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PROLOG

PERU, 31. JULI 1533, IRGENDWO IM DSCHUNGEL
ZWISCHEN CAJAMARCA UND PAITITI

SCHWER ATMEND SETZTE Gómara einen Fuß vor den
anderen. Nur seine Willenskraft hielt seinen
geschwächten Körper noch auf den Beinen. Seit mehreren
Tagen lief er nun schon durch den Dschungel, gönnte sich
nur nachts kurze Pausen und nun stand die Sonnen-
scheibe schon wieder tief über den Baumkronen, bereit,
jeden Moment zu versinken. Doch er durfte sich keine
Rast erlauben. Noch nicht. Er hatte einen Auftrag zu
erfüllen. Das Schicksal seines Volkes hing von ihm ab. Ein
lautes Schluchzen drang aus seiner ausgedörrten Kehle.
Gómara erschrak selbst bei dem krächzenden Geräusch.
Brennend rannen salzige Tränen seine Wangen hinab.
Mit beiden Händen umfasste er den Stab, stieß ihn in den
harten Boden und stützte sich ab. Seine Füße wollten ihm
nicht mehr gehorchen und langsam glitt er auf die Knie,
die Hände weiterhin um den Stab geklammert. Er
kämpfte gegen die Schwäche an, die ihn überkam, aber
dieses Mal konnte er nicht gewinnen. Seine Augenlider

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ANDRÉ MILEWSKI

klappten zu. Gómara fiel auf die Seite und sank in einen
traumlosen Schlaf.
Als er die Augen wieder aufschlug, herrschte um ihn
herum finsterste Nacht. Panik überkam ihn, verging aber
sofort wieder, als er den Stab in seinen Händen spürte.
Mühsam erhob er sich vom Boden. Er befand sich immer
noch auf dem alten, überwucherten Pfad, der ihn nach
Paititi führen würde. Es war ein beschwerlicher, unbefes-
tigter Weg, der nur wenigen Eingeweihten bekannt war.
Auch Gómara war er lange nicht bekannt gewesen und
hatte ihn, wie die meisten seines Volkes, nur für eine
Legende gehalten. Bis vor wenigen Tagen, als der König
ihn eingeweiht und ihm den Auftrag erteilt hatte. Gómara
weinte, als er daran dachte. Nun war sein König tot, hinge-
richtet durch die fremden Götter, die sich unbarmherzig
alles nahmen, was sie wollten. Aber noch gab es Hoff-
nung. Und diese Hoffnung lag nun im wahrsten Sinne des
Wortes in seinen Händen. Der Stab des Inka.
Er schreckte zusammen, als er ein Geräusch vernahm.
Es klang wie das Schnauben eines dieser riesigen Tiere,
auf deren Rücken sich die Fremden fortzubewegen pfleg-
ten. Pferde nannten die Fremden sie. Sofort lief er los.
Ungeachtet der dräuenden Dunkelheit vor sich hastete er
voran. Immer wieder schlugen ihm schmale Äste ins
Gesicht, manche schnitten sich tief in seine Haut ein.
Aber Gómara achtete nicht darauf. Das Schnauben wurde
lauter. Jetzt hörte er auch die Stimmen der Fremden. Er
drehte sich beim Laufen um und sah den Fackelschein,
der sich ihm schnell näherte. Der Boden unter seinen
Füßen begann zu beben, als die gewaltigen Tiere näher
kamen. Dann prallte er krachend gegen einen Baum und
fiel zu Boden. Benommen richtete er sich wieder auf. Blut
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GEHEIMAKTE INKARRÍ

lief aus einer Wunde an der Schläfe. Die Stimmen seiner
Verfolger wurden noch lauter. Gómara umklammerte
entschlossen den Stab und schritt auf den Baum zu. Er
tastete ihn in der Dunkelheit ab. Sein Herz machte einen
Freudensprung, als er das Symbol Paititis in der Rinde
erfühlte. Die Stimme seines Königs hallte durch seinen
Kopf.
»Nach zwei Tagen Fußmarsch wirst du auf einer
kleinen Lichtung auf einen gewaltigen Baum treffen. Er ist
alt und knorrig und trägt das Siegel Paititis in seiner
Rinde. Er markiert die Grenze zu Paititi. Wer nicht von
königlichem Blut ist, darf diese Grenze niemals über-
schreiten. Auch du nicht, Gómara.«
»Aber … Herr, wie soll ich meinen Auftrag erfüllen,
wenn ich nicht …?« Der König hob die Hand und ließ ihn
verstummen.
Ȇbergib den Stab dem Baum. Du wirst es sehen. Das
ist deine Aufgabe! Und jetzt geh! Wenn du versagst, sind
wir alle verloren und Tayta Inti wird sich von uns
abwenden.«
Gómaras Hände glitten über die knorrige Rinde des
alten Wachbaumes. Dann fand er es. Wie der König
gesagt hatte, übergab er den Stab des Inka dem Baum. Als
er es getan hatte, sank er auf die Knie und umarmte den
Baum. »Ich habe es geschafft, mein König. Ich habe nicht
versagt«, presste er unter lautem Schluchzen hervor.
Dann brachen die Verfolger auch schon durch das
Unterholz und umringten ihn. Langsam drehte sich
Gómara zu ihnen herum. Es waren sechs der Fremden.
Ihre Gesichter waren kaum zu erkennen, nur die Augen
waren im Schein des Feuers zu sehen, der Rest war von
wildem Haarwuchs überdeckt. Sie trugen alle ihre
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ANDRÉ MILEWSKI

undurchdringlichen Brustpanzer und Helme. Die Tiere,
auf denen sie saßen, schnaubten unaufhörlich und tram-
pelten mit ihren Hufen auf der Stelle. Schaum tropfte aus
ihren Mäulern. Gómara hatte eine panische Angst vor
den Pferden, seit er miterleben mussten, wie sie vor
einigen Monden durch die Leibgarde des Königs
hindurchgepflügt waren. Sie hatten etliche Krieger zu
Tode getrampelt. Für ihn waren diese vierbeinigen Tiere
Gesandte der Hölle. Sie ernährten sich von Eisen und
Blut, hieß es. Gómara konnte das Eisen in ihren Mündern
sehen, an denen Lederriemen gebunden waren, mit deren
Hilfe die Reiter die Tiere lenkten. Keiner der Männer
sagte ein Wort, bis schließlich einer von ihnen seine
Fackel an seinen Nebenmann reichte und dann von dem
Rücken seines Reittieres hinunter glitt. Er nahm den
Helm ab und legte ihn auf den Boden, dann schritt er auf
ihn zu. Gómara drückte sich mit dem Rücken fest an
den Baum.
»Sieh an, wen wir hier haben. Der kleine Lieblings-
sklave von Atahualpa. Hast du wirklich geglaubt, du
könntest uns entkommen?«
Gómara verstand die Sprache der Fremden, seit er an
jenem schicksalhaften Tag vor neun Monden mit dem
König zusammen in deren Gefangenschaft geraten war.
Aber er sprach selbst nur wenige Worte dieser fremden
Sprache. Er gab keine Regung von sich. Der großgewach-
sene Mann hockte sich ihm gegenüber hin und sah ihn
prüfend an.
»Also, Gómara, wo ist es?«
Er antwortete nicht.
»Wo ist es?«, fragte der Mann noch einmal, dieses Mal
deutlich schärfer.
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GEHEIMAKTE INKARRÍ

Wieder gab Gómara keine Antwort.
»Verschwende deine Zeit nicht mit ihm, Hernando.
Diese kleine Ratte wird dir nichts sagen. Lass uns ihn
töten und dann wieder zurückreiten.«
»Das entscheide immer noch ich, Pedro. Wir haben
diese Ratte mehrere Tage verfolgt und jetzt will ich die
Belohnung dafür haben«, gab der Mann mit Namen
Hernando fauchend zurück und wandte sich wieder an
Gòmara. »Dein König hat dich losgeschickt, nicht wahr?
Du solltest etwas für ihn verstecken. Etwas Wertvolles. Ich
will es haben, verstehst du mich?«
Mit starrem Blick sah Gómara den Fremden an. Der
fixierte ihn ebenfalls und strich sich mit der rechten Hand
durch die krausen, dunklen Haare an seinem Kinn.
»Dein König ist tot, weißt du das? Ich habe ihn getötet,
mit meinen eigenen Händen.« Er streckte die Arme aus
und hielt seine Hände direkt vor Gómaras Gesicht. »Ich
habe mir viel Zeit damit gelassen. Ganz langsam habe ich
den Strick um seinen Hals enger und enger gedreht. Dein
König hat geweint, gewinselt und geschrien wie ein
kleines Kind. Es war ein unwürdiges Ende für ihn.«
»Lügner!« Gómara sprach das Wort gepresst aus. Es
war eines der Worte, das sich ihm besonders eingeprägt
hatte, weil die Fremden, die sich selbst als Spanier
bezeichneten, es oft benutzt hatten, um seinen König,
Atahualpa Inka, zu beschimpfen. Es bedeutete, dass
jemand absichtlich die Unwahrheit sprach.
»Oho, der Kleine kennt dich anscheinend genauer,
Hernando«, rief einer der anderen Männer und lachte
laut. Seine Kameraden taten es ihm gleich. Wütend
sprang der Mann vor Gómara wieder auf die Beine und
drehte sich zu seinen Leuten um.
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ANDRÉ MILEWSKI

»Halte dich geschlossen, Diego, oder willst du, dass
ich dir dein Maul stopfe? Ich, Hernando Pizarro, bin kein
Lügner. Aber wenn du drauf bestehst, beweise ich es dir
gerne noch einmal genauer.«
Das Lachen verstummte.
Mit grimmiger Miene drehte sich Hernando Pizarro
wieder zu Gómara herum. Dann packte er ihn am Hals
und zog ihn auf die Beine.
»Du wirst jetzt reden oder deinem König folgen!«
Gómara lächelte den Fremden an.
»Verdammt, Hernando, sei doch nicht so ein Narr. Sieh
dich doch hier einmal um. Wenn der Junge etwas bei sich
getragen hat, gibt es nur eine Möglichkeit, wo er es
versteckt haben kann.«
»Sei still, Pedro. Denkst du etwa, ich wüsste das
nicht?«, fuhr Hernando den Sprecher an. Dann stieß er
Gómara zur Seite weg und trat an den Baumstamm heran.
»Leuchte mal einer mit der Fackel hierher.«
Einer der Männer trieb eines der großen Tiere an den
Baum heran und streckte seine Fackel aus. Im flackernden
Lichtschein konnte Gómara das breite Astloch, in das er
den Stab des Inka versenkt hatte, gut erkennen. Der
Fremde sah es ebenfalls. Er streckte seine Hand aus und
griff in das Loch hinein.
Gómara schloss seine Augen. Er hatte letztendlich
also doch versagt.
»Verflucht, da ist nichts!« Wütend zog Pizarro seine
Hand wieder aus dem Baum heraus und starrte auf
Gómara hinab. »Wo ist es? Rede!«
Aber Gómara gab keine Antwort. Stattdessen ging sein
Blick an dem Baum vorbei, wo er in einiger Entfernung
glaubte, einen schmalen Körper im Dickicht des Dschun-
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GEHEIMAKTE INKARRÍ

gels verschwinden zu sehen. Aber vielleicht spielten ihm
seine Augen in der Dunkelheit auch nur einen Streich.
Dann wurde er von dem Fremden gepackt und auf die
Beine gestellt.
»Wenn du mir nicht sagst, wo du es versteckt hast,
wirst du hier sterben!«
Gómara sah dem wütenden Mann in die Augen. Er
sah nur Falschheit und Gier in dessen Pupillen, keine
Seele.
»Keine Angst«, gab Gómara zur Antwort.
Der Fremde zögerte einen Moment, dann zischte er
ihn an: »Nun gut!« Dann wandte er sich an die anderen
Männer. »Seile. Vier lange Seile!«
»Hernando, schlitz ihm einfach die Kehle auf
und dann-«
»Seile, hab ich gesagt!«
Kurz darauf fand sich Gómara auf dem Rücken
liegend auf dem Dschungelboden wieder. Um seine
Handgelenke waren genauso wie um seine Fußgelenke
Seile gebunden. Die jeweiligen Enden der Stricke waren
um den Hals der großen, schrecklichen Pferde festge-
macht, auf deren Rücken immer noch die Spanier saßen.
Gómara wusste, was jetzt passieren würde. Er hatte es oft
genug mit ansehen müssen, wenn die Fremden Adlige
seines Volkes auf diese Art und Weise hingerichtet hatten.
Sie taten es aus reiner Mordlust. Aber er hatte keine
Angst. Jetzt nicht mehr.
»Auf mein Kommando reitet ihr los«, bellte die
Stimme von Hernando Pizarro durch das Dunkel
der Nacht.
»Warte«, rief Gómara dem Fremden zu.
»Wirst du jetzt reden?«
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»Nein«, sagte Gómara mit fester Stimme. »Wisse: Der
Inka wird zurückkehren und unser Volk rächen. Er wird
euch alle töten!«
»Du redest denselben Unfug wie dein toter König!«
Hernando lachte laut auf. »Schluss damit. Reitet
los! Heya!«
Gómara spürte einen gewaltigen Schmerz, als die
Tiere zu ziehen begannen. Er schloss die Augen und
konzentrierte sich. Seine Gelenke knackten, seine
Muskeln waren angespannt und versuchten, der enormen
Kraft entgegenzuwirken. Vergebens. Die Pferde waren zu
stark. Sein linker Arm gab als Erstes nach. Mit einem
gewaltigen Ruck wurde der Knochen aus dem Gelenk
gerissen, seine Sehnen, Muskeln und Gewebe zerfetzt.
Gómara schrie auf, wie er noch nie zuvor geschrien hatte.
Sein Schrei wurde von weit her, aus der Dunkelheit, von
den vielen Stimmen des Dschungels beantwortet. In
Gedanken betete Gómara zu Tayta Inti, dem Sonnengott,
und vor allem zu dessen Gemahlin, Mama Killa, der
Mondgöttin. Er öffnete die Augen und blickte mit von
Tränen getrübtem Blick in den Nachthimmel, an dem
ganz oben die fahl leuchtende, runde Mondscheibe stand.
»Macht weiter. Zieht, zieht, ihr Hunde!«, peitschte
Hernando Pizarro wie im Blutrausch seine Männer
geifernd an.
Die Zugtiere schrien laut auf, als die Männer auf ihren
Rücken ihnen die Sporen in die Seite traten. Mama Killa
zeigte sich Gómara gegenüber gnädig und ließ ihn das
Bewusstsein verlieren, als sein rechtes Bein durch einen
gewaltigen Ruck von seinem Becken getrennt wurde.

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