet werden. Doch diese blieben bis  auf wenige Ausnahmen in der Boulevardpresse aus. Nicht  nur die Schlagzeilen, auch die Leserkommentare waren an  die eigene Mannschaft gerichtet. Sie machten die Enttäuschung deutlich – aber keinerlei Ressentiments gegenüber  Deutschen,  keine  wütenden  Autofahrer  oder  Ausbrüche  auf  den  Straßen  Londons  und  selbst  in  den  Pubs  konnte  man sich ungestraft als Deutscher zu erkennen geben. Es  hat den Anschein, dass sich die Beziehungen zwischen den  beiden Nationen atmosphärisch entspannt haben. Vielleicht  hat  der  Fußball  durchaus  mit  dazu  beigetragen,  genauer  die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, die von vielen  jungen Briten besucht wurde. Vor Ort konnten sie sich ein  eigenes Bild vom heutigen Deutschland machen. So manch  einer mag überrascht gewesen sein, dass die alten Stereotype, die viele Jahre in den britischen Medien wach gehalten  wurden, nichts mit der Realität zu tun haben, dass dieses  Land modern und offen ist. Mit Sicherheit tragen aber auch  die vielen deutschen Studenten an britischen Universitäten  zu einem veränderten Deutschlandbild bei. 
Claudia Crawford,  Bundesministerin a.D.,  ist Auslandsmitarbeiterin der KonradAdenauer-Stiftung  in London.

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Lange  Zeit  war  das  Bild  in  den  britischen  Printmedien  reichlich  mit  Rückgriffen  auf  das  Dritte  Reich  bestückt.  Die  Deutschen,  so  die  Botschaft,  sind  unverbesserliche  Militaristen,  denen  der  Sinn  nach  Dominanz  steht.  Die  Entwicklungen  in  Deutschland,  die  aktive  und  kritische  Auseinandersetzung  mit  der  eigenen  Geschichte,  wurden  kaum transportiert. Natürlich war der Einfluss dieser Art der Berichterstattung  nicht so groß, dass dadurch die politische, wirtschaftliche  oder  auch  kulturelle  Zusammenarbeit  zwischen  beiden  Staaten  gefährdet  war.  Diese  entwickelte  sich  bei  allem  Auf und Ab gut, wobei hier die Beziehung zwischen Großbritannien und Westdeutschland gemeint ist. Deutschland  wurde  ein  wichtiger  Handelspartner  für  Großbritannien  und umgekehrt, viele Unternehmen investierten und auch  auf politischer Ebene wurde im Rahmen der Europäischen  Gemeinschaft  vieles  in  gemeinsamen  Anstrengungen  vorangebracht.  Dabei  reichte  die  Partnerschaft  nicht  an  etwas Vergleichbares wie die deutsch-französische heran,  die innerhalb Europas nicht zuletzt wegen des bedeutenden  Aussöhnungsprozesses  eine  Sonderstellung  einnimmt.  Aber es waren tragfähige Beziehungen.  1990 wurde für Deutschland und Europa ein neues Kapitel  aufgeschlagen.  Die  Deutsche  Einheit,  für  die  Deutschen  eins der glücklichsten Ereignisse, wurde in Großbritannien  mit  Skepsis  begleitet,  zumindest  von  der 
Die Deutsche Einheit wurde in Großbritannien mit Skepsis begleitet, vor allem von den Medien. Die alten Bilder der kriegshetzerischen Deutschen tauchten wieder auf.

Politik,  aber  vor  allem  von  den  Medien.  Die  alten  Bilder  der  kriegshetzerischen  Deutschen  und  ihrer  Großmannssucht  tauchten  wieder  verstärkt  auf.  Filme  über  das  Dritte 

Reich  im  klaren  Schwarz-Weiß-Schema  wurden  populär.  Und  so  nimmt  es  nicht  Wunder,  dass  britische  Jugendliche  selbst  im  beginnenden  neuen  Jahrtausend  solch  ein  Deutschlandbild  mangels  Alternativen  adaptierten.  Noch  2004 sagte der damalige deutsche Außenminister Fischer  in einem Spiegel-Interview: „Wenn man den traditionellen  preußischen Stechschritt lernen will, dann muss man sich  das  britische  Fernsehen  ansehen,  denn  in  Deutschland  weiß in der jüngeren Generation – sogar in meiner Generation – niemand mehr, wie das geht.‟1
1 |  http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,324047,00.html   [13.07.2010].

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Man mag dem entgegenhalten, dass die britischen Medien  generell  etwas  rauer  sind.  Aber  es  hätte  auch  andere  Stereotype  über  die  Deutschen  gegeben,  derer  sie  sich  hätten bedienen können. Der in Cambridge lehrende Zeithistoriker  Richard  J.  Evans  ist  der  Frage  nachgegangen,  weswegen das Bild der Naziherrschaft zur Zeit der Wiedervereinigung  in  den  britischen  Medien  dominierte.  Unter  anderem  führt  er  aus:  „Eben  deshalb,  weil  namhafte  britische  Politiker  nun  ganz  offen  Parallelen  zwischen  der  Bundesrepublik und der Europäischen Union auf der einen  Seite und dem Dritten Reich auf der anderen Seite ziehen,  ist es für die Massenmedien akzeptabel geworden, auch in  ihrer eigenen Art und Weise ähnliche Parallelen zu ziehen.‟2
DIE POLITIScHEN BEzIEHUNGEN

Seit  1990  unterlag  das  Verhältnis  zwischen  Premierministerin Thatcher bemühte wieder Schwankungen. Sie waren begründet  verlangsamen. Grund für Ihre Skepsis in  den  unterschiedlichen  Regierungen  mit  war auch ihr Deutschlandbild. ihren  jeweiligen  sehr  charakteristischen  Persönlichkeiten an der Spitze, beeinflusst von der Selbst-  und Fremdwahrnehmung der beiden Länder, aber vor allem  in der Sicht auf das europäische Projekt einer politischen  Union.
THATcHER UND DER DEUTScHE EINIGUNGSPROzESS
vereinigungsprozess wenigstens zu

Großbritannien  und  Deutschland  immer  sich um Verbündete, um den Wieder-

Es ist kein Geheimnis, dass die damalige Premierministerin  Thatcher  große  Ressentiments  gegenüber  der  Aussicht  auf  ein  wiedervereinigtes  Deutschland  hatte.  Das  war  durchaus  nicht  einfach  dem  Umstand  geschuldet,  dass  ihr Verhältnis zum damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl  nicht gerade das herzlichste war. Sie war ernsthaft darum  besorgt, wie sich ein Deutschland, dann mit über 80 Millionen  Einwohnern  das  größte  und  wirtschaftlich  schon  lange  das  stärkste  Land  Europas,  in  die  Gemeinschaft  einfügen würde. Ihr war klar, dass das Land umso mächtiger sein würde, wenn einmal die Belastungen, die mit der  Wiedervereinigung  zweifellos  auf  Deutschland  zukommen  würden,  ausgestanden  sind.  Sie  äußerte  ihren  Zweifel 
2 |  Richard. J. Evans, Mythen in den deutsch-britischen Beziehungen seit 1945 (Stuttgart, 1999). Vortragsreihe der    Robert Bosch Stiftung „Umbrüche und Aufbrüche. Europa    vor neuen Aufgaben‟, Stuttgart, März 2000, 28-34. 

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deutlich und bemühte sich um Verbündete, um den Wiedervereinigungsprozess, wenn schon nicht aufzuhalten, dann  doch wenigstens zu verlangsamen. Grund für Ihre Skepsis  war  neben  anderem  sicherlich  auch  ihr  Deutschlandbild.  Lord Douglas Hurd, der damalige britische Außenminister,  beschrieb  dies  so:  „Aus  ihren  Memoiren  wird  deutlich,  dass  Margaret  Thatcher  eine  genaue  Vorstellung  von  Deutschland  hatte,  die  allerdings  nicht  auf  einer  besonders fundierten Kenntnis des Wesens des neuen deutschen  politischen Systems beruhte.‟3 Berühmt geworden ist das  Seminar  in  ihrem  Landhaus  in  Chequers  im  März  1990,  wo  sie  mit  Historikern  mögliche  Folgen  einer  deutschen  Wiedervereinigung  diskutierte.  Das  Protokoll,  das  an  die  Presse lanciert wurde, warf ein bezeichnendes Licht auf ihr  Deutschlandbild.  Es  ist  nicht  unvermessen  zu  sagen,  sie  kannte das Westdeutschland aus dem Jahr 1990 nicht sehr  gut  und  konnte  sich  den  Wandel,  den  die  Deutschen  seit  1949 vollzogen hatten, nicht wirklich vorstellen.  Für  die  Deutschen  waren  Thatchers  Ängste  schwer  nachvollziehbar.  Der  Wille  zur  Westintegration  und  zur  Vertiefung der europäischen Einigung war schon tief in der Bevölkerung verankert. Die Vorstellung, dass Deutschland sich  jemals wieder militärisch engagieren würde, lag außerhalb  jeglicher  Betrachtung.  In  dieser  Zeit  waren 
Bundeskanzler Kohl betonte den Willen Deutschlands zur weiteren Integration der europäischen Staaten. Für ihn waren die Deutsche Einheit und die Europäische Einigung die zwei Seiten einer Medaille.

die Fragen um die wirtschaftlichen Herausforderungen  der  Deutschen  Einheit  dominant.  Angesichts  der  vermuteten  Friedensdividende durch den Fall des Eisernen Vorhangs  wurde die Zusammenführung der Natio  alen  n

Volksarmee der ehemaligen DDR mit der Bundeswehr vor  allem auch für die Verkleinerung und Abrüstung der Armee  genutzt.  Bundeskanzler  Helmut  Kohl  war  die  Skepsis  der  Briten  –  und  auch  der  Franzosen  –  sehr  bewusst.  Umso  mehr  betonte  er  den  Willen  Deutschlands  zur  weiteren  Integration der europäischen Staaten. Für ihn waren die Deutsche Einheit und die Europäische Einigung die zwei Seiten  einer Medaille. Es war eine Hilfe, dass nicht alle innerhalb  der  Regierung  Thatchers  ihre  negative  Sicht  teilten.  Das   
3 |  Hartmut Meyer und Thomas Bernd Stehling (Hrsg.) DeutschBritische Beziehungen und ‚der Mythos Cadenabbia‛, Konrad  Adenauer-Stiftung 2005, 159.

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Foreign Office in London sah den Wiedervereinigungsprozess  weitaus  positiver.  Lord  Hurd  beschrieb  seine  eigene  Haltung  in  folgender  Weise:  „Ich  selbst  teilte  Margaret  Thatchers  Bedenken  nicht.  Anders  als  sie  hatte  ich  viele  Jahre  Gelegenheit  gehabt,  positive  Erfahrungen  mit  der  Offenheit und Großzügigkeit der deutschen Demokratie zu  sammeln, vor allem bei den Königswinter-Konferenzen und  bei  zahlreichen  von  der  CDU/CSU  organiüberstürzenden  Ereignisse  auch  mich,  aber  ben vor allem Frankreich und Deutschich brachte es nicht über mich, Kanzler Kohl  grationsprozesses, die schließlich in die dafür  zu  kritisieren,  dass  er  eine  Gelegen- Vertragsverhandlungen von Maastricht heit  beim  Schopf  ergriff,  die  sonst  vielleicht  verloren  gewesen  wäre.  Ich  empfand  seine  Überzeugung  und  die  seiner  Kollegen  als  echt,  dass  die  allmähliche  Integration  eines  vereinigten  Deutschlands  in  einem sich vereinigenden Europa am besten geeignet wäre,  die Geister der deutschen Vergangenheit zu bannen.‟4 So  war  es  ihm  möglich,  gemeinsam  mit  seinem  Arbeitskollegen auf der deutschen Seite, Hans-Dietrich Genscher, die  Verhandlungen konstruktiv zu führen. Im  Zuge  der  Wiedervereinigung  betrieben  vor  allem  Frankreich  und  Deutschland  eine  Beschleunigung  des  EU-Integrationsprozesses,  die  schließlich  in  die  Vertragsverhandlungen von Maastricht und in die Verabschiedung  am 7. Februar 1992 mündete. Mit ihm wurde die Europäische Union als Dach für die Europäischen Gemeinschaften,  die  gemeinsame  Außen-  und  Sicherheitspolitik  und  die  Zusammenarbeit im Bereich Inneres und Justiz begründet.  Ein  großer  Teil  der  Konservativen  Partei  Großbritanniens  geriet demgegenüber in eine immer stärkere europaskeptische  Position.  Dies  korrespondierte  mit  einem  stärker  werdenden  englischen  Patriotismus,  der  sich  parallel  zu  den  stärkeren  schottischen  und  walisischen  Unabhängigkeitsbemühungen  entwickelte  und  bereits  unter  Margaret  Thatcher begann. Dies machte dem pro-europäischen John  Major das Premierministeramt schwer.
mündete.

sierten Anlässen. Zwar überraschten die sich  Im zuge der Wiedervereinigung betrieland eine Beschleunigung des EU-Inte-

4 |  Ebd. 162.

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JOHN MAJOR UND HELMUT KOHL

Als  im  November  1990  John  Major  die  Nachfolge  von  Margaret  Thatcher  antrat,  wurde  dies  in  der  deutschen  Politik  mit  der  Hoffnung  begleitet,  dass  dadurch  der  europäische  Integrationsprozess  seitens  der  britischen  Regierung  eine  größere  Unterstützung  erfahren  würde.  Bereits bei seinem Besuch als Premierminister in Bonn im  März  1991  sprach  er  davon,  dass  er  Großbritannien  „ins  Herz  Europas‟  führen  möchte,  „wohin  es  gehöre‟.  Die  neue Regierung werde eine aktive und konstruktive Rolle  spielen, nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Vertrag  von Maastricht.5 Deutschland war aus der Sicht Majors der  entscheidende  Partner  für  dieses  Vorhaben.  Von  Vorteil  war zudem, dass sich Helmut Kohl anders als mit Thatcher  persönlich  sehr  gut  mit  Major  verstand  und  ein  europafreundliches Großbritannien wünschte. Dem  Aufbruch  folgte  allerdings  schon  bald  die  Enttäuschung.  Die  Unterhauswahlen  1992  erbrachten  für  die  Konservativen  nur  eine  knappe  Mehrheit.  Damit  stiegen  die  Blockademöglichkeiten  einzelner  Abgeordneten  bzw.  Abgeordnetengruppen,  die  vor  allem  die  europaskeptischen  Vertreter  nutzten.  Der  Handlungsspielraum  für  Major  beim  Maastrichter  Ratifizierungsprozess  wurde  dadurch sehr klein. Es gelang ihm, einige Zugeständnisse  für  Großbritannien  zu  erwirken.  Ihm  wurde  die  Möglichkeit  eines  opt-out  bei  der  Sozialcharta  und  der  europäischen  Währungsgemeinschaft  geschaffen.  Hilfe  für  diese  Verhandlungsergebnisse  bekam  Major  vor 
Der Jugoslawienkonflikt brachte eine zusätzliche Spannung in die deutschbritischen Beziehungen. Die schwerste Belastung allerdings entstand durch die schlechte wirtschaftliche Situation Großbritanniens.

allem  von  Deutschland.  Allerdings  machten  diese  Schwierigkeiten  deutlich,  dass  Großbritannien  nicht  zu  den  Partnern  in  der  EU  gehören  würde,  die  Motor  im  Integrationsprozess sind.

Der Jugoslawienkonflikt brachte eine zusätzliche Spannung  in  die  deutsch-britischen  Beziehungen.  Die  Sichtweise  Deutschlands  einer  notwendigen  schnellen  Anerkennung  der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien wurde nicht  geteilt. Die schwerste Belastung allerdings entstand durch  die  schlechte  wirtschaftliche  Situation  Großbritanniens.   
5 |  Vgl. Sabine Lee, Victory in Europe. Britain and Germany since 1945, London 2001, 216.

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Das  Pfund  verlor  1992  erheblich  an  Wert,  so  dass  es  am  16. September, dem „schwarzen Mittwoch‟ für die Briten,  den  Wechselkursmechanismus  verlassen  musste.  Die  britischen  Medien  machten  dafür  vor  allem  die  deutsche  Bundesbank  verantwortlich,  die,  so  die  Kommentare,  durch  ihre  Hochzinspolitik  die  Nachbarn  Deutschlands  für  die Wiedervereinigung bezahlen ließen6. Noch manch andere Querelen Großbritanniens mit der EU,  bei denen Deutschland involviert war, führten schließlich zu  einer Art „Nicht-Kooperationspolitik‟ der Regierung Major.  Erinnert sei an die strittige Besetzung des Präsidentenamts  der EU-Kommission 1994 und an den Ausbruch der  BSEKrise  mit  der  Folge  eines  Ausfuhrverbots  für  britisches  Rindfleisch durch die EU.
REGIERUNGSWEcHSEL IN LONDON UND BONN

Das  Ende  der  neunziger  Jahre  brachte  für  beide  Länder  tiefe Einschnitte. Während sich 1997 der Wechsel von der  konservativen  zur  Labour-geführten  Regierung  vollzog,  übernahm im Herbst 1998 erstmals eine rot-grüne Regierung  in  Deutschland  Verantwortung.  Die  beiden  Regierungschefs,  Blair  und  Schröder,  standen  für  einen  Generationswechsel  –  nicht  nur  was  Blair und Schröder standen für einen deren  Alter  anbelangte,  sondern  ihren  Stil  Generationswechsel – nicht nur was und ihre Resolutheit, ihre Parteien zu veränderen Alter anbelangte, sondern ihren Stil und ihre Resolutheit, ihre Parteien dern.  Tony  Blair  steht  wie  kein  anderer  für  zu verändern.

New Labour. Er entwarf ein neues, modernes  Programm  einer  Mitte-links-Partei  mit  dem  Anspruch,  einen  Sozialstaat  zu  schaffen,  der  sich  aus  den  Früchten  der neoliberalen Marktwirtschaft finanziert. Damit schuf er  aber  auch  eine  Blaupause  für  die  Sozialdemokratie  weit  über Großbritannien hinaus. Nicht zuletzt Gerhard Schröder  fühlte  sich  stark  inspiriert  und  führte  seinen  Wahlkampf  mit dem Begriff der „Neuen Mitte‟, der ein bisschen Blairfeeling vermittelte.  Von  daher  war  auch  diesem  mit  Regierungswechsel  wieder  die  Hoffnung  verbunden,  die  deutsch-britischen  Beziehungen  könnten  einen  Neuanfang  erleben.  Zusätzliche  Nahrung   
6 |  Vgl. Anthony Glees, „The diplomacy of Anglo-German    relations: A study of the ERM crisis of September 1992‟,   in: German Politics, Nr. 3, April 1994 , 75-90

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bekamen die positiven Erwartungen dadurch, dass sich die  Labourpartei in den harten Jahren der Opposition eine neue  Europapolitik zu eigen machte. Nicht nur um als Alternative  zur  Regierung  wahrgenommen  zu  werden,  sondern  auch  aus der Sorge, an den Rand Europas gedrängt zu werden,  hatte  sich  Labour  pro-europäisch  gegeben.  Sein  Ziel  sei  es,  „dass  Großbritannien  in  den  nächsten  Jahren  ein  für  allemal seine Ambivalenz gegenüber Europa ablegt‟, sagte  Premierminister  Blair  1999  bei  der  Verleihung  des  Internationalen  Karlspreises  in  Aachen.  „Ich  will  ein  Ende  der  Unsicherheit, des Mangels an Vertrauen, der Europhobie.‟7  Somit  schien  viel  Potenzial  für  gemeinsame  Projekte  im  bilateralen  und  europa-politischen  Kontext  vorhanden  zu  sein.  Nicht  nur  das  persönliche  Verhältnis  von  Blair  und  Schröder  war  freundschaftlich,  sondern  auch  das  von  Peter Mandelson und Bodo Hombach, den Männern hinter  den  Regierungschefs.  Da  Bundeskanzler 
Die Vorlage des Schröder-Blair-Papiers kurz vor den Europawahlen 1999 unterstrich die engen Beziehungen. Aber letztendlich ergab es nichts Greifbares.

Schröder, sicherlich nicht zuletzt im Bemühen  um  eine  deutliche  Abgrenzung  zu  seinem  Vorgänger,  mit  einer  relativen  Unterkühlung die Beziehungen zu Frankreich begann, 

schien  sogar  eine  Verschiebung  der  Gewichte  möglich  –  statt  der  Achse  Bonn-Paris  eine  Achse  Bonn-London.  Die  Vorlage  des  Schröder-Blair-Papiers  kurz  vor  den  Europawahlen  1999  unterstrich  die  engen  Beziehungen.  Aber  letztendlich  ergab  es  nichts  Greifbares.  Vielmehr  machte  das  Papier  deutlich,  dass  Labour  und  die  deutsche  Sozialdemokratie  jeweils  etwas  Anderes  unter  dem  „dritten  Weg‟ verstanden. Innerhalb der SPD gab es viel Kritik, die  damals schon deutlich werden ließ, dass Schröder nicht im  Herzen seiner Partei stand. Am 10. Mai 2000 schrieb der  Tagesspiegel zu dem Schröder-Blair-Papier: „Heute spricht  keiner mehr über dieses Papier, auch im Kanzleramt nicht.  Das stille Abrücken gilt dabei weniger den Inhalten als der  Methode. Das Schröder-Blair-Papier, im Kanzleramt ausgearbeitet vom damaligen Kanzleramtschef Bodo Hombach,  ist  der  Versuch,  Schröders  Schlagworte  von  der  „Neuen  Mitte‟  theoretisch  zu  fundieren.  Vor  allem  aber  ist  es  Schröders letzter Versuch, die SPD von außen zu umgehen  und zu bewegen.‟8
7 |    8 |    Philip Stephens, Tony Blair. The Price of Leadership, London  2004, 163 f. Tissy Bruns, „Schröder-Blair-Papier‟, in: Der Tagesspiegel,  10.05.2000. 

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Auf  der  europäischen  Bühne  war  die  Reaktion  gemischt.  Großbritannien  wirkte  aktiv  am  Amsterdamer  Vertrag  (unterzeichnet  im  Oktober  1997)  und  dem  Vertrag  von  Nizza (unterzeichnet im Februar 2001) mit. Beide Verträge  dienten  der  Anpassung  der  EU  an  die  erwartete  Erweiterung  der  Union,  die  2004  erfolgen  sollte.  Das  Parlament  erhielt  mehr  Mitbestimmungsrechte,  die  Mehrheitsentscheide  wurden  auf  weitere  Bereiche  ausgeweitet  und  die  Stimmgewichte  der  Mitgliedstaaten  verändert.  Blair  stimmte vielen Vertragsänderungen zu und unterzeichnete  sogar  die  Europäische  Sozialcharta.  Damit  schien  er  den  pro-europäischen  Kurs  seiner  Partei  einzulösen.  Problematisch  war,  dass  die  britische  Wählerschaft  längst  nicht  folgte  und  eher  euroskeptisch  blieb.  Mit  ihrem  offensiven  Kurs geriet die Regierung ziemlich schnell in einen unlösbaren Konflikt mit der Bevölkerung. So vermied die BlairRegierung  Bemühungen,  Großbritanniens  Beteiligung an einer gemeinsamen Währung  Vollkommen zum Erliegen kamen die vorzubereiten.  Auch  wenn  Blair  dem  Euro  deutsch-britischen Beziehungen im positiv zugewandt war, so war er doch nicht  tung in ein „altes‟ und in ein „neues‟ in  der  Lage,  seinen  Finanzminister  Brown,  Europa bleibt ein bitteres Ergebnis seine  Partei,  geschweige  denn  die  Bevölkerung für dieses Projekt zu gewinnen. 
zuge des Irak-Konflikts. Die Spal-

einer erfolglosen gemeinsamen Außenund Sicherheitspolitik.

Die  britische  Regierung  war  stark  auf  das  eigene  Land  konzentriert, wobei sie den wirtschaftspolitischen Kurs der  konservativen  Vorgängerregierung  keineswegs  änderte.  Vielmehr sah sie die Freizügigkeit für Dienstleistungen, vor  allem  im  Finanzsektor,  als  Quelle  für  neue  Arbeitsplätze  und  Wirtschaftswachstum.  London  entwickelte  sich  zum  größten  Finanzplatz  Europas.  Die  Politik  in  London,  allen  voran  der  damalige  Finanzminister  und  spätere  Premierminister  Gordon  Brown,  sah  Deutschland  als  veraltetes  Wirtschaftsmodell,  dass  den  neuen  Herausforderungen  nicht gewachsen sei.  Vollkommen zum Erliegen kamen schließlich die deutschbritischen Beziehungen im Zuge des Irakkonflikts. Bundeskanzler Schröder stellte sich strikt gegen einen Angriff auf  Irak,  er  suchte  und  fand  dabei  engsten  Schulterschluss  mit  Frankreich.  Wie  viel  der  Rhetorik  in  dieser  Zeit  dem  Wahlkampf  und  wie  viel  den  wirklichen  Überzeugungen  geschuldet war, ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung.  Dass  allerdings  im  September  2002  Bundestagswahlen 

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waren,  könnte  durchaus  dazu  beigetragen  haben,  dass  nicht  alle  Möglichkeiten  europäischer  Diplomatie  genutzt  wurden, um zumindest den Versuch zu unternehmen, eine  gemeinsame  europäische  Haltung  zu  erzielen.  Die  Spaltung in ein „altes‟ und in ein „neues‟ Europa, wie sie durch  den  damaligen  US-amerikanischen  Verteidigungsminister  Donald Rumsfeld vorgenommen wurde, bleibt ein bitteres  Ergebnis  einer  erfolglosen  gemeinsamen  Außen-  und  Sicherheitspolitik, wie man sie sich zehn Jahre vorher bei  der  Verabschiedung  des  Maastrichter  Vertrages  sicherlich  nicht  gedacht  hat.  Nicht  nur  die  Tatsache,  dass  der  Ausdruck „das alte Europa‟ in 2003 zum Wort des Jahres in  Deutschland wurde, macht die Tiefe des Risses in Europa  deutlich. Noch lange Zeit wirkten das Zerwürfnis und der  Vertrauensverlust innerhalb der EU nach.  Mit ihrer Erweiterung um zehn neue Mitgliedstaaten erhielt  die EU 2004 ein neues Gesicht. Die Verträge der Vorjahre  konnten  nicht  alle  Erwartungen  an  die  Effizienz  der  EU-Strukturen erfüllen, besonders die Stimmengewichtung  blieb  umstritten.  Da  schon  während  der  Verhandlungen  zum Vertrag von Nizza die Defizite gesehen wurden, beauftragten  im  Dezember  2001  die  Regierungschefs  einen  großen  Konvent  mit  der  Ausarbeitung  eines  Verfassungsvertrages. Damit begann ein Vorhaben, das in Deutschland  vor allem auf politischer Ebene große Unterstützung fand,  in Großbritannien dagegen mehrheitlich abgelehnt wurde.  Der  Umstand,  dass  der  im  Oktober  2004  unterzeichnete  Vertrag  in  den  Referenden  in  Frankreich  (im  Mai  2005)  und  den  Niederlanden  (im  Juni  2005)  abgelehnt  wurde,  bewahrte  die  Regierung  Blair  vor  einem  eigenen,  schon  angekündigten  Referendum  und  somit  vor  einer  schwierigen  innenpolitischen  Debatte.  Während  damit  auf  der  EU-Ebene eine Phase des Nachdenkens eintrat, blieben die  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Großbritannien  auf dem Null-Punkt. 
DIE NEUE REGIERUNG IN BERLIN UNTER ANGELA MERKEL IM JAHR 2005

Die  Beziehungen  konnten  erst  wieder  neu  aufgebaut  werden  durch  den  Führungswechsel  in  Berlin.  Angela  Merkel  übernahm  als  Bundeskanzlerin  die  Regierung  einer  großen  Koalition  aus  CDU  und  SPD.  Sie  hatte  als 

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eine  ihrer  ersten  Aufgaben  die  schwierigen  Haushaltsverhandlungen über den EU-Haushalt gemeistert und mit  viel  Geschick  eine  Konfrontation  verhindert,  die  nicht  zuletzt  mit  Großbritannien  über  Die Beziehung zwischen Tony Blair den  Agrarhaushalt  und  den  Britenrabatt  zu  und Angela Merkel war nicht durch den befürchten war. Das half sicherlich schon zu  rigkeit zu unterschiedlichen ParteifamiBeginn  ihrer  Amtszeit,  die  Spannungen  aus  lien stimmte die Atmosphäre zwischen der Zeit der Vorgängerregierung abzubauen.  Zudem war die Beziehung Blair-Merkel nicht  durch  den  Irakkonflikt  belastet.  Trotz  der  Zugehörigkeit  zu  unterschiedlichen  Parteifamilien  stimmte  die  Atmos-  phäre zwischen beiden. Beide  arbeiteten  vor  diesem  Hintergrund  konstruktiv  zusammen, vor allem auf europäischer Ebene. Ein Beispiel  ist die Schaffung der neuen Regelungen für das Asylrecht.  Ebenso wurde in dieser Zeit ein Ausweg für die verfahrene  Situation um den Verfassungsvertrag gefunden. Während  des  EU-Rates  in  Brüssel  unter  deutscher  Ratspräsidentschaft  im  Juni  2007  wurden  die  Grundzüge  des  Vertrags  von  Lissabon  beschlossen.  Es  war  der  letzte  Gipfel,  auf  dem Tony Blair als britischer Regierungschef vertreten war.
DER WEcHSEL VON TONy BLAIR zU GORDON BROWN
beiden. Irakkonflikt belastet. Trotz der zugehö-

Sein  Nachfolger,  Gordon  Brown,  war  Merkel  aufgrund  früherer  Begegnungen  nicht  unbekannt.  Beide  waren  als  Kinder  protestantischer  Pfarrer  aufgewachsen.  Dass  sie  sich  gut  verstanden,  hing  wohl  aber  mehr  mit  dem  Umstand  zusammen,  dass  sie  eine  Reihe  von  politischen  Ansichten  teilten.  Beide  unterstützten  die  stärkere  Liberalisierung des Handels und beiden war die Umweltpolitik  wichtig.  Nicht  zuletzt  spielten  sicherlich  auch  persönliche  Eigenschaften, wie zum Beispiel ihr beiderseitiges großes  Interesse am Detail, eine Rolle.9 Deutlich  stärker  als  Blair  richtete  Gordon  Brown  seine  EU-Politik  an  britischen  Interessen  aus.  Das  mag  seinen  eigenen  Überzeugungen  entsprochen  haben,  war  aber  sicherlich auch an die britische Wählerschaft gerichtet. Er  stellte  sicher,  dass  Großbritannien  im  Lissaboner  Vertrag   
9 |  Vgl. Simon Green und William Paterson, After Tony – British-German Relations Under Gordon Brown, AICGS    Advisor, 25.05.2007.

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die opt-out-Klausel bezüglich der Grundrechtecharta eingeräumt bekam, was aber auch für Polen und Tschechien gilt.  Um  die  Ratifizierung  des  Vertrages  sicherzustellen,  hatte  Brown  die  Überlegungen  für  ein  Referendum,  wie  es  für  den Verfassungsvertrag angedacht war, nicht 
In der Finanzkrise 2008 offenbarte sich die Anfälligkeit der britischen Wirtschaft, die stark auf den Finanzsektor konzentriert war. Währenddessen hatte die Wirtschaft in Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen.

aufgegriffen. Stattdessen stimmte das House  of Commons nach einer hitzigen Debatte über  den  Vertrag  ab.  Zur  Popularitätssteigerung  seiner  Amtsführung  hat  dieses  Verfahren  sicherlich nicht beigetragen.

Vor  größere  Herausforderungen  gestellt  sah  sich  Brown  allerdings bei der im Herbst 2008 hereinbrechenden Finanzkrise.  Nun  offenbarte  sich  die  Anfälligkeit  der  britischen  Wirtschaft, die so stark auf den Finanzsektor konzentriert  war.  Fast  alle  Regierungen  Europas  waren  gezwungen,  den Banken massive Unterstützungen zu gewähren. Großbritannien  war  allerdings  im  Vergleich  zu  Deutschland  stärker  betroffen,  da  sich  die  Krise  direkt  auf  die  dortige  Realwirtschaft niederschlug und zu einer spürbaren Erhöhung  der  Arbeitslosigkeit  führte.  Währenddessen  hatte  die  Wirtschaft  in  Deutschland  aufgrund  strikter  Haushaltspolitik  und  moderater  Tarifvereinbarungen  zwischen  Gewerkschaften  und  Arbeitgebern  in  den  Jahren  zuvor  stark  an  Wettbewerbsfähigkeit  gewonnen.  Brown  musste  sein Urteil über die deutsche Wirtschaft revidieren, denn es  zeigte sich, dass die auf einen breiten Mittelstand gestützte  produzierende Wirtschaft Deutschlands der Krise robuster  stand  hielt.  Die  notwendigen  Maßnahmen  fanden  auf  europäischer  Ebene  unter  enger  Abstimmung  statt.  Das  gute Verhältnis zwischen Großbritannien und Deutschland  zahlte sich gerade in den kritischen Monaten in 2008 und  2009 aus. Sowohl die Bundestagswahlen im Herbst 2009 in Deutschland als auch die Unterhauswahlen im Mai 2010 im Vereinigten  Königreich  ergaben  Regierungswechsel:  Bundeskanzlerin  Merkel  konnte  ihr  Amt  verteidigen,  regierte  nun  aber  mit  der  FDP  zusammen.  Das  Wahlergebnis  in  G   roßbritannien  war  deutlich  spannender.  Es  brachte  die  erste  Koalitionsregierung  seit  dem  zweiten  Weltkrieg.  Labour  musste  eine  herbe  Niederlage  hinnehmen,  die  Konservative  Partei  konnte  aber  die  Wahl  nicht  mit  einer  eigenen  absoluten  Mehrheit  für  sich  entscheiden.  So 

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brauchte  sie  einen  Koalitionspartner  zum  Regieren  und  fand ihn in den Liberaldemokraten. Eine programmatische  Schnittmenge  beider  Parteien  ist  zwar  vorhanden,  die  Differenzen  sind  aber  doch  sehr  beträchtlich.  Vor  allem  im  Bereich  der  Europapolitik  könnten  die  Parteien  unterschiedlicher  nicht  sein.  Die  Liberaldemokraten,  vor  allem  ihr  Vorsitzender  Nick  Clegg,  sind  die  pro-europäischen  Politiker in Großbritannien schlechthin. Die Konservativen  haben sich demgegenüber in den langen Jahren der Opposition  in  eine  immer  euroskeptischere  Richtung  bewegt.  Im  Wahlkampf  in  Großbritannien stand die Europapolitik allerdings nicht  die Koalitionsparteien unterschiedlicher
nicht sein. Die Liberaldemokraten sind Im Bereich der Europapolitik könnten

im  Mittelpunkt,  sondern  vielmehr  die  bange  die pro-europäischen Politiker in GroßFrage nach der Bewältigung der anhaltenden  britannien schlechthin. Die KonservatiWirtschafts-  und  Finanzkrise  –  wie  schon  in  den  Monaten  vorher  im  Wahlkampf  in 
ven haben sich in eine immer euroskeptischere Richtung bewegt.

Deutschland.  Trotzdem  mag  so  manch  einer  außerhalb  Großbritanniens gehofft haben, dass es für die Konservativen vielleicht doch nicht reicht, auch wenn die Umfragen  schon seit Monaten etwas anderes sagten.
DIE KONSERVATIV-LIBERALE REGIERUNG cAMERON – ERWARTUNGEN AN DEN REGIERUNGSWEcHSEL

David  Cameron,  der  neue  Premierminister,  ist  mit  Amtsantritt  noch  jünger  als  es  Tony  Blair  damals  bei  seinem  Amtsantritt  war.  Und  auch  er  hat  seiner  Partei  eine  neue  Ausrichtung  gegeben,  seit  er  2005  deren  Führung  übernahm.  Als  Lehre  aus  den  Thatcher-Jahren  machte  er  soziale  Fragen,  die  Unterstützung  der  Familien  und  der  Zivilgesellschaft  zu  programmatischen  Schwerpunktthemen.  Um  als  Parteivorsitzender  gewählt  zu  werden,  suchte  er  nach  Möglichkeiten,  den  rechten  Parteiflügel  einzubinden,  und  gab  das  Versprechen,  aus  der  EVPFraktion  im  Europäischen  Parlament  auszutreten,  falls  es  für  eine  eigene  Gruppierung  nach  der  Europawahl  2009  reicht. Den Europaskeptikern der Tories war die EVP schon  immer zu europa reundlich und zu sehr an einer Vertiefung  f der Integration  nteressiert. Des Weiteren sagte Cameron  i zu, bei einem Wahlsieg für ein Referendum zum LissabonVertrag  im  Vereinigten  Königreich  zu  sorgen.  Nachdem  Tschechien  als  letzter  Mitgliedstaat  den  Vertrag  ratifiziert  und ihn damit in Kraft gesetzt hatte, musste Cameron sein  Versprechen zurückziehen, da ein Referendum nun sinnlos 

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geworden  war.  Allerdings  hatte  er  zu  diesem  Zeitpunkt  bereits das andere Versprechen eingelöst und die Konservative  Partei  nach  der  Europawahl  aus  der  EVP-Fraktion  zurückgezogen. Vor allem die CDU innerhalb der EVP und  nicht  zuletzt  Frau  Merkel  persönlich  unternahmen  große  Anstrengungen, diesen Schritt zu verhindern. Umso größer  war die Enttäuschung – nicht gerade die beste Ausgangslage  für  ein  gemeinsames  Zusammenspiel,  nachdem  Cameron nun Premier wurde. Die neue britische Regierung machte allerdings von Beginn  an deutlich, dass sie einen aktiven Part in Europa spielen  werde.  Und  es  gibt  Gründe,  dies  zu  glauben.  Zum  einen  hat  sich  sehr  häufig  gezeigt,  dass  die  Briten  im  Regelfall  pragmatisch und nicht ideologisch handeln – 
cameron hat für seine ersten Auslandsreisen Paris, Berlin und Brüssel ausgewählt. Seine Vorgänger traten üblicherweise den ersten Weg nach Washington an.

unabhängig,  welche  Partei  regierte.  Zum  anderen  ist  die  Ernennung  des  als  pragmatisch  bekannten  David  Lidington  zum  Europaminister  anstelle  des  für  diese  Position 

vorgesehenen,  ausgesprochen  euroskeptischen  Schattenministers Mark Francois ein deutliches Zeichen. Vor allem  aber dürften die Liberalen ein ausgleichender Faktor in der  Regierung  sein,  der  Cameron  hilft,  die  Rechten  in  seiner  Partei in Schranken zu halten. In den Koalitionsvereinbarungen ist zu finden, dass es zu keinem Beitritt zur Eurozone in der laufenden Legislaturperiode kommen wird und  für  jeglichen  Machttransfer  von  den  Mitgliedstaaten  auf  Brüssel zwingend ein Referendum stattzufinden hat. Angesichts der derzeitigen Verfasstheit der EU sind dies beides  keine Punkte, die in nächster Zeit anstehen würden – auch  ohne  diese  Festlegungen.  Cameron  hat  für  seine  ersten  Auslandsreisen Paris, Berlin und Brüssel ausgewählt. Seine  Vorgänger  traten  üblicherweise  den  ersten  Weg  nach  Washington an. Die Auftritte des Premierministers bei den  bisherigen  europäischen  Zusammenkünften  waren  von  einem  sicheren  Auftreten  geprägt.  Sehr  wohl  wusste  er  die britischen Anliegen zu vertreten, aber ohne deswegen  andere  vor  den  Kopf  zu  stoßen  –  was  selbst  in  den  britischen Medien mit einigem Staunen verfolgt wird. Und auch  die Begegnung mit Bundeskanzlerin Merkel in Berlin verlief  in  freundlicher und konstruktiver  Atmosphäre, was angesichts der Vorgeschichte positiv zu bewerten ist.

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Am  1.  Juli  2010  zeigte  der  neue  Außenminister  William  Hague in einer Grundsatzrede die Linien für seine zukünftige  Politik auf. Diesen ist vor allem zu entnehmen, dass Großbritannien  britisch  bleibt,  was  bedeutet,  dass  Hague  die  britischen Interessen für seine Außenpolitik vorne anstellt:  „Diese  Regierung  ist  der  Auffassung,  dass  Außenpolitik  und das Foreign and Commonwealth Office vorrangig dafür  existieren, den Interessen und Bedürfnissen der britischen  Bürger  im  weitesten  Sinn  zu  dienen  und  sie  zu  schützen  […].‟10  Er  betonte  dabei,  die  Welt  habe  sich  verändert  und wenn sich das Land nicht mit verändere, bedeute das  einen  Bedeutungsverlust  Großbritanniens  mit  den  Folgen  für seinen Einfluss in der Welt, seine Sicherheit und seine  Wirtschaft.  Hague  will  vor  allem  auf  bilaterale  Beziehungen  setzen  und  hat  dabei  nicht  zuletzt  die  Länder  im  Blick, die zunehmend auf der Weltbühne eine Rolle spielen  werden: China, Indien und Brasilien. Natürlich bleibt auch  für  ihn  das  Verhältnis  zu  den  USA  ein  besonderes,  wobei  nicht diese Unbedingtheit mitschwingt, wie sie unter Blair  zu  spüren  war.  Hague  misst  der  EU,  aber  auch  anderen  regionalen  Bündnissen,  Gewicht  bei.  Er  macht  aber  auch  hier  deutlich,  dass  es  sich  lohnt,  gezielt  bilaterale  Beziehungen, zum Beispiel zu Polen, zu pflegen. Zwei Aspekte  in der Europapolitik sind ihm dabei besonders wichtig: die  Fortführung  des  Erweiterungsprozesses  mit  Blick  auf  die  Balkanländer und die Türkei und die Erhöhung des Anteils  britischer Vertreter in den EU-Institutionen. Mit dieser Ausgangsposition ist zu erwarten, dass in vielen  Bereichen Deutschland und Großbritannien in den nächsten  Jahren  konstruktiv  zusammenarbeiten 
Mit großer Aufmerksamkeit wurde

werden. Nach der Verabschiedung des Lissa-

bonner Vertrages treten Grundsatzfragen erst  wahrgenommen, dass Deutschland nicht

einmal in den Hintergrund. Viel mehr stehen  ist, notfalls zu bezahlen. Manchmal wird für  die  Europabürger  sehr  entscheidende  schon behauptet, die Deutschen werden praktische  Fragen  auf  der  Tagesordnung:  die  Bewältigung  der  Wirtschaftskrise  und    des  Klimawandels  sowie  Sicherheitspolitik,  vor  allem  der  Einsatz in Afghanistan. Mit großer Aufmerksamkeit wurde  in Großbritannien wahrgenommen, dass Deutschland nicht   
britischer.

mehr in jedem Fall bedingungslos bereit

10 | William Hague Britain‛s Foreign Policy in a Networked    World, Rede im Foreign and Commonwealth Office,    01.07.2010, zu finden unter: http://fco.gov.uk/en/news/   latest-news/?view=Speech&id=22462590 [14.07.2010].

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mehr in jedem Fall bedingungslos bereit ist, einzuspringen  und notfalls zu bezahlen. Manchmal wird schon behauptet,  die  Deutschen  werden  britischer.  Die  Griechenlandkrise  machte  sehr  deutlich,  dass  die  Deutschen  ihrerseits  Erwartungen  an  die  anderen  Mitgliedsstaaten  haben.  Die  Forderung  nach  größerer  Haushaltsdisziplin  wird  dabei  von der britischen Regierung geteilt, obwohl sie sich sonst  wohlweislich aus der Suche nach einer Problemlösung für  die  Eurozone  heraushält.  Anbetracht  eines  eigenen  Defizits von guten elf Prozent im laufenden Haushaltsjahr und  einem in den letzten Jahren deutlich geschwächten Pfund  ist die Regierung in London ihrerseits sehr um Haushaltsdisziplin bemüht.  Würden  die  Deutschen  wirklich  britischer,  was  in  diesem  Kontext  bedeutet,  dass  sie  Europapolitik  vor  allem  aus  ihrem nationalen Interesse heraus wahrnähmen und Integrationsbemühungen,  die  Souveränitätsverzicht  mit  sich  bringen,  zurücknähmen,  könnte  das  durchaus  engeren  Beziehungen  zu  Großbritannien  zugutekommen.  Das  würde  allerdings  einen  klaren  Bruch  mit 
Setzt Deutschland seine traditionelle Europapolitik fort, so sind Konfrontationen und Enttäuschungen nicht auszuschließen. Solange die Europapolitik beider Länder nicht stärker kongruent zu bringen ist, wird es immer wieder Konflikte geben.

der  bisherigen  Europapolitik  Deutschlands  bedeuten. Setzt Deutschland demgegenüber  auch künftig seine traditionelle Europapolitik  fort, dann sind Konfrontationen und Enttäuschungen  wohl  nicht  auszuschließen.  Denn  solange die Europapolitik beider Länder nicht 

stärker  kongruent  zu  bringen  ist,  wird  es  immer  wieder  Konflikte  geben.  Umso  mehr  sollten  die  nächsten  Jahre,  in  denen  weniger  grundsätzliche  Entscheidungen  in  der  EU  anstehen,  genutzt  werden,  durch  eine  enge  Zusammenarbeit  auf  konkreten  Feldern  die  Beziehungen  beider  Länder  so  stark  wie  möglich  werden  zu  lassen.  Durch  konkrete Politiken wie Reformen des Binnenmarktes etwa  im Bereich der Finanzmarktaufsicht, aber auch der Marktliberalisierung und durch Fortschritte im Klimaschutz und in  der Umsetzung des Lissabonner Vertrages im Bereich der  Strukturreformen  können  letztlich  Entwicklungen  ermöglicht werden, die im Ergebnis die EU stark machen – ohne  dass  im  Vorfeld  viel  darüber  gestritten  werden  muss,  ob  man das eigentlich will oder nicht.

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UNION FüR DAS MITTELMEER – REALITÄTEN ANERKENNEN UND cHANcEN NUTzEN!
Gerrit F. Schlomach

Durch  die  Gründung  der  Union  für  das  Mittelmeer  (UfM)  vor  zwei  Jahren,  im  Juli  2008,  haben  sich  neue  Chancen  für  eine  konstruktive  Gestaltung  der  multilateralen  EuroMittelmeerbeziehungen ergeben. Die UfM wurde auf einem  Gipfeltreffen von 44 Staats- und Regierungschefs in Paris  als eine „Union der Projekte‟ aus der Taufe gehoben und  umfasst aktuell 43 Staaten mit 756 Millionen Einwohnern.  Entwickelte  sich  diese  Union  aus  der  seit  1995  bestehenden  Euro-Mittelmeer-Partnerschaft  (EMP),  so  traten  der  Partnerschaft  sechs  neue  Staaten  bei,  Albanien,  Bosnien-Herzegowina,  Montenegro,  Kroatien,  Monaco  und  Mauretanien.  Der  Arabischen  Liga  und  Libyen  wurde  jeweils ein Beobachterstatus eingeräumt. Obgleich die UfM  inzwischen  über  einen  Hauptsitz  mit  einem  Generalsekretär und Sekretariat in Barcelona verfügt, ist sie weder  eine internationale Organisation noch verfügt sie über eine  eigenständige  Rechtspersönlichkeit.  Vielmehr  ist  die  UfM  ein internationaler Zusammenschluss auf Basis der beiden  politischen  und  rechtsunverbindlichen  Erklärungen  von  Barcelona aus dem Jahr 1995 und von Paris aus dem Jahr  2008. Am  zweiten  Jahrestag  der  UfM  stellen  sich  die  folgenden  Fragen: Welche Effekte konnte die Union entfalten? Welchen  zukünftigen Weg gilt es einzuschlagen? Zur Beantwortung  der Fragen werden in einem ersten Schritt die regionalen  Rahmenbedingungen  und  bisherigen  Beziehungsmuster  dargelegt, bevor in einem zweiten Schritt Maßnahmen und  Aktionen,  die  sich  aus  der  Gründung  der  Union  ergaben,  betrachtet  werden.  Vor  dem  Hintergrund  dieser  Ausführungen  wird  in  einem  dritten  Schritt  eine  Bewertung  der 
Gerrit F. Schlomach  ist Parlamentarischer  Assistent von MdEP  Michael Gahler und  Doktorand an der  Universität der Bundeswehr München.

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UfM  im  Rahmen  einer  Analyse  des  politischen  Prozesses  und einer Kritik der institutionellen Struktur vorgenommen,  die  in  Handlungsempfehlungen  und  einen 
Nach wie vor schreiten die meisten südlichen Mittelmeeranrainerstaaten im regionalen Vergleich in demokratischen Transformationsprozessen nur langsam voran.

Ausblick  auf  die  weiteren  Beziehungen  münden.  Diese  Vorschläge  lassen  sich  mit  den folgenden Stichworten umreißen: politischen  und  finanziellen  Realitäten  Rechnung 

tragen, Alternativlosigkeit regionaler und trans-regionaler  Zusammenarbeit anerkennen. 
RAHMENBEDINGUNGEN IM MITTELMEERRAUM

Wird  die  aktuelle  Lage  im  Mittelmeerraum  entlang  demokratischer,  sozioökonomischer  und  sicherheitspolitischer  Rahmenbedingungen  betrachtet,  so  zeichnet  sich  folgendes  Bild  ab:  Nach  wie  vor  schreiten  die  südlichen  Mittelmeeranrainerstaaten  im  regionalen  Vergleich  in  demokratischen Transformationsprozessen langsam voran,  mit  Ausnahme  Israels,  des  Libanon  und  der  Türkei.  Mit  Blick auf den Bertelsmann Transformations Index belegen  arabische  Mittelmeerländer  gemessen  am  Demokratisierungsgrad  hintere  Platzierungen.1  Ursachen  der  „Stabilität‟  autoritärer  Herrschaftsweisen  und  des  Ausbleibens  von Demokratie werden in folgenden Umständen erkannt:2  rentierstaatliche  Wirtschaftsstrukturen;  neopatrimoniale  politische  Systeme,  die  in  patriarchalen  Gesellschaftsstrukturen eingebettet sind; und schließlich ein internationales System, das aus sicherheitspolitischen Erwägungen  ein Interesse an Regimestabilität hat. Ein  Vergleich  der  Platzierungen  der  südlichen  Mittelmeeranrainer  unter  Zuhilfenahme  des  Indexes  menschlicher  Entwicklung,  der  von  den  Vereinten  Nationen  erhoben  wird,  offenbart  das  mittelmäßige  Abschneiden  der  arabischen  Staaten,  wobei  wiederum  Israel  und  die  Türkei 

1 |  Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Transformation Index BTI 2010. (Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, 2009), abrufbar    unter http://www.bertelsmann-transformation-index.de/   [06.08.2010] 2 |  Nadine Kreitmeyr, Oliver Schlumberger. „Autoritäre    Herrschaft in der arabischen Welt‟, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 24 (2010): 16-22, 19. Vgl. grundlegend: Martin    Beck et al. (Hrsg.) Der Nahe Osten im Umbruch – Zwischen Transformation und Autoritarismus. (Wiesbaden: VS Verlag    für Sozialwissenschaften, 2009).

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Ausnahmen  darstellen.3  Im  wirtschaftlichen  Bereich  gelingt es den Staaten nicht in vollem Umfang, bis auf die  genannten  Ausnahmen,  sich  in  die  globalen  Wirtschaftsstrukturen zu integrieren. Vielmehr wirken sich die Effekte  der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise verstärkt auf  die bereits angespannten Arbeits- und Finanzmärkte aus.  Im Ergebnis kommen die Reformprozesse, um die Abhängigkeit von ausländischen Finanzhilfen zurückzuführen und  der  stark  heranwachsenden  jüngeren  Generation  Jobperspektiven und Arbeitsmöglichkeiten zu  schaffen, langsam  voran.  Verstärkend  kommt  hinzu,  dass  die  meisten  arabischen  Länder  hinsichtlich  der  Den Staaten gelingt es nicht, sich voll sozialen,  gesellschaftlichen  und  politischen  in die globalen Wirtschaftsstrukturen

Möglichkeiten  im  Vergleich  zu  anderen  Effekte der weltweiten Wirtschafts- und Ländern  auf  demselben  Entwicklungsniveau  Finanzkrise verstärkt auf die bereits hinterherhinken.4
angespannten Märkte aus.

zu integrieren. Vielmehr wirken sich die

Mit Blick auf die sicherheitspolitische Lage ist in der Region  des südlichen Mittelmeerraums ein gewaltsamer Konfliktsockel  erkennbar,  der  sich  um  zwei  hoch  explosive  Auseinandersetzungen  bildet:5  zum  einen  der  Nahostkonflikt  und zum anderen die gewaltsamen Spannungen zwischen  der  türkischen  Regierung  und  kurdischen  Separatisten.  Darüber  hinaus  sind  der  Westsahara-Konflikt  sowie  der  Umgang  mit  algerischen  und  ägyptischen  Terroristen  von  gewaltsamen Konfrontationen geprägt.
UNTERScHIEDLIcHE ERFOLGE IN DEN EUROMITTELMEER-BEzIEHUNGEN

Die  Beziehungen  zwischen  der  EU  und  den  südlichen  Mittelmeeranrainerstaaten erfolgen sowohl über bilaterale  als auch über multilaterale Kontakte.6 Auf bilateraler Ebene 
3 |  United Nations Development Programme, Summary Human Development Report 2009 (New York, 2009), abrufbar unter http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2009_EN_Summary.pdf    [10.07.2010]. 4 |  Markus Loewe, „Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und    menschlicher Entwicklung in der arabischen Welt‟, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 24 (2010): 10-22, 10. 5 |  Heidelberg Institute for International Conflict Research,    Conflict Barometer 2009 (2009), 71-73. 6 |  Vgl. Gerrit F. Schlomach, „Der Fisch stinkt vom Kopf:    Europäische Kopflosigkeit gegenüber der arabischen Welt.‟    in: Ingo Wetter (Hrsg.). Die Europäische Union und die Türkei. Band II: Expansion in den islamischen Raum?    (Hamburg: Kovac, 2006), 133-158.

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wurden  mit  den  Partnerländern  Assoziierungsabkommen  geschlossen,  um  die  südlichen  Staaten  in  ihren  Reformanstrengungen  bei  der  Umsetzung  von  demokratischen,  rechtsstaatlichen  und  marktwirtschaftlichen 
Die Erwartungen ruhten auf der EuroMittelmeer-Partnerschaft, die auch als Barcelona-Prozess bezeichnet wird. Das Gründungsdokument zielte darauf ab, den Mittelmeerraum in eine gemeinsame Friedens-, Wohlstandsund Stabilitätszone zu überführen.

Prinzipien zu unterstützen. Bis heute wurden  alle  angestrebten  Assoziierungsabkommen  in  Kraft  gesetzt,  wobei  dieser  Schritt  mit  Syrien  noch  nicht  vollzogen  wurde  und  Libyen  sich  der  Aushandlung  eines  solchen  Abkommens widersetzt. Tripolis strebt in den 

Beziehungen zur EU an, ein Rahmenabkommen zu unterzeichnen, das jedoch inhaltlich die gleichen Schwerpunkte  wie die Assoziierungsabkommen abdecken soll. Im  multilateralen  Kontext  ruhten  die  Erwartungen  auf  eine Verbesserung der regionalen Lage und eine Stärkung  der  trans-regionalen  Verbindungen  auf  der  1995  gestarteten  Euro-Mittelmeer-Partnerschaft  (EMP),  die  auch  als  Barcelona-Prozess  bezeichnet  wird.  Das  grundlegende,  rechtsunverbindliche  Gründungsdokument  zielte  darauf  ab,  den  Mittelmeerraum  in  eine  gemeinsame  Friedens-,  Wohlstands- und Stabilitätszone zu überführen. Dies sollte  durch  eine  verstärkte  Zusammenarbeit  in  drei  Bereichen  erfolgen:  politischer  und  sicherheitspolitischer  Dialog,  partnerschaftliche  Zusammenarbeit  im  Wirtschafts-  und  Finanzbereich sowie auf sozialer, kultureller  und  menschlicher  Ebene.  Seit  Beginn  der  EMP  hat  die  Europäische  Kommission bis heute eine Gesamtsumme von 1,66 Milliarden Euro für regionale Projekte zur Verfügung gestellt.7 Gegenüber  den  ambitionierten  Zielen  der  BarcelonaErklärung  stellte  sich  schnell  Realismus  ein,  da  sich  die  Erkenntnis  durchsetzte,  den  ursprünglichen  Erwartungen  nicht im vollen Umfang gerecht zu werden. Der begrenzte  sicherheitspolitische,  demokratische  und  wirtschaftliche  Erfolg lässt sich auf vielerlei Faktoren zurückführen.8 Zwar ist es richtig,  dass in  manchen Phasen des  NahostKonflikts der einzige funktionierende Rahmen innerhalb der 
7 |    8 |      Stefan Füle, „Adress to the ‚For’UM‛ meeting‟,  Speech/10/269. European Comission, (2010), 3. Vgl. Andreas Jacobs und Hanspeter Mattes (Hrsg.),  Un-politische Partnerschaft. Eine Bilanz politischer Reformen in Nordafrika/Nahost nach zehn Jahren Barcelonaprozess,  (Sankt Augustin: Konrad-Adenauer-Stiftung, 2005).

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EMP  bestand,  wo  sich  Araber  und  Israelis  gemeinsam  an  einen Tisch setzten. Doch folgte meist auf eine Verschlechterung der israelisch-arabischen Beziehungen eine Störung  im  Euro-Mittelmeergefüge,  obgleich  der  Austausch  über  das Mittelmeer hinweg nie vollständig zum Erliegen kam.  Mittelfristig  konnte  die  europäische  Politik  das  Dilemma  zwischen dem Interesse an innerstaatlichen Reformen und  Wandel auf der einen Seite sowie dem Interesse an Europas  Sicherheit auf der anderen Seite nicht konstruktiv auflösen.  Aus  europäischer  Sicht  ist  es  legitim,  eigene  Sicherheitsinteressen  und  den  Wunsch  nach  Wandel  und  politischer  Reform  zu  formulieren.  Doch  ist  auch  die  Zurückhaltung  der  südlichen  Verantwortungsträger  zu  verstehen,  die  in  diesem Fall das auszuwechselnde Objekt sind. Schließlich  war  es  verschiedenen  Reform-  oder  Revitalisierungsinitiativen  von  europäischer  Seite  2004 etablierte die EU einen neuen im  Kontext  der  EMP  nicht  vergönnt,  einen  politischen Ansatz im Rahmen der Eurosignifikanten  innerstaatlichen  Reformwandel  Nach Ausweitung auf die südlichen bei  den  südlichen  Partnerländern  und  eine  Mittelmeeranrainerstaaten wurden die Verbesserung  der  regionalen  Beziehungen  herbeizuführen. Hinzu kam, dass der permanente  Streit  um  den  strategischen  Einsatz  finanzieller  Ressourcen  innerhalb  der  EU  zwischen  südlichen  sowie  zentral-  und  mitteleuropäischen  Mitgliedstaaten nicht langfristig eingehegt wurde. Im Schlepptau der Erweiterungsrunde 2004 etablierte die  EU  einen  neuen  politischen  Ansatz  im  Rahmen  der  Europäischen  Nachbarschaftspolitik  (ENP).9  Nach  Ausweitung  dieses politischen Instruments auf die südlichen Mittelmeeranrainerstaaten wurden die bilateralen Beziehungen zur EU  durch  Aktionspläne  neu  ausgerichtet.  Besonderes  Augenmerk wurde darauf gerichtet, unterstützende Maßnahmen  in die jeweiligen Reformagenden der Partnerländer zu integrieren. Neben strukturellen Mängeln in der Ausgestaltung  der ENP bestehen spezifische Reformwiderstände bei den  südlichen politischen Verantwortungsträgern. Die jüngsten  Fortschrittsberichte  der  Europäischen  Kommission  zur  Umsetzung der Aktionspläne weisen jedoch insgesamt eine  positive Entwicklungsrichtung auf. In ausgewählten Fällen  wurde von der EU ins Auge gefasst, die bestehenden guten   
9 |  Vgl. Steffen Erdle, „Die europäische Nachbarschaftspolitik.    Ein Motor für Reformen im Mittelmeerraum?‟, in: KAS Auslandsinformationen 4/2007, (2007): 4-40. bilateralen Beziehungen zur EU durch Aktionspläne neu ausgerichtet. päischen Nachbarschaftspolitik (ENP).

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Beziehungen  im  Rahmen  eines  fortgeschrittenen  Status  weiter  zu  vertiefen.  Marokko  erhielt  als  erster  südlicher  Partnerstaat diesen privilegierten Status im Oktober 2008. Vor dem Hintergrund dieser wechselhaften Entwicklungen  verstärkten  sich  ab  2005,  zum  zehnjährigen  Geburtstag  der EMP, die Stimmen, die EMP und die ENP im südlichen  Kontext zu reformieren.10 Diese kritische Stimmung wurde  2007  vom  damaligen  französischen  Präsidentschaftskandidaten  Nicolas  Sarkozy  aufgegriffen,  der  im  Wahlkampf  die  Gründung  einer  Mittelmeer-Union  forderte.  Handelte  es  sich  zunächst  um  sehr  ungenaue  und  zum  Teil  widersprüchliche  Vorstellungen,  so  wurden  im  Vorfeld  und  während  der  französischen  EU-Ratspräsidentschaft  in  der  zweiten  Jahreshälfte  2008  Fakten  geschaffen,  um  im  Rahmen einer Union für das Mittelmeer einen Neustart in  den gemeinsamen Beziehungen zu wagen.11
AMBITIONIERTER START DER UNION FüR DAS MITTELMEER

Auf  dem  Frühjahrsgipfel  am  14.  März  2008  in  Brüssel  einigten  sich  die  europäischen  Staats-  und  Regierungschefs darauf, der Europäischen Kommission den Auftrag zu  erteilen, die Modalitäten des neuen europäischen Ansatzes  für den Mittelmeerraum „Barcelona-Prozess: 
Nicolas Sarkozy forderte im Wahlkampf die Gründung einer Mittelmeer-Union. Handelte es sich zunächst um sehr ungenaue Vorstellungen, so wurden im Vorfeld und während der französischen EU-Ratspräsidentschaft 2008 Fakten geschaffen.

Union für das Mittelmeer‟ zu definieren und  festzulegen.12  Mit  diesem  Schritt  gelang  es,  die ursprünglichen Ideen von Sarkozy auf die  Ebene der Europäischen Union zu überführen  und  in  den  bestehenden  Barcelona-Prozess  zu  integrieren.  Die  Eckpfeiler  der  deutsch-

französischen Überlegungen, die die Grundlage der europäischen Einigung bildeten, beruhten zunächst darauf, die  EU-27 und zehn südliche Mittelmeeranrainerstaaten sowie 

10 | Vgl. EuroMeSCo Secretariat, Barcelona Plus / Towards a Euro-Mediterranean Community of Democratic States,    (Lissabon, 2005). 11 | Gerrit F. Schlomach, „Deutsche Erfahrungen in der Nahost  Mittelmeer-Region verstärkt für die europäische Außen- und    Sicherheitspolitik nutzen‟, in: KAS Auslandsinformationen     3/2008, (2008): 55-59. 12 | Vgl. Council of the European Union. Presidency Conclusions. Brussels European Council 13/14 March 2008, Annex 1,    7652/08, (Brüssel, 2008), 19.

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Jordanien  und  Mauretanien  einzubinden.13  Institutionell  einigte  man  sich  darauf,  ein  Sekretariat  und  einen  zweijährigen  ständigen  Ko-Vorsitz  einzurichten,  den  sich  ein  EU-Mitgliedsstaat und ein südlicher Partner teilen. Am  13.  Juli  2008  traten  unter  französisch-ägyptischem  Ko-Vorsitz 44 Staats- und Regierungschefs der EU und der  südlichen  Mittelmeeranrainerstaaten  in  Paris  zusammen  und  unterzeichneten  eine  gemeinsame  Erklärung.14  Der  damaligen  französischen  EU-Ratspräsidentschaft  gelang  es,  die  Schmach  der  zehnjährigen  Geburtstagsfeier  der  EMP und eine mögliche erneute Abwesenheit  der  meisten  südlichen  politischen  Führer  Auf Ebene der Staats- und Regierungsabzuwenden.  Der  Kreis  der  anwesenden  chefs werden in zukunft alle zwei Jahre südlichen  Repräsentanten  umfasste  unter  sich ferner auf einen Ko-Vorsitz für anderem  sowohl  den  israelischen  Premi- zwei Jahre und die Einrichtung eines erminister  Ehud  Olmert,  den  palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas als auch  den  syrischen  Staatspräsidenten  Bashar  al-Assad.  Fern  geblieben  waren  lediglich  der  jordanische  König  Abdallah  II.,  der  marokkanische  König  Mohammed  VI. und der libysche Staatschef Mouammar Gadhafi. Thematisch  wurden  die  Schwerpunkte  der  UfM  auf  folgende  sechs  Projekte  gelegt:  Säuberung  des  Mittelmeers,  Meeresautobahnen  und  Autobahnen  an  Land,  Zivilschutzinitiativen,  mediterranes  Solarenergieprogramm, Euro-Mittelmeer-Universität in Slowenien und eine  Mittelmeer-Wirtschaftsentwicklungsinitiative  mit  dem  Ziel  der  Stärkung  von  kleinsten,  kleinen  und  mittleren  Unternehmen. Auf  Ebene  der  Staats-  und  Regierungschefs  werden  in  Zukunft alle zwei Jahre Gipfeltreffen abgehalten. Entsprechend  der  Funktion  des  Europäischen  Rates  obliegt  es  den  hochrangigen  Staatsvertretern,  politische  Richtungsentscheidungen zu treffen und die Arbeitsprogramme der   
gemeinsamen Sekretariats unter Leitung eines Generalsekretärs. Gipfeltreffen abgehalten. Man einigte

13 | Gerrit F. Schlomach, „‚Overview‛ Regional Dialogue and    Cooperation in 2008 – Any Opportunities?‟, in: Konrad  Adenauer-Stiftung, Regional Centre on Conflict Prevention    (Hrsg.), EAG Policy Paper number 3, July 2008, (Amman:    Konrad-Adenauer-Stiftung, 2008): 1-2. 14 | President of the French Republic and the President of the    Arab Republic of Egypt. 2008. Joint Declaration of the Paris    Summit for the Mediterranean, 13.07.2008, Paris.

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UfM  zu  verabschieden.  Man  einigte  sich  ferner  auf  einen  Ko-Vorsitz für zwei Jahre und die Einrichtung eines gemeinsamen Sekretariats unter Leitung eines Generalsekretärs.  Ein gemeinsamer ständiger Ausschuss bereitet die Treffen  der  Hohen  Beamten  vor  und  wird  dem  Ko-Vorsitz  assistieren,  um  die  regelmäßigen  Treffen  der  Außenminister  auszurichten. In  der  Erklärung  von  Paris  wurde  die  bisherige  Liste  der  Teilnehmerstaaten  im  Vergleich  zur  EMP  erweitert.  So  traten der Partnerschaft sechs neue Staaten bei Albanien,  Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Monaco und  Mauretanien.  Der  Arabischen  Liga  wurde  ein  Beobachterstatus eingeräumt. Libyen entschloss sich, als Beobachter  den regelmäßigen Sitzungen beizuwohnen. 
UMSETzUNG DER BEScHLüSSE NAcH DEM GIPFEL

Die bereits auf dem Pariser Gipfel zur Gründung der Union  für  das  Mittelmeer  angelegte  Folgekonferenz  auf  Ebene  der Außenminister erfolgte vom 3. bis 4. November 2008.  Der  ursprüngliche  Termin  im  Oktober  2008  konnte  nicht  gehalten werden, da die arabischen Staaten ihre Teilnahme  an  dem geplanten Außenministertreffen mit  dem Hinweis  in Frage stellten, nicht mit dem israelischen Außenminister  Avigdo Lieberman an einem Tisch sitzen zu wollen. Ziel  dieses  erstens  Treffens  unter  der  Leitung  des  französischen  Außenministers  Bernard  Kouchner  und  seines  ägyptischen  Kollegen  Ahmed  Aboul  Gheit  war,  die  neue  Union zu festigen und offene Fragen zu bearbeiten. In der  Abschlusserklärung15 festigten die Außenminister die institutionelle  Struktur,  legten  das  Arbeitsprogramm  und  die  Kooperationsfelder  für  das  Jahr  2009  fest  und  vollzogen  eine  Überprüfung  der  letzten  Aktivitäten.  Die  Außenminister beschlossen als neuen offiziellen Namen „Union für  das  Mittelmeer‟.  Dabei  wurde  der  bisherige  Bezug  zum  Barcelona-Prozess, den erst die deutsche Kanzlerin Merkel  in der Projektfindungsphase einfügen ließ, fallengelassen.

15 | Council of the European Union, Union for the Mediterranean    ministerial conference, Marseille, 03./04.11.2008, 15187/08    (Presse 314), (Barcelona Press 2008), 6-10.

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Die Frage, wer von Seiten der Europäischen Union bzw. der  europäischen  Mitgliederstaaten  dem  Gremium  vorsitzen  wird,  wurde  ebenfalls  auf  der  Außenministerkonferenz  diksutiert,  um  eine  kohärente  Politikgestaltung  zu  garantieren.  Die  gemeinsame  Erklärung  präzisierte,  dass  von  europäischer  Seite  die  Besetzung  der  Ko-Präsidentschaft  im Rahmen der in Kraft gesetzten Verträge stehen müsse.  Dies wurde mit der Interpretation verbunden, wonach die  Präsidentschaft und die Europäische Kommission die EU in  den  auswärtigen  Beziehungen  repräsentiert.  Unklar  blieb  jedoch,  welcher  europäische  Staat  nach  der  zweijährigen  französischen Ko-Präsidentschaft den Sitz für die EU-Präsidentschaft  übernehmen  würde  und  wie  die  Abstimmung  zwischen EU-Präsidentschaft und Kommission zu erfolgen  hat. Darüber hinaus wurde die Position eines Generalsekretärs  geschaffen,  die  zunächst  jedoch  nicht  besetzt  werden  konnte,  da  sie  im  Zusammenhang  mit  der 
über keinerlei politischen Auftrag. Es beschränkt sich darauf, dem Prozess nahme Syriens wurde Tunesien als Standort  neue Impulse zu geben und Projekte des Sekretariats verworfen.16 Die tunesische  vorzubereiten, durchzuführen sowie nachzubereiten.

Standortfrage  des  Sekretariats  gesehen  Das gemeinsame Sekretariat verfügt

wurde.  Aufgrund  der  politischen  Einfluss-

Regierung  widersetzte  sich  daraufhin  dem 

Kompromissangebot,  statt  des  Standorts  den ersten Generalsekretär stellen zu dürfen, und verweigerte sich, einen Vorschlag zur Besetzung dieses herausragenden Postens  zu  unterbreiten.  Lediglich  Jordanien hielt  an  einem  eigenen  Kandidaten  fest,  der  jedoch  aufgrund  der  überwölbenden  Spannungen  im  Nahost-Konflikt  nicht  zügig gewählt werden konnte. Das  gemeinsame  Sekretariat  hat  eine  rein  technische  Aufgabe zugesprochen bekommen und verfügt somit über  keinerlei  politischen  Auftrag.  Es  beschränkt  sich  darauf,  dem Prozess neue Impulse zu geben und Projekte vorzubereiten,  durchzuführen  sowie  nachzubereiten.  Finanziert  wird  das  Sekretariat  (Unterstützungspersonal  und  Ausstattung) aus einem gemischten Haushalt. Dabei trägt    die  EU  einen  Anteil  und  die  weiteren  Anteile  werden  von  den  südlichen  Partnerstaaten  übernommen,  die  jedoch  freiwillig ihre Beiträge zur Verfügung stellen können.
16 | Vgl. Florence Beaugé, „La France arrache un accord global    sur l’Union pour la Méditerranée‟, in: Le Monde, 05.11.2008.

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Obgleich  sich  die  Konferenzteilnehmer  in  Paris  darauf  einigten, die Arabische Liga in die Union für das Mittelmeer  als  Beobachter  einzubinden,  widersetzte  sich  fortgesetzt  die  israelische  Regierung,  diese  Vereinbarung  umzusetzen.  Diese  Ablehnung  führte  zur  Verschiebung  eines  Treffens der Umweltminister, die für Ende Oktober 2008 in  Jordanien vorgesehen war. Ein Scheitern des Außenministertreffens  im  November  2008  stand  wegen  des  NahostKonflikts  und  der  Frage  nach  der  Beteiligung  Israels  und  der  Arabischen  Liga  an  der  UfM  im  Raum,  konnte  jedoch  verhindert  werden.17  Die  fortgesetzte  Anwesenheit  der  Arabischen  Liga  wirft  die  Frage  auf,  welche 
Nach den kriegerischen Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen zum Jahreswechsel 2008/2009 und den Wahlen in Israel setzte ein Stillstand in den Mittelmeer-Beziehungen ein. Das führte zur totalen Einstellung der diplomatischen Treffen im Rahmen der UfM.

Begründung  geliefert  wird,  indirekt  allen  arabischen  Staaten,  auch  denen,  die  nicht  mittelbar-  oder  unmittelbar  an  das  Mittelmeer grenzen, einen Zugang zu einer euromediterranen  Organisation  zu  gewähren.  Die kritische Haltung Israel wurde zum Preis 

einer  Ausweitung  der  stellvertretenden  Generalsekretäre  überwunden.  Jeweils  ein  Posten  wurden  einem  Vertreter  aus den südlichen Hauptstädten Tel Aviv, Ramallah, Athen,  Rom und Valletta zugesprochen.
ERSTE WIEDERBELEBUNGSVERSUcHE ERWEISEN SIcH ALS BEGRENzT

Während und kurz nach den kriegerischen Auseinandersetzungen  im  Gaza-Streifen  zum  Jahreswechsel  2008/2009  und  nach  den  Wahlen  in  Israel  setzte  ein  Stillstand  in  den  Mittelmeer-Beziehungen  ein.  Dies  führte  zur  totalen  Einstellung der technischen und diplomatischen Treffen im  Rahmen der UfM. Im Ergebnis musste selbst die Europäische  Kommission  die  Aufschiebung  der  geplanten  Treffen  öffentlich zugeben.18 Im  Juni  2009  startete  der  französische  Energieminister  Jean-Louis Borloo eine Initiative, um nach einer weiteren  Verschiebung eines Treffens aufgrund des Nahost-Konflikts,  welches  für  Anfang  Juni  in  Monaco  vorgesehen  war,  mit   

17 | Ebd. 18 | „The crisis in Gaza at the end of 2008 resulted in a suspension    of the UpM meetings during some months.‟ in: European    Commission, Union for the Mediterranean, Brüssel,    10.07.2009, MEMO/09/333 (2009).

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seinen  Kollegen  am  25.  Juni  2009  in  Paris  zusammenzutreffen. Ziel dieses Treffens war es, weitere Schritte nachhaltiger Entwicklung in der Region zu diskutieren. Die Frage des wechselnden Ko-Vorsitzes auf Seiten der EU  wurde im Juli 2009 erneut aufgeworfen, da der damalige  belgische  Außenminister  Karel  de  Gucht  es  nicht  akzeptierte,  dass  europäische  Mittelmeeranrainer  automatisch  an der Ko-Präsidentschaft nach Beendigung der EU-Ratspräsidentschaft  festhalten.  Dieses  informelle  Verfahren  entstand unter dem französischen Ko-Vorsitz, der von Juli  2008 bis Ende Dezember 2009 für die EU der UfM vorsaß.  Der  französischen  Regierung  war  es  gelungen,  mit  den  folgenden  EU-Ratspräsidentschaften  Tschechiens  und  Schwedens  erfolgreich  zu  verhandeln,  um  den  Ko-Vorsitz  zu  behalten.  Doch  führte  dies  zu  Unklarheiten,  als  zu  Jahresbeginn 2009 zwei Delegationen – eine unter tschechischer  Führung  als  damalige  EU-Ratspräsidentschaft  und  eine  unter  französischer  Führung  im  Rahmen  des  Ko-Vorsitzes – versuchten, im Gaza-Israel-Konflikt vor Ort  zu vermitteln. Belgien fürchtete damals, dass Madrid auch  nach  dem  Ende  der  spanischen  EU-Ratspräsidentschaft  Ende Juni 2010 einen Anspruch auf den Ko-Vorsitz erheben  könnte.  Diese  Befürchtung  führte  zu  einem  Briefverkehr  zwischen den belgischen und spanischen Außenministern. Zweierlei  Aspekte  kommen  in  Bezug  auf  die  Frage  nach  der europäischen Besetzung des Ko-Vorsitzes zum Tragen:  Erstens  wurde  bis  zum  Beginn  der  belgischen  Ratspräsidentschaft  im  Juli  2010  keine  Entscheidung  über  dieses  Thema  getroffen.  Vielmehr  ist  Der Prozess der EntscheidungsfinVerfahren  gefunden  werden  muss,  wie  eine  Fragen cathrin Ashton und dem neuen französische  Nachfolge  erfolgen  soll.  Zwei- Europäischen Auswärtigen Dienst zu tens  wird  sich  der  Prozess  der  Entscheidungsfindung vor der belgischen Grundsatzentscheidung abspielen, außenpolitische Fragen der Hohen  Beauftragten Cathrin Ashton und dem neuen Europäischen  Auswärtigen  Dienst  zu  überlassen.  Mit  Blick  auf  diese  beiden  Faktoren  ist  davon  auszugehen,  dass  die  europäische Besetzung des Ko-Vorsitzes den Rat noch im Herbst  2010 beschäftigen wird.
überlassen. scheidung abspielen, außenpolitische

es  absehbar,  dass  in  Brüssel  erst  noch  ein  dung wird sich vor der Grundsatzent-

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Darüber  hinaus  bewirkten  die  politischen  Effekte  des  Nahost-Konflikts  Verzögerungen  bei  der  Benennung  des  ersten  Generalsekretärs.  Als  Ergebnis  eines  intergouvernementalen Verfahrens wurde  im  März  2010  der  jordanische  Diplomat  und  ehemalige  EU-  und  NATO-Botschafter  Ahmad Masadeh zum ersten Generalsekretär 
Das vierte ministerielle Treffen zum Thema Wasser blieb im April 2010 ohne Ergebnis. Hintergrund war die israelische Ablehnung des Begriffs „besetzte Gebiete‟ im Schlussdokument.

der  UfM  erklärt.  Mit  Blick  auf  die  gestärkte  Rolle des Europäischen Parlaments in außenpolitischen Fragen und Entscheidungen muss  bemängelt  werden,  dass  die  Einbindung  der  parlamentarischen  Euro-Med-Ebene  bei 

der Besetzung dieses Postens nicht erfolgt ist. Hätten die  Staats- und Regierungschefs an ihren eigenen Absichtserklärungen  festgehalten,  die  Euro-Mittelmeer-Parlamentarier-Versammlung (EMPA) voll in die UfM zu integrieren, so  wäre eine parlamentarische Anhörung des Kandidaten für  den Posten des Generalsekretärs wünschenswert gewesen. Ungeachtet  der  Wiederbelegungsversuche  verlief  das  vierte  ministerielle  Treffen  zum  Thema  Wasser  vom  13.  bis  14.  April  2010  ohne  Ergebnis.  Hintergrund  war  die  israelische  Ablehnung  des  Begriffs  „besetzte  Gebiete‟  im  Schlussdokument. Israel widersetzte sich der international  anerkannten Bezeichnung der besetzten palästinensischen  Gebiete  und  verhinderte  so  die  Verabschiedung  einer  gemeinsamen Wasserstrategie.19 Vor dem Hintergrund der Drohung Syriens und Ägyptens,  dem für den 7. bis 8. Juni 2010 vorgesehenen Gipfel der  Staats- und Regierungschefs fernzubleiben, wurde er Ende  Mai  auf  November  2010  verschoben.20  Vorausgegangen  war die Erklärung des israelischen Außenministers Avigdo  Liebermann, selbst am Gipfeltreffen teilnehmen zu wollen,  was arabische Boykottdrohungen nach sich zog, da Liebermann  von  syrisch-ägyptischen  Vertretern  als  anti-arabischer Vertreter wahrgenommen wird. Zwar versuchte der  spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero,  damaliger  Vertreter  der  rotierenden  EU-Ratspräsidentschaft,  Liebermann  zum  Fernbleiben  zu  bewegen,  jedoch 
19 | Eberhard Rhein, „Union for the Mediterranean has to get    serious‟, in: Blogactiv (23.04.2010), http://www.euractiv.com/   en/east-mediterranean/union-med-has-get-serious-analysis  473553 [10.07.2010]. 20 | Vgl. „Mittelmeer-Gipfel wegen Nahost-Streit verschoben‟,    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (22.05.2010).

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lehnte  dies  Israel  ab.  Es  ist  geplant,  das  verschobene  Treffen in der dritten Novemberwoche zum 15. Jahrestag  der EMP nachzuholen.
ANALySE DES POLITIScHEN PROzESSES UND KRITIK DER INSTITUTIONELLEN STRUKTUR

Startete  das  französische  Projekt  einer  Mittelmeerunion  mit  dem  Ziel,  die  Defizite  und  Mängel  des  BarcelonaProzesses  und  der  ENP  anzugehen  und  zu  beseitigen,  so  fällt ein erstes Urteil der Implementierung der Ideen eher  pessimistisch  aus.  Demnach  wäre  es  schwierig,  bei  der  UfM  Erfolge  zu  sehen,  wo  bereits  der  Barcelona-Prozess  versagt  hätte.21  Wird  auf  die  politischen  Ereignisse  und  Verzögerungen  im  Umgang  der  UfM  zurückgeblickt,  so  bieten sich erstens eine Analyse des politischen Prozesses  und zweitens eine Kritik der institutionellen Struktur an.22 Zwar  kann  es  aus  prozessualer  Sicht  als  Erfolg  gewertet  werden, dass sich die Staatschefs in Paris trafen und sich  gegenseitig versicherten, wie wichtig die Mittelmeerdimension auf beiden Seiten des Meeres sei,23 doch als hinreichend  kann  dies  nicht  betrachtet  werden.  Auch  die  Folgetreffen  sind  nicht  von  Kritik  frei  geblieben:  Die  Meinungen  zur  Beurteilung  der  Fortschritte  der  Außenminister-Konferenz  in Marseille gingen auseinander: Es wurde einerseits als ein  Erfolg  betrachtet,  dass  sich  die  Konferenzteilnehmer  auf  ein  Arbeitsprogramm  für  2009  einigen  konnten.  Darüber  hinaus  wurde  einiger  Fortschritt24  auf  den  Gebieten  der 
21 | Roberto Alliboni, und Fouad M. Ammor, „Under the Shadow    of Barcelona: From the EMP to the Union for the Mediterra  nean‟, in: EuroMeCSo Paper 77 (2009). 22 | Im Rahmen einer sicherheitspolitischen Analyse multilateraler    Ansätze im Mittelmeerraum wurde jüngst eine gewisse Müdig  keit festgestellt: „[W]e observe a kind of Mediterranean    fatigue when it comes to multilateral initiatives.‟, Carlo    Masala und Sarah Anne Rennick, „‚Overview‛ Mediterranean    Fatigue? The State of Multilateral Frameworks in the Middle    East.‟, EAG Policy Paper 9, (Kairo: Konrad-Adenauer-Stiftung,    2010), 1-2, 1. 23 | Vgl. Hardy Ostry, Hochglanzbilder und Gipfelstimmung. Die Union für das Mittelmeer und der Nahost-Konflikt, (Berlin:    Konrad-Adenauer-Stiftung, 2008). 24 | Michael Reiterer, „From the (French) Mediterranean Union    to the (European) Barcelona Process: The ‚Union for the    Mediterranean‛ as Part of the European Neighbourhood    Policy.‟ in: European Foreign Affairs Review 14 (2009):    313-336, hier: 327.

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Säuberung  des  Mittelmeeres,  neuer  See-  und  Landwege,  Zivilschutzprojekte,  alternative  Energie,  Mittelmeersolarplan und höhere Bildung sowie eines MittelAllgemein stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, den Geist der EMP in neue Initiativen zu übersetzen und darüber hinaus institutionelle und projektbezogene Fortschritte zu erlangen.

meerentwicklungsplans  für  Geschäftsleute  erkannt.  Andererseits  wurde  die  Meinung  vertreten, dass in den sechs grundlegenden  Projekten  der  Union  keine  weiteren  Fortschritte  erzielt  worden  seien,  da  sich  die 

Außenminister weder auf Durchführungsmodalitäten noch  auf weitergehende konkrete Schritte einigten.25 Allgemein  stellt  sich  die  Frage,  inwieweit  es  mit  dem  nun  gewählten  Weg  der  UfM  gelingen  kann,  den  Geist  der  EMP  in  neue  Initiativen  zu  übersetzen  und  darüber  hinaus  institutionelle  und  projektbezogene  Fortschritte  zu  erlangen.26  Mit  Blick  auf  die  Projekte  wurde  die  Kritik  laut, dass substanziell keine neuen Projekte angeschoben  wurden, mit denen auch nur „partiell auf die strukturellen  Probleme und Entwicklungen im Mittelmeerraum‟27 eingegangen  worden  wäre  und  die  den  südlichen  Interessen  entsprochen hätten. Die als neue Projekte angekündigten  Maßnahmen wurden zum Teil bereits in der Vergangenheit  von  den  bestehenden  Euro-Mittelmeerbeziehungen  und  -institutionen  bearbeitet.  Unter  Leitung  der  Europäischen  Kommission  wurde  bereits  seit  2005  mit  der  Initiative  „Horizon 2020‟ grenzüberschreitend daran gearbeitet, die  Wasserqualität  des  Mittelmeeres  zu  erhöhen.  Ähnliches  kann auch im Bildungsbereich beobachtet werden, wo sich  die  Bildungsminister  bereits  im  Juni  2007  in  Kairo  darauf  geeinigt  hatten,  einen  gemeinsamen  Forschungsraum  zu  gründen und den Austausch von Wissenschaftlern stärker  zu fördern. Im  Vergleich  zum  Barcelona-Prozess  wurde  der  UfM  ein  schlechtes  Zeugnis  im  Umgang  mit  dem  Nahost-Konflikt  ausgestellt.  Einer  Ansicht  nach  konnte  der  Barcelona- 

25 | Didier Billion, „L’Union pour la Méditerrannée, nouvel acteur    des relations internationales? L’Union pour la Méditerrannée    un an après.‟ http://affaires-strategiques.info [10.06.2010]. 26 | Vgl. Ahmed Driss, „North-African Perspectives‟, in: Roberto    Aliboni (Hrsg.), Putting the Mediterranean Union in Perspective (EuroMeSCo Paper 68), 19-24, hier: 23. 27 | Vgl. Daniela Schwarzer, und Isabelle Werenfels, „Formel  kompromiss ums Mittelmeer‟ in: SWP-Aktuell (Berlin, 2008/   A24), 4-5.

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Prozess  trotz  aller  Rückschläge  im  Friedensprozess  in  Bewegung bleiben. Die neue institutionelle Situation würde  es den arabischen Staaten erlauben, die gesamte UfM für  eigene Interessen zu „kidnappen‟.28 Ein Grund wurde darin  erkannt,  dass  innerhalb  der  EMP  die  arabischen  Staaten  und Israel lediglich Gäste eines von der EU angetriebenen  Prozesses waren.29 Mit Beginn der UfM, dem Ko-Vorsitz und  dem Generalsekretariat hätten die südlichen Mittelmeeranrainerstaaten Miteigentümerschaft übernommen, was eben  auch bedeuten kann, sich zu verweigern. Konnte sich die  EU bislang über die wechselseitigen Proteste und Verweigerungen von Arabern und Israelis hinwegsetzen, so geht  dies nun nicht mehr. Vor dem Hintergrund dieser gewollten  Entwicklung muss die europäische Grundposition, wonach  EMP und UfM keine direkten Instrumente zur Behandlung  des Nahost-Konflikts seien, in Frage gestellt werden. Ungeachtet  dieser  pessimistischen  Bewertungen  gelang  es  im  institutionellen  Bereich,  die  EMP  im  Rahmen  der  UfM  weiterzuentwickeln  und  konkrete  Projekt deen  zu  i schaffen.  Ein  Sekretariat  wurde  in  Barcelona  eingerichtet  und die Ko-Präsidentschaft nahm ihre Arbeit  auf.  Vor  dem  Hintergrund  der  bestehenden  Konnte sich die EU bislang über die europäischen  finanziellen  Vorausschau  bis  wechselseitigen Proteste und Verweigerungen von Arabern und Israelis

2013  führte  der  europäische  Erweiterungs-  hinwegsetzen, so geht dies nun nicht und  Nachbarschaftskommissar  Füle  aus,  mehr. dass  die  Kommission  die  bereitstehenden  Mittel  entlang  der  Prioritätenliste  von  Paris  und  Marseille  umorientierte:30 2009 wurden 92 Millionen Euro für regionale Projekte ausgegeben. Gemäß den Schwerpunkten von  Paris entfielen auf den Wassersektor 22 Millionen Euro, den  Transportsektor  zehn  Millionen  Euro  und  den  Zivilschutz  4,4  Millionen  Euro.  Die  EU  finanzierte  mit  fünf  Millionen  Euro  die  vorbereitenden  Maßnahmen  des  MittelmeerSolarprogramms und unterstützte Wirtschaftsmaßnahmen  im Umfang von neun Millionen Euro.

28 | Tobias Schumacher, „A fading Mediterranen dream‟    in: European Voice, 16.07.2010. 29 | Roberto Aliboni, „The Union for the Mediterranean. Evolution    and Prospects‟, Documentati IAI 09, 39e-December 2009, 3. 30 | Stefan Füle, „Adress to the ‚For’UM‛ meeting‟,    Speech/10/269. European Comission, (2010), 3.

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Gerade  die  Kooperation  im  Bereich  der  regenerativen  Energie  erweist  sich  als  zukunftsgerichtete  Maßnahme.    Der Mittelmeer-Solarplan zielt darauf ab, Strom im Umfang  von 20 Gigawatt aus erneuerbaren Energien zu generieren  und  bis  im  Jahr  2020  energiesparende  Programme  im  Mittelmeerraum  umzusetzen.  Im  Januar 
„Gute‟ Institutionen, im Sinne der strukturellen Fähigkeit zur Generierung von gewünschten Ergebnissen, können keinen gemeinsamen politischen Handlungswillen ersetzen.

2010 legte die Europäische Kommission eine  Machbarkeitsstudie vor, die im Februar 2010  um ein Strategiepapier einer Expertenarbeitsgruppe  erweitert  wurde.  Im  Rahmen  einer  privatwirtschaftlichen  Initiative  gründeten 

zwölf  Unternehmen  am  30.  Oktober  2009  die  DesertecStiftung, um eine klimafreundliche Energieversorgung aus  dem Nahen Osten und Nordafrika sicherzustellen. Ziel des  Konzepts  ist  es,  aus  Solar-  und  Windenergie  mittelfristig  den lokalen Strommarkt Nordafrikas und langfristig Europa  zu versorgen.
ScHLUSSBETRAcHTUNG

Das auf die dritte Novemberwoche verschobene Treffen der  Staats-  und  Regierungschefs  zum  15.  Jahrestag  der  EMP  wird  die  Chance  bieten,  sich  den  gemeinsamen  Herausforderungen  im  Mittelmeerraum  zu  stellen.  Mittelfristig  wird  es  gelingen,  erstens  innerhalb  der  EU  und  bei  den  südlichen Partnerstaaten im Rahmen der neuen institutionellen  Architektur  ausreichenden  gemeinsamen  Willen  zu  entwickeln,  um  die  neuen  Möglichkeiten  auch  tatsächlich  zu nutzen. Eins ist klar, „gute‟ Institutionen, im Sinne der  strukturellen Fähigkeit zur Generierung von gewünschten  Ergebnissen,  können  keinen  gemeinsamen  politischen  Handlungswillen  ersetzen.  Zweitens  sollte  die  Schwerpunktsetzung  der  UfM  mit  ihrer  starken  Projektorientierung als Mehrwert verstanden werden, um in quasi unpolitischen  bzw.  technischen  Bereichen  die  Vertrauensbasis  der südlichen Staaten untereinander und im Verhältnis zur  EU auszuweiten. Damit  dieser  Zielhorizont  erreicht  werden  kann,  müssen  die  EU,  ihre  Mitgliedstaaten  und  die  südlichen  Partnerstaaten  die  Realitäten  anerkennen.  Im  Zusammenhang  zwischen  der  Projektbetonung  und  der  Auslagerung  von  politischen,  sicherheitspolitischen  und  menschenrechtlichen Fragen gibt es zwei Denkrichtungen, die beide an den 

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begrenzten Erfolgen der EMP ansetzen: Die eine empfiehlt,  an  unpolitischen  Projekten  mittelfristig  festzuhalten,  bis  sich die regionale Lage so weit entspannt hat und gegenseitiges  Vertrauen  existiert,  um  dann  die  kritischen  Fragen  im  gemeinsamen  Rahmen  Die EU und ihre Mitgliedstaaten müszu  behandeln.  Argumentativ  beziehen  sich  sen lernen, unangenehme Themen Vertreter  dieser  Sichtweise  auf  den  erfolgreichen  Verlauf  der  europäischen  Integrationsgeschichte  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  und  der  supranationalen  Aufsicht  über  die  kriegswichtigen  Industrien  für  Kohle  und  Stahl,  die  die  EGKS  begründete.  Kritisch  gilt  es  hier  anzumerken,  dass  die weltpolitischen Gesamtzusammenhänge nach 1945 in  Europa  und  in  den  neunziger  Jahren  im  Mittelmeerraum  kaum historische Parallelen aufweisen. Die  andere  Denkrichtung  erachtet  es  als  einen  Nachteil,  dass  die  EMP  und  die  darauf  aufbauende  UfM  nicht  direkt  als  Instrument  zum  Einwirken  auf  die  Parteien  im  Nahost-Konflikt  eingesetzt  werden.  Israel  und  die  arabischen Parteien hingegen nutzen die gemeinsamen Treffen  als  Foren,  ihre  jeweiligen  Sichtweisen  im  Konflikt  zu  vertreten.  Sie  scheuten  sich  nicht,  dem  jeweiligen  Interesse folgend an bestimmten Sitzungen teilzunehmen oder  die  Teilnahme  abzusagen.  Insofern  müssen  die  EU  und  ihre Mitgliedstaaten endlich lernen, unangenehme Themen  aktiv  anzugehen  und  den  politischen  Dialog  auszuweiten  anstatt,  einer  Vogelstraußpolitik  folgend,  die  Augen  vor  den regionalen Realitäten zu verschließen. Mit  Blick  auf  die  UfM  bedeutet  dies,  aktiv  die  externen  Herausforderungen anzugehen, die an die Union herangetragen werden. Aus arabischer Sicht ist dies an erster Stelle  der Nahost-Konflikt, wobei ein stärkeres Engagement der  EU  gefordert  wird.  Es  ist  Aufgabe  der  EU,  vor  allem  der  Hohen  Beauftragten  Ashton,  mit  der  Stärkung  der  partnerschaftlichen Komponente im Rahmen des Ko-Vorsitzes  und dem gemeinsamen Sekretariat konstruktiv zu wirken.  Genauso  wenig  wie  die  israelische  Regierung  regionale  Gegebenheiten missachten kann, kann die arabische Seite  langfristig eine Politik der Isolierung Israels betreiben. An  alle  drei  Seiten  richtet  sich  der  Auftrag,  politische  Realitäten und regionale Gegebenheiten anzuerkennen.
aktiv anzugehen und den politischen Dialog auszuweiten anstatt die Augen vor den regionalen Realitäten zu verschließen.

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Darüber  hinaus  gilt  es,  gemeinsame  Schlussfolgerungen  und  Handlungsempfehlungen  aus  den  Auswirkungen  der  weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise, des Klimawandels  und  der  wechselseitigen  Energiebeziehungen  zu  ziehen.  Alle drei Themen verweisen auf den hohen Grad der politisch  gewollten  wechselseitigen  Verflechtung  und  gegenseitigen  Abhängigkeit.  Vor  diesem  Hintergrund  muss  die  Alternativlosigkeit  regionaler  und  transregionaler  Zusammenarbeit festgestellt werden. In diesem Zusammenhang  weisen  die  ausgewählten  Kooperationsprojekte  der  UfM  in  die  richtige  Richtung,  um  das  gegenseitige  Vertrauen  weiter zu stärken.

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DIE PHILIPPINEN NAcH DEN WAHLEN VOM 10. MAI 2010
Peter Köppinger
Dr. Peter Köppinger ist  Auslandsmitarbeiter  der Konrad-AdenauerStiftung auf den  Philippinen.

Am 10. Mai 2010 fanden in den Philippinen Wahlen statt.  Gewählt wurden der Präsident, der Vizepräsident, die erste  Parlamentskammer  (Kongress),  die  Hälfte  der  24  Senatoren  (zweite  Parlamentskammer),  die  Gouverneure  der  80  Provinzen  sowie  Bürgermeister  und  Ratsmitglieder  in  den  Städten  und  Gemeinden  (Municipalities)  des  Landes.  In dem weitgehend der ehemaligen amerikanischen Kolonialmacht  nachgebildeten  politischen  System  des  Landes  stellen die alle sechs Jahre stattfindenden Präsidentschaftswahlen einen bedeutenden Einschnitt im politischen Leben  dar, da der mit außerordentlicher Machtfülle ausgestattete  Präsident – anders als in den Vereinigten Staaten – nicht  erneut kandidieren darf, und da in dem vollständig personalisierten  Wahlsystem  des  Landes  politische  Parteien  keine wesentliche Rolle spielen. 
AUSGANGSLAGE VOR DEN WAHLEN

Durch einen von den mittelständischen Schichten des Großraums  Manila  und  der  Kirche  getragenen  Volksaufstand  gegen den korrupten Präsidenten Josep Estrada, ein in der  armen  Bevölkerung  populärer  Schauspieler,  war  im  Jahr  2001  die  Vizepräsidentin  Gloria  Macapagal  Arroyo  (GMA)  in  das  Präsidentenamt  gelangt.  Die  Ökonomin  aus  einer  der reichsten Familien des Landes genoss hohes Ansehen.  Ihr  wurde  allgemein  zugetraut,  an  die  erfolgreiche  Präsidentschaft  von  Fidel  V.  Ramos  anknüpfen  zu  können,  der  die  erst  1986  nach  dem  Ende  der  Marcos-Diktatur  wiedererrichtete  Demokratie  in  den  sechs  Jahren  seiner  Amtsperiode von 1992 bis 1998 stabilisiert und dem Land  mit mutigen Reformen einen wirtschaftlichen Aufschwung  ermöglicht hatte. Im Parlament stützte GMA sich auf eine 

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Koalition  ihrer  eigenen,  relativ  kleinen,  ursprünglich  liberalen  Partei  Kampi  mit  dem  christdemokratischen  Parteienverbund Lakas-CMD. Schon nach kurzer Zeit im Amt begannen ihre Popularitätswerte  dramatisch  zu  sinken.  Bei  der  nächsten  regulären  Präsidentenwahl  2004  konnte  sie  sich  nur  mit  knappem  Vorsprung  gegen  ihren  wichtigsten  KonkurDie derzeitige philippinische PräsidialVerfassung lässt eine Wiederwahl des Präsidenten nach Ende der sechsjährigen Amtszeit nicht zu.

renten, einen Schauspieler und Verbündeten  von  Estrada,  durchsetzen.  Ein  Jahr  später  wurden  Telefongespräche  veröffentlicht,  aus denen hervorging, dass sie offenbar mit 

Hilfe  der  staatlichen  Wahlkommission  das  Wahlergebnis  gefälscht  hatte.  Dies  sowie  ein  selbst  für  die  Philippinen  außergewöhnliches  Maß  an  Korruption,  Bereicherung  und  Paktieren  mit  machtbesessenen  und  menschenverachtenden Clans in zahlreichen Provinzen des Landes machten  sie im Laufe der folgenden Jahre zur unbeliebtesten Politikerin  in  der  jüngeren  Geschichte  des  Landes.  Sie  überstand  neun  Putschversuche  aus  den  Reihen  reformorientierter jüngerer Militärs und kandidierte in den Wahlen im  Mai  2010  für  ihren  Heimatwahlkreis  im  Kongress  (erste  Kammer  des  philippinischen  Parlaments)  –  nach  allgemeiner  Einschätzung  mit  dem  Ziel,  anschließend  über  eine  Verfassungsreform  ein  parlamentarisches  System  herbeizuführen,  in  dem  sie  als  Ministerpräsidentin  weiter  an der Macht bleiben könnte. Die derzeitige philippinische  Präsidial-Verfassung lässt eine Wiederwahl des Präsidenten  nach Ende der sechsjährigen Amtszeit nicht zu. 
ABLAUF UND ERGEBNISSE DER WAHLEN1

Zur Präsidentenwahl, die am 10. Mai 2010 gleichzeitig mit  den Wahlen zum Kongress und Senat und den Kommunalwahlen  stattfand,  wurden  von  der  staatlichen  Wahlkommission  insgesamt  acht  Bewerber  zugelassen,  darunter  auch  der  ehemalige  Präsident  Estrada,  der  nach  seiner 
1 |                  Die in diesem Artikel genannten Zahlen im Zusammenhang  mit den Wahlen vom 10. Mai 2010 sind den vorläufigen  Wahlergebnissen aus der offiziellen Website der Nationalen  Philippinischen Wahlkommission entnommen. Endgültige  Ergebnisse liegen in vielen Fällen noch nicht vor. Die Bewertungen und Einschätzungen in diesem Artikel gründen sich  vor allem auf persönliche Gespräche, die der Autor im Verlauf  der letzten neun Monate mit vielen einflussreichen Akteuren  im politischen Leben der Philippinen auf nationaler Ebene 

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Amtsenthebung 2001 wegen Diebstahls von Staatsgeldern  in  großem  Umfang  und  Korruption  zu  lebenslanger  Haft  verurteilt,  dann  aber  von  GMA  begnadigt 
Erstmals wurden in den rund 80.000 fragen  lag  vom  Herbst  2009  an  „Noynoy‟  Wahllokalen Maschinen eingesetzt, welche die Ergebnisse per Funk weiterleiten Aquino  vorn,  ein  bis  dato  wenig  bekannter,  sollten. Rund 75 Prozent der 51 Milliopolitisch  vergleichsweise  passiver  Senator,  nen Wahlberechtigten beteiligten sich an der Wahl.

worden  war.  In  regelmäßigen  Meinungsum-

der  nach  dem  Tod  seiner  von  der  Bevölke-

rung  verehrten  Mutter  Cory  Aquino  (Präsidentin in den Jahren der Wiedererrichtung der Demokratie  nach dem Sturz des Diktators Marcos) im August 2009 von  der liberalen Partei als Kandidat aufgestellt worden war. Im  Vorfeld  der  Wahlen  und  auch  am  Wahltag  kam  es  an  manchen  Orten  zu  politisch  motivierten  Gewalttaten  und  Morden,  die  meist  auf  das  Konto  von  herrschenden  Clans  in  einzelnen  Provinzen  und  Städten  gingen.  Sieht  man  von  dem  Massaker  in  Maguindanao  im  November  2009  ab,  bei  dem  Vertreter  des  dort  herrschenden  Clans  57  Menschen  –  Angehörige  einer  rivalisierenden  Familie  sowie  fast  30  begleitende  Journalisten  –  ermordet  hatten, lag die Zahl der Toten mit rund 60 deutlich unter  den  Opferzahlen  bei  früheren  Wahlen.  Nachdem  es  in  früheren  Wahlen  regelmäßig  zu  massiven  Unregelmäßigkeiten  gekommen  war  –  Stimmenkauf,  Einschüch-  terungen  von  Wählern,  Betrug  und  Fälschungen  bei  der  Auszählung  und  Übermittlung  der  ausgezählten  Ergebnisse  –  wurden  bei  dieser  Wahl  erstmals  in  den  rund  80.000  Wahllokalen  Maschinen  eingesetzt,  welche  die  manuell  ausgefüllten  Stimmzettel  elektronisch  einlesen  und die Ergebnisse per Funk weiterleiten sollten. Rund 75  Prozent der 51 Millionen Wahlberechtigten beteiligten sich  an  der  Wahl.  Aufgrund  unzureichender  Vorbereitung  der  Wahlhelfer und unzulänglicher Verfahrensvorgaben kam es  an vielen Orten zu stundenlangen Wartezeiten. Viele Wahllokale wurden wegen der langen Schlangen von Wartenden  erst eine Stunde nach der vorgegebenen Zeit geschlossen.   

               

führen konnte (darunter Präsident a.D. F. V. Ramos, General  Jose Almonte, Vizepräsident Binay, Gilberto Teodoro, Francis  Manglapus sowie Berater und enge Mitarbeiter von Präsident  Benigno Aquino und Senator Manny Villar). Daneben wurden  Berichterstattung und Kommentare in den wichtigsten großen  Tageszeitungen des Landes sowie Analysen in verschiedenen  angesehenen Internetmedien (unter anderem Newsbreak,  Malaya) ausgewertet.

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Eine nicht näher quantifizierbare Zahl von Wählern konnte  von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, weil sie bei  Schließung  des  jeweiligen  Wahllokals  noch  in  der  Warteschlange standen. Vor  der  Wahl  waren  von  Medien  und  politischen  Beobachtern  massive  Zweifel  geäußert  worden,  ob  die  Wahl  überhaupt  stattfinden  oder  zu  einem 
Es gibt Informationen, dass der ehemalige Präsident Fidel Ramos und sein früherer Sicherheitsberater Militär und Polizei davon abgebracht haben, die Wahlen zu verhindern.

Ergebnis  führen  würde.  Es  gab  zahlreiche  Anzeichen  dafür,  dass  GMA  nach  Wegen  suchte,  um  trotz  des  Verfassungsverbots  einer  erneuten  Kandidatur  an  der  Macht  zu bleiben oder zumindest sicherzustellen, 

anschließend  nicht  wegen  Korruption  vor  Gericht  gestellt  zu werden. Spekuliert wurde über ein Versagen der Hard-  oder Software bei der elektronischen Stimmenauszählung,  über  landesweite  Unterbrechungen  der  Stromversorgung  und über gewalttätige Auseinandersetzungen, die zu einer  Ausrufung  des  Ausnahmezustandes  oder  Kriegsrechts  mit  der  Folge  der  teilweisen  oder  vollständigen  Absage  der Wahlen hätten führen können. Nichts von alledem ist  eingetreten. Allerdings gibt es glaubwürdige Informationen  darüber,  dass  wenige  Tage  vor  der  Wahl  der  ehemalige  Präsident Fidel Ramos und sein früherer Sicherheitsberater  General Almonte gemeinsam die Führung von Militär und  Polizei davon abgebracht haben, zu intervenieren und die  Wahlen  zu  verhindern,  da  sie  offenbar  massive  Probleme  und  einen  neuen  Volksaufstand  (People’s Power)  seitens  der Aquino-Anhänger bei einer manipulierten Wahlniederlage fürchteten. Und noch in der Nacht vor der Wahl hätte  die  staatliche  Wahlkommission  die  Wahl  möglicherweise  abgesagt,  wenn  nicht  ein  ehemaliger  General,  der  eine  wichtige Funktion in der Kommission übernommen hatte,  die  Dinge  in  die  Hand  genommen  und  für  die  endgültige  Durchführung  der  Wahl  in  den  zahlreichen  Wahllokalen  grünes  Licht  gegeben  hätte.  Hintergrund  waren  Spekulationen  über  Vorbereitungen  eines  Putschs  seitens  des  kurz zuvor von GMA eingesetzten Armeechefs Bangit und  dadurch  ausgelöste  hektische  Aktivitäten  verfassungstreuer Generäle für einen präventiven Gegenputsch. Schon wenige Stunden nach der Schließung der Wahllokale  lagen  Ergebnisse  aus  rund  zwei  Dritteln  der  Wahllokale  vor – bei früheren Wahlen mit Handauszählung hatte das 

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regelmäßig mehrere Wochen gedauert. Danach lag Aquino  bereits  fast  uneinholbar  vorn.  Am  Ende  erzielte  er  mit  42,08 Prozent das beste Ergebnis, das ein Präsident unter  der Verfassung von 1987 jemals erreichte. Bei  der  unabhängig  von  der  Stimmabgabe  Aquino erzielte mit 42,08 Prozent das   für den Präsidenten erfolgten Wahl des Vize-

beste Ergebnis, das ein Präsident unter der Verfassung von 1987 jemals er  präsidenten  gewann  überraschend  Jejomar  reichte. Die Wahl zum Vizepräsidenten Binay, angjähriger  ürgermeister  er  eichsten  gewann überraschend Jejomar Binay. l B d r  

Stadt des Landes, „Makati‟, in Metro Manila.  Er  hatte  –  nachdem  eine  von  ihm  erhoffte  Präsidentschaftskandidatur  durch  seine  Partei  Lakas-Kampi  nicht  zustande  gekommen  war  –  im  Tandem  mit  Estrada  den  Wahlkampf  bestritten.  Der  Vizepräsidentschaftskandidat  und  Parteivorsitzende  der  Liberalen,  Mar  Roxas,  der  bis  zuletzt in den Umfragen geführt hatte, kam mit rund zwei  Prozent Rückstand nur als zweiter ins Ziel. Bei den Wahlen zum Kongress waren mehr als 110 Abgeordnete erfolgreich, die ihren Wahlkampf als Mitglieder der  bisherigen  Regierungspartei  Lakas-Kampi-CMD  geführt  hatten  (die  Gesamtzahl  der  in  Wahlkreisen  gewählten  Abgeordneten beträgt 229). Inzwischen zeigt es sich aber,  dass – ebenso wie nach früheren Wahlen – viele von ihnen  der  Partei  des  neuen  Präsidenten  beitreten  oder  sich  als  Unabhängige erklären und mit den Liberalen koalieren, um  in den Genuss lukrativer Positionen in den Parlamentsausschüssen sowie der massiven Geldzahlungen zu kommen,  die  vom  Präsidenten  an  die  Abgeordneten  für  von  ihnen  vorgeschlagene Projekte in ihren Wahlbezirken jährlich aus  dem nationalen Haushalt angewiesen werden. Neben den  Wahlkreisabgeordneten wurden mehr als 40 weitere Abgeordnete  von  Parteienlisten  so  genannter  marginalisierter  Bevölkerungsgruppen nach Proportionalverfahren gewählt.  Insgesamt waren seitens der staatlichen Wahlkommission  mehr als 160 solcher Parteilisten „marginalisierter‟ Bevölkerungsgruppen zur Wahl zugelassen worden, jede konnte  maximal  zwei  Vertreter  im  Kontingent  der  Parteilisten  in  den Kongress entsenden. Diese Parteilisten wurden vielfach  von Politikern der Oligarchie als Sprungbrett ins Parlament  genutzt, die aus irgendwelchen Gründen in ihren eigenen  Parteiorganisationen  nicht  aufgestellt  werden  konnten,  darunter  der  Sohn  von  Präsidentin  GMA  als  Vertreter  der  „Wachmänner-Partei‟.

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ANALySE DER WAHLERGEBNISSE

Der  alles  dominierende  Faktor  in  den  Wahlen  war  der  Wunsch  in  der  Bevölkerungsmehrheit,  die  Ära  GMA  definitiv  zu  beenden.  Aquino,  der  zunächst  nach  dem  Tod  seiner  Mutter  auf  einer  Welle  der  Nostalgie  und  der  Sehnsucht  nach  einer  sauberen  politischen 
Aquino konnte sich dauerhaft bei 40 Prozent halten, weil er die Rückkehr zu einer ehrlichen und sauberen Regierungspolitik zum Kernpunkt seiner Kampagne machte.

Führung mehr als 60 Prozent Zustimmungswerte  in  den  Umfragen  erhielt,  konnte  sich  auch  nach  dem  Abflauen  dieser  Stimmung  dauerhaft bei 40 Prozent halten, weil er die 

Rückkehr  zu  einer  ehrlichen  und  sauberen  Regierungspolitik zum Kernpunkt seiner Kampagne machte und sich  am deutlichsten von allen aussichtsreichen Kandidaten für  eine  Untersuchung  der  Korruptionsfälle  in  der  Amtszeit  von GMA aussprach. Sein lange Zeit stärkster Mitbewerber  um das Präsidentenamt, Senator Villar, ein aus einfachen  Verhältnissen  stammender  Self-Made-Multi-Millionär,  verlor drastisch an Boden und fiel am Ende sogar auf den  dritten  Platz  zurück,  nachdem  gut  zwei  Monate  vor  der  Wahl das – offensichtlich begründete – Gerücht die Runde  machte,  die  Präsidentin  finanziere  seinen  Wahlkampf  mit  und habe mit ihm einen Deal verabredet, wonach sie nach  der  Wahl  Sprecherin  im  Kongress  und  später  nach  einer  entsprechenden  Verfassungsreform  Ministerpräsidentin  werden könne. Der Kandidat der Regierungspartei LakasKampi-CMD,  der  ehemalige  Verteidigungsminister  und  angesehene Anwalt Gilberto Teodoro, hatte von vornherein  als  Kandidat  der  GMA-Partei  keine  Chance:  Seine  Unterstützung  durch  GMA  wurde  in  den  Medien  allgemein  als  „kiss  of  death‟  bezeichnet.  Und  auch  seine  persönliche  Integrität,  hohe  Kompetenz  und  Beliebtheit  unter  gebildeten jüngeren Wählern konnte das zu keinem Zeitpunkt  kompensieren. Dass  der  in  der  armen  Bevölkerung  weiterhin  populäre  ehemalige  Präsident  Estrada  trotz  seiner  früheren  Verurteilung  mit  mehr  als  25  Prozent  der  Stimmen  eine  Art  politisches Comeback feiern konnte, zeigt darüber hinaus,  dass  sich  große  Teile  der  armen  Bevölkerungsschichten  durch  die  von  den  reichen  Familien  dominierte  politische  Kaste ausgebeutet fühlen und einen Wechsel wollen – ein  Faktor,  der  zunächst  auch  Villar  zugute  kam.  Wie  stark  die  Unzufriedenheit  mit  der  derzeitigen  politischen  und 

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wirtschaftlichen  Situation  ist,  zeigt  sich  auch  daran,  dass  der  Sohn  des  Diktators  Marcos,  der  seinen  Vater  öffentlich glorifiziert, in der landesweiten Wahl von  zwölf  Senatoren  ganz  vorne  lag,  und  dass  Sowohl der Präsident und der VizepräImelda  Marcos,  die  80-jährige  Witwe  des  sident wie auch eine sehr große zahl
von Senatoren, Provinzgouverneuren,

Diktators, die zum ersten Mal seit dem Ende  Kongressabgeordneten und Bürgerder  Diktatur  1986  wieder  für  ein  politisches  meistern stammen aus den reichsten Amt kandidierte, mühelos in ihrem Heimatort  den Kongresswahlkreis gewann.
Familien des Landes oder aus Familien, die seit Jahrzehnten das politische und gesellschaftliche Leben dominieren.

Ein  weiteres  herausragendes  Merkmal  der  Wahlen  war  die  gegenüber  den  vorhergehenden  Wahlen  sogar  wieder  verstärkte Dominanz der so genannten politischen Dynastien. Sowohl der Präsident und der Vizepräsident wie auch  die  Mehrzahl  der  gewählten  Senatoren  und  Provinzgouverneure und eine sehr große Zahl von Kongressabgeordneten  und  Bürgermeistern  stammen  entweder  aus  den  reichsten  Familien  des  Landes  oder  aus  Familien,  die  in  ihren Heimatprovinzen seit Jahrzehnten das politische und  gesellschaftliche Leben dominieren und in der Regel auch  wirtschaftliche Machtpositionen einnehmen. Bei den national gewählten Positionen (Präsident, Vizepräsident und Senatoren) ist ohnehin klar, dass aufgrund des  landesweit  erforderlichen  Wahlkampfes  in  dem  95-Millionen-Volk mit mehr als 7000 Inseln und der Nichtexistenz  von  staatlicher  Wahlkampfkostenerstattung  wie  auch  organisatorisch  und  finanziell  schlagkräftiger  politischer  Parteien  nur  Bewerber  eine  Chance  haben,  die  selbst  prominent  und  reich  genug  sind,  um  zweistellige  DollarMillionen-Beträge  aufzubringen,  oder  die  von  reichen  Familien entsprechend gefördert werden. Bei  den  bedeutsamen  regional  oder  örtlich  gewählten  Positionen  stellen  die  in  den  jeweiligen  Provinzen  wirtschaftlich  und  politisch  herrschenden  Dynastien  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  sowohl  den  Gouverneursposten  wie  auch  die  Wahlkreisabgeordneten  für  den  Kongress  und  die  wichtigsten  Bürgermeisterpositionen  in  der  jeweiligen  Provinz.  Die  Sicherung  dieser  Positionen  erfolgt  meist  durch  die  Fortführung  des  alten,  aus  der  spanischen  Kolonialzeit  übernommenen  Patronagesystems,  in  dem  finanzielle  Begünstigungen,  die  Vergabe  wichtiger  Positionen  und  auch  soziale  Fürsorge  zur  Sicherung   

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von  Mehrheiten  eingesetzt  werden,  daneben  aber  auch  Einschüchterung  und  in  manchen  Fällen  auch  brutale  Gewalt,  wenn  die  Besetzung  dieser  Positionen  durch  die  eigene  Dynastie  von  konkurrierenden  Familien  oder  auch  charismatischen  Außenseitern  oder  Aktivisten  in  Medien  und Nichtregierungsorganisationen in Frage gestellt wird. 
DIE POLITIScHE LAGE NAcH DEN WAHLEN

Der neue Präsident Benigno „Noynoy‟ Aquino, der am 30.  Juni sein Amt angetreten hat, steht vor großen Herausforderungen: ▪  In  seinem  politischen  Lager  bekämpfen  sich  öffentlich  vier verschiedene Flügel:  1. die führenden Vertreter der liberalen Partei, die nach  der Niederlage ihres Parteivorsitzenden Mar Roxas bei  der Vizepräsidentenwahl besonders sensibel reagieren  und den Verdacht haben, dass sie von anderen Teilen  des Aquino-Lagers bewusst betrogen worden sind; 2. die  Mitglieder  und  Einflusspersonen  der  reichen  Aquino-Familie; 3. die  zahlreichen  ehemaligen  Kabinettsmitglieder  und  einflussreichen  Mitarbeiter  GMAs,  die  im  Laufe  der  Jahre  und  insbesondere  angesichts  der  absehbaren  Lakas-Kampi-CMD-Niederlage in den letzten Monaten  ins Aquino-Camp übergelaufen sind; 4. die  große  Gruppe  der  meist  jungen  und  enthusiastischen  Noynoy-Anhänger  aus  Zivilgesellschaft  und  Nichtregierungsorganisationen,  die  die  anderen  drei  Gruppen mit großem Misstrauen als Trapos (traditionelle Politiker) ansehen. Ihre  Vorstellungen  zur  zukünftigen  Regierungspolitik  gehen weit auseinander und sind vielfach sogar gegensätzlich. ▪  Es  wird  für  Aquino  trotz  der  nach  den  Wahlen  üblichen  großen  Zahl  von  Parteiwechslern  und  Überläufern  aus  allen  anderen  Lagern  sehr  schwer  sein,  sich  eine  Mehrheit  im  Kongress  für  seine  zukünftigen  Gesetzesvorhaben  zu  sichern,  nachdem  seine  liberale  Partei  bei  den  Wahlen  weniger  als  50  der  229  Wahlkreismandate  gewinnen  konnte.  Will  er  nicht  als  handlungsunfähiger  und passiver Präsident in die Geschichte eingehen, muss 

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er  wahrscheinlich  Koalitionen  mit  anderen  Gruppen  im  Kongress eingehen, die die ohnehin zu überbrückenden  Meinungsverschiedenheiten  in  seinem  Regierungslager  weiter verschärfen werden. ▪  Sein  wichtigstes  Wahlversprechen,  eine  saubere  Regierung,  der  Abbau  von  Korruption,  Vetternwirtschaft  und  Begünstigungen, wird nur schwer erfolgreich einzulösen  sein,  weil  er  die  erforderlichen  Mehrheiten  für  gesetzliche  Regelungen  in  Kongress  und  Senat  sowie  die  Unterstützung  in  der  staatlichen  Bürokratie  und  in  einflussreichen  notwendigen Reformen zur öffnung
Sollte Aquino versuchen, die dringend der Märkte anzugehen, wird er auf den

gesellschaftlichen  Kreisen  wahrscheinlich  massiven Widerstand seiner eigenen nur  sichern  kann,  wenn  er  hierzu  die  in  Familie und der philippinischen Oligarden  vergangenen  Jahren  üblichen  Instrumente einsetzt, nämlich: Begünstigungen,  Zuwendungen aus dem Staatshaushalt, Korruption. Die  Gefahr ist groß, dass er im Dilemma zwischen Wirkungslosigkeit  und  Verlust  seiner  Glaubwürdigkeit  zerrieben  wird. ▪  Sollte er versuchen, die größeren, dringend notwendigen  Reformen zur Öffnung der Märkte nach außen und innerhalb des Landes, zur Verbesserung des repräsentativen  und  partizipativen  Charakters  und  der  Effektivität  des  politischen  Systems  anzugehen  –  was  im  Wesentlichen  nur  über  Verfassungsänderungen  möglich  ist  –,  wird  er nicht nur mit der aus seinem eigenen Lager vor den  Wahlen  geschürten  Dämonisierung  von  Verfassungsänderungen  zu  kämpfen  haben,  sondern  auch  auf  den  massiven  Widerstand  seiner  eigenen  Familie  und  mit  ihr  verbundener  Familien  aus  der  philippinischen  Oligarchie  stoßen,  die  in  der  Nach-Marcos-Ära  die  Verfassung  erfolgreich  so  beeinflusst  haben,  dass  Staat  und  Wirtschaft fest in ihrem Griff bleiben. Selbst die schlichte  Umsetzung von wichtigen, längst beschlossenen Reformvorhaben  kann  ihn  in  große  Schwierigkeiten  bringen.  So  bleibt  zum  Beispiel  abzuwarten,  ob  er  die  Blockade  der  Landreformvorschriften  auf  dem  Stammsitz  seiner  Familie, die mit juristischen Mitteln in den vergangenen  Jahrzehnten durch seine Familie betrieben worden ist, in  absehbarer Zeit aufgeben wird.
chie stoßen.

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Im Übrigen bleibt nur zu hoffen, dass es ihm gelingt, neben  reformbereiten  Kräften  in  seinem  eigenen  Lager  auch  reformorientierte Gruppen aus anderen politischen Lagern  in seine Politik einzubinden, und dass er sich als entscheidungsstarker  und  geschickter  Führer  des  Landes  profilieren  kann  –  wofür  es  bislang  nicht  allzu  viele  Hinweise  gab. Positiv ist zu vermerken, dass bei den im Juni publik  gewordenen  Kandidaten  für  die  wichtigsten  Ämter  in  der  neuen  Administration  (Justizminister,  Finanzminister  und  andere)  Persönlichkeiten  überwiegen,  die  als  sauber  und  kompetent gelten. 
DIE LAGE DER cHRISTDEMOKRATEN

Die Parteien im traditionellen System nach der Unabhängigkeit – Nationalistische Partei und Liberale Partei – haben sich  in  der  Vergangenheit  zu  keinem  Zeitpunkt  als  Mitglieder-  und  Programmparteien  wirklich  landesweit  etabliert.  Die  Christdemokraten,  die  sich  seit  Ende  der  sechziger  Jahre  aus  verschiedenen  christlich-sozialen  Bewegungen  als  Programmpartei  gebildet  hatten  –  geführt  vor  allem  von  Raul  Manglapus  –  konnten  sich  nicht  zu  einer  wirklichen  Mitgliederpartei  entwickeln,  nachdem  Marcos  Anfang  der  siebziger Jahre die demokratische Verfassung außer Kraft  setzte  und  Manglapus  sowie  viele  seiner  Mitstreiter  ins  Exil oder in den zunehmend von den Kommunisten dominierten  Untergrund  gingen.  Nach  dem  Fall  der  MarcosDiktatur schlossen sich die seit Anfang der achtziger Jahre  wieder aktiven christdemokratischen Gruppen der breiten  demokratischen  Koalition  unter  Präsidentin  Cory  Aquino  an.  Ihre  Führungspersönlichkeiten  wurden 
Die ersten Reden der Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo waren 2001 stark von christdemokratischem Gedankengut geprägt. Die Partei selbst aber kümmerte vor sich hin.

in  die  Regierung  eingebunden,  ohne  dass  eine  systematische  Parteiarbeit  zur  Schaffung  einer  Mitgliederbasis  stattfand.  Nach  dem  Ende  der  Regierungszeit  von  Cory 

Aquino wurde unter ihrem von dem christdemokratischen  Parteienbündnis „Lakas-CMD‟ getragenen Nachfolger Fidel  V.  Ramos  zwar  die  Programmarbeit  verstärkt,  insbesondere durch seinen Sicherheitsberater, den als „denkender  General‟  titulierten  christdemokratischen  Vordenker  Jose  T. Almonte. Sie kam aber fast ausschließlich der Regierung  zugute,  die  Partei  fand  kaum  mehr  statt,  zumal  auch  die  verschiedenen  in  die  Koalition  einbezogenen  christdemokratischen Mini-Parteien nie wirklich fusioniert hatten.

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Nach der massiven Niederlage des wenig charismatischen  Parteiführers  Jose  de  Venecia  im  Präsidentenwahlkampf  1998  gegen  den  Schauspieler  Josep  Estrada  ruhten  die  Hoffnungen der Christdemokraten auf politischen Einfluss  verstärkt  auf  der  gewählten  Vizepräsidentin  Gloria  Macapagal Arroyo, die mit ihrer kleinen ehemals liberalen Partei  Kampi  eine  Koalition  mit  den  Lakas-Christdemokraten  unter  Jose  de  Venecia  eingegangen  war.  Mit  dem  Volksaufstand gegen Estrada und der Übernahme des Präsidentenamtes  durch  GMA  2001  wurde  Lakas-Parteiführer  de  Venecia erneut Sprecher des Kongresses und sicherte für  GMA  die  Mehrheit  im  Parlament.  Auch  die  ersten  Reden  und die Regierungserklärung von GMA waren stark geprägt  von christdemokratischem Gedankengut. Die Partei selbst  aber kümmerte vor sich hin, ohne dass der Versuch unternommen  wurde,  sie  systematisch  als  Programm-  und  Mitgliederpartei aufzubauen und zu etablieren. Mit dem vor allem durch Wahlfälschungen und Korruption  bedingten  Ansehensverlust  von  GMA  in  den  Jahren  ab  2003 kamen auch die Christdemokraten in der Regierungskoalition in eine schwierige Lage. Als zentrale Verbündete  der  Präsidentin  waren  sie  von  dem  Popularitätsschwund  mit betroffen. Fidel Ramos, der 2005/2006 mit massivem  persönlichem Einsatz die angeschlagene Präsidentin noch  einmal vor dem Sturz bewahrt hatte, sah sich anschließend  von  ihr  getäuscht  und  begann,  sich  zu  distanzieren.  Im  Jahr 2008 wurde Jose de Venecia von GMA aus dem Amt  des Sprechers des Kongresses verdrängt, nachdem er sich  mit seinem Sohn solidarisiert hatte, der einen der zahlreichen Korruptionsskandale der Präsidentenfamilie öffentlich  gemacht hatte. Gleichzeitig ließ GMA Beschlüsse über eine  formelle Fusion von Lakas-Kampi-CMD von satzungsmäßig  hierzu  nicht  legitimierten  Führungsgremien  fassen  und  schloss  de  Venecia  aus  der  Partei  aus.  Da  Lakas-CMD  als  Mitglieder-  und  Programmpartei  unter  de  Venecia  nie  entwickelt  worden  war,  konnte  er  sich  dagegen  auch  innerparteilich nicht wehren. Sein Versuch, die Fusion vor  staatlicher Wahlkommission und oberstem Gerichtshof für  ungültig erklären zu lassen, war nicht erfolgreich. Ende  Oktober  2009  beschloss  der  Nationalrat  von  LakasKampi-CMD,  die  Spitzenkandidatur  für  die  Präsidentschaftswahlen 2010 Verteidigungsminister Gilberto Teodoro 

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(„Gibo‟)  anzutragen,  der  sich  als  Harvard-Absolvent  und  angesehener Anwalt sowie als hochkompetenter, sauberer  und  entscheidungsstarker  Politiker  einen  sehr  guten  Ruf  erworben  hatte.  Die  Lage  der  ChristdemoEnde Oktober 2009 beschloss der Nationalrat von Lakas-Kampi-cMD, die Spitzenkandidatur für die Präsidentschaftswahlen 2010 Verteidigungsminister Gilberto Teodoro anzutragen.

kraten insgesamt blieb konfus. Die christdemokratischen  Lakas-CMD-Persönlichkeiten  waren teilweise mit de Venecia aus der Partei  ausgestiegen  und  unterstützten  im  Wahlkampf Noynoy Aquino, Villar, Senator Gordon 

oder sogar Estrada. Ein Teil verblieb weiterhin in der Lakas  und unterstützte Gibo. Es war aber bereits abzusehen, ▪  dass Lakas-Kampi-CMD nach der kaum zu gewinnenden  Wahl auseinanderfallen würde,  ▪  dass  Jose  de  Venecia,  der  im  Land  nicht  populär  ist,  keine Chance mehr haben würde, eine relevante Partei  der „Lakas-Originals‟ wieder aufzubauen, ▪  und  dass  andererseits  christdemokratische  Persönlichkeiten,  die  sich  im  Wahlkampf  ins  liberale  Lager  von  Noynoy  oder  ins  Lager  von  Senator  Villar  begeben  hatten,  nach  der  Wahl  daran  interessiert  sein  würden,  wieder  einer  eigenständigen,  zentristisch  (christlich/ muslimischen) demokratischen Bewegung anzugehören. Bereits  im  März  2010  trat  Gibo  vom  Amt  des  „PartyChairman‟ der Lakas-Kampi-CMD zurück, das er mit seiner  Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Partei übernommen  hatte.  Grund  war  vor  allem,  dass  GMA  damit  begonnen  hatte,  Mittel,  die  für  die  Unterstützung  des  Wahlkampfs  kommunaler  Kandidaten  der  Lakas  vorgesehen waren, statt dessen direkt oder über ihren Ehemann  in den Wahlkampf von Senator Villar umzuleiten, dem zu  diesem Zeitpunkt noch gute Chancen eingeräumt wurden,  die  Präsidentenwahl  zu  gewinnen.  Francis  Manglapus,  Sohn  des  ehemaligen  christdemokratischen  Führers  und  Außenministers Raul Manglapus und enger Vertrauter von  Gibo, verblieb weiterhin als hauptamtlicher Parteipräsident  in  der  Lakas-Führung,  trat  von  seinem  Amt  aber  unmittelbar  nach  den  Wahlen  zurück,  nachdem  GMA  das  Amt  des  ehrenamtlichen  „Party-Chairman‟  wieder    bernahm.  ü Ob  die  Christdemokraten  –  im  Verbund  mit  wertorientierten  Muslim-Gruppen  –  in  absehbarer  Zeit  wieder  wesentlichen  Einfluss  in  der  philippinischen  politischen  Landschaft  gewinnen  können,  wird  maßgeblich  davon 

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abhängen, ob es gelingt, unter jüngeren, wertorientierten  Multiplikatoren aus akademischen Kreisen, Privatwirtschaft  und Zivilgesellschaft Anhänger für einen unbelasteten politischen  Neubeginn  zu  mobilisieren  und  eine  solche  neue  „zentristische‟  demokratische  Bewegung  auch  mit  klarer  Programmatik und straffer Organisation aufzubauen. 
PERSPEKTIVEN

In  den  vergangenen  20  Jahren  ist  deutlich  geworden,  dass  das  politische  System  der  Philippinen,  wesentlich  geprägt  durch  die  Verfassung  von  1987,  echte  demokratische  Repräsentation  und  Partizipation  massiv  behindert  und  die  Geiselnahme  des  philippinischen  Staates  sowie  die Beherrschung der philippinischen Wirtschaft durch die  herrschenden  Familien  des  Landes  festschreibt.  Zu  den  wesentlichen  institutionellen  Schwächen  des  philippinischen Systems gehören vor allem folgende Faktoren: 1.  Zum  einen  sind  da  die  lange  Amtsperiode  und  enor-  men  finanziellen  und  personellen  Entscheidungsspielräume  des  Präsidenten,  die  kaum  vorhandene  parlamentarische  und  juristische  Kontrolle  seines  Handelns  und  das  Verbot  einer  erneuten  Kandidatur  für eine zweite Amtszeit. Einerseits sind politische und  auch  personelle  Korrekturnotwendigkeiten  in  einem  solchen  System  stark  erschwert,  des  Weiteren  fehlt  ein wesentlicher Anreiz für eine am Volk  orientierte  Politik  (das  Bemühen  um  Ob die christdemokraten wieder wewird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, jüngere, wertorientierte Multiperiode  des  jeweiligen  Präsidenten  die  plikatoren aus akademischen Kreisen, Privatwirtschaft und zivilgesellschaft Möglichkeiten  einer  mittelfristigen  und  für einen unbelasteten politischen Neusomit nachhaltigen Reformpolitik massiv  beginn zu mobilisieren.

Wiederwahl),  und  schließlich  sind  auch  sentlichen Einfluss gewinnen können,

durch  die  insgesamt  kurze  Einfluss-

eingeschränkt. 2.  Nachteilig  ist  auch  das  Wahlrecht,  das  die  Abgeordneten  der  ersten  Kammer  des  Parlaments  (mit  Ausnahme  der  Parteilistenkandidaten)  ausschließlich  über Persönlichkeitswahl in den Wahlkreisen bestimmt.  Hiermit haben – vor dem Hintergrund der vielfach noch    intakten alten Patronagestrukturen – politische Parteien    keine Einflussmöglichkeiten auf die Auswahl der Volksvertreter, keine Anreize für programmatische Ansätze 

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auf nationaler Ebene und im Grunde wenig Existenzberechtigung  neben  der  Durchführung  des  Wahlkampfs  im  Auftrag  und  mit  dem  Geld  ihrer  jeweils  selbsternannten Führer und Sponsoren. 3.  Nach  Proportionalwahlrecht  werden  20  Prozent  der  Kongressabgeordneten  aus  so  genannten  Parteilisten  „marginalisierter  Bevölkerungsgruppen‟  gewählt.  Da  es an rechtlich belastbaren Kriterien für die Definition  „marginalisierter Bevölkerungsgruppen‟ fehlt, hat die  nationale  Wahlkommission  inzwischen  mehr  als  180  solcher  Parteilisten  zugelassen,  von  denen  sich  mehr  als  160  an  den  Wahlen  am  10.  Mai  beteiligt  haben.  Jede  von  ihnen  darf  maximal  zwei  Abgeordnete  in  den Kongress entsenden, auch wenn ihr prozentualer  Anteil nach dem Proportionalsystem eine größere Zahl  begründen  würde.  Folge  sind  die  weitere  Fragmentierung  des  Parlaments,  die  Nichtberücksichtigung  der  Interessen  echter  marginalisierter  Bevölkerungsgruppen in den so genannten regulären Parteien und  die  Instrumentalisierung  dieser  Parteilisten  durch  Mitglieder der Familien-Dynastien, die sich als 
Durch das Wahlrecht haben politische Parteien keine Einflussmöglichkeiten auf die Auswahl der Volksvertreter, keine Anreize für programmatische Ansätze und wenig Existenzberechtigung neben der Durchführung des Wahlkampfs.

Preis  für  die  Finanzierung  des  aufwendigen  landesweiten  Wahlkampfs  einzelner  Parteilisten  für  die  Spitzenposition  nominieren  lassen.  Insgesamt  hat  dieses  ProportionalElement  im  philippinischen  Wahlrecht  somit  gegenteilige  Auswirkungen  als  ein  echtes 

Proportional-Element,  das  neben  der  Direktwahl  in  Wahlkreisen auch die Wahl einer relevanten Zahl von  Vertretern  aller  zur  Wahl  zugelassenen  Parteien  über  regionale  oder  nationale  Parteilisten  vorsehen  und  somit  zur  Integration  von  Minderheiteninteressen  in  die Programme der großen Parteien und zur Stärkung  der politischen Stellung der Parteien auch in der Parlamentsarbeit beitragen kann. 4.  Der  aufwendige  landesweite  Wahlkampf  für  die  24  Senatorenposten  in  der  zweiten  Parlamentskammer  kann angesichts des Fehlens von Parteien- und öffent-  Wahlkampfkostenfinanzierung  fast  nur  von  Vertrelicher  tern  der  Dynastien  oder  von  durch  sie  unterstützten  öffentlich bekannten Personen (Schauspieler, Medienpersönlichkeiten  usw.)  erfolgreich  bestritten  werden.   

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Die  weitreichenden  Blockaderechte  des  Senats  bei  allen nationalen Gesetzgebungsvorhaben geben damit  den dominierenden Familien des Landes ein wirkungsvolles Instrument an die Hand, mit dem sie alle unliebsamen  Reformen  abblocken  können,  auch  wenn  sie  durch  einen  reformorientierten  Präsidenten  und  eine  Mehrheit im Kongress getragen werden. 5.  Die  Direktwahl  des  Vizepräsidenten  durch  das  Volk  unabhängig  von  der  Wahl  des  Präsidenten  kann  im  günstigsten  Fall  dazu  beitragen,  dass  sich  eine  Regierung auf eine breitere Mehrheit in den ebenfalls  unabhängig vom Präsidenten gewählten  beiden Kammern des Parlaments stützen  Der
aufwendige landesweite Wahlkampf für die 24 Senatorenposten kann kann.  In  der  Regel  führt  sie  aber  dazu,  fast nur von Vertretern der Dynastien dass  der  Präsident  von  Beginn  seiner  oder von durch sie unterstützten öffentAmtszeit  an  einen  Konkurrenten  neben  lich bekannten Personen erfolgreich bestritten werden.

sich  hat,  dessen  Hauptinteresse  die  Verbesserung  seiner  politischen  Aus- 

gangsposition  für  die  kommenden  Präsidentschaftswahlen oder gar das Hinarbeiten auf das Scheitern der  Politik des Präsidenten und seine vorzeitige Ablösung  durch ein Absetzungsverfahren ist. 6.  Problematisch  sind  die  so  genannten  Pork barrels,  jährliche Mittelzuweisungen aus dem nationalen Haushalt direkt an die Mitglieder des Abgeordnetenhauses  (Kongress) für von ihnen persönlich ausgesuchte und  vorgeschlagene  „Projekte‟  in  ihrem  jeweiligen  Wahlkreis. Diese Projekte sind weder notwendigerweise mit  den  staatlichen  Entwicklungsplänen  noch  mit  den  im  Local Government Code  vorgesehenen  partizipativen  Entwicklungsmechanismen  auf  örtlicher  Ebene  abgestimmt. Angesichts der beträchtlichen Gesamtsumme  von  umgerechnet  zwischen  200  und  300  Millionen  Euro,  der  Möglichkeit,  die  einzelnen  Kongressmitglieder mit unterschiedlichen Summen zu berücksichtigen und des direkten Einflusses des Präsidenten auf  diese  Zuteilung  sind  sie  ein  ideales  Instrument  zur  Kontrolle  der  ersten  Parlamentskammer  durch  den  Präsidenten  und  zur  Schwächung  von  deren  Kontrollfunktion  gegenüber  der  Exekutive.  Die  Frage  der  Akquisition nationaler Haushaltsmittel für Projekte im  jeweiligen Wahlkreis ist ja ein wichtiges Kriterium für 

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die Wiederwahlchancen des jeweiligen Abgeordneten –  neben seiner Zugehörigkeit oder Unterstützung durch  die örtlich dominierenden Familien oder Dynastien. 7.  Das  Fehlen  eines  Parteiengesetzes  und  insbesondere  einer  staatlich  regulierten  und  unterstützten  Parteienfinanzierung  und  Wahlkampffinanzierung  führt  zu  einer  totalen  Abhängigkeit  aller  Kandidaten  von  der  Finanzierung  durch  reiche  Sponsoren.  Es  zementiert  den  Einfluss  der  Dynastien  und  reichen  Familien  auf  regionaler  wie  nationaler  Ebene  und 
Das Fehlen einer staatlich regulierten Parteienfinanzierung und Wahlkampffinanzierung zementiert den Einfluss der Dynastien und fördert die Korruption der einmal gewählten Mandatsträger.

fördert die Korruption der einmal gewählten  Mandatsträger,  die  ja  nach  der  Wahl  versuchen,  mindestens  das  in  den  Wahlkampf  investierte Geld wieder zurückzuerhalten.

8.  Ein  Schwachpunkt  ist  das  Fehlen  ordnungspolitischer  Rahmengesetzgebung im Hinblick auf die Offenhaltung  des  Zugangs  zu  nationalen  und  regionalen/lokalen  Märkten,  den  Schutz  gegen  unlauteren  Wettbewerb,  die Vermeidung oder Kontrolle von Kartellen und Monopolen.  Hintergrund  ist  die  Beherrschung  lukrativer  nationaler  und  lokaler  Märkte  und  Teilmärkte  durch  die  reichen  Familien,  die  kein  Interesse  an  offenem  Wettbewerb haben – der aber zu mehr Wachstum und  Arbeitsplätzen  und  zu  besseren  Voraussetzungen  für  wirksame Armutsbekämpfung führen würde. 9.  Weiterhin  völlig  unzureichend  verläuft  die  Dezentralisierung  der  politischen  Entscheidungskompetenzen  auf  die  Regionen,  Provinzen,  Städte  und  Gemeindeverbände,  inklusive  der  entsprechenden  fiskalischen  Dezentralisierung. Nach dem ersten großen Schritt mit  der Erarbeitung und Inkraftsetzung des Local Government Codes im Jahr 1991 sind keine weiteren Schritte  mehr  erfolgt.  Die  Umsetzung  der  Vorschriften  des  Codes  erfolgt  nur  punktuell  an  Orten  mit  besonders  engagierten  politischen  Führungspersönlichkeiten.  Verwaltungsstrukturen  Auch  die  dringend  notwendige  Regionalisierung  von  Entscheidungskompetenzen,  und  Finanzmitteln  kommt  trotz  intensiver  Diskussion  seit vielen Jahren nicht vom Fleck. Schließlich können  auch die Minderheitenprobleme des Landes im Grunde   

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nur über die Schaffung verfassungsrechtlicher Voraussetzungen für echte Autonomie-Regelungen oder den  Aufbau föderalistischer Strukturen gelöst werden. Es hat sich gezeigt, dass viele sehr konkrete  Erfahrene philippinische christdemound  in  der  philippinischen  Öffentlichkeit  kraten bezeichnen es inzwischen als durchaus wahrgenommene Initiativen inlänihren größten Fehler, den Aufbau einer programmorientierten, Mitgliedischer  wie  auch  ausländischer  Akteure  zur  der-basierten Partei nicht ernsthaft betrieben zu haben. Es führt kein Reform dieser Systemschwächen leer laufen,  Weg daran vorbei, damit jetzt systeweil  es  keine  organisierte  philippinische  matisch und ernsthaft zu beginnen.

politische Kraft gibt, die diese Reformen mit  Nachdruck im politischen Tagesgeschäft verfolgt. Dies wäre  naturgemäß  Aufgabe  zentristischer  politischer  Parteien,  die  angesichts  des  weiterhin  sehr  lebendigen  christlichen  Wertefundaments  in  der  philippinischen  Gesellschaft  sehr  gute Existenzbedingungen hätten. Erfahrene  philippinische  Christdemokraten,  die  bereits  in  den sechziger Jahren mit Bruno Heck und Raul Manglapus  zusammen  den  Aufbau  einer  solchen  Partei  begonnen  haben, bezeichnen es inzwischen als ihren größten Fehler,  dass  sie  dies,  den  Aufbau  einer  programmorientierten,  Mitglieder-basierten  Partei,  nicht  ernsthaft  betrieben  haben.  Zwar  wird  ein  solches  Vorhaben  wegen  der  im  philippinischen  Wahlrecht  fehlenden  Anreize  für  aktive  politische  Parteien  nicht  einfach  sein,  andererseits  führt  aber  kein  Weg  daran  vorbei,  damit  jetzt  systematisch  und ernsthaft zu beginnen, wenn man die politischen und  ökonomischen  Probleme  der  Philippinen  wirklich  mittel-  und langfristig lösen will. Eine  solche  neue  zentristisch-demokratische  Bewegung  könnte  auch  die  immer  noch  zahlreichen  christdemokratischen  und  muslim-demokratischen  Kongressabgeordneten,  Provinzgouverneure,  Bürgermeister  und  örtlichen  Ratsmitglieder  ansprechen  und  einbinden,  die  sich  weder  unter die Fittiche der liberalen Präsidentenpartei begeben  noch  in  der  erneut  von  der  politisch  völlig  diskreditierten  ehemaligen Präsidentin GMA geführten Lakas-Kampi-CMD  verbleiben wollen. Hierbei könnte durchaus auch Gilberto  Teodoro  wieder  ins  Spiel  kommen,  der  als  Persönlichkeit  trotz  seines  enttäuschenden  Wahlergebnisses  aufgrund  seiner hohen Kompetenz und seines sauberen Wahlkampfes   

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vor allem bei jungen gebildeten Philippinos hohe Zustimmungsraten  hat.  Abzuwarten  bleibt  allerdings,  inwieweit  der neu gewählte Vizepräsident Binay mit seinem Versuch  Erfolg haben wird, die PDP – eine der christdemokratischen  Gruppen bei der Wiedererrichtung der Demokratie in den  achtziger Jahren – von oben her, mit massivem Mitteleinsatz wiederzubeleben und als Instrument für seinen Wahlkampf  um  die  Position  des  Präsidenten  im  Jahr  2016  zu  nutzen.
Ein zusammengehen liberaler, sozialdemokratischer und christdemokratisch-muslimischer Bewegungen zur Formulierung und schrittweisen Durchsetzung einer nachhaltigen Reformpolitik erscheint nicht ausgeschlossen.

Auch  im  liberalen  Spektrum  –  insbesondere  in der liberalen Partei um ihren bei den Vizepräsidentschaftswahlen  unterlegenen  Präsidenten Mar Roxas – und im Bereich sozialdemokratisch orientierter Gruppen, die sich im  Rahmen von „Parteilisten‟ organisiert haben, 

gibt es inzwischen Tendenzen, sich gezielt um den Aufbau  seriöser,  Programm-orientierter  und  Mitglieder-basierter  Parteien  zu  bemühen,  um  damit  Instrumente  zur  Stabilisierung von Demokratie, Rechtsstaat und sowohl gerechter  wie  funktionsfähiger  Wirtschafts-  und  Sozialordnung  zu  schaffen. Ein Zusammengehen solcher liberaler, sozialdemokratischer und christdemokratisch-muslimischer Bewegungen zur Formulierung und schrittweisen Durchsetzung  einer  nachhaltigen  Reformpolitik  erscheint  somit  nicht  ausgeschlossen. Von  besonderer  Bedeutung  für  die  nähere  Zukunft  ist  natürlich der Erfolg der neuen „Aquino-Administration‟ im  Hinblick  auf  die  Korrektur  institutioneller  Schwächen  der  philippinischen Demokratie. Vor allem  ▪  die Korrektur des geltenden Wahlrechts für den Kongress  und  die  Umwandlung  des  Parteilistensystems  in  ein  echtes proportionales Element,  ▪  eine rechtliche Regelung von Parteien- und Wahlkampffinanzierung, die eine gewisse Unabhängigkeit von Spon-  soren  aus  den  herrschenden  Familien  und  Dynastien  ermöglicht, sowie  ▪  die  Schaffung  von  Rechtsvorschriften  und  Aufsichtsbehörden,  die  Märkte  öffnen  und  Vermachtungen  verhindern, 

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müssen als Prüfsteine für die Reform- und Zukunftsorientierung der neuen Administration angesehen werden. Daneben  muss  ein  massiver  Mitteleinsatz  zur  Verbesserung  der  Infrastruktur  im  Bildungs-,  Gesundheits-  und  Forschungsbereich  Priorität  haben,  wenn  Aquino  seinem  Anspruch gerecht werden will, ein Präsident aller Philippinos  zu sein, nicht nur der oberen und mittleren Schichten. Der  unzweifelhaft vorhandene gute Wille, sauber und gerecht  zu  regieren,  kann  in  seiner  Bedeutung  für  das  Land  gar  nicht überschätzt werden. Aber alleine wird er nicht ausreichen,  eine  Wende  zu  demokratischer  Stabilisierung  und  erfolgreicher Armutsbekämpfung herbeizuführen.
Das Manuskript wurde am 30. Juni 2010 abgeschlossen.

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VOM URIBISMO zUR UNIDAD NAcIONAL
KOLUMBIEN NAcH DEN KONGRESS- UND PRÄSIDENTScHAFTSWAHLEN

Prof. Dr. Stefan Jost   ist Auslandsmitarbeiter  der Konrad-AdenauerStiftung in Kolumbien.

Stefan Jost

Mit  einem  Referendum  im  Frühjahr  hatte  sich  Staatspräsident  Alvaro  Uribe  eine  zweite  Wiederwahl  ermöglichen  wollen.  Die  Auseinandersetzung  darum  prägte  die  politische Entwicklung in Kolumbien seit Ende 2008, eine sachpolitische Diskussion fand so gut wie nicht mehr statt. Eine  erneute  Kandidatur  des  seit  2002  amtierenden  Uribe,  an  dessen Wiederwahl mit breiter Mehrheit bereits im ersten  Wahlgang  nach  allgemeiner  Einschätzung  auch  nicht  der  geringste  Zweifel  bestanden  hätte,  schwebte  wie  ein  Damoklesschwert über den personalpolitischen Strategieüberlegungen  aller  Parteien.  Ende  Februar  2010  erteilte  das  Verfassungsgericht  dem  Wiederwahlreferendum  auf-  grund einfachgesetzlicher wie verfassungsrechtlicher Ver-  stöße eine Absage. Damit war knapp zwei Wochen vor den  Kongresswahlen zur Abgeordnetenkammer und zum Senat  am  14.  März,  aber  vor  allem  natürlich  für  die  Präsidentschaftswahlen am 30. Mai eine neue und klare Ausgangslage geschaffen. Die Post-Uribe-Phase war eingeleitet.
DIE KONGRESSWAHLEN – AUFTAKT zUR KONTINUITÄT

Die Kongresswahlen am 14. März wurden zum ersten politischen Kräftemessen in einem Kontext, in dem Uribe noch  immer präsent war, zwar nicht mehr als künftiger Präsidentschaftskandidat, jedoch als nicht zu unterschätzender, aber  auch nicht genau einzuschätzender politischer Faktor. Die  entscheidende Frage lautete, ob ein „Uribismo ohne Uribe‟  mehrheitsfähig  ist  oder  das  bevorstehende  Ende  der  Ära  Uribe der Opposition einen unerwarteten Aufwind verschafft. 

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Das  Ergebnis  war  eindeutig.  Die  beiden  größten  Parteien  der  bisherigen  Uribe-Koalition,  die  Uribe-Partei  Partido Social de Unidad Nacional, kurz „la U‟ genannt, sowie die  Konservative  Partei  (PCC)  erreichten  50  der  102  Senatssitze  und  81  der  166  Abgeordnetensitze.  Aufgrund  eines  chaotischen  Auszählverfahrens  am  Wahlabend  und  zahlreicher  Anfechtungen  ist  die  amtliche  Auszählung  jedoch  noch  nicht  abgeschlossen,  so  dass  die  nachfolgenden  Tabellen noch nicht das amtliche Endergebnis darstellen.1 

Tabelle 1

Das Wahlergebnis für den Senat: Die Kongresswahlen 2010 und 2006 im Vergleich2

Kongresswahlen 20103 Kongresswahlen 2006 Partei Stimmen in % Sitze4 Stimmen in % Sitze

Partido Social de  Unidad Nacional Partido  Conservador Partido Liberal  Cambio Radical  Polo Democrático  Alternativo Partido de Inte-  gración Nacional Partido Verde
34

2.804.123 25,17 2.298.748 20,63 1.763.908 15,83 888.851 7,98

28 22 17 8 8 9 5

1.642.256 17,49 1.514.960 16,13 1.457.322 15,52 1.254.294 13,36 914.964 — — 9,74 — —

20  (29) 18  (22) 17 15  (12) 11 — —

848.905  7,62 907.468 531.293 8,14 4,77

1 |  2 |          3 |    4 |     

Der Beitrag wurde am 04.07.2010 fertiggestellt. Die Ergebnisse basieren auf den Angaben der Registraduría  Nacional vom 16. März 2010 (Zusammenstellung und  Vergleich mit 2006, sofern aufgrund der offiziellen Daten  möglich, durch den Verfasser). Aufgeführt sind die stärksten  Parteien. Angaben beruhen auf der Auszählung von 93,27 Prozent  der Stimmen. Die restlichen fünf Sitze gehen an MIRA (zwei), Compromiso Ciudadano (einer) und zwei noch zuzuordnende für die  indigene Vertretung.

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Tabelle 2

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Das Wahlergebnis für die Abgeordnetenkammer: Die Kongresswahlen 2010 und 2006 im Vergleich
 
Partei Kongresswahlen 20105 Kongresswahlen 2006 Stimmen in % Sitze Stimmen in % Sitze

Partido Social de  Unidad Nacional Partido  Conservador Partido Liberal  Cambio Radical  Polo Democrático  Alternativo Partido de Inte-  gración Nacional Partido Verde

2.230.914 25,42 1.886.965 21,50 1.616.208 18,41  669.830  482.685 506.139 265.593 7,63 5,49 5,76 3,02

45  36 35  12 4 12  3

1.244.835 1.297.787 1.505.950  824.073 442.607 — —

o.A. o.A. o.A. o.A. o.A. — —

29  (40) 29  (33) 35  21  (17) 7 — —

5

Diese  Wahlen  wurden  nicht  als  vorgezogene  Präsidentschaftswahlen  interpretiert,  dafür  sind  die  bei  diesen  Kongresswahlen  vorherrschenden  lokalen,  regionalen  und  personellen  Einflüsse  der  Kandidaten  zu  stark.  Vielmehr wurde das Ergebnis in erster Linie als ein Votum für  Uribe und seine Politik verstanden, nicht als unmittelbares  Votum  für  Santos,  den  ehemaligen  Verteidigungsminister  und  Präsidentschaftskandidaten  der  „la  U‟.  Dennoch  war  damit  klar,  dass  ein  „Uribismo  ohne  Uribe‟  mehrheitsfähig  ist.  Dieses  Wahlergebnis  bedeutete  für  Santos  eine  Stärkung  seiner  Position  in  den  Reihen  der  „la  U‟  und  in  der  Wählerschaft  einen  breiten  Auftrieb.  Jetzt  wurde  ihm  ein Sieg zugetraut.6 Noch wenige Tage vor den Kongresswahlen  hatte  er  sich  aus  den  eigenen  Reihen  öffentlich  abstruse  Vorschläge  zur  Steigerung  seiner  Wahlchancen  geben lassen müssen.

5 |    6 |     

Die Angaben beruhen auf der Auszählung von 88,71 Prozent  der Stimmen. Zu einer detaillierten Analyse der Kongresswahlen siehe den  Länderbericht vom 17. März („Kolumbien hat gewählt‟):  http://kas.de/wf/doc/kas_19085-544-1-30.pdf [04.07.2010].

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DER ERSTE WAHLGANG – AN DEN URNEN WIRD GEWONNEN

Nachdem  in  consultas populares,  einer  Art  offener  Vorwahlen,  auch  die  Konservative  Partei  und  der  Partido Verde  (Grüne  Partei)  ihre  Spitzenkandidaten  gewählt  hatten, stand das Kandidatentableau für den  ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen  Anfang April kam es zu dem Phänomen am  30.  Mai  fest.7  Neben  Santos  für  die  „la  der „grünen Welle‟. Der Kandidat des U‟  gab  es  insgesamt  fünf  weitere  ernst  zu  rasant in den Umfragen zu. nehmende  Kandidaten:  Rafael  Pardo  für  die  Liberalen  (PL),  Gustavo  Petro  für  das  linke  Bündnis  Polo,  Germán Vargas Lleras für den Cambio Radical (CR) sowie  Noemi Sanín für die Konservative Partei (PCC) und Antanas  Mockus für den Partido Verde (PV). Seit Wochen belegten Santos und Sanín in den Umfragen  die  beiden  vorderen  Plätze.  Dies  schien,  nachdem  Sanín  in  einer  erbitterten  Auseinandersetzung  knapp  die  innerparteilichen  Vorwahlen  der  Konservativen  Partei  für  sich  entschieden hatte, für den PCC die Chance zu bieten, erstmals  seit  der  Präsidentschaft  Pastranas  (1998  bis  2002)  wieder  ernsthaft  in  den  Kampf  um  die  Präsidentschaft  eingreifen zu können. Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen  Santos und Sanín währte jedoch nur bis Anfang April.  Dann kam es zu dem Phänomen der „grünen Welle‟. Der  Kandidat des Partido Verde, Antanas Mockus, legte rasant  in  den  Umfragen  zu.  Mockus,  ehemaliger  Bürgermeister  von  Bogotá,  hatte  sich  mit  früheren  Amtskollegen  sehr  unterschiedlicher politischer Provenienz verbündet und den  PV als politische Plattform für seine Kandidatur genutzt.  Mockus  profitierte  von  mehreren  Faktoren.  Zentrale  Themen  seiner  Kampagne  –  Korruptionsbekämpfung,  Haushaltsseriosität,  Achtung  der  Institutionen,  deliberativer Politikstil – legten zu Recht den Finger in so manche  Wunde  kolumbianischen  Politikverständnisses  und  traditioneller Politikpraktiken. Die Botschaft eines Stil- und Politikwechsels verfing, vor allem dank der in dieser Massivität  in  Kolumbien  erstmals  feststellbaren  Nutzung  der  neuen   
7 |  Die liberale Partei und der Polo hatten, ebenfalls in consultas populares, bereits im September 2009 ihre Kandidaten    nominiert. Partido Verde, Antanas Mockus, legte

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sozialen  Netzwerke  via  Facebook  und  Twitter  vor  allem  durch  die  als  „primivotos‟  bezeichneten  Erst-  und  Jungwähler,  nicht  zuletzt  aber  auch  dank  einer  signifikanten  Unterstützung  durch  Leitartikelschreiber  und  politische  Kommentatoren.
Mockus gilt als autoritär und zeigt keinerlei Berührungsängste mit dem Thema der „demokratischen Sicherheit‟. Gleichzeitig werden ihm von der Linken positive Attribute zugerechnet.

Die  Stärke  des  Kandidaten  Mockus  lag  geraume  Zeit  in  seiner  Fähigkeit,  Unvereinbares zusammenzuführen und Schwächen in  Stärken zu verwandeln. So wird Mockus eher  verbunden mit einer „rechten Agenda‟. Er hat 

sowohl die Universidad Nacional als Präsident wie Bogotá    als  Bürgermeister  mit  harter  Hand  regiert.  Der  Partido Verde hat als erste Partei das Thema „urbane Sicherheit‟  auf  die  Tagesordnung  gesetzt.  Mockus  gilt  als  autoritär  und zeigt keinerlei Berührungsängste mit dem Thema der  „demokratischen  Sicherheit‟:  „Wenn  ich  die  FARC  wäre,  würde  ich  zu  Uribe  rennen  und  verhandeln,  denn  was  nach Uribe kommt, ist noch schlimmer für sie‟, so Mockus.  Gleichzeitig werden ihm von der Linken bestimmte positive  Attribute  zugerechnet.  So  gilt  Mockus  trotz  seiner  bisherigen politischen Laufbahn noch immer als „Outsider‟ oder  „Unabhängiger‟.  Er  sammelte  alle  „Antis‟  und  eröffnete  sich Zugänge zu traditionellen Enthaltungswählern. Über  eine  beachtliche  Strecke  des  Wahlkampfes  erwies  sich Mockus zunächst als „Teflon‟-Kandidat. Widersprüche,  Uninformiertheiten,  unverständliche,  da  philosophisch  verschachtelte  Aussagen:  alles  schien  ihm  verziehen  zu  werden.  Das  Bekenntnis,  an  Parkinson  zu  leiden,  nutzte  ihm.  Erst  gegen  Ende  der  Kampagne  gewannen  zunehmend  Zweifel  Raum,  ob  die  Wahlbevölkerung  angesichts  der  offensichtlichen  Schwächen  des  Kandidaten  die  mit  seiner  Wahl  verbundenen  Unwägbarkeiten  nicht  letztendlich doch scheuen würde. Der  Wahlkampf  war  von  einem  deutlich  geringeren  Polarisierungsgrad  geprägt  als  erwartet.  Interessanterweise  kam es eher zwischen affinen politischen Kräften zu Polarisierungen.  So  entwickelte  sich  beispielsweise  zwischen  dem  Partido Verde  und  dem  Polo  ein  Schlagabtausch  aufgrund des durch Mockus im Polo ausgemachten Gewaltpotenzials  und  einer  nicht  hinreichenden  Abgrenzung  zu  der   uerrillaorganisation FARC durch einige Teile des Polo.  G

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Sanín wiederum schien streckenweise eher in Santos den  bevorzugten politischen Gegner zu sehen. Insgesamt  entwickelte  sich  der  Wahlkampf  zunehmend  themenorientiert,  was  nicht  zuletzt  durch  eine  Fülle  von  Fernsehduellen  der  Kandidaten  befördert  worden sein dürfte. Ein dominierendes Thema  Santos entpersonalisierte den bis dahin war jedoch nicht feststellbar. Dies schloss die  allein auf ihn abgestellten Wahlkampf,

„Politik  der  demokratischen  Sicherheit‟,  das  akzentuierte stärker den KontinuitätsMarkenzeichen der acht Uribe-Jahre, mit ein. gedanken zur Uribe-Regierung. Hervorzuheben  in  dieser  Phase  des  Wahlkampfes  ist  der  Strategiewechsel  durch  Santos.  Er  entpersonalisierte  den  bis  dahin  allein  auf  ihn  abgestellten  Wahlkampf,  stellte  die Partei „la U‟ stärker in den Mittelpunkt, forcierte eine  Regionalisierung  seiner  Wahlkampagne  und  akzentuierte  stärker den Kontinuitätsgedanken zur Uribe-Regierung. Allerdings  beließ  er  es  nicht  dabei,  sondern  setzte,  teils  behutsam,  eigene  Akzente.  Überraschend  rief  Santos  zu  einer  Regierung  der  Unidad Nacional  (Nationale  Einheit)  auf, die alle Parteien mit einschließen sollte, um die zentralen  Problemfelder  der  kolumbianischen  Politik  anzugehen. Das  Programm  der  Unidad Nacional  umfasst  folgende  inhaltliche Politikfelder: 1.  Arbeit: Angemessene Arbeitsplätze und Löhne. Zumindest ein Mitglied jeder Familie soll in einem formalen  Beschäftigungsverhältnis  stehen.  Sozialer  Dialog  zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und der Regierung.  Verringerung  der  Armuts-  und  Arbeitslosenquote. 2.  Demokratischer  Wohlstand  für  alle:  Gesundheit  und  qualitativ  hochwertige  Bildung  im  privaten  Leben  sowie am Arbeitsplatz, würdige Wohnbedingungen und  Einkommensmöglichkeiten.  3.  Politik der demokratischen Sicherheit: Konsolidierung  dieser Politik und Stärkung der städtischen Sicherheit  auf der Grundlage der Verfassung und der Achtung der  Menschenrechte. Kampf gegen den Terrorismus.  4.  Transparenz  und  keine  Korruption:  Geltung  ethischer  Prinzipien in öffentlichen Angelegenheiten; Kultur der 

stellte die Partei in den Mittelpunkt und

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Legalität und Intoleranz gegenüber Korruption, sowohl  im privaten als auch im öffentlichen Sektor. 5.  Gute  Regierungsführung:  exzellente,  sachorientierte,  effiziente,  dezentralisierte,  partizipative  und  verantwortungsvolle öffentliche Verwaltung auf allen Ebenen.  Zusammenarbeit  mit  der  lokalen  Führung,  um  die  Entwicklung der Regionen zu fördern.  6.  Demokratische  Institutionalität:  Stärkung  des  demokratischen Staates mit Unabhängigkeit, Gleichgewicht  und harmonischer Zusammenarbeit der Gewalten.  7.  Gerechtigkeit  und  keine  Straffreiheit:  Stärkung  des  Rechtsstaats  durch  striktes  Vorgehen  gegen  Straffreiheit  und  eine  unmittelbare  und  effiziente  Justiz.  Garantie  des  Rechtszugangs  der  Gesellschaft  und  der  Individuen.  Verteidigung  der  Rechte  der  Opfer  durch  die  Prinzipien  der  Wahrheit,  Gerechtigkeit  und  Entschädigung.  8.  Urbane  und  ländliche  Agenda:  Verbesserungen  der  Lebensbedingungen  in  den  Städten  durch  Mobilität,  Wohnraum,  öffentliche  Räume  und  Dienstleistungen  für  alle.  Prosperierende  und  sichere  ländliche  Regionen  zur  Sicherstellung  der  umfassenden,  legalen  und  nachhaltigen  Bewirtschaftung  des  kultivierbaren  Bodens (Land als Vorratskammer der Welt). 9.  Umwelt:  Nachhaltige  Nutzung  des  Umweltpotenzials.  Verteidigung  des  Wassers  als  lebenswichtige  Ressource.  Kolumbien  auf  globaler  Ebene  als  „Macht  der Biodiversität‟ positionieren. 10.  Internationale  Beziehungen:  Die  Eingliederung  des  Landes in die Weltordnung verstärken und die Beziehungen zu den Nachbarstaaten auf der Grundlage des  Respekts  und  der  Zusammenarbeit  enger  gestalten.  Die  politische  Führung  Kolumbiens  soll  auf  der  internationalen Bühne anerkannt sein. Mit  diesem  Programm  und  der  Ankündigung  der  Unidad Nacional konnte Santos glaubhaft vermitteln, dass er trotz  aller Kontinuität zur Regierung Uribe über mehr Gespür für  soziale und über die „Politik der demokratischen Sicherheit‟  hinausgehende Probleme hat, als ihm zugeschrieben wurde.  Diesem  Ziel  diente  auch  die  in  den  eigenen  Reihen  nicht  unumstrittene Ernennung des ursprünglich aus der Kommunistischen  Partei  kommenden  Gewerkschafters  Angelino  Garzón zum Kandidaten für das Amt des Vize-Präsidenten. 

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Das  Rennen  um  die  Präsidentschaft  spitzte  sich  zunehmend zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Santos und  Mockus zu. Während Mockus in manchen Umfragen Santos  vom  ersten  Platz  verdrängte,  landete  Sanín  seit  Anfang  April  abgeschlagen  auf  dem  dritten  Platz,  allen  anderen  Kandidaten  wurden  ebenfalls  kein  ernsthaftes  Eingreifen  mehr zugetraut. Das Ergebnis des ersten Wahlganges am  30. Mai war schließlich in vielfacher Hinsicht überraschend.
Tabelle 3

Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs und der Kongresswahlen im Vergleich
Präsidentschaftswahlen am 30.05.20108 Kandidat (Partei) Stimmen in % Kongresswahlen am 14.03.20109 Stimmen in %

Santos  (Partido de la U) Mockus  (Partido Verde) Vargas Lleras  (Cambio Radical) Petro  (Polo Democrático) Sanín (Partido Conservador) Pardo  (Partido Liberal) Calderon  (Apertura Liberal) Devia  (La Voz de la Consciencia) Araujo (Alianza Social  Afrocolombiana)
89

6.758.539  46,56  2.804.123  25,17  3.120.716  21,49  1.471.377  10,13  1.329.512  9,15  531.293  8,14  888.851  7,98  848.905  7,62 

892.323  6,14  2.298.748  20,63  636.624  4,38  1.763.908  15,83  33.924  0,23  32.080 0,22  15.701 0,10 95.157  o.A.
— —

11.767

o.A.

Wieder einmal bestätigte sich ein Gesetz der kolumbianischen  politischen  Kultur:  Kongresswahlergebnisse  lassen  sich  nicht  auf  Präsidentschaftswahlen  übertragen.  Die  Wähler  fühlen  sich  bei  Präsidentschaftswahlen  sehr  viel  freier  als  bei  Kongress-  oder  gar  Regional-  und  Kommunalwahlen,  wo  lokale  und  personale  Strukturen  deutlich  stärker zum Tragen kommen.

8 |  Auf der Basis von 99,7 Prozent der Wahllokale. 9 |  Das amtliche Endergebnis steht noch nicht fest.

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Santos erzielte ein in dieser Höhe nicht erwartetes Ergebnis.  Dies  zeigte  noch  deutlicher  als  die  Kongresswahlen,  dass  der  „Uribismo  nach  Uribe‟  signifikant  stärker  ist  als  erwartet. Santos gelang es besser als nach den Umfragen  zu  erwarten  war,  das  positive  Potenzial  der 
Santos wurde zu einem Kandidaten einer gewünschten Kontinuität. Dies zeigt auch, dass sich die häufig beschworene unversöhnliche Spaltung der kolumbianischen Gesellschaft in „pro und contra Uribe‟ prioritär auf die politische Klasse bezieht.

Regierung Uribe und das hohe Ansehen von  Uribe selbst für seine „Kandidatur der Kontinuität‟ zu nutzen, und  weniger  als erwartet  für die ebenfalls existente Negativ-Bilanz der  Regierung Uribe abgestraft zu werden.

Santos wurde von einem Kandidaten mit begrenzter, wenn  nicht  sogar  potenziell  gefährlicher  Erbschaft  zu  einem  Kandidaten einer gewünschten Kontinuität. Dies zeigt auch,  dass sich die häufig beschworene unversöhnliche Spaltung  der kolumbianischen Gesellschaft in „pro und contra Uribe‟  prioritär auf die politische Klasse bezieht, während in der  breiten  Bevölkerung  Uribe  und  sein  Regierungslegat  in  hohem Ansehen stehen. Auch  wenn  eine  schlichte  Addition  der  Ergebnisse  politisch nur begrenzt aussagefähig ist, sind auch die Ergebnisse  von  Vargas  Lleras  und  Noemi  Sanín  dem  uribismo zuzurechnen.  Dies bedeutet  rund 9,1  von  14,  3  Millio  en  n Stimmen.  Beide  Parteien,  Cambio Radical  (CR)  und  Partido Conservador Colombiano  (PCC),  waren  zuverlässige Verbündete der Regierung Uribe. Es war daher nicht  verwunderlich, dass Santos am Wahlabend PCC und CR an  erster  Stelle  einlud,  Partner  seiner  Regierung  zu  werden.  Mockus  erzielte  ein  beachtliches,  wenn  auch  deutlich  hinter den Umfragen zurückbleibendes Ergebnis und kam  damit in die Stichwahl. Aus der „grünen Welle‟ wurde kein  „grüner  Tsunami‟,  wie  noch  in  den  letzten  Tagen  vor  der  Wahl  spekuliert  wurde.  Es  ist  „sein‟  Ergebnis  und  sollte  nicht  als  Ergebnis  des  Partido  Verde  gedeutet  werden.  Diese Partei diente Mockus lediglich als politisches Vehikel  einer  Kandidatur.  Er,  nicht  die  Partei,  war  die  zentrale  „Botschaft‟,  auf  die  viele  ihre  sehr  heterogenen  Vorstellungen und Erwartungshaltungen projizierten. Die Gründe  für  das  gegenüber  den  Umfragen  deutlich  schlechtere  Abschneiden  sind  vielfältig.  An  Hinweisen  darauf  hat  es  jedoch  nicht  gefehlt.  Erkennbar  wurde,  dass  Mockus  und  der  Anstieg  der  „grünen  Welle‟  noch  deutlicher  als 

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erwartet ein Ergebnis des „voto de opinión‟ waren, eines  „Meinungsphänomens‟,  dem  auf  der  Zielgeraden  die  Luft  ausging.  Im  Zuge  einer  stärkeren  thematischen  Debatte  traten  die  Schwachstellen  des  Projekts  Mockus  konturierter hervor. Dies führte offensichtlich zu einer „Rationalisierung des Stimmverhaltens‟, das in einem Sieg Mockus‛  einen  „Sprung  ins  Leere  und  Ungewisse‟  (salto al vacío)  sah und in letzter Konsequenz davor zurückschrecken ließ.  Die  Überraschungen  des  ersten  Wahlgangs  waren  neben  Santos  vor  allem  Vargas  Lleras  und  Gustavo  Petro,  die  beide  deutlich  besser  als  in  den  Umfragen  und  auch  bei  den  Kongresswahlen  abgeschnitten  haben.  Vargas  Lleras  konnte  sich  zunehmend  als  programmatischer  Kandidat  profilieren  und  landete  knapp  vor  Petro  auf  dem  dritten  Platz.  Petro  wiederum  kann  sich  in  seinem  Modernisierungskonzept  einer  Mitte-links- Vargas Lleras wie Petro haben ihren Option  mit  Koalitionsbereitschaft  bestärkt  politischen Gestaltungsanspruch untersehen.  Ob  daraus  eine  Spaltung  des  Polo  Schritt auf dem Weg zur angestrebten entstehen  kann,  die  fundamentalistischen  Präsidentschaft zurückgelegt. Sektoren eigene Wege gehen und sich daraus  eine Option für eine Neuformierung der parteiorganisatorischen moderaten Linken ergibt, bleibt abzuwarten. Vargas  Lleras wie Petro haben mit diesem Wahlergebnis jedenfalls  ihren  politischen  Gestaltungsanspruch  untermauert  und  einen  weiteren  wichtigen  Schritt  auf  dem  Weg  zur  angestrebten Präsidentschaft zurückgelegt. Für  eine  in  diesem  Ausmaß  nicht  erwartete  negative  Überraschung  sorgte  der  liberale  Kandidat  Rafael  Pardo.  Er landete abgeschlagen auf dem sechsten Platz, mit 4,38  Prozent  knapp  über  der  Grenze,  die  die  Partei  noch  für  die  Wahlkampfkostenerstattung  legitimiert.  Auch  wenn  man  nicht  viel  erwartet  hatte,  dieses  Wahlergebnis  ist  nach  den  erfolgreichen  Kongresswahlen  ein  dramatischer  Rückschritt. Der Partido Liberal (PL) sah sich damit vor die  Situation  gestellt,  auf  weitere  vier  und  damit  insgesamt  16 Jahre von der Beteiligung an der Macht ausgeschlossen  zu  sein  oder  den  Sprung  ins  Santos-Lager  zu  wagen.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  die  Betonung  von  Santos  am  Wahlabend,  dass  er  aus  dem  liberalen  Lager  komme,  zu  verstehen.
mauert und einen weiteren wichtigen

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Die  Konservative  Partei  (PCC)  steht  vor  einem  Scherbenhaufen:  Knapp  sechs  Prozent  der  Stimmen  für  die  Kandidatin  Sanín  und  der  fünfte  Platz  unter  sechs  ernsthaften  Kandidaten.  Mit  der  Kandidatur  Saníns  hoffte  der  PCC, seinen Anspruch auf politische Führung durchsetzen,  zumindest aber seinen eigenständigen „Willen zur Macht‟  manifestieren zu  können. In der  letzten  Phase des  Wahlkampfes  hoffte  der  PCC  zumindest  auf  eine  votación decente,  also  ein  „akzeptables  Abstimmungsergebnis‟,  das  auf  etwa  zwei  Millionen  Stimmen  angesetzt  wurde.  Beide  Ziele  wurden  verfehlt.  Nun  steht  der  PCC  vor  einem  Wahlergebnis,  das  die  schlimmsten  Befürchtungen  noch  übertrifft.  Im  Vergleich  zur  Kongresswahl  verlor  er  rund  1,3  Millionen  Stimmen,  im  Verhältnis 
Die Sanín-Strategie konnte weder eine pro- noch eine contra-uribistische Linie entwickeln. Dies führte dazu, dass uribistische Pcc-Wähler direkt zu Santos gingen.

zur  consulta popular zur  Bestimmung  des  Präsidentschaftskandidaten  sogar  rund  1,6  Milionen  Stimmen.  Die  Kandidatin  Sanín  war  nicht  einmal  in  der  Lage,  ihre  rund  1,1 

Millionen  Stimmen  bei  der  Urwahl  zu  erreichen.  Selbst  in  Hochburgen des PCC wie beispielsweise Antioquia kam sie  nur auf knapp über neun Prozent. Die  Gründe  für  dieses  Wahlergebnis  sind  vielfältig.  Zum  einen  konnte  Sanín  nicht  vermitteln,  dass  der  PCC  geschlossen  hinter  ihr  stand.  Die  erbitterte  Auseinandersetzung  um  die  Spitzenkandidatur  der  Partei  hatte  tiefe  Wunden  geschlagen.  Teile  der  Parteimaschinerie  dürften  dem  spät  geschlossenen  Burgfrieden  zwar  zugestimmt,  sich aber nicht mit voller Konsequenz im Wahlkampf beteiligt  haben.  Die  Sanín-Strategie  konnte  auf  Dauer  weder  eine pro- noch eine contra-uribistische Linie entwickeln, die  als authentisch empfunden worden wäre. Dies führte dazu,  dass  uribistische  PCC-Wähler,  nicht  zuletzt  aufgrund  der  Angriffe von Sanín gegen Santos, direkt zu Santos gingen,  während die unabhängigen Wähler zu Mockus wechselten.    Gerade sie waren für Saníns Sieg in der consulta popular  entscheidend. Die absoluten Verlierer des Wahlabends waren die Umfrageinstitute. Bis heute gibt es keine plausible Erklärung dafür,  wie  alle  Institute  mit  ihren  Prognosen  derart  neben  dem  tatsächlichen Wahlergebnis liegen konnten.

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„TOcOSAN‟ – AUF DEM WEG zUM zWEITEN WAHLGANG

Die  drei  Wochen  bis  zum  zweiten  Wahlgang  am  20.  Juni  2010  waren  nicht  mehr  als  eine  Pflichtübung.  An  einem  Wahlsieg  Santos‛  zweifelte  keiner  mehr,  Wetten  wurden  nur  noch  über  die  Höhe  des  Sieges  abgeschlossen.  Sollte  Mockus  je  eine  ernsthafte  Nach dem fulminanten Wahlergebnis
nem erkennbar ernst gemeinten Aufruf

Chance  gehabt  haben,  Santos  im  zweiten  von Santos im ersten Wahlgang und sei-

Wahlgang  gefährlich  zu  werden,  verspielte  zur Unidad Nacional entstand nun eine er  diese  auch  nach  Ansicht  wohlmeinender  Konstellation des „Todos con Santos‟ – Beobachter noch am Wahlabend des 30. Mai.  In einer Manier, die an einen Urlaubsanimateur  erinnerte,  verknüpfte  er  Gesänge  mit  fundamentalistischen  Botschaften.  Dieser  erratische  Auftritt  war  für  viele  der  Schlusspunkt  einer  nicht  mehr  zu  gewinnenden  Kampagne. Der  Wahlkampf  selbst  brachte  keine  besonderen  Höhepunkte  mehr.  Santos  konnte  sich  noch  stärker  als  ein  souveräner  Kandidat  profilieren,  während  die  bereits  in  den  vorangegangenen  Wochen  erkennbaren  Schwächen  des  Gegenkandidaten  Mockus  einen  deutlichen  Kontrast  markierten.  Dass  es  am  Wahlausgang  keinerlei  Zweifel  gab,  war  vor  allem  auf  den  Bedeutungswandel  der  über  Wochen  beschworenen  Formel  „tocosan‟  zurückzuführen.  Diese  hatte  ihren  Ursprung  in  der  Phase,  in  der  laut  Umfragen  Santos  und  Sanín  in  den  zweiten  Wahlgang  einziehen  würden  und  sich  in  dieser  Konstellation  alle  Oppositionskräfte  um  Sanín  scharen  würden,  um  Santos  zu  verhindern:  Todos contra Santos  –  „Alle  gegen  Santos‟.  Nach  dem  fulminanten  Wahlergebnis  von  Santos  im  ersten  Wahlgang  und  seinem  erkennbar  ernst  gemeinten  Aufruf  zur  Unidad Nacional  entstand  nun  eine  Konstellation  des  „Todos con Santos‟ – „Alle mit Santos‟. Die Konservative Partei sowie die große Mehrheit der liberalen  Partei  und  deren  Kongressmitglieder  schlossen  sich  Santos an. Der Cambio Radical folgte wenig später. Mockus  dagegen lehnte ein Koalitionsangebot des Polo ab und ging  ohne  zusätzliche  formalisierte  Unterstützung  alleine  in   
„Alle mit Santos‟.

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den  zweiten  Wahlgang.  Vor  diesem  Hintergrund  war  das  Wahlergebnis vom 30. Mai keine Überraschung. Selbst die  Umfrageinstitute lagen mit ihren Prognosen gut.
Tabelle 4

Ergebnisse des ersten und zweiten Wahlganges der Präsidentschaftswahlen

zweiter Wahlgang am 20.06.2010 Kandidat (Partei) Ergebnis (absolut) Ergebnis (in %)

Erster Wahlgang am 30.05.2010 Ergebnis (absolut) Ergebnis (in %)

Santos (Partido de la U) Mockus (Partido Verde)

9.004.221 3.588.819

69,05 6.758.539 27,52 3.120.716

46,56 21,49

BEWERTUNG DES WAHLERGEBNISSES

Wenige  Wochen  nach  der  Wahl  ist  es  selbstverständlich  verfrüht,  angesichts  des  neuen  und  in  vielfacher  Hinsicht  im  Fluss  befindlichen  politischen  Kontextes  gesicherte  Erkenntnisse formulieren zu wollen. Dennoch sollen einige erste Schlussfolgerungen und Überlegungen  mit  Blick  auf  denkbare  künftige  Entwicklungslinien formuliert werden. 1.  Santos  wurde  in  mehrfacher  Hinsicht  falsch  eingeschätzt. Dies betrifft seine eigenen Fähigkeiten als Wahlkämpfer.  Im  Wahlkampf  begann  Santos  eher  verhal-  ten, war aber rasch zu einem Strategiewechsel in der  Lage, gewann sichtbar an Statur und wurde 
Im Wahlkampf begann Santos eher verhalten, war aber rasch zu einem Strategiewechsel in der Lage, gewann sichtbar an Statur und wurde nicht als Strohmann von Uribe wahrgenommen.

trotz  seiner  Anknüpfung  an  die  Regierung  Uribe nicht als von Uribe aus dem Präsidentenpalast  ferngesteuerter  Strohmann  wahrgenommen.

Santos ist es gelungen, sich als Kandidat der Kontinuität der Ära Uribe zu präsentieren und deren positives  Erbe für sich politisch zu kapitalisieren ohne, wie lange  befürchtet oder erhofft, für die Negativperzeption der  Regierung  Uribe  verantwortlich  gemacht  zu  werden.  Eigene Ansätze konnte er glaubhaft vermitteln. Seine 

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thematische  Bandbreite  und  Sensibilität  verhinderten  es,  dass  er  als  auf  die  „Politik  der  demokratischen  Sicherheit‟  reduzierter  Kandidat  wahrgenommen  wurde.  Der  Aufruf  zu  einer  Regierung  der  Unidad Nacional und das Zehn-Punkte-Programm, wenngleich  sehr allgemein gehalten, haben dabei eine gewichtige  Rolle gespielt. 2.  Nach dem klaren Ergebnis des ersten Wahlgangs gab  es auch Überlegungen, dass alle anderen Kandidaten  ihre Kandidatur zurückziehen sollten, um Santos ohne  zweiten Wahlgang die Präsidentschaft zu ermöglichen.  Santos  ist  mit  dem  jetzigen  Ergebnis  jedoch  mehr  gedient als mit dem Ergebnis des ersten Wahlganges.  Der  Plebiszitcharakter  des  zweiten  Wahlganges  eröffnet ihm einen äußert breiten Handlungsspielraum  und eine Unabhängigkeit, die er in seiner Rede in der  Wahlnacht des 20. Juni auch zum Ausdruck brachte. 3.  Die Regierung Santos verfügt im neuen Kongress über  rund 85 Prozent der Sitze. Allein die Partei „la U‟ und  die  Konservative  Partei  nähern  sich  in  der  Abgeordnetenkammer  und  dem  Senat  der  absoluten  Mehrheit.  Das  Problem  der  „Regierbarkeit‟  (gobernabilidad)  dürfte  sich  vor  diesem  Santos hat einen großen strategischen Hintergrund  zunächst  für  Santos  nicht  Vorteil aufgrund der Breite des Bündstellen.  Allerdings  ist  die  Heterogenität  einzelnen Partner für sich gesehen dieser  Koalition  nicht  zu  unterschätzen.  verzichtbar macht. Hinzu kommt, dass die jeweiligen Koalitionspartner  keinen  übergreifenden  gemeinsamen  Koalitionsvertrag  geschlossen  haben,  sondern  der  Anschluss  an  Santos  auf  jeweils  bilateraler  Ebene  erfolgte. Dies erleichterte zunächst den Abschluss des  jeweiligen Abkommens, beinhaltet jedoch auf längere  Sicht  eine  ganze  Reihe  von  Sollbruchstellen.  Diese  betreffen  die  Machtaufteilung  zwischen  den  Parteien,  die  so  genannte  „bürokratische  Quote‟,  aber  auch  inhaltliche  Fragen  und  unvermeidbare  Kompromisse.  Wie es ein konservativer Politiker ausdrückte: „Wo wir  stehen, stehen wir gut, aber mit zu vielen.‟ Santos  hat  in  dieser  Gemengelage  für  geraume  Zeit  einen großen strategischen Vorteil. Zum einen in Form  seines  Wahlergebnisses.  Zum  anderen  aufgrund  der 

nisses der Unidad Nacional, die jeden

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Breite des Bündnisses der Unidad Nacional, die jeden  einzelnen Partner für sich gesehen verzichtbar macht.  Das  Drohpotenzial  einer  Aufkündigung  der  Koalition  ist  damit  auf  absehbare  Zeit  denkbar  gering.  Gelingt  es  Santos,  in  den  ersten  Monaten  durch  bestimmte  Entscheidungen,  Verhaltensweisen  und  einen  stärker  konsensorientierten  Politikstil  eine  post-elektorale  Akzeptanz  bei  der  Bevölkerung  zu  gewinnen,  wird  er  auf  absehbare  Zeit  die  Unidad Nacional zusammenhalten können. Die Zeichen dafür stehen gut. 4.  In  diesem  Kontext  kommt  es  entscheidend  darauf  an,  wie  Santos  sein  Institutionenverständnis  in  die  Praxis  umsetzt.  Sein  Bekenntnis  zur  Gewaltenteilung  und  insbesondere  zu  einer  unabhängigen 
Unmittelbar nach seiner Wahl traf sich Santos mit allen Präsidenten der Obersten Gerichte. Dies scheint den Weg freizumachen für eine konfliktfreiere Beziehung zwischen der Justiz und dem Staatspräsidenten.

Justiz hat einen sehr konkreten Hintergrund.  Das  gespannte  bis  konfliktive  Verhältnis  zwischen  Staatspräsident  Uribe  und  Teilen  der  Gerichtsbarkeit  hat  zu  einem  choque de trenes,  zu  einem  „Aufeinanderprallen 

der  Züge‟  mit  problematischen  Begleiterscheinungen  geführt.  So  harrt  die  Wahl  des  Generalstaatsanwalts  seit über einem Jahr der Durchführung.  Unmittelbar nach seiner Wahl traf sich Santos mit allen  Präsidenten der verschiedenen Obersten Gerichte des  Landes.  Dies  scheint  den  Weg  freizumachen  für  eine  signifikant  konfliktfreiere  Beziehung  zwischen  der  Justiz und dem Staatspräsidenten. 5.  Das Projekt Unidad Nacional sollte nicht allein als kurzfristiger Wahlkampfschlager missinterpretiert werden.  Dieser Aufruf ist als ein Signal an die Gesellschaft wie  die  politischen  Eliten  zu  verstehen.  Santos  hat  Taten  folgen lassen. Dies betrifft die Abkommen mit verschiedenen Parteien, die Offenheit selbst einer Zusammenarbeit mit dem Polo und dem Partido Verde gegenüber.  Dies ist aber auch in seinen Ankündigungen über die  Struktur seiner Regierung zu entnehmen. So wird die  unter  Uribe  vorgenommene  Zusammenlegung  einer  Reihe von Ministerien rückgängig gemacht. Santos hat  unter  anderem  die  Schaffung  eines  eigenständigen  Justiz-  und  Umweltministeriums  angekündigt.  Auch 

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der  Sozialbereich  soll  durch  verschiedene  Ministerien  abgedeckt werden. Abgesehen  davon,  dass  ihm  diese  Schaffung  neuer  Ministerien natürlich auch personellen Handlungsspielraum verschafft, macht es doch deutlich, dass Santos  den  im  Wahlkampf  und  in  den  Abkommen  eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und thematische  Schwerpunkte verfolgen will. Ob sich die Unidad Nacional zu einer Regierung ohne  Opposition  entwickelt,  bleibt  abzuwarten.  Parteiorganisatorisch  besteht  die  Opposition  im  Wesentlichen  aus  dem  Polo  und  dem  Partido Verde. 
eigentliche Opposition aus dem Kontext der Unidad Nacional selbst entwickelt. senen  parlamentarischen  Handeln  in  Vor allem ist nicht zu erwarten, dass der  Lage  sein  wird,  der  Partido Verde  Parteiführer wie Vargas Lleras ihren Präsidentschaftsambitionen abschwöwiederum  verfügt  über  keine  größere  ren werden.

Hinsichtlich des Polo muss sich erweisen,  Es ist nicht auszuschließen, dass sich die ob und inwieweit er zu einem geschlos-

parlamentarische 

Erfahrung. 

Zudem 

kommt  Mockus  der  Begriff  „Opposition‟  schwer  über  die  Lippen.  Er  schließt  nicht  aus,  die  Regierung  dort  zu unterstützen, wo sie die richtigen Ansätze verfolgt. Das Zehn-Punkte-Programm der Unidad Nacional ist in  seiner  Allgemeinheit  unterschriftstauglich,  hier  muss  sich jedoch erst noch erweisen, welche konkrete Linie  der  künftige  Staatspräsident  im  Einzelnen  verfolgt,  und  wie  es  ihm  gelingt,  die  unterschiedlichen  Interessen der verschiedenen Bündnispartner kompromissfähig zu gestalten. Es ist mittelfristig nicht auszuschließen, dass sich die  eigentliche  Opposition  aus  dem  Kontext  der  Unidad Nacional  selbst  entwickelt.  Vor  allem  ist  nicht  zu  erwarten, dass Parteiführer wie beispielsweise Vargas  Lleras  nur  wegen  ihrer  Beteiligung  der  in  Unidad Nacional  für die nächsten acht Jahre, Santos Ehrgeiz zur Wieder-  wahl unterstellt, ihren Präsidentschaftsambitionen ab-  schwören werden. 6.  Santos hat bereits in der Wahlnacht deutlich gemacht,  dass er die Parteien als Institutionen sehr ernst nimmt,  dies  jedoch  nicht  bedeutet,  dass  er  an  traditionellen 

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Vergabekriterien  politischer  Macht  festhalten  will.  Stattdessen  müssten  sich  Parteien  ihres  dienenden  Charakters bewusst werden. Angesichts der politischkulturellen Traditionen Kolumbiens eine große Ankündigung. Die  ersten  bekannt  gewordenen  Personalentscheidungen des künftigen Präsidenten geben jedoch einen  Vorgeschmack  darauf,  dass  es  Santos,  anstatt  sich  auf  eine  Quotendiskussion  einzulassen,  eher  darauf  ankommt,  sich  mit  fachlich  ausgewiesenen  Personen  zu  umgeben.  Diese  können  im  Einzelfall  durchaus  einen  parteipolitischen  Hintergrund  haben,  müssen  jedoch  nicht  zu  den  einflussreichen  Politikern  der  jeweiligen Parteien zählen. 7.  Auch  wenn  die  „grüne  Welle‟  Mockus  nicht  bis  in  den  Präsidentenpalast  gespült  hat,  sollten  weder  die  anderen  Parteien  noch  Santos  die  Botschaft  unterschätzen,  die  mit  diesem  noch  vor  wenigen  Monaten  unerwarteten  Erfolg  einer  Splitterpartei 
Santos wird ein Politikstil bescheinigt, der weniger caudillohaft ist als der Stil Uribes, stattdessen institutionenorientierter, stärker delegierend und stärker am Konsens orientiert.

verbunden  ist.  Vielmehr  sollten  sie  ihn  in  ihrer mehrfacettigen Bedeutung für die Politik  und  Demokratie  des  Landes  sehr  intensiv  analysieren.  So  heterogen  bis  diffus  die  auf 

Mockus projizierten Erwartungen auch waren, kommt  darin  ein  partizipa  ionsbereites  Protestpotential  zum  t Ausdruck,  dessen  Inhalte  ernst  genommen  werden  sollten,  und  dessen  Unterstützer  für  die  kolumbianische Demokratie nicht verloren gehen sollten. 8.  Nicht  erst  seit  dem  Triumph  von  Santos  ist  die  Frage, wie uribistisch Santos ist und ob er es bleiben  wird,  oder  ob  sich  eine  Konstellation  „Santismus  vs.  Uribismus‟  herauskristallisieren  wird,  ein  beliebtes  Spekulationsthema. Der  Kern  dieser  Spekulation  birgt  die  Überzeugung,  dass  Santos mehr ist oder werden kann als eine Uribe-Verlängerung.  Ihm  wird  ein  Politikstil  bescheinigt,  der  weniger  caudillohaft ist als der Stil Uribes, stattdessen institutionenorientierter,  stärker  delegierend  und  stärker  am  Konsens  orientiert.  Vieles  spricht  für  die  These,  dass  Santos,  aufbauend auf den Errungenschaften der   ribe-Ära, einen  U

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continuismo básico verfolgt,  darüber  hinaus  aber  seine  eigenen Schwerpunkte setzt. Abschließend  soll  auf  die  Frage  eingegangen  werden,  welche Auswirkungen und Herausforderungen diese Präsidentschaftswahlen und die Bildung der Unidad Nacional auf  die jeweiligen Parteien und das Parteiensystem insgesamt  zeitigen werden. 
AUSWIRKUNGEN AUF DIE PARTEIEN

In  einer  Phase,  in  der  ein  Sieg  von  Manuel  Santos  nicht  als gesichert gelten konnte, wurden bereits Überlegungen  darüber  angestellt,  ob  die  Uribe-Partei  „la  U‟  als  Oppositionspartei  eine  Überlebenschance  hätte.  Die  „la  U‟  als  stärkste  Regierungs-  und  Präsidentenpartei  steht  vor  einer  doppelten  Herausforderung.  Die „la U‟ muss sich als PräsidentenZum  einen  muss  sie  sich  als  Präsidentenpartei neu ausrichten und nachhaltige und tragfähige Parteistrukturen aufpartei  neu  ausrichten,  zum  anderen  geht  bauen.

es  auf  einer  viel  niedrigeren,  aber  umso 

anspruchvolleren Ebene darum, nachhaltige und tragfähige  Parteistrukturen aufzubauen. Auch nach Aussagen eigener  Kongressmitglieder ist die „la U‟ parteiorganisatorisch eher  eine Walkampfmaschine denn eine strukturierte Partei. Die  Konservative  Partei  steht  vor  sehr  viel  schwierigeren  Zeiten.  Die  innerparteiliche  Aufarbeitung  der  letzten  Monate,  beginnend  mit  der  die  Partei  spaltenden  Auseinandersetzung  um  die  Präsidentschaftskandidatur  bis  hin  zum  desaströsen  Wahlergebnis  von  Sanín,  wurde  durch  den zweiten Wahlgang und die Koalition mit Santos überlagert, dürfte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen.  Welche  Kräfte  und  Strömungen  sich  hier  wie  gruppieren,  ist aktuell nicht einschätzbar. Die Partei muss sich neu aufstellen. Erleichtert wird ihr dies  durch eine starke Präsenz im Kongress und in den Regionen.  Erschwert  wird  ihr  dies  durch  ein  geringeres  Gewicht  im  Gefüge der Unidad Nacional. Auch der PCC ist verzichtbar  geworden.  Darüber  darf  die  Beschwörung  der  tragenden  Rolle in der Uribe-Koalition nicht darüber hinwegtäuschen.  In den nächsten Jahren muss der PCC über eine Stärkung  seines  programmatischen  Eigenprofils  sowohl  der  Partei  wie der Fraktionen in der   bgeordnetenkammer und dem  A

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Senat, aber auch durch eine parteiorganisatorische Modernisierung bis in die Regionen hinein die Grundlage für einen  glaubhaften nationalen Führungsanspruch legen. In  keiner  einfachen  Situation  befindet  sich  der  Cambio Radical.  Diese  Partei  ist  überaus  stark  personenkonzentriert  und  verfügt  ebenfalls  über  wenige  Parteistrukturen.  Als  der  kleinste  der  Koalitionspartner  dürfte  ihm  eine  personelle Profilierung in der Koalition erschwert werden.  Bleibt  die  Frage,  inwieweit  er  sich  inhaltlich  konturieren  kann. Hinzu kommt aber vor allem, dass Vargas Lleras im  Reigen  der  führenden  Koalitionspolitiker,  Santos  ausgenommen, ohne Frage einer der profiliertesten Persönlichkeiten  ist  und  seine  Ambitionen  auf  das  Präsidentenamt  kaum aufgeben wird. Ob und wie lange eine solche Konstellation in die Unidad Nacional eingebunden werden kann,  bleibt abzuwarten. Die  Liberale  Partei  (PL)  konnte  ihren  Beitritt  zur  Unidad Nacional nicht geschlossen vollziehen. Einige Abgeordnete  und Senatoren verweigerten sich diesem Schritt. Inwieweit  dies  zu  einem  offiziellen  Übertritt  zum  PV  oder  zum  Polo  führt,  kann  noch  nicht  abgeschätzt  werden.  Für  den  PL  bietet die Unidad Nacional nach langen Jahren der Opposition die Möglichkeit, an der Regierungsmacht 
Santos betont häufig seine Herkunft aus dem liberalen Lager. Fraglich ist, ob die Wiederannäherung der drei liberalen Gruppierungen in der Unidad Nacional die Keimzelle einer neuen liberalen Formation darstellen kann.

beteiligt  zu  sein,  wenngleich  in  begrenzter  Form.  Zunächst  ungeklärt  bleibt,  inwieweit  die  heterogenen  parteiinternen  Strömungen,  überwiegend  repräsentiert  durch  zwei  ehemalige  liberale  Staatspräsidenten,  Gaviria und Samper, ihre Interessen verwirk-

licht sehen, wenn nach dem Honeymoon mit Santos erste  Kompromisse anstehen. In diesem Zusammenhang ist auf eine andere, in Kolumbien  noch  nicht  debattierte  denkbare  Entwicklung  hinzuweisen. Santos betont im Gegensatz zu Uribe häufig seine  Herkunft  aus  dem  liberalen  Lager.  Santos  denkt  weitaus  langfristiger und strategischer als ihm das politische Beobachter zugetraut haben. In einem ersten Schritt ist es ihm  gelungen, alle drei liberalen oder aus dem liberalen Lager  entstandenen Parteien, „la U‟, PL und CR, unter dem Dach    der Unidad Nacional zusammenzubringen. Fraglich ist, ob  diese Wiederannäherung der drei liberalen Gruppierungen 

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in der Unidad Nacional die Keimzelle einer neuen liberalen  Formation darstellen kann. Eine  solche  Strategie  könnte  für  Santos  realistischer  sein  als  darauf  zu  hoffen,  dass  es  zu  einer  über  Koalitionsabsprachen  hinausgehenden  Kooperationsform  mit  der  Konservativen  Partei  kommen  könnte.  Zwar  ist  eine  programmatische Nähe zur Konservativen Partei gegeben,  was nach konservativer Lesart nur das historische Bonmot  bestätigt, dass ein Liberaler nichts anderes sei als ein intelligenter  Konservativer.  Doch  auch  wenn  es  im  PCC  eine  gewisse Strömung gibt, die durchaus bereit wäre, in eine  andere Form der Kooperation mit „la U‟ einzutreten, dürfte  die  Partei  insgesamt  kaum  bereit  sein,  160  Jahre  eigene  Parteigeschichte über Bord zu werfen. Das beachtliche Ergebnis für den Polo hat nicht  Ganz offensichtlich hat sich das Linkszu einem unumstrittenen Führungsanspruch  bündnis gespalten: Hier die linksfunvon Petro geführt. Vielmehr hat dessen nach  gemäßigte, auf Kooperation und Koalider  Wahl  bekundete  Bereitschaft,  Santos  in  tion setzende Strömung. den  für  den  Polo  zen  ralen  Politikbereichen  t wie zum Beispiel der Landfrage zu unterstützen, zu einer  offiziellen  Desautorisierung  und  zu  Spekulationen  über  einen Parteiausschluss oder einen Austritt geführt. Ganz  offensichtlich  hat  sich  das  Linksbündnis  gespalten:  Hier die alten, traditionellen und linksfundamentalistischen  Kader, deren Verhältnis zur Gewalt in der Tat nicht durchgängig zweifelsfrei ist und die mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch  die  Oppositionsrolle  bevorzugen,  und  dort  eine  gemäßigte,  auf  Kooperation  und  Koalition  setzende  Strömung.  Das  Kräfteverhältnis  dieser  Strömungen  ist  allerdings schwer abschätzbar. Ob aus der innerparteilichen Spaltung auch kleinere Abspaltungen oder eine gesamtorganisatorische Spaltung hervorgehen, bleibt abzuwarten. Dies könnte zu einer Wiederformierung der radikalen Linken auf der einen Seite führen und  auf  der  anderen  zu  einer  Art  sozialdemokratischer  Partei  zusammen  mit  denjenigen  Teilen  der  liberalen  Partei,  die  den  Santos-Anschluss  ablehnen.  Dies  wiederum  könnte,  eine Stabilisierung des Partido Verde vorausgesetzt, zu einer  weiteren Option der Zusammenarbeit oder Fusion führen.  Der  Partido Verde  hat  trotz  seines  Namens  mit  „grüner 
damentalistischen Kader und dort eine

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Bewegung‟  recht  wenig  zu  tun.  Es  handelt  sich  um  eine  Splitterpartei, die mittels der Kandidatur von Mockus, der  eine  rechtlich  gesicherte  Plattform  für  seine  Präsidentschaftskandidatur  benötigte,  in  eine  Sphäre  geschleudert  wurde,  in  der  die  Voraussetzungen  aktuell  nicht  gegeben  sind, die für das politische Überleben erforderlich sind. Mockus hat in einer ausgesprochen guten Rede am Wahlabend des 30. Mai klar gemacht, dass nun der Ausbau des  Partido Verde prioritäre Aufgabe ist, vor allem mit Blick auf  die im nächsten Jahr anstehenden Kommunal- und Regionalwahlen,  zu  denen  man  breit  mit  eigenen  Kandidaten  antreten  wolle.  Der  Umstand,  dass  Mockus  mit  seinem  Stimmenanteil nicht wie befürchtet abgefallen ist, sondern,  wenngleich in begrenztem Umfang, zulegen konnte, bietet  eine durchaus gute Ausgangslage für dieses 
Der Partido Verde steht vor der mentalen Hürde, von Alleinvertretungsansprüchen Abstand nehmen und sich koalitionsbereit zu zeigen. Das gilt vor allem für Mockus selbst.

Unterfangen. Einer der wichtigsten Mitstreiter  Mockus‛, Peñalosa, kündigte bereits an, dass  man  diese  Partei  als  „Partei  des  Zentrums‟  aufstellen  wolle.  Hier  wird  abzuwarten  sein,  wie  sich  die  ideologisch  durchaus  hetero-

genen  Kräfte  dieser  Bewegung  bei  dieser  Aufgabe  positionieren  und  ob  eine  solche  Aussage  mehrheitsfähig  ist.  Interne Sollbruchstellen personeller wie programmatischer  Natur sind hinreichend vorhanden. Die  Aussage,  man  sei  nach  den  Präsidentschaftswahlen  die  zweite  politische  Kraft  im  Land,  ist  allzu  simplifizierend.  Die  kolumbianische  Geschichte  kennt  einige  in  Präsidentschaftswahlen  erfolgreiche  Wahlbewegungen,  die eine Konsolidierung oder gar einen weiteren parteiorganisatorischen  Ausbau  und  entsprechende  Wahlerfolge  nicht erreichten. Der Weg von einer aktuell nicht mehr als  konjunkturellen  Oppositionsbewegung  zu  strukturierteren  Organisationsformen  ist  schwierig.  Die  parlamentarische  Basis  hierfür  ist  äußerst  gering.  Auch  steht  der  Partido Verde  vor  der  mentalen  Hürde,  von  Alleinvertretungsansprüchen Abstand nehmen und sich koalitionsbereit zeigen  zu  müssen.  Das  gilt  vor  allem  für  Mockus  selbst,  sollte  er  eine  führende  Rolle  bei  dieser  Herkulesaufgabe  übernehmen.

 

9|2010

KAS AUSLANDSINFORMATIONEN

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AUSWIRKUNGEN AUF DAS PARTEIENSySTEM

Für  eine  fundierte  Einschätzung  der  Auswirkungen  dieser  Präsidentschaftswahlen  und  der  Bildung  der  Unidad Nacional  ist  es  deutlich  zu  früh.  Das  Wahlergebnis  und  die  anschließende  Entwicklung  haben  Sollbruchstellen  in  einigen  Parteien  offengelegt.  Deren  Aufarbeitung  wird  noch  geraume  Zeit  in  Anspruch  nehmen.  Ergebnisse  dieser  internen  Prozesse  sind  schwer  abschätzbar.  Neben  diesen innerparteilichen Entwicklungen in den betroffenen  Parteien und dem Funktionieren der Unidad Nacional hängt  auch  viel  vom  Ausgang  der  Kommunal-  und  Regionalwahlen in der zweiten Jahreshälfte 2011 ab.  Vielfach  wird  die  Auffassung  vertreten,  mit  der  Unidad Nacional  trete  Kolumbien  in  eine  mit  der  Frente Nacional zwischen  1958  und  1974  vergleichbare  Phase  ein.  Diese  „Nationale  Front‟  bestand  aus  der  liberalen  und  konservativen  Partei,  die  sich  turnusgemäß  in  der  Staatsführung  abwechselten  und  alle  Diese Präsidentenwahl hat latente Sollanderen politischen Machtebenen unter sich  bruchstellen in den Parteien aufgedeckt aufteilten.  Verbunden  wird  diese  Sicht  mit  fen. Eine teilweise Umgestaltung des der Einschätzung, dass mit dieser Präsiden- Parteiensystems wird diese Entwicktenwahl und der Unidad Nacional das Mehrparteiensystem  in  der  Substanz  beschädigt  und eine Rückkehr zum traditionellen Zwei-Parteiensystem  vorhersehbar  sei.  Erfahrungswerte  aus  der  kolumbianischen  Geschichte  prägen  diese  Analyse.  Es  erscheint  jedoch  problematisch,  diese  Erfahrungen  auf  einen  Jahrzehnte später relevanten Kontext zu übertragen. Wie  oben  ausgeführt,  hat  diese  Präsidentenwahl  latente  Sollbruchstellen  in  den  bestehenden  Parteien  aufgedeckt  und konfliktiver gemacht, und auch neue Sollbruchstellen  geschaffen. Darin liegt fraglos das Potential einer partiellen  Umgestaltung des aktuellen kolumbianischen Parteiensystems. Die Ausdifferenzierung der kolumbianischen Gesellschaft  und  Politik  ist  jedoch  zu  sehr  fortgeschritten,  als  dass  die  These  einer  durch  die  Unidad Nacional  nahezu  zwangsläufigen  Rückkehr  zu  einem  Zweiparteiensystem  überzeugen könnte. Das Funktionieren der Unidad Nacional  muss sich im Alltag der kolumbianischen Politik erst noch  erweisen.
lung fortsetzen. und vergrößert, und auch neue geschaf-

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