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R-FEU2

RHEINISCHE POST
C2 Wissen WOCHENENDE 28./29. OKTOBER 2017

Schweinswale sind besonders lärmempfindlich. FOTO: DPA

Viel Lärm um viel
Als Tourist erfreut man sich an der Ruhe der Meere. Doch unter der Wasseroberfläche ist es für
empfindsame Tiere wie den Schweinswal laut. Forscher in Tallinn arbeiten an ihrem Schutz.
VON RAINER KURLEMANN diese nicht den Fang in ihren Net- sprechender nationaler und inter- nicht immer. Viele Naturschützer Klauson ist sicher, dass techni-
zen fressen. „Hier wartet noch viel nationaler Grenzwerte für Unter- behaupten, dass Wale immer wie- sche Lösungen die Geräuschbelas-
TALLINN Aleksander Klausons Büro Arbeit“, sagt Klauson. wasserlärm bereits als Herausforde- der an Land stranden, weil ihr Navi- tung der Meere deutlich senken
in der Universität Tallinn liegt ein Fraglich ist, ob die Meeresbewoh- rung für den Meeresnaturschutz gationssystem von Unterwasser- könnten. Es gibt sie bereits, aber sie
paar Kilometer von der Küste ent- ner sich an den Krach gewöhnen formuliert. Ein Schallschutzkonzept lärm gestört wurde. Bewiesen ist setzen sich im Schiffsbau nur selten
fernt. Trotzdem hört der Physiker können oder sich möglicherweise für den Bau von Offshore-Wind- diese Vermutung bisher nicht, aber durch. „Wir haben gemessen, dass
täglich die Geräusche der Ostsee. sogar anpassen. Und ob es eine kraftanlagen in der Nordsee gibt es auch das könnte in den nächsten militärisch genutzte Schiffe sehr viel
Für das europäische Umweltprojekt Obergrenze gibt, bis zu der die Tiere bereits. Denkbar, dass Fahrverbote Jahren ein Thema für das Jomo- leiser sind als zivile“, berichtet For-
BIAS wertet der 58-Jährige die Infor- die menschengemachte Geräusch- wegen zu hoher Unterwasserlärm- pans-Projekt werden. scher Klauson über Details seiner
mationen von 40 Sonden aus, die kulisse noch tolerieren. Vielleicht belastung folgen. Britische und niederländische Messungen.
drei Jahre lang ein paar Meter unter wird es auf dem Meer bald auch Mancher Tourist mag sich am Meeresforscher haben die Lärmbe- Auch die Internationale Marine
7$1= '(5 9$03,5( Ã )52=(1 Ã 52&.< dem Meeresspiegel im Wasser ge- Lärmschutzregelungen geben, wie Strand oder auf einem Boot an der lastung einzelner Regionen der Organisation hat Ingenieure aufge-
.g1,* '(5 /g:(1 Ã (/,6$%(7+ Ã )$/&2 Ã 890 lauscht haben. „Unterwasserakus- wir sie etwa von Autobahnen ken- Stille des Meeres erfreuen. Doch un- Nordsee bereits untersucht. Für ein rufen, besonders leise Antriebe zu
 0µJODGEDFK  .)+DOOH tik ist kompliziert“, erklärt Klauson, terhalb der Wasseroberfläche kann bauen. Vielleicht sei der Anreiz dazu
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 'VVHOGRUI  0(+DOOH „man kann nicht sofort hören, was es ganz anders sein. Wasser kann noch nicht groß genug. Doch ob-
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 6ROLQJHQ  7KHDWHU die Ursache des Geräusches ist.“ Geräusche über weite Strecken wohl die Marine mit leisen Schiffen
Deshalb haben die estnischen
Forscher ein Computermodell ent-
$17,.
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transportieren. Jedes Schiff ist kilo-
meterweit zu hören. „Die Verbrei-
   
  
  
unterwegs ist, trägt sie gerade in der
Ostsee zur Lärmbelastung bei. Re-
wickelt, das die Geräuschkulisse in
ihre Quellen aufteilt: Es erkennt Re- 0$5.7 tung des Schalls wird stark von der
Struktur und der Art des Meeresbo-
 
gelmäßig messen die Forscher die
Schallsignale, mit denen schwedi-
gen, Wind oder Tiere, aber auch 6R  2NW dens beeinflusst“, sagt Aleksander  
sche Militärs und die Nato nach rus-
&(175$/ 086,&$/ &203$1< Schiffe und Bauarbeiten. So ent-  8KU (LQWULWW Ą  Klauson, „wie schnell die Töne            sischen U-Booten auf Patrouillen-
stand aus der Kooperation von Wis- 0|QFKHQJODGEDFK übertragen werden, hängt unter an-        fahrt suchen, die sich der Küste nä-
senschaftlern aus sechs Nationen .DLVHU)ULHGULFK+DOOH derem vom Salzgehalt, von der Was-        hern.
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ein Lärmatlas der Ostsee. Das Pro- sertemperatur und von der Tiefe
jekt besitzt Vorbildcharakter. Im Ja- ab.“ Wenn es kalt ist, bleibt das Ge- INFO
5RPDQ *DVWRQ /HURX[ nuar startet das EU-Projekt „Jomo- räusch länger in oberflächennahen
'LH 2ULJLQDOSURGXNWLRQ YRQ *HUEHU XQG :LOKHOP
pans“. Unter Führung der nieder- nen. Einige skandinavische Länder Schichten. komplettes Bild reichen die Mes- Ziele Das BIAS (Baltic Sea Informa-
 .UHIHOG  6HLGHQZHEHUKDXV  0µJODGEDFK ländischen Forschungsinstitution haben an den Küsten vor empfindli- Die marine Geräuschkulisse ist sungen aber nicht aus. In der Ostsee tion On Acoustic Soundscape, also
 (VVHQ  3KLOKDUPRQLH .DLVHU)ULHGULFK+DOOH „Rijkswaterstraat“ soll dann die chen Öko-Systemen bereits Sonder- ein kompliziertes Wechselspiel vie- können die Schallforscher dank der das Ostsee-Informationssystem
Lärmbelastung für Fische und an- regelungen für den Schiffsverkehr ler Faktoren. Fische, Robben und Computerhilfe die Geräusche bis in zur akustischen Klanglandschaft)
dere Bewohner der Nordsee ermit- erlassen. Wale müssen mit diesem Lärmpegel Feinheiten zurückverfolgen. Sie soll Standards zur Erfassung und
telt werden. Das deutsche Bundesamt für Na- leben. Manchmal können sie in ru- wissen, welchen Einfluss der Regen Bewertung von Unterwasserlärm
Die möglichen Auswirkungen des turschutz hat die Entwicklung ent- higere Gewässer ausweichen, aber oder starker Wind auf das Schallge- entwickeln und die Belastung der
vom Menschen erzeugten Unter- schehen hat. Für starke Ausschläge Ostsee messen. Beteiligt waren
wasserlärms auf die empfindliche innerhalb der Messwerte sorgen Forscher aus Schweden, Estland,
Meeresfauna ist ein wichtiges For- Norwegen auch Bauarbeiten, wenn gewaltige Polen, Finnland und Dänemark. In
schungsthema geworden. „Wir sind Maschinen Fundamente in den Deutschland arbeiteten das Bun-
sicher, dass der Lärm durch Schiffe Lautstärke in Finnland Meeresboden rammen. desamt für Seeschifffahrt und Hy-
und Bauarbeiten manche Fischar- der Ostsee Die Hauptquelle des Lärms sind drographie in Hamburg und das In-
ten beeinträchtigt“, sagt Klauson. 114 dB die großen Frachter, Fähren und stitut für technische und ange-
086,& %< 5,9(5'$1&(  /25' 2) 7+( '$1&(
',57< '$1&,1*  0,&+$(/ -$&.621  890
So liegt beispielsweise der Fre- 100 dB Kreuzfahrtschiffe. „Auch ohne Hin- wandte Physik in Oldenburg bei
 0µJODGEDFK  .DLVHU)ULHGULFK+DOOH  (PPHULFK quenzbereich eines typischen tergrundwissen erkennt man auf BIAS mit.
80 dB
 'XLVEXUJ  7D0 6WDGWWKHDWHU Schiffsgeräuschs in der Region, die unseren Lärmkarten sofort den Ver-
65 dB
Tiere für ihre Kommunikation ver- lauf der wichtigsten Schifffahrtslini- Auswirkungen Viele marine Säu-
7H[W -HDQ 0OOHU 0XVLN *HRUJH $PDGp
wenden. Robben, Seelöwen, Zahn- en“, sagt Klauson. Die Ostsee zählt getiere nutzen Schallwellen zur Na-
wale und Schweinswale, und auch mit täglich 2000 Schiffen zu den am vigation und Kommunikation. Sie
der Kabeljau reagieren auf Schiffs- Estland meisten befahrenen Gewässern Eu- pfeifen oder geben Klicklaute von
lärm. ropas. Die Tallinner Forscher haben sich. Kleinere Walarten senden ei-
Aber die Empfindlichkeit der das Schallgeschehen mit der Positi- nen minutenlangen Gesang aus,
Meeresbewohner gegenüber Ge- on der Boote abgeglichen, die sich der aus Stöhnen und Schlaglauten
räuschen sei sehr unterschiedlich, aus den Daten des Automatischen besteht. Die Empfindlichkeit der
Lettland
sagt der Wissenschaftler. Immerhin Identifikationssystems für Schiffe Tiere hängt stark von der Frequenz
wissen die Forscher, dass manche ergeben. „So konnten wir den Un- der Töne und vom Tier ab. So rea-
Tiere ihren Lebensraum verlassen, terwasser-Sound quasi personali- gieren Bartwale empfindlich auf
wenn es ihnen zu laut wird. Die Fi- Litauen sieren“, erklärt der Physiker. Am niedrige Frequenzen; Schweinswa-
scher aus der Ostsee nutzen diesen lautesten seien große, alte Schiffe, le, Tümmler und Orcas dagegen
 (VVHQ  3KLOKDUPRQLH  0µJODGEDFK  .)+DOOH
Effekt schon lange. Sie vertreiben die möglicherweise mit leicht be- auf höhere Frequenzen über
99. DOOH EHN 99.6WHOOHQ  +ROWLQH   
ZZZDVDHYHQWGH G)Q Ą$QU 0RELO Ą$QU Robben mit Schallwellen, damit QUELLE: BIAS | GRAFIK: BIAS, RP schädigter Schiffsschraube fahren. 10.000 Hertz.

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