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Alex Demirovic (Hrsg.

)

Modelle kritischer
Gesellschaftstheorie
Traditionen und Perspektiven
der Kritischen Theorie

Modelle kritischer Gesellschaftstheorie

Modelle kritischer
Gesellschaftstheorie
Traditionen und Perspektiven
der Kritischen Theorie

Herausgegeben von Alex Demirovic

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-476-01849-6
ISBN 978-3-476-02788-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-02788-7

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© 2003 Springer-Verlag GmbH Deutschland
6STQSàOHMJDI erschienen bei J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2003
www.metzlerverlag.de
info@metzlerverlag.de

Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Alex Demirovic
TRUST ME . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Alexander García Düttmann
Dialektische Konstellationen. Zu einer kritischen Theorie gesellschaftlicher
Naturverhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
Christoph Görg
Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute . . . . . . . . . . . . . . 63
Gunzelin Schmid Noerr
Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements . . 77
Matthias Kettner
Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus . . . . . . . . . . . . . 101
Thomas Sablowski
Fred Pollock in Silicon Valley. Automatisierung und Industriearbeit in der
vernetzten Massenproduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Boy Lüthje
Den Staat ver/handeln. Zum Zusammenhang von Staat, Demokratie und
Herrschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Birgit Sauer
Leblose Lebendigkeit. Zur Bedeutung von Organisation, Wissen und Norm
im Konzept der verwalteten Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
Michael Bruch
Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
Michael Vester
Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus, Rassismus und Reaktionen auf
Einwanderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
Lena Inowlocki
›Wir sind weit weniger Griechen als wir glauben‹. Überlegungen zum
Projekt einer kritischen Geschlechterforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
Andrea D. Bührmann
Sozialcharakter zwischen Spätkapitalismus und Postfordismus . . . . . . . . 266
Thilo Naumann
Theorie und Kritik der Ideologie. Vom Spätkapitalismus zur Postmoderne . 290
Jost Müller

VI Inhalt

Kulturindustrie: Konflikte um die Produktionsmittel der gebildeten Klasse . 312
Christine Resch und Heinz Steinert
Ästhetische Theorie, Kunst und Massenkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
Gerhard Schweppenhäuser
Warum ist die Kritische Theorie kritisch? Anmerkungen zu alten und neuen
Entwürfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366
Wolfgang Bonß
Die Autorinnen und Autoren des Bandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393

Vorwort
Alex Demirovic

Die kritische Theorie ist in den 1960er Jahren zum Eigennamen eines besonderen
theoretischen Zusammenhangs und einer akademischen Schule geworden, zur
Kritischen Theorie der Frankfurter Schule (vgl. Demirovic 1999). Im breiteren
Verständnis handelte es sich dabei um eine Richtung der Soziologie, die von
anderen Richtungen der damaligen Soziologie in Westdeutschland unterschieden
wurde: die, die vor allem von René König repräsentiert wurde, der in Köln lehrte
und dort über lange Zeit die innerhalb der Soziologie als Fachorgan sehr ein-
flussreiche Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie herausgab; und
die Richtung, für die Helmut Schelsky stand, der in den 1950er Jahren in Ham-
burg, danach in Münster und Bielefeld tätig war. Die Kritische Theorie auf eine
Theorierichtung in der Soziologie zu begrenzen, ist ungenau. Denn die Vertreter
der Kritischen Theorie haben in Frankfurt neben der Soziologie auch Philosophie
gelehrt. Diese Verbindung von Soziologie und Philosophie war im von Hork-
heimer und Adorno vertretenen Verständnis von Kritischer Theorie immer unge-
mein wichtig. Dies unterschied sie auch ganz erheblich von den anderen Vertretern
der Soziologie. Denn diese lehnten es ab, die philosophiegeschichtlichen und
gesellschaftlichen Voraussetzungen der Entstehung der Soziologie selbst mit in ihr
Wissenschaftsverständnis einzubeziehen. Aus ihrer Sicht hatte sich die Soziologie
von allen anderen Disziplinen befreit und als empirisch ausgerichtete Wirklich-
keitswissenschaft etabliert. Als eigenständige Fachwissenschaft sollte sie sich –
vergleichbar einer Naturwissenschaft – mit strengen Methoden allein aus sich selbst
begründen und nur den Maßstäben der internen Forschungslogik folgen. Mit der
Kritik an philosophischen Begriffe, die ihnen, wie der Begriff der Totalität, der
Praxis oder der Vernunft, als metaphysisch galten, sollte vor allem die geschichts-
philosophisch begründete Perspektive auf die vernünftige Einrichtung eines welt-
bürgerlichen Zusammenlebens aus dem Aufmerksamkeitshorizont wissenschaftli-
cher Fragestellungen gedrängt werden. Solche Begriffe und Ziele erschienen als
außerwissenschaftliche Werturteile, die für die empirische Sozialforschung nicht
operationalisiert werden konnten. Gleichzeitig meinte eine solche Option für
wertfreie Wissenschaft selbst nie mehr als ein nicht offen formuliertes Werturteil
für den Zustand, wie er ist – und zu dessen Erhaltung Soziologie mit ihrer
Sachkenntnis beiträgt.
Horkheimer und Adorno ging es jedoch nicht darum, jene philosophische
Tradition um ihrer selbst willen lebendig zu halten; vielmehr waren sie der Ansicht,
dass die einzelwissenschaftliche Forschung der philosophischen Impulse bedurfte,
denn nur hier finden sich Begriffe, die über einzelwissenschaftliche Beschränkung
hinausführen. Sie sahen sich nicht als disziplinär gebundene Einzelwissenschaftler,
sondern eher als Intellektuelle, die an einer Gesellschaftstheorie arbeiteten; und um
dieses Zieles willen durfte es nicht zu einer Begrenzung des Blicks oder des Begriffs

2 Alex Demirovic

durch disziplinäre Vorgaben kommen. Trotz einer jahrzehntelangen Praxis in der
empirischen Sozialforschung blieben sie im Großen und Ganzen der Auffassung
verpflichtet, die Horkheimer schon in seiner Antrittsrede als Direktor des Instituts
für Sozialforschung 1931 formuliert hatte. Auf Grund »aktueller philosophischer
Fragestellungen« wollte er Untersuchungen organisieren, »zu denen Philosophen,
Soziologen, Nationalökonomen, Historiker, Psychologen in dauernder Arbeits-
gemeinschaft sich vereinigen und das gemeinsam tun, was auf anderen Gebieten im
Laboratorium einer allein tun kann, was alle echten Forscher immer getan haben:
nämlich ihre aufs Große zielenden philosophischen Fragen an Hand der feinsten
wissenschaftlichen Methoden zu verfolgen, die Fragen im Verlauf der Arbeit am
Gegenstand umzuformen, zu präzisieren, neue Methoden zu ersinnen und doch
das Allgemeine nicht aus den Augen zu verlieren« (Horkheimer 1931, S. 33 f.).
Wissenschaftler aus vielen Einzeldisziplinen sollen zusammen an übergreifenden
Fragestellungen mit dem gemeinsamen Ziel arbeiten, zu einer »Theorie der gegen-
wärtigen Gesellschaft« beizutragen, die unter der Oberfläche der zahlreichen Ein-
zelereignisse die Struktur wirkender Mächte erkennen und den gesamtgesellschaft-
lichen Verlauf erkennen will (Horkheimer 1932, S. 36).
Horkheimer grenzt sich mit diesen Überlegungen zu einem interdisziplinären
Materialismus nach zwei Seiten hin ab. Auf der einen Seite kritisiert er eine
Auffassung, die die Philosophie als eine Art Königswissenschaft betrachtet, die
glaubt, obwohl sie im Laufe des 19. Jahrhunderts den Einzelwissenschaften gegen-
über hoffnungslos ins Hintertreffen geraten war, den Menschen Sinn und Orientie-
rung geben zu können. So würde die Philosophie bloß kompensatorisch einen
Goldgrund malen für einen grauen Alltag, in dem die Menschen zwar vielleicht
nach Glück streben, es aber in den Bemühungen, ökonomisch nicht unterzugehen,
doch nie erlangen. Philosophie würde zu weltanschaulicher Gesinnung, die noch
vor jedem Wissen ums Detail und vor jeder Erkenntnis immer dogmatisch bliebe
und sich im Besitz eines Schlüssels zur Erkenntnis wähnte, wenn sie sich nur auf
einen letzten, Halt gewährenden Begriff gründete. Von einem solchen Fundament
getragen, könnte eine solche Philosophie dann unangreifbare Theorien und Sys-
teme konstruieren, während die einzelwissenschaftliche Tatsachenforschung als
langweilige Spezialistenaufgabe erschiene, die nur ausführte, was ihr die Philo-
sophie vorgäbe. Auf der anderen Seite beobachtete Horkheimer zwar bei Fach-
wissenschaftlern eine Tendenz, sich auf ihrem Gebiet ganz kompetent und rational
zu verhalten; diese Rationalität, das zeigt die Wissenschaftsgeschichte, blieb aber
oft auf jenen engen Bereich begrenzt. Durchaus war es möglich, dass Spezialisten
mit Blick auf wissenschaftliche Einzelfragen sehr fortgeschritten dachten, an-
sonsten jedoch sehr konventionell blieben. Sie immunisierten ihre Weltsicht und
ihr Alltagsleben gegenüber den Rationalitätsansprüchen ihrer Erkenntnispraxis.
Für die wissenschaftliche Arbeit und die Rationalität selbst hatte dies fragwürdige
Konsequenzen. Denn die Wissenschaftler, und vor allem solche der Sozialwissen-
schaften, konnten so zu kalten Technokraten werden, die zwar über ganz hervor-
ragende Einzelkenntnisse und Lösungskompetenzen verfügten, die aber in vielen
anderen Hinsichten nach den Standards des Alltagsverstandes und des Konformis-
mus lebten.

Vernunft widerspricht aber auch Demagogie und Propaganda. die also ein Monopol auf Expertenwissen für sich zu errichten versuchen und den Zugang zu Erkenntnissen begrenzen wollen. dem spirituellen Erlebnis oder einer ästhetischen Sinnerfahrung. Die Kritik wird einge- schränkt. Denn Vernunft lässt sich nicht parzellieren und nur auf einen schmalen Bereich begrenzen. Diese Dynamik rationaler Erkenntnis verbindet sich zudem mit der Erwartung. Nicht allen wird der Zugang zur freien Erkenntnis erlaubt oder ermöglicht. Vorwort 3 Das widerspricht aber dem Begriff der Rationalität selbst. Im Namen von Wissen- schaftlichkeit und Rationalität kann Macht ausgeübt und können Privilegien in Anspruch genommen werden. die durchaus zu einer solchen Verteilung von Privilegien beitragen können. des Geldes. Doch Wissenschaftlichkeit und Rationalität. dass jede Einsicht und jedes Argument der Möglichkeit nach allen verständlich und zugänglich sein müsste. die als die wichtigsten Vertreter des Faches gelten und von denen erwartet wird. Horkheimer macht gerade an diesem Punkt auch das fest. dass die Wahrheit von der Mehrheit abhängig gemacht würde. die Forschung und das Nachdenken wird nicht im Zusammenhang mit dem Gegenstand gesehen. die darauf zielen. streng nach den Regeln und Relevanzgesichtspunkten der jeweiligen Disziplin. Sie verbergen den Zugang zu diesem Wissen durch spontane Wissenschaftsideologien. dem Wunder. sind eben immer auch mit dem Anspruch verbunden. Es gibt viele Wissenschaftler. Dazu nutzen sie die Mittel guter Beziehungen. Vernunft beinhaltet eine demokratische Haltung – demokratisch nicht in dem Sinne. das rational Erschlossene selbst wieder in einem umfassenderen Kontext zu begreifen. Vernunft und Wahrheit mit Ausschluss und Herrschaft verbunden. die individuelle Einsichtsfähigkeit außer Kraft zu setzen. jedoch in dem Sinne. und gerade von der Kritischen Theorie angestoßene. sie verbinden sich mit dem Privileg. seien es spiritualistische Ganzheitsphilosophien oder quasi-theologische Kosmologien. dass alle Individuen die Erkenntnisse kritisch überprüfen können. dass ihre Ergebnisse allen einsichtig sind und alle daran teilhaben können. und wenn die Logik der Sache doch zu diesem drängt. Denn sie alle erlauben lediglich Einzelnen den Zugang. was er für den entscheidenden Unterschied der Kritischen Theorie zu anderen Wissenschaftsauffassungen hält. Wissenschaft und Vernunft widerspre- chen demgemäß bloßem Glauben. folgsam gegenüber denen. wie Wissenschaftler den rationalen Kernbereich ihres Wissens nach außen hin abschirmen. ist allerdings auch Wissenschaft. dass ihre Ansichten die bestimmenden sein werden. Diskussion erkennen lässt. Im Fall traditioneller Theorie wird alles genau geregelt: Ge- forscht und nachgedacht wird nur im Rahmen der Arbeitszeit. die das Publikum über den rationalen Gehalt der Theorien hinwegtäuschen und auf den Pfad kompensatorischer Metaphysik führen. die bereitwillig der Logik herrschaftlicher Institutionalisierung von Wissenschaft entsprechen. Irrationalität kann eine der Formen sein. sie strebt danach. . ob sie im Lichte eigener Erfahrung und anderer Erkenntnisse noch plausibel ist und standhält. Wie eine lange. staatlicher Kontrolle über die Verteilung von Bildungszertifikaten oder Eigentumstiteln. Rationalität ist kritisch – jede Erkenntnis kann von jedermann und jederfrau zu jeder Zeit darauf geprüft werden. die er als traditionelle Theorie bezeichnet: die Haltung des Wissenschaftlers gegenüber sei- nen Erkenntnissen.

Denn die theoretische Praxis findet in einer besonderen gesellschaftlichen Konstellation statt. ein dynamischer. die sie erkennt. hatte die Kritische Theorie nicht das Ziel. die kapitalistisch bestimmte Gesellschaft. letzte universell gültige Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens zu erken- nen. das findet in der Disziplin keine Anerkennung. dazu gibt es keine zitierfähige Literatur. Die Gesetzmäßigkeiten. Erkenntnis ist Teil der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. sich selbst verändernder Gegenstand sei. ihre Begriffe und ihre Ergebnisse immer wieder zu prüfen. dass wissenschaftliche Theorien ihrem Prinzip nach ohne- hin kritisch sind. dafür gibt es kein Geld durch Fördereinrichtungen. es darf keine Werturteile geben. und nach denen die Veränderungen in dieser Gesell- schaft abliefen. Die Vertreter der Kritischen Theorie sahen sie jedoch an den Entwicklungsgang der Gesellschaft gebunden. die sich mit immer größerer Genauigkeit den an sich beständigen Formen und Universalien des menschlichen Zusammenlebens nähert. Mit diesem ändert sich auch die Theorie: Das Verhältnis der Begriffe zueinander registriert die Veränderungen in deren Erfahrungsgehalt und modifiziert die be- griffliche Struktur der Theorie in ihrer Gesamtheit. Theorie muss dessen einsichtig sein. die Theorie der Gesell- schaft und ihre Begriffe insgesamt aufzugeben. So wird das Denken durch die Disziplin vom Gegenstand getrennt und diszipliniert. Seit Poppers Überlegungen zur Logik der Forschung wird allgemein angenommen. Isoliert und distanziert sie sich jedoch arbeitsteilig vom Gegenstand. Zur wissenschaftlichen Haltung gehört. neue gesellschaftliche Veränderungen zum Anlaß zu nehmen. Zwar lehnte die Kritische Theorie ausdrücklich jede Art von Standpunktlogik ab. Gerade dem stellten sich Horkheimer und Adorno mit dem Programm einer Kritischen Theorie entgegen. eine Theorie fallen zu lassen und eine bessere Theorie zu entwickeln. dann wird man auch die Soziologie wie eine soziale Physik begreifen. was sie selbst in diesem Prozess tut und bewirkt. Ver- nunft ist die Form. Denn eines ihrer bestimmenden Merkmale ist. die theoretisch bestimmt werden konnten. die die Theorie selbst als eine besondere Praxis begreift. werden ihrerseits historisch durch die widerstreitenden Kräfte der Gesellschaft verändert. Auch in der besonderen Form der Theorie und der wissen- schaftlichen Konflikte handeln Menschen und greifen in die gesellschaftlichen Abläufe ein. Die Kritische Theorie war demgegenüber davon überzeugt. ihre eigenen Voraussetzungen. in der sich Praxis selbst reflektiert. Vernunft drängt auf Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. dass sich die Begriffe und ihre Stellung in der Theorie selbst ändern.4 Alex Demirovic setzt die (Selbst-) Zensur ein: Das ist nicht Gegenstand der Disziplin. dass der von ihr analysierte Gegenstand. wenn es zu starken Umgewichtungen . Diese Verschlungenheit der Theorie mit ihrem Gegenstand muss zur Folge haben. wird sie sich selbst gegenüber blind. Glaubt man an solche Gesetze. Anders als dies in den Sozial- wissenschaften so häufig der Fall ist. sie beschränkt sich und macht sich gleichsam von innen her dumm. Kritische Theorie meint eine Haltung gegenüber dem Erkenntnisprozess. doch entsprach es nicht ihrem Selbstverständnis. Die Theorie ist demnach konstitutiv an der Erzeugung und Formie- rung der sozialen Welt beteiligt. da sie ja auf die bürgerlich-kapi- talistische Gesellschaftsformation als ganze zielen. Kritische Theorie ist also dem Anspruch nach mehr als nur eine einzelwissen- schaftliche Theorie.

Diese zunächst abstrakt erscheinende Überlegung betrifft auch das Selbstver- ständnis der Kritischen Theorie. geistiger Freiheit auszuloten. auf Tausch und formell freier Lohnarbeit beruhenden Gesellschaft. neue Bereiche der Gesellschaft entstehen oder früher wichtige in ihrer Bedeutung durch andere in den Hintergrund gedrängt werden. sie bestimmten verstärkt den Ge- samtprozess. Je nach Entwicklungsstand der mo- dernen. die das Handeln von Individuen in erheblichem Maße len- ken. Vorwort 5 innerhalb der Gesellschaft kommt. wo Fichte über Kant hinaus- gegangen war und eine objektive Verwirklichung von Vernunft und Freiheit ge- fordert hatte. hat auch rationale Einsicht in die Gesellschaft eine verschiedene Form. der Medien. Noch bei Jürgen Habermas. und damit stellten sich neue theoretische und praktische Fragen. Denn auch er vertritt die Ansicht. so in einer weiteren Phase um die Bestimmung der Möglichkeiten poli- tischer Freiheit. Ihrem eigenen Verständnis nach war die ältere Kritische Theorie eine historizistische Theorie. der die Kritische Theorie paradigmatisch neu ausrichtete und ins Zentrum der Theoriebildung die Frage demokratischer und aufgeklärter Verständi- gungsverhältnisse zwischen frei miteinander sprechenden Bürgern stellte. wie sie sich vor allem seit der frühen. die Horkheimer und Adorno dann als das System der Kulturindustrie zu begreifen versuchten. Er knüpfte dort an. Dessen waren sich ihre Vertreter genauestens bewusst. Theoremen und einzelnen Diagnosen nach ebenso veränderbar wie in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und ihren Akteuren. ihren eigenen Begriffen. französischen Aufklärung herausgebildet hat. Handelte es sich zunächst um kritische Aufklärung über die Bibel. Zu einem paradigmatischen Umbruch kam es mit der Theorie von Marx. Mit der fortschreitenden Veränderung der bürgerlichen Gesellschaft schoben sich neue gesellschaftliche Bereiche in der Vordergrund. Auch das Verhältnis der Theorie zum gesamtgesellschaftlichen Reproduk- tionsprozess selbst kann sich je nach historischer Konstellation ändern. um die Möglichkeiten konkret-materieller. Dabei gab Marx in einigen Hinsichten der Produktionssphäre zu großes Gewicht und ließ andere soziologisch relevante Prozesse außer Acht. die gleichfalls quasi naturgesetzlichen Charakter annehmen können: die sozialpsychologisch ausmachbaren Charakterdispositionen und Identitätsmuster. Sie sieht sich nämlich selbst als Fortsetzung früherer Formen von kritischer Theorie. dass die für . also »dort draußen in der Welt« und nicht im Innern einer sich frei wähnenden Vernunft. die Rolle der Kirche und des Adels. die nun zum ersten Mal eine Theorie der gesamtgesellschaftlichen Repro- duktion sein wollte. nicht nur innerer. dass der Kapitalismus nach einer liberalen Hochphase in das eher von Katastrophen bestimmte Stadium der Spätkapitalismus eingetreten sei. des Sports. finden sich Spuren jener Zeitdiagnose. und die kulturtheoretisch zu analysierenden Prozesse des modernen Konsums und des Marketings. Der »Wahrheitskern« der Kritischen Theorie ändert sich. Trotz aller Verdienste von Marx war die weitere theoretische Analyse der modernen bürgerlichen Gesellschaft nicht allein mit dem von ihm entwickelten Begriffsapparat und seinen theoretischen Vorstellungen zu bewäl- tigen. es könne von sozial- ökonomischen Bedingungen auf die emanzipatorische Handlungsmöglichkeit oder gar -fähigkeit der Arbeiterschaft geschlossen werden. also all der Bereiche. Eine entscheidende Schwäche war die Suggestion. Die Autoren der älteren Kritischen Theorie glaubten.

denn die Begriffe werden aus dem Fluss ihrer Bewegung herausgenommen und zu einem kategoria- len System zusammengestellt. Das Verständnis der heutigen Welt lässt sich nicht aus einer Interpretation allein der Texte von Horkheimer und Adorno entwickeln. dass sich bei vielen Beobachtern der Eindruck einstellt. die ernsthaft beanspruchen kann. so wenig. so dass es der komplexen gesell- schaftlichen Welt angemessener wird. Die kapitalistische Vergesellschaftung wirkt so dynamisch. Kant. Doch sah er in dieser Entwick- lung die positiven Aspekte: Fortschreitende Demokratisierung wäre möglich und die öffentliche Diskussion könnte sich auf die Bearbeitung der negativen Folgen jener Befriedung einstmaliger Klassenkonflikte konzentrieren. Ihm soll sich alles einfügen. beeindruckende und folgenreiche. eine interdisziplinäre Theorie des Gesamtprozesses der gegenwärtigen Gesellschaft zu entwickeln. auch die früheren Formen kritischer Theoriebildung sich anzueignen. zum Verständnis des gesamtgesellschaft- lichen Prozesses beizutragen. Die Kritische Theorie ist eine davon. sonst ist es nicht brauchbar. Nietzsche oder Freud tun zu können. jede weitere Einsicht dient nur wie ein Puzzlestein seiner Vervoll- ständigung. ökonomischen. kulturellen und psychischen Ver- hältnisse mit der Globalisierung der kapitalistischen Weltwirtschaft erneut verän- dert: Seitdem stehen die vermittelnden Mechanismen zwischen Lohnarbeit und Kapital zur Disposition. um einer anspruchsvollen Theorie gerecht zu werden. Es wäre dann die Vorgabe. wenn sie den Anspruch erhebt. dies durch eine Interpretation von de Sade. der Wohlfahrtsstaat gerät von vielen Seiten unter Druck. sozialen. Einen solchen Anspruch legt auch die Kritische Theorie selbst nahe. also jener Kolonial- isierungsprozesse. Mit dem Begriff des Modells kann sich etwas Starres und Autoritatives verbinden. Doch in der Kritischen Theorie gibt es die Erfahrung. um seine Komplexität zu vergrößern. wie die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche im Gesamtprozess zusammen- hängen. in denen durch staatlich-rechtliche und ökonomische Übergriffe in den Bereich der alltagssprachlichen Verständigung die moralische Infrastruktur drohte zerstört zu werden. allein in ihm gewinnen die Begriffe erst ihre stimmige Bedeutung. ein Modell auch dafür. Deswegen kann sie in solchen zeitgemäßen Analysen ein Modell sein: zunächst ein Modell im Sinne eines konkreten. Marx. dass auch die angestrengteste theoretische Bemühung es nicht . überhaupt erst heute sei der zur globalen Weltwirtschaft entfaltete Kapitalismus zu sich gekommen und bilde nun das alles ergreifende und durchdringende System. welche Gegenstandsbereiche überhaupt berück- sichtigt werden müssen. Alles muss stimmig sein in einem solchen Modell. Aus dem Blickwinkel dieser Gegenwart und der von ihr hervorgebrachten Fragen wird es jeweils darum gehen.6 Alex Demirovic kapitalistische Gesellschaften charakteristischen Widersprüche im Spätkapitalismus durch den Wohlfahrtsstaat befriedet worden seien. weiter ein Modell dafür. wie eine anspruchsvolle Theorie als solche beschaffen sein muss. eine besonders bedeutsame. an ihm sollte man sich orientieren. Immer wieder neu stellt sich die Frage nach der Gegenwart und der ihr gemäßen Theorie. Unerwartet jedoch haben sich in den 1980er und 1990er Jahren die politischen. was kritisch heißen könnte. Theorien bilden ein systematisches Ganzes. begrifflich ausgearbeiteten Verständnisses davon. wie diese glaubten. schließlich auch ein Modell hinsichtlich der Grund- begriffe und vor allem auch dessen.

die sie mit sich selbst und den theoretischen Gegenständen macht. der Logik des Supplements. dass sich kritische Theorie in Modellen entfaltet. sachhaltige Erörterung und Eingriff in das Bewusstsein. Adornos Ziel ist das »Anti-System«. und die nur jeweils durch immer neue Modell- analysen je besonderer Erfahrungen. dass Demokratie zwar die Teilnahme aller an den allgemeinverbindlichen Entscheidungen meint. ein Begriff. er werde zu einem späteren Zeitpunkt von einer vollständigen Theorie ersetzt. nimmt sie diese begriffliche Erfahrung ernst. Die eigenartige Schwierigkeit dieses Modell-Begriffs ist. S. Adorno 1959). Modelle. Immer wieder stellen sich Widersprüche ein. die sich allein erst in ihm entfaltet. erst nach seinem Tod erschienenen Stichworte. systematischen Zugang entzieht. so die Erfahrung. die sich nicht ableiten lassen und die dann in einer traditionellen Geste als »Abweichung« oder als bloßes »Phänomen« abgewertet werden. dass Adorno mit ihm keines- wegs verbindet. die nicht logisch sind. Die Unzulänglichkeiten und Wider- sprüche der Theorie lassen sich weder logisch schlichten noch durch eine korrekte wissenschaftliche Fragestellung beseitigen noch durch Ausdauer in der Bewälti- gung immer neuer Themengebiete überwinden. Es gehört konstitutiv zur Erfah- rung kritischer Gesellschaftstheorie. an die Stelle des »Einheits- prinzips und der Allherrschaft des übergeordneten Begriffs« soll die »Idee dessen rücken. Angesichts dieser theoretischen Konstellation gelangt Adorno zu der Ansicht. Solche Widersprüche sind der von Freiheit und Gleichheit oder der von Fortschritt und Regression: dass nämlich auf der Stufe hoher zivilisatorischer Entwicklung von Wissenschaft. Das Denken in Modellen ist demnach selbst schon eine Übung in aufgeklärtem. immer zugleich Reflexion. der wie ein Schlüssel das Tor zum letzten metaphysischen Geheimnis öffnet. S. was außerhalb des Banns solcher Einheit wäre« (Adorno 1966. ein anderer Wider- spruch entspricht der Erfahrung. viele jedoch die Erfahrung machen. die Eingriffe und die von ihm geplanten. wo es nicht mehr als ein Reflex der Realität ist. tragen den Begriff des Modells im Untertitel. einen logisch einheitlichen Zusammenhang zwischen verschie- denen gesellschaftlichen Bereichen oder Phänomenen herzustellen. Vorwort 7 immer erreicht. in der Negativen Dialektik steht der dritte Teil unter diesem Begriff. dass die Gesellschaft sich immer wieder einem konsistenten. Das bleibt ihr eigener Widerspruch – sie will das Ganze begreifen. Die Theorie bleibt. Technologie. nie erreichen. sind keine beiläufigen Beispiele für oder Erläuterungen zur Kritischen Theorie. Sie sind diese Theorie. . zwangsläufig fragmentarisch. Nach dem Modell kommt nicht die vollständige Theorie. Jedes Modell ist wie die Ergänzung zu einer Theorie. so versteht dies Adorno. was ohnehin geschieht (vgl. 457). Zwei seiner Bücher. das kritisiert werden soll. Das Modell folgt. sondern wiederum nur ein weiteres Modell. dass ihre Beteiligung weder gewünscht ist noch irgend etwas bewirken könnte – ein Rückzug von der Teilnahme aber wiederum nur die Ohnmacht und das Ressenti- ment stärken würde (vgl. begrifflicher Konstellationen und Sachver- halte zu ihrer prismatischen Vielfalt gelangt. Recht und Moral oder alltäglichen Umgangsformen kaltblütig rassistischer Mord an vielen Millionen Menschen geplant und durchgeführt werden kann. auf den die Theorie wie ein Logo immer wieder zusammenschnurrt. emanzipatorischem Denken. nach einem Ausdruck Jacques Derridas. Adorno 1963. da es sich nicht darin beruhigen kann. über einen letzten Begriff zu verfügen. 10). und doch kann sie es. also nur nachvollzieht und affirmiert.

Eine Theorie bleibt nicht allein durch Interpretation älterer Texte lebendig. Antisemitismus. Begriffen. denn hier finden sich für das Projekt der kritischen Gesellschaftstheorie wichtige Impulse und Einsichten. Weitere Themen wurden aufgegriffen. Die Autorinnen und Autoren versuchen. müssen die Leserinnen und Leser beurteilen. mit neuen Fragestel- lungen. Technikkritik. aber heute notwendig ist. die für die Kritische Theorie charakteristisch waren. Historizität und am modellartigen Charakter der Theoriebildung. Bildung und Sozialisation. der internationalen politischen Ökonomie. Überlegungen und Einsichten konfrontieren. Entsprechend su- chen die Autorinnen und Autoren Anknüpfungspunkte in der Kritischen Theorie von Horkheimer bis zu den Fortentwicklungen durch Jürgen Habermas. Die vorliegenden Beiträge wollen die Kritische Theorie nicht musealisieren.und Rassismusforschung. Die Kritische Theorie ist ein Modell. Fe- minismus. Psychoanalyse und Sozial- psychologie.8 Alex Demirovic Ob die Beiträge dieses Buches einem solchen Anspruch kritisch-aufklärerischen Denkens gerecht werden. Denn die Kritische Theorie selbst gibt den Anstoß. die im Laufe einer jahrzehntelangen For- schung im Kontext der kritischen Gesellschaftstheorie deutlichere Konturen ge- wonnen haben oder hinzugekommen sind: Industriesoziologie. solchen. Dieses Modell ist im besten Sinn histo- risch: immer noch verpflichtend. die Vielfalt der Themen zu repräsentieren. Manches. Dabei entwickeln sie nach beiden Seiten hin kritische Thesen. was der Kritischen Theorie immer wichtig war. insofern die Autorinnen und Autoren sie mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Konflikten. aber gleichzeitig schon längst aufgehoben in und überholt durch neuere gesellschaftliche Entwicklungen und theoretische und poli- tische Debatten. son- dern muss im Lichte neuer gesellschaftlicher Herausforderungen. fehlt. Philosophie. die die Diskussionen der postempiristischen und konstruktivistischen Wissenschaftstheorie oder der Foucaultschen Archäologie der Denksysteme auf- nehmen. neuer Fragestel- lungen und konkurrierender Theorien fortentwickelt werden. das von der älteren Kritischen Theorie gar nicht oder kaum zum Gegenstand gemacht wurde. die in die Ausarbeitung der Kritischen Theorie eingegangen sind: Ökonomie. Aber die Kritische Theorie rückt auch in eine theoriegeschichtliche Perspektive. manche Überlegung aus der Kritischen Theorie wird in Frage gestellt. Ästhetik. und lassen sich von neueren Theorien anregen. dem anspruchsvollen Argumentationsniveau und der Breite des Ansatzes ist vieles zu verdanken. das Projekt kritischer Gesellschafts- . doch erscheint in ihrem Licht auch manches Neuere als wenig plausibel oder affirmativ. Das ist heterodox und gleichzeitig bewahrend gemeint. anderes. Ethik. um das Bild zu vervollständigen. Staatstheorie. des französischen Regulationsansatzes. für ihre Thematik relevante Entwicklungsprozesse zu umreißen. Das Buch orientiert sich jedenfalls an den drei dargelegten Gesichtspunkten. von den queertheoretisch-dekonstruktivistisch orientierten Arbeiten von Judith Butler oder den Cultural Studies. fehlt bedauerlicherweise: eine Darstellung der kritischen Raumsoziologie oder Erörterungen zum aktualisierten kritischen Wissenschafts- verständnis. der Theorie von Pierre Bourdieu. die aus Post- strukturalismus und Semiologie hervorgegangen sind. also an Interdisziplinarität. und sie suchen weiterführende Wege. Es wurde versucht.

Theodor W. Max (1988 [1931]): Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung. verändern auch die Theorie. M. M. Schriften. M. Max (1988 [1932]): Vorwort [zu Heft 1/2 des I. Bd.. Frankfurt a. Ges. Frankfurt a. Denn die theo- retischen Versuche. Vorwort 9 theorie zeitgemäß fortzusetzen. Erfahrungen. – (1973 [1966]): Negative Dialektik. Schriften. in: ders. Ges. Demirovic. 6. Frankfurt a. – (1963): [Vorbemerkung] zu »Eingriffe«. Das verändert auch seine Gestalt. Alex (1999): Der nonkonformistische Intellektuelle. Horkheimer. Frankfurt a. 3. 10. .2.2. (1977 [1959]): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. M. in: ders. Literatur Adorno. Ges. Horkheimer. entfalten sie selbst Modelle kritischer Gesell- schaftstheorie für die jeweiligen Gegenstandsbereiche der gesellschaftlichen Ent- wicklung. Bd. Indem die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen das vielfache Verhältnis von Kon- tinuität und Diskontinuität ausloten. In sie gehen neue Motive. 10. Frankfurt a... in die mit quasi-naturgesetzlicher Gewalt verlaufenden Pro- zesse der gesellschaftlichen Entwicklung einzugreifen. Jahrgangs der »Zeitschrift für Sozialforschung«]. Frankfurt a.. Schriften. Die Entwicklung der Kriti- schen Theorie zur Frankfurter Schule. Schriften. Bd. Ges. Bd. in: ders. M. in: ders. Ges. in: ders. Schriften.. Probleme und Begriffe ein. 3. M. Bd.

Ingenieurskunst und Wissenschaft ermöglichten ungeheuren Wellen der Menschenvernichtung. und Vernunft stand seit der Aufklä- rung und insbesondere seit Marx im Zentrum der Überlegungen zu einer ver- söhnten Form des menschlichen Zusammenlebens. aber nach der Erfahrung mit durch rationale Bürokratie. 226) Aufklärung zielt darauf. S. Als Bezugs- punkt dient die kritische Auseinandersetzung mit Horkheimer und Adorno sowie mit Foucault (vgl. Kritisiert wird. wirkliche Herren der Natur. Habermas 1985). Weil der gesellschaftliche Zu- sammenhang der Gesellschaft trotz aller Freiheit und Rationalität der Individuen immer noch blind und anarchisch bleibt. so dass sie sich von der Furcht vor undurchschauten Verhältnissen befreien. die schließlich in den Mordfabriken der Konzentrationslager und in der Erfindung der Atomwaffen ihren vorläufigen Höhepunkt fanden –. dass der Anspruch. Das ist einleuchtend.« (Engels 1880. die Naturgesetze zu beherrschen und die gesellschaftliche Arbeit für das Ziel des Überlebens zu organisieren. eine kritische Theorie zu sein. solange er allein durch den Markt hergestellt wird. Honneth 2000). denn in ihren Arbeiten wird gerade die moderne Vernunft kritisiert. nämlich vernünftig organisier- ten Produktionsform geschaffen werden.Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft Alex Demirovic I. die sich gegenüber den vernünftigen Einzelnen verselbständigten und von ihnen nicht gemeinsam mit anderen gestaltet wurden. die ihnen bisher als fremde. sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden. Kritik Die Komposita »Kritische Theorie« und »Kritische Gesellschaftstheorie« wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten vor allem hinsichtlich des Begriffs der Kritik thematisiert (vgl. Bislang hat Herrschaft über Natur die Furcht vor ihr zurückdrängen können. tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen. dass unter dem Impera- tiv. Formen des gesellschaftlichen Lebens entstanden. werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. der die Menschen bis jetzt beherrschte. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns. dass die Aufklärung zwar in vielerlei Hinsicht wissenschaftlich und technisch erfolgreich und das Maß der Naturbeherrschung wie der Kontrolle und Regulierung gesellschaftlicher Ver- . die zum ersten Male bewusste. dass Menschen mit Vernunft ihre natürliche und gesell- schaftliche Umwelt erkennen und gestalten. sollen Bedingungen einer höheren. Demirovic 1993. doch hat dies auf Gesellschaft selbst derart zurückgewirkt. selbst schlecht begründet sei. »Der Kampf ums Einzeldasein hört auf […] Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen. weil und indem sie Herren ihrer eigenen Verge- sellschaftung werden. In der Dialektik der Aufklärung halten Horkheimer und Adorno die Einsicht fest – nur wenige Jahrzehnte nach Engels.

weil mit der wie immer widersprüchlichen bürgerlichen Gesellschaft und mit der Aufklärung überhaupt erst die historischen Bedingungen entstanden sind. Es wäre auch in der Tat zu einfach. die. Naturzerstörung nehmen keines- wegs ab. also selbstverschuldete Unmündigkeit. Horkheimer und Adorno vertreten nun entschieden die Ansicht. Vernunft gehört konstitutiv zur Entwicklung auch der modernen . dies alles einfach nur ökonomischen Prozessen anzulasten. vielmehr werden gerade erzielte Erfolge bei ihrer Beseitigung schon in der nächsten Wirtschaftskrise wieder zerstört. Reproduziert sich die Wirtschaft auch nur in etwa auf gleichem Niveau. Bis ins Denken hinein sei Herrschaft zu erkennen – und zwar als unversöhnte Natur. S. Horkheimer. Gleichzeitig führt dies nicht oder nur in geringerem Maße zur Einlösung der damit verbundenen Versprechungen auf Fortschritt von Freiheit. Dies hat etwas Paradoxes. Das Miß- verhältnis wird aus der Sicht Horkheimers und Adornos immer größer. sondern auch ein Instrument von Herrschaft ist. dass sie bislang nicht allein eine Form von Freiheit. Adorno 1944. die nach wie vor von unbeherrschten Naturgesetzen bestimmt sind. Denn Vernunft ist selbst ein Organ der Natur. Die Vernunft setzte sich nur in Einzelbereichen durch. dass Vernunft und Aufklärung an solchen Fehlentwicklungen nicht unschuldig sein können. ungezwungenes. Einerseits führt der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt zu einer immer weiter vor- dringenden Beherrschung und Nutzbarmachung von Naturgesetzmäßigkeiten und natürlichen Ressourcen. selbst wenn sie eintreten sollten. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 11 hältnisse immer umfassender geworden ist. zwischenzeitlich doch viele Opfer kosten. Technik und Wissenschaft tragen zur Schaffung ungeheurer technischer Selbstzerstörungs- kräfte der Menschheit bei. So gerieten die Menschen in den vergangenen zweihundert Jahren mit zunehmender Aufklärung und rationaler Beherrschung von Natur und Gesellschaft gleichzeitig immer weiter in eine von ihnen selbst erzeugte. Verelendung. die ihnen die Emanzipation und ein freies. sie ist ein Mittel der Selbsterhaltung und befähigt zur Erkenntnis und Anpassung an die Natur- gesetze (vgl. lässt sich nur behaupten. Genuss und Muße. Der Fortschrittsglauben ist tief verankert. Armut. so beginnt sich sogleich eine tiefe Erschütterung und Krisenwahrnehmung bemerkbar zu machen. Arbeitslosigkeit gilt als Zeichen man- gelnder Leistungsbereitschaft und nicht als gesellschaftlicher Reichtum. 64). und jahrelange Anstrengungen vieler Menschen werden – wie in Thailand oder in Argentinien – innerhalb kurzer Zeit zunichte gemacht. die gesellschaftliche Produktion und der Reichtum steigt auf ein menschheitsgeschichtlich nie gekanntes Niveau und wächst immer noch weiter. über Einbrüche wird schnell mit dem Hinweis auf langfristige Verbesserungen hinweggetröstet. also mit geringer Wachstumsrate. die den Menschen einen Begriff von Rationalität und Erfahrungen geben. glückliches Leben als realistische Perspektive immer wieder von neuem und auf jeweils höherer Stufenleiter vor Augen führen. trug aber wenig zur Gestaltung des Gesamtzusammenhangs bei. Denn dass historisch mit der Komplexität und Differenziertheit der Gesellschaft das Maß an Unfreiheit vielleicht sogar noch zunimmt. Anders gesagt: Vernunft hat sich mit sich selbst noch nicht versöhnt und selbstkritisch noch nicht erkannt. jedoch die Aufklärung an der Gestal- tung der Gesellschaft bislang immer noch scheitert. Es bestehen trotz aller auf- klärerischer Bemühung und durch diese hindurch gesellschaftliche Verhältnisse.

ohne statistische Kenntnisse der Zu. wie es ist. nämlich den Menschen die materielle Existenz und ihre Freiheit und Autonomie zu ermöglichen.und Abnahme der Bevölkerung. weil alles vernünftig organisiert ist. In diesem Fall ist Vernunft. bis alles ins System paßt. dass alles so. die sich ausdrücklich als außerhalb des Bereichs der Vernunft stehend verstehen: Kunst. überhaupt zur kritischen Gesellschaftstheorie etwas beizutragen. und darauf zielt der Einwand von Habermas. die sich selbst permanent überholt. Die Vernunft kann also von der Kritik nicht ausgenommen bleiben. dann ist ihre Kritik an der Vernunft nur eine weitere reflexive Steigerung ihrer totalitären Dynamik zur Kontrolle.und Handlungsbereiche auszuwei- chen. denn ohne Wissenschaft. die Autoren müssen schließlich in ihrem Anspruch scheitern. ihrer ökonomisch-sozialen Situation und ihres politischen Verhaltens. treibt sich selbst teleologisch immer weiter dazu an. Arbeits. Gefühle – oder aber. auf Erfahrungs. aber auch allgemeiner in Rationalisierungsprojekte – investiert. Mit Vernunft wird begründet. dass. Die Vernunft ist also ihrer Dynamik nach totalitär. Horkheimers und Adornos kritische Überlegung hat als solche eine problemati- sche Konsequenz. Gerade in diesen Implikationen entsprechen sich moderne Vernunft und bürger- liche Gesellschaft. das schon Erkannte zu revidieren und zu überbieten. keine Geschichte zu haben und will ewig bestehen. denn als vernünftig erscheint die Einsicht. Horkheimer und Adorno kritisieren nun an der Vernunft ihren totalisierenden Charakter. also ohne rationale Buch- führung. das Mittel und die Lebensform größter Freiheit. indem sie alles in einen systematischen Zusammenhang bringt. und dies geschieht. Habermas hat die Frage. Getrieben von dieser totalisierenden Logik rationalisiert die Vernunft am Ende auch noch sich selbst – also die Motive. Dialektisch geht an diesem Punkt Aufklärung in ihr Gegenteil über: Wird die Logik der Vernunft nämlich zu Ende gedacht. dann scheint ihnen nur noch der hilflose Ausweg zu bleiben. Erfahrungen. dann führt dies im Grenzfall dazu. schlägt die Vernunft.und Unternehmensorganisation. es glaubt. in ein Zwangsverhältnis um und bringt die Individuen um ihre Autonomie. Dieses System will rein als solches gelten. ohne genaue sozialwissen- schaftliche Analyse der ökonomischen Prozesse. ins Zentrum seiner Überlegungen zur kritischen Gesell- . dass sie einen Anteil ihres wirtschaftlichen Gesamtprodukts in systematisch organisierte Innovationsprozesse – also vor allem in Wissenschaft und Technik. als es nach allgemeinen Gesetzen immer schon feststeht. dass Menschen nicht frei sein können oder – unter Umständen und zum Wohl der Menschheit – vernichtet werden müssen. der Antrieb und das Medium der Veränderung. Es ist charakteristisch für die kapitalistische Gesellschaft. niemand sich anders verhalten darf. die ihre Grundlage sind. ohne die Entwicklung moderner großindustrieller Produktionsverfahren und technischer Produkte wäre die moderne Gesellschaft nicht entstanden und hätte sich auch nicht derart entwickelt. Ihrem eigenen Anspruch nach müsse sie alles begreifen wollen. Wenn ihr Argument stimmt. weil sie davon abhängig ist. auch notwendig ist. Wird die Gesellschaft nach Gesichtspunkten der Vernunft organi- siert.12 Alex Demirovic Ökonomie und Gesellschaft. sie perfektioniert sich immerzu selbst. wenn sie sich dem jedoch entziehen wollen. wie die Gesellschaftstheorie als eine kritische be- gründet werden kann.

autonome Indivi- duen. Aus diesem Blickwinkel einer unverstellten Kommunikation. Ganz in der praxisphilosophischen Tradition des Marxismus – aber einhergehend mit einer Umstellung der theoretischen Grundbegriffe von Arbeit auf Kommunikation. die dynamische Reproduktion eines durch zahlreiche . Mit der Sprache scheint dies gewährleistet. sondern sich in den gesellschaftlichen Verhältnissen immer schon als Tendenz entfalten muss. gerät hier in Wider- spruch zu ihren eigenen Reproduktionsbedingungen und wird pathologisch. das im Sprechen mit-kom- munizierte Recht auf Widerspruch in Anspruch nehmen. in der Individuen immer dann. die in und mit den Sätzen erhobenen Geltungsansprüche auf objektive Wahrheit. Zu einem gesellschaftstheo- retischen Maßstab der Kritik wird dieses kommunikationstheoretische Argument.oder verhindert. Die Theorie nimmt also die Gestalt einer Begründung von Gesell- schaftskritik an. Eine der Folgen dieser Überlegungen ist. Denn Menschen sprechen als Menschen immer miteinander. wenn sie es für erforderlich halten. Diese sollen unanfechtbar und damit verbindlich für alle Individuen sein. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 13 schaftstheorie gestellt. sich auf ebenbürtige Weise miteinander zu verständigen. Gesellschafttheorie geht in Demokratie- theorie oder Theorie der Zivilgesellschaft über. die das Gesprochene bestreiten können. der Tradition der Aufklärung neue Impulse zu geben und damit die Grundlagen für die Maßstäbe der Kritik zu sichern. Gesellschaft könnte ohne kommunikative Vermittlung der Individuen nicht existieren. um von oberflächlichen Veränderungen und sich verändernden Orientierungen der sozialen Akteure unabhängig zu bleiben. Der Rückgriff auf Sprache als universelles und vorhistorisches Medium der Verständigung gewährleistet aber auch. dass sich die Aufmerksamkeit der Gesellschaftstheorie auf moralphilosophische Begründungsfragen verschiebt. weil es sich um eine normative Kontrastfolie zur gesellschaftlichen Wirklichkeit handeln soll. mit anderen Worten. in denen die Individuen die Fähigkeit erwerben. Kritik ist zunächst die mit der alltäglichen Sprachverwendung verbundene Möglichkeit. dass die gesellschaftliche Entwicklung öffent- liche Diskussionen be. im Grenzfall reicht es aus. Die Gesellschaft verletzt in solchen Fällen Bedingungen kommu- nikativ vermittelter Intersubjektivität. den Begriff der Vernunft neu zu fassen. anerkennen sie implizit und zumeist auch kon- trafaktisch ihre Gesprächspartner als rational argumentierende. Der Lösung von Habermas nach ist der Maßstab der Kritik in die alltägliche Sprachverwendung eingelagert. dass die Kritik nicht von außen kommen darf. Ein großer Teil seiner theoretischen Bemühung ist dem Problem gewidmet. Damit ändert sich aber auch der Status der Gesellschaftstheorie und der Begriff der Gesellschaft selbst. von Produktionsverhältnissen auf Intersubjektivität – wird nämlich mit dem Rückgriff auf die natürliche Sprache dem Anspruch Rechnung getragen. sind durch Sprache also immer schon in ein gesellschaftliches Verhält- nis zueinander eingetreten. kann die Gesellschaft darauf hin geprüft werden. wenn Individuen miteinander sprechen. Der Gesamtprozess der gesell- schaftlichen Entwicklung. verhindert oder sogar die lebensweltlichen Kontexte zerstört. ob sie den argumentativen Austausch der Individuen einschränkt. zu wissen. Immer. dass der kriti- sche Maßstab tief genug gelegt wird. Die Anforderungen an die materiale Gesellschaftstheorie sinken entsprechend. moralische Richtigkeit und subjektive Wahrhaftigkeit in Frage stellen zu können.

Ohne Zweifel entfaltet Habermas in seiner Theorie wichtige Einsichten in die ungeheure gesellschaftliche Produktivität und Kreativität der kollektiven Dis- . also mit der Existenz der Menschheit als solcher verbunden sein soll. Mit dem moralphilosophischen Argument entgeht man nämlich nicht dem Prob- lem. historisch erst so spät. und bislang ohne Erfolg. Schon zu früheren Zeitpunkten jedoch waren die Menschen in der Lage. die mit der natürlichen Sprache. hat die Theorie auch von Habermas längst schon eingeholt. warum die Norm des unverzerrten Sprechens. nämlich eine Begründung. Das gesellschaftliche Zusammenleben soll einer stillen Teleologie folgen und lediglich zu dem werden. Doch konkrete Gesellschaftskritik wartet nicht auf eine letzte. Kritik zu üben. Moralische Fragen würden nicht durch die üblichen läppi- schen philosophischen Beispiele angezeigt. was damit erreicht werden soll. gar Zynisches. es sollen keine Konzentra- tionslager sein. Philosophiegeschichtlich werden solche letzten Gründe für moralische Normen seit Jahrhunderten gesucht. das von Michael Walzer (1990. die nun glaubten. ja unanfechtbare Grundlage gibt. also erst heute zur Grundlage der Kritik wird. als abstraktes Prinzip gerieten sie sogleich in die schlechte Unendlichkeit ihrer Ableitung und Gültigkeit« (Adorno 1966. wenn die Verurteilung der Folter davon abhängig sein soll. das jede Gesellschaftstheorie als eine wissenschaftliche Theorie hat: dass sie nämlich Gegenstand von Widerlegungsversuchen wird. Das Problem. 281). S. wenn sie ihre Grundlage in moral- philosophisch unumstößlichen Normen zu finden hoffte. und in der Gegenwart gibt es vielfältige Formen von Kritik. Eine zweite Folge ist. Es bekommt etwas Geschmackloses. 97 f. Sie dürfen sich nicht rationalisieren. Adorno hat auf dieses Problem hingewiesen. S. dass mit der Verlagerung auf eine Begründung der Kritik das nicht erreicht wird. doch bei normativen Sätzen erwischt zu haben. die sich nicht auf die Fähigkeit zum kommunikativen und öffentlichen Austausch von Argumenten berufen. Gerade die Offenheit der historischen Ent- wicklung – die mit dem Begriff der Freiheit selbst verbunden ist –. Den Moralphilosophen. den Kritiker der Moral. widerlegt zu werden. im Sprachvermögen des Menschen als solchem verankerten Norm ent- spricht oder noch nicht entspricht und ihrer weiteren Entwicklung nach dort hin gelangen könnte. ihn. unwiderlegbare Begründung – und kann auch nicht darauf warten. ihr zu entsprechen.) vorgetragen wurde: Die tiefe Ebene der natürlichen Sprache und der mit ihr verbundenen kommunikativen Ansprüche ist gar nicht mit den Erfahrungen und den besonderen Bedürfnissen und Interessen der Individuen verbunden.14 Alex Demirovic Spannungen und Widersprüche vermittelten und aus vielen Praxisbereichen mit jeweils autonomen Handlungslogiken bestehenden gesellschaftlichen Ganzen wird nur unter einem Gesichtspunkt Gegenstand: wieweit Gesellschaft einer zugrunde gelegten. irgendwo sei gefoltert worden. hält er entgegen: »Wahr sind die Sätze als Impuls. wird damit aber reduziert. die der Gesellschaftstheorie eine überzeugende. Gerade in eine solche zwei- felhafte Situation geriete kritische Theorie. Tatsächlich kann Habermas nicht er- klären. Um nur ein mögliches Argument zu nennen. was es eigentlich immer schon ist. vielmehr ließen sie sich in bündigen Sätzen zusammenfassen: Es soll nicht gefoltert werden. 20) und Axel Honneth (2000. S. wenn gemeldet wird. dass die Argumente für die Begründung eines solchen moralischen Urteils auch Einwänden stand halten.

es würde also diskursiv auf die Einlösung eines erhobenen Geltungsanspruchs zielen – und damit würde es nur bestätigen. Diese Beschränkung gelingt nicht und führt zu einer für Habermas selbst nicht auflösbaren Paradoxie: seine eigene Theorie ist nicht widerlegbar. Habermas kann nicht wider- legt werden. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 15 kussion und des kommunikativen Austauschs. der bestrebt ist. Sie entfaltet dies – ähnlich wie Marx in seiner Kritik an den Theorien über den Mehrwert – in einer Auseinandersetzung mit dem. Die Produktivität und Kreativität ebenso wie der agonale Charakter von Diskussionen. also positivistisch dargestellt werden. als ein Inbegriff von Faktizitäten. Foucaults Antwort: Werden die Individuen mittels Machtmechanismen regiert. die Macht- effekte der Wahrheit zurückzuweisen und sich in der Kunst der freiwilligen »Entunterwerfung« zu üben (Foucault 1992. Gleichzeitig aber widerspricht seine Theorie auf diese Weise ihrem eigenen An- spruch. Sie münden ihrerseits in philosophische Diskussionen. Denn jedes Argument gegen ihn ist immer noch ein Argument. die schließlich immer wieder zu unvorhergesehenen Ergebnissen führen. die in der offenen Diskussion widerlegt werden können und zu einer Veränderung der Einstellungen führen. 15). Denn die materiale Seite des gesellschaftlichen Prozesses kann ihrerseits nicht unter der Form der Anschauung. dass Versuche zur Begründung von Kritik die kritische Gesellschafts- theorie nicht weiterbringen. Das er- weckt den Eindruck. Dieser traditionellen Konzeption nach steht am Ende der wissenschaftlichen Be- mühungen ein universales theoretisches System. sich zu fragen. argumentative Arbeit handelt. Daraus ergibt sich die eigenartige Verschlungenheit von Philosophie und Soziologie in den Texten der älteren Kritischen Theorie. die nun mit Macht bei jeder Gelegenheit ihre Wahrheit zur Geltung bringen will. Kritik muss sich deswegen material und nach vielen Hinsichten entfalten. dass Habermas mit seiner Theorie recht hat. die wenig zur konkreten Einsicht in gesellschaftliche Prozesse beitragen. dass es sich um eine begriffliche. S. was es historisch mit der Obsession der Kritik. sich in die Unendlichkeit von Einwänden und neuen Begründungen zu verlieren. so ist die Kritik der Versuch. in dem alle einzelnen Einsichten . die sich auf Wahrheit berufen. immer muss präsent bleiben. Das beinhaltet eine Ver- pflichtung nach beiden Seiten. sie darf nicht zusammenschrumpfen auf eine philosophische Formel. Ich meine. sie zu beherrschen. als hätte er den von Adorno angesprochenen Nachteil moralphilosophischer Argumentation. Es scheint mir die Rückwendung von Michel Foucault sehr plausibel. Doch er möchte diese gesellschaft- liche Potenz der Kommunikationsverhältnisse gleichsam auf seine Theorie ver- pflichten. was Horkheimer als traditio- nelle Theorie charakterisiert. mit der kritischen Praxis als Haltung auf sich hat. Genauer betrachtet sind auch solche moralischen Begründungsformeln gesell- schaftstheoretisch nicht neutral und implizieren jeweils eine bestimmte Auffassung von Gesellschaft. überwunden. dass sie nämlich Geltungsansprüche erhebt. In der älteren Kritischen Theorie ist dementsprechend auch die Kritik nicht von der Analyse von Gesellschaft getrennt. werden durch solche universalistischen Vorsichtsmaßnahmen und Hegungsversuche be- grenzt. die so da sind – entsprechend wird der Mensch als von der Natur getrennt begriffen. Diese unterstellt eine äußere Welt als faktisch gege- ben.

ist die Kritik dem Erkenntnisprozess als moralischer Ge- sichtspunkt vorgeschaltet und bleibt ihm als Gesinnung äußerlich. Kriti- sche Theorie unterscheide sich weniger durch ihren Gegenstand. die sich dieser theoretischen Praxis. der darin besteht. S. verändernde Aneignung dieser Wirklichkeit. sondern Ergebnis fortwährender wissenschaftlicher. ist ja kein traditionelles Über- bleibsel. dass die Gesellschaft und die Natur sich außerhalb der Reichweite der menschlichen Praxis befinden und Gegenstand einer technisch Manipulation sind. Wissenschaft wird zu Ideologie: »Soweit der Begriff der Theorie jedoch verselbständigt wird. rationaler. als vielmehr durch ihre Haltung: die Sachverhalte. konzeptiven. Doch die gesell- schaftliche Wirklichkeit ist von Konflikten durchzogen. Diese Überlegung. berührt das Verständnis der Theorie an einem entscheidenden Punkt. Erkenntnis ist demnach ein kollekti- ver praktischer Prozess. Es gibt wirkliche Ver- hältnisse. die Beschränkung der Rationalität einen Nutzen bringt. herrschaft- licher Bemühungen. ohne die Geist nicht existiert. planerischen. empiristischen Typs doch kritisch ist. denn die Annahme. Die Theorie ist nämlich immer schon eine tätige. zergeht ihm der herrschaftliche Anspruch. ideologische Kategorie« (Horkheimer 1937. Die Vernunft ist selbst Natur. Es lässt sich deswegen auch davon sprechen. dass Welt und menschliche Praxis eine konstitutive Einheit bilden. als ob er etwa aus dem inneren Wesen der Erkenntnis oder sonstwie unhistorisch zu be- gründen sei. Adorno 1944. 168). die unter menschliche Kontrolle gehören. dass die Wirklichkeit nur auf konkrete Weise erkannt werde. S. die in ihrer Entfremdung vernehmbar wird […] Naturver- fallenheit besteht in der Naturbeherrschung. verändert und reproduziert werde – im Kontext dieser Praxis entfalten sich auch alle kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten der Individuen. verwandelt er sich in eine verdinglichte. weil sie von vornherein durch kollektive soziale Praxis angeeignet. weil ihnen gerade die Natur- wüchsigkeit. in der dieser als Herrschaft sich bekennt und in Natur zurück- nimmt. zu dem die Einzelnen mit ihren jeweiligen Fähigkeiten beitragen. die die gesellschaftliche und natürliche Wirk- lichkeit der tätigen Erkenntnis entziehen wollen. »Aufklärung ist mehr als Aufklärung. dass es die intellektuellen. die »Abhebung intellektueller Teilvor- gänge von der gesamtgesellschaftlichen Praxis« bleibt erhalten (ebd. Das Denken wird sich seines Beitrags zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung bewusst. Es handelt sich um ein besonderes Kräfteverhältnis. sie ist selbst ein besonderes Verhältnis in ihr. der ihn gerade der Natur versklavt« (Horkheimer. Sofern die Theorie dieses traditionellen. Horkheimer unterstreicht dem- gegenüber die Annahme der Kritischen Theorie. wissenschaftlich-künstlerischen Tätigkeiten als besondere Funktio- . die in der Wahrnehmung gegeben sind. diesem besonderen Verhältnis der vernünftigen Aneignung und Bearbeitung zu entziehen versuchen. Der Dualismus von Denken und Sein. S. von Sein und Sollen.. die sich durch Kreativität und Einsicht vom bloßen Ablauf der natürlichen Gesetzmäßigkeiten befreien kann. werden als Produkte einer kollektiven Praxis begriffen. Durch die Bescheidung. 63). Natur. Diese Bemühungen sind sich aber ihrer tätigen Einheit mit ihrem Erkenntnisgegenstand nicht bewusst oder leugnen ihn. 173).16 Alex Demirovic ihren logisch widerspruchsfreien Platz haben. dass es sich um ein besonderes Kräfteverhältnis handelt zwischen solchen Kräften. steht ihr also nicht frontal im Sinne einer Subjekt-Objekt-Relation gegenüber.

II. sondern eines des historischen Stands der Arbeitsteilung. die Menschen werden sich ihres Zusammenlebens als eines kooperativen. Der Begriff der Gesellschaft meint ja . Reflektiert die Vernunft auf sich selbst. Adorno 1944. War die Organisation der Selbsterhaltung die historische Grundlage noch der Herrschaft von Feudalen und des frühen Bürgertums. Entsprechend begreift Horkheimer kritische Theorie als ein »einziges entfaltetes Existenzialurteil« (ebd. dass sie selbst eine Position einnimmt. wenn sie sich aus den Zusammenhängen der gesellschaftlichen Kooperation herauslöst und sich in die hierarchische Position der überlegenen. sondern bleibt ein Verhältnis –. widersprüchlichen Bewegung der Vernunft. Dies ist nicht durch eine äußerlich bleibende Parteilichkeit für besondere gesellschaftliche Gruppen möglich. die ineins ebenso Moment von Herrschaft wie von Befreiung ist – durch Selbstrefle- xion wird sie sich dessen bewusst. die es für sie selbst hat. daß ihretwegen Denken von den Herrschenden selber als bloße Ideologie verleugnet wird« (Horkheimer. die ihr erlaubt. Die Analyse der Vernunft ist demnach kein bloß philosophisches Problem. dass alle gemeinsam diese Aufgabe erfüllen könnten (ebd. 61).. 66). die notwendige Arbeit praktisch überflüssig macht. die »gesellschaftliche Verwirklichung des Denkens so weit offen. dass sie sich als naturbeherrschende von der Natur distanziert und doch deren Opfer wird. weil sie nur die Gesetze der Notwendigkeit nachvollzieht und in immer noch größeren wissenschaftlich-tech- nischen Fortschritt umsetzt. Partikulare Form der Herrschaft und universale Per- spektive sind in der Vernunft untrennbar. freien Zusammenhangs bewusst. S. Der Gesellschaft wird ihr Verhältnis zur Natur transparent – es ist keine mystische Einheit von Subjekt und Objekt. doch gleichzeitig sei gerade wegen dieser materiellen Entwicklung. dass kritische Theorie der Gesellschaft kein positives Verständnis von Gesellschaft hat. so ist sie gerade auch darin ein Moment der elliptischen. rationalen Potenzen aller anzueignen. 201). kreativen. sie gibt darüber Aus- kunft. S. Gesellschaft Die Bemühungen um die Begründung der Kritik isolieren diesen Begriff von dem der Gesellschaft und lassen außer Acht. sondern allein durch das reflexive Wissen der Vernunft über die Folgen. Dies führe zur Entwicklung einer gewaltigen materiellen wie intellektuellen Apparatur. wie rational die Kooperation zwischen den Individuen und ihren Tätig- keiten organisiert ist. die intellektuellen. planenden und beherrschenden Vernunft bringt – also die gesellschaftliche Arbeits- teilung in der Weise strukturiert. Sie muss derart beschaffen sein. Kritische Theoriebildung ist demnach die reflexive Analyse dieser Stellung der Vernunft zur Wirklichkeit und der Folgen für die Organisation der Gesellschaft. S. so ist die gesellschaftliche Kooperation derart weit fortgeschritten.. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 17 nen bündelt und monopolisiert und auf diese Weise an der Unmündigkeit von Menschen mitwirkt. dass sie gleichzeitig material die Gesellschaft bestimmt und dem Gestus der eigenen Rede nach auch Kritik einschließt. befehlenden.

Die Beschränkung auf den nationalstaatlich begrenzten Begriff von Gesellschaft ist deswegen bemerkenswert. Deren Gesellschaftlichkeit selbst wird in nur geringem. die deutlich nationalstaatliche Gesellschaften vor Augen hatten. in denen sich Transport. das sich seit Beginn des 19. weltweite Kommunikationen in den einzelnen Funktionssystemen wie Wirtschaft. schumpeterianisches Workfare-Regime oder Empire zu fassen. in denen das Ergebnis ihrer Tätigkeit wie ihre Arbeitskraft zur Ware wird. weil es in der Geschichte der Soziologie neben Durkheim und Weber. er deterritorialisiert sich.und Knotenpunkten in einem transnationalen gesellschaftlichen und politischen Prozess an. in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht. was Gegenstand der Analyse ist – die dann in einem weiteren Schritt erst um eine normative Kritik ergänzt wird. Nationale Grenzen sind auch ihrerseits nur weltgesellschaftliche Kommunikation. die unterhalb des Niveaus solcher territorial begrenzter Einheiten angesiedelt war. global governance. bürgerlichen Gesell- schaft. Auch in diesem Fall ist der Nationalstaat eine sekundäre Form der modernen. Kommunikation. insofern ist Gesell- schaft identisch mit Weltgesellschaft. als politische Beziehungen bestimmt. Marx hat für die kritische Gesellschaftstheorie eine Sichtweise erschlossen.18 Alex Demirovic sehr häufig eine nationalstaatlich konstituierte und umrissene Gesellschaft. die sich nicht von den Grenzen der nationalstaatlichen Gesellschaft beschränken lässt. Die ältere Kritische Theorie folgte bei der Bestimmung von Weltmarkt und . eine Ebene der Analyse zu wählen. rechtliche Normierungen zu besonderen Aktionsbündeln verdichten. das quer zu staatlichen Grenzen steht. Die bürgerliche Gesellschaftsformation. immer auch Bemühungen gab. die in jüngster Zeit nicht mehr nur als ein zwischenstaatlicher Zusammenschluss. Für Luhmann ist Gesellschaft durch Kommunikation bestimmt. wird mehr zu einem Moment des Gesamtprozesses als dass er konstitutiver Rahmen bleibt. Es handelt sich um einen Container-Begriff: Gesellschaft ist demnach ein Raum. wo Menschen Glieder einer Arbeitsteilung werden. Es stellt sich überall dort ein. Interessenvermittlung und Regulierung verbunden. verliert seine institutionelle Einheit und nimmt die Gestalt eines Ensembles von politischen Stütz. politische Entscheidungen. Das gilt für die Euro- päische Union. Jahrhunderts zum Weltmarkt ausdehnt hat. Politik und Kunst. ist ein Verhältnis. Nationalstaaten überlagern als Differenzie- rungen zweiter Ordnung primäre. Über die Grenzen dieses Raumes hinausgehende Verhältnisse werden entsprechend als internationale. Wirtschaft. so wenden sie sich gegenwärtig davon ab – dieser Prozess wird versucht. sondern allmählich auch als eine neue Stufe von Gesellschaft gesehen wird (vgl. Kaelble 1997). Diese Form des Nationalstaats wird auf der Grundlage des Kapitalver- hältnisses reproduziert. Wissenschaft. Der Staat verändert offenkundig seine Bedeutung als Nationalstaat. Waren Verwertungsinteressen bis- lang mit der Erhaltung nationalstaatlicher Grenzen. in zahlreichen Begriffen wie Globalisierung. Das Verhältnis von Weltmarkt und Nationalstaat reproduziert sich seitdem auf historisch erweiterter Stufenleiter. Allerdings wird häufig allein das Container-Modell der nationalstaatlich-territorialen Gesellschaft ausgedehnt auf größere Räume. im Zusammenhang mit der Globalisierungsdiskussion nun zunehmen- den Maße thematisiert. in dem sich alles ereignet. nationaler Wettbewerbsstaat.

Ihre Analysen zur Veränderung des Kapitalismus durch die Inwertsetzung und Industrialisierung von Kultur ebenso wie ihre Analysen zum Sozialcharakter machen deutlich. die sich ver- sucht. dieser Begriff ist demnach nicht der allgemeinste und umfassendste. der allen anderen gesell- schaftlichen Phänomenen vorausgeht. »Das ist der Begriff der Gesellschaft. denen die Form der kapitalistischen Warenvergesellschaftung zugrunde liegt. in: Horkheimer 1996. ist auch Gesellschaft nur eine historische Form des Zusammenlebens der Menschen. S. In einem Brief vom Mai 1945 anlässlich einer ephemeren Beobachtung anderer Schiffspassagiere betont Horkheimer gegenüber Adorno den problemati- schen Charakter des Begriffs und der Form der Gesellschaft. ob Gesellschaft von ihm nur insofern kritisiert wird. Gesellschaft gilt also nicht als theoretische Selbstverständ- lichkeit. So wie sich die Aufklärung überflüssig machen soll. Aber der Zwang ist geblieben. eine bürgerliche Form. die Ergebnisse historisch spezifischer Kämpfe und sozialer und räumlicher Kompromisse sind. wie er in der Soziologie Verwendung findet.5. Als die Gesellschaft sich zur Wissenschaft erhob. Gesell- schaftlichkeit als solche. dass es nationalstaatliche Gesellschaften gibt. Eigentlich gibt es doch gar nicht mehr. Ökonomische und tech- nisch-wissenschaftliche Dynamiken brechen sich jedoch an politischen und kultu- rellen Traditionen. Es stellt sich die Frage. damit nicht umgekehrt die Natur die Menschen zwingt. dem entspricht die Absicht. 31) Horkheimer setzt in diesen wenigen Sätzen mehrere Akzente: Zunächst will er den Begriff der Gesellschaft als einen bedingten. sondern als eine zu problematisierende Universalie des soziologischen Alltagsverstands. Kritik der Soziologie ist die des totalen Gesellschaftsbegriffs. Gleichzeitig lassen die Sätze aber auch den Eindruck entstehen.« (Horkheimer an Adorno. 1949. den Geist zu setzen. Einige Hinweise auf diese These will ich hier anführen. den totalen Begriff der Gesellschaft zu kritisieren. Unsere spezifische Aufgabe ist es. Totale Verge- . schwand sie dahin. was die alle darunter verstanden haben – so wenig wie Europa. die zu Ungleichzeitigkeiten in den Entwicklungen der einzelnen Staaten führen. vermittelten begreifen. Kritik der Gesellschaft meint in diesem Fall nicht nur die kritische Analyse dessen. dass die Gesellschaft im prägnanten Sinn heute ausgespielt hat. was in einer Gesellschaft stattfindet. Mit Blick auf den Gesellschaftsbegriff hat die ältere Kritische Theorie allerdings noch eine andere Bedeutung entfaltet. Gesellschaft als Form assoziiert er mit Härte. Der Begriff der Gesellschaft ist ein negativer. ohne. Adornos Antwort legt dies nahe. als Totalität zu setzen. dass neue Formen des Kapitalver- hältnisses die nationalstaatlich konstituierten Gesellschaften durchdringen und reorganisieren. dass der Begriff der Gesellschaft aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung selbst seinen Sinn ver- loren hat. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 19 nationalstaatlicher Gesellschaft den Überlegungen von Marx. son- dern Kritik zielt auch auf Gesellschaft selbst. der von Horkheimer offenkundig positiv bewertet wird. also die Form Gesellschaft. andere zu zwingen. als sie zur totalen Gesellschaft sich entwickelt hat. 8. die Natur zu zwingen. Wir müssen das Falsche an diesem Prozeß bestimmen. dass Horkheimer und Adorno der Ansicht sind. wie Hegel. selbst der ›gute Europäer‹ […] Bei all dem hat man aber das Gefühl. dem seit Hegel alle verfallen sind. Hier sehen sie Spannungen auftreten. mit dem Zwang von Menschen. Insgesamt scheint die Analyse so aufgebaut. ihn präzise in seiner Bedingheit zu erkennen.

Gesellschaft sei ein Prozess und ein funktionaler Zusammenhang. sondern wahrscheinlich sogar das alte Unrecht gegen die lebendige Natur überflüssig macht – daß die Naturbeherrschung einer Dialektik unterliegt. ist auch der Grund dafür. Weder sei Gesellschaft selbst ein Faktum. S. 32). der nicht nur die Herrschaft über andere Menschen. So bleiben die konkreten Momente außer Betracht.20 Alex Demirovic sellschaftung ergebe sich aus den Bedingungen der gegenwärtigen Integration. das ganz nach neunzehntem Jahrhundert klingt und auf die vollkommen verdinglichte Form des Zusammenlebens heute. 19. noch durch Abstraktion aus Einzeltatsachen zu gewinnen. wenn er auch eher aufs 19. nämlich durch den Tausch in ein Verhältnis gesetzt zu sein.. auch nicht Totalität in dem trivialen Sinn. in dem zwei Besonderheiten dadurch verglichen werden.« Diese Überlegung legt nahe. der nicht unmittelbar gegeben ist. »Positiv scheint mir die Überholtheit der Gesellschaft darauf hinaus- zulaufen. daß die Produktivkräfte einen Stand erreicht haben. Diese Dialektik. an denen gemessen die weitere Entwicklung als ein Rückschritt erscheint. Dieser Prozess ist der Tausch. denn seinem Prinzip nach ist er eine soziale Handlung. 1949. in: Horkheimer 1996. 9). Jahrhundert passt. sie sei diskontinuierlich und fragmentarisch. der Individuen neben anderen Formen des Zusammen- lebens in ein Verhältnis zueinander setzt. doch noch Kriterien zur Verfügung stellt. sondern auf anderes redu- ziert. die sie am Ende selber aufheben mag« (Adorno an Hork- heimer. dass Gesellschaft selbst als überholt gelten kann. 13). dass sie in ein Verhältnis zu einem Dritten gesetzt werden. keineswegs bloß ein kulturkritisch zu beklagender Rück- schritt. um die Erhaltung menschlichen Lebens zu sichern. nicht das Universum seiner Elemente. der. S. Wenn Adorno von einer »totalen Vergesellschaftung« spricht. S. »Das Veralten des Begriffs Gesellschaft kann man beinah dem Wort anhören. dass Adorno durchaus einen Begriff von Gesellschaft unterlegt. es zählt allein der Gesichtspunkt ihrer Gleich- wertigkeit. er ab- strahiert zwangsläufig von allen qualitativen Momenten. Allein in dieser Weise. Auch Adorno behandelt diese Frage nur sehr vorsichtig. und erinnert an die optimistische These in der Dialektik der Aufklärung. dass alles mit allem zusammenhängt (ebd. Aber er gibt diesem historischen Verlauf auch eine Bedeutung. Gesellschaft sei nicht die »höchste Abstrak- tion«. findet Vergesellschaf- tung konkreter Gegenstände ebenso wie der Menschen und ihrer Tätigkeiten statt. Während Horkheimer in seinen Formulierungen nahelegt. dass es Gesellschaft als Zwang geben muss. durch die Gesellschaft deutlicher als ein problematischer Begriff er- scheint. Doch es lassen sich Spuren des Arguments erkennen. die Menschheit in ihrer negativen Gestalt. Diese Überlegungen zur Kritik der Soziologie und des Begriffs der Gesellschaft wurden in dieser expliziten Weise von Horkheimer später nicht mehr weiter verfolgt. Vergesellschaftung geschieht den Menschen also wie von außen und mit einer . derzufolge die Produktivkraftentwicklung im Prinzip jede Herrschaft überflüssig mache. dass Gesellschaft tatsächlich durch Herrschaft von Menschen über Menschen und Natur konstitu- tiert ist. dann meint dies entsprechend. dass Gesellschaft ein besonderer Prozess ist. gar nicht zutrifft. nämlich auf gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit. die »alle anderen Gebilde unter sich beschlösse« (Adorno 1965. 5. betont Adorno. um schließlich nach diesem Prinzip quantifiziert zu werden. sie werden also nicht für sich genommen.

S. der Wissenschaften sowie der individuellen Verhaltensmöglichkeiten werden als derart durchdrungen und reorganisiert verstanden. erfahren sie erst nach Abschluss des ganzen Tauschvorgangs. denn die Enteignung kann nur vollzogen werden. dass Gesellschaft bislang nicht gelungen ist und nicht gelingen wird.). Gesellschaft nimmt auf diese Weise die Form von Allgemeinheit an. Nach wie vor seien die Produktionsverhältnisse durch den Klassengegensatz charakterisiert. also die Reduktion der besonderen Individuen auf eine Funktion im totalisierenden Zusammenhang. setzt die Analyse und Kritik einen anderen Akzent. Der Grund dafür ist. 249 f. ein vollständig vermitteltes. dass das Individuum subsumiert wird unter den einen. dass diese Einheit. Die entscheidende und so häufig übersehene These in der Kritischen Theorie ist. welche gleichzeitig die Gesellschaft zerreißen […] Einzig durch das Profitinteresse hindurch und den immanent-gesamtgesellschaftlichen Bruch« erhalte sich das Getriebe. Nun könnte man zunächst denken. einheitliches Ganzes herzustellen. da sie als gerecht erscheint (vgl. Ob sie sich überhaupt vergesellschaften können. Reelle Subsumtion besteht insofern nicht nur aus der Unterordnung unter das Tauschverhältnis. also über die Erwartungen. sondern hat auch einen formierenden. müssen sie Erwartungen über den Tauschvor- gang ausbilden. dass die Menschen als Mitglieder der Gesellschaft sich dem Warentausch unterwerfen müssen. S. Diese Tendenz zur Formierung eines homogenen Ganzen. der Klassenunterschied wachse ob- jektiv sogar noch an (Adorno 1965. die von den großen Unternehmen kontrolliert und gelenkt werden kann. der im Wesentli- chen nach abstrakten. die Kritik bestünde darin. sie ist ein totalisierender Zusammen- hang und als solcher bestrebt. verändernden Aspekt. Sein Medium sind die Antagonismen selbst. das er ein Ganzes werden und sich in sich selbst zu einer Totalität verschließen will. der Kultur. monetären Gesichtspunkten funktioniert. sie ist ein Gewaltverhältnis und nicht rational durch die Individuen vermittelt. Um dies zu erreichen. Adorno 1966. Ent- sprechend kritisiert Adorno den Umstand. die für die der Her- stellung der Produkte durchschnittlich notwendig ist. dass im Namen des Austauschs gleicher Quanta abstrakter Arbeit. seine Besonderheit leugnenden Zusammenhang. sich zu vergesellschaften. die andere hegen. Genauer betrach- tet. dass Adorno hier doch ganz moralisch argumentiert. im Namen der Gerechtigkeit wird die Enteignung vollzogen – dieser Betrug ist jedoch keine oder nicht nur Täuschung. die das Besondere und die Zwangsmitglieder beherrscht. faktisch die Mehrarbeit der unmittelbar Arbeitenden angeeignet wird. Damit sie aber erwarten können. Der Vergesellschaftungsprozess zeichnet sich also dadurch aus. Gesellschaft ist weniger als das Ganze des menschlichen Zusammenlebens. müssen realitätstüch- tig sein und sich anpassen. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 21 gewissen Gewaltsamkeit. bestimmt auch die kritische Analyse des gesellschaft- lichen Gesamtprozesses: alle Bereiche der Politik. das seiner eigenen Teleologie gehorcht. sich zu . Gleichzeitig gelingt dem Vergesellschaftsprozess jedoch nicht. Denn der Prozess der zwanghaften Vergesellschaftung durch den Tausch gründet die Kon- stitution der Gesellschaft auf einen Selbstbetrug. muss er jedoch die fortdauernden Gegensätze und die Tatsache der Vielfältigkeit leugnen. 15). in der alles als Gleiches aufgeht. dass sie sich zu einer Einheit fügen. Der Vergesellschaftungsprozess »vollzieht sich nicht jen- seits der Konflikte und Antagonismen oder trotz ihrer.

jene volle Identität mit den Menschen zu erzwingen. die ihrem Begriff entspräche. die sie selbst bildet. doch sie scheitern. die ganz ihrem Begriff entsprechen würde. heutzutage: nacktes Privileg von Monopolen und Cliquen. die jeweils an ihren eigenen Konstruktionsprinzipien zerbricht. in der Gesellschaftlichkeit selbst die höchste Potenz des Zusammenhandelns entfalten würde. nach Kafkas Wort. . die in sich selbst kein begrenzendes Prinzip mehr enthält. der durch Antagonismen gekennzeichnet ist. doch auch als Versprechen dem Tauschprinzip innewohnt. so wäre sie zugleich ledig des Zwangs. Gewalt. unmöglich. 632). sondern ist ihm auch. ihn zu denken. die in den negativen Utopien goutiert wird« (Adorno 1964. S. und mensch- heitliches Zusammenleben stellt sich Adorno ganz offensichtlich nicht mehr in der Kategorie der Gesellschaft oder der Totalität vor – also weder Weltstaat noch Weltgesellschaft. »so träten anstelle der Rationalität. unmittelbare Aneignung. kraft seines antagonistischen Wesens. ginge über in Menschheit. ein Fortschritt noch gar nicht stattgefunden. und wäre damit Totalität nicht länger. die Maßkategorie der Vergleichbarkeit. Adorno spricht nun durchaus von der »rational durchsichtigen. S. und zwar gerade an den inneren Widersprüchlichkeiten eben dieses Vergesellschaftungsprozesses selbst. seine Ände- rung. in der es keine inneren Widersprüche mehr gäbe. Denn Adorno zufolge treten Menschen in eine Gesellschaft ein. 619) Gesellschaft. daß sie jene herstellen möchte« (Adorno 1968. Am einfachsten ist das zu verdeutlichen durch die Bestimmung von Menschheit als des schlechterdings nichts Ausschließenden. so hat. Nach diesem Begriff einer gelingenden Gesellschaft wird von ihm auch der positive Aspekt des Tausches gedeutet. S. Kritik am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will. Gesellschaft besteht demnach aus den prekären. eine Totalität herzustel- len. Annullierte man das Identitätsprinzip. dass Adorno einen ganz emphatischen Begriff von gesellschaftlicher Totalität haben könnte. um nicht unterzugehen. »Bleibt die Menschheit eingefangen von der Totalität. S. Aufgrund solcher Formulierungen lässt sich vielleicht zunächst noch annehmen. 17). um sich durch Zusammenschluss und gemeinsame Praxis zu erhalten.« (Adorno 1964. die ideologisch zwar. 250). von einer Gesellschaft. Eine Gesell- schaft. durch Tauschhandlungen. bis heute bloß Vorwand.22 Alex Demirovic totalisieren. wahrhaft freien Gesellschaft« – die der Verwaltung so wenig wie der Arbeitsteilung entraten könnte (Adorno 1965. Das allein transzendierte den Tausch« (Adorno 1966. Es verhält sich also komplizierter. verwirklicht werde. keine erzwungene Einheit. Totalisierungsprozesse finden statt. weil immer wieder fehlschlagenden Versuchen. in denen eine Seite immer wieder des Profits wegen um einen Teil ihres Produkts betrogen wird. daß das Ideal freien und gerechten Tauschs. wäre jedoch keine Gesellschaft als Totalität mehr. »Nicht bloß verlangt das Ganze. 587). Doch Adorno äußert sich hinsichtlich des Totalitätsbegriffs deutlich negativ: »Nicht etwa ist die Totalität das Interesse der kritischen Theorie der Gesellschaft derart. S. der alle ihre Glieder einem solchen Prinzip unterwirft. während doch bloß Totalität erlaubt. Würde sie eine Totalität.

weil sie allzu gründlich zu konstruieren wäre. Doch in diesem Herrschaftsprozess werden die Vernunft und das menschliche Zusammenhandeln als entscheidende Form der gesellschaftlichen Produktivkraft fortentwickelt und in diesem Prozess selbst frei gesetzt. Rationalität und individuellen Differenzierung nicht nur einzuschränken. Stattdessen wird ein enormer herrschaftlicher Druck erzeugt. Und schließlich: Theorie Häufig wurde die ältere Kritische Theorie wegen ihres pessimistisch-kulturkriti- schen Charakters abgelehnt. bietet dafür Vorwände. er hat selbst seine historische Notwendigkeit und schöpferische Bedeutung verloren. die sich auf kritische Theorie berufen – Desintegration noch – wie Luhmann – Integration. bemühten sich Horkheimer und Adorno um den Nachweis. Kritische Gesellschaftstheorie meint aus ihrer Sicht ein Projekt. Sie wollten einen langfristig angelegten widersprüchlichen Prozess thematisieren. dass diese Theorie deutlich Perspektiven der Freiheit und Vernunft zeichnet. Der Kapitalismus kann sich auf Vernunft gar nicht mehr stützen. die unterm Druck partikularer Rationalität sich verstärkt: die Desin- tegration durch Integration. »Die Realität soll nicht mehr konstruiert werden. Die Rede von der Krise des Systems sei als Ideologie beliebt geworden. auf keinen Fall aber durch geschichtsphilosophisch begründeten Zu- kunftsoptimismus der Geschichte und damit der Freiheit der Handelnden vor- greifen will. der alles unter die Bedingungen einer integrierten Gesellschaft zusammenzwingen will. weil die Herrschenden sich von Vernunft bedroht fühlen. Nun kann der Sinn der hier vorgeschlagenen Interpretation nicht sein. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 23 III. die ältere Kritische Theorie auf falsche Weise zu aktualisieren. in verschiedener Weise praktiziert wird und unterschiedliche Gestalt annimmt. Die Theorie besteht nicht aus kanonischen Formeln. Entsprechend beklagt Adorno weder – wie so viele. der Freiheit. Er wirkt zerstörerisch und strebt danach. kapitalistische Gesellschaftsformation durchzieht. die einstmals von ihm geschaffenen Bedingungen der Gesellschaftlichkeit. sondern auch im Kleinen des Alltags statt. sondern gar zu zerstören. Ihre Irrationalität. politischer Demokratie und höchster Bildung und Wissenschaft findet Barbarei nicht nur im Großen. dass alles schon gut wird. Horkheimer und Adorno selbst wussten genau um die Zeitabhängigkeit ihrer Theorie bis ins Innere ihrer Wahrheit selbst. Doch wollten sie keinen versöhnlichen Goldgrund malen. Das Problem ist Gesellschaft als historisch spezifische Form der Beherrschung des kooperativen Zusammenlebens. 34) Auf dem Zivilisationsniveau entfalteter Produktion. In den voranstehenden Abschnitten habe ich so argumentiert. gleichzeitig aber auch die Bedingungen einer Zukunft der Freiheit entfaltet. der sich im Wesentlichen aus der herrschaftlichen Teilung von körperlicher und geistiger Arbeit ergibt und die Vernunft als Organ einer freien Gestaltung des Zusammenlebens immer weiter von den Lebensverhältnissen der vielen Individuen trennt und partikularen Interessen unterwirft. das die gesamte moderne. sie verliert ihren Projektcharakter . dass der Gesamtprozess der modernen kapitalistischen Gesellschafts- formation ohne Zweifel zu Totalisierung und Barbarei tendiert. der den Handelnden gleichsam anzeigt. S. Genau besehen.« (Adorno 1966. Schon längst ließe sich Emanzipation unbeschwert von materiellen Zwängen und Notwendig- keiten verwirklichen.

Interessant an den vorgestellten Überlegungen der älteren Kritischen Theorie erscheint mir hier zwei- erlei: (a) das Problematisierungsniveau. die Rationalität kritischer Theoriebildung müssen sich die Akteure jeweils neu erschließen. Adorno und Horkheimer sehen wohl – wenn auch nicht immer deutlich genug – die Bedeutung von Klassenkompromissen als Grundlage für die Struktur- bildung der Gesellschaft. da die Kompromissbildung mit enormen ökonomischen und politischen Krisen. Auflösung von Familien. Die Klage über die Desintegration der Gesellschaft. die Arbeit nimmt extensiv und intensiv zu. (a) Mit dem Problematisierungsniveau meine ich die unaufdringliche Radikalität der Theoriebildung. Dies richtet sich gegen die Gesellschaftsfeindlichkeit des Neoliberalismus und die Privatisierung der Gemeingüter. Doch die heute so verbreitete melancholische Geste der Kritik macht die integrierte Gesellschaft zum Maßstab: Gemeinschaftlichkeit. der Ungewissheit zu folgen. Sie hat also nicht . Individualisie- rung. die auch die Frage nach der Gesellschaft selbst noch ein- schließt. vor allem betonen sie auch die negativen Folgen der Integration sozial gegensätzlicher Interessenlagen für die Einzelnen. Demirovic 1992).und Totalisierungs- prozess. mit Krieg und massenmörde- rischer Barbarei einherging. dass Freiheit in das Außen dieser Gesellschaft abgedrängt und von dorther residual wieder in den Prozess eingeführt werden könnte. als sich bewusstlos dem von einem subjektlosen Chor vorge- tragenen Appell zur Anpassung an die Prozesse der Deregulierung. Anomie. diesen zustande zu bringen. dazu Laclau/Mouffe 1991. dass sie annahm. Verarmungsprozesse. Damit ist die Kritik immer davon bedroht. in Affirmation überzugehen. der Entstaat- lichung. Denn kaum jemand fragt nach den Folgen einer solchen Integration und des sie befördernden neuen Kompromisses. relativer Wohl- stand. für die psych- ischen Dispositionen und das Naturverhältnis. so sind schon jetzt die sich abzeichnenden Folgen erkennbar: Das Naturgesetz des Wirt- schaftswachstums bleibt bestehen. sie sehen die Notwendigkeit und die damit verbundenen Errungenschaften. Ressourcen werden auch während der nächsten Jahrzehnte überbeansprucht. Unsicherheit. Einwanderung. Chancengleichheit oder Einbettung der Ökonomie in stabile soziale Ver- hältnisse. ihr Auseinandertreiben ist heute vielfach der Tenor kritischer Analysen: Arbeitslosigkeit. Kritisch gegen die ältere Kritische Theorie ist festzuhalten. da der Antagonismus fortexistiert. Doch sehen sie auch den Preis. der Aushöhlung der Demokratie. die Kräftekonstellation des Fordismus würde historisch ein für allemal eingefroren. (b) der Hinweis auf schon mögliche Frei- heit. ein Verallgemeinerungs. in dem einzelne Akteursgruppen ihre Lebensformen miteinander ver- knüpfen und für einen überschaubaren Zeitraum bestimmte Regelmäßigkeiten des kollektiven Lebens erzeugen (vgl. Auch wenn es vielleicht besser wäre. Es ist eine der wichtigen Überlegungen der jüngeren gesellschaftstheoretischen Diskussion. die struk- turelle Arbeitslosigkeit verschärft sich und die Ungleichverteilung des gesellschaft- lichen Reichtums wächst. Denn die Gesellschaftsformation wird durch immer neue Praxis reproduziert und umgestaltet. dass Gesellschaft Ergebnis einer konstruk- tiven Praxis der sozialen Akteure ist. Demokratieverluste durch Globalisierung.24 Alex Demirovic nicht. Der einmal geschlossene Kompromiss würde zu einer derartig stabilen Integration führen. Gewalt.

die auf gesamtgesellschaftliche Veränderung zielt und mit anspruchsvoller Praxis der ver- nünftigen Gestaltung verbunden sei. Demgegenüber hat die sich in Gestalt einer neuen Form von globalisierter Netzwerkmacht als Empire reor- ganisierende Herrschaft keine objektive Funktion mehr. ohne dass jedoch emanzipatorische Kräfte sie sich unter taylorisierten Ar- beitsbedingungen hätten aneignen können. in der die gesellschaftlichen Potenzen des Zusammenhandelns der Menge von Singularitäten sich durchgesetzt haben. der Theorie und der Vernunft verbindliche Geltung zu verschaffen – also die Produktionsbedingungen von Vernunft zu reproduzieren (vgl. zu zeigen. Aus der Sicht dieser beiden Autoren ist die Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeit und Kooperation in eine Phase getreten. Für Adorno war es ein entscheidender praktischer Beitrag zur Emanzipation. die von einer neuen Dialektik von Notwendigkeit und Freiheit bestimmt sind. so hat sich an dieser Aufgabe als solcher nichts geändert. Systematisch würden die Vernunft entkräftet und die Verbindlichkeit der Theorie unterhöhlt – systematisch werde Halbbildung erzeugt. sich von ihrer Herrschaftsfunktion leicht befreien kann. werde nicht mehr gebraucht und sei daher freigesetzt. intellektualisierten Arbeit tenden- ziell überwunden. Freiheit erscheint also aufgrund der ungeheuren Entfaltung des gesell- schaftlichen Reichtums und des Grades an Kooperation möglich. Sie gehen damit weiter als Horkheimer und Adorno. wenn sie sich auf ihre eigenen Grenzen besinnt. Denn Vernunft als eine solche. denen zufolge das Bürgertum auf Distanz zur Vernunft gegangen war und sie freigelassen hatte. Die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit als die wohl entscheidende Form der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist ihrer Sicht nach aufgrund neuer Formen der immateriellen. objektiven Form von Freiheit ist. An diesem Punkt wieder- holen die beiden Autoren die Diagnose. dass nämlich die Gesellschaft sich von einem umfassenden instabilen Kompromissgleichgewicht zum nächsten fortbewegt. die Bedingung einer historisch konkreten. Auch in der Form der zwanghaften Vergesellschaftung reproduziert sich Gesellschaft auf immer noch höherer Stufenleiter und nimmt neue Gestalten an. Heute hat die Form von Arbeit eine Einheit von körperlicher und intellektueller Arbeit geschaffen. dass die Individuen in der Reproduktion der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse immer frei sind und sich Rationalität auch unter widrigen Bedingungen immer wieder erneuert. dazu Demirovic 1999). dass die Vernunft. Auch Hardt und Negri wiederholen noch einmal. doch ist der Kontext ein anderer. doch werde sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln blockiert. die Gesichtspunkte der älteren Kritischen Theorie wieder aktualisieren. Betrachten wir die Konstellation aus heutiger Sicht. In den vergangenen Jahrzehnten hat es zahlreiche Bemühungen gegeben. dass der Kapitalismus selbstreferentiell wird und alle Prozesse sich nun innerhalb des Empire abspielen. Das gilt nun auch für die . die Horkheimer und Adorno 1944 ihrem Buch über die Dialektik der Aufklärung schon zugrunde legten. (b) Die Analyse der Dialektik der Aufklärung hatte ergeben. In jüngster Zeit haben vor allem Michael Hardt und Antonio Negri Argumente vorgetragen. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 25 gesehen. also selbstkritisch ihre privilegierte »geistige« Rolle in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erkennt. was in der weiteren Diskussion seitdem von großer theoretischer Wichtig- keit wurde.

und nehmen wir den Denkanstoß der kritischen Gesellschaftstheorie von Horkheimer und Adorno ernst. Engels. in: ders. in: ders. Antonio (2002): Empire. in: ders. die sich teleologisch selbst auf den Begriff bringt. Der entscheidende Unterschied lässt sich deutlich benennen: Nahmen Horkheimer und Adorno an. M. dass sich die Reproduktion des Weltmarkts heute auf der Grundlage von Differenz und Vielfalt vollzieht (vgl. Diese Möglichkeit der Freiheit muss den Individuen mit Evidenz vor Augen stehen.: Ges. Bd. Bd. M. so vermuten nun Hardt und Negri aufgrund ihrer Diag- nose. (1964): Fortschritt.).: Ges. Eines der wich- tigsten Kriterien für Emanzipation verliert also seine emanzipatorische Kraft: Es handelt sich um das Plädoyer für Differenz. Berlin Habermas. Frankfurt a. das Reich der Freiheit konkret auszuloten. Michael/Negri. Hegemonie und Staat. Zur Idee der »Kritik« in der Frankfurter Schule. Münster – (1993): Intellektuelle und kritische Gesellschaftstheorie heute. für die Auflösung von binären Gegensätzen und die Überwindung der Dialektik.). 10. in: Prokla 92 – (1999): Der nonkonformistische Intellektuelle. Frankfurt a. Axel (2000a): Rekonstruktive Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt. M. Literatur Adorno.: Ges.2. Jürgen (1985): Der philosophische Diskurs der Moderne. 19. S. Allerdings kann diese Frage nicht allein theoretisch entschieden werden. Auch wenn vieles gegen die These von Hardt und Negri spricht. Denn dieses Kriterium wurde selbst schon in die Reproduktion des postmodernen Kapitalverhältnisses aufge- nommen. die Vielfalt und das Nichtidentische entgegen- gehalten werden könne. Frankfurt a. Schriften. Alex (1992): Regulation und Hegemonie. sie ist auch eine Frage der Praxis. Berlin 1973 Foucault.26 Alex Demirovic Kritik und kritische Theorie: die reelle Subsumtion ist abgeschlossen. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule. Bd. in: ders. 1972 – (1966): Negative Dialektik. so erinnert sie doch mit Emphase daran. Frankfurt a. 6. Hardt. 8. 1972 Demirovic. also der Gesellschaft als Totali- tät. H.: Ges. mit dem globalisierten Weltmarkt herrscht Immanenz. M. »Aufklärung vollendet sich und hebt sich auf. Frankfurt a. S. Michel (1992): Was ist Kritik?. Schriften. dass der kultur- industrialisierte Spätkapitalismus alles mit Wiederholung. 5 . in: Marx-Engels-Werke. dass die Befreiung von der Notwendigkeit für alle unmittelbar möglich ist. Frankfurt a. dass es Aufgabe kritischer Gesellschaftstheorie ist. in: Alex Demirovic/Hans-Peter Krebs/ Thomas Sablowski (Hg. M. 150ff. Eintönigkeit und Gleich- heit banne und dem die Differenz. M. 1973 – (1968): Diskussionsbeitrag zu »Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?«. dann ist diese Freiheit von der Notwendigkeit schon seit langem möglich. Hardt/Negri 2002. Bd. Bd. Schriften. Die neue Weltordnung. 66). Schriften. M. Friedrich (1880): Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. 8. Frankfurt a. Adorno 1944. wenn die nächsten prakti- schen Zwecke als das erlangte Fernste sich enthüllen« (Horkheimer. Theodor W. in: DZPhil. Honneth. 1977 – (1965): Gesellschaft.

18. in: ders. Frankfurt a. 1988 – (1996): Briefwechsel 1949–1973. Bd. Frankfurt a.: Ges. in: Hradil. Frankfurt a. (1944): Dialektik der Aufklärung. Schriften. in: Horkheimer. Ernesto/Mouffe. Hartmut (1997): Europäische Vielfalt und der Weg zu einer europäischen Gesell- schaft. M. Bd. Max: Ges. M.: Ges. in: ders. Max (1937): Traditionelle und kritische Theorie. Schrif- ten. Chantal (1991): Hegemonie und radikale Demokratie. 1987 Kaelble. 4. Berlin . 5. Bd. Horkheimer. Michael (1990): Kritik und Gemeinsinn. Stefan (Hrsg.: Das Andere der Gerechtigkeit. Wien Walzer. Stefan/Immerfall. M. Opladen Laclau.): Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich. Kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaft 27 – (2000b): Die soziale Dynamik von Mißachtung. in: ders. 1996 –/Adorno. Frankfurt a. Theodor W. Schriften. M.

die Foucault in seinem bekannten Vortrag aus den frühen 80er Jahren als »attitude de modernité« bezeichnet. Ihre eigene Kraft liegt in der Negativität der Auflösung. regelmäßig ist Aufklärung ein Eingriff. In dem Maße. Die Öffnung der Aufklärung. als eine gegenwartsbezogene Haltung oder als ein Modernsein. die Aufklärung lediglich als geschichtliches Zeitalter zu definieren und spricht von ihr als einer »Art und Weise. eine Mitte. um die es der »Haltung« des Aufklärers geht. in zweite Reflexion oder in Selbstreflexion verwandelt. das sich noch auf die Reflexion richtet und sie in eine Reflexion der Reflexion. diese weitertreiben. statt sich von ihm leiten zu lassen. ein Einschnitt. 568. 4. sich zur Gegenwart zu verhalten«. die »reine Aktualität«. verhält sie sich dem Neuen gegenüber gleichgültig oder feindlich und richtet sie Negativität gegen Negativität. weil Negativität als Medium der Verneinung. Aufklärung. des entwerfenden Auflösens und des auflösenden Entwerfens. prägt ihren Gegenwartsbezug oder ihren strukturell modernen Aspekt. die einen Ausgang anzeigt und einen Ausgang nimmt. die über das Reflektieren und Spekulieren aufklärt. »Qu’est-ce que les Lumières?«. Jede Verneinung der Aufklärung würde also lediglich zu dieser beitragen. das sie auflöst. . durch die sie sich zu einem Vergangenen und einem Kommenden verhält. ohne das sie zu erstarren und sich in einen Selbstwiderspruch zu verwickeln droht. ist Aufklärung nichts als ein Medium. ist Aufklärung ein unablässiges und grundsätzlich offenes Entwerfen ihrer selbst. in der Kräfte aufeinandertreffen. in dem Aufklärung eines anderen bedarf. eben das Aufklären ausmache und Aufklärung stets auch Aufklärung über Aufklärung sei. in: Dits et Ecrits. Das Über der Reflexion. Foucault wehrt sich dagegen. gehört konstitutiv zur Aufklärung. S. 1 Michel Foucault.1 Ob man plötzlich des Verlusts eines vormals Geglaubten sich bewusst wird oder tätig Aufklärung über die Heteronomie herrschender Bewusstseinsgestalten betreibt. 564 und S. Bd. in dem ihr das Neue wiederum zu einem Vorausgesetzten wird. ist von ihr nicht ablösbar. in Eingedenken oder Selbstbesinnung. an eine dunkle oder wolkige Vergangenheit. in dem das Über an keine bestimmte Voraussetzung gebunden sein darf und Aufklärung ihm so sehr untersteht wie es der Aufklärung. unablösbar Aufklärung über etwas ist. als einem »Ethos«. bleibt sie an eine Voraussetzung ge- bunden. offen für und gar angewiesen auf das Neue. über sich hinaus und dadurch gerade auf sich zu. der einen Gegenwartsbezug schafft. Aufklärung könne nicht verneint werden. die sich nicht bei einer Vorstellung oder einem Begriff ihrer selbst beruhigt. die sich nie zu einem positiv Gesetzten verselbständigen. In dem Maße schließlich.TRUST ME Alexander García Düttmann Kann man Aufklären verneinen? Oder kann man nur aufklärend verneinen? For- mal und nicht eigentlich klärend mag der Bescheid sein. Paris 1994. das sie erhellt. einen Bezug zu einem Hier und Jetzt. der Kritik. In dem Maße aber.

dass es ein anderes. beschränkt. ist von ihr schon angesteckt worden. durch das sie sich über sich aufklärt. welche die aufklärende Bewegung zeitigt. der ideologischen Handhabung ihrer Mittel. die vermeintlichen Aufklärer. nicht aber begrenzt. der Verklärung. ihr unwiderstehlich Ansteckendes. durch die sich Aufklärung als Negativität oder Medium des Verneinens erhält. Die aufklärende Verneinung erweist sich jedoch als Verkennung und verweist auf ihre eigene Beschränktheit. Man kann nicht für oder gegen die Aufklärung sein. einen Gegenstand der Verneinung. der die Aufklärung verneint. Wie muss man dieses zutreibende Hinaustreiben verstehen? Nicht als ein Resultie- ren. Was in der Aufklärung nicht auf- geht. behauptet sich lediglich verstockt und ohnmächtig gegen sie..2 sind über die Aufklärung unaufgeklärt. setzt sie der Gegenaufklärung aus. kann nicht ihre Verneinung sein. die mit dieser falschen Alternative den anderen »erpressen«. von ihrem Begriff nicht verschieden ist. Was Aufklärung verneint. dass nie ein anderes die Aufklärung verneint. ist es nicht eigentlich der Glaube. sondern die Aufklärung. S. Vielmehr beschreibt es die doppelte Bewegung einer Aussetzung und einer Einsetzung. wie Foucault wiederum es ausdrückt. als würde Aufklärung am Ende aus der Aufklärung über Aufklärung hervorgehen. TRUST ME 29 Das Hinaustreiben der Aufklärung über die Aufklärung. die nicht bereits von der Aufklärung bestimmt würde. beinhaltet. In diesem Sinne gibt es keine Gegenaufklärung. reden dem Dogmatismus das Wort. die Autonomie sowohl bestätigt als auch stiftet. mag auch die Gefahr. blinde. In der Aufklärung erblickt Foucault das »Prinzip einer Kritik« und das »Geschichtsbewußtsein« einer »ständigen Erschaffung unserer selbst«. So zeigt sich. auf eine mangelnde Aufgeklärtheit der Aufklärung über sich selber. kantisch gesprochen. dass die Spannung zwischen Aussetzung und Einsetzung. Gewalt jenseits allen Vermögens und Könnens. der selbstzerstörerischen Beschränkung ihrer selbst. ohne Ausgang. In dem Abschnitt der Phänomenologie des Geistes.. gar nicht gibt. so. ist zugleich ihre Ohn- 2 ebd. und dass das andere. Die Macht der Aufklärung. sich zeit- weilig zumindest als Unterbrechung auswirkt. dem Aberglauben und dem Vorurteil. Verneinung ohne Verneinung. in dem Hegel jene Gestalt des Bewusstseins untersucht. in sich deren Keim trägt. erweist es sich als eines. deren Züge man in der geschichtlichen Aufklärung wiedererkennt. was sie. welche die Gegenauf- klärung für die Aufklärung darstellt. Beide sind mit einem »Humanismus« inkompatibel. die den Glauben verneint. verdinglichen sie. im Verhältnis zu möglicher Mündigkeit und Unmündigkeit unverhältnismäßige und niemals selbstverschuldete Gewalt. 571 f. Immer liegt es an der Aufklärung. Dass nämlich allein Aufklärung ein anderes zu verneinen vermag. durch das Aufklärung ständig auf sich zutreibt. unumkehrbare und unwiderrufliche. durch seine Verneinbarkeit von Aufklärung immer schon angesteckt. die als Verneinung der Aufklärung äußerlich bleibt. 573). Weil indes solches Hinaustreiben an Aufklärung teilhat und sich damit in der Negativität hält oder als Negativität bewährt. weil allein Aufklä- rung ein anderes zu verneinen vermag. S. darin bestehen. der von einem Menschenwesen oder von einem festgesetzten Begriff des Menschen ausgeht (ebd. kann nichts sein als bloße Verneinung. .

Mit der Aufklärung stirbt Gott in dem Au- genblick. Längst habe die »Natur« den Menschen von »fremder Leitung« freigesprochen. Darum spricht Kant konsequent von einer selbstverschuldeten Unmündigkeit. 58. gegen die kein Gegenmittel gefunden werden kann. hat er sich ihr bereits preisgegeben. Umgekehrt erzeugt Aufklärung wiederum eine Aufeinanderfolge. Wie über einen Virus nachgedacht und geredet wird. hg. Tod Gottes. hätte Aufklärung keinen Bezug zur Unmündigkeit. unvordenkliches Ereig- nis. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt a. als eine frühere Stufe des Bewusstseins. inaugu- riert sie Geschichte. eine Kraft. wäre sie nicht der Effekt einer unentwickelten. die Mitte. wo ihr nicht ein anderes entgegensetzt wird. das kein Über mehr ist. . 4 Alexander García Düttmann. sich wiederzuerkennen. zum Glauben. ihre Autoimmunisierung. vergeblicher Kampf gegen ein anderes. wäre ihre Mündigkeit verdinglicht und damit unmittelbar ihr eigenes Gegenteil. Man könnte nicht von einer Aufklärung über reden. Bd. Die wahre Einsicht in die Schwierigkeiten der Aufklärung. und damit ebenfalls als universalisierende Tendenz. 9. S.1. 111. sagt Kant am Anfang seines berühmten Artikels. das Struktur und Geschichte konfundiert. Diese Aufeinanderfolge stellt sich zwangsläufig als ein Fortschrei- ten dar.30 Alexander García Düttmann macht. buchstäblich als Vollendung. nicht von Aufklärung über- haupt. in: Werke. wird er in dem Augenblick geboren. Immer schon hat sie die schlichte Aufeinanderfolge von Mittelbarkeit auf Unmittelbarkeit und von Mün- digkeit auf Unmündigkeit durchkreuzt. kann man aus diesem Grund dort ausmachen. in dem er stirbt. die der Aufklärung geschichtlich vorausgeht. S. Verneint der Glaube die Aufklärung. M. sondern ihre Selbstverstrickung erörtert wird. in dem sie versäumt. über sich selber ungenügend aufge- klärten. Hegel unterscheidet zwischen zwei Verhältnissen. kein Aufklärungseffekt. die mit dem Titel ihrer Verneinung gemeint sind. muss sie Ausgang aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit sein. Die Verbreitung der 3 Immanuel Kant. in die Aufklärung zu ihrem anderen tritt. Einerseits erlaubt gerade die grundsätzliche Einheit von Glaube und Aufklärung. willkürlich angehaltenen Aufklärung. ein Wesen. Uneins mit Aids. das Zwischen zum Ding erstarrt. Virus. eben weil das Über für sie konstitutiv und sie wesentlich Verhältnis oder Negativität ist. die sich von Aufklärung noch unangetastet wähnen darf. 1993. über die beide sich täuschen. die Dialektik der Aufklärung. Die Grenze solchen Fortschritts und der mit ihm gleichgesetzten Aufklärung wird von dem Über gezogen. nicht selbstverschuldet. ein Prinzip.3 Aufklärung hat immer schon alle Unmittelbarkeit vermittelt und alle Unschuld mit dem Schatten eines Zweifels bedeckt. um im weiteren Verlauf das gewaltsame Abbrechen des Aufklärungsprozesses als »Verbre- chen wider die menschliche Natur« und ihre »ursprüngliche Bestimmung« zu brandmarken. weil es sich auf das Über und seine fortschreitende Erneuerung bezieht. wäre das Medium. als ein Fortschritt von dem einen Über zu dem nächst höheren. Wiesbaden 1964. nicht von einer Unmündigkeit. in dem er geboren wird. die »durchdringende Ansteckung«.4 Wäre die Unmündigkeit. Aufklärung erscheint stets auch und vor allem als Fortschritt zum Allgemeinen. aus der Aufklärung den Weg weist. »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«.

344. wie es einmal in der Phänomenologie des Geistes heißt. dann muss man gerade in diesem Selbstverhältnis jenes suchen. tritt. in die entlarvende Kritik an der Gewissheit des Glaubens.5 Hat es Aufklärung also stets nur mit sich selber zu tun.W. da der Mangel an Realität einem Mangel an Wahrheit gleichkommt und dem bloßen Bewusstsein. . 6 ebd. ihrer Bestimmung als Aufklärung über etwas. der in diesem Fall sich nicht deshalb »zu spät« ereignet. sondern weil die Aufklärung. Bei Hegel indiziert dieses Versprechen und dieses Versperren die geschichtliche Aufklärung oder die Aufklärung in ihrer Verwirklichung. die Vorstellung als Vorstellung und den Gegenstand als Gegenstand. ja durch sie hervorgebracht. die ihrem Begriff wesentlich ist. die sich nicht verwirklicht und die in der Möglichkeit verharrt. S. Aufklärung müsse sich positiv oder negativ verwirklichen und gehe in ihre negative oder positive Verwirklichung ein. Die Aufklärung verhält sich zu ihrem anderen ebenfalls negativ oder als ein »Tun des negativen Wesens«. durch die hindurch sie erst zu ihrem Begriff kommen.. einen Affekt gegen ihre als reduktionistisch empfundenen kritischen Entlarvungen und 5 G. den Glauben oder das Vertrauen? Die geschichtliche Aufklärung. verloren an die Abstraktion. Was bedeutet es also. in die pragmatistische Setzung des sinnlich Gewissen. in einen Bezug zur Wahrheit. weil die Ansteckung geschehen ist. 7 ebd. in: Theorie-Werkausgabe. was in ihr nicht aufgeht – dann muss man das Verhältnis von Glaube und Aufklärung als ein Selbstverhältnis denken. Phänomenologie des Geistes. S. durch die »Gleiches mit Gleichem zusammengeht«. dass die Aufklärung das Anderssein »an ihr selbst« hat. 404. der bloßen Vorstellung. Band 3. In diesem Sinne lässt sich behaupten. zumindest aus der Sicht Hegels. Die Verwirklichung der Aufklärung schließt gleichsam die Öffnung. Frankfurt a. die selbst das Über und das Etwas betreffen kann. verkennt.. sich über sich selber aufklären6 und am Ende in ihrer Beschränktheit aufheben kann. 8 ebd. der bloßen Reflexion gegenüber die Kraft des Wirklichen »mit der Wahrheit im Bunde« steht. Deshalb – aufgrund dieses Uneinssein der Aufklärung. TRUST ME 31 Aufklärung besteht allerdings nicht nur in einer »gegensatzlosen Ausdehnung«.8 Einerseits bleibt eine Aufklärung. Nega- tivität gegen Negativität. S. die Aufklärung. die allein das »unbefriedigte Sehnen«7 der verwirklichten Aufklärung befriedigt.F. Hegel. das Sehnen. ziehe sie auch einen doppelten Affekt auf sich. dass sie als »absolute Negativität« wesentlich »das Anderssein an ihr selbst« hat. 1970. als »Kampf mit dem Entgegengesetzten«. in der sie zu verschwinden droht. über sich unaufgeklärt. 424. M. 418.. während zugleich keine Verwirklichung einfach die der Aufklärung sei. das den Übergang von dem An sich zu dem Für sich des Andersseins verspricht und versperrt. das durch die in der Denunziation des Glau- bens angelegten Leere des Jenseits ebenso ensteht wie durch die in der unmittelbar sinnlichen Gewissheit des Diesseits angelegten Verallgemeinerung der Nützlich- keit. andererseits wird gerade die Kraftlosigkeit und Unwahr- heit der Aufklärung in ihrer Verwirklichung offenbar. kraftlos und unwahr. die sich verwirklicht. S.

bleibt über sich unaufgeklärt und erweist sich als unwahr. so skizziert Adorno mit dieser Bestimmung einen Aufklärungsbegriff. deren sie bedürfen.10 widerspricht jener Bestimmung nicht. 4. dessen Verwirklichung also allein in dem Ganzen der aufklärenden Bewegung ihren Ort hat. Denn Gedanken sind Kraftfelder.«11 Ein Gedanke kann Wahrheit nur in dem Maße beanspruchen. soll die aufklärerische Wider- standskraft gegen Dogmatismus und Usurpation der Macht nicht im Ansatz schon gebrochen werden. Alle Entlarvungen. als wären sein thetischer Gehalt und sein Wahrheitsgehalt identisch und als würde er mit seiner Setzung an die Wahrheit rühren. in dem er durch diesen Vollzug sich als Gedanke verwirklicht. und wie vom Wahrheitsgehalt des Urteils dessen Volluzg nicht sich abtrennen lässt. Minima Moralia. was nach geleisteter Aufklärung bleibt. S. das sich auf sich richten und gegen sich muss kehren können. Die ungeheuere Beweglichkeit des Über hat zur Folge. so sind wahr überhaupt nur Gedanken.32 Alexander García Düttmann gegen ihre eigene Plattheit. das sich in der Enttäuschung kundtut: ein Abgrund tut sich auf zwischen dem Aufwand an aufdeckendem Scharfsinn und jenem. Bd. 171. das in der Einseitigkeit und in der Übertreibung liegt. . um sie zurückzunehmen und dennoch festzuhalten«9. in: Ges. eine Bedeutung. 1980. »dialektisch zugleich und undialektisch zu denken«. vorausgesetzt. in einen Zusammenhang mit verwirklichendem Vollzug und Wahrheit: »Jeder Ge- danke ist ein Kraftfeld.. die dem Aufklären den Riegel vorschieben möchte. 11 ebd. das »Aussagen macht. in dem er ein »einzelnes Moment« isoliert. 293. Frankfurt a. offen und sichtbar für alle. »dem Entweder-Oder zu entgehen«. S. mögen sie berechtigt sein oder nicht. der es bei seinem Vollzug belässt. der man eine Funktion. deren sie um ihrer Wirksamkeit willen bedürfen. als eines.. Bestimmt er in einem Abschnitt der Minima Moralia das »dialektische Ver- fahren« kurz und bündig als negatives. Adorno. sich zum Urteil ver- dichtet und eine These formuliert. der Gedanke jedoch. Schriften. den Adorno in seine Aphorismensamm- lung schließlich nicht aufgenommen hat und der aus dem Nachlaß veröffentlicht wurde. diese Bewegung bildet je ein Ganzes. auf die für Aufklärung konstitutive Funktion eines Über. In einem weiteren Abschnitt. 240. eine Bestimmung zuerkennt. S. Alle Ungreifbarkeit hat eine irritierende Wirkung und provoziert eine Ungeduld. auf die sein Anspruch zielt. dass es sich nicht einmal zum Über verfestigt und als Über wiedererkennen lässt. Stets schießen sie 9 Theodor W. rufen den Protest gegen ein Herabminderndes auf den Plan. rückt er den Versuch der Dialektik. Dass Adorno an anderer Stelle die »Nötigung« anerkennt. und einen Affekt gegen ihre Ungreifbarkeit. die sich von ihren Thesen oder Setzungen nicht eingrenzen lassen. der mit der geschichtlichen Verwirklichung von Aufklärung nicht einfach zusammenfällt. zwischen Wahrheit und Unwahrheit. als Instanz der Denkbewegung. Alle Setzungen haben etwas Be- schränkendes und Plattes. M. die über die eigene These hinausdrängen. zwischen Verwirklichung und Unwirklichkeit. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 10 ebd. Vielmehr macht diese Anerkennung den Leser auf den aufklärerischen Zug in Adornos Denken aufmerksam.

16 ebd. in die Ströme des Kraftfeldes oder des Werdens reißt.15 lässt sich jenes. S. an ihren Thesen oder Setzungen. 33. wird es zum »Unheil drohenden Gespenst«. die einmal Zeichen liebender Sorge. für einen undurchsichtigen Augenblick zumindest 12 ebd. der »Lüge« überführen. die mit der Formulie- rung der jeweiligen These. S. Am Ende berühren sich die beiden Extreme. S. gerichtet und durch den Gang der Geschichte um seine Gegenwart gebracht. von einer Setzung. weil es »in der Reflexion auf sich. und die Übertreibung. Duldung. die es im gleichen Atemzug behauptet«. in die sich der Gedanke spaltet. und der. die in dem Festhalten eines »einzelnen Moments« und gar in der Verdichtung des festhalten- den Gedankens zur »fixen Idee« zum Ausdruck kommt. Die Minima Moralia kann man als Kritik an Setzungen im Geiste einer Aufklä- rung lesen. 15 ebd. aphoristische Zuspitzung. da jene wirklich ganz in diese übergeht und solche Identifikation eifrig herausfordert. 174. Bilder von Versöhnung gewesen sind«.12 Wo das Obsolete. die ihr konstitutives Über wie einen vereinzelnden Lichtkegel auf den Gegenstand lenkt und zugleich der transzendierenden Bewegung dieses Über folgt.«14 Während die »Befreiung der Natur« von der Abschaffung ihrer »Selbstsetzung« abhängen soll. das die Einzelheit und alle »petrifizierte Ansicht« auflöst. verflüssigt. in seiner Setzung […] bereits die Identität überschreitet. zeigen die besetzten Objekte ihre »böse. die ihn zwar über seine Rechtfertigung hinausdrängt. mit ihrer Setzung stattfindet. Zuflucht für Eigenheiten« besteht. plöztlich verselbständigen und in »Werte« verwandeln. eine Drastik. 106. was den Anspruch auf »Echtheit« erhebt.13 Wo die Setzung das Mal eines Mangels an Widerstand gegen die identifizierende Bestimmung ist. sich selber noch einmal setzt.. sich selber gleichsam durchstreicht oder verleugnet..16 Die Drastik solcher Thesen wie der. das in »Nachsicht. Die Setzung gibt sich als Setzung zu erkennen. 49. S. einer Bewahrung oder einer Wiederherstellung. verwirklichende Verdichtung und Verein- zelung des Gedankens. rührt vom Thetischen selber her. die weder die Rolle einer reaktiven Selbstbehauptung übernimmt noch die Rolle einer Bestäti- gung. 13 ebd. hinaus ins Offene. schlägt mit unausweichlicher und ungerechter Un- mäßigkeit zu. nicht an anderen Gedanken. das Ganze sei das Unwahre. 37. die »Obsession«. S. an der sich Leser wiederholt stoßen.. misst man sie an ihnen selber.. wo sich »Dinge. . es ihm aber so gerade ermöglicht. nach außen gekehrt und auf solche Weise gesetzt wird. es gebe kein richtiges Leben im falschen. durch die sie. 14 ebd.. nach der der Gegenstand selber ver- langt. das »Über-sich-Hinausdrängen«. um seinem Schicksal zu entgehen. dienstbar dem Gesetzten. TRUST ME 33 über sich hinaus und müssen als Übertreibungen gelten. die sie jedoch ebenfalls unwider- stehlich anzieht. trägt sie zu dessen Verhängnis bei: »Kultur einzig mit Lüge zu identifizieren ist am verhängnisvollsten in dem Augenblick. ihr Vollzug vermag nie auf die Verwirklichung zurückgeführt zu werden. erscheint die Nähe als Schwäche und wird dadurch preisgegeben. Wo das »Intime zwischen Menschen«. kalte und verderbliche Seite«.

die im doppelten Sinne eines Vertrauens in das Denken und eines Vertrauens des Denkens selber das Denken überhaupt ermöglicht. . an eine von ihr geschaffene Öffentlichkeit wenden muss? Die Verwirklichung der Aufklärung macht den begrifflichen Rahmen sichtbar. ob Kritik »heute« noch mit »Vertrauen in oder Glauben an [foi] die 17 »Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre.« (Kant. eilt mit unendlicher Geschwindigkeit und unbändiger Gewalt auf sich zu und doch von sich weg. über die Kritik am Überkommenen und über die Offenheit gegenüber dem Kommenden. 1. weil sie sich verwirklichen. alles einfach-Gegebene. als gespenstische Reflexion. Anm. den Zweifel und den Entwurf. beinahe unausbleiblich.. o. Es zeichnet sich zum einen als Horizont ab.17 über dessen zufälliges Einzelda- sein ihre inhärent universalisierende Tendenz oder ihre Tendenz auf allgemeine Einsicht hinaustreibt. die Negativität unter- brechen. zum anderen als Mindest. also eine im Wider- spruch mit sich selbst befangene Aufklärung? Hat Aufklärung das Anderssein. »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklä- rung?«. ja es ist. der Tradition. 54) 18 Foucaults »positiver« Aufklärungsbegriff ist der einer »Grenzhaltung« (Foucault.34 Alexander García Düttmann mit dem Argument zu verschmelzen und blitzhaft den Gegenstand zu erhellen. S. Foucault. Am Horizont der geschichtlichen Aufklärung stehen zum Beispiel der Begriff der Menschheit und der Begriff der Toleranz. Nach dieser »Arbeit der Auflösung« setze allerdings die »Arbeit des Aufbaus« von neuem ein. Dieses Vertrauen der Aufklärung widerstreitet ihrem Über. »Qu’est-ce que les Lumières?«. der sich im Zuge seiner Setzung erst bildet und der deshalb seine Setzung ausstellt. 19 Ernst Cassirer. das zugleich von ihm abhängt. die Kritik und das Projekt. Negativität gegen Negativität? Wäre nicht eine Aufklärung. als Verhalten. an mehr als nur einen.18 in die Reinheit eines Über. der jeder Verwirklichung des aufklärerischen Vorstosses eigentümlich ist. das macht sein aufklärerisches Potential aus. nicht darum »an sich«. o. auf den ihre »lösende« und »bindende« Kraft. Muss sich Aufklärung als Bewegung des Denkens. mit der Cassirer die aufklärende Vernunft gleichsetzt. an den Denkenden. Der Gedanke. eine Aufklärung ohne Adressaten und ohne Öffentlichkeit. das als Glauben oder Vertrauen bezeichnet wird. ist eher möglich. die aufgeklärt werden sollen. Folglich sucht es das Über als uneinholbare Verdoppelung heim. die Funktion. an einen oder an mehrere. s. an eine Öffentlichkeit. die sie sowohl voraussetzt als auch stiftet? Muss sie sich deshalb nicht immer verwirklichen. als Prä-position. Philosophie der Aufklärung. Tübingen 1932. Cassirer schreibt. als Über. »bis sie es in seine einfachen Bestandteile und bis in die letzten Motive des Glaubens und Für-Wahr-Haltens zerlegt« habe. Sie ruhe nicht. 574). wenn man ihm nur Freiheit läßt. das sich nicht zu einem wiedererkennbaren Über verfestigt und das als Verhältniswort. S. S. nicht immer an einen Adressaten wenden. die Vernunft in der Aufkärung löse »alles bloß-Faktische.oder Vorleistung. die sich gänzlich auf eine Grenze zurückgezogen hätte. zur Chiffre der Frage: Was ist Aufklärung? wird. der die Frage unbeant- wortet lässt.19 jeweils angewiesen ist. s. den sie zum Selbstdenken anhält und dessen Selbstverhältnis sie dadurch konstituiert. alles auf das Zeugnis der Offenbarung. das über das Über hinausreicht. 16. die sie erhält. der Autorität Geglaubte auf«.

ihr kritisches Ge- schäft zu betreiben: Negativität gegen Negativität. Must We Mean What We Say?. o. o. »Qu’est-ce que les Lumières?«. ›Eine Einstellung zur Seele‹. man glaube. Anm. ein Skeptizismus des Vertrau- ens. Bewußtseinszustände und Verhaltens- weisen. S. dessen Negativität sich wiederum gegen die Negativität richtet – findet das Denken doch in solchem Vertrauen die unerkennbare und darum strenggenommen unauffindbare Bedingung seiner Möglichkeit.oder Vorleistung des Denkens. . als Kritik und Zweifel an allem Gege- benen. S.oder Vorleistung des Denkens interpretie- ren. sinnvoll etwa zu behaupten. 325. ein subversiver. sondern als eine selber irreduktible Form.. Peter Winch spricht in diesem Kontext von Reaktionen. und einem freien öffentlichen Ver- nunftgebrauch. in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unter- drückung. 60. kann als arbeitsteiliges. Die Anerkennung der Unmög- lichkeit. 55. zu Beginn der Neuzeit – als ein parteiliches Ziel. S. Hergebrachten. nicht als erkenntnistheoretisches Argument. Bilingual Edition.22 Die Mindest. S. das in ein Spannungsverhältnis zu sich selber tritt. TRUST ME 35 geschichtliche Aufklärung« einhergehen müsse. 24 Stanley Cavell. ist ihrerseits. dass man auf Wissen und Erkenntnis verzichtet. die so ursprünglich sind. s. dessen Einschränkung das vernünftige Denken dem Gehorchen und Befolgen unterordnet. sie weiterhin in ihre Bestandteile zu zerlegen. »Repressive Toleranz«. der andere habe Schmerzen. Cambridge 1976. in: ders. durch Zweifel einer Beantwortung grundsätzlicher Fragen wie etwa der nach der Existenz der Außenwelt nahezukommen. 23 Kant. 22 »Die Idee der Toleranz erscheint heute wieder als dasjenige.20 unterstreicht die Zweideutigkeit des Menschheitsbegriffs. o. um dessen Befindlichkeiten. Auch die »Einstellung zur Seele«. AGD. Oxford 1999. befreiender Begriff und als ebensolche Praxis. 1973. 578 – meine Hervorhebung. Vorausgesetzten. von der Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen einmal handelt (Ludwig Wittgenstein. dass jeder Versuch. Kritik der reinen Toleranz. der »allein Aufklärung unter Menschen zustande bringen«23 kann. Die Arbeitsteilung zwischen einem privaten Vernunftgebrauch.oder Vorleistung des Den- kens. die als ordnungsstiftenden und ordnungserhaltenden Verzicht den privaten Vernunftgebrauch prägt. Philosophical Investigations. vor allem als Aufklärung. 21 Kant. eine Mindest.oder Vorleistung des Denkens.21 zweihundert Jahre nach der geschichtlichen Aufklärung hat sie Marcuse zur »Kritik der reinen Toleranz« angehalten. wenn er von einem »hochmütigen Namen« redet.« Herbert Marcuse. folgt man Stanley Cavell. s. könnte man als Mindest. als Annahme oder Anerkennung.«24 Schließlich lässt sich die Notwendigkeit 20 Foucault. S. »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«. die Vernunft nicht in der Lage wäre. was sie an ihren Ursprüngen war. weil ohne die Mindest. einer Auflösung intelligibler Beziehungen gleichkommen würde (Peter Winch. Umgekehrt dient. s. 3. S. die es allererst erlaubt. »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«. die Bedingung möglichen Wissens und Erkennens: »Es ist natürlich umwillen des Wissens und Erkennens. M. Die Zweideutigkeit des Toleranzbegriffs unterstreicht bereits Kant. dem anderen zu begegnen. ohne die das Verhalten des anderen undurchsichtig bliebe. was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird. 178). Anm. Frankfurt a. welches das Wissen um das Dasein des anderen begründet. 93 – Hervh. Anm. 1. ist Kant zufolge erforderlich. AGD. anerkennendes und abgrenzendes Vertrauen verstanden werden. in: Robert Paul Wolff/Barrington Moore/Herbert Marcuse. 3.

Wir verfügen nicht zunächst über einen Begriff des anderen. In seinem Buch A Common Humanity bemerkt Raimond Gaita: »Wissen und Verstehen – und damit alle ernsthaft radikale Kritik – hängen davon ab. S. der bestimmte Antworten auf dessen Befindlichkeiten hervorruft. o. was es bedeutet. die unser Verständnis von richtigem oder falschen Denken auszeichnen. Vielmehr sind Antwort und Begriff so miteinander verflochten. stellt den Denkenden vor die Frage. mit gesundem Verstand abzuwägen. Vgl. zu erwägen: »Daß Dinge nicht aus der Erwägung ausgeschlossen werden. So gilt es.36 Alexander García Düttmann eines Glaubens oder Vertrauens.. ohne das Befehlen und Gehorchen der Kritik und dem Zweifel zu unterwerfen und damit das Vertrauen des Denkens. Oxford 1987. die sowohl die Aufklärung selber als auch das Anderssein durchquert und durchtrennt. die man nicht bereit ist. als Abgrenzung von Wahn und Schein deuten. durch den Ausschluss von gewissen Gedanken und gewissen Zweifeln. Kann man zwischen dem privaten und dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft einfach eine Grenze ziehen. London 2000. dazu auch folgende Stelle in Gaitas Untersuchung über Gut und Böse: »Der Umstand. Raimond Gaita hebt in diesem Kontext die Verflechtung von Antwort und Begriff hervor. anerkennendes und abgrenzendes gerechtfertigt wird. daß wir als zurechnungsfähige und gesunde Wesen bestimmte Gedanken nicht haben. das als arbeitsteiliges. dass … ‹) und Unmöglichkeit (›es ist unmög- lich. S.. wann man sich auf höhere Instanzen verlassen und wann man zurecht ihnen keinen Glauben schenken darf.« (Gaita. sondern wirkt sich bedingend auf den Sinn aus. die Spannung. Good and Evil. 160. A Common Humanity.oder Vorleistung erbringt. s. Thinking About Love And Truth And Justice.«25 Das Abwägen. dass Verhalten im all- gemeinen ohne die »Einstellung zur Seele« undenkbar ist (Raimond Gaita. den Begriffe wie Möglichkeit (›es ist möglich.oder Vorleistung prinzipiell einzu- schränken? Kann man etwas einfach annehmen und anerkennen. ist aber kein Argumentieren. 25 Raimond Gaita. mit dem das Denken eine Mindest. herrscht. Good and Evil. dass … ‹). Wahrscheinlichkeit (›es ist wahrscheinlich. was als Beweisstück zählen. das zu einem bestimmenden Urteil führt. vom Wahnsinnigen. An Absolute Conception. eines Abbrechens des zweifelnden Fragens. vernünftig zu denken. S. einen ›Bezug zur Wirklichkeit‹ zu haben. ob eine derartige Rechtfertigung nicht in Wahrheit die Spannung verdeckt. die zwischen Aufklärung und dem Anderssein.oder Vorleistung prinzipiell einzuschränken? Kann man gewisse Gedanken und gewisse Zweifel einfach aus- Trying To Make Sense. will man in der Lage sein.«26 Das Vertrauen des Denkens. Der Bezug zur Wirklichkeit bedingt nämlich die nüchterne Anwendung jener kritischen Begriffe. durch solche auch in diesem Fall gegen die Negativität gekehrte Negativität unterscheidet sich der Denkende. seine Mindest. S. den man als zurechnungsfähig betrachtet. 189). 164 f. gehört zu der Art und Weise. S. 153). seine Mindest. 314) . An Absolute Conception. von dem Wissen und Verstehen abhängen. 26 ebd. das sie »an sich« haben soll. lässt sich nicht auf praktische Gründe zurückführen. Basingstoke und London 1991. wie verrückte Menschen die Welt sehen […] Nicht Vernunft bestimmt. dass man fähig ist. mit gewissen Gedanken nicht zu spielen und gewisse Zweifel nicht in Erwägung zu ziehen. sondern eine letztlich von keinem Argument getragene Entscheidung über jene Möglichkeiten. ohne das Ange- nommene und Anerkannte der Erkenntnis und dem Wissen zu unterwerfen und damit das Vertrauen des Denkens. dass … ‹) haben.

dass es eins mit ihm. dass er es anerkennt und es ihm Zweck und Wesen ist. Dieses Vertrauen des Denkens in das Denken geht der Unterscheidung von Wahn und Vernunft voraus.. 5. Phänomenologie des Geistes. eignet sich Aufklärung das Anderssein an. Wenn Denken. um anzuheben.29 Ist jedoch Vertrauen nicht an die Ungewissheit gebunden. durch das es sich als Vernunft vom Wahn abhebt. 28 ebd. Spannungen im Kampf um Anerkennung. diese prinzipiell einschränkt. Ohne ein solches Vertrauen in sich selber. weil sein Bewusstsein sich unmittelbar auf seinen Gegenstand bezieht und also auch dies anschaut.«27 Dass die Aufklärung den Glauben zunächst verkennt. Hegel faßt Glauben als Vertrauen und Vertrauen als unmittelbare Selbstgewiss- heit. Vertrauen ist aber der Glaube. in ihm ist. S. das sich mit bloßem Vertrauen nicht abgeben kann. 417. Zwischen den Kulturen. andererseits analytisch nicht zerlegbar ist. und als vernünftiges. um überhaupt etwas annehmen und anerkennen. von der Einheit des Selbstbewusstseins in seinem Anderssein. S. o. anerkennende und abgrenzende Rechtfertigung des Vertrauens. an dem sich sein aufklärerischer Zug ablesen lässt. s. anzu- fangen. dem Vertrauen des Denkens. Um aber überhaupt eine Grenze zwischen einem privaten und einem öffentli- chen Vernunftgebrauch ziehen. das sie »an sich« haben soll. um einen ersten und vorläufigen Ausgang zu nehmen. am Ende aber gegen ihn das »absolute Recht« behauptet. weil »das Selbstbewußt- sein die Negativität des Begriffs ist. aufgeklärtes und aufklärendes Denken konstituieren. seine Mindest. Frankfurt a. ohne das Ausgeschlossene dem Ausschließenden zu unterwerfen und damit das Vertrauen des Denkens.oder Vorleistung prinzipiell einzuschränken? Einfach: ohne den Widerstreit des Uneinsseins. um überhaupt einen Gedanken und einen Zweifel ausschließen zu können.28 vermag Hegel nur darzustellen. 1997. unaufhebbar ist und nicht weniger abstrakt als das Über. durch eine reflektierte oder durch eine beinahe unmittelbare Entscheidung. durch die arbeitsteilige. zu implizieren scheint. ich erkenne mein Fürmichsein in ihm. TRUST ME 37 schließen. die nicht nur für sich ist. in dem seine unabdingbare Mindest.oder Vor- leistung liegt. . die in einem Mangel an Autarkie und in der Möglichkeit eines Verrats enthalten ist? Wenn ich mir meiner 27 Hegel. 406. 29 Vgl. weil er das Wesen des Vertrauens in einer unmittelbaren Selbstgewissheit ausmacht. von einer Gestalt des Aberglaubens oder des Dogmatis- mus. dass das Vertrauen in sich selber. sondern auch über ihr Gegenteil übergreift«. wie eigentlich Vertrauen stets sich der Analyse entwindet und eine Leerstelle in ihr einträgt. das einerseits schon einen Abstand. so erhebt es sich subreptiv über das. S. M. die von der Anerken- nung bedingt wird. 182 f. was es ermöglicht. Anm. das Denken als Anderssein »an sich« hat. als »schöne Einheit« von vertrauendem Subjekt und Gegenstand des Vertrau- ens: »Wem ich vertraue. dessen Gewissheit seiner selbst ist mir die Gewissheit meiner selbst. eine Reflexion. Das Denken muss sich trauen. dazu: Alexander García Düttmann. genug. könnte sich das Denken indes gar nicht vom Wahn abheben. muss das Denken bereits Vertrauen in sich haben. Somit zeigt sich. anzusetzen. ja dessen Begriff unvereinbar ist mit bloßem Vertrauen.

um so mehr. der immer tödlich sein kann. bräuchte ich ebensowenig einem anderen zu vertrauen. gegen die Einheit des kritischen und des entwerfenden Über. Aufklärung strebt folglich nicht nach der Herstellung einer gänzlichen Durchsichtigkeit und vollkommenen Helle der Reflexion. an das sie nicht rühren könne. den sie an sich und in sich ziehen möchte. Trauma. das die Aufklärung stets »an sich« hat. Das Vertrauen wird von dem Zweifel heimgesucht. durch das sie außer sich gerät und sich gegen ihre Einheit kehrt. Anderssein. Anm. Tatsache. S. s. aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. den es wiederum einholt. Trust me. so ist die Antwort: Nein. die ihre Selbstverstrickung außer Acht lassen. Gewalt. 59.«30 Vertrauen ist die Passion der Aufklärung. Mit leidenschaftlichem Doppelsinn sagt der Aufklärer: Der lösende und bindende Zweifel ist meine Sache und deshalb kann ich nicht umhin. Aufklärung könne zwar nicht verneint werden. . ist also vielleicht die Auskunft. 3. dem anderen zu glauben und zu vertrauen. wenn ich mir aufgrund dieser Gewissheit des anderen und meiner selbst gewiss wäre. Weniger formal als der Bescheid. 30 Kant. der Schatten hingegen beinahe zum Leib wird. Dieses Vertrauen fordert die Aufklärung heraus. die sich von der des unterbrechenden und abbrechenden Schlages.38 Alexander García Düttmann selbst gewiss wäre und autark. als es sich nicht zur Negation zusammenzieht. Für die Aufklärung gilt jederzeit der Satz. der Schat- ten. Gedächtnis des Denkens. das sich ihr entziehen muss. Wenn sich der andere seiner selbst gewiss wäre. nie aber »für sich«. nicht unterscheiden lässt. bis sie beinahe zum Schatten. Aufklä- rung sei das Medium der Negativität und könne daher nicht verneint werden. das An-sich-Haben eines unaufhebbaren Andersseins. erfahre aber ständig ihre eigene Beschränktheit. wenn ich von dem anderen nicht verraten und mein Vertrauen von ihm nicht zerstört werden könnte. da sie eines Vertrauens bedürfe. »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«. bräuchte ich einem anderen nicht zu vertrauen. an ein Glauben oder Vertrauen zu rühren. den Kant als einen vorläufigen formuliert: »Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?. sondern danach. dem anderen in mir selbst. o. wie jene irrtümlich meinen.

die für die Bearbeitung ökologischer Probleme geschaffen wurden. B. sind von den allgemeinen Strukturmerkmalen kapitalistischer Vergesell- schaftung geprägt und insofern von einer Irrationalität gekennzeichnet. Dies betrifft einmal die materiale Ebene. Die gesellschaft- lichen Einrichtungen. als von einer an- gemessenen Reaktion auf den Verlust der Vielfalt an Arten. T. ihrer Verwertung unter kapitalistischen Bedingungen gekennzeichnet. Varietäten und Lebens- räumen. So sind viele Einrichtungen wie z. der Konkurrenz um wertvolle Res- sourcen zwischen Unternehmen. warum ›Umwelt‹ oder ›Natur‹ gegen . die die Bearbeitung der Probleme erschwert und eine Überwindung der Krise verunmög- licht. Die empirischen Tendenzen sind also zumindest widersprüchlich und bieten gewiss keinen Anlass für übertriebene Hoffnungen. sondern auch im Hinblick auf den Verlust der biologischen Vielfalt oder der weltweiten Versorgung mit Trinkwasser. Eine kritische Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse muss diesen Begleit- erscheinungen der gesellschaftlichen Reaktion auf die Ökologieproblematik ge- recht werden. der Gewässerverschmutzung oder der Luftbelastung in Teilen Europas) ist in zentralen Feldern eine z. Staaten und Regionen und den Begleiterscheinun- gen dieser Konkurrenz: der Absicherung der Marktposition durch Patente und andere Formen »geistigen Eigentums« (Görg/Brand 2001b). Darüber hinaus sind die unternommenen Schritte von den Begleiterschei- nungen dieser Kommerzialisierung überformt. Sie muss aufzeigen können. Diese selektive Bearbeitung bietet über die materialen Phänomene hinaus einen tieferen Grund für die Bezeichnung der Situation als »Krise« (die ansonsten schon unüblich geworden ist). Zwar haben die Gesellschaften seit einigen Jahren und Jahrzehnten damit begonnen. Vielmehr belegen sie eine höchst selektive Bearbeitung ökologischer Probleme. auf die verschiedenen ökologi- schen Problemlagen zu reagieren. dramatische Verschlechterung der Situation zu beobachten – nicht nur beim anthropogenen Klimawandel (der in- zwischen wohl nicht mehr abzuwenden ist). Doch trotz einer kaum mehr überschaubaren Fülle von Maßnahmen und neuen gesellschaftlichen Einrichtungen – vom betrieb- lichen Umweltschutz und der Entwicklung neuer umweltschonender Technologien über politische Umweltbehörden bis zu einer Vielzahl von internationalen Ab- kommen – ist eine Überwindung der ökologischen Krise nicht in Sicht. Trotz unbestreitbarer Erfolge in einigen Berei- chen (wie z. B. die Konvention über die biologische Vielfalt eher von der Tendenz zu einer kommerziellen Nutzung der Natur.Dialektische Konstellationen. Denn die Ursache für diese Selektivität liegt in der spezifischen Form der Institutionalisierung der Umweltproblematik und ist eng verbunden mit anderen gesellschaftlichen Krisenphänomenen. Zu einer kritischen Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse Christoph Görg Eine Entwarnung kann nicht gegeben werden. jedoch keine wirkliche Verbesserung in den gestörten Beziehungen zur äußeren Natur.

müsste eine kritische Theorie diese in das Zentrum stellen und fragen: Wie stellen sich die Gesellschaften ein. sondern es hat sie eigentlich noch nie gegeben). dass Natur in dieser Relation auch ein Motiv der Unverfügbarkeit bzw. d. Anders als in den meisten sozialwissenschaftlichen Ansätzen wird davon ausge- gangen. jenseits dessen die Rede von Natur keinen Gehalt hat. Umgekehrt gibt es keine unberührte Natur (nicht nur nicht mehr. was Gesellschaft ausmacht. Latour 1995). die die sozialen Prozesse ohne Bezug zur Natur themati- sieren und beides dann äußerlich aufeinander beziehen. der Widerständigkeit gegen die Gesellschaft behält. haben sollten. indem er den Naturalismus als eine problematische und mit Herrschaftsverhältnissen . Jahrhunderts den modernen Gesellschaften zum Problem geworden sind und diese ihr Verhältnis zur Natur eben nicht endgültig »optimiert« haben. eine symmetrische Betrach- tung einzuklagen (wie z.und Herrschaftsverhältnissen geprägten Verzerrungen wiederum in diesen Bearbei- tungsstrategien angelegt sind. Der Begriff der gesellschaftlichen Naturverhältnisse setzt also bewusst andere Akzente als der Begriff der Umwelt (der eine bloße äußerliche Relation suggeriert) oder der Ökologie (der eine substantielle Natur in Form ›natürlicher‹ Kreisläufe unterstellt).40 Christoph Görg Ende des 20. Görg 1999a). Was Natur. Sie muss darüber hinaus erfassen können. Dies meint mehr als den Versuch. muss sie ganz grundsätzlich danach fragen. das sich u. h. dass Natur und Gesellschaft (und wie wir sehen werden: auch der Prozess der Individuierung) in einem konstitutiven und nicht in einem äußerlichen Verhält- nis zueinander stehen. Der Begriff der Naturverhältnisse setzt dabei schon einen wichtigen Akzent. wird wesentlich dadurch bestimmt. welche Bedeutung Natur und Naturverhältnisse für die gesellschaftliche Entwicklung und das Selbstverständnis von Gesellschaften überhaupt haben bzw. a. gegen die vorherrschenden dualistischen Betrachtungsweisen in den Sozialwissenschaften. Gleichwohl gilt. welche von Macht. als Ressource in der Ökonomie) in den gesellschaftlichen Prozess involviert ist. Davon gingen nämlich sowohl Vertreter der Modernisierungstheorie (Parsons 1975) als auch der postindustriellen Gesellschaft (Bell. wie sie sprachlich-kulturell (als kulturspezifische Naturvorstellungen oder als wissenschaftliche Naturbegriffe) und materiell-praktisch (z. B. in welcher Weise die Gesellschaften reagiert haben und welche Probleme bzw. B. in ökologischen Problemen und Gefahren zur Geltung bringt. Er bezieht damit Position in der Kontroverse um Naturalismus vs. denn Natur ist immer in Relation zu einer historisch bestimmten gesellschaftlichen Situation zu interpretieren. Kulturalismus bzw. Brand 1998. Es bedeutet. Anders als bei Niklas Luhmann (1986) heißt die Ausgangsfrage daher nicht: »Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?« Während die überwiegende Mehrheit der heutigen Umweltwissenschaften sich aber immer noch an dieser Leitfrage orientiert und eine ignorante oder gar affirmative Haltung zu den globalen gesellschaftlichen Herr- schaftsverhältnissen einnimmt. und welche herrschaft- lichen Selektivitäten und Verzerrungen sind darin impliziert? Um diese Frage aber angemessen angehen zu können. Touraine) bis in die 1970er Jahre hinein aus. aufzuzeigen. Scharping/Görg 1994. wie Natur ganz konkret vergesellschaftet wird. dass beide Relate immanent vermittelt sind: Was Gesellschaft ist und wie sie sich entwickelt. Soziozentrismus (vgl. das kann nicht ohne Bezug auf den jeweils anderen Pol gesagt werden (Görg 1999a).

Allerdings waren diese nur bedingt erfolgreich – und sie wurden nicht von denen unternommen. die Tradition der kritischen Theorie in diese Diskussionen einzubringen. dazu ausführlicher: Görg 2002a). die in der Öffentlichkeit als ›Erben der Frankfurter Schule‹ gehandelt wurden. Dabei lassen sich zwei gegenläufige Tendenzen im Verhältnis zur kritischen Theorie beobachten. Eine kritische Theorie der Naturverhältnisse ist also ›an der Zeit‹. das auf eine Kritik der dominanten Bearbeitungsformen ökologischer Probleme verzichtet (Brand/Görg 2002). das in den Schriften der älteren Kritischen Theorie angelegt war und das dazu geeignet gewesen wäre. Einerseits eine Ignoranz gegenüber dem Potential. der Vernachlässigung ökologischer Probleme und der Ausblendung der Naturverhältnisse in den Sozialwissenschaften entgegenzuwirken. Anderer- seits wurde dieses Potential der älteren Kritischen Theorie dann jedoch wenigstens teilweise auf völlig anderem Wege und mit Hilfe anderer Theorieansätze in die Diskussion eingebracht – von der poststrukturalistisch orientierten feministischen Wissenschafts. Doch eine solche kritische Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse ist ein Desiderat. Dafür ver- antwortlich war einmal.und Technikkritik bis zur Regulationstheorie. Seit die ökologische Krise in der Mitte der 1980er Jahre – und d. Diese gegenläufigen Tendenzen haben jedoch dazu geführt. sondern auch insofern. einschließlich ihrer Voraussetzungen in der auf Marx zurückgehenden . sich nochmals der erwähnten Potentiale der sog. und zudem wurde beim Versuch einer Aktualisierung kritischer Theorie auf ganz andere theoretische Traditionen zurückgegriffen (vgl. Und er koppelt darüber hinaus die Ökologieproblematik ganz eng an die konkrete Verfasstheit der Gesellschaft und insbesondere an deren Herrschafts- verhältnisse. ›jüngeren kritischen Theorie‹ korrespondiert eine ähnliche Entwicklung innerhalb des Mainstreams der Sozialwissenschaften. mit einiger Verspätung im Vergleich zur öffentlichen Diskussion – die Sozialwissen- schaften erreicht und dort zu weitreichenden Debatten um angemessene Reak- tionsweisen geführt hat. dass erst über eine Kritik der herrschaftlichen Verfasstheit von Gesellschaften eine Alternative zur krisenhaften Vergesellschaftung der Natur zu gewinnen ist. h. Daher besteht Anlaß genug. Dies nicht nur in dem Sinn. Trotz weit- reichender empirischer Beschäftigung mit ihren Erscheinungsformen lässt sich nämlich zunehmend eine Ausblendung der theoretischen Provokation der Natur- problematik wie auch ein Verzicht auf eine kritische Beschäftigung mit ihren gesellschaftlichen Bearbeitungsformen beobachten. dass der an die Arbeiten von Jürgen Habermas anschie- ßende Strang der Weiterentwicklung Kritischer Theorie die theoretische wie politi- sche Brisanz der Krise der Naturverhältnisse weitgehend ignoriert hat. Dieser Vernachlässigung der Thematik vor allem in der sog. Dialektische Konstellationen 41 (sexistischer oder rassistischer Art) verbundene Projektion kritisiert und gegen den Soziozentrismus die Nichtidentität der Natur festhält (vgl. das soziale Herrschaft als Ursache für eine Fehlentwicklung in den Naturverhältnissen verantwortlich gemacht wird. Stattdessen hat sich ein tech- nokratisches Umweltmanagement etabliert. älteren Kritischen Theorie. Böhme/Manzei 2003). Vielmehr kam der Anstoß eher von den ›Rändern‹ der Tradition. dass ein einheitlicher Theorierahmen zur Diskussion der Naturverhältnisse sich noch nicht herausgebildet hat. hat es zwar einige Bemühungen gegeben.

Horkheimers. Ein eher methodisch argumentierender Sozialkonstruktivismus stimmt in diesem Punkt mit denen überein. Gleichzeitig gilt aber auch. zwei gegensätzliche Prozesse gleichermaßen berücksichtigen zu müssen: Einer zunehmenden Relevanz der natürlichen Umwelt für die gesellschaftliche Reproduktion steht nämlich die These vom ›Ende der Natur‹ gegenüber. dass diese Motive in den 1970er und 1980er Jahren nicht aufge- nommen wurden und welche Probleme bzw. 1. Natur kann kein festes Fundament menschlichen Handelns (mehr) sein. ungelösten Fragen mit diesen Arbei- ten verbunden sind (2). bevor abschließend ein kurzer Überblick über heutige Themenfelder und theoretische Ansätze. d. Danach soll dann kurz darauf eingegangen werden. das den Rückgriff auf eine vermeintliche unabhängige Natur verbietet. sei es in der Legitimation vermeintlich ›natürlicher‹ Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder ethnischen Gruppen (›Rassen‹) oder in der vermeintlichen Naturwüchsigkeit des sozialen Geschehens überhaupt (verschie- dene Varianten der Evolutionstheorie. der mit den Arbeiten Benjamins. Radikalisiert wird diese Einsicht in der Kritik an den herrschaftsförmigen Implikationen. Adornos und Marcuses verbunden war (1). die nicht beliebig ignoriert werden können – eine gegenüber menschlichen Handlungen potentiell sperrige ›Natur‹ ist ein wichtiges Element der ökologischen Krise.). materiell-stofflichen Bedingungen ihrer Existenz isoliert und einen Dualismus zweier vermeintlich unabhängiger Bereiche reproduziert oder gar die Vermitteltheit von Gesellschaft mit Natur völlig leugnet. welche Gründe dafür verant- wortlich waren. der diese weder von den ›natürlichen‹. an dem die Annahme einer gegenüber mensch- lichem Handeln und Kommunikation vorgängigen Natur endgültig überholt zu sein scheint. h. Soziobiologie etc. dass diese sprachlichen und technischen Konstruk- tionen auf materiell-stoffliche Bedingungen sozialer Prozesse verweisen. Aus- gangspunkt einer soziologischen Analyse muss daher ein Begriff der Gesellschaft sein. im gesellschaftlichen Prozess mit erzeugt wird – und dies inzwischen in einem Ausmaß. Ökologi- sche Bedingungen gesellschaftlicher Entwicklung werden also zu einem Zeitpunkt (wieder) in Erinnerung gebracht.42 Christoph Görg Theorietradition. Sozialdarwinismus. Beide Elemente sind im Gesellschaftsbegriff der Kritischen Theorie angelegt. Die Kritik der Naturbeherrschung als Fortschrittskritik Eine sozialwissenschaftliche Behandlung der ökologischen Krise steht vor dem Problem. die in sachlicher Hinsicht von einem »Ende der Natur« (McKibben 1989) sprechen. weil sie nach Maßgabe sprachlicher Prozesse und/oder technischer Fähigkeiten konstruiert bzw. zu vergewissern und den Ansatz genauer zu bestimmen. noch zu einem unhistorischen und substantialistischen Begriff der Natur zurückkehrt. die die Rede von Natur immer auch hat. über Gegenstände und Probleme einer kritischen Theorie der Naturverhältnisse gegeben wird (3). Im Rückgriff auf die materialistische Geschichtsauffassung – auf den der Begriff der gesellschaftlichen Naturverhältnisse eigentlich zurückgeht – haben insbesondere .

Mit der Dialektik der Aufklärung wird die Kritik der Naturbeherrschung zu einem der zentralen Motive kritischer Theorie. sich von den Abhängigkeiten von der Natur zu emanzipieren. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen« (Horkheimer/Adorno 1987. ist die gegen- über den Alltagsdeutungen der Akteure verselbständigte und sich scheinbar wie ein Sachzwang oder ein ›Naturgesetz‹ entwickelnde kapitalistische Gesellschaft –. Eine wichtige Vorbereitung kam von Walter Benjamin. Gleichzeitig sind sie erst als Kritik wesentlicher Grundannahmen dieser Tradition richtig zu verstehen. gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein. ha- ben sie aus den historischen Erfahrungen heraus wichtige Revisionen am marxisti- schen Geschichtsverständnis ihrer Zeit vorgenommen. Max Horkheimer und Herbert Marcuse seit den 1930er Jahren das Verhältnis von Gesellschaft und Natur in den Horizont sozialwissenschaftlicher Analysen geholt. dass alle Versuche bürgerlich- kapitalistischer Gesellschaften sowie des ›real existierenden Sozialismus‹. Dialektische Konstellationen 43 Theodor W. 35). Allerdings lässt sich diese Diagnose nur richtig verstehen. lassen sich doch einige Parallelen ziehen und einige ihrer zentralen Motive auf die heutige Problemlage übertragen. Bis zur Dialektik der Aufklärung arbeiteten Horkheimer und seine Mitarbeiter/innen am Institut für Sozialforschung am Programm eines interdisziplinären Materialismus. Die Diagnose der Dialektik der Aufklärung wie der Gesellschaftsbegriff der kritischen Theorie sind also in einer komplexen Weise an die Tradition der mate- rialistischen Geschichtsbetrachtung angeschlossen. indem Natur gebrochen wird. diese Abhängigkeiten nur in neuer und destruktiverer Weise reproduziert haben: »Jeder Versuch. der sich in wesentlichen Punkten als Ergänzung und Korrektur. die den Fortschrittsutopien der Moderne eine deutliche Absage erteilt und die Kritik an den herrschaftsförmigen Implikationen des Naturbegriffs mit der Erfah- rung der ›Nichtidentität‹ der Natur verbindet. Dabei wurde von den Autoren eine Krisendiagnose entworfen. den Natur- zwang zu brechen. Denn obwohl Anlass und Gegenstand dieser Zeitdiagnose – die Bedeutung des Nationalsozialismus und der Vernichtung der europäischen Juden für das Ge- schichtsverständnis der Moderne – mit der heutigen Problemlage völlig differieren. S. aber gleichwohl als Fortsetzung der marxistischen Geschichtsauffassung interpretieren lässt (Dubiel 1978). Adorno. Doch schon in dieser Zeit wurden einige wichtige Vorannahmen in Frage gestellt. lässt sich ihr schon die Erfahrung entnehmen. in den sich die modernen Gesellschaften verstricken. Denn obwohl Horkheimer und Adorno hier auf den Begriff der ›zweiten Natur‹ in der Tradition von Hegel und Marx zurückgreifen – der ›Naturzwang‹. die mit dem Fortschrittsver- ständnis zentral auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse be- rührt. In seinen nach- gelassenen Thesen Über den Begriff der Geschichte (Benjamin 1980) stellt er das von der organisierten Arbeiterbewegung über alle politischen Gegensätze hinweg geteilte Bild eines linearen geschichtlichen Fortschritts grundsätzlich in Frage . Auch wenn ihre Fragestellungen keines- wegs deckungsgleich mit der heute vorherrschenden ökologischen Problematik waren. die trotz der historischen Distanz erstaunliche Parallelen aufweist zur ökologischen Problema- tik. wenn ihr theoretischer Hintergrund wie ihr zeitdiagnostischer Gehalt berücksichtigt wird. Walter Benjamin.

sondern als konstitutiv auf Natur bezogen bestimmt. 409) immer begleitet haben. das Kapitel »Weltgeist und Naturgeschichte« aus der Negativen Dialektik (ders. Der nicht-ontologische Charakter des Marxschen Materialismus spricht also weder den gesellschaftlichen Naturverhältnissen einen ontologischen Primat zu. Schon in einer früheren Arbeit (von 1928) hatte Benjamin die Vorstellung einer Steigerung der Naturbeherrschung als Ziel des gesellschaftlichen Fortschritts kritisiert und dem die Idee einer Beherrschung der Verhältnisse zur Natur entgegengestellt (vgl. Für diese Denkfigur ist .. 1982. vgl. die er als »Auslegung gewisser Grundgedanken der materialistischen Dialektik« (ebd.. nicht die Rückschritte der Gesellschaft wahr haben« (Benjamin 1980. was die Naturverhältnisse angeht. S. dies ergibt sich erst aus der gesamten Einrichtung der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Arbeits- teilung in ihr – und dies geht über die Ökonomie im engeren Sinne hinaus. sondern immer als eine vergesellschaftete Natur. dem er vorwarf. nach der jede Gesellschaft untergehen muss. Görg 1999a).und Emanzipations- verständnis nicht auf Marx selber berufen – auch nicht. Schon in den frühen 1930er Jahren formuliert Adorno in einem Vortrag über »Die Idee der Naturgeschichte« (Adorno 1973) wesentliche Grundbestimmungen eines Verhältnisses von Natur und Geschichte.). Aber wie dieses Systemproblem in einer bestimmten Gesellschaftsforma- tion und in einer konkreten Gesellschaft bearbeitet wird. 365) verstanden wissen wollte. Zentral dafür war die Rolle der Naturbeherrschung in der Emanzi- pationsgeschichte des Menschen. dazu Wehling 1992. Anders als in der Durkheimschen oder der Weberschen Tradition der Soziologie wird Gesellschaft nicht durch Abgrenzung von der Natur (vgl. S. Vielmehr geht es darum. Ein zentraler Gedanke seines Anschlusses an Marx ist die doppelte Wendung gegen eine Ausblendung der Naturverhältnisse aus dem Gesellschaftsbegriff sowie gegen eine dualistische Fassung ihres Verhältnisses. die auch nur für ein paar Tage die Arbeit und damit ihre Reproduktion in der Natur einstellen würde – der Prozess des Stoffwechsels muss aufrecht erhalten und organisiert werden. Marx ging zwar von der Existenz eines universellen gesellschaftlichen Systemproblems aus. die die Arbeiten Adornos bis in sein Spätwerk. S. 256 f.44 Christoph Görg (Gandler 2002). S. 370 f. Denn der »nicht-ontologische Materialismus« (Schmidt 1993) behandelt die Natur nicht als vorausgesetztes Sein. Schon hier deutete sich bereits eine Akzentsetzung an. In seinen ›Thesen‹ wendet er diese Einsicht nun gegen das Geschichtsverständnis der Sozialdemokratie seiner Zeit. noch ist sein Ziel die Optimierung des Stoffwechsels und die Steigerung der Naturbeherrschung. Dabei konnte sich solch ein mechanisches Geschichts. ebd. verkenne es sowohl den genuin gesellschaftlichen Charakter der Emanzipation wie die destruktiven Folgewirkungen der Natur- beherrschung. S. das die Menschen die Kontrolle über die verselbständigten gesellschaftlichen Reproduktionsprozesse erlangen sollen und damit auch eine rationalere Gestaltung der Naturverhältnisse vornehmen können. Weil ein solches Geschichtsverständnis die revolutionäre Verände- rung der Gesellschaft und die Emanzipation des Menschen von der Ausbeutung der Natur abhängig mache. ohne dabei mit ihr zusammenzufallen. 295ff. den Charakter des geschichtlichen Prozesses ganz grundsätzlich zu verfehlen: es »will nur die Fortschritte der Natur- beherrschung.).

aus denen sich dann einzelne historische Konstellation ableiten lassen. da Herrschaft angeblich ein genuin soziales Verhältnis impliziere. die In- dividuum. S. Hinter dieser Konstellation steht das Vermittlungsverhältnis von Individuum. Die Thematisierung von Naturbeherrschung in diesem Werk zielt dagegen primär auf die symbolische Konstruktion der Natur. was genau mit den ›Gesetzen‹ gemeint ist. der durch eine bestimmte Klassifi- zierung. sozialer Herrschaft und der Herrschaft im Subjekt (vgl. Gesellschaft und Na- tur sind danach also der eigentliche Gegenstand einer kritischen Gesellschafts- theorie – und nicht die Dynamik des gesellschaftlichen Prozesses oder sozialer Interaktionen in Abstraktion von der Natur. Die für das Verständnis entscheidenden Fragen kreisen darum. Zudem wird die Frage gestellt. sondern Stoffwechsel der Menschen mit dieser. Die Argumentation der Dialektik der Aufklärung kreist um das Verhältnis dreier Aspekte von Herrschaft. Obwohl dies besonders mit Blick auf die Rolle der Naturbeherrschung in der Dialektik der Aufklärung immer wieder behauptet wurde. Gesellschaft und Natur in ihrer geschichtlichen Dynamik annehmen. Gesellschaft und Natur. Naturbeherrschung meint jedoch in der Dialektik der Aufklärung etwas anderes als die Aneignung oder Transformation von Natur zu menschlichen Zwecken. eine projizierte Ordnung der Natur gebildet wird und der dem wissen- .« (Institut für Sozialforschung 1956. die von Horkheimer und Adorno in enge Bezie- hung gebracht werden: auf die Konstellation zwischen der Naturbeherrschung. bei der Einsicht in ihre perennierende Wechselwirkung sich zu beruhigen. Dialektische Konstellationen 45 die Kategorie der Vermittlung zentral: »Der gesellschaftliche Prozeß ist weder bloß Gesellschaft noch bloß Natur. die Gesetze zu erforschen. die in der Tat unver- zichtbar ist (und auf die verzichten zu wollen die Ausblendung des gesellschaftlich organisierten Stoffwechselprozesses implizieren würde). allgemeine Entwicklungsgesetze dieser Gesamtkon- stellation angeben oder zumindest prinzipiell auffinden zu können. Während hier in direkter Anknüpfung an den Marxschen Begriff des Stoffwechsels der Zwang zum materialen Austausch mit der Natur besonders hervorgehoben wird. nach denen jene Wechselwirkung sich entfaltet. die permanente Vermittlung beider Momente« (Adorno 1979. Allerdings lässt dieses Zitat offen. und die wechselnden Gestalten abzuleiten. betont die Kategorie der Vermittlung zudem den geschichtlichen Charakter. die wechselnden Konstellationen von Individuum. nun nach seinen herrschaftlichen Implika- tionen hin gewendet. 43) Wechselnde Konstellationen im Verhältnis von Individuum. 221). Honneth 1989. die diese Dynamik antreiben. Gesellschaft und Natur: »Die Konstellation zwischen den drei Momenten ist dynamisch. lässt sich besonders an diesem Werk verdeutlichen. sondern eine Wissenschaft von der Gesellschaft hätte wesentlich die Aufgabe. zur Kritik: Görg 1999b). S. Der Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Verwendung des Herrschaftsbegriffs betrifft vor allem seine Anwendung auf Natur. Es genügt nicht. auf einen Naturbegriff. ob denn auf eine Beherrschung der Natur im Laufe des technischen Fortschritts überhaupt verzichtet werden kann. was diese Momente jeweils für sich bedeuten. und wie weit sie voneinander abge- leitet bzw. Adorno erweckt hier den Anschein. dass etwas anderes gemeint ist. aufeinander reduziert werden können. ob es sich dabei wirklich gleichermaßen um Herrschaftsaspekte handelt.

also eine bestimmte Art und Weise. im Kern sogar dysfunktionalen Ein- richtung der Gesellschaft. nach der Einsicht der Marxschen Wertformanalyse. Wiewohl Gesellschaft immer ein Funktionsbegriff ist. vgl. Ihre Überlegungen enden in der Kategorie des Soziozentrismus (Durkheim/Mauss 1993. 254). Horkheimer und Adorno rekurrieren dabei auf Untersuchungen von Emile Durkheim und Marcel Mauss »Über einige primitive Formen der Klassifikation« (Durkheim/Mauss 1993).1. abgeleitet wird.46 Christoph Görg schaftlichen Denken wie der technisch-praktischen Aneignung der Natur zugrunde liegt.. Daran schließt die Dialektik der Aufklärung insoweit an. denn diese Neubestimmung ist als Kritik an den An- nahmen einer funktionalistischen Gesellschaftstheorie und insbesondere als Kritik an der These einer fortschreitenden Fähigkeit zur Naturbeherrschung angelegt (Arnason 1986). und ihre Funktions- weise ist. S. Wenn Adorno und Horkheimer die in die gesellschaftliche Arbeitsteilung einge- lassenen Herrschaftsverhältnisse betonen. sondern betonen gegenüber Durkheim die »undurchdringliche Einheit von Gesellschaft und Herrschaft« (Horkheimer/Adorno 1987. S. von dem die logische Hierarchie nur ein Teil sei. Anders als Durkheim gehen Horkheimer und Adorno jedoch nicht von einer naturwüchsigen Dominanz der Gesellschaft aus. die »Einheit der Natur« (ebd. Adorno 1979. Darüber hinaus argumentieren Horkheimer und Adorno explizit mit den Fol- gen. ist die kapitalistische Gesell- schaftsordnung gerade keine funktionale Einheit. 44). S. 4. als das naturbeherrschende Denken aus der sozialen Herrschaft. Kap. Nicht ein natur- wüchsiger und unhistorischer Primat der Gesellschaft. sondern eine »antagonistische Totalität«. 176.). Der Soziozentrismus ist im Durkheimschen Verständnis eine Projektion der vermeintlich naturwüchsigen Dominanz der Ge- sellschaft über das Individuum auf die Natur. die die Entqualifizierung der Natur auf dem Wege des naturbeherrschenden . Durkheim und Mauss stellen dort die fundamentale Rolle von Herrschaft selbst heraus (ebd. 9ff. S. letztlich aus dem Primat der Gesellschaft. dann heben sie damit gerade den nicht- funktionalen Charakter gesellschaftlicher Synthesis hervor. verankert in der gesellschaft- lichen Arbeitsteilung. einen Zusammen- hang gesellschaftlicher Arbeitsteilung kennzeichnet. in ihrem Kern irrational.). der im Unterschied zum Anthropozentrismus gerade den »Aspekt der sozialen Hierarchie« (der Gesellschaft über das Individuum) betont. sondern ist Ausdruck einer spezifischen. S. Die Dominanz der Gesellschaft über das Individuum ergibt sich nicht zwangsläufig als Nebenaspekt einer funktionalen Arbeitsteilung oder einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft und den quasi-natürlichen Abhängigkeiten der Individuen von ihr. Diese Einrichtung ist von sozialer Herrschaft (Klassen- herrschaft und geschlechtsspezifischer Herrschaft) geprägt. ein verselbständigter Zwangszusammenhang (vgl. Dabei kritisieren die Autoren die Entqualifizierung der konkreten Mannigfal- tigkeit des natürlichen Geschehens durch das begrifflich-identifizierende Denken. sondern deren spezifische Beschaffenheit bildet so letztlich die Basis des herrschaftlich verfassten Sozio- zentrismus der Naturbeherrschung.. 31) zu konstruieren. dazu Görg 1999a. Damit ist die Thematik der Naturverhältnisse zentral für eine Neubestimmung des Emanzipationsbegriffs.

Und so. Diese für die ökologische Problematik sehr wichtige Wendung lässt sich vor allem an einem zentralen Denkmodell aufzeigen: der Kritik der falschen Alternative. In der Aneignung der Natur soll danach unmittelbar ein sozialer Emanzipationsprozess angelegt sein. insofern erstere beinhaltete. Das bedeutet.). dass der Versuch einer Negation der be- sonderen Qualitäten eines Pols. Im Gegensatz zur bürgerlichen wie zur proletarischen Emanzipationsvorstellung verbürgt die durch Arbeit vermittelte Aneignung der Natur keinen Bildungs. S. Die Kritik der Naturbeherrschung beruft sich nicht auf die Naturwüchsigkeit und Alternativlosigkeit des geschichtlichen Prozesses und nimmt auch keine Natu- ralisierung gesellschaftlicher Entwicklung vor.).). Hegel rechnet dabei allerdings noch relativ unproblematisch mit einem Bildungs. selbst durch das Naturverhältnis vermittelt. 32) Die »Disqualifizie- rung der Natur«. Erst die soziale Herrschaft bringt mit der Distanz zur Natur die Ideologie ihrer vollständigen Beherrschbarkeit als Abstraktion von allen be- sonderen Qualitäten mit sich. Ritsert 1988. Vielmehr ist diese vermeintliche Naturwüchsigkeit gerade der Gegenstand der Kritik. der zur Überwindung sozialer Herrschaft führt. Vielmehr ge- neriert die in der sozialen Herrschaft enthaltene Möglichkeit zur Distanzierung von Natur auch die Ideologie der beliebigen Verfügbarkeit von Natur. Dialektische Konstellationen 47 Denkens für das Subjekt selbst hat. das sich noch in den Marxschen Frühschriften findet (MEW Erg. Dieses Vertrauen in einen Bildungsprozess durch Arbeit. ist die soziale Herrschaft. gründet in der Distanz zur Sache.2. S. das apriori beschädigt ist. auf die Horkheimer und Adorno direkt Bezug nehmen (vgl.-Bd. z. den Stoffwechsel mit der Natur sicherstellen muss. . S. ihre begriffliche Konstitution als beliebig verfügbarer »Stoff«.und Emanzipationsprozess. Kap.1.« (Horkheimer/Adorno 1987. dann später dem Bürgertum). Individuum und Natur deutlich. 153 f. der Natur. zur abstrakten Identität. ist nun seit Benjamin in die Kritik geraten. die der Herr durch den Beherrschten gewinnt« (Horkheimer/ Adorno 1987. wie nach ihm die Arbeiterbewegung.). Voraussetzung der Abstraktion. auch Folgen hat für die anderen Pole. S. dass der Knecht für den Herrn arbeiten. Schon bei Hegel war die soziale Herrschaft durch das Naturverhältnis ver- mittelt. er rekurriert. Auch dabei wird wieder das konstitutive Verhältnis zwischen Gesellschaft. auf die bürgerliche Ideologie der ›tätigen Klasse‹ gegenüber dem untätigen Adel (bzw. Ein solches Modell einer konstitutiven Verhältnisbestimmung als Relation von Selbstständigkeit und Abhängigkeit lässt sich schon der Dialektik von ›Herr und Knecht‹ bei Hegel entnehmen (Hegel 1970. 5. S. 36). obwohl ihrerseits eine Voraussetzung des naturbeherrschenden Den- kens. B. dazu auch: Vogel 1987. Dieser kon- stitutive Charakter äußert sich darin. die Gesellschaft oder das Individuum: »Die disqualifizierte Natur wird zum chaotischen Stoff bloßer Einteilung und das allgewaltige Selbst zum bloßen Haben. Görg 1999a.und Emanzipationsprozess (Hegel 1970. Und diese Kritik wird auch von Adorno und Horkheimer geteilt und weitergeführt. wie das Naturverhältnis damit selbst in spezifischer Weise durch die Herrschaftsbeziehungen geprägt wird. schlägt sich in einem Selbst nieder. »Die Distanz des Subjekts zum Objekt. 533ff. 145ff.

Nicht die Verabsolutierung einer Sphäre der Notwendigkeit bzw. kann sie grundsätzlich sehr wohl überwunden werden. zur Kritik an Luhmann: Görg 2001). S. deren Unausweichlichkeit die der Herrschaft ist. als der Naturbegriff immer eine gesellschaftliche Projektion darstellt. Die fal- sche Alternative zu durchschauen ist aber deswegen möglich. zum Stoffwechsel mit der Natur nicht als eine Tatsache ansehen würden.. den gesellschaftlichen Hintergrund dieser Kon- struktion – die darin enthaltenen Herrschaftsverhältnisse – aufzudecken. Sie wenden sich jedoch dagegen. Dem Verdacht eines naturalistischen Reduktionismus in den Naturverhältnissen widerspricht auch die Kritik an einem vorgängigen ›Reich der Notwendigkeit‹. Sie bleiben aber nicht dabei stehen. das neben dem von Menschen zu gestaltenden und im Übergang zum Sozialismus seiner Naturwüchsigkeit zu entkleidenden ›Reich der Freiheit‹ immer bestehen bleibt. Vielmehr wenden sie sich kritisch gegen die scheinbare Alternativlosigkeit des ›entweder-oder‹ und versuchen. Der Grund dafür liegt aber nicht darin. Das Reich der Freiheit würde den Naturverhältnissen abstrakt entgegen gestellt und damit Natur »als . weil die Herrschaft niemals völlig total ist. S. die Gesellschaft den ›Gesetzen der Natur‹ unterzuordnen. Ökozentristen und Konstruktivisten wieder zum Problem. diese Projektion zu entlarven oder sie gar als Einsicht in die Kontingenz der Natur zu affirmieren. so kann eine »Selbstbesinnung […] des Denkens« (Horkheimer/Adorno 1987. sondern die Hinterfragung der Vor- annahmen der falschen Alternative ist also die Botschaft der Dialektik der Auf- klärung. Adorno und Horkheimer nehmen in diesem Streit insoweit eine soziozentristische Position ein. 64). wie dies in vielen Schulen des Sozialkonstruktivismus versucht wird (vgl. S. Während angesichts der destruktiven Entwicklung der Naturverhältnisse zuweilen gefordert wird. Hatte dieser in dem durch Arbeit vermittelten Stoffwechsel mit der Natur ein solches ›Reich der Notwendigkeit‹ gesehen. dass genau dies unmöglich sei und die (begriffliche wie technische) Konstruktion der Natur zu menschlichen Zwecken unhintergehbar ist. 55) Diese Alternative zwischen der Unterwerfung unter oder der Beherrschung von Natur wird hier in ihrer vermeintlichen Unausweichlichkeit von den Autoren zum Inbegriff des naturbeherrschenden Denkens erklärt. 64) aus der vermeintlichen Alternativlosigkeit der Naturbeherrschung heraus- treten. dann widersprechen Adorno und Horkheimer dem explizit und bezeichnen diese Denkfigur »als Zugeständnis an den reaktio- nären common sense« (ebd. weil dies eine dualistische und hierarchische Verfestigung des Verhältnis- ses von Notwendigkeit und Freiheit implizieren würde. die im naturbeherrschenden Denken reproduziert wird. diesen Zwang als unveränderliche Notwendigkeit zu einem Quasi-Naturgesetz zu erhöhen.« (Horkheimer/Adorno 1987. So wie der Herr dem Knecht nicht beliebig befehlen kann. weist die Gegen- position darauf hin. Weil sie aber eine Alternative in der Herrschaft ist. das Aufzeigen der Kontingenz allen Geschehens. die Adorno und Horkheimer noch gegen den späten Marx vorbringen. dass Adorno und Horkheimer den Zwang zur Aneignung. Genau diese falsche Alternative wird aber auch in der ökologischen Krise in der Kontroverse zwischen Naturalis- ten bzw.48 Christoph Görg »Das Wesen der Aufklärung ist die Alternative. Die Menschen hatten immer zu wählen zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder der Natur unter das Selbst.

Der Mensch hat sich nicht vermeintlich objektiven Grenzen in der Natur zu unter- werfen (denn jede Objektivität ist unhintergehbar auch seine Konstruktion). vgl. 2. dann muss sie sich auch in der Gestal- tung der Naturverhältnisse verkörpern. Dieser Grundgedanke bezieht sich nicht nur auf die ›innere‹ Natur des Menschen.). dass der Mensch trotz aller Konstruktion einer Objektwelt ›für sich‹ Natur als eine ihm fremde (äußere wie innere) Bedingung seiner Existenz anerkennt. Dialektische Konstellationen 49 ganz fremd gesetzt« (ebd. dann ist damit also kein reduktionistischer Natura- lismus intendiert. 64. S. In der Kritik der Naturbeherrschung ist damit die Emanzipation des Menschen unentrinnbar mit der Anerkennung der Nichtidentität der Natur verbunden. Soll menschliche Freiheit und die Fähigkeit zur Gestal- tung von sozialen Verhältnissen nicht abstrakt-dualistisch und dadurch hierar- chisch der Natur entgegengesetzt werden. seiner Emanzipation von sozialer Herrschaft wie seiner Gestaltung der gesellschaftlichen Reproduktion anerkennt (was natürlich ein subjektiver Akt ist). Mehr noch: Solange er sie nicht als Bedingung seiner eigenen Entwicklung. hier sei ein Modell einer . Verleugnung der Eigenständigkeit eines Anderen (der Nichtidentität der Natur) als die Bedingung der eigenen (vermeintli- chen) Unabhängigkeit ist die Grundform von Herrschaft. d. Da als ›Subjekt‹ im oben angeführten Zitat auch die Gesell- schaft eingesetzt werden kann. Das naturbeherrschende Denken und Handeln kann die spezifisch menschlichen Möglichkeiten zur Reflexion und zur Selbstverwirklichung nicht ausschöpfen und zerstört gleichzeitig die natürlichen wie sozialen Bedingungen seiner Existenz. gesellschaftliche Konstruktion ist. sondern sie als eigenständige Bedingung ihrer eigenen Geschichte anerkennt und gleichzeitig ihre durch Herr- schaftsverhältnisse verkürzten Fähigkeiten zur reflexiven Gestaltung ihrer eigenen sozialen Verhältnisse wie ihrer Naturverhältnisse freisetzt. bleibt er selbst in seinem Verhältnis zur eigenen und zur äußeren Natur deformiert. Gefordert wird mit diesem Theorem. also die ›äußere‹ Natur. dazu Schmid Noerr 1990). Wenn Natur also immer eine subjektive. wenn sie nicht Natur sich zu unterwerfen versucht. h. Wenn die Dialektik der Aufklärung als »verkannte Wahrheit aller Kultur« das »Eingedenken der Natur im Subjekt« einfordert (Horkheimer/Adorno 1987. Das Ziel einer nicht-herrschaftlichen Gestaltung der Na- turverhältnisse lässt sich in Abwandlung der oben angeführten Zeitdiagnose viel- mehr so umschreiben: Dem ›Naturzwang‹ kann die Gesellschaft nur entkommen. bleibt sie gleichwohl auch eine von ihm verschiedene eigenständige Realität. Und diese Verleugnung lässt sich als das übergreifende Moment der Gesamtkonstellation erkennen. Von der Dialektik der Aufklärung zu Arbeit und Interaktion Mit dieser kurzen Rekonstruktion der Kerngedanken der Dialektik der Aufklä- rung soll nun nicht der Anschein erweckt werden. betrifft es auch die natürliche Umwelt der Gesell- schaft. Und er kann gleichzeitig die konstitutive Bezogenheit auf die Natur und insofern seinen eigenen Status als Naturwesen auch nicht durch die Perfektionierung der Natur- beherrschung aufheben.

Vor allem Herbert Marcuse (1987. wie denn ein solcher Wandel denkbar sei – und ob er sich überhaupt begründen ließe. diese seien in toto dem naturbeherrschenden Denken zu subsumieren – eine Einschätzung. in der sie eindeutig andere Prioritäten zu erkennen glaubte. Obwohl Marcuses Thesen eine wichtige Rolle in den Debatten um Naturwissenschaft und Technik spielten (Ul- rich 1979: Hack/Hack 1985). das die Rezeption der Ökologiepro- blematik erschwert hat: die fehlende Beschäftigung mit den Naturwissenschaften (Wehling 1997). Original 1964). war damit auch das Problem vorgegeben. Dabei artikuliert seine Ausei- nandersetzung mit der Rationalitätstheorie Max Webers das Spannungsverhältnis. anderer- seits aber Technik aus dieser Funktion befreit und zur »Technik der Befreiung« (Marcuse 1979. S. Nun hatte Marcuse zwar einen großen Anteil daran. 1990. Hier ist eine entscheidende Weichenstellung im Übergang von der ›älteren‹ zur ›jüngeren‹ Kritischen Theorie angelegt. Vortrag von 1977) hat denn auch frühzeitig die Brisanz der ökologischen Problematik erfasst. Denn Jürgen Habermas. 129) umgewandelt werden kann. vor allem ihre Vertreter Adorno und Horkheimer nach der Rückkehr aus dem Exil nach Deutschland in eine historische Konstellation versetzt. zuerst 1972 erschienen. engl. Während Adorno wohl der Ansicht war. die dagegen sprechen. 1967. sondern die Nachkriegssituation mit der Problematik des Nachwirkens des Nationalsozialismus in der Demokratie und der Frage. Vortrag von 1965. die nur wenig durchbrochen wird durch beiläufige Bemerkungen. Steht nämlich ›die Naturwissen- schaft‹ generell unter Ideologieverdacht. das dann im ökologischem Diskurs seit den 1970er Jahren nur noch hätte angewendet werden müssen. Doch stellt sich hier ein zweites Problem. warum naturwissen- schaftliches Wissen über ökologische Probleme überhaupt ernst genommen wer- den und – zusammen mit technischen Lösungsoptionen – in gesellschaftliche Reaktionsmuster eingebaut werden sollte. die Negative Dialek- tik und die Ästhetische Theorie. 280ff. Zum einen sah sich die Kritische Theorie. diese Variante von Sozialwissenschaft sei blind gewesen gegen die Vermitteltheit gesellschaftlicher Verhältnisse mit Natur. ist kaum einzusehen.) – finden sich bei Marcuse wenigstens Ansätze zu einer anderen Herangehensweise. die neuesten Varianten der Naturwissenschaften seien weniger positivistisch eingestellt als manche Zweige der Sozialwissenschaften (Adorno 1979. dass Wissenschaft und Technologie als ein wichtiges Element der kapitalistischen Form der Vergesellschaftung kritisch hinterfragt wurde (Marcuse 1979. Nicht die Erkenntnis der krisen- haften Entwicklung der Naturverhältnisse. Während sich damit die Abhängigkeit jeglicher kritischen Theorie von der Entwicklung gesellschaftlicher Konflikte und der Praxis sozialer Bewegungen belegen lässt. Und für Adorno war die Naturthematik bis in seine letzten Schriften. bildeten den Horizont ihrer wissenschaftlichen wie publizistisch-politischen Praxis (Demirovic 1999). bedeutet dies im Umkehrschluss nicht. Vielmehr lassen sich mindestens drei Prob- lembereiche erkennen. S. die oftmals gesellschaftliche Krisentendenzen erst zum Vorschein bringen (Görg 1992). wie hier ein Gegensteuern möglich wäre. hinein von zentraler Bedeutung für die Gesell- schaftstheorie (Ritsert 1990). obwohl in ge- . dass einerseits gesellschaftliche Herrschaft der Technik selbst innewohnt.50 Christoph Görg kritischen Theorie der Naturverhältnisse mehr oder weniger komplett vorgezeich- net gewesen.

S. ob es nicht doch Alternativen in der Gestaltung der Naturverhältnisse gibt. zuerst 1947 erschienen) noch mit einem Generalverdacht in Bezug auf Naturwissenschaft und Technik reagieren und sie in Gänze dem instrumentellen Handeln und der Naturbeherr- schung zurechnen. Dies wird aber nicht nur der tatsäch- lichen Entwicklung nicht gerecht (vgl. S. . In dem Maße.. Weingarten 1998). antwortet Habermas mit einer Generalabsolution bzw. als Al- ternativen zwischen verschiedenen Paradigmen und Schulen in den unterschiedli- chen Disziplinen zu behandeln wären. 55). zur Kritik z. Die damit vorgenommene theoretische Weichenstellung ist im Hinblick auf die Rolle der Naturverhältnisse fatal. Während nämlich Technik und Wissenschaft dem Funktionskreis instrumentellen Handelns zuzuordnen seien. der mit Produktion und Arbeit den Stoffwechselprozess mit der Natur organisiert. genauer: im kommunikativen Handeln. in dem Habermas die Naturverhältnisse nach dem Modell der Parson- schen Theorie der Moderne interpretiert (vgl. nämlich die Annahme. Stattdessen entwickelte er eine theoretisch weitreichende Umakzentuierung der Grundlagen kritischer Theorie.). die schon als Alternativen in der Wissenschaft. Während Adorno und besonders Hork- heimer in seiner Kritik der instrumentellen Vernunft (1985. Vielmehr käme es nach Habermas darauf an. Aber diese Entwick- lung sei nicht mehr unter Verweis auf ein alternatives historisches Projekt zu kritisieren. besonders Habermas 1981). bestritt schon sehr früh die Möglich- keit einer anderen Technologie bzw. Dialektische Konstellationen 51 wisser Hinsicht den kritischen Gedanken des herrschaftlich verfassten Charakters von Wissenschaft und Technik aufnehmend.. Wissenschaft und Techno- logie seien »zur ersten Produktivkraft« (ebd. sondern ebnet auch den Weg zu einem herrschaftlich verfassten Verständnis der Naturverhältnisse. dass der geschichtliche Prozess in einer alternativlosen Steigerung der Naturbeherrschung seinen eigentlichen Rich- tungsvektor besitzt. vgl. S. Dies setzt auch noch ein weiteres Element des naturbeherrschenden Den- kens wieder in Geltung. einer neuen Wissenschaft mit dem Argument. unterschiedliche Rationali- sierungsprozesse zu unterscheiden und die Kolonisierung des einen durch den anderen Prozess zum Gegenstand der Kritik zu machen. beide seien ein historisch alternativloses Projekt der Menschengattung überhaupt (Habermas 1968. mit der These einer historischen Alternativlosigkeit. sei in der menschlichen Interaktion. Dieser Dualismus übersieht aber nicht nur die Ver- mitteltheit beider. Einmal wird damit der Weg zurück zu einem dualistischen Verhältnis sozialer und natürlicher Prozesse vollzogen. ein davon deutlich unterschiedenes Rationalisierungsmuster angelegt (vgl. Kommunika- tion als eigentlicher Gehalt sozialer Interaktionen wird den Naturverhältnissen abstrakt gegenübergestellt. 79) wie zu einer eigenen Quelle der Legitimation von Herrschaft im ›Spätkapitalismus‹ geworden. Dies war die Grundannahme der funktionalistischen Gesell- schaftstheorie (vor allem formuliert bei Parsons 1975. dazu Görg 1999a). Darüber hinaus wird auch die Frage ausgeklammert. über- nimmt er damit auch das funktionalistische Gesellschaftsverständnis und damit gerade im Hinblick auf die Naturverhältnisse einen der zentralen Mythen der Moderne (zur Kritik: Wehling 1992). Hack 1988. weil er implizit auf eine Perfektionierung wis- senschaftlich-technischer Konstruktionen ausgerichtet ist. ebd. B. 9ff.

S. Sah dieses Programm aufgrund der vermeintlich unüberwindlichen Aporien der Dialektik der Aufklä- rung einen Anschluss an die frühe Form des interdisziplinären Materialismus vor. Denn es ist eben nicht generell die Technik oder das ›Handlungsschema technischer Verfü- gung‹. Adorno und Horkheimer betonen ausdrücklich: »Das behaupten die Sozio- logen. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen. ein »ursprüngliche(r) Akt der Subsumtion der Naturvorgänge unter das Handlungsschema technischer Verfü- gung« (Honneth 1989. dass die Arbeiten von Adorno und Horkheimer nach der Dialektik der Aufklärung nur . Dies wäre der dritte Problembereich. Habermas 1981 und 1985). Allerdings müsste eine kritische Theorie in der Lage sein. Selbst der Verweis auf ›den Kapitalismus‹ ist für sich ge- nommen dafür noch zu abstrakt. der Vermitteltheit von (Natur-)Wissenschaft und Technik konkret nachzugehen und dadurch auch die über die gegenwärtigen Verhältnisse möglicherweise hinausreichenden Potentiale aufzuzeigen. vgl. und ge- nau dieser Zusammenhang ist von einer Rezeption zu wenig beachtet worden. S. die die Verbindungen der Dialektik der Aufklärung zur Tradition materialistischer Gesellschaftstheorie aus den Augen verloren hat (Demirovic 1999. die Dialektik der Aufklärung verwende ein Geschichtsmodell. aber auch von Axel Honneth nahe legt. S. der zum Ausgangspunkt einer Refle- xion der Naturverhältnisse werden kann und der auch heute noch ›an der Zeit‹ ist. die für eine Bewältigung ökologischer Probleme unverzichtbar sind. die der Produktion und Anwendung von Technik zugrunde liegen. dass davon ausgehe. Die tatsächliche Relevanz der Naturverhältnisse lässt sich nur kritisch durch Analyse der historisch-konkreten Prozesse und Strukturen gesellschaftlicher Re- produktion aufzeigen. 65). damit ernst zu machen. Der Fokus der Kritik ist der Zusam- menhang von Herrschaft. dass sich aus dem Begriff der Totalität wie aus dem Verständnis der menschlichen Naturgeschichte als ›zweiter Natur‹ keine überhistorischen Ge- setze über die wechselnden Konstellationen im Naturverhältnis ableiten lassen. der für eine Aktualisierung zu beachten ist.52 Christoph Görg Zentraler Gegenstand der Kritik an der ›älteren‹ Kritischen Theorie ist dement- sprechend auch die Zeitdiagnose der Dialektik der Aufklärung und ihr zentrales Kritikmodell: die Kritik der Naturbeherrschung. dass erst diese Zeitdiagnose einen Materialismus der Spätphase vorbereitet hat. Indem die Kritik von Jürgen Habermas. Habermas 1987. übersieht sie aber die konstitutive Vermitteltheit dieser Prozesse (zur Kritik Görg 1999b). sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Schuld ist ein gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang« (Hork- heimer/Adorno 1987. 177) habe einen irreversiblen Prozess des Anwachsens der Naturbeherrschung und des gleichzeitigen Anwach- sens sozialer Herrschaft und psychischer Verhärtung induziert. die nun wieder auf ein Gegenmittel sinnen […] um des Gegenmittels Herr zu werden. Die These der Naturbeherrschung zielt explizit nicht auf eine Kritik an der verselbständigten Technik oder gar auf einen Technikdeter- minismus. 60. dann lässt sich umgekehrt die These begründen. das von den Autoren für die Naturbeherrschung verantwortlich gemacht wird. Damit deutet sich in der Bearbeitung der ökologischen Problematik die Not- wendigkeit einer Umkehrung des in der Folge von Habermas’ Kritik an Adorno propagierten Programms an (vgl. Vernunft und gesellschaftlicher Arbeitsteilung. 55). Die hier vorgenommene Rekonstruktion impliziert mit anderen Worten.

In Marcuses Worten geht es um eine »Herrschaft über Menschen vermittels Herrschaft über die Natur« (ebd. 72). 64) und als wesentliche Grenze der Vergesellschaftung anzuerkennen (ebd. 65). Neben der erwähnten Technikkritik war seine Auseinandersetzung mit der Krise der Natur- verhältnisse vor allem durch zwei Motive geprägt. wie eine Gestaltung der Naturverhältnisse in die gesellschaftliche Entwicklung konkret eingeschrieben ist und welche historische Alternativen trotz der Dominanz der Naturbeherrschung sich möglicherweise eröffnen könnten.) freisetzen werde. S. B. bei Narr 1988 und Beck 1988). Dazu ist eine Beschäfti- gung mit anderen theoretischen Denktraditionen notwendig.. S. Selbst dort nämlich. Allein Herbert Marcuse war aus dem engeren Kreis der älteren Kritischen Theorie noch in der Lage. wo im Zuge neuer Technologien wie der Informations. und der Suche nach eben den befreienden Kräften in der Natur selbst. selbst die äußere Natur wurde von Marcuse auf ihre »befreienden Kräfte« (ders. 1990). Ihm ging es generell darum. inwieweit in dieser Tiefendimension befreiende Kräfte für den Widerstand gegen die destruktiven gesellschaftlichen Kräfte vorhanden sein könnten. Im Hinblick auf die erste hat dies allerdings nicht nur damit zu tun. ist dafür meist nicht der Zugang über die Psychoanalyse zentral. Doch nicht nur die menschliche Natur. was Marcuse als Eigenschaften der menschlichen . dass dort scheinbar nur die ›äußere Natur‹ und nicht auch die ›innere‹ des Menschen thematisch ist. die. inwieweit sich ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur – innerer wie äußerer – im ökologischen Gesellschaftskonflikt andeutete. 63) hin untersucht. indem sie eine Änderung in den Naturverhältnissen einfordert.. auf die wachsende Thematisierung ökologischer Prob- leme seit den 1970er Jahren direkt zu reagieren (eine der wenigen direkten An- wendungen der Dialektik der Aufklärung in späterer Zeit liefert Wiggershaus 1996. die die Erfahrung der ökologischen Krise in die Gesellschaftstheorie zu integrieren versuchten. die neben dem Schutz der äußeren Natur auch den destruktiven Kräften in den Individuen entgegentreten und stattdessen deren »erotische Energien« (ebd. Beides wird durch die Kritik der Naturbeherrschung vermittelt. Die Ökologiebewegung verstand er deshalb als »psychologische Freiheitsbewegung« (ders. wobei die Ökologiebewegung als Bindeglied der Befreiung fungiert. 1990. Dabei findet nicht nur die Terminologie der ›inneren Natur‹ kaum Verwendung. auch zum Abbau sozialer Herrschaft beizutragen vermag. 1987. Allerdings schwankt Marcuse in seiner Diskussion der Naturverhältnisse zwischen der These.oder der Gentechnologie auf das Schicksal des ›Naturwesen Mensch‹ und auf die Transformationen im Verhältnis zu Wissenschaft und Technik reflektiert wird. 66). die den späteren Diskussionen fast völlig fehlen: einerseits die Existenz des Menschen als Naturwesen und die psychoanalytische Tiefendimension der Vermittlung von Natur und Gesellschaft im Individuum aufzudecken (Marcuse 1990) und andererseits noch die ökologische Problematik in ihrem emanzipativen Potential bestimmen zu wollen (ders. Natur sei »als Subjekt eigenen Rechts« (ebd. Dialektische Konstellationen 53 wenig zur Bearbeitung das damit aufgeworfenen Problems beigetragen haben. oder dem. S. Beide Dimensionen stehen dabei quer zu heutigen Debatten um ökologische Probleme. andere mehr rhetorische finden sich z. Marcuse versuchte vor allem auszuloten. 1987. S. S..

Insbesondere im Hinblick auf die vermeintliche ›Natur der Frau‹ ist dies denn auch als typisch männliches Weiblichkeitsbild kritisiert worden (vgl. Ob diese Zurückweisung jegli- cher Grenzen bzw. dass er im kapitalistischen Rahmen nicht mehr eingedämmt werden kann. Die Krise der Naturverhältnisse Einer der ersten Versuche im deutschsprachigen Raum. wesensmäßiger Unterschiede zwischen Mensch und Natur wirklich angebracht ist. von Veränderung innerhalb der bestehenden Gesellschaftsform und ihrer radikalen Umgestaltung. So ist vor allem Donna Haraway (1995) in der Ablehnung jeglicher essentialistischer und naturalistischer Denkmuster so weit gegangen. Hervh. die Risikogesell- schaft von Ulrich Beck (1986).). menschlicher Natur und neuen Technologien reflektiert wird. sondern auch die sozialwissenschaftliche Theoriebildung weit entfernt. i. auf dem Wege der »Entzauberung der Welt« (Weber 1973. zumindest in einigen Passagen. 65. Doch von einer solchen Dialektik im Verständnis der ökologischen Krise ist nicht nur die Praxis. wendet er sich gegen die einfache Alternative Reform oder Revolution. ist jedoch eine durchaus umstrittene Frage (zur Kritik: Gransee 1998. technisch vermittelter Risiken eine Verkennung im Selbst- verständnis der Moderne verantwortlich zu machen. eines Mischwesens zwischen Mensch und Maschine. Ökologische Probleme erfordern demnach eine neue Dialektik von Reform und Revolution. Vielmehr scheinen gerade durch die neuesten Formen der technischen Konstruktion menschlicher Natur Fragen nach den an- thropologischen Dimensionen dieser Konstruktion wieder neue Bedeutung zu bekommen (und dabei wird das Kritikmodell der Dialektik der Aufklärung in neuer Form aktuell. als Motor für die Entstehung neuer ökologischer. politisch motivierte Einschätzung hoch aktuell. wo Beck versucht. Kill 1990). Tieren und Maschinen zu leugnen. Kontinuitäten ergeben sich zumindest dort. nach Max Weber das Kennzeichen der abendländischen Moderne. Manzei 2002). Denn obwohl er die gesellschaftliche Verursachung ökologischer Probleme und die kapitalistische Verfassung der Gesellschaft herausstellt. Während aber die naturalistischen Anklänge bei Marcuse heute am wenigsten anschlussfähig zu sein scheinen. ist eine andere. Letztlich landet sie beim Ideal des ›Cyborgs‹. alle wesensmäßigen Unterschiede zwischen Men- schen. das sie der Vor- stellung eines menschlichen Subjekts entgegenstellt. 317). ein untrügliches Sicherheitsverspre- . »Damit der Um- weltschutz sich so weit entwickelt. S. die als radikaler Reformismus bezeichnet werden kann (Görg/Hirsch 1994). ließ deutliche Anklänge an die Diagnose der Dialektik der Aufklärung erkennen. Wo aber heute auf den Zusammenhang zwischen ökologischen Problemen. O. Während diese glaube. die Ökologieproblematik als Herausforderung für die Gesellschaftstheorie zu begreifen. muss er zunächst innerhalb desselben vorangetrieben werden« (Marcuse 1987. 3. Becker-Schmidt 1997). vgl. S. da werden solche naturalistischen und essen- tialistischen Reste meist konsequent zurückgewiesen.54 Christoph Görg Natur zu erkennen glaubte und was nicht frei von Projektionen ist.

in dem sich der Schwerpunkt seiner Diagnose von einer Kritik der ›halbierten Moderne‹ zur Ausrufung einer ›zweiten Moderne‹ verlagert hat (Beck 1996). ein Typ. dass gerade diese Entzauberung nur zu einer »halbierten Moderne« geführt und aus sich heraus eine Gegenmoderne produziert habe. Er nimmt auch verstärkt einen Automatismus in der Veränderung der Gesellschaft an. Gerade das Sicherheitsversprechen der Aufklärung führt nämlich zur »organisierten Unverantwortlichkeit« (Beck 1988). die Auswirkungen auf eine zeitgemäße kritische Theorie haben müssen. der gleichzeitig zu einem rationaleren Umgang mit selbst geschaffenen Risiken beitragen soll. Dialektische Konstellationen 55 chen generieren zu können. So verbindet Beck die Diagnose der Risikogesellschaft mit der These. ob denn die Institutionen und Praktiken.und Herrschaftsverhältnissen. Wichtiger sind die Defi- zite in gesellschaftstheoretischer Hinsicht und die damit verbundenen zeitdiag- nostischen Probleme. Obwohl dabei Beck explizit auf die Dialektik der Aufklärung anspielt. Damit soll keineswegs der These widersprochen werden. zur Produktion und zur gleichzeitigen Leugnung von Gefahren. hat sich seine Theorie von einer kritischen zu einer affirmativen Theorie der abendländischen Zivilisation gewandelt. wie die Risikogesell- schaft in der Kontinuität kapitalistischer Vergesellschaftung entstanden ist und wie sie sich weiterentwickelt – und damit die Frage nach den Möglichkeiten und den Chancen ökologischer Reformen. Dabei bleibt aber letztlich unklar. Obwohl das Thema Ri- . und zwar mit der kapitalistischen Verfasst- heit der Gesellschaft und damit mit globalen Verteilungsproblemen zu tun haben. sei heute das Scheitern natur- wissenschaftlich-technischer Naturbeherrschung zentral. diese sei ein deutlich neuer Gesellschaftstyp. Zum einen bleibt seine Reflexion der Naturverhältnisse widersprüchlich: konstruktivistische und realistische Naturbegriffe gehen eine kaum zu entwirrende und höchst inkonsistente Verbindung ein. dass im Zusammen- hang mit der ökologischen Krise seit den 1970er Jahren erhebliche gesellschaftliche Umstrukturierungsprozesse zu beobachten wären. unter- scheidet sich seine Diagnose jedoch in mehrerer Hinsicht erheblich von dem dort entwickelten Modell. Zwei Punkte müssen besonders her- vorgehoben werden: Veränderungen im wissenschaftlichen Selbstverständnis und weitgehende Umstrukturierungen innerhalb der Kontinuität kapitalistischer Verge- sellschaftung. Der erste Punkt schließt direkt an die Diagnose der Risikogesellschaft an. sei ihr entgangen. In dem Maße. Beck ignoriert aber nicht nur die Frage. wobei hier offen bleiben kann. zwingt das Thema Risiko bzw. in dem nicht mehr die Logik der Reichtumsverteilung und damit die Klassenspaltung der Gesellschaft dominiere (Beck 1986). nicht doch etwas mit sehr spezifischen Macht. mit denen die gesellschaftlichen Naturverhältnisse in der Risikogesellschaft gestaltet werden. die Ungewissheit und Unsicherheit des Handelns angesichts neuer technisch vermittelter Risiken zu einer Umorientierung in den Grundlagen kri- tischer Theorie. ob die Defizite eher in Richtung Realismus (Krohn/Krücken 1993) oder in Richtung Konstruktivismus (Brand 1998) weisen. Wie vor allem Wolfgang Bonß (1993. die mit dem etablierten Instrumentarium wissenschaftlicher Aufklärung gerade nicht mehr zu bewältigen sind. 1995) gezeigt hat. Während für Adorno und Horkheimer das Gelingen instru- mentellen Handelns und ihre Verfestigung und Perfektionierung in der ›ver- walteten Welt‹ der Fokus der Kritik gewesen sei.

Hier wurde sicher- lich am deutlichsten Abstand von der pauschalen Naturwissenschaftskritik der älteren Kritischen Theorie – bei gleichzeitiger Distanz zur Habermasschen Theorie (vgl. in der Tradition des Poststrukturalismus stehenden Autor/innen aus- gelotet. Dies hat mindestens drei wesentliche Komponenten: eine starke Betonung interdisziplinärer Forschung und einen deutlichen Bezug auf soziale Akteure und soziale Bewegungen (Trans- disziplinarität). Wehling 1992) – genommen und stattdessen eine der Krise der Natur- verhältnisse entsprechende Neuentwicklung versucht. die zwar teilweise recht deutlich die patriarchalischen Motive noch der Dialektik der Aufklärung kritisiert haben – trotz aller Anerkennung ihrer Vorläuferschaft im Hinblick auf die Thematisierung geschlechtsspezifischer Herrschaft. kann dieses Argument doch nur bedingt über- zeugen. dazu Becker-Schmidt 1997. Der zentrale Gedanke besagt. sondern ihre Subsumtion unter ein projektiv entworfenes Klassifikationsschema und damit die Leugnung der Nichtidentität der Natur. In diesem Punkt wurden sogar am deutlichsten Berührungspunkte mit anderen theoretischen Tradi- tionen. Selbst theoretische Tradi- tionen.und Technikkritik aktualisiert haben.56 Christoph Görg siko und Unsicherheit über alle verschiedenen Schulen hinweg zu einem der wichtigsten Themen in der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit ökologi- schen Problemen geworden ist. haben deut- liche Umakzentuierungen vorgenommen. Für ökologische Probleme im engeren Sinne waren die Arbeiten des Frankfurter Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) seit den 1980er Jahren von großer Bedeutung (Becker/Jahn 1987. B. Am deutlichsten in der Tradition stehen dabei noch bestimmte Zweige der feministischen Wissenschaftskritik (Becker- Schmidt. beson- ders – aber nicht nur – in geschlechtsspezifischer Hinsicht. die diese Kritik inzwischen noch viel weiter getrieben haben (bei allen. z. dass die ökologische Krise eine umfassende Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse sei: Über die materiell-stoff- lichen Dimensionen der Krise. Jahn 1991.Weber 1998). vgl. die im engeren Sinn als ökologische oder als Umweltprobleme behandelt werden. Jahn/Wehling 1998). J. Doch gleichzeitig werden einige Motive der älteren Kritischen Theorie recht direkt übernommen. 1994). Ist nämlich der Ausgangspunkt der Kritik der Naturbeherrschung nicht die Perfektionierung einer technisch vermittelten Aneignung der Natur. sind auch die symbolischen Beschreibungen . Knapp. dann ist zumindest die Frage offen. Gransee 1998. vgl. ob nicht unter dem Terminus ›Unsicherheit‹ eine modifizierte Erneuerung des Para- digmas der Naturbeherrschung stattfindet. so die Kritik am identifizie- renden Denken und der Subsumtionslogik der Naturbeherrschung wie an den herrschaftsförmigen Aspekten einer Naturalisierung sozialer Verhältnisse. nun nicht mehr ausgerichtet auf den Glauben an die vollständige Berechenbarkeit der Welt (wie noch bei Max Weber). sondern auf die Kontrolle der Nebenfolgen (Görg 2002a). Scheich 1993. die teilweise in mehr oder weniger direkter Anlehnung an die ältere Kritische Theorie Wissenschaft. verbunden mit der Hervorhebung der Pluralität der Naturver- hältnisse – ihrer Nichtrückführbarkeit auf einen basalen oder dominanten gesell- schaftlichen Prozess. Trotzdem ist die relativ abstrakte Kritik Horkheimers und Adornos an Natur- wissenschaft und Technik heute so nicht mehr haltbar. oben angesichts von Haraway erwähnten Problemen.

Versuche einer natur- philosophisch inspirierten Kritik (Böhme 1999) bzw. Allerdings ist auch dieser Ansatz in wesentlichen Punkten bislang nicht zu einem umfassenden Neuansatz ausgebaut worden. lassen sich z. dass es erforderlich macht. ohne diese selbst in ihrer Funktion im gesellschaftlichen Prozess zu hinterfragen. wie eine der ökologischen Problematik angemessene Wissenschaftskritik aussehen kann und was die zentralen Gehalte dieser Kritik sein könnten. die Diskontinuität gesellschaftlicher Verhältnisse. h. ha- ben gerade die Diskussionen um die Globalisierung gezeigt. Neben diesem Modell. den Gegensatz zwischen Natur und Gesellschaft und damit das gesellschaftliche Selbst- verständnis überhaupt neu zu reflektieren. die mit dem Übergang zum Postfordismus verbunden sind. die der Kritik an herrschaftlichen Implikationen in wissenschaftlichen Denkmodellen noch am direktesten folgt. auch und gerade dann. das stark von einer relativ pragmatischen Bearbeitung konkreter ökologischer Probleme geprägt ist. die ›an der Zeit‹ ist.wie die Sozialwissenschaften ebenfalls in die Krise geraten.und Gesellschaftskritik aufrechterhalten. dass der kapitalistische Charakter dieser Prozesse nicht zu vernachlässigen ist. bei dem z. wird auf die Kritik von Vereinseiti- gungen und Reduktionismen bei der Übertragung von Theorieelementen zurück- genommen. Dies berührt mindestens zwei Aspekte. die Analyse der besonderen historischen Situation. Nur im letzten Fall lässt sich jedoch auch die Hoffnung auf eine enge Verbindung zwischen Wissen- schafts. den der Wissenschaftskritik und die Ebene der Gesellschaftstheorie. Dabei bleibt jedoch der Gehalt der Kritik unklar – bzw. Während in den Sozialwissenschaften der Ein- druck verbreitet wird. Doch die eigentliche Herausforderung hinsichtlich des Standes der Naturver- hältnisse wie der gesellschaftlichen Zeitdiagnose überhaupt besteht gerade darin. In diesen gesellschaftlichen Umstrukturierungsprozessen. wenn Globalisierung nicht auf ökonomische Prozesse reduziert werden kann. und die mit den jüngsten gesellschaftlichen Veränderungen – von der neuen Runde der Verwissenschaftlichung und Technisierung der Gesell- schaft bis zur Globalisierung – undeutlich geworden ist. B. Dialektische Konstellationen 57 von Natur und Gesellschaft und damit die Natur. bleibt offen. d. der Hinweis auf den kapitalistischen Charakter der Gesell- schaft trage zum Verständnis dieser Umstrukturierungen nichts bei. B. Neben der schon erwähnte feministischen Wissen- schaftskritik. Kritik an den Naturwissenschaften nur pauschal von außen betreiben zu wollen. die die ältere Kritische Theorie ausgezeichnet hatte. lassen sich jedoch noch andere Kritikmodelle erkennen. und ihrer Bedeutung für die Naturverhältnisse liegt jedoch die stärkste Herausforderung für eine kritische Theorie der Natur- verhältnisse. den gesellschaftlichen Konstruktionsprozessen und ihren Zwecksetzungen nachgehenden Kritikstrategie unterscheiden (Weingarten 1998). zu vermitteln mit der Kontinuität kapitalistischer Struk- . Das ISOE arbeitet im Wesentlichen mit dem Element des Konzepttransfers zwischen den Wissenschaften. Selbst wenn man den Anspruch aufgibt. einer stärker konstruktivis- tisch. so nicht die neue Gesellschaft sowieso von anderen Strukturprinzipien organisiert werde. Mit der Krise der Naturverhältnisse ist damit tatsächlich ein historisches Ereignis verbunden. der Übertragung naturwissenschaftlicher Konzepte wie dem der Autopoiese in die Sozialwissenschaften nachgegangen wird (Becker/Jahn/Wehling 1990).

die der zentralen Bedeutung der Naturverhältnisse gerecht wird.) kommt es hier vor allem darauf an. die Umkämpftheit dieser Prozesse und die Auswirkung dieser sozialen Konflikte im Weltmaßstab zu analy- sieren (vgl. Brand 2000. Esser u. in Verbindung zu bringen mit ihrem kapitalistischen Charakter. Denn der Ausbruch der ökologischen Krise in den 1970er Jahren ist eng verbunden mit dem historisch beispiellosen Wirtschaftswachstum des ›Goldenen Zeitalters‹ des Kapitalismus und seiner immensen Ressourcenverschwendung.58 Christoph Görg turprinzipien. in den Natur- verhältnisse wie in der globalen Vergesellschaftung. Görg 2002a). Gleiches gilt auch im Hinblick auf die Durchsetzung postfordistischer Natur- verhältnisse (Görg/Brand 2001a). sondern ist in der spezifischen Form der Bearbeitung der gesellschaftlichen Klassenver- hältnisse und der Integration der Arbeiterklasse durch Beteiligung am wachsenden gesellschaftlichen Gesamtprodukt. Dies bedeutet. bietet sie doch insgesamt einen guten Ausgangspunkt zur Erneuerung einer kriti- schen Gesellschaftstheorie. die die ökologische Krise verursacht haben. 1998. Dazu muss sie den eingangs erwähnten Herausforderungen gerecht werden: sowohl eine historische Verortung der ökologischen Krise in der Krise fordistischer Vergesellschaftung liefern als auch eine Analyse der postfordistischen Bearbeitungsstrategien und ihrer herrschaftsförmigen Implikationen wie der kon- stitutiven Bedeutung der Naturverhältnisse für die gesellschaftliche Entwicklung überhaupt. a. Neben der Berück- sichtigung neuer Technologien (I&K-Technologien. Die Möglichkeiten einer Gestaltung der Naturverhältnisse sind also auch hier an die globalen Macht.und Herrschaftsverhältnisse gebunden – und . die Neuheit aktueller Krisenprozesse. Gentechnik) und neuer poli- tisch-rechtlichen Gestaltungsformen (intellektuelle Eigentumsrechte. 2001. Brand u.und Verhaltensmustern.und Technikkritik bislang noch nicht befriedigend gelöst sind. für die Klimaproblematik: Brunnen- gräber 2002). die den wissenschaftlichen Beschreibungen erst ihre politische Brisanz verliehen haben (Görg 1992). globale Um- weltregime etc. Der Grund dafür liegt aber nicht in einem anonymen Modernisierungszwang. Schon für die Krise des Fordismus ist also die Kritik an den Entwicklungen in den gesellschaftlichen Naturverhältnisse eng verbunden mit der Kritik an der herrschaftlichen Verfasstheit der Gesellschaft. sondern auch um die gesell- schaftlichen Rahmenbedingungen und deren Veränderung. und in ihrem Umfeld sind denn auch wichtige Beiträge entstanden zu einem besseren Verständnis der Entwicklung der Naturverhältnisse wie den Chancen zu ihrer demokratischen Gestaltung (Demirovic 1997. für die fossilen Ressourcen: Altvater/Mahnkopf 1999. Obwohl die Thematik der Naturverhältnisse in dieser Tradition insgesamt immer noch relativ schwach verankert ist (zur Kritik: Görg 2002b). verbunden mit spezifischen Denk. für das Feld der genetischen Ressourcen: Flitner u. a. Hierbei geht es nicht allein um die manifest gewordenen lokalen oder globalen Umweltprobleme. 1994). a. Letztlich sind es also sehr spezifische Herr- schaftsverhältnisse. Als gesellschaftliche Krise thematisiert wurde sie jedoch erst durch die Kritik sozialer Bewegungen hindurch. und obwohl auch andere gesellschaftstheoretische Probleme wie auch eine angemessene Wissenschafts. Diese Verbindung von Kontinuität und Dis- kontinuität ist die zentrale Botschaft der Regulationstheorie (vgl.

Ökonomie. M. sondern ganz im Gegenteil in der konflikthaften Gestaltung globaler gesellschaftlicher Verhältnisse einschließlich ihrer Naturver- hältnisse. Beck. Frankfurt a. – (1982): Negative Dialektik. an dem die Unvereinbarkeit mit der kapitalistischen Form der Vergesellschaftung offenkundig wird. M. ökologische Reformen praktisch wie theoretisch bis zu einem Punkt voranzutreiben. M. Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. gerade im Hinblick auf die Entwicklung des globalen Kapitalismus (Görg 2002c). Reflexive Modernisierung. dann kann die Untersuchung dieser Konflikte sich auch weiterhin am Gesellschaftsbegriff der Kritischen Theorie orientieren. – (1979): Soziologische Schriften 1. Kon- zepttransfer und Wissenschaftsdynamk. Während erstere alternativlose systemische Sachzwänge hy- postasiert und damit die gesellschaftliche Entwicklung naturalisiert. M. in: ders. eine solche Möglichkeit der Gestaltung offen zu halten und damit sowohl dem Gestaltungspessimismus der neofunktionalistischen Gesellschaftstheorie entgegenzutreten (vgl. Peter (1992): Revolutionäre Inszenierungen. in: ders. M. Elmar/Mahnkopf. Becker. in: Prokla 88 . Egon/Jahn. Münster Arnason.): Die Frankfurter Schule und die Folgen.. – (1973): Die Idee der Naturgeschichte. Egon/Jahn. Frankfurt a. Axel/Wellmer. M. M. 1. M. Frankfurt a. Aufl. Denn die Untersuchung konkreter Konstellationen im Verhältnis von Gesellschaft. 4. Frankfurt a. Dialektische Konstellationen 59 beides gibt weniger denn je Anlass zu Optimismus. Individuum und Natur ist weiterhin ein wichtiger Referenzrahmen einer kritischen Gesellschaftstheorie. Derzeit erfordert dies. S. Trotzdem kommt es für eine kritische Theorie der Naturverhältnisse darauf an. – (1988): Gegengifte. Aufl. Thomas (1987): Soziale Ökologie als Krisenwissenschaft. Schriften. Frankfurt a. Frankfurt a. Birgit (1999): Grenzen der Globalisierung. Altvater. zur Kritik an Luhmann: Demirovic 2001). Thomas/Wehling. – (1996): Das Zeitalter der Nebenfolgen und die Politisierung der Moderne. Frankfurt a. Eine Kontroverse. M. Frankfurt a. 19–112 Becker. Bd. Albrecht (Hg. als auch einem steuerungstheoretischen Optimismus wie der Tendenz zu einem pragmatischen Management der Probleme in den Sozialwissenschaften. Frankfurt a. ob und inwieweit diese Unvereinbarkeit besteht – und welche Chancen zu einer weitergehenden Veränderung sich eröffnen. in: Honneth. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Es käme mit anderen Worten darauf an.: Ges.. 3. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Ulrich (1986): Risikogesellschaft. (1970): Ästhetische Theorie. et al. Johann Pall (1986): Die Dialektik der Aufklärung und die postfunktionalistische Gesellschaftstheorie. die jüngsten Erschei- nungsformen globaler sozialer Bewegungen ernst zu nehmen und die von ihnen artikulierten globalen Konfliktfronten daraufhin zu untersuchen. Besteht ein wesentlicher Aspekt der Verbindung von Globalisierung und Ökologie nicht in der vermeintlichen gleichen Betroffenheit der gesamten Menschengattung. den Anspruch Marcuses ernst zu nehmen. Theodor W. Literatur Adorno... unterschätzen letztere die herrschaftlich verfestigten Strukturen des globalen Kapitalismus.

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der Genetik oder der elektronischen Datenverarbeitung beherrschen viel- fach. Technik ist das wichtigste Medium der gesellschaftlichen Vermittlung. seit dem Ersten Weltkrieg zum Gegenstand. Technik wurde von einer spezifischen Hand- lungsweise zu einem Weltzustand. . vielmehr ist die Gesellschaft selbst sub- stanziell technisiert. sondern auch bei der Generierung von Kommunikationsstrukturen. der Existentialontologie (Hei- degger 1927). Wissenschaftliche Ansich- ten und technische Modelle wie zum Beispiel die der biologischen Evolutions- theorie. Gesellschaft als soziotechnisches System Mehr als je zuvor ist das Leben der Menschen heute durch Wissenschaft und Technik geprägt. Der Wahrnehmung der Einzelnen weitgehend ent- zogen. der zufolge Wissenschaft. ein Ende der Tech- nisierung. ja auch nur ein Nachlassen ihrer Geschwindigkeit. Die globale »Risikogesellschaft« bezeichnet eine neue qualitative Stufe im Verbrauch von Natur und sozialen Bindungskräften. Auch ihre Ängste und Hoffnungen sind eng mit einer noch weiter fortgeschritten Technologie verwoben. An letzteren anknüpfend entwickelte die Kritische Theorie der Frankfurter Schule vor allem in der Zeit ihres amerikanischen Exils in den 30er und 40er Jahren eine zeitdiagnostisch zugespitzte Zivilisationstheorie.Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute Gunzelin Schmid Noerr 1. Die Vermeidung der Katastrophe ist selbst ein Motor der Entwicklung. Nicht vorstellbar ist dagegen. der zu einer zeitdiagnostisch zugespitzten Technik- und Kulturkritik herausforderte. nicht nur bei der Produktion von Gütern. Jahrhunderts hatte jene Eigendynamik offenbar einen Schwellenwert erreicht. die Selbstdeutungen der Menschen und ihren Umgang mit anderen. des Rechtsnietzeanismus (Spengler 1931) und des Marxismus formu- liert. so erfordert das Kalkül der Vermeidung. Unfällen. sich auch ihre eigenen menschlichen Schöpfer zu unter- werfen. Missbräuchen weitere wissenschaftliche und technische Anstrengungen. der Erzeugung und Befestigung überindividueller Strukturen. Begrenzung. wenn auch in fragwürdig vereinfachter Gestalt. wenn auch ihre Grundmechanismen so alt sind wie die ökonomische Grundverfassung der Mo- derne. Gewiss wurde technisches Handeln schon in der Antike als anthropologische Grundbestimmung thematisiert. Kompensa- tion von Fehlern. ihre Tendenz. In Deutschland wurde philosophische Tech- nikkritik seitens des Neoidealismus (Dessauer 1927). reicht das Wurzelwerk des soziotechnischen Systems tief hinab in den Bereich der persönlichen und sozialen Identitätsbildung. Scheint das Risiko katastro- phaler Folgen einerseits der akzeptierte Preis des möglichen technischen Fort- schritts zu sein. abgesehen von Bildern einer finalen Katastrophe. Wissenschaftlich konzipierte Technik und Gesellschaft stehen nicht in einer bloßen Wechselbeziehung. Aber im ersten Drittel des 20. In der Philosophie wurde die Eigendynamik der technischen Naturbeherr- schung.

oder ob dies nur eine neue geschichtsphilosophische Mystifikation im Gewand der Aufklärung darstellt – jedenfalls muss eine Kritik der Technik heute mit Anders davon ausgehen. die von der atomaren Rüstung ausgingen. mit der Leistung der technischen Geräte als Mensch nicht mithalten zu können. so hat diese heute in einer Kultur der Simulation keinen Platz mehr. ohne dass man sagen könnte. Körper und Identität modelliert (vgl. und zwar nicht allein ihre historisch bestimmte(n) Gestalt(en). Ähnliche Auffassungen fanden sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in deskriptiver Hinsicht auch in anderen philosophischen Entwürfen. Staat und Wirtschaft tendenziell zu einem umfassenden gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang zu verschmelzen schienen. verwende ich den Terminus »Kritische Theorie« (Großschreibung) als Namen . In der Folge verschob sich die Debatte zunehmend in Rich- tung auf Ethik der Technik und Detailanalysen der Technikfolgen. zum eigentlichen Subjekt der Geschichte geworden ist. Hatte beispielsweise Anders (1956. die Scham. So erschien auch bei Gehlen (1957) jenes Zusammenwirken als automatisierte »Superstruktur«. Zugleich änderten sich die subjektiven Maßstäbe der Kritik.64 Gunzelin Schmid Noerr Technik. im Gegenteil. Aber er sah auch Raum für eine andere. später auch verstärkt der Technikgenese und Technikimplementierung.) in den 40er Jahren die »prometheische Scham« diagnostiziert. sondern verkörpere diese selbst. S. Diese Diskussionen bezogen sich vor allem auf die Bedrohungen. humane Technik und ebnete damit die Bahn für die spätere ökologische Kritik. wie Anders proklamierte. 21ff. Marcuse spitzte die Technikkritik der Frankfurter Schule in Der eindimensionale Mensch (1964) zu der These zu. die Bedrohungen seien uns nicht mehr auf den Fersen. auf die Gefährdungen der Umwelt durch Atomenergieerzeugung und chemische Gifte. auf die möglichen Folgen der biotechnologischen Manipulation genetischer Elemente und auf die befürchteten sozialen Wirkungen der Informa- tionstechnologie. Ob Technik heute. Die vielleicht allzu weit ins »Seit jeher« ausgreifende sozialphilosophische Technikkritik hat sich inzwischen abgeschliffen. Aber der grundsätzlichen Reflexion von Entfremdungserfahrungen in der technisierten Gesellschaft wurde seit den 60er Jahren mit der Kritik an der sogenannten Technokratie-These und am technologischen Determinismus die Spitze abgeprochen. Turkle 1995). in der die informationsverarbeitende Maschine zum zweiten Selbst wird und Vorstellungen von Bewusstsein und Persönlichkeit. sondern ihre 1 Um der Unterscheidung zwischen historischer und struktureller Bezeichnung Rechnung zu tragen. die moderne Technik sei nicht mehr bloß das Instrument von überflüssiger Herrschaft. Kritische Theorie Welche Forschungsanstöße kann in diesem Zusammenhang die Kritische Theorie1 geben. 2. dass die technische Existenzform umfassend. endgültig und unwiderrufbar geworden ist. Allgemeinere Techniktheorien richteten den Blick auch auf we- niger riskante Technologien und ihre Folgen im Alltagsleben.

Methodisches Vorbild blieb die Marxsche Theorie aber hinsichtlich der Einheit von Kritik und Theorie: Die Kritik bezog sich nicht nur auf falsche und unzureichende Ansichten und Theorien über die Gesellschaft. Technik und Gesellschaft entsprachen. wie sie von Horkheimer in seinem programmatischen Aufsatz über Traditionelle und kritische Theorie bestimmt wurde. wenn auch keineswegs auf diese beschränkt. war die Transformation der Marxschen Theorie durch den Einbezug von Kultur- und Subjekttheorie zu einer materialistischen Sozialphilosophie und philosophisch orientierten Sozialforschung als Theorie emanzipatorischer Praxis. dort aber nicht mehr sichtbaren gesellschaftlichen Voraussetzungen der historisch identifizierbaren Denkrichtung der »Frankfurter Schule«.und Wirkungszusammenhangs der Theorie. ein anderes. mit denen jene Ansichten als Ideologieproduktion verflochten waren. deren Reflexion in der Technikphilosophie und -sozio- logie nach wie vor aktuell sind. S. unterschied sich die »kritische« dadurch. S. ertragreich in die inzwischen veränderten Problemstellungen einbringen? Welches wären demnach die Grundlinien einer kritischen Theorie der Technik heute? Ich möchte diese Fragen auf dem Umweg einer historischen Verortung des Horkheimerschen Entwurfs der Kritischen Theorie zu beantworten versuchen. auf das bezogen Horkheimer die kritische Theorie profilierte. »als Momente der historischen Konstellation wie als Ausdruck jenes Willens zur richtigen Gesellschaft. Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute 65 »Idee«? Lässt sich diese Idee. Dazu ist der Gegenstand der Technologie in besonderem Maße geeig- net. so Horkheimer. sich nicht nur der seither erfolgten theorie- und realgeschichtlichen Veränderungen zu vergewissern. Der historische Rückblick erlaubt es. Von »traditioneller« Theorie. wie der späte Horkheimer im Rückblick auf seine Arbeiten der 30er Jahre schrieb.« (Horkheimer 1965. dem die Refle- xion über seine Beziehung zu gesellschaftlicher Praxis als den Voraussetzungen und Intentionen der Theorie inhärent war. Der Terminus »kritische Theorie der Ge- sellschaft« sollte einen bestimmten Typus von Theorie bezeichnen. 21). abstrakter Relevanzmuster« (Du- biel 1978. Politische Mimikry war allenfalls nur ein Motiv für die Wahl der Bezeichnung. Wissensverwertung und Gesellschaft. der in verschiedenen historischen Situa- tionen theoretisch und praktisch verschieden sich äußert und zugleich als derselbe sich erhält. dagegen »kriti- sche Theorie« (Kleinschreibung) in der von Horkheimer ursprünglich intendierten struk- turellen Bedeutung. Dass dabei die geschichtlichen Veränderungen die Theorie nicht unberührt lassen. Dieser Typus war paradigmatisch in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie verkörpert. auf welche Weise die von Horkheimer formulierten Merkmale der Kritischen Theorie strukturellen Veränderungen im Verhältnis von Wissenschaft. gehört zu ihrem eigenen Inhalt: »Ihre Begriffe kennt [die kritische Theorie]«. 13) Zu den wesentlichen Merkmalen der Kritischen Theorie. systematisch wie wirkungsgeschichtlich wichtigeres. . als die »sich identisch durchhaltenden Frageposi- tionen« oder das Ensemble »relativ invarianter. sondern auch zu klären. gehörte die Reflexion des außertheoretischen Bedingungs. dass sie die in scheinbar rohe »Tatsachen« wie auch in abstrakte Begriffe eingegangenen. sondern auf deren Strukturen selbst. ist es doch wesentlich das Verhältnis von Wissenschaft.

Hinsichtlich der philosophischen Begründungen dieser Theorieform bezog sich Horkheimer auf den von Descartes bis Husserl entfalteten Begriff der »Theorie«. insofern die dem Individuum zugeschriebene Vernunft- bestimmtheit des Handelns der gesellschaftlichen Praxis ermangelt. ging es der kritischen Theorie um eine umfassende Konstruktion der geschichtlichen Gegenwart und Zukunft. Traditionelle Theorie Um nun Horkheimers Konzept der kritischen Theorie historisch zu situieren. damit aber. S. und zwar unter der Perspektive der Veränderbarkeit der herrschenden Gesellschaftsformation zum Besseren. S. 174). Während die traditionelle Theorie ein Mo- ment des arbeitsteilig organisierten Prozesses der Naturbeherrschung blieb. 216). ist […] ein problematisches Unternehmen« (Horkheimer 1937b. 3. die sich selbst am empirisch-analytischen Paradigma der Naturwissen- schaften orientieren. verkörpert die kritische Theorie das Begreifen der Gesellschaft. ihr legitimes Paradigma in Naturwissenschaften und Mathematik haben. »kritischem Verhalten« und »kritischen Subjekten« (1937b. sinngemäß in [die kritische Theorie der Gesellschaft] einmünde[n]« (1937b. und zwar vor allem dann. »In der bürger- lichen Wirtschaftsweise ist die Aktivität der Gesellschaft blind und konkret. »Die kritische Theorie der Gesellschaft in Soziologie zu verwandeln. Horkheimers Entwurf der kritischen Theorie war demnach vor allem gegen diejenigen philosophischen und soziologischen Theorien gerichtet.). vergangenen und erstrebten zu- künftigen Funktionen und Verwendungsweisen in die Reflexion mit aufnehmen sollte. sprach Horkheimer individualisierend auch von »kritischem Denken«. des vernünftigen »Interesse[s] an der Aufhebung des gesell- schaftlichen Unrechts« (1937b. ihren Gegenstand letztlich ver- fehlen. die sich um den Menschen kümmert. S. S. wenn das soziologische Begriffsinventar formal. Wegen des mit der kritischen Theorie verbundenen moralischen Motivs. bei dem diese Trennung allemal schon eine ideo- logieanfällige Abstraktion ist. ist die sogenannte traditionelle Theorie und ihr Wandel noch genauer zu betrachten.66 Gunzelin Schmid Noerr und Folgen. 213). Während die traditionellen Theorien. der moralisch-praktische Bezugspunkt das Interesse an der vernünftigen Gestaltung des gesellschaftlichen Ganzen. Auf der anderen Seite müsste »jede konsequente intellektuelle Anstrengung. so Horkheimer. 206). Vorentscheidungen und Intentionen. das heißt ohne Bezug auf den jeweiligen historischen Kontext verwendet wird. Der zentrale theoretische Bezugspunkt von Horkheimers Überlegungen war also das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft. seiner Konzeption zufolge. in denen Erkennt- nissubjekt und -objekt prinzipiell getrennt sind. der ein Zusammenspiel von induktiver Beschreibung und deduktiver Systematisie- . Der kritischen Theorie geht es um nicht weniger als dass dieser Widerspruch durch die praktische Verwirklichung ihres Vernunftinteresses gegenstandslos werde. 180ff. S. die des Individuums abstrakt und bewußt« (1937b. Der Begriff des »Menschen« ist dabei für die kritische Theorie widersprüchlich angelegt.

173).). Diese These der Vermittlung lässt sich am Kontrast zur Philosophie des frühen Wittgenstein erläutern. wie sie für das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft vorhanden ist […]. ideologische Kategorie. »Die gesamte wahr- nehmbare Welt. Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute 67 rung enthält. wie weit diese selbst und auch deren Wahrnehmung geschichtlich präformiert sind. die wiederum Wahrheitsfunktionen ihrer selbst sind. Aber sie musste zu ideologisch verzerrten Resultaten führen. was der Fall ist. dass solche Arbeit [der Wissenschaftler] ein Moment der fortwäh- renden Umwälzung und Entwicklung der materiellen Grundlagen dieser Gesellschaft dar- stellt. als ob er etwa aus dem inneren Wesen der Erkenntnis oder sonstwie unhistorisch zu begründen sei. sobald sie auf die Methodologie der Sozialforschung übertragen wurde oder philosophisch-erkenntnistheoretisch verallgemeinert wurde.« (Horkheimer 1937b. Die . Sinnvoll ist ein Satz demnach dann. das sich auf scheinbar unmittelbar gegebene Tatsachen bezieht. Daraus ergab sich eine doppelte wissenschaftstheoretische Frontstellung: Gegenüber pragmatistischen und utilitaristischen Erkenntnistheorien betonte Horkheimer die Autonomie des Wahrheitskriteriums in der Wissenschaft. so Horkheimer. Soweit der Begriff der Theorie jedoch verselbständigt wird. Auf diese Weise sollte die logische Struktur sinnvoller Sätze bestimmt werden. gilt ihrem Subjekt als Inbegriff von Faktizitäten. als Folge der gesamtgesell- schaftlichen Arbeitsteilung erklärbar. Aus beiden lassen sich bedingte Prognosen ableiten. Eines der Wesensmerkmale der traditionellen Theorie war für Horkheimer das des ordnenden Denkens. die schon Hume in die Philosophie hatte einführen wollen – in logisch strengster Form auf die gedankliche Repräsentation der Wirklichkeit angewandt. sie ist da und muß hingenommen werden« (1937b. 40 f. nach letzten Bausteinen der Wirklichkeit zu suchen und ihre Gesetzmäßig- keiten zu beschreiben – die Methode. 11): »Die Welt ist alles. Horkheimer sah darin einen adäquaten Ausdruck der gesell- schaftlichen Funktion traditioneller Theorien. um das Sagbare und Denkbare gegen das Unsagbare abzugrenzen. wenn er eine Wahrheitsfunktion von Elementarsätzen ist. Diese Formulierung erinnert nicht zufällig an den ersten Hauptsatz von Wittgensteins Tractatus (1918/21. S. S. Wittgenstein hatte die atomistische Methode der Naturwissenschaf- ten. Seine Kritik der traditionellen Theorie bezog sich weniger auf diese Funktion als auf ein falsches Selbstverständ- nis beziehungsweise eine falsche philosophische Deutung ihrer Methodik: »Es besteht kein Zweifel. S.« Der frühe Wittgenstein erscheint im Kontext der Frank- furter Schule wiederholt als einer der am ernstesten zu nehmenden Vertreter des Positivismus. verwandelt er sich in eine verdinglichte. S. zur technischen Handhabung natür- licher (und sozialer) Mechanismen beizutragen. 168) Die Gesellschaftsblindheit der traditionellen Theorie und gegebenenfalls die Ab- spaltung gesellschaftsbezogener Zwecke und Verantwortlichkeiten in den privaten Bereich des jeweiligen Gelehrten war. insofern diese Arbeitsteilung im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft unvermeidlich schien. Und zugleich bestand er gegenüber der positivistischen Trennung von Theorie und sozialer Praxis auf deren Vermitteltheit in der Differenz (Horkheimer 1932. ohne zu berücksichtigen. Das logische Gerüst der traditionellen Theorie ist die Subsumtion des einzelnen Sachverhalts unter Gesetzesaussagen.

Wissenschaftlichkeit im strengen Sinn begrün- dete sich durch die alleinige Geltung von Wahrheitsansprüchen und den Aus- schluss sozialer Ansprüche wie Dienst an der Kirche oder an Herrschern. in ihnen erscheinende Allgemeine zu durchdringen. Diese historische Grenze scheint nun aber in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erreicht und überschritten worden . Experi- ment und Hypothese entsprachen. Logik und den Diskurs der scientific community geordnetes Reich des Wissens. In der Tat war für diese die Entlastung der Erkenntnisproduktion von unmittelbaren Verwer- tungsgesichtspunkten konstitutiv. Affirmative Vergesellschaftung von Wissenschaft und Technik Nun stimmte dieses (Selbst-)Bild der Wissenschaft freilich nur partiell mit ihrem wirklichen Verfahren überein. vor allem der Abkopplung des wissenschaftlichen Handelns von moralischen Zuschreibungen und sozialen Kon- sequenzen. das der menschlichen Aktivität entspringt. Und doch konnte man. Dieses besteht aus Modellen. deren Geltung von idealisierten Bedingungen abhängt. Mit seinem Begriff der traditionellen Theorie kennzeichnete Horkheimer we- sentliche Bestandteile im Verständnis der neuzeitlichen Wissenschaft. Bevor wissenschaftliche Erkenntnisse durch gesellschaftliche Praxis und Industrie ange- wandt werden konnten. Richtung und Ziele der Forschung. Theorien galten ebenso als prinzipiell reversibel wie die praktischen Operationen des Experiments. Dieser bezeichnet sowohl die Anstrengung der Theorie. ja diese Philosophie als »Computerphilosophie« (Zemanek 1992.68 Gunzelin Schmid Noerr so strukturierten Gedanken und Sätze sind mit den dargestellten Sachverhalten isomorph. jedenfalls in einem bestimmten historischen Rahmen. Mathematik. Horkheimers Gegenbegriff zur Beschreibung elementarer Sachverhalte ist der der »Konstruktion«. der Einfluss der Empirie auf die Konstruktion von Theorien sowie die Möglichkeiten ihrer Anwen- dung waren – darauf wies Horkheimer nachdrücklich hin – immer auch gesell- schaftlich präformiert. durch methodische Empirie. die Tatsachen und Erscheinungen in Richtung auf das ihnen Wesentliche. 18) be- zeichnet. über den von Horkheimer beschriebenen Sinn der Rationalisierung des Tatsachenwissens hinaus. von einer Autonomie wissen- schaftlicher Erkenntnisbildung sprechen. als Tendenz vielleicht schon latent gegenwärtig ist – das Blochsche »Noch nicht«. Zutreffend hat denn auch der Informatiker Zemanek den Tractatus dem geistigen Umfeld der Informationstechnik zugerech- net. logisch gesteuerten Informationsverarbeitung. Zudem wirkten Theoreme auch unabhängig von ihrer inner- wissenschaftlichen Akzeptanz auf die Alltagswelt zurück. 4. wie sie im Labor konstruiert werden. Wittgensteins Entwurf der wissen- schaftlichen Tätigkeit ist – in heutiger Terminologie – der einer sorgfältigen. S. als auch das geschichtlich Neue zu erfassen. bildeten sie zunächst ein in sich geschlossenes und von der Gesellschaft abgeschlossenes. Irrtümer und Misserfolge der wissenschaftlichen Arbeit wurden in Gestalt des wissenschaftstheoretischen Postulats der Falsifizierbarkeit in die Idee des wissenschaftlichen Fortschritts selbst eingebaut. also Bilder oder Modelle der Welt.

Kernenergie) führte zur Einrichtung entsprechend zweckorientierter au- ßeruniversitärer Forschungszentren entweder unter staatlicher Administration oder als Abteilungen innerhalb der Industrie. Wirtschaft und Politik eine neue Qualität an. die sich bei der Kritischen Theorie in der Rede vom Staatskapitalismus. Infrastruk- tur sowie wissenschaftlichem und technischem Personal auf die Verflechtung von Staat.und Konmmunikationsysteme. Ökonomie und staatlicher Verwaltung (vgl. Stattdessen entstanden sie jetzt als Resultate von institutionalisierten Entwicklungsprozessen. Gegenüber der Differenzierung des gesellschaftlichen Teilsystems der Wissenschaft nahm dessen Zusammenwirken mit den Teilsystemen von Tech- nik. Unter großtechnischen Systemen sind dabei solche Techniken zu verstehen. immer schon technische Großprojekte. Dadurch wurde die Geschwindigkeit der technischen Entwicklung und des Ein- dringens von Technik in alle gesellschaftlichen Lebensbereiche stark beschleunigt. Zwar gab es im Laufe der Menschheitsgeschichte.) hat dies Ende der 60er Jahre unter dem Titel »Die Antiquiertheit der Maschinen« angedeutet. Verkehrs. Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung großtechnischer Systeme änderten sich auch grundlegende Bedingungen der Wissenschaft. Wissenschaft und Technik angewiesen. Neue technische Konstrukte waren immer weniger einzelnen wissenschaftlichen Entdeckern. seit dem Turmbau von Babel und den ägyptischen Pyramiden. Die Vergesellschaftung der Wissenschaft hatte einen markanten Schwellen- wert erreicht. Die staatliche Initiierung entsprechender Forschungsvorhaben (Atom- bombe. Hatte Horkheimer den einsam nach Wahrheit suchenden Wissenschaftler noch als Ausdruck der gesamtgesellschaft- lichen Arbeitsteilung zwischen Wissenssystematisierung und -anwendung ver- standen. später von der verwalteten Welt niederschlugen – einem Begriff. aber erst im 20. dezentrale Netzwerkstruktur (später paradigmatisch durch die Vorläufer des Internet eingeführt) schon erkennen zu können.und Gegeneinander-Spiel von Technik. »Megamaschinen« (Mumford 1964/66). Wis- senschaft. So führte die Entwicklung großtechnischer Systeme zu jenen grundlegenden gesellschaftliche Veränderungen. Die klassische Trennung von theoretischem Wissen und technischer Anwendung begann sich aufzulösen. der freilich in Bezug auf die Technikentwicklung das Zusammen. Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute 69 zu sein. Jahrhundert wurden sie zur vorherrschenden Gestalt der Technik und zu bestimmenden Elementen der gesellschaftlichen Ent- wicklung. die sich in der Etablierung großtechnischer Systeme niederschlug. 110ff. so entfernten sich die Wissenschaftler mit fortschreitender Arbeitsteilung 2 Anders (1980.2 Sie waren aufgrund ihres umfangreichen Bedarfs an Kapital. Wirtschaft. Man sprach jetzt von reiner und angewandter Wissen- schaft. aber auch diese Trennung erwies sich als nicht haltbar. ohne freilich die neue. dazu Rammert 1993) noch allzu undifferenziert wiedergab. tech- nischen Erfindern oder unternehmerischen Initiatoren zuzurechnen. Beispiele dafür sind vor allem Energie-. für deren Funktionieren ein komplexes Netz weiterer technischer und sozialer Komponenten erforderlich ist und die aus diesem Grund tief in die Lebensbereiche hinein wirken (vgl. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen von Wissenschaft und Technik wurden unter dem Titel wissenschaftlicher Begleitforschung zunehmend selbst zum Gegenstand der Forschung. Bechmann 1990). .

S. 1945 legte der im amerikanischen Atombombenprojekt beschäftigte Mathematiker John von Neumann ein Konzept digitaler Rechenautomaten vor. dann mit Röhren arbeitenden Rechenautomaten eine wichtige Funktion für Militärtechnik und Spionage. 170) entschieden. nämlich in Form der Weiterentwicklung der Rechenmaschinen. seinen eigenen Entwurf. in »Lebensformen« (Wittgenstein 1953/58). als metaphysische Fiktion. Wittgenstein selbst verwarf nun den Gedanken von Sachver- halten. Ende der 30er Jahre begann man damit. Das verbleibende. 119) des Logischen Empirismus bezog. Stattdessen markierte für ihn der Begriff des »Sprachspiels« die regelhafte Einbettung jeder sprachlichen Bedeutung in sprach- liche und außersprachliche Zusammenhänge. das Bit. zu zertrümmern. kein Modell für Tatsachen. Diese kamen durch die fort- geschrittene Lochkartentechnik zu einem breiten Einsatz im staatlichen und öko- nomischen Bereich. das bis heute die Grundlage der gängigen Computerarchitekturen darstellt. staatlich finanzierte Drittel liegt je zur Hälfte in Händen der Hochschulen und von außeruniversitären Instituten. auf Lochstreifen codierte Rechenpläne zu ersetzen. S. Während die Kritische Theorie der 1930er Jahre die scheinbar autonome Wis- senschaft sowie die diesem Schein erliegende Philosophie und Erkenntnistheorie kritisierte. Über den absolutistischen. durch automati- sierte. dass dessen Autor inzwischen daran gegangen war. weil das Datenatom. Als Horkheimer sich in seinen Aufsätzen der 30er Jahre kritisch auf den Tractatus als das »philosophische Hauptwerk« (Horkheimer 1937a. Dieser Wandel lässt sich auf Grund interner Ungleichzeitigkeiten erst im Nachhinein als umfassender Zusammenhang begreifen. die unabhängig von der Sprache und ihrem kontextuellen Gebrauch exis- tieren. Die weitergehende intensive Verflechtung von universitärer und unternehmerischer Forschung gilt allgemein als erstrebtes Ziel. Während des Zweiten Weltkriegs hatten in den USA und in Großbritannien die nun mit Relais. Die Automatisierung der Verwandlung von Bits in Bits war und blieb eine rein syntaktische Operation ohne semantischen Bezug. konnte er nichts davon wissen. während sie die Reflexion des gesellschaftlichen Bezugs von Wissen- schaft einforderte. die zahlreich einge- setzten – in den USA »Computer« genannten – Rechner(innen). Technisch aber ließ er sich deshalb erfolgreich einsetzen. . den Wittgenstein selbst längst als starr und einseitig kritisierte und überwand. sondern nur für andere Modelle. die Welt durch die Zerlegung in einfachste Tatsachen und atomare Dinge in den Griff zu bekommen.70 Gunzelin Schmid Noerr tatsächlich schon zunehmend von jenem Ideal und wurden zu Funktionsträgern innerhalb eines bürokratisch geregelten kapitalintensiven Produktionsprozesses. So nahm in Form des binären Codes der elektronischen Datenverarbeitung jener Atomismus des Tractatus eine materielle Gestalt an. vollzog sich tatsächlich ein entsprechender Wandel im Verhält- nis von Wissenschaft und Gesellschaft – nur freilich nicht in jenem emphatischen Sinn eines moralischen Vernunftinteresses. sondern in der Industrie« (Horkheimer 1937b. Eindeutigkeit beanspruchenden Atomismus der sprachlichen Weltaneignung wurde aber tatsächlich »nicht im Kopf der Gelehrten. die vorgegebene Schemata schrittweise in mechanische Rechenmaschinen eingaben. Heute werden in Deutschland etwa zwei Drittel der Forschungen von Wirtschafts- unternehmen finanziert. zum Beispiel Zahlen oder sprachliche Zeichen. darstellt.

Dies geschieht zunehmend dort. 3) dem Informationssubjekt (S). wenn es um die technischen Anwendungen der Informatik in der Gesellschaft geht. das die fragliche Wirklichkeit repräsentiert. um die technokratischen Blütenträume der »starken« Künstlichen-Intelligenz-Forschung zu kritisieren (vgl. Das aber bedeutet. dass M mit O verschmilzt. sondern das Umfeld. S. dass avancierte »traditionelle Theorien« wie die Informatik und Informationstechnologie. S. die Reflexion des Entstehungs.und Verwendungszusam- menhangs« (1993. und 4) dem aktuell zu beeinflussenden Informationsadressaten (A): S M A O Die analytisch zu trennenden Aspekte der Informationsrelation können nun in unterschiedlicher Weise realisiert werden. so erweist es sich im systematischen Überblick als perspektivisch-zweckhafte. auf Grund der Struktur ihres Gegenstandes heute zumindest auf wissenschaftstheoretischer Ebene nicht mehr umhin kommen. das aus vier Subsystemen und den sie verbindenden Relationen zusammengesetzt ist: 1) dem Modell (M) oder Informationsobjekt.). das einst von Horkheimer bezeichnete theoretische Merkmal der »kritischen Theorie«. dass sich also die traditionelle Unterscheidung von erkenntnisbildendem Forschungsmaterial und repräsentierter Wirklichkeit auflöst. wo sich eine . das die Information erzeugt oder nutzt. 275): »[Wittgensteins] Wende hat nur eine Deutung [für die Informatik]: Die Bedeutung eines Programms hängt von dem Informationsverarbeitungsspiel ab. interessengeleitete Kon- struktion. dass es sich beim Informationsbegriff der Informatik um eine mehr oder weniger zweckmäßige Abstraktion handelt. Steinmüller (1993. 27ff. in eigene Regie zu nehmen. bestimmen die Bedeutung des Geschehens.« Wenn das Verfahren der Informationsverarbeitung das der syntaktischen Manipu- lation ist. S. dann folgt daraus. der repräsentierten Wirklichkeit. der eben dieses Verhältnis thematisiert. in der diese Informationsverarbei- tung betrieben wird. ob den Benutzern bewusst oder nicht. 194 f. So betont Zemanek (1992. in den jede Information. auch so. Diese kommen spätestens dann ins Spiel. Nicht der Formalismus in sich vermag die Bedeutung zu tragen.). S. 193). das mit ihm getrieben wird. eingebettet ist. oder auch A mit S (das Subjekt bildet sich Informationen über sich). Kennzeichnend für die Risikogesellschaft ist nun insbesondere der (von Stein- müller nicht in Erwägung gezogene) Fall. die vielen Facetten des Anwendungsfeldes und der Institution. Searle 1984. Mit diesem Schema – darauf kommt es mir hier an – entwirft Steinmüller die formalen Koordinaten des sozialen »Entstehungs.und Verwendungszusammen- hangs. Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute 71 Diese Eingeschränktheit des Computers auf syntaktische Zeichenmanipulation war später ein entscheidenderAnsatz. dass etwa A mit O zusammen- fällt (der Adressat wird über sich informiert). Abstrahiert wird nämlich von den sprachlichen Dimensionen der Semantik und Pragmatik. interpretiert den entsprechenden Informationsbegriff als komplexes Modell. 2) dem Informationsoriginal (O). Kann das Verhältnis M – O in der ausschnitthaften Abstraktion noch als Abbildverhältnis verstanden werden. Sie ist darüber hinaus auch zu einem Bestandteil der wissenschaftstheo- retischen Reflexion der Informatik geworden.

politische und instrumentelle Klugheits- regeln bestimmen die wissenschaftlich-institutionelle »Technikfolgenabschätzung« (die freilich gegenüber der realen Technikentwicklung notorisch zu spät kommt). verweisen aber zugleich (ganz im Sinn des oben zitierten Horkhei- merschen Diktums. Kritische Vergesellschaftung von Wissenschaft und Technik Die geforderte Neubestimmung bezieht sich auf die Legitimation des mehr oder weniger unvermeidbar die Laborgrenzen überschreitenden Forschungshandelns. dass ihre Thematik eng mit morali- schen Fragen verknüpft ist: wie Verantwortung für Forschung neu zu verteilen sei. mit. wo sie in der öffentlichen Meinung zunächst nicht mit Risiken ver- bunden wurden (zum Beispiel im Fall der FCKW-Emissionen). Die hier stattfin- dende affirmative Vergesellschaftung der Wissenschaft – »Vergesellschaftung« nicht als kritische Indienstnahme der Wissenschaft durch ein gesellschaftliches Gesamt- »Subjekt«. sondern direkt über die Erzeugung neuen Wissens beteiligt. Krohn und Weyer (1990) haben diese vor allem im Fall von Risikotechnologien be- drohliche Tendenz dargestellt. erlangen die Funktion der Bestätigung und Falsifikation von Theorien. obwohl nicht als Experimente intendiert. Ökonomische. Während also der theoretische Aspekt der kritischen Theorie. jede konsequente intellektuelle Anstrengung. Allerdings suspendieren sie diese Fragen sogleich zu Gunsten einer diagnostischen Analyse. Damit verbleiben sie zwar in den selbst gezogenen Grenzen »traditio- neller« Theorie. Sie ist ihrem (historisch erkämpften) Freiraum entwachsen. die gesellschaftliche Konstruk- . Die Gesellschaft wird Wissensgesellschaft und trägt als solche auch die Risiken des Wissenserwerbs. sondern umgekehrt als Instrumentalisierung des sozialen Lebens durch die Wissenschaft – nimmt heute unter den Bedingungen immer rascherer tech- nischer Innovationen die Form an. zum Beispiel im Fall der Berechnung von nicht-linearen Wirkungen der Emission von Abgasen oder von Freisetzungsversuchen gentechnisch manipulierter Organismen. S. die sich um den Menschen kümmert. So verschränkt sich die Vergesellschaftung der Wissenschaft mit der Verwissen- schaftlichung der Technik. zunehmend in den Risikodiskurs einbezogen. den Irrtum. Technische Unfälle.« (Krohn/Weyer 1990. müsse sinngemäß in die kritische Theorie der Gesellschaft einmünden) auf die Notwendigkeit der Überschreitung dieser Grenze. und es ist an der Zeit. Wissenschaft heute »ist an der gesellschaftlichen Entwicklung nicht mehr nur indirekt über die Anwendung ihrer Erkenntnisse. Krohn und Weyer weisen selbst darauf hin. dass deren gesellschaftliche Implementierung sich zunehmend weniger auf gesichertes Wissen berufen kann und stattdessen selbst Merkmale der experimentellen Erzeugung neuen Wissens aufweist. die Gesellschaft mit der Durchführung von »Real- experimenten« zu belasten. ihr Verhältnis in der Gesellschaft neu zu bestimmen. 118) 5. und ob auch die Gesellschaft als ganze Anspruch auf einen der Menschenwürde des Individuums analogen normativen Schutz vor experimenteller Indiestnahme habe. In der Folge werden technische Implementationen auch dort.72 Gunzelin Schmid Noerr komplexe Realität der modellhaften Simulation entzieht.

Dagegen stemmte sich die Kritische Theorie mit ihrem Engagement für die Einrichtung einer »vernünftigen Gesellschaft«. bei ihrem Forschungshandeln gleichsam neben sich zu treten und nach dem übergreifenden Sinn ihres Tuns zu fragen. Vielleicht sind es nicht zuletzt diese Zumutungen. Zugleich aber schirmte sich die Gesellschaft politisch und kulturell gegen grundlegende Al- ternativen immer dichter ab. nämlich die von Horkheimer intendierte Möglichkeit und Fähigkeit der »kritischen Subjekte«. schrieb Bloch in eben diesem Sinn. »in denen Geschichte. bedeutete auch. die Tendenz zur Vegesellschaftung von Wissenschaft und Technik und glaubten an die Möglichkeit. heute vielfach in die avancierten »traditio- nellen« Theorien eingewandert ist. die in Kreisen gestandener Philosophen und Soziologen anhaltend starke. mit befördernder Arbeit am Heraufziehenden. S. dass sie in ihren Fortschritten weniger den immanenten Gesetzen reiner Theorie folgte. Vor dem Hinter- grund der einsetzenden affirmativen Vergesellschaftung von Wissenschaft und Technik entwarfen sie Gegenbilder einer kritischen Vergesellschaftung. teils explizit normativ ausgezeichneten gesellschaftlichen Interessen beeinflussen.3 Diese schwer zu er- füllende Zumutung der kritischen Theorie besteht für die Einzelnen darin. vielleicht für Jahrhunderte. diesem Prozess humane Formen und Ziele zu geben. militärischen und staatlichen Planungen. ihre moralische Urteilskraft weit über die gewöhnlich überschaubaren Handlungs- ketten hinaus auszudehnen. Denn die Fortschritte von Wissenschaft und Technologie erforderten eine erhebliche räumliche und zeitliche Ausweitung der ökonomischen. Sie wollte die Weichenstellung der gesellschaftlichen Entwicklung im Sinn der von ihr teils implizit. 362ff. Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute 73 tion von Wissenschaft und Forschung. hat die kritische Theorie ihr genuines Feld nach wie vor in der (Neu-)Bestimmung der moralisch-praktischen Beziehung zwischen Wissenschaft. Dass die Wissenschaft nun zur entscheidenden Pro- duktivkraft wurde. ja sie übersteigerten ihn zu Entwürfen gesamtgesellschaftlicher Praxis. und für die Gesellschaft darin. Sie spürten. Es war eine entscheidende Schwelle hin zur heutigen Risikogesellschaft. »Zeiten wie die heutige«. so lässt sich konkretisieren. indem sie der Ortlosigkeit der bestehenden Verhältnisse ihre Utopie einer endlichen Versöhnung entgegenhielt. haben das Gefühl fürs Novum extrem. negative Gegenaffekte generieren. die die Individuen ihres traditionellen Ortes beraubte und in die Ortlosigkeit. Technik und Gesellschaft.) innerhalb seines Erklärungsschemas analysiert und als »Antiquiertheit des ›Sinns‹« verbucht. . die systemisch indu- zierten Abläufe durch individuelle moralische Einsprüche gefährden zu lassen. mit angehaltenem Atem. Horkheimers Entwurf entstand an der krisenhaften Schwelle einer Gesell- schaftsepoche. was Zukunft ist. 3 Auch diesen Effekt hat bereits Anders (1980. 336). herauf- ziehend Möglichen« (Bloch 1954. die U-topie hinauswarf. auf der Waage steht. Unter Bedingungen der affirmativen Vergesellschaftung von Wissenschaft und Technik heute hat aber nichts weniger Platz und Zustimmung als die subjektive Verkörperung der Reflexion gesellschaftlicher Voraussetzungen und Folgen des Wissens. sondern zunehmend durch gesell- schaftliche Interessen bestimmt wurde. sie spüren.

Diese Hoffnung. die außerhalb ihrer Entscheidungsmöglichkeiten. ist aber insofern illusorisch. die an sie gestellt werden. Zudem sind die Werte.74 Gunzelin Schmid Noerr Auf den miteinander konkurrierenden Einzelnen lastet ein hoher Druck. nämlich einerseits eine eher indvidualisierende Ethik der Technik (und der Wirt- schaft). Zwar mag eine Perfektionierung der gesellschaftlichen Steue- rung zukünftig erreichbar sein. da sie. dient die Technikbewertung der wissenschaftlichen Politikberatung und damit der staatlichen Steuerung der Tech- nisierung. dass sie von einem individualistischen Handlungsbegriff ausgeht. Ihre Schwierigkeiten resultieren unter anderem daraus. die freilich dem Handeln und Bewusstsein der Ingenieure weitge- hend äußerlich bleiben. Die Ethik der Technik krankt grundsätzlich an der moralischen Schwäche der Einzel- nen gegenüber der Logik der Verhältnisse. Ropohl 1996). andererseits eine politisch ausgerichtete Technikfolgenabschätzung oder Technikbewertung (vgl. in die andere Sackgasse einer bloß reaktiven Bewertung von Entwicklungen hineinführt. So verordnen sich Berufsverbände Ethikkodizes. der der kollektiven Struktur technischen Handelns unangemessen ist. Damit würden aber auch die Freiheitsspielräume 4 Beispielsweise hat die Gesellschaft für Informatik 1994 entsprechende »Ethische Leit- linien« formuliert. . Eine darin angekündigte Fallsammlung über ethische Konflikte ist mangels Mitgliederresponses bis heute nicht zustande gekommen. Folgt man der zusammenfassenden Darstellung dieser beiden Diskurse bei Ropohl. Die ältere Kritische Theorie war noch. die gelegentlich auch heute noch von kritischen Theoretikern proklamiert wird. Umgekehrt bleibt die sozialwissenschaftliche Technikbewertung zum Zweck der politischen Steuerung oft ohne Einfluss. ohne ihr oft genug ant- agonistisches Verhältnis untereinander und in der Gesellschaft zu reflektieren. Dennoch sind die Verantwortungsprobleme technischen Handelns offensicht- lich zunehmend unabweisbar geworden. als eine zentralperspektivische politische Steuerung auf Grund des mit ihr verbundenen Machtgefälles grundlegende Täuschungen und Selbsttäuschungen erzeugt und so hinsichtlich ihrer Kapazitäten der Problembewältigung unterkomplex bleibt. sich mit den gesellschaftlichen Anforderungen. wenn sie nicht totalitär restringiert sind. Während die Ethik der Technik diesen Ansatzpunkt in der moralischen Aufklärung über technisches Handeln (insbesondere der Erzeuger von Technik) sucht.4 Eine normative Ethik der Technik ist weder allgemein verbindlich formulierbar noch gar durchsetzbar. Den Produktionsverhältnissen moderner Gesellschaften scheint. von der Hoffnung getragen. die eine Sackgasse der Planwirt- schaft vermeidend. in der Industrie. Beide zielen auf unterschiedliche Weise auf die Beherrschung des faktisch unbeherrschten Prozesses der Technisierung ab. ein relativ hohes Maß an Ungesteuertheit des Gesamtprozesses unabdingbar zu sein. um deren Risiken und negative Folgen zu minimieren. ablaufen. Deshalb haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zwei weitgehend voneinander getrennte Fachdiskurse entwickelt. dass der Gegensatz von individueller ohnmächtiger Vernunft und gesellschaftlicher unvernünftiger Macht sich in der Konstitution eines gesellschaftlichen Gesamt- subjekts versöhnen lasse. wie erwähnt. zumeist als allzu selbstverständlich unterstellt. dann leiden beide an komplementären. zu identifizieren. die den Bewertungen zugrunde liegen. typischen Schwierigkeiten.

von der Sozialisation der Individuen über die politische Öffentlichkeit bis zur gesetzlichen Sanktionierung. da technisches Handeln heute zugleich soziales. 1996. durch Ideologien bloß verdeckten Interesses eingeschlagen haben – dann bleibt offenbar nur die Alternative. die zu den Bedingungen von Produk- tivität gehören. mit Hilfe derer die Technikbe- wertung mit dem Prozess der Technikgenese in allen seinen Stadien verbunden werden könnte (vgl. die Bedingungen und Schranken des (für sich allein ohnmächtigen) ethi- schen Wissens darstellen. 259 ff. die Last der sozialphilosophischen Frage nach den Grundlagen unserer ökonomischen und sozialen Ordnung auf sich nehmen. in welcher Gesellschaft wir leben wollen. den schon Platon mit der Gleichsetzung von Gutsein und Wissen. zur philosophischen Spezialdisziplin gewordene Ethik war für die ältere Kritischen Theorie ebenso kennzeichnend wie das gegen eine »formale« Soziologie ohne Bezug auf das moralische Vernunftinteresse. Demgegenüber kann es nur darum gehen. Hier verbindet sich die techniktheoretische mit der demokratietheoretischen Aufgabe. S. Zu den zentralen Aufgaben einer kritischen Theorie der Technik heute gehört es deshalb. Dennoch scheint es unabdingbar. Dies setzt wiederum die Erprobung und Durchsetzung neuer Wege der Partizipation an Entscheidungen und des Schutzes individueller Rechte voraus. kooperatives Handeln ist. Anderenfalls bleiben diese Diskurse akademisches Glasperlenspiel oder notorisch verspätete und unzureichende Reparaturanleitung. versperrt ist – ein Weg mit ehrwürdiger Tradition. neue Wege zur Überwindung der Aufspaltung in einen individualistischen. die Instanzen der Problembeobachtung und -artikulation zu vervielfältigen und demokratisch zu institutionalisieren. dass sich Ethik der Technik und sozialwissenschaftliche Technikbewertung in sozialphilosophischer Orientierung der detaillierten Konfrontation mit der Praxis der Technisierung aussetzen. ihr zufolge. zu erproben und zu institutionalisieren. gesellschaftsblinden Ethikdiskurs und einen politisch-soziologischen. Wenn die Konstruktion eines gesamtgesellschaftlichen Subjekts. aber ethik- blinden oder -entsagenden Diskurs der Technikbewertung zu suchen. Neue kommunikative Netzwerke wären zu erfinden. Mora- lischer Impuls und gesellschaftliche Reflexion verweisen. Rousseau mit dem Begriff der volonté générale und der Marxismus mit dem des wahren. die Frage also. Ropohls Konzepte der »innovativen Technikbewertung« und der »konzertierten Techniksteuerung«. . als Alternative zur krisenträchtigen Unbeherrschtheit des sozialen beziehungsweise soziotech- nischen Prozesses. Gesellschaftliche Reflexion bezieht sich hier auf alle diejenigen Be- reiche. Dabei stiege allerdings auch die Gefahr der erneuten Vereinnahmung des kritischen Potentials durch partikulare Technisierungsinteressen.). Technisierung als gemeinschaftliches Unternehmen mit gemeinschaft- licher Verantwortung zu konzipieren. notwendig aufeinander. Das Miss- trauen gegen eine verselbständigte. Zur sozialphilosophischen Kritik der Technik heute 75 der Einzelnen tendenziell beseitigt werden. Die Ethik der Technik wie die ingenieurwissenschaftliche und gesellschaftstheoretische Technikbewertung müs- sen.

Bd. Max (1988 [1932]). – (1988 [1937a]): Der neueste Angriff auf die Metaphysik. a. in: Ges. M. Arnold (1957): Die Seele im technischen Zeitalter. Herbert (1967 [1964]): Der eindimensionale Mensch. Searle. – (1967 [1953/58]): Philosophische Untersuchungen. Spengler. Identität in Zeiten des Internet. 4. 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. Zemanek. M. Schriften.: Ges. Tübingen Horkheimer. Sherry (1999 [1995]): Leben im Netz. Günter (1996): Ethik und Technikbewertung. in: Ges. Wolfgang/Weyer.): Riskante Entscheidungen und Katastro- phenpotentiale. Lewis (1977 [1964/66]): Mythos der Maschine. Johannes (1990): Die Gesellschaft als Labor. Frankfurt a. Frankfurt a. Frankfurt a. John R. 4. Frankfurt a. Frankfurt a. Frankfurt a. in: ders. Bd.76 Gunzelin Schmid Noerr Literatur Anders. Schriften. Opladen Ropohl. Martin (1963 [1927]): Sein und Zeit. M.: Technik aus soziologischer Perspektive. I. Bd. Schriften. Bd. M. . in: ders. Heinz (1992): Das geistige Umfeld der Informationstechnik. M. 3. Bd. Gotthard (1990): Großtechnische Systeme. Schriften. Darmstadt Turkle. Frankfurt a. 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. Helmut (1978): Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung. Das Prinzip Hoffnung. Ernst (1973 [1954]). M. in: Jost Halfmann/Klaus-Peter Japp (Hg. Berlin u. München – (1980): Die Antiquiertheit des Menschen. Hirn und Wissenschaft. München Steinmüller. Marcuse. Oswald (1971 [1931]): Der Mensch und die Technik. Opladen Bloch.): Riskante Entscheidungen und Katastrophenpotentiale. Bd. Friedrich (1927): Philosophie der Technik. Bonn Dubiel. in: ders. Werner (1993): Wer oder was steuert den technischen Fortschritt?. 3. – (1988 [1965]): Brief an den S. (1986 [1984]): Geist. Ludwig (1964 [1918/21]): Tractatus logico-philosophicus. Wilhelm (1993): Informationstechnologie und Gesellschaft. Fischer Verlag. in: Jost Halfmann/Klaus Peter Japp (Hg. Risikotransformation und Risikokonstitution durch moderne Forschung. Günther (1994 [1956]): Die Antiquiertheit des Menschen. Dessauer. – (1988 [1937b]): Traditionelle und kritische Theorie. Frankfurt a.: Ges. Gehlen. Opladen Rammert. München Bechmann. Einführung in die Angewandte Informatik. Frankfurt a. M. Reinbek bei Hamburg Wittgenstein. Bemerkungen über Wissenschaft und Krise. Krohn. Bd. Hamburg Heidegger. Frankfurt a. M. Neuwied und Berlin Mumford. M. Frankfurt a. M. M. Risiko und gesellschaftliche Unsicher- heit.

von Ethik-Komitees in Krankenhäusern auf lokaler Ebene bis hin zu internationalen ethikberatenden Gremien. hängt davon ab. B. (Ein deutschsprachiger Versuch. wo sich mit der Historisierung der Kritischen Theorie. die sich als Moralprobleme fassen und bearbeiten lassen. was an den Bedingungen kapi- talistischen Wirtschaftens moralisch belangvoll für die so eingebundenen Akteure ist.Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements Matthias Kettner 1. B. vermisse ich eine Beschreibung des Kerns dieser Theorieform. Beide Zweige angewandter Ethik haben in den letzten zwanzig Jahren in vielen Ländern einen erheblichen Einfluss auf institutionelle Veränderungen gewonnen. Reijen 1986. »Medi- enethik«) auseinanderhalten möchte.und Unternehmensethik. Besonders die Bioethik hat ein internationales Netz von eigenen Institutionen ausgebildet. »Computer-Ethik«) und allgemeinere (z. oder die Phänomene auf be- stimmte Aspekte reduzieren. mit der Erarbeitung von völkerrechtlichen Erklärungen. Einleitung Die Geschichte der kritischen Theorie und die Motive. die in enzyklopädischer Form betrieben wird (Rasmussen 1996). sind bereits eindringlich und facettenreich dargestellt worden (Dubiel 1978. mit reformerischen Ansprüchen auftreten. die deutlich machen könnte. Die Wirt- schafts. mit gewissen Einschränkungen. beschäftigen. Doch auch dort. noch systematische Erkenntnisinteressen verbinden. B. Die Bioethik artikuliert Legitimationsprobleme der Lebens- wissenschaften und des Gesundheitssystems in der Sprache der Moral. dass sie an den bereichsspezifischen Krisenphänomenen diejenigen Aspekte angehen. dass zwischen dieser Theorieform (die nur scheinbar abgetan ist) und bestimmten aktuellen normativen Theoriepraktiken (die nur scheinbar gesamtgesellschaftlich bedeutungslos sind) Ähnlichkeiten bestehen. auf . Jay 1991. Ich denke an Theoriepraktiken angewandter Ethik. die in einer Reihe von wichtigen Teilbereichen der Gesellschaft. wie weit man spezielle Anwendungen (z. Demirovic 1997. etwa der Bioethik-Konvention innerhalb der Euro- päischen Union. Das Spektrum angewandter Ethik ist inhaltlich sehr breit. Aber zwei Zweige angewandter Ethik haben sich in den letzten zwanzig Jahren unbestreitbar gut etabliert und konturiert: Die biomedizinische Ethik und. das Spektrum ange- wandter Ethik vorzuführen. liegt mit dem von Nida-Rümelin (1996) heraus- gegebenen Handbuch vor. in denen sich Krisenphänomene in ganz verschie- denen bereichsspezifischen Formen ausbreiten. Waschkuhn 2000). Die Paradigmenvielfalt innerhalb der beiden genannten Hauptzweige angewandter Ethik kann ich an dieser Stelle nicht behandeln. die sich z.und Unternehmensethik behandelt alles. die Wirtschafts. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin. Wieviel Zweige angewandter Ethik man unterscheiden möchte. die ihre Diskursformation erklären.

begreifen zu können. Ich versuche nun fünf Momente zu rekonstruieren. ein Interesse. das auf die Er- möglichung bestimmter Lernprozesse gesellschaftlicher Art abzielt. sondern ein inter- disziplinäres. Sinn und Form geben. wie sie bei den vorhandenen technischen Mitteln möglich ist. Diese Lernprozesse können wir auch als Übergänge in den normativen Texturen begreifen. Kritische Theorie ist keine kontemplative Tätigkeit. einen Gehalt. wenn er eine bestimmte Transformation der normativen Texturen eines Praxisbereichs enthält. dass zwischen jenem Theorie- Engagement. dass und wie die Zerrissenheit und Irrationalität jetzt beseitigt werden kann. (1) Im Hintergrund solcher Bewertungen steht für kritische Theoretiker ein normativer (und auch moralisch gehaltvoller) materialer Vernunftbegriff. wird diese . wie ich im nächsten Abschnitt zeigen werde.78 Matthias Kettner interessante Weise verschiedene Paradigmen in der angelsächsischen Bioethik ver- anschaulichen Beauchamp & Childress (2001) vs. interessante Ähnlichkeiten mit denjenigen Momenten angewandter Ethik haben. wie diese Tätigkeit und ihre Ergebnisse relevant für jene Lernprozesse sind. von dem die kritische Theorie ohne weiteres meint. Gert et al. 2. Ein Lernprozess ist im Sinne der kritischen Theorie erwünscht. aus denen sich Teile der angewandten Ethik als ein kritisches Reformprojekt begreifen lassen. Als die Einsicht. um Letzteres als eine Fortsetzung der kritischen Theorie in einem begrenzten Feld. die über die gesamte Breite des sozialen Lebens unseren Praktiken Richtung.) Im Folgenden argumentiere ich für die These. das programmatisch als kritische Theorie der Gesellschaft entworfen worden ist. und einem Theorie-Engagement. Theoriewissen bündelndes praktisches Engagement. dem bei allen Veränderungen die Treue zu wahren ist. das in progressiven Teilen der ange- wandten Ethik angestrebt wird. dass wir berechtigt sind. der an einem Interesse an Emanzipation ausgerichtet ist. die sich als ein Übergang von einem weniger vernünftigen zu einem vernünftigeren Zustand bewerten lässt. die den normativen Kern der kritischen Theorie bilden und. Eine normative Charakterisierung der kritischen Theorie Horkheimers programmatischer Aufsatz über »Traditionelle und kritische Theo- rie« charakterisiert die anvisierte Theoriegestalt in verschiedenen Hinsichten. Homann und Blome-Drees (1992). genug Ähnlichkeiten (trotz tiefgreifender Unter- schiede) bestehen. die auf eine in kohärenten Aussagen artikulierte Weltbeschreibung und -erklärung abzielt. (1997). Die im her- kömmlichen engeren Sinne theoretische Tätigkeit geht in die kritische Theorie insoweit ein. innerhalb der deutschsprachigen Wirtschafts. als kritische Theorie der gesellschaftlichen Moral.und Unternehmensethik Ulrich (1997) vs. es (und die daran ausgerichtete Konzeption von Vernunft) bei allen Menschen prima facie zu unter- stellen: Es »hat die Idee einer künftigen Gesellschaft als der Gemeinschaft freier Menschen. an deren ermöglichenden oder einschränkenden Bedingungen kritische Theo- retiker interessiert sind.

weil sie offenbar eine – zwar dünne aber richtungsweisende – Idee des guten Lebens einschließt. kraft deren der Einzelne die vorgezeichneten Schranken seiner Aktivität als natürlich hinnimmt. 1970b. wäre ohne die Prämisse der holistischen Betrach- tungsweise unverständlich. die die ihnen Unterworfenen versklaven.). 57: »Die kritische Theorie der Gesellschaft hat […] die Menschen als die Produzenten ihrer gesamten historischen Lebensform zum Gegenstand. menschlichem Handeln entspringend. auch Horkheimer. Diese negative Formulierung ist […] der materialistische Inhalt des idealistischen Begriffs der Vernunft«. unter den gegenwärtigen Fortsetzungen kritischer Theorie auch eine aktuelle kritische Theorie der Wirtschaft der Gesell- schaft auszumachen. S.) Kritische Theorie zielt »auf die Emanzipation des Menschen aus versklavenden Verhältnissen« ab (Horkheimer 1970b. (Adornos oft zitiertes Diktum. Kohären- zen. S. 28). möglicherweise auch planmäßiger Entscheidung. 36). (»Die kritische Theorie hat bei aller Einsichtigkeit der einzelnen Schritte und der Über- einstimmung ihrer Elemente mit den fortgeschrittensten traditionellen Theorien keine spezifische Instanz für sich als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts. vernünftiger Zielsetzung unter- stehen kann« (Horkheimer 1970a. 58). aber eine Teiltheorie der kritischen Theorie wird spezi- fisch eine kritische Theorie der Wirtschaft der Gesellschaft (kritische Theorie der Ökonomie) sein. wo die Zuschreibung zurückgezogen werden muss oder die Unterstellung der Anerkennung offensichtlich nicht greift. die. Horkheimer 1970a. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 79 Idee unter den herrschenden Verhältnissen stets reproduziert« (Horkheimer 1970a. 56. S. Horkheimer 1970a. spezifizieren. 37. Von dieser Prä- misse her ist auch zu verstehen. Sie begreift den vom blinden Zusammenwirken der Einzeltätigkeiten bedingten Rahmen. Die Unterstellung der Anerkennungswürdigkeit dieses Vernunftbe- griffs prima facie bedeutet. aber nicht allgemein anerkannt«. (Es fällt nicht leicht. warum das Denken in Konstellationen. als eine Funktion. dass Fälle. Vgl. Die »Interessen des kritischen Denkens sind allgemein. Korrespondenzen und Analogien innerhalb der kritischen Theorie der ersten Generation eine so große Rolle gespielt hat. Der Bezugsbereich der kritischen Theorie ist das gesellschaftliche Leben in allen seinen Äußerungen (kritische Theorie der Gesellschaft). da offenbar von der Organisation der Wirtschaft der Gesellschaft mehr als von der Organisation anderer Bereiche des sozialen Lebens die »vernünftige Verfassung der Gesellschaft« abhängt und von dieser wiederum die »freie Entwicklung der Individuen« (ebd.) (2) Zwei weitere Prämissen sind für die Arbeit kritischer Theoretiker wesentlich: »Die Trennung von Individuum und Gesellschaft. dass das Theorie-Engagement der kritischen Theorie in dieser Theorie . Diese Vernunftkonzeption ist material (statt formal). S. Womöglich kommen Hardt/Negri 2002. Die Rede von Versklavung lässt sich seit Marx zur Rede von ökonomischen Verhältnissen. das heißt die gegebene Arbeitsteilung und die Klassenunterschiede. als erklärungsbedürftige Ausnahme zu betrachten sind. S.«) In der Konsequenz dieser Prämisse liegt auch. ist in der kritischen Theorie relativiert. sowie Kurz 1999 dem am nächsten. Horkheimer beschreibt hier die Prämisse einer holistischen gesellschaftstheoretischen Betrachtungsweise. S. es gebe kein richtiges Leben im falschen.

wenn kritisiert wird. »unwissenschaftlich«). die nämlich zugunsten des status quo. sondern als kompromisslerischen Ausdruck rationaler Anpassung an die bestehen- den. die freilich vermittelte und undurchsichtige Beziehung zur Befriedigung allge- meiner Bedürfnisse. erscheint sie . Der ungestaltbare Bereich kann nämlich auch dann zumindest indirekt zum Gegenstand des kritisch-theo- retischen Engagements werden. die Teilnahme an dem sich erneuernden Lebensprozess des ganzen. wenig rationalen Verhältnisse entziffert. ist die Spannung der postkonventionellen Ortlosigkeit. so dass C so verändert werden müsste. die Menschen in eine – kritisch betrachtet: unerwünscht – schlechte Position der Verantwortungslosigkeit bringt.) Die empirische Frage. stört: »Wenn- gleich die kritische Theorie nirgends willkürlich und zufällig verfährt. auch wenn es als erfolgversprechend gilt. die im Horizont der bestehenden Verhältnisse zwar allgemeinver- ständlich. dass seine Nichtsteuerbarkeit. das intellektuelle Tun selbst. weil durch die soziale Position des Gelehrten ihre Erfüllung belohnt und bestätigt wird. Dorschel und Kettner 1996. die die kritische Theorie bewusst in ihr Selbst. h. […] [D]ie Gesamttendenz des Unternehmens. aber. ist ihr Diskursuniversum dem ge- sunden Menschenverstand suspekt (z. die eine andere Parteilichkeit. dann der betreffende Bereich B nicht zum Gegenstand des kritisch-theoretischen Engagements werden könne. stehen beim kritischen Denken in Frage. dass wenn in einem normativ texturierten Bereich des gesellschaftlichen Lebens keine nach Ergebnis und Absicht kontrollierbaren Verän- derungen möglich sind. d. keine Gewohnheit für sich« (Horkheimer 1970a. Jedenfalls muss der Fehl- schluss vermieden werden. Weil sie die Evidenzen des gesunden Menschenverstands nicht einfach zulässt. um die sich die Wissenschaft selbst gar nicht zu kümmern pflegt. Sie betrifft den Adressatenbereich der kritischen Theorie. erscheint das kritische Engagement als eine bestimmte Parteilichkeit. derzufolge die Rede von der Herstellung vernünftiger Verhältnisse an der autopoietischen Realität aller sozialen Subsysteme (und somit auch an »der« Gesellschaft im ganzen) abprallt und einer handlungs- theoretisch nicht mehr einholbaren Form von Rationalität. dass die Gestaltbarkeit von B zunimmt. das ich hervorheben möchte. (3) Die andere Prämisse ist die Gestaltbarkeit. die von bestimmten Bedingungen C abhängt. Und weil das En- gagement der kritischen Theorie die bestehenden Verhältnisse an einer vernünfti- gen Idee misst. alle diese Erfordernisse.80 Matthias Kettner selbst als eine Form von Praxis unter anderen im Gesamt gesellschaftlich etablierter Praktiken reflektiert werden muss – eine Selbstsituierung. muss hier offen bleiben. Die Prämisse der Gestaltbarkeit gilt in der marxistisch inspirierten Sozialtheorie viel weniger eingeschränkt als in der heute dominanten Systemtheorie. wieweit die Prä- misse der Gestaltbarkeit trägt. B. der »Systemrationali- tät«. den Kreis derer. Platz machen muss. [hat] keine Sanktion des gesunden Menschenverstands. 36). (4) Das vierte Moment. S.und Weltverständnis aufnehmen und die Kommunikationsgemeinschaft der kritischen Theoretiker bilden können: »Was die traditionelle Theorie ohne weiteres als vor- handen annehmen darf. weil sie das in diesem Horizont konventionalisierte Verständnis von vernünftigen Verhältnissen zugleich auch transzendiert. (Zur Kritik an der systemtheoretischen Konzeption von Vernunft s. ihre positive Rolle in einer funktionierenden Gesellschaft. nicht allgemein ver- bindlich ist.

als »falsch« nämlich im Hin- blick auf bestimmte soziale oder politische Tatsachen. Kettner 1994. ausgeschlossen. einseitig vorteilhafter Machtverteilungen) und sich deshalb nicht aus allgemein anerkennungswürdigen Gründen rechtfertigen sondern nur motiviert verschleiern lassen. ohne Anführungszeichen. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 81 der herrschenden Urteilsweise […] subjektiv und spekulativ. wird immanente Kritik zu Ideologiekritik. Ich meine. (Für diese Auffassung habe ich andernorts. die indizieren. wenn die einbekannte Normativität der bestehenden normativen Textur einer Praxis aufgegriffen und mit derjenigen Normativität verglichen wird.) Die Anführungszeichen um »Diskurs« stehen in dieser For- mulierung für einen stets möglichen methodologischen Blickwechsel. denn eine Beobach- tungshaltung verfehlt naturgemäß dessen konstitutive interne Normativität. in Erwartung eines hinreichend guten Passungsverhältnisses zwischen einbekannter und gelebter Normativität. einseitig und nutzlos. die zum Fortbestehen der Vergan- genheit beitragen und die Geschäfte der überholten Ordnung besorgen. Methodologisch läuft diese Denkfigur auf Verfahren der immanenten Kritik hinaus. eine Doppel- perspektive: »Diskurse« sind in der sozialen Wirklichkeit stattfindende symbolisch strukturierte Sinn-Ereignisse. a priori unideologischen Standort: wer ihn behaupten und Ideologie stets zur Sache der Anderen erklären wollte. wie besonders Foucault vorgeführt hat. B. die Ausdruck partikularer Interessen sind (z. die ausgedrückt ist in dem eigentümlich inklusiven Verhältnis des Dis- kurses zum »Diskurs«: Der argumentative Diskurs. Als »Ideologie« wird üblicherweise ein kollektives »Be- wusstsein« – besser gesagt: eine einigermaßen holistische Bewusstseinsform – als auf eine eigentümlich Weise »falsch« angeprangert. Sie lassen sich beschreiben nicht nur aus der Per- spektive kompetenter Teilnehmer. (5) Die kritische Theorie übernimmt von Hegel und Marx die Denkfigur der bestimmten Negation. wie er in faktischen »diskursiven Ereignissen« . Freilich gibt es keinen privilegierten. Da sie den herrschenden Denkgewohnheiten. Eine Beschrei- bung aus der objektivierenden Einstellung von Beobachtern ist beim argumen- tativen Diskurs. sondern auch aus der objektivierenden Ein- stellung von Beobachtern. diesen Garanten einer parteiischen Welt. 37). der ebenso sich selbst als »Diskurs« problematisieren kann. überführte sich selbst des Dogmatismus und ließe jene selbstkritisch-reflexive Haltung ver- missen. Immanent ist Kritik dann. welche Regeln und Rahmenbedingungen des Wirtschaftshandelns aktuell in einer Gesell- schaft bestehen (»Bestimmtheit der ökonomischen Verhältnisse«) und wie die Beteiligten diese Verhältnisse interpretieren. Für Marx liegt die Kernbestimmung von »Ideologie« in seiner Theorie des Warenfetischismus. Feststellbare Diskrepanzen müssen erklärt und gerechtfertigt werden können. wirkt sie als parteiisch und unge- recht« (Horkheimer 1970a. Wenn sich Entstehung und Aufrechterhaltung normativer Texturen aus Verhältnis- sen erklären. argumentiert. S. In marxistischer Perspektive hat sich die Betrachtung zugespitzt auf solche Tatsachen. zuwiderläuft. dass Ideologizität nach der diskurstheoretischen Wende der kriti- schen Theorie nur befriedigend beschrieben werden kann als unrechte Verknap- pung von Diskursivierungschancen zwischen Repräsentanten kollektiver Akteure durch bestimmte »Diskurse«. die sich in den Vollzügen der betreffen- den Praxis lebendig verkörpert und ausdrückt.

sind nicht mehr nur diejenigen relevant. (politisch definierten) Rassen und Nationalstaaten. a. dadurch. Ideologiekritisch gedeutet wird eine Bewusstseinsform B. S. mit älteren Begriffen gesagt: der Aufhebung.82 Matthias Kettner auch deren Diskursivität wiederzuerkennen gestattet – ein Verhältnis der Selbst- korrigibilität. h. dass B konstitutive Überzeugungen enthält. Raymond Geuss hat die methodische Verfassung von Ideologiekritik analysiert. moralische Geltungsansprüche tendentiell gar nicht mehr als vernünftige An- sprüche angesehen werden – eines der Ideologeme des »Szientismus«. die systematische Machtasymmetrien zwischen ökonomisch definierten Klassen erzeugen. wie Herrschaftsverhältnisse von Personengruppen über Personengruppen ungerechtfertig sein können (nicht unter allen Umständen sind sie es) bzw. wie die »Diskurse« des Subsystems Wissenschaft Verknappungen von Diskursivierungschancen erzeugen. »ideologisch falsch«. 24) listet auf. dass sie mit starkem utilitaristischem Appeal den gewaltigen Nutzen herausstreichen. dass solche Macht- beziehungen als für die betreffenden kollektiven Akteure unausweichlich darge- stellt werden (»Sachzwänge«) oder als für alle gleichermaßen wünschenswert (»soziale Ziele«). Er nennt vor allem: (K1) Konfundierungen von Prä. dessen prestigebesetzte Definitionsmacht über die Codierung des umlaufenden Wissens als wahr/falsch eminente Möglich- keiten bietet. welche systematische Machtasymmetrien zwischen (kulturell definierten) Geschlechtern. bisweilen sogar offen wider besseres Wissen.und Deskriptivität. deren epis- temischer Status von den Trägern von B falsch interpretiert wird. an der Selbstaffirmation der Biowissen- schaften im Kontext der öffentlichen Kontroverse um Nutzen und Nachteil der Gentechnologie. die heute hervorstechen. wenn B . den »wir alle« erwarten dürfen. systematisch asym- metrischen Machtbeziehungen zu verschleiern – z. Für die Öffentlichkeit stellen Wissenschaftler. Außerdem ist B ein Ideologem. (religiös definierten) Weltanschauungsgemeinschaften und (ethisch definierten) Moralgemeinschaften bedingen. Dis- kurse anreizenden aber auch verknappenden Instanzen muss natürlich auch das Subsystem Wissenschaft gezählt werden. Unter den In- stanzen von Herrschaft. Als »unrecht« kann eine Verknappung von Diskursivierungschancen auf so viele Weisen bewertet werden. B. Unerwünschtheit von institutionell etablierten. dass z. auch die. den Fortgang dieser Dinge dadurch als wünschens- wert dar. (K3) Konfundierung von Plausibilität und Gewissheit. (K2) Konfundierungen von analytisch und empirisch. oder der selbstbezüglich bestimmten Negation. so Geuss. Eine andere und ungleich dramati- schere Weise. d. was »Falschsein« in diesem Zusammenhang heißen kann. Sinnfällig wird das z. sondern u. B. B. Zu den ambivalenten. Geuss (1983. wie institutionelle etablierte Machtverteilungen zwischen kollektiven Akteuren systematisch asymmetrisch und ungerecht sein können. wenn wir nachzuweisen versuchen. ist die (bereits von der ersten Generation kritischer Theoretiker thematisierte) Anmaßung von Definitionsmacht über den Begriff der Vernunft: Wissenschaft legt den Vernunftbegriff so eng aus.

oder (K6) »Überzeugungen. dass die Gesellschaft es vielen oder allen Mitgliedern ermöglicht. von denen das nicht gilt«. die sich selbst bewahrheiten […] mit solchen verwech- selt. wenn ihnen bewusst würde. die holistische gesell- schaftstheoretische Betrachtungsweise. die Span- nung der postkonventionellen Ortlosigkeit. gesellschaftliche Widersprüche verschleiern. die eine oder mehrere der kognitiven Anomalien (K1–6) hat und insofern Züge epistemischer Irrationalität trägt. dass das partikulare Interesse einer Teilgruppe das allgemeine Interesse der Gruppe als Ganzer sei«. das Desiderat der Gestaltbarkeit. ä. einer Gesell- schaft) beiträgt. nicht bloß instrumentell vernünftige) Ansprüche reproduziert. oder (K5) »falsche Überzeugungen enthält dergestalt. (K8) Ein Machtarrangement kann darum verurteilenswert sein. ihnen überflüssige Repression auferlegen (Marcuse) oder nicht gleicher- maßen im Interesse aller liegen (Habermas). zum Gegenstand von Ideologiekritik gemacht zu werden. Praktiken. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 83 (K4) an zentraler Stelle einen Objektivierungsfehler enthält. B.) eingerichtet oder auf- rechterhalten werden können. weil nicht folgt. mindestens in der Prätension. d. es darum verdient. ob sie die optimale Entfaltung der Produktivkräfte hemmen. Diese »epistemologische« Bestimmung von Ideologie ist noch unzureichend. die immanente Kritik und Ideologie- kritik – ergeben Folgendes: Dem ursprünglichen Programm einer kritischen Theorie zufolge ist kritische Theorie eine Theoriepraxis. Emanzipationskämpfe er- schweren (Marx). ein gutes Leben zu führen. wenn es wesent- lich für B ist. dass ein soziales Phänomen für ein natürliches gehalten wird. Die im sozialen Leben einer Gesellschaft bestimmenden wertrationalen Ansprüche er- scheinen teils in einbekannten Formen (manifest. Eine kritische Theorie greift diese Ansprüche auf und konfrontiert sie damit. deren Entstehungsursachen die Mitglieder dieses Kollektivs nicht anerkennen oder gutheißen könnten. dass bestimmte zu verurteilende Macht-Arrangements (= Institutionen. teils in eher verdeckten und verstellten. die Gesellschaftsmitglieder sich selbst entfremden (Horkheimer/ Adorno). Geuss führt deshalb zwei weitere Bestimmungen ein. dass sie den Erfahrungen des gelebten Lebens nicht gerecht werden. die sich für die Veränderung (und gegen die Wider- stände gegen die Veränderung) der bestehenden Gesellschaft engagiert. a. wie B (K7) relevant dazu beiträgt. explizit). h. Herrschaftsverhältnisse u. Die Ideologiekritik . h. Die fünf herausgearbeiteten Momente kritischer Theorie – ein an der Emanzipation des Glückstrebens der Einzelnen orientierter Vernunftbegriff. Macht-Arrangements können freilich in ganz unterschiedlichen Hinsichten verur- teilt werden. erst durch Interpretation artikulierbaren Formen (implizit. Im Leben jeder Gesellschaft werden wertrationale (d. weil es kausal zur Entstehung der Bewusstseinsform B eines kollektiven Akteurs (z. danach. u. Die angeführten kognitiven Anomalien bilden allenfalls Ansatzpunkte. latent). dass die Existenz von B auf diesen Ursachen beruht. eine »funktionale« und eine »genetische«: Die Ideologizität von B deuten heißt erklären. dass eine Bewusstseinsform B.

1. diesen Normen und Idealen einen ernst zu nehmenden Sinn zu geben. einge- schränkter. aber angeleitet durch eine kontexttranszendierende regulative Idee vernünftiger Praxis. Eine normative Charakterisierung angewandter Ethik Wenn es eine Fortsetzung der kritischen Theorie in einem begrenzten Feld. unseren moralischen Urteilen (z. Es ist die Aufgabe der Ethik. in denen sich die wert- rationalen Ansprüche bündeln.) Ansätze zur Selbstkritik angewandter Ethik auszeichnen (»kritische Theorie der angewandten Ethik«). zuerst des Begriffs der Moral selbst. 3. so tritt sie an den individuellen Personen in Form von moralisch bedeutsamen »Charakterzügen« und »Tugenden« (ethos: Charakter und auch Ge- wohnheit). unverbindlicher. eine kritische Theorie der gesellschaftlichen Moral. »moralischen Idealen« oder anerkannten »Moralregeln« sich manifestiert. sie zu rechtfertigen oder gege- benenfalls auch kritisch zu modifizieren. »Ethik« hingegen ist eine bestimmte Disziplin in den überkommenen Einteilungen der Philosophie. die es ermöglichen. privater werden. »Reproduktives Klo- . Einige Neuerungen in der Entwicklungsgeschichte der Programmatik der kritischen Theorie lassen sich als Reaktionen auf diese Schwierigkeit verstehen. sodann 2. 1993). Grundbegriffe einer kritischen Theorie der gesellschaftlichen Moral »Moral« als ein beschreibend gebrauchter Begriff bezeichnet summarisch alle von einem Menschen oder einer Gesellschaft als richtig und wichtig anerkannten Normen und Ideale des guten und richtigen Sichverhaltens plus der mehr oder weniger vernünftigen Überzeugungen.) ihrer moralischen Grundbegriffe versichern. B.84 Matthias Kettner der kritischen Theorie verfährt dabei zwar immanent. der prak- tisch vorhandenen und in Geltung stehenden moralischen Überzeugungen. die in ihrer Vernunft- konzeption liegt. ihre systemische Rationalität. Eine besondere Schwierigkeit entsteht der so verstandenen kriti- schen Aktivität daraus. Wie die Moral einer sozialen Gruppe positiv in ihren »Sitten«. ihrem »Gewissen« und ihren moralisch »wertvollen Handlungen« in Erscheinung (Westermarck 1909. Edelstein et al. so vor allem die mit Habermas’ »Theorie des kommunikativen Handelns« abgeschlossene Wendung gegen System- rationalität als Ideologie. nämlich Philosophie der Moral. Im Folgenden stelle ich einige Elemente dieses Programms dar. 3. dann muss sich die kritische Theorie der Moral 1. dass Ideen des guten Lebens. immer fragmentierter.) relevante Ähnlichkeiten zwischen der Programmatik einer emanzipativ ange- wandten Ethik und der Programmatik der kritischen Theorie ausweisen (»Ange- wandte Ethik als kritische Theorie«) und 3. Im Grenzwert legitimiert die Gesellschaft ihren Fortbestand nur noch mit dem Hin- weis auf ihr gutes Funktionieren. überhaupt geben kann. und wenn ein progressives Selbstvertändnis von angewandter Ethik sich mit dieser Theoriege- stalt identifizieren kann. eine theoretische Reflexion der gelebten Moral. Damit schwindet die Basis für immanente Kritik.

Soziale Funktionen von Moral. eigenes wie fremdes. Einsichtigkeit. Dass Moralsubjekte auf Andere sowie auf sich selbst Rücksicht nehmen. h. Leist 2000). Frankena 1981. die »ärztliche Standes- moral«. verachtenswertes. Krankheit und Alter) begründet sind. es gibt keine formell zur Entscheidung unklarer Fälle und zur Weiterentwicklung der Moral beauftragte Instanz (anders als im positiven Recht). S. -normen teilen Verhalten. während umgekehrt in Moralen des Altruismus die Möglichkeit der Ungleichwertigkeit von Selbst und Anderem in- nerhalb der moralischen Berücksichtigung ins Extrem der Selbstlosigkeit gehen kann. schätzenswertes. -normen (nicht aber für moralische Ideale) bietet es sich an. wie »wir alle« (d. h. h. impliziert nicht.). Die eine Moral und die vielen Moralen. d. B. die in der Unvollkommenheit der organischen Ausstattung und der fort- bestehenden Hinfälligkeit der leiblichen Existenz (besonders deutlich in Phasen von Kindheit. denen der versehrbare Leib und die darin verkörperte Person ausgesetzt sind« (Habermas 2001. In einigen historisch einflussreichen Moralauffassungen. Diese Einteilung ist informell (ähnlich wie etwa im normativen System Takt und Höflichkeit). h. d. ihre Funktion darin zu sehen. von Selbstsorge um die Steigerung der eigenen moralisch wertvollen Qualitä- ten erfüllt. erlaubtes oder sogar gebotenes) und moralisch »falsches« (d. Triftigkeit und Vereinbarkeit mit unseren übrigen moralischen und sonstigen (z. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 85 nieren ist moralisch verwerflich. S. 62 f. kann jeder. Moralen – im Plural – (etwa die »christliche Moral«. Funktion und Leistung aufeinander beziehend. S. 26). den sie Personen gegen physische sowie symbolische Verletzungen gewährt. gegen »Abhängigkeiten und Angewiesenhei- ten. wie sich unser beurteilbares Tun und Lassen auf alle relevanten Anderen sowie auf uns selbst im Guten wie im Schlechten auswirkt (vgl. h. Moral als einen sozialen Mechanismus zu sehen. eine mehr oder weniger inklusiv gedachte Menge von Trägern einer moralischen Verantwortung) ernst nehmen sollten. verbotenes Ver- halten). dass sie auf Andere genau so und im selben Sinne wie auf sich selbst Rücksicht nehmen. besonders innerhalb der so genannten »Perfektionsmoralen« (Hurka 1993). 12–18). als eine »normative Institution«. nicht erlaubtes bzw. die »Tierschutzmoral«. dessen Leistung in dem Schutz besteht. die »moderne Menschenrechtsmoral«) legen dieses . Die normative Regelung interpersonaler Beziehungen lässt sich als poröse Schutzhülle gegen Kontingenzen verstehen. sie auf ihre Verallgemeinerbarkeit. d. weil es die Menschenwürde missachtet«) auf den Grund zu gehen. Es liegt dann nah. dass man nach ihnen leben sowie eigenes und fremdes Verhalten beurteilen kann. h. Diese Einteilung von beurteilbarem Verhalten ist gemeint. handlungswirksam verinnerlichte Grundverständnis davon. denn Moralregeln bzw. wie es oft geschieht. wenn Moral. als »Handlungsorientierungs- system« oder als »handlungsleitendes Wissen« apostrophiert wird (Gert 1998. können wir das mit »Moral« gemeinte folgendermaßen bestimmen: Die Moral – im Singular – ist das gelebte. Lässt sich die so beschriebene Moral durch eine spezifische soziale Funktion und Leistung genauer fassen? Für Moralregeln bzw. wissen- schaftlichen oder religiösen) Überzeugungen und Urteilsgründen zu untersuchen (Frankena 1973 und 1981. sich selbst der nächste sein. in moralisch »richtiges« (d.

Derzufolge gehört zur Gerechtigkeit wesentlich. die vereinfachend mit den Stichworten »Gerech- tigkeit« und »Glück« gekennzeichnet werden können: Wie handelt man (ge)recht? Und wie wäre ein wahrhaft gutes Leben zu führen? Bestimmter: (1) Wie soll ein Leben im Ganzen aussehen. dadurch aber für andere gerade . dass als die am wenigsten unvernünftige Umgangsweise mit solchen Konflikten die Gerechtigkeit erscheint (Kohlberg 1995). dass sie nicht etwas sein kann. 122. (Durch schonende Rücksicht auf die Leidensfähigkeit anderer Wesen? Durch Achtung der Selbst- bestimmung von hierzu fähigen anderen – oder durch ein Gebot. um ein gutes zu sein? Und was muss einer tun. B. Interessen. ohne dass hierbei Unvernunft im Spiel sein müsste (Wolf 1999). Vielmehr gehört sie selber. höchster Werte) führt aber unvermeidlich zu Konflikten. h. wer oder was als der relevante Andere zählen soll. Durch die Geschichte des theoreti- schen Nachdenkens über Moral (Ethik) wie durch die gelebten Moralauffassungen selbst ziehen sich zwei Leitfragen. Denn wenn zwar für die einen das. Sie hat aber auch eine Eigen- bedeutung. dass Gerechtigkeit etwas für alle Menschen.) Moderne Moralen (wie die im Menschenrechtsdenken inhärente Moral) beziehen sich ihrem Geltungsanspruch nach auf alle Menschen. Es gehört zu den Kennzeichen von »Vernunftmora- len« (d. S. was sie gerecht nennen.) Solche Unterschiede wer- den in Ethik und Metaethik häufig als Unterschiede im »moralischen Status« begriffen (Warren 1997). (Alle Menschen – oder nur bestimmte? Nur Menschen – oder alle empfindungsfähigen Tiere? usw. Drei Kultivierungsrichtungen von Moral. die sie betrifft. die einen internen Zusammenhang von vernünftiger und moralischer Autorität annehmen). gutes sei. gut ist. da- mit es gerecht zugeht? Was müssen wir tun. vielmehr können in Moralgemeinschaften durchaus mehrere höchste Güter (oberste Werte) angenommen werden. damit es wirklich gerecht zugehen kann? Warum zwei Leitfragen und nicht eine? (Zur Irreduzibilität beider Fragen siehe Kramer 1992. Die rein vernunfthalber nicht mehr weiter ein- schränkbare Vielfalt möglicher höchster Güter (bzw. was für einige gut.86 Matthias Kettner Grundverständnis auf eine jeweils eigene. um ein solches gutes Leben wirklich führen zu können? (2) Wie soll unter Personen mit konfligierenden Zielen.) Offenbar ergibt weder die im gelebten Leben noch die in der Reflexion erfolgende Erkundung des moralisch Guten eine einheitliche letzte Antwort. Verschiedene Moralen können sich drastisch darin unterscheiden. z. zum Guten. Mit solchen Konflikten können Menschen auf sehr verschiedene Weise umgehen. Gerechtigkeit ist keineswegs etwas »ganz anderes« als das Gute. aber deshalb für andere schlecht ist. Bedürfnisansprüchen umgegangen werden. ja sein muss. Achtung eines Rechts auf Leben – oder durch weitergehende Verbote. ihr Wohl nach Kräften zu fördern? Durch die Zuschreibung von Rechten. als etwas gutes. Sie unterscheiden sich überdies darin. mehr oder weniger profilierte Weise aus. verlangen die Form von allseits anerkannten Rechten und Pflichten und stützen diesen Anspruch auf die Annahme eines unter allen sozialisierten Menschen normalerweise vorhandenen oder zumindest so denkbaren Vernunftvermögens. in welcher Form die moralisch verantwortlich Handelnden alle relevanten anderen Wesen berücksich- tigen sollen – und wie sich selbst im Verhältnis zu diesen. Moralauffassungen. sie zu schädigen? usw.

Die genannten Leitfragen aller Moral decken sich aber nicht völlig mit der folgenden Frage. also unter dem Gesichtspunkt. wenn man zweierlei beherzigt: Die Beschreibungsfrage kann empirisch-hermeneutisch angegangen werden. ist die Bestimmung eines strukturellen Moralbegriffs ein wichtiges Problem der Meta- ethik: Wie können wir Fragen der empirisch offenen und nichtpräjudizierenden Beschreibung moralischer Codes von Fragen der Rechtfertigung (Begründung) bestimmter moralischer Ansprüche oder Überzeugungen so trennen. Gert 1998) In der analytischen Metaethik der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts trat durch die scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit. ernsthaft moralische Urteile zu fällen: (3) Was ist richtig oder falsch. Scanlon 1998. in den Vordergrund unserer Moralauffassung. B. S. »Die Würde jedes Menschen muss respektiert werden«) können wir als inhaltsvolle Antwortversuche auf die Herausforderung begreifen. was es bedeutet. dann geht es nicht wirklich gerecht zu (Baier 1995. die zwei anderen reformulierend und modifi- zierend. was kom- petente Sprecher für ihre Moral halten. S. wer und wer nicht als kompetent gilt. nur bei Zugrun- delegung einer bestimmten Moral identifizierbare und bewertbare. wenn die Frage ist.). »Notleidenden nach Kräften zu helfen ist gut«. revidierbar. eine jahrzehntelange Selbstläh- mung ein. genauer betrachtet kann es sich freilich nicht um irgendwelche Übel handeln. »Du sollst nicht töten«. h. (Zur Bedeutung dieses Aufstiegs siehe systematisch Apel 1976 und 2001. von uns favorisierten Moral vorentschieden haben? (Ladd 1957.. Wenn kein Gott Autor der Moral ist. Die induktive Moralbeschrei- bung bleibt erfahrungsoffen. S. dass wir beide Sorten von Fragen nicht schon durch Zugrundelegung einer bestimmten.) Alle nachhaltig bekannten Moralre- geln (z. sondern nur um moral-relative. »Unnötiges Leid zufügen ist verwerflich«. dass wir in der Regel die im Zusammenleben von Menschen jederzeit möglichen (und nie eliminierbaren) Übel möglichst zu verringern versu- chen wollen (Gert 1998. S. ohne eine bestimmte Moral vorauszusetzen und dadurch per definitionem und somit unzulässig vorurteilsvoll zu privilegieren. Rawls 1992. historisch siehe Becker 1992 und Ilting 1983. Die Daten sind dann das. Übel. Ein Übel oder Gut ist nicht unmittelbar ein moralisches Übel oder Gut. wie Moral überhaupt zu definieren sei. soll niemand ihm einfach wegnehmen dürfen«. die ein spezifisch modernes (nämlich »universalistisches« i. Dieses Neutralitätsproblem (der Ethik und Metaethik) löst sich aber als Scheinproblem auf. dann sind Moralregeln nicht mehr anders zu begreifen denn als in Moralgemeinschaften sozialkonstruktiv entwickelte und festgelegte Antwortversuche auf die dritte Frage. »Was jemandem gehört. Die Rechtfertigungsfrage . und die Abgrenzungen. 326 f.). von: an alle moralisch zurechenbaren Handlungssubjekte gerichtetes) Verständnis des- sen ausdrückt. die in der dritten Frage ausgedrückt ist. Tugendhat 1993. d. »Lügen ist moralisch verboten«. wie sich jeder x-beliebige Mensch zu anderen soll verhalten dürfen und wie nicht? Seit der westlich-modernen Aufklä- rung schiebt sich diese dritte Frage. was sie als »die eine« oder als »ihre Moral« hochhalten (oder als »die Moral der anderen« abwerten). 364 f. nehmen sie ebenfalls selbst vor. 344. modifizierbar. Lässt sich Moral neutral definieren? Angesichts der historischen und kulturellen Vielfalt von Auffassungen der Menschen über das. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 87 nicht gut. Habermas 1996.

wenn mit der Behauptung jener Differenz irgendwelche normativen Konsequenzen ver- bunden werden (z. Auch wird jede Moralauffassung irgendwelche Wertstandards enthalten. die in der Kommunikations. (1) repräsentativ ernstzunehmen. Diese metaethische Begriffsbildung wird dogmatisch oder zirkulär. Ästhetik. Grün- dung des moralischen Sollens auf Vernunft (vs. wenn damit eine komplexe Fähigkeit gemeint ist. ohne jeweils eine Seite der Unterscheidung bereits auszuzeichnen. ob und inwieweit Moralobjekte durch Ak- tivitäten. Der Begriff einer Moral überhaupt sollte derlei Unter- scheidungen Raum bieten. Unparteilichkeit (vs. besser oder schlechter gestellt werden: ob und inwieweit es für sie zuträglich oder abträglich. Vorrang des normativen Modus von Verboten (vs. Die so strukturierte Fähigkeit können wir als Mitbetroffenheit bezeichnen. Etiquette. die Abwertung von M1 als »eine primitive Gruppenmoral« oder die Aufwertung von M2 als »moderne postkonventionelle Moral«). Solche Züge können sein: Universalismus (vs.und Interaktionsgemeinschaft von Menschen normalerweise entwickelt wird: Die Fähigkeit. die bestimmbar machen. in den Rang von Demarkationskriterien von Moral gegen Nicht- moral (wie Recht.). genügt es nicht. sobald bestimmte Züge derjenigen Moralauffassung. auf die. beziehungsspezifische Loyalitäten). Baier 1958). B. S. gegenüber wem und wie es sich im Rahmen von M2 rechtfertigen lässt.oder Anspruchsgruppen von Moral- objekten (= 5). die natürlich ihrerseits sich kritisch befragen lassen muss. Sorge-für-Andere (vs. die diesbezüglich zählen sollen. wie sie behandelt werden (= 4). von der »die Perspektive der Moral« abgelesen wird. kann dann immer nur im Rahmen einer Moral M2 behauptet werden. die sie betreffen. auf Emotionen oder »Werterfah- rung«. Selbstsorge). für den sie als zuständig gelten. Damit die Moralsubjekte B und C das Mo- ralsubjekt A für etwas moralisch verantwortlich machen können. Eine normative Diffe- renz. Moral als Fähigkeit zur Mitbetroffenheit.88 Matthias Kettner hingegen kann strikt normativ-reflexiv angegangen werden. Vorrang von Erlaubnissen oder Geboten). Tugendförmigkeit des Moralischen). Hinreichend offen wird die »Mo- ralperspektive« erst dann begriffen. in moralischem Sinne Rücksicht genommen werden soll: Status. Religion) erhoben werden (Wil- liams 1999). Pflichtförmigkeit des Moralischen (vs. schädigend oder nützlich. Klugheit. aber unhaltbare Lösung des Moraldefinitions- problems suggeriert die unter rationalistischen Ethikern beliebte Rede von »dem Gesichtspunkt« oder »der Perspektive« der Moral (The moral point of view. Düwell 1999. wie (2) Handlungsaktivitäten von Menschen (3) in einem Bereich. Konkurrenzlosigkeit (»overridingness«) mora- lisch guter Gründe. enthält jede Moralauf- fassung Abgrenzungen. . Partikularismus). gut oder übel ist. Vorrang des Richtigen/Gerechten vor dem Guten/Tugendhaften. und gegenüber wem und wie sie sich »eigentlich« rechtfertigen lassen sollten. Eine andere und bequemere. wo diesen in einer Entscheidungssituation Gründe anderer Art entgegenstehen könnten. um bestimmte Bereiche von Objekten zu bilden. soweit sich zurechnungsfähige Subjekte zu ihnen verhalten. 161 f. gegenüber wem und wie sich Moralurteile im Rahmen einer Moral M1 rechtfertigen lassen sollen. (4) zum Guten oder Schlechten (5) aller Wesen ausschlagen. Worauf stützt sich diese Beschreibung? Soweit wir wissen.

zeigt an. Wichtigkeit erscheint darum als Allgemeinverbindlichkeit (= 1). dass man sich lediglich für das. welche Vorlieben und Abneigungen man aufbaut. was moralisch relevant daran ist) zu kontrollieren. und C als moralisches Unrecht (oder auch als etwas moralisch Gutes) zählt. was A wenigstens in einem gewissen Ausmaß von sich aus zu kon- trollieren vermag (z. A . das Geschehen (bzw. dass man etwas ernst- nimmt. absichtlich) entscheiden können. ihr folgt. Sie werden in Gemeinschaft mit anderen ernstgenommen. Denn wo unter Menschen ein Sinn für Richtigkeit gepflegt wird. Praktiken des moralischen Urteilens wiederum vermitteln die Wichtigkeit. (Allgemeinverbindlichkeit be- zieht sich auf eine wirkliche oder angenommene Wir-Gemeinschaft. aber ohne Kognition. was es will. Für welches Spektrum von Aktivititäten kann ein Mo- ralsubjekt zuständig und deshalb im Prinzip auch moralisch rechenschaftspflichtig sein? Klarerweise gehören zu dieser Menge alle Verhaltensweisen. etwas ernstgenommen. Mit den Grenzlinien der Zuständigkeit kovariieren auch die Rechenschaftspflichten. B. Es genügt auch nicht. die Moralakteure ihrer Moralauffassung geben (und nicht nur die Richtigkeit. keine Urteilspraktiken. für richtig und wichtig. Vielmehr muss A anerkann- termaßen dafür zuständig sein. an das man denkt. moralisch sein zu wollen. Hoch- schätzung und Verachtung. zu denen Perso- nen sich frei (willentlich. das. Lob und Tadel. Dass man sich mit einer Moralauffassung identifiziert (sich von ihr leiten lässt. wenn man behaupten wollte. erkennendes Denken. welche Gewohnheiten man entwickelt. Vielmehr kann A moralisch verantwortlich gemacht werden für alles. welche Ein- stellungen man kultiviert oder aufgibt) (= 2). Das Ernstnehmen verteilt sich auf die Mitglieder einer Moralgemeinschaft: In der Gemeinschaft wird von jedem Einzelnen qua Mitglied der Gemeinschaft gegenüber sich selber sowie gegenüber anderen qua Mitgliedern der Gemeinschaft. dass auch andere Moralsubjekte – gleich ihnen – diese Ansprüche an das Handeln anderer – und an sich selbst – stellen. B. was für A. »ihr gemäß lebt« usw.) beinhaltet unmittelbar. Die Wichtigkeit ihrer Moralansprüche erscheint den Moralsubjekten zugleich als ein Ausdruck dessen.) Fassen wir das repräsentative Ernstnehmen noch genauer. dass A für das Geschehen irgendwie kausal eine wesentliche Rolle gespielt hat. wenn man eine Behauptungen über alle mögli- chen Moralen aufstellt. h. dass moralisches Ernstnehmen neben dem volitiven zugleich immer auch ein »kognitives« Moment enthält. Aber es ist keineswegs in allen Moralauffassungen so. d. in jeder Moralgemeinschaft falle deren Wir mit demjenigen unbestimmten und maximalen Wir zusammen. will etwas – und zudem hält er dies. bilden sich auch diesbezügliche Urteils- praktiken. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 89 dass etwas geschehen ist. auch welche Wünsche man hegt. doch würde man die Moral fehlerhaft beschreiben. von der sie überzeugt sind): Praktiken des moralischen Urteilens werden symbolisch- expressiv zu Vehikeln für Billigung und Missbilligung. Dass ein Moralsubjekt es auch für richtig (und nicht bloß für wichtig) hält. die man den zuständig gemachten Subjekten auferlegen kann (= 3). was man tut – im Sinne des unmittelbaren Ausführens einzelner Handlungen – verantwortlich hält oder gehalten wird. Ernstnehmen ist nicht auf Kennen oder Wissen reduzierbar sondern enthält zudem ein »volitives« Moment: Wer moralisch (statt unmoralisch oder amoralisch) sein will.

sie sucht sie allein im abstrakt Allgemeinen. Angewandte Ethik mit emanzipatorischem Selbstverständnis Von der herkömmlichen philosophischen Ethik hat sich seit drei Jahrzehnten die »angewandte« oder »praktische« Ethik abgesetzt. und zwar in einem moralisch qualifizierten Sinne von »besser«. wenn nicht dies. Schuld oder Beeinträchtigung der Selbstachtung oder der Wertschätzung seitens anderer Mitglieder ihrer Moralgemeinschaft.2. dann zumindest in be- stimmten Klassen von konkreten Einzelfällen (»im Besonderen«). Ob Versuche. strukturanalog aber auch in Verantwortungs- trägern anderer Art realisiert sein kann. C. Nur wenn sich das moralisch Bessere. besser. in philo- sophischen Begründungsdiskursen rechtfertigbare Moraltheorien in bestimmten Praxisbereichen zu verwenden oder so verwendbare Moraltheorien zu entwickeln. Zwischen einer emanzipatorisch angewandten Ethik und den fünf Momenten .) Als »angewandte Ethik« firmieren alle Versuche. die die angewandte Ethik betreibt. wie B C behandelt. Kettner 1992. für das sie sich einsetzt. die dort typisch anfallen und eine moralisch irritierende Seite haben. was sich zwar normalerweise in Gemeinschaften von natürlichen menschlichen Personen verkörpert.und interpersonell »internalisiert«. die missachtet. moralisch relevante normative Texturen durch intelligente Inan- spruchnahme moralischer Vernunft zu verbessern. kon- servative oder restaurative Richtung gehen. So ist dieser wie jener und einer so gut wie ein anderer ein »Repräsentant« ihrer Moralgemeinschaft: A wie B wie C … ist »Repräsentant« einer Menge von Moraladdressaten. (Wie diese Absetzbewegung als Ausdifferenzierung begriffen werden kann. was unter den Adressaten von M repräsentativ ernstgenommen werden sollte. 3. B. dargestellt. habe ich andernorts. ist die Moder- nisierung des moralischen Engagements. in Organisationen (Wieland 2001). dass alle anderen (inklusive A) sich daran halten. wenn A faktisch gar nicht von Bs Verhalten betroffen ist. Die traditionelle »reine« Ethik hingegen sucht moralische Orientierung unter gezielten Abstrak- tionen von konkreten Problemsituationen. …) wollen. Scham. eman- zipatorisch. dass es Akteur A nicht egal ist. z. Ist eine Moral M erst einmal intra. in eine emanzipatorische. normative. sei es in Form von Furcht. …) sich an etwas halten weil sie (B. dass die bestimmte Rücksichtnahme auf die Berücksichtigungsansprüche anderer etwas ist. d. deren Akteurqualitäten nicht die von natürlichen menschlichen Personen sind. zu bewältigen. dann zahlt eine Person. hierfür einen Preis.90 Matthias Kettner will. hängt freilich von den leitenden Moral- vorstellungen der angewandten Ethik selbst ab. zugleich als ein Beitrag im weiteren Engagement zur Herstellung vernünftigerer Lebverhältnisse begreifen lässt. h. dass alle anderen (B. die sich als die Adressaten derselben Moral M anerkennen. Dass moralische Anforderungen »repräsentativ« ernstgenommen werden heißt deshalb auch. C. um Problemlagen. Angewandte Ethik will moralische Orientierung im konkreten Einzel- fall gewinnen (»im Einzelnen«) oder. und zwar auch dann nicht. Der oben beschriebene struk- turelle Fähigkeitsbegriff der »Perspektive der Moral« ist aber so allgemein ange- setzt.

und zu- gleich Widerstand gegen jede Form von Kontextrelativismus. bereits gegeben sind. mit einer bestimmten Moralvorstellung. Sie kann dies. nämlich moralreflexive Verantwortung zu. wie die Prämisse der Gestaltbarkeit normativer Texturen (und somit: nor- mativ regulierter Praxis) im bestimmten Fall nicht aufrechterhalten werden kann. wenn sie sich als eine überformende. der die Tatsache berücksichtigt. Den Aktorinstanzen ange- wandter Ethik fällt daher (ob sie dies wahrhaben oder nicht) eine spezifische. habe ich andern- orts begründet. So bedarf es offenbar seinerseits einer moralischen Normierung. die in den vorhandenen (und konfligierenden) moralischen Vorstellungen in bestimmten Praxisbereichen schon angelegt sind. dass auch die diskursrationale argumentative Ausei- nandersetzung eine Form der Verwendung diskursiver Macht ist. nämlich die holistische Betrachtungsweise und der Rekurs auf einen materialen Vernunftbegriff. Dieser Verantwortung gerecht zu wer- den erfordert eine bis ins theoretische Selbstverständnis angewandter Ethik selbst hinein verlängerte Sensibilität für die – nur um den Preis von Hegemonialität oder Moralpaternalismus reduzierbare – Vielfältigkeit von Moralvorstellungen. dass nicht neue und womöglich sogar moralisch irritierendere Problemlagen entstehen? Nur bei Annahme dieser moralreflexiven Verantwortung nämlich ist die Verän- derung von Moral selber moralisierbar und ohne diese Weiterführbarkeit der Reflexion wäre die absichtliche Veränderung von Moral nicht kritisierbar und somit auch nicht vernünftig gestaltbar. transformative Ethik zweiter Stufe begreift. die die beiden angesprochenen Seiten der moralreflexiven Verantwortung berücksichtigt: Wie können bestimmte Moralvorstellungen. Sie wird sinnlos im bestimmten Fall in dem Maße. nur weil sie die lokal geltenden sind. die die angewandte Ethik mit der kriti- schen Theorie teilt. (1) Angewandte Ethik ist keine frei stehende und kontemplative. die Bedingung des Bestehens eines ausfüllbaren Spiel- raums der Autonomie. Auf diese konzentriere ich mich im Folgenden. ist Ausdruck derselben Bedingung. die moralisches Verhalten überhaupt möglich macht. so zusammengebracht werden. muss eine emanzipatorisch ange- wandte Ethik die folgende. der irgendwelche geltenden normativen Texturen. bestehen Entsprechungen. der mit generalisierbaren Emanzipationsinteressen intern verknüpft ist: . kein »rein theoretisches« Verhältnis. als Frage ausgedrückte Rationalitätsbedingung be- achten. wenn denn angewandte Ethik angewandte Ethik sein soll. Die Unverzichtbarkeit dieser Prämisse. wie konfliktiv auch immer. die im vorigen Abschnitt herausgearbeitet wurden. (Den Begriff eines »moralischen Diskurses«. Kettner 1999. die aus der Sicht einer Anwendungskonzep- tion die »richtige« wäre. nicht hegemonial verknappen will. Die interventionistische Verwendung moralischen Denkens in der angewandten Ethik – eine Form diskursiver Macht – ist ein praktisches. Hieraus erhellen zwei weitere Strukturähn- lichkeiten mit der Programmatik einer kritischen Theorie. affirmieren würde. die in den normativen Texturen eines Praxisbereichs. die für die Steigerung der Diskursivierungschancen ange- sichts von bereits konfliktiv gewordenen moralisch-normativen Texturen sorgt: im Medium »moralischer Diskurse«. sondern eine engagierte und transformative Theorie.) Wenn angewandte Ethik Diskursivierungschancen. um die moralischen Verhältnisse in dem betreffenden Praxisbereich zu verbessern. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 91 kritischer Theorie.

) werden können. darf nicht darüber täuschen. moralisch relevante normative Texturen durch intelligente Inanspruchnahme moralischer Vernunft zu verbessern) in einer demokratischen politischen Gemeinschaft braucht heute in immer weniger Hinsichten die Grenzen des Staatsterritoriums mit den Grenzen dieser Gemeinschaft zu identifizieren. Diese Wahrnehmung ist nicht falsch. denn eine Vermittlung durch den Begriff moralischer Mit-Verantwortung (für die systemische Organisierung und Verteilung von konkreteren Verantwortlichkeiten) ist durchaus möglich (Apel 2000). Angewandte Ethik ist eine historisch neue zivilgesellschaftliche Aktivität. die kritische Diskussion von Peter Singers Anwen- dungsmodell »praktischer Ethik« bei Schelkshorn 1999. (3) Die Situierung der eigenen Aktivität (= des Versuchs. begründet. Ethikanwendungskonzeptionen. (Für Ansätze bezüglich der Bioethik s. die sich reaktiv und vollständig von vorgege- benen eingezirkelten Problemstellungen abhängig machen und deren Genese sich nicht in größeren zeitlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen rekonstru- ieren können. im System der Krankenversicherung etwa so. in dem die eigene Aktivität angemessener verstanden werden kann als in einem anderen Rahmen: In modernen Demokratien sind die Aktivitäten angewandter Ethik zivilgesellschaft- liche Aktivitäten und die Akteure der angewandten Ethik müssen den Anspruch erheben. Daedalus 1999. auf die die durch die Intervention bedingten Veränderungen mora- lisch bedeutsame Auswirkungen haben.) Allerdings finden gesell- schaftstheoretische Überlegungen bisher noch viel zu wenig Aufnahme innerhalb der angewandten Ethik. die von angewandter Ethik anvisiert wird. Aber dass einzelne Normen traktiert (identifiziert. Direkte Angriffsflächen angewandter Ethik sind vielmehr die normativen Texturen bestimmter. Indirekt sind es alle.) Das Verhältnis des primär handlungstheoretisch orientierten Denkens angewandter Ethik zu dem primär systemtheoretisch orientierten Denken der vorherrschenden Makro-Sozialtheorie wird als antithetisch wahrgenommen. demokratisch gültig zu sein. aber unvollständig. dass für Personen mit bestimmten Behinderungen der Genuss bestimmter Schutzleistungen erschwert wird (Baumann-Hölzle & Kind 1998). keineswegs je einzelne. (Vgl. Ein medizinethisches Beispiel ist die Dere- gulierung der Praktiken vorgeburtlicher Diagnostik. Wissenschaftlern und Hochschullehrern. Die Göttinger »Akademie für .92 Matthias Kettner (2) Angewandte Ethik interveniert in normative Texturen. respezifiziert. Sie modelt sie um. gleichsam diskrete Normen sind. angewendet etc. Sie wirkt sich auch an entlegeneren »Orten« aus. Ärzten. sind in eben dem Maße borniert und für die Affirmation des Bestehenden anfällig. in denen die Quellen moralischer Irritation ausfindig ge- macht werden. Das legt für Akteure emanzipatorisch ange- wandter Ethik einen bestimmten normativen Rahmen nah. Juristen. Von einigen anderen Aktivitäten dieser Art (etwa den sogenannten »neuen sozialen Bewegungen«) unterscheidet sie sich nicht unwesentlich durch die Besonderheit. also von Geistlichen. eine kulturelle Erfindung der Bürgergesellschaft. macht sie zum Gegenstand von Reformen. dass sie überwiegend von Mitgliedern von Professionen getragen wird. problematisch gewor- dener Praxisbereiche. und zwar von Professionen im soziologisch engen Begriff. dass die eigentliche Angriffsfläche für die Rationalisierung zum moralisch Besseren. wie entlegen auch immer scheinenden norma- tiven Texturen.

»Ärzte gegen den Atomtod«. Um das Dilemma zwischen dem Rekurs auf kommunitaristische oder idealistisch-universalistische normative Quellen aufzulösen. »Greenpeace«. nicht moralischen Art vereinen. wird sich der norma- tive Rahmen einer emanzipatorisch angewandten Ethik. Dann wird der Blick frei für die Möglich- keit normativer Universalien von polymorph-normativer Art – für Universalien.und sonstigen Unterschiede. Die traditionelle Ethik. auf eine kritische Idee der Menschenwürde stützen. »Care«. kann dies infolge ihrer eigenen Globalisierungs- tendenz aber gewiss nicht. die z. einen moralischen Geltungssinn und (mindestens einen) Geltungssinn anderer. »Ox- fam«. Auflösbar ist dieses Dilemma. die »Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissen- schaftlich-technischer Entwicklungen«. Kants kategorischer Imperativ ist ein Beispiel. die global allgemeinverbindlich sind. Für postkonventionelle Moral- . nur normative Universalien exklusiv moralischer Art zu suchen. die im Bewusstsein euro-amerikanischer Öffentlichkeiten als besonders verdienstvoll (oder besonders skandalös) wahr- genommen werden. Denn ange- wandte Ethik muss ihre Aktivitäten unter verschiedenen Geltungsansprüchen kriti- sierbar und rechtfertigbar halten. wenngleich negativen. verlegt sich in der traditionellen Ethik die Suche auf immer abstraktere normative Univer- salien exklusiv moralischer Art. wenn im normativen Rahmen angewandter Ethik auf zumindest einige normative Texturen zurückgegriffen wer- den kann. »Amnesty International«. z. zugleich Ausdruck eines generalisierbaren Inte- resses der Befreiung von vermeidenswerten Formen gravierend schlechten Lebens – und insofern der vernünftige Ausdruck einer. das Tübinger »Interfakultäre Zentrum für Ethik in den Wissenschaften«. d. in eine Reihe mit Nichtregierungsorganisationen stellen. Und zumindest ihr moralischer normativer Anspruch (wenn nicht auch ihr positiv rechtlicher normativer Anspruch) verbindet seinem Eigensinn nach alle Menschen. Da sich solche Universalien schwer finden lassen. das Bonner »Institut für Wissenschaft und Ethik« in Deutschland. so meine These.und rechts- förmigen normativen Formats. Idee des guten Lebens aller Menschen. auf erklärte Menschenrechte und. d. Man kann aber auch – und diese Blickwendung hätte eine emanzipatorisch angewandte Ethik zu vollziehen – die Voreinstellung. Die erklärten Menschenrechte sind global allgemeinverbindlich. Und sie sind polynormative Universalien: die meisten Ele- mente ihrer normativen Textur haben einen moralischen und juridischen Doppel- wert. Die Menschenrechte sind. »Germanwatch« usw. pflicht. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 93 Ethik in der Medizin«. neigt dazu. B. B. Das Theorie-Engagement angewandter Ethik muss sich zumindest regulativ auf normativ universalistische Gründe zu seiner Rechtfertigung stützen. da diese als Spezifikationen der Idee der Menschen- würde zu begreifen sind. h. sogar innerhalb einer vernunftmoralisch bereinigten Version der gängigen Moral. aufgeben. wenn sie diese Geltungsansprüche zu lokal oder zu idealistisch ansetzt. (4) Auch zur Spannung der postkonventionellen Ortlosigkeit gibt es eine Ent- sprechung im linken Flügel angewandter Ethik. wo sie auf normative Universalien abstellt. nur nach normativen Universalien exklu- siv moralischer Art zu suchen. h. unbeschadet ihres deontologischen. in den Vereinigten Staaten Institute wie das »Hastings Center« und das »Kennedy Institute of Ethics« können wir idealtypisch. ungeachtet aller realen Größen.

d. unver- bindlicher. Übersehen wird dabei. postkon- ventionelles (d. wenn sie ein Verfahren angibt. über die auf Erhaltung des Bestehenden bezogenen moralischen Überzeugungen hinausgehendes) moralisches Bewusstsein finde in wertrationalen Ansprüchen keine Verankerung sondern nur in verallgemeinerbaren Normen. Für die Bioethik ist dies vor allem der wertrationale Anspruch auf Gesunderhaltung. dass die angewandte Ethik. an denen die immanente Kritik ansetzen kann. was die gültigen moralischen Sollensforderungen wären in einer möglichen Welt von Vernunftwesen. Hinzu kommt das Prob- lem. Zur im Vergleich zur herkömmlichen Ethik weitergehenden Reflexion innerhalb der angewandten Ethik gehört auch. Eine nicht moralre- flexiv angelegte postkonventionelle Moraltheorie (wie etwa die Kantische) ist dann bezogen auf jene Bereiche ignorant. dass gewisse (persönlichkeits. Anwen- dungsbedingungen reflektieren muss. jedenfalls dann noch entziehen. ob sie moralreflexiv angelegt sind. Sie muss vielmehr Verfahren angeben. mit dem bestimmt werden kann. sie verhält sich bezogen auf jene Bereiche gesinnungsethisch. h. die durch die tatsächliche Verfassung be- stimmter Praxisbereiche vorgegeben sind und sich der moralischen Legislation entziehen. . Das erfordert dann für die angewandte Ethik eine Reflexion auf – für normative Theorien ja unerlässliche – Idealisierun- gen. eine immanent kriti- sche Aktivität auf Ideen des guten Lebens. wesentlich. wie in der traditionellen rationalistischen Ethik. h. anders als der philosophische Rechtfertigungsdiskurs über normative Grundtheorien. h. dass verallgemeinerbare Normen verallgemeinerbare Werte zur Geltung bringen. privater zu werden scheinen. um gültige moralische Sollensforderungen auf- zuweisen für Adressaten. die als konkrete Personen Handelnde in ganz bestimmten Praxisbereichen der wirklichen Welt sind. die mit idealer Rationalität und vollkommen freiem Willen vorgestellt werden. erhalten. Denn ange- sichts einer nahezu ausschließlich konventionell moralisch verfaßten Lebenswelt ist von vornherein mit Blick auf die handelnden Personen davon auszugehen. d. In den beiden wichtigsten Bereichen angewandter Ethik jedenfalls bleiben starke wertrationale und zugleich verallgemeinerbare Ansprüche. wenn die angewandte Ethik die Bühne des betreffenden Praxisbereiches betritt. Krankheitsprävention und -heilung. dass ein leider verbreitetes Missverständnis des begründungstheoretischen Verhältnisses von Normen und Werten das ethische Vorurteil nährt.und sozialpsychologische) Anwendungsbedingungen der Theorie in der vorherrschenden Wirklichkeit nicht erfüllt sind.94 Matthias Kettner theorien ist die Frage. in denen sich wertrationale Ansprüche bündeln. eingeschränkter. Die in die Anwendung hinein verlängerte Arbeit normativer Moraltheorie ist also keineswegs erledigt. 209–234). ist aber in Wirklichkeit irrelevant. Ulrich 1997. da solche Ansprüche heute immer fragmentierter. hält sich für zuständig. oder rigide. zu gründen. Für die Wirtschafts- ethik kann emanzipatorisch angewandte Ethik ebenfalls einen universalen formalen Wert artikulieren: In vernünftigen Verhältnissen würde das Wirtschaftssystem die (wie auch immer kulturell überformten) universal-humanen Lebensgrundlagen sichern und überdies zu einer (wie auch immer kulturell und persönlich ausge- richteten) erfüllten Lebensführung beitragen (vgl. Gesundheit ist ein universaler formaler Wert. Oben wurde auf die besondere Schwierigkeit hingewiesen. S.

in deren Verlauf aber auch immer wieder neue moralische Ideologeme produziert werden (z. in dem sich vielfältige Formen von Macht über- kreuzen. als den Nerv ideologieunkritischer Wirtschaftsethik offenlegt. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 95 3. liegt in der Inanspruchnahme von Formen immanenter Kritik. die sich am Programm einer kritischen Theorie orientieren will. Eine entfaltete kritische Theorie der Moral in der Gesellschaft hätte zu erproben. weil sich am Verhältnis eines wirtschaftsethischen Ansatzes zum ökonomischen Sachzwang der Platz be- misst. dürfen diese Ansprüche grandios. muss daher die soziale Bedeutung (d. wo Sach- zwangbehauptungen umstritten sind: wo umstritten ist. Eine folgenreiche Form der Konfundierungen von Prä. herrscht nur Sachzwang. die wichtige Ansatzstellen für die ideologiekritische Aktivität einer emanzipatorisch angewandten Ethik bie- ten. um die durch sie regulierten Praktiken in einem ausweisba- ren Sinne von »besser« moralisch zu verbessern. der die Moralisierbarkeit der Systemoperationen begrenzt. die gedankliche Formation. Ansätze einer kritischen Theorie der angewandten Ethik Die letzte Entsprechung zwischen der Programmatik einer kritischen Theorie und der Programmatik einer emanzipatorisch angewandten Ethik. sei selbst nichts weiter als die zeitgemäße Erscheinung von Ethik und Moral als Ideologie. die sie programmatisch als Anwendung moralischer Reflexion betreibt. die Modernisierung des moralischen Engagements. ob tatsächlich ein be- stimmter Sachzwang in bestimmten Aktivitäten regiert oder fälschlich angenom- men oder nur unaufrichtig behauptet wird. Herrscht kein Sachzwang. die soziale Bedeutung ihrer eigenen Aktivität. erscheinen ihre »Diskurse« als eine Macht in einem Terrain. Angewandte Ethik. Ethischer Interventionismus kann ebenso der Verhärtung des Bestehen- den dienen wie der Emanzipation von vermeintlichen Sachzwängen und unnötig repressiven moralischen Traditionen. Ökonomischer Sach- zwang ist eine für Wirtschaftsethik kritische Kategorie. 148) hat die Ein- stellung.und Wirtschaftsethik geben. besonders von Ideologiekritik. müssen sie resignativ ausfallen. dargestellt wird. die Ideologeme der »Patientenautonomie« und des »republikanischen Wirtschaftsbürgers«). die Anhaltspunkte für die ideologiekritische Deutung sozialer Bedeutungen im Rahmen einer kritischen Theorie darstellen. S. das »Gewinnprinzip« sei ein für das Wirtschaftssystem konstitutiver Sachzwang. als ein »Sach- zwang«. h. Angewandte Ethik muss sich selbstkritisch dem Verdacht stellen. Im Folgenden werde ich einige Beispiele aus Bio. wieweit sich die Entstehungsgeschichte der angewandten Ethik auch als eine Auseinandersetzung mit moralischen Ideologemen erzählen lässt. Oben wurden acht Kriterien (K1–8) beschrieben. Ulrich (1997. der kausal und unabänderlich ist. die Interessen und Konsequenzen) von angewandter Ethik. der normativ und gestaltbar ist. B. den der Anspruch auf praktische Veränderungen in dem betreffenden Ansatz haben kann. wenn ein Zusammenhang. Ökonomischer Sachzwang kann zudem eine kritische Kategorie von wirtschaftsethischen Ansätzen sein. Ulrich will die – gewiss oft . ideologiekritisch themati- sieren.und Deskriptivität liegt vor. die ich hier hervor- heben möchte. Da die angewandte Ethik in bestehende normative Texturen interveniert.

Schwerwiegenden Objektivierungsfehlern (= die Umdeutung eines sozialen in ein angeblich natürliches Phänomen) begegnen wir innerhalb der Bioethik derzeit vor allem im Zusammenhang einer Entwicklung. die mit Formeln wie der vom »genetischen Determinis- mus« und vom »gläsernen Menschen« erst noch unzureichend umschrieben sind. befürchten andere eine Veränderung der mensch- lichen Selbstinterpretation. insofern zu Recht zu kritisierende – Behauptung von der Unmöglichkeit moralischen Handelns unter den Sachzwängen des Wettbewerbs ideologiekritisch entziffern als ein durchgängig normatives Prob- lem. B. B. Von der Umstellung auf Gentests erwarten Mediziner immer bessere Antworten auf die beiden Leitfragen medi- zinischer Diagnostik. »prädiktiven« medizinischen Diagnostik in den Rang des Machbaren. Sie erhebt die utopische Vision einer individuelle Erkrankungen und Gesundheits- risiken voraussagenden. Bioethische Beispiele sind die Einführung der Unterscheidung von Embryonen und »Prä- Embryonen« und die Einführung der Unterscheidung von Herztod und »Hirn- tod«. Gentests erfassen direkt die krankheitsauslösenden Mutationen be- stimmter Gene. Das verändert zuinnerst unsere überkommenen Begriffe von Krankheit. hierzu Kettner 2001). für Arbeitsverhältnisse und für die Planung des privaten Lebens sind gravierend. Durch die gewaltigen Fort- schritte der molekulargenetischen Aufklärung nähern wir uns einem Punkt in der Medizin. So werden z. Die schon absehbaren Folgen für das Versicherungswesen. . Gesundheit und der auf beide bezogenen Eigenverantwortung der Einzelnen. Krankheit und Gesundheit werden im Zuge dieser Entwicklung zunehmend als Eigenschaften eines einzelnen Organismus betrachtet. Konfundierungen von analytischen (= begrifflich geschlossenen) und empiri- schen (= erfahrungsoffenen) Aussagen begegnen wir im Diskurs der angewandten Ethik oft dort. in der vorgeburtlichen Diagnostik gewisse. wo durch gezielte semantische Erfindungen die Diskursivierungs- chancen für moralische Problemwahrnehmungen verändert werden. Röteln – zunehmend unter Verwendung von molekulargenetischen Methoden diagnostiziert. die man nicht unpassend als die Genetifizierung des Menschenbildes bezeichnet hat. Prognose und Bewertung von Krankheitsrisiken ein. ist eine nicht unplausible Vermutung.96 Matthias Kettner nur defensiv oder grundlos vorgebrachte. und wie sie im Einzelfall verlaufen wird. Tests mit gentechnischen Methoden sind aber keineswegs auf genetisch bedingte Erbleiden beschränkt. Plausibilität und Gewissheit werden oft konfundiert im sogenannten Argument von der schiefen Bahn (»slippery slope«). während der Schwangerschaft gelegentlich auftretende gefähr- liche Infektionskrankheiten – z. wo die lebensgeschichtliche Schicksalhaftigkeit individueller Krankheit durchbrochen und durchsichtig gemacht werden kann. welche Krankheit vorliegt oder eintreten wird. B. die neue niederländische Praxis aktiver ärztlich assistierter Euthanasie zu einem sozialen Klima der Resignation für alte und kranke Menschen führe. die aber von vielen Gegnern dieser Praxis schon für Gewissheit gehalten wird. Während die einen die Heraufkunft einer neuen Epoche medizinischen Könnens feiern. nämlich als Konflikt verschiedener normativer Geltungsansprüche (vgl. Molekulargenetisch charakterisierte Information über Individuen wandert in die Grundlagen von Diagnose. Dass z.

Rechtssystem. sich auf ein wechselndes Milieu einzustellen. dass den »Verbrauchern« wegen massiver Werbung und anderen Formen der Manipulation nur geringe Chancen bleiben. 178). daher gehören zu ihr auch die Angst sowie die innere Kraft. wenn wir den Entstehungsursachen dieser Gewohnheiten und der damit einhergehenden Richtigkeitsüberzeugungen auf den Grund gehen würden. für die eine allzugroße normative Unbestimmtheit dysfunktional wäre: Medizin. die das partikulare Interesse einer Teilgruppe als All- gemeininteresse oder als Orientierung am Gemeinwohl ausgeben. Kritische Theorie und die Modernisierung des moralischen Engagements 97 statt als komplexer. das normative Selbst- verständnis von Professionen zu artikulieren. bloß lokalen moralischen Selbstkontrollpraktiken die höhere Weihe des Allgemeinen verleiht. wenn sie bloß partikularen Ethiken. Verbreitete Gewohnheiten der Kindererziehung. S. B. ob wir sie auch dann noch anerkennen und gutheißen würden. verschiedene professionelle Bereiche wie die der Ingenieure oder des Militärs. soziale und kulturelle Bestimmungen einschließender Prozess der Anpassung. Sie bezeichnet die Fähig- keit. Denn charakteristisch für solche Bereiche ist. moralische Kre- ditwürdigkeit und moralische Verantwortung zu signalisieren. dass aus dem Blick gerät.und Freizeitverhaltens. wenngleich kulturell ge- formter Reaktionen auf eine sozial geschaffene Realität. sie seien an allgemein geteilte Moralprinzipien angebunden.und Konsumtionsverhältnissen einseitig nur deren freiheitssteigernde Konsequenzen hervorzuheben und zu übergehen. ohne sichtbaren Schaden und Vertrauensverlust verzichtet werden kann. die in solchen Berei- chen handeln. mit ihr zu leben« (Illich 1973. dass sie zur Aufrechterhaltung von Machtarrangements beitragen. gibt es doch einige Praxisbereiche von großer sozialer Bedeutung. wie eine solche Kodifikation den Machtinteressen einer bestimmten Berufsgruppe dient. erwachsen und älter zu werden. im Fall einer Verletzung oder Krankheit zu gesunden. zu leiden und in Frieden den Tod zu erwarten. Falsche Überzeugungen. So kann z. ist die Vermutung angebracht. Während die normative Infrastruktur vieler Praxisbereiche heute so porös geworden ist. Daneben begreift Gesundheit auch die Zukunft mit ein. . dass dort andauernd bestimmte Arten von Handlungen mit gewichtigen mora- lisierbaren Konsequenzen anfallen und dass die Öffentlichkeit bestimmte idea- lisierte und idealtypische Erwartungen an die Personen hat. wie sie sich vor allem in der Unternehmensethik finden. der Ernährung. bloß profes- sionsgebundenen Codices. dass auf die Prätension. Gesundheit ist aber weder nur ein Genprodukt noch nur das Ergebnis instinktiven Verhaltens. an kapitalistischen Produktions. tauchen in der angewandten Ethik vorwiegend in ihren Versuchen auf. Hierzu trägt eine unkritisch angewandte Ethik bei. sondern »autonomer. ihre Bedürfnisse vernünftig zu klären und zu ar- tikulieren. rufen die Frage wach. des Arbeits. von deren moralischer Richtigkeit viele Men- schen überzeugt sind. die sich nicht rechtfertigen lassen. des Konsums. Es ist daher in solchen Praxisbereichen wichtig. ein bestimmter Berufskodex wie der hippokratische Eid der Ärzteschaft in medizinethischer Beleuchtung so sehr als eine Spezifikation der reinen Moral erscheinen. Gegenüber Versuchen.

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die einerseits eine emanzipatori- sche politische Umwälzung ermöglichen. Die moderne krisentheoretische Diskussion hat immer wieder auf Argumente . die Fortschritte in der Reflexion über die Tradition kritischer Gesellschaftstheorie und einige der offenen Probleme hinsichtlich der aktuellen Entwicklung des Kapitalismus deutlich zu machen. an dem über Heilung oder Tod entschieden wird. Kriegen und sozialen Katastrophen. sie für tot zu erklären.Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus Thomas Sablowski Im Zentrum des durch Marx begründeten Projekts kritischer Gesellschaftstheorie stand stets die Untersuchung der Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise und der auf ihr beruhenden bürgerlichen Gesellschaft. aus der die historische Entwicklung gleichsam abgeleitet werden kann. dass Krisen ein immanentes Merkmal der auf Ausbeutung und Herrschaft gegründeten kapitalistischen Produktionsweise sind. Die Vertreter kritischer Gesellschaftstheorie sind nicht so bequem. sich auf eine veränderte Realität einzulassen. Dies zeigt sich nicht zuletzt im krisentheoretischen Denken. sich durch Krisen und qualitative Veränderungen der gesellschaftlichen Institutionen hindurch zu reproduzieren. Die enorme Fähigkeit des Kapitalismus. Entgegen allen Versuchen. die die Ent- wicklung des Kapitalismus bis in die Gegenwart begleitet haben. die Verschiebungen in den Fragestellungen. dass es nicht die eine ökonomische »Kapitallogik« gibt. die die kapitalistische Produktionsweise als das Ende der Geschichte. so sind auch für die kritische Theorie Krisen relativ offene Situationen. Obgleich die kapitalistische Entwicklung letztlich nicht auf ihre ökonomische Dimension zu reduzieren ist. Dadurch wurde die mit der Popularisierung kritischer Gesellschaftstheorie und ihrer Verankerung in der Arbeiterbewegung und anderen sozialen Bewegungen einhergehende dogmati- sche Erstarrung aufgebrochen und ein enormer Reichtum an begrifflichen In- strumenten und konkreten Analysen hervorgebracht. dass soziale und politische Entwicklungen und Krisen zumeist eine ökonomische Grundlage haben. In emanzipatorischer Absicht ging es ihnen immer darum nachzuweisen. Dies beruht auf der Überzeugung. steht diese doch im Vordergrund. Gegenstand der Kritik mussten all jene Theorien sein. als etwas ihm bloß Äußerliches und Zufälliges zu akzeptieren. Gleichzeitig möchte ich aber gerade durch die Diskussion der ökonomischen Zusammenhänge auch deutlich machen. andererseits aber auch mit der Regenerie- rung kapitalistischer Reproduktion enden können. die Vielfalt krisentheoretischer Ansätze. Bezeichnet der Ausdruck Krise ursprünglich in der Medizin den Wendepunkt einer Krankheit. hat die kritische Gesellschaftstheorie immer wieder selbst in die Krise gestürzt und dazu gezwungen. als das Optimum der gesellschaftlichen Entwicklung dar- stellen. Im Folgenden möchte ich versuchen. Die Darstellung bezieht sich zunächst schwerpunktmäßig auf akkumulationstheoreti- sche Fragen. die unablässige Folge von Krisen. erweist sich kritische Theorie immer wieder als höchst leben- dig.

der sich mit der einfachen Warenzirkulation befaßt. S. die Warenzirkulation bedinge ein notwendiges Gleichgewicht der Verkäufe und Käufe.102 Thomas Sablowski Bezug genommen. S. die von Marx in seinen verschiedenen Entwürfen der »Kritik der politischen Ökonomie« entwickelt wurden. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese. die seine Nachfolger entwickelten. 1.« (MEW 7. An- dererseits ging es ihm darum. […] Keiner kann verkaufen. die periodischen Krisen als notwendiges. Krisentheoretische Ansätze bei Marx und im Marxismus Marx stand vor einer doppelten Problemstellung: Einerseits wollte er durch die Darstellung der langfristigen Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Produk- tionsweise zeigen. indem sie von der Existenz des Geldes abstrahieren und den Warentausch auf einen reinen Produktaustausch reduzieren: »Nichts kann alberner sein als das Dogma. Heinrich 1999. In einem dritten Schritt werde ich die Regulationstheorie als einen neueren Ansatz einer nichtlinearen Theorie kapitalistischer Entwicklung vorstellen und auf aktuelle Diskussionen zur jüngsten Strukturkrise des Kapitalismus eingehen. immanentes Moment dieser Produktionsweise zu begreifen. weil jeder Verkauf Kauf und vice versa. ohne dass ein andrer kauft. Aber keiner braucht unmittelbar zu kaufen. einen Über- blick über die Problemstellungen und Aussagen kritischer Gesellschaftstheorie bezüglich der Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus mit einem Rekurs auf Marx zu beginnen und die konkurrierenden krisentheoretischen An- sätze zu skizzieren. 311–370). 98) Marx hat zwar keine ausgearbeitete Krisentheorie hinterlassen. 1. örtlichen und individuellen Schranken des Produktenaustausches ebendadurch. Marx kritisiert dabei bürgerliche politische Ökonomen wie Say.1 Die Möglichkeit der Krise und die Dynamik des Kapitals Die allgemeine Möglichkeit der Krise begründet Marx bereits im ersten Abschnitt seines Hauptwerks Das Kapital. die die Möglichkeit der Krise leugnen. Dabei ging Marx zunächst auch von einem engen Zusammenhang von ökonomischer Krise und Revolution aus. dass sie die hier vorhandne unmittelbare Identität zwischen dem Austausch des eignen und dem Eintausch des fremden Arbeits- . dass sie sich historisch überlebt und dass ihre Überwindung im Interesse der Arbeiterklasse liegt. Die Zirkulation sprengt die zeitlichen. Itoh 1976. In einem weiteren Schritt werde ich die Überlegungen der als Kritische Theorie im engeren Sinne bekannt gewordenen Frankfurter Schule zur Transformation der bürgerlichen Gesellschaft und zum Konzept des »Staatskapitalismus« darstellen. weil er selbst verkauft hat. Nach der Niederlage der Revolution von 1848 resümierte er in Die Klassenkämpfe in Frankreich: »Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. deren Kohärenz und innerer Zusammenhang seinen Nachfolgern freilich erhebliche Probleme bereitete (vgl. aber eine Reihe von krisentheo- retischen Ansätzen und Argumenten. Es liegt daher nahe. dass sie an immanente Schranken stößt.

Damit dieses Ziel auf Dauer realisiert werden kann. S. Aber wodurch wird die Bewegung der Profitrate be- stimmt? Unter welchen Bedingungen kommt es zu einer Krise? Und welche 1 Die genauere Analyse des Zusammenhangs zwischen Profitrate und Akkumulation wirft eine Reihe von Fragen auf. die Maximierung des Profits. die Akkumulation des Kapitals notwendig. heißt ebenso sehr. d.). Hervh. h. Die Tauschwertorientierung dominiert gegenüber der Ge- brauchswertorientierung. 33 f. Wenn man von der Kreditgeldschöpfung und Kreditfinanzierung absieht. i. dazu Priewe 1988. Diesem Kapitalbegriff entspricht die Tendenz zur Steigerung so- wohl des Grades der Verwertung (d. 314. h. Bei einer gravierenden Verschlechterung der Profiterwartungen und einer entsprechenden Einschränkung der Investitionstätigkeit kann es zu einem absoluten Rückgang von Produktion und Beschäftigung. h. so macht sich die Einheit gewaltsam geltend durch eine – Krise. bis zu einem gewissen Punkt fort. sondern die Verwertung des eingesetzten Kapitals. 127 f. h. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 103 produkts in den Gegensatz von Verkauf und Kauf spaltet. d. Das Kapital ist ein endloser Verwertungsprozess. keine erreichte Ver- wertung kann »ausreichend sein (und damit die Grundlage für ein Gleichgewichts- modell abgeben). Maßstab für den Erfolg oder Misserfolg der einzelnen Kapitale und Leitgröße des Akkumulationsprozesses ist die allgemeine Profitrate. h. die an dieser Stelle nicht näher diskutiert werden können: Sind vergangene.. die gesellschaftlich produzierte Profitsumme im Verhältnis zum gesellschaftlichen Gesamtkapital. ist die ständige Reinvestition von Gewinnen. h. Ausweitung der Profitmasse bei beschleunigter Akkumulation trotz sinkender Profitrate)? Welchen Einfluß hat das Kreditsystem? (Vgl. Bei einem Rückgang der Profitrate wird es daher normalerweise auch zu einem Sinken der Akkumulationsrate kommen. zu einer akuten Krise kommen1. Für die konkrete Höhe der Investitionen sind die Profiterwartungen ausschlaggebend. Die kapitalistische Produktion ist demnach durch eine Verkehrung von Mittel und Zweck gekennzeichnet.) . 70 ff. da es überhaupt kein Maß dafür gibt. S. weil einander ergänzenden. O. Unmittelbares Ziel der Produktion ist nicht die indivi- duelle Konsumtion. auf der Ebene des unmittelbaren Produktionsprozesses der Mehrwertrate) als auch der Größe des zu verwertenden Kapitals (d. d. S. S. gegenwärtige oder zukünftig erwartete Profite für die Akkumulation maß- geblich? Welche Rolle spielt die Profitmasse im Verhältnis zur Profitrate (d.) Wie gelangt Marx nun im weiteren Verlauf seiner Darstellung über den Nachweis der bloßen Möglichkeit von Krisen auf der Ebene der einfachen Warenzirkulation hinaus? Zunächst geht er von einem inhärent dynamischen Kapitalbegriff aus. Geht die äußerliche Verselbständigung der innerlich Unselbständigen. Dass die selbständig einander gegenübertretenden Prozesse eine innere Einheit bilden. Steigerung der Profitrate bzw. und dies bedeutet auch eine Verminderung des Wachstums von Produktion und Be- schäftigung. die den Akteuren als handlungsleitendes Motiv durch die Konkurrenz aufgeherrscht wird.« (MEW 23. der Akkumulation des erzielten Profits sei es als Investition in produktives oder in zinstragendes Kapital)« (Heinrich 1999. was eine ausreichende Verwertung ist. dass ihre innere Einheit sich in äußeren Gegensätzen bewegt. wird die Höhe der für die Akkumulation maximal zur Verfügung stehenden Mittel durch den produzierten Profit bestimmt.

dass der vermehrte Einsatz von Maschinerie die dominierende Form der Senkung der Produktionskosten und der Steigerung der Produktivkraft der Arbeit ist. relative Übervölkerung und tendenzieller Fall der Profitrate Für Marx’ Darstellung der langfristigen Entwicklungstendenzen der kapitalisti- schen Produktionsweise ist die Annahme einer steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals zentral. Alle Ansätze sind sowohl zur Erklärung zyklischer Krisen als auch zur Bestim- mung längerfristiger Entwicklungstendenzen herangezogen worden. h. h. Die ständigen technischen und organisatorischen Veränderungen des Produktionsprozesses rücken damit in das Zentrum der Marxschen Kapitaltheorie. wenn die damit verbundenen Mehraus- gaben an »konstantem Kapital«. die er mit der wachsenden Arbeitsproduktivität begründet. 1. Überakkumulation von Kapital im Zentrum. die sich aus der gesellschaftlichen Verallgemeinerung dieser Veränderungen der Pro- duktionstechnik ergeben. C) Die Unterkonsumtionstheorie und die Dispro- portionalitätskrisentheorie stellen auf Probleme bei der Realisierung des produ- zierten Mehrwerts ab.104 Thomas Sablowski Aussagen können über die langfristigen Entwicklungstendenzen der kapitalisti- schen Produktionsweise gemacht werden? Bei Marx und in der an ihn anschließenden Diskussion lassen sich diesbezüglich drei verschiedene krisentheoretische Ansätze identifizieren: A) Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate leitet aus der mit der Entwicklung der Produktiv- kraft der Arbeit einhergehenden Erhöhung der Wertzusammensetzung des Kapi- tals ein Sinken der allgemeinen Profitrate ab. d. die wiederum in einer steigenden . Marx nimmt an. h. sondern die Überproduktion bzw. während sie in gleichgewichtsorientierten ökonomischen Theorien aus der Be- trachtung mehr oder weniger ausgeschlossen werden. Arbeitsmarkt- entwicklung. die für die Reproduktion der Arbeitskräfte notwendig sind. d. die ja eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität mit sich bringen.2 Steigende Wertzusammensetzung des Kapitals. führen einerseits zu einer Verbilligung der Lebensmittel. in die Entlohnung der Arbeitskräfte investiertem Kapital. h. Allerdings sind die widersprüchlichen indirekten Wirkungen zu beachten. geringer ausfallen als die Einsparung an »variablem Kapital«. Die Einsparung von Arbeitskräften durch Einsatz von Maschinerie (in Form der unmittelbaren Frei- setzung von Arbeitskräften oder in Form eines größeren Produktionsausstosses bei gleichbleibendem Arbeitseinsatz) führt unmittelbar zu einem Anwachsen des kon- stanten Kapitals im Verhältnis zum variablen Kapital. d. zu einer steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals. Bei den beiden erstgenannten Theoremen steht nicht die Überproduktion von Waren. Klassenkampf und Einkommensverteilung ab und leitet ein Sinken der Profitrate aus dem Steigen der Löhne bei Arbeitskräfteknappheit infolge beschleunigter Akkumulation ab. zu einer Senkung des Werts der Arbeitskraft. Die neuen Produktionsmethoden. in Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstände investiertem Kapital. fokussieren also eher den Zirkulationsprozess. Maschinerie wird zum Zwecke der Kostensenkung eingeführt. d. B) Die sogenannte Profit-Squeeze- Theorie hebt auf den Zusammenhang von Kapitalakkumulation.

322). d. MEW 25. d. MEW 26. MEW 23. MEW 23. müsste gezeigt werden. Andererseits führen sie zu einer Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals. aber doch eher unwahrscheinlich (vgl. dass eine »industrielle Reservearmee« in den konjunkturellen Zyklen immer wieder hergestellt wird. Selbst dann würde jedoch die Produktivitätssteigerung in Abteilung I indirekt zu einer Verbilli- gung der Konsumgüter. arbeitssparen- der Produktionstechnologien darstellen. in der Regel existiert ein mehr oder weniger großes Arbeitslosenheer (vgl. wo die Arbeitslosigkeit mit jeder konjunkturellen Krise ein höheres Niveau erreicht hat.). Mit der dauerhaft steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals begründet Marx auch das »Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate« (vgl. wenn das Wachstum der Arbeitspro- duktivität in der Produktion von Produktionsmitteln (Abteilung I) auf Dauer höher wäre als in der Produktion von Konsumgütern (Abteilung II). S. Theoretisch wird die langfristige Zunahme der »relativen Übervölkerung« als allgemeine Tendenz des Kapitalismus von Marx jedoch unzulänglich begründet. S. Heinrich 1999. einer gemessen an den Verwertungsbedürfnis- sen des Kapitals überflüssigen Arbeiterschaft (vgl. mit dem er zu zeigen versucht. Dies entspricht zwar der Erfahrung der letzten Jahrzehnte in Europa. 323 f. dass Mittel und Zweck kapitalistischer . Plausibel ist allerdings. S. Das Kon- zept der relativen Übervölkerung ist gegen die von Malthus vertretene Bevölke- rungstheorie gerichtet. zu einer sinkenden Wert- zusammensetzung des Kapitals. Dies unterstellt. Heinrich 1999. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 105 Wertzusammensetzung des Kapitals resultiert. S. d.). S. Die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals könnte nur dann zu einem Sinken der Wertzusammensetzung führen. Um nun die Tendenz einer langfristig steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals zu begründen. 651 f. Marx versucht zu zeigen.. Dies ist zwar nicht undenkbar. 657ff. h. sondern auch den von ihr selbst ausgelösten indirekten Effekt auf den Wert der Arbeitskraft. S. dass langfristig ein Anstieg der Wertzusammensetzung zumindest plausibel ist. h. Senkung des Werts der Arbeitskraft – nicht kompensieren kann. weitere Überlegung zeigt jedoch.). h. dass die mit der wachsenden Wertzusam- mensetzung des Kapitals verbundenen Freisetzungseffekte größer sind als die mit dem Wachstum des Kapitals verbundenen Beschäftigungseffekte. Diesen Beweis ist Marx letztlich schuldig geblieben (vgl. »Vollbeschäftigung« ist somit stets nur eine vorübergehende Situation.3. 356ff. Die Beschleunigung der Produktivitätssteigerung in Abteilung I müsste also nicht nur die zuvor genannten Effekte kompensieren. dass die Kapitalakkumulation selbst zur Freisetzung von Arbeitern und zu wachsender Arbeitslosigkeit führt. Eine von ihm nicht explizit angestellte.). dass die mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität einhergehende Verbilligung der Ele- mente des konstanten Kapitals die anderen Momente – unmittelbare Vermehrung des konstanten Kapitals relativ zum variablen Kapital. zu einer Senkung des Werts der Arbeitskraft führen. 221ff. da »Vollbeschäftigung« zu steigenden Löhnen führt. die die Akkumulation bremsen und so einen Anreiz zur Einführung neuer. Mit der steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals begründet Marx die Tendenz zur fortschreitenden Produktion einer »relativen Übervölkerung« oder »industriellen Reservearmee«. der in einer zu hohen Fortpflanzungsrate der Arbeiterklasse den Grund für Arbeitslosigkeit und Elend sah.

fällt auch die maximal mögliche Profitrate (vgl. dass das Gesamtkapital schneller wächst als die Mehrwertmasse. Der Fall der Profitrate wäre nur dann unvermeidlich. Die im Produktionsprozess verausgabte lebendige Arbeit bestimmt. 28). MEW 25.106 Thomas Sablowski Produktion. wenn aufgrund von Klas- senauseinandersetzungen die Reallöhne schneller steigen als die Arbeitsproduktivi- . in unauflöslichem Widerspruch zueinander stehen.). In diesem Falle wäre außerdem das konstante Kapital (die vergegenständlichte Arbeit) identisch mit dem Gesamtkapital. die notwendige Produktivkraftentwicklung und die schrankenlose Verwertung des Kapitals. wenn die lebendige Arbeit nicht nur abnimmt. sondern tatsächlich gegen Null tendiert. Das Verhältnis von lebendiger zu vergegenständlichter Arbeit stellt somit eine Obergrenze für die Profitrate dar. dazu ausführ- lich Heinrich 1999. Da angenommen wird. wenn der Wert der Arbeitskraft abnimmt. Wäre der Wert der Arbeitskraft gleich Null. Ansonsten kann die Profitrate sogar steigen. S. dass das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate unzulänglich begründet ist. son- dern steigt. lässt sich nicht allgemein bestimmen (vgl. MEW 23. was auf dasselbe hinausläuft. dass sich mit der Produktivkraftentwicklung die lebendige Arbeit im Verhältnis zur vergegen- ständlichten vermindert. Über die Entwicklung der Wertrelation von lebendiger und vergegenständlichter Arbeit lässt sich jedoch noch weniger eine Aussage machen als über die damit nicht zu verwechselnde Wertzusammensetzung des Kapitals. S. Es kann gleichwohl zu einem Fall der Profitrate kommen. Die Wertzusammensetzung des Kapitals steigt auch bei gleichbleibendem Wert des konstanten Kapitals. S. Auf das Verhältnis von lebendiger und ver- gegenständlichter Arbeit hat dagegen die Entwicklung des Werts der Arbeitskraft keinen Einfluss. Shaikh 1978. Eine andere Argumentation versucht die aus der Produktivitätssteigerung er- wachsende Krisentendenz mit dem sich verschiebenden Verhältnis von »leben- diger« und »vergegenständlichter« Arbeit [(m+v)/c] im Produktionsprozess zu begründen. Man kann zwar die Bewegungsrichtung der einzelnen Größen angeben. S. dass die Wertzusammensetzung des Kapitals langfristig schneller steigt als die Mehrwertrate oder.). Es müsste gezeigt werden. wenn der Mehraufwand an konstantem Kapital durch eine größere Einsparung an variablem Kapital kompensiert wird (vgl. Dies ist jedoch nicht möglich.). S. Doch bedeutet der Fall der Obergrenze der Profitrate auch den Fall der tatsächlichen Profitrate? Hier kommt es zu einem Denkfehler. so zeigt sich. und zwar sowohl für das betreffende Einzelkapital als auch für das gesellschaftliche Gesamtkapital (vgl. 337ff. 327ff. Heinrich 1999. indem sie sich dem Grenzwert von unten annähert. S. wie groß der Mehrwert maximal sein kann. In welchem Umfang die Vermehrung der Elemente des konstanten Kapitals mit einer Steigerung des Werts des konstanten Kapitals einhergeht. 335). aber nicht ihre relative Bewegungsgeschwindigkeit (vgl. 223. Okishio 1974. und dass die Kapitalakkumulation ihre eigenen immanenten Schranken produziert (vgl. Heinrich 1999. Die neuere Diskussion hat allerdings gezeigt. Berücksichtigt man darüber hinaus Marx eigenes Argument. die die Profitrate bestimmen. MEW 25. dass zusätzliche Maschinerie nur dann eingeführt wird. so wäre der Mehrwert mit dem Wertprodukt identisch. S. dass die Profitrate bei der Einführung neuer Technologien zum Zwecke der Produktivitätssteigerung nicht nur nicht fällt. 414). 221ff.

so als wäre der Kapitalismus eine Planwirtschaft mit einem vertikal integrierten Produktionsapparat. Diese kann durch den Konsum der Kapitalisten trotz allem Überfluss und Luxus nicht ge- schlossen werden. Sie dominierten auch in der krisentheoretischen Diskussion im Marxismus bis etwa Mitte des 20. Dabei dient die Produktion von Produktionsmitteln (Abteilung I) letztlich der Produk- tion von Konsumgütern (Abteilung II). Die Interpretation der Reproduktionsschemata löste in der sozialistischen Dis- kussion am Ende des 19. Auch die Export- . was sicherlich mit dem bis dahin sehr niedrigen Reallohn. lieferte er mit den »Reproduktionsschemata« im 1885 erschienenen zweiten Band des Kapital auch die Grundlagen für die Kritik an der Unterkonsumtionstheorie (vgl. Eine allgemeines Gesetz über die langfristige Entwicklungstendenz der Profit- rate lässt sich jedoch auch unter Berücksichtigung dieser Faktoren nicht ableiten.3 Unterkonsumtions.und Disproportionalitätskrisentheorien beziehen sich auf die Widersprüche zwischen Produktions. dass mit dem Wachstum der Produktivität die Produktionskapazität schneller wächst als die Konsumnachfrage. Die Lohnabhängigen.. Die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise impliziert. dass der Kapitalismus im zaristischen Russland wegen des niedrigen Einkommensniveaus nicht entwicklungsfähig sei. S. Die Kritik läuft darauf hinaus. Obwohl Marx selbst an verschiedenen Stellen unterkon- sumtionstheoretisch argumentierte (vgl. Unterkonsumtionstheorien wurden bereits vor Marx von Ökonomen wie Malthus und Sismondi vertreten. In Russland vertraten die »Narodniki« gestützt auf die Unterkonsum- tionstheorie die Position. wobei im Mittel- punkt die Frage der langfristigen Entwicklungstendenzen und der Notwendigkeit des Zusammenbruchs des Kapitalismus stand (vgl. Hi- ckel 1973). auch MEW 24. 524ff. Jahrhunderts heftige Kontroversen aus. die die große Masse der Gesell- schaft darstellen. 409 f.und Disproportionalitätskrisentheorien Unterkonsumtions. so dass sich die Nachfragelücke tendenziell vergrößert. Das Grundmuster unterkonsumtionstheoretischer Argumentation verläuft etwa folgendermaßen: Der Umfang des kapitalistischen Reproduktionsprozesses wird durch den Umfang der zahlungsfähigen Nachfrage nach Waren bestimmt. MEW 25. z. 1. dass die »Nachfragelücke« im Prinzip durch eine vermehrte Investi- tionsnachfrage der Kapitalisten geschlossen werden kann. 254 f. S. Rosdolsky 1968.und Konsumniveau und weitverbreiteter Armut auch in den kapitalistischen Metropolen zusammenhing.). so dass eine erweiterte Reproduktion möglich ist.und Zirkulationssphäre und auf die Über- produktion von Waren bzw. so dass in letzter Instanz die Konsumnach- frage ausschlaggebend ist. dass diese die Produktion von Produktionsmitteln einfach als eine Funktion der Nachfrage nach Konsumgütern behandelt. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 107 tät. Jahrhunderts. Probleme der Realisierung des produzierten Mehr- werts als Krisenursache. B. Der grundlegende Einwand gegen die Unterkonsumtionstheorie zielt darauf. S.). können mit ihren Löhnen wegen der antagonistischen Produk- tionsverhältnisse aber nur einen Teil des von ihnen geschaffenen Nettoprodukts kaufen: Kehrseite der Mehrwertproduktion ist eine »Nachfragelücke«.

die zeigten. er diagnostizierte auch qualitative Veränderungen des Kapitalismus. die Unvermeidlichkeit des Untergangs des Kapita- lismus durch eine Rehabilitierung der Unterkonsumtionstheorie zu verteidigen. die Monopolisierung selbst zu einer Milderung der Anarchie der Produktion und der Krisen tendieren. die die Strategie einer friedlichen. nicht aufeinander abgestimmten Investitionsentscheidungen bedingt war. zu denen auch Lenin (vgl. schien damit die Grundlage entzogen. auf eine Revolution im Zuge sich verschärfender Krisen zu hoffen. Die sozialistische Bewegung könne daher nicht auf ein wachsendes Proletariat zählen. an der es dem Kapitalismus . Realisierungskrisen resultierten demnach eher aus der mangelnden Proportionalität der verschiedenen Produktionszweige. diesen naturwüchsig entstehenden »organisierten Kapitalismus« zu demokratisieren und mittels staat- licher Planung eine gleichgewichtige erweiterte Reproduktion sicherzustellen. sondern sich auch auf die Marxschen Reproduktionsschemata beziehen. graduellen Transformation zum Sozialismus nahe legten. dass nicht in das freie Spiel der Kräfte eingegriffen wurde. Krisen waren dem- nach nur dadurch verursacht. Winkler 1974).und Ausland jene Nachfrage beisteuern. dass eine erweiterte Reproduktion der kapitalistischen Pro- duktionsweise nur in dem Maße möglich ist. da diese durch die weiter entwickelte ausländische Konkurrenz weitgehend besetzt seien. die die Möglichkeit erweiterter Reproduktion verkannt hatten. die die Ursache von Krisen vorwiegend in der Anarchie des Marktes und den dadurch bedingten Dispro- portionalitäten zwischen den verschiedenen Sektoren sahen. Letztlich verschwimmt hier die Grenze zwischen »organisiertem Kapitalismus« und Sozialismus (vgl. In der deutschen Sozialdemokratie verlief die Debatte unter umgekehrten Vor- zeichen. d. Er lieferte damit eine theoretische Grundlage für die reformistische Praxis der deutschen Sozialdemokratie. Rosa Luxemburg versuchte in ihrem 1913 erschienenen Buch Die Akkumulation des Kapitals demgegenüber. S. argu- mentierten dagegen. die Vielzahl der privaten. 326ff. Sie konnten dabei nicht nur empirisch auf die rasche Ausbreitung von Warenbeziehungen und ein wachsendes Proletariat verweisen. LW 3) zählte. sondern müsse sich auf die bäuerlichen Dorfgemeinschaften stützen. dass ein ausgeglichenes Wachstum von Produktionskapazität und effektiver Nachfrage prinzipiell denkbar ist. Die Schrecken der kapi- talistischen Industrialisierung könnten durch den direkten Übergang von der feudalen Agrargesellschaft zum Sozialismus vermieden werden. der Kapitalismus würde jedoch nach Hilferdings Auffassung durch die Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Revisionistische Theoretiker wie Eduard Bernstein (1899/1991) kritisier- ten die weitverbreitete Vorstellung des unvermeidlichen Zusammenbruchs des Kapitalismus. Sie stellte die These auf. die durch die Anarchie der kapitalistischen Produktion. Bern- steins Position wurde später unter anderem durch Rudolf Hilferding (1909/1973. Naiven Versionen der Unterkonsum- tionstheorie. dass eine erweiterte Reproduktion auch auf der Basis eines niedrigen Einkommensniveaus möglich sei. Aus Bernsteins Sicht war es nicht nur falsch. in dem nichtkapitalistische Schichten im In. Durch den wachsenden Einfluss der Arbeiterbewegung wäre es möglich.) und Otto Bauer (1912/13) unterstützt. Hilferding 1927.108 Thomas Sablowski märkte böten für das russische Kapital keinen Ausweg. Die Kritiker der Narodniki. h.

bzw. h. dass die kapitalistische Produktion letztlich der Konsumtion dient. Diese Ansätze können hier nicht weiter diskutiert werden. Gross- mann konzediert zwar. Henryk Grossmann. d. Damit wird jedoch ihre ganze Zusammenbruchs- begründung unhaltbar. bis eine weitere Akkumulation unmöglich wird (ebd. also einen Austausch innerhalb der Abteilung I gibt. Grossmanns methodischer Fehler besteht in einer unsachgemäßen Verwen- dung der Reproduktionsschemata. dritten krisentheoretischen . B. Gebannt von der Vorstellung. wenn bestimmte sektorale Proportionalitätsbedingungen erfüllt sind. um zu zeigen.). was oben schon bezüglich der »Gesetze« der Kapitalakkumulation angemerkt wurde. Eine der elaboriertesten krisentheoretischen Reflexionen der jün- geren Zeit mit überproduktionstheoretischer Orientierung stammt von Jan Priewe (1988).. lieferte in seinem 1929 erschienenen Buch Das Akkumulations. Der reale Verlauf des Akku- mulationsprozesses kann jedoch weder vorausberechnet noch durch Reproduk- tionsschemata theoretisch erfaßt werden. Unterkonsumtions. So interessant die von ihr aufgeworfene Problemstellung des Verhältnisses von kapitalistischem und nichtkapitalistischem Sektor ist. Stattdessen möchte ich noch kurz einen systematisch wichtigen. Anhand eines von Otto Bauer entwickelten Reproduktionsschemas zeigte Grossmann. Mitarbeiter am Institut für Sozialforsching in Frankfurt. 118ff. Hier gilt. so unzulänglich ist ihr Verständnis der erweiterten Reproduktion. dass kapitalistische Reproduktion überhaupt nur möglich ist.und Zusammen- bruchsgesetz des kapitalistischen Systems die bis dahin umfassenste Kritik sowohl der harmonistischen Interpretationen der Reproduktionsschemata als auch der auf der Unterkonsumtionstheorie basierenden Begründung des notwendigen Zusam- menbruchs des Kapitalismus (vgl. dass es Gegentendenzen zu dieser Entwicklung gibt. Überproduktionstheorien auszuarbeiten und dabei gleichzeitig die gegen die früheren Ansätze vorgebrachten Einwände zu berücksichtigen. dass der – von ihm als notwendig unterstellte – tendenzielle Fall der Profitrate bei steigender Wertzusammensetzung des Kapitals zwar zunächst mit einer beschleunigten Akku- mulation. dass es eine Produktion von Produktionsmitteln zwecks Erweiterung der Produktion von Produktionsmitteln. konnte sie sich nicht vorstellen. Seine Diskussion der Gegentendenzen kann jedoch nicht überzeugen. Baran/ Sweezy 1967). Diese haben ihre Berechtigung. einer steigenden Profitmasse einhergeht. Nach der großen Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gab es immer wieder Versuche. Größere Bedeutung haben z.. 186ff.). den unver- meidlichen Zusammenbruch des Kapitalismus zu begründen. S. dass es aber im weiteren Verlauf des Akkumulationsprozesses zu einer absoluten Abnahme der Profitmasse kommt. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 109 inhärent mangelt. S. kontinuierliches Anwachsen des konstanten Kapitals) hinauslaufen (ebd. die versuchten. Grossmann 1929/1970). die auf eine Änderung der von ihm gemachten Voraussetzungen (konstante Mehrwertrate. Mit der zunehmenden Durchkapitalisierung der Welt und der Auflösung nichtkapitalistischer Sektoren müsse der Kapitalismus jedoch schließ- lich zusammenbrechen. Sweezy 1942/1970. aus den Problemen der Mehrwertrealisie- rung eine säkulare Stagnationstendenz abzuleiten (vgl. Gleichzeitig versuchte er jedoch mit einer überakkumulationstheoretischen Argumentation. die Arbeiten von Paul Sweezy und Paul Baran erreicht.

Die sinkende Profitrate führt zu einem Rückgang der Investitionen. jedoch erst in den 1970er Jahren prominent wurde: die sogenannte Profit-Squeeze-Theorie. in der die Löhne von der Akkumulation abhängig sind. als die mit starken Reallohnsteigerungen einhergehende »fordistische« Entwicklungsweise. der ebenfalls auf Überlegungen von Marx zurückgeht. 262ff. von der weiter unten noch die Rede sein wird. wo Marx die Über- akkumulation von Kapital mit einer Verteuerung der Arbeitskraft begründet (MEW 25. S. der von den neoklassischen Ökonomen beklagt wird. Vordergründig ähnelt die Profit-Squeeze-Theorie der neoklassischen Erklärung von »freiwilliger« Arbeitslosigkeit aus »zu hohen« Löhnen. In einer stärker auf den Klassenkampf orientierten. so dass die Bedingungen für einen erneuten Aufschwung geschaffen werden. sondern mit »zu hohen« Löhnen in Verbindung bringt. die Löhne sinken. 409). Kapitel des ersten Bandes des Kapital (MEW 23. S. In der neoklassischen Theorie werden »zu hohe« Löhne allerdings durch vermeintlich exogene Faktoren.4 Die Profit-Squeeze-Theorie Die Profit-Squeeze-Theorie sieht in dem mit der Akkumulation wechselnden Umfang der »industriellen Reservearmee« und in der dadurch bedingten Entwick- lung der Lohnquote die Grundlage zyklischer Krisen (vgl. Goodwin 1967. erklärt. Insofern steigende Löhne aus der Sicht der Profit-Squeeze-Theorie die Knappheit des Arbeitskräfteangebots widerspiegeln. bis es zu Arbeitskräfteknappheit kommt. sind sie auch marktgemäß. so be- deutet eine steigende Lohnquote eine sinkende Profitrate. Gegen die skizzierte einfache Version der Profit-Squeeze-Theorie können ver- . dass die Profit-Squeeze-Theorie erst in dem Moment ausgearbeitet wurde. die Akkumulation erlahmt.110 Thomas Sablowski Strang darstellen. steigende Löhne seien der »Sturmvogel einer Krise« (MEW 24. sowie an entsprechende Passagen im dritten Band des Kapital. die Krisen im Gegensatz zur Unterkonsumtionstheorie nicht mit »zu niedrigen«. Sieht man von der Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals durch Produktivitätssteigerungen ab. der Anteil der Löhne am Wertprodukt steigt.) an. so ist dies aus einer revolutionären Per- spektive ein hoffnungsvolles Zeichen. die Profite erholen sich. Können Arbeiter die Krise auslösen. insbesondere eine quasi-monopolistische Gewerkschaftsmacht. Das Grundmodell der Profit-Squeeze-Theorie sieht folgen- dermaßen aus: Mit wachsender Akkumulation steigt die Nachfrage nach Arbeits- kräften. Der Sachverhalt. und an seine Darstellung des Zusammenhangs von Akkumulation und industrieller Reser- vearmee im 23. Dadurch verbessert sich die Verhandlungsposition der Arbeiterklasse. Body/Crotty 1975).). Glyn/ Sutcliffe 1974. Dadurch steigt die Arbeitslosigkeit wieder. »operaistischen« Version der Profit-Squeeze-Theorie treiben die Arbeiter den Ka- pitalismus tatsächlich durch hohe Lohnforderungen in die Krise. Es ist kein Wunder. 645ff. S. in die Krise geriet. während die Profit-Squeeze-Theorie eine endogene Erklärung anbietet. und die Arbeitslosigkeit geht zurück. 1. Das Modell liefert also eine endogene Erklärung für den oberen und den unteren Wendepunkt eines Konjunkturzyklus. Sie schließt damit an die Marxsche Bemerkung. wird hier positiv gesehen.

So entwickeln z. das die Zykluserklärung eines modifizierten Profit- Squeeze-Ansatzes mit der Annahme eines aufgrund des technischen Fortschritts steigenden Kapitalkoeffizienten verbindet. Itoh/Lapavitsas 1999. 30ff. Welches Fazit können wir aus der Diskussion der drei dargestellten krisentheo- retischen Ansätze ziehen? Jeder der drei Ansätze hat eine Berechtigung. (1984) wenden den Ansatz auch auf die überzyklische Entwick- lung des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg an. ab. dass der Kosteneffekt steigender oder sinkender Löhne jeweils stärker ist als der gegen- läufige Nachfrage. dass die Löhne stärker steigen als die Produktivität.. S.). Die Lohnbewegung hängt nicht zuletzt vom konkreten Verlauf des Klassen- kampfes. 128ff. Ein Fall der Profitrate würde nur dann einsetzen. In weiterentwickelten Versionen des Profit-Squeeze-Ansatzes werden diese Ein- wände zum Teil aufgenommen. B. wenn gemäß der Annahmen gleichzeitig weitere Produktivitätsstei- gerungen ausgeschlossen sind und wegen des Arbeitskräftemangels Kapazitätsaus- weitungen unmöglich sind. bleiben als Nachfragefaktor aber ausgeblendet. S. Itoh 1980. Zweitens werden Löhne zwar als Kostenfaktor wahrgenommen. wenn das Wachstum größer ist als die Produktivitätssteigerungen. die mit dem Kreditsystem und der gegenläufigen Bewegung von Zinsrate und Profitrate zusam- menhängen (vgl. 35ff. Wenn durch steigende Löhne auch der Kon- sum steigt. insofern er . Philip Armstrong u. Zu einer Ar- beitskräfteknappheit kommt es nur dann. B. B. Er berücksichtigt Preisbewegungen. wenn keine vollständige Überwälzung der Lohnsteigerungen auf die Preise möglich wäre. wobei die These einer Blockierung der »kathartischen« Funktion der »industriellen Reservearmee« zent- ral ist. a.und Kapazitätsauslastungseffekt. Überhaupt müssten auch Nachfrage. Priewe 1988. durch Preisstei- gerungen zunichte gemacht werden. Jörg Glombowski und Michael Krüger (1984) ein Modell. Shaikh 1978. Die elaborierteste Theorie des Kon- junkturzyklus auf der Basis des Profit-Squeeze-Ansatzes hat vermutlich Makoto Itoh entwickelt. in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1970er Jahren Aufschwungphasen nur mit einem geringen Beschäftigungswachstum einher (»jobless growth«) und brechen lange.und Realisationsprobleme berücksichtigt werden. bevor Vollbeschäftigung erreicht wird oder bevor die Löhne stark steigen. Drittens müsste auch die monetäre Dimension des Akkumulationsprozesses berücksichtigt werden. die Rolle des fixen Kapitals und der effektiven Nachfrage sowie monetäre und finanzielle Aspekte. und eine Profitklemme setzt voraus. so muss es zu Preissteigerungen kommen. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 111 schiedene Einwände vorgebracht werden. Empirisch gehen z. Zudem müsste der Anstieg der Lohnquote auch die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals überkompensieren. die ebenfalls aus einem Produktivitätsanstieg resultiert. Für die Bestimmung des oberen und des unteren Wendepunktes des Konjunkturzyklus müsste gezeigt werden. Nominallohnsteigerungen können z. von denen hier nur die wichtigsten kurz genannt werden sollen (vgl. S. von der Strategie und Taktik der Gewerkschaften ab. Itoh 1988. Erstens müssten Produktivitätssteigerungen genauer berücksichtigt werden.).

Arbeitsmarkt. in der die verschiedenen krisentheo- retischen Ansätze genutzt wurden. das Scheitern der gesell- schaftlichen Emanzipationsbestrebungen zu begreifen. Marglin/Schor 1990). der für die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise wesentlich ist: Bei dem »Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate« stehen die widersprüchlichen Auswirkungen der Produktivitätssteigerungen auf die Wertzusammensetzung des Kapitals und die Akkumulation im Zentrum. um die Entwicklung des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg zu erklären (vgl. Die Unterkonsumtionstheorien lenken den Blick auf Realisierungsprobleme und die effektive Nachfrage. versuchten die Vertreter der »Kritischen Theorie«.112 Thomas Sablowski die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Zusammenhang lenkt. den Grad der Komplexität und Konkre- tion der krisentheoretischen Argumentation erheblich zu steigern. solange er einen bestimmten Wirkungszusammenhang verabsolutiert und die anderen Aspekte ver- nachlässigt. das heterodoxe Ökonomen verschiedener Richtungen zusammen- führte. Zugleich bleibt jeder dieser Ansätze unzulänglich. insbesondere gegenüber dem aufkommenden Faschismus. die der Gegenstand von Marx’ »Kritik der politischen Ökonomie« war. und begeben uns auf die Ebene historisch-konkreter Prozesse. so ging die Arbeit des Kreises um Max Horkheimer am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main in eine ganz andere Richtung. den Eintritt einer Krise mecha- nisch vorauszuberechnen oder die Unvermeidlichkeit des Zusammenbruchs des Kapitalismus zu beweisen. Zur Analyse konkreter Akkumula- tionsverläufe und Krisen ist es notwendig. kritisch aber auch gegen- über der Sowjetunion und der Entwicklung der Organisationen der Arbeiterbewe- gung.und Lohn- entwicklung. . warum im Kapitalismus Krisen und Verwerfungen im gesellschaftlichen Reproduk- tionsprozess eher die Regel als die Ausnahme sind. die die Variabilität der kapitalistischen Verhältnisse in Raum und Zeit deutlich ma- chen2. Gleicher- maßen kritisch gegenüber den verschiedenen Formen bürgerlicher Herrschaft. Aufhebung von Krisen im Staatskapitalismus? Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule Kreiste die marxistische krisentheoretische Diskussion bis zur großen Weltwirt- schaftskrise der 1930er Jahre weitgehend um das Problem des Nachweises der Unvermeidlichkeit von Krisen und des notwendigen Zusammenbruchs des Kapita- lismus. Zugleich liefern jedoch alle Ansätze Argumente dafür. Alle drei Ansätze wurden auf einem hohen Abstraktionsniveau formuliert. Keiner der drei Ansätze ermöglicht es. 2. Die Profit-Squeeze-Theorie thematisiert den Zusammenhang von Akkumulation. kann ein Projekt der Universität der Vereinten Na- tionen (UNU) gelten. Durch philosophisch re- flektierte. Wir verlassen damit die Ebene von Aussagen über die kapitalistische Produktionsweise in ihrem »idealen Durchschnitt«. interdisziplinäre empirische Sozialforschung sollte das Verhältnis zwi- 2 Als Beispiel für eine solche konkrete Analyse.

dass es unter den Mitarbeitern des Instituts durchaus unterschiedliche Positionen gab (vgl. S.). Diese Verschiebung der Fragestellung sollte in den 1970er Jahren der Ausgangs- punkt des in Frankreich entwickelten Regulationsansatzes werden – doch dazu später. dass die Wirksamkeit des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate »sich zur Zeit in keiner Weise verifizieren lasse« (ebd. die Krise aus exogenen. a. ›zufälligen‹ Faktoren kausal abzuleiten. 412). Den Protokollen lässt sich nicht entnehmen. Marx habe die »direkte Ableitung des Gesetzes im Detail« mehr versprochen als geleistet (ebd. dass die Diskussionen hinsichtlich der Differenzierung zwischen verschiedenen krisentheoretischen Ansätzen und ihrer Problematisierung sehr ins Detail gegangen wären. S. eine eindeutige Zuord- nung der Tatsachen zu den zur Erklärung herangezogenen Ursachen sei nicht möglich. Innerhalb der historischen Theorie könne ein Phäno- men immer aus verschiedenen Ursachen erklärt werden. sie ist der kapitalistischen Produktionsweise inhärent. Friedrich Pollock vertrat die Position. führte dies jedoch auf mangelnde begriffliche Vermittlungsglieder zwischen Theo- rie und Empirie zurück. Ins Zentrum des Forschungsprogramms des Instituts für Sozialforschung rückte zu- nächst der Autoritätsglaube als ein wesentliches Vermittlungsglied von Herrschaft und Selbstunterwerfung (vgl. S. 32). ob in der gegenwärtigen Krise der Fall der Profitrate ein entscheidender Faktor sei. So beginnt die Diskussion am 20.). HGS 12. nicht die Krise bedarf der Erklärung. S. so gelangten Hork- heimer und Pollock gleichwohl zu der Einschätzung. Die Wahrheit sozialwissenschaftlicher Gesetze hänge daher auch von der Aktivität und dem Willen der Theoretiker ab (ebd. Dazu heißt es im Diskus- sionsprotokoll: »Die liberale Theorie versucht. 1936). Julian Gumperz stimmte Pollock zu. in dem das system- . 407 ff. Die Erforschung der öko- nomischen Entwicklung im engeren Sinne war in der Arbeit des Instituts ver- gleichsweise randständig. Während er in der Verifizierung dieses »Gesetzes« die Aufgabe der marxistischen Ökonomen sah. Die Auffassung des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate bleibt im Fortgang der Diskussion ambivalent: Einerseits wird seine Wirksamkeit unterstellt und es wird als Zusammenfassung aller »Untergangstendenzen des Kapitalismus« interpretiert.und krisentheo- retischen Fragen nicht gerade zu klaren Ergebnissen kam. welcher Status den »Ge- setzen« der kapitalistischen Produktionsweise und der Krisenanalyse im Rahmen kritischer Gesellschaftstheorie überhaupt zukommt. der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen im Bereich der Kultur analysiert werden (vgl. HGS 3.. In der Marxschen Theorie wird die Krise als ein Moment im Prozess der kapitalistischen Wirtschaft begriffen. Zu analysieren ist das relative Funktionieren dieser Produktionsweise« (ebd. Vorliegende Diskussionsprotokolle aus dem Jahr 1936 über wert.. dass sozial- wissenschaftliche Gesetze prinzipiell nicht so verifiziert werden können wie natur- wissenschaftliche Gesetze. 405ff. 406). Wenn auch der Kreis um Horkheimer in akkumulations. Sie kreisen eher um die Frage. Horkheimer u.und krisen- theoretische Fragen zeigen. wandte Horkheimer ein. Mai 1936 mit der Frage. S.. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 113 schen der Ökonomie. 405). welche Aufgabe der Krisenanalyse zugewiesen wird. andererseits wird festgestellt. S. Interessant ist. dass mit Faschismus und New Deal ein neues staatskapitalistisches Zeitalter heraufziehe..

332). S. Die Reichweite der totalitären Herrschaft vergleicht Horkheimer mit dem Übergang zum Kapitalismus: »Den Individuen wird dabei eine neue Zucht auferlegt. S. Die Transformation des gedrückten Arbeitsuchenden aus dem 19. 338). S. Mit dem Faschismus in Italien und Deutschland sowie dem Roosevelt- schen New Deal sei »eine neue Stufe ›staatskapitalistischer‹ Eingriffe« zu be- obachten (S.. S. 345). dass eine Sprengung der sich aus den Produktionsverhältnissen ergebenden Schranken »zunächst nicht zu erwarten« sei (ebd. 347). In dem kurz nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes in den Druck gegebenen Aufsatz »Die Juden in Europa« konstatiert Horkheimer den irreversiblen Bankrott des Liberalismus. Jahrhundert in das beflissene Mitglied faschistischer Organisationen gemahnt in ihrer historischen Tragweite an die Umwandlung des mittelalterlichen Handwerksmeisters in den protestantischen Bürger durch die Reformation oder des englischen Dorfarmen in den modernen Industriearbeiter. 118) Die Anpassung der Arbeiter an den Faschismus sei angesichts der gewaltsamen Niederschlagung revolutionärer Bestrebungen und der »Entwicklung der Parteien in weltumspannende Maschinen zur Vernichtung der Spontaneität« kein Zeichen von Verblödung.). 2. 330 f. Der Faschismus habe dem Proletariat »vielleicht nicht weniger zu bieten als die Weimarer Republik. Pollock diagnostizierte Tendenzen zur Herausbildung einer »kapitalistischen Planwirtschaft«. offen sei aber. die an den Grund der Sozialcharaktere rührt. dass die Reinigungsfunktion der Krisen. Vielmehr habe der Kapitalismus durch Eingriffe in die Produktions- verhältnisse »eine ungeahnte Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit« bewiesen (S.« (Horkheimer 1939. Der Konflikt zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sei heftiger geworden als je zuvor.. das Privateigentum als Grundlage des Systems auf Dauer zu sichern (S. Der Faschismus wird als zeitgemäße politische Form des »Spät- kapitalismus« aufgefasst. sondern auch Ausdruck rationaler Fähigkeiten. Alle Anzeichen deuteten jedoch darauf hin. Das wachsende Gewicht des fixen Kapitals und die Monopolisierung führten dazu. 349). S. behindert werde. dass man in Zukunft mit tendenziell schwerer werdenden Krisen rechnen müsse (Pollock 1933. 121 f. Mit der kapitalintensiven Massenproduktion wachse die Gefahr dauernder Überproduktion und struktureller Arbeitslosigkeit. die in der Widerherstellung der gestörten Proportionalität der kapitalistischen Produktion bestehe. Die selbstzerstörerische Dynamik der Marktwirtschaft sah Horkheimer in einer . die den Faschismus aufzog« (ebd. Gleichzeitig verschärfe sich das Problem der Überkapazitäten durch den Hinzutritt neu in- dustrialisierter Länder auf dem Weltmarkt (ebd. Der Aufsatz endet mit einer pessimistischen Einschätzung der Widerstandsmöglich- keiten der Arbeiterklasse.114 Thomas Sablowski sprengende Potential ökonomischer Krisen durch die Interventionen eines autori- tären Staates weitgehend aufgehoben würde.)..1 Das Konzept des Staatskapitalismus bei Horkheimer und Pollock In seinen Bemerkungen zur Wirtschaftskrise von 1933 hatte Pollock noch prognos- tiziert. ob es dieser gelingen könne.

die seine Reproduktion behindern könnten. 133) 1941 bestimmte Pollock das idealtypische Modell des Staatskapitalismus in seinem Aufsatz »State Capitalism: Its Possibilities and Limitations« genauer. 122) Letzere sind nicht mehr unbedingt die juristischen Eigentümer der Produktions- mittel. Unter der demokrati- schen Form des Staatskapitalismus übernehme der Staat die gleichen Kontrollfunk- tionen. Es zeigt sich. über Staatseingriffe vermittelten Herrschaft der industriellen Büro- kratie aufgehoben. […] Für den Fa- schismus als Weltsystem wäre ökonomisch kein Ende abzusehen. Die Ausbeutung reprodu- ziert sich nicht mehr planlos über den Markt. An die Stelle der koordinierenden Funktion des Marktes trete eine direkte staatliche Kontrolle von Produktion und Distribution. Dann wiederholte sich die ökonomische Ent- wicklung: der Faschismus ist nicht durch Zufall entstanden. 120) Horkheimer betonte die Universalität der totalitären Tendenzen. »Die totalitäre Gesellschaft hat ökonomische Chancen auf lange Frist. Sie verliert ihre Macht an die ökonomisch Mächtigen.. die sich aus den Topmanagern der Industrie und den leitenden Bürokraten des Staates einschließlich des Militärs sowie der siegreichen Partei zusammensetze. aus konfligierenden Interessen innerhalb der herrschenden Gruppen oder aus dem zugrunde liegenden Klassenantagonismus erwachsen. dass die reale Verfügung. Die Hoffnung auf die Rück- kehr des Liberalismus sei illusionär: »Vielleicht werden nach langem Krieg für kurze Zeit in einzelnen Territorien die alten ökonomischen Verhältnisse wiederhergestellt. müsse dieser unter seiner totalitären Form künstlich niedrig gehalten werden. da mit einer Ausweitung von Freizeit und Bildung auch . »Die herrschende Klasse hat sich gewandelt. 132). Pollock präsentierte den Staatskapitalismus als eine dem liberalen Kapitalismus überlegene Gesellschaftsform.« (ebd. in der die ökonomischen Gesetze und Krisentendenzen des liberalen Kapitalismus durch staatliche Planung aber aufgehoben seien und in der es keinerlei immanente ökonomische Grenzen gäbe. S. die Militarisierung führe die Welt weiter in autoritär- kollektivistische Lebensformen hinein (ebd. S. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 115 planvollen. sondern in der bewussten Ausübung der Herrschaft. S. […] Die Ökonomie hat keine selbständige Dynamik mehr. Ihre Mitglieder sind nicht identisch mit den Inhabern des kapitalistischen Eigentums. Seit dem Versagen der Markt- wirtschaft sind die Menschen ein für allemal vor die Wahl zwischen Freiheit und faschis- tischer Diktatur gestellt. Unter der totalitären Form des Staatskapitalismus werde der Staat zu einem Machtinstrument in den Händen der herrschenden Gruppe. S.. werde jedoch seinerseits durch die Bevölkerung kontrolliert.« (ebd. der physische Besitz und nicht das nominelle Eigentum sozial entscheidend ist. die zwar weiterhin durch einen Klassenantagonis- mus und die private Aneignung des gesellschaftlichen Produkts gekennzeichnet sei. durch die Vollbeschäftigung erreicht werde.. Wie der Zweite Weltkrieg auch enden möge. […] An die Stelle der juristischen Eigentümer tritt die hohe industrielle Bürokratie. Grenzen könnten dem Staatskapitalismus allenfalls aus der natürlichen Ressourcenknapp- heit.« (ebd.. Während unter der demokratischen Form des Staatskapitalismus eine allgemeine Steigerung des Le- bensstandards möglich sei.

S. denn sie war stets durch die Marktwirt- schaft definiert« (HGS 5. Entweder rechnet die Theorie »mit dem Zusammenbruch durch die ökonomische Krise. 294). Die faschistischen Länder bildeten eine Mischform. er könne ohne Rassenhaß leben (ebd. Horkheimer zufolge ist das Letztere der Fall. 228). 300 f. den er synomym mit dem des autoritären Staates verwendet. wurde das Konzept des Staatskapitalismus aufgegriffen und nochmals zugespitzt. er betonte den repressiven. die aus jeder Abhängigkeit vom privaten Kapital sich befreit hat« (HGS 5. dann ist nicht mit dem Zusam- menbruch durch die Krise zu rechnen. Der Kampf für den demokratischen Staatskapitalismus erschien damit als einzige praktikable Alternative zum totalitären Staatskapitalismus. Bolschewismus oder Faschismus siege. S. bei der der Mehrwert zwar unter staatlicher Kontrolle gewonnen und verteilt werde. 300). ein Begriff.116 Thomas Sablowski das Kritikpotential zunehmen würde. wobei insbesondere der Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums durch Hoch- rüstung eine zentrale Bedeutung zukomme. dass so aber zumindest die Handicaps des Marktes durch Planung überwunden werden könnten. 221 f. Horkheimer zitiert einleitend Friedrich Engels in »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« gemachte Voraussagen über die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. S. Gegen Ende seines Aufsatzes legte Pollock nahe.). S. In seiner Charakterisierung des Staatskapitalismus. Die Entwicklung der Produktivkräfte werde daher politisch beschränkt. S. Der integrale Etatismus bedeute keinen Rückfall. MEW 19. In Horkheimers Aufsatz »Autoritärer Staat«.. Der Staat werde immer mehr zum wirklichen Gesamt- kapitalisten. der Übergang vom Monopolkapitalismus zum Staatskapitalismus. Nur wird die Entwicklung in der Sowjetunion nun explizit unter das Konzept subsumiert: Der »integrale Etatismus« oder Staats- sozialismus sei lediglich die »konsequenteste Art des autoritären Staats. den Engels doch voraussieht. wenngleich es für die Individuen entscheidend sein könne. das die totalitäre Herrschaft gefährden würde. S. sondern Steigerung der Kräfte. Die Sphäre der Zirkulation werde liquidiert. was die bürgerliche Gesellschaft zu bieten habe. Angesichts der nach innen herrschafts- stabilisierenden Rolle der äußeren »Bedrohung« sei der totalitäre Staatskapita- lismus auch nur in einem System konkurrierender Nationalstaaten und nicht in einem Weltstaat denkbar (Pollock 1941. die Aneignung eines immer grö- ßeren Teils des Produktionsapparats zunächst durch Aktiengesellschaften und Trusts. Horkheimer problematisierte jedoch die Erwartung eines revolutio- nären Umschlags des auf die Spitze getriebenen Kapitalismus. Horkheimer wollte den autoritären Staat freilich nicht als eine stabile Formation verstanden wissen. dann ist die Fixierung durch den autoritären Staat ausgeschlossen. Oder sie erwartet den Sieg des autoritären Staates. jedoch nach wie vor als Profit in großem Umfang den Industriemagnaten und Grundbesitzern zufließe. . ausbeuterischen und antagonistischen Charakter aller seiner Varianten. dass die demokratische Form des Staatskapitalismus eventuell eine Übergangsphase bis zur Abschaffung der Überreste des Kapitalismus sei. geht Horkheimer nicht über die Beiträge von Pollock hinaus. die sich bewahrheitet hätten (vgl. der bewusst nur in geringer Auf- lage in dem hektographierten Band Walter Benjamin zum Gedächtnis 1942 publi- ziert wurde. ob Reformismus.. 217–220). dann durch den Staat sei das letzte.

solange die Solidarität noch nicht durch Gehorsam ersetzt wird […]. die Avantgarde ohne periodische Säuberungs- aktionen zu handeln vermag« (ebd. 307).. 2. Diese düstere Analyse mit ihren überraschend voluntaristischen Momenten sollte Jahrzehnte später auf starke Resonanz im antiautoritären Flügel der deutschen Studentenbewegung sto- ßen (vgl. Dutschke/Krahl 1967. ob er davon ausgeht. So spricht Horkheimer davon. ein Modell oder einen Idealtypus . 295). S.. 312). da ein Kapita- lismus ohne Zirkulationssphäre. Wenn der Staat zum einzigen Eigentümer der Produktionsmittel geworden war. Parteien und Gewerkschaften hätten »den natürlichen Bedingungen ihrer eigenen Entwicklung zur Massenorganisation ge- horcht« (ebd.2 Zur Kritik des Staatskapitalismuskonzepts Horkheimers und Pollocks Thesen zum Staatskapitalismus waren innerhalb des Instituts für Sozialforschung nicht unumstritten. Ohne Horkheimer oder Pollock ausdrücklich anzugreifen. die ihrem Wesen nach keine Bürokratie dulden«. »die schmähliche Soziologie des Parteiwesens« – eine An- spielung auf Robert Michels gleichnamiges Buch von 1911 – habe letztlich recht behalten (ebd. dass in der Form der Massenorganisation selbst eine zwangs- läufige Verkehrung der Emanzipationsansprüche in neue Formen von Herrschaft angelegt ist.). »Solange die Partei noch eine Gruppe. konnte man aus seiner Sicht nicht mehr von Kapitalismus sprechen. bei der die ökonomischen Widersprüche praktisch ausgeschaltet waren. 274). aber doch notwendige Ende des Staatskapitalismus ganz orthodox: Das »Gesetz seines Zusammenbruchs« gründe »in der Hemmung der Produktivität durch die Existenz der Bürokratien« (ebd. S. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 117 Obgleich Horkheimer hier – ähnlich wie Walter Benjamin in seinen Thesen »Über den Begriff der Geschichte« – einerseits das mechanistische Fortschrittsden- ken innerhalb des Marxismus scharf kritisierte (vgl. dass der Begriff des Staatskapitalismus eine contradictio in adjecto ist (Neumann 1944/1984. aus dessen Sicht das Konzept des Staatskapitalismus nicht nur politisch fatal. 297). 309). Die entschiedenste Kritik aus dem Kreise des Instituts kam von Franz Neu- mann. Ebenso schillernd ist die hier deutlicher als in anderen Texten artikulierte Kritik an den Organisationen der Arbeiterbewe- gung. der aus dieser Perspektive als gleichsam krisenfreie und mehr oder minder stabile Variante des Kapitalismus erscheinen konnte. argumentierte er andererseits in Bezug auf das von ihm zwar nicht für die nahe Zukunft erwartete. S.. ohne Markt und ohne Preise nicht existieren konnte. Unklar bleibt in Horkheimers weiterer Argumentation. versuchte Neumann in seiner umfangrei- chen empirischen Analyse des Nationalsozialismus zu zeigen. In jedem Fall konnten nach seiner Ansicht »Versuche. sondern auch methodisch unzulässig und sachlich falsch war.. Befürchtet wurde eine Schwächung des Kampfes gegen den Nationalsozialismus. solange sei Hoffnung. Die Kritik richtete sich insbe- sondere gegen die strategischen Implikationen von Pollocks Variante des Konzepts. Auch war es methodisch unzulässig. oder ob dies das Resultat kontingenter historischer Entwicklungen war. ebd. S. Kraushaar 1987). ihren antiautoritären Zielen noch nicht entfremdet ist. S. nur »von den Vereinzelten kommen« (S. wirkliche Freiheit herzustellen […].

Gerade die em- pirische Analyse sollte aber zeigen. in dem aber das Privateigentum an den Produktionsmit- teln nach wie vor zentrale Bedeutung hatte. S. Lipietz 1998) als Fordis- mus bezeichne. 2063ff. der Gesetzlosigkeit und des Unstaats dargestellt.. Dies gilt insbesondere für ihre Vorstellung einer mehr oder minder krisenfreien ökonomischen Reproduktion. der Pollocks verkürztes Krisenverständnis zu Grunde lag.) und den Regulationsansatz (vgl.118 Thomas Sablowski gegen empirische Kritik zu immunisieren. Unter dem Eindruck des Faschismus zeichneten Pollock und Horkheimer freilich ein in vieler Hinsicht falsches Bild der heraufziehenden Epo- che kapitalistischer Vergesellschaftung. die Antonio Gramsci mit dem Begriff der »passiven Revolution« thematisiert. d.). Sicherlich ist Neumanns Charakterisierung der Herrschenden insofern prob- lematisch. Jahrhunderts als eine Phase des Chaos. Erst recht machte das Konzept dann zur Charakterisierung des »New Deal« und der Entwicklungen in anderen Ländern keinen Sinn. 541ff. Die wissenschaftliche Analyse musste sich demzufolge auf reale Entwicklungen beschränken. Behemoth und Leviathan. Aglietta 1979. die zukünftige Entwicklung werde sich dem Modell annähern. es war im Grunde gar kein Staat. h. Seine Konzeption ist in dieser Hinsicht eher elite. Hobbes hatte die beiden Ungeheuer der jüdischen Eschatologie. Neumann wählte für seine 1942 veröffentlichte und 1944 nochmals erweiterte Analyse des Nationalsozialismus in Anlehnung an Hobbes den Titel Behemoth. da nach seiner Analyse weder eine Herrschaft des Gesetzes noch ein Gewalt- monopol existierte. der noch am ehesten als Grenzfall angesehen werden konnte. In seinem Buch Behemoth oder das lange Parlament hatte er den englischen Bürgerkrieg des 17. in dem allerdings noch Reste der Herrschaft des Gesetzes und der individuellen Rechte bewahrt sind. Der Markt und die Preise übten weiterhin wichtige Funktionen aus. dass das Staatskapitalismuskonzept nicht ein- mal für den Nationalsozialismus galt. in dem es zwar Elemente einer Wirtschaftsplanung gab. als er nicht zwischen den aus den Produktionsverhältnissen erwach- senden Klassenstellungen und den politisch-militärischen Gruppierungen unter- scheidet. Im Rückblick könnte man Horkheimer und Pollock zugute halten. dass sie ein Gespür für die enorme Wandlungsfähigkeit des Kapitalismus hatten. so dass nach Neumanns Ansicht von einem qualitativen Bruch im Sinne von Pollocks Staatskapitalismuskonzept nicht die Rede sein konnte. in die politische Theorie überführt. S. die jeweils von den konkurrierenden Eliten der NSDAP. Der Staat löste sich vielmehr auf in einen Archipel von Machtstellungen.als klassentheoretisch. der Industrie und – mit abnehmender Bedeutung – der Ministerialbüro- kratie beherrscht wurden (ebd. die ich in Anlehnung an Gramsci (1999. Pollock sah die Krisen hauptsächlich in der Anarchie des Marktes und in Disproportionalitäten zwischen den Wirt- . während er mit dem Leviathan den Staat als ein Zwangssystem charakterisiert hatte. Aus Neumanns Sicht entsprach das nationalsozialistische Deutsch- land eher dem Behemoth als dem Leviathan. indem man behauptete. des Militärs. Gleichwohl charakterisierte Neumann den Nationalsozialismus in ökonomischer Hinsicht als totalitären Monopolkapitalismus. Aus heutiger Sicht zielte das Konzept des Staatskapitalismus visionär auf eine neu entstehende Entwicklungsweise des Kapitalismus.

Und dies. Dabei wurden jedoch die im kapitalistischen Produktionsprozess wurzelnden Wi- dersprüche unterschätzt. Auch die Arbeiten von Claus Offe (1972) und Jürgen Habermas (1973) über das »politische System« des »Spätkapitalismus« sind noch von der Vorstellung geprägt. Nicht nur führende Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes orientierten sich am Konzept des »autoritären Staa- tes«. so hypostasierten Offe und Habermas ihn. die ökonomischen Krisentendenzen der kapitalistischen Produktionsweise seien durch umfassende Staatsinterventionen praktisch entschärft oder stillgestellt. Der Charakter der gegenwärtigen Phase ebenso wie die Zukunftsaussichten kapitalis- tischer Entwicklung sind zwar nach wie vor heftig umstritten. Heute sind alle Varianten des vermeintlichen Staatskapitalismus Geschichte. während er zerfiel. Paradoxerweise verwarfen Offe und Habermas die marxistische Krisentheorie genau in dem Moment. sondern als we- niger produktive. Staats- sozialismus nicht als überlegene Variante des Staatskapitalismus. Die Zunahme gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in jenen Jahren wurde von Offe und Habermas natürlich gesehen. die Herausbildung des Interventionsstaates und die Durchsetzung einer antizyklischen Wirtschaftspolitik keineswegs eine Abschaffung des Marktes und der Krisen. Demzufolge erscheinen die Ausweitung der staatlichen Interventionen und der Übergang zur Wirtschaftsplanung ähnlich wie schon bei den sozialdemokratischen Theoretikern des »organisierten Kapitalismus« als Mög- lichkeit der Überwindung der ökonomischen Krisen auf kapitalistischer Basis. Nach dem in den 1970er Jahren einsetzenden Strukturbruch in den kapitalistischen Gesellschafts- formationen. doch entsprachen deren Artikulationsformen nicht der bewusstseinsphilosophischen Vorstellung eines mit der ökonomischen Krise zunehmenden Klassenbewusstseins. dem »atlantischen« Fordismus hinterherhinkende Vergesell- schaftungsform. Es zeigt sich hier eine eigentümliche Ungleichzeitigkeit von gesellschaftlicher Entwicklung und Theoriebildung. der langjährigen neoliberalen Offensive und dem Zusammenbruch . auf die sich Habermas Aufmerksamkeit seither richtete. obwohl sich in der Bundesrepublik wie in anderen Ländern schon in den späten 1960er Jahren ein Ende des »Wirtschaftswunders« andeutete und es gleich- zeitig zu einem bedeutenden Aufschwung der Klassenkämpfe kam. Trotz aller politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. in dem sich eine Struk- turkrise des Kapitalismus entwickelte. Auch bedeutete die monopolistische Regulation von Löh- nen und Preisen. Schließlich erwies sich der »integrale Etatismus« bzw. die in ihrem Ausmaß mit der Weltwirt- schaftskrise der 1930er Jahre vergleichbar war. Waren Horkheimer und Pollock Vorreiter der Fordismusanalyse. trotz der darge- stellten Mängel der älteren Kritischen Theorie und ungeachtet der Differenzen innerhalb des Instituts für Sozialforschung stießen die Überlegungen Horkheimers und Pollocks zum Staatskapitalismus in Westdeutschland noch bis in die 1970er Jahre auf eine starke Resonanz. Übrig bleiben »Legiti- mationsprobleme« des »politischen Systems«. die die Folie ihrer Kritik bildete. Daher er- schienen ökonomische Krisen in den systemtheoretisch gewendeten Kapitalismus- konzeptionen von Offe und Habermas letztlich irrelevant. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 119 schaftssektoren angelegt. die auf die normativen Grundlagen von Sozialintegration und Gesellschaftskritik verweisen.

Angesichts des revolutionären Attentismus der Sozialdemokratie. Die Vorstellung einer Aufhebung (in dem ambivalenten Sinn des Wortes) der Krisentendenzen der kapitalistischen Produktionsweise durch staat- liche Interventionen. die Notwendigkeit von Krisen aus den immanenten Gesetzen der kapitalistischen Produktionsweise zu begründen. eine Problemver- schiebung vorzunehmen und das Autoritätsdispositiv zu untersuchen. das den autoritären Charakter mit dem autoritären Staat zusammenspannt.120 Thomas Sablowski des Staatssozialismus dürfte jedoch Konsens darin bestehen. 3. dass Krisen auch reaktionäre Wendun- gen nehmen können. dass von einer linearen Abfolge von Stadien kapitalistischer Entwicklung mit immer höherem Vergesell- schaftungsniveau der Arbeit nicht ohne weiteres die Rede sein kann. worin der Fortschritt gegenüber den früheren Ansätzen kritischer Gesellschaftstheorie besteht. War die frühere marxistische krisentheoretische Debatte in ihrer Fixierung auf den notwendigen Zusammenbruch des Kapitalismus ökonomistisch. Abschließend möchte ich auf einige offene Fragen der Analyse kapitalistischer Entwicklung hinweisen. führte den Kreis um Horkheimer dazu. Die Erneuerung der Kapitalismusanalyse Die Entwicklung der »Neuen Linken« und die Strukturkrise der kapitalistischen Gesellschaftsformationen in den 1970er Jahren hat auch eine Erneuerung des krisentheoretischen Denkens und eine Vielfalt an Analysen über die kapitalistische Entwicklung hervorgebracht. so verfielen die Theoretiker des »Staatskapitalismus« wie auch die des »organisierten Kapita- lismus« allerdings in den entgegengesetzten Fehler des Politizismus. 3. Ich möchte stattdessen zunächst noch einige Bemerkungen zu dem problematischen Verhältnis von Politik und Ökonomie machen. um dann den »Regulationsansatz« als einen der neueren Ansätze vorzustellen und deutlich zu machen. Es ist hier nicht einmal ansatzweise möglich. Auf den politischen Impetus dieses Vorhabens habe ich eingangs hingewiesen: Krisen galten als potentiell revo- lutionäre Situationen. als notwendige Voraussetzung einer Beschleunigung der Klassenkämpfe. so überschätzten sie die anderen. der Erfahrung des Ersten Weltkriegs sowie der Entwicklung der russischen Revo- lution und des Faschismus wurde dieser Zusammenhang von Ökonomie und Politik im »westlichen Marxismus« (Anderson 1978) zunehmend problematisiert. Die schon von Marx gemachte Erfahrung. die vielen neuen Ansätze im Einzelnen zu skizzieren. die sich im Konzept des »organisierten Kapitalismus« bei Hilferding ebenso findet wie im Konzept des »Staatskapitalismus« bei Pollock und Horkheimer und im Konzept des »Spätkapitalismus« bei Offe und Habermas. Unterschätz- ten die einen die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus.1 Das problematische Verhältnis von Ökonomie und Politik Lange Zeit hatten sich die Anstrengungen der marxistischen Krisentheoretiker darauf konzentriert. wurde Anfang der 1970er Jahre in der westdeutschen »Staatsableitungsdebatte« .

wo es um die Vermittlung der allgemeinen »Gesetze« der kapitalistischen Produktionsweise mit der konkreten Bewegung der Kapitalakkumulation und des Klassenkampfs ging. ob es angesichts der Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse und angesichts der Restriktionen. überhaupt ein sinnvolles Ziel sein kann. Kotz u. 839) sein sollte. unter denen die Produktion kritischer Theorie stattfindet. 1999) dar. Ein solches Begriffsinstrumentarium stellt m. die ja nach Marx eigenem Verständ- nis eine Theorie der kapitalistischen Produktionsweise »in ihrem idealen Durch- schnitt« (MEW 25. B. die Form. Auch im Selbstverständnis vieler Vertreter des Regula- tionsansatzes handelt es sich bei diesem eher um ein offenes Forschungsprogramm als um eine fertige Theorie. Lipietz 1998. Ziel war es. Alt- husser 1974. Die Weiterentwick- lung kritischer Gesellschaftstheorie setzt voraus. 1974. wobei die Marxsche Darstellungsmethode des Über- gangs vom Abstrakten zum Konkreten im Kapital als Modell galt. Boyer/Saillard 1995. Althusser/Balibar 1972. die inhärenten Gren- zen des Staatsinterventionismus aufzuzeigen. zu erwähnen sind vor allem die Gefängnishefte Antonio Gramscis (1990ff. Müller/Neusüss 1971. Das Programm der »Rekonstruktion« der Kritik der politischen Ökonomie und der Formanalyse musste freilich methodologisch an Grenzen stoßen. eine geschlossene Gesellschaftstheorie anzu- streben. a. zusammenfassend und kritisch dazu: Jessop 1982. S.) sowie die Arbeiten der »Althusser-Schule« (vgl. der »Social structures of accumulation«-Ansatz der US-amerikanischen »radicals« (vgl.und Funktionsbestim- mungen des bürgerlichen Staates aus den Bestimmungen der kapitalistischen Wa- renproduktion abzuleiten. Aus meiner Sicht bleibt der holistische Anspruch bzw. Hierfür gibt es in der Geschichte des Marxismus selbst wichtige Ansätze. Kapitel 3). Blanke u. wenn auch praktisch schwer zu handhabender Bestandteil kritischer Theo- riebildung. sich die immanenten Grenzen der Marxschen Kapitaltheorie bewusst zu machen. Aglietta 1979. die für die weitere Ausarbeitung einer nichtlinearen Theorie kapitalistischer Entwicklung in- teressante Gesichtspunkte beizutragen haben. der Bezug auf eine Vorstellung von – wie auch immer komplex strukturierter und irreduzibler – Totalität notwendiger. Letztere ließ sich eben nicht aus der »Kapitallogik« ableiten. Ausgehend von der besonderen Form des bürgerlichen Staates wurden seine Funktionen für die Reproduktion des Kapitalismus problematisiert. Hier soll nicht behauptet werden. wie z. das die komplementären Feh- ler des Ökonomismus und des Politizismus vermeidet. 1994).E. durch die der Weg frei gemacht wurde für die Entwicklung eines an der Marxschen Theorie anknüpfenden und zugleich für empirische Forschung offenen Begriffsinstrumentariums zur Ana- lyse historisch-konkreter Gesellschaftsformationen. Boyer 1986. der Regulationsansatz (vgl. Im Rahmen eines breiter angelegten Programms der »Rekonstruktion« der Kritik der politischen Ökonomie wurde hier versucht. Hirsch 1974. die anderswo mit weniger rigorosem theoretischen Aufwand etwa als »Finanzkrise des Staates« (O’Connor 1974) the- matisiert wurden. . dass dieser bereits die zeitgemäße kritische Gesellschaftstheorie ist3. a. Van der 3 Eine andere Frage ist. Mazier u. a. Darüber hinaus gibt es auch andere Ansätze. die »Amsterdamer Schule« der Internationalen Politischen Ökonomie (vgl. Poulantzas 1974). Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 121 einer grundlegenden Kritik unterzogen (vgl.

Ich möchte unter Rückgriff auf den Regulationsansatz lediglich skizzieren.122 Thomas Sablowski Pijl 1998). den Ausbau der Sozialleistungen. Hopkins u. die in einem qualitativ neuen Maß zum immanenten Moment der Kapitalakkumulation wird. Zum einen werden die für den Kapitalismus des 19. wie hat sie dann so lange überdauern können? Und wie konnte es zu jener Prosperitätskonstellation kommen. Die Institutionalisierung dieses »intensiven Akkumulationsregimes« verläuft über die Anerkennung der Gewerkschaften seitens der Unternehmen. um die Abfolge von Prosperitäts- phasen und Krisen in der kapitalistischen Entwicklung genauer zu begreifen. Der Fordismus gewinnt seine Dynamik also aus der Transformation der Lebensweise der Lohnempfänger. endogenen Krisentendenzen hat.2 Der Regulationsansatz Der Regulationsansatz wurde von französischen Ökonomen vor dem Hintergrund der Strukturkrise der 1970er Jahre entwickelt. Arrighi 1994. dass sich auf der Basis eines spezifischen Klassenkompromisses zwischen Kapitalisten und Lohnabhängigen ein institutionelles Gefüge entwickelt hatte. wenn auch die Herangehensweise ganz anders ist: Wenn die kapitalistische Produk- tionsweise grundsätzlich krisenhaft und strukturell instabil ist. a. der Weltsystemansatz (vgl. die Ablösung der Geld- ware Gold durch staatlich reguliertes Zentralbankgeld bzw. Jahrhunderts typischen scharfen konjunkturellen Krisen im Fordismus nur dadurch vermieden. die für die 1950er und 1960er Jahre so bestimmend war. 1996) oder die jüngsten Arbeiten von Robert Brenner (1998. Die auf der Basis der tayloristischen Arbeitsorganisation erzielten Produktivitätszu- wächse erlaubten steigende Reallöhne. wie krisentheoretische Ansätze für eine historisch-konkrete Analyse der kapitalistischen Entwicklung fruchtbar ge- macht werden können. 3. so dass eine vergleichsweise regelmäßige Akkumulation möglich wurde. Kreditgeld und eine ganze Reihe weiterer Mechanismen. dass die für den kapitalistischen Verwertungsprozess unausweichlichen Fluktuationen und Verschiebungen der Wertverhältnisse im Rahmen der monopolistischen Regulation . Allerdings zeigt die regulationstheoretische Analyse des Fordismus auch. ohne zugleich das Wachstum der Profite zu stark zu restringieren. die durchaus an die Frankfurter Schule erinnert. die Etablierung von Tarifverhandlungen. dass man rückblickend von einem »goldenen Zeitalter« des Kapitalismus sprechen kann? Die regulationstheoretische Analyse der als Fordismus bezeichneten Entwick- lungsweise zeigt. 2000). Die steigenden Reallöhne wiederum ermöglichten die Ent- wicklung des Massenkonsums und verhinderten so die Wiederholung einer Rea- lisierungskrise wie in den 1930er Jahren. Die Arbeiter akzeptierten die Hoheit der Kapitaleigner in der Arbeits- organisation im Austausch gegen die Beteiligung am Produktivitätsfortschritt. dass das intensive Akkumulationsregime seine eigenen. das ein paralleles Wachstum von Produktivität. aber auch in einer eher impliziten Kritik gegenüber dem »kapitallogischen« Marxismus nahmen die »Regulationisten« eine Umkehrung der traditionellen krisentheo- retischen Problemstellung vor. In ihrer expliziten Frontstellung gegenüber dem neoklassischen Mainstream. Reallöhnen und Profiten ermöglichte.

Mit dem Absinken der Produktivitätszuwächse geraten die fordistischen Mechanismen der Einkommensbildung unter Druck. sondern zusammenfassen. In jedem Fall ist das Resultat eine sinkende Profitrate. erhöhte Abschreibungen und schleichende Inflation ersetzt. Dabei vermeidet der Regulationsansatz die Hypostasierung der »Kapitallogik« und faßt stattdessen den Prozess der Reproduktion der widersprüchlichen sozialen Ver- hältnisse als einen Prozess von sozialen Kämpfen auf. in dem sich Produktions- und Konsumnormen. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 123 bereits antizipiert und in die Preise inkorporiert werden.und Zusammenbruchstheorien wie auch gegenüber der Kriti- schen Theorie der Frankfurter Schule sehe. sondern ausreichend offen und er- . Nach einer anderen Lesart handelt es sich eher um »soziale« Grenzen des Taylorismus. die zunehmende Intensivierung und Degradie- rung der Arbeit hinzunehmen. die Arbeiter sind ab einem be- stimmten Punkt nicht mehr gewillt. die sich seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre bemerkbar macht und die schließlich zum Erlahmen der Akkumulation führt. Der Regulationsansatz baut auf der Marxschen Theorie der kapitalistischen Produktionsweise auf und entwickelt ein Set von intermediären Begriffen. d. in Sabotage- akten. Der Akzent liegt bei dieser Interpretation eher auf dem unzureichenden Anstieg der Mehrwertrate als auf der steigenden Wertzusammensetzung. Im Unterschied zu vielen Arbeiten des traditionellen Marxismus und zur älteren Kritischen Theorie prognostiziert der Regulationsansatz weder den unvermeidli- chen Zusammenbruch des Kapitalismus noch die Aufhebung von Krisentendenzen in einem Staatskapitalismus. h. Regulationsweisen und Akkumulationsregime durch histori- sche Kompromisse und die hegemoniale Produktion von Konsens gleichsam als »historische Fundsachen« (Alain Lipietz) herausbilden. in sinkenden Produktivitätszuwächsen ausdrückt. deren Charakter in der regulationstheoretischen Diskussion freilich um- stritten ist. die es erlauben. die Kapitalisten kündigen unter dem Druck der Krise den Klassenkompromiss auf und suchen Zuflucht in einer Absenkung der Löhne und Sozialleistungen sowie in der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse. doch hat sich gezeigt. die ab einem bestimmten Punkt zu einem übermäßigen Anstieg der Wertzusam- mensetzung des Kapitals führen. historisch-konkrete Gesellschafts- formationen in ihrer Akkumulations. ist der Regulationsansatz ur- sprünglich im Kern ein makroökonomischer Ansatz. die Produktivitätssteigerung qua Mechanisierung verursacht steigende Kosten. dass der Begriffsrahmen eben nicht ökonomistisch. Periodische Schübe der Kapitalvernichtung werden durch »geplanten Verschleiß«. Nach einer Lesart handelt es sich eher um »technologische« Grenzen.und Krisendynamik zu untersuchen. worin ich den Fortschritt des Regulationsansatzes gegenüber – im engeren Sinne ökonomischen bzw. d.und hegemonietheoretische Defizite auf. ökonomi- stischen – Krisen. Ich möchte die Beschreibung des Fordismus und seiner Krise an dieser Stelle nicht weiter vertiefen. Er wies zwar bestimmte staats. Zum anderen stößt die tayloristische Transformation des Arbeitsprozesses an Grenzen. Hier bietet sich der Neoliberalismus als Interpretation der Probleme und als gesellschaftliches Umbauprogramm an. was sich in steigendem Absentismus. h. Während die Kritische Theorie durch gravierende ökonomietheoretische Defizite gekennzeichnet war.

Ob man die Grenzen des Taylorismus eher als »soziale« oder eher als »tech- nologische« bestimmt. in denen eher die Flexibilisierung der Arbeits- verhältnisse und die Senkung der Löhne verbunden mit einem Frontalangriff auf die Gewerkschaften vorangetrieben wurde und die den Prinzipien des Taylorismus stärker verhaftet blieben. wie etwa die Diskussion über das sogenannte »Produk- tivitätsparadoxon« (d. und auch dort. Nicht nur aus regulationstheoretischer Perspektive hatten sich die mit dem Taylorismus verbundene rigide Trennung von planender und ausführender Arbeit. 1992. a.3 Aktuelle Probleme der Analyse kapitalistischer Entwicklung Ich möchte abschließend noch einige Probleme skizzieren. ist nicht zuletzt für die Einschätzung bezüglich der mögli- chen Auswege aus der Krise des Fordismus relevant. so könnte auch der Ausweg aus der Krise ein technologischer sein. a. die Beiträge in Demirović u. sondern auch größere Produktivitätssteigerungen mit sich gebracht. so rücken die Frage der Arbeitsorganisation und das Verhältnis der Arbeiter zum Arbeitsprozess ins Zentrum. das seit einem Jahrzehnt nicht aus der Stagnation und Deflation herausfindet. Brand/Raza 2002). h. Länder wie die USA oder Großbritannien dagegen. 3.und Kommunikations- technologien zu einer deutlichen Verbilligung der Elemente des konstanten Kapi- tals und damit zu einer sinkenden Wertzusammensetzung des Kapitals und zu einer steigenden Profitrate führen. Handelt es sich eher um technologische Grenzen bzw. wo stärker auf die ausge- handelte Einbindung der Arbeiter und die Vergrößerung ihrer Autonomiespiel- räume im Arbeitsprozess gesetzt wurde. Im Laufe der 1990er Jahre hat sich das Bild jedoch erneut umgekehrt. die nur mäßigen Produktivitätssteigerungen trotz hoher IT-Investitionen) zeigt (vgl. Die Auswirkungen der neuen I+K-Technologien sind jedoch heftig umstritten. Deutschland oder Japan. wie in Skandinavien. So hat der lange Konjunkturaufschwung in den USA anscheinend im Vergleich zur EU nicht nur höhere Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts. Interpretiert man die Grenzen des Taylorismus eher als soziale oder politische. 1994. Die Entwicklung der 1980er Jahre schien den Verfechtern der »Humanisierung der Arbeit« und der »soziotechnischen« Ansätze der Arbeitsorganisation Recht zu geben: dort. wurden die größeren Produktivitätsteigerungen erzielt.124 Thomas Sablowski weiterbar ist oder zumindest wichtige Bausteine für die Weiterentwicklung kri- tischer Gesellschaftstheorie liefert (vgl. drohten im Regimewettbewerb zurückzufallen. Scherrer 2001). von der Situation in Japan. Auch hier kann natürlich kein An- spruch auf Vollständigkeit bestehen. Esser u. ganz zu schweigen. die immer weiter gehende Parzellierung der Tätigkeiten und die Degradierung des Wissens der Produktionsarbeiter in Hemmnisse weiterer Produktivitätssteigerungen verwandelt. um ein übermäßiges Anwachsen des konstanten Kapitals mit der Mechanisierung. die sich im Hinblick auf die Analyse der aktuellen Situation und der zukünftigen Entwicklung des Kapita- lismus aus krisentheoretischer Sicht stellen. So könnten die neuen Informations. wo noch in den frühen 1990er Jahren Ansätze einer inno- . Inzwischen wird das angelsächsische Modell wieder als Vorbild gehan- delt.

Der Erkenntnisstand bezüglich der Frage. die sich in niedrigen Wachstumsra- ten der Anlageinvestitionen und des Sozialprodukts ausdrückt. Möglicherweise handelte es sich eben nicht um absolute. Zweitens ist denkbar.und Kleinunter- nehmen berücksichtigt werden. festzustellen. Die Entwicklung des Massenkonsums löste nicht nur das Problem der effektiven Nachfrage. dass die seit Mitte der 80er Jahre feststellbare Erholung der Profitabilität des Kapitals weniger auf eine Erhö- hung der Arbeitsproduktivität im engeren Sinne als auf andere Faktoren wie die Ausdehnung der Maschinenlaufzeiten. Es ist weitge- hend unklar. Gerst 1999. weil sie durch eine histo- risch einmalige Umgestaltung der Lebensweise der Lohnabhängigen gekennzeich- net ist. werden inzwischen wieder eher neo- tayloristische Wege beschritten (vgl. Die Akkumulationsschwäche hängt aus regulationstheoretischer Perspektive mit einer Erschöpfung der fordistischen Konsumnorm zusammen. ist immer noch völlig unbefriedigend. 5 Nach einer Studie der Deutschen Bundesbank (2001) hat sich in den letzten Jahren vor allem die finanzielle Situation der Kapitalgesellschaften verbessert. eine Steigerung des relativen Mehrwerts trotz gleichzeitig steigender Real- 4 Die Lohnquote ist in den letzten beiden Jahrzehnten in den kapitalistischen Metropolen erheblich gesunken. d. Die fordistische Periode nimmt in der kapitalistischen Entwicklung vor allem deshalb eine Sonderstellung ein. z. wie links- keynesianische und unterkonsumtionstheoretische Interpretationen der gegenwär- tigen Situation nahe legen. h. die durch einen gegebenen Stand der Technologie und der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse bedingt waren. so ist eine Diskrepanz zwischen der Erholung der Profitabilität des Kapitals und der zurück- bleibenden industriellen Kapitalakkumulation. dass die Krise der tayloristischen Arbeitsorganisa- tion überschätzt wurde. Dies ist ohne Zweifel ein zentrales Moment der Erholung der Profitabilität des Kapitals. Es gibt Anzeichen dafür. dass die eher durch die tayloristische Arbeitsorganisation geprägten Großunternehmen sich vor allem auf Kosten von Kleinunternehmen saniert haben5. sie ermöglichte auch eine durchgreifende Rationalisierung der Reproduktion der Lohnabhängigen. Sieht man von der Entwicklung in den USA in den 1990er Jahren ab. Erstens ist denkbar. Springer 1999). eine Senkung des Werts der Arbeits- kraft. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 125 vativen Arbeitsorganisation verfolgt wurden. Sicherlich hat die Frage der »Effizienz« (neo-)tayloristischer Organisationsformen auch etwas mit der Bereit- schaft zur Unterordnung der Arbeitskräfte angesichts des subjektiv und objektiv verschärften Drucks durch die »industrielle Reservearmee« im globalen Maßstab und angesichts der vermeintlichen politischen Alternativlosigkeit nach dem Ende des »Realsozialismus« zu tun. sondern relative Grenzen. Drittens muss die Möglichkeit des Mehrwerttransfers entlang der Wertschöp- fungsketten und die ungleiche Entwicklung zwischen Groß. . wie denn nun die Unternehmen die Krise des Fordismus trotz Beibehaltung tayloristischer Prinzipien bisher gemeistert haben. Dabei handelt es sich nicht bloß um ein Problem mangelnder effektiver Konsumnachfrage. und die Reallöhne stagnieren weitgehend. wie dieser Umschwung zu erklären ist. während die Situation der Personengesellschaften und der Einzelunternehmen eher schlechter geworden ist. Unterschiedliche Hypothesen bieten sich hier an. die Verhinderung von Lohnzuwächsen4 und die Steigerung der Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals zurückzuführen ist. B.

die das Akkumulationsproblem zunächst lösen und gleichzeitig in veränderter Form erweitert reproduzieren.und bankorientierten zu einem marktorientierten Finanzsystem. Ein solches Akkumulationsregime würde allerdings angesichts der extrem ungleichen Verteilung des Wertpapierbesitzes nicht nur zu einer Verschärfung der sozialen Ungleichheiten und zu einer vermehrten finanziellen Instabilität führen – die aus der Wertpapierinflation resultierenden Konsumeffekte sind im Vergleich zu anderen Komponenten der effektiven Nach- frage empirisch auch eher als gering zu veranschlagen (vgl. inwieweit es eventuell positive Rückkopplungseffekte zwi- schen steigenden Wertpapierpreisen. ob sie der Kapitalakkumulation noch einmal einen ver- gleichbaren Schub geben könnte. wie dies die Entwicklung der fordistischen Konsumnorm getan hat. bleiben zu stark hinter der Produktivitätsentwicklung zurück. Erstens kommt es zu einer zunehmenden Akkumulation des anlagesu- chenden Kapitals im Finanzsektor. in dem »fiktives Kapi- tal«. Unklar ist auch. PCs etc. in dem steigende Wertpa- pierpreise selbst zu einer Quelle höherer Konsum. Duménil/Lévy 2002). und der industriellen Akkumulation gibt. die ja ein Ausdruck der beschleunigten Akku- mulation fiktiven Kapitals sind. Michel Aglietta und Robert Boyer haben die These vertreten. denn die durch institutionelle Investoren vermittelten Renditeansprüche der Geldvermögensbesitzer lasten trotz gestiegener Profitabilität in der Industrie zu- nehmend wie ein Bleigewicht auf der industriellen Akkumulation (vgl. Handys. Sablowski/Rupp 2001. Boyer 2000). Altvater/Mahnkopf 1999. B. Die zweite wesentliche Konsequenz der Akkumulationsschwäche im indust- . die ja durchaus zu beobachten ist (z. Die beschleunigte Akkumulation im Finanzsektor ist nicht nur Folge der Akkumula- tionsschwäche im industriellen Sektor. Sablowski/Alnasseri 2001). Wir erleben den Übergang von einem eher kredit. Die Entwicklung in den USA während der 1990er Jahre hat allerdings auch die Frage aufgeworfen. Chesnais 1994. Die Akkumulationsschwäche im industriellen Sektor hat zwei wesentliche Kon- sequenzen. Kap. Aglietta/Breton 2001. die Akkumulation von handelbaren Rechtsansprüchen auf Einkommen aus zukünftigen Verwertungsprozessen. deren kapitalistische Reorganisation bislang auf erhebliche Schwierigkeiten stößt.). 5. Die Globalisierung der Finanzmärkte und die Entwicklung derivativer Finanzgeschäfte haben neue Anlagesphären eröffnet.und Pflege- arbeit. Dabei geht es nicht nur um die massenhafte Verbreitung neuer Waren.und Investitionsnachfrage und damit vermehrter Akkumulation im industriellen Sektor werden (vgl. d. h.126 Thomas Sablowski löhne. Heute sind nicht nur die Reallöhne zu niedrig bzw. sondern um eine weitere Ökonomisierung der Reproduktion der Lohnabhängigen.und Bildungswesen und die weitgehend den Frauen aufgebürdeten Bereiche Erziehungs. Huffschmid 1999. dass sich möglicherweise ein finanzgetriebenes Akkumulationsregime herausbildet. eine wachsende Bedeutung gewinnt. Es gibt durchaus noch Bereiche der Reproduktion wie etwa das Gesundheits. wie eine postfordistische Konsumnorm aussehen kann. Aglietta 2000. Die Sättigung der Massenmärkte für die für den Fordismus charakteristischen langlebigen Konsumgüter wie Autos und Haus- haltsgeräte wirft zudem das Problem auf. sie trägt ihrerseits zu deren Reproduktion bei.

2000) betont wurde. Im- mer dann. Die USA profitierten dabei zum einen von der Weltgeldfunktion des Dollar. d. Dies ermöglicht es den USA. dass es im Zuge der EU-Erweite- rung zu einer Überdehnung kommt. Die globale kapitalistische Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist dadurch gekenn- zeichnet.und verschuldungsgetriebene internationale Überexpansion charakterisiert werden (vgl. das Interesse an ihrer weiteren Bearbeitung zu wecken. oder ist die gegenwärtige Situation eher durch Anpassungsprozesse gekennzeichnet. wurde versucht. der Möglichkeit. diese Fragen zu beantworten. 2001. dass ein höheres Wachstum in einer Region der Triade USA – Westeuropa – Japan jeweils auf Kosten der anderen Regionen ging. wenn sich Krisenprozesse in einer Region zuzuspitzen drohten. Kritische Theorie als Krisen. die wachsenden Leistungsbilanzdefizite der USA weiter zu finanzieren und eine unbegrenzte Verschuldung zu akzeptieren. deren Bedeutung für die globale Krisendynamik in jüngster Zeit vor allem von Brenner (1998. geldpolitisch einen Ausgleich zu schaffen. zur Steigerung der Wertpapierpreise bei- trugen und die problemlose Finanzierung der wachsenden Leistungsbilanzdefizite ermöglichten. a. .und Entwicklungstheorie des Kapita- lismus ist jedenfalls aktueller denn je. Die Entwicklung in den USA kann als eine konsum. die zu einem großen Kapitalzustrom führten. Es könnte durchaus sein. gefestigtes Akkumulationsregime hervorgebracht. ohne wie andere Länder das Risiko einer mit der Abwertung der eigenen Währung verbundenen Überschuldung tragen zu müssen. hängt natürlich auch vom weiteren Verlauf der europäi- schen Integration ab. Resümierend kann festgehalten werden. Brenner 2000). ob dieser Entwicklungspfad auf Dauer weiter beschritten werden kann. Die Frage ist allerdings. insbesondere in Japan und in den Schwellenländern. Hat der neoliberale Umbau der Gesellschaft bereits ein neues. Evans u. so dass der Euro weiter geschwächt wird. die selbst wesentlich krisenhaft verlaufen? Und wie sind die längerfristigen Aussichten für die kapitalistische Entwicklung? Kann die durch die US-Hegemonie gekennzeich- nete Entwicklungsperiode des atlantischen Fordismus nochmals überboten wer- den. dass die internationalen In- vestoren bereit sind. Zum anderen profitierten die USA von den Krisen in anderen Regionen. zumal dem Dollar mit dem Euro nun auch ein ernstzunehmender Konkurrent heranwächst. Entwicklungstendenzen und Krisen des Kapitalismus 127 riellen Sektor ist die Bildung von Überkapazitäten. sich in eigener Währung verschulden zu können. ohne dass das Akkumulations- problem auf globaler Ebene gelöst werden konnte. Es ist nicht sicher. dass die gegenwärtige Situation eine Reihe von offenen Fragen aufwirft. wobei die Währungsrela- tionen entscheidend für die Vermittlung der ungleichen Entwicklung waren. h. außergewöhnlich hohe Leistungsbilanzdefi- zite in Kauf zu nehmen. sondern lediglich darum. oder steuert der Kapitalismus doch auf seinen Untergang zu. wie die Welt- systemtheoretiker annehmen? Es kann hier nicht darum gehen. Ob der Dollar Weltgeld bleibt. Von den Verschiebungen der Kapitalmassen zwischen den Weltregionen haben in den 1990er Jahren vor allem die USA profitiert.

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Es geht uns dabei weder um eine posthume Pauschalkritik älterer Ansätze noch um deren Exhumierung für einen scheinradikalen Rekurs auf frühere Theorietraditionen. 182 f. die sich an der von Braverman und Sohn-Rethel angeleiteten Wiederentdeckung des Marxschen Theorems der reellen Subsumtion orientierten. waren zunächst die in den 1950er Jahren in den USA entstandenen Arbeiten Pollocks zur Automatisierung stil- prägend. In den theoretischen Thematisierungen drücken sich aber auch bestimmte historische Vorstellungsweisen von der Entwicklung des Kapita- lismus und den Perspektiven seiner Transformation aus. S. »Vernetzung« und »Globalisierung« der Produk- tion gehandelt werden. In der Nachkriegsära. später. S. Auf diesen ihren historisch-kritischen Gehalt bezogen wollen wir im Folgenden einige zentrale Analysen aus dem Umkreis des Frankfurter Instituts für Sozialfor- schung der Nachkriegsära zum Thema Automation und kapitalistische Produktion rekapitulieren und sie auf ihre Bezüge zu den gegenwärtigen Umbrüchen in zentralen Bereichen des kapitalistischen Industriesystems befragen. die industriesoziologi- schen Arbeiten des Instituts. dass sich aber für eine kritische Analyse des Formwandels kapitalistischer Produktion und seiner politi- schen und sozialen Institutionalisierung »die alten Fragen nach der Totalität von Gesellschaft. Wir gehen davon aus.). In diesem Sinne lautet unsere zentrale These. Für die ältere Frankfurter Schule war dieser Zusammenhang schon aufgrund ihrer programmatischen Anlehnung an die Marxsche Kritik der politi- schen Ökonomie gegeben (vgl. dass die für den heutigen Kapita- lismus kennzeichnenden Formen »globalisierter« und »vernetzter« Produktion . die mit Stich- worten wie »Informatisierung«. Die verschiedenen theoretischen Konzepte widerspiegeln die vielfach dargestellten wissenschaftlichen und politischen Debatten um die Kritische Theorie (vgl. Automatisierung und Industriearbeit in der vernetzten Massenproduktion Boy Lüthje Einleitung Die Analyse der fortgeschrittenen Formationen kapitalistischer Produktion und Arbeitsteilung ist ein immer wiederkehrendes Grundthema kritischer Gesell- schaftstheorie.Fred Pollock in Silicon Valley. nach ihrem ökonomischen und sozialen Zusammenhang auf der Makroebene neu stellen« (Schumm 1996. Horkheimer 1937/1968. 50). in den 1970er und frühen 1980er Jahren. Demirovic 1999). in der die Kritik der politischen Öko- nomie nicht mehr der zentrale Bezugspunkt war. die über den engeren Rahmen der Theorie hinausgehen und in mancher Hinsicht Elemente eines strate- gisch-politischen common sense der Linken bilden. die empirisch maßgebenden Forschungen bildeten hier die Arbeiten Henryk Grossmanns und Friedrich Pollocks. dass heutigen Verhältnissen angemessene Kapitalismustheorien kaum noch auf elaborierte Ansätze aus dem Umkreis der Kritischen Theorie zurückgreifen können.

das Feld der aktuellen Debatte präziser zu markieren. Die Analyse dieser Strukturen und ihrer hochgradig politischen Regulationsformen sehen wir als ein zentrales Feld kritischer Gesellschaftstheorie heute an. Pollock berichtet über die in den 1950er Jahren in den USA entstandenen Debatten zu diesem Thema. nämlich die Verwertung des unter den fordistisch-tayloristischen Formen der Produktion beständig wachsenden konstanten beziehungsweise fixen Kapitals und die daraus erwachsenden Probleme bei der Erzeugung und Aneignung von Mehrwert. Sie schaffen aber neue Verlaufsformen dieser Widersprüche. Friedrich Pollock: Automatisierung als Kernproblem des fordistischen Kapitalismus Die Strukturen der sich entwickelnden fordistischen Industrieproduktion wurden am Institut für Sozialforschung der Nachkriegsjahre in den Studien Friedrich Pollocks zur Automation breiter analysiert. am Institut für Sozialforschung betriebene Forschungen zum informationstechnischen Industriesektor und zur industriellen Arbeit in den Zentren der »High-Tech«-Industrien. in denen auch breit auf die neue Technik der elektronischen Datenverarbeitung Bezug genommen wurde. falsche Perzeptionen der Krisendynamik des globalisierten Kapitalismus zu vermeiden und den Objektbe- zug kritischer Kapitalismusanalyse zu präzisieren. welche heute unter dem Begriffsetikett »Netzwerke« firmieren. Im Sinne der Intentionen des vorliegenden Bandes geht es vielmehr um eine Zusammenfassung einiger theo- riegeschichtlicher Problemlinien. die vielleicht helfen mag. 1. Auf der anderen Seite heben die neueren Formen gesellschaftlicher Arbeitsteilung die Strukturprobleme kapitalistischer Rationalisierung keineswegs auf. Diese Analysen sind zu kontrastieren mit den im Zeichen der so genannten New Economy der 1990er Jahre entstandenen Formen vernetzter Mas- senproduktion. Der »elektronische Kalkulator« erschien als Herz einer zukünftigen »auto- . insbesondere dem kaliforni- schen Silicon Valley. zurück. welches in den Analysen der Nachkriegsära als zentrale Schranke der technologischen und ökonomischen Entwicklung angesehen wurde. die sich in jenen Formen von Unternehmensorganisation und Konkurrenz manifestieren. Die Verortung dieses Feldes im Kontext historischer Kapitalismustheorien kann dazu beitragen.132 Boy Lüthje Regulationsmechanismen gerade für jenes Problem kapitalistischer Rationalisie- rung beinhalten. wie hier der Zusammenhang zwischen der »Mikrowelt« der Rationalisierung im Industrie- betrieb und der Gesellschaftsformation des fordistischen Kapitalismus insgesamt konstruiert war. zugleich ist nach einigen der damit verbundenen Herausforderun- gen an eine kritische Theorie des Kapitalismus zu fragen. Im Folgenden wollen wir zunächst auf einige für die Epoche des Fordismus zentrale Diagnosen im Umfeld des Instituts für Sozialforschung zur Entwicklung der kapitalistischen Arbeitsorganisation zurückblicken und fragen. Unsere Darstellung erhebt dabei weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf philologische Genauigkeit. Zur empirischen Illustra- tion greifen wir auch auf aktuelle.

die allenfalls durch das Prob- lem der mangelnden gesellschaftlichen Nachfrage gehemmt werden könnte. Lichtenstein 1995) werden umfangreiche öffentliche Maßnahmen zur Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage vorgeschla- gen. wonach die freigesetzten Arbeitskräfte infolge der durch die Senkung der Produktionskosten eingeleiteten Wachstumsdynamik relativ rasch wieder in den Wirtschaftsprozess aufgenommen würden (S. Auffällig ist allerdings die häufig unreflektierte Übernahme dieser Vorstellungen und der ihnen unterliegenden Analysen. in dem das mittlere Segment qualifizierter Fach- . staatliche Arbeitsmarktprogramme. 49) in Gefahr bringen wollen. Pollock bezieht sich ausführlich auf Analysen aus dem US-Gewerkschafts- verband American Federation of Labor – Congress of Industrial Organizations (AFL-CIO) und der Automobilarbeitergewerkschaft United Automobile Workers (UAW). dass der gewerkschaftliche Arbeitskampf im Zeitalter der Automation seine Bedeutung verlieren würde – ein weiteres Argument für eine verstärkte Einmischung der Gewerkschaften in die Gestaltung der staatlichen Kompensationspolitik. weitgehend »durch vorwiegend elektronische Geräte über- nommen werden können« (1956. Der technischen Entwicklung wird eine quasi unaufhaltsame Fortschrittsdynamik unterstellt.. »Vergebung öffentlicher Arbeiten in großem Stil« (S. Pollock unterstreicht auch die von Reuther und anderen US-Gewerkschaftsführern (vgl. S. in der die menschlichen Funktionen im industriellen Arbeitsprozess. 47). Ausführlich beschäftigt sich Pollock mit der »Beurteilung der sozialen Wirkun- gen der Automation«. Gestützt auf zahllose Aufsätze aus US-Fachzeitschriften werden die Auswirkungen dieser »zweiten industriellen Revolution« in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens beschrieben – von den Fließbandindustrien über den Maschinenbau bis in die öffentliche Verwaltung. Er hält sich zu- nächst an Keynes. Pollock referiert die damals in Deutschland noch wenig bekannten theoretischen Grundlagentexte der Automatisierungsbewe- gung wie Norbert Wieners Cybernetics or Control und Lewis Mumfords Technics and Civilization. Die entstehenden Veränderungen in der Klassenstruktur erscheinen mehr oder weniger zwangsläufig. Reuther (vgl. Dabei erkennt er aus »technischer Sicht« kaum Grenzen der Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft in der Produktion. jedenfalls in den klassischen Bereichen angelernter und qualifizier- ter Industriearbeit. Pollock kritisiert die traditionelle neo-klassische »Kompensationstheorie«. S. das Versicherungswesen und die »Anweisung von Platzkarten und Frachtraum im Verkehrswesen« (ebd. Regulierung von Arbeitslosigkeit wird vor dem Hintergrund der Erfahrungen der 1930er und 1940er Jahre als Handlungsimperativ für die be- treffenden Regierungen gesehen. Beirne 1969) geäußerte Befürchtung. die an den New Deal der 1930er Jahre erinnern: Umschulungen. »wenn sie nicht das Leben der Gesellschaft selbst« (S. wohl aber aus be- triebs. dem zufolge die technologische Arbeitslosigkeit nicht durch den Marktautomatismus behoben werden kann.und volkswirtschaftlicher. 83 ff. 7). Im Sinne der sozialdemokratisch geprägten Vorstellungen des UAW- Präsidenten W. 31).) lauten die Stichworte. Pollock entwirft ein Szenario eines stark nach oben und unten polarisierten »Gesamtarbeiters«. weil unregulierte Märkte aus sich heraus meistens kein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung erzeugen würden. Fred Pollock in Silicon Valley 133 matischen Produktionsweise«.

die in der deutschen industriesoziologischen Literatur später unter dem Etikett »Polarisierungsthese« bekannt geworden ist (Kern/Schumann 1970). deren soziale und politische Eindämmung durch den McCarthyismus und die antikommunistischen Säuberungsaktionen innerhalb der Gewerkschaften in direktem Zusammenhang mit der Stabilisierung bürokratisierter Verhandlungs- strukturen und Apparate stand (Davis 1986). Die Gefahren der Automatisierung kann Pollock nur in recht allgemeiner Form beschreiben – als Untergrabung einer demokratischen Verfassung der Gesellschaft durch eine sich verselbständigende Managerkaste. S. um die Kontrolle der betrieblichen Arbeitsbedingungen und für die Einschränkung der Verfügungsgewalt des kapitalistischen Managements Bezug genommen. Von Analysen der modernen Technik als Teil des ideologisch-kulturellen »Verblendungszusammenhanges« des fortgeschrit- tenen Kapitalismus. 90). 2. Nicht in Frage gestellt werden in Pollocks Analyse allerdings die gesellschaft- liche Form des technischen Fortschrittes und seine Zielrichtung. Sohn-Rethel und das Problem der rellen Subsumtion Reflektieren diese Diskussionen und deren Rezeption bei Pollock in vielfältiger Weise die relative Schwächeposition der Gewerkschaften bzw. so heißt es. Während »in der voll- entwickelten Automation von den im traditionellen Fließbandprozess notwendi- gen menschlichen Arbeitskräften nur noch das Personal für die Einstellung.134 Boy Lüthje arbeit kontinuierlich an Gewicht verliert oder gar weitgehend verschwindet. Zum zentralen Bezugspunkt wurden hier die angel- sächsische labor process-Debatte – besonders die sie begründende Studie Labor and Monopoly Capital Harry Bravermans – und die Arbeiten Alfred Sohn-Rethels. Beauf- sichtigung und Instandhaltung der Maschinerie übrig geblieben ist«. Adorno oder Horkheimer bekannt. aber zumindest unterschwellig eine Wendung. scheint Pollock weit entfernt. Er gibt dieser Analyse. Es fehlt auch eine Untersuchung der sich im Zuge des technischen Fortschritts verändernden Verwertungsbedingungen des Kapitals. das Absterben militanter Positionen innerhalb der Arbeiterbewegung in der Zeit nach dem Zwei- ten Weltkrieg (für die USA Moody 1988). so drückt sich in den Rationalisierungs- analysen des Instituts für Sozialforschung in den 1970er und frühen 1980er Jahren jene Wiederentdeckung der Kritik kapitalistischer Herrschaft im Industriebetrieb aus. 13). wie von Marcuse. die man aus heutiger Sicht als eine Art Absterben des Proletariats interpretieren könnte. die sich »am Aufbau einer autoritären militärischen Hierarchie« orientiert (S. 94). wie sie von der Studentenbewegung und den militanten Gewerkschafts- kämpfen jener Zeit ausgingen. entsprechend der von den angesprochenen US-Gewerkschaften immer wieder geäußerten Distanz zur »Maschinenstürmerei« (vgl. Ebenso wenig wird auf die noch kaum ein Jahrzehnt zurückliegenden Kämpfe der neu entstandenen US-Industriegewerkschaften gegen den speed-up an den Fließ- bändern. der . »wird im Gesamtprozess der Automation den Ingenieuren die wichtigste Rolle in der Produktion zufallen« (S.

als sie jene Motive der Kritik des kapitalistischen Produktionsprozesses in den Mittelpunkt stellte. Clarks und Eugen Schmalenbachs. wie sie für die radikalen Varianten des Marxismus in den USA. Aus- gehend von Schriften J. aber auch in einigen europäischen Ländern mit starken Traditionen eines linken Syndikalismus typisch. Die gesellschaftliche Synthesis moderner kapitalistischer Industriegesellschaften ist bei Sohn-Rethel vom Widerspruch zweier ökonomischer Logiken beherrscht. die weitge- hende Automatisierung der Produktion. die in einer radikal kapitalismuskritischen Thematisie- rung der Herrschaftsverhältnisse im modernen Industrieunternehmen einen zent- ralen Bezugspunkt für eine Rekonstruktion kritischer Gesellschaftstheorie sahen (Demirovic 1999). stellte also in grundlegender Weise Form und Inhalt des technischen Fortschritts im Kapitalismus in Frage. einem der Begründer der modernen Betriebswirtschaftslehre in Deutschland. staatlicher Macht und imperialistischer Politik bezogenen marxistischen Traditionen in Deutschland aber unterrepräsentiert sind (vgl. In der modernen Industrieproduktion tritt dieser Widerspruch hervor im enormen Anwachsen des technischen Produktionsapparates auf der einen Seite und dem dauernden Zwang zur Ökonomisierung des Faktors Zeit auf der anderen. nämlich Zeit. in der sich der Gegensatz zwischen der Gesellschaftlichkeit der Arbeitsprozesse in ihrer stofflich-organisatorischen Struk- tur (Gebrauchswert). Sein theoretisches Thema ist die Veränderung kapitalistischer Vergesellschaftung (»gesellschaftlicher Synthesis«) durch die zunehmende Formierung von Produktion. Fred Pollock in Silicon Valley 135 bereits in den 1920er und 1930er Jahren in Beziehung zu prominenten Mitarbeitern des Instituts gestanden hatte. Technik und Wissenschaft sowie der korrespondierenden Denkformen entlang kapitalistischer Wertgesetz- lichkeit. Braverman 1975). Wie bei den angelsächsischen Autoren erscheint als zentrales historisch- kritisches Motiv die Unterordnung des handwerklichen Facharbeiters traditionel- len Typs unter die Herrschaft der »wissenschaftlichen Arbeitsorganisation« nach den Prinzipien Frederick W.und Marktökonomie. Taylors. Anders als Pollock war Sohn-Rethel stark »technikkritisch«. sieht Sohn-Rethel die stei- gende Kapitalintensität der wissenschaftlich organisierten Massenproduktion als Triebfeder einer zunehmenden Dominanz der indirekten oder fixen Kostenele- . die vor allem durch die tayloristische Arbeitsorganisation gewähr- leistet werden soll. Das besondere Kennzeichen des modernen Monopolkapita- lismus ist die fortschreitende Verdrängung des handwerklich qualifizierten Fach- arbeiters durch weitgehend dequalifizierte Massenarbeit und. Sohn-Rethels in den 1970er Jahren wieder heraus- gegebene Schrift Geistige und körperliche Arbeit (hier zitiert nach der englischen Ausgabe. M. von Sohn-Rethel in Anlehnung an Lenin auch als »drittes Stadium der kapitalistischen Produktionsweise« bezeichneten Entwicklungsphase. 1978) wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt für viele jüngere Frank- furter Industriesoziologen. Den Ausgangspunkt der monopolkapitalistischen Fabrikorganisation erblickt Sohn-Rethel in der veränderten Kostenökonomie des Produktionsprozesses. in den eher auf Fragen ökonomischer Krisen. Sohn-Rethels Arbeit hatte insofern eine besondere Bedeutung. in einer darauf auf- bauenden. und der privatkapitalistischen Aneignung von Profit (Tausch- wert) manifestiert.

die Geschichte der Rationalisierung wird wesentlich als die einer fortschreitenden Verdrängung dieses Arbeitertyps interpretiert. Diese sind bei näherem Hinsehen denen Pollocks in mancher Hinsicht ähnlich. wie von Marx seinerzeit in den Grundrissen postuliert. führt ebenfalls zu einer breiten Dequalifizierung der Masse der unmittelbaren Produktionsarbeiter und deren Abtrennung von den Planungs. In beiden Analysen lässt sich so jenes Defizit in der Analyse von Politik und Strategien der .und Bewegungsprinzip kapi- talistischer Produktion wird. In der zunehmenden Formierung der wis- senschaftlich-technischen Arbeit einschließlich ihrer Denkkategorien sieht Sohn- Rethel allerdings auch ein potentiell systemsprengendes Element. Diese auch in vielen anderen – marxistischen und nicht-marxistischen – Analysen des modernen Kapi- talismus geteilte Diagnose (vgl. Die sozial. S. Mattick 1976. die allerdings völlig den Interessen des Kapitals unterworfen bleibe. Bei beiden erscheinen Rationalisierung und Automati- sierung entlang dem Taylorschen Paradigma als ein unilinear voranschreitender Prozess.136 Boy Lüthje mente über die variablen.) begründet bei Sohn-Rethel die Notwendigkeit einer permanenten Rationalisierung des Produktionsprozesses unter den Vorzeichen einer rigiden Zeitökonomie.und Kontrollfunktionen. Wichtiger sind an dieser Stelle indes seine strategisch-historischen Vorstellungen von der Entwicklungsdynamik des modernen Kapitalismus. Die Kalküle der Kapitalverwertung werden unter diesem Vorzeichen dadurch beherrscht. die zum umfassenden Organisations. Beiden unterliegt die Vorstellung einer zunehmenden Entwertung der menschlichen Ar- beitskraft und deren Entmachtung in der Produktion.). dass die kapitalistischen Großunternehmen kaum noch auf Konjunkturrückgänge und Markteinbrüche reagieren können. Ähnlich wie Harry Braver- man gehen beide zumindest implizit vom handwerklich qualifizierten Facharbeiter »vor-fordistischen« Typs aus.und klassenstrukturellen Implikationen dieser Analyse entsprechen in vieler Hinsicht der bei Pollock entwickelten »Polarisierungsthese«. dem in technischer Hinsicht kaum Grenzen gesetzt scheinen. Mandel 1974. 144ff. welche Angelegenheit einer relativ kleinen Gruppe technischer Spezialisten sind. Die Fließ- produktion. Sys- tematisch kaum berücksichtigt wird der Widerstand der betroffenen Arbeitskräfte beziehungsweise der Organisationen und Institutionen ihrer Interessenvertretung und ihr möglicher Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsorganisation.m. weil auch die nachdrückliche Reduktion von Arbeitskräften und anderen variablen Kosten- elementen nicht den Rückgang der Profitraten durch die Belastung durch fixe Kapitalkosten kompensiert (Sohn-Rethel 1978. 175). Mit der Erkenntnis dieses Wider- spruches entstehen letzthin die Voraussetzungen zu einer künftigen. denn die Auto- matisierung würde erstmals in der Geschichte der Menscheit auch die Perspektive auf eine Befreiung von der körperlichen Arbeit als solcher eröffnen. in Gestalt des automatisierten Produktionssystems trete dem Arbeiter sozusagen die perfektionierte zeitöko- nomische Vergesellschaftung der Produktion gegenüber. Wie dieser revolutionäre Umschlag historisch vonstatten gehen soll. bleibt bei Sohn-Rethel allerdings weitgehend im Dunkeln. Aglietta 1979 u. auf einer gebrauchswertorientierten Aneignung der Produktionsmittel basierenden Verge- sellschaftung.a. Im automati- sierten Arbeitsprozess sei die Subjektivität der individuellen Arbeitskraft »durch die Elektronik der Automatisierung ersetzt« (S.

und Krisenkonstellationen übersetzen und wie diese im gesellschaftlichen Maßstab reguliert werden. Der entscheidende ökonomische Akteur ist dabei jeweils die von Schumpeter (1950) und später Chandler (1962) analysierte modern corporation. 44). aber auch für die Klassiker der kritischen Theorie insgesamt kennzeichnend ist. wie sie seit den 1920er Jahren etwa bereits von Theorien »langer Wellen« der kapi- talistischen Entwicklung thematisiert wurden (Mandel 1974). wie sich die einzelunternehmerischen Rationalisierungs. nicht nach diesem Modell organisierter Industriebereiche wird nicht angesprochen. Fred Pollock in Silicon Valley 137 Akteure des betrieblichen Interessengegensatzes feststellen. also das vertikal integrierte Großunternehmen fordistischen Typs.und Wachstumsmodell fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften. Von der Krise des Taylorismus zur »Netzwerkgesellschaft« Vergleicht man die Analysen Pollocks und Sohn-Rethels mit der heutigen Situa- tion. die in jeweils unterschiedlichen Variationen die auf Bearle und Means zurückgehende These einer »managerialen Technokratie« reflektiert. Sowohl der eher technokra- tisch-reformistischen Analyse Pollocks als auch der radikal kapitalismuskritischen Position Sohn-Rethels unterliegt die Vorstellung von einem zunehmend monopoli- sierten und vermachteten Kapitalismus. Bei Pollock und erst recht bei Sohn-Rethel wird die Analyse der Rationalisierungsentwicklung im einzelnen Unternehmen zum Ausgangspunkt relativ weitreichender theore- tischer und politischer Schlussfolgerungen bezüglich der allgemeinen ökonomi- schen und sozialen Entwicklungstendenzen des zeitgenössischen Kapitalismus. welches in der Tat für viele Arbeiten der Frankfurter Industriesoziologie der 1960er und 1970er Jahre (Schumm 1996. dass längerfristige historische Umbrüche im Produk- tions. Dieses Defizit zeigt sich nicht zuletzt auch in der Analyse der politischen Ökonomie der fordistischen Massenproduktion und ihrer Akteure. Damit ist implizit auch die universelle Vorherrschaft tayloristischer Rationalisie- rungspraktiken über alle wesentlichen Bereiche der industriellen Produktion unter- stellt. Das auch für die Epoche des Fordismus festzustellende komplexe Nebenein- ander von fordistischer Massenproduktion und spezialisierter. Der Bezug der ge- samtökonomischen Krisenanalyse auf diesen Modus einzelkapitalistischer Organi- sation ist jeweils so fixiert. Angesichts der enormen Entwicklung der Mikroelektronik und an- derer neuer Technologien scheinen die Möglichkeiten der einst mit den ersten . 3. Die für die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie entscheidende Frage. ausgeschlossen er- scheinen.und Automatisierungspolitiken in gesamtökonomische Wachstums. Die in beiden Analysen festzustellende reduktionistische Verknüpfung von einzelkapitalistischem Verwertungsprozess und gesamtgesellschaftlicher Regula- tion beschränkt in entscheidender Weise die Analyse der ökonomischen und sozialen Dynamik kapitalistischer Rationalisierung. wird meistens nicht gestellt. S. so könnte der Kontrast zwischen Prognose und Wirklichkeit kaum schärfer erscheinen.

Dieser Trend radikalisierte sich in den 1990er Jahren noch einmal durch die Entstehung so genannter »fabrikloser« Unternehmen mit ausgedehnten Subkon- traktierungsnetzen. Dennoch bleibt unter dem Strich. also des »japanischen« Konzeptes der Betriebs. in deren Verlauf die für den Fordismus beherrschenden Formen der Unter- nehmensorganisation zunehmend untergraben wurden (z. Kenney/Florida 1993). die in der Weltmarktkrise Mitte der 1970er Jahre ihren Ausgangspunkt hatte. Zwar lässt sich heute in vielen Industrieländern wieder ein gewisses Zurück zu hierarchisch- tayloristischen Kontrollformen konstatieren.und anderen klassischen Massenproduktionsindustrien setzte dann einen bis heute anhaltenden Trend zum Outsourcing bei vertikal integrierten Großunternehmen in Gang. Die »Krise des Taylorismus« ging einher mit dem Aufschwung des so genannten Toyota-Modells. Baden-Württemberg oder das Silicon Valley der frühen 1980er Jahre standen. Mindestens ebenso tiefgreifend sind die Veränderungen der Arbeitsteilung auf der Ebene der Unternehmensorganisation und zwischen den Betrieben und Unter- nehmen. für die hochspezia- lisierte. die für die deutsche Industriesoziologie in maßgeblicher Weise von Kern und Schumann (1984) unter dem beziehungsreichen Titel »Das Ende der Arbeitsteilung« analysiert wurde. Zwar gibt es in den meisten Industrieländern seit den 1970er Jahren eine mehr oder weniger dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit. Der Vormarsch des Toyotismus in der Automobil. a.138 Boy Lüthje »elektronischen Kalkulatoren« begonnenen Automatisierung in der Tat fast gren- zenlos. das von den kurzfristigen Verwer- tungszwängen des shareholder-value-Kapitalismus vorangetrieben wird (Schu- mann 1997). B. vielmehr wurden wesentliche Elemente der tayloristischen Arbeitsorganisation sogar vom Kapital selbst in Frage gestellt. ausgebreitet haben sich hingegen neue. Womack u. In den 1980er Jahren geschah dies zunächst durch den Übergang zu Formen einer »flexiblen Spezialisierung« (Piore/Sabel 1984). das zum Vorbild von schlanker Produktion und Gruppenarbeit in aller Welt wurde (vgl. dass heute in fast allen Industrie- bereichen – und auch unter den Vorzeichen harter neo-liberaler Regimes – in deutlich stärkerem Maße auf kooperative Arbeitsformen gesetzt wird als zu Zeiten Pollocks und Sohn-Rethels. Auf der betrieblichen Ebene stand im Mittel- punkt dieser Entwicklung das Aufbrechen der starren tayloristischen Arbeits- organisation. Die enorme Rationalisierung der Produktion in den letzten zwei Jahrzehnten funktionierte zunehmend auch ohne keynesianisches Krisenmanagement. Dazwischen liegen nunmehr fast drei Jahrzehnte einer Restrukturierung des fordistischen Produktionsmodells. eine ernsthafte Gefährdung der sozialen Stabilität ist hiervon meistenteils aber nicht ausgegangen. 1990). Ebenso hat sich die These einer zunehmenden Polarisierung des Gesamtarbeiters nicht bewahrheitet. oft von Kleinunternehmen dominierte Industriedistrikte wie die italieni- sche Emiglia Romana. Nike oder Cisco stehen .und Arbeitsorganisation. am Gedanken der Teamarbeit orientierte Modelle der betrieblichen Sozialpartnerschaft. Entsprechend haben die zum Teil dramatisch verschlechterten Reproduktionsbedingungen der Lohnarbeit keinen Aufstand gegen die kapitalistische Form der »totalen Vergesellschaftung« erzeugt. für die Firmennamen wie Benetton. die viele traditionelle Machtposi- tionen der Gewerkschaften untergruben (Moody 1997).

sondern typischerweise im Westen der USA. wie Lernprozesse effektiv und unter Ein- . Yeung 1998. vertikale Desintegration und Spezialisierung werden zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil auf immer schnellebigeren Märkten. heute ausgedrückt vor allem im »technologischen Paradigma« der vernetzten Datentechnik des Internet- Zeitalters. aber auch in welt- weiten Verbünden (Saxenian 1994). dessen disziplinübergreifende Elemente sich vielleicht wie folgt zusammenfassen lassen (vgl. dass moderne Industrieproduktion immer mehr in »Netzwerken« organisiert ist. sondern technological communities. Dieses Konzept findet fast allgemeine Verwendung zur Kennzeichnung neuerer Formen vertikal desintegrierter Produk- tion. (c) Die Akteure des technischen Wandels sind nicht einzelne große Unternehmen.als auch das »Benetton-Modell« einschließen. 1997. mitei- nander kooperierender Firmen. Ihnen zur Seite stehen die heutigen Drehscheiben der vernetzten Massenproduktion in Süd- ostasien. Die Modellunternehmen des Netz- werkkapitalismus sind nicht mehr in den alten Metropolen des Fordismus oder Toyotismus beheimatet. (d) Der Trend zu einer verstärkten Arbeitsteilung impliziert eine Tendenz zu kooperativen. die sowohl das »Toyota«. Fred Pollock in Silicon Valley 139 (vgl. kritisch Arrighi/Silver 1999). Castells 1996): (a) Anknüpfend an Schumpeter (und im Gegensatz zu früheren Stagnationstheo- rien marxistischer oder keynesianischer Provenienz) wird die Aussage ge- macht. sind auch neue Epizentren der industriellen Entwicklung in den Vordergrund des Interesses getreten. die besonders von den neueren Theoriekonzepten des asiatischen Kapitalismus und der Asian business networks analysiert werden (Orru u. a. Mit dem Aufschwung dieser neuen Orthodoxie. neuerdings Chandler 2001). Zur entscheidenden Frage in der internationalen Standortkonkurrenz wird dabei. Vor diesem Hintergrund hat sich in den Sozialwissenschaften inzwischen auf breiter Front die These durchgesetzt. etwa in der High-Tech Metropole Silicon Valley (Saxenian 1994) oder in den Leichtindustrie- distrikten von Metropolen wie Los Angeles oder San Diego/Tijuana. a. Gereffi 1995. vor allem die Stadtstaaten Singapur und Hongkong sowie Taiwan. der Kapitalismus sei prinzipiell innovativ. (b) Kapitalistische Produktion organisiert sich in »Netzen« spezialisierter. auf deren verschiedene Unterströmungen und Schulen wir hier nicht eingehen können. 1994. also Netzwerke von innovativen Firmen und Technikern. Diesen Theorien unterliegt eine Art theoretisch-ideologischer Generalkonsens. zumeist in regionalen Agglomerationen. Es stützt sich stark auf das Theorem der flexiblen Spezialisierung und beansprucht in Gestalt des von Manuel Castells (1996) formulierten Begriffes der network society umfassenden sozialwissenschaftlichen Theoriestatus. vertrauensbasierten Beziehungen innerhalb dieser Netze. die sowohl bezüglich der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und technological communities als auch bezüglich des Verhältnisses von Arbeit und Kapital gemacht wird. Borrus/Zysman 1997. eine Aussage. Bonacich u.

Vertreter der vor allem in Berkeley und Los Angeles angesiedelten kritischen US-Industriegeographie (Storper/Walker 1989) sowie die Protagonisten des von Hopkins und Wallerstein (1986) stammenden Konzeptes transnationaler Produktions. 1993) for- muliert eine solche Hypothese ebenso wie kommunitaristische Theorien vom End of Work (Rifkin 1993) oder deren Adaptionen bei prominenten Vertretern der akademischen Linken (Aronowitz/DiFazio 1994). Die harmonistischen Konsequenzen dieses »neo-schumpeterianischen Konsenses« werden nur von vergleichsweise wenigen Theorieschulen in Frage gestellt.und Warenketten (Gereffi/Korzeniewicz 1994). dass Produktionsarbeit im Zeitalter der netzwerkbasierten Öko- nomie ihre Bedeutung verliert. a. dass sie auch nach der Bedeutung der Industriearbeit und neuer Formen der materiellen Produktion im Kontext der vernetzten Produktion fragen – eine Problemdimension. die systematisch nach den Ungleichheiten von Produktions.und Unter- nehmensorganisation. Jenseits zum Teil erheblicher theoretischer Unterschiede ist diesen Ansätzen gemeinsam. Das mit dem Theorem der »Netzwerkgesellschaft« zusammenhängende Konzept der informational economy (Carnoy u. Fragmentierung und Zentralisierung: Massenproduktion im Zeitalter der New Economy Das Netzwerkparadigma signalisiert den heute weitgehend vollzogenen Bruch mit den in der Nachkriegsära vorherrschenden Mustern der Arbeits. Kaum hinterfragt erklären neo-klassische Apologeten der mikroelektronischen Revolution wie George Gilder (1988) physikalische Projektionen wie das soge- nannte Mooresche Gesetz der Halbleitertechnik zu Bewegungsgesetzen des mo- dernen Kapitalismus: Die Verdoppelung der Anzahl der Schaltkreise auf einem . Während sich das Interesse der arbeitstheoretischen Diskussion wie in den 1950er Jahren ganz auf die technischen und wissenschaftlichen Spezialisten des modernen Produktionsbetriebes konzent- riert (heute auch oft als symbolic analysts bezeichnet.140 Boy Lüthje schluss aller relevanten lokalen Akteure in Unternehmen und Regionen orga- nisiert werden. die in den meisten sozialwissenschaftlichen Netzwerk- theorien inzwischen fast völlig verloren zu gehen scheint. Reich 1991). 4. die einschlägigen Debatten der Gegenwart widerspiegeln freilich manche Klischees der Automatisierungsdebatten der 1950er und 1960er Jahre. verschwinden die von früheren Kritikern der fordistischen Automatisierung analysierten polit- ökonomischen Schranken der Technologieentwicklung fast völlig aus dem Blick. Vor allem scheint sich heute wieder auf breiter Front die Vorstellung durchzusetzen. Im angel- sächsischen Raum sind dies häretisch argumentierende Industrieökonomen wie der verstorbene Bennett Harrison (1994). Hierzu gehören zum Beispiel in der deutschen Industriesoziologie entstandene Konzepte »systemischer Rationalisierung«.und Beschäftigungsbedingungen bei der »Arbeit an der Kette« in den modernen Zulieferpyramiden fragen (stellvertretend Sauer/Döhl 1994).

wer außer einigen Anwendern in Wissenschaft und Filmindustrie künftig die superschnellen Chips mit 1000 Megahertz benötigt. allerdings meistenteils zu Niedriglohnbedingungen und außerhalb der gewerk- schaftlich organisierten traditionellen Industriezentren (Brenner 1998). auch das Wachstum von Arbeit und Beschäftigung erscheint grenzenlos. Zugleich zeigt sich. 10. Der entscheidende Punkt zur Beantwortung dieser Frage ist jener von beiden Autoren vernachlässigte Zusammenhang zwischen einzel- kapitalistischen Rationalisierungsstrategien und deren Übersetzung in gesamtwirt- schaftliche Akkumulationsmodelle. zeigen die neueren sozialen und ökonomischen Entwicklungen in den Kernregionen der so genannten New Economy. die einst als die Triebkräfte der Subsumtion von Arbeit und Betriebsorganisation unter das Diktat der kapitalistischen Marktökonomie erschienen. wie lange die Hersteller von integrierten Schaltkreisen noch auf diese Weise operieren können. dass selbst die durchgreifende Flexibilisierung der Arbeit das Problem nicht beseitigt hat. wie die Unternehmen auf Markteinbrüche reagieren. Mit Blick auf die Informationselektronik lautet etwa ein Kommen- tar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Angesichts der hohen Investitionen und der immer kürzer werdenden Zykluszeiten stellt sich die Frage. Würde man sich die heutige IT-Industrie als . Business Week 1.« (16. […] Beim heutigen Preisniveau reduzieren sich die Gewinnmargen und lassen den Chip-Herstellern immer weniger Spielraum. 1998) Angesichts dieser fast altmarxistisch anmutenden Argumentation lassen sich die bei Autoren wie Pollock oder später Sohn-Rethel formulierten Zweifel an der Ent- wicklungsfähigkeit der kapitalistischen Automatisierung wohl fast umkehren. Taiwan und nunmehr der Volksrepublik China. Dass gegenüber solchen Aussagen schon in empirischer Hinsicht manche Zwei- fel angebracht sind. 2001. 2001).und anderen Industrien bilden (Moody 1997). Gerade im Kernbereich der High-Tech-Produktion scheinen nach wie vor jene Strukturprobleme kapitalistischer Produktivkraftentwicklung zu bestehen. Davon zeugte drastisch die im Jahre 2001 aufgetretene massive Rezession in der High-Tech-Industrie. Fred Pollock in Silicon Valley 141 Mikrochip im Rhythmus von 18 Monaten führe zu einer laufenden Vervielfachung der technologischen Innovationsmöglichkeiten. die heute die wichtigsten Basen der netzwerkbasierten Mas- senproduktion in der Elektronik. 2. warum die Kapitalakkumulation in den betreffenden Bereichen heute trotz einer Automatisierung ungekannten Ausmaßes bislang nicht zusammengebrochen ist. sondern auch nach den Schranken der heutigen Formen der Produktion und Technolo- gieentwicklung. Besorgte Stimmen im wirtschaftspolitischen Establishment fragen deshalb nicht nur nach den Gefahren einer entfesselten shareholder-value-Ökonomie. Malaysia. deren Hauptlasten in den genannten Regionen innerhalb und außerhalb der USA zu spüren sind (New York Times 1. Schließlich muß man sich fragen. In den USA vollzog sich gerade in deren Boomjahren auch ein Neuaufbau bedeutender Industriekapazitä- ten. in neue Fabriken und die Entwick- lung neuer Chips zu investieren. die einst von Marx unterstellte Stagnation des Profits im Zuge des technologischen Fortschrittes werde durch die permanente Gründung innovativer Jungunternehmen sozusagen überholt. näm- lich in Richtung der Frage. Zu einer massiven »Inwertsetzung« neuer Potentiale industrieller Arbeit kam es in jenen newly industrializing countries wie Mexiko. 9.

und IT-Hersteller zur Modernisie- rung ihrer Produktionsstrukturen im Konkurrenzkampf mit den Elektronikkon- zernen Japans und Koreas. müsste die enorm rasche Entwicklung der Informationstechnik geradezu paradox erscheinen. . Microsoft und Intel.und Produktionsstrukturen stattge- funden hat. entwickel- ten sich auch deren zumeist in den USA ansässige Protagonisten zu global tätigen Unternehmen. Der vielfach beschriebenen Entstehung zahlloser start-up- Unternehmen der Chip-. Das Stichwort hierfür lautet »vertikale Spezialisierung«.oder Netzwerktechnik steht das wenig wahr- genommene Wachstum einer breiten Phalanx von namenlosen Firmen der Auf- tragsfertigung gegenüber. Lüthje 2001). Die beiden Führungs- unternehmen der PC-Industrie. Diese Strukturen entwickelten sich seit den späten 1980er Jahren zu einem System global vernetzter Massenproduktion. vorangetrieben vor allem durch die auch staatlich gestützten Anstrengungen der US-amerikanischen Chip. das aus der Sicht der 1990er Jahre auch als erfolgreiche Alternative zum traditionellen Fordismus und vor allem zum Toyotismus japanischer Prägung erscheint.und Technologie- zyklen eine veränderte gesamwirtschaftliche Allokation der Akkumulationsres- sourcen und damit auch eine Neuverteilung der ökonomischen Krisenpotentiale ermöglicht hat. dass auf der einen Seite zwar eine enorme Konzentration von Investitions.142 Boy Lüthje eine von monopolistisch strukturierten und vertikal integrierten Großunternehmen beherrschte Branche vorstellen (wie bis Ende der 1980er Jahre tatsächlich der Fall). also dem breiten Durchbruch dezentralisierter Konzepte der Datenverarbeitung. die neben der enormen Beschleunigung der Markt. Sturgeon 1997 und 1999. dass im Kern dieses Industriesektors eine umfas- sende Neuzusammensetzung der Branchen. wurden zum Namensgeber eines mit dem Schlagwort Wintelism bezeichneten neuen Industriemodells (Borrus/ Zysman 1997). in weitläufigen Ver- bünden von Subunternehmen organisierten Massenfertigung der Endprodukte ex- ternalisiert. Computer. die technologisch anspruchsvollste Produkte in hoch- modernen Großbetrieben und weltweiten Produktionszusammenhängen herstellen (Angel 1994. Parallel zur so genannten »PC-Revolution«. Konkreter gesprochen stellt sich dies so dar. deren besondere Fähigkeit darin liegt. Entscheidend ist aber. die damit verbundenen Verwertungsprobleme werden aber zumindest teilweise durch neue Formen der Spezialisierung der Unternehmen und der globalisierten. Gemeint ist damit die zunehmende Konzentration der Entwicklung von Schlüsseltechnologien und -komponenten in kleineren spezialisierten Unternehmen. dem Markenzeichen der in Silicon Valley entstandenen »Innovationskultur«.und Technologieressourcen in Kern- sektoren wie etwa der Chip-Produktion zu verzeichnen ist. die technologischen Entwick- lungsnormen von Schlüsselkomponenten wie Mikroprozessoren oder PC-Be- triebssystemen im weltweiten Maßstab zu kontrollieren. die ausführlich von Annalee Saxenian (1994) und anderen Vertretern des Theorems der flexiblen Spezialisierung beschrieben wurden. und die damit verbundene weitgehende Abtrennung der Entwicklung neuer Produkte und Systemtechniken von deren Fertigung. Die Ursprünge dieses Produktionsmodells liegen in der Tat in den kleinbetrieb- lichen Produktionsstrukturen des Silicon Valley der 1970er und frühen 1980er Jahre.

Fred Pollock in Silicon Valley 143

Der Zusammenhang von Technologieentwicklung und Kapitalkonzetration ist
damit nicht aufgehoben, erscheint aber in stark veränderter Gestalt. So stellt sich
die IT-Industrie heute immer mehr als eine Schichtung von relativ selbständigen
Branchensegmenten dar, die jeweils eine oder mehrere Schlüsselkomponenten von
Endprodukten wie PCs, Workstations, Netzwerkrechnern oder auch Mobiltele-
fonen oder andere elektronische Konsumgüter im globalen Maßstab herstellen. Ein
extremes Beispiel sind hier vielleicht Computerfestplatten, die von einer kleinen
Zahl hochspezialisierter Massenproduzenten hergestellt werden, deren größter, das
Unternehmen Seagate, gegen Ende der 1980er Jahre etwa 80.000 Menschen be-
schäftigte, darunter etwa 60.000 Montagearbeitskräfte in Ländern wie Malaysia
oder Thailand (Lüthje 2001). In fast allen Bereichen der IT-Industrie steht der
vertikalen Spezialisierung auf der Ebene der einzelnen Unternehmen eine globale
Konsolidierung und Zentralisierung von Produktion und Technologieentwicklung
in den jeweiligen Segmenten gegenüber. Dieses Phänomen einer fortgesetzten
»Fragmentierung und Zentralisierung« (Ernst/O’Connor 1992) von Märkten und
Produktionsstrukturen kann als das zentrale Kennzeichen post-fordistischer Pro-
duktions- und Unternehmensformen angesehen werden, die heute auch in vielen
anderen Industriebereichen anzutreffen sind.
Die Ökonomisierung des Faktors Zeit erfolgt dabei nicht nur durch die Ratio-
nalisierung des einzelbetrieblichen Produktionsprozesses, sondern vor allem über
die Beschleunigung des Umschlages von Zwischen- und Endprodukten »entlang
der Kette«, also zwischen den Unternehmen. Zur Erklärung dieser Zusammen-
hänge erweisen sich jene Analysen im zweiten Band des Marxschen Kapital als
außerordentlich aktuell, wonach die Beschleunigung des Kapitalumschlages ein
wesentliches Mittel zur Ausdehnung der Verwertungsperiode des Kapitals und
damit eine wichtige Gegentendenz zum tendenziellen Fall der Profitrate ist (vgl.
Marx 1885, S. 124–153). Im Falle der IT-Industrie hat dies inzwischen zur Entste-
hung einer neuen Generation von Großunternehmen der Auftragsfertigung ge-
führt, die den großen Markenunternehmen der Branche eine in allen Regionen des
Weltmarktes vertretene Produktionsinfrastruktur und ein Komplettmanagement
aller wichtigen Aspekte des Komponenteneinkaufs, der Produktionsplanung und
der Logistik anbieten. Die größten Nutzer dieser unter dem Etikett contract
manufacturing bekannten Produktionsform (Sturgeon 1997 und 1999) sind aller-
dings längst nicht mehr die fabriklosen »Gazellenunternehmen« der New Eco-
nomy, sondern multinationale Elektronikunternehmen wie Hewlett-Packard, Phi-
lips oder Siemens. Die Zentralen der transnationalen Kontraktfertigung sind über-
wiegend in der vermeintlichen Dienstleistungsregion Silicon Valley angesiedelt, die
größten Produktionsbetriebe entstehen aber in Industrieländern der ehemaligen
»Dritten« und »Zweiten« Welt, namentlich in Mexiko, Malaysia, der VR China,
Ungarn und Polen (Lüthje u. a. 2002).

144 Boy Lüthje

5. Polarisierung oder high-trust-Kapitalismus? Widersprüche »entlang
der Kette«

Welche Tendenzen einer Restrukturierung und sozialen Umschichtung der Pro-
duktionsarbeit lassen sich für die heutigen Formen vernetzter Massenproduktion
nun erkennen? Aus dem zuletzt Gesagten ergibt sich, dass von einer Marginalisie-
rung oder gar einem »Absterben« industrieller Arbeit kaum die Rede sein kann.
Wohl aber scheint sich eine umfassende Neuzusammensetzung der Arbeit zu
vollziehen, die sowohl das Verhältnis von materieller zu nicht-materieller Produk-
tionstätigkeit als auch die Rationalisierungsentwicklung innerhalb der verschie-
denen Segmente der materiellen Produktion und ihrem Verhältnis zueinander
betrifft. Zugleich lässt sich zeigen, dass auch unter den Vorzeichen einer weitge-
hend flexibilisierten, den Verwertungserfordernissen finanzmarktorientierter Ak-
kumulation angepassten Strukturierung der Produktionsketten keine durchgängige
Tendenz zur Dequalifizierung bzw. zur »Polarisierung« der Lohnarbeit vor-
herrscht. Zwar ist es richtig, dass die shareholder-value-Ökonomie der »Moder-
nisierung« der Arbeit im Sinne einer Reprofessionalisierung immer engere Grenzen
zieht (Schumann 1997); dennoch lassen sich gerade in den Zentren der außerhalb
des »fordistischen Sozialpaktes« operierenden Industriebranchen Tendenzen einer
zumindest partiellen Aufwertung der Produktionsarbeit erkennen (Lüthje 2001).
Damit scheinen sich theoretische Positionen zu bestätigen, die (entgegen der
Marxlektüre Sohn-Rethels, aber auch der historischen Projektionen Pollocks) von
einer grundsätzlich widersprüchlichen und komplexen Entwicklung des Qualifika-
tionsvermögens im Kapitalismus ausgehen und die konkreten Prozesse der De-
und Re-Qualifizierung der Arbeit aus dem Zusammenspiel spezifischer Strategien
und Konjunkturen der Kapitalverwertung, der internationalen Arbeitsteilung und
der technisch-stofflichen Möglichkeiten der Rationalisierung erklären (vgl. Hart-
mann 1985). Entscheidende Veränderungen spielen sich freilich heute in den Ketten
jener namenlosen Subunternehmen ab, die die globalen Produktionsinfrastrukturen
zentraler Industriebranchen tragen. Dies bedeutet nicht, dass die traditionellen
»Kernunternehmen« der Industrieproduktion im Rationalisierungsgeschehen be-
deutungslos würden. Wohl aber kann die Entwicklung der subcontractor- und
Zulieferindustrien nicht mehr nur aus einer von den Kernunternehmen »abge-
leiteten« Perspektive betrachtet werden, also als das low-end der Produktions-
pyramiden, sondern als relativ eigenständiges Feld der Entwicklung und Erpro-
bung neuer Rationalisierungsstrategien. Prozesse der Ab- und Aufwertung indu-
strieller Arbeit spielen sich dabei oft in sozial sehr unterschiedlich zusammenge-
setzten und räumlich weit entfernten Zusammenhängen ab.
Dieser Zusammenhang lässt sich wiederum exemplarisch am Beispiel Silicon
Valley nachvollziehen. Eine wenig bekannte Grundlage der Erfolgsstory dieser
Region ist nämlich, dass sie stets auch ein wichtiger Produktionsstandort war, an
dem neue Strategien der Produktion und des Einsatzes der Arbeitskraft erprobt
wurden (ausführlich Lüthje 2001). Bereits Ende der 1970er Jahre waren in den neu
entstandenen Betrieben der Halbleiterindustrie etwa gut 40.000 Produktionsar-
beitskräfte tätig. Die Produktion der Mikrochips erfolgte zu dieser Zeit weitgehend

Fred Pollock in Silicon Valley 145

in Handarbeit und unter ausgesprochen primitiven Bedingungen. Die Produktion
war hochgradig hierarchisiert und von einem kaum regulierten Regime der Vorar-
beiter in den Betrieben gekennzeichnet. Das Lohnniveau lag weit unter dem
vergleichbarer Traditionsbetriebe der US-Elektronikindustrie, Arbeits- und Ge-
sundheitsschutz waren in der mit zahlreichen toxischen Substanzen arbeitenden
Chip-Produktion Fremdworte. Die Arbeitskräfte der Industrie wurden fast aus-
schließlich aus lokalen Immigrantengruppen rekrutiert, zunächst vor allem von den
in der Region traditionell stark vertretenen Mexican-Americans und Filipinos,
später auch Vietnamesen und weiteren asiatischen Nationalitäten. Die Belegschafts-
strukturen waren (trotz oder gerade wegen der fehlenden Automatisierung) extrem
polarisiert: Während sich die hochbegehrten Ingenieure und Techniker jener team-
orientierten und hierarchielosen Arbeitsatmosphäre erfreuten, die für die »Inno-
vationskultur« Silicon Valleys sprichwörtlich ist, herrschten in der Produktion die
typischen Niedriglohnbedingungen metropolitaner Sweatshops (Hossfeld 1990).
Die führenden neuen Chiphersteller wie Intel, Fairchild oder National Semi-
conductor waren zugleich Pioniere der Internationalisierung der Produktion. Be-
reits in den 1960er Jahren begannen sie mit dem Aufbau umfangreicher Monta-
geoperationen in einigen der späteren »Tigerländer« Ostasiens, namentlich Hong-
kong und Singapur (Henderson 1989).
Dieses treffend mit dem Begriff »schmutziger Taylorismus« (Lipietz 1987) zu
bezeichnende Regime unterlag im Zuge der produktionstechnischen Modernisie-
rungoffensive in den 1980er Jahren massiven Veränderungen. Parallel zur Stabilisie-
rung und Ausdifferenzierung der vertikal spezialisierten Branchenstrukturen kam
es in den einzelnen Segmenten zu sehr unterschiedlichen Veränderungen des
Arbeitsprozesses. In der Herstellung von Mikrochips und anderen Basiskompo-
nenten lässt sich ein deutlicher, wenn auch durch das Fehlen tarifvertraglicher
Absicherungen begrenzter Trend zur Reprofessionalisierung der Produktionsarbeit
feststellen, der durchaus mit ähnlichen Entwicklungen etwa in der Automobil-
industrie zu vergleichen ist (Buss/Wittke 2000).
Parallel zu der bereits angesprochenen vertikalen »Dekonstruktion der Compu-
terindustrie« entwickelten sich aber auch neue Formen der Massenarbeit. Mit der
großbetrieblichen Kontraktfertigung entstand im Laufe der 1990er Jahre ein neues
Segment industrieller Produktion, welches klassische Strukturen fordistischer Mas-
senfertigung mit einer extremen Flexibilität des Arbeitseinsatzes, neuzeitlichem
Qualitätsmanagement und einer sich multikulturell gebenden »Betriebskultur«
vereint. Die Flexibilität des Arbeitseinsatzes wird dabei insbesondere durch die
massive Nutzung von Zeit- und Leiharbeit hergestellt, in manchen Großbetrieben
liegt deren Anteil an den Produktionsbeschäftigten bei 50 Prozent und mehr. Die
Löhne liegen zumeist nur gering über dem gesetzlichen Mindestlohn. Die Arbeits-
bedingungen eines modernen industriellen Großbetriebes machen die Beschäfti-
gung in der Kontraktfertigung aber zu einer Alternative zu den ansonsten von den
betreffenden Arbeitsmarktgruppen wahrgenommenen Niedriglohnjobs in Dienst-
leistungen und industriellen Sweatshops. Der quasi ungebrochene Zustrom von
Arbeitskräften aus diesem Bereich sorgte dafür, dass die Kontraktfertiger auch in
den Boomzeiten der 1990er Jahre kaum Lohnsteigerungen gewähren mussten
(Lüthje u. a. 2002).

146 Boy Lüthje

Die besondere Dynamik der vernetzten Massenproduktion äußert sich in der
rasch vorangetriebenen, regional konzentrierten Schaffung von zum Teil recht
qualifizierten industriellen Belegschaften, die überwiegend aus klassischen »Rand-
gruppen« des Arbeitsmarktes rekrutiert werden. Solche Prozesse lassen sich auch
an anderen Industriestandorten im Süden der USA feststellen und in Ländern wie
Mexiko, Malaysia, China oder Ungarn, den bevorzugten Niedriglohnstandorten
der IT-Fertigung. Hier sind in den letzten Jahren in raschem Tempo Produktions-
strukturen enormer Größenordnung entstanden, die bezüglich ihres technologi-
schen und arbeitsorganisatorischen Niveaus keinen Vergleich mit denen in ent-
wickelten Industrieländern zu scheuen brauchen (vgl. Lüthje 2002).
Trotz dieser umfassenden Inwertsetzung neuer Arbeitspotentiale zu niedrigen
oder sehr niedrigen Löhnen wäre es aber verfehlt, vertikal desintegrierte Massen-
produktion mit der globalen Verallgemeinerung eines neo-liberal geprägten Nied-
riglohnmodells gleichzusetzen. Dies zeigt sich ganz besonders dort, wo die neuen
Produktionsformen in etablierten industriellen Milieus der US-Ostküste, in Eu-
ropa oder neuerdings auch in Japan Fuß fassen – etwa indem Betriebe von vertikal
integrierten Traditionsherstellern der Elektronikindustrie wie Siemens oder IBM
abgestoßen und in Kontraktfertigungsstätten umgewandelt werden. In den meisten
dieser inzwischen recht zahlreichen Fälle wurden die hier vorherrschenden Ar-
beitsbedingungen und -praktiken (einschließlich der sie regelnden gewerkschaft-
lichen Tarifverträge) nicht radikal geändert, sondern – wenn auch teilweise zu
verschlechterten Bedingungen – weitergeführt. Auch die großindustriellen Akteure
der vernetzten Massenproduktion bedienen sich somit jener spezifischen Stärken
und Konkurrenzvorteile aus dem historischen Kontext des Fordismus stammender
Produktionsmodelle, die allerdings in oft gänzlich veränderter Form (etwa als
Prototypenproduktion oder »Führungsbetrieb« beim Aufbau neuer Standorte) in
die globalen Produktionsketten eingegliedert werden (Lüthje u. a. 2002).

6. Schluss

Der letzte Punkt führt zurück zur Ausgangsfrage dieses Beitrages, nämlich dem
Problem, wie in den alten und neuen Formen kapitalistischer Massenproduktion
der Zusammenhang zwischen einzelbetrieblicher Rationalisierung und der Makro-
ebene der ökonomischen, sozialen und politischen Vergesellschaftung konstruiert
ist. Der notwendigerweise sehr skizzenhafte Verweis auf die sich sehr rasch ent-
wickelnden Formen netzwerkbasierter Massenproduktion in einer Leitbranche des
zeitgenössischen Kapitalismus sollte illustrieren, warum manches zum vermeintli-
chen Grundbestand kritischer Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses
gehörende Theorem heute in empirischer Hinsicht kaum mehr haltbar ist. Hält
man indes an den Grundintentionen kritischer Gesellschaftstheorie fest, so lassen
sich aus dieser historischen Perspektive einige zentrale theoretische Problemstel-
lungen der Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses benennen.
Evident scheint, dass auch der post-fordistische Kapitalismus keinem durch

Fred Pollock in Silicon Valley 147

Technologie oder Ökonomie eindeutig definierten Paradigma der Arbeitsorganisa-
tion folgt. Vielmehr gilt, dass diese Paradigmen (oder, in regulationstheoretischer
Terminologie, die Produktions- und Taschnormen) selbst instabil und umkämpft
sind – eine Feststellung, die sich gerade für eine technologische Leitbranche wie die
Informationstechnik treffen lässt (Esser u. a. 1997). Insofern sind alle Verallge-
meinerungen bezüglich der historischen Tendenzen der Subsumtion des Arbeits-
vermögens und ihrer gesellschaftsstrukturierenden Wirkung mit Vorsicht zu genie-
ßen. Auch fehlen in den meisten Kernbranchen des post-fordistischen Kapitalismus
jene monopolistischen Akteure, die dem technischen Fortschritt eine längerfristig
stabile Richtung geben könnten. Die älteren Versionen kritischer Theorie unter-
liegenden Vorstellungen ökonomischer Monopolbildung waren schon in ihrer
Entstehungszeit nicht unproblematisch, heute taugen sie kaum noch zur Konstruk-
tion des Mikro-/Makrozusammenhanges kapitalistischer Produktion und Arbeits-
teilung. In theoretischer und methodischer Hinsicht heißt dies, dass sich aus der
Rationalisierungsentwicklung in einzelnen Unternehmen oder an einzelnen Stand-
orten noch weniger allgemein verbindliche Thesen bezüglich der Entwicklung der
kapitalistischen Automatisierung insgesamt ableiten lassen, als dies in der Epoche
des Fordismus der Fall war.
Vor diesem Hintergrund macht es auch wenig Sinn, traditionelle Kritikposi-
tionen, die in Analysen wie denen Pollocks oder Sohn-Rethels begründet wurden,
unter heutigen Verhältnissen wieder aufleben zu lassen. Manche linke Kritik an
shareholder-value-Kapitalismus, Neo-Liberalismus und Globalisierung reprodu-
ziert aber solche Versatzstücke aus Theoriedebatten der fordistischen Epoche –
häufig mangels eigener Analyse der konkreten Dynamiken und Prozesse. Ein
aktuelles Beispiel bietet das viel diskutierte Buch Empire von Antonio Negri und
Michael Hardt, das die Vision einer »totalen Polarisierung« der Lohnarbeit und der
Herrschaft einer managerialen Technokratie für den Kapitalismus des 21. Jahr-
hunderts wiederaufbereitet (Negri/Hardt 2000). Einen gewissen Werbeeffekt hat
der Rekurs auf die 1950er Jahre nicht zuletzt deshalb, weil auch manche Gurus der
High-Tech-Szene unter dem Eindruck der lahm gewordenen New Economy Vi-
sionen einer totalen Herrschaft entfesselter neuzeitlicher Automatisierungstechnik
entwickeln. Symptomatisch ist hierfür etwa eine in der Tech-Szene weithin be-
achtete Abhandlung von Bill Joy – Cheftechnologe von Sun Microsystems und in
dieser Eigenschaft einer der Architekten der »Internet-Revolution« des vergan-
genen Jahrzehnts – in der Zeitschrift Wired, der eine an Pollock erinnernde
Projektion einer »automatischen Produktionsweise« entwarf, die heute allerdings
auf der Fusion von Internet und Biotechnik basiert. Die politische Aussage dieser
Analyse entsprach den unter IT-Spezialisten heute typischerweise vorherrschenden
Ohnmachtsgefühlen bei der Vertretung ihrer sozialen Interessen – zusammenge-
fasst in dem beziehungsreichen Titel des Aufsatzes: Why the future doesn’t need us
… (Joy 2000).
Politisch wie auch theoretisch produktiver scheint es, die vielfältigen sozialen
und politischen Dynamiken und Widersprüche konkret zu untersuchen, die im
Kontext der neuen Formen vernetzter Produktion heute entstehen. In Silicon
Valley kann man in dieser Hinsicht lernen, dass es immer wieder die in den

148 Boy Lüthje

Produktionsketten »ganz unten« stehenden und aus den US-Gewerkschaften hi-
storisch ausgegrenzten Lohnarbeiter waren, von denen die wirksamsten Ansätze
und Strategien sozialer Organisierung entwickelt wurden. Gerade aus einer solchen
Perspektive erscheint die gewerkschaftliche Organisierung der in der IT-Kon-
traktfertigung und anderen Bereichen entstandenen Großbetriebe eine zentrale
Zukunftsaufgabe, der sich die US-Gewerkschaften aber trotz aller auf die neuen
Immigrantengruppen in Staaten wie Kalifornien abzielenden Reformrethorik im-
mer noch nicht praktisch gestellt haben (ausführlich Lüthje 2001).
Auch in theoretischer Perspektive eröffnet sich vor einem solchen Hintergrund
manche neue Fragestellung. Neben der in diesem Aufsatz angesprochenen kriti-
schen Analyse der politischen Ökonomie der vernetzten Massenproduktion
scheint ein genauerer Blick auf das Feld Produktionspolitik angesagt. Über die
Analyse der mit netzwerkförmigen Produktionsmodellen entstehenden Hierar-
chisierungen hinaus sind vor allem die widersprüchlichen sozialen, kulturellen und
politischen Dynamiken bei der Neuzusammensetzung von Produktionsbelegschaf-
ten und -regionen von Interesse, sowie deren Verhältnis zu Produktionsarbeit und
Arbeiterbewusstsein in älteren Produktionssegmenten. Dies beinhaltet aber mehr
als die Analyse gewerkschaftsfreier Arbeitsbeziehungen oder der Arbeitsmarkt-
diskriminierung von Immigranten. Es geht vielmehr darum, ein ganzheitliches Bild
von den Prozessen der »Inwertsetzung« der Arbeitskraft in all seinen sozialen,
kulturellen und ideologischen Aspekten zu gewinnen.
Solche Analysen sind seit den 1980er Jahren mit Bezug auf die Arbeiterinnen in
den neuen Weltmarktfabriken von Branchen wie der Elektronik-, der Textil- oder
der Schuhindustrie entstanden, zumeist im Kontext feministischer Theorieansätze.
Eine der bis heute originellsten Studien aus diesem Spektrum (Ong 1987) lehnt sich
an die Arbeiten Michel Foucaults an und entwickelt am Beispiel der Elektronik-
industrie Malaysias, wie Arbeitsdisziplin und »corporate culture« in den Fabriken
multinationaler Konzerne die dort beschäftigten, aus bäuerlichen Verhältnissen
stammenden jungen Frauen einerseits der Subsumtion unter das Kapital unter-
werfen, auf der anderen aber eine spezifische Neukonstitution dieser Subjekte als
»Instrumente des Kapitals« (S. 8) und als Persönlichkeiten mit einer modernen
kapitalistischen Produktionsverhältnissen angepassten Individualität bewirken. Das
in jüngster Zeit in der arbeitssoziologischen Diskussion entstandene Interesse am
theoretischen Erbe Michel Foucaults scheint auch einige interessante Perspektiven
zur Neuthematisierung des Verhältnisses von Zwang und Konsens in Systemen der
vernetzten Massenproduktion zu beinhalten – und zwar nicht nur hinsichtlich der
»Subjektivierung« von Leistungszwängen in modernen Konzepten partizipativer
Arbeitsgestaltung (vgl. Moldaschl/Voß 2002), sondern auch mit Blick auf die
»Inwertsetzung« neuer Potentiale industrieller Arbeit in globalisierten Produk-
tionsnetzen. Gefragt ist darüber hinaus auch, wie Macht und »Gouvernementali-
tät« (Lemke 1997) im Kontext vernetzter Produktionssysteme produziert und
reproduziert werden – und zwar nach »innen«, also am Arbeitsplatz, als auch nach
»außen«, nämlich zwischen den Betrieben und Unternehmen, die die Glieder
globaler Massenproduktionsketten bilden.

Fred Pollock in Silicon Valley 149

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Demirovic 2001. Hälfte des 20.bzw. Diese aktuellen Formen der »Entstaatung« sind freilich nicht automatisch mit größerer Gestaltungsfreiheit und Mitsprache der Bürger/innen verknüpft. Mit der Rede von der Globalisierung seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre rückten die Schattenflecken der Beziehung zwischen Politik und Ökonomie wieder deutlicher ins Blickfeld. S. Der Verzicht auf das Konzept »Staat« seit den 1970er Jahren (vgl. nationalpopulistische oder (direkt-)demokratische Mobilisierungen Suchbewegungen nach neuen politi- schen Mustern der Transformation von Staat und Gesellschaft (vgl. wenn- gleich auch keineswegs sein Ende (Held 1995. Einst in die Peripherie gedrängte krude Formen von Ausbeutung und Ungleichheit kehren in die Metropolen zurück: Massenarbeits- losigkeit und öffentlich sichtbare Armut sind Ausdruck von Veränderungen der nationalen Sozialstaatsprojekte. und »Citizenship« schien nun auch für zuvor als unpolitisch perzipierte soziale Gruppen wie z. Herrschaft und Ungleichheit schienen minimiert. Poulantzas 2001. Held 1989. Demokratie und Herrschaft Birgit Sauer 1. Die partizipatori- sche »Revolution« der neuen sozialen Bewegungen trug zur Demokratisierung von Gesellschaft und Staat bei. Jahrhunderts konnte man in Westeuropa den Eindruck einer »glücklichen Hochzeit« zwischen Kapitalismus und Demokratie gewinnen. Auch die politikwissenschaftliche »Staatsrenais- sance« seit den späten 1980er Jahren vernachlässigt eine gesellschaftstheoretische Sicht auf Herrschaft und Demokratie und rückt vielmehr Aspekte der Steuerung und Effizienz ins Zentrum. Zum Zusammenhang von Staat. vgl. 11). 159). Frauen realisierbar. Angesichts rezenter Transformationen von Staatlichkeit und politikwissen- . S. 60). Das Konzept des Staates war und ist umstritten (vgl. Begründungskontexte einer kritischen Staatstheorie am Beginn des neuen Jahrtausends In der 2. Die Rede von der Politikverdrossenheit und das eifrige Mühen um eine Aktivierung der »Bürgergesellschaft« sind Versuche zur Neuorganisation von Politik. S. Jürgens 1990. 95. denn die keynesianischen Wohl- fahrtsstaaten schufen Institutionen des sozialen Ausgleichs und der Teilhabe von immer größeren Bevölkerungsschichten am sozialen Wohlstand. Internationalisierung und Denatio- nalisierung sind Herausforderungen des »hegemonialen (National-)Staates«. B. Aktuelle demokratiepolitische Debatten sind ebenso wie rechts. Deregulierung. S. Diese Entwicklungen setzen eine Theoretisierung von Staatlichkeit unter demo- kratiepolitischer Perspektive auf die wissenschaftliche Agenda.Den Staat ver/handeln. 21) und die Präferenz für das empirisch anwendbare Paradigma »politisches System« führten zum Verlust einer herrschaftskritischen Perspektive. S. Sie ge- hen vielmehr mit Entsolidarisierung und Entdemokratisierung einher.

veränderungsbezogenes. Auch Demokratie ist in gesellschaftstheoretischer Perspektive nicht schlicht als mehrheitsbezogenes Verfahren der Elitenauswahl zu begreifen. Zum Zusammenhang von Staat. Staat bezeichnet mithin mehr als die Summe von Regierungsinstitutionen und gesetzlichen Normen. Ein solches kritisch-mate- rialistisches Konzept liefert die Menschen dem »Verstaatlichungsmechanismus« nicht schlicht aus. S.und antreiben. emanzipatorisches Wissen zur Verfügung zu stellen. dass die Synergien der unterschiedlichen Staatstheoretisierungen . Akteure. Sie sollte die aktuellen Debatten um die Veränderungen von Staaten sy- stematisch bündeln. 102). sondern geht von der Überdeterminiertheit und der Ungleich- zeitigkeit staatlicher Formen und Funktionen aus. Den Staat ver/handeln. Was ist nun »der« Staat im Kontext eines solchen kritischen Projekts? Wenn Politik einen Raum der Debatte bezeichnet. der die Denk-Möglichkeit eröffnet. neo-marxistischer. Einem kritischen Staats- projekt geht es mithin um die Entwicklung eines Demokratiebegriffs. in kooperativen und konfliktorischen Alltagspraxen Entscheidungen zu debattieren und zu realisieren. Neumann 1986c. Dieses Projekt einer kritischen Staatstheorie kann auf ein Archiv von herr- schaftskritischen Konzeptionen der Kritischen Theorie. die eine kritische Staats.und Demokratietheorie um. Die folgende Auswahl ist deshalb vor allem so angelegt. Demirovic 2001. Eine Staatstheorie braucht also eine gesellschaftstheoretische Fundierung.wie exkludierenden Staatsverhältnissen und mithin Freiheits- gewinne für große gesellschaftliche Gruppen (vgl. Diese Traditionslinien möchte ich im Folgenden skizzieren. Demokratie und Herrschaft 153 schaftlicher Engführungen bedarf es eines kritischen Staatskonzepts – »kritisch« deshalb. S. sondern als ein »Strukturprinzip« des modernen Staates. 19). mehr als ein »Gehäuse der Hörigkeit« (Max Weber). Ein kritisch-materialistisches Konzept fasst den Staat als eine soziale Struktur und als eine Praxisform.und Politikkonzepte zurückgreifen. S. Aufgabe einer solchen kritischen Theo- rie ist es. Die Fragen. um dann die Konturen einer kritischen Staatstheorie im Kontext aktueller Veränderungen von Nationalstaaten zu schärfen. die gesellschaftliche Ordnung institutionalisieren und legiti- mieren. sie sollte nicht empiristisch. dass die kritische Staatsdebatte als ein Prozess kontroverser Präzisierung sichtbar wird. nämlich als das institutionalisierte Ergeb- nis von sozialen Konflikten (vgl. Demirovic 1997. aber doch die Empirie erklärend sein und insbesondere einen utopischen Überschuss produzieren. Der Staat umfasst jene Organisationen. sind dann. den staatlichen (und ökonomischen) Herrschaftsanspruch zu begrenzen und den Men- schen zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Die folgende Auswahl von Staatskonzepten ist freilich selektiv. Das gesellschaftliche Ringen um politische Kompromisse birgt Chancen für die »Zähmung« von sowohl ungerechten Markt. diskurs- theoretischer und feministischer Staats. 159) – auch wenn diese Kompromisse herrschaftlich geprägt sind. weil politische Ordnung Freiheit immer nur partiell und temporär her- stellen kann (vgl. Eine Staatstheorie muss deshalb Universalität konzeptualisieren. aber auch die Möglichkeit der Repräsentation von Differenzen denkbar machen. so ist Staat ein Raum der Entscheidung und der gesellschaftlichen Ordnung. also hegemonial werden lassen. doch ist die Auswahl so getroffen. Ver- fahren und Diskurse. wie der moderne Staat Herrschaft ausübt und ob Demokratie in der Lage ist.

Diskurs. S. Habermas 1985. 191). S. Marx und Engels hatten zwar keine kohärente Staatstheorie entworfen. doch in Abgrenzung zu Hegels Opposition zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft betonten beide die Totalität sozialer Verhältnisse und die Entstehung des Staates aus den gesellschaft- lichen Widersprüchen (vgl. Theoretischer Ausgangspunkt der staatstheoretischen Überlegungen war eine empathische Neu-Perspektivierung der marxistischen Theorie. blieb in den Schriften von Marx und Engels widersprüchlich gelöst (vgl.154 Birgit Sauer deutlich werden. 101). S. Kapitalismus und totalitärem Staat für die kritische Herrschaftsanalyse ins Zentrum rückte (vgl. des strukturierten Zusammenhangs von ökonomischen Gesetzmäßig- keiten und spezifischen Vergesellschaftungsprinzipien (vgl. vgl. Der Staat galt als ein Moment gesellschaftlicher Totalität. S. Der bürgerliche Staat verkörpere keine universelle sittliche Idee. Held 1989. Kompromiss und Kräftefeld. er sei das Ergebnis von verwobenen Koalitionen und machtvollen Arrangements und könne daher nicht eindeutige Unterdrückungsfunktionen wahrnehmen (Marx 1976. Gesellschaft und Ökonomie zu fassen sei. Praxis und Differenz dar- stellen. Dieser Prozess lässt sich mit der Begriffskette Herrschaft und Repressivität. 555. wie der Zusammenhang zwischen Staat. In der imaginierten Trennung von der Gesellschaft liege seine undemokratische. 45. S. An anderer Stelle bescheinigt Marx dem Staat eine gewisse Autonomie gegenüber sozialen Verhältnissen. Knuttila/Kubik 2000. dass der Staat mehr als eine rechtliche Ordnung sei und im Kontext einer Gesellschafts- theorie konzipiert werden müsse. auch Engels 1974. herrschaftliche Struktur begründet (Marx 1981. S. Die Theoretiker der Kritischen Theorie griffen zunächst den Gedanken auf. 42). S. 317). . S. Aus der herrschaftskritischen Perspektive folgte zudem eine prinzipielle Staatsskepsis: Im Marxschen Sinne und gegen Hegel wurde der Staat als eine Herrschaftsform betrachtet. waren doch die empirischen Forschungen und theoretischen Über- legungen zum Verhältnis von Gesellschaft und Individuum vor 1940 nicht sys- tematisch mit einer kritischen Politiktheorie verknüpft (vgl. der den gesellschaftstheoretischen Arbeiten eine Beschäfti- gung mit dem Staat gleichsam aufnötigte und die Frage nach der grundsätzlichen Neuartigkeit von Gesellschaft. 193.). Rudel 1981.). S. 2. S. Held 1989. S. Söllner 1982. S. sondern sei partikular und gebe als »Klassenstaat« nur vor. Staatstheorie als Herrschaftskritik: der Beitrag der frühen Kritischen Theorie Der Beitrag der frühen Kritischen Theorie zur Staatsdebatte wird als gering veranschlagt. ein Allgemeinwohl zu repräsentieren. 384 f. 31). Engels 1974. die der Freiheit der Individuen im Wege steht (vgl. Habermas 1985. Es war der Nationalsozialismus – und das Scheitern von Gegenbewegungen –. 555 f. 306 ff.). Das Problem aber. 36): Im Kommunistischen Mani- fest bezeichnen sie den Staat als »Ausschuß« der herrschenden Klasse mit dem Ziel der Ausbeutung der Lohnabhängigen (Marx/Engels 1970.

Büro- kratie. Militär und nationalsozialistischer Partei (Pollock 1973. 147).und Erpressungszusammenhang. war kaum zu entkommen. Trotz dieser gemeinsamen Ausgangspunkte waren die Konzeptualisierungen des Staates und mithin auch die Konturierung des Zusammenhangs von Staat. S. Der NS-Staat sei eine repressive »Maschine«. 25). S.1 Der repressive Staat: Horkheimer. 1). als staatlichem Produzenten von Unsicherheit und gleichzeitiger Gewährleister von Sicherheit (ebd. Horkheimer gründet seine These vom »autoritäre(n) Staatskapitalismus« (Horkheimer 1987) auf die Marxsche Idee »naturgesellschaftlicher Bewegungsgesetze« des Kapitals. In ihm verwirkliche sich die »Herrschaft der hypostasierten ökonomi- schen. Diese verlangten zur systemimmanenten Vermeidung des kapitalistischen Zusammen- bruchs eine autoritäre Ordnung (vgl.zum Monopolkapitalismus konstatierte. 241). S. Zum Zusammenhang von Staat. 100).). Gesell- schaft und Ökonomie sowie der Totalität des staatlichen Zugriffs auf Gesellschaft bei den frühen Vertretern der Kritischen Theorie unterschiedlich und wenig kon- sistent. So bestechend diese Vorstellung des Staates ist. so totalitär ist doch der konstruierte Schutz. die einen grundlegenden Wandel vom Konkurrenz. evoziert die Vorstellung einer staatlichen Durchdringung aller Fasern der Gesellschaft. Dem Racket als »archetypische(r) Form« von Herrschaft. 1). eine die gesamte Gesellschaft und die Ökonomie umfassende Totali- tät. so Marcuse (1998. »Der Staat müsse sich«. Stirk 2000. und in dieser »totalitären Form des Staatskapitalismus« sei der Staat »das Machtmittel einer neuen herrschenden Gruppe« aus Kapitalen. Zwar lehnen alle drei grundsätzlich einen Determinierungszusammenhang zwi- schen der ökonomischen Basis und der Staatsform ab.). S. der Handlungsmöglichkeiten undenkbar macht. Ich werde im Folgenden zwei Hauptlinien herausarbeiten. Pollock und Marcuse Ausgangspunkt der ersten staatstheoretischen Überlegungen von Max Horkheimer und Friedrich Pollock und Herbert Marcuse war eine Theorie des Kapitalismus. 4f. gesellschaftlichen und politischen Kräfte« (Marcuse 2001. weshalb die Menschen sich dem Staat unterwarfen bzw. Die zunehmende Vergesellschaftung über kapitalistische Pro- duktionsverhältnisse habe zur Entwicklung eines »autoritären Staates« geführt (Horkheimer 1987). Demokratie und Herrschaft 155 Angesichts der nationalsozialistischen Barbarei stellte sich freilich auch die Frage. »direkt mit den vorherrschenden ökonomischen Interessen identifizieren und alle Beziehungen seiner Führung unterstellen«. »die das Leben der Menschen überall und jederzeit erfaßt« (Marcuse 2001. S. S. Marcuse diagnostizierte eine totalitäre Verschmelzung von Herrschaft und .. Der NS- Staat sei »nicht die Kehrseite. Marramao 1982. Den Staat ver/handeln. vom NS-Staat als ein mafiotisches Ensemble von Gangsterstrukturen dominanter Cliquen (vgl. da die »ökonomischen Kräfte zu direkten politischen Kräften wurden«. doch bleiben ihre Konzepte in den Widersprüchen einer funktionalistischen Sichtweise befangen. Seine Metapher vom »Racket-System« (Horkheimer 1985). sondern die Vollendung des Konkurrenzindividua- lismus«. 2. S. Die totale Durchdringung von Ökonomie und Politik lasse den Staat notwen- digerweise zu einer umfassenden Unterdrückungsmaschine – zu einer »totalitären Knechtung« – degenerieren (Pollock 19 734. ihn akzeptierten. S. 146 f.

mit der Mikroebene blieb Rudiment. S. 903).. denn »Willfährigkeit« auch der Arbeiterschaft werde zu einer »rationalen technischen Einstellung« (ebd.und Ver- schleierungsleistung entlarvt. »Herrschaft« werde im Wohlfahrts- staat wie im kapitalistischen Unternehmen »in Verwaltung überführt«. von politischer und nichtpolitischer Sphäre. die an sich zentral für die kulturkritische Perspektive der Kriti- schen Theorie waren (vgl. 93). S. sei im NS-Staat die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft »weitgehend aufgehoben« (Marcuse 2001. die »nur ihren eigenen Gesetzen und Maßstäben unterworfen« sei (ebd. S. Habermas 1985. 1). 68 f. weil seine totale Verwaltung eine systematische Beschränkung von Zeit.. S. 1) vertrat die Ansicht. 108 f. S. die einen »undurchdringlichen Manipulationszusammenhang« ausbilde. Die liberale Trennung von Gesell- schaft.und Kunst- politik leisteten ihren Beitrag zur Technik der »Gleichschaltung« der Menschen (ebd. Nur noch eine »kontrollierte und manipulierte Befreiung der Individuen« sei zugelassen (Marcuse 1998. Der atomisierende »Massenstaat« bedeute das Ende der »fortschrittlichen Elemente des Individualismus« und das Ende der Freiheit (Marcuse 2001. von individuellen Bedürfnissen. die han- delnden Subjekte. ). Diese Vorstellungen vom Mechanismus der kapitalistischen Krise. und der Kollaps der Sphären erhält im Kontext einer wertgesetzlichen Logik eine Dynamik der Unausweichlichkeit. der Rationali- sierung und Verschleierung von Herrschaft. Diesen Zusammenhang kritisierte er später als »Eindimensionalisierung« des Den- kens und Verhaltens (Marcuse 1970.156 Birgit Sauer Technik. voraus. S. Marcuse setzte somit die Trennung und Trennbarkeit von Staat und Gesellschaft. dass der NS-Staat »die Wesensmerk- male des modernen Staates« beseitigt habe: Während der liberale bürgerliche Staat seiner Macht vorgängige »angeborene soziale Rechte« anerkannt habe (Marcuse 1998. vgl. S. 517ff. 52). warum die Menschen sich dieser staatlichen Repression unterwerfen. Schlimmer noch als im Nachtwächterstaat verschwinde im Sozialstaat die »reale Quelle der Ausbeutung hinter der Fassade objektiver Rationalität« von »geschäftsführende(n) und managerielle(n) Ausschüsse(n)«. Marcuse (2001.). Der »hochmoderne(n) technische(n) Appa- rat« des Wohlfahrtsstaats richte sich »als getrennte Macht gegenüber den In- dividuen« auf und verhülle die »Reproduktion von Ungleichheit und Versklavung« (ebd. 2). Damit bleibt die (selektive) »Gewährung« dieser Rechte als Konstruktions- prinzip des bürgerlich-kapitalistischen Staates und mithin seine Verankerung in sozialen (Macht-)Verhältnissen unterbeleuchtet. eine Verknüp- fung der Makro. eines Mechanismus der Entpolitisie- . von Selbst- bestimmung bedeutet (Marcuse 1970. Die Frage.). Ergebnis sei die »Abnahme von Freiheit und Opposition«. Die subjektiven Vermittlungsformen staatlich-struktureller Herrschaft. Ökonomie und Staat wird in der Kritischen Theorie fortgeschrieben.).. 68). Freizeit. auch Rudel 1981. 71). S. S. S. Marcuse führte dieses Denkbild der Unentrinnbarkeit der Staatstechnik später in seiner Kritik am Wohlfahrtsstaat fort: »Bei all seiner Rationalität ist der Wohl- fahrtsstaat jedoch ein Staat der Unfreiheit«. Sexualitäts-. S. fanden keinen Eingang in das Staatskonzept. Herrschaft wurde nur als Ergebnis staatlicher Illusions. wurde in der Politiktheorie nicht systematisch bearbeitet. also der Mechanismus der Reproduktion des Staates durch die Bür- ger/innen.

Die »fortschreitende Bürokratisierung« im Zuge der Umwandlung der Konkurrenzwirtschaft in eine »wesentlich organisiertere Wirt- schaft« (Neumann 1986a. die soziale Ver- änderung allein aus dem Entwicklungsprozess des Kapitalismus. die »Idee einer ›continuité technologique‹«. in der Begrifflichkeit Sorels. zeichneten den Natio- nalsozialismus neuartige Kompromisse zwischen Kapital. er ist »soziale Macht«. in deren Dienst er steht« (Neumann 1986a. sondern auch als Ergebnisse politischer Auseinandersetzungen zu fassen. d. Zum Zusammenhang von Staat. Staat und Demokratie entwickelten. 259). S. sondern nur die »totalitäre Hülle« eines weiterhin nach Marktmechanismen funktionierenden Mo- nopolkapitalismus. 245). Der . auch Marramao 1982. 95). Allerdings. Hervh.2 Der Staat als politischer Kompromiss: Kirchheimer und Neumann Der Staatskapitalismus-These widersprachen nun Franz Neumann und Otto Kirchheimer auf der Basis einer Präzisierung des marxistischen Staatskonzepts. S. 2. dass der Staat mehr Macht bekomme. S.). Kirchheimer 1981. aus »rational errechenbaren Kräfteverhältnissen« heraus und nicht durch gesellschaftliche Grup- pen bzw. 251... h. auch der liberale Staat habe immer in ökonomische und gesell- schaftliche Verhältnisse eingegriffen – auch wenn er dieses Primat leugnete (vgl. 40ff. 91). auch wenn »in der Struktur der demokratischen Staaten […] der Sachverhalt häufig aus Unkenntnis verdeckt« wird (Neumann 1986b. Der Staat ist. 90). 82. S. O. S. Klassen erklärt (vgl. S. Nicht nur der totalitäre. Partei und Staat aus. »aufs engste verbunden mit der Gesellschaft. Den Staat ver/handeln. Der Staat sei vielmehr schon immer ein »starker Staat« gewesen. Die Transformation des Kapitalismus und des kapi- talistischen Staates sind mithin nicht nur als Formen der weiteren Entfremdung und Ausbeutung. S. so die These Kirchheimers. Neumann lehnte aber die Zusammenbruchs- theorie des Kapitalismus als »metaphysisch« ab und hob den Primat der Politik gegenüber den ökonomischen Verhältnissen hervor: »Die Suprematie der Politik über die Ökonomie war immer eine Tatsache«. 92) sei kein Indiz dafür. Auch wenn Neumann und Kirchheimer keine konsistente Theorie des Verhältnis- ses von Gesellschaft. so brachten sie doch neue staatstheoretische Impulse in die Kritische Theorie ein. Kirchheimer kritisierte am Marxschen Denken die Mechanik. 255). 250. die »ihre Wurzeln in wirtschaftlicher Macht« hat und »Herrschaft über Menschen« bedeutet (ebd. S. den Spielraum für Auto- nomie und politisches Handeln zu verengen. i. ohne sie allerdings umfassend zu beantworten (Neumann 1986a. Demokratie und Herrschaft 157 rung und Unterwerfung der Bürger/innen läuft Gefahr. Auch die Vorstellung des Übergangs vom Konkurrenzkapitalismus zum Monopolkapitalismus erweist sich als unhistorisch und theoretisch zu kurz gegriffen. so Neumanns Ausgangspunkt. Neumann wirft beispiels- weise die Frage der »Umsetzung wirtschaftlicher Macht in soziale und damit in politische Macht« auf. sondern »immer die Re- sultante von bestimmten Machtverhältnissen zwischen verschiedenen Subjekten« (ebd. Auch der autoritäre Staat ist nicht das Zentrum der Macht.). waren doch Markt bzw. Neumann 1986b. S. kapi- talistische Produktion nie eine unpolitische Ordnung. ja die gesellschaftlichen Subjekte aus dem Blick zu verlieren (vgl.

dass Staaten immer fragmentiert seien und auf Kompromissen zwischen diesen fragmentierten Gruppierungen basierten (vgl. 147).. 248) kritisiert die liberale Rechtsstaatsidee als »Stereo- typ« bzw.und konzipierbar. die »die Gruppeninteressen der Wirtschaft mit den Interessen anderer anerkannter sozialer Gruppen in Einklang« bringen sollten (ebd. S. S. 298).). 93). S. 253) liege nicht nur die Fragilität des NS-Staates. 153. staatstheoretisch konkretisiert also darum. S. Er kritisierte Horkheimers Bild des »Rackets« und hob demgegenüber hervor. 37). Mit der Vorstellung des Kompromisses war eine Handlungsdimension und eine Transformationsmög- lichkeit im herrschaftlichen Staat denk. gleichzeitig aber der Machtkonzentration im Staat Vorschub leiste (vgl. Macht könne aber nicht in Recht . könne ihn dennoch nicht schlicht instrumentalisieren. Neumann wie Kirchheimer ging es um die »politische Dialektik der Aufklä- rung«. S. Kirch- heimer wendet sich somit gegen die Auffassung von Marcuse. In dieser »Brüchigkeit des ›poli- tischen Kompromisses‹« (Marramao 1982. Vielmehr bestehe der Widerspruch zwischen »politischer Form« und ökonomischer Verwertung unverändert fort und müsse verhandelt werden (ebd. dass sich im autori- tären Staat »der Antagonismus zwischen Staat und Gesellschaft und damit die Kompromißstruktur des Staates […] endgültig in der öffentlichen Verwaltung aufgelöst« habe. Allerdings haben sich »die Form und die Struktur des Kompro- misses« grundlegend transformiert. Neumann (1986b. Freilich entwickelt der Staat eine neue Form der Selektivität. 245). der einerseits gleichsam »die Auflösung der traditionellen Staatssouveränität« beför- dert. 224). 228). Stirk 2000. wie die rechtsstaatliche Organi- sation des Gewaltapparats Freiheit und Angst verkörpert.. 223).. Diese Veränderung impliziere das Ende der liberalistischen Idee des Kompromisses als Vertrag zwischen Individuen und der Regierung. Auch die Vorstellung einer totalen Herrschaft des Staates »über alle privaten und sozialen Beziehungen« und die »völlige Unterdrückung des menschlichen In- dividuums« schien Kirchheimer »äußerst fragwürdig« (ebd. Kirch- heimer betonte deshalb die Paradoxie des modernen demokratischen Staates. als »Ideologie«. sondern die des kapitalistischen Staates überhaupt begründet. 284): Das wesentliche Merkmal des Staates im Zeitalter des »Gleichgewichts der Klassenkräfte« sei »die spezifische Transponie- rung der Dinge vom Tatsächlichen ins Rechtsmechanische« (Kirchheimer 1981..158 Birgit Sauer Übergang vom »Konkurrenz. sondern sei zu einer Veränderung des politischen Kompro- misses zwischen Ökonomie und Staat genötigt (vgl. Der neuartige Kompromiss habe sich im Aufbau neuer Staatsapparate nieder- geschlagen.zum Monopolkapitalismus« am Beginn der Wei- marer Republik habe ein neues Verhältnis von Staat und Ökonomie mit sich gebracht. Die neuartige Kapitalismusform. Kirchheimer 1981. »die die Suche nach dem Sitz politischer Macht unter- bindet und die Position ihrer Inhaber festigt«. die »vom Staat als die einzigen rechtlichen Partner des politischen Kompromisses anerkannt werden« (ebd. S.. S. S. wie der Rechtsstaat den Leviathan nur verdeckt (ebd. S. Der neue Kompromiss vermittle vielmehr zwischen »konfligierende(n) Machtgruppen« (ebd. S. S. in der die kapitalistischen Unterneh- mungen den Staat zunehmend »beherrschten«. auch Söllner 1982.

ihre Inte- ressen zu realisieren. bei weitem aber keine »Volksherrschaft«. 67). zwingt zur Anpassung der verschiedenen Interessen« (ebd. S. S. Das »kom- plementäre Verhältnis von Ökonomie und Staatsapparat« soll nicht auf eine »tri- viale Überbau-Basis-Vorstellung« zugeschnitten. weil sie zentrale Aspekte des politischen Machtkampfs »verborgen« hält. S. 43. Demokratie und Herrschaft 159 »aufgelöst« werden. 259). Mächtige gesellschaftliche Gruppen respektive Parteien müssen »ihre partikularen Interessen als universelle darstellen«. Demokratie ist also nur eine Form zur Erlangung von Unterstützung des Volkes. 91). des Warenverkehrs. Demokratie zeichne sich dadurch aus. Habermas 1985. den bürgerlichen Rechtsstaat. sowie eine »politisch fungierende Öffentlichkeit« als Sphäre der »Selbstvermittlung der bür- gerlichen Gesellschaft« entstehen (Habermas 1982. S. 85). S.. Die politische . um Massenunterstützung zu erhalten. sondern sei immer soziale Macht (Neumann 1986a. Dies ermöglicht auch weniger mächtigen Gruppen potenziell. son- dern auch auf »Überzeugung«: »Durch Überzeugung erzielt der Herrscher bei den Beherrschten einen erheblichen Grad an Habitualisierung. 95). Fortschreibung und Erweiterung: Jürgen Habermas’ Dualismus von Öffentlichkeit und Staat Auch in Jürgen Habermas’ Theorie geht es nicht vornehmlich um die Kon- zeptualisierung von Staatlichkeit. des politisch-ad- ministrativen und des soziokulturellen – gekennzeichnet (vgl. die die Unterordnung sozialer Macht unter die politische involviert und die politische Macht verantwortlich macht« (Neumann 1986b. dass Politik »erheblich ideologischer als in früheren Epochen« ist. sondern vor allem um die Möglichkeit von Demokratie und Subjektivität. der Familie und der Intimsphäre ließ eine besonderte Sphäre der Staatsgewalt. Doch basiere staatliche Herrschaft nicht nur auf Gewalt und Privilegien.. 46. Dieses Unterfangen ist nun freilich ohne einen Begriff von gesellschaftlicher Ordnung nicht leistbar. Seine modernisierungstheoretische Umarbeitung marxistisch-kritischer Gesell- schaftstheorie setzt den Prozess der Systemdifferenzierung bzw. -entdifferenzie- rung an die Stelle der Totalität des kapitalistischen Verwertungsprozesses (vgl. S. soziale Gruppen zu gewinnen […]. Zum Zusammenhang von Staat. Die liberalkapitalistische Moderne sei zunächst durch die Differenzierung der drei gesellschaftlichen Subsysteme – des ökonomischen. ebd. Die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft als »staatsfreie Sphäre« der gesellschaftlichen Arbeit. 504). 548). S. deren werttheoretische Aporie wie auch ihre marxistischen Funktionalismen zu überwinden. Habermas 1973. 88). Allerdings macht Neumann in diesem demokratischen Verbergungsversuch durchaus Positives aus: »Die Notwendigkeit. 31. Auch Demokratie ist nicht zuvörderst Rechtsstaat. Herrschaft und Verdinglichung sollen nicht als bloße »Reflexe« auf wirtschaftliche Entwicklungen und staatliche Repression konzeptualisiert werden (vgl. S. Mit seiner Reformulierung der Kritischen Theorie erhebt Habermas den Anspruch. 3. so daß die Reaktionen beinahe automatisch werden« (Neumann 1986a. sondern eine »Herrschaft. Den Staat ver/handeln.

S. S.. 234ff. also durch die Repolitisierung der Produktionsverhältnisse gekennzeichnet (Habermas 1973. Im Bemühen.. S.). 45. fehlt die Generalität. S. und die Bürger/innen bekommen »den Status von Passivbürgern mit Recht auf Akklamationsverweigerung« zugewiesen (ebd. dass politische Entscheidungen »unabhängig von bestimmten Motiven der Staats- bürger gefällt werden können« (Habermas 1973. Das staatliche System erlangt dadurch Autonomie gegenüber der ökonomischen Dynamik. herrschaftsfreies Feld. die zwischen Staat und Gesellschaft vermittle. S. Im Unterschied zur Partikularität der »Konkurrenz organisierter Privatinteressen« herrsche dort die Generalität der Gesetze (ebd. 173).160 Birgit Sauer Öffentlichkeit. ders. 215). 87). S. einer wertgesetzlichen Logik zu ent- . sie führen deshalb nicht automatisch zu Legitimationskrisen des Staates. Jahrhundert gründet in diesem Prozess der fortschreitenden Vergesellschaftung des Staates und der Verstaatlichung bzw. den Reproduk- tionsprozess rechtzeitig zu verändern. S. Parteien. sondern im- mer schon politisch reguliert (ebd. dass der Staat ungleiche Marktmechanismen durch materielle Entschädigungen. 55). Auch dort setzen sich strategische und gewinnbezogene Handlungsorientierungen durch (Habermas 1973.. der Unfreiheit sei. ebd. die den im öffentlichen Räsonnement ermittelten »Konsens« durch einen staatlich durchgesetzten »Kom- promiß« ersetzen. 70). S. staatliche Herrschaft in allen gesellschaftlichen Teilsystemen anzusiedeln und Gesellschaft als differenziertes und komplexes Ge- bilde zu begreifen. S. Habermas gelingt es damit. Die Ausdehnung der Ökonomie und die Interventionen des »kolo- nialisierenden« Sozialstaats gefährden die Trennung von Staat und Gesellschaft und mithin die politische Öffentlichkeit als herrschaftsfreie Sphäre der Deliberation (vgl. Da der spät- kapitalistische Staat direkt in den Reproduktionsprozess eingebunden ist. ders. sei im Gegensatz zum Staat ein emanzipatorisches. Der Staat sei vielmehr in der Lage. 215). 172–218). 153.. beispielsweise könne der Sozialstaat die Arbeitswelt »pazifieren«. kann er weder bloßes »Vollzugsorgan« der ökonomischen Gesetze noch ein »planmäßig handelnde(r) Agent der vereinigten Monopolkapitalisten« sein (ebd. S. 1985. S. 515 f. bedeute Öffentlichkeit eine Sphäre der Deliberation. Solchen Gesetzen. S. Verbände und Massenmedien – werden »Institutionen der staatsbezogen agierenden gesellschaftlichen Mächte« (Habermas 1982. S. 129). aber auch durch Staats- bürger/innenrechte und »formaldemokratische Einrichtungen und Prozeduren« legitimieren müsse.). sie sind gesetzgewordene Partikularismen (ebd. des Zwangs.. Die Systemdynamik verlange. Spät- kapitalistische ökonomische Krisen sind mithin nicht naturwüchsig. 36. Habermas 1982.. Klassenherrschaft anonymisieren und unsichtbar machen (ebd. 37). Dynamik und Intersubjektivität. auch wenn sie sich auf eine »Allgemeinheit« beziehen. Aus den genuinen Institutionen einer bürgerlichen Öffentlich- keit – Parlamente. Demokratie degeneriert so zur Abschirmung der politischen Elite. Der formaldemokratische Legitimationskorridor müsse dafür sorgen. 1982. Entdemokratisierung der Gesellschaft (vgl.). Der Übergang vom liberalen zum staatlich organisierten Kapitalismus ist nach Habermas durch einen »interventionistischen Staat«. Während der Staat die Sphäre der Entfremdung. Der »Strukturwandel der Öffentlichkeit« seit dem ausgehenden 19.

S. Dass die Entgegensetzung von Öffentlichkeit und Staat der Empirie nicht stand hält. dass Staats- und Akkumulationsverhältnisse im Spätkapitalismus »verlötet« seien. ökonomischen Verhält- nissen. Der Staat sei nicht nur »Überbauerscheinung«. a.. Die Dimension des Kompro- misses. 177). S. Materialistische Grundlegungen neo-marxistischer Staatsdebatten Die neo-marxistische Staatstheorie. 22). um den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und der privaten Aneignung des Mehrprodukts auszubalancieren (für viele: Altvater 1972. Hirsch 1974). Held 1989. u. bewegte sich zwischen den Polen »Repressivität« und »Kom- promisshaftigkeit« des Staates. Demokratie und Herrschaft 161 kommen. der dadurch aber durchaus emanzipatorische Formen annehmen kann. . Lang 1994). er greift also auf das repressive Staatskonzept der frühen Kritischen Theorie zurück. Auch Rechte als Formen der Regulation gehen ebenso wenig wie partikulare Interessen sozialen Auseinandersetzungen und politischen Kompromissen voraus. Wie Habermas gehen Neo-Marxisten davon aus. S. S. die zu Beginn der 1970er Jahre nicht zuletzt als Reaktion auf die erweiterte Sozialstaatstätigkeit im deutschsprachigen Raum einen Aufschwung erfuhr. sondern Teil des Kapitalverhältnisses. nicht aber als notwendiger Modus ihrer jeweiligen Reproduktion (vgl. S. dass der Staat eine grundlegende Voraussetzung für die Reproduktionsfähigkeit des Kapitalismus sei (vgl. Offe 1972. greift Haber- mas nicht auf. wurde am Beispiel der geschlechtsspezifischen Selektivität und Herrschaftsförmigkeit von Öffentlichkeit belegt (vgl. die der konstitutiven. als unrechtmäßige Ent- differenzierung. 45. 711). 9). sondern werden in sozialen Auseinandersetzungen erst ausgebildet (vgl. Ihre gegenseitige Durchdringung wird dann als »Kolonisierung« begriffen. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt war. ihren Wertekonsens als allgemeinen Konsens darzustellen ( Held 1989. 24. Hirsch/Jessop 2001. Mit der Vorstellung der Kolonisierung der Lebenswelt durch Verrechtlichung entwirft Habermas eine »negative« Staatssicht. ebd. Öffent- lichkeit ist vielmehr Teil eines »komplexen Dispositivs staatlicher Herrschaft« (Demirovic 1997. Die »Ver- staatung« der Gesellschaft sei deshalb eine »unausweichliche Folge« (Agnoli 1995. hervorbrin- genden Verwobenheit der beiden Sphären nicht gerecht wird. Zum Zusammenhang von Staat. führt Habermas mit der struktur-funktionalistische Idee der System- differenzierung allerdings eine Mechanik fort. 4. 39 f.). 88). Die umstrittene Frage aber blieb die Konkretisierung des Zusam- menhangs zwischen politischer Form und sozialen bzw. Den Staat ver/handeln. in dem dominante Gruppen – die »politisch Mächtigen« – gezwungen sind. S. Seine besonderte Institutionalisierung sei nötig.

Ähnlich wie bei Habermas erscheinen Institutionen der parlamen- tarischen Demokratie als Formen der Abschirmung des Kapitals vor den Interessen der Bürger/innen bzw. S. dass politische Subjekte negiert und politische Hand- lungsmöglichkeiten gegen den Sog kapitalistischer Ausbeutung und staatlicher Herrschaft undenkbar werden. 90) des Klassenstaates artikuliere zum einen die bornierten Einzelinte- ressen des Kapitals als ein »Gesamtinteresse des Kapitals«.) beispielsweise leitete sozialen und politischen Wandel allein aus der krisengenerierenden »gegenläufige(n) Selek- tivität« des kapitalistischen Staates – nämlich Allgemeinheit zu propagieren und zugleich partikulare Klasseninteressen zu realisieren – ab. S. dass der Staat zwar nicht nur »Agent« des Kapitals ist (Agnoli 1995.. 74–79). 130ff. Müller/Neusüß 1970). 1995. als die »systematische Re- striktion eines Möglichkeitsraums« (ebd.162 Birgit Sauer 4. Dies hatte zur Folge. i. Die Selek- tionsmechanismen fungierten wie ein »Filtersystem«. 50) und zugleich andere gesellschaftliche Gruppen zu fragmentieren und zu desorganisieren (vgl. 91). S. S. O.). Claus Offe (1972. Offe (1972. Die funktionalistische Perspektive hob hervor. Vobruba 1983. der Sicherung von diffuser Massenloyalität. als »ideeller Gesamtkapitalist« aber die Funktion habe. zum anderen stelle der Staat dieses kapitalistische Gesamtinteresse als gesellschaftliches Gesamtinteresse dar und setze es durch (ebd. 74). 76 f. Die Staatsableitungsdiskussion bedeutete ein Fortschreiten gegenüber instru- mentalistischen Konzeptualisierungen (vgl.) ging davon aus. S. 26).). dass die »Struktur-Analogie« in den »Binnenstrukturen«. Freilich hypostasierten sie den Staat zu einer bloß funktionalen Instanz des Kapitals (vgl. S. Diese »Staatsableitungs- debatte« bestimmte nun die politische Form »Staat« aus der Logik der Kapital- akkumulation. S. S. S. Demirovic 1987. in den »Routinen« des Staates zu finden seien: Das politische Institutionensystem weise »eine eigene klassenspezifische Selektivität« auf. Die »doppelte Selektivität« (ebd. 100 f. 13f. Diese Konzepte fassten den Staat in instrumentalistischer Sicht als Mittel der herrschenden Klasse und den repressiven Arm des Bürgertums.. Der »Staat als Zwangssystem« und der »Zwangscharakter« der kapitalisti- schen Arbeit seien homolog (Agnoli 1995. 9). S. Das partizipatorische Prozedere sei die politische Form. . S.)... 48). S..1 Instrument und Funktion des Kapitals oder soziales Verhältnis? Die Transformation der Demokratie Die Staatstheoretisierungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre waren von einer Skepsis gegenüber den selektiven Leistungen des Sozialstaats und den ex- kludierenden Formen der parlamentarischen Demokratie geleitet. die widersprüchlichen Einzelinteressen der fragmentierten Kapitalisten zu bündeln (Agnoli 1975. Poulantzas 1978. mit der der Staat sein Klasseninteresse »dementieren« könne (ebd. 23. ein »Komplementärverhältnis« zwi- schen kapitalistischer Produktionsweise und kapitalistischem Staat (Offe 1972. 72 f. S. Auch der Sozialstaat diene der Reproduktion von Ausbeutungsverhältnissen und verbreite eine »Illusion« über den Klassencharakter des Staates (vgl. Hervh. Es gebe eine Strukturadäquanz. S. die mit den »Interessen des Verwertungsprozesses korrespondiert« (ebd. 65). S. ders. Auch gegenüber der politikwissenschaftlichen Vernachlässigung der Kategorie Staat nahmen neo- marxistische Konzepte die politische Form ernst und arbeiteten ihre spezifisch politische Leistung der Gesellschaftsstrukturierung heraus.

155). S. Die Veränderungen des kapitalistischen Akkumulationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg bedingten eine Transformation des bürgerlichen Staates – und zwar nicht in Richtung eines kruden Gewaltstaats (vgl. S. vor allem zur Integration von Handlungsperspekti- ven. ihre »irreversible Rückentwick- lung« durch Verrechtlichung und Verstaatung (Agnoli 1995. 50. Im Gegenteil: Die »friedlich-manipulative Integration« großer Bevölkerungskreise brauche parlamentarisch-rechtsstaatliche »Vermittlung« (Agnoli 1968. 59) und deren »intellektuellen Zwang« (Agnoli 1995. Den Staat ver/handeln. 70). Hervh. Diese rechtsstaatlich-demokratische Disziplinierung habe freilich die »politische Entfremdung« der Bürger/innen zur Folge (Agnoli 1995. Zwang und Herrschaft deutlich zu machen (Agnoli 1995. 13). eines konservativen »Herrschaftsconsensus« zielen (Agnoli 1968. 43) und degradiere die »Massen« zum bloßen »Material der politischen Willensbildung« (ebd. S. sondern dezentriert konzipiert. Er sei die in permanenter Veränderung begriffene Institutionalisierungsform der bürgerlichen Gesellschaft. Verdichtung bedeutet nicht das schiere »Eindampfen« sozialer Verhältnisse. S. S. S. Nicos Poulantzas und Johannes Agnoli kritisierten die »Mythen« marxis- tischer Staatsanalysen (Poulantzas 2001. Demokratie werde zum »Reservat mehr oder minder geschlossener Gruppen« (Agnoli 1968. .. S. auf die »Verstaatlichung des Bewußtseins« zur Herstellung von Legitimitätsglauben bzw. S. 27). vielmehr ist damit die Vorstellung verbunden.). Trotz der entfremdenden Verstaatung komme es darauf an. B. 1975. S. S. Die Staatsmacht sei die »Verdichtung eines Kräfteverhältnisses« der gesellschaftlichen Klassen (Poulantzas 1978. Darin liegt auch die Chance des Widerspruchs und das Potenzial der »gesellschaftlichen Negation« (Agnoli 1995. S. 80).). Auch wenn Staat und Demokratie auf die Verwandlung des »Klassenbewußtseins« in »Staatsbürgerbewußtsein«.. Er wird nicht mehr als der »ungeheure Machtblock« (Agnoli 1995. Ziele« ist (Demirovic 2001. ders. 63. 38). Inter- essen. S. S. sei dies nicht als totalitärer Vermittlungszusammenhang zu verstehen: »Der Entscheidungsspielraum gehört zu den notwendigen Teilen eines consensus-Systems« (ebd. auch Hirsch/Jessop 2001. dass der Staat »Kreuzungspunkt für verschiedene Dynamiken. 66). S. 119.). S. Demokratie und Herrschaft 163 Diese Zuspitzungen führten zu produktiven Kontroversen innerhalb des neo- marxistischen Diskursfeldes. 15). vgl. 44. S. S. S. Diese »Involution« der Demokratie. S. Der staatliche Verdichtungsprozess beruht also auf instabilen und umkämpften gesellschaftlichen Kompromissen. Die Vorstellung kapitalistischer Totalität wird relativiert und der »widersprüch- liche Charakter« von Gesellschaft und Staat betont (Agnoli 1995. 29). Hervh. Agnoli 1968. verwandle das Parlament in eine autoritäre Einrichtung (Agnoli 1968. Poulantzas rückt die relative Autonomie des Staates gegenüber gesellschaftlichen Verhältnissen ins Zentrum. 49). S. die Kanäle der Vermittlung zwischen Ausbeutung. 81). S. und diese machen den Staat zu einer von den ökonomischen Verhältnissen relativ autonomen Instanz. B. Der Rechtsstaat garantiere nicht die Freiheit der Individuen. 22). S. Deshalb sei der Staat nicht »gänzlich ungeeignet« für eine fortschrittliche Politik (ebd. S. 74). Zum Zusammenhang von Staat.. nicht mehr als »steuerndes Zentrum der Gesellschaft« (Demirovic 1987. 146). 83. 47 f.

gepanzert mit Zwang« (ebd. einem Komplex von Institutionen wie Verbände. S. 208). den Staat als manipula- tives Unterdrückungsinstrument zu nutzen. Bob Jessop (1990) greift in seiner Synthese von materialistischer und system- theoretischer Staatssicht auf die Konzepte von Gramsci und Poulantzas zurück und definiert den Staat als eine komplexe Dialektik von Strukturen und Strategien unterschiedlicher Akteure mit differierenden Interessen und Machtressourcen (vgl. makroökonomische Entwick- lungen mit mikropolitischen und -soziologischen Perspektiven zu verbinden. S. Auch das Anliegen der Regulationstheorie ist es. Jessop 2000). die sich erst durch Artikulationen zu hegemonialen Strukturen verfestigen. Der ökonomische Reproduktionsprozess. 46). doch sind staat- liche Institutionen nicht kontingent. Staatliche Herr- schaft wird also in bestimmten Kräftekonstellationen aktiviert. der società politica. benötigt gesellschaftliche Kontinuität Koordinierung. die Akkumulationsweise. Der Staat besteht mithin nicht nur aus einem repressiven Apparat. und molekulare Prozesse von Staatlichkeit geraten in den Blick. sondern Gesellschaft aus einer Vielzahl von kontingenten sozialen Verhältnissen besteht.).. 217). steht in einem Artikulations- verhältnis zur Regulationsweise. In diesem Koordinierungsprozess entstehen staatliche Institutionen als hegemoniale Lösungen (vgl. als Überblick Hirsch/Roth 1986). S. Staat im »integralen« Verständnis umfasst »politische Gesellschaft« und »Zivilgesellschaft«. sondern auch aus einem hegemonialen Apparat wie Schulen. S. d. S. 783). beispielsweise »des« Kapitals (Jessop 1994. S. S. sondern der »äußere Verteidigungsring« des Staates im engeren Sinne (Demirovic 1997. dass die existierende Herrschaftsform die einzig richtige sei (vgl.164 Birgit Sauer 4. Staat- liche Herrschaft durch Hegemonie ist das Ergebnis einer Kompromissbildung. die die Auffassung verbreiten. Diese società civile ist das strategische Feld zur Herstellung von Hegemonie. Zivilgesell- schaft ist nicht eine Sphäre zwischen Gesellschaft und Staat. ohne eine unmittelbare Determiniertheit der politischen Regulierung zu unterstellen (vgl. Medien und Kirchen. Damit wird die Notwendigkeit permanen- ter staatlicher Reproduktion konzipiert. .2 Hegemonie und strategisches Verhältnis: neo-gramscianische Staatskonzepte Neo-marxistische Staatstheoretiker der späten 1980er und 1990er Jahre erweitern auf der Suche nach einem dynamischen Konzept des Staates den strukturalistischen Ansatz unter Rekurs auf Antonio Gramsci um eine handlungstheoretische Dimen- sion. 129).. 289). sondern gründen in vorherigen Institutionali- sierungen: Sie unterliegen dem »Zwang der Form« (ebd. 150). Jessop 1990. sondern darin. diese aber zugleich auch kon- struiert. die die Bedürfnisse der Gesellschaft aufgreifen muss. aber nicht durch die Interessen einer spezifischen sozialen Gruppierung. der Transformation jener Weltsicht der herrschenden Klassen in einen alternativlosen »common sense« (Gramsci 1991. er besitzt lediglich eine »strategische Selektivität« in Bezug auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen. »Den« Staat als konsistenten Akteur gibt es also nicht (vgl. Da keine soziale Totalität mehr möglich ist. Die Ökonomie ist der Politik »weder theoretisch noch historisch vorausgesetzt« (Hirsch 1992. h. Die Macht der herrschenden Klassen liege nicht darin. ebd. Institutionen zu schaf- fen. ist also »Hegemonie. Jessop 1990).

S. In diesen konfliktorischen Prozessen können nicht-staatliche Akteure. beispielsweise soziale Bewegungen. S. 223 f. Damit wird der Zusammenhang zwischen ökonomischen bzw. Im Unterschied zu neo-marxistischen Theoretikern begreift Foucault den Staat . Staatstheorien der Postmoderne 5... Den Staat ver/handeln. wer den Staat zu welchem Ende entwirft. Identitäten und Unterschiede ausbilden. Seit dem 18. Bublitz 1999. 221). 69). Transformation der Tradition. sie »kristallisieren« sich in den Staatsapparaten. die Macht nur oder vornehmlich im Staatsapparat verankert sehen (vgl. S. Zum Zusammenhang von Staat. die Widersprüchlichkeit und das Veränderungspotenzial politischer Regulierung und Institutionalisierung hervor: Staatliche Regulation entsteht in soziopolitischen Auseinandersetzungen. aber auch »das Feld. ebd. S. Hegemoniale Paradigmen ent- stehen in der »Zivilgesellschaft«. Die widersprüchliche Sphäre der Zivilgesell- schaft ist »Teil des Staates bzw. Foucault fragt nicht.) und festigen sich schließlich zu »Gesamtdispositiven« (vgl. er verweigert sich einer instrumentalistischen Sicht ebenso wie einer funktionalistischen und entwickelt gleichsam eine »Staatsphobie« (Fou- cault 2000.1 Der Staat als Diskurs und Praxis. 113 f. S.. werden in Staatsdiskursen reproduziert und von Menschen gelebt. Die vielfältigen machtvollen Kräfteverhältnisse verketten sich zu »Systemen«. Die Herausbildung des modernen Staates ist also mit neuen Loci der Macht jenseits des staatlichen Apparats ver- bunden: »Die Macht kommt von unten« (ebd. 23). sie ist deren institutionalisierter Kompromiss. Jane Jenson (1989) integriert schließlich diskurstheoretische Überlegungen in den Regulationsansatz. durchaus zu Subjekten der Regulation werden. Mikrophysik staatlicher Macht Einen weiteren Strang kritischer Staatstheorie bilden symbolisch-diskursive An- sätze in der Tradition Michel Foucaults. S. 5.). in dem Individuen und Gruppen über die legitime Sicht der Welt streiten und ihre Interessen. Das »Universum des politischen Diskurses« ist jener Be- reich. Jeder Regulationsweise entspricht ein spezifisches »soziales Paradigma«. Foucault 1983. gleichsam die hegemoniale Sicht sozialer Gegebenheiten und politischer Identitäten. 113). Parlamente. seine Reproduktionsbedingung«. sozialen Verhältnissen und dem staatlichem Institutionengefüge als individueller Aneignungsprozess und -praxis denkmöglich. Jahrhundert hätten sich Machtbeziehungen vervielfältigt und seien in unterschiedlichen Formen allgegenwärtig: Macht als eine »komplexe(n) strategi- sche(n) Situation« ist »überall« (ebd. S. Die Regulationstheorie hebt die Handlungsdimension.. S. 114). Bildungseinrichtungen und Familien (vgl. auf dem demokratische Prozesse und emanzipative Bewegungen überhaupt erst entstehen können« (Hirsch 1992. »verkörpern« sich in »gesellschaftlichen Hegemonien« (ebd. Verwaltungen. Seine Fokussierung auf die Mikrophysik der Macht ist mit einer bewussten Abgrenzung von solchen Traditionslinien verbunden. Demokratie und Herrschaft 165 Gewerkschaften. 115).

269). 1990. 152). 151). »wahr« machen und damit soziale Wirklichkeit schaffen (vgl. S. S. S. 121 f. vgl.). d. sondern als eine spezifische Machtform. 122). sondern wählt die adäquate Selbstführung als neue Form der Subjektkonstitution. Die Frage. S. . 11.166 Birgit Sauer nicht als eine »besonderte Form«.und Machtapparat begreifen. »Diskurse aufzubewahren oder zu produzieren«. S. ermöglicht aber auch den Widerspruch der Staatssubjekte. Er durchdringt die Alltagspraktiken und die Mikro-Machtverhältnisse (Foucault 1978. Andererseits ist der repressiv-disziplinie- rende Staat auch als produktiv-ermöglichender fassbar. Norma- lisierungs. in denen Herrscher und Beherrschte erst entstehen. S. S. Macht beruht aber nicht auf der allgemeinen Matrix einer »globalen Zweiteilung« in »Herrscher und Be- herrschte« (Foucault 1983. Der Staat agiert in einem Netz sozialer Machtverhältnisse. Staatliche Institutionen können als »Diskursgesellschaften« verstanden werden. Der Staatsapparat ist nurmehr die »Kodifizierungsinstanz« der »mikrophysikalischen Machtverhältnisse«. denen er sein Entstehen verdankt. dass sie Phänomene auf eine ganz bestimmte Weise erfahr- bar. Der Staat lässt sich einerseits als Disziplinierungs-.. Diskurse sind nun Praktiken. 156). die in den Köpfen und Körpern der Menschen sitzt. S. Dieses Konzept bringe die Tatsache des »bewegliche(n) Zuschnitt(s) einer ständigen Verstaatlichung« der Subjektkonstitution – also den Staat als Praxis – weit treffender zum Ausdruck (Foucault 2000. Lemke 1997. kann nicht befriedigend beantwortet werden. sondern bringt ihn hervor. h. Subjektkonstitution und Staatsreproduktion sind »von Widersprüchen durch- kreuzt und von Zäsuren durchschnitten« (Marramao 1982. Foucault begreift den Staat nicht nur als eine den Individuen äußerliche in- stitutionelle Struktur. 116).und Mikromächten als äußerliches konstruiert (vgl. Ganz ähnlich konzeptuali- siert Louis Althussers Konzept der »Anrufung« die staatliche Subjektkonstitution (Althusser 1969. S. dass Foucault das Verhältnis zwischen Staat. die ein »Formationssystem« von Macht und Herrschaft entstehen lassen (Foucault 1998. Lemke 1997. ohne sie selbst zu konstituieren« (ebd. 23). 39). ihn stützen und ihm gleichsam seine Omnipotenz verleihen. Bublitz 1999. sondern als eine Macht. Ihre »machtvolle Wirkung« bzw. die ihm vorausgehen. warum Staatsdiskurse Herrschaft produzieren und reproduzieren. Sie haben die Aufgabe. 157. »institutionelle« Funktion besteht darin. S. die die Subjekte individualisiert und Gemeinschaften totalisiert (Lemke 1997. 172). ders. S. Die Foucaultsche Sicht bietet mithin Ansatzpunkte für eine anti- essentialistische und handlungsbezogene Perspektivierung von Staatlichkeit. S. 69. Das Defizit dieses diskursiven Staatskonzepts ist aber. Der Staats- diskurs interpretiert also nicht den (vorgängigen) Staat. 27). Makro. sie ist demgegenüber relational und entsteht in einem Feld strategischer Auseinandersetzungen zwischen Menschen und Gruppen. Dies macht die Widersprüchlichkeit des Staates aus. wie es zu hegemonialen Herrschaftsstrukturen im Staat kommt. S. Foucault ver-wirft schließlich den Staatsbegriff und ent-wirft das Konzept der »Gouvernementalität« als Konnex von (Selbst-)Regieren (gouverner) und Denken (mentalité). da gesellschaftliche Verhältnisse und Kon- flikte in ihrer Differenziertheit nicht in die Machtbegrifflichkeit einbezogen sind. um sie »nach bestimmten Regeln zu verteilen« (Foucault 1998. Der moderne liberale Rechtsstaat unterwirft und diszipliniert die Subjekte also nicht. er fixiert die »Machtarrangements.

and epistemic. Die feministische Theorie war in der Folge darum bemüht. Sauer 2001). Beiträge feministischer Staatskonzepte Die feministische Staatsdebatte entzündete sich in den späten 1970er Jahren im Kontext und in scharfer Auseinandersetzung mit marxistischen Theorien (vgl. Zum Zusammenhang von Staat. Die »dual system analysis« vertrat die These. die eine staatstheoretische feministische Debatte auf den Weg brachte. der Staat müsse zwischen kapitalistischen und patriarchalen Interessen vermitteln und diese auf Kosten von Frauen durchsetzen (vgl. In der patriarchal-kapitalistischen Familie würden beide Herrschaftsstrukturen perpetuiert. die das Verstummen des marxistischen Feminis- mus am Ende der 1980er Jahre mit der Feststellung kommentierte. Eva Kreisky (1994) war im deutschsprachigen Raum eine der ersten. McIn- tosh 1978). B. »Geschlecht« als eine die Gesellschaft und den Staat strukturierende Kategorie zu konturieren und die Vielfalt von Differenz- strukturen und sozialen Antagonismen zu einem systematischen Faktor in den Konzeptualisierungen von Staat und Demokratie zu machen. z. Eisenstein 1979). Eine weitere Argumentation knüpfte an die funktionalistische Staatsableitung an und bezeichnete den Staat als »patriar- chalen Staat«.« (MacKinnon 1989.2 »Die Entstehung des Staats aus den Geschlechterverhältnissen«. geht in ihren rechtswissenschaftlich orientierten Arbeiten von einer Parallelität männlicher und staatlicher Herrschaft aus: »Male Power is systemic. 170) Ihr Hauptkritikpunkt am marxistischen Feminismus war die Degradierung des Geschlechterverhältnisses zum Nebenwiderspruch. das institutionelle Schwergewicht staatlicher In- stitutionen zu ergründen und mit differenz. Coercive. Catherine MacKinnon (1989). Hartmann 1981). so sind die Diskussionen um ein antipatriarchales Staatskonzept seit dem Beginn der 1990er Jahre als Versuche zu begreifen. und die Staats»männer« nutzten staatliche Institutionen zur Unter- drückung und Ausbeutung von Frauen. it is the regime. sowohl die persönliche Abhängigkeit der Ehefrau vom Ehemann als auch die unselbständige weibliche Reservearmee an Arbeitskräften (vgl. Ihr Konzept des »politischen Männerbundes«. legitimized. Der Beitrag der feministischen Staatsdebatte zu einem kritischen Konzept von Staat- lichkeit liegt ohne Zweifel in der Präzisierung des Zusammenhangs von gesell- . Den Staat ver/handeln. Waren die demokra- tietheoretischen Überlegungen unter den Stichworten »Gleichheit und/oder Diffe- renz« vielfach von politisch-institutionellen Erwägungen abgehoben.und demokratietheoretischen Er- wägungen zu unterfüttern. das Maskulinismus als »Standardform« des Politi- schen und den Staat als historisch sedimentierte Männlichkeit fasst. S. wurde im Laufe der vergangenen Dekade erweitert und präzisiert (vgl. Demokratie und Herrschaft 167 5. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sei die Ursache patriarchaler Unterdrückung. dessen Funktion die Aufrechterhaltung kapitalistischer Produktions- und ungleicher Geschlechterverhältnisse sei. Geschlecht wurde vor der Folie marxistischer Theoriebildung als soziales Verhältnis und nicht als Rolle oder askriptives Merkmal konzipiert. Die These vom »Staat in einer patriarchalen Gesellschaft« parallelisierte den marxisti- schen Instrumentalismus mit patriarchalen Geschlechterverhältnissen: Der Staat sei »bemannt«. der Feminismus habe keine Staatstheorie.

Anders ausgedrückt: Geschlechterkonflikte entstehen erst »durch Risse und Spaltungen im Machtblock« (in Bezug auf Klassenkonflikte Demirovic 1987. 84). Phänomene zu ent. Die Rede von »den« Frauen oder von »den« Männern und die Repräsentation »ihrer« Interessen im Staat ist dann nicht mehr möglich. Brown 1992. politisiert. So wie es keine konsistente kapitalistische Logik in der Staatsform gibt. gegen Frauen. sie werden im strategischen staatlichen Feld generiert bzw. und Zweigeschlechtlichkeit wird in unterschiedlichen Staatsarenen pro- duziert. 6. Herrschaft wurde nicht allein in einem strukturierenden Mechanismus von Klassenverhältnissen lokalisiert. Staat- lichkeit zeichnet sich durch die Macht aus. sondern er besitzt eine maskulinistische strategische Selektivität.und zu verge- schlechtlichen – und zwar in explizit geschlechtlicher oder in geschlechtsneutraler Weise. der die Interessen der »Männerklasse« durchsetzt. die sich im Staat materialisiert: Der Staat ist vielmehr ein Kampf zwischen Männern und Frauen. ein Kampf um geschlechterselektiven Aus-. S. den neuen Gesellschaftsstrukturen und den geforderten flexiblen Identitäten ange- . sondern als Ergebnis der Pluralität von sozialen Differenzen und Konflikten begriffen. aber auch Einschluss. die durch feministische Bewegungen po- tenziell transformiert werden kann. Der Staat ist also kein einheitlicher Akteur. einen nicht-essentialistischen Begriff von Geschlecht zu entwerfen. Der Succus feministischer Staatsdebatten lässt sich wie folgt formulieren: Zwi- schen Staat und männlicher Herrschaft gibt es zwar Homologien. Gesellschaft – Herrschaft – Differenz: das Projekt einer kritischen Staats. So ist auch die Perspektive der Transformation des »Geschlechts des Staates« denkbar. dass der Staat kein monolithisches Gebilde ist. Staat und Geschlecht sind sich gegenseitig konstituierende diskursive Praxen. Insbesondere die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit »dem« patriarchalen Wohlfahrtsstaat (vgl. Kulawik 1999) ließen von einem instrumentali- stischen und funktionalistischen Staatskonzept in der jüngeren feministischen Staatsdebatte Abstand nehmen.168 Birgit Sauer schaftlichen Herrschaftsformen und staatlichen Strukturen. Die Reproduktionsmechanismen von »versachlichter Männlichkeit«. »Die Entstehung des Staates aus den Geschlechterverhältnissen« ist mithin staatstheo- retisches Programm (vgl. der den maskulinistischen Charakter des Staates ausmacht (vgl. 14). sind Prozesse der Entstehung von Staatlichkeit. die Prozesse der Hegemonialisierung von Männlichkeit und die Abwertung von Weiblichkeit. Sauer 2001): Staatlichkeit entsteht aus Geschlechterver- hältnissen. nicht aber einen einzigen Mechanismus. schuf auch Bewusstheit darüber. mit Frauen. S. Der Versuch. das den Bedürfnissen kapitalistischer Akkumulation. so gibt es auch keine patriarchale oder männliche Logik.und Demokratietheorie im Kontext neo-liberaler Restrukturierung Im Horizont ökonomischer Globalisierung wird derzeit ein neues Konzept von Staatlichkeit entworfen.

dass es keine allgemeine und umfassende Theorie »des« Staates mehr geben kann. Um den komplexen gegenseitigen Konstitutionsprozess von Staatlichkeit. Umgekehrt besitzt der Staat eine Organisations. Hirsch/Jessop 2001. Der Staat ist weder bloßes Instrument zur Disziplinierung und Kontrolle der beherrschten Gesellschaftsgruppen. Held 1989. sondern nur Ausschnitte über institutionelle und strategische Charakteristika von Staaten in je historischen. Die Staatsverhältnisse der Nachkriegszeit. Die Rede von der zunehmenden Funktionslosigkeit des Staates gegen- über der Ökonomie ist Teil dieses hegemonialen Projekts und eine Strategie der diskursiven Verfestigung eines neuen Denk. bedarf es eines institutionell »gehärteten« diskurstheoretischen Staatskonzepts (vgl. Seine Qualität als Kräftefeld macht ihn zu einem Akteur. Demirovic 1997. Die Aspekte eines solchen kritischen Staatskonzepts sollen abschließend an den aktuellen Transformationen von Staatlichkeit in neun Dimensionen exemplifi- ziert werden: Erstens ist der Staat ein soziales Verhältnis. 47) begriffen werden. institutionell-pfadabhängigen und kulturell-spezifischen Situatio- nen. noch kann er die Interessen der herrschenden Gruppen einfach durchsetzen. private Beziehungen regulierend (oder deregulierend) ein. dass der Sphäre des Politischen keine Autonomie zugestanden würde. 55) herausarbeitet. Gesellschaft und Ökonomie werden redimensioniert (vgl. Den Staat ver/handeln. von gesellschaft- lichen Gruppen und Individuen in dieser »politischen Revolution« (Brodie 1994. das Verhältnis zwischen Staat. 978) und vom flexiblen Terrain der Institutionalisierung und Ent- institutionalisierung von sozialen Verhältnissen bzw. Ökonomie. verkennt also den »Primat des Staates« (Neumann). sondern er ist unmittelbarer Aspekt dieser Beziehungen (vgl. Globalisierung und Neoliberalismus als naturwüch- sig-ökonomische Entwicklungen zu interpretieren. Ökonomie und Gesellschaft ist drittens also nicht zu unterstellen. Auseinandersetzungen bricht eine funktionalistische Statik auf und betont die Widersprüchlichkeit der Staates. Damit geraten historisch-spezifische Formen der Kompromiss. wie sich soziale Verhältnisse und Aus- einandersetzungen im Staat. Zum Zusammenhang von Staat. 155). sondern auch produktiv erscheinen lassen (vgl. vielmehr ist es historisch variabel. B. Zweitens dürfen die Arten und Weisen. in politischer Deliberation und Entscheidung nieder- schlagen. der eigene »Interessen« entwerfen und realisieren kann. S. Knotenpunkt (Esser 1985. Gesellschaft.und »Kohäsionsfunktion« in Bezug auf gesellschaftliche Wider- sprüche (Demirovic 2001. Ein kritisches Staatskonzept muss freilich anerkennen. die die komplexen Zusammenhänge von Staat. nicht als ein mechanischer »Einschreibungsprozess« (so z. S. 150). weil die Dauerhaftigkeit des modernen Staates gerade auf der systematischen . Dem Verflechtungsparadigma von Staat. Sauer 2001).und Handlungsmusters. S. Demokratie und Herrschaft 169 messen ist. So ist beispielsweise das »Geschlecht« des Staates nicht allein aufgrund der »Bemannt- heit« staatlicher Institutionen zu bestimmen. ge- sellschaftlichen Widersprüchen und Transformationen plausibel zu machen. S. 8). Die Vorstellung vom strategischen Feld bzw. S. gesellschaftliche bzw. Als gegen- hegemonialen Diskurs bedarf es deshalb einer materialistischen Staatssicht. S. 152).und Konsens- bildung in den Blick. Er greift nicht nur von außen in ökonomische. Demirovic 2001. die den Staat nicht nur repressiv. S.

Staatliche Herrschaft ist somit keine starre Struktur. Neoliberalismus bedeutet eine Rekon- figuration der Grenzziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre: Der Markt expandiert. im Gewand von »global governance«. 58). ebd. 8). das in sozialen Ausei- nandersetzungen reproduziert. und die repräsentative Demokratie bietet eine staatliche Form. Auch der »postfordistische Staat« ist kein simples Instrument des Kapitals. »son- dern ein umkämpftes Terrain« (Hirsch/Jessop 2001. z. Hervh. S. 155. Staats- verhältnisse sind gleichsam durch gesellschaftliche Widersprüche »überdetermi- niert«. sondern eine besondere Form ist.). S. Im Gegenteil: Staaten besitzen eine je spezifische Fähigkeit zur Anpassung an das neue globale Setting. sich zu »normalisieren«. aber auch verändert wird (vgl. Gramsci 1991. dass der Staat als Ordnungs. er ist »die Bedin- gung jeder Unterscheidung zwischen öffentlich und privat« (Althusser 1969. in der sich Gesellschaften »auf formell geregelte Weise selbst immer von neuem trans- formier(en)« können (Demirovic 2001. S. Demokratisierung ist somit ein gesellschaftlicher Prozess. sie stecken aber zugleich deren Grenzen ab. 129. zu politischer Füh- rung. h.und Gewaltsystem keine eigene Macht besitzt. In den Prozessen welt- weiter neo-liberaler Restrukturierung werden Staaten nicht zu bloßen Funktionen des ökonomischen Prozesses. einher. S. Der Staat ist somit »ein Faktor in der Dynamik der ständigen Selbsttransformation der bürgerlichen Ge- sellschaft«. Hervh. zu mehr öffentlichen Pflichten verpflichtet wird.). Die Widersprüche im staatlichen Kräftefeld bieten widerständige Anknüp- fungspunkte für emanzipatorische Politik. Demirovic 1997. aber stets in Auseinandersetzung mit staatlichen Ordnungsmustern vorangetrieben werden muss. Viertens ist ein Ergebnis dieser Diskussion. sondern der Staatsapparat vollzieht einen Wandel seiner Architektur. So geht der Umbau nationaler Staatsarchitekturen mit dem »Wiedererstehen« von Staatlichkeit auf transnationaler Ebene. Diese Ordnungsform ist schließlich darum bemüht. Er pluralisiert sich vielmehr in eine Vielzahl möglicherweise gegenläufiger Herr- schaftstechnologien (vgl.. Staat und Zivilgesellschaft sind also keine dichotomen Strukturen. Moderne Gesellschaften sind insbesondere durch eine ständige Grenzneuzie- hung zwischen den gesellschaftlichen Sphären charakterisiert. Im neo-gramscianischen Kontext bezeichnet der Staat fünftens den (Selbst-) Entwurf der Zivilgesellschaft zur politischen Ordnung bzw. S. wie im Habermasschen Ansatz. S. B. B. S. »die die gesellschaftliche Macht annimmt« (Demirovic 2001. Der Staat »erodiert« also nicht. 154ff. 783). in den ökonomischen Internationalisierungsprozess einzugreifen – oder darauf zu verzichten. also hegemonial zu werden (vgl. S.170 Birgit Sauer Leugnung des Geschlechts und der ambivalenten Integration von Frauen beruht. öffentlich-staatliche Räume schrumpfen und werden zur Unkenntlich- keit privatisiert. B. S. 20). Die Zivilgesellschaft ist dann keine »vermittelnde Instanz zwischen Gesellschaft und Staat« (Demirovic 1999. und sie besitzen die Kapazi- tät. 151). d. vielmehr for- . während die Familie »entgrenzt«. Staatsbürgerliche Rechte bei- spielsweise konnten in diesem Transformationsprozess von sozialen Bewegungen eingeklagt und erstritten werden. der in der Zivilgesellschaft entsteht. sondern ein austariertes Verhältnis. S. und moderne Staat- lichkeit ist ein zentraler Ordnungsfaktor dieser Grenzziehung.).

B.und Herrschaftsverhältnisse als Kompromisse in der Zivilgesellschaft und bilden sich in (staatlichen) Strukturen ab bzw. 56). Er ist eine vergeschlechtlichte. dem prärogativen sowie dem kapitalistischen Diskurs (vgl. dass es das Allgemeine repräsen- tiere und eine universalistische Steuerungsinstanz sei.). 268 f. die »neue demokratische Kräfte freisetzen« (Demirovic 1997. Neuntens müssen Subjektivierungsprozesse im staatlichen Kräftefeld angesiedelt werden. eines anti-hegemonialen Projekts. Den Staat ver/handeln. Staatlichkeit entsteht in einem Geflecht ganz unterschiedlicher diskursiver Arenen: dem legalen. 17ff. die soziale Differenzen – Klassen-. 150). Politische Identitäten sind weder bloße Reflexe gesellschaftlicher noch staatlicher Strukturen. die universelle Werte und Normen durchsetze (Demirovic 2001. Der Staat muss achtens »in der Gesellschaft gelebt werden« (Demirovic 1987. Auch in diesen widersprüchlichen Reproduktionspraxen wird Widersprechen und Trans- formation denk. aber auch die Form einer Politisierung »von unten«. aus. S. Im nationalen wie internationalen »Verhandlungsstaat« verlieren demokratisch legitimierte Institu- tionen ihr Monopol auf politische Problemdefinition. als soziale Praxis zu beschreiben und nicht nur als repressive Unterdrückungsmaschine. büro- kratischen. Brown 1992. S.und umsetzbar. sie herstellen und reproduzieren. in »kollektiven Praktiken« gesellschaftlichen Konsens herzustellen und zu sichern (Demirovic 1997. Es war ja gerade eine »Selbstmystifikation des Staates«. damit die Bürger/innen an die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit des Staates »glauben«.. Sechstens lässt sich der Staat als eine Sphäre von Ideen. Subjekte sind keine vorstaatlichen »Aliens«. S.und Denkweise. sonst ist er nicht. Fraser 1994. Die Aufgabe der hegemonialen Staatsapparate besteht darin. auf das Agenda-Setting und auf Problemlösungsstrategien an korporatistische Netzwerke zwischen staatlicher Administration. S. Industrie und Gewerkschaften und Wissenschaft. frei- . S. sondern sie entstehen in Staats- diskursen und -praxen. Interpretationen und hegemonialen Diskursen fassen. 154). »damit er Herrschaft verkörpern und ausarbeiten kann« (ebd. Auch der aktuelle neo-liberale Diskurs oder EU- Diskurse eröffnen mithin transformatorische Möglichkeiten in dem Maße. 149). auf der Ebene von Nationalstaaten) eine Politisierung »von unten« eröffnet. dem therapeutischen. Zum Zusammenhang von Staat. ethnisierte Klassen-Bürger/innen erzeugende Formation. Diese Gegenthesen zu liberalen und kontraktualistischen Ideen von Staatlichkeit basieren siebtens auf einer Theorie der Gesellschaft. Demokratie und Herrschaft 171 mieren sich Hegemonial. aber auch Geschlechterverhältnisse und ethnisierte Differenzen – als strukturierende Widersprüche anerkennt und nicht universalistisch planiert. sondern sie bilden wechselseitige Konstituierungsverhält- nisse. Staatlichkeit ist als Prozess der individuellen Inkorporie- rung herrschaftlich-hegemonialer Lebens. 14. wie die Notwendigkeit zu Kompromissen (z. Auch im derzeitigen »Zwang« zur Veränderung des Staates und nationaler Demokratien liegen Handlungschancen. Der Bruch in den politischen Repräsentationsformen zerstört freilich traditionelle Orte und Formen von demokratischer Politik. dem administrativen bzw. Diese Diskurse können die Form von Expertendiskursen der Politik.). Er muss »Bestandteil der alltäglichen Lebensweise« von Frauen und Männern werden. der Wissenschaft und der Wirtschaft annehmen. S.

7–34 Bublitz. 19) im Blick hat. Auch in den globalen Restrukturierungsprozessen ist eine »Paradoxierung« von Demokratie feststellbar: Das vieldiskutierte Mehr an Demokratie durch die In- tegration der »Zivilgesellschaft« scheint Entscheidungslosigkeit zu demokratisieren – die Zivilgesellschaft debattiert und deliberiert. Hamburg – (1997): Demokratie und Herrschaft. in: Brand. S. Agnoli. Frankfurt a. Fazit: Die »Kulturalisierung« von Staat in diskursbezogenen Ansätzen ermög- licht eine Mobilisierung des sedimentierten »Gehäuses der Hörigkeit«. Zur Transformation von Hegemonie. Johannes (1995 [1978–82]: Der Staat des Kapitals und weitere Schriften zur Kritik der Politik. Johannes (1968): Die Transformation der Demokratie. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule. so lässt sich diese mit dem Foucault- schen Konzept der Gouvernementalität füllen. Ließen die Kritische Theo- rie sowie neo-marxistische Ansätze eine Leerstelle bei der Konzeptualisierung des Zusammenhangs von Subjektivität und Staat. (Hg. Louis (1969): Ideologie und ideologische Staatsapparate. (Hg.): Nichtregierungsorganisationen in der Transformation des Staates. in: Bakker. M. Münster. Staat und Zivilgesellschaft. Gender and Economic Policy. Alex (1987): Nicos Poulantzas. aber nicht garantiert. London. S. S. S. Ulrich et al.) (1979): Capitalist Patriarchy and the Case for Socialist Feminism. 141–168 Eisenstein. Der Staat ist dann sowohl eine filternde und strukturierte Struk- tur. Elmar (1972): Zu einigen Probleme des Staatsinterventionismus. Zum Wis- sensarchiv und Wissensbegehren moderner Gesellschaften. Frankfurt a. aber entschieden wird an anderen Orten. 1– 53 Brodie. die als kritischen Fluchtpunkt die »autonome Vergesellschaftung der Individuen« (Demirovic 1997. Aspekte kritischer Gesellschaftstheorie. Münster – (1999): Der nonkonformistische Intellektuelle. Interessen und Institutionen hervorbringt. in: Prokla 3. Freiburg Althusser. 46– 60 Brown. Frankfurt a.): The Strategic Silence. Wendy (1992): Finding the Man in the State. Berlin. In einem solchen Konzept von Staatlichkeit ist schließlich die Vorstellung von demokratischer Staatlichkeit enthalten. – (1975): Überlegungen zum bürgerlichen Staat. Auf diese methodologische Weise kann das starre Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft gleichsam zum Tanzen gebracht und seine Qualität als soziales Kräftefeld sichtbar gemacht werden. ist möglich. Zilla R. Janine (1994): Shifting Boundaries: Gender and the Politics of Restructuring. – (2001): NGO./New York Demirovic. das Identitäten. Skizzen für eine Unter- suchung. Literatur Agnoli. Dass sich auf staatlichem Terrain emanzipatorische Handlungskorridore öffnen. M. ein Feld.172 Birgit Sauer lich auch eine den Einzelnen entfremdende Institution. S. New York . Hannelore (1999): Foucaults Archäologie des kulturellen Unbewußten. Eine kritische Auseinandersetzung. Isabella (Hg. M. Berlin Altvater. er ist aber auch eine strukturierende und produktive Struktur. in: Feminist Studies 1.

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wird damit vor allem der Staat in Verbindung gebracht. so lassen sich über den Bezug auf die Interpretation der US-amerikanischen Verhältnisse. nicht zuletzt für den hier . Diese Sichtweise ist. für die der Monopolkapitalismus Ausdruck eine den kapitalistischen Produktionsverhältnissen innewohnenden systemtranszendieren- den Dynamik repräsentierte.und Arbeitsbedingungen der Menschen nachhaltig zu beeinflussen. organisational abgestützte Struktur heraus- arbeiten. die zur Ausbildung einer verwalteten Welt tendieren. Jahrhundert hat die Bedeutung von Organisationen nicht nur aufgrund ihrer Quantität. die zu einer Verhärtung und Ausdehnung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse führt. Die genannten Organisationen verfügen aufgrund des dort hochgradig konzentrierten Kapitals bzw. Ohne explizit auf Organisation verwiesen zu haben. interpretierten Horkheimer und Adorno diesen ge- sellschaftlichen Formwandel als eine Entwicklung. Jahrhundert angelegt. sahen Horkheimer und Adorno die Entwicklungstendenzen hin zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen bereits in der Krise des liberalen Konkurrenzkapitalismus an der Wende zum 20. Mit der Wende zum 20. Erziehungs-. die Welt sei vollständig vom Staat durchdrungen. In den politischen und ökonomischen Verhältnissen in den totalitären Regimes in Deutschland und der Sowjetunion sowie den formaldemokratisch verfassten USA sehen sie trotz aller Differenzen jene Strukturen im Entstehen. in denen wir uns bewegen. etc. dem IWF. die sie in die Lage versetzen. sicherlich nicht unbegründet. Ansätze eines Verständnis- ses moderner Herrschaft als dezentrale. Was hierbei jedoch leicht übersehen wird ist. sondern im Zuge der ökonomischen und politischen Globalisierung auch in qualitativer Hin- sicht in Gestalt multinationaler Unternehmungen sowie supranationaler Institu- tionen (wie der UNO.und Wissenschaftssystem über das politische und ökonomische System bis hin zu Teilen der Freizeit. denkt man an den Umfang staatlicher Regulierung in den wohlfahrtsstaatlich geprägten Ländern des Westens und nicht zuletzt an die vormals realsozialistischen Staaten. politischer Entscheidungskompetenzen über Macht- ressourcen.Leblose Lebendigkeit. im globalen Maßstab die Lebens. Heben die Analysen des Nationalsozialismus in nicht unproblematischer Weise den Staat als zentralen Träger der Herrschaftsverhältnisse hervor. Wissen und Norm im Konzept der verwalteten Welt Michael Bruch Wenn von Verwaltung die Rede ist. Zur Bedeutung von Organisation. sind organisationsförmig strukturiert. Bildungs. Der Begriff der verwalteten Welt kann deshalb leicht den Eindruck erwecken. vom Gesundheits-. Mehr oder weniger alle Lebensbereiche. wie sie Horkheimer in seinem Racket-Theorem dargelegt hat. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang.) erheblich zuge- nommen. dass die Gegenwart in einem bisher nicht gekannten Ausmaß durch Organisa- tionen gekennzeichnet ist. Im Gegensatz zur Einschätzung seitens der sozialistischen Theoretiker. der Nato. der Weltbank.

Sie wird gesprengt. sei bereits ein gesell- schaftlicher Zustand erreicht. die Horkheimer und Adorno den Denk. Wehler 1995. S. Diese Entwicklung resultiert für Marx aus einer den kapitalistischen Produktionsver- hältnissen immanenten Gesetzmäßigkeit. Leblose Lebendigkeit 177 gebrauchten Organisationsbegriff. die mit und unter ihm aufgeblüht ist. die ökonomistische Engführungen vermeidet. Diese Sichtweise ermöglicht schließlich eine Interpreta- tion des Globalisierungsprozesses. wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. »Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise. dass . die zu ihrer Selbstaufhebung tendiert.und seine Ablösung durch den Monopolka- pitalismus (für Deutschland s. S. Mit der Wende zum 20. sondern vielmehr als produktive gesellschaftliche Ord- nungskraft begriffen. in dem die Gesetze der kapitalistischen Produktions- weise weitgehend außer Kraft gesetzt seien. 633 u. Wissen wird dabei nicht als Widerspiegelung.und Wissensformen für die Gestalt der modernen Gesellschaft zuschreiben. 188). In der Perspektive der rationalitätstheoretischen Arbeiten Hork- heimers und Adornos ist vielmehr davon auszugehen. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesell- schaftung der Arbeit erreichen einen Punkt. so dass unter Bezug auf Foucaults Überlegungen die »verwaltete Welt« als Normalisierungsgesellschaft reformuliert werden kann. Der Ordnungsmacht des Wissens kommt zudem insofern eine bedeutsame Rolle zu. S. so erschien es zumindest den wichtigen Theo- retikern der sozialistischen Bewegung der Jahrhundertwende. 40 Jahre zuvor veröffentlichten Kritik der politischen Ökonomie prognostiziert hatte: der Zerfall des liberalen Konkurrenz. son- dern ihnen wird als inhärenten Bestandteilen der gesellschaftlichen Praxis der Naturaneignung eine bedeutsame Rolle bezüglich der Dynamik und der Tenden- zen des historischen Entwicklungsprozesses zugeschrieben. Mit dem Monopolkapitalismus. sondern Herrschaft als Produktionsprozess von Konformität begreift. Die für die moderne bürgerliche Gesellschaft charakteristischen Denk. Conert 1998. Jahrhundert schien sich in den fortgeschrittenen industri- ell-kapitalistischen Zentren das zu bestätigen. dass jene Ordnungskonzepte von Beginn an auf Lebendigkeit insgesamt bezogen sind. 1. womit hier Ansätze eines erweiterten Konzepts von Bio-Politik auszumachen sind. die Rolle und Funktion. 791). was Karl Marx in seiner nur ca. Zentral war dabei die Annahme. der sich nicht allein an Repressionsvorstellungen orientiert. die nicht allein – wie in den Foucaultschen Arbeiten gedacht – auf die Subjekte und die Bevölkerung beschränkt sind. sondern als Produktion von Wahrheits-Normen. Die Stunde des kapitalistischen Pri- vateigentums schlägt.und Wissensformen begründen disziplinierende Ordnungskonzepte. Denn diese werden nicht auf ein Überbauphänomen reduziert. Die Expropriateurs werden expropriiert« (Marx 1979. als damit ein Herr- schaftsbegriff verbunden ist. Konformismus wird in diesem Zusammenhang nicht als verordnete Uniformität verstanden.

daß Rußland dank dem Bolschewismus nicht etwa einen neuen Okzident vorbereitet. In die gleiche Richtung argumentiert Wladimir I. ist die Aufhe- bung des Politischen im Sinne der Aufhebung der Herrschaftsverhältnisse oder. Beide Interpretationen beruhen auf der für die Marxsche Theorie zentralen Einsicht. So sei der »organisierte Kapitalismus«. sondern als politische zu rekon- struieren. dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse als Herrschaftsverhält- nisse zu begreifen seien. die Russland nach der Revolution nahm und die von Joseph Roth scharfsinnig folgendermaßen auf den Punkt gebracht wurde: »Es wird Ihnen nicht klar. S. dem Kapitalismus wohne neben seinen Herrschafts- aspekten eine gleichsam neutrale. 231. die. sondern ganzer Industriezweige und der Vereinheitli- chung der vergesellschafteten Industriezweige untereinander gekennzeichnet. 2). Organisation ist jedoch gerade durch die Vorstellung geleitet. die die immanente Anarchie des Kapitalismus der freien Konkurrenz auf kapitalistischer Basis zu überwinden strebt« (Hilferding 1924. S. eine freie und emanzipative Form gesell- schaftlicher Produktion ermögliche. Der positive Bezug auf Verwaltung bzw. Die Struktur der Produktionsprozesse wie die der Öko- nomie insgesamt ist deshalb nicht als technische. sondern daß der Bolschewismus der Weg ist der okzidentalen ekelhaften Zivilisation nach Rußland. 376). wenn sie von Verwaltung oder Organisation sprachen. Neben den Entwicklungen in der Sowjetunion beeinflusste auch der National- sozialismus in Deutschland die theoretische Orientierung der Kritischen Theorie nachhaltig. 144. technische Rationalität der Naturaneignung inne. gewaltgestützten Herrschafts- form. dass die kapitalistische Produktionsweise daneben durch eine historisch besondere Rationalität der gesellschaftlichen Naturaneignung charakterisiert ist. S. 369) charakterisiert. Was Hilferding und Lenin und vor ihnen schon Marx und Engels im Auge hatten. »Da- mit wächst zugleich die bewußte Ordnung und Lenkung der Wirtschaft. auch Lenin 1961. S. dass die Ver- wandlung des Staates in eine bloße Verwaltung der Produktion nichts anderes besage als den Wegfall des Klassengegensatzes (Marx/Engels 1983. auch Horkheimer 1985k. welcher theoretische und . sondern im Gegenteil zu einer verschärften. s. Keine neue Welt wird vorbereitet. S. Die ökonomische Krisensituation zwischen 1929 und 1933 führte gerade nicht zu einer Aufhebung der kapitalistisch basierten Herrschaftsverhält- nisse. Insbesondere warf der Faschismus die Frage auf. auch Engels 1973. 241 u.178 Michael Bruch der Organisationsgrad der Produktion mit dem Vergesellschaftungsgrad zusam- menfalle. befreit von der Klassenherrschaft. wie es Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formulieren. 262) Die Fokussierung der Analyse auf den Klassencharakter vernachlässigt jedoch. Lenin in seiner Imperialismustheorie. durch die Vergesellschaftung nicht nur des Arbeits- prozesses im Großbetrieb. wie Rudolf Hilferding den Mono- polkapitalismus bezeichnet. können jedoch nicht in eins gesetzt werden. in der er den fortgeschrittenen Kapitalismus in seiner imperialistischen Gestalt als »Übergangs- kapitalismus« oder »sterbenden Kapitalismus« (Lenin 1979. S. sondern unsere ekelhafte alte kommt nach dem Osten« (Roth 1983. 491. Die Konsequenzen dieser Interpretation sind ablesbar an der historischen Entwicklung. s. s. Dabei mögen zwar beide Aspekte aufeinander verweisen.

dazu auch van Reijen/Bransen 1997. Diese neue herrschende Gruppe teile sich nun die Gewalt. Dabei handelt es sich um die Orientierung an absolutistisch-zentralistischen Herrschaftsmodellen bei gleichzeitiger Hervorhe- . »[…] was einmal kommen müßte. die vormals der Staat monopolisiert hatte. als »in der Sphäre der Vermittlung Begriffe wie Gleichheit und Freiheit ihre objektive gesellschaftliche Basis finden und nun historisch obsolet werden« (Demirovic 1999. 86). wie Hilferding und Lenin annahmen. Zentral für die weitere theoretische Entwicklung der Kritischen Theorie war in diesem Zusammenhang Friedrich Pollocks Analyse des Nationalsozialismus. von einer Stelle aus geleitete und gelenkte Gesellschaft […]« (Horkheimer 1985i. Leblose Lebendigkeit 179 empirische Stellenwert der kapitalistisch verfassten Ökonomie für die Struktur und Entwicklung der modernen Gesellschaft beizumessen sei. (3) Der Staat ist im totalitären Staatskapitalismus das Machtmittel einer »neuen herrschenden Gruppe. wie es sich im Nationalsozialismus in ausgeprägter Form zeige. In seiner demokratischen Variante übernehme der Staat im Staatskapitalismus die gleichen Funktionen mit dem Unterschied. (2) Die Kontrolle von Produktion und Distribution wird dem Staat übertragen. in der er zu dem Ergebnis kam. S. womit die kapitalistischen Wirtschaftsgesetze außer Kraft gesetzt werden. in der sich die Individuen über das Medium des Tauschs als formal-rechtlich gleiche ›Partner‹ gegenübertreten. zu dessen Aufhebung. sondern vielmehr stellt er das Symbol dessen dar. nämlich eine völlig verwaltete. S. 2. demokratischen Staatskapitalismus führe. 328 f. dass die dem Kapitalismus innewohnende Entwicklungsdynamik nicht. Hork- heimer 1997). sondern ein System direkter Kontrolle koordi- niert Produktion und Distribution. der obersten Ränge in der Leitung von Industrie und Ge- schäft. der oberen Schichten der staatlichen Bürokratie (einschließlich des Militärs) und der Bürokratie der herrschenden Partei entstanden ist« (Pollock 1984. be- zeichnet für die bürgerliche Gesellschaft insofern eine bedeutsame Veränderung. bezeichnet für Horkheimer jedoch keine singuläre. Die Beseitigung der Zirkulationssphäre. Sowohl in seiner totalitären als auch in seiner demokratischen (US-amerikanischen) Variante unterscheidet sich der Staatskapitalismus vom Privatkapitalismus in drei Punkten: (1) Nicht mehr der Markt. sondern zu dessen Verfes- tigung in Gestalt des totalitären bzw. S. die aus der Verschmelzung der mächtigsten Kapitale.). 457). Die auf der Grundlage der Interpretation der totalitären Regimes von Stalinismus und Nationalsozialismus vorgenommenen Verallgemeinerungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen beinhalten Widersprüche in der Herr- schaftstheorie von Horkheimer und Adorno. die sich bis hin zum Theorem der »verwalteten Welt« verfolgen lassen. S. dass hier der Staat durch das Volk kontrolliert werde und Einrichtungen der Kontrolle der Bürokratie gegeben seien. auf Deutschland begrenzte Entwicklung. u. rationalisierte. Das Primat der Politik über die Ökonomie (s. 82 f.

In seiner Geschichte löst sich das Racket von einer auf natür- lichen und persönlichen Potenzen beruhenden Macht und wird zur Fähigkeit der Besetzung gesellschaftlicher Schlüsselpositionen. an Stelle des Profitprinzips die Jahrespläne der Funktionäre. Herrschaft und Beherrschten beruht auf der Organisation jeder einzel- nen Machtgruppe in sich selbst und gegen die. Horkheimer benennt hier mit Organisation einen Mechanismus sozialer Asymmetrisierung. setzt sie an Stelle der vorhandenen staatlichen Apparaturen die Bürokratie von Partei und Gewerkschaft. Noch die Utopie war von Maßregeln erfüllt. sondern als Bestandteil einer historisch besonderen Gesellschaftsformation begreift. rationalitätstheoretischen Analysen der Kritischen Theorie zu ver- binden. Wie sich anhand einer historisch und gesellschaftstheoretisch orientierten Organisationsforschung zeigen lässt. 287). Die Rekonstruktion der Genese von Organisation entlang dieser Dimen- . »Die Scheidung zwischen oben und unten. 295). Personen selektiv in. Das Racket wird von Horkheimer als eine abgrenzbare. dulden Spontaneität bloß als Ergebnis ihrer eigenen Macht. sondern eine allgemeine Form sozialer Ungleichheit dar. die sie versorgen. des Gebildes und der Vergemeinschaf- tung. Sozialisierung im Staatskapitalismus kaum verschieden war« (Horkheimer 1997. […] In den restlichen Demokratien befinden sich die Leiter der großen Arbeiter- organisationen heute schon in einem ähnlichen Verhältnis zu ihren Mitgliedern wie im integralen Etatismus die Exekutive zur Gesamtgesellschaft: sie halten die Masse. die im Racket-Theorem angelegten Überlegungen zur Struktur moderner Gesellschaft und der ihr eigenen Form von Herrschaft systematisch mit den wissens. die moderne Organisationsform konstituierende Dimensionen. S. 295 f. S. welche weiter unten stehen« (Horkheimer 1985a. Wenn man Organisation nun nicht als allgemeines Prinzip einer auf Herrschaft gerichteten Gruppenbildung. die von der Verstaatlichung. mit einer inneren Ordnung versehene. der weder historisch noch theoretisch genauer bestimmt wird. die Individuen in Regie nehmenden Gesellschaft. Ist im obigen Zitat die Rede von einer zentralistisch gesteuerten. »Wenn überhaupt die Phantasie sich vom Boden der Tatsachen entfernt. Für Horkheimer stellt das Racket zunächst keine histo- risch besondere. organisationsgestützten Struktur von Herrschaft. schließen sie gegen unkontrollierten Zuzug hermetisch ab. in strenger Zucht. exkludierende Einheit charak- terisiert. so misst Horkheimer im Autoritären Staat den großen gesellschaftlichen Organisationen eine zentrale Bedeutung für die gegen- wärtige Herrschaftsstruktur bei.« (Horkheimer 1997. Parteien und Gewerkschaften fördern ihm zufolge »eine Idee der Vergesellschaftung. nämlich die der Ordnung. Die Differenz zwischen den Gesellschaftssystemen erweist sich hinsichtlich des grundlegenden Modus der Herrschaftsausübung nur als die Verkleidung des Gleichen. die als Herrschaftsinstrument fungiert.bzw.bzw. Nationalisierung.180 Michael Bruch bung der Bedeutung einer dezentralen. han- delt es sich hierbei um drei. dann eröffnet dies die Mög- lichkeit. die allerdings historischen Modifikationen hinsichtlich des Wechsels der Machtres- sourcen unterliegt. S.) Hinsichtlich der hier angesprochenen Bedeutung von Organisation für das Ver- ständnis moderner Herrschaft kann weiter an das Horkheimersche Racket-Theo- rem angeknüpft werden.

verbinden sich in dem Vernunftgedanken von Beginn an Emanzipationsbestrebungen mit sozialtechno- kratischen und disziplinierenden Vorstellungen einer zweckgerichteten Rationali- tät.und Handlungspraxen stellt Organisation ein gesellschaftliches Verhältnis (Bruch 2000) dar. Parallel zu den beschriebenen Ordnungsvorstellungen lässt sich ein ökonomischer und politisch-rechtlicher Differenzierungsprozess beobachten. Organisation darf vor die- sem Hintergrund nicht in einem technisch-verdinglichten Sinn als Apparat von Herrschaftsausübung missverstanden werden. Natur und Gesellschaft gleichermaßen umfassen- den Ordnungsvorstellung. das den Beziehungen zwischen den Menschen und zur inneren wie äußeren Natur eine historisch eigene Prägung verleiht. die ihrerseits die Notwendigkeit der Disziplinierung sowohl der äußeren als auch der inneren Natur unterstellen. Sie ist nicht Subjekt. zu deren bedeutendsten neben dem (National-) Staat und der modernen kapitalistischen Unternehmung. sondern im Gegenteil gehört es zu ihren Merkmalen. Anders formuliert: Die Genealogie der Organisation setzt nicht die Existenz einer historischen Gesellschaftsformation voraus. als die einzelnen Dimen- sionen Konstellationen von Denk. auf die sie projiziert werden können. das bürger- liche Individuum gehört. deren Bedeutung für die Entwicklung der modernen okzidentalen Gesellschaft von Max Weber (1984. entsteht ein Ordnungskon- zept. aus dem eigenständige Einheiten hervorgehen. sondern zugleich für die moderne Gesellschaft insgesamt sind. als dessen Zentrum sich eine rationalistisch-vernunftbasierte Wissensform etabliert. S. Ort der Ordnung zu sein. dazu Türk/Lemke/Bruch 2002). Leblose Lebendigkeit 181 sionen impliziert eine doppelte Perspektive insofern. Tommaso Campanella und Francis Bacon (1983) dokumentieren. Die angesprochenen Organisationsdimensionen lassen sich folgendermaßen umreißen (ausführlich s. die nach Zygmunt Bauman (2000) die für die Moderne charakteristische »Sorge um die Ordnung« begründet. Die Ordnungsdimension Mit der Erosion jener statischen. dass ihr ein Subjektcharakter zuge- schrieben wird. Wie schon die frühen Staatsutopien von Thomas Morus. Die Gebildekonstruktion erschöpft sich nicht darin.und Effektivitätserwartungen. 9–27) mittels des Begriffs der formalen Rationalität und von Horkheimer in seiner Kritik der instrumentellen Vernunft (1985h) heraus- gearbeitet werden. Legitimität gewinnt diese Unterwerfung über die Trennung von Person und Verfahren. Als materieller Ausdruck von Wissens. verbinden sich mit dieser Ordnungsvorstellung Produktivitäts. Getragen vor allem vom aufstrebenden Bürgertum. sondern zugleich repräsentiert sie eine zurechnungsfähige . die kon- stitutiv nicht nur für Organisation. so dass Personen nur noch in Gestalt von Trägern eines apersönlichen Regelwerks erscheinen.und Handlungspraxen repräsentieren. sondern sie rekon- struiert beide als wechselseitiges Bedingungsverhältnis. Die Gebildedimension Die Ordnungskonzepte bedürfen zu ihrer Umsetzung Räume.

die trotz gegenteiliger Formulierungen die Arbeiten der Kritischen Theorie durchziehen. Als der echte Leviathan fordert das Racket den rückhaltlosen Gesellschaftsvertrag. Das Individuum muß sich aller Macht begeben. Vielmehr verlangt sie die Berechenbarkeit der Persönlich- keit und »[…] absolut bündige Garantien der künftigen Zuverlässigkeit. Erst so war die Bedingung gegeben. Fühlen und Sprechen unwiderruflich die Form des akademischen Rackets angenommen hat. auf die Errichtung eines ihnen äußer- lichen Zwangskorsetts. Verantwortung. das seine Zugehörigkeit erst zu erweisen hat. Externalisierung von Ressourcen. Kosten und Erträgen erlaubt. Als »sozialer Körper« produziert Organisa- tion personenbezogene Grenzen von Zugehörigkeit und Fremdheit. so kann die Beziehung von Individuen und Macht anders begriffen werden als es totalitär-zentralistische Vorstellungen von Herrschaft vorgeben. Die Zugehö- rigkeit. Die kapitalistisch verfasste Ökonomie basiert. Die Vergemeinschaftungsdimension Die Gebildekonstruktion erlaubt nicht nur die selektive Zurechnung von Hand- lungen und ökonomischen Wertgrößen. bis zur Dissertation an den Universitäten. durch die der Adept beweist. das sein Denken. ist an Anforderungen an das Individuum gebunden. Produktivität und Akkumulationsfähigkeit zuge- schrieben werden kann. Eigentumsrecht. die Brücken hinter sich abbrechen. Eine Reihe gleitender Übergänge führt von dem Opfer der eigenen Mutter.182 Michael Bruch Einheit (zumeist in Form der juristischen Person). Diese Konstruktion ermöglichte erst die personenunabhängige Akkumulation von Reichtum und Macht. S. die Horkheimer und Adorno mit ihrer Rede von der »verwalteten Welt« im Auge haben.« (Hork- heimer 1985a.) Bezieht man Organisation in dem hier skizzierten Sinn auf die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse. Mit der Industrialisierung bedient sich das Kapital der Gebilde- konstruktion in Form der Fabrik zur räumlichen Einschließung der lebendigen Arbeit.und Rationalitätskonzepten zu unterwerfen. 288 f. der Handlungskompetenz. Exklusion bereit. diese systematisch den Ordnungs. das der zukünftige Zauberer seinem Racket bringen muß. Bedingung jeglicher Partizipation. Die herrschaftsförmige Einbindung der Individuen beschränkt sich nicht. wie dies Repressionsvorstellungen nahe legen. zunächst in Form der Handels- gesellschaften und der Verlage. Parallel dazu kann ein politisch-rechtlicher Prozess des Auseinandertretens von Amt und Person und auf dieser Grundlage die Entwicklung der Figur der juristischen Person beobachtet werden (Coleman 1986). . wie Marx in seiner Analyse gezeigt hat. sondern sie stellt Mechanismen der sozia- len Inklusion bzw. die mittels ihrer Einheitsfiktion und Selektionsmodi die Internalisierung bzw. auf solchermaßen gefassten Gebilden. Die für die heutige Gesellschaft typische Form der an- onymisierten Akkumulation von Kapital beruht auf eben jener Gebildekonstruk- tion. die die umfassenden Produktionszusammenhänge zerschneiden und darüber die Erträge externer Arbeitsprozesse auf sich beziehen und sich aneignen.

wie insbesondere die Debatte um das Primat von Politik oder Ökonomie im Rahmen der Faschismus- analysen am Institut für Sozialforschung zeigt (s. S. 202). Adorno 1985) – zunehmend als technologisch getriebener und vermittelter Herrschafts- prozess begriffen wird (s.bzw. dazu auch Gangl 1987. gesellschaftlichen Naturaneignung. noch beschränkt sie die Bedeutung des Wissens auf dessen Funktion als Produktivkraft im engeren Sinn.und Wissens- formen begreift Wissen weder als reinen ideologischen Reflex der historischen Produktionsweise. genauer formuliert. Die Kritik der instrumentellen Vernunft (Horkheimer 1985h). Dubiel/Söllner 1984). Sie ist auch gar nicht dafür . der Tren- nung von Politik bzw. Diese Denkweise ist konsequenzenreich insofern. Wissensformen als Praxisform eine bedeutsame Rolle zu. als sie das Verhältnis von Sein und Bewusstsein neu bestimmt sowie dem Verständnis und der Beziehung von Politik und Ökonomie gerade unter herrschaftstheoretischer Perspektive eine ver- änderte Bedeutung verleiht. Die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse anhand der Denk. sondern im Gegenteil als Versuch einer Weiterentwick- lung der politisch-ökonomischen Gesellschaftstheorie. Zum anderen findet sich ein Verständnis der Ausweitung bzw. Wissen wird vielmehr als Element der praktischen. Leblose Lebendigkeit 183 3. in dem bestehende gesellschaftliche Dispositive und Institutionen durch und in sozialen Kämpfen modifiziert oder verworfen werden. Bruch 2000). Dies trägt die Haus- nummer 432 auf einem steinernen Ornament über dem Dach. 140. wobei Politik als Apparat unmittelbarer Herrschaftsausübung beschrieben wird. Totalisierung von Herrschaft als eine Ver- schiebung des Verhältnisses von Politik und Ökonomie zugunsten ersterer. kommt den – und damit kommen wir zu der für das Projekt der Kritischen Theorie zentralen Perspektive – Denk. vor allem aber die Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/ Adorno 1997) sind in diesem Sinn nicht als Abkehr von einer kritisch mate- rialistischen Gesellschaftstheorie und Hinwendung zu einer Anthropologie der Herrschaft zu begreifen. die – wie die durchgehende Verwendung der Maschinenmetapher zeigt (Horkheimer 1985c. wes- halb. eigentlich vom Organisationsverhältnis gesprochen wer- den muss (s. Staat und Ökonomie weitgehend verhaftet. aber kein Mensch kann sie von der Straße aus wahrnehmen. Die Schrift ist zwar überlebens- groß. »Meinem Büro gegenüber ist ein Haus von ungefähr 22 Stockwerken. mithin also als Bestandteil der Produktionsverhältnisse verstanden. S. in der den diskursiven Pra- xen eine bedeutsame Rolle bei der Konstruktion von Wirklichkeit zugeschrieben wird. ist Organisation Produkt einer Rekonfigura- tion der gesellschaftlichen und darin inbegriffen der Herrschaftsverhältnisse. Parallel zu einem solchermaßen gefassten Politikverständnis findet man bei Horkheimer – wie etwa in dem Anfang 1945 an Adorno adressierten Memo- randum – Überlegungen. Wie diese Rekonstruktion gezeigt hat. Dies drückt sich zum einen in der Entpolitisierung der Ökonomie aus. die auf die zentrale Bedeutung der Wissensdimension für die Funktionsweise moderner Herrschaft verweisen. In diesem Prozess. Trotz dieser in ihren Arbeiten angelegten Infragestellung herrschender Denk- und Unterscheidungsmuster bleibt die Kritische Theorie.

292). in der Frühphase des Kapitalismus in Form der Handelsgesellschaften und Verlage vor allem in ihrer juristisch abgestützten Ge- bildedimension als Zuschreibungs.und Disziplinierungsbedürfnis des Kapitals geschuldet. Die Orientierung der Fabrikdisziplin am Vorbild militärisch-absolutistischer Ordnungskonzepte verdeutlicht. a greater number ist dangerous and unlawful. Für sie sind die Nummern an den Dachspitzen der Wolkenkratzer bestimmt. Dieses Wissen bedarf. wie schon beschrieben. So zeigt der Entstehungsprozess der modernen bürgerlichen Gesellschaft. deren strukturelle Gemeinsam- keit ihre Organisationsförmigkeit ist (s. nicht nur für die moderne Form staatlicher Herrschaft. daß sie jemand wahrnimmt. Die kapitalistisch verfasste Ökonomie basiert auf einer neuartigen herrschafts- förmigen Strukturierung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. identifizierenden und. dass – zumindest unter herrschaftstheoretischer Perspektive – die für die moderne Gesellschaft typische Ausdifferenzierung einer ökonomischen und politisch-staatlichen Sphäre nicht bedeutet. die sich in Gestalt des Organisationsverhältnisses materialisiert. mittels welcher gesellschaftlichen Form jene ordnenden und identifizierenden Konzepte umgesetzt werden.184 Michael Bruch da. Wahrscheinlich hat dem Erbauer die personifizierte Verwal- tung vorgeschwebt. wie Marx (1970) es anhand seines Theorems der formellen und reellen Subsumtion expliziert hat. Manufaktur und Fa- brik sind.und Aneignungseinheit auf.und Disziplinierungsinstanz an Bedeutung.« (Horkheimer 1985d. verfestigten Verhältnissen. ihre jeweilige Struktur unterscheiden sich jedoch nicht von- einander. so stößt man auf eine Reihe unterschiedlicher gesellschaftlicher Einrichtungen. um wirksam zu werden. S. wie Foucault sagen würde. Demgemäss basiert sie nicht auf der asymmetrischen Verfügung über die Produktionsmittel. Kontroll. Politik und Ökonomie können unter dieser Perspektive zwar hinsichtlich ihrer je eigenen Orientierungslogiken unterschieden werden. der Manifestierung in gesellschaftlichen Strukturen bzw. Tritt Orga- nisation. sondern vielmehr dem Zent- ralisierungs-. Der Modus der Herr- schaftsausübung bzw. Bezieht man sich bei der Beantwortung dieser Frage auf die Arbeiten Foucaults. die typisch für den kapitalistischen Produktionsprozess werden sollte. 307) Herrschaft wird hier nicht mehr über den Bezug auf das Kapital. disziplinierenden Wissens zu einer politischen Technologie. die Ordnungskonzepte auf den Produktionsprozess zu projizieren und damit jene Kasernendisziplin zu etab- lieren. dass diese einer je eigenen oder gar getrennten Rationalität folgen. daß dieser Block erbaut wurde. sondern gleichermaßen für die kapitalistische Produk- tionsweise konstitutiv ist. die gelegentlich auf riesenhaften Schwingen über den Städten schwebt.und Klassen- verhältnis gedacht. wie Marglin (1977) in seiner historischen Studie gezeigt hat. Erst die Schaffung abgegrenzter Räume und die Konzentration der Lohnab- hängigen in ihnen schuf. nicht Resultat des Einsatzes maschineller Großtechnologie. dass die Formung jenes ordnenden. Foucault 1981. So zeigt eine historische Per- . S. die Möglichkeit. Es ist schon zwanzig oder dreißig Jahre her. insbes. Es stellt sich also die Frage. sondern vielmehr auf der Verfügung über ein identifi- zierendes und ordnendes Wissen. sonst stünde wohl noch unter der Zahl: ›Space for 2176 employees and 1512 office desks. so gewinnt sie in der weiteren Entwicklung hin zur Ausbildung des Industriekapitalismus als zent- rale Ordnungs.

»dessen Wissen sogleich durch die Macht beglaubigt wird. die er ausübt« (Foucault 2001. institutionell verankerte Verbindung von Wissen und Macht wird vermittels der Organisationsform hergestellt. d. Die Verwendung des Verwaltungsbegriffs zur Charakterisierung der gegenwär- tigen Herrschaftsverhältnisse stellt sich vor diesem Hintergrund als inadäquat dar. die erst die wissensbasierte Macht zu einem Herrschaftsverhältnis. Ermittlungs. 48 f. die wir etwa im Zusammenhang mit der Entfaltung des modernen Staates in Form von Verwal- tungs-. wie wir sie ja augenblicklich in besonders ausgeprägter Form finden.und Inquisitionswissen beobachten können. Eben dadurch. Leblose Lebendigkeit 185 spektive.und Wissenschaftsorganisationen vorgenommene Messung. »›freischwebende‹ Gelehrte« in einen Angestellten der ver- schiedenen Bildungs. Jahrhunderts. Verdeckt wird mit dem Verwal- tungsbegriff nämlich gerade die Tatsache. Die Bedeutung von Wissen und Wissenschaft für die Ausübung von Herrschaft ist zwar keine Erfindung des 19. Jahrhundert etwas Neues gebracht. Welche zentrale Bedeutung dabei dem Wissen als Machtfaktor zukommt. um das bisher Gesagte zusammenzufassen. Kalkulierung und Beglaubigung des Wissens entspricht der Überzeugung. verfügt es über Macht. daß es Wissen ist. das darin besteht. als von jenem Zeitpunkt an Wissen institutionell mit Macht ausgestattet wird. die sich dem Wissen öffnen. dass etwa die betriebliche Entwicklung seit dem späten 19. und zwar in zweifacher Weise: Die von den Bildungs. »Innerhalb der Teilung von Handarbeit und intellektueller Arbeit hat das 19. 1970) durch die Unternehmungen gekennzeichnet ist und sich zugleich eine an ökonomischen Vorbildern orientierte Restrukturierung der politisch-staatlichen Sphäre nachzeich- nen lässt. zu verfestigten Machtstrukturen gerinnen lässt. wenn man will negative. Die Entwicklungen. Die andere. dass die Generierung neuartigen Wissens als Machtwissen. Zum anderen ist es die Organisierung. dass das Wissen der unmittelbaren Produzent/innen einer nachhaltigen Kontrolle des Produktionsprozesses durch das Kapital ent- gegensteht. Organisation spielt. erkannt zu haben. nur eine Seite der Beziehung von Wissen und Macht darstellt. wie Fou- cault es ausdrückt.« (Foucault 2001. h. S. Zum einen werden vermittels Organisation (abgeschlossene) Räume geschaffen. dass die Umsetzung der Ordnungs. dass Wissen berechtigt ist. daß das Wissen. die mit Taylor in Gang gesetzt wurden. lässt sich an den Konzepten Taylors (1911/1977) ablesen.und . Zugleich verwandelt sich der. selbstverstär- kende Rolle. allerdings verändert sich ihre Bedeutung insofern. ausgestattet mit einer bestimmten Quantität Macht. und es sind nicht der gute Wille der Macht oder ihre Neugierde. doku- mentieren. in der Gesellschaft funktionieren muß. in denen das Wissen wirksam werden kann. 49). Seite ist die der Enteignung und einseitigen Aneignung einerseits und die sys- tematische Entwertung von Wissen andererseits. in Bezug auf das gesellschaftliche Verhältnis von Wissen und Macht eine doppelte. dessen Leistung ja gerade darin bestand. Macht auszuüben.und Wissenschaftsorganisationen. Jahrhundert durch die Übernahme bürokratischer Modelle (Kocka 1969 u.) Diese explizite. S. da er die für Horkheimer und Adorno wesentlichen Tendenzen der gesellschaft- lichen Entwicklung verdeckt statt sie freizulegen.

Gekennzeichnet sind diese Wissensformen durch eine Erkenntnispraxis. aber keine Bedeu- tung mehr besitzt« (Horkheimer 1985b. sondern die Macht in den Konzepten selbst besteht. insofern er sie manipulieren kann. dessen Bekämpfung auf das verweist. dazu auch Agamben 2002). dass ein systematischer Zusammenhang zwischen den historischen Formen sowohl des Be- griffs von sowie den Umgangsweisen mit menschlicher und außermenschlicher Le- bendigkeit herzustellen ist (s.) bezeichnet hat. 4. »Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. eine völlig verwaltete. in der die Autoren gerade entgegen einem vor- herrschenden Trend das bürgerliche Individuum nicht als Ergebnis eines Befrei- ungsprozesses. die den Menschen von außen über- gestülpt würde. in einem verdinglichten Sinn als Herrschaft einer Apparatur begriffen werden. die konstitutiv für das der okzidentalen Moderne eigene Verständnis von Lebendigkeit sind. Der Mann der Wissenschaft kennt die Dinge. Dadurch wird ihr An sich Für ihn. die zentrale Bedeutung ihrer Analyse. wenn keine Katastrophen alles Leben vernichten. In diesem Sinn ist Organisation als hegemoniales gesellschaftliches Dispositiv zu begreifen. die ihrerseits Ausdruck sowie Ergebnis sozialer Kämpfe sind und ihre strukturierende Wirkung in den unterschiedlichen Lebensbereichen entfalten. die der Logik von Manipulation und Herrschaft folgt. . Ihre Materialität gewinnt und entfaltet Organisation vielmehr als Permanenz einer bestimmten Praxis. Die zentrale Bedeutung von Organisation für die moderne Form von Herrschaft darf deshalb auch nicht. großartig funktionierende Gesellschaft.bzw. 347). was sie als die Krise des Individuums bezeichnet haben. In der Verwandlung enthüllt sich das Wesen der Dinge immer als je dasselbe. in der das einzelne Individuum zwar ohne materielle Sorgen leben kann. insofern er sie machen kann. Die für Horkheimer und Adorno wohl bedeutsamste Konsequenz der »ver- walteten Welt« besteht in dem. »Am Ende steht. Diese als Verlustgeschichte ge- fasste Prognose steht in einem auffälligen Gegensatz zu ihrer rationalitätskritisch angeleiteten Gesellschaftstheorie. sondern eines herrschaftsförmigen Konstitutionsprozesses rekon- struieren. automatisierte.E. Handlungsform. S. Es kommt mir zunächst nur darauf an zu verdeutlichen. 75ff.186 Michael Bruch Disziplinierungskonzepte gerade nicht über eine zentrale Steuerungsinstanz er- folgt. Der Bildungsprozess moderner Subjektivität wird von Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung. S. in einen systematischen Zusammenhang mit der Rekonstruktion der Genese jener Wissensformen gestellt. wie so häufig anzutreffen. was Foucault als Wahrheitspolitik (Foucault 1978. und darin besteht m. 31). Lebendigkeit1 erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur als Quelle jeglichen 1 Bei dem hier verwendeten Begriff der Lebendigkeit handelt es sich noch nicht um einen theoretisch ausgearbeiteten. als Substrat von Herrschaft« (Horkheimer/Adorno 1997. S. Er kennt sie.

Diese besteht darin. dazu auch Bauman 1996. 193. um sie fügsam zu machen. sondern sie stellt zu- gleich jenes Verfahren dar. Mit dieser Einschätzung bezeichnen Horkheimer und Adorno schon in den 1940er Jahren eine Form von Subjektivität. Leblose Lebendigkeit 187 materiellen Reichtums. selbstbestimmte Handeln. Eingefügt in das gesellschaftliche Getriebe. Die Fokussierung der Horkheimerschen und Adornoschen Analyse auf die historisch besondere Konfiguration von Lebendigkeit beinhaltet nicht nur das unausgearbeitete Konzept dessen. Disziplinierung soll nicht nur die erfolgreiche Beherrschung der außermenschlichen Natur gewährleisten. die sich gerade durch die Herausarbeitung jenes Dop- pelcharakters der Disziplin auszeichnen. so dass. die ihnen von außen angetan werden. überspitzt formuliert. S.und Ermächtigung der Lebendigkeit ist es. Diese Qualität kommt darin zum Ausdruck. S.E. »Der Mensch wurde in seinem Wollen und seiner Äußerung diszipliniert. 124). gesagt werden könnte. Die Arbeiten Foucaults. die. Und er disziplinierte sogar die Natur in den kunstvoll beschnittenen Hecken und Bäumen der barocken Schloßparkanlagen und Gärten« (Oestreich 1969. Diese Tendenz ist einem doppelten Mechanismus geschuldet: Mit der zunehmenden Reglementierung und Regulierung des gesellschaftlichen Lebens oder. dass die Menschen dazu tendieren. Diese doppelte Bewegung von Ent. S. Jeder Einzelne wird gewissermaßen zum Verwaltungsfunktionär seiner selbst …« (Horkheimer 1985c. sondern als ungebändigte wird sie zur Bedrohung. beschränken sich in ihrer Perspektive jedoch auf die Subjekte und die Bevölkerung. 43 ff.). korrespondiert ein psychologischer Anpassungsprozess bzw. der mit dem Wort Leben für uns alle mitschwingt. die die Form gesellschaftlicher Naturan- eignung der Moderne prägt. was bei Foucault (1993) Bio-Politik genannt wird. keine Bedeutung mehr besitzt. lebendige Arbeit transformieren soll. sondern sie bildet zugleich den Bezugspunkt für die Bestimmung der sub- jektbezogenen Qualität der »verwalteten Welt«. s. das gleichermaßen auf die innere wie äußere Natur ange- wendet wurde. dem Anwachsen der Vergesellschaftung. S. bei gleichzeitiger Schwächung ihrer Kräfte. S. dazu Foucault 1981. folgendermaßen auf Lebendigkeit zu erweitern: Die Disziplin zielt auf die Steige- rung der Kräfte der Lebendigkeit zur Erhöhung ihrer ökonomischen Nützlichkeit. »dass es eigentlich Leben im dem Sinn. Die Dis- ziplin operiert über die Spaltung der Macht der Lebendigkeit in Fähigkeit und Tauglichkeit auf der einen Seite und der Polung der daraus erwachsenden Möglich- keiten und Energien in ein Verhältnis der Unterwerfung auf der anderen Seite (s. 177). eine Rekonstruktion der Subjektivität. werde das Individuum herabgesetzt zum bloßen Funktionsträger. Nicht zufällig entwickelt sich in der frühen Neuzeit mit der Disziplinierung ein gesell- schaftliches Dispositiv. Er suchte die Selbstbeherrschung als höchstes Ziel zu erreichen. nämlich das freie. das erst die Lebendigkeit des Subjekts in produktive. 123). wie Hork- heimer und Adorno es auch ausdrücken. dass gerade jenes Merkmal. Diese Perspektive gälte es m. das gemäß der vorherrschenden Selbst- beschreibung der modernen bürgerlichen Gesellschaft den Menschen erst zum Individuum macht. folgt man den aktuellen Debatten zum »Arbeits- . nicht mehr gäbe« (Horkheimer 1985c. »[…] von sich aus nochmals alle jene Prozesse der Verwaltung in sich selber zu wiederholen.

doch eigentlich erst ein Produkt des »Post-Fordismus« oder »Neoliberalismus« sein soll. Flexibilität steht hier für eine veränderte Form von Selbstdisziplinierung. wir hätten es hier mit zwei unterschiedlichen Formen der Subjektivität zu tun. in ihrer säkularisierten Form als Ziel nur noch die Immanenz. der zumindest in den kapitalistischen Zentren die direkte Gewalt- anwendung als Mittel der Unterwerfung zunehmend ersetzt durch den subtilen Zwang zur Konformität. Körpersprache im Beruf‹ und ›Glück ist erlernbar‹) dokumentiert. die Erziehung zur Gewohnheit bzw. Höchstleistungen bringen und im inneren Gleichgewicht bleiben‹) und die Vielfalt an diesbezüglichen Kursangeboten (›Selbstdarstellung. Wie Foucault ausgeführt hat. Zwar mag die Verwendung des Verwaltungsbegriffs den Eindruck erwecken. hier sei ein durch starre Kontrolle gekennzeichnetes Selbstverhältnis gemeint. Voß/Pongratz 1998. ›Image-Design. die analog zu dem Wandel von Politik- und Steuerungsmodellen (von Gouvernement zu Governance) die Bedeutung selbstregulatorischer Fähigkeiten hervorhebt. tritt in der bürgerlichen Gesell- schaft die Gewohnheit als Komplement des Vertrages für die auf. dass der Wandel der Subjektivität eingebettet ist in einen Formwandel von Herrschaft. eines spezifischen Habitus ins Zentrum stellt (s. ausführlich dazu Türk/Lemke/ . S. Selbstreflexivität wird in Selbst- verobjektierung transformiert. wobei die Subjekte dazu angehalten sind. Gefragt ist dabei die Überprüfung ihrer Realitäts- tüchtigkeit und die Überführung von Differenzerfahrung in einen Aspekt des Selbst-Managements. der. da sie zum einen am Verwaltungsmodell und zum anderen am liberalistischen Unter- nehmermodell orientiert seien. jenen für die Disziplinargesellschaft charakteristischen ordnenden und identifizierenden Blick auf sich selber zu werfen. Die hohe Kunst der Selbstdarstellung‹. Beispielhaft dafür ist der Erziehungsdiskurs an der Wende zum 19. Jahrhundert. Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit‹. Als Starrheit erweist sich diese Flexibili- tät. die nicht durch Besitz miteinander verbunden sind (Foucault 2001. Handeln statt aufschieben‹. ›Selbstdisziplin. ›Life-Leadership. die als Merkmal der Subjektivität des verwalteten Menschen zu gelten hat. wie die umfängliche Ratgeberliteratur (›Selbstmanagement. wie etwa die Reform- vorschläge Johannes B. scheint mir nicht wirklich stichhaltig. ›Die Entscheidung liegt bei dir. das nicht dem flexiblen Subjektivitätsprofil des Neoliberalismus entspräche. Für Horkheimer und Adorno ist es aber gerade die spezifische Verbindung zwischen den vermeintlich sich widersprechenden Qualitäten von Starrheit und Flexibilität. 52). ›JA zum Stress.188 Michael Bruch kraftunternehmer« (vgl. ihre Verwertbarkeit trotz sich wandelnder Produktionsprozesse und Anforde- rungsprofile zu erhalten und zu steigern. Basedows zeigen. Machen Sie aus sich die ICH-AG‹. Der Einwand. Jahrhunderts zurückverfolgen und implizieren eine Veränderung des Verhältnisses von Recht und Machtausübung. die die Subjekte in die Lage versetzen soll. Die Anfänge dieses Prozesses lassen sich auf den Beginn des 19. da sie Spontaneität nur als instrumentelles Vermögen zur Optimierung der eigenen Anpassungsfähigkeit kennt und zulässt. Bröckling 2000). Die einstmals religiös motivierten und auf Transzendenz gerichteten Selbst-Technologien kennen. Sinnvol- les Selbstmanagement für ein Leben in Balance‹. Deutlicher noch zeigen die Arbeiten von Horkheimer und Adorno zur Kultur- industrie.

aber von diesem Tage an bist du ein Fremdling unter uns« (Horkheimer/Adorno 1997. der Tonfall am Telephon und in der vertrautesten Situation. Obgleich die Norm Schwellen der Abweichung impli- ziert. darin.). um – man denke zurück an die Merkmale des Racket – die Ausbildung von Gewohnheiten. Dabei wirkt die Norm nicht nur differenzierend. Gesundheits. sondern nur graduelle Abweichungen von ihr. die über die Generierung von Normen regulierend und integrierend wirken. sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat zu ma- chen. über das individualisiert und identifi- ziert werden kann und das zugleich die Vergleichbarkeit erlaubt. bzw. ja das ganze nach den Ordnungsbegriffen der heruntergekommenen Tiefenpsychologie aufge- teilte Innenleben bezeugen den Versuch. Über die Norm wird ein Maß produziert. noch verschwinden die Institutionen der Justiz. deine Güter. in der ein junges Mädchen das obligatorische date annimmt und absolviert. dein Leben. 172) zu tun haben. alles soll dir bleiben. nicht zu denken wie ich. 195 f. Herrschaft als Zwang zur Konformität ist es. dass der Souverän nun nicht mehr sagt: » […] du sollst denken wie ich oder sterben. die Wahl der Worte im Gespräch. Freiheit sich in die Freiheit zum Immergleichen transformiert. Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so voll- kommen verdinglicht. Einschreibung in die Subjektstruktur. die die Individuen als Angehörige einer sozia- len Gruppe oder Gemeinschaft bestimmen. Leblose Lebendigkeit 189 Bruch 2002. »Die Art. sondern sie stellt zugleich das Prinzip der Einheit der Individualisierung dar. S.und massenmedialen Organi- sationen.) . sondern mit einer »Normalisierungsgesellschaft« (Foucault 1983. Weder wird das Gesetz aufgelöst. und die Justiz wird eingereiht in ein Setting von Bildungs. der um so mehr zur Ideologie wird. je mehr an die Stelle der Idee der Gleichheit die der Standardisierung tritt. Ihre Qualität besteht.« (Horkheimer/Adorno 1997. Zwar blei- ben Einsperrung und Gewalt weiterhin Praxen der Herrschaftsausübung. 126ff. Es geht um die Erzeugung eines die Individuen charak- terisierenden Verhaltens. was Horkheimer und Adorno exemplarisch anhand der Kulturindustrie vorführen. daß die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Es geht um die Produktion von Norm und deren Internalisierung bzw. Das Gesetz wirkt vielmehr zunehmend als Norm. Er sagt: es steht dir frei. jedoch verlieren sie an Bedeutung zugunsten einer Ausrichtung der Subjekte an der Norm. der bis in die Triebregungen hinein dem von der Kulturindustrie präsentierten Modell entspricht.Wissenschafts-. wie sie es unter Bezugnahme auf Tocqueville formulieren. Das Korrelat des Drucks zur Konfirmierung der Normen ist der Diskurs von Freiheit und Individualität. S. so dass wir es nicht mit einer »verwalteten Welt«. Die Veränderung des Verhältnisses von Recht und Machtausübung drückt sich aus in der veränderten Bedeutung von Gesetz und juristischen Institutionen. S. kennt sie kein Äußeres. S. 158).

und zum anderen produziert es. Fabrik. Dabei sind vor allem zwei Aspekte wichtig. dazu auch Fromm 1983.« (Meyer/Boli/Thomas 1994. ist ›der Westen‹ nicht als geographisches. Während etwa Immanuel Wallerstein (1989) den zur Gestalt des Universalismus geformten Denk. Die Macht der Norm beschränkt sich in ihrer Wirkung nicht auf die Individuen (s. dass die Hegemonie der westlichen Kultur und ihre expansive Dynamik zurückzuführen ist auf die Formierung der modernen. historical. so dass davon auszugehen ist. d. h. welche Gründe dafür verantwortlich gemacht werden können. in der Organisationsform zum Ausdruck kommt. and they make it possible to find order in a world that is disorderly.190 Michael Bruch 5. The term account here takes on a double meaning. in der institutionellen Isomorphie von Schule. indem es die Denk- und Sprechweisen in spezifischer Weise konfiguriert. 138 f. wie Foucault in Überwachen und Strafen gezeigt hat. explanations of what is and what is not. Wie Stuart Hall gezeigt hat. and other forms) and generate progress and justice on an ongoing basis. 83 u. S. entwickelte sich dieses Konzept zum organisierenden Faktor eines Systems globaler Machtbeziehungen. Es stellt sich nun die Frage. das Individuum und Organisationen kon- stituieren (Boli-Bennett 1980. They are accounts of how social world works.und Wissensformen als Institution. Institutions are descriptions of reality. sondern eine globale Wirkung entfalten.) Solchermaßen als hegemoniales Wissenssystem verfestigt. dass diese homogenisierenden Effekte nicht auf die westlichen Länder begrenzt sind. sondern als historisches Konstrukt und Konzept zu begreifen.und Wissensformen nur eine die Kapitallogik flankierende Funk- tion zuschreibt. an dem die verschiedenen Gesellschaften gemessen und bewertet werden können. Die Institu- tionen der westlichen Dominanzkultur fungieren dabei im Sinne Meads (1973) als . entfalten die »cultural accounts« eine Dynamik. Wie Hall weiter ausführt. in the Western rationalizing process. S. Institutionen werden von ihnen be- griffen »[…]as cultural accounts under whose authority action occurs and social units claim their standing. okzidentalen Denk. Es lässt sich beobachten. institutions are structured accounting systems that show how social units and their actions accumulate value (in monetary. Spital und Gefängnis bzw. als verfestigte. S. dass sich der Globalisierungsprozess nicht allein auf die Entfaltung der Produktivkraftentwicklung (Horkheimer 1970. 24 f. Sie produ- ziert homogenisierende Effekte. die ursächlich für den globalen Isomorphismus der gesellschaftlichen Strukturen verantwortlich gemacht werden kann. kommen die Neoinstitutionalisten zu dem Ergebnis. Zum einen liefert ›der Westen‹ als normatives Konzept einen Maßstab der Vergleichbarkeit. moral. unhinterfragte Regeln.). scientific. Dazu lässt sich an die kulturtheoretisch orientierten Arbeiten des Neoinstitutionalismus anknüpfen.. 1985j. Adorno 1973). wie oben ausgeführt. Wissen (Hall 1994. die die zentralen gesell- schaftlichen Akteure wie den Staat. S. In der Konstitution eines normativen Raumes wirkt sie gleichermaßen auf die gesellschaftlichen Institutionen. what can be and what cannot. Meyer 1980). At the same time. 354) und die expansive Dynamik der kapitalistisch verfassten Ökonomie zurück- führen lässt. die.

die. »[…] that salvation lies in rationalized structures grounded in scientific and technical know- lege – states. voluntary associations. wenn überhaupt. der die gesellschaftlichen und individuellen Akteure mit reflexiven Beschreibungen ihrer angemessenen Rollen versieht (Türk 1997). Internationaler Währungsfond. reveals much decoupling between formal models and observable practices. and the like. but also as devolving form a dominant universalistic historical culture (Meyer/Boli/Thomas 1994. or nation-state. S. sondern dieser ist ersetzt durch den Glauben. UNO etc. 174) Die Adaption der westlich geprägten Institutionen ist dabei nicht nur Resultat »äußeren« Drucks und Zwangs durch die global orientierten und operierenden supranationalen Organisationen wie Weltbank. 23)«. über die Ent- kopplung der materiellen Prozesse von der institutionellen Form erstere nach außen abzusichern. legislators. The new religious elites are the professionals. das politi- sche Feld selbst abzustecken bzw. and policymakers who believe the story fervently and pursue it relentlessly. schools. »The degree of uniformity of institutional structures point to a strategy for analysis: One must see these institutions in all of the diversity not only as built up out of human experience in particular local settings. S. »It is easier to create a cabinet ministry with appropriate policies for education or for the protection of women than build schools and organize social services implementing these policies. Any rationalized ›actor‹. Zentral ist dabei die den Normen innewohnende Macht.« (Meyer/Boli/ Thomas 1997. Ablesbar ist dies nicht zuletzt an den sogenannten Nichtregierungsorganisationen. organisation. whether an individual. firms. researchers. the logic of copying external defined identities promotes profound decoupling. Die Doppelstruktur von institutioneller und materieller Ebene ermöglicht zu- dem die materiellen Disparitäten durch die formale Homogenisierung der In- . along with managers.) Die Formierung der westlich geprägten Wissens. Leblose Lebendigkeit 191 »verallgemeinerter Anderer«. Wesentlich für die expansive Dynamik dieses Prozesses ist der dem westlichen Wissenssystem innewohnende Universalismus. It is easier to plan economic development than to generate capital or technical and labor skills that can make development happen. die sie zumindest teilweise im Namen einer alternativen. Die »Missionsarbeit« der global operierenden Eliten orientiert sich nun nicht mehr am christlichen Erlösungsgedanken. emanzipativen Praxis vorgeben bekämpfen zu wollen. scientists. mit dem Politischen selbst identisch zu werden. der von den Autoren seinerseits als säkularisierte Weiterentwicklung des Totalitätsanspruchs der christlichen Religio- nen gedeutet wird. womit eine Immanenz produziert wird. die schon allein durch die Annahme der Organisationsform jene Normen exekutieren.und Handlungspraxen zu univer- salistischen Normen trägt dazu bei. and intellectuals who write secularized and un- conditionally universalistic versions of the salvation story. Den Eliten der Peripherie eröffnet die Übernahme der westlichen Institutionen aufgrund ihrer Legitimitätseffekte die Möglichkeit. Wahrheitspolitik nur in den vorgegebenen Grenzen erlaubt. 154 f. This belief is worldwide and structures the organization of social life almost everywhere. Hence. ihren historischen und politischen Charakter zu desymbolisieren. S.« (Meyer/Boli/Thomas 1997. womit sie sich tendenziell gegen jegliche Form der Kritik immunisieren.

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die »Schere« zwischen den wohlverstandenen Interessen und der em- pirischen Option für den Faschismus aus der kindlichen Charakterformierung. dass . aus denen die Frankfurter Schule entstand und der sie lange ihre Arbeit widmete. galt einem spezifischen Problem des »falschen Bewusstseins«. Andererseits leitete er die erste empirische Untersuchung. Warum aber führte diese »Proletarisierung« nicht zu der erwarteten Rebellion gegen die Ursache des Übels. musste auch Gründe in der seelischen Verfassung der Menschen. zumal sie sich selbst zunehmend vom aufsteigenden Stalinismus enttäuscht sahen. Ende der 1920er Jahre schien sich für viele linke Intel- lektuelle die Prognose des Marxismus zu erfüllen. dass die Arbeiter im Westen durch eine »falsche« parteipolitische Führung der Sozial- demokratie oder durch die bürgerliche Propaganda ihren wahren Interessen ent- fremdet worden waren. von der frühkindlichen Entwicklungen und von den Alltagsideologien her. in ihrem Bedürfnis nach autoritären Führern haben. Dass schließlich in Deutschland und Italien so viele Angehörige der unteren Klassen der faschistischen Massendemagogie folgten. die im Bündnis mit dem Kapital stand. konnte nur als »irratio- nal« gelten. Wie aber waren diese autoritären Erziehungsmuster mit der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Klassen verbunden? Erich Fromm. in der analen Ordnungserziehung die Grundlage des kapitalistischen Sparzwangs. reichte vielen kritischen Intellektuellen nicht aus. insbesondere der »analen« Ordnungsdressur und aus der »sado-masochistischen« Autoritätskonstellation in den Familien. Wer seinen »rationalen Interessen« so zuwider handelte. der Triebunterdrückung und damit auch der Entfremdung von den wahren Interessen zu entdecken (Fromm 1970). dass die Mehrheit der früheren kleinbürgerlichen Klassen in die Lohnabhängigkeit und in die Erfahrung von Wirtschaftskrisen abgestiegen war. den Kapitalismus. die den Zusammenhang autoritärer Einstellungen mit der Zugehörigkeit zu bestimmten berufsstatistisch unterscheidbaren Gruppen klären wollte (Fromm 1983 [1929]). Die Ergebnisse waren verwirrend. Wie war dieser Befund zu interpretieren? Es entstand der Eindruck. näherte sich in seinen frühen Studien dem Problem von zwei Seiten. Einerseits glaubte er.Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit Michael Vester Eine der wichtigsten Fragestellungen. wählten? Die Erklärung der 1917 in Russland zur Macht gelangten Kommunisten. neben Wilhelm Reich Pionier dieser neuen Forschungsrichtung. Autoritäre Einstellungen wurden bei einem nicht unerheblichen Anteil der »Arbeiter und Angestellten am Vorabend des Dritten Reiches« – so der Titel der späteren Veröffentlichung – gefunden. Linke Freudianer und linke Marxisten wie Wilhelm Reich (1933) versuchten. Als Erklärung für diese Irrationalität bot sich die Theorie Sigmund Freuds an. indem sie die Partei Hitlers. oder mindestens zu Wahlerfolgen der Linken? Warum handelten stattdessen große Teile der Arbeiter und Angestellten gegen ihre »wohlverstandenen Interessen«. zu erklären.

1. War dann der Unterschied von demokratischen und autoritären politischen Lagern gar kein Klassenunterschied. Zugleich blieb diese weitere Forschung im Rahmen eines theoretischen und methodologischen Paradigmas. h. das einer Klärung dieser Frage im Weg stand. gebildeten und ungebildeten Menschen? Von hier wäre es nur noch ein kleiner Schritt bis zu der Hypothese der konservativen »Soziologie der Demokratie« von Seymour Martin Lipset (1962) gewesen. Zum einen wurden im weiteren Verlauf der Autoritarismusforschung bedeutende Erkenntnis- fortschritte erarbeitet. offenhielt. Demnach wäre der Unterschied zwischen autoritären und demokratischen Grundeinstellun- gen nur ein Ausdruck des Unterschieds von »Eliten« und »Massen«. Die Lösung des Problems. die in diesem Aufsatz entwickelt wird. Auf Suche nach einer neuen Klassentheorie Ein Bruch mit der konventionellen Klassenanalyse wurde erst durch die englischen »kulturellen Materialisten« und durch Pierre Bourdieu möglich.196 Michael Vester autoritäre Mentalitäten über ›alle‹ sozialen Schichten oder Klassen verbreitet wa- ren. Damit konnte auch das konservative Vorurteil nicht ausgeräumt werden. Viele Marxisten sahen ihre Vermutung widerlegt. durch Emporhebung der Milieus der körperlichen Arbeit in die Milieus der geistigen Arbeit und in ihre gewaltfreie Gesittung abzuhelfen wäre. bis zu der abschließenden. die den Zusam- menhang von Klassenzugehörigkeit und Mentalitätsform wieder analysierbar machten. darf nicht vergessen wer- den. d. dem allein durch Bildung bzw. 677) von Anfang an eine große Suggestivkraft für die Intellektuellen und auch für viele Anhänger der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule besaß. sondern ein Unterschied zwischen aufge- klärten und unaufgeklärten. die nach dem Zweiten Weltkrieg den vermuteten Autoritarismus der Arbeitermassen und ihre Neigung zu totalitären Parteien der Rechten und der Linken aus ihrem Mangel an Bildung zu erklären suchte und damit die Gebildeten zur einzigen legitimen und aufgeklärten Elite der Gesellschaft erklärte. lässt sich zeigen. Obwohl diese – nicht nur von Lipset vertretene – Hypothese und die in ihr enthaltene Apotheose der Intellektuellen (Bourdieu 1982. erscheint im Resultat überraschend einfach. sondern durchaus mit bestimmten Klassenlagen und -erfahrungen verbunden ist. S. dass demokratische Ein- stellungen unten und autoritäre Einstellungen oben in der Gesellschaft zu verorten seien. methodologisch weiterweisenden Untersuchung von Michaela von Freyhold (1971). dass die ›offizielle‹ Frankfurter Schule diese Frage bis zuletzt. Diese Offenhalten bedeutet zweierlei. wenn diese auf vertikale und ökonomische Dimensionen . Der Autoritarismus kann nicht in der Klassenstruk- tur verortet werden. dass der Gegensatz von demokratischem und autoritärem Verhalten auf den Gegensatz zwischen »Elite« und »Masse« zurückzuführen sei. dass auch der Unter- schied zwischen demokratischen und autoritätsgebundenen Grundeinstellungen nicht nur aus dem Gegensatz von »rational« und »irrational« erklärt werden kann. Auf ihren Ansätzen aufbauend.

in dem herkömmlichen Verständnis der Klassenstruktur. Sie fanden entweder autoritäre Dispositonen in ›allen‹ sozialen Schichten (Fromm 1983) oder sie gestanden ein. das das grandiose Selbstbild des charismatischen Intellektuellen umso mehr leuchten lässt. etwa zwischen den Milieus der körperlichen Arbeit und der Facharbeit werden nicht erkannt oder abgewertet. Horizontale Differenzierungen innerhalb der Volksklassen. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 197 verkürzt wird. wie Bourdieu hervorhebt. dass die Intellektuellen ihre eigene Klassenstellung selten reflektieren. wäre notwendig.und Bildungsstatistik und auf das vertikale Herrschaftsgefälle der Gesellschaft redu- ziert. von Freyhold 1971). damit zusammenhän- gen. Zusam- menfassend forderte Michaela von Freyhold (1971. Durch diese vertikalisierenden Schemata der Bewertung und Abwertung geraten die kulturellen und horizontalen Klassenunterschiede. d. ihr Sinn für das Körperliche als Affinität zur Gewalt. Dieser Reduktionismus mag. So wird am Bildungsstreben der Facharbeiter gern das Schulmäßige. Aufgrund dieser theoretischen und methodolo- gischen Konventionen haben. das die Analyse auf die vertikale und die ökonomische Dimension der Ungleichheit verengt. Die theoretischen Ursachen dieser Erkenntnisblockade liegen. so wird erkennbar. . um die soziale Herkunft der einzelnen Syndrome zu ermitteln […]«. h. so scheint mir. Beziehen wir aber auch die horizontale und die alltagskulturelle Dimension ein. auch die Untersuchung von Erich Fromm und die späteren Studien des Instituts für Sozialforschung den Zusammen- hang von Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit nicht auffinden können. nicht genügend Fälle aus den unteren und den weniger gebildeten Schichten enthielten (Adorno u. Oder die kulturellen Unterschiede werden gesehen. Angepaßte oder gar »Kleinbürgerliche« herausgehoben. so meine These. In blinder Gewohnheit werden soziale Ungleichheiten auf Unterschiede der Berufs. […] Eine repräsentative Untersuchung. dass gerade kritische Intellektuelle sich gern als klassenlose Aufklärer ver- stehen und daher Reflexionen darüber für überflüssig halten. 1950. dass die Stichproben ihrer Befragungen einen ›middle class bias‹ hatten. 252) mit Bezug auf eine neuere Studie: »Aussagen über sozialstatistische Merkmale einzelner Typen können lediglich hypothetischen Charakter beanspruchen. Die Schwierigkeiten lagen vor allem in den intellektuellen Konventionen. deren Hartnäckigkeit Pierre Bourdieu damit erklärt. ihre bildhafte Sprache als Mangel an Elaboration. ob ihr eigenes Gesell- schaftsbild durch eine intellektuelle Perspektive von oben verzerrt sei. 177. Theo- retisch und methodologisch waren aber erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden. da die Auswahl der Befragten nicht unter dem Gesichtspunkt der Repräsentanz erfolgte. die mit der Art der Lebens- führung. in der man neben der A-Skala eine kürzere Variante des Intensiv- Interviews verwenden könnte. aus dem Blick. dass die autoritären Potentiale vor allem in den Klassenkulturen am rechten Pol des sozialen Raums reproduziert werden. Fleißige. Der Sinn der Volksklassen für das praktisch Nützliche wird als Materialismus abgewertet. a. Aus dieser Sicht stellen sich die Unterschiede der Kultur häufig nur als die Differenz zwischen »höherer Bildung« und »Unbildung« dar. um zu diesem dialektischen Klassenkonzept zu gelangen. aber durch Ästhetisierung abgewehrt. des Geschmacks und der Alltagspraxis zu tun haben. S.

und familiensoziologischen Per- spektiven und Autoren repräsentierte. bei einer Minderheit der kritischen Intellektuellen ein zunehmendes Bewusstsein entstanden. bestand. Der Impuls kam aus dem Umfeld des Frankfurter Instituts. die die neuen Denkrichtungen und neuen Bewegungen für eine antiautoritäre Erziehung und Kultur begründeten. (Allerdings war dieser Ou- vrierismus nur eine von mehreren Strömungen. Gleichzeitig entwickelte sich ein reger Austausch mit den linken Dissidenten in Osteuropa sowie auch der frühen neuen Linken in Frankreich. Im Vordergrund dieser Versuche. Die Nähe des Instituts motivierte seinerseits die sozialistischen Studenten in Frankfurt. dass diese neue Erziehung und Kultur dazu beitragen sollte. sondern auch theoretisch aufzuarbeiten. theoretische Verengungen rückgängig zu ma- chen. 1936) – ein breites Spektrum von ökonomischen. Günter Amendt und Reimut Reiche. Als Motiv nannten sie alle ausdrücklich und unter Berufung auf die Frankfurter Autoritarismusforschung. Hierzu gehörte nicht zuletzt die Wiederaneignung der durch Fa- schismus. Stalinismus und Kalten Krieg verdrängten Theorien früherer und neuerer Dissidenten des Marxismus. in Frage gestellt werden. standen zunächst historische Autoren wie Rosa Luxemburg. in denen die Frankfurter Schule eine besondere Ausstrahlung gewann. sozial- historischen. passiven und intellektuell führungsbedürftigen Opfer sehen wollte. war das Projekt von antiautoritären Sozialisten wie Monika Seifert- Mitscherlich. die in den Arbeitern nur die bewusstlosen. die Defizite der alten Orthodoxien nicht nur politisch. Für die Fragestellung von Klasse und Kultur haben vor allem zwei miteinander verbundene Einflüsse Gewicht erlangt. von Oertzen 1976 [1963]) stand. ohne Blick auf das Leiden an sozialer Ungerechtigkeit. die mit den alten autoritären und ökonomistischen Orthodoxien gebrochen hatten. Karl Korsch. Damit mussten aber auch die soziologischen Ansätze. zu der auch die ersten Raubdrucke der vergessenen Bücher beitrugen. wie sie Herbert Marcuse (1967 [1964]) vertrat.) Aus der New Left erlangten die Arbeiten zum Zusammenhang von Klassen und . Ein starker Bezugspunkt wurde der internationale Ouvrierismus. Diese vielfältigen Impulse haben Forschungen zu vielen Fragen angeregt. Die intensive Wiederaneignung dieser ver- schütteten Traditionen. dessen Studierende und jüngere Mitarbeiter in den frühen 1960er Jahren häufig dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und der nichtkommunistischen Linken anhingen (vgl. a. und für Bewegungen der Marginalisierten. eine Wiederkehr des Faschismus zu verhindern. wie sie Georg Lukács (1923) vertrat. da in Frankfurt auch ein fruchtba- rer Nährboden für leninistische Parteikonzepte. sozialpsychologischen sowie kultur. England und den USA. Hier haben die Forschungen der englischen New Left und später Pierre Bourdieus Bedeutung erlangt. der sich auf den Sozialismus der Arbeiter- räte und der Arbeiterintelligenz berief und für den in Frankfurt Monika Seifert- Mitscherlich und in Göttingen Peter von Oertzen (vgl. Wilhelm Reich und die frühe Frankfurter Schule. Für die Klassenperspektive der Intellektuellen wie auch für die Defizite der herkömmlichen Klassentheorie ist in den 1960er Jahren. Italien. die ja – etwa in Autorität und Familie (Fromm u.198 Michael Vester indem sie geschmäcklerisch beschrieben werden. Demirovic 1999).

a. mit Clarke/Hall 1979). Richard Hoggart (1964) sowie Stuart Hall. für den das Sym- . Die neuen Theorien von Williams und Thompson wurden nicht nur in Westdeutschland (vgl. mit desen Hilfe die komplexen Dimensionen der englischen Ansätze in ein Konzept der gesamtge- sellschaftlichen Klassen. die Peter von Oertzen herausgab. indem sie den geisteswissenschaftlichen Kulturbegriff durch den ethnologischen Kulturbegriff ersetzten. Bourdieu und Williams stellten dem eine »materialistische« Wendung entgegen. Aber es fehlte ein Vorbild und elaboriertes Konzept. und die Zeitschrift des SDS. betrachtete. Edward Thompson (1963). 1979 legte Bourdieu. Thompson 1980a. Im Gespräch mit den Autoren von Ästhetik und Kommunikation verwies uns Thomp- son 1976 auf die theoretische Leistung von Bourdieus Habituskonzept (»Bourdieu does what I should have done«). mit La distinction. Doch erst die nach 1965 entstehenden Studentenbe- wegungen gaben diesen neuen. und trugen auch selbst zu dieser ersten Rezeption bei. 1993/2001). in der u. in Ideologien und in der Ästhetik ausdrückten. a. Die hannoverschen Forschungen sind seit 1967 wesentlich durch die von Erich Gerlach und Peter von Oertzen getragene Rezeption der englischen Klassen- kulturforschung angeregt worden. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 199 Kultur eine besondere Wirkung. die Theorien der englischen New Left vorzustellen (Brandt 1961). von Oertzen. In ihnen ging es zunächst um die Aufarbeitung der neuartigen Forschungsansätze zur Geschichte und Transformation von Klas- senkulturen. sondern auch in einer Nische kritischer Kulturwissen- schaft in Ostdeutschland (Mühlberg 1978/1978/1985) breit weitervermittelt.b). 1976. Geiling u. ›antiautoritären‹ Kulturtheorien eine breite Reso- nanz in der linken und wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Die Gruppe um Axel Honneth trug wesentlich zur Rezeption der Birminghamer Cultural Studies bei (u. Hans-Peter Riesche und ich uns besonders für diese Diskussion einsetzten.und Kulturkonzept Der entscheidende Impuls des Ansatzes Bourdieus und des verwandten Ansatzes von Williams und seinen Kollegen lag in dem Bruch mit dem idealistischen Konzept von Kultur. 2. die neue kritik. wie sie sich in theoretischen Diskursen. So bewegten wir Gerhard Brandt. das von 1988 an durch eine Reihe von Forschungsprojekten über den Wandel der Klassenkulturen und der sozialen Gesamtstruktur in Deutschland vorangebracht wurde (Vester. die Raymond Williams (1963). Sie öffnete den Horizont für die Entwicklung eines Gesamtkon- zeptes der Dimensionen des Habitus und des sozialen Raums. die erste gesamtgesellschaftliche Analyse der Klassenkulturen einer hochentwickelten Ge- sellschaft vor. Der Bruch mit dem idealistischen Klassen. Diese regte eine Reihe historischer Fallstudien und Dissertationsveröffent- lichungen an. Assistent und später Professor am Frankfurter Institut. welches die sozialen Bewusstseinsformen allein aus der Perspektive der Hochkultur. a. vermittelt durch die ouvrieristische Zeitschrift Arbeitshefte. dazu. John Clarke und andere (1979 [1975]) vorgelegt hatten.und Kulturanalyse hätten integriert werden können. Vester 1970. Manfred Liebel. Thomas Leithäuser.

und Handlungsmustern Habitustypen zu bestimmen.200 Michael Vester bolische noch mit der Struktur sozialer Beziehungen und der Geschmack noch mit dem Schmecken zu tun hat. Ideologiekri- tik stützen. wie sie sich in den faschis- tischen Ideologien und in den Alltagsstereotypen faschistoider Persönlichkeiten der Analyse anboten. eine Lösung. die sich methodologisch auf die klinische Diagnostik der Psychoanalyse und die qualitative Inhaltsanalyse bzw. Für uns Jüngere. Wir sahen dagegen in der von Williams begründeten neuen Forschungsrichtung eine neue Perspektive. in der Williams die Kulturen des Bürgertums und der Arbeiterklasse einander gegenübergestellte (Williams 1963). auch die Theorie der sozialen Klassen zu revolutionieren. Mit der Möglichkeit. Adorno war dieser zwischen den beiden Polen liegende Bereich der gesellschaftlichen Normen und der von Gruppenzusammenhängen ausgeübten sozialen Kontrolle als ein Hindernis der individuellen Autonomie und Reflexion tief suspekt. die bis dahin über die Forschungen Adornos und des Instituts für Sozialforschung zur Analyse von Typen und Syndromen der Persönlichkeit gekommen waren. Die westdeutschen Diskussionen. die geeignet ist. ohne dass es nötig war.oder Arbeitsteilungen zusammenhingen. des Geschmacks und der Alltagsmoral. brachten dies auf die Formel »Was dem Bürger sein Goethe. Die »ethnologische« Ebene war dagegen nicht eigenständig und kon- zeptionell durchgearbeitet. die eine bunte Vielfalt ausdrückten. Konflikte und Aushandlungsweisen aufeinander verwiesen waren. Die (»vertikalen«) Konflikttheorien hatten the- matisiert. ohne zu fragen. über einen programmatischen Aufsatz (Vester 1976). Für diese beiden Bereiche waren und sind die Konzepte der Frankfurter Schule besonders entwickelt. Denn die Frankfurter Ansätze legten ihr Augenmerk besonders auf die beiden äußeren Pole der Persönlichkeitsstruktur: einerseits auf die individuelle psychische Tiefendynamik und andererseits auf die Legitimationen. auch zur Parole. Die Möglichkeit emanzipatorischer Milieukulturen stand ihm nicht vor Augen. als Alltagskultur mit eigenen Prinzipien der Lebensweise. Die (»horizontalen«) Differenzierungstheorien hatten demgegen- über noch angegeben. die Leistungen der Frankfurter Schule auf den anderen beiden Ebenen abzuwerten. aus der praktischen Methodo- logie des sozialen Raums heraus. aus sozio-kulturellen Deutungs. Das neue Paradigma definierte Klasse nicht nach ökonomischen Interessen oder statistischen Standards. Seine Landkarte des sozialen Raums (Bour- . füllte dies die entscheidende Lücke. wie die verschiedenen Berufsgruppen durch Funktions. und diese wurde. ob und wie diese Milieus miteinander eine Konfiguration von gesellschaftlichen Bezie- hungen bildeten. Sollte nun auf die Darstellung gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge ganz verzichtet werden? Bourdieu entwickelte hierfür ganz unprätentiös. die darüber in den 1970er Jahren in der Berliner Zeitschrift Ästhetik und Kommunikation geführt wurden. ist dem Arbeiter seine Solidarität«. sondern als einen »whole way of life« (Williams). wie die Erwerbsgruppen durch Herrschaftsbeziehungen. waren jedoch nicht alle Probleme gelöst. Bekannt wurde diese Sichtweise zuerst durch die historische Unter- suchung Culture and Society. Ein ab- schreckendes Beispiel war seit den 1980er Jahren die zunehmende Produktion von Typologien der Lebensstile. mit der weitergearbeitet werden konnte.

h. als Gegenbewegung eine rechtspopulistische Mobilisierung der autoritären Potentiale am rechten Rand der mittleren und unteren Milieus mög- lich. Schon aus dieser knappen Beschreibung der beiden Grunddimensionen ist . so betonen die Autoren. a. Selbst- bestimmung und demokratische Mitwirkung aufbauen. dem Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. die sich mit der Stammkultur ihrer Eltern und mit der hegemonialen Kultur der Gesellschaft auseinandersetzen. Die beiden Grundachsen entsprechen einem zentralen Theorem von Marx. der sozialen Bewegungen und der verband- lichen. Die horizontale Achse entspricht dabei der Dynamik. 2001). also nicht aus dem Ökonomischen direkt ableitbaren Prozess auch eine kulturelle Differenzierung heraus. Die neuen Lebensstil. einen wachsenden Druck für mehr Teilhabe. d. Die Klassenkulturen ver- schwinden nicht. wie ihm dies Adorno unterstellte. Hiergegen ist › so sehen wir heute wieder. in der die nichtautoritären Werte. insofern sie die vertikale Dimension der Herrschaft und die horizontale der Funktionsteilung nicht gegen- einander ausspielt. also durchaus nicht nur Konformismus. in den Formen der individuellen Konkurrenz. dass zum linken Pol hin die autoritären Dispositionen immer mehr abnehmen. kann dynamisch verstanden werden. Sie ist zum anderen hochkomplex.und Habitusformen wären demnach kein Bruch mit der alten Klassenkultur. Clarke. sondern modifiziert. Vester u. betrieblichen. Dabei wird aber. Macht und Chancen. allerdings nicht als ein automatischer Effekt von Bildung. wie Durkheim (1988) ausführt. die das Verhältnis zwischen Herrschenden und Be- herrschten ausdrückt.und Mitbestimmung. sondern durch die Kämpfe um mehr Selbst. politischen und kulturellen Gegenmächte. Dieses Theo- rem lässt sich auch auf die nichtökonomischen Bereiche der Gesellschaft aus- weiten. in der schon Durkheim (1988 [1893/1902]) das Streben nach Individualität und Emanzipation angelegt sah. als treibendes Mo- ment. – Insgesamt lässt sich nachweisen. sondern fächern sich nach Art von Familienstammbäumen weiter auf. Das Achsenkonzept lässt sich weiterdenken (vgl. die Selbst. sondern kämpfen auch um Einfluss. a. (1979) sehen hier die Jugendkulturen. durch die sich in der bürgerlichen Gesellschaft eine zunehmende Arbeitsteilung. sondern. Die Akteure stehen sich hier nicht nur in statischen Konstellationen von Mächtigen und Ohnmächtigen gegenüber. Fach- kompetenz und kulturelles Kapital an Gewicht gewinnen. weil Bourdieu – in unserer Inter- pretation – diesen sozialen Raum nicht als geschlossenes System statischer Fest- legungen oder Schubladen.) ist zum einen verblüffend einfach. miteinander kombiniert. Parallel zur beruflichen Differenzierung bilden die Milieus in einem aktiven. sondern als offenes. S. die beherrschten Milieus ihre Kräfte vermöge ihrer auf der ersten Achse wachsenden intellektuellen und kulturellen Kompetenzen mehren. Spezialisierung und intellektuelle Kompetenz herausgebildet hat.und Mitbestimmung. Auch die vertikale Achse. In diesen Kämpfen können. als Grundachsen des sozialen Raums. Hall u. die Klassenkultur der Eltern- generation nicht aufgegeben. 212 f. bewegtes und differenziertes Kräf- tefeld mit sehr verschiedenen Handlungsebenen auffaßt. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 201 dieu 1982. sondern eine Modernisierung im Rahmen ihrer Grundwerte.

Der Umstand. Damit faßt er auch die beiden theoretischen Momente in ein dialektisches Konzept zusammen. so erkannte er in Thompson nicht nur den historischen Empiriker. als Teilung nach Habitustypen allein (Abb. die gleich- . Die Dimensionen des Habitus Diese Fragen einer gesamtgesellschaftlichen Theorie. Für unser Thema bedeutsam ist einstweilen. Zum einen ist das soziale Handeln nicht aus einer einzigen Ebene. des Politischen gelten bis zu einem gewissen Grade jeweils eigene »Spielregeln« (Bourdieu). In den Feldern des Privatlebens. nehmen die Akteure dabei auch verschiedene Aggregatzustände an. dass die Milieus mehrdimensional verortet werden können. der Zeit. mit statischen Momenten (wie verfestigten Spielregeln und akkumulierten Macht- positionen) und mit dynamischen Momenten (den Kämpfen in den Regeln und Positionen und auch um die Regeln und Positionen). geht es um die Praxis der Akteure zwischen Wandel und Beharrung. Vester 2002). insbesondere zu Thompson. sollen hier nicht weiter verfolgt werden.und Funktions- teilung. so dass die räumlichen Konfigurationen und Beziehungskonstellationen sichtbar werden. sondern als Kräftefeld. Durch das Konzept des Feldes ergibt sich eine weitere. die eng- lische industrielle Revolution. dass der soziale Raum sich zusätzlich in zwei weiteren Dimensionen aufspannt. die an anderer Stelle aus- führlicher erörtert sind (Vester u. wie wir sehen werden. 3. als Prozess eines differenzierten »field of force« neu analysiert und damit auch Friedrich Engels‹ These von der Verelendung als Trieb- kraft der Revolution außer Kraft gesetzt hat (Thompson 1963. Bourdieu versteht die soziale Welt nicht als »System«. In der vierten Dimension. 2). als Teilung nach historischen Traditions- linien (Abb. des Kulturellen. nach den verschiedenen Handlungsebenen analysiert und dargestellt werden. dass es mehrere Raumbilder der sozialen Milieus gibt. 1980b). des Ökonomischen.202 Michael Vester ersichtlich. 3) und als Teilung in gesellschaftspolitische oder ideologische Lager (Abb. etwa der ökonomischen. Wie Bourdieu (1983) in Anlehnung an die Relativitätstheorie ausführt. der seinerseits eine der größten gesamtgesellschaftlichen Transformationen. 4). mit seinem »Konzept des Feldes«. 2001. als Teilung nach Berufs- gruppen und nach Habitustypen (Abb. insbesondere die schon durch die Achsen angezeigten Beziehungen der Herrschaft und der Arbeits. Diese Teilungen können. ableitbar. a. auch den Initiator einer theoretischen Revolution. »relativ autonomen« (Bourdieu) Feldlogiken. die ihren jeweiligen Ressourcen und Strategien wie auch den Felddynamiken entspre- chen. sondern es differenziert sich in verschiedene Hand- lungsebenen mit je eigenen. wie Bourdieu für die Kulturtheorie von Williams besondere Hochachtung hatte. So. 1). bisher weniger beachtete enge Korrespondenz zu den englischen Theorien. sondern. die in den Struk- turtheorien (die die Regeln und Positionsgefüge verabsolutieren) und den phäno- menologischen Theorien (die die Konstruktion durch die Akteure verabsolutieren) auseinanderfallen.

dass diese Strategien aufgrund eines gewissen Realismus in der Regel. führen sog. heute fast ganz verschwunden ist. für die Mehrheit und im Regelfall. Wenn wirtschaftlicher Struk- turwandel sie unerreichbar macht. 1949) haben auch auf die historische Ungleichzeitigkeiten hinge- wiesen. Sie errei- chen diese Positionen erst vermöge bestimmter. »rationalen Interessen« zu erklären. wie die Gesellschaft. Soziologen wie Theodor Geiger (1932.und Le- benswelten ergaben. dass der Habitus. im Habitus angelegter und durch die Ressourcen der Herkunftsgruppe gestützter. Es lässt sich empirisch belegen. dass diese Dispositionen sich von sich aus oder zwangsläufig in eine neue faschistische Gefahr übersetzen müssen. dass wir aus einer Berufsgruppe nicht unvermittelt und mechanisch auf einen bestimmten Habitus der alltäglichen Lebensführung und von diesem nicht auf eine bestimmte politische Ideologie schließen können. Die meisten sozialen Wanderungen erweisen sich nicht als Auf. Die Beharrungskraft der Milieus wird zudem oft auf den anderen Hand- lungsebenen abgestützt.oder Abstieg. Wenn wir in bestimmten Zonen des sozialen Raums autoritäre Dispositionen auffinden können. wenn wir die Dynamiken der verschiedenen Felder sowohl analytisch getrennt wie auch in ihrem Zusammenhang untersuchen. die gerade durch ihre Bereitschaft zu gewissen Flexibilitäten und Umstellungen ihre Zähigkeit erwirbt. Zwar hat. in sozialen Abstieg oder unter- privilegierte Lagen führen. der Sozialkontakte und des Bildungserwerbs. Dazu gehört nicht nur die frühe Verfestigung psychischer Strukturen. Aber dieses »eher« zeigt schon an. wie wir sehen werden. »Umstellungsstrategien« (Bourdieu) oft zu Ersatzzielen in der Nähe und mit ähnlichen Erfordernissen an Bildungs- kapital. das Geiger vor Augen hatte. Wenn diese Bewegungen aber. insofern wir die autoritären Dispositionen »eher« rechts und die demokratischen Dispositionen »eher« links im sozialen Raum finden können. macht schon deutlich. Die Akteure erwerben ihren Habitus ja bereits in den Familien und der Jugendkultur. eine Bauerntochter Erzieherin oder ein Großgrundbesitzer Unternehmer oder Rechtsanwalt wird. eine logische und empirische Priorität der Milieus und eine Beharrungskraft der Habitusmuster. die die Akteure aufgrund ihrer ökonomischen Position im sozialen Raum haben oder haben sollten. wenn auch nicht immer. zu den ihnen entsprechenden Lebenszielen führen. etwa in Wirtschaftskrisen. die nicht bruchlos ineinander übergehen. Auch wenn das Beispiel. Strategien des Fortkommens. die kleinbäuerliche Betriebsstruktur und Mentalität. die sich aus die historische Beharrungskraft bestimmter Berufs. bedeutet dies noch nicht. sondern als horizontale Wanderungen in Richtung des linken Pols im sozialen Raum. Damit wird mit der Gewohnheit bürgerlicher wie auch marxistischer Theorien gebrochen. wird nicht der Habitus der Unterprivilegierten über- nommen. wie sie die Psychoanalyse diagnostiziert. Dies können wir nur dann einschätzen. sondern (»vornehm geht die Welt zugrunde«) am eigenen Habitus festgehalten. bevor sie in Berufspositionen eintreten. Habitus und soziales Handeln aus den sog. . die horizontale Achse eine Bedeutung für das Autorita- rismusproblem. etwa wenn ein ungelernter Landarbeiter Hilfsarbeiter. Die Zugehörigkeit zum Klassenmilieu und seiner Kultur begründet also. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 203 sam wie Landkarten aus Pergamentpapier übereinandergelegt werden können. von verschiedenen Handlungsebenen durchzogen ist.

die für die Überlebensstrategien der traditionellen Arbeiterklasse not- wendig waren.. in den kleinbürgerlichen Milieus mit autoritären Werten. Ist damit aber bereits ein autoritäres politisches Potential gegeben? Adorno (1950. nicht alle Autoritären. dass der Zug der analen Ordnungsliebe. der die Unterwerfung unter Autoritäten mit der Aggressionsabfuhr auf Sündenböcke verbindet (von Freyhold 1971. Dies bestätigen seine Typologien. für hand- lungsleitend zu erklären. Adorno standen diese verschiedenen Ebenen der Persönlichkeitsstruktur vor Augen. a. zur Religion. ohne den Kontext zu anderen Zügen. und in bestimmte Schemata der gesellschaftspolitischen Ideologie. dass jeder Typus nur als ein komplexes »Syndrom« beschrieben werden kann. zum Krieg usw. Hitler konnte bei seinem größten Wahlerfolg. S. Ihm war klar. Ursula Jaerisch (1975) hat hervorgehoben. Andere autoritäre Potentiale wurden offensichtlich von den autoritären Teilen des katholischen Zentrums. die einen Typus nur nach einem einzigen Merkmal oder Zug festlegen wollen. Jae- risch 1975). in denen der autoritäre Zug sich verschieden kombiniert – und daher auch in einem breiten Spektrum unterschiedlicher autoritärer Typen und auch in bestimmten demokratischen Ty- pen wiederzufinden ist. als ein aus vielen. In den traditionel- len Arbeitermilieus verbindet sich der anale Zug mit demokratischen Werten. d. Vereinen und Gemeinden. h. zur Staats. etwa als Grundlage der Tugenden der Arbeitsdisziplin und des sparsamen Wirt- schaftens. Für autoritäre Dispositionen gibt es also immer noch einen strukturellen Ort in kon- servativ-traditionellen Betrieben. die auf geringe Berufsqualifikation und auf hohe Unterordnungsbereitschaft setzen. Doch können diese Dis- positionen weltanschaulich verschieden eingebunden sein. zur Gewalt. In seiner theoretischen Konzeptionalisierung hat er das Syndrom-Kon- zept deutlich von jenen Typenbildungen abgegrenzt. 2001). 1973. der Sozialdemokratie und der Kommunisten gebunden. 303–359) war sich dessen bewusst. die von ihm selbst ermittelten Züge der Autoritätsgebundenheit und der analen Triebdisziplinierung allein. zur Toleranz und zum Gehorsam usw. sondern vornehmlich jene 37% Stimmen gewinnen. aber auch in einen politischen oder konfessionellen Konservatismus oder in autoritäre linke Ideologien.204 Michael Vester leben ähnliche hierarchisch-patriarchalische Strukturen in bestimmten traditionel- len Wirtschafssektoren im rechten Teil des sozialen Raums noch weiter. auch wenn dieser nach und nach an Boden verliert. nach einer bestimmten Logik zusammenhängenden einzelnen Zügen bestehendes Ge- samtbild. dass die tiefenpsychischen Dimensionen in bestimmte Sche- mata der Alltagsmoral übersetzt werden. In der Authoritarian . 744–783. unter Adornos Anleitung. in Einstellungen zum Verhältnis der Geschlechter. zu den Minderheiten. Der autoritäre Zug kann in eine faschistische Ideologie eingebunden sein.Wirtschaftsordnung. die früher konservativ und deutschnational gewählt hatten. noch einmal deutlich herausgearbeitet worden. dass der Zug der analen Selbst- disziplinierung durchaus auch in nicht-autoritären Habitus eine Rolle spielen kann. In der jüngeren Frankfurter Schule ist. Es wäre demnach auch nicht zwingend. der oft bei Autoritären auftritt. im September 1932. Auch wir fanden dies bestätigt (Vester u. deutlich unterschieden werden muss von dem sadomasochistischen Zug. S.

222) durch eine Skala von schließlich etwa elf State- ments reduziert. Ein psychisch autoritätshöriger Mensch kann in ein tolerantes Milieu-Umfeld geraten und wird dann dessen Ansprüchen ent- . 1950) wurden auch alle diese Dimensionen mit qualita- tiven und quantitativen Verfahren untersucht. ethnozentrischen und politisch-ideologischen Vorurteilsstrukturen entwickelt wor- den. Aber es wurde dann auf eine einzige Dimension. die sog. Empirisch ergeben sich Verhaltensmuster nicht aus ersten Ursachen und einer einzigen Dimension.oder A(utori- tarismus)-Skala.. streuen aber in geringerer Verdichtung auch um diese herum. sondern hängen nicht zuletzt von der Gravitation in den andern Handlungsfeldern ab. mit der Skala überall gültige Messungen autoritärer Potentiale durchführen zu können. die seit 1950 die F-Skala benutzt hatten. Die Skala wurde sogar über statistische Tests und qualitative Befragungen erfolgreich validiert. 1950. Dieser Umstand hat zu einem naiven Glauben geführt. Heterogenere Stichproben. die verschiedenen Dimensionen des Habitus und ebenso die erwähnten drei hauptsächlichen Handlungsebenen des Habitus analytisch streng zu unterscheiden: die Tiefendynamik des Charakters mit den psycho- analytischen Methoden. sondern aus dem Zusammenwirken aller sozialen Instanzen und Kontexte in den sozialen Beziehungsfeldern. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 205 Personality (Adorno u. S. hätten voraussichtlich die Grenzen der Skala gezeigt. dass die Überprüfung der Gültigkeit über Stichproben von Befragten stattfand. Für unterschiedlich positive oder negative Bewertungen der State- ments wurden Punkte vergeben. Daraus ergibt sich. Ihre Einzelfälle konzentrieren sich zwar um bestimmte Schwerpunkte im sozialen Raum. die die Milieus von College-Studierenden und Angehörigen der Mittelklasse bevorzugten. 57–279). die Muster der alltäglichen Lebensführung mit kultur- soziologisch-ethnologischen Methoden und die ideologisch-weltanschaulichen Muster mit den Methoden der ideologiekritische Inhaltsanalyse und der politischen Soziologie. a. als ich 1961 im Auftrag des Frank- furter Instituts in New York die Dissertationen durchgesehen habe. war zwar aus umfangreicheren Skalen zu den antisemitischen. So folgt aus einer autoritären psychischen Disposition häufig. Dieses. dass die Habitustypen nicht wie Schubkästen auf einen abgeteilten Platz im Regal der Milieutypen festgelegt sind. Es bleibt notwendig. die dann das Maß des Autoritarismus abgeben sollten. die einmal vorhandene Dis- positionen auch abwandeln. das »Messen impliziter antidemokra- tischer Tendenzen« (ebd. a. S. das den Autoritarismus als eine einzige Dimension zu messen vorgibt. Die Abweichungen von dieser Gravitation sind aller- dings in der Regel nicht zufällig. die auch Arbeitermilieus – die Wertedimensionen anders kombinieren – einbezogen hätten. Die Wirkungsgeschichte dieses Buches ist demgegenüber durch eine Verengung auf ein Untersuchungsinstrument gekennzeichnet. F(aschismus). Das Problem der Skala war nicht nur die Reduktion auf eine einzige Mess- dimension. Ich habe dies selbst mit Erschrecken festgestellt. aber nicht immer eine durch- gehend autoritäre Lebensführung und aus dieser wiederum nicht zwingend die Übernahme faschistischer Ideologien. auch wenn sehr wohl eine Gravitation in diese Richtung wirksam ist. die viele Dimensionen abbildeten (Adorno u. sondern auch der Umstand.

der in einem autoritätsfixierten Milieu-Umfeld lebt. 4. Geiling u. Bourdieus Theorie wurde eher als ›deterministisch‹ abgewehrt und nicht für neue Impulse genutzt (vgl. zu den autoritären Fraktionen der verschiedensten ideologischen Lager finden. die so frucht- bar begonnen hatte. des Lagers der politischen Apathie wie auch der Lager des religiösen oder politischen Konservatismus. wenn die ausschließ- liche Geltung einer der verschiedenen Habitusebenen behauptet wird. Ein Mensch. Gerade diese später erworbenen Muster sind es. Dazu. etwa von Ernst Schachtel (1983 [1929]). Adorno betonte. wie die Züge und Ebenen des Habitus theoretisch und methodologisch geordnet werden sollten. 1962). der bereits früh Formen des Geschmacks und Stils bestimmten Typen zuordnete. Adorno hat die Unterscheidung der drei Habitusebenen nicht immer kon- sequent beachtet. wurde in dem Konkurrenzkampf der beiden Männer deren Ausschließlichkeit zum Thema. zweitens das Konzept eines nicht nur . Die Methodologie der Milieuanalyse Eine Weiterentwicklung der Theorie und Methodologie des Klassenhabitus. Die Untersuchungen Fromms haben sich stärker der Ebene der Habitusmuster der alltäglichen Lebensführung genähert. also in die Richtung Bourdieus ging. a. mit der wir von 1987 bis 1992 die Habitus- typologie und die sozialstrukturelle Topik der westdeutschen Gesellschaft er- forscht haben (vgl. die eine deutlichere Zuordnung zu sozialen Milieus oder Klassenfraktionen ermöglichen. gibt es nur wenige Klärungen. Als Bourdieu (1979) schließlich in diese Richtung ging. kann wiederum. Eder 1989). Dazu war methodologisch vor allem zweierlei notwendig: erstens die Rückkehr zu einem mehrdimensionalen Konzept des Syndroms. hatte die verbliebene Frankfurter Schule das Thema bereits aufgege- ben. Als ein solches können auch die Kontroversen mit Erich Fromm und Karen Horney verstanden werden (Adorno 1955. 2001 [1993]). Vester. Bei Fromm und Horney ging es aber um ebenfalls wichtige Muster der späteren Sozialisationsphasen. wurde in einer von der Volkswagen-Stiftung geförderten Untersuchung begonnen. Honneth 1984. Obwohl es sich – aus heutiger Sicht – um zwei gleichermaßen wichtige Ebenen des Habitus handelte. war nicht möglich. Dies zeigen seine Texte und auch die seiner Mitarbeiter. Die Weiterentwicklung der typenbildenden Persönlichkeitsanalyse.206 Michael Vester gegenkommen. die die diskutierte Kritik berücksichtigt. das auch in einer standardisierten repräsentativen Befragung anwendbar war. oft auch Vermischungen und teilweise unglückliche Missverständnisse. von Oertzen. der Linken oder des rechten Populismus. Dieser Strang wurde kaum weiterverfolgt. dass die Charakterstruktur nur durch die tiefenpsychischen Mechanismen und die traumatische Entstehungsge- schichte zu erklären sei und warf Fromm eine Revision der Psychoanalyse vor. nachdem Adorno Fromm in seinen leitenden Aufgaben im Institut ersetzt hatte. je nach den auf dem Lebensweg entstehenden Verbindungen.

2001. Zwar wurde dieser durch die Einführung der kostengünstigeren Mikroelek- tronik in der 1980er Jahren erleichtert. Hierzu mussten wir zum einen nach Abschluss des ersten Projektes die qualitativen Erhebungen wieder aufnehmen und dazu auch neue Untersuchungsinstrumente für die typenbildende Habitusanalyse entwickeln. 2001. um die – besonders durch die geschlechtliche Arbeitsteilung strukturierte – Binnenstruktur der Milieus herauszufinden (Vester/Gardemin 2002) und um durch Subclusterung die ur- sprünglich neun Milieus in insgesamt zwanzig in sich homogenere Milieus aufzu- gliedern (Wiebke in: Vögele/Bremer/Vester 2002). Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 207 vertikalen. Vester u. eine Weiterent- wicklung des zuerst in Frankfurt verwendeten Gruppendiskussionsverfahrens (Bremer 1999. Eine besondere Schwierigkeit war weiterhin. der ebenso durch die Vielzahl der Variablen der Einstellungen und der Sozialstatistik bedingt war wie durch die Notwendigkeit. aus Habitus und sozialstatistischen Verortungen ein Milieu-Syndrom zu bilden. zu- nächst auch unklar. sondern mehrdimensionalen sozialen Raums. sondern nur hermeneutisch möglich. S.und Faktorenanalysen. S. der vertikalen und der zeitlichen Achse im sozialen Raum zu verorten waren. Zum anderen erforderte die Auswertung einen erheblich höheren Auswer- tungsaufwand. h. 2001). Aber sie wurden von Adorno und seinen Mitarbeitern aus unbekannten Gründen nicht verwendet. wie Hofstätter (1962. Schließlich war. in der statistischen Analyse standa- disierter Befragungen überhaupt nicht mehr mit Skalen zu arbeiten. 275–409. S. wie die Milieubeschreibungen (Vögele/Bremer/Vester 2002. Auch dies war nicht rechnerisch. mit dem die Widersprü- che bisheriger Analysen zu lösen waren. Zum einen erforderte die Vielfalt der Züge der Syndrome eine Operationalisierung mit 44 Items. sondern ein hermeneutischer Aus- wertungsprozess. In diesem Prozess wurden Inkonsistenzen unserer ursprünglichen Raumkonzepte sichtbar. a. Allerdings ist die Verwendung eines mehrdimensionalen Habitus-Indikators erheb- lich aufwendiger. d. die Gültigkeit eines jeden von den Rechnern vorgeschlagenen Typus mittels qualitativer For- schungen zu den Habitustypen und mittels theoretischer Kriterien zu überprüfen. das. die erst durch eine durchgreifende Neudefinition der vier Achsen des sozialen Raumes und der von ihnen ausgedrückten gesellschaftstheoretischen Konzepte möglich wurden (Vester 1998. einer etwa vierfach höheren Zahl als bei einer Skala. a. da Bourdieu seine Methodologie nicht ausgearbeitet hat. 503–541) und im Schlussteil dieses Aufsatzes zeigen. Vögele/Bremer/Vester 2002). Aber die Auswertung war nicht nur eine primär rechnerische Operation. Zum an- deren mussten wir neue multivariate Rechnungen durchführen. Teiwes-Kügler 2001. . durch eine langwierige Tiefenanalyse und Interpretation jedes Typus und vor allem auch der feinen Unterschiede zu den anderen Milieutypen. wie die Milieus nach der horizontalen. 408) in einer Kritik an der Eindimensionalität der A-Skala betont. Zum ersten Punkt gehörte die Entscheidung. wie bei Skalen. sondern mit mehrdimensionalen Cluster. nicht nur Einstellungen (wie in den Unter- suchungen der Frankfurter Schule). sondern auch äußere Lebensverhältnisse zu- ordnet. Diese Verfahren waren schon zur Zeit der Authoritarian Personality möglich. insbesondere die »mehrstufige Gruppenwerkstatt«. Vester u.

untersucht. in der Erwerbsstruktur und in den sozialen Bewegungen – zunächst getrennt untersucht. 2001. auch für Westdeutschland bestätigt (Vester u. die sie inzwischen in größerem Umfang in der kirchlichen und der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit verwenden. von denen ein Einfluss auf die Veränderung von Milieus und Mentalitäten vermutet wurde. Damit wurde die These von Clarke. Zum anderen bedeutete dieser Wandel aber keinen vollkomme- nen Bruch mit den fünf Herkunftskulturen aus den oberen. dass sie auch von Nichtexperten unmissverständ- lich verarbeitet werden können. In der Habitusanalyse kehrten wir Bourdieus Reihenfolge der Analyseschritte um. dass die jüngeren Milieus die Habitusmuster ihrer Klassenherkunft nicht aufgeben. 311–369). sondern für neue Umstände abwandeln. Daher wurden die Veränderungen auf den verschiedenen Feldebenen – im Habitus. konnten zu fünf Typen zusammengefaßt werden. Durch deren Interpretation ge- langte er schließlich zu den Habitustypen. soziale Bezie- hungsmuster.208 Michael Vester Abschließend mussten die komplizierten Raumbilder und Syndrombeschrei- bungen so überarbeitet werden. a. determinis- tische Ableitungen der Veränderungen des Habitus aus den ökonomischen Struk- turen zu vermeiden. Befragt wurde eine große Stichprobe von Angehörigen der neuen sozialen Milieus und ihrer Elterngeneration in drei ausgewählten Regionen. Ein Vergleich der Habitustypen der Eltern. der Gleichstellung von Frauen und Ausländern und ökologisch- pazifistische Ziele. Die Fallprofile. Parallel wurden der Wandel auf den beiden anderen Feldebenen. werden hier nur kurz zusammengefaßt. a. gestützt auf nichtstandardisierte lebensgeschicht- liche Interviews. ideologische Einstellungen usw. S. welche Berufe. Der Wandel der Milieustrukturen In dem Mehrebenen-Ansatz des Forschungsprojekts kam es darauf an. die eine ähnliche Syndromstruktur hatten.und Kindergeneration bestätigte schließlich zweierlei. Durch intensive hermeneutische Interpretationsverfahren gelangten wir zu den Habitus- Syndromen der Einzelfälle. 2001. der demokratischen Mit- bestimmung. in drei Projektteilen. 5. Zum einen vertrat die jüngere Generation in verstärktem Maße insbesondere die Werte der Selbstverwirklichung. Die Verfahren und Ergebnisse der Untersuchung. (1979). welche Attribute und Praktiken des Lebensstils sie bevorzugten. 215–218. die erst später in einer integrierten Analyse zusammengeführt wurden. wurde gefragt. a. Hall u. 2002). Bourdieu begann mit den Berufsgruppen und fragte dann. Ausbildungen. a. Vögele u. die andernorts ausführlich dargestellt sind (Vester u. Zum einen ging es um die Veränderungen der Erwerbsstruktur. Wir begannen dagegen mit den Ein- stellungsmustern des Habitus. Mit den Daten . um die Makrostrukturen des sozialen Raums und darin den Ort der autoritären Dispositionen zu verdeutli- chen. mittleren und unteren sozialen Milieus. für sie ›typisch‹ waren. Erst als diese Habitus- typen gefunden waren.

a. »neuen Berufe«. sondern auch. 222–244). die übrigen verteilten sich über Milieus. Von den Angehörigen der »neuen Berufe« gehörte nur etwa die Hälfte den neuen Milieus zu. dass die Befragten auch an den sozialen oder politischen Generationenkonflikten teilgenommen hatten (Vester u. 253–310). die aus jeweils anderer Perspektive und in vereinfachter Form die gefundenen Strukturen des sozialen Raums veranschaulichen. Zum anderen ging es um die Rolle der neuen sozialen Bewegungen bei der Herausbildung neuer Habitusmuster in der Jugendkultur. Hierzu wurde 1991 in Westdeutschland eine umfangreiche und repräsentative standardisierte Befragung nach dem erweiterten Ansatz Bourdieus durchgeführt (Vester u. S. Aber diese Aussage ließ sich nicht umkehren. 2001. S. Vester 2001) bestätigt. 373–426). Aber diese Entwicklungen waren auseinander nicht direkt ableitbar. Ausschlaggebend für den Habituswandel war vielmehr. im Habitus und im politisches Verhalten. aber seit den 1980er Jahren einen zunehmenden Realismus im Sinne einer Variante der Herkunftskulturen (Vester u. Insgesamt wurde eine parallele Linksdrift auf allen drei Feldebenen. 2001. 1) besteht darin. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 209 der amtlichen Statistik seit 1950 wurden nicht nur die Verschiebungen zum Dienst- leistungssektor hin analysiert. die Milieus nach den Berufszuge- . Eigenverantwortung und horizontale Vernetzung erforderten. Über drei regionale Längsschnittuntersuchungen wurde belegt. die weniger ›progressiv‹ waren.und Verantwortungskom- petenzen. Insgesamt hatte sich allein bis 1987 der Anteil der sog. anschließend die drei Einzelstränge der Untersuchung in eine integrierte Analyse zu überführen. Die erste Perspektive (Abb. Der berufliche Wandel war also eine notwendige Begleiter- scheinung.und Bildungsmobilität über drei Generationen. die deutlich mehr Fachqualifikation. 23– 118). von etwa 5% auf mehr als 22% erhöht. a. Damit konnten wir die These einer beschleunigten Linksdrift auf allen Stufen des Raums der Berufspositionen bestätigen (Vester u. für insgesamt 163 Berufsgruppen. (Die bleibende Aktualität der Ergebnisse wurde durch eine teilweise ähnliche Befragung im Jahre 2000 (s. bestätigt. aber keine hinreichende Ursache des Habituswandels.) Für jede befragte Person wurden alle Feldebenen. Die neuen Milieus ge- hörten zwar überwiegend den »neuen Berufen« zu. In einem statistischen und hermeneutischen Auswertungsprozess konnten nun für die ge- samte Gesellschaft die typologischen Strukturen. Von entscheidender Bedeutung war es. a. S. absoluten Bruchs. erfragt. wie durch soziale und politische Kämpfe. S. die Beziehungen zwischen den Feldern und die Dynamiken im sozialen Raum näher bestimmt werden. Diese zeigten zunächst Züge eines ›fundamentalistischen‹. a. 2001. 2001. die Zunahme kulturellen Kapitals und der Entscheidungs. Aus den differenzierten Ergebnissen sind hier vier räumliche bzw. einschließlich der Habitustypen und der Berufs. Durch ein spezifische Verfahren der Einordnung in den sozialen Raum (nach Geiger 1932 und Bourdieu 1982) wurden die Bewegungen im sozialen Raums nachgezeichnet. durch neue Abgrenzungen und Koalitionsbildungen die im ersten Pro- jektteil gefundenen neuen Varianten der Milieus und ihrer Weltdeutung entstanden waren. zeitliche Gesamtbilder ausgewählt. in der Erwerbsstruktur. um sie aufeinander und auf die gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse beziehen zu können.

1 Verortung der Milieus in Bourdieus Raum der beruflichen Positionen .210 Michael Vester Abb.

Die Daten für die Bundesrepublik belegen eine deutliche. die sich allerdings in einer Raumzone mit ähnlicher Ausstattung an kulturellem und ökonomischem Kapital konzent- rieren. Die Tradionslinie der Facharbeit (Nr. Die elliptischen Linien umrunden jeweils die Feldzonen. sondern übergreift mehrere Berufsgruppen. Ein Milieu ist auf den untersten Teil des sozialen Raums beschränkt. S. Für jedes Milieu zeigt sich eine gewisse Streu- ung. 2001. zwei ›Familien- stammbäume‹. . Die räumliche Verteilung weist darauf hin. 2.2) zeigt einen ähnlichen. markiert durch kräftige Umrahmung. 503–525). Drei Milieus teilen sich den oberen sozialen Raum. das die emanzipatorischen und radikaldemokratischen Werte besonders verkörpert. Die Abbildung bestätigt eine relative Homologie zwischen Berufs. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 211 hörigkeiten ihrer Mitglieder in den sozialen Raum Bourdieus einzuordnen. 50–54). Diese sind das geal- terte und schwindende »Traditionelle Arbeitermilieu«. die wir schon als Mitte der ersten Abbildung kennen. a. das nicht allein auf der öko- nomischen Arbeitsteilung beruht. zeigen (Vester u. Die Abbildung zeigt eine räumlich-zeitliche Gliederung in nur wenige große Traditionslinien. Frankreichs und Italiens. Dies lässt sich besonders am Beispiel der ›respektablen Volks. 2. nach historischen Traditions- linien gruppiert. aber weniger radikalen Generationenwechsel. 34–36. Dieses reicht von dem schrumpfenden kleinbürgerlichen Arbeitnehmermilieu in der rechten Hälfte bis zu den wachsenden modereren Arbeitnehmermilieus links von der Mitte. dass die Milieus ein Gefüge aufeinander angewiesener Spezialisierungen bilden. die an anderer Stelle ausführ- lich portraitiert sind (Vester u. Das gleiche Gesamtmuster lässt sich auch an den Daten und Landkarten anderer Gesell- schaften. Die Traditionslinie der ständisch-kleinbürgerlichen Arbeitnehmermilieus (Nr. In der zweiten Abbildung haben wir die Milieus. Zwischen dem Oben und Unten bilden fünf Milieus ein horizontal stark differenziertes Feld. Damit deutet sich eine räumliche Struktur an. a. Aber jeder Habitustypus ist nicht auf eine bestimmte Berufsgruppe beschränkt. wenn auch langsame horizontale Drift.und Habi- tusposition. die den Autoritarismus durch mehr Toleranz und moderne Lebensstile abmildern. Die meisten von ihnen haben sich nach Art von Familienstammbäumen seit 1982 weiter in sich differenziert. die große. 2 kursiv hervorgehoben) zugunsten jüngerer Milieus ab.1. Offensichtlich ist die Gesellschaft in Gruppen gegliedert. wobei die jüngeren Zweige jeweils modernisierte Abwandlungen der älteren Zweige sind. in denen die Mehrheit des Milieus ihre Berufspositionen hat. 2001. Wir finden hier. der Kern der früheren Arbeiterbewegungen) besteht aus drei Generationsgruppen. In den konservativen Traditionslinien nehmen die älteren autori- tären Milieus (in Abb. aber stagnierende mittlere Generation des »Leistungsorientierten Arbeitnehmermilieus« und die rasch wachsende jüngere Generation des »Modernen Arbeitnehmermilieus«. S. beispielsweise Großbritanniens.und Arbeit- nehmermilieus‹ veranschaulichen. die sich nach ihrer »ganzen Lebensweise« und nicht nur beruflich unterscheiden. In den demokratischeren Traditionslinien vertreten die wachsenden jüngeren Teil- milieus immer deutlicher radikaldemokratische und emanzipatorische Ziele. aber auch ein Schwerpunkt. Der Raum ist parallel nach Habitustypen geteilt.

(um 30 %) 20 % – ca. die nicht nach Berufspositionen. gruppen: milieus – Statusorientierte (ca.2. Generationen (a. 5 % –0 %) Neues Kleinbürgertum (um 5 %) – Postmodernes Milieu (0%.3. Differenzierung der Traditionslinien nach Untergrup- tale Differenzierung nach Traditionslinien pen (–) bzw. 6 %) 2. 9 % – ca. näher untersucht (Vester u.1. 8 %) 2. aber keineswegs verschwunden.und Arbeit- nehmermilieus (um 66 %) 2. Spiegel 1996). Die folgende Abbildung (Abb.und Arbeitnehmer. dienstleistenden Funktions. 2 Traditionslinien sozialer Milieus in Westdeutschland 1982–2000 Die Milieus mit einem unverändert autoritärem Habitus sind insgesamt ge- schrumpft. 4 %) 1.212 Michael Vester Die vertikalen Milieustufen und ihre horizon. 18 %) (c) Modernes Arbeitnehmermilieu (0 % – ca. mit Intelligenz: Milieus der humanisti. 10 % – ca. mit drei Teil- gierten Volks. 9 % – ca. aus dem eine konservative oder auch eine rechtspopulistische Politik schöpfen kann. a. Besitz: Milieus der wirtschaftlichen 10 %) und hoheitlichen Funktionseliten – Großbürgerliches Konservatives Milieu (ca. zusammen etwa 26%. Die Verortung erfolgte nach den impliziten Distinktionsprinzipien. Obere Milieus (um 25 %) 1. auch mittels der repräsentativen Befragung von 1991. 10 %). Die Prozentsätze stützen sich auf Daten des Sinus-Instituts (SPD 1984. Traditionslinie(n) der unterprivile. 4 %) 1. »Respektable« Volks. Sie umfassen oben das kleinbürgerlich- konservative Milieu. Avantgarde der Jugendkultur * Hedonistisches Milieu (ca. sondern nach Habitustypen gegliedert ist. wie sich die Milieugrößen von 1982 bis 2000 verändert haben. Traditionslinie von Macht und Konservativ-technokratisches Milieu (ca. 28 % – Traditionslinie ca. 1993. Die drei oberen Milieus. 3) übersetzt die Daten der Milieus in eine stilisierte Landkarte. 5 %) (um 10 %) – Kleinbürgerliches Konservatives Milieu (ca. Flaig u. Ständisch-kleinbürgerliche (a) Kleinbürgerliches Arbeitnehmermilieu (ca.1. 2 %) Zur Beachtung: Die Prozentzahlen in der linken Spalte geben die Bandbreite der Milieugrößen an. 10 % – ca. nach denen die Milieus sich voneinander abgrenzen. Traditionsloses Arbeitnehmermilieu.ca. a. Die Prozentzahlen in der rechten Spalte geben an. Mit zusammen 25% bilden sie noch ein starkes Potential. Traditionslinie der Akademischen Liberal-intellektuelles Milieu (ca. in der Mitte das kleinbürgerliche Arbeitnehmermilieu und unten die statusorientierten Traditionslosen Arbeitnehmer. 6 %) – Unangepaßte (ca.b. unterscheiden sich von den gewöhnlichen Volksmilieus . Kulturelle Avantgarde einschließlich – Alternatives Milieu (ca. 12 %) (um 12 %) 3. 1992. zwei Teilgruppen: schen u. 3 %) (um 12 %) – Resignierte (ca. – Progressive Bildungshumanisten (ca.3. 14 %) (zwischen 28 % und 22 %) (b) Modernes (klein)bürgerliches Milieu (0 % – ca. Die Zuordnung der westdeutschen Milieus ist. Traditionslinie der Facharbeit und (a) Traditionelles Arbeitermilieu (ca. 1993/2001). a. 4 %) der praktischen Intelligenz (b) Leistungsorientiertes Arbeitnehmermilieu (ca. 5 %) eliten (um 10 %) – Moderne Dienstleistungselite (ca. 8 %) 2. Becker u. Abb.c) in Westdeutschland (1982 bis 2000) 1.2.

18% Milieu TRA- ditio- nelles ca. intellektuelles technokratisches Distinktion nes Milieu ca. 10% Milieu ca. Kultur und geschmack- liche Kennerschaft legen. 8% ca. hierarchie- gardistisch verantwortlich gebunden autoritär Differenzierungsachse TRA TLO PO LIBI KONT MO Konservativ- Post. Ihr Habitus ist auf eine Lage der Unsicherheit und Ohnmacht abgestimmt. In der horizontalen Dimension können wir eine dreifache Unterteilung erkennen – und eine entsprechende Bewegung des Auseinanderdriftens von autoritären und nichtautoritären Milieus. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 213 LIBI KONT PO MO Die Milieus MOA MOBÜ der alltäglichen Lebensführung im sozialen Raum H Westdeutschlands 2000* E KLB D LEO avant- eigen. zu den Rechten von Minderheiten und zur sozialen Hierarchie. Unter ihnen sehen wir die unterprivilegierten Milieus mit geringer Ausbildungs. 2% ca.de durch den besonderen Wert. 3% sozialen Raum Westdeutsch- land 2000 agis. Unter dieser ›Trennlinie der Distinktion‹ finden wir die ›respektablen‹ Volksmilieus. Klein- Milieu bürgerliches ca. Rechts grenzen sich die . 3 Die Milieus der all.uni-hannover. 8% HED LEO Hedonis. Die horizontalen Unterschiede liegen in den Einstellungen zur Autorität. 6% MOA MOBÜ Modernes Habitus der Modernes bürgerliches Herrschaftsachse Arrivierten Arbeitnehmer. 10% Milieu ca. Habitus der Notwendigkeit TLO Traditionslose Arbeitnehmermilieus täglichen Lebensführung im Unangepaßte Resignierte Statusorientierte ca. 6% ca. sondern in den hori- zontalen Teilungen der Gesellschaft. Sie liegen unter der unsichtbaren ›Trennlinie des Respektabilität‹. Für sie sind gute Facharbeit oder ein sicherer sozialer Status die Grundlage der Selbstachtung. Leistungs- tisches KLB Habitus der Milieu orientiertes Strebenden Arbeitnehmer. Milieu Milieu ca. 14% Arbeiter- milieu ca. 4% Abb. Die Unterscheidung von demokratisch-emanzipatorischen und von autoritär- konventionellen Milieus zeigt sich nicht in den vertikalen. weniger auf stetiges Streben als auf spontane Nutzung von Gelegenheiten und auf die Anleh- nung an Mächtigere. 12% Arbeitnehmer- ca. Liberal- Habitus der moder.und Berufsqualifikation. den sie auf höhere Bildung. Daher werden sie von den anderen Milieus nicht sehr ge- achtet. mit etwa 64%.

so wie in der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule beschrieben. Die autoritäre Statusorientierung und aggressive Einstellungen gegenüber Minderheiten konzentrieren sich vor allem bei Teilmilieus. während Bourdieu (1982. S. dass ihre vergleichsweise niedrigen und veralteten Bildungs. Dabei wird ebenso die Langsamkeit wie die Nachhaltigkeit der Größenverschiebungen zugunsten toleranterer und weniger autoritärer Milieus deutlich. 585–619) die Volksklassen eher kurz und zusammenfassend charakterisierte und sich auf die feineren Unterteilungen der oberen und der kleinbürgerlichen Milieus konzentrierte. S. 404–409). Links von ihnen finden wir die Milieus. S. 4) führt uns zu der Frage. Dadurch. und sie wandeln sich mittelfristig (aber ohne den Rahmen der Herkunftskultur zu verlassen).und Berufsabschlüsse nicht ausreichen. des Selbstbewusstseins und auch demokratischer Toleranz ist. Durch eine Feinclusterung haben wir insgesamt die Unterteilung der Gesamtheit der Milieus in zwanzig nach Mentalität und äußerer Lage homogenere Teilmilieus gefunden (Wiebke. die Differenzierung der Volksmilieus in drei Traditionslinien. 359–364. sondern nur auf die Analyse . Die Frage nach dem politischen Ausdruck der Klassenverhältnisse ist aber damit nicht beantwortet. Dabei zeigt sich eine deutliche Verbindung von habituellen und sozialstrukturellen Entwicklungen. gegliedert in mindes- tens neun Teilmilieus. Dabei konnten auch die Habitus. Sie grenzt sich mit idealistischen Ansprüchen vom abwägenden Realismus der horizontalen Mitte ab. um mit der Modernisierung der Wirtschaft und der Lebensstile mitzu- halten. konnten wir unsere Daten mit denen aus den Jahren 1982 und 2000 in Beziehung setzen. S. und auch durch eine andere Befragung im Jahre 2000 (Korte/Weidenfeld 2001. Autoritäre und demokratische Lager in der Politik Die vierte Landkarte (Abb. Sie setzen diese Erfah- rung.und Datenprofile der in der Typologie ausgewiesenen streng autoritären Teilmilieus erarbeitet werden (ebd. Vester 2001). Vor allem sie sind die »Modernisierungsverlierer«.. in: Vögele/Bremer/ Vester 2002.. 304–309. wie sich die Konflikte der Ökonomie und des Alltagslebens im politischen Feld umsetzen. Die Darstellung unserer Befunde von 1991 hat nutzen können. Die Methode. 275–409). Am linken Rand sehen wir eine hedonistische Avantgarde der Jugend- kultur. dass das Heidel- berger Marktforschungsinstitut ›Sinus‹ seine repräsentativen Erhebungen der Rah- mengrößen der Milieus von 1982 bis zum Jahre 2000 durchgeführt hat. Unsere bisherige Argumentation hat die Frage nach dem Fortbestand sozialer Klassen salomonisch beantwortet: sie bestehen im Alltagsleben weiter (aber nicht als gesamtgesellschaft- liche Kampflager). die die Erfahrung machen. für die gute fachliche Arbeit die Grundlage des Selbstvertrauens.214 Michael Vester kleinbürgerlichen und die konservativsten Gruppen ab. in Ressentiments gegen sozial Schwächere um. 532–541). herauszuarbeiten (ebd. 6. 510–525. hat es uns ermöglicht. direkt von den Habitustypen auszugehen.

Clarke/Hall . Dies signalisierte schon der Titel: »Starke Hand gesucht. 444–472). wird meist unterschätzt.und Faktoren- analysen unserer repräsentativen Befragungsdaten überprüfen. Die Lager waren. Der Trend gehe zu einem von den neuen Dienstleistungsschichten getragenen zivilgesellschaftlichen Modell mit universalistischen Zielen »jenseits von links und rechts«. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 215 des politischen Felds. seit 1990 unveränderlich um 60 % liegt (Vester u. wie es die kritische Milieuforschung schon länger weiß (Lepsius 1973 [1966]. Wir fanden insge- samt sechs gesellschaftpolitische »Lager«. Es geht davon aus. diagonal über verschiedene Milieus (Abb. vgl. eine Stagnation ihrer Einkommen hinnehmen. Zur Exklusion der Armen und Dauerarbeitslosen und zur Preka- rität der Ungesicherten kommen noch zwei andere Problemlagen hinzu. a. Abermals weitere 20–25 % leben in Situationen der Knappheit. Eine entgegengesetzte Diagnose bietet das von Ulrich Beck und Anthony Giddens gemeinte »neue Politikmodell« (Giddens 1997). Aus diesen Zahlen wird erklärlich. Vielmehr verteilten sie sich jeweils vertikal bzw. Beide Thesen ließen sich über typenbildende statistische Cluster. wie erwartet. Seit dem 1980er Jahren ist für weitere 25–30 % der Wohlstand »prekär« geworden. dass in der Bundesrepublik nach wie vor eine stark autoritäre Mentalität zu Hause ist – im Osten wie im Westen. Korte/Weidenfeld 2001). S. Die Studie. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt: Autoritäre Einstellungen und Angst vor den Fremden steckt auch in den Köpfen der bürgerlichen Mitte«. Es handelte sich also. Im Dezember 2000 berichtete Die Zeit über eine Studie. Die Caritas- Studie (Hübinger 1996) hat deutlich gemacht. dass die rund 10 %.und Ausgrenzungssituation von dauerhafter Arbeitslosigkeit und Armut befinden. Der Umfang der vorpolitischen Probleme sozialer Gerechtigkeit. die sich in der Not. jeweils gut dokumentierte Schieflagen sozialer Gerech- tigkeit zugrunde. wie diese Unzufriedenheit politisch umgesetzt wird. Zum einen mussten durch die Strukturkrise Millionen von Arbeitnehmern den Wechsel in weniger gesicherte Arbeitsverhältnisse bzw. Darüber. verschoben. Mittel- und Oberschichten« (Hofmann 2000). die über die Politiker »verdrossen« sind. 2001. in dem um die Art der gesamtgesellschaftlichen Ordnung und der sozialen Gerechtigkeit gekämpft wird. 4). nicht deckungsgleich mit der Teilung der Gesellschaft in Milieus. 2001. in Unter-. nur die Spitze des Eisbergs sind. so hieß es. a. »untermauert die Annahme. die jeweils verschiedenen Vorstellungen der sozialen Gerechtigkeit und der gesellschaftpolitischen Ordnung anhingen (Ves- ter u. weil diese für die kleinen Leute zu wenig tun. die vor allem die autoritäre und ausländerfeindliche Verarbeitung der sozialen Unsicherheiten be- tont. Zum anderen werden immer noch Frauen und Ausländer sowie viele Jüngere und Ältere durch vergleichsweise schlechtere Einkommen diskriminiert. Dem liegen verschiedene. sie können periodisch unter die Sozialhilfegrenze sinken. nach deren politischer Umsetzung gefragt werden soll. dass durch den Wohlfahrtsstaat und den Wertewandel die mit der früheren Arbeiter- bewegung verbundenen Modelle materieller Verteilungsrechtigkeit überholt seien. warum nach Umfragen der Anteil derer. kursieren zwei verschiedene Trenddiagnosen.

Der Grund liegt offensichtlich in einer elitistischen Ideologie. Am rechten Pol sehen wir eine noch relativ starke Integrationskraft kon- servativer Politik. Ausländer usw. Kein anderes Lager zeigte solche Nähe zu der unpopulären neoliberalen Politik. die den Volksmilieus abgesprochen wird. die die eigene höhere Position mit einer puritanischen Arbeitsethik rechtfertigt. sondern auch auf den anderen Rängen der Gesellschaft Zulauf hat. um Koalitonen verschiedener Milieufraktionen über die Milieu- grenzen hinweg. Spiegelbildlich kann die SPD vor allem Arbeitnehmer aus moderneren Milieus und Lagern mobilisieren. dass vor allem die großen Parteien. Entgegen den Erwartungen war das Lager jedoch nicht auf dem Weg zur Mehrheit. über den modernen CDU- Flügel. Die neue Dynamik der Lager wird deutlich. die Radikaldemokraten. Interessanterweise gibt es ein anderes Lager.216 Michael Vester 1979 [1975]). im Vordergrund. auch einen Teil der konservativen Arbeit- nehmer. soll auch an Wohlfahrt und Wirtschaftswachstum teilhaben. die meist eine lange historische Tradition haben. als Volksparteien. Dieses Lager der Sozialintegrativen (um 13 %) stützt sich weitgehend auf die moderne Reformintel- ligenz. zwischen mehr autoritären oder konservativ-demokratischen und mehr reformde- mokratischen Dispositionen. das einzige Lager mit geringer Anhängerschaft unterhalb der oberen und aufsteigenden Milieus. die CDU/CSU die Arbeitnehmer aus den kon- servativeren Milieus und Lagern mobilisieren. wenn sie ihre Klientele aus den verschiedenen Milieus und Lagern mobilisieren und repräsentieren wollen. die nicht nur oben. Die Verortungen drücken den Spagat aus. sozialen Komponente verbindet. . aber zugleich mit einer anderen. die vor allem aus den Volksmilieus der Facharbeit kommen und ein Modell der Solidarität auf Gegenseitigkeit vertreten. Auf der Basis der gleichen Alltagsethik unterteilen sich die Milieus nach verschiedenen weltanschaulichen. stehen tatsächlich die Ziele der Bürgergesellschaft und Ökologie. Hinzu kommt. wie die Abbildung ausweist. sondern auf 11 % beschränkt und. den die politischen Parteien bewältigen müssen. Damit ist es einem anderen Lager sehr nahe. der Emanzipation nach Geschlecht und Ethnie usw. ihre Anhänger jeweils aus mehreren Lagern schöpfen müssen. So kann z. Die konservativen Lager umfassen zusammen noch immerhin 32%. das diese radikaldemokratischen Werte ebenfalls vertritt. sondern auch der Arbeitnehmermilieus und der sozial Benachteiligten. aber. auch einen Teil der moderneren Arbeitnehmer. Hier liegen auch die Soll-Bruchstellen der Parteienlandschaft. wenn auch mit gewissen Schwerpunkten. Wer zu Produktivität und Sozialstaat beiträgt (und wer unverschuldet in Not ist). B.. Unter den reformdemokratischen Lagern fanden wir auch das Lager des »neuen Politikmodells« von Beck und Giddens. nämlich der Integration nicht nur der Frauen. – Beide Lager sind in ihren Vorstellungen von Solidarität von der Politik stark enttäuscht. Aber sie erodieren nach zwei Seiten hin. aber. Die Lager bilden sich durchaus auf einer Achse zwischen rechts und links ab. Für dieses Lager. über den rechten SPD-Flügel. zu den Modernisierungsgewinnern mit ihren neuen Lebensstilen und zu den autoritären Modernisierungsverlierern. den Skeptisch Distan- zierten (um 18 %). wenn wir sie in die Landkarte der Milieus eintragen. religiösen oder politischen Lagern.

aber es will auch dafür sorgen. Das Lager verlangt zwar besonderen Respekt vor höherem Status. 4 Die gesellschaftpo. Unsere Befragung verwies auf ein nicht geringes autoritäres Potential am rechten und unteren Rand der sozialen Land- karte.de Zu den konservativen Lagern gehören zum einen die Gemäßigt Konservativen (ca. 18%) Abb. das in der Rolle des ›Patrons‹ ist.uni-hannover. mit beklemmenden 27%. Das Mo- dell folgt dem Patron-Klient-Muster. Damit übt es Druck aus auf das Lager der Traditionell-Konservativen (um 14 %). 18%). dass keine soziale Gruppe aus ihrem System gestufter Rechte herausfällt. Es vereint diejenigen Verlierer der ökonomischen Moder- . Dies ist allerdings bereits geschehen. Allerdings hat sich ein Drittel dieses Lagers moderneren und toleranteren Lebensstilen zugewandt. in dem Loyalität durch paternalistische Für- sorge vergolten wird. 14%) Sozialintegratives Lager (ca. 13%) Gemäßigt-Konservatives Lager (ca. 18%) Enttäuscht-Autoritäres lager (ca. die ihren Schwerpunkt in den kleinbürgerlichen Arbeitnehmermilieus haben und ein hierarchisch strukturiertes Solidaritätsmodell bevorzugen. 11%) Traditionell-Konservatisves Lager (ca. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 217 Die gesellschaftspolitischen Lager der Bundesrepublik Deutschland Radikaldemokratisches Lager (ca. 27%) litischen Lager im Raum der Milieus agis. Skeptisch-Distanziertes Lager (ca. Hier bilden ältere und teilweise jüngere Milieus mit wenig Bildungskapital und unsicheren Zukunftsperspektiven das Lager der Enttäuscht Autoritären.

die ihre Enttäuschung nach autoritärem Muster verarbeiten. Den vertikalen Kräfteverhältnissen entspricht das Umfrageergebnis. die das Modell des demokratischen Wohlfahrtsstaats erneuert? Diese zweite Möglichkeit ist nicht ohne Chancen. so wie dies Ralf Dahrendorf für das 21. dass – wie in anderen Ländern Europas – rechts- populistische Parteien hier ihre fast 20 % Proteststimmen gewinnen können. Auch hier bilden sie kein frei flottierendes Potential. die das Gesund- . Doch kann dieses Ziel ver- schieden umgesetzt werden. wie es die extremen Modelle des Protektionismus und des Neoliberalismus verlangen. Die autoritären Verarbeitungsformen kon- zentrieren sich in bestimmten. dass es dafür mögliche gemeinsame Nenner gibt. die soziale Enttäuschung überwiegend im Rahmen eines relativ stabilen demo- kratisch-toleranten Habitus verarbeitet. durch konservative Koalitionen im rechten Teil des sozialen Raums oder durch reformerische Mitte-Links-Koalitionen. Vielmehr sind sie mehrheitlich noch von den großen Volksparteien gebunden.und Oberschichten verbreiten. dass die in der Zeit beschworenen autoritären Men- talitäten noch stark sind und sich auch tatsächlich über die Unter-. abgegrenzten Milieus des rechten und unteren sozialen Raums. Vielmehr wird in den demokratischer orientierten Lagern. Zusätzlich könn- ten die 27% des protektionistischen Lagers durch eine Politik sozialer Mindest- garantien ins Boot geholt und den Rechtspopulisten abspenstig gemacht werden. die ihre Fürsorgepflichten vernachlässigen. in der die vertikalen Kräfte von oben und unten und die horizontalen Kräfte von rechts und links zusammenwirken. dass die auseinanderstrebenden Interessen nur noch durch eine autoritäre Politik zusammengehalten werden kön- nen. Sie sehen sich von der übrigen Gesellschaft ausgegrenzt und kompensieren dies mit Ressenti- ments gegen Ausländer. jedenfalls im Vergleich mit der herkömmlichen Teilung in ein Oben und Unten oder ein Rechts und Links. Ein solcher historischer Kompromiss wäre sowohl unter sozialdemokratischem wie unter konservativem Vorzeichen möglich und mehrheitsfähig. Er würde aber auch noch erhebliche Konflikte zu regeln haben. Regionalwahlen zeigen aber. das beliebig von rechten Demagogen mobilisiert werden kann. Mittel. dass die bedrohlichen autoritären Potentiale ›überall‹ sind.218 Michael Vester nisierung. Aber diese Bindung ist nicht mehr sicher. auch wenn sie seine Erneuerung durch mehr Mitbestimmung von unten wünschen. Ein Vergleich der sozialpolitischen Ordnungsmodelle der sechs Lager (Abb. Bedeutet dies. Sie wollen gegen die Risiken des Strukturwandels durch eine protektionistische Wirtschaftspolitik und eine restriktive Zuwanderungspolitik ge- schützt werden. vor allem solange die Politik die Modernisierungsverlierer vernachlässigt. alles Moderne und die Politiker. 5) zeigt. Für sie gehören Solidarität und individuelle Verantwortung zusammen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Insgesamt zeigt sich zwar. Jahrhundert befürchtet? Oder kann eine neue Integrationsformel gefunden werden. Aber dies heißt nicht. Insgesamt mag dieses Panorama ideologischer Lager als sehr heterogen er- scheinen. bei den Sozialintegrativen und den Skeptisch-Distanzierten. Aus Realismus wählen sie traditionell meist CDU/CSU und SPD. Die Lager bilden durchaus eine übersichtliche Konfiguration. Die Modelle der Solidarität überwiegen mit 49 %. wie suggeriert wird. dass immer noch mehr als 80% das Modell des Wohlfahrtsstaates wollen.

offene ethnozentrische oder autoritär-aggressive Konnotationen peinlichst vermeidet und zugleich ein sozialdarwinistisches Aus- leseprinzip verwendet. deutsch- sprachige Wohnbevölkerung ab 14 Jahren in Privathaushalten. 18 % Protektionistische Modelle (ca. das soziale Unterschiede ›politisch korrekt‹. Dies ist nie ein automatischer Prozess gewesen. 18 % (4) Sozialintegratives Lager (SOZ): progressiv-solidarisches Modell ca. 27 %) (6) Enttäuscht-Autoritäres Lager (EA): populistisches Anspruchsmodell ca. Die großen Volksparteien haben dafür selber die Verantwortung. Kapitel 12) Abb. eine andere Gefahr. 14% Solidaritätsmodelle (ca. Vester u. Rechtspopulistische Mobilisierungen haben nur dann Erfolgschancen. mit Unter- schieden der Leistung und der Bildung. 13 % (5) Skeptisch-Distanziertes Lager (SKED): Modell der Gegenseitigkeit ca. Es ist auch ein anderes. in nicht wenigen Ländern an die 20% Rechtspopulisten in die Parla- mente zu bringen. Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 219 Elitemodelle (ca.. der.und Faktorenanalyse (M. eingebüßt haben.und Sozialsystem. 25 %) (1) Radikaldemokratisches Lager (RAD): progressiv-liberales Elitemodell ca. schon tatsächliche Basis von Mitte-Rechts-Regierungen. . 27 % Repräsentativbefragung »Gesellschaftlich-politische Milieus in Westdeutschland« 1991: n = 2. 2001. Dabei besteht. Vor allem neoliberale Eliten vertreten einen Autoritarismus. um. In diesem Falle können größere Wählergruppen von den Christ- demokraten nach rechts und von den Sozialdemokraten zu den Nichtwählern wandern. aber doch groß genug. nicht allein in Italien. wenn sie mit einer neoliberalen Wirtschafts- politik die ›kleinen Leute‹ verprellen oder durch tatsächliche oder vermeintliche Vorteilsnahme ›der Politiker‹ das Vertrauen verspielen. Sie bilden damit die mögliche oder. 5 Gesellschaftspolitische Lager und soziale Ordnungsmodelle in der Bundesrepublik heits. a. Allerdings sind diese Entwicklungen nicht zwangsläufig. Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. 49 %) (3) Gemäßigt-konservatives Lager (GKO): konservatives Solidaritätsmodell ca. Szenario möglich. begründet. den prekären Sektor des Arbeitsmarkt und die immer noch ungleichen Bildungschancen betreffen. Mit etwa 27% sind die autoritären Potentiale heute zwar zu klein für rechtsextreme Allein- regierungen. wie Anja Weiß (2001) nachgewiesen hat. die eines modernen ›antiseptischen Autorita- rismus‹. M. 11 % (2) Traditionell-konservatives Lager (TKO): konservatives Fürsorgemodell ca. mit der sie die nachfaschistischen Gesellschaften integriert hatten. mit dem Rückenwind der langen Wirt- schaftskrise. Cluster. die autoritäre Politiken teils mit protektionistischen und teils mit neoliberalen Elementen kombinieren. wenn zuvor die Volksparteien die Bindekraft. konservativ-autoritäres. jedenfalls einstweilen in Deutschland.684. Frankfurt a.

die die Persönlichkeit als »Syndrom« begriff. mit seiner Illusion. ob die Gesellschaft nach einem dualistischen Modell des Oben und Unten oder Rechts und Links oder nach einem Paradigma der Felddynamiken verstanden und untersucht wird. den re- pressiven. Mit dem Gruppendiskussionsverfahren (Pollock 1955. Mit Blick darauf ist dieser Aufsatz aber nicht nur Kritik. Auch auf andere Kontextbedingungen ist immer wieder hingewiesen worden. Zum einen sah ihre Autorita- rismusforschung die Vieldimensionalität der psychischen Strukturen und der Ty- pologien demokratischer und autoritätsgebundener Persönlichkeiten. manipulativen und autoritären Mächten eine blinde Zwangsläufigkeit zuzuschreiben. von dem metho- denkritischen Sammelband von Richard Christie und Marie Jahoda (1954) bis zu den Arbeiten von Michaela von Freyhold (1971) und Ursula Jaerisch (1975). Die Gesellschaft als Zwangszusammenhang oder als Feld widerstreitender Kräfte: Die schwierigen Lernprozesse der Sozialwissenschaften Die diskutierten Alternativen der Entwicklung machen deutlich. wie in der Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/Adorno 1947 [1944]) vorformuliert. Im Rahmen ihres Paradigmas war die Frankfurter Schule durchaus entwick- lungsoffen.220 Michael Vester 7. ohne eine Theorie des Syndroms. Nicht zuletzt in ihrem eigenen Umkreis hat es immer wieder kritische Reflexionen. dass es darauf ankommt. Mangold 1960) wurde zudem . auch wenn diese nicht wissenschaftlich ausgearbeitet wurden. Die Frankfurter Schule stand hier in einem inneren Widerstreit. Mit ihren Typologien konnte sie die dauerhaften Grundhaltungen zur Gesellschaft und zur Demokratie erforschen und damit die gängige Meinungsforschung in den Schatten stellen. sondern dass es dazu einer be- stimmten. dann ist dies der Verpflanzung eines einzelnen Werkzeugs in einen anderen methodolo- gischen Kontext geschuldet. Zum anderen wirkte. dass die autoritären Poten- tiale nicht automatisch zur Geltung kommen. sondern auch eine Hommage an die Frankfurter Schule. von ihr auch untersuchten (Löwenthal/Guterman 1969 [1949]). einen komplexen Sachverhalt einfach eindimensional »messen« zu können. die nur ober- flächliche und kurzlebige Einstellungen zu Einzelfragen »messen« kann. Von Erich Fromm bis zu Theodor Adorno hat sie eine einzigartige Pionierleistung zum Verständnis des Zusammenhangs von gesellschaftlicher und individueller Verfassung erbracht. den sie nicht lösen konnte. Als erste wissenschaftliche Richtung hat sie die Mentalitäten großer Segmente der Bevölkerung mit neuen typenbildenden Methoden empirisch erforscht. Nachanalysen und Weiterentwicklungen gegeben. in der Theorie wie in der Methodologie eine Tendenz. als mehrdimensionales Gesamtbild. Wenn die vereinfachte »Autorismus-Skala« außerhalb der Frankfurter Schule als ›objektives Messinstrument‹ des Autoritarismus Karriere machte. In Werken wie der Authoritarian Personality wurde vor einer isolierten Anwen- dung ihrer Ergebnisse gewarnt und darauf hingewiesen. ohne eine vertiefende qualitative Forschung und ohne eine Kontextanalyse. demago- gischen Mobilisierung bedarf. Die Ty- penbildung war nur durch eine neuartige qualitative Methodologie möglich. das eine – etwa durch die Psychoanalyse erklärbare – innere Strukturlogik hatte.

Dominant in der Autoritarismusforschung war gleichwohl die Sichtweise. Innerhalb der Frankfurter Schule gab es durchaus einen Pluralismus verschiede- ner Forschungsbereiche und -ansätze. die auf diesen vernachlässigten Feldern der De- mokratieforschung ihrerseits einzigartige Leistungen erbrachten. in der das Scheitern des grandiosen Turmbauprojektes offenbar wurde. wie dargelegt. Doch erst wenn die soziale Welt. sondern als kom- plexe historische Lagerkoalitionen bzw. aus der Gruppen und Milieus entweder als Ver- körperung des Konformismus oder als so fragmentiert erschienen. Lazarsfeld und Joseph T. die deutlich machte. haben ihre Impulse an ver- schiedensten Stellen wichtige Weiter. sondern ohne Furcht vor Identitätsverlust die Wechselwirkung mit . von individuellen Ausnahmen abgesehen. wie es heißt. Dies traf insbesondere die seit den 1940er Jahren von den Gruppen um Paul F. sind. mit der die autoritären Schemata auch für größere Stichproben untersucht werden konnten. trotz seiner emanzipatorischen Ansätze. Auch zu der international diskutierten neuen englischen Kulturtheorie entwickelte sich. wurde. Klapper 1960). Autoritarismus und Klassenzugehörigkeit 221 eine neue Methodik vorgestellt. »sozialmoralische Milieus« anzusehen. wie Bourdieu sie nannte. Zum einen hat das vertikalistische Klassenschema den Blick auf die horizontale Teilung der sozialen Klassen in mehr autoritätsgebundene und mehr emanzipatorische ›Klassenfraktio- nen‹. Katz/Lazarsfeld 1955. Zum anderen hat das Elite-Masse-Schema verhindert. Émile Durkheim. ›Pfade‹ der Entwicklung möglich. Auch wenn nach außen die Nachfolge der Frank- furter Schule wie die babylonische Sprachverwirrung anmutet. als Feld widerstreitender Kräfte verstanden wird. Klapper über große empirische Projekte und theo- retische Arbeit emtwickelte neue Kommunikationssoziologie. in einem bestimmbaren Spiel- raum. Dies war vor allem dann möglich. als Apologet der Entindividualisierung durch gesellschaftliche Zwänge angesehen. Dabei wurden gerade diejenigen – in Konkurrenz zur Frankfurter Schule ste- henden – Forschungsrichtungen. keine Beziehung. Unbeachtet blieb auch die von Lepsius (1973 [1966]) entwickelte und für die Klassentheorie wesentliche Neuerung. Diese Entwicklung ist. verschiedene Szenarien oder. politische Parteien nicht mehr auf ökonomische Interessen zu reduzieren. die vergangenen Abschließungen von konkurrierenden Dis- kursen zu durchbrechen und die Arbeit an den Ausgangsfragen der kritischen Theorie wieder aufzunehmen.und Neuentwicklungen angeregt. Von den 1970er Jahren an wurde der Generationenwechsel der Frankfurter Schule zur Chance. zwischen der Ebene der individuellen Psyche und der Ebene der Ideologien die Ebene der praktischen Alltagskultur hinreichend in den Blick zu nehmen. dass die In- dividuen noch wehrloser den Manipulationen der Mächtigen und der Medien ausgesetzt seien. unzureichend be- achtet. wenn die kritische Theorie sich nicht auf die Pflege des Erbes verengte. an die Grenzen von zwei zentralen intellektuellen Konventionen und Denkmustern gestoßen. wie die menschliche Psyche. dass die von oben kommenden Medienbotschaften nicht unerheblich durch die Kommunikationfelder der Gruppen und Milieus wie durch die Rezeptionsmuster der Individuen gefiltert und relativiert werden (vgl. verstellt. der Begründer des Milieukonzepts und damit der ethnolo- gischen Sicht auf die Klassenverhältnisse (Durkheim 1988 [1893]).

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Im Folgenden beziehe ich mich auf einige Aspekte der Berkeley-Studie zur »Authoritarian Personality« sowie auf Adornos Analysen von Propaganda-Reden. auch in Bezug aufeinander. andererseits aber auch zu deren Stabilisierung. Gerade aus diesen Arbeits. In der Zusammen- arbeit von Max Horkheimer und Theodor W. Vielfach gelten sie aber auch als »Klassiker«. Aufklärung trägt dazu bei.und For- schungserfahrungen entwickelten sich. verfolgt zu werden. die mir für eine Analyse von Vorurteilsstrukturen und deren Propagierung in der Gegenwart als besonders relevant erscheinen. sondern auch immanenter Kritik gesellschaftlicher Lebensbedingungen.Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus. wie Menschen in einer Gesellschaft begegnet wird und ob sie Gefahr laufen. Was ist der Fall? Eine Vielfalt von Forschungsansätzen untersucht Vorurteilsstrukturen in sozial- psychologischer. diskursanalytischer und interaktionstheoretischer Hinsicht. wurden Antisemitismus und Autoritarismus in theore- tischer und empirischer Hinsicht erforscht. Nicht einmal die seit vielen Jahrzehnten währende gesellschaftliche Konfrontation und Auseinander- setzung mit dem massiven Zivilisationsbruch durch Nationalsozialismus und Ho- locaust hat dazu geführt. dass das Bedrohungspotential von Antisemitismus und Rassismus erschöpft wäre. minderwertig. die im Regal stehen bleiben. zentrale Perspekti- ven einer gesellschaftskritischen Theoriebildung nicht nur transzendenter. wie ich zeigen möchte. dass Gruppen von Menschen für fremd. an dem sich Adorno beteiligte. Adorno an den »Philosophischen Fragmenten«. stößt aber an Grenzen. Die Würde. dass Vorurteile nicht mobilisiert werden. als Abwehrphänomen und reaktiv als Element nationaler Identifikation. Beide Arbeiten sind aber während des amerikanischen Exils entstanden. Das kann sich darauf auswirken. perfide und bedrohlich gehalten werden. die auf der einen Seite die empirischen Untersuchungen zur »Autoritären Persönlichkeit« der sozialpsychologischen For- schung zuordnet und auf der anderen Seite die Dialektik der Aufklärung der Philosophie und soziologischen Theorie. sowie in dem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Authoritarian Personality. Die Untersuchungen der Kritischen Theorie zu den gesellschaftlichen und sozialpsychologischen Mechanismen von Antisemitismus und Rassismus werden gegenwärtig in einigen Forschungsansätzen aufgegriffen und weiter entwickelt. Es ist nicht nur von theoretischem Interesse. Rassismus und Reaktionen auf Einwanderung Lena Inowlocki 1. die 1947 als Dialektik der Aufklärung veröffentlicht wurden. Bei vielen Unterschieden zeichnen . Dazu trägt möglicherweise eine Rezeption bei. Unversehrtheit und Freiheit Einzelner oder von Gruppen der Bevölkerung hängt davon ab. Zwar ist es einerseits zu einer Diskreditierung und Bewusstwerdung von Vorurteilsstrukturen gekommen.

Es geht hier. darin begründet. die in der qualitativ- interpretativen Sozialforschung stärkere Beachtung verdienten. Beginnen möchte ich mit einem Beispiel dafür. Planung und Entschei- dung definiert. Eine weitere Übereinkunft liegt. Die Fraktionslinien verlaufen zwar noch teilweise zwischen Verfechtern quantitativer und qualitativer Vorgehensweisen der Forschung. aber nicht der Theoriebildung. und mich auch darauf beziehen. wenn dieser nur zur Illustration dienen soll und zentrale gesellschaftliche und politische Dimensionen. angemessene und sinnvolle Aussagen und Erklärungen abzugeben. dass der jeweils anderen Fraktion streitig gemacht wird. gesellschaftskritischer Forschung. Dazu möchte ich diskutieren. nicht thematisiert werden. so meine ich. um sich mit ihnen auseinander zu setzen. inwiefern sich die Analysen zu Antisemitismus und Rassismus auf die Untersuchung von Reaktionen auf Einwanderung übertragen lassen. prekäre und schwer bestimmbare Lebensverhältnisse zu gestalten und in Erleidensprozessen gegenzu- steuern. wie es sich mit der Analyse von Einzelfällen in der Forschung der Kritischen Theorie zu Vorurteilsstrukturen und zu Propaganda verhält. institutioneller Fremdbestimmung und sozialer Stigmatisierung einem Subjektbegriff Schlüssel- funktion zukommt. die sich auf andere Wissenschaftstraditionen gründet. Aus dieser Sichtweise heraus spreche ich auch von »kritischer Theoriebildung«. es ist aber schon erwiesen. inwiefern der Analyse des Einzelfalls ein erkennt- nistheoretisches Potential zukommen kann. Aus der Sicht vieler Forscher ist er eine quantité négligéable: er dient der Illustration. was in gesellschaftlicher Hinsicht der Fall ist.226 Lena Inowlocki sich auch Parallelen zur neueren qualitativ-interpretativen Sozialforschung ab. Gerade das Verhältnis zwischen Fallrekonstruktion und einer theoretischen Bestimmung dessen. sondern dazu auch die Anstrengungen zählt. dass das Erklärungspotential eines Einzelfalles nicht ausgeschöpft wird. die sich aus diesem Fall erschließen. um roots und insbe- sondere um routes. . dass gerade die Rekonstruktion von Einzelfällen gesellschaftliche und politische Dimen- sionen als strukturelle Bedingungen von Handeln und Erleiden aufzeigen kann. dass beide Arten von Vorgehensweisen auf produktive Weise in Untersuchungen integriert sein können. die das Wirklichkeitsverständnis und auch das pro- fessionelle Selbstverständnis von Forschern betreffen und dazu führen können. das auf subjektive und kollektive Wirkungsweisen von Vorurteilsstrukturen. mit anderen Worten. gehört zu den soziologischen Grundfragen. der Handeln nicht nur als Initiative. also eine Klärung der Vorgehensweisen subjektgerichteter. Strittig bleibt den- noch die Bedeutung des Einzelfalls. um gerade die Aspekte Kritischer Theorie zu akzentuieren. dass für die Kritik gesellschaftlicher Lebensbedingungen. Schließlich werde ich wenigstens einige Fragen dazu stellen. Eine Übereinkunft sehe ich darin. auf deren strukturelle Bedingungen hinweist.

insbesondere im Internet. die Vielfalt politischer Aktivitäten Jugendlicher. wie diese Überzeugungen für einen Jugendlichen wie Robert R. der im öffentlichen Interesse eine Resozialisierungsaufgabe erfüllt. In dieser Zeit wurde er intensiv von der »›Hilfsgemeinschaft nationaler Gefangener‹« (HNG) betreut. S. Dazu zählen eine Green- peace-Aktivistin. dass die »Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. ist das die Hauptsache«. die aus »Idealisten«. So erscheint die HNG als eine Art sozialarbeiterischer Verein. Als aktuell interessanter Typus wird der des »Machers« diskutiert. dass Aufschluss über rechtsextreme Überzeugungen geben kann sowie darüber. sein Porträt ist mit einem Inter- viewzitat betitelt: »Wenn man eine Überzeugung hat. »wurde er straffällig und schließlich wegen Körperverletzung für 12 Monate in der JVA Neubrandenburg inhaftiert.‹ Sein ideales politisches System ist das des ›Dritten Reiches‹. 332) Ferner lesen wir: »Politik bedeutet für ihn in erster Linie. ›Wir haben Meinungsfreiheit und dass wir das auch sagen dürfen. seine Meinung vertreten zu können. zum übergreifenden biographischen Thema. Dazu gehören Fragen.« (2002. Mit deren Hilfe beschloss er.: Nach dem »Mit- schwimmen in der rechten Szene«. Allerdings wird dies nicht herausgearbeitet. Jugendstudie der Deutschen Shell (2002). was wir wollen. Der vierte in dieser Reihe »engagiert sich für eine nationale Wende«. bezieht. sie »auf die richtige Bahn zu kriegen« (340). indem inhaf- tierte Gewalttäter betreut werden und versucht wird. während der »üblichen Alkohol-Exzesse«. das Interview dient ebenso wie die anderen dazu. Ein Beispiel: der Einzelfall. Nach den Ergebnissen der repräsentativen Befragung werden fünf ausführliche Porträts »engagierter Jugendlicher« vorgestellt. wie sie vertreten werden. S. ob sie Beispiele für »Idealisten« oder »Macher« sein sollen. ein Junger Liberaler.« eine neonazistische Vereinigung ist. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 227 2. Es wird eine Typenbildung vorgestellt. Es gibt auch Anhaltspunkte dafür. in der es um das Politikverständnis Jugendlicher geht. worauf sich Robert R. der nur Illustration sein soll Bei diesem Beispiel beziehe ich mich auf die 14. »Machern« und »Materialisten« besteht. seine politischen Ziele nicht mehr in Schlägereien zu artikulieren. die seit ihrer Gründung 1979 viele inhaftierte Jugendliche rekru- tiert hat. . zum Schwerpunkt seiner Selbstthematisierung werden konnten. sondern »›in geordneten Bahnen‹« politisch aktiv zu sein. V. potentiell unter den »Materialisten« zu veror- ten seien. für die er heute ebenfalls tätig ist. zu zeigen. »Unauffälligen«. die sich rücksichtslos für den eigenen materiellen Nut- zen und Machtvorteil durchsetzten. ein Organisator des Störtebeker-Netzes und ein Aktivist gegen Internet-Zensur. die sich auf demokratische oder aber autoritäre Einstellungen und auf Haltungen gegenüber Fremden beziehen. In der zweiseitigen Zusammenfassung erfahren wir über Robert R. 333) In der Zusammenfassung und dem nachfolgenden achtzehnseitigen Interview steht vieles. Kein Kommentar weist darauf hin. Unter Bezug auf Herbert Marcuse wird darauf verwiesen. dass rechtsextreme Jugendliche als diejenigen. es ist nicht ersichtlich.« (2002. Uns nicht verstecken müssen. Es wird nicht einmal erklärt und kommentiert. eine Attac-Aktivistin.

eine verklausulierte Leugnung des Holocaust (»Gruppen. Es findet sich in der Studie insgesamt nur eine kurze Erklärung. nach einer »nationalen Wende« Bürger- meister zu werden). 42). Die lebensgeschichtlichen Zusammenhänge und die Argumentationen werden jedoch in der Shell-Studie nicht diskutiert. S. dass extremistische Orientierungen auf den subjektiven Eindruck von Jugendlichen verweisen. der deka- denten deutschen Konsumgesellschaft und der Etablierung einer rechten Herr- schaft (mit der persönlichen Erwartung. wie es zu verstehen ist. die argumentativ begründet werden. vor allem an Haupt- schulen. was der Fall ist. statt des Realschulabschlusses eine Ausbildung zu machen. besonders junge Männer aus den neuen Bundesländern »sind anfällig für rechtsgerichtete Aggressionen gegen Schwächere« (2002. die »extremistische Politorientierungen als männliche Problem- bewältigungsstrategie« ausweist und auf andere Untersuchungen Bezug nimmt. da nur Männer autoritäre Führung übernehmen könnten. Er begreift die politische Mobilisierung von Schülern. die Kontrolle über die Gestaltung wichtiger Lebens- bereiche verloren zu haben und in die soziale Isolation zu geraten«. dass dieses Interesse von seinen Großeltern initiiert wurde. propagandistische Aktivitäten im Internet und im Rahmen der HNG als Arbeit ansieht. das einem alltagstheoretischen Verständnis nahe kommt. dass seine Eltern ihn dazu gedrängt haben. Hinzu kommen weitere ideologische Elemente. der in Um- fragen nicht auftaucht. diese Arbeit gehört für ihn neben seiner Ausbildung zum Koch auf strukturierende Weise zum Tagesablauf. dass die unkommentierte Selbstdarstellung des rechtsextremen Aktivisten Robert R. wenn er von sich selbst sagt. weil sie selbst »anfällig« sind. gleichzeitig fasst er sie als Pflichterfüllung auf. aus der heraus gerade nicht erklärt wird. Dass rechtsextreme Jugendliche Schwächere anfallen. dass Robert R. um einige Aspekte zu nennen. Wie sind sie zu Tätern geworden? Erst die fallrekonstruktive Analyse kann sowohl . möglich wäre. eine – ebenfalls verklausuliert formulierte – prinzipielle Andersartigkeit »der Ausländer«. Inwiefern werden hierdurch Leser der Shell-Studie infor- miert? Was bedeutet es für die öffentliche und die wissenschaftliche Diskussion zu politischen Einstellungen und zum politischem Engagement Jugendlicher? Informativ an dem relativ ausführlich wiedergegebenen Interview ist der lebens- geschichtliche Zusammenhang der Elemente rechtsextremer Ideologie. Bereits als Kind hat er sich – in der DDR – für NS-Militärführer interessiert. einen zu hohen politischen Einfluss »der Juden«. Zwar bedauert er. So wird deutlich. die Erwartung des Zusammenbruchs des »amerikanischen Weltsystems«. und seiner »Über- zeugung« als eines von fünf Porträts »engagierter Jugendlicher« in die Shell-Studie aufgenommen wurde. er sei ein schwieriges Kind gewesen. es wird auf dieses Interview überhaupt nicht eingegangen und auch nicht auf den Rechtsextremismus Jugendlicher als Gruppen.228 Lena Inowlocki Hier interessiert insbesondere. die im Nationalsozialismus als verfolgt galten«).und Massenphänomen. beispielsweise eine stark eingeschränkte Gleich- berechtigung für Frauen. die »bestätigen. Die Leerstelle eines kritischen Sub- jektbegriffs in dieser soziologischen Herangehensweise wird durch ein scheinbares »Verstehen« aufgefüllt. als wichtiges Betätigungsfeld. stellt eine missverstandene subjektbezogene Perspektive da. er nimmt aber immer noch die autoritäre Perspektive ein.

und alle Nazis sind sauber«.bzw. . wie in diesem Magazin-Beitrag. dann die Prozesse und Mechanismen ihrer Gruppenzugehörigkeit sind. was sie thematisieren. 12/2002. In der Darstellung von Robert R. die »sauber« seien: »Holger ist Nazi. Ohne darauf in irgendeiner Weise Bezug zu nehmen. welches. nach einer kurzen Dar- stellung einiger Grundüberlegungen Kritischer Theorie zu Vorurteilsstrukturen. dass Jugendliche überhaupt eine »Überzeugung« haben. dass rechtsextreme Äußerungen als unspezifisch erscheinen. die ihre Täterschaft ermöglichen. dass er nur bei Bekannten über- nachte. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 229 ihr Handeln als auch dessen Bedingtheit und Verstrickungen klären und damit. Vielleicht soll diesem Interview einer Extremismus-Theorie folgend der Stellenwert zu- kommen. sein »politisches Engagement« wie das der anderen Jugendlichen zu werten. ob überhaupt und inwiefern gesellschaftliche und politische Dimensionen und Zusammenhänge er- kennbar werden. So werden Rechts- extreme zu einem scheinbar ganz selbstverständlichen Bestandteil unserer komplexen. Insofern erscheint die kommentarlose und unkritische Wiedergabe der Äußerung von Robert R. Auch was er sagt. Das evangelische Magazin. Demokratie ablehnt und das Recht auf freie Meinungs- äußerung instrumentell auffasst. Ansetzen sollte dies daran. auf welche Weise sie zu Exponenten gesellschaftlicher Konfliktfelder werden konnten. die es je in Deutschland gegeben hat. gegenüber den »links- extremen« Positionen einer Attac. ist das die Hauptsache«. um Propaganda zu verbreiten. dass er straffällig und inhaftiert wurde. als wäre das bereits eine demo- kratische Errungenschaft.. »Wenn man eine Überzeugung hat. gehäkelter Tischdecke und Bildern an den Wänden« (chrismon. als programmatisch. die biographischen. In einer missverständlichen Pluralität »politischer Einstellungen« geht es dann scheinbar nur darum. gruppen. was er getan hat und nur erwähnt. 1 Die kritische Unterscheidung wäre auch deshalb wichtig. mit anderen Worten. fährt der Bericht dann fort. S. gesellschaftlichen und politischen Bedingungen. spielt keine Rolle. indem ganz nebenbei und unkommentiert proponentenseitige Schilderungen als Lokalkolorit über- nommen werden. sagt André. einer Greenpeace-Aktivistin? In jedem Fall wird nicht thematisiert. wie sie sich äußern und selbst präsentieren. Beispielsweise wird in einem Magazin-Beitrag über Jugendliche ohne eigenen festen Wohnsitz ein Junge zitiert. Der Verzicht auf die Interpretation eines Einzelfalls beinhaltet mit der Entschei- dung über die Vorgehensweisen empirischer Forschung auch. An einigen Aspekten der Untersuchungen der Kritischen Theorie und an Beispielen neuerer Forschung möchte ich dies zeigen. wird ausgespart. Gerade Einzelfallanalysen und ein kritischer Subjektbegriff kön- nen soziale Prozesse und allgemeine Strukturen von Handlung und Interaktionen erschließen.und familienspezifi- schen. was rechtsextremes Engagement auf grundsätzliche Weise charakterisiert und unterscheidet. Dass er die Zeit des Nationalsozialismus für die beste hält. trotz allem werteorientierten) Moderne. hindert nicht. »Da gibt’s ein richtiges Wohnzimmer mit Sitzgarnitur. kontrastreichen (und. der erklärt.1 Der Verzicht auf Thematisierung und Problematisierung hat zur Folge. »rechtsextremes« Engagement zu repräsentieren. weil es in der medialen Dar- stellung von Rechtsextremen neuerdings zu einer Veralltäglichung kommt. 41).

sie ihrer Lebensmöglichkeiten und Glücksempfindungen berauben. Unterwerfung. warum unterwerfen sie sich selbst und andere repressiver Vergesellschaftung. Abhängig davon. sich von Juden verfolgt wähnen. das sich gegen den kritischen Gedanken sperrt (Claussen 1995. den sie »durch- schauen« können. wähnen sie sich gleichzeitig als Teilhaber an einer machtvollen Gemeinschaft der Antisemiten. Nicht nur bei Faschisten und Anti- 2 In seiner kürzlich erschienenen Studie zur empirischen Forschung und den theoretischen Überlegungen der Kritischen Theorie zum Antisemitismus untersucht Lars Rensmann (2001) deren Erklärungspotential und Aktualität. die sie fortwährend demütigen. die ihrer Individualität und Subjektivität beraubten Subjekte werden gerade an die Strukturen gebunden. Macht zu besitzen. 12) ausführt.und Ausgrenzungspraktiken wird dabei weiter verdeckt. ihre Wahrnehmung und Selbsterkenntnis wird durch Fremdbestimmung dominiert. die ihnen ihre Freiheit und ihre Möglichkeiten des Glücksempfindens nimmt? Die vielfältigen persönlichen. S. deren Urheber personi- fizieren und ausschalten zu können. die »aus Meinungen ein gegen Aufklärung resistent gewordenes System macht«. kann die antisemitische Hal- tung auch zu realem Machtgewinn führen. ebenso wie die Disposition zu Autoritarismus und Antisemitismus. wie in politischen und gesellschaftlichen Macht- verhältnissen Antisemitismus funktionalisiert wird. in ihrer narzisstischen Bedürftigkeit ausgebeutet und manipuliert. Indem Subjekte antisemitische Vorurteile reproduzieren. S. Vorurteilsstrukturen in der Kritischen Theorie Warum handeln Menschen gegen ihre eigenen Interessen. eröffnet sich ihnen darüber ein Code. Im Antisemitismus äußert sich die fatale Illusion. In der Perspektive der Kritischen Theorie sind die Subjekte sich selbst ent- fremdet. sind komplex und teilweise schwierig zu erkennen. Der eigentliche Unterdrückungszusam- menhang gesellschaftlicher Herrschafts. wie Rensmann2 (2001. in der affirma- tiven Formulierung »es denken doch alle so« privatisiert sich das öffentliche Bewusstsein in eine »Alltagsreligion«. als einem Gegner. denen die Subjekte unterliegen. ökonomischen. 22).230 Lena Inowlocki 3. Im Besitz dieses untergründigen und hintergründigen »Wissens«. auch hinsichtlich einer politischen Theorie und einer Psychologie zum gegenwärtigen Antisemitismus in der Bundesrepu- blik. mit dem sich die Welt erklären lässt. Die gesellschaft- lich Ohnmächtigen werden als Konsumenten einer Kulturindustrie eingebunden. Anpas- sungsdruck und Entsagung« in einer zunehmenden Schwächung von unabhän- gigem Bewusstsein und Gewissen münden. politischen und gesellschaftlichen Unterdrückungszusammen- hänge. ist bereits im Wesen der bürger- lichen Ordnung begründet. Dazu kommt. scheinbar die Ursachen ihrer Unterdrückung zu erkennen. als eine »strukturelle Verhärtung des Subjekts« (Adorno/Horkheimer 1975 [1952]). . Die Beraubung von Lebensmöglichkeiten. dass die »fortschreitenden sozialen Bedingungen von Isolation.

Bestrafungs. da sie als entschei- dungsfähige Individuen geschwächt seien. an Glück ohne Macht. Heimat ohne Grenzstein« wie es Max Horkheimer und Theodor W. um totalitäre staatliche Machtkonzentration und Gesellschaft überhaupt zu ver- stehen. der fortschreitenden Beherrschung und erbrachten Anpassung heraus. In den »Philosophischen Fragmenten«. Die zentrale These betrifft dabei die Entstehung der strukturellen Disposition zu Autoritarismus und zu Antisemitismus aus dem gesellschaftlichen »›Fortschritt barbarischer Beziehungslosigkeit‹« (Rensmann 2001. zugleich »repräsentie- ren Juden auch die universalistischen Ideen von Freiheit. S. er entwickelt sich mit dem Autoritarismus. verknüpft mit der deutschen Vergesellschaftung nach Auschwitz«. denen lustvolles Dasein nicht verwehrt scheint« (Rensmann 2001. fassten sie abschließend ihre Erkenntnisse zu den »Elementen des Antisemitismus« als »Grenzen der Aufklärung« in sechs Thesen zusammen. an das von der Herrschaft Versäumte. Wohlstand ohne Arbeit. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 231 semiten. Antisemitismus entsteht also nicht als Nebenpro- dukt der Moderne. 11). sondern bei allen Gesellschaftsmitgliedern dominierten autoritär-aggres- sive Charakterdispositionen und stereopathische Mentalitäten. Gleichheit und Emanzi- pation. Als Ursachen galten Horkheimer und Adorno die allgemeine Ent- wicklung der Moderne. S. jedoch nicht verwirklicht hat« und verweisen »auf die verdrängten und entstellten Spuren der Erinnerung. der die Moderne charakterisiert. die die bürgerliche Gesellschaft versprochen. das heißt. bei der Veröffentlichung im Jahre 1947 kam eine siebte These hinzu. Als psychosoziale Disposition dient der Antisemitismus als »personifizierende Erklärung der undurchschauten kapitalistischen Moderne«. Nach der Rückkehr in die Bundesrepublik analysierten Adorno und Hor- kheimer einen »sekundären Antisemitismus«. wie sie es zuvor in den Studien über Autorität und Familie (1936) dargelegt hatten. also direkt aus der Dialektik der Vergesellschaftung. nimmt sie jedoch in einer spezifisch ›deutschen‹ Form auf: »hervorgegangen aus dem deutschen Vernichtungsantisemitismus. Adorno in der Dialektik der Aufklärung schreiben. dass Antisemitismus das zentrale Phänomen sei. »die die aggressiv entstellten Bedürfnisse wie auch die sozialen Ängste und Ohnmachts- erfahrungen der Menschen aufgreife: Judenphobie verspreche ein ›erlaubtes‹ Schwelgen in verleugneten Bemächtigungs-. deren Repressivität und ideologische Manipulation. Dieser Erklärungsansatz der Kritischen Theorie beinhaltet den ausdrücklichen Verzicht darauf. 12). In der Form von »Lebensneid« (Lö- wenthal 1982) gegen die wirklich oder vermeintlich Genussfähigen verdichteten sich autoritäre Persönlichkeitsstrukturen in einer antisemitischer Paranoia. sich mit Auschwitz und deutscher . Angesichts des Ausmaßes der Verfolgung der Juden in Deutschland kamen Adorno und Horkheimer zu dem Schluss. Der beinhaltet die Elemente des modernen Antisemitismus. der Dialektik der Aufklärung. den NS-Antisemitismus aus einer deutschen Besonderheit heraus zu erklären. Die ›sekundäre‹ Form besteht in den sozialpsychologischen Dispositionen der »Erinnerungsabwehr« (Horkheimer/Adorno 1985 [1959]) gegenüber dem Holocaust: »Demnach kann die aggressive Psychodynamik einer Verweigerung.und Zerstörungsgelüsten gegenüber denjenigen.

inwiefern es gerade die bestimmten Bedingungen des US-amerikanischen Exils waren. zum »totalitarian type and its political functions«. in Ressentiments gegenüber Juden umschlagen. hierzu Apitzsch (2000). den Holocaust verur- sacht zu haben. Ein Hauptteil der Forschung. in denen es überhaupt zu einer empirischen Forschung kam.. – über London – emigrierte Sozialökonom Franz Neumann. Beider 3 In einer merkwürdigen Verkehrung kann gerade die Besonderheit. um das sogenannte »Negro Problem« zu untersuchen. In der detaillierten Rekonstruktion von Rolf Wiggershaus (1988. Als Weg- bereiter der Förderung eines Forschungsvorhabens zum Verhältnis von Demokra- tie. . wurde in New York unter Leitung von Friedrich Pollock durchgeführt. Er erkannte schon früh. In dieser Situation bemühte sich vor allem der ebenfalls aus Frankfurt a. ihnen aber bis auf eine kleine Zahl wegen der restriktiven Visa-Bestimmungen die Einreise in die USA verwehrt blieb. als ein »American Dilemma«. in einen nationalen Mythos umgedeutet werden. a.3 Ich beschränke mich hier ohne weitere Vertiefung auf diese kurze Darstellung zur Kontextualisierung der empirischen Forschung der Kritischen Theorie. zitiert nach Wiggershaus 1988. das Demokratie und Freiheit einschränkte. Autor von Behemoth: The Structure and Practice of National Socialism (1942). dass der schon spürbare Antisemitismus in den USA durch eine große Anzahl jüdischer Flüchtlinge sich noch steigern und dies wiederum ungünstige Auswirkungen auf die Kriegsbemühungen der Alliierten haben würde. in Kalifornien unter Leitung von Max Horkheimer und der Mitarbeit von u. Adorno. die ich im Folgenden beschreiben möchte. unter Mitarbeit von Leo Löwenthal u. M. 393 f. 16). »that anti-Semitism will be- come much more powerful than ever before because it will be fused with a definitely Fascist movement« (Neumann an Horkheimer.12. Zeitgeschicht- lich kam hinzu. die die Erinnerung an den Völkermord repräsentieren« (Rensmann 2001. Die empirische Erforschung antisemitischer und antidemokratischer Ideologie-Empfänglichkeit Die Arbeit am großen Forschungsprojekt zur Vorurteilsbereitschaft von Ange- hörigen der US-amerikanischen Mittelschicht wurde 1943 aufgenommen. Diese Bestimmungen wurden von Regierungsseite paradoxerweise mit Befürchtungen begründet. 4. vgl. a. für das Institute of Social Research mehrere Jahre lang nachdrücklich um eine Förderung des Antisemi- tismus-Forschungsprojekts. S.232 Lena Inowlocki Täterschaft zu konfrontieren. der andere Hauptteil. S. dem 1937 von der Carnegie Corporation großzügige Forschungsmittel gegeben wurden. Rassismus und Antisemitismus sieht Wiggershaus die Untersuchung von Gun- nar Myrdal.41. Theodor W. S. 20. Im März 1943 wurde schließlich eine Mitfinanzierung durch das American Jewish Committee zugesagt.). dass nach den Pogromen der »Reichskristallnacht« im Jahre 1938 die Flucht deutscher Juden einsetzte.) wird deutlich. »psychological research«. 390ff.

Nevitt Sanford und weiterer Mitarbeiter sind aber für einen Gesamteindruck dieses Projekts. But to achieve this one must study a great deal of the silly psychological literature and if you could see my notes. Die Beiträge der anderen Forscher. sind bis heute nur die Beiträge von Adorno auf Deutsch veröffentlicht worden. S. der ihre jüdischen Identitäten ungeachtet interner Differenzen und ohne Rücksicht auf die unterschiedlichen Grade der Assimilationsbereitschaft von außen aufgezwungen wurde. 464) Im weiteren Verlauf des Forschungsprojekts unter dem Titel einer »Psychologie des Antisemitismus« knüpfte Horkheimer dann aber an eine Fragebogen-Unter- suchung von Studentinnen an der Universität Berkeley. von Fremden über den Kulturen.« (Wiggershaus 1988. S. Von der Berkeley-Untersuchung.« (Horkheimer GS Bd. Er zweifelte an der Förderungsbereitschaft des AJC und war auch ambivalent gegenüber dem Forschungsthema. 3. der psychoanalytisch orientierten Sozialpsychologen Daniel J. even those which I have sent to Pollock on the progress of our studies here you would probably think I have gone crazy myself.). But I can assure you that I am not losing my mind over all these psychological and anthropological hypotheses which must be examined if one wants to arrive at a theory on the level of present-day knowledge. . 25. wie es in einem Brief von Horkheimer an Herbert Marcuse vom 17. um den wissenschaft- lichen Beweis zu liefern. würde bei einer eingehenden Beschäftigung mit Antisemitismus und Judentum schwerlich aufrechtzuerhalten sein. der späteren Dialektik der Aufklärung. If we could succeed in describing the patterns. die 1950 unter dem Titel The Authoritarian Personality veröffentlicht wurde. 1943 deutlich wird: »The tendencies in people which make them susceptible to propaganda for terror are themselves the result of terror. we would have done a worth while job. 1944. physical and spiritual. dass Antisemitismus ein Symptom tiefer Feindseligkeit gegenüber der Demokratie sei. Zuvor war Horkheimer lange skeptisch und zurückhaltend gegenüber Neu- manns Bemühungen gewesen. was bewirkte. der aus Wien emigrierten Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik. dass der Antisemitismus wirklich zum ausdrücklichen Forschungsgegenstand wurde. als Studien zum autoritären Charakter (Adorno 1973. um dadurch vor allem Pädagogen und Lehrer aufzurütteln (Horkheimer an Pollock. according to which domination operates even in the remotest domains of the mind. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 233 gemeinsame Theorie-Arbeit an den »Philosophischen Fragmenten«. nach Wiggershaus 1988. 397) Eine skeptische Haltung nahmen Horkheimer und Adorno auch gegenüber psy- chologischen Erklärungsansätzen und Forschungsmethoden ein. Levinson und R. 402 f. S. wie Wiggershaus darlegt: »Das Selbstbild einer in splendid isolation lebenden Gruppe von Theoretikern. actual and potential oppression. war nun mit dem empirischen Antisemitismus-For- schungsprojekt verschränkt. So war es vielleicht das schließliche Zustandekommen des Forschungs-Auftrags des AJC. Es würde einem nüchternen weichen müssen: dem Eingeständnis der Zugehörigkeit zur jüdischen Minorität. im Folgenden zitiert nach 1995). 7. 17. in Verbindung mit dem projektiven Thematic-Apperception-Test große Hoffnungen. das von Adorno ausdrücklich als Gruppenforschungsprojekt erlebt und verstanden wurde. die ihre Verbindung zum Judentum lediglich in der Verwandtschaft gewisser Denkmotive sahen.

Im Pseudo-Konservatismus. weil sie den Gang und die Entwicklung der Untersuchung deutlich machen – dies auch gerade deshalb. unterscheiden sich dann aber darin. dass Mack über die Juden ganz ähnlich wie über andere Minoritä- ten und politische Gruppen spricht. die sich durch ausgeprägte oder auch (relativ) abwesende antisemitische Vorstellungen charakterisierten. dass Macks politische Einstellungen im Unterschied zu denen Larrys zwar konservativ erscheinen. Angehörige ver- schiedener Ausbildungs. um eine Theorie der Vorurteilshaftigkeit und der Autoritätsgebundenheit auszuarbeiten. führt Sanford zu dem Schluss. dessen Aufgabe darin be- stand. S. So zeigen sich sowohl die Stärken als auch die Schwächen dieses Unternehmens. wie es in der Einleitung heißt (1995. die in den USA geboren (und nicht-jüdisch) waren. Sein Eintreten für einen rugged individualism. die potentielle Empfänglichkeit für faschistische. Der Befund. zwei College-Studenten.und Berufsgruppen wurden mit Fragebögen befragt. in ihrem Wahl- verhalten (Republikaner) und in bestimmten politischen und gesellschaftlichen Einschätzungen (sie sind gegen das »New Deal«). 50). 108). wie er über Angehörige von Minderheiten redet. anschließend wurden diejenigen interviewt. dass Mack Vorurteile gegen Juden sowie gegen andere Bevölkerungsgruppen äußert. An Freuds Psy- choanalyse orientierte Kategorien der Persönlichkeitsentwicklung dienten als In- terpretationsfolie für die Interviews. die zunächst einige Ähnlichkeiten aufweisen. Explizit wird diese Neufokussierung der Fragestellung in der Analyse zweier Einzelfälle durch R. einen totalitären politischen Umsturz zu befürworten. genaugenommen aber pseudo- konservativ sind. sondern entwickelt sich vielmehr »unter dem Druck der Umweltbedingungen und kann niemals vom gesellschaftlichen Ganzen isoliert werden«. wie er sich bei Mack zeige. sondern vielmehr darin. S. Die in- dividuelle Charakterstruktur oder personality wird dabei keineswegs als etwas Gegebenes. a. Larry sich jedoch ausdrücklich gegen jede Form der Diskriminierung ausspricht und sich das auch darin zeigt. daß wir unsere Hauptaufgabe nicht darin sahen. wie Adorno erklärt: »Das führte schließlich dazu. weil das Gesamtmanuskript wegen Adornos Abreise nach Frankfurt a. antisemitische und all- gemein anti-demokratische Meinungen bei Angehörigen der weißen Mittelschicht herauszufinden. die Beziehungen minoritätenfeindlicher Vor- urteile zu umfassenderen ideologischen und charakterologischen Konfigurationen zu untersuchen« (1995. Im Verlauf des Forschungsprojekts ver- schob sich der spezifische Schwerpunkt hinsichtlich antisemitischer Vorurteile. »that we are faced here not with a particular set of political convictions and a particular set of opinions about a specific ethnic . 1950. denen er ablehnend bis feindselig gegenüber- steht. nicht mehr redigiert wurde. den Antisemitismus als sozialpsychologisches Phänomen per se zu analysieren.234 Lena Inowlocki sehr wichtig. Nevitt Sanford ausgearbeitet. S. »Mack« und »Larry«. Sanford arbeitet heraus. Fixiertes verstanden. 7). M. gebe es eine grundlegende Bereitschaft. »which apparently expresses the liberal concept of free competition among independent and daring entrepreneurs. actually refers more often to the uncontrolled and arbitrary politics of the strongest powers in business – those huge combines which as a matter of historical necessity have lowered the number of independent entrepreneurs« (Adorno u.

Es fehlen nicht nur die ent- sprechenden Beiträge Sanfords. II. in: Perspectives in American History. und im Verhältnis zu deren Fallstudien interpretiert wurde (Sanford 1950. auf deutsch in Adorno. Dies wird aus den einzelnen Beiträgen der Authoritarian Personality deutlich. die der gemeinsamen Zusammenarbeit in der Forschergruppe und ihrer interpretativen Forschungspraxis die Bedeutung gibt. hier zitiert nach Hohendahl (1995. das sich mit den Reaktionen zweier in klinischen Interviews Befragter auf die F-Skala befasst. 10/2. Adorno äußerte sich viele Jahre später positiv über die damalige Zusammenarbeit in Forschungsprojekten. in the American intellectual climate a matter of course. Beispielsweise wurde eine verkürzte Form der Antisemitismus- Skala auch darüber validiert. die gleichzeitig auch ein Dokument der Zusammenarbeit und der gemeinsamen Diskussionen in der For- schergruppe sind. Auf jeden Fall erschließt sich durch die Berücksichtigung der zentralen Rolle der beiden Fallstudien aber eine Perspektive. S. S. Der Eindruck eines »einsamen Theoretikers«. Anm. Die Entwicklung der Skalen wurde nach meinem Eindruck überhaupt erst aus den beiden Einzelfall-Studien zu Mack und Larry möglich. Vol. die sich auf die Fall- studien beziehen (vgl. had the greatest attraction for me. Die empirische Forschung. dass diese »Aussparung« die Rezeptionsgeschichte der Authoritarian Personality in Deutschland prägte.« 5 »Scientific Experiences of a European Scholar in America«. Harvard University. Vielleicht geht es zu weit zu sagen. zur Messung impliziter antidemokra- tischer Züge. Dass Fallstudien die interpretative Grundlage der Umfrage-Entwicklung bildeten. 42) . S. dass gerade auf seine Forschungs- praxis aufmerksam gemacht würde. 3 und 4).«5 4 »Abschnitt F des englischen Kapitels. könnte auch dadurch verändert werden. 702–38. als eine der ersten empirischen Forschungen am neugegründeten Institut für Sozialforschung unter Horkheimers Leitung (hierzu ausführlich Demi- rovic 1999. GS Bd. wird allerdings aus den auf deutsch veröffentlichten Auszügen der Stu- dien zum autoritären Charakter nicht ersichtlich. auf die sich Horkheimer und Adorno zunächst als Kompromiss eingelassen hatten. Um solche tiefliegenden antidemokratischen Einstellungen analysieren zu kön- nen. entwickelte eine eigene schöpferische Dynamik. 1995. die gerade im amerikanischen Exil möglich war: »The spirit of enlightenment also in relation to cultural problems. Arbeiten von Adorno zu lesen. S. 21 zur Schlussbemerkung. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 235 group but with a way of thinking about groups and group relations generally« (ebd. der viele der nachfolgenden Genera- tionen von Studierenden davon abgehalten haben kann. wurde nach den Diagnose-Kriterien der Antisemitismus (A-S) und Ethnozen- trismus (E)-Skalen anschließend eine Skala zum Politisch-Ökonomischen Kon- servatismus (PEC) entwickelt. Dies bildete insgesamt die Grundlage für das Ana- lyse-Instrument der Faschismus (F)-Skala.. die ihr zukommt. Die F-Skala wurde nach Adornos Rückkehr nach Frankfurt weiterentwickelt. Kap. sondern auch die Beispiele. S. um ihre Arbeit an den »Philosophischen Frag- menten« fortführen zu können. 51). 89–92). dass sie den beiden College-Studenten vorgelegen hatte. wurde hier ausgespart. 1968. 1014).

zu Öffentlichkeit. S. I found to be not only extremely enjoyable but also the most fruitful thing that I became acquainted with in America. Der Beitrag einer gesellschaftskritischen Psychoanalyse wurde später institutionell »ausgelagert«. zu Anti- semitismus.01 initiitiert wurde.« (Hohendahl 1995. der ersten. Die Analysen wurden mit den emigrierten 6 Siehe Anm. remained a crucial task for Adorno after he returned home. especially anti-Semitism. Für die Rückkehrer nach Frankfurt kam trotz ihrer Bemühungen um empirische und interdisziplinäre Forschung ein solcher langfristiger Arbeitszusam- menhang am neu gegründeten Institut für Sozialforschung nicht mehr zustande. für die Entwicklung der Kritischen Theorie eine bedeutende Rolle spielte. gerade auch durch die Zusammenarbeit mit gesellschaftskritischen Psy- choanalytikern. und teilweise gerade kontrastiv dazu. Auch gegenwärtig werden psychoanalytische und soziologische Perspektiven auf offene Weise zu Fallinter- pretationen und thematischen Diskussionen eingebracht und weiter entwickelt. Es gab aber weiterhin gemeinsame Arbeitszusammen- hänge. Demirovic 1999. Sozialtheorie und Kulturanalyse ausgeübt.236 Lena Inowlocki Auf der einen Seite haben die Arbeiten der kritischen Theoretiker im amerikani- schen Exil eine nachhaltige Wirkung auf die US-amerikanische Sozialforschung. 7 Beipielsweise in einem »Forum«. dass der Forschungs. he frequently drew on the authoritarian personality project as a model of theory-oriented empirical research coming out of a specifically American cultural and intellectual climate. und zwar auf Adornos brillante und exemplarische Analysen von Redeauftritten und Radio- sendungen antisemitischer Agitatoren. Rassismus und Autoritarismus zu besprechen. 339ff).«6 Diese Haltung Adornos entwickelte sich erst in den 1950er und 1960er Jahren. um Fragestellungen zu Gewalt.09. keine Psycho- analytiker beteiligt waren (für die detaillierte Schilderung der Forschungssituation am IfS Anfang der 50er Jahre vgl. dass bereits am »Gruppenexperiment«. Hier bleibt festzuhalten.und Interpretationsprozess der Exilzeit. in denen kritische Theorie weiter entwickelt wurde. Dies könnte auch damit zusammenhängen. nach seiner Rückkehr. When he addressed this question in Germany. wie er trotz der positiven Forschungserfahrung in den USA seine Zeit dort erlebt hatte. . das am Sigmund-Freud-Institut im Anschluss an den 11. 4. durch die Gründung des universitären »Instituts für Psychoanalyse« unter Leitung von Alexander Mitscherlich. Jürgen Habermas bezieht sich darauf in Erkenntnis und Interesse (1968). in contrast to the academic tradition in Europe.7 Im Folgenden möchte ich – wenn auch nur kurz – auf ein weiteres Teilprojekt zu den destruktiven Tendenzen in der zivilisierten Gesellschaft eingehen. S. weit beachteten sozialpsychologisch-empirischen Forschung zu Autori- tarismus. Antisemitismus und anti-demokratischen Einstellungen. auf der anderen Seite beeinflussten die damaligen Forschungssituationen und -kooperationen auch die spätere Arbeit von Adorno und Horkheimer: »Confronting and analyzing racial prejudice. 42) Peter Uwe Hohendahl zitiert dazu weiter aus Adornos Aufsatz: »This kind of cooperation in a democratic spirit that does not get bogged down in formal political procedures and extends into all details of planning and execution.

9. So spricht Adorno von einer »redundanten Beschreibung« (S. wie Adorno 8 »The psychological technique of Martin Luther Thomas’ Radio Addresses«. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 237 Psychoanalytikern Ernst Simmel. Otto Fenichel und Geza Róheim diskutiert und 1946 veröffentlicht in dem von Ernst Simmel herausgegebenen Band Anti-Semi- tism. in der gegenwärtig ebenfalls ominöse Andeutungen und vage Umschreibungen im Unterschied zu expliziter Agitation vorherrschen.).) Im Unterschied zu Deutschland in den 30er und 40er Jahren konnten sich Agitatoren in den USA nicht offen zu antidemokratischen Zielen bekennen.2 (1975). Inso- fern ergibt sich eine Vergleichbarkeit zu populistischer und rechtsextremer Rheto- rik. . engl. die antidemokratische und antisemitische Reden charakterisiert. Menschen »gefangen zu neh- men. O.und Argumentationsanalysen Adornos Adornos kurzer Aufsatz »Antisemitismus und faschistische Propaganda« (dt. Insofern fungiert die Propaganda als »eine Art Wunscherfüllung« (ebd. (Entsprechend funktionieren auch andere.). Hervh. Prostitution und Kriminalität in Verbindung mit »Ausländern«. in GS Bd. nach 2002). Die psychologische Analyse der Reden basiert auf einer sehr genauen Beobachtung der wirkungsvollen rhetorischen Phänomene. Adorno bezieht sich sowohl auf die gemeinsame Arbeit mit Max Horkheimer an den »Philosophischen Fragmenten« als auch auf seine eigene damals laufende Forschung zur Authoritarian Personality im Rahmen des ISR (Institute of Social Research) Forschungsprojekts »Studies in Prejudice«. hier zit. als würden die Sprech- handlungen bereits die Realisierung der Zielvorstellungen beinhalten. beispielsweise von Drogen. zu- erst 1993. die aber für sich genommen als Ziele verschwommen bleiben. also das Anhäufen vager Begriffe und wiederholtes Appellieren an diese »Ziele« wird der Eindruck erzeugt. i. Das von ihm untersuchte Material ziele darauf ab. Zur Aktualität der Rhetorik. Die von ihm analysierten Radio-Propagandisten entrüsten sich dabei vor allem über angebliche sexuelle und grausame Exzesse ihrer imagi- nären Gegner. indem es auf ihren unbewussten Mechanismen spielt« (2002. Als weiteren Mechanismus zeigt Adorno auf. Durch die Redundanz der Andeutungen. 148. dt. da nach wie vor gilt. 5. In einer ausführlichen Arbeit hatte Adorno dafür die Rundfunkreden eines Agitators aus dem Jahre 1935 analysiert.). aktuelle Skandalisierun- gen. dass die »Lust am Schnüffeln« »angefacht und befriedigt« wird (ebd. aus dem Nachlass publiziert. das 1944 in San Francisco unter der Leitung des aus Wien geflüchteten Psycho- analytikers Ernst Simmel veranstaltet wurde. A Social Disease (1993 auf Deutsch erschienen). 1943. geht auf seinen Beitrag auf dem Symposion zurück.8 Darauf sowie auf weiteren Analy- sen basierte sein Vortrag in San Francisco. Gleichzeitig sind erstere aber auch charakteristisch für die agitatorische Rede. in dem er auf die psychologische Technik eingeht. 1995. in dem Band Studien zum autoritären Charakter. 150) der politischen Zielvorstellungen in der Rede. S.

152). wie an dem Zustand »gear- beitet« und das produziert wird. Implizit kann dies beispielsweise über das Hervorheben scheinbar positiver Aspekte der NS-Herrschaft gehen. Dies ist exemplarisch für eine theoretisch-em- pirische Vorgehensweise der Untersuchung. gleichzeitig legitimiert dies zumindest im Rückblick totalitäre Herrschaft. dass der skrupellosen Willkür keine Grenze gesetzt wird« (S. dass deren konstruktioni- stischer Charakter und damit deren Modernität herausgearbeitet wird. Diese Sichtweise eröffnet Fragestellungen danach. »Anschmiegen« an den Gegenstand In der qualitativ-interpretativen Sozialforschung gibt es unterschiedliche Fragestel- lungen und Vorgehensweisen der Untersuchung. Arran- giertes. Unechtes«.238 Lena Inowlocki schreibt. auf das sich die kritische Aufmerksamkeit richten solle (S. 6. Im Gegen- satz zu der damaligen Massenpsychologie hebt er die Elemente bewusster Manipu- lation hervor: »Zynische Nüchternheit ist für die faschistische Mentalität wahr- scheinlich eher charakteristisch als psychologische Berauschung«. wenn er ein Phänomen sozusagen struk- turell beschreibt. wie Adorno dabei vorgegangen ist.und skrupellose Willkür ihnen einen Machtzuwachs verschafft. dass die explizite oder implizite Bezugnahme rechtsextremer oder populistischer Politiker auf die historisch geschehene grenzen. denn: »An der faschistischen Hysterie ist immer etwas Stilisiertes. als dass eine Interpretation angeblicher Ekstase »als einer bloßen Manifestation des Unbewussten zulässig wäre«. Durch Vertreter verschiedener . Hier deutet sich eine zunächst unerwartete Übereinstimmung mit phänomenologischen und pragmatistischen Forschungstraditionen an. Das Ich spiele in der faschistischen Irrationalität eine viel zu große Rolle. Auf die Gegenwart bezogen würde ich dies so formulieren. wie in Politik und Medienöffentlich- keit ganz allgemein mit rhetorischen Mitteln an der Erzeugung einer »Dynamik« gearbeitet wird. weniger Kriminalität. das heißt. 151). Substantiieren lässt sich diese Konver- genz durch die Vorgehensweise Adornos. dass es keinerlei Garantien gibt. es im Hinblick auf dessen Mechanismen und Prozesse untersucht. Nach diesen kurzen Bemerkungen zur Aktualität der Analysen möchte ich im Folgenden näher betrachten. die gerade unter dem Gesichtspunkt beeindrucken. was als eine »natürliche« massenhafte Begeiste- rung und Erregung gelten soll. wenn suggeriert wird. Weiterhin sind Überlegungen interessant. »damals« habe es eine gemeinschaftliche Anstrengung gegeben. eine »bessere Arbeitsmarktpolitik«. Adorno geht in der Folge auf mehrere Aspekte faschistischer Propaganda ein. in der Phänomene als in einem be- stimmten gesellschaftlichen Kontext konstituierte analysiert werden. inwiefern »Dynamik« grundsätzlich zu politischer Rede und öffentlicher Darstellung gehört und ob besondere Formen der Erzeugung von Dynamik eher zu einer demokratischen Öffentlichkeit beitragen als andere. dass »jedes klar umrissene Programm nur eine Einschränkung« für die agitatorische »Dynamik« darstellen würde: »Der totalitären Herrschaft ist es we- sentlich.

ihrer Wirkung auf die Über- 9 Eine Soziologin. die auch auf Grund ihrer Vertrautheit mit unterschiedlichen Ansätzen deren produktive Gemeinsamkeiten herausarbeitete. Für eine Konvergenz von Forschungstraditionen.« (2002. Die mechanische Anwendung dieser Muster ist eines der Kernstücke des Rituals. Diese Analyse beeindruckt mich durch ihre Genauigkeit und Aktualität. 157. In einer Anmerkung. die von Ulrich Oevermann als ein »Anschmiegen« an den Gegenstand bezeichnet wurde. mögliche Parallelen und Konvergenzen zu betrachten. die die Sache selbst zum Sprechen bringen. Der Bezug auf Originalquellen. erkläre sich teilweise durch den Rekurs auf gemeinsame Quellen wie Hitlers »Mein Kampf« sowie auf einen gemeinsamen organisatorischen Zu- sammenhang der Agitatoren an der Westküste. gegenüber einer Zurechnung zu »Schu- len«. kommt er. an denen sich seine Praxis der Dechiffrierung. indem sie sich an sie anschmiegen und durch dieses unvoreingenommene. in der er sich auf seine Buchrezensionen zu Jazz bezieht. die sich »auf etwa dreißig Formeln reduzieren« lasse. Daher der Gestus des jitterbugs. Anm. Zur Begründung einer materialen soziologischen Strukturanalyse argumentiert Oevermann. Ich finde es gerade interessant. Es finden sich aber eine Reihe von Beobachtun- gen in Adornos Arbeiten.« (S. »worunter vor allem zu verstehen wäre. Letzteres ist sicherlich der Fall. 234). . in ihrer unmittelbaren Reflexivität. radikale Sicheinlassen auf die jeweilige Besonderheit des Gegenstandes hindurch zum zugleich klärenden wie kritisch überwindenden. vgl. weil es anders nicht mehr bei der Stange bleibt. Dieses Programm einer dialektischen Sozialforschung habe Adorno aber nur in der Musiksoziologie exemplarisch durchgeführt. zur Entdeckung des Propaganda-Rituals: »Dass das Ich den Identifikationsmechanismus von sich aus andrehen und sich buchstäblich selber hypnotisieren muss. dessen methodologische Begründun- gen zudem nicht systematisch ausgearbeitet. S. indem er auf Adornos methodologisches Selbstverständnis rekurriert. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 239 »Schulen« werden insbesondere Unterscheidungen akzentuiert. aber eben vor allem über das Standardmuster des Rituals. die er in der Musiksoziologie entwickelt hat. auch Apitzsch und Inowlocki (2000). dass Theorieentwicklung und Erkenntnis- fortschritt in der Soziologie nur über konkrete Analysen zu sichern sind. war Christa Hoffmann-Riem (1994). 157) Die »Stereotypie« faschistischer Propaganda. der sich benimmt. nachvollziehen lässt – und zwar auch in seiner Analyse faschistischer Propagandaredner. die Auswirkung des organisatorischen Zusammenhangs sowie insbesondere das. wenn die Spielregeln nicht strikt eingehalten werden. allgemeinen Begreifen der gesellschaftlichen Wirklichkeit gelangen« (1983. 6) Die Propaganda-Muster entfalten sich dementsprechend »standardisiert«: »Der potentielle faschistische Gefolgsmann verlangt diese rigide Wiederholung. was Adorno als die Kernelemente rhetorischer Agitation bezeichnet. sozusagen über eine strukturelle Beschreibung eines »Jitterbug«-Tänzers. genau wie der Jitterbug das Standardmuster der populären Lieder fordert und in Rage gerät.9 Für die Fallin- terpretation möchte ich mich hier auf die Vorgehensweise von Adorno beziehen. S. als mache er willentlich einen Idealtypus des jitterbugs nach.

in einer illusionären Selbsttäuschung für ihren Weg zur Macht halten können: beispielsweise über Umkategorisierungen. Wie kann aber Kritische Theorie in einem Atemzug mit den anderen Forschungs- traditionen genannt werden? Dagegen sind viele Einwände denkbar. zu- meist wird es als ein bloßes Nachplappern von Parolen abgetan. während er selbst durch einen Ex-Wehrmachtsoffizier rekrutiert wurde. Nachträglich würde ich gerne Adornos Pro- paganda-Analysen hinzu nehmen. Harold Garfinkel. darunter vielen der älteren Ge- nerationen eingeführt werden. der symbolische Interak- tionismus von Howard S. Insbesondere der Leugnung des Holocaust – bei gleichzeitiger Andeutung einiger Anführer. in den wirkungsvollen antisemitischen und rassistischen »Erklärungen«. Tatsächlich entfaltet sich aber die gesellschaftliche und die politische Relevanz des Rechtsextremismus Jugendlicher über ihre Rede. was rechts- extreme Agitation ausmacht: so die Vergleichbarkeit von Propagierung mit »Re- klame« – wie ich sie insbesondere im Fall von »Armin« fand. Sich in die Geschichte hineinreden. ethnomethodologische Sichtweisen auf »Gruppenmitglied- schaft« von Harvey Sacks. Strauss entwickelten Kategorien sozialer Weltbezüge.und Grup- peninterviews und ethnographischen Beobachtungen beruht. vgl. . sich »zu der Einsicht« »zu entschließen«. alles behaupten und damit auch scheinbar sich selber machtvoll über andere erheben zu können. sowie. die Eröffnung der Handlungsmöglichkeit. So kann die 10 Wie Jugendliche in rechtsextremen Zusammenhängen reden. wozu man imstande sei – kommt für eine antisemitische Welterklärung die konditionelle Relevanz zu. kenn- zeichnet auch vergleichbare Agitation und Mobilisierung in der Gegenwart. dass sie den Zirkel zwischen Gewalttätigkeit und Selbstzer- störung. dass sie im Prozess ihres Mitgliedwerdens und der Intensivierung ihrer Gruppenzugehörigkeit sich selbst und sich gegenseitig immer weiter in ihre Über- zeugungen »hineinreden«. In meiner Untersuchung zum Rechtsextremismus Jugendlicher habe ich herausge- funden. um nur ein weiteres Beispiel zu nennen. Für die Vorgehensweise der Untersuchung. da sie so genau charakterisieren. wird kaum untersucht. die durch Anselm L. haben mich unter- schiedliche Forschungstraditionen inspiriert: die durch Fritz Schütze entwickelte Biographieanalyse.240 Lena Inowlocki zeugung und auch weitere Involvierung des Sprechers und der Zuhörer. dass die Geschichte sich ganz anders abgespielt habe – als könnte man sich voluntaristisch zu einer Einsicht »entschließen«. Über die Wirksamkeit ihrer Rede wird auch erkennbar. die Analyse der Destruktivität des antisemitischem Verfolgungswahns.10 Dabei beziehen sie sich auf NS-Originalquellen. in dem sie sich zunehmend in die Ausweglosigkeit hinein bewegen. der als allgemeine Zerstörungswut auch auf den eigenen Unter- gang hinausläuft. auf relativierende und legitimierende Darstellungen der NS-Zeit und des Krieges und auf die Leugnung des Holocaust. um Jüngere an sich zu binden. wie es für einige der Jugendlichen der Fall war. die sie abgeben und in die sie von Gruppenführern. Biographische Fallanalysen rechts- extremer Gruppenzugehörigkeit (Inowlocki 2000). die auf offenen Einzel. wie es dazu kommen kann. Becker. der sich zur Aufrechterhal- tung seiner eigenen Lebenslüge eines »positiven Nationalsozialismus« aller Regis- ter der Propaganda-Rede bediente. der für sich eine glänzende Zukunft als Propaganda-Redner in der Nachfolge von Goebbels voraus- sah und sich in eine illusionäre Führerrolle hinein steigerte. Edward Rose.

dass sich Erkenntnisinteresse situiert und reflexiv zum Forschungs- gegenstand verhält und sich nicht darauf richten kann. wie Kathy Davis (2002) ausführt. Sie drehen. wenn er Becker getroffen hätte). feministische Forschung die persönlichen. als gehörten sie bereits zu den gewohnheitsmäßigen Konsumenten. »den Identifikationsmechanismus von sich aus« an. in Wirklichkeit aber von genau der 11 Als eine Voraussetzung für situierte und kontextreflexive Analysen hat. In neueren Auseinandersetzungen mit der Kritischen Theorie wird darauf hingewiesen. so würde ich argumentieren. Howard Becker war der Einblick in diesen Mechanismus möglich. 227 f.11 Der Testfall kritischer Theoriebildung liegt. dass es sich gerade in einer globaler Per- spektive zeigen kann. die sich zunächst mit dem imma- nenten Sinnverstehen erklären lässt. dass durch populäre Kultur auf eigensinnige Weise auch Kritik an der Kulturindustrie zum Ausdruck gebracht wird. wenn von einer ›neuen Rechten‹ ein solcher Bezug explizit in Abrede gestellt wird. dass es auch Konvergenzen gibt. inwiefern Vorurteilsstrukturen wissenschaftlich reproduziert oder aber aufgezeigt werden und ob Täterschaft funktionalistisch erklärt oder aber in der Rekonstruktion des Handlungsablaufs immer wieder problematisiert wird. Becker stellt darin fest. Interessant ist aber. – Zu anderen Weiterentwicklungen kritischer Theorie kommt es in der Auseinandersetzung mit An- sätzen der Cultural Studies. weil er sich berufsmäßig in der »Szene« aufhielt und darin auskannte – als Jazzmusiker … (vielleicht hätte Adorno dem Jazz noch eine Chance gegeben. ob überhaupt rassistische und antisemitische Motive thematisiert werden und ein struktureller rechtsextremer Bezug auf die NS-Herr- schaft wahrgenommen wird. der man sich im Forschungsprozess aussetzt. dass es bestimmte Abläufe der Zugehörig- keit zur »Gruppe« der Marihuana-Raucher gibt: Durch ein Nachahmen der Hand- lungen bereits »Eingeweihter« tun die Neulinge so. der dann zum Motiv und auch zur Begründung ihres weiteren Konsumierens wird. . An der materialen Analyse des Identifikationsmechanismus zeigt sich eine Kon- vergenz unterschiedlicher Forschungstraditionen. S. So stellt René Gabriels (2002) zur These der grenzenlosen kulturindustriellen Manipulierbarkeit heraus. insofern kann gerade kritisch-reflexive Forschung auch gesellschaftskritisch sein. normativen und intellektuellen biographischen Rekonstruktionen der Forschenden zu denen der Erzählenden in Bezie- hung gesetzt und auch ihre Unterschiedlichkeiten in die Analyse mit einbezogen. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 241 Ethnomethodologie in ihrer gesellschaftstheoretischen Indifferenz als Gegensatz zur Kritischen Theorie gesehen werden (vgl. Auch dann. alles umfassende Erklärun- gen zu finden.). die in der Entdeckung des imitatorischen Verhaltens als eines ritualisierten Musters gipfelt. entspricht auf frappierende Weise der einige Jahre später veröffentlichten Analyse Becoming a marihuana user von Howard S. die scheinbar modernisierungsfähig sind. Unterschiedliche Forschungs- traditionen des Sinnverstehens wurden bereits bei Habermas (1988/1981) aufge- zeigt. In dieser erweist sich. auf diese Weise können sie überhaupt erst erkennen. was den »Genuss« (»pleasure«) ausmacht. Es zeigt sich schon darin. Becker (1963). insbe- sondere in Bezug auf Fremdenhass und Antisemitismus in der Forschungspraxis. bleiben diejenigen Elemente wirk- sam. das sozusagen in der »Sache« selbst begründet liegt. in Adornos Wor- ten. Ritsert 1983. die ethnographisch genaue Beschreibung Adornos.

einen ersten Schritt dar. 13 Dagegen stellen Umfragen. wenn festgestellt wird. Arbeitsplatz und im Bekanntenkreis Vorurteile abnehmen. So kommt es zur sozialwissenschaftlichen Reproduktion eines hegemonialen Fremdheitsdiskurses. dass mit vermehrten Interaktionsmöglichkeiten mit Ausländern an Schule. was man wie selbstverständlich über diese Gruppen weiß. die zu einem Abbau von Vorurteilen führen (vgl. dass in rechtsextremen Gruppen. Wagner/van Dick/Endrikat 2002). Wie kann die Reproduk- 12 Dass es sich um Wirkungszusammenhänge von Familien und Generationen handelt. in dem Einwanderung wie selbstver- ständlich als problematisch und konfliktverursachend gilt.12 7. wenn es um eine Herkunft geht. die Vorurteile hervorruft. vielmehr oft direkt bestritten wird auch die Bedeutung von Familienmilieus. Organisationen und Parteien Ältere für Tradierung und Rekrutierung sorgen. um die Bedingungen von Interaktionen (im Schulunterricht. wie feind- liche Reaktionen auf Einwanderung gegenwärtig untersucht werden: zumeist wer- den diese doch so aufgefasst. die so konzipiert sind. dass sie mit einer Realität des Hassobjekts oder auch nur mit dessen realer Anwesenheit nichts zu tun hatten. indem sich die am Nationalsozialismus Beteiligten und die nachfolgenden Generationen damit beschäftigen.13 Hier möchte ich die Frage einer kritischen Theoriebildung zu Einwanderung darauf richten. die eine Auseinandersetzung erfordern. Der Mechanismus ist bekannt: durch die Identifizierung mit Konflikten und Problemen verstärkt sich noch einmal das. Gesellschaftskritische Sozialforschung zu Reaktionen auf Einwanderung Bereits in den 1940er Jahren wurden in der Berkeley-Studie Vorurteilsstrukturen so aufgefasst.242 Lena Inowlocki Elite. während sie über die »Gefolgschaft« der Jugendlichen ihre eigene Involvierung weiter mythisieren. Wenig thematisiert. eben dem Autoritarismus und der Irrationalität zehren und auch von der realen Destruktivität des NS-Regimes. dass trotz der geringen Zahl von Ausländern in den neuen Bundesländern Umfragen immer wieder ergeben. in die Angehörige dieser Gruppen involviert sind. wird daran ersichtlich. die den Jugendlichen als Garanten »authenti- scher« Erfahrung gelten und die Funktion »biographischer Sachwalter« für sie erfüllen. Dabei geht es um materiale Erinnerungsspuren. dass sie zeigen können. Verzweiflung und Scham und deren reaktive Abwehr tauchen dann auch immer wieder in Politik. Ich habe den Eindruck. am Arbeitsplatz) genauer untersuchen zu können.und Massenbildung. dass in der Forschungspraxis oftmals scheinbare Selbstverständlichkeiten reproduziert wer- den. Demgegenüber ist ambivalent. dass sie durch »Erfahrungen« mit Einwanderern verursacht worden seien. dass zu viele da wären. . Diesem Diskurs wird auch nicht widersprochen. Medienöffentlichkeit und Gesellschaft auf. Die Forschung richtet sich dann in vielen Fällen auf soziale Probleme und Konflikte. in denen es auf direkte oder indirekte Weise zu legitimierenden Darstellungen der NS-Zeit kommen kann. wie Herkunft thematisiert wird. Eine Vermeidung von Eingeständnis.

Auf Paradoxien einer solchen Auseinandersetzung im Bewusstheitskontext der Shoah bin ich in einem anderem Zusammenhang eingegangen (Inowlocki 2000a).). Darum vermag die gesellschaftliche Analyse aber auch der in- dividuellen Erfahrung unvergleichlich viel mehr zu entnehmen. wäh- rend umgekehrt die großen historischen Kategorien nach all dem. die von ihm bloß verdeckt war. was mittlerweile mit ihnen angestiftet ward. by and large. obschon durch Vergesellschaftung »ausgehöhlt«. Abschließend möchte ich kurz auf die Überlegungen zur Analyse von Einzel- fällen und zum Subjektbegriff zurück kommen. Negative dialectics does not cancel the subject. Zum Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft schreibt Adorno in Minima Moralia: »In der individualistischen Gesellschaft jedoch verwirklicht nicht nur das Allgemeine sich durchs Zusammenspiel der Einzelnen hindurch. nochmals zu einer Erkenntnis bei. Kraft« gewonnen: »Im Zeitalter des Zerfalls trägt das Individuum von sich und dem.14 Wenn es zu einer gesellschaftlichen Anerkennung von Differenz kommen soll und zu einer Universalisierung von Perspektivenübernahme und Reziprozität über partikulare Gruppen hinaus. since Adorno.8): »(T)he poststructuralist approach focuses on Adorno’s critique of traditional logic. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 243 tion von Vorurteilen vermieden werden? Dazu könnte eine Sozialforschung bei- tragen. und es könnten strukturelle Ähnlichkeiten der Prozesse der Auseinandersetzung mit Herkunft deutlich werden sowie die spezifischen Be- sonderheiten der Auseinandersetzung Einzelner in ihrer jeweiligen Mehrheits. so könnten Erkenntnisse solcher Forschung etwas dazu beitragen. 12 f.15 In die Tradition ungebrochen positiver Auslegung gehört ein Bias soziologischer 14 An dieser Stelle kann ich nur darauf hinweisen. vorm Verdacht des Betrugs nicht mehr sicher sind. sondern die Gesellschaft ist wesentlich Substanz des Individuums. solange es als herrschende Kategorie ungebrochen positiv sich auslegte« (S. an »Fülle.« (1951. 15 Vgl. Adorno (1973) für eine Untersuchung der Ausein- andersetzung mit Herkunft wichtig ist. habe an der Gewalt des Protests. Differenziertheit. unlike structuralist Marxists such as Louis Althusser. als Hegel konzedierte. dass der Traditionsbegriff von Walter Benjamin (2000) und von Theodor W.und Minderheitssituation. the text unfolds the dialectical tension between the principle of domination and the resistance to the social system. 12) Das Individuum. rather. was ihm widerfährt. did not treat the subject as a moment of pure ideology. Mehrheiten und Minderheiten. This reading wants to subvert what Marxist theory had. hierzu Hohendahl (1995. a stable concept of sub- jectivity and agency (as opposed to the state of fragmentation and passivity found in advanced capitalism. die auch deren Schichtzugehörigkeit und Geschlecht bein- haltet. The potential danger of this approach is its one-sided insistence on the subversion of the subject. especially identity logic and its extension into the concept of the subject. for instance).« . The poststructuralist reading would emphasize Ad- orno’s critique of subjecitivity. Es würden dann nicht mehr nur oder vor allem über Andere Aussagen getroffen. a critique that does not merely focus (as does Lukács) on fragmentation under monopoly capitalism but rather calls the entire Western tradition – the very constitution of subjectivity and identity in Greek culture – into question. taken for granted and ascribed to the writings of Adorno: namely. in der die Prozesse der eigenen Auseinandersetzung mit Herkunft unter- sucht werden – und zwar für alle Gruppen in der Bevölkerung. S.

M. Erleidensprozesse bilden daher einen wichtigen Teil gesellschaftlicher Erfah- rung. Buchner. Howard S.244 Lena Inowlocki Theorie. Frankfurt a. in: Chamberlayne. Ursula Apitzsch. Reflexionen aus dem beschädigten Leben.. in: Simmel. die Handlungs. Theodor W. Martin Löw-Beer. Walter (2000): Berliner Kindheit um neunzehnhundert. René Gabriels. Prue/Bornat.17 Erst durch die Aufmerksamkeit für diese Beeinträchtigungen können ge- sellschaftliche Bedingungen und Entwicklungen. Nevitt (1950): The Authoritarian Personality.): Antisemitismus. Frankfurt a. Frankfurt a. Till (Hg. Joanna/Wengraf. Honneth 1994. die Lebensmöglichkeiten behin- dern. Schütze 1984. auf ambivalente Handlungssituationen und auf Paradoxien. Regina Kreide. in: Outsiders: Studies in the Sociology of Deviance. in: ders. Tom (Hg. Frankfurt a. Fritz Schütze. M. 18 Beispielsweise einer »Forschungswerkstatt« (Reim/Riemann. Carl H. Frankfurt a. Die Rekonstruktion von Einzelfällen in der offenen Interpretation einer – auch interdisziplinär – arbei- tenden Forschungsgruppe18 richtet sich auf Handlungsmöglichkeiten. Lena (2000): ›Biographical analysis: A ’German‹ school?’. Theodor W. Apitzsch. Weinheim/München Becker. 17 Siehe hierzu Riemann/Schütze 1991. Für Gespräche und Hinweise danke ich Alex Demirovic. London/New York Apitzsch. Schütze 1987. M. New York/Evanston/London Adorno. Gottfried/Liebertz-Groß. Über Auschwitz. (1963): Becoming a Marihuana User.): »Erziehung nach Auschwitz« in der multikulturellen Gesellschaft. die mit mir über die Shell-Studie diskutiert haben./Sanford. Strauss. Schütze 1992. in: Fechler. erkannt werden: strukturelle Benachteiligung ebenso wie institutionelle Ab- läufe und kollektive Prozesse. R. Ohne Leitbild. . Bernd/Kößler. Parva Aesthetica. Ursula (2000): Ein deutsches Gewissen. in den Begriffen von Anselm L.16 In vielfacher Hinsicht können Individuen in der Autonomie ihrer Entscheidungen und in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sein. (1951): Minima Moralia. – (2002 [1993]): Antisemitismus und faschistische Propaganda. Ernst (Hg. Detlev (1995): Die Banalisierung des Bösen. M. die sich durch Handeln nicht auflösen lassen. Ursula/Inowlocki. auf das Wissen und die Emotionen. New York Benjamin. Claussen.und Entscheidungsfähigkeit von Individuen zu über- schätzen und dagegen die Bedingtheit von Handeln und insbesondere Erleidens- prozesse zu wenig zu beachten. in der Arbeit und in der Kreativität von Individuen zeigen. Daniel J. Oder: wie Martin Walser mißverstanden wurde. – (1973): Über Tradition. M. dies gilt auch für interpretative Ansätze wie den Symbolischen Interaktionismus. 1997). die sich auch jenseits der bewussten Wahrnehmung der Akteure vollziehen./Frenkel-Brunswick. Literatur Adorno. Else/Levinson. Alltagsreligion und 16 Vgl. Felicia Herrschaft und den Studierenden meines Seminars zur Jugendsoziologie.): The Turn to Biographical Me- thods in Social Science: Comparative issues and examples. die Leiden verursachen. auf institu- tionelle Abläufe und Prozesse. – (1995): Studien zum autoritären Charakter. die sich in den Anstrengungen. Kathy Davis.

Amsterdam Horkheimer. R. Ulrich (1983): Zur Sache. Een inleiding. Gerhard (1997): Die Forschungswerkstatt. M. Shell Jugendstudie. An International Handbook of the Science of Language and Society. Zum Ver- hältnis von qualitativer Sozialforschung und pädagogischem Handeln. Alex (1999): Der nonkonformistische Intellektuelle. Opladen Oevermann. Die Aufgabe der Sozialphilosophie. M. in: Ammon. (1968 [1944]): Dialektik der Aufklärung. Bd. Devorah/Miethe. in: von Friedeburg. Ludwig/Habermas. Ausschnitte aus einem Jahrzehnt soziologischen Arbeitens. M. in: Kohli.): Adorno-Konferenz 1983. Stuttgart – (1978): Symbolischer Interaktionismus. – (2000a): Doing »Being Jewish«. Frank- furt a.): Adorno-Konferenz 1983. and Change on the ›Eastern Side‹. Gabriels. Jan/Verstraete. Ginette (Hg. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus.): Social Organization and Social Process. (Hg. Jürgen (1973 [1968]): Erkenntnis und Interesse. Vol. International Sociology. S. 187–208 und S. Adorno. Frankfurt a. Berlin – (1992): Pressure and Guilt: War experiences of a young German soldier and their bio- graphical implications.): Biographies and the Division of Europe. Deutsche Shell (Hg.): Antisemitismus und Gesellschaft. Fritz (1991): ›Trajectory‹ as a basic theoretical concept for suffering and disorderly social processes. 1. Kritische Theoriebildung zu Antisemitismus 245 Gesellschaftstheorie. Frankfurt a. Norbert/Mattheier. Peter Uwe (1995): Prismatic Thought. Gisela/ Wensierski. Brisbane Demirovic. Neue Beiträge und Forschungsperspektiven.): Cultural Studies. Martin/Robert. Inowlocki. Action. Frankfurt a. M. in: von Friedeburg. Roswitha/Kalekin-Fishman. in: Jakob.): Sociolinguistics. Jürgen (Hg. Frankfurt a. Michael (Hg. Part 1 and 2. M. Theodor W. Axel (1994): Pathologien des Sozialen. I.) (2002): Jugend 2002. Ludwig/ Habermas. 7. New York. Frankfurt a. Nijmegen Habermas. Rensmann. Jürgen (Hg. Die Entwicklung der Kriti- schen Theorie zur Frankfurter Schule. Kathy (2002): Biography as Critical Methodology. M. Max (1996): Gesammelte Schriften. M. Max/Adorno. Jürgen (1983): Indizienparadigma und Totalitätsempirie. Theodor W. 17: Briefwechsel 1941–1948. René (2002): Een wereld zonder toevluchtsoord. Hans-Jürgen von (Hg. – (1988 [1981]): Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt a. Frankfurt a. Weinheim/Mün- chen Riemann. Lena (2000): Sich in die Geschichte hineinreden. in: Baetens. Constitution of »Normality« in Families of Jewish Dis- placed Persons in Germany in: Breckner. Philo- sophische Fragmente. Berlin/Hamburg Reim. 333–357 Ritsert. Günther (Hg): Biographie und soziale Wirklichkeit.): Rekonstruktive Sozialpädagogik. Frankfurt a. Essays in Honor of Anselm Strauss. Experience. (Hg. M. 14. Gerhard/Schütze. Klaus J. Fritz (1984): Kognitive Figuren des autobiographischen Stegreiferzählens. in: Werz. Thomas/Riemann. D. Erklärungspotential und Aktualität. S. Studien zu Struktur. Biographische Fallanalysen rechtsextremer Gruppenzugehörigkeit. Ulrich/Dittmar. Weinheim Hohendahl. Hoffmann-Riem. Lincoln/London Honneth. Lars (2001): Kritische Theorie über den Antisemitismus. 347–367 . Vortrag in der Integrative Focussed Session: »Who is the «we» in the «how do we know»?« ISA World Congress of Sociology. Schütze. Erfahrungen mit Studen- tinnen und Studenten der Sozialarbeit/Sozialpädagogik und der Supervision. M. M. Davis. Die Bedeutung von Adornos methodologischem Selbstverständnis für die Begründung einer materialen soziologischen Strukturanalyse. Christa (1994): Elementare Phänomene der Lebenssituation. Bd. Ingrid (Hg. Frankfurt a. in: Maines. Horkheimer.

Carolyn (1985): Social Organization of Medical Work.): Deutsche Zustände./Fagerhaugh. Ulrich/Christ. Barnara/Wiener. Oliver/Kühnel. Anselm L.246 Lena Inowlocki Strauss. Geschichte – Theoretische Ent- wicklung – Politische Bedeutung. Folge 1. Wilhelm (Hg. Frankfurt a. Steffen M. Chicago/London Wagner. in: Heitmeyer. Shizuko/Suczek. Rolf (2001 [1988]): Die Frankfurter Schule. (2002): Interkulturelle Kontakte. Die Ergebnisse lassen hoffen. M. Wiggershaus. München/Wien .

Diese Wandlung manifestiert sich über- deutlich in der Dialektik der Aufklärung (1944). Und die Autoren notieren in ihrer Vorrede. halten wir unverändert fest. S. Die ›Urgeschichte der Subjektivität‹ in der Dialektik der Aufklärung: die Geburt des bürgerlichen Individuums Die formal locker verbundenen Textteile der Dialektik der Aufklärung sind argu- mentativ streng auf einander bezogen: Über die Analyse unterschiedlicher sozialer Phänomene rekonstruieren Horkheimer und Adorno aus dem mythisch verar- beiteten Kampf gegen die Naturkräfte die Geburt des bürgerlichen Individuums. Einschränkend bemerken sie anlässlich der Neuauflage der Dialektik der Aufklä- rung 1969 allerdings: »Nicht an allem.. Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung Andrea D. 25). dass es ihnen in ihrem als Verfallsgeschichte angelegten geschichtsphilosophischen Deutungsver- such der abendländischen Zivilisationsgeschichte um nicht weniger als die Antwort auf die Frage gehe. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und des Faschismus wandelt sich der zunächst eher optimistische Grundton der Kritischen Theorie zu einer eher resignativen bzw. Diese wiederum verbinden sie mit ihnen bedrohlich erscheinenden Entwicklungen zur Mitte des 20. Dubiel 1978. anstatt in einen wahrhaft mensch- lichen Zustand einzutreten. Wiggershaus 1987) ist eine radikale Kritik der Gegenwart in Bezug auf das Verhältnis von Macht und Ratio- nalität. S. Für Max Horkheimer und Theodor W. Stre- cker 2001. 1. pessimistischen Haltung. etwa Schmid Noerr 1997. 308). S. 423. Im Zentrum steht die Frage nach den Individualisierungschancen und -risiken in modernen Gesellschaften und ihrer historischen Genese. in eine neue Art von Barbarei versinkt« (ebd. welche der Wahrheit . S. Das wäre unvereinbar mit einer Theorie. was in dem Buch gesagt ist. Adorno strahlt die »vollends aufgeklärte Erde« nun »im Zeichen triumphalen Unheils« (Horkheimer/ Adorno 1944. Jahrhunderts.›Wir sind weit weniger Griechen als wir glauben‹. »warum die Menschheit. 16). Bührmann Eine der zentralen Problemstellungen. Dabei postulieren Horkheimer und Adorno struk- turelle Gemeinsamkeiten zwischen antiken warenproduzierenden und modernen kapitalistischen Gesellschaften und verfolgen auf dem Hintergrund einer ›Ur- geschichte der Subjektivität‹ die Frage nach den Ursachen totalitärer Herrschaft. wenn nicht gar die zentrale Problemstellung des Projektes der Kritischen Theorie (vgl. der wohl bedeutendsten Ver- öffentlichung der Kritischen Theorie (vgl.

Jener fundamentalen Vernunftskepsis von Horkheimer und Adorno. sondern als dialektisch miteinander vermittelte Qualitäten. Söffner/Miller 1996. die sie allerdings durch eine Integration psychologischer Theoriekonzepte – insbesondere aber der Freud- schen Psychoanalyse – entscheidend erweitern und damit modifizieren. Der Mythos diene insofern der Selbsterhaltung. Jedoch verschieben sie den Akzent auf das gesellschaftliche Herrschaftsprinzip. das sich im Freudschen Realitätsprinzip verberge. S. Dabei be- trachten Horkheimer und Adorno Aufklärung und Mythos gerade nicht als unver- einbare Gegensätze. weil sie mit der Verleugnung der Natur und über andere Menschen bezahlt war um der Herrschaft über die außermenschliche Natur und über andere Menschen willen […]. und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Horkheimer und Adorno begreifen das moderne Subjekt als Ergebnis eines historischen Prozesses. 149) »ein ebenso hemmungsloses Vertrauen in den Universalismus der Grundwerte der Aufklärung entgegen. der es doch gerade durch Disziplin und Selbstverleugnung zu entgehen versucht. männliche Charakter des Menschen geschaffen war. es zu verlieren.) Wie aber wird in der Dialektik der Aufklärung die Geburt des bürgerlichen Individuums aus dem mythisch verarbeiteten Kampf gegen die Naturkräfte re- konstruiert? Zur Bearbeitung dieser Problemstellung beziehen sich Horkheimer und Adorno vor allen Dingen auf die marxistische Gesellschaftstheorie. S. 21). der schon in der Antike beginnt. der identische. bis das Selbst. »In der Klassengesellschaft schloß die Feindschaft des Selbst gegens Opfer ein Opfer des Selbst ein. mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart. Das Ver- hältnis des Menschen zur Natur entziffern sie in diesem Zusammenhang als ein Herrschaftsverhältnis. haftet dem Ich auf allen Stufen an. 13). die allerdings zuletzt von Jan Weyand (2001) in Frage gestellt worden ist. Cornelia Stillke und Bernd Leineweber (2000. wie sie Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung entwickeln. das Ich zusammenzuhalten. Denn »schon der Mythos ist Aufklärung. setzt Habermas. dass der Nationalsozia- lismus auf den fundamentalen Grundzügen der abendländischen Zivilisation ba- siert: In ihm kehre die elementar rächende. Horkheimer und Adorno kommen zu dem Schluss. unversöhnte Natur zurück.248 Andrea D. so kommentieren Christian Schneider. das sich in systematischer Hinsicht durch die zur Tatsache gewordene Zerstörung der Vernunft offensichtlich nicht beirren ließ. Bührmann einen Zeitkern zuspricht.« (Zur Aktualität dieser Fragestellung vgl. und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück« (Horkheimer/Adorno 1944. setzten sich die Menschen mit den Instrumenten der Aufklärung als deren Herrscher ein. S. Um ihre Furcht vor einer chaotisch erscheinenden Natur zu bewältigen. Die . 56) Dieses Subjekt steht nun für Horkheimer und Adorno immer vor der Bedrohung und Versuchung des Rückfalls in bloße Natur. Zwar bildet die Freudsche Zivilisationstheorie auch den Kern der Zivilisationstheorie. und stets war die Lockung. Die Anstrengung. Dabei sind für sie Men- schen nicht schon immer Subjekte: »Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen.« (Horkheimer/Adorno 1944. S. zweckge- richtete. anstatt sie als Unveränderliches der geschichtlichen Be- wegung entgegen zu setzen« (Horkheimer/Adorno 1969.

.. was zur Seite liegt. Mit anderen Worten: die Geschichte der Entsagung. »so wie nachmals die Bürger auch sich selber . die im bürgerlichen Individuum kulminiert. desto größer die Lockung der Sirenen geworden sei. d. Frisch und konzentriert müssen die Arbeitenden nach vorwärts blicken und liegenlassen. Dabei betrachten Horkheimer und Adorno die Odysse als »ahnungsvolle Allegorie der Dialektik der Aufklärung« (Horkheimer/Adorno 1944.« (ebd. fesseln.. wie Odysseus. »Vor den Göttern besteht nur. 57) in Bezug auf die Gefährten des Odysseus: »Wer bestehen will. Der Prozess der fortschreitenden Rationalisierung zerstöre die neuzeitliche Gestalt der Subjektivität. wie seine Gefährten. also als ein Dokument. 58) sowie als »Grundtext der europäischen Zivilisation« (ebd. ein Herrschaftsverhältnis über sich selbst errichten. 67) be- greifen. S.. 31). S. Diese bürgerliche Individualität gilt ihnen allerdings nur als Aufscheinen der von der Aufklärung versprochenen Realisierung des Ideals gelingender autonomer Sub- jektivität. darf nicht auf die Lockung des Unwiderbringlichen hören. sondern darüber hinaus als ihre Radikalisierung bis hin zur völligen Irrationalität angelegt. 56) des Sirenengesangs widerstehen. Denn das Subjekt selbst werde bis zur Vernich- tung geopfert. dass er sich um so stärker fesseln läßt. indem sie Herr ihrer selbst werden. Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 249 Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Introversion des Opfers. S. indem sie sich entweder. d.« In Bezug auf Odysseus. h. Odysseus und seine Gefährten müssen nämlich dem »unwiderstehlichen Versprechen von Lust« (ebd. 51) Für Adorno und Horkheimer ist schon die ›Urgeschichte der Subjektivität‹ nicht nur als Opferlogik per se. führen sie aus. und er vermag es nur. indem er sie nicht zu hören vermag. S. Das Erwachen des Subjekts wird erkauft durch die Anerkennung der Macht als des Prinzips aller Beziehungen« (ebd. S. wer sich ohne Rest unterwirft. h. Menschen werden – laut Horkheimer und Adorno – zu Subjekten. die Ohren mit Wachs verstopfen lassen. der zur Ablenkung drängt. oder. Aus diesem Grunde auch interpretieren Adorno und Horkheimer die gesellschaftlichen und sozialpsychologischen Entwicklungen bis hin zu histori- schen Formen von Subjektivität als durch die Kulturindustrie indizierte Deforma- tionen. Dafür hat die Gesellschaft stets gesorgt.. Gleichzeitig wird sie als normatives Modell von Subjektivität überhaupt stilisiert. Den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zur ›Urgeschichte der Subjektivität‹ bildet Homers Odyssee. den Horkheimer und Adorno – anders als seine Gefährten – als »Urbild eben des bürgerlichen Individuums« (ebd. Subjektivität ist also für Adorno und Horkheimer in ihren zentralen Zügen historisch-gesellschaftlich bestimmt und Produkt einer bis in die Frühgeschichte zurück reichenden Entwicklung. anhand dessen sich die Strukturen moderner Subjektivität rekonstruieren lassen. Sie können Herr über sich selbst werden. Den Trieb. so notieren Horkheimer und Adorno (ebd.. S. Denn. falls sie lernen. ihre Triebe und Gefühle – insbesondere aber ihren Sexualtrieb zum Objekt ihrer Beherrschung zu machen und sie so zu sublimieren. 69). Dies wird für die beiden Autoren an der Geschichte über die Fahrt des Grund- besitzers und Herrn Odysseus und seinen Gefährten vorbei am Gesang der Sirene deutlich. S. müssen sie verbissen in zusätzlicher Anstrengung sublimieren.

ist schon die Urgeschichte der Subjektivität wahrnehmbar. als dessen Funktion die Leistungen der Selbsterhaltung einzig sich bestimmen. die Steigerung aller materiellen und geistigen Kräfte. 58). Odysseus kann also in dieser Perspektive die äußere Natur nur in dem Maße kontrollieren und so zum autonomen Subjekt werden... 57). in dessen Dienst sie geschieht. Demgegenüber erfahren die Beherrschten »das Naturding bloß als sich entziehenden Gegenstand der Begierde« (ebd.« (ebd.. nichtig. 182) »zum Knotenpunkt konventioneller Reaktionen und Funktionsweisen zu- sammen. in der schließlich der ursprüngliche Zweck der Naturbeherrschung umschlage in die alleinige Beherrschung des eigenen Selbst. der gesellschaftliche Fortschritt. Damit behaupten Horkheimer und Adorno also die Gleichzeitigkeit der Kon- stituierung des Selbst und seiner Vernichtung bzw. sein Leben zu reproduzieren. Der Einzelne schrumpfe nämlich im Sinne einer »Pseudoindividualität« (ebd. je näher es ihnen mit dem Anwachsen der eigenen Macht rückte« (ebd. seine innere Natur zu beherrschen und gleichzeitig seine Gefährten veranlassen kann. die ihrer Meinung nach unverzichtbar für die Selbsterhaltung bis in die Gegenwart andauert.250 Andrea D. Denn auch hier lasse sich zeigen. Dies führt dazu. Die aufgeklärte Moral des bürgerlichen Individuums folgt nach Ansicht von Horkheimer und Adorno schließlich derselben Logik. S. S.und Lebensformen und – darauf machen etwa Artur Bogner (1989) und Martin Kohli (1988) aufmerksam – hypostasieren den frühkapitalistischen Unternehmer zum »Paradigma des ›Individuums‹« (Bogner 1989. und die Inthronisierung des Mittels als Zweck. dass die Herrschenden nurmehr das Dasein noch als ›Substrat‹ erfahren und so zu einem ›kommandierenden Selbst‹ erstarren. die im späten Kapitalismus den Charakter des offenen Wahnsinns annimmt. Die Herrschaft des Menschen über sich selbst. was erhalten werden soll. 80). ist virtuell allemal die Vernichtung des Subjekts. eigentlich gerade das. . S. werden alle die Zwecke. S. denn die beherrschte. für die er sich am Leben erhält. S. S. die sein Selbst begründet. Damit reifizieren sie allerdings auch die »großbürgerliche Verachtung der Massenindividualisierung« (Schroer 2001. die sachlich von ihm erwartet werden« (ebd. 51). Opferung. 76). aus dieser Logik auszubrechen. Sie plädieren für eine aufhebende Lösung der Widersprüche statt einer regressiven Aufhebung der Widersprüche im Sinne einer Reduktion der Einzelnen auf bloß abhängige Momente der totalitären Gesellschaft das Wort zu reden. die sie doch so heftig kriti- sieren. die demnach allenfalls noch eine kulturindustriell erzeugte ›Pseudoindividualität‹ besä- ßen. in dem er lernt. ja Bewußtsein selber. Bührmann das Glück um so hartnäckiger verweigerten. »In dem Augenblick. S. 78) Horkheimer und Adorno zielen nun darauf. Damit wird die Unter- drückung des eigenen Trieblebens zum Preis.. unterdrückte und durch Selbsterhaltung aufgelöste Substanz ist gar nichts an- deres als das Lebendige. dass eine Verlagerung der Herrschaft über die Natur in das eigene Selbst das Ende einer Entwicklung markiere. in dem der Mensch das Bewußtsein seiner selbst als Natur sich abschneidet. den er für die Emanzipation von den Naturzwängen zu bezahlen hat. Dabei disqualifizie- ren sie die gegenwärtigen Denk..

das Substratum nie endender Subsumtion in der Idee. Damit aber historisieren und kontextualisieren Horkheimer und Adorno zwar das von Freud postulierte Triebgeschehen. 44) zusammenschrumpfe. S. Dagegen be- tonen sie die Bedeutung gesellschaftlicher Macht. So notieren Horkheimer und Adorno (ebd. dass Horkheimer und Adorno (1944. dass Sigmund Freud das Subjekt als Anfang der Geschichte unterstelle.. Einwände gegen die ›Urgeschichte der Subjektivität‹ Bei näherer Betrachtung zeigen sich zwei Dinge. Die Einzelne ist gesellschaftlich Beispiel der Gattung. S. an die Stelle der Introjektion › der Verin- nerlichung der gehemmten Aggression. Vertreterin ihres Geschlechts und darum. S. In ihrer Reformulierung der Freudschen Zivi- lisationsgeschichte in der Dialektik der Aufklärung tritt »an die Stelle des Trieb- verzichts […] das Opfer des Selbst. nicht als historisch Gewordenes. sie zu individuieren. zu erlangen sei. dass die Beherrschung der Triebe bzw. dass die Verdrängung des Sexualtriebes not- wendiger Bestandteil im Prozess der Konstituierung von Subjektivität sei. Sie unterstellen. Freud 1930) angesehen werden. steht sie für Natur. wie Subjektivität entsteht. als von der männlichen Logik ganz Erfaßte.. S. nie endender Unterwerfung in der Wirklichkeit. der sich für Odysseus Weise der Subjektivierung ent- scheiden kann – wird der Frau »als Repräsentantin der Natur« (ebd. S.und Herrschaftsverhältnisse für die Konstituierung von Subjektivität. Zwar beschreibe Freud die verhängnisvollen Mechanismen des Prozesses der Kulturentwicklung. auf dem Hintergrund der Freudschen Psychoanalyse. S. und an die Stelle der Versagung die Entsagung« (Rantis 2001. dass der kulturelle Fortschritt der Menschheit nur um den Preis der individuellen Triebunterdrückung. jedoch ziehe er aus diesem Prozess gerade nicht die notwendigen Konsequenzen für eine Kritik am gesell- schaftlichen Prinzip der Herrschaft. 78) in ihrer ›Urgeschichte der Subjektivität‹ die Geburt des modernen Subjekts als Geburt des männlichen Subjekts rekonstruieren. die aber die Bedeutung von Verinnerlichung hat […]. 59). Das Weib als vorgebliches Naturwesen ist Produkt der Geschichte. Jedoch übernehmen Horkheimer und Adorno den Gedanken Freuds. insbesondere aber die Unterdrückung des Sexualtriebes. die Introversion der Opfers. Erstens beantworten Horkheimer und Adorno die Frage. Gleichzeitig jedoch ontologisieren sie die Vorstellung. Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 251 2. Während der Mann sich über die Installierung eines Herrschaftsverhältnisses über sich selbst individuieren kann – wohlgemerkt allerdings derjenige nur.« . 135): »Der Mann als Herrscher versagt der Frau die Ehre. 85). Diese kritisieren sie zwar: Zum einen wenden sie sich dagegen. ihre adäquate Sublimierung angesichts des Zwangs zur Selbsterhaltung wie zur Naturbeherrschung unhintergehbar ist und kommen zu dem Schluss: »Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression« (Hork- heimer/Adorno 1944. Zum anderen kritisieren Horkheimer und Adorno. Zweitens wird deutlich. dass in den psychoanalytischen Begriffen Geschichte »zu einer endofami- liären Konfliktgeschichte« (Rantis 2001. 95) genau jene Möglichkeit abgesprochen. die es denaturiert. Ausgehend davon können die Überlegungen von Horkheimer und Adorno als eine Reformulierung der psychoanalytischen Ent- wicklungslehre in Gestalt der Theorie des Ödipus-Komplexes (vgl.

Diese Rekonstruktion der Herausbildung moderner Subjektivität in der Dialek- tik der Aufklärung ist im Rahmen der Frauen. 1990. für eine kritische. insistieren in der deutschsprachigen Diskus- sion vor allen Dingen Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp auf der Anschlussfähigkeit der Kritischen Theorie. Kulke 1989. Scheich 1988. etwa Benjamin 1982. S. Horkhei- mer/Adorno 1944. 113) konstatiert in diesem Kontext: »Den Frauen wird Horkheimer und Adorno zu- folge dagegen die Entwicklung eines eigenen Verhältnisses zu sich selbst als Subjekt verweigert und die ›männliche‹ Form des Subjekts gleichsam von ›außen‹ als Selbstverhältnis aufgezwungen. ob sich mit Adorno »das Materialismus-Postulat in eine begrifflich-analytische Form bringen läßt und zur Verortung des Geschlechterverhältnisses in seiner objektiv-gesell- schaftlichen Verankerung beiträgt«. die Frau zu individuieren.und Geschlechterforschung vielfach als Reproduktion traditioneller Weiblichkeitsentwürfe kritisiert worden (vgl.). S. gerade weil der ›Mann als Herrscher‹ ihr die ›Ehre versagt‹.. In der bürgerlichen Gesellschaft aber wird die Frau für Horkheimer und Adorno schließlich zum Rätselbild von Unwiderstehlichkeit und Ohnmacht. S. dass sich die Frau laut Horkheimer und Adorno nicht selbst individuieren kann. sich selbst zu beherrschen. 97). ja sie wird immer in Abhängigkeit zum implizit männ- lichen Subjekt gedacht. indem ihr Macht nur vermittelt durch den Mann zufällt« (ebd. dass der Frau eine autonome Sub- jektivierung versagt wird. Und Horkheimer und Adorno fahren fort: »Die Ehe ist der mittlere Weg der Gesellschaft.. wie der Mann nicht fähig sei. Bührmann Horkheimer und Adorno konstatieren also. damit sich abzufinden: die Frau bleibt die Ohnmächtige. 78) noch die Frage verneint.. die anstelle der Versöhnung der Natur die eitle Lüge setzt« (ebd.252 Andrea D. Das bedeutet auch. In der Gestalt der Sirene bedrohe die Frau zwar die männliche Subjektivierung. als deren geheime Bundesgenossin nochmals dem Besitzverhältnis unter- stellt und Lust verkauft« (ebd. genauer zu den Autoren der Dialektik der Aufklärung. S. was die Besitzrechte der Gattin unbesetzt lassen. aber nur insoweit.« Zugleich aber wird die Frau als Verkörperung des Sexuellen in der Dialektik der Aufklärung als potenzielle Bedrohung der patriar- chalen Ordnung und der männlichen Subjektivierung beschrieben (vgl. S. Andrea Maihofer (1995. Dabei verstehen Horkheimer und Adorno die Prostituierte wie die Gattin als »Komplemente der weiblichen Selbstentfrem- dung in der patriarchalen Welt: die Ehefrau verrät Lust an die feste Ordnung von Leben und Besitz. Beer 1988. 56). Rumpf 1990. 95). feministische Forschung. die Erkenntnispotenziale der Kritischen Theorie für eine Analyse der Geschlechterdifferenz und der gesellschaftlichen Organisation des . Die produktive Aneignung der ›Urgeschichte der Subjektivität‹ im Rahmen der kritischen Frauenforschung Während etwa Ursula Beer (1990. Becker-Schmidt und Knapp plädieren dafür. S. 95 f. Schultz 1992) 3. So spiegele sie »der Herrschaft die eitle Lüge wieder. während die Dirne.

Aber Becker-Schmidt insistiert auch auf der Produktivität zentraler Kate- gorien und Denkbewegungen der Kritischen Theorie für eine Theorie des Ge- schlechterverhältnisses. das gesellschaftliche Ganze als einen aus strukturellen Gründen widersprüchlichen Zusammenhang zu begreifen. 65) konzediert zwar. Dabei fordert sie »die Konnexionen im Geschlechterverhältnis zu denen zwischen gesellschaftlichen Sek- toren in Beziehung zu setzen« (Becker-Schmidt 2000a. dass Adorno und Horkheimer »trotz patriarchatskritischer Aspekte das Geschlechterverhältnis als Strukturzu- sammenhang übersehen« hätten und dass sie »trotz ihrer Erkenntnisse über den Zusammenhang von Naturbeherrschung und männlicher Individuation doch tradi- tionellen androzentrischen Denkmustern« folgten (vgl.« (ebd. Auf diese Weise will sie die Defizite im Projekt der Kritischen Theorie mit empirisch- historischen Forschungsbefunden füllen. S. 56). So verführen Horkheimer und Adorno in ihren Untersuchungen zur Gewaltförmigkeit der Vergesellschaftungsprozesse bezogen auf den weiblichen Charakter identifizierend und naturalisierend. die Notwendig- keit. 1991) auf Adornos Begriff der Totalität. S. 1991.) aber noch zwei weitere Motive wichtig: »die wechselseitige Bezogenheit von kritischer Subjekt. die Perspektive. » das dem gesellschaftlichen Erfah- rungswert von häuslicher Arbeit nicht gerecht werde« (Becker-Schmidt 1991. auch Becker-Schmidt 2000a. S. die Zielsetzung. Denn. S. 2. 392) schließlich. 66) Darüber hinaus erscheinen Becker-Schmidt (ebd. S. so bemerkt Becker-Schmidt (1992. »viele erkenntnistheoretische und methodo- logische Forderungen der Frankfurter Schule sind auch Ansprüche einer kritischen Frauenforschung geworden«. um so die Leerstellen und Abstraktionen in Bezug auf die Kategorie Geschlecht zu überwinden. Zugleich verweist sie auf Kontinuitäten zwischen Kri- tischer Theorie und der Erforschung des Geschlechterverhältnisses. An dieser Stelle benennt sie im Rekurs auf Seyla Benhabib folgende Motive. 3. S. 56). den Anspruch. in denen sich Kritische Theorie und kritische Frauen- forschung träfen: »1. In diesem Kontext fordert Becker-Schmidt (vgl. dass sie »die doppelte Vergesellschaftung von Frauen« übersähen und dass sie das »Frauen- bild auf ein Hausfrauenklischee« reduzierten. Dies hätte zur Konsequenz. Wissenschaft als Anleitung zu einer emanzi- patorischen Praxis betreiben zu wollen.. Geschlecht als soziale Strukturkategorie zu begreifen. 390). Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 253 Geschlechterverhältnisses trotz deren androzentristischer Verkürzungen und Aus- blendungen produktiv zu nutzen. Auch Knapp plädiert für eine kritische Frauenforschung in der Tradition der .und Gesellschafts- theorie sowie – und damit auf engste zusammenhängend – die Vertretung des Rechts auf Besonderung in der Interdependenz von Individuum und Allgemein- heit«. Herrschaftsbedingungen und Mechanismen der Machtdurchsetzung aufzudecken. 65). In einem früheren Aufsatz rekurriert Becker-Schmidt (vgl. Becker-Schmidt (1992. S. innere und äußere Verge- sellschaftung der Subjekte als in dieser Totalität strukturell vermittelte und ver- mittelnde zu verstehen. alle sozialen Phänomene als historische zu begreifen. 4. mit dem dieser die gesellschaftliche Organisation von Produk- tion und Reproduktion als Ganzes erfasse und versuche.

[…] Frauen sind als Berufstätige und als Hauptverantwortliche im privaten Bereich doppelt. Mies 1980). Sie sind überdies Grenzgängerinnen zwischen kulturellen Sphären. Diese Konzepte essentialisierten Weib- lichkeitsstereotypen. Beck-Gernsheim 1978) sowie das von Marie Mies entwickelte Konzept des weib- lichen Gegenstandsbezugs (vgl. S. was ihnen historisch zugestanden wurde […].« In diesem Spannungsfeld spreche sich die Wahrheit einer Gesellschaft aus. seine Veränderungen und Un- gleichzeitigkeiten zu erforschen. 268) weiter: »Frauenforschung und feministische Selbstreflexion darf sich nicht damit bescheiden. Denn. Bührmann Kritischen Theorie. erfahren Frauen sowohl im privaten wie im öffentlichen Bereich Diskriminierungen – ihre Existenzmöglichkeiten sind insgesamt im Durchschnitt eingeschränkter als die der Männer. was (allzu) manifest ist. im Rahmen einer Kontextualisierung die strukturelle Einbindung von Männern und Frauen in jedem einzelnen sozialen Feld zu konkretisieren und in ihren subjektiven Dimen- sionen auszuloten. Da geschlechtliche Hierarchisierungen alle sozialen Bereiche durchziehen. im Rahmen einer Historisierung die objektivierten gesellschaftlichen Herrschaftszusammenhänge zu untersuchen und so die Organisation des Geschlechterverhältnisses. sondern im Gegenteil strukturelle Benachteiligungen gegenüber Männern. S. so Knapp (1989. die – wenn auch in bereichsspezi- fisch unterschiedlichen Ausprägungen – männlich dominiert oder weiblich konnotiert sind. Es geht also nicht nur darum.« Auf das von Becker-Schmidt und Knapp formulierte methodologische. Dieses doppelte gesellschaftliche Engagement bringt ihnen jedoch keine Vorteile ein. Aufgabe einer kriti- schen Frauenforschung sei es demgegenüber in einer ›Doppelorientiertung‹ sowohl ›soziale Identitätszwänge‹ als auch ›Motive der Nichtübereinstimmung‹ in den Blick zu nehmen.) folgendermaßen: »Frauen sind in zweifacher Hinsicht vergesellschaftet – sie sind Hauptakteurinnen der privaten Reproduktion und partizipieren an den marktvermittelten gesellschaftlichen Sphä- ren. Die bloße Abbildung des Status quo – sei es in der Theorie oder in empirischen Untersuchungen – läuft stets Gefahr. die Verknüpfung gegenläufiger Zielvorstellungen und das Ausbalancieren widersprüchlicher Verhaltensanfor- derungen im Wechsel zwischen privater Lebenswelt und Berufssphäre abverlangt. sondern gleichzeitig auch darum. Dieses Theorem skizzieren Becker-Schmidt und Knapp (1995a. 11 f. Ihnen wird eine andere Planung ihrer Biographien. aber auch im Rekurs auf ihre eigenen empirischen Forschungsbemühungen entwickeln Becker-Schmidt und Knapp im Rahmen eines weitgehend gemeinsamen Forschungsprozesses das Theo- rem der doppelten und widersprüchlichen Vergesellschaftung von Frauen. theoreti- sche und empirischem Forschungsprogramm und seine Implikationen beziehen . substantialisierten so bestimmte Sichtweisen auf Frauen und produzierten so letztlich Ideologie (vgl. das zu registrieren.254 Andrea D. ›Kräfte und Gegenkräfte‹ […] im Blick zu halten und ihrem Verhältnis nachzuspüren – historisch-gesellschaftlich wie in den Sub- jekten. Im Bezug auf diese Wahrheit erweise sich» denn auch «der Realitätsgehalt feminis- tischer Politik». »darum. Frauen auf das fest- zunageln. Aus politischen und theoretischen Erwägungen heraus« gehe es deshalb. Sie kritisiert ausgehend vom ideologiekritischen Verfahren im dialektischen Denken der Kritischen Theorie das von Ilona Ostner und Elisabeth Beck-Gernsheim formulierte Konzept des weibliches Arbeitsvermögens (vgl. dazu Knapp 1988). Ausgehend von diesen theoretischen Reflexionen. aber auch grundsätzlich anders verge- sellschaftet als Männer.

wobei die Triebtheorie von Freudschen Einseitigkeiten bereinigt wird. 1995. Lenz/Germer (1996) und Wetterer (1992). etwa Müller/Schmidt-Wald- herr 1993. 1992. 1995) plädiert nämlich für eine Erweiterung des Theorems der doppelten und widersprüchlichen Vergesellschaf- tung mit Blick auf die Komplexität des Zusammenhangs zwischen weltweiten gesellschaftlichen Entwicklungen. S. Krüger (1995). insbe- sondere aber Becker-Schmidt und Knapp immer wieder positiv auf psychoanalyti- sche Kategorien und Denkbewegungen (vgl. Damit ist eine wichtige Erweiterung des Theorems von der doppelten und widersprüchlichen Vergesellschaftung angesprochen. wie etwa Klasse und Ethnie. etwa Becker-Schmidt 1989. Mutter-Sohn-Beziehung in den präödipalen Phasen kritisiert. Zweitens geht es um die Analyse der Vermittlungen der gesellschaftlichen Macht. Diese Studien zielen auf den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang und darin insbe- sondere auf das Verhältnis der Geschlechter im Zusammenhang auch anderer Herrschafts. Soziale Verhältnisse werden dabei nicht einfach als determinierende Faktoren betrachtet.). Ja.bzw. Ilse Lenz (vgl. für die Subjektivität sich im Konflikt mit inneren und äußeren Verhältnissen sowie zwischen inneren Impulsen des Subjekts entwickelt. dem Menschen ohne Widerstandspotenziale unterworfen seien. Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 255 sich viele Sozialwissenschaftlerinnen positiv. . In An- lehnung an die Freudsche Psychoanalyse. Becker-Schmidt/Knapp 1995a. Lenz (1995). die in gesellschaftlichen Verhältnissen begründet sind. Zugleich werden die Folgen der Globalisierung und speziell das Verhältnis zwischen Geschlecht. sondern öffnet den Blick für Identitätszwänge. Knapp 1995). 2000). Zugleich gilt die weibliche Entwicklung nicht mehr mit der Latenzperiode als beendet. In diesem Zusammenhang kritisieren insbesondere Becker-Schmidt und Knapp zwar immer wieder psycho- analytische Forschungskonzeptionen und plädieren für ihre feministische Revision.und Geschlechterforschung (vgl. Gleichzeitig jedoch beziehen sich die Vertreterinnen der kritischen Theorie. Zu nennen sind hier neben Beiträgen von Becker- Schmidt und Knapp beispielsweise die Studien von Beer (1990). den Ungleichzeitigkeiten verschiedener Gesell- schaftsordnungen und der Konsequenzen dieser hierarchischen Verflechtungen für Frauenbewegungen. Diese Forschungsperspektive redu- ziert den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Subjekt gerade nicht auf subjektive Anpassungsprozesse an herrschaftsförmige Verhältnisse.und Ungleichheitsstrukturen (vgl. 2000. Gerhard 1991). aber auch für Widerstandspotenziale der Subjekte. Dabei wird die Vorrangstellung des Vaters und die ödipale Konfliktkonstellation durch die Hervorhebung der Mutter-Tochter. wird Subjektivität im Konflikt mit sich selbst sowie mit den wider- sprüchlichen sozialen Bedingungen erforscht. es avanciert spätestens Anfang der 1990er Jahre zu einer der zentralen Forschungskonzeptionen in der deutsch- sprachigen Frauen. 1f. In den vom Theorem der doppelten und widersprüchlichen Vergesellschaftung inspirierten Arbeiten kristallisieren sich insbesondere zwei For- schungsschwerpunkte heraus: Erstens geht es um eine differenzierte Betrachtung der sozialen Strukturkategorie Frau im Zusammenhang mit anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit.und Herrschaftsbeziehungen mit den inneren Dynamiken der Subjekte. Gottschall (1995. Schließlich findet die Dynamik der Adoleszenz Einzug in die Erforschung weiblicher Ent- wicklung. die der Triangulierung vorausgehen. Ethnizität und Globalisierung diskutiert.

« Und auch Knapp (1995. gleichwohl jedoch im Rückgriff auf psycho- analytische Denkbewegungen und Kategorien –. als problematisieren sie den Umstand. die im Begriff ›Geschlecht‹ auftauchen. die auf dem Begehren nach sozialer Anerkennung und Geltung basieren. 17).) fahren fort: »Der Begriff Geschlechtsidentität kann darum bezogen sein auf sexuelle Orientierungen in der Objektwahl und im Selbstbild (homosexuell.und heterosexuellen Identifikationen im Mittelpunkt. Ebenso wenig gehe es in diesen Routinen auf. dass das »verge- schlechtlichte Subjekt« nicht alleine aus »sexuierten Wahrnehmungs-.« Die Autorinnen stellen die eindeutige Festlegung von Geschlechtsidentitäten in Frage. S. 242) muss es darum gehen.und gegengeschlechtliche libidinöse Objekt- wahlen und mimetische Identifikationen« (Becker-Schmidt/Knapp 1995a. S.und Interaktionsroutinen« hervorgehe. S. 1983) die subjektiven Erfahrungs- dimensionen von weiblicher Arbeit zwischen Familie und Fabrik aus. Zuschrei- bungs. Diese Erfah- rungen beschreiben die Forscherinnen mit der psychoanalytischen Kategorie Am- bivalenz. dass gerade . heterosexuell). (1982.256 Andrea D. Bührmann So loten etwa Becker-Schmidt et al. dass die formulierten Ambivalenzen als Ausdruck einer gesellschaftlichen Realität zu verstehen sind. Nach Ansicht von Becker-Schmidt (1995. sie hätten »jedoch durchaus unterschiedliche Triebfedern: gleich. Poststrukturalismus) zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Normierung von Sexualität und der Festlegung auf eindeutige Geschlechtsidentitäten geführt: die phallokratische He- terosexualität wurde als Zwangsheterosexualität in Frage gestellt und die Stereotypisierung von Weiblichkeit und Männlichkeit problematisiert. jedoch scheint es so. indem sie die Frage beleuchten. In der Einleitung zu ihrem Sammelband Das Geschlechterverhältnis als Gegen- stand der Sozialwissenschaften (1995) bestimmen Becker-Schmidt und Knapp schließlich unterschiedliche Dimensionen. In späteren Arbeiten fragt Becker-Schmidt (1995) – zwar in kritischer Abgrenzung von traditionellen psychoanalytischen Konzepten und im Rekurs auf feministische Reformulierungen der Psychoanalyse. 188) betont in ihrem Beitrag »Unterschiede machen: Zur Sozial- psychologie der Hierarchisierung im Geschlechterverhältnis«. »wie – im Gegensatz zu stromlinienförmig ausgerichteten Kon- zepten geschlechtstypischer Sozialisation – vor allem die Psychoanalyse« deutlich gemacht habe. auf welche Problemstellungen die einzelnen Elemente des Begriffs ›Geschlecht‹ verweisen. die ebenso wie die der sexuellen oder narzißtischen Libido unbewußte Dynamiken und Ambivalenzen berücksichtigt. Und Becker-Schmidt und Knapp (ebd. Ethnomethodologie. die Frauen widersprüchliche Anforderungen aufzwingt. Dabei wollen sie eine ›Orientierungshilfe‹ bieten. transsexuell. eine Triebtheorie. wenden diese allerdings sozialpsychologisch und kommen zu dem Schluss. Die Beschäfti- gung mit der Vielfalt von Ausprägungen sexuellen Begehrens hat in wichtigen Strömungen des Feminismus (Sozialer Konstruktivismus. dass »sexuelle und soziale Identität im Prozeß der Individuation nicht zu trennen« seien. der Neugierde und des Geltungsdrangs zu entwickeln. Dabei steht das Schicksal von homo. wie Entwicklungen geschlechts- spezifisch verlaufen und welche biographischen Orientierungen sie zur Folge haben. »eine Triebtheorie der Wißbegierede. In diesem Kontext konstatieren Becker-Schmidt und Knapp in Bezug auf den Begriff der Geschlechtsidentität.

Feminism and the Subversion and Identity (Das Unbe- hagen der Geschlechter. angesprochen. Wenn aber die jeweilige Organisation des Triebapparates kulturell bedingt ist. und Forscherinnen. dualistische Geschlechtervorstellungen bzw. dass viele Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht innerpsychische Dynamiken in der Konstitution geschlechtlicher Subjektivität weitgehend ausblenden. da sie den prozessuralen Charakter von Vergeschlechtlichung in den Mittelpunkt rücke. selbst nicht. sozialkonstruktivistische und dekonstruktivistische bzw. Die Debatte selbst entzündet sich in der deutschsprachigen Frauen- bzw. überzeit- lichen Beiklang. dass eben diese Kategorie als struk- turierendes Merkmal des gesellschaftlichen Zusammenlebens wirkt? Im Verlauf der Auseinandersetzung werden ethnomethodologische. der Sexualtrieb für die Geschlechtsidentität eine zentrale Bedeutung zugeschrieben wird. Gegen Konzeptionen. Brüche bzw. obgleich auch hier zumindest Affinitäten in Bezug auf eine Kritik an vereinheitlichenden ontolo- gisierenden Identitätskonzepten aufzufinden sind. plädieren sie für eine Rückbindung der Erfor- schung des Geschlechterverhältnisses an gesamtgesellschaftliche Analysen. die Prozesshaftigkeit und damit auch ihre historisch-konkreten und möglichen Variationen der Herausbildung von Subjektivität systematisch zu thematisieren und begrifflich zu reflektieren. ›Kurskorrekturen‹: kritische und/oder poststrukturalistische Frauen. poststrukturalistische Forschungsansätze kontrovers diskutiert. kulturelle Konstruktion begriffen werden. aber auch Cornelia Ott (1998) beziehen sich positiv auf die kritische Frauenforschung. 4. die sich auf poststrukturalistische Theorietraditionen beziehen. 1991a). normalisierende Wirkungen. ohne zugleich davon zu abstrahieren. Im Mittelpunkt steht dabei. ausgehend von der Überlegung. ergibt sich gleichwohl die Forderung. Geschlech- terbeziehungen und Geschlechterverhältnisse – einen vorgeschichtlichen. jene Zentralität von Sexualität für die Organisation des Trieb- apparates zu hinterfragen. Gender. . -ord- nungen implizierten normative bzw. Damit ist eine Kontroverse zwischen Forscherinnen. Geschlechterforschung vor allem an Judith Butlers 1990 veröffentlichten Studie Gender Trouble. Wi- dersprüche sichtbar mache und so eine Reifizierung des Weiblichen hintergehe. Vielmehr erhält sie – anders in den Ausführungen zu den Dimensionen Geschlechterdifferenz. die die Kategorie Geschlecht ausschließlich als Phänomen sozialer Konstruktion begreifen. Genus-Gruppe.und Geschlechterforschung? Die erwähnte Forderung verweist zunächst auf Studien zur sozialen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und deren Reifizierung. so dass es möglich ist. die Frage: Wie kann die Kategorie Geschlecht als soziale bzw. Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 257 Sexualität bzw. Diese Forderung erscheint mir mit Blick auf das histo- risch-konkrete Transformationsgeschehen von Subjektivierungsweisen zentral. Einige Autorinnen wie etwa Regine Gildemeister und Angelika Wetterer (1992). die sich dem Denken Horkheimers und Adornos verpflichtet fühlen. Zu- gleich wird kritisiert.

S. 41). die im Rahmen der deutschsprachigen Forschung vielfach formuliert worden ist (vgl. d.. h. und insbesondere. so stellt sie 1993 in Entgegnung auf den Vorwurf der Entkörperung in ihrer Studie Bodies that matter (Körper von Gewicht. Individuum und Gesellschaft zu analysieren. Butler argumentiert. In ihren Analysen zur Materialität der Geschlechtskörper beschreibt Butler Materialität allerdings nicht als etwas historisch Gewordenes. eine Kopie ohne Original. ›Diskurs‹ und ›Kultur‹ zu Instanzen. dass der komplexe. komme es zu einer Reduktion gesellschaftlicher Prozesse. Maihofer 1995). Damit ist auf eine grundsätzliche Kritik an Butlers Vorgehensweise verwiesen. Insbesondere Vertreterinnen einer kritischen Frauenforschung monieren. dass das Geschlechterverhältnis in seinen spezifischen Organisationsformen nicht nur etwas diskursiv Hervorgebrachtes. Vielmehr. wenn deren sozio-kultu- relle Konstituierung und Verfestigungen in gesellschaftlichen Strukturzusammen- hängen nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren wie deren Genese als Wissens- form? Die zunächst bisweilen erregt geführte Kontroverse um Butlers Thesen mündet . dass Butler von den historischen Bedingungen der Bezeichnungspraxen abstrahiere. die sie weder kontextualisiere noch his- torisiere. S.258 Andrea D. 65). in deren Notwendigkeit Menschen lebten und ohne die das Leben selbst undenkbar sei. sei. anstatt das Zusammenspiel von Hand- lung und Struktur. die »normativen Bedingungen zu klären.und Herrschaftsverhältnissen Gewordenes sei: die Konstruktionen der Geschlechterdifferenzen würden nicht auf die Konstellationen von Geschlech- terverhältnissen bezogen. Vielmehr wür- den biologisches und soziales Geschlecht über spezifische diskursive Praktiken konstituiert. wie sie durch differentielle Kategorien des Ge- schlechts gebildet wird«. In diesem Kontext versteht Butler Materie als »etwas zu Materie Gewordenes«. widersprüchliche Charakter der Geschlechterver- hältnisse und deren historischen Transformationen ausschließlich aus einer dis- kursiven Eigengesetzlichkeit begriffen werden könne. Sie bestreitet also nicht die Materialität des Körpers.. sondern auch etwas innerhalb von sozialen Macht. das ihrer Ansicht nach »mit Bezug auf die produktiven und eben auch materialisierenden Effekte von regulierender Macht im Foucaultschen Sinne gedacht werden« (ebd. S. so dass es letztlich zur Vernachlässigung. unter denen die Materialität des Körpers gestaltet und gebildet wird. Dies habe zur Konsequenz. dass es sich beim biologischen Geschlecht um eine Fiktion handele. 31) müsse. Da ihre Analyse nicht die Ebene des Diskurses verlasse. Bührmann Ausgehend von der Infragestellung eines ›mimetischen Verhältnisses‹ zwischen geschlechtlicher Identität und Körpergeschlecht entwickelt Butler die These. wenn nicht Ausblendung gesellschaftstheoretischer Dimensionen komme. so Butler (ebd. Die zentrale Frage für die Kritikerinnen der Thesen von Butler lautet also: Können Identitätskonzepte durch dekonstruierende Verfahren entmächtigt werden. dass die Klassifizierungen von und die Differenzierungen zwischen biologischem und sozialem Geschlecht keine Beschreibungen der Realität darstellen. 1995) fest. gehe es ihr darum. Damit aber bleibe unreflek- tiert. Butler ontologisiere ›Macht‹. für eine Über- sicht der Kontroverse Knapp 2000. Betont Butler an dieser Stelle noch die Fiktionalität des Körpers. dass Geschlechterdifferenz und damit ge- schlechtliche Identität eine »Fiktion« (Butler 1991b.

Seiner Ansicht nach nämlich glauben die Vertreter der Kritischen Theorie. wieder zu erlangen und diese zu befreien. h. S. Und auch im Zentrum seiner Studien steht die Frage nach den Individualisierungschancen und -risiken in modernen Gesellschaften und ihrer historischen Genese. sich in einer unendlichen und vielfältigen Reihe ver- schiedener Subjektivitäten zu konstituieren. Dews 1989) nicht nur repressiv. S. was ›der Mensch‹ wäre. insofern er den kritischen Impuls der Kritischen Theorie radikalisiert. 66) Foucault sieht das Problem gerade nicht darin.« (ebd. insbesondere aber die psychoanalytischen Vorstellungen Freud- scher und auch Lacanscher Prägung als außerordentlich problematisch. ›wahren‹. in der ich zur arbeiten versucht habe« (Foucault 1984. auf den sich ja auch Butler explizit bezieht. 11). also im Sinne der kritischen Theorie die bürgerlicher Individualität. So rechnet Foucault sich selbst zur Tradi- tion der aufklärerischen Philosophie: »Diese Form der Philosophie hat von Hegel bis zur Frankfurter Schule […] eine Form der Reflexion begründet. So konsta- tiert er: . Allerdings grenzt er sich dezidiert vom Projekt der Kritischen Theorie ab. den Entwurf ihrer Subjektivität ständig zu verlagern. dass »die ›Erzeugung des Menschen durch den Menschen‹ wesentlich in der Notwendigkeit bestehe. ›authentischen‹ We- sens von Subjektivität zu zerstören: »Die Menschen haben nie aufgehört. S. all das zu befreien. die niemals ein Ende haben wird und uns niemals etwa gegenüberstellen wird. die produktiven Impulse ihrer Thesen und auch anderer poststrukturalistischer Forschungskonzepte mit gesellschaftstheoretisch orientierten Forschungskonzeptionen zu verknüpfen. In diesem Kontext scheint mir eine ›Rückbesinnung‹ auf die Arbeiten von Michel Foucault besonders fruchtbar.« (Foucault 1981. Vorstellungen eines ›eigentlichen‹. 67) Diese Zerstörung essentialistischer Vorstellungen von Subjektivität bezeichnet Foucault als die entscheidende Differenz seiner Forschungsbemühungen zum Pro- jekt der Kritischen Theorie. eine verlorene Form von Sub- jektivität. dass für Foucault Macht – anders als für Horkheimer und Adorno (vgl.. an die Klassengesellschaft gebundenen Ausbeutungssystem von dem Menschen und seinem fundamentalen Wesen bloß abseitig erlebt worden ist. d. Vielmehr betrachtet er diese Vorstellung von Subjektivität. sich selbst zu erzeugen. Ausgehend davon. sondern auch produktiv funktioniert. 5. was in dem an die Rationalität gebundenen repressiven bzw. Foucault hat diese Übereinstimmung hervorgehoben. Foucault und die ›Urgeschichte der Subjektivität‹ Auch Foucault versteht – wie Horkheimer und Adorno – seine Forschungsbemü- hungen im Rahmen seiner ›kritischen Ontologie der Gegenwart‹ als eine Kritik der Gegenwart in Bezug auf das Verhältnis von Macht und Rationalität. geht es Foucault darum. Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 259 Ende der 1990er Jahre in weniger aufgeregte Versuche.

in dem so genannten Sexualitätsdispositiv.. S. S. Foucault (ebd. Zwar reiche die Genealogie des Sexualitätsdispositivs bis zu den christli- chen Pastoralpraktiken des Mittelalters zurück. Das Unbewußte. S. Erst zu diesem Zeitpunkt entsteht laut Foucault über diskursive Praktiken die Vorstellung von der eigentlich sexuellen Natur des Men- schen. 126 f. Damit fungiert es nicht mehr als das Ideal.). der weibliche Körper hysterisiert und die perverse Lust psychiatrisiert werden (vgl. von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man uns einlädt. Foucault 1977. Foucault kritisiert also Horkheimer und Adorno nicht wie Habermas für ihren . Die materialreichen historischen Studien Foucaults machen deutlich. 279). indem nämlich der kindliche Sex pädagogisiert. S. Foucault 1989) erforscht Foucault unter anderem die Selbsttechniken griechischer adliger Männer und kommt – anders als Horkheimer und Adorno in ihrer Interpretation der Odyssee – zu dem Ergebnis. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. In dieser Perspektive können zumindest der erste und der zweite Band seiner Studien zur Histoire de la sexualité (Sexualität und Wahrheit. vielmehr wird das Individuum darin dank einer Taktik der Kräfte und der Körper sorgfältig fabriziert« (Foucault 1976. das es einmal gegeben hat. 1976. erst hervorgebracht werde. Vielmehr werde diese Seele erst mit der Konstituierung des modernen Subjekts in Gestalt des bürgerlichen Individuums hervorgebracht.260 Andrea D. entziffert Foucault nicht wie in der Dialektik der Aufklärung als anthropologische Konstante. Diese Vorstellung werde dann im Sexualitätsdispositiv über vier Strategien durchgesetzt. Die damit verbundene Subjektivierungsweise mit ihrer Aufwertung des Körpers diene als Moment einer Selbststilisierung der bürgerlichen Klassen und damit zugleich zur Abgrenzung gegenüber Adel und Proletariat. entstellt. nicht um das Entsagen der Lust. 176) meint. die viel tiefer ist als er. aber – und das scheint mir wichtig – es erlange erst zum Ende des 19. wie Thomas Schäfer (vgl. Jahrhunderts in der abendländischen Kultur eine immer zentralere Bedeutung. Und Foucault fährt unmittelbar fort: »Wir sind weit weniger Griechen als wir glauben« (ebd.). 1995. S. und das wieder zu befreien ist. S. Eine ›Seele‹ wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz. »daß die Sexualität in ihrem historischen Ursprung bürgerlich ist und daß sie in ihren sukzessiven Verschiebungen und Übertragungen zu spezifischen Klasseneffekten führt«. welche die Macht über den Körper ausübt. dass das bürgerliche Individuum über diskursive und nicht diskursive Praktiken. 42) An anderer Stelle notiert er. 1984) auch als kritische Antwort auf die Dialektik der Aufklärung dechiffriert werden. Ehepaare in ihrem Fortpflanzungsverhalten sozialisiert. unterdrückt. Im zwei- ten Band dieser Studien (vgl. Foucault 1977) betont Foucault. die selber ein Stück der Herrschaft ist. es gehe in Bezug auf das Begehren um seine Ausübung in gesundem Maße. 278 f. wie Adorno und Horkheimer po- stulieren. Im ersten Band (vgl. direkt gegen das Denken von Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung gewendet: »Die schöne Totalität des Individuums wird von unserer Gesellschafts- ordnung nicht verstümmelt. 153) konstatiert. ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung.. die Seele mit ihren Trieben. dass das bürgerliche Individuum als eine mögliche historisch-konkrete Subjektivierungs- weise zu begreifen ist. Bührmann »Der Mensch.« (Foucault 1976.

Dieses Analyseverfahren läßt sich als dispositivanalytisches Verfahren rekonstruieren.und Herrschaftsbeziehung und deren subjektiven Vermittlungen in den Praxen der Individuen. Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 261 Pessimismus. die Konstituierung von Subjektivität sei zentral mit Sexualität verbunden. in denen die Archäologie und Genealogie moderner Subjektivierungsweisen im Zentrum stehen. weshalb welche Subjektivität erlangen kann und wie sich jene Weisen der Subjektivierung historisch-konkret transformieren. 6. wollen. um sich gegen den Adel und proletarische Schichten abzugrenzen. sondern für ihren Optimismus. Damit aber wird es möglich. geht es Foucault gerade darum zu klären. Mit ihm ist nicht nur zu fragen. Vielmehr ist nun auch zu fragen. wie. Allerdings abstrahiert Foucault in seinen Dispositivanalysen. Foucault geht diesen Fragen nach. Dabei wendet er sich – wie insbesondere Adorno in einigen Aphorismen der Minima Moralia (1980) – auf schärfste gegen die Psycho- analyse als therapeutische Methode. indem er diejenigen diskursiven und nicht diskursiven Praktiken erforscht. wie Subjekte ›eigentlich‹ sein sollen bzw.und Geschlechterforschung revidierten Sozialpsychologie zu beschreiben. wie Sexualität für die Konstituierung von Subjektivität zentral werden konnte. Jahrhunderts als ›Begehrens-Subjekt‹ begreifen. nach den historisch-konkreten Weisen der Subjektivierung. wie Menschen Subjektivität im Sinne bürgerlicher Individualität erlangen können und ob über- haupt. Dieser heuristische Nutzen gilt jedoch – wie gesagt – nur für historische Zeiträume. von den gesellschaftlichen Macht. über die eine bestimmte historisch- konkrete Subjektivierungsweise hervorgebracht wird. ausge- hend von Konzepten einer von der Frauen. Deshalb macht es auch Sinn. dazu Bührmann 2002). ihren Transformationen und den damit verbundenen Ungleich- . Historisierung und Kontextualisierung moderner Subjektivierungsweisen Nichtsdestotrotz denke ich. insofern er den Blick auf die inneren Dyna- miken selbst historisiert. in denen das Sexualitätsdispositiv und damit verbunden das bürgerliche Individuum als ›Begehrens-Subjekt‹ gesellschaftlich hegemonial ist. ihre inneren psychischen Dynamiken psychoanalytisch oder besser. Anstatt nämlich zu postulieren. Darüber hinaus stimmt Foucault mit Hork- heimer und Adorno darin überein.und Herr- schaftsverhältnisse in den Individuen. Foucault öffnet damit den Forschungshorizont für Fragen nach dem Trans- formationsgeschehen von Subjektivität und relativiert zugleich den normativen Status bürgerlicher Individualität. Zudem bildet die Kategorie Geschlecht eine systematische Leerstelle in seinen Analysen (vgl. wer. zu wissen. dass sich Foucaults Analysen fruchtbar mit dem Forschungsprogramm einer kritischen Frauenforschung verknüpfen lassen. dass sich bürgerliche Individuen selbst späte- stens ab der Mitte des 20. Auf der einen Seite radikalisiert Foucaults Frage nach den Transformierungsge- schehen moderner Subjektivierungsweisen die Frage der kritischen Frauenfor- schung nach den subjektiven Vermittlungen gesellschaftlicher Macht.

über welche spezifischen geschlecht- lichen Subjektivierungsweisen Menschen unterschiedliche und widersprüchliche Formen der Vergesellschaftung erfahren. den Begriff Geschlechtsidentität nur noch in Bezug auf die gesellschaftlich hegemoniale Weise von Subjektivierung im 20. können nun jene Kämpfe um geschlechtliche Identität in ihren unter- schiedlichen Dimensionen ausgelotet werden.bzw. Indem aber die Erkenntnisse der kritischen Frauenforschung mit den Frage- perspektiven einer gesellschaftstheoretisch fundierten Dispositivanalyse verbunden werden.und Herrschaftsverhältnisse. Geschlechterforschung für den historischen Zeitraum als außerordentlich fruchtbar erwiesen. Auf der anderen Seite kann ausgehend von der Forschungsergebnissen der kritischen Frauenbewegung erforscht werden. Strategien zur Reformulierung geschlechtlicher Identitäten und ihrer Konsequen- zen im Hinblick auf die gesellschaftlichen Macht. Ich denke. dass die Frauen.bzw. dazu Bührmann 2000). um deren Widerstandspozentiale sichtbar zu ma- chen.und Herrschaftsverhältnisse und ihrer subjektiven Ver- mittlungen in den Individuen. die Foucault in seinen unterschiedlichen Studien zur (Trans-)Formierung moderner Subjektivierungsweisen gerade durch die Ausblendung der Kategorie Geschlecht unterlaufen. . Als übergeordneten Begriff für die Dimension von Geschlecht schlage ich den Begriff geschlechtliche Identität vor. produktiv zu überwinden. Mit Blick auf eine solche Historisierung erscheint es mir sinnvoll. Eine solche Beleuchtung der widersprüchlichen und konflikthaften männlichen und weiblichen Subjektivierungsweisen – ausgehend von der Kategorie Geschlecht als Strukturkategorie – ermöglicht es dann. Bührmann zeitigkeiten. Dieser Begriff soll auf die historische Gewordenheit und gesellschaftliche Veränderbarkeit menschlicher Subjektivierungsweisen ver- weisen. Jahrhundert zu sprechen. Dabei hat sich im übrigen ein Rekurs auf die Psychoanalyse und ihrer Revisionen durch die Frauen. die ihre eigenen Prämissen kritisch hinterfragt.262 Andrea D. diejenigen Verabsolutierun- gen. Theorien und Ansätze. in der Sexualität eine zentrale Rolle einnimmt. die bis in ihre Persönlichkeitsstrukturen hineinreichen. Es stellt sich mit Blick auf diese Überlegungen also nicht nur die Frage nach den Widerstandspotenzialen in den Individuen. sondern auch nach den historisch- konkreten Transformierungen geschlechtlicher Identität und deren Konsequenzen in den Individuen sowie den Möglichkeiten und Grenzen von Taktiken bzw. Geschlechterforschung ausgehend von diesen Überlegungen einer doppelten Herausforderung gegenübersteht: Zum einen geht es um eine radikale historisierende und kontextualisierende ›Dekonstruktion‹ ihrer Konzepte. in dem geschlechtliche Identität als Geschlechtsidentität hegemonial erscheint (vgl. Zum anderen geht es mit Blick auf das Geschlechterverhältnis und seine Organisa- tionsformen um eine historisierende und kontextualisierende ›Rekonstruktion‹ der gesellschaftlichen Macht. Widersprüchen und Brüchen zu fragen und so ihre Relevanz für die Konstituierung der Geschlechterverhältnisse zu erforschen.

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Überlegungen zum Projekt einer kritischen Geschlechterforschung 265

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Sozialcharakter zwischen Spätkapitalismus
und Postfordismus
Thilo Naumann

Die Analyse von Sozialcharakteren ist seit den frühesten Jahren des Frankfurter
Instituts für Sozialforschung (IfS) Arbeitsprogramm der Kritischen Theorie. Sie
beruht wesentlich auf der Entwicklung einer analytischen Sozialpsychologie, die
sich dem Problem widmet, wie die Menschen innerhalb historisch-spezifischer
Herrschaftsverhältnisse bis in ihre Leiblichkeit hinein als Subjekte im Doppelsinn
des Wortes, unterworfen und autonom, konstituiert werden, welche sozialisatori-
schen Beschädigungen sie dabei davontragen und wie diese Beschädigungen zur
Reproduktion der Herrschaftsverhältnisse indienstgenommen werden. Die er-
kenntnisleitende Frage lässt sich mit Judith Butler, hier in bemerkenswerter Nähe
zur Kritischen Theorie, folgendermaßen formulieren: Wie wird die Subjektbildung
als Begehren nach Existenz an eine lebbare Gesellschaftlichkeit gekoppelt – »wie
wird aus der Unterwerfung des Begehrens ein Begehren der Unterwerfung«?
(Butler 2001, S. 23). Für das Arbeitsprogramm kritischer Theorie ergeben sich aus
dieser Fragestellung folgende Konsequenzen. Sie muss zunächst der Eigenlogik
gesellschaftlicher und subjektiver Verhältnisse Rechnung tragen. Sie muss überdies
sowohl objektivistische Verkürzungen vermeiden, weil sonst Leid und Wünsche
der Subjekte dem analytischen Blick entgleiten, als auch subjektivistische Verkür-
zungen, die allein den Subjekten die Kosten leidvoller Vergesellschaftungsbe-
dingungen aufbürden. Dementsprechend muss kritische Theorie eine interdiszipli-
näre Zusammenarbeit von Subjekt- und Gesellschaftstheorie einrichten. Schließlich
können Subjekt- und Gesellschaftstheorie infolge der Historizität ihrer Erkennt-
nisgegenstände, infolge der historischen Transformation subjektiver und gesell-
schaftlicher Verhältnisse, »nicht länger an ihren Inhalten festhalten, als die histori-
sche Praxis, in der diese Inhalte analytisch geworden sind, in ihrer Grundstruktur
fortbesteht« (Görlich 1984, S. 124).
Vor diesem Hintergrund richtet sich das Erkenntnisinteresse des vorliegenden
Textes darauf, einerseits die Ansätze, Kontroversen und Entwicklungslinien der
Sozialcharakteranalysen Kritischer Theorie nachzuzeichnen, und andererseits die
historischen Kontinuitäten und Brüche der Subjektkonstitution zu markieren. In
diesem Sinne werden zunächst die Ansätze Erich Fromms, Herbert Marcuses und
Theodor W. Adornos vorgestellt, die sich mit der Verbreitung des »autoritären
Charakters« innerhalb der durchkapitalisierten, durchstaatlichten und konformisti-
schen Verhältnisse spätkapitalistischer bzw. fordistischer Gesellschaften ausei-
nandersetzen. Anschließend werden die Entwürfe Jürgen Habermas’ und Alfred
Lorenzers als Theorien der fordistischen Krise gelesen, in der das psychosoziale
Arrangement des »autoritären Charakters« zerbricht und narzisstische Charaktere
in den Vordergrund rücken, die sich durch einen privatistischen Rückzug, aber
auch durch erweiterte Reflexionspotentiale auszeichnen. Schließlich wird der Ver-

Sozialcharakter zwischen Spätkapitalismus und Postfordismus 267

such unternommen, Konturen eines postfordistischen Sozialcharakters sichtbar zu
machen. Angesichts von pluralisierten und fragmentierten postfordistischen Ge-
sellschaften, angesichts von Vielfalt, Kontingenz und globalisierter Durchsetzung
kapitalistischer Rationalität soll der theoretische Rahmen erweitert werden, um im
Rekurs auf die Erkenntnisse psychoanalytischer Sozialforschung, feministischer
Psychoanalyse und poststrukturalistischer Ansätze zu zeigen, wie sich die nar-
zisstische Problematik verschärft, neue Autoritarismen auf den Plan treten, zu-
gleich aber ein Raum für neue schöpferische Praktiken geöffnet wird.
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Historische Materialismus Karl
Marx’ bilden den Referenzrahmen Kritischer Theorie, den paradigmatischen An-
gelpunkt der interdisziplinären Kooperation von Subjekt- und Gesellschaftstheo-
rie. Marx begreift den Menschen als zutiefst gesellschaftliches Wesen, das unwei-
gerlich nur in gemeinschaftlicher Aneignung und Bearbeitung der äußeren Natur
sein Überleben sicherstellt und aus diesen Produktionsverhältnissen bestimmte
ideologische Bewusstseinsformen entfaltet. In der 6. Feuerbachthese verdichtet
Marx diese Überlegung in der Formulierung: »Das menschliche Wesen ist kein dem
einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es
das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (Marx 1988, S. 6). Marx nimmt
hier eine Objektivierung des Subjektbegriffs vor, die sich gegen idealistische Vor-
stellungen eines autonomen transzendentalen Subjekts wendet, die Marx aber, so
Terry Eagleton, »im Namen des Subjekts« vorträgt (Eagleton 1994, S. 212). Er
unterstellt menschliche Sinne und Fähigkeiten, die innerhalb einer historisch-
spezifischen Produktionsweise mehr oder minder zur Entfaltung gebracht werden.
Somit vermag Marx die kapitalistische Produktionsweise einer emphatischen Kritik
zu unterziehen: Die warenförmige Reproduktion der Gesellschaft erzeugt die
Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die private Aneignung des gesellschaftlich
produzierten Surplusprodukts, sie zerstört zunehmend die kreativen, etwa hand-
werklichen Fertigkeiten, sie lässt Gewalt und Herrschaft der Durchsetzung kapi-
talistischer Verhältnisse in verdinglichten Verkehrsformen des Warentauschs ver-
schwinden und entfremdet die Menschen schließlich ebenso von ihren Sinnen und
Fähigkeiten wie von ihren materiellen Lebensgrundlagen. Demgegenüber gründet
Marx seine Emanzipationshoffnung darauf, dass die Arbeiter infolge der unge-
heuren kapitalistischen Produktivkraftentwicklung ein kollektives Bewusstsein ih-
rer universalen Macht als Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums entwi-
ckeln, das letztlich die revolutionäre Überwindung der entfremdeten Produktions-
verhältnisse befördert, um somit eine allseitige Entfaltung der besagten Sinne und
Fähigkeiten in Gang zu setzen.
In diese scharfe Kritik sind jedoch ungelöste Widersprüche eingeschrieben. Zum
einen der Widerspruch zwischen der ökonomistischen Annahme der Determinie-
rung der Ideologie durch die ökonomische Basis und der Erkenntnis, dass die
Geschichte unweigerlich eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, deren Ausgang
als offen gelten muss. Zum anderen die widersprüchliche Annahme von zwar
entfremdeten und doch potentiell befreienden menschlichen Wesenskräften. Was
Marx damit insgesamt entgleitet, auch weil ihm noch keine angemessene Psycho-
logie zur Verfügung stand, sind die psychischen Beschädigungen unter elenden und

268 Thilo Naumann

gewaltvollen Lebensbedingungen, die nicht zuletzt die Identifikation eben mit den
herrschenden Kräften disponieren. So zielten etwa die Kämpfe der Arbeiterbewe-
gung häufig weniger auf die Überwindung kapitalistischer Vergesellschaftung,
sondern vielmehr auf die Ausweitung bürgerlich-kapitalistischer Privilegien auf die
männliche Arbeiterschaft (Heeg 1994, S. 116).
Die Psychoanalyse vermag nun genau diese subjekttheoretische Leerstelle der
Marxschen Theorie zu füllen. Freud ist mit Marx zunächst weitgehend einig, dass
die Menschen ihr materielles Überleben gemeinschaftlich organisieren müssen.
Doch während Marx die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von ihren
Produktionsverhältnissen her versteht, vermutet Freud, dass die Kulturentwick-
lung von der Dynamik zweier Triebe, des Lebens- und des Todestriebes abhängt.
Diese Triebe sind, wie Freud in seiner großen kulturtheoretischen Arbeit Das
Unbehagen in der Kultur ausführt, in ihrer ursprünglichen Form nicht kulturfähig,
sondern müssen in den Dienst der Kulturentwicklung gestellt werden, um mit
ihren aggressiven Anteilen die Natur zu unterwerfen und mit ihren libidinösen
Anteilen kulturelle Gemeinschaften herzustellen (Freud 1990, S. 123). Diese »Sub-
limierung« der Triebe muss dann von allen zu bildenden Subjekten aufs neue
geleistet werden, sie sind mithin gezwungen, Triebverzicht zu leisten, Aggression
gegen sich selbst zu richten, um mit der Verinnerlichung der herrschenden Normen
im Über-Ich ein Mitglied der kulturellen Gemeinschaft zu werden. Freud zeigt
also, dass Sinnlichkeit und Bewusstsein, Begehren und Gesetz untrennbar mitein-
ander verwoben sind, und er zeigt, dass verdrängte Wünsche im Unbewussten
unter der Logik des Primärvorgangs auf schmerzvolle und gesellschaftlich kon-
forme Weise fortwirken. Kritisch zu bemerken ist jedoch das »szientistische Selbst-
missverständnis« der Psychoanalyse als bloße Naturwissenschaft (Habermas 1968,
S. 300ff.). Dieses kommt insbesondere in der Triebtheorie zum Ausdruck, die die
Verquickung von Sozialität und Leiblichkeit bloß in biologistischen Begriffen zu
fassen vermag. Auf diese Weise produziert Freud den Widerspruch, einerseits die
bürgerliche Subjektivität mit ihren ödipal verfassten, lustfeindlichen und autori-
tären Tendenzen als biologische Notwendigkeiten zu missdeuten, andererseits aber
das Leiden dieser Subjektivität in der klinischen Praxis lindern zu wollen, indem
die konflikthaften Lebensgeschichten rekonstruiert und einem glücklicheren Aus-
gang zugeführt werden.
Insgesamt dekonstruieren Marx und Freud die bürgerliche Vorstellung eines
selbstbewusst handelnden Subjekts. Marx arbeitet heraus, wie die Zwänge der
kapitalistischen Produktionsweise »hinter den Rücken der Akteure« deren Hand-
lungsfähigkeit einschränken. Freud hingegen zeigt, wie die unbewussten Konflikte
zwischen Wunsch und Tabu die Selbstverfügung der Subjekte brechen. Die Kritik
an den Entwürfen von Marx und Freud verweist auf eine durchaus ähnliche
Widersprüchlichkeit. Marx verstrickt sich in den Widerspruch zwischen öko-
nomischer Geschichtslogik und der Betonung der Bedeutung der historischen
sozialen Kämpfe für die Entwicklung der Produktionsweise. Bei Freud bleibt der
Widerspruch zwischen dem Triebbiologismus und der historisch-konkreten Kon-
flikthaftigkeit von Lebensgeschichten weitgehend unbearbeitet. Gleichwohl er-
geben sich gerade aus der Analogie und Wechselseitigkeit der Kritik bedeutsame

Sozialcharakter zwischen Spätkapitalismus und Postfordismus 269

Anschlusspotentiale, die eine interdisziplinäre Kooperation nahe legen. Zunächst
bearbeiten beide letztlich einen gemeinsamen Erkenntnisgegenstand, nämlich die
kapitalistisch vergesellschafteten Menschen. Überdies liegt beiden Entwürfen ein
ähnliches Erkenntnisinteresse zugrunde, das die menschliche Praxis der Menschen
auf das ihnen zugefügte Leid hin überprüft, wie die kritischen Begriffe der Ware
und des Symptoms bezeugen. Eine Kooperation könnte, wie es Helmut Dahmer
treffend formuliert, gesellschaftstheoretisch die vermittels der Vergesellschaftung
äußerer Natur organisierten Verhältnisse zwischen den Menschen erfassen, die die
institutionellen und symbolischen Voraussetzung der Subjektivität bilden, und sie
könnte psychoanalytisch die vermittels der Vergesellschaftung innerer Natur pro-
duzierten subjektiven Verhältnisse benennen, die die Subjekte wiederum in die
Bearbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse einbringen (Dahmer 1984, S. 139)

1. Spätkapitalistischer Sozialcharakter – die Kritische Theorie

1.1. Erich Fromm
Die interdisziplinäre Kooperation von Historischem Materialismus und Psycho-
analyse soll im IfS angesichts des heraufziehenden Faschismus in den späten 1920er
und frühen 1930er Jahren die psychische Verankerung von Herrschaft begrifflich
fassbar machen. In den Studien »Autorität und Familie« sowie »Arbeiter und
Angestellte am Vorabend des Faschismus« wird herausdestilliert, wie die Menschen
schon in der patriarchalischen Familie autoritativ zugerichtet werden, in sadomaso-
chistische Abhängigkeit geraten und somit anfällig sind für faschistische Pro-
paganda. Programmatische Grundlage ist Erich Fromms Aufsatz Ȇber Methode
und Aufgabe einer Analytischen Sozialpsychologie« (Fromm 1980a). In Rekurs auf
die Freudsche Triebtheorie entwickelt Fromm die These, dass kapitalistische Ge-
sellschaften, neben der ökonomischen, politischen und ideologischen Struktur,
auch durch eine »libidinöse Struktur« gekennzeichnet sind, die gleichsam den
»Kitt« der Gesellschaften bildet (ebd., S. 54). Die Familie fungiert dabei als »Sozia-
lisationsagentur der Gesellschaft«, die die Triebstruktur der Menschen im Sinne der
Reproduktion herrschender Verhältnisse formt (ebd., S. 42). Allerdings beginnt
Fromm die Triebtheorie in der Folgezeit als Hemmnis der sozialpsychologischen
Erkenntnis zu begreifen, weil sie das Bild eines Menschen transportiere, der andere
nur zum Zwecke seiner Triebbefriedigung zu instrumentalisieren trachtet. Über
den Konflikt unterschiedlicher Lesarten der Triebtheorie bricht Fromm dann mit
dem IfS und arbeitet in Die Furcht vor der Freiheit (Fromm 1990) an einer
umfassenden Revision der Psychoanalyse. Er entfaltet eine Charaktertheorie, die
das Subjekt als Produkt der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse sichtbar
machen soll. Dementsprechend behält die Familie als Sozialisationsagentur ihren
theoretisch exponierten Platz, jedoch nunmehr ohne triebtheoretische Grundlage,
sondern vielmehr als Vermittlungsinstanz herrschender Verhaltensanforderungen.
Konsequent tritt dann auch der Begriff des »Sozialcharakters« an die Stelle der

270 Thilo Naumann

»libidinösen Struktur« und bezeichnet die gemeinsamen Haltungen und Ideale der
Subjekte innerhalb einer historisch-spezifischen Gesellschaft (ebd., S. 200). Damit
aber geht Fromm auch die Annahme eines inkommensurablen Anteils der Trieb-
natur als Kraft der Befreiung verloren, und er muss, um den kritischen Stachel der
Theorie zu bewahren, die menschliche Natur gleichsam normativ-ethisch rekon-
struieren. Abgekoppelt von den bloß »physiologischen« Dimensionen des Hungers
und der Sexualität unterstellt Fromm spezifisch-menschliche Entwicklungspoten-
tiale, die je nach gesellschaftlichen Voraussetzungen in progressive oder regressive
Richtungen ausschlagen: Bezogenheit durch Liebe oder Narzissmus, Transzendenz
durch Kreativität oder Destruktivität, Verwurzelung durch Brüderlichkeit oder
Inzest, Identitätserleben durch Individualität oder Konformität sowie Orientierung
durch Vernunft oder Irrationalität (ders. 1981, S. 36ff.). Mithilfe dieser Kategorien
versucht Fromm dann den sadomasochistischen, bzw. autoritären Charakter als
narzisstisch, destruktiv, inzestuös, konformistisch und irrational zu kritisieren und
ihm gleichwohl die existenziell angelegte Potentialität »reifer Charaktere« ent-
gegenzustellen (ders. 1980b, S. 47ff.). Problematisch an diesem Entwurf Fromms ist
nun vor allem, dass er die Natur des Menschen von seiner Körperlichkeit abtrennt,
Sinnlichkeit und Sexualität als widerspruchsfrei voraussetzt und mithin die Ein-
sicht Freuds preisgibt, dass Sinnlichkeit und Bewusstsein in der Subjektbildung
eine untrennbare Legierung bilden (Görlich 1980, S. 356). Er löst die Dialektik von
menschlicher Natur und Gesellschaft nach der gesellschaftlichen Seite hin auf und
handelt sich damit den Vorwurf vor allem Herbert Marcuses und Theodor W.
Adornos ein, er reduziere Subjektivität auf eine Funktionsgröße gesellschaftlicher
Verhältnisse.

1.2. Herbert Marcuse
Die Kontroverse zwischen Fromm und Marcuse um die Lesart der Psychoanalyse
wurde in der Zeitschrift Dissent geradezu polemisch ausgetragen. Marcuse erblickt
eben in der Triebtheorie das kritische Potential der Psychoanalyse, weil sie in
mystifizierten Begriffen die Vergesellschaftung menschlicher Natur, die leibliche
Verankerung von Herrschaft, die Niederschlagung lustvoller Ansprüche und letzt-
lich auch die Möglichkeit, diesen wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, zum
Ausdruck bringe. Er versucht, die Triebtheorie und mithin den kritischen Stachel
der Psychoanalyse durch eine gesellschaftstheoretische Wendung zu retten. In
Triebstruktur und Gesellschaft widerspricht Marcuse Freud in dessen Annahme
einer unweigerlichen Triebunterdrückung, und differenziert stattdessen zwischen
einer »notwendigen« und einer »zusätzlichen Unterdrückung« im Dienste der
Herrschaft (Marcuse 1987, S. 40). Die notwendige Unterdrückung bringt dabei die
individuelle Mühsal der gesellschaftlichen Reproduktion gemäß der historisch
entwickelten Produktivkräfte zum Ausdruck. Die zusätzliche Unterdrückung hin-
gegen bürdet subordinanten Subjekten im Zeichen der Herrschaft eine, gesamtge-
sellschaftlich betrachtet, irrationale Mehrarbeit und Einschränkung von Lust auf
(ebd., S. 129). Die zusätzliche Unterdrückung in den durchkapitalisierten und
durchstaatlichten Gesellschaften des Spätkapitalismus unterzieht Marcuse dann in

Sozialcharakter zwischen Spätkapitalismus und Postfordismus 271

Der eindimensionale Mensch einer scharfen Analyse (1970). Angesichts einer fort-
schreitenden kulturindustriellen Kommerzialisierung der Haushalte und der Frei-
zeit konstatiert Marcuse eine warenförmige Zurichtung der Subjekte, die bis in ihre
Triebstruktur hineinreicht. Es komme zu einer libidinösen und a