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ISSN 0007–3121

DER BÜRGER IM STAAT
4–2011

Radikalisierung und
Terrorismus im Westen
DER BÜRGER IM STAAT
INHALT
Andreas Hasenclever und Jan Sändig
Religion und Radikalisierung? Zu den säkularen Mechanismen
der Rekrutierung transnationaler Terroristen im Westen 204
Karl Cordell
„Homegrown Terrorismus“ oder transnationaler Terrorismus?
Ein Beitrag zur Debatte 214
Clark McCauley/Sophia Moskalenko
Mechanismen der Radikalisierung von Individuen
und Gruppen 219

HEFT 4–2011 Anja Dalgaard-Nielsen
61. JAHRGANG Terrorismusprävention und Deradikalisierung:
ISSN 0007–3121
ein dänisches Präventionsprogramm 225
Guido Steinberg
„Der Bürger im Staat” wird von der Landeszentrale Die neuen Internationalisten – Organisationsformen
für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegeben. des islamistischen Terrorismus 228
DIREKTOR DER LANDESZENTRALE Jean-Luc Marret
Lothar Frick Dschihadismus „Made in France“ und Terrorismusbekämpfung 235
REDAKTION William Hammonds
Siegfried Frech, siegfried.frech@lpb.bwl.de
Das Prevent-Programm zur Verhinderung gewaltsamer
REDAKTIONSASSISTENZ Radikalisierung in Großbritannien 241
Barbara Bollinger, barbara.bollinger@lpb.bwl.de
Edwin Bakker
ANSCHRIFT DER REDAKTION Dschihadistischer „Homegrown Terrorismus“
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart
in den Niederlanden 246
Telefon 0711/164099-44, Fax 0711/164099-77
Anthony Celso
HERSTELLUNG
Schwabenverlag Media der Schwabenverlag AG Der Mythos des „homegrown terrorism“ in Spanien 252
Senefelderstraße 12, 73760 Ostfildern-Ruit
Telefon 0711/4406-0, Fax 0711/442349
Martin Balluch
Radikal, aber nicht terroristisch: Die Tier- und Umweltschutz-
GESTALTUNG TITEL bewegung in Österreich 258
Bertron.Schwarz.Frey, Gruppe für Gestaltung, Ulm
Rezensionen 264
GESTALTUNG INNENTEIL
Britta Kömen, Schwabenverlag Media
der Schwabenverlag AG

VERTRIEB
Verlagsgesellschaft W.E. Weinmann mbH
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Proteste und Potentaten – Die arabische Welt im Wandel
Ein Mitglied der so genannten Sauerland-Gruppe auf dem Weg zur Haftprüfung beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Die Festnahme
der Sauerland-Gruppe im September 2007 hat gezeigt, dass hier geborene junge Männer mit und ohne Migrationshintergrund isla-
mistisches Gedankengut verinnerlicht haben und zu terroristischen Anschlägen bereit sind. picture-alliance/dpa

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Radikalisierung und Terrorismus im Westen
Es gibt keinen unverwundbaren Staat! Die tet werden kann. Für westliche Staaten gelten beiden erstgenannten Ebenen. Auf der indi-
Bundesrepublik Deutschland ist ins Faden- insbesondere religiöse Terrororganisationen viduellen Ebene sind folgende Mechanis-
kreuz islamistischer Terroristen geraten. Die mit transnationaler Ausrichtung und einer ho- men denkbar: Männer und Frauen treten ra-
Festnahme der Sauerland-Gruppe im Sep- hen Rekrutierungsaktivität in muslimischen dikalen Bewegungen vor allem aufgrund
tember 2007 hat gezeigt, dass hier geborene Diasporagemeinden als Quelle der Gefahr persönlicher Erfahrungen (z.B. Erfahrungen
junge Männer mit und ohne Migrationshin- (vgl. auch den Beitrag von Karl Cordell). Will von Unrecht und/oder politischen Missstän-
tergrund islamistisches Gedankengut verin- man Terrorismus wirksam bekämpfen, müssen den), aufgrund individueller Motive (z.B. Su-
nerlicht haben und zu terroristischen An- Grundmuster und Motive der Radikalisierung che nach Anerkennung und Abenteuer) oder
schlägen bereit sind. Anschläge auf deut- bekannt sein. Die Analyse von Radikalisie- aufgrund gefestigter Überzeugungen bei.
schem Boden sind ein realistisches Szenario rungsprozessen zeigt, dass es sich um kom- Ein wesentliches Moment der Radikalisie-
geworden. Die Mitglieder der Sauerland- plexe Abläufe handelt, in denen persönliche rung kann zudem die Sozialisation in militan-
Gruppe sind die ersten so genannten „home- Dispositionen, Identitätskrisen, sozialpsy- ten Gruppierungen sein. Gruppen radikali-
grown terrorists“, die in der Bundesrepublik chologische Momente, objektive Missstände sieren sich beispielsweise dann, wenn sie
verhaftet wurden. Der Begriff „homegrown und eine einseitige Auslegung religiöser Tex- von Regierungsseite unter Druck gesetzt
terrorism“ tauchte in den 1990er Jahren erst- te eine Rolle spielen. Bei den Gegenstrategi- werden oder sich gegenüber anderen Ak-
mals in englischsprachigen Medien auf und en lassen sich „weiche“ und „harte“ Formen teuren mit ähnlicher Programmatik durchset-
hat sich inzwischen auch im wissenschaftli- der Terrorismusbekämpfung unterscheiden. zen müssen. Grundsätzlich ist von einer Plu-
chen Diskurs etabliert. Der Begriff lässt sich Zielt die „harte“ Spielart auf die Schwächung ralität der Radikalisierungspfade auszuge-
unzulänglich mit „selbst herangezogene, im der Handlungsfähigkeit von Terrororganisa- hen. Es gibt nicht nur einen Weg in den poli-
Land aufgewachsene“ Terroristen überset- tionen, so setzt die „weiche“ Variante im prä- tischen Ra dikalismus, und es gibt viele
zen und meint Täter, die in westlichen Staaten ventiven Bereich an und fokussiert die Hand- Mechanismen, die miteinander interagieren
geboren wurden bzw. sich seit ihrer Kindheit lungsbereitschaft von Mitgliedern terroristi- und sich wechselseitig verstärken. Dabei
dort aufhalten und sozialisiert wurden und scher Vereinigungen und solchen Menschen, spielen Ideologie und Religion nicht für alle
sich dann für transnational operierende Ter- die kurz davor stehen, zu Mitgliedern zu wer- Radikalisierungsprozesse eine gleicherma-
rorgruppen rekrutieren ließen. Besondere den. Die Autoren halten fallspezifische und ßen zentrale Rolle. Persönliche und kollektive
Brisanz gewann der Begriff nach den An- aufeinander abgestimmte Maßnahmen der Unrechtserfahrungen können zur Gewalt
schlägen in Madrid im März 2004 und vor „weichen“ und „harten“ Terrorismusbekämp- motivieren, die erst nachträglich ideologisch
allem in London im Juli 2005. Die Anschläge fung für unerlässlich, um nachhaltige Erfolge rationalisiert wird. Und umgekehrt gilt eben-
haben uns mehr als deutlich vor Augen ge- bei der Vermeidung von terroristischen An- so: Radikalisierung muss nicht notwendig im
führt, dass der islamistische Terrorismus nicht schlägen erzielen zu können. Gefordert ist Terrorismus enden.
nur ein „importiertes“ Phänomen ist, sondern ein ganzheitlicher Ansatz, der eine Koopera- Die nachfolgenden, nach den Ländernamen
aus dem Zusammenspiel von scheinbar integ- tion staatlicher Behörden mit Politik und alphabetisch geordneten Beiträge konzent-
rierten Muslimen mit transnational operie- nicht-staatlichen Akteuren notwendig macht. rieren sich auf Möglichkeiten der Terroris-
renden Terrornetzwerken entstehen kann, Der Begriff “Homegrown Terrorismus” ent- musprävention und nehmen dabei die Radi-
die im Namen eines globalen Dschihad agie- zieht sich bisher einer allgemein akzeptierten kalisierungsprozesse und das Ausmaß terro-
ren. Definition. Als Alternative zu diesem unpräzi- ristischer Aktivitäten in den jeweiligen Län-
Was meint der Begriff „homegrown terro- sen Terminus entwickelt Karl Cordell eine dif- dern in den Blick. Ohne den Beiträgen
rism“ eigentlich genau? Wie verläuft der ferenzierte Terrorismustypologie, die bei der vorgreifen zu wollen, identifizieren die Auto-
Weg vom scheinbar integrierten Gesell- Unterscheidung zwischen „transnationalem” rinnen und Autoren vier Gründe für die Radi-
schaftsmitglied zum islamistischen Gottes- und „nationalem” Terrorismus ansetzt. Trans- kalisierung junger Menschen: (1) eine nur
krieger? Gibt es idealtypisch verlaufende Ra- nationale Terrorgruppen verfolgen eine in- scheinbare Integration sowie ein Mangel an
dikalisierungsprozesse? Existieren Profile von ternational ausgerichtete Zielsetzung und Zugehörigkeit zur Aufnahme- bzw. Mehr-
den Tätern? Lassen sich Motive und Ursachen wollen die globale Ordnung radikal verän- heitsgesellschaft; (2) Perspektivlosigkeit und
für die Radikalisierung identifizieren? Wie dern. Nationaler Terrorismus richtet sich ge- mangelnde materielle Teilhabechancen; (3)
werden neue Kommunikationsformen für gen ein konkretes politisches Regime, stellt Wut über die Kriege in Afghanistan und im
dschihadistische Propaganda benutzt? Wel- dessen Legitimität in Frage und zielt auf sei- Irak, die als Angriff auf die islamische Welt
che Rolle spielen islamistische Organisatio- nen Sturz bzw. Wandel ab. Die beiden gewertet werden; (4) das Gefühl, in der Folge
nen und Terrorgruppen im Ausland sowie in grundlegenden Kategorien wiederum kön- von 9/11 eine entwürdigende und demüti-
westeuropäischen Staaten? Wenn die Aus- nen in Subkategorien unterteilt werden: gende Behandlung erleben zu müssen.
sage stimmt, dass „der Terrorist das Denken Transnationaler Terrorismus kann eine trans- Diesen „cultural outcasts“ (Olivier Roy) er-
besetzt“ (Heribert Prantl), ist schließlich auch national-revolutionäre oder transnational- scheint die islamistische Ideologie als Aus-
die Frage zu stellen, wie die Mehrheitsgesell- dschihadistische Stoßrichtung haben. Der weg aus ihrer als sinnlos begriffenen Exis-
schaft mit diesem Phänomen umgeht. Wird nationale Terrorismus lässt sich mit vier Un- tenz, die durch eine vermeintlich heroische,
der Argwohn gegen den Islam gefördert? terkategorien präzisieren: den revolutionä- radikale bzw. terroristische Tat wieder Sinn
Sind Misstrauen und Feindseligkeit gegen- ren, den konterrevolutionären, den substaat- bekommt.
über muslimischen Diasporagemeinden ein lich-nationalistischen und den lokal-dschiha- Anja Dalgaard-Nielsen beschreibt den
„Erbe“ von 9/11? Welche präventiven Maß- distischen Terrorismus. Mit diesen Kategori- Wandel von der nach 9/11 praktizierten
nahmen sind angezeigt und wirksam? Und en lassen sich die aktuellen Formen von „harten“ Form der Terrorismusbekämpfung
schließlich: Wie gehen wir mit der Erkenntnis Terrorismus wesentlich exakter erfassen. Die hin zur zunehmenden Akzeptanz „weicher“
um, dass dem Terrorismus vorgebeugt, dieser Analyse des Tschetschenienkonflikts zeigt ex- Maßnahmen. Terrorismusprävention muss –
aber nicht verhindert werden kann? emplarisch den Wandel vom nationalen Be- so die Ausgangsthese – frühzeitig einsetzen.
Die Terroranschläge der vergangenen zwei freiungskampf hin zum transnationalen krie- Gerade bei gefährdeten Jugendlichen sind
Dekaden erwecken den Eindruck, dass der gerischen Dschihadismus. Ging es anfangs „weiche“ Maßnahmen der Terrorismusbe-
Terrorismus seit den 1990er Jahren religiöser nur um die nationale Befreiung, wollen trans- kämpfung, die auf Begegnung und Dialog
und brutaler geworden ist. Doch welche Rolle nationale Dschihadisten nunmehr an die setzen, gefragt. In ihrem Beitrag stellt Anja
spielt Religion tatsächlich? Andreas Hasen- Stelle des Nationalstaates ein weltweites is- Dalgaard-Nielsen ein dänisches Modellpro-
clever und Jan Sändig erörtern im einführen- lamisches Kalifat setzen. gramm vor, das auf einer engen Kooperation
den Beitrag, der u. a. die Artikel des Heftes in Der Weg in den terroristischen Untergrund des Dänischen Sicherheits- und Nachrichten-
das Thema „Radikalisierung und Terrorismus“ ist vielgestaltig. Politische Radikalisierung – dienstes (PET) mit Schulen, Sozialbehörden
einordnet, zunächst die langfristigen Trends d.h. die erhöhte Bereitschaft, sich an politi- und der Polizei beruht. Ziel ist es, die lokalen
im weltweiten Terrorismus. Die Trends zeigen, schen Konflikten zu beteiligen – kann sich auf Behörden für Radikalisierungsprozesse Ju-
dass Brutalität und Letalität der Anschläge drei Ebenen abspielen: Auf der Individual-, gendlicher zu sensibilisieren und ihnen prä-
zwar zugenommen haben, ein ursächli- der Gruppen- und der Gesellschaftsebene. ventive Instrumente an die Hand zu geben.
cher Zusammenhang zwischen Religion und Clark McCauley und Sophia Moskalenko Nachdem anfängliche Vorbehalte bei den
Grausamkeit jedoch nicht generell behaup- konzentrieren sich in ihrem Beitrag auf die Projektbeteiligten ausgeräumt werden konn-

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ten, sind die Rückmeldungen der lokalen Nach den Anschlägen des Jahres 2005 im- deutige Verbindungen zwischen Al-Qaida
Partner inzwischen vielversprechend. Um die plementierte die britische Regierung eine und den Attentätern, die der dschihadisti-
Nachhaltigkeit der Präventionsmaßnahmen neue Strategie der Terrorismusbekämpfung. schen Ideologie eine hohe Bedeutung zuma-
gewährleisten zu können, ist neben der ver- Ein wichtiger Bestandteil dieser neuen Stra- ßen. Letztlich weist die Beständigkeit und Vi-
trauensvollen Zusammenarbeit mit Schulen, tegie ist das so genannte Prevent-Programm, rulenz islamistischer Netzwerke in Spanien
lokalen Sozial- und Polizeibehörden die Re- das Einzelpersonen und Gruppen davon ab- trotz des militärischen Rückzugs der spani-
zeption des akademischen Diskurses not- halten soll, den terroristischen Weg einzu- schen Truppen aus dem Irak auf eine starke
wendig, um neuere Erkenntnisse für eine the- schlagen oder terroristische Netzwerke zu Beziehung zu Al-Qaida und damit auf eine
oriegesättigte Präventionspraxis nutzbar zu unterstützen. William Hammonds schildert weiterhin existente Bedrohung hin.
machen. zunächst in einem kurzen Überblick Ausmaß Modernisierung und gesellschaftlicher Wer-
Am 2. März 2011 verübte der Kosovare Arid und Entstehung des „homegrown terrorism“ tewandel beruhen oft auf neuen, innovativen
Uka den ersten islamistischen Terroran- in Großbritannien und erörtert sodann Maß- und radikalen Ideen. Eine Gesellschaft
schlag in Deutschland. Der Fall Uka ist des- nahmen, die der Radikalisierung insbeson- braucht Querdenker und Querdenkerinnen,
halb so herausragend, weil sich ein Täter dere von muslimischen Gruppen entgegen- die die Systemzwänge in Frage stellen und
erstmals über das Internet radikalisiert und wirken sollen. Zugleich macht er auf zwei Veränderungen anmahnen. Dabei ist die Ra-
sich gleichsam von selbst für die dschihadis- gegenläufige Ansätze aufmerksam: Die vor- dikalisierung von Positionen – so Martin Bal-
tische Sache rekrutiert hatte. Die Rolle terro- beugende Terrorismusbekämpfung durch luch – an sich noch kein Anzeichen einer des-
ristischer Organisationen war auf ein Mini- Partnerschaften mit muslimischen Gruppen truktiven Tendenz in Richtung Gewalt, d.h.
mum reduziert. Sie lieferten lediglich noch auf der lokalen Ebene wird durch Strategien Radikalisierung als solche ist nichts Schlech-
den ideologischen Referenzrahmen. Die der konventionellen Terrorismusbekämpfung tes. Clark McCauley und Sophia Moskalen-
dschihadistische Szene ist gegenwärtig eher konterkariert. Da ein und dieselbe Behörde ko haben in diesem Heft darauf hingewiesen,
durch dezentrale Strategien charakterisiert. für die zivile Zusammenarbeit und gleichzei- dass Radikalisierung auch legale und ge-
Der militante Islamismus ist längst nicht mehr tig für die polizeiliche Überwachung bzw. waltfreie Formen annehmen kann. Um Verän-
hierarchisch aufgebaut, sondern bildet ein Verfolgung von Terrorverdächtigen zustän- derungen bewirken und eine politische Aus-
flexibles und „lernendes“ Netzwerk. Den- dig ist, entstehen gegenläufige Wirkungen. einandersetzung vom Zaun brechen zu kön-
noch haben terroristische Organisationen Letztlich ist eine effektive Terrorismuspräven- nen, führen Nichtregierungsorganisationen
ihre Funktion für den islamistischen Terroris- tion – so das Fazit – erst dann gegeben, wenn (NGOs) sogenannte konfrontative Kampag-
mus nicht verloren. Guido Steinberg skizziert benachteiligte Bevölkerungsgruppen nach- nen bzw. Aktionen zivilen Ungehorsams
mit Blick auf Deutschland drei Organisati- haltig in die Gesellschaft integriert werden durch. Ziviler Ungehorsam will nicht nur
onsformen: die organisierten Dschihadisten, und die soziale Polarisierung sukzessive Probleme öffentlich machen; er will vielmehr
die unabhängigen Dschihadisten und die so überwunden wird. Gegenmacht entwickeln, um im politischen
genannten neuen Internationalisten. An- Die Ermordung des Regisseurs Theo van Raum handeln zu können. Zivile Ungehor-
hand konkreter Beispiele werden Prozesse Gogh durch einen islamistisch motivierten samsakte sind öffentlich, gewaltlos und aus
und Mechanismen der Radikalisierung, die jungen Mann marokkanischer Herkunft hat der Sicht der Akteure politisch-moralisch le-
terroristischen Organisationen, deren Stra- dem liberalen Selbstverständnis der Nieder- gitimiert. Unbenommen vom idealistischen
tegien und Aktionsformen eingehend darge- lande einen Schock versetzt und eine öffent- Anliegen bergen Aktionen zivilen Ungehor-
stellt. Vor allem die neuen Internationalisten, liche Debatte über islamistische Bedrohun- sams jedoch die Gefahr der Eskalation in
welche die Vorteile von Organisation und gen ausgelöst. Edwin Bakker erörtert und sich. Werden Aktivisten und Aktivistinnen
Unabhängigkeit in hybrider Weise miteinan- analysiert die Dynamik des dschihadisti- ökologischer und sozialer Bewegungen kri-
der verbinden, stellen seit 2007 die größte schen „Homegrown Terrorismus“ in den Nie- minalisiert oder gar direkt bedroht, kann ein
Bedrohung für die innere Sicherheit in derlanden. Nachgezeichnet wird die Ent- Abgleiten in illegitime Aktionsformen die Fol-
Deutschland dar. wicklung seit den 1980er Jahren, die nach ge sein. Eine derartige Eskalationsspirale
Frankreich blieb in den vergangenen Jahren dem 11. September 2001 eine Eigendynamik lässt sich nur verhindern, wenn bürgerliche
weitgehend von islamistischen Anschlägen entfaltete und nicht zuletzt durch die antimus- Freiheiten als oberste Priorität geschützt und
verschont. Dies lässt – so Jean-Luc Marret – limischen Stimmungen in den westlichen Ge- respektiert werden. Denn eben jene bürgerli-
auf eine erfolgreiche Terrorismusbekämp- sellschaften verstärkt wurde. Die Hintergrün- chen Freiheiten ermöglichen einen konstrukti-
fung im Innern schließen, die präventiv aus- de und Motive begangener Terrortaten zei- ven Konfliktaustrag in demokratischen Ge-
gerichtet ist und sich durch eine hohe Reakti- gen die Anfälligkeit jugendlicher Muslime für sellschaften.
onsfähigkeit auszeichnet. Trotzdem ist der islamistische Ideen angesichts ihrer sozialen Die Beiträge gehen auf die internationale
stete Wandel der terroristischen Bedrohung Marginalisierung. Als verstärkendes Moment Konferenz „Radicalization in Western Socie-
eine Herausforderung für den französischen kam die westliche Außenpolitik hinzu, die vie- ties: Preventing ‚Homegrown Terrorism‘“ des
Sicherheitsapparat. Die sozialen Profile von le Muslime als maßlos gegenüber der islami- Instituts für Politikwissenschaft der Eberhard
Terroristen und die Selbstmordattentatsver- schen Welt empfanden. Abschließend wer- Karls Universität Tübingen im September
suche vergangener Jahre lassen erkennen, den die in den Niederlanden praktizierten 2010 zurück. Die Tagung wurde wesentlich
dass der Irakkrieg zu einer Radikalisierung Präventions- und Interventionsstrategien dis- unterstützt vom Staatsministerium Baden-
islamischer Milieus und zur verstärkten Rekru- kutiert, die zum Rückgang des islamistisch Württemberg, von der Deutschen Stiftung für
tierung potentieller Selbstmordattentäter motivierten Terrorismus sowie zu einer ge- Friedensforschung und der Embassy of the
beigetragen hat. Der „Irakfaktor“ macht sich stiegenen Resistenz muslimischer Gemein- United Staates of America sowie vom
insofern bemerkbar, als islamistische Grup- schaften gegen Agitation und Radikalisie- Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen.
pen die irakische Regierung als ein zur Kolla- rung beigetragen haben. Dank gebührt allen Autorinnen und Autoren,
boration bereites Regime betrachten, das – Der Anschlag von Madrid am 11. März 2004 die in ihren Beiträgen aufschlussreiche Infor-
genau wie seine internationalen Partner – war kein Racheakt isolierter und radikali- mationen und Einsichten vermitteln, die für
bekämpft werden muss. Die Existenz von Ter- sierter muslimischer Immigranten. Vielmehr ein besseres Verständnis der komplexen The-
rornetzwerken auf französischem Boden darf wurde hinter dem Anschlag ein komplexes matik wichtig sind und so den wissenschaftli-
nicht darüber hinwegtäuschen, dass jenseits Netzwerk von internationalen und regiona- chen Diskurs intensivieren. Ein besonderer
der regionalen eine globale bzw. transnatio- len Terrororganisationen sichtbar. Die Atten- Dank gebührt Prof. Dr. Andreas Hasenclever
nale Ebene existiert, auf der diese Netzwerke täter standen in enger Kooperation mit und Jan Sändig, die mit wichtigen Impulsen
agieren. Dementsprechend setzt die franzö- transnational organisierten Dschihadisten im und fachlichem Rat wesentlich zum Entstehen
sische Strategie der Terrorismusbekämpfung Maghreb und dem Al-Qaida-Netzwerk. Die des Heftes beigetragen haben. Große Ver-
nach außen und im Innern auf mehreren Ebe- detaillierte Analyse des Anschlags von Mad- dienste haben sich auch die studentischen
nen an. Nicht zuletzt die wachsenden terro- rid – auch „3/11“ genannt – von Anthony Cel- Übersetzerinnen und Übersetzer der Konfe-
ristischen Aktivitäten im Maghreb bzw. Sa- so zeigt, dass es Al-Qaida gelungen ist, in renzbeiträge erworben. Dank gebührt nicht
helraum sind für französische Interessen und Europa operierende Terrornetzwerke in eine zuletzt dem Schwabenverlag für die stets gu-
dort lebende französische Staatsbürger eine transnationale Terrorallianz einzubinden. te und effiziente Zusammenarbeit.
Bedrohung. Entgegen offizieller Sichtweisen gab es ein- Siegfried Frech

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RADIKALISIERUNGSPROZESSE UND TERRORISMUSBEKÄMPFUNG

Religion und Radikalisierung? Zu den
säkularen Mechanismen der Rekrutierung
transnationaler Terroristen im Westen
Andreas Hasenclever und Jan Sändig

Nationalismus und Linksextremismus internationale Gruppen wie der Schwar-
Die Terroranschläge der vergangenen würden jetzt vor allem gewaltbereite ze September ein Land wie die Bundes-
zwei Dekaden erwecken den Eindruck, Fundamentalisten weltweit Angst und republik von außen angreifen und natio-
dass der Terrorismus seit den 1990er Schrecken verbreiten. Besonders grau- nale Gruppen wie die ETA ihre Regie-
Jahren religiöser und brutaler geworden sam seien die Anschläge von Islamisten. rungen von innen her bekämpfen, tötet
ist. Doch welche Rolle spielt Religion tat- Sinnbildlich stünden hierfür die Angriffe der transnationale Terrorismus Zivilisten
sächlich? Andreas Hasenclever und Jan vom 11. September 2001, bei denen in fremden Staaten mit Hilfe von einhei-
Sändig erörtern zunächst die langfristi- Tausende den Tod gefunden hatten. In mischen Bürgern. Es handelt sich dem-
gen Trends im weltweiten Terrorismus. ähnlicher Weise urteilt Bruce Hoffman nach um eine grenzüberschreitende
Die Trends zeigen, dass Brutalität und (2006; 2008). In immer mehr Ländern Gewaltbewegung mit lokalen Filialen,
Letalität der Anschläge zwar zugenom- würden muslimische Fanatiker versu- die durch eine gemeinsame Ideologie
men haben, ein ursächlicher Zusammen- chen, ein Kalifat herbei zu bomben. verbunden sind. Deshalb bekommt der
hang zwischen Religion und Grausam- Nach Victor Asal und R. Karl Rethemey- sogenannte „Homegrown“-Terrorismus
keit jedoch nicht generell behauptet er (2008) hängt die besondere Gefähr- aus transnationaler Perspektive eine
werden kann. Für westliche Staaten gel-
lichkeit religiöser Terroristen damit zu- vollkommen neue Bedeutung. Denn
ten insbesondere religiöse Terrororgani-
sammen, dass ihr primärer Adressat jetzt geht es nicht mehr um lokale oder
sationen mit transnationaler Ausrichtung
nicht mehr die Politik, sondern der Him- nationale Radikalisierungsprozesse. In
und einer hohen Rekrutierungsaktivität in
muslimischen Diasporagemeinden als mel sei. Sie wollten ein übernatürliches diesem Sinne wäre jeder Terrorist ein
Gefahrenquelle. Will man Terrorismus Publikum beeindrucken und würden ent- „homegrown terrorist“. Vielmehr geht es
wirksam bekämpfen, ist die Kenntnis der sprechend wenig Rücksicht auf Men- um die Rekrutierung lokaler Kämpfer
Grundmuster und Motive dieser Rekru- schenleben nehmen – und schon gar durch eine ausländische Terrororgani-
tierungs- und Radikalisierungsprozesse nicht auf das Leben von Ungläubigen. sation für eine transnationale Sache.
unerlässlich. Die Analyse von Radikali- Nicht zuletzt deshalb ist es für Brian Mi- Oder um es konkreter zu machen: Al-
sierungsprozessen zeigt, dass es sich um chael Jenkins (2006) gerechtfertigt, von Qaida und verwandte Terrorgruppen
komplexe Abläufe handelt, in denen per- einem „neuen Zeitalter des Terrorismus“ versuchen im Westen bei Muslimen Fuß
sönliche Dispositionen, Identitätskrisen, zu sprechen. Während die Terroristen in zu fassen, um mit ihrer Hilfe Anschläge
sozialpsychologische Momente, objekti- den 1970er und 1980er Jahren durch ih- zu organisieren. Paradigmatisch für den
ve Missstände und eine einseitige Ausle- re Anschläge mit wenigen Toten viel transnationalen Terrorismus sind des-
gung religiöser Grundlagentexte eine Aufmerksamkeit erzielen wollten, gehe halb nicht die Angriffe des 11. Septem-
Rolle spielen. Bei den Gegenstrategien es den Dschihadisten der Gegenwart bers 2001, bei denen Nicht-Amerikaner
lassen sich „weiche“ und „harte“ Formen um viel Aufmerksamkeit und viele Tote. Ziele in den USA attackierten, sondern
der Terrorismusbekämpfung unterschei- Als besonders gefährlich gelten religiö- die Bombenattentate von Madrid 2004
den. Zielt die „harte“ Spielart auf die se Terrororganisationen mit transnatio- oder London 2005. Die Verantwortli-
Schwächung der Handlungsfähigkeit von naler Ausrichtung (vgl. Cordell in die- chen der Anschläge wuchsen in Spani-
Terrororganisationen, so setzt die „wei- sem Heft; Schneckener 2006). Während en und Großbritannien auf und wand-
che“ Variante im präventiven Bereich an
und fokussiert die Handlungsbereitschaft
von Mitgliedern terroristischer Vereini- Abbildung 1: Anzahl von terroristischen Anschlägen weltweit
gungen und solchen Menschen, die kurz
davor stehen, zu Mitgliedern zu werden. (
Die Autoren halten fallspezifische und
aufeinander abgestimmte Maßnahmen !'
der „weichen“ und „harten“ Terrorismus-
bekämpfung für unerlässlich, um nach- !
haltige Erfolge bei der Vermeidung von
Anschlägen erzielen zu können. I
'


Ist der Terrorismus religiöser und
'
brutaler geworden?

Für viele Zeitgenossen ist der Terroris-
mus seit den 1990er Jahren religiöser 
! ! nur " #

und brutaler geworden. David Rapo- 

!  " #
port (2006) spricht auch von einer „vier-
ten Terrorwelle“. Nach Anarchismus, Quelle: Global Terrorism Database

204

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ten sich im Namen eines globalen sierung unabhängig von der jeweiligen RELIGION UND RADIKALISIERUNG?
Dschihads gegen ihre Landsleute. In Ideologie zeigen. Schließlich werden
Deutschland steht die Sauerland-Grup- wir uns für „weiche“ Formen der Terroris-
pe für einen ähnlichen Radikalisierungs- musbekämpfung stark machen. Dabei
prozess, in dessen Verlauf sich die dürfen wir allerdings nicht außer Acht Der Beginn dieser Terrorismuswelle
Gruppenmitglieder gefühlsmäßig und lassen, dass die Gefährlichkeit des wird gemeinhin mit der iranischen Revo-
ideologisch so weit von ihrer sozialen dschihadistischen Terrorismus im Wes- lution 1979 datiert. Nach Auskunft der
Umwelt entfernen, dass sie bereit wer- ten deutlich steigt, wenn es einheimi- Global Terrorism Database (2011) der
den, ihre eigenen Gesellschaften im schen Gruppen gelingt, mit transnatio- Universität von Maryland nahm die
Namen des Islam zu terrorisieren. nalen Organisationen in Kontakt zu tre- Zahl terroristischer Anschläge weltweit
Viele meinen, dass vor allem Härte im ten. „Weiche“ und „harte“ Formen der seit den frühen 1980er Jahren deutlich
Kampf gegen den transnationalen Ter- Terrorismusbekämpfung müssen des- zu und ging dann aber in den 2000er
rorismus mit islamistischer Ideologie halb fallspezifisch und immer wieder Jahren zurück (Abbildung 1).
weiterhelfe (Cruickshank 2011; Hoff- neu aufeinander abgestimmt werden. Dieser Rückgang darf aber nicht mit ei-
man 2009; Marret in diesem Heft). Mit nem Abklingen des Terrorismus ver-
religiösen Fanatikern lasse sich nicht re- wechselt werden. Denn im gleichen
den. Vielmehr müsse man gegen die Trends terroristischer Gewalt Zeitraum erhöhte sich die Letalität der
einschlägigen Terrorgruppen im Aus- Anschläge dramatisch. Starben in den
land militärisch vorgehen und sie im In- Die Daten sprechen zunächst für die 1970er Jahren bei zehn Terrorattacken
land mit allen zulässigen polizeilichen These von der „vierten Terrorwelle“, die durchschnittlich acht Menschen, waren
und strafrechtlichen Mitteln verfolgen. sich nach Rapoport (2006) durch religi- es in den 1980er Jahren 28, in den
Dabei könne es auch notwendig sein, ös motivierte und (deshalb) besonders 1990ern 26 und in den 2000ern 41 (Ab-
Freiheitsrechte einzuschränken, um Ter- brutale Terroranschläge auszeichnet. bildung 2, Blaue Balken).
roristen effektiver zu jagen. Andere sind
zurückhaltender. Sie meinen, dass harte
Maßnahmen allein keine angemessene
Antwort sind und unter Umständen kon- Abbildung 2: Todesopfer pro zehn Anschläge weltweit
traproduktiv wirken – und zwar dann,
wenn sie Muslime unterschiedslos als 
latente Gewalttäter stigmatisieren und
sie damit von ihrer Gesellschaft ent- $
fremden (vgl. Bakker, Dalgaard-Nielsen
und Hammonds in diesem Heft; Korte- '
weg et al. 2010, S. 31f). Deshalb müss-
ten Präventions- und Resozialisierungs- &
konzepte entwickelt werden, um Radi-
(
kalisierungsprozesse frühzeitig zu stop-
pen und gewaltbereiten Menschen !
einen Ausweg aus dem Terrormilieu zu
zeigen. Die Erfolge bei der Resozialisie- 

rung von Rechtsextremisten auch in
Deutschland sprächen hier für sich. 
Entscheidend für die Debatte um die 
! !  " #
richtigen Mittel im Kampf gegen den is-


!  " #
lamistischen Terror ist immer die Frage,
welche Rolle Religion tatsächlich spielt.
Denn von der Art des Gegners hängt es Quelle: Global Terrorism Database
im Letzten ab, wie ihm beizukommen ist.
Wenn wir es also mit einem Terrorismus Abbildung 3: Schwere Terroranschläge weltweit
sui generis zu tun haben, der von religi-
ösen Überzeugungen und irrationalen
!
Idealen getragen wird, dann kann es
westlichen Gesellschaften nur schwer 

fallen, anders als mit polizeilichen und
strafrechtlichen Mitteln zu reagieren. Im 
Folgenden werden wir uns deshalb mit
den langfristigen Trends im weltweiten .  

$
Terrorismus beschäftigen. Dabei wer- )
den wir hinter die These, dass sich ein '
- 
)
religiös motivierter Terrorismus notwen- &
digerweise von säkularen Formen unter-

-' )
scheidet, ein dickes Fragezeichen set- !
zen. Im zweiten Schritt werden wir uns
mit Radikalisierungsprozessen in westli-

chen Gesellschaften auseinanderset-
zen, an deren Ende „homegrown terro- 
! ! nur " #
rists“ mit islamistischer Ideologie ste- 

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hen. Auch hier werden wir auf säkulare
Muster eingehen, die sich bei Radikali- Quelle: Global Terrorism Database

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Andreas Hasenclever und Jan Sändig
Hier fällt zunächst auf, dass die welt-
weite Zunahme schwerer Anschläge
nach 2000 maßgeblich vom Irakkrieg
beeinflusst wurde. Von den etwa 1.100
Anschlägen mit mehr als zehn Todesop-
fern in der ersten Dekade des 21. Jahr-
hunderts ereigneten sich gut 45 Prozent
in dem Zweistromland nach dem Ein-
marsch der USA und ihrer Verbündeten.
Werden sie aus der Berechnung ausge-
schlossen, so kann ein deutlicher Rück-
gang der schweren Anschläge beob-
achtet werden (Abbildung 3). Das hat
auch Rückwirkungen auf die Letalität
von Terrorattacken. Ohne die Zahlen
aus dem Irak starben bei zehn Anschlä-
gen durchschnittlich 35 Menschen (Ab-
bildung 2, Rote Balken). Im Irak waren es
hingegen 64. Damit erreicht weltweit
gesehen die Letalität der Anschläge in
den 2000er Jahren zwar immer noch ei-
nen traurigen Höhepunkt. Aber die Zu-
nahme ist längst nicht mehr so drama-
tisch wie bei Einbeziehung des Irakkon-
flikts. Hinzu kommt, dass nach Auskunft
der Global Terrorism Database die
absolute Zahl der Terrortoten für die
2000er bei knapp 61.000 lag. Davon
starben allein im Irak etwas mehr als
23.000. Für die 1990er wurden global
über 73.000 Todesopfer gezählt und für
die 1980er knapp 70.000. Diese Anga-
ben sind zwar aufgrund erheblicher
Probleme bei der Datenbeschaffung mit
Vorsicht zu betrachten. Es wird aber in
der Fachwelt anerkannt, dass sie die re-
alen Trends relativ gut abbilden.
Zum zweiten zeigt eine Untersuchung
von Daniel Masters (2008), dass in den
letzten 20 Jahren die Letalität der An-
schläge aller Terrorgruppen zugenom-
men hat. Dieses gleichförmige und
ideologieübergreifende Wachstum der
Brutalität wird in westlichen Gesell-
schaften kaum wahrgenommen. Ein
Grund hierfür mag die mediale Fixie-
Al-Qaida und ihre Tochterorganisationen verfolgen eine globale Agenda. Es geht nicht rung auf den islamistischen Terrorismus
um den Sturz einer Regierung, sondern um eine radikale Veränderung der Weltordnung sein. Nur wenige wissen, dass der fürch-
mit dem Ziel, alle mehrheitlich muslimischen Gebiete in einem Kalifat zu vereinen. terlichste Anschlag 2010 von einer indi-
picture alliance/dpa genen Rebellenbewegung im Nordos-
ten Indiens verübt wurde. Nach Anga-
ben des National Counterterrorism
Während also die Zahl der Anschläge (vgl. Asal/Rethemeyer/Anderson 2009). Centers brachte das „People’s Commit-
in der ersten Dekade des 21. Jahrhun- Von den 15 Gruppen mit religiöser Ideo- tee Against Police Atrocities“ am 28. Mai
derts gesunken ist (Abbildung 1), hat ih- logie ist wiederum nur die Lord‘s Resis- einen Zug zum Entgleisen. Es starben
re Tödlichkeit zugenommen und einen tance Army nicht islamistisch ausgerich- 148 Zivilisten und über 200 wurden
traurigen Höchststand erreicht (Abbil- tet. Nach Angaben des National Coun- verwundet. Auch 2009 gingen die
dung 2 und 3). Es gibt weniger Anschlä- terterrorism Centers in Washington wa- schlimmsten Attentate nicht auf das
ge mit mehr Opfern. Entsprechend hat ren sunnitische Extremisten 2010 für 60 Konto islamistischer Extremisten, son-
sich der Anteil schwerer Anschläge am Prozent aller Anschläge und 70 Prozent dern auf das der Lord‘s Resistance Ar-
Gesamtvorkommen stark erhöht. aller Todesopfer verantwortlich (NCTC my. Sie ermordeten am 17. Januar 2009
Parallel dazu dominieren seit dem Ende 2011, S. 6). Der Terrorismus ist seit dem in der Nähe des kongolesischen Tora
des Kalten Krieges muslimische Extre- Ende des Kalten Krieges also tatsäch- über 400 Männer, Frauen und Kinder.
misten die globale Terrorszene (Hoff- lich religiöser und brutaler geworden. Insgesamt werden der Lord‘s Resistance
man 2006, S. 147; Perlinger et al. 2010, Gleichwohl bleibt die Frage offen, ob Army 2009 vom National Counterterro-
S. 154; Piazza 2009, S. 64). Unter den zwischen diesen beiden Merkmalen ein rism Center acht Anschläge im Kongo
20 Gruppen, die zwischen 1998 und ursächlicher Zusammenhang besteht – zugeschrieben, denen fast 1.000 Men-
2005 die meisten Menschen ermordet ob also mehr Religion zu mehr Brutalität schen zum Opfer fielen. Besonders er-
haben, befinden sich nur fünf säkulare führt, wie etliche Beobachter meinen. schreckend an den Angriffen dieser

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Gruppe mit ihrer kruden Ideologie ist, mehr zeigen die verfügbaren Untersu- RELIGION UND RADIKALISIERUNG?
dass es kaum Verletzte, sondern fast nur chungen, dass sich die meisten der At-
Tote gibt. Als notorische Killer waren tentäter für aufrechte Muslime halten,
schließlich die säkularen „Befreiungs- die für eine gerechte Sache kämpfen.
tiger“ (LTTE) auf Sri Lanka bekannt. Sie Auch die meisten Gefolgsleute von Al- len Zielsetzung agieren im Allgemeinen
werden von der Global Terrorism Data- Qaida sind in gewisser Weise „prinzipi- zurückhaltender, um ihre soziale Unter-
base von 1975 bis 2010 für über 15.000 elle Altruisten“, die ihr Leben für ein Ide- stützung nicht zu gefährden. Sie dürfen
Tote verantwortlich gemacht. Dabei al riskieren – um eine Formulierung von nicht zu viele Zivilisten töten und müssen
waren ihre Attacken in den 1990er Jah- Bruce Hoffman (2006, S. 76) zu gebrau- gleichzeitig darauf achten, dass ihre
ren brutaler als die im Irak in den chen. Gleichzeitig spielen charismati- Sympathisanten durch staatliche Ge-
2000ern. Die LTTE töteten damals in sche Führungsfiguren für alle islamisti- genmaßnahmen nicht übermäßig in
zehn Anschlägen im Durchschnitt 82 schen Terrorgruppen eine tragende Mitleidenschaft gezogen werden. Das
Menschen. Schließlich sind die LTTE Rolle (Ranstorp 2010, S. 6; Nesser 2010, alles scheint bei Al-Qaida und ver-
auch die Terrorgruppe, die mit Abstand S. 108–109). Dabei ist es eine ihrer wandten Gruppen anders zu sein. Die
die meisten Selbstmordattentate verübt wichtigsten Aufgaben, die anderen meisten ihrer Opfer sind Muslime – was
hat: Von 186 Selbstmordanschlägen Gruppenmitglieder von der Legitimität die Terroristen offenkundig nicht son-
weltweit zwischen 1980 und 2001 ge- ihrer Anschläge zu überzeugen. Gleich- derlich berührt, da sie weniger als an-
hen 75 auf das Konto der tamilischen wohl zeigen die Daten, dass diese dere Gruppen auf nationale Unterstüt-
„Befreiungstiger“ (Pape 2003, S. 343). Überzeugungsarbeit nicht notwendi- zung angewiesen sind. Entsprechend
Auch wenn muslimische Extremisten gerweise einen religiösen Unterbau beschreibt Ulrich Schneckener (2006)
mittlerweile die globale Terrorszene braucht – nationalistische oder politi- Al-Qaida auch als Prototyp für einen
dominieren, heißt das also noch lange sche Ideologien tun es auch –, und dass transnationalen Terrorismus, der sich
nicht, dass ein notwendiger Zusammen- bei gleichem religiösem Unterbau qua- durch vier Merkmale auszeichnet:
hang zwischen Glauben und Grausam- litativ unterschiedliche Gewaltstrategi- l Al-Qaida und ihre Tochterorganisatio-
keit besteht. Zu diesem Ergebnis kommt en gewählt werden. Dies spricht für die nen verfolgen eine globale Agenda. Es
ebenfalls eine Studie von James Piazza Wirksamkeit säkularer Mechanismen geht nicht um den Sturz einer Regie-
(2009), die bemerkenswerte Unter- auch bei religiösen Gruppen. rung, sondern um eine radikale Verän-
schiede bei der Letalität der Anschläge Womit die weltweit gestiegene Ge- derung der Weltordnung mit dem Ziel,
verschiedener islamistischer Terroror- waltbereitschaft terroristischer Grup- alle mehrheitlich muslimischen Gebie-
ganisationen aufzeigt. Zwischen 1998 pen im Allgemeinen und dem Al-Qaida- te in einem Kalifat zu vereinen.
und 2005 waren islamistische Terror- Netzwerk im Besonderen erklärt wer- l Al-Qaida und ihre Tochterorganisatio-
gruppen zwar für die meisten Todesop- den kann, ist noch offen. Möglicherwei- nen eint eine transnationale Ideologie.
fer weltweit verantwortlich. In dem Au- se hat dies etwas mit der Globalisierung, Auf der Grundlage eines radikalen
genblick aber, in dem Al-Qaida und ih- mit verbesserter Kommunikationstech- Salafismus wird die politische und wirt-
re Tochterorganisationen aus der Un- nologie sowie der Medialisierung unse- schaftliche Schwäche der muslimischen
tersuchung ausgeschlossen werden, rer Alltagswelt zu tun. Dabei könnte Welt nicht nur als demütigende Über-
sind islamistische Terroristen nicht signi- die Globalisierung durch Zunahme von legenheit des imperialistischen Wes-
fikant brutaler als ihre säkularen Artge- grenzüberschreitenden Handelsströ- tens, sondern vor allem als Folge des
nossen. Wenn dann noch berücksich- men den Zugang zu Waffen und Abfalls vom wahren Glauben gedeu-
tigt wird, dass zwischen den religiösen Sprengstoff erleichtern. Verbesserte tet. Gleichzeitig wird die islamische
Überzeugungen gewaltbereiter Isla- Kommunikationstechnologien könnten Urgemeinde verklärt und umstandslos
misten und denen, die auf friedlichen Anschlagsplanungen auch von entlege- zur angemessenen Lebensform der
Wandel setzen, kaum dogmatische Un- nen Regionen aus sowie über extensive Gegenwart erklärt. Auf der Grundlage
terschiede bestehen, wird klar, dass die Netzwerke ermöglichen. Und durch die dieser Ideologie lassen sich dann nach
religiösen Überzeugungen von Musli- Medialisierung des Alltags versetzen Ulrich Schneckener (2006, S. 60) „nati-
men keine wesentliche Rolle bei der Er- Anschläge vergleichsweise mehr Men- onale, kulturelle, sprachliche oder
klärung terroristischer Gewalt spielen schen in Angst und Schrecken als in der geographische Unterschiede überbrü-
können. Vergangenheit. Die Brutalität von Ter- cken“.
Damit soll freilich nicht gesagt werden, rorgruppen scheint im Speziellen auch l Dementsprechend verfügen Al-Qaida
dass islamistische Terroristen keine reli- davon abzuhängen, ob diese nationale und ihre Tochterorganisationen über
giösen Menschen sind und unabhängig oder transnationale Ziele verfolgen eine multinationale Mitgliedschaft. Da-
von ihren religiösen Überzeugungen (LaFree 2010, S. 40–41; Piazza 2009, bei versuchen sie gezielt, „homegrown
handeln. Das wäre ein Fehlschluss. Viel- S. 65–66). Gruppen mit einer nationa- terrorists“ zu rekrutieren, um den glo-
IMPRESSUM

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Andreas Hasenclever und Jan Sändig
balen Kampf gegen den Westen in Wie Brian Michael Jenkins (2009, S. 7) nach traumatischen Erfahrungen, die
den Westen hineinzutragen. Adressa- schreibt, fallen Terroristen nicht vom sie zutiefst verunsichert hatten, auf der
ten sind hier vor allem Muslime aus der Himmel. Zum Terroristen wird man (ge- Suche nach Anerkennung und starken
zweiten oder dritten Einwandererge- macht) – und das heißt konkret, dass sozialen Bindungen. Sie erlebten sich
neration, eingereiste Studenten aus Männer und Frauen die Bereitschaft oft als ohnmächtig und klein, und sie er-
islamischen Ländern oder junge Kon- entwickeln müssen, Zivilisten zu töten. fuhren die Welt, in der sie lebten, als un-
vertiten (Schneckener 2006, S. 70). Sie sind dann so überzeugt von ihrer gerecht und schlecht. Immer wieder
l Schließlich bauen Al-Qaida und ihre Mission, dass sie ganze Gesellschaften fühlten sie sich als Muslime diskriminiert
Tochterorganisationen transnationale in Angst und Schrecken versetzen kön- und identifizierten sich mit verfolgten
Netzwerke auf. Während frühere Ter- nen, um deren Regierung zu einem Poli- Glaubensbrüdern und -schwestern in
rorgruppen ab einer bestimmten Grö- tikwechsel zu zwingen (Daase/Spencer anderen Ländern. Unter solchen Bedin-
ße hierarchische Strukturen ausbilde- 2010, S. 405). Auch wenn diese Einstel- gungen waren sie hochgradig emp-
ten, bleiben die Kommunikationswege lung auf den ersten Blick wahnsinnig zu fänglich für Gruppensolidarität und die
innerhalb von Al-Qaida und zu ihren sein scheint, zeigt die Forschung zu Ra- islamistische Ideologie von Al-Qaida
Tochterorganisationen relativ horizon- dikalisierungsverläufen deutlich, dass und ihren Ablegern. In der Gruppe fan-
tal. Die Autonomie der einzelnen Ele- es keine Anhaltspunkte für systemati- den sie Halt, und durch die Identifikati-
mente des Netzwerkes ist hoch und bei sche Geistesstörungen bei Terroristen on mit einer militanten Bewegung emp-
Verlusten lassen sich Lücken leicht gibt – auch wenn wir es in Einzelfällen fanden sie Stärke und fühlten sich res-
schließen oder umgehen. durchaus mit zutiefst sadistischen Per- pektiert. Für die Gruppen waren sie
Es ist dieser transnationale Dschihadis- sönlichkeiten zu tun haben (LaFree/ dann bereit, Opfer zu bringen. Dabei
mus mit hoher Rekrutierungsaktivität in Ackerman 2009, S. 349; King/Taylor nahm diese Bereitschaft nach Arie Kru-
muslimischen Diasporagemeinden, der 2011, S. 614). Vielmehr legen Untersu- glanski und Shira Fishman (2009, S. 19)
für die öffentliche Sicherheit des Wes- chungen nahe, dass es sich in der Regel mit wachsendem Verfolgungsdruck auf
tens im engen Sinne gefährlich wird. um erschreckend normale Menschen die Gruppe zu. Außerdem waren sie vor
Deshalb ist es von zentraler Bedeutung handelt, die vor ihrer Radikalisierung dem Hintergrund ihrer Lebenserfahrun-
für seine Bekämpfung, wie die transnati- nicht verrückter waren als andere auch. gen schnell davon zu überzeugen, dass
onale Handlungsfähigkeit von Terroror- Darüber hinaus ist es bislang nicht ge- die Gemeinschaft der Muslime vom
ganisationen des Al-Qaida-Typs einge- lungen, aussagekräftige Sozialprofile Westen und seinen lokalen Vasallen un-
schränkt und die Empfänglichkeit für ih- von den Menschen zu zeichnen, die sich terdrückt werde, dass sie selbst eben-
re militante Botschaft im Westen verrin- im Westen für den dschihadistischen falls Opfer westlicher Unterdrückung
gert werden kann. Terrorismus rekrutieren lassen – also zu seien, und dass sie als Muslime die
„Homegrown“-Terroristen werden. Die Pflicht hätten, gemeinsam mit ihren
Gruppenmitgliedschaft ist durchweg Glaubensbrüdern und -schwestern ge-
Analyse von heterogen zusammengesetzt. Wobei gen den Westen und seine lokalen Va-
Radikalisierungsprozessen gerade die erste islamistische Terroris- sallen zu kämpfen (Nesser 2011).
tengeneration eher zu den besser ge- Auch wenn Religion ein wesentliches
Radikalisierung als solche ist nichts stellten und gebildeten Kreisen ihrer Merkmal dschihadistischer transnatio-
Schlechtes. Franz von Assisi war radikal, Gesellschaften zählte. Zwar beobach- naler Terrorgruppen ist, spielt sie im Ra-
Martin Luther King war es, und viele Na- tet Marc Sageman (2011, S. 88–90) in dikalisierungsprozess eine austausch-
tur- und Tierschützer sind es (vgl. Bal- dieser Hinsicht im Westen einen Wan- bare Rolle (vgl. Kruglanski et al. 2009,
luch in diesem Heft). Radikalisierung del. Die nunmehr dritte Generation von S. 351). Zum einen zeigt eine Reihe von
meint deshalb zunächst nur Distanzie- „homegrown terrorists“ rekrutiere sich Studien, dass viele islamistische Terro-
rung und Politisierung. Einzelne Men- deutlich stärker als bisher aus unteren risten den Koran nicht gut kennen und
schen und Gruppen entwickeln Einstel- und schlechter gebildeten Milieus. Ähn- eine erschreckend einseitige Lesart
lungen, Gefühle und Verhaltensweisen, liches konstatieren Jean-Luc Marret (in pflegen (vgl. Ranstorp 2010, S. 7; Sage-
die sie deutlich von der alltäglichen Pra- diesem Heft) und Daveed Gartenstein- man 2008b, S. 41). Außerdem war Reli-
xis ihrer Gesellschaften unterscheiden Ross für Frankreich und die USA. Gleich- gion für die meisten Rekruten vor ihrer
(Dalgaard-Nielsen 2010, S. 798; Sage- wohl sind auch diese Gruppen in ihrer Radikalisierung allenfalls nebensäch-
man 2008c, S. 225; vgl. McCauley und sozialen Herkunft nicht homogen. Zu- lich (King/Taylor 2011, S. 615; Lützinger
Moskalenko in diesem Heft). Gleichzei- mindest die Führungsfiguren und deren 2010, S. 35; Nesser 2010, S. 90). Viel-
tig wollen sie diese Praxis nach Maßga- engsten Gefolgsleute gehören nach mehr wurde sie erst im Zuge der Radika-
be ihrer deutlich abweichenden Einstel- wie vor eher zu besser gebildeten und lisierung und mit zunehmendem Kontakt
lungen, Gefühle und Verhaltensweisen politisch aktiven Kreisen (Dalgaard- zu islamistischen Gruppen wichtiger.
verändern: Sie wollen die Kirche wieder Nielsen 2010, S. 807; Nesser 2010, Marc Sageman (2008b, S. 40) kommt
näher an das christliche Armutsideal S. 92–93). deshalb zu dem Schluss, dass wir es bei
heranführen, sie wollen gleiche Bürger- Untersuchungen zeigen darüber hin- „homegrown terrorists“ nicht mit Schrift-
rechte für alle, oder sie wollen die in- aus, dass die meisten „homegrown ter- gelehrten, sondern mit hoch emotionali-
dustrielle Ausbeutung unserer natürli- rorists“ im Westen junge Männer sind, sierten Menschen zu tun haben. Ent-
chen Umwelt beenden. Hochproblema- die der zweiten oder dritten Einwande- scheidend sei weniger was Dschihadis-
tisch wird Radikalisierung dann, wenn rergeneration aus muslimischen Län- ten denken, sondern was sie fühlen. In
Menschen ihre Vorstellungen mit Ge- dern angehören oder zum Islam konver- ähnlicher Weise beobachten Clark Mc-
walt durchsetzen wollen. Die Frage, die tiert sind (King/Taylor 2011, S. 615). Auf- Cauley und Sophia Moskalenko (in die-
uns hier beschäftigt, lautet deshalb, wie fällig viele dieser jungen Männer be- sem Heft), dass die religiöse Ideologie
aus friedlichen Bürgern in westlichen fanden sich vor ihrer Radikalisierung für viele Dschihadisten nicht eine Vor-
Gesellschaften rücksichtslose Terroris- aus unterschiedlichen Gründen in einer aussetzung, sondern die Folge ihres
ten werden können, die sich im Namen Identitätskrise und hatten nur ein Kampfes sei.
einer transnationalen Ideologie gegen schwaches Selbstwertgefühl. Oder um Zum Zweiten zeigt beispielsweise eine
diese Gesellschaften wenden und sie es mit Arie Kruglanski et al. (2009) zu sa- vergleichende Untersuchung von Sas-
mit grausamen Anschlägen überziehen. gen: Die meisten Terrorrekruten waren kia Lützinger zu den Profilen gewaltbe-

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reiter Extremisten in Deutschland, dass sie sich in einen Terroristen verliebt hat- RELIGION UND RADIKALISIERUNG?
deren Wege in die Gewaltszene er- ten. Mit ideologischer Überzeugung
staunlich ideologieunabhängig waren: hat das dann nur noch wenig zu tun.
„Hauptmotive für den Einstieg in eine Mit der Kontaktaufnahme zur Terrorsze-
extrem(istisch)e Clique war die Suche ne und der Bildung eigener Zellen setzt Dschihadisten der 1990er Jahre eine
nach sozialem Rückhalt, Verständnis ein sozialer Abkapselungsprozess ein, Rolle (Nesser 2011, S. 89–91; Sageman
und Struktur“ (Lützinger 2010, S. 71). der Menschen immer weiter von ihrer al- 2011, S. 88–90; Steinberg in diesem
Das gelte sowohl für Rechtsextreme wie ten sozialen Umwelt und ihren morali- Heft). Im zweiten Fall haben wir es mit
für Linksextreme oder islamistische Ge- schen Regeln entfernt. Auch dieser Pro- Bottom-up-Prozessen zu tun. Dabei bil-
walttäter. Zu ähnlichen Ergebnissen zess läuft ideologieübergreifend ab den sich zunächst lokale Gruppen mit
kommen McCauley und Moskalenko (in und folgt bekannten Mustern (Dal- islamistischer Orientierung, die dann in
diesem Heft) in ihren Untersuchungen gaard-Nielsen 2010, S. 808; Korteweg Auseinandersetzung mit dschihadisti-
zur Pluralität von Radikalisierungsver- et al. 2010, S. 42; Kruglanski/Fishman schem Propagandamaterial im Internet
läufen. Schließlich weist Lorne Dawson 2009, S. 23). Die Gruppenmitglieder re- eine grundlegende Terrorbereitschaft
(2010) darauf hin, dass Identitätskrisen den nur noch mit Gleichgesinnten. Ge- ausbilden. Anschließend suchen sie Zu-
und die Suche nach Anerkennung Men- genmeinungen werden nicht mehr tole- gang zu etablierten transnationalen
schen zwar für radikale Gruppen dispo- riert, weil das die Mission gefährdet Netzwerken. Dieser Verlauf lässt sich im
nierten. Es lasse sich in dieser Hinsicht und die Gruppe schwächt. Es entwickelt Westen vor allem bei Dschihadisten der
aber kein signifikanter Unterschied zwi- sich ein mentaler Gruppenzwang, der dritten Generation nach 2005 beob-
schen Mitgliedern gewaltbereiter Ter- die jeweils radikalste Meinung mit sozi- achten. Hier zeigt eine Untersuchung
rorgruppen oder neuen religiösen Sek- aler Anerkennung belohnt. Am Ende ha- von Manni Crone und Martin Harrow
ten erkennen. In beiden Fällen gehe es ben die Gruppenmitglieder ein mani- (2011), dass nicht zuletzt wegen des
um persönliche Beziehungen, die Kon- chäisches Weltbild herausgebildet, in weltweiten Verfolgungsdrucks auf Al-
vertiten ein Gefühl von Geborgenheit dem strikt zwischen Schwarz und Weiß, Qaida und ihre Ableger in Westeuropa
und Halt gäben. Bei Lützinger (2010, zwischen Gut und Böse unterschieden immer mehr autonome lokale Zellen ent-
S. 68) sprechen die interviewten Extre- wird und in dem der terroristische Kampf stehen. Allerdings werden diese lokalen
misten deshalb von ihren Gruppen auch als moralische Notwendigkeit begriffen Zellen erst dann zu einer ernsthaften
auffallend oft als „Familie“. Empfäng- wird (Richardson 2006, S. 41). Bedrohung für westliche Gesellschaf-
lichkeit für Gruppensolidarität allein ist Für islamistische Terrorgruppen heißt ten, wenn es ihnen gelingt, sich in trans-
also bei weitem kein hinreichender das, dass sie sich in eine extrem einseiti- nationale Netzwerke des Al-Qaida-
Grund für eine Karriere als islamisti- ge Auslegung des Korans hineingestei- Typs einzuklinken (Steinberg in diesem
scher Terrorist. Diese Empfänglichkeit gert haben und keine alternativen Inter- Band; Cruickshank 2011). Nicht zuletzt
kann auch in nicht gewalttätige Grup- pretationen zulassen. Auch in diesem deshalb beobachten westliche Sicher-
pen führen. Genauso wenig ist es indivi- Zusammenhang spielen charismatische heitsbehörden einen zunehmenden
duelle Religiosität. Vielmehr haben wir Führungsfiguren eine zentrale Rolle „Dschihad-Tourismus“ aus Westeuropa
es mit einem pfadabhängigen Soziali- (Dalgaard-Nielsen 2010, S. 807; Hoff- vor allem nach Nordwestpakistan aber
sationsprozess zu tun, der damit be- man 2006, S. 152; Kruglanski/Fishman auch nach Somalia und in den Jemen
ginnt, dass Menschen nach Anerken- 2009, S. 22). Sie geben den intellektuel- mit großer Sorge. Denn dort erwerben
nung suchen und bereit sind, eine neue len Takt vor, verkünden die autoritative Terrorrekruten die logistischen und waf-
„Familie“ zu akzeptieren. In späteren Lesart ideologischer Grunddokumente fentechnischen Fähigkeiten, die sie in
Phasen werden Rekruten dann mehr und marginalisieren Gegenmeinungen. ihren Herkunftsländern zu ernsthaften
und mehr zu Tätern. Wenn sie Zugang Ohne charismatische Führungsfiguren „Gefährdern“ macht, wie sie von Bun-
zu klandestinen Terrorgruppen und – das zeigt die Erfahrung – verlieren desinnenminister Hans-Peter Friedrich
-netzwerken finden, greifen eine ganze Gruppen schnell ihre Handlungsfähig- (FAZ 4.6.2011, S. 4) genannt werden. Im
Reihe säkularer Mechanismen, die keit und fallen auseinander (Nesser September 2011 ging der Bundesinnen-
Menschen Schritt für Schritt – aber oh- 2010, S. 109). Wie nicht zuletzt Kruglan- minister davon aus, dass es in Deutsch-
ne mechanische Notwendigkeit und ski und Fishmann (2009, S. 23) betonen, land etwa 130 solcher „Gefährder“
nicht gegen ihren Willen – darauf vor- sind Abkapselungsprozesse keine Be- gibt. 1.000 weitere Personen gelten als
bereiten, Zivilisten zu töten. Zentral ist sonderheit islamistischer Gruppen. Sie „mögliche islamistische Terroristen“.
dabei, dass sie von der Legitimität terro- lassen sich in nahezu allen terroristi- Insgesamt handelt es sich bei Radikali-
ristischer Gewalt überzeugt sind und schen Gruppen aber auch bei Mitglie- sierungsprozessen, die in den transnati-
über die notwendigen Fähigkeiten für dern von Todesschwadronen oder onalen Terrorismus führen, um höchst
Anschläge verfügen. staatlichen Foltereinheiten beobach- komplexe Abläufe, in denen persönli-
Auffallend ist in diesem Zusammenhang ten. Sie gehen damit einher, dass die ei- che Dispositionen, objektive Missstän-
zunächst, dass der Kontakt zur Terror- gene Position ideologisch überhöht und de, einseitige Informationen, aufnah-
szene meistens über Freunde und Be- den Gegnern pauschal die Menschen- mefähige Gruppen und der Zufall eine
kannte erfolgt (vgl. Kruglanski/Fishman würde abgesprochen wird, um brutale Rolle spielen (Ranstorp 2010, S. 2–3). Zu
2009, S. 17; LaFree/Ackerman 2009, Gewaltanwendung zu rechtfertigen. Terroristen werden demnach labile
S. 357). Menschen werden in der Regel In der Fachliteratur werden gegenwär- Menschen, die zur falschen Zeit am fal-
zu Terroristen, weil sie Menschen ken- tig zwei Formen der Sozialisation po- schen Ort falschen Freunden begeg-
nen und schätzen, die andere Men- tentieller Rekruten in transnationale nen. Im Kontext von Gruppen entwi-
schen kennen und schätzen, die wiede- Terrornetzwerke mit islamistischer Ideo- ckeln sie dann die notwendigen terro-
rum einen Terroristen kennen und schät- logie unterschieden. Bei sogenannten ristischen Einstellung und Fähigkeiten.
zen. In diesem Zusammenhang spielen Top-down-Prozessen werben Netz- Zumindest bislang sind Einzeltäter im
Gefühle immer wieder eine wichtige werkableger im Westen unmittelbar Terrorismus eher die Ausnahme. Zu nen-
Rolle. So beobachten beispielsweise neue Mitglieder und integrieren sie nen wären der Kosovare Arid Uka, der
McCauley und Moskalenko (und in die- schrittweise in ihre Funktionsabläufe. im März 2011 am Frankfurter Flughafen
sem Heft), dass etliche Menschen des- Diese Form der Rekrutierung spielte in eine Gruppe amerikanischer Soldaten
halb zu Terroristen geworden sind, weil Westeuropa vor allem bei den frühen angriff (vgl. Steinberg in diesem Heft),

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Andreas Hasenclever und Jan Sändig
oder der Norweger Anders Behring gen potentielle Terrorgruppen und ihre Überprüfung der Effektivität und Not-
Breivik, der im Namen einer krausen Mitglieder vorgegangen. Dies hat zu wendigkeit der einschlägigen Sicher-
rechtsextremen und christlich-funda- einer erheblichen Einschränkung der heitspakete eingefordert (Abou-Taam
mentalistischen Ideologie im Juli 2011 in Rekrutierungsfähigkeit von Al-Qaida 2011, S. 14).
einem Jugendlager ein Blutbad anrich- und verwandten Gruppen geführt. In Im Gegensatz zu „harten“ Terrorismus-
tete, nachdem er im Osloer Regierungs- der Folgezeit bildeten sich deshalb ver- bekämpfungsstrategien konzentrieren
viertel eine Autobombe gezündet hatte. stärkt unabhängige lokale Zellen, die sich „weiche“ Instrumente auf die Hand-
Vor solchen fanatisierten Einzeltätern sich maßgeblich über das Internet radi- lungsbereitschaft der Mitglieder von
kann sich eine Gesellschaft genauso kalisierten (Crone/Harrow 2011, S. 534; Terrorgruppen und solchen, die in Ge-
schwer schützen wie vor Amokläufern. Sageman 2008c, S. 227f.). Erst in einem fahr sind, zu Terroristen zu werden oder
Terrorgruppen hingegen lassen sich ge- zweiten Schritt suchten diese lokalen mit ihnen zu sympathisieren. So soll auf
zielt bekämpfen. Die Frage ist aller- Zellen den Anschluss an die transnatio- der einen Seite der Weg in den Terroris-
dings, wie dies am effektivsten gesche- nale Terrorszene. Dabei gilt erfahrungs- mus dadurch erschwert werden,
hen kann. gemäß, dass die Gefahr, die von loka- l dass das zivile Umfeld (Familie, lokale
len Zellen ausgeht, solange vergleichs- Gemeinschaft, etc.) potentieller Terro-
weise gering bleibt, wie der transnatio- risten gestärkt wird;
„Harte“ und „weiche“ nale Kontakt nicht hergestellt werden l dass deren zunehmende Entfremdung
Terrorismusbekämpfung kann (Cruickshank 2011, S. 18; vgl. von der Mehrheitsgesellschaft erkannt
Steinberg in diesem Heft). Gleichzeitig und ernst genommen wird;
In der Debatte um die richtige Bekämp- macht aber gerade die Kontaktaufnah- l dass die menschenverachtende Grau-
fung des transnationalen Terrorismus me die Terrorakteure für den Zugriff samkeit terroristischer Anschläge kom-
lassen sich „harte“ und „weiche“ Strate- durch Sicherheitsdienste verwundbar, muniziert wird; und
gien unterscheiden. Harte Strategien die mit t lerweile in der Lage sind, die l dass gangbare politische Alternativen
zielen darauf ab, die Handlungsfähig- Kommunikationswege der transnatio- zu gewalttätigen Protesten aufgezeigt
keit von Terrororganisationen zu schwä- nalen Terrornetzwerke effektiver zu werden.
chen. Im Zentrum stehen polizeiliche, überwachen. Das zeigte nicht zuletzt
geheimdienstliche und militärische Inst- die Zerschlagung der Sauerland-Grup-
rumente, mit deren Hilfe Gruppen zer- pe, die in dem Augenblick für die Si-
schlagen, gelähmt oder sonst wie von cherheitsbehörden zu fassen war, als
Anschlägen abgehalten werden sollen. sie mit der Islamischen Jihad Union in
Hierzu müssen die Behörden die perso- Pakistan kooperierte (vgl. Steinberg in
nelle Zusammensetzung von Terrornetz- diesem Heft).
werken kennen. Sie müssen wissen, wie Zu den harten Terrorbekämpfungsstra-
die Mitglieder rekrutiert und ausgebil- tegien zählen auch militärischen Instru-
det werden, wie sie miteinander kom- mente, die gegenwärtig vor allem von
munizieren, wie sie ihre Operationen fi- den Vereinigten Staaten, aber auch von
nanzieren, welche Reisemittel sie ver- Frankreich und Großbritannien (Ham-
wenden und auf welchen Wegen sie monds und Marret in diesem Heft) ein-
sich Waffen beschaffen sowie zu den gesetzt werden. Besonders sichtbar
Anschlagsorten transportieren. Diese sind in diesem Zusammenhang die
Informationen werden genutzt, um ei- Drohnenangriffe der amerikanischen
nen hohen Verfolgungsdruck aufzubau- Streitkräfte gegen hochrangige Mit-
en, der im besten Fall zu erfolgreichen glieder von Al-Qaida und verwandten
Verhaftungen, zur Aushebung von Waf- Terrororganisationen in Nordwestpaki-
fenlagern, zur Unterbrechung von Ver- stan, Jemen oder Somalia. Während
sorgungslinien oder zur nachhaltigen die Drohnenangriffe auf der einen Seite
Störung von Kommunikations- und Rei- die Handlungsfähigkeiten von Terroror-
sewegen führt. So hat die Bundesregie- ganisationen deutlich geschwächt ha-
rung nach den akuten Terrordrohungen ben und auch die Ausbildung von Terro-
im Herbst 2010 nachhaltig ihre Präsenz risten erheblich erschwerten (Cruicks-
in der Öffentlichkeit erhöht und gleich- hank 2011, S. 2; Steinberg 2010, S. 19),
zeitig durch verstärkte Razzien und in- bleiben sie ein moralisch wie politisch
tensivere Kontrollen von Geldtransfers äußerst fragwürdiges Instrument. Die
Druck auf die islamistische Szene aus- Zahl der zivilen Opfer ist hoch, die völ-
geübt. Nach Informationen der Frank- kerrechtliche Zulässigkeit extra-legaler
furter Sonntagszeitung (21.11.2010, Tötung auf dem Territorium von Dritt-
S. 3) sollte durch die verschärfte Verfol- staaten ist auch bei Kriegseinsätzen
gung von Verdächtigen auch die orga- sehr fraglich, und die Nachhaltigkeit
nisierte Kriminalität in Deutschland ver- der Drohnenangriffe bleibt strittig. Aber
unsichert werden, um mögliche Koope- nicht nur die militärische Bekämpfung
rationen zwischen Terroristen und Ver- von Terrorgruppen wird kritisch disku-
brechern im Keim zu ersticken. tiert. Auch ihre Verfolgung mit polizeili-
Ein zentraler Ansatzpunkt der „harten“ chen und geheimdienstlichen Mitteln
Terrorismusbekämpfung ist die Schnitt- fordert einen hohen Preis. Freiheitsrech-
stelle zwischen lokalen Zellen und te werden eingeschränkt und die Über-
transnationalen Organisationen. Nach wachung der Gesellschaft durch staat-
den Anschlägen von New York, Madrid liche Behörden nimmt dramatisch zu.
und London sind die westlichen Sicher- Nicht zu unrecht wird deshalb in
heitsbehörden deutlich aggressiver ge- Deutschland eine strenge und ständige

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Auf der anderen Seite soll aber auch ja Dalgaard-Nielsen (in diesem Heft) RELIGION UND RADIKALISIERUNG?
der Weg aus dem Terrorismus durch schließlich fest, dass die Stärkung von
Programme erleichtert werden, die nicht Kommunen bei der Identifikation und
nur die ideologische Grundlage terro- Unterbrechung gefährlicher Radikali-
ristischer Gruppen öffentlich und kom- sierungsprozesse von allen Beteiligten tik und einem gemeinsamen Vorgehen
petent in Frage stellen, sondern auch als Erfolg eingeschätzt wird. gegen Hassprediger führten.
gezielte Demotivations- und Resoziali- Wie Anthony Celso und Jean-Luc Mar- Umgekehrt wird die grundsätzliche
sierungsmaßnahmen für Mitglieder von ret (beide in diesem Heft) für Spanien Notwendigkeit und Effektivität polizeili-
Terrorgruppen anbieten. In diesem Sin- und Frankreich zeigen, wird die Not- cher und strafrechtlicher Terrorismusbe-
ne zielt beispielsweise das britische Pre- wendigkeit „weicher“ Terrorismusbe- kämpfung von den Vertretern „weicher“
vent-Programm auf die Stärkung musli- kämpfungsstrategien mittlerweile auch Ansätze kaum bestritten. „Harte“ Maß-
mischer Gemeinden, um ihre Wider- von Ländern anerkannt, die bislang fast nahmen müssen sich allerdings an Ge-
standfähigkeit gegenüber terroristi- ausschließlich auf die Verfolgung von setz und Verfassung orientieren und
scher Propaganda zu erhöhen (vgl. Tätern und die Zerschlagung von Grup- dürfen das Rechtsstaatsprinzip nicht
Hammonds in diesem Heft). Nach Ed- pen ausgerichtet waren. So meint Jean- verletzen – so wie es auch in der Euro-
win Bakker (in diesem Heft) hatte der Di- Luc Marret, dass das laizistische Frank- päischen Anti-Terrorstrategie 2005
alog der niederländischen Regierung reich beginne, sich intensiver über die festgeschrieben worden ist. Gleichzei-
mit muslimischen Gemeinden einen we- Resozialisierung inhaftierter islamisti- tig sei streng darauf zu achten, dass ein
sentlichen Anteil daran, dass die Ermor- scher Extremisten Gedanken zu ma- „hartes“ Vorgehen gegen Terrororgani-
dung von Theo van Gogh ein Einzelfall chen. Und für Spanien verweist Anthony sationen nicht die Effektivität „weicher“
geblieben ist. Außerdem könne auf die- Celso auf verschiedene Dialoginitiati- Ansätze untergrabe (Ranstorp 2010,
se Weise die zunehmende Feindselig- ven der Regierung, die zur Einrichtung S. 9). Deshalb müssen „harte“ Maßnah-
keit in der niederländischen Mehrheits- eines nationalen Islamrates zur besse- men stets gezielt und verhältnismäßig
gesellschaft gegenüber Muslimen ab- ren Koordination von Religion und Poli- sein. Sie dürften keinesfalls ganze ge-
gebaut werden. Für Dänemark stellt An- sellschaftliche Gruppen stigmatisieren

Weltweite Such-
anzeige des islamisti-
schen Terroristen Abu
Musab al-Zarqawi:
Nach den Anschlägen
von New York, Mad-
rid und London sind
die westlichen Staa-
ten forcierter gegen
islamistische Terror-
gruppen und deren
Mitglieder vorgegan-
gen.
picture alliance/dpa

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Andreas Hasenclever und Jan Sändig
oder durch ungerechtfertigte Verfol- direkten Zusammenhang zwischen in- sollte die partnerschaftliche Zusam-
gung die Wut und Verbitterung in ternationalen Konflikten und der Attrak- menarbeit mit muslimischen Gemeinden
muslimischen Gemeinden steigern. tivität terroristischer Netzwerke. Beson- in Europa und ihren Geistlichen gesucht
Das Gleiche gilt allerdings auch für ders nach dem Einmarsch der USA in werden, um die Ideologie von Al-Qaida
„weiche“ Formen der Terrorismusbe- den Irak sei die Zahl von Rekruten für und ihrer Ablegern als das zu entlarven,
kämpfung (Ranstorp 2010, S. 10). Wie Selbstmordattentate in Frankreich wie was sie ist, nämlich eine radikale Min-
nicht nur Anja Dalgaard-Nielsen in die- in ganz Europa deutlich angestiegen. derheitsposition, die für die meisten
sem Heft betont, sind präventive Ansät- Sie würden über klandestine Netzwer- Muslime nicht auf dem Boden der isla-
ze breit angelegt. Sie versuchen, die Ur- ke in den Irak geschleust, um sich dort mischen Überlieferungen steht. Und
sachen des „Homegrown“-Terrorismus an belebten Plätzen in die Luft zu spren- schließlich muss mehr als bisher für die
anzugehen, die viel mit der unzurei- gen. Integration von Jugendlichen mit Mig-
chenden Integration muslimischer Ju- Idealerweise sollten also „harte“ und rationshintergrund in die westeuropäi-
gendlicher in westlichen Mehrheitsge- „weiche“ Strategien so aufeinander ab- schen Gesellschaften getan werden.
sellschaften zu tun haben. Damit laufen gestimmt werden, dass westliche Ge- Denn Polizeiarbeit und geheimdienstli-
präventive Ansätze aber Gefahr, ganze sellschaften optimal gegen Anschläge che Aufklärung sind mit der nachhalti-
Bevölkerungsgruppen in der Öffentlich- geschützt werden und sie gleichzeitig gen Bekämpfung des „Homegrown“-
keit als potentielle Terroristen zu stig- so wenig Anlass wie möglich zur Bil- Terrorismus solange überfordert, wie
matisieren. In ähnlicher Weise meint dung terroristischer Vereinigungen ge- sie auf sich gestellt bleiben.
William Hammonds, dass das Antiter- ben. Vor dem Hintergrund der Versuche
rorprogramm Prevent in der britischen von Al-Qaida und verwandten Grup-
Mehrheitsgesellschaft den Eindruck er- pen, durch Hasspropaganda Muslime
LITERATUR
weckt habe, als seien muslimische Ge- im Westen zu „Homegrown“-Terroristen
meinden als solche unberechenbar und zu machen, muss es das Ziel der Terro- Abou-Taam, Marwan (2011): Folgen für die deut-
müssten deshalb unter Generalver- rismusbekämpfung sein, dass sich Mus- schen Sicherheitsgesetze. In: Aus Politik und Zeit-
geschichte, Jg. 61, 27/2011, S. 9–14.
dacht gestellt werden. Schließlich muss lime im Westen nicht diskriminiert füh- Asal, Victor/Rethemeyer, R. Karl/Anderson, Ian
darauf geachtet werden, dass „weiche“ len, sondern als legitimer Teil westlicher (2009): Big Allied and Dangerous (BAAD) Data-
und „harte“ Formen der Terrorismusbe- Gesellschaften begreifen. Wenn Letz- base 1 – Lethality Data, 1998–2005. University at
kämpfung institutionell streng getrennt teres erreicht werden kann, dann wür- Albany, State University of New York (Project on
werden. Wie William Hammonds in den die westlichen Gesellschaften ge- Violent Conflict).
Asal, Victor/Rethemeyer, R. Karl (2008): The Na-
diesem Heft zeigt, hat Prevent in dem schlossen gegen den transnationalen ture of the Beast: Organizational Structures and
Augenblick viel von seinem Rückhalt in Terrorismus vorgehen – und das heißt, the Lethality of Terrorist Attacks. In: Journal of
den muslimischen Gemeinden verloren, dass muslimische Bürgerinnen und Bür- Politics, Jg. 70, 2/2008, S. 437–449.
als es dem Innenministerium zugeord- ger sich nicht mehr und nicht weniger Crone, Manni/Harrow, Martin (2011): Home-
grown Terrorism in the West. In: Terrorism and
net wurde. Von muslimischer Seite wur- bei der Terrorismusbekämpfung enga- Political Violence, Jg. 23, 4/2011, S. 521–536.
de offenbar nicht ohne Grund befürch- gieren wie Bürger mit anderen Über- Cruickshank, Paul (2011): The Militant Pipeline.
tet, dass vertrauliche Informationen aus zeugungen auch. Between the Afghanistan-Pakistan Border Region
den Deradikalisierungs- und Resoziali- and the West. New American Foundation, Wa-
sierungsprogrammen von der Polizei zur shington D.C. (National Security Studies Program
Policy Paper).
Strafverfolgung genutzt wurden. In dem Schluss Daase, Christopher/Spencer, Alexander (2010):
aufgeheizten gesellschaftlichen Klima Terrorismus. In: Masala, Carlo/Sauer, Frank/ Wil-
wurden damit gerade moderate und Wie nicht zuletzt die Beiträge in diesem helm, Andreas (Hrsg.): Handbuch der Internatio-
kooperationsbereite Muslime in ihren Heft zeigen, steht die Forschung zur Ter- nalen Politik. Wiesbaden, S. 403–426.
Dalgaard-Nielsen, Anja (2010): Violent Radicali-
Gemeinden als Büttel der Obrigkeit und rorismusbekämpfung noch am Anfang. zation in Europe: What We Know and What We
Verräter stigmatisiert. Sicher ist allein, dass „weiche“ Ansätze Do Not Know. In: Studies in Conflict & Terrorism,
Der militärischen Bekämpfung transna- das „harte“ polizeiliche und strafrechtli- Jg. 33, 9/2010, S. 797–814.
tionaler Terrororganisationen stehen che Vorgehen ergänzen müssen, wenn Dawson, Lorne L. (2010): The Study of New Reli-
die Vertreter „weicher“ Ansätze eher nachhaltige Erfolge bei der Vermei- gious Movements and the Radicalization of
Home-Grown Terrorists: Opening a Dialogue. In:
skeptisch gegenüber. Das gilt vor allem dung von Anschlägen erzielt werden Terrorism and Political Violence, Jg. 22, 1/2010,
in Westeuropa. Hier werden nicht nur sollen. Es geht eben nicht nur um terro- S. 1–21 .
moralische Bedenken angemeldet. Viel- ristische Fähigkeiten, sondern auch um Global Terrorism Database (2011): http://www.
mehr wird auch befürchtet, dass mili- die Bereitschaft zum Terrorismus. Die start.umd.edu/gtd/.
Hoffman, Bruce (2006): Terrorismus – der uner-
tärische Einsätze und ihre tödlichen positiven Erfahrungen mit Deradikali- klärte Krieg: Neue Gefahren politischer Gewalt.
Folgen für die Zivilbevölkerung in der sierungsprogrammen für rechtsextre- Bonn.
muslimischen Welt vor allem Wut und mistische Kreise sprechen hier eine Hoffman, Bruce (2009): Assessing the State of Al
Empörung auslösen (Kruglanski/Fish- deutliche Sprache. So wird beispiels- Qaeda and Current and Future Terrorist Threats.
man 2009, S. 39; Sageman 2008c, weise dem deutschen Programm „Ver- In: Karawan, Ibrahim A./McCormack, Wayne/
Reynolds, Stephen E. (Hrsg.): Values and Vio-
S. 228). So haben die Auslandseinsätze antwortung übernehmen – Abschied lence. Intangible Aspects of Terrorism. Dordrecht,
der britischen Armee nach William von Hass und Gewalt“ in einer verglei- S. 99–115.
Hammonds (in diesem Heft) maßgeb- chenden Studie der dänischen Regie- Jenkins, Brian Michael (2009): Outside Expert’s
lich zur Radikalisierung muslimischer Ju- rung bescheinigt, dass die Rückfallquo- View. In: Gartenstein-Ross, Daveed/Grossmann,
Laura (Hrsg.): Homegrown Terrorists in the U.S.
gendlicher beigetragen. Edwin Bakker te der Absolventen bei unter fünf Pro- and U.K. An Empirical Examination of the Radica-
(in diesem Heft) beobachtet für die Nie- zent liegt (Ministry of Refugee, Immigra- lization Process. Washington D.C., S. 7–9.
derlande, dass die westliche Außenpo- tion and Integration Affairs 2010). Klar King, Michael/Taylor, Donald M. (2011): The Ra-
litik von vielen Muslimen als maßlos ein- ist außerdem, dass auch der islamisti- dicalization of Homegrown Jihadists: A Review of
geschätzt worden sei und dass diese sche Terrorismus zunächst ein „weltlich Theoretical Models and Social Psychological
Evidence. In: Terrorism and Political Violence, Jg.
Einschätzung für die Radikalisierung Ding“ ist. Allerdings müssen paradoxer- 23, 4/2011, S. 602–622.
von Jugendlichen mitverantwortlich ge- weise gerade deshalb seine religiösen Korteweg, Rem (2010): Background Contributing
wesen sei. Auch in Frankreich sieht Rechtfertigungsstrategien sehr ernst Factors to Terrorism: Radicalization and Recruit-
Jean-Luc Marret (in diesem Heft) einen genommen werden. Nicht von ungefähr ment. In: Ranstorp, Magnus (Hrsg.): Understan-

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ding Violent Radicalisation. Terrorist and Jihadist Nesser, Petter (2011): Ideologies of Jihad in Eu-
Movements in Europe. London/New York, S. 21– rope. In: Terrorism and Political Violence, Jg. 23, RELIGION UND RADIKALISIERUNG?
49. 2/2011, S. 173–200.
Kruglanski, Arie W. et al. (2009): Fully Committed: Pape, Robert A. (2003): The Strategic Logic of
Suicide Bombers‘ Motivation and the Quest for Suicide Terrorism. In: American Political Science Terrorism, Identity and Legitimacy: The Four
Personal Significance. In: Political Psychology, Jg. Review, Jg. 97, 3/2003, S. 343–361 . Waves Theory and Political Violence. London,
30, 3/2009, S. 331–357. Perlinger, Arie/Pedahzur, Ami/Kornguth, Steve S. 87–92.
Kruglanski, Arie W./Fishman, Shira (2009): Psy- (2010): Organizational and Ideological Dyna- Schneckener, Ulrich (2006): Transnationaler Ter-
chological Factors in Terrorism and Counterter- mics of Islamic Terrorist Groups in the Fourth rorismus: Charakter und Hintergründe des „neu-
rorism: Individual Group, and Organizational Wave of Terrorism. In: Fenstermacher, Laurie et al. en“ Terrorismus. Frankfurt am Main.
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46. D.C. (Multi-Disciplinary White Paper), S. 149–
LaFree, Gary/Ackerman, Gary (2009): The Em- 161 .
pirical Study of Terrorism: Social and Legal Re- Piazza, James A. (2009): Is Islamist Terrorism Mo-
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Lützinger, Saskia (2010): Die Sicht der Anderen. rism and Political Violence, Jg. 21, 1/2009, S. 62–
Eine qualitative Studie zu Biographien von Extre- 88.
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Masters, Daniel (2008): The Origin of Terrorist storp, Magnus (Hrsg.): Understanding Violent
Threats: Religious, Separatist, or Something Else? Radicalisation. Terrorist and Jihadist Movements
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cruitment and Radicalization. In: Ranstorp, Mag- the American Academy of Political and Social
nus (Hrsg.): Understanding Violent Radicalisa- Science, H. 618, S. 223–231 .
tion. Terrorist and Jihadist Movements in Europe. Sageman, Marc (2011): Ripples in the Waves: Fan-
London/New York, S. 87–114. tasies and Fashions. In: Rosenfeld, Jean E. (Hrsg.):
UNSER AUTOR

UNSER AUTOR

Dr. Andreas Hasenclever ist Professor Diplom-Politologe Jan Sändig ist Wis-
für Friedensforschung und Internationa- senschaftlicher Mitarbeiter am Sonder-
le Politik und Mitglied des Sonderfor- forschungsbereich „Bedrohte Ordnun-
schungsbereichs „Bedrohte Ordnun- gen“ (SFB 923) an der Universität Tü-
gen“ (SFB 923) an der Universität Tü- bingen. Im Forschungsprojekt „Die Be-
bingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind drohung politischer Ordnungen in afri-
die Analyse internationaler Institutio- kanischen Entwicklungsländern“ be-
nen, das Phänomen des demokrati- schäftigt er sich mit der Mobilisierung
schen Friedens und die Rolle von Religi- von Menschen für friedliche und gewalt-
onen in bewaffneten Konflikten. Zu die- same Protestbewegungen. Seine For-
sen Themen hat er umfangreich und schungsinteressen sind ethnische und
sichtbar publiziert. Andreas Hasencle- religiöse Konflikte, Bürgerkriege, Terro-
ver hat in Tübingen, München und Paris rismus, Peace-Building und Entwick-
katholische Theologie und Politikwis- lungszusammenarbeit. Dabei liegt sein
senschaften studiert. Seine Dissertation regionaler Fokus auf West-, Zentral- und
zu militärischen Interventionen westli- Ostafrika. Jan Sändig studierte von
cher Staaten in Somalia, Ruanda und 2004–2009 Politikwissenschaft in Pots-
Bosnien-Herzegowina wurde 2003 mit dam und Paris.
dem Helmuth-James-von-Moltke-Preis
der Deutschen Gesellschaft für Wehr-
recht und Humanitäres Völkerrecht aus-
gezeichnet.

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EINE DIFFERENZIERTE TERRORISMUSTYPOLOGIE

„Homegrown Terrorismus“ oder transnationaler
Terrorismus? Ein Beitrag zur Debatte
Karl Cordell

dest aufgewachsen sind. Darüber hin- gen, dass in einem gewissen Sinne alle
Als Alternative zum unpräzisen Terminus aus wird der Begriff meist für Muslime Terroristen „homegrown“ sind, unab-
„Homegrown Terrorismus” entwickelt verwendet, die im Namen von Organi- hängig davon, welche Ziele sie verfol-
Karl Cordell eine differenzierte Typolo- sationen mit einer transnationalen gen oder welche Mittel sie einsetzen.
gie, die bei der Unterscheidung zwischen Agenda Anschläge in ihrem Geburts- Bekanntlich wird Gewalt immer wieder
„transnationalem” und „nationalem” Ter- land verüben. In meinem Beitrag möch- zur Erreichung politischer Ziele einge-
rorismus ansetzt. Transnationale Terror- te ich ein Argument entwickeln, das die setzt (vgl. Gurr 1970). Entsprechend
gruppen verfolgen eine international Angemessenheit dieser Begrifflichkeit emotional aufgeladen ist auch der Be-
ausgerichtete Zielsetzung und wollen die in Frage stellt. Hierzu werde ich zum ei- griff Terrorismus, und manche halten ihn
globale Ordnung radikal verändern. nen auf die Ziele so genannter „home- sogar für eine rein subjektive Kategorie.
Nationaler Terrorismus richtet sich gegen grown terrorists“ eingehen. Zum ande- Deshalb mag das Klischee, dass „des
ein konkretes politisches Regime, stellt
ren möchte ich mir die Gruppen näher einen Terroristen des anderen Freiheits-
dessen Legitimität in Frage und zielt auf
ansehen, die typischerweise als „home- kämpfer sei“, tatsächlich nur ein Kli-
seinen Sturz bzw. Wandel ab. Die bei-
den grundlegenden Kategorien wie-
grown“ bezeichnet werden. Um der be- schee sein. Es transportiert aber die
derum können in Subkategorien unter- grifflichen Klarheit willen, werde ich ei- wichtige Einsicht, dass Terroristen nur
teilt werden: Transnationaler Terro ris- ne Typologie entwickeln, die ohne den selten in einem sozialen Vakuum außer-
mus kann eine transnational-revolutionä- Begriff „homegrown“ auskommt und bei halb der Gesellschaft operieren, die sie
re oder transnational-dschihadistische der grundlegenden Unterscheidung befreien wollen. Oder um es anders zu
Stoßrichtung haben. Der nationale zwischen „transnationalem“ und „natio- sagen: Aus Sicht ihrer Unterstützer
Terrorismus wiederum hat vier Unterkate- nalem“ Terrorismus ansetzt. Transnatio- kämpfen Terroristen für eine bessere
gorien: Den revolutionären, den konter- nale Terrorgruppen sind daran erkenn- Gesellschaft, und dieser Kampf ist auch
revolutionären, den substaatlich-natio- bar, dass sie die globale Ordnung radi- dann legitim, wenn er die Normen und
nalistischen und den lokal-dschihadisti- kal verändern wollen. Nationale Terror- Regeln der alten Gesellschaft verletzt.
schen Terrorismus. Diese Subkategorien gruppen verfolgen demgegenüber eine Denn für Terroristen und ihre Unterstüt-
werden entlang historischer und aktuel- politische Agenda, die sich gegen ei- zer sind immer die Herrschenden für die
ler Spielarten des Terrorismus erläutert. nen bestimmten Staat richtet, ungeach- Gewalt verantwortlich, weil sie ihre
Die ausführliche Analyse des Tschet- tet davon, ob sie sich nun einer Rhetorik Macht in illegitimer Weise nutzen, um
schenienkonflikts zeigt den Wandel vom des globalen Wandels bedienen oder Unrechtverhältnisse zu stabilisieren.
nationalen Befreiungskampf hin zum nicht. Diese beiden Kategorien können (vgl. Crenshaw 1995; Post 2006).
transnationalen kriegerischen Dschiha- wiederum in Unterkategorien unterteilt
dismus. I werden: Transnationaler Terrorismus
kann transnational-revolutionär oder Der historische Kontext
(Die Übersetzung besorgte Max Döring,
transnational-dschihadistisch sein. 2
Universität Tübingen.)
Der nationale Terrorismus wiederum hat Es gibt zahlreiche Definitionen von Ter-
vier Unterkategorien: Den revolutionä- rorismus, der als globales und nicht aus-
ren, den konterrevolutionären, den sub- schließlich modernes Phänomen zu ver-
Einleitung staatlich-nationalistischen und den lo- stehen ist. Für unsere Zwecke reicht es,
kal-dschihadistischen Terrorismus. Terrorismus als eine Strategie bewaff-
Seit den späten 1990er Jahren gab es Mit Hilfe dieser Typologie lässt sich ei- neter Gruppen zu begreifen, die die Le-
einen starken Anstieg jener Form des ne wesentlich exaktere Definition der gitimität von Regierungen in Frage stel-
Terrorismus, der von vielen Beobach- aktuellen Formen von Terrorismus ent- len und gewaltsam für einen politischen
tern als „homegrown terrorism” be- wickeln. Außerdem liefert sie uns ein Wandel eintreten. Die Rede ist also von
zeichnet wird.1 Der Begriff bezieht sich besseres Verständnis der konstitutiven Gruppen, die sich bewusst entschieden
auf Terroristen, die sich für eine Sache Merkmale des dschihadistischen Terro- haben, Gewalt anzuwenden und ge-
einsetzen, die wenig mit dem Land zu rismus, als es der Begriff „Homegrown“ gen das Gesetz zu verstoßen.
tun hat, in dem sie geboren oder zumin- vermag. Im Übrigen werde ich noch zei-
Revolutionärer Terrorismus

Tabelle 1: Vorschlag einer Terrorismus-Typologie In der europäischen Geschichte – aber
nicht nur dort – lassen sich innerhalb
des Terrorismus drei große Strömungen
Nationaler Terrorismus Transnationaler Terrorismus unterscheiden. Zunächst gibt es jene re-
volutionären Terroristen, die entweder
revolutionäre transnational-revolutionär die aktuellen staatlichen Strukturen
konterrevolutionär transnational-dschihadistisch durch radikal andere ersetzen oder den
substaatlich-nationalistisch Staat als Ganzes abschaffen wollen.
lokal-dschihadistisch Diese Form des Terrorismus lässt sich bis
zu den Anarchisten im 19. Jahrhundert
Quelle: Eigene Darstellung zurückverfolgen, die versuchten, ihre

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Gesellschaften durch die „Propaganda Mittel zurückgegriffen. Das wahr- „HOMEGROWN TERRORISMUS“ ODER
der Tat“ zu revolutionieren (siehe z. B. scheinlich beste Beispiel für einen er- TRANSNATIONALER TERRORISMUS? EIN
Geifman 1993). Sie verübten in vielen schreckend „begabten“ Terroristen war BEITRAG ZUR DEBATTE
Ländern Bombenanschläge, politische der junge Josef W. Stalin. Bevor er in
Morde und Raubüberfälle, um die be- der Sowjetunion sein Schreckensre-
stehende Ordnung zu stürzen und an gime errichtete, agierte er bereits im kämpfen für den Erhalt oder die Wie-
ihre Stelle eine Gesellschaft zu setzen, Untergrund mit solcher Rücksichtslosig- derherstellung einer alten Ordnung,
in der sich die Massen selbst regieren. keit, dass einige seiner Gefolgsleute und sie begreifen sozialistische Grup-
Auch wenn der Anarchismus heute als von ihm abrückten. Sie schwangen lie- pen oder Befreiungsbewegungen als
Ideologie kaum noch relevant ist, darf ber große Reden, als aktiv am blutigen Bedrohung von Staat und Nation. Ge-
nicht vergessen werden, dass er in eini- Kampf teilzunehmen (s. Sebag Montefi- nauso wie es Terroristen im extrem lin-
gen Ländern – und hier vor allem in Spa- ore 2008; Conquest 1968). In der zwei- ken politischen Spektrum gibt, so gibt es
nien, Russland und der Ukraine –einmal ten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es sie bei den extrem Rechten. In Europa ist
eine starke politische Kraft war und wei- in Europa vor allem in Italien und in der es solchen Gruppen aber bislang kaum
te Unterstützung in der Bevölkerung alten Bundesrepublik unzufriedene und gelungen, über Gewalttaten auf ver-
fand. Außerdem ist nicht zu übersehen, gewaltbereite Marxisten. Von den spä- gleichsweise niedrigem Niveau wie
dass anarchistische Ideen bis heute bei ten 1960er Jahren bis Mitte der 1980er Brandanschlägen, Einschüchterungsak-
Teilen der grünen Bewegungen ein po- Jahre erschütterten eine Reihe links- tionen und vereinzelten Angriffen auf
sitives Echo finden. extremistischer Gruppen Italien. Die Personen hinauszukommen. Demge-
Auch marxistische Gruppen haben in bekannteste unter ihnen waren die Ro- genüber wurden viele zentral- und süd-
ihrem revolutionären Kampf gegen die ten Brigaden. Ähnlich erging es West- amerikanische Länder ab den 1970er
bestehende Ordnung auf terroristische deutschland. Hier erlangte vor allem Jahren bis in die frühen 1990er Jahre
die Rote Armee Fraktion (RAF) traurige von paramilitärischen Todesschwadro-
Berühmtheit. Sie stellte ihren Kampf nen wie der Antikommunistischen Alli-
1996 ein und löste sich auf (vgl. Aust anz Argentiniens oder den „Weißen
Graffiti in der Falls Road, der Hauptstraße 2008). Händen“ in Guatemala heimgesucht.
eines vorwiegend katholischen Wohnvier- Diese Todesschwadronen versuchten,
tels in Belfast. Die IRA ist ein Beispiel für Konterrevolutionärer Terrorismus ihre wahren, vermeintlichen oder poten-
eine Terrororganisation, die im Namen tiellen politischen Gegner systematisch
der „nationalen Befreiung“ gegen reale Neben den revolutionären gibt es die durch gezielte Attentate und wahllose
oder vermeintliche Unterdrückung kämpft. konterrevolutionären Terroristen. Diese Morde einzuschüchtern (vgl. REHMI
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1999). Obwohl viele dieser Gruppen greifenden islamischen Gemeinschaft den im späten 18. Jahrhundert ins russi-
nicht in kleinen Zellen organisiert wa- (Umma) anstreben (vgl. Alagha 2006; sche Reich gezwungen und blutig
ren, sondern paramilitärische Züge hat- Nizar Hamzeh 2004). Vielmehr kämp- unterdrückt. Wiederholt hatten sie sich
ten, können sie aufgrund ihrer Absicht, fen sie als Fundamentalisten für einen vergeblich gegen die Fremdherrschaft
Menschen durch mehr oder weniger islamischen Staat – sei es im Sinne einer erhoben, und in den frühen 1990er Jah-
wahllose Morde in Angst und Schre- Neugründung wie im Falle Palästinas re kehrte die Gewalt in die Region zu-
cken zu versetzen, als terroristisch ein- oder im Sinne der Wiederherstellung rück (vgl. Sakwa 2010). Zunächst wurde
gestuft werden. 3 wie im Falle Algeriens. Auch wenn sol- die Befreiungsbewegung von ehemali-
che Gruppen gelegentlich mit transna- gen kommunistischen Funktionären ge-
Terrorismus im Namen „nationaler tionalen Dschihadisten kooperieren, führt, die bis dahin keine Anzeichen na-
Befreiung“ verfolgen sie doch andere Ziele. Hamas tionaler Begeisterung hatten erkennen
und Hisbollah haben sich zuweilen so- lassen. Was uns hier allerdings interes-
Bislang haben wir uns mit linken oder gar an der Bekämpfung transnationaler siert, sind weder der weitere Verlauf des
rechten Terroristen beschäftigt. Ihre Be- dschihadistischer Gruppen beteiligt. Konflikts noch der offenkundige Oppor-
zugsgröße ist die Gesamtgesellschaft, Dabei sind ihre militärischen Aktivitäten tunismus einiger seiner Protagonisten,
deren politische Ordnung sie verän- nur Teil einer breiteren politischen Stra- sondern die Transformation einer natio-
dern oder erhalten wollen. Hiervon sind tegie, die auch die Beteiligung am regu- nalen Befreiungsbewegung in eine
Terroristen zu unterscheiden, die im Na- lären politischen Prozess in ihren Län- neue Form des Terrorismus, die viele als
men ethnischer oder nationaler Grup- dern einschließt, wobei sich lokale „Homegrown“ bezeichnen.
pen gegen reale oder vermeintliche Un- Dschihadisten aber immer das Recht Während der tschetschenische Wider-
terdrückung kämpfen. Zu denken ist bei- vorbehalten, bei der Verfolgung ihrer stand ursprünglich für einen eigenen
spielsweise an die baskische ETA (Eus- Ziele notfalls auch gewaltsam vorzuge- Nationalstaat kämpfte, spielt dieses
kadi Ta Askatasuna) oder die IRA (Irish hen. Ihre Einstellung zum normalen poli- Ziel gegenwärtig nur noch eine unter-
Republican Army). Auch wenn diese Or- tischen Prozess entspricht damit der Ein- geordnete Rolle. Vielmehr geht es heute
ganisationen manchmal Anschläge im stellung vieler nicht-dschihadistischer um die Schaffung eines islamischen
Ausland verüben und oftmals externe Terrorgruppen mit nationaler Program- Großreiches für den gesamten Nord-
Unterstützung erhalten – so hatte die matik wie beispielsweise der von (Provi- kaukasus. Die Rebellen wollen alle Ge-
(Provisional) IRA ein breites Sympathi- sional) IRA und Sinn Féin. biete zurückerobern, die in ihrer Ge-
santennetzwerk in den USA –, handelt schichte einmal von Muslimen regiert
es sich doch nicht um transnationalen worden waren, und begreifen sich da-
Terrorismus im strengen Sinne. Denn Moderner transnationaler Terrorismus bei als Teil einer größeren dschihadisti-
das Ziel dieser Organisationen ist die schen Bewegung mit transnationaler
nationale Befreiung ihrer jeweiligen In den frühen 1990er Jahren tauchten Agenda. Sie agieren als länderüber-
Ethnien. Den bewaffneten Kampf be- im Nordkaukasus Befreiungsbewegun- greifende und gewalttätige soziale Be-
gründen sie damit, dass sie unter Fremd- gen und Terrororganisationen auf, de- wegung, die die politischen Verhältnis-
herrschaft leben. Solange diese Fremd- ren Metamorphosen uns darüber Auf- se in allen Ländern, in denen Muslime in
herrschaft existiert, sind sie auch nicht schluss geben können, wie sich der tra- nennenswerter Zahl leben, mit Hilfe die-
bereit, sich vollständig auf demokrati- ditionelle nationale Terrorismus in et- ser Muslime radikal verändern wollen.
sche Prozesse einzulassen, da sie mit was vollkommen Neues transformierte. Dabei streben sie nicht eine Neuord-
ihrer politischen Teilhabe nur das beste- Als sich die Sowjetunion in den späten nung von Nationalstaaten an, sondern
hende Unrechtssystem legitimieren 1980er Jahren ihrem Zerfall näherte, die Überwindung des internationalen
würden. 4 Deshalb führte die Auflösung nahmen Nationalismus und Separatis- Staatensystems durch ein Kalifat. Vor
der (Provisional) IRA und ihre Umwand- mus auf der substaatlichen Ebene dra- dieser transnationalen Agenda treten
lung in eine politische Partei rasch zur matisch zu. Tatsächlich wurden Natio- die traditionellen Motive moderner Wi-
Bildung neuer terroristischer Gruppen nalismus und Separatismus zu den trei- derstandsbewegungen wie die Umver-
wie der Continuity IRA, die den Kampf benden Kräften im Auflösungsprozess. teilung von Reichtum, die Abschaffung
solange fortsetzen wollen, bis sich Während dabei in manchen Sowjetre- des Kapitalismus oder eben die natio-
die Briten vollständig aus Nordirland publiken die Forderungen nach natio- nale Befreiung zurück. Sichtbar wird die
zurückgezogen haben (vgl. Coogan naler Unabhängigkeit authentisch wa- neue transnationale Agenda des glo-
2002). In ähnlicher Weise hat die ETA ren – dies galt beispielsweise für Litau- balen und gewalttätigen Dschihad
vor ihrem einseitigen Waffenstillstand en, Lettland und Estland –, wurden sie in nicht zuletzt daran, dass für die Kämp-
2010 immer wieder erklärt, dass die Prä- anderen Republiken von ehemaligen fer ein unmittelbarer Zusammenhang
senz des spanischen Staates im Basken- kommunistischen Eliten getragen, die zwischen den Schlachtfeldern in Bosni-
land das Selbstbestimmungsrecht der über Nacht zu glühenden Nationalisten en, in Afghanistan und in Tschetscheni-
Basken verletzen würde. mutierten, um ihre Machtpositionen und en besteht.
Pfründen zu verteidigen. Zu denken wä- Wie lässt sich diese neuartige Bewe-
Lokal-dschihadistischer Terrorismus re hier an Weißrussland, Kasachstan gung, die auch sogenannte „Home-
und Usbekistan. grown Terroristen“ umfasst, am besten
Schließlich gibt es noch lokal-dschiha- charakterisieren? Zunächst sprechen
distische Terroristen, wie z. B. die Islami- Tschetschenien – vom Befreiungskampf wir natürlich von gewaltbereiten Indivi-
sche Heilspartei (FIS/Front Islamique du zum transnationalen Terrorismus duen und Gruppen, die den Koran und
Salut) in Algerien, die Hisbollah (Partei die Hadithe 6 so auslegen, dass es kei-
Gottes) im Libanon oder die Hamas (Be- Im Nordkaukasus fand die Forderung nen Ausgleich zwischen dem Islam und
wegung des Islamischen Widerstands) nach nationaler Befreiung auch bei vie- irgendwelchen anderen Glaubens-
in Palästina. 5 Diese Terrorgruppen un- len muslimischen Gruppen ein positives überzeugungen geben kann. Die Zahl
terscheiden sich von transnationalen Echo – und hier vor allem bei den Tschet- der Gruppen und Individuen mit solch
dschihadistischen Organisationen vor schenen in der Autonomen Sozialisti- einem Verständnis hat in den 1980er
allem dadurch, dass sie nicht unmittel- schen Sowjetrepublik Tschetschenien- Jahren stark zugenommen. Zu denken
bar die Erschaffung einer staatenüber- Inguschetien. Die Tschetschenen wur- wäre beispielsweise an die GIA (Grou-

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pe Islamique Armé) in Algerien, an Abu walt soweit wie möglich ausdehnen. In „HOMEGROWN TERRORISMUS“ ODER
Sayyaf bzw. Al-Harakat Al-Islamiyya diesem Kampf sind alle Mittel recht, die TRANSNATIONALER TERRORISMUS? EIN
auf den Philippinen, an Ansar al-Islam geeignet sind, Ungläubige und Abge- BEITRAG ZUR DEBATTE
im Irak, an Lashkar-e-Toiba in Pakistan fallene zu schlagen und zurückzudrän-
und nicht zuletzt an Al-Qaida, die so- gen.
wohl eine eigenständige Organisation Um zum Beispiel Tschetschenien zurück- des transnationalen Dschihadismus ist,
als auch ein Rollenmodell und ein Ide- zukehren: Hier weist die Bezeichnung dass sich Sean MacStiofain für die Be-
engeber – eine ideologische Leitstelle „transnationale Dschihadisten“ unmiss- freiung Nordirlands von der britischen
– für andere gewaltbereite Islamisten verständlich darauf hin, dass es eine Herrschaft einsetze. Dabei blieb er der
ist (vgl. u. a. Burke 2010; Esposito 2002; Verbindung zwischen der Gewalt in Nationalstaatsidee genauso verhaftet
Peters 1996). Tschetschenien mit weiteren Auseinan- wie die Linksterroristen des 20. Jahr-
dersetzungen im Nordkaukasus, aber hunderts. Sie hatten zwar alle durchaus
Transnationaler kriegerischer auch mit Kämpfen in Palästina, im Ma- transnationale Kontakte, und sie propa-
Dschihadismus ghreb, im Irak, in Afghanistan, auf den gierten auf rhetorischer Ebene auch die
Philippinen und an vielen anderen Or- Weltrevolution, aber im Letzten ging es
Unter welchen Oberbegriff all diese ten der Welt gibt. Es handelt sich um ei- ihnen um die Überwindung des Kapita-
Gruppen, Individuen und Strömungen nen globalen Konflikt – möglicherweise lismus in ihren jeweiligen Heimatlän-
am sinnvollsten zu fassen sind, hat Öf- sogar um einen Zusammenstoß der Kul- dern. Im Gegensatz zum dschihadisti-
fentlichkeit und Fachwelt seit Jahren um- turen. Eine weitere Gemeinsamkeit zwi- schen Terrorismus hatten sie keine echte
getrieben. Dabei nähert sich die Zahl schen den transnationalen Dschihadis- transnationale Agenda. Vielmehr blie-
der verwendeten Begriffe mittlerweile ten ist der Wille, die Kampfzonen immer ben sie dem Ziel der nationalen Befrei-
der Zahl der aktiven Gruppen. So spre- weiter auszudehnen. Hierzu versuchen ung verhaftet. Um mehr Gerechtigkeit
chen manche von „Salafisten“ und mei- sie, in den potentiellen Zielgebieten herzustellen, wollten sie den Staat neu
nen damit die Anhänger eines reinen neue Rekruten zu gewinnen, die bereit organisieren, aber sie wollten ihn nicht
und frühzeitlichen Islams, wie er vom sind, den Konflikt in ihre Heimatländer überwinden oder in einer größeren po-
Pr opheten und seinen unmittelbaren zu tragen und dort im Namen der trans- litischen Ordnung aufheben.
Gefolgsleuten praktiziert wurde. Ande- nationalen Sache Anschläge zu ver- Nicht zuletzt in Tschetschenien können
re benutzen den Begriff „Dschihadis- üben – das wären dann die sogenann- wir sehen, dass dies bei den transnatio-
ten“ – im Sinne von gewalttätigen ten „Homegrown Terrorists“. nalen Dschihadisten vollkommen an-
Kämpfern – oder „Islamisten“ oder Allerdings bleibt der Begriff „Home- ders ist. Während ihre Vorgänger einen
„Wahhabisten“, womit Muslime be- grown Terrorist“ ohne Bezug zu seiner typischen Befreiungskampf starteten,
zeichnet werden, die der strengen Lehre transnationalen Dimension nur vage wollen die transnationalen Dschihadis-
von Abd-al-Wahhab folgen (vgl. Wik- bestimmt. Auch das zeigt das Beispiel ten den Nationalstaat zerstören und an
torowicz 2005). 7 All diese Begriffe ha- Tschetschenien. Denn die frühen Terro- seine Stelle ein islamistisches Kalifat
ben ihre Stärken und Schwächen, und risten der nationalen Befreiungsbewe- setzen, in dem die Politik dem Koran und
keiner konnte sich bislang durchsetzen. gung waren genauso „homegrown“ wie den Hadithe folgt. Es geht um eine
Gleichwohl brauchen wir eine gemein- die späteren Kämpfer des transnationa- Theokratie, und diese Theokratie folgt
same Sprachregelung. Deshalb habe len Dschihad. Nicht selten handelte es einem bestimmten Islamverständnis und
ich mich für die Bezeichnung „transnati- sich sogar um die gleichen Personen. duldet keine religiöse Vielfalt. Alle Ter-
onale und kriegerischer Dschihadisten“ Sie griffen zunächst zu den Waffen, um roristen sind also „homegrown“, ganz
oder kurz „transnationale Dschihadis- russische Imperialisten zu bekämpfen, egal ob sie in Belfast, Beirut, San Sebas-
ten“ entschieden. 8 die versuchten, den Nordkaukasus tian oder Stuttgart geboren sind. Was
Für diese Entscheidung sprechen meh- möglichst fest in den eigenen Herr- aber konventionelle „homegrown terro-
rere Gründe: Erstens, alle genannten schaftsbereich zu integrieren und seine rists“ von unkonventionellen „Home-
Gruppen befinden sich nach ihrem Bevölkerung zu assimilieren. Über die grown Terrorists“ unterscheidet, ist der
Selbstverständnis im Jihad bil Saif – im Zeit entwickelte sich der nationale Be- Umstand, dass letztere dschihadisti-
„Dschihad des Schwertes“. Zweitens, freiungskampf aber in etwas vollkom- schen Gruppen mit einer klaren trans-
unter ihnen sind auch schiitische Grup- men Neues, und genau deshalb brau- nationalen Agenda angehören, die da-
pen. Schiiten können aber keine Sala- chen wir präzisere Typologien, die er- nach streben, das moderne Staatensys-
fisten sein. Drittens, nicht alle Salafisten fassen können, warum „homegrown ter- tem zu zerstören, um an seine Stelle eine
– einschließlich der Gefolgsleute von rorism“ nicht gleich „Homegrown (weltweite) Theokratie zu setzen (vgl.
Abd-al-Wahhab – befinden sich im Ji- Terrorism“ ist. Denn wie schon gesagt: Wiktorowicz 2005).
had bil Saif. Viertens, auch wenn alle, alle Terroristen haben ein Zuhause. Und
die den „Dschihad des Schwertes“ manche wachsen sogar im Ausland auf
praktizieren, als Islamisten bezeichnet und kämpfen dort mit terroristischer Ge- Schlussfolgerung
werden können, unterstützt bei weitem walt für die Befreiung ihrer fernen Hei-
nicht jeder Muslim ihren Kampf. Fünf- mat. So kennt die IRA viele Männer und Wenn sich der Begriff „Homegrown” für
tens und letztens, islamisch und islamis- Frauen, die wir heute als „Homegrown die Qualifizierung neuerer Entwicklun-
tisch sind viel zu ungenaue Kategorien, Terrorists“ bezeichnen würden. Denken gen in der Terrorlandschaft wenig eig-
um eine bestimmte Form des Terrorismus wir nur an den ehemaligen General- net, dann stellt sich die Frage nach einer
zu definieren. Aufgrund all dieser Erwä- stabschef der Provosional IRA, Sean alternativen Typologie. In der Einlei-
gungen bevorzuge ich den Begriff MacStiofain, der in London als Sohn ei- tung habe ich bereits die Unterschei-
„transnationale kriegerische Dschiha- nes Engländers und einer Nordirin zur dung von nationalen und transnationa-
disten“. Denn alle Gruppen, die gegen- Welt gekommen ist und in der britischen len Terroristen vorgeschlagen. Ich hof-
wärtig den Jihad bil Saif mit einem Luftwaffe gedient hatte, bevor er sich fe, dass meine Gründe für diese Ent-
transnationalen Anspruch praktizieren, der IRA anschloss, um Anschläge auch scheidung jetzt klarer geworden sind.
wollen die Umma – also die staaten- in Großbritannien zu planen und durch- So habe ich zunächst argumentiert,
übergreifende politische Gemeinschaft zuführen. Der entscheidende Unter- dass streng genommen alle Terroristen
der rechtgläubigen Muslime – mit Ge- schied zu den „Homegrown Terrorists“ in der einen oder anderen Weise „ho-

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megrown terrorists“ sind. In der aktuel- LITERATUR ANMERKUNGEN
len Debatte wird der Begriff „Home- Alagha, Joseph Elie (2006): The Shifts in 1 Im Folgenden unterscheide ich zwischen „Ho-
grown“ aber meist spezifischer ge- Hizbullah’s Ideology: Religious Ideology, Political megrown“ und „homegrown“. Ich benutze den
braucht, um Männer und Frauen zu Ideology. Amsterdam. großgeschriebenen Begriff, um eine bestimmt Art
beschreiben, die ultra-radikalen Inter- Aust, Stefan (2008): The Baader-Meinhof Com- von Terroristen zu bezeichnen. Demgegenüber
plex. London. verwende ich den kleingeschriebenen Begriff, um
pretationen des Korans folgen. Was al- Burke, Jason (2004): Al-Qaeda: The True Story of auszudrücken, dass jeder Terrorist trivialer Weise
lerdings diese Männer und Frauen in Radical Islam. London. ein Zuhause hat.
meinem Verständnis tatsächlich von an- Conquest, Robert (1968): The Great Terror: 2 In der Literatur werden vier Formen des Dschi-
deren Terroristen – wie denen der IRA Stalin’s Purge of the Thirties. London. had unterschieden: Der „Dschihad des Herzens“,
Coogan, Tim Pat (2002): The IRA. New York. der „Dschihad der Zunge“, der „Dschihad der
– unterscheidet, ist ihre transnationale Crenshaw, Martha (ed.) (1995): Terrorism in Con- Hand“ und der „Dschihad des Schwertes“. Letzte-
Agenda. Sie bekämpfen nicht einen be- text. University Park, PA. rer ist der gewaltsame Dschihad – also der Krieg
stimmten Staat, sondern sie wollen den DeLong-Bas, Natana J. (2004): Wahhabi Islam: –, auf den ich mich im Weiteren beziehen werde,
Staat als solchen abschaffen. Es kommt From Revival and Reform to Global Jihad. Ox- und den ich einfach als „Dschihad“ bezeichne.
also nicht primär auf ihre islamistische ford. 3 Eine weitere Differenzierung könnte vorge-
Esposito, John L. (2002): Unholy War: Terror in the nommen werden zwischen solchen „Todesschwa-
Ideologie an, sondern auf ihre Zielset- Name of Islam. New York, Oxford. dronen“, deren bewaffneter Kampf (wenigstens
zung. Deshalb kann es neben transnati- Geifman, Anna (1993): Thou Shalt Kill: Revolutio- teilweise) durch Staaten gefördert wurde und
onalen Dschihadisten auch noch ande- nary Terrorism in Russia, 1894–1917. Princeton, NJ. solchen, die unabhängig agierten.
re transnationale Terroristen geben, für Gurr, Ted Robert (1970): Why Men Rebel. Prince- 4 Das Beispiel der irisch-republikanischen Par-
ton, NJ. tei „Sinn Féin“ („Wir selbst“) ist in diesem Zusam-
die Religion überhaupt keine Rolle Hero, Dilip (2002): War Without End: the Rise of menhang besonders illustrativ. Als politischer Arm
spielt. Gemeinsam muss ihnen aller- Islamist Terrorism and the Global Response. Lon- der IRA setzte Sinn Féin zur Durchsetzung ihrer
dings die Überzeugung sein, dass das don. Ziele lange Zeit sowohl auf Wahlen als auch auf
moderne Staatensystem nichts taugt Kruglanski, Arie W. et al. (2009): Fully Committed: Waffen – „bullet and ballot“. Auf diesem Weg
und durch eine komplett andere trans- Suicide Bombers’ Motivation and the Quest for wurde sie zu einer politischen Kraft, die niemand
Personal Significance. In: Political Psychology, in Nordirland ignorieren konnte. Aber erst mit der
nationale Ordnung ersetzt werden Vol. 30, 3, S. 331–357. Auflösung der (Provisional) IRA entwickelte sich
muss. In diesem Sinne kann sich der Be- Nizar Hamzeh, Ahmad (2004): In the Path of Hiz- Sinn Féin zu einer normalen politischen Partei, die
griff transnationaler Terrorismus sowohl bullah. Syracruse, NY. sich vollständig in das demokratische System in-
auf Islamisten und Anarchisten als auch Peters, Rudolph (1996): Jihad in Classical and tegrierte.
Modern Islam. Princeton, NJ. 5 Hamas ist eigentlich ein Akronym des arabi-
auf Marxisten beziehen, solange sie nur Post, Jerry (2006): The Mind of the Terrorist, the schen Namens Harakat al-Muqa– wamat al-Isla– -
für eine kommunistische Weltgesell- Psychology of Terrorism from the IRA to Al Qae- miyyah (Bewegung des Islamischen Wider-
schaft kämpfen, in welcher der Staat da. New York. stands).
verkümmern wird. Deshalb ist es auch REHMI (1999): Guatemala: Never Again! The Of- 6 Hadithe überliefern Handlungen, Aussprü-
durchaus vorstellbar, dass mit dem Auf- ficial Report of the Human Rights Office. (Arch- che oder Lehren des Propheten außerhalb des
diocese of Guatemala.) Maryknoll, NY. Korans. Wenn Hadithe als solche anerkannt sind,
treten neuer Formen des transnationa- Sakwa, Richard (2010): The Revenge of the Cau- haben sie kanonischen Status und stehen mit dem
len Terrorismus neue Subtypen definiert casus: Chechenization and the Dual State in Rus- Koran auf einer Stufe.
werden müssen und können. Nicht zu- sia. In: Nationalities Papers, Vol. 38, 5, S. 601– 7 Die Anhänger von Ibn Abd-al-Wahhab be-
letzt deshalb glaube ich, dass meine 622. zeichnen sich selbst nicht als Wahhabisten, da
Sebag Montefiore, Simon (2008): Young Stalin. sie in ihrem Verständnis dem Wort Gottes folgen
Unterscheidung zwischen transnatio- London. und nicht dem Wort eines Menschen.
nalen und nationalen Terroristen und Wiktorowicz, Quintan (2005): A Genealogy of 8 Wie in Fußnote 1 bereits angemerkt, lassen
die damit verbundene Möglichkeit ei- Radical Islam. In: Studies in Conflict and Terro- sich in der Literatur vier Formen des Dschihad un-
ner weiteren Ausdifferenzierung für rism, Vol. 28, 2, S. 75–97. terscheiden: Der „Dschihad des Herzens“, der
Wissenschaftler und Praktiker gleicher- Zulaika Joseba/Douglass, William A. (1996): Ter- „Dschihad der Zunge“, der „Dschihad der Hand“
ror and Taboo: the Follies, Fables, and Faces of und der „Dschihad des Schwertes“. Letzterer ist
maßen sehr nützlich ist, um besser mit Terrorism. London. der kriegerische Dschihad, auf den ich mich im
aktuellen Erscheinungsformen des Ter- Weiteren beziehen werde.
rorismus umgehen zu können.
Mir ist durchaus bewusst, dass einige
meiner Vorschläge radikal erscheinen
mögen. Das Anliegen meines Beitrags
UNSER AUTOR

ist es aber, zunächst eine Debatte anzu-
regen, um auf diese Weise brauchbare-
re Terrorismuskategorien zu entwickeln.
Dabei will ich nicht bestreiten, dass der
Begriff „Homegrown Terrorist“ einen
gewissen Nutzen hat. Ich hoffe aber,
dass ich seine Probleme hinreichend
deutlich herausgearbeitet habe. Tat-
sächlich scheint mir der Begriff „trans-
nationaler Terrorismus“ besser geeig-
net zu sein, um die Aktivitäten und Be-
weggründe von Terrorgruppen und Ter- PhD Karl Cordell; Professor für Politische
roristen zu erfassen, die die existierende Wissenschaften an der School of Ma-
Staatenwelt zerstören und durch eine nagement der University of Plymouth;
grundlegend andere Ordnung ersetzen Mitherausgeber der Zeitschriften „Civil
wollen. Wars“ und „Ethnopolitics“; seine Ar-
beits- und Forschungsschwerpunkte
sind: Nationalismus und Minderheiten-
politik – auch in Ost- und Mitteleuropa,
ethnische Konflikte, das politische Sys-
tem Deutschlands und Polens sowie
deutsch-polnische Beziehungen.

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WIE UND WARUM WERDEN MENSCHEN RADIKAL?

Mechanismen der Radikalisierung von
Individuen und Gruppen
Clark McCauley/Sophia Moskalenko

Top-down- und Bottom-up-Radikalisie- Radikalisierungsprozesse vornehmlich
Der Weg in den terroristischen Unter- rung (vgl. U.S. Department of State durch innerstaatliche oder zwischen-
grund ist vielgestaltig. Politische Radika- 2006; National Intelligence Council staatliche Konflikte beeinflusst. In die-
lisierung – verstanden als erhöhte Bereit- 2007). Im ersten Fall werben radikale sem Beitrag werden wir uns auf die ers-
schaft, sich an politischen Konflikten zu Gruppen neue Mitglieder durch geziel- ten beiden Ebenen konzentrieren. Da-
beteiligen – kann sich auf drei Ebenen te Rekrutierungsprogramme über cha- bei wollen wir gleich zu Beginn klarstel-
abspielen: auf der Individual- und/oder rismatische Imame, Unterstützernetz- len, dass uns keiner der Mechanismen,
Gruppenebene sowie auf der gesamtge- werke oder Propagandakampagnen die wir im Folgenden erörtern wollen, in
sellschaftlichen Ebene. Clark McCauley an. Im zweiten Fall entwickeln Individu- die Lage versetzen wird, Radikalisie-
und Sophia Moskalenko konzentrieren
en und Gruppen ihre radikalen Einstel- rungsprozesse mit hundertprozentiger
sich im Folgenden auf die beiden erstge-
lungen und Gefühle weitgehend unab- Gewissheit vorauszusagen. Vielmehr
nannten Ebenen. Auf der individuellen
hängig von existierenden Organisatio- trägt jeder einzelne Mechanismus dazu
Ebene sind folgende Mechanismen denk-
bar: Männer und Frauen treten radikalen nen. Erst anschließend suchen sie Kon- bei, dass Gruppen zu immer extremeren
Bewegungen vor allem aufgrund persön- takt zu radikalen Gruppen oder werden Mitteln greifen. In aller Regel können
licher Erfahrungen (z. B. Erfahrungen von auf eigene Initiative hin aktiv. wir beobachten, dass bei der Radikali-
Unrecht und/oder politischen Missstän- Bei genauer Betrachtung werden aller- sierung von Menschen immer ein gan-
den) und Motive (z. B. Suche nach Aner- dings schnell die Grenzen dieser Un- zes Bündel von Motiven und Mechanis-
kennung und Abenteuer) sowie aufgrund terscheidung sichtbar. Handelt es sich men wirksam ist.
gefestigter Überzeugungen bei. Ein we- beispielsweise bei der Radikalisierung
sentliches Moment der Radikalisierung von Aktivisten durch Al-Dschasira-Mel-
kann zudem die Sozialisation in militan- dungen oder dschihadistische Internet- Mechanismen auf der
ten Gruppierungen sein. Gruppen radi- videos um einen Top-down- oder einen Individualebene
kalisieren sich, wenn sie von Regierungs- Bottom-up-Prozess? Weil vorher kein
seite unter Druck gesetzt werden oder persönlicher Kontakt zu Mitgliedern Um zu verstehen, warum sich Personen
sich gegenüber anderen Akteuren mit aktiver Terrorgruppen bestand, lässt militanten Gruppen anschließen, ist vor
ähnlicher Programmatik durchsetzen sich durchaus von Bottom-up-Radikali- allem ein Blick auf die individuellen
müssen. Grundsätzlich ist von einer Plu- sierung sprechen. Gleichzeitig folgt Mechanismen der Radikalisierung not-
ralität der Radikalisierungspfade auszu- das Beispiel aber auch der Top-down- wendig. Wie wir später sehen werden,
gehen. Es gibt nicht nur einen Weg in den Logik, da dschihadistische Gruppen können diese individuellen Mechanis-
politischen Radikalismus. Es gibt viele Al-Dschasira Filmmaterial zur Verfü- men mit Mechanismen auf der Gruppen-
Mechanismen, die miteinander interagie-
gung stellen, Hetzvideos im Internet ebene interagieren und sich dann
ren und sich wechselseitig verstärken.
veröffentlichen und einschlägige On- wechselseitig verstärken.
Und umgekehrt gilt auch: Radikalisierung
lineforen betreiben. Nachrichten, Vi-
muss nicht notwendig im Terrorismus en-
deos und Internetforen sind in diesem Individuelle Radikalisierung durch
den. I Sinne ihre Rekrutierungsprogramme. persönliche Unrechtserfahrungen
(Die Übersetzung besorgte Christoph Es erscheint daher – so gesehen – we-
Osterberg, Universität Tübingen). nig vielversprechend, sich weiter an der Menschen radikalisieren sich immer
Unterscheidung von Top-down- und wieder, weil sie meinen, dass ihnen
Bottom-up-Perspektiven abzuarbeiten. selbst, ihren Angehörigen oder ihren
Vielmehr sollten wir nach Mechanismen Freunden großes Unrecht widerfahren
Einleitung politischer Radikalisierung suchen, die ist. Obwohl dieser Mechanismus in der
gruppenübergreifend wirksam sind und einschlägigen Literatur häufig genannt
Politische Radikalisierung begreifen wir sich sowohl bei militanten Islamisten als wird, bleibt er schwer quantifizierbar.
als Veränderung von Überzeugungen, auch bei anderen radikalen Bewegun- Soweit wir wissen, gibt es bislang keine
Gefühlen und Verhalten in Richtung auf gen identifizieren lassen. Diese Mecha- Untersuchung, die tatsächlich nachwei-
eine erhöhte Bereitschaft, sich an politi- nismen operieren auf drei Ebenen: der sen konnte, dass Terrorvereinigungen
schen Konflikten zu beteiligen.1 Die Ra- Individualebene, der Gruppenebene einen überdurchschnittlich hohen Anteil
dikalisierung von Individuen und Grup- und der gesamtgesellschaftlichen Ebe- von Mitgliedern haben, die mit Men-
pen kann sowohl legale und gewalt- ne (vgl. McCauley/Moskalenko 2008). schen aus der Zielgruppe, die sie ins Vi-
freie als auch illegale und gewalttätige Männer und Frauen treten radikalen Be- sier nehmen und der sie Schaden zufü-
Formen annehmen. Terrorismus ist eine wegungen vor allem aufgrund persönli- gen wollen, noch eine persönliche
extreme und höchst gewalttätige Form cher Erfahrungen und individueller Rechnung offen haben und deshalb zu
politischer Radikalisierung, bei der Überzeugungen bei. Gruppen wieder- Gewalt greifen.
nicht nur Vertreter der Regierung oder um radikalisieren sich, wenn sie von Re- Umgekehrt sprechen viele Beobachtun-
des Staates, sondern auch einfache gierungsseite unter Druck gesetzt wer- gen dafür, dass individuelle Unrechts-
Bürgerinnen und Bürger in das Faden- den oder sich gegenüber anderen Ak- erfahrungen allein nur in seltenen Fäl-
kreuz terroristischer Gruppen geraten. teuren mit ähnlicher Programmatik len eine Radikalisierung nach sich zie-
Fachleute unterscheiden bei dschiha- durchsetzen müssen. Auf gesamtgesell- hen. Die meisten Menschen mit persön-
distischen Gruppen gerne zwischen schaftlicher Ebene schließlich werden lichem Groll wissen entweder nicht, wer

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genau ihnen Unrecht angetan hat, oder wohl gibt es Einzeltäter – die sogenann- scheidung, wie etwa – jetzt werde ich
aber die Verantwortlichen sind außer- ten „einsamen Wölfe“ (im Englischen: Terrorist – hat es nie gegeben. Es war
halb ihrer Reichweite. Deshalb greifen „lone-wolf“) der Terrorszene. eine langsame Entwicklung, die von
sie auch nicht Individuen, sondern Insti- So hatte sich beispielsweise der “Una- meiner Beziehung zu Guido und den
tutionen an, für die der mutmaßliche Tä- bomber“ 2 Ted Kaczynski in den USA so Leuten, mit denen ich gearbeitet habe,
ter steht – also beispielsweise die Poli- sehr in seinen persönlichen Kreuzzug getragen worden ist“ (Della Porta 1995,
zei, die Armee, der Staat oder seine Bür- gegen den technischen Fortschritt hin- S. 168). In ähnlicher Weise hat die bas-
ger. In Terrorgruppen finden sich zwar eingesteigert, dass er anfing, Paket- kische Terrororganisation ETA (Euskadi
immer wieder Menschen, die von per- bomben an vermeintliche Protagonisten Ta Askatasuna; auf Deutsch: Freiheit für
sönlichen Rachebedürfnissen getrieben des Fortschritts zu schicken. In ähnlicher die baskische Heimat) ihre Mitglieder
werden, aber in der Regel haben diese Weise hat Mohammed Reza Taheri- sozialisiert. Es ging zunächst um den
Gruppen politische Ziele, die mehr sind azar, ein junger Einwanderer aus dem Aufbau persönlicher Beziehungen. Zu
als die Summe der offenen Rechnungen Iran, einen Geländewagen in eine diesem Zweck wurde Neulingen ein er-
ihrer Mitglieder. Individueller Groll Menschenmenge auf dem Universitäts- fahrener Terrorist als Mentor zur Seite
kann sogar die Handlungsfähigkeit und campus North Carolina Chapel Hill ge- gestellt, der sie nach und nach in die
den inneren Zusammenhalt von Grup- lenkt. Bei seinem Versuch, den „Tod von Organisation einführte.
pen untergraben. Deshalb sind wir der Muslimen auf der ganzen Welt zu rä-
Meinung, dass individuelle Unrechtser- chen“, verletzte er neun Menschen. Die Individuelle Radikalisierung aus
fahrungen allein selten Radikalisierung „einsamen Wölfe“ in der Terrorszene Zuneigung – „The Power of Love“
nach sich ziehen. Vielmehr ist es not- werden oft als Psychopathen dar-
wendig, sie im Kontext einer Gruppe gestellt, was allerdings nicht in allen Um der Unterwanderung durch Polizei
und als Teil eines größeren politischen Fällen zutreffend ist. Es gibt viele Bei- und Geheimdiensten vorzubeugen, nei-
Kampfes zu interpretieren (vgl. McCau- spiele von Hassverbrechen, die von gen Radikale und Terroristen dazu,
ley/Moskalenko 2008). ganz „normalen Menschen“ verübt wor- neue Mitglieder aus ihrem sozialen Um-
Gleichwohl werden wir natürlich in Re- den sind. feld zu rekrutieren – also unter Freunden
gionen mit lang anhaltender und extre- und Verwandten, die sie für geistesver-
mer Gewalt oft Menschen treffen, de- Individuelle Radikalisierung als wandt und vertrauenswürdig halten
nen von Sicherheitskräften schweres Sozialisation – „The Slippery Slope“ (Della Porta 1995, S. 167–168; Sage-
Leid zugefügt worden ist. So haben z. B. man 2004). In ähnlicher Weise können
viele Frauen der tschetschenischen Die entscheidenden Schritte im Radika- Männer und Frauen einer militanten
„Schwarzen Witwen“ entweder ihre lisierungsprozess von Menschen kön- Gruppe beitreten, um einem geliebten
Männer durch die russische Armee ver- nen auch erst nach Eintritt in eine mili- Menschen nahe zu sein, der bereits Mit-
loren oder sind selbst Opfer brutaler tante Gruppe erfolgen. Mit Ausnahme glied ist. Solche engen Bindungen wer-
Soldatengewalt geworden (vgl. Gran- von Selbstmordattentätern werden Rek- den durch gemeinsame Erfahrungen
ville-Chapman 2004; Parfitt 2004). Die- ruten nur in den seltensten Fällen gleich von staatlicher Verfolgung oder durch
se Unrechtserfahrungen ließen einige auf eine tödliche Mission geschickt. rivalisierende Gruppen weiter verstärkt.
der Frauen letztendlich zu Selbstmord- Vielmehr wissen wir aus Interviews mit Außerdem steigert die gesellschaftliche
attentäterinnen werden (vgl. Speck- ehemaligen Gruppenmitgliedern, dass Isolation von militanten Gruppen die
hard/Ahkmedova 2006). Ähnliche Be- sie zunächst einen langen und abge- wechselseitige Abhängigkeit ihrer Mit-
richte gibt es über tamilische und paläs- stuften Sozialisationsprozess zu durch- glieder. Ehemalige Kämpfer erinnern
tinensische Selbstmordattentäter (vgl. laufen hatten (vgl. McCauley/Segal sich, dass alle Zweifel über die Ziele
Arnestadt 2004). In Regionen mit Kon- 1987). Am Anfang mussten sie unwich- oder Taktiken ihrer Gruppen in dem Au-
flikten geringerer Intensität werden tige Nachrichten überbringen oder genblick verschwanden, in dem ein ge-
demgegenüber deutlich weniger Men- Wache schieben. Später wurden sie liebter Mensch bedroht oder getötet
schen zu Opfern unmittelbarer physi- damit beauftragt, Waffen auszuliefern. worden ist. Persönliche Gefühle erset-
scher Gewalt. Sie leiden eher unter Vor- Noch später durften sie ranghohe zen bei diesem Radikalisierungsprozess
urteilen und Diskriminierungen. Wenn Gruppenmitglieder zu geheimen Tref- politische Überzeugungen.
sich Muslime in Europa terroristischen fen fahren. Dieser Erprobungs- und Ge- Bemerkenswerterweise funktioniert die-
Bewegungen anschließen, dann ge- wöhnungsprozess schreitet so lange ser Mechanismus auch über „Fernbezie-
schieht dies deshalb deutlich weniger fort, bis ein Rekrut als „reif“ für die Waf- hungen“. Menschen können zum Eintritt
aus persönlichen Rachebedürfnissen fe gilt. in eine militante Organisation bewegt
heraus, als es im Irak oder in Afghanis- Die besondere Stärke dieser gezielten werden, weil sie deren charismatischen
tan der Fall ist. Sozialisation liegt in ihrem mehrstufigen Führer verehren. Eine selbstbewusste
Verlauf. Der erste Schritt ist sowohl für und zuversichtliche Persönlichkeit mit
Individuelle Radikalisierung durch das Neumitglied als auch für seine Um- rhetorischem Geschick kann selbst über
politische Missstände welt relativ ungefährlich. Jeder weitere weite Distanz eine starke Anziehungs-
Schritt ist dann nur minimal radikaler als kraft auf neue Rekruten ausüben. Das
Individuelle Radikalisierung kann Folge der vorherige. Auf dieser abschüssigen wohl bekannteste Beispiel hierfür war
einer starken Identifikation mit politi- Bahn gibt es keine klar definierte Osama bin Laden.
schen Inhalten sein, die über die Mas- Schwelle, ab der eine Person eindeutig
senmedien oder das Internet verbreitet als Terrorist gelten kann. Dies zeigt sich Individuelle Radikalisierung durch
werden. Es ist allerdings selten, dass auch darin, dass es Ehemaligen beim Anerkennung und Abenteuer
dieser Radikalisierungspfad ohne Un- Rückblick auf ihre Gewaltkarriere oft
terstützung durch eine Organisation in schwer fällt, die Frage zu beantworten: Terrorismus hat für Menschen auf der
Gewalttaten endet. In den meisten Fäl- „Wann stand für sie eigentlich fest, dass Suche nach Anerkennung und Abenteu-
len können wir beobachten, dass derart Sie Terrorist werden wollten?“ er einiges zu bieten: Mitgliedschaft in
radikalisierte Menschen sich zunächst Ein Kämpfer der italienischen Roten Bri- einer geheimen Gesellschaft mit groß-
mit Gleichgesinnten zusammenschlie- gaden beschreibt seine Erfahrungen artigen Zielen; Nervenkitzel beim Um-
ßen oder Gruppen beitreten. Gleich- folgendermaßen: „Eine kaltblütige Ent- gang mit Waffen und Geld; Ruhm und

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Bekanntheit, die sich im normalen Leben oder wenn Menschen in ein fremdes MECHANISMEN DER RADIKALISIERUNG
kaum erreichen lassen. Vor allem junge Land ziehen und dort anfangen müssen, VON INDIVIDUEN UND GRUPPEN
Männer im Übergang zum Erwachse- sich eine neue Existenz aufzubauen?
nenleben – wenn sie versuchen, sich ge- Unter solchen Bedingungen ist jeder
genüber ihren Peers durchzusetzen – anfällig für die Verheißungen von Un-
sind für diese Verlockungen anfällig terstützung und Freundschaft durch ei- sind innerhalb einer Gruppe Gleich-
(vgl. Wilson/Daly 1985). Auch wenn ei- ne Gruppe. Wenn die Mitgliedschaft in gesinnter diejenigen Mitglieder beson-
ne Gesellschaft mit starken Sozialstruk- dieser Gruppe die Internalisierung de- ders bewundernswert und einflussreich,
turen die Sturm-und-Drang-Phasen ih- ren Ideologie voraussetzt, scheint dies die am kompromisslosesten für die
rer Jugendlichen u. a. durch gefährliche ein fairer Deal zu sein. In seiner Studie Gruppenmeinung einstehen. Mitglie-
Berufe in der Feuerwehr, bei der Polizei zu den Attentätern vom 11. September der mit weniger extremen Überzeu-
oder in den Streitkräften kanalisieren 2001 kommt Marc Sageman (2004) zu gungen nähern sich den radikalen Po-
kann, wird es immer einen kleinen Anteil dem Ergebnis, dass es Isolation und Ent- sitionen eher an, um innerhalb der
Heranwachsender geben, auf die Stra- fremdung waren, welche junge Muslime Gruppe nicht an Anerkennung zu ver-
ßenbanden und kriminelle Organisatio- in Europa empfänglich für die funda- lieren – oder aber sie verlassen die
nen eine unwiderstehliche Anziehungs- mentalistische Ideologie Al-Qaidas Gruppe.
kraft ausüben. Für diese jungen Männer machte. Dabei sollte allerdings im Auge Die beiden Faktoren sind dann beson-
spielt Ideologie eine untergeordnete behalten werden, dass Vereinsamung ders wirksam, wenn sich Gruppen für
Rolle. Was zählt, ist der Nervenkitzel empfänglich für neue soziale Identitä- ein Anliegen einsetzen, dass sie für sehr
und ihr berüchtigter Status als Gesetz- ten unterschiedlichster Art macht. Aber wichtig halten – wie beispielsweise der
lose (vgl. Goldstein 1994; Kanasawa/ für einen Muslim, der in einer nicht-mus- Schutz des Regenwaldes, die Rechte
Still 2000). limischen Umwelt lebt, ist es nahelie- von Tieren oder die Verhinderung integ-
Der Fall Abu Musab Al Zarqawi ist ex- gend, innerhalb seiner Religionsge- rierter Schulen – und mit ihrem Enga-
emplarisch für diese Art der Radikalisie- meinschaft nach Gleichgesinnten und gement keinen Erfolg haben. So traten
rung. Verurteilt als Kleinkrimineller we- Unterstützung zu suchen. die Anhänger des Student Non-Violent
gen Vergewaltigung und Drogenbesitz, Coordinating Committee (SNCC) auf
schaffte er den schnellen Aufstieg in- ihren ersten Demonstrationen 1960
nerhalb einer Gefängnisgang, indem er Mechanismen auf der Gruppenebene noch sehr moderat und betont verfas-
seine Rivalen brutal misshandelte und sungstreu auf. Sechs Jahre später pro-
von Mitgefangenen absolute Unterwer- Es gibt einige wenige Menschen, die pagierten sie „Black Power“ und den
fung forderte. Nach seiner Haftentlas- persönliche Unrechtserfahrungen in bewaffneten Kampf gegen die Weißen.
sung reiste er nach Afghanistan, wo er politische Gewalt umsetzen, ohne da- Ein ähnlicher Radikalisierungsprozess
im Krieg gegen die Sowjetunion seinen bei von einer Organisation unterstützt ließ sich bei den Students for a Demo-
Gewaltneigungen freien Lauf lassen zu werden. Diese Einzeltäter richten cratic Society (SDS) beobachten. Setzte
konnte. Dort traf er auf Osama bin La- aber in aller Regel keinen allzu großen sich der Verband noch in seiner Port
den, dessen dschihadistische Ideologie Schaden an. Viel gefährlicher sind ko- Huron-Erklärung von 1962 für demokra-
er schließlich übernahm. Als Anführer härente Gruppen mit einer funktionie- tische Reformen ein, so wurden seine
von Al-Qaida im Irak veröffentlichte Al renden Logistik. Sie sind in der Lage, An- Protestformen Ende der 1960er Jahre
Zarqawi Videobänder, auf denen zu se- schläge mit verheerenden Folgen zu konfrontativer und gewalttätiger (vgl.
hen war, wie er eigenhändig Geiseln planen und auszuführen. Im nächsten Sale 1973).
enthauptete. Damit handelte er entge- Abschnitt werden wir die Mechanismen
gen der dringenden Bitte von Al Zawa- beschreiben, die ganze Gruppen radi- Auseinandersetzungen mit der
hiri – zu der Zeit Stellvertreter Osama kalisieren können – diese Mechanismen Staatsmacht – Verhärtung von Gruppen
bin Ladens –, solche Grausamkeiten zu sind auch für das Verständnis möglicher
unterlassen. Während Al Zawahiri be- Strategien der Deradikalisierung au- Dieser Mechanismus der Radikalisie-
fürchtete, dass die Enthauptungen die ßerordentlich relevant. rung lässt sich bei Konflikten zwischen
Muslime im Irak von Al-Qaida entfrem- der Regierung und oppositionellen
den würden, schien es Al Zarqawi mehr Diskussionen unter Gleichgesinnten – Gruppen beobachten. In der Anfangs-
um traurige Berühmtheit und das Ausle- Polarisierung von Gruppen. phase ihres Protestes sind die Mitglie-
ben seiner sadistischen Neigungen ge- der opponierender Gruppen in aller
gangen zu sein, als um die Beförderung Tendenziell führen Gruppendiskussio- Regel nicht bereit, die Staatsmacht mit
des globalen Kalifats. nen unter Gleichgesinnten zu einer kriminellem Aktionen oder Gewalt her-
merklichen Verschiebung der in einer auszufordern. Vielmehr setzen sie auf
Individuelle Radikalisierung durch Gruppe vertretenen Meinungen in Rich- Aufklärung und friedlichen Protest. In
Einsamkeit tung auf die Mehrheitsmeinung (Brown dem Augenblick aber, in dem der Staat
1986, S. 200–231). So dürften Diskussi- zu repressiven Mitteln greift und die
Vielen Menschen ist der Weg in militan- onen unter Anhängern eines politischen „Kosten“ des Protestes in die Höhe
te Gruppen durch soziale Verpflichtun- Kandidaten die Zustimmung für den treibt, werden die gemäßigten Mitglie-
gen versperrt. Sie würden durch den Kandidaten innerhalb der Gruppe wei- der die Gruppe verlassen. Die verblei-
Eintritt in eine kriminelle und hochge- ter stärken. Für diese Tendenz sind vor bende Gruppe wird aller Wahrschein-
fährliche Organisation ihre Familie, ihre allem zwei Faktoren maßgeblich: Zum lichkeit nach zunehmend radikaler in
Karriere und ihre Freundschaften aufs einen bringen Diskussionen neue Argu- Wort und Tat. Typischerweise provozie-
Spiel setzen. Aber was geschieht, wenn mente hervor. Innerhalb einer Gruppe ren sie damit eine umso härtere Reakti-
diese Beziehungen beispielsweise von Gleichgesinnten werden die meis- on des Staatsapparats. Am Ende bleibt
durch den unerwarteten Tod der Eltern ten dieser Argumente die Ausgangspo- nur noch der harte Kern übrig, der mög-
oder des Lebenspartners wegfallen; sition weiter unterstützen. Im Ergebnis licherweise als Terrorgruppe in den Un-
oder wenn ein Bürgerkrieg das Land werden Gruppenmitglieder deshalb ih- tergrund geht.
verwüstet und Familie, Eigentum, Karrie- re Meinung radikaler und mit größerer Derartige Dynamiken lassen sich beob-
re und soziale Netzwerke zerstört sind; Entschiedenheit vertreten. Zum Zweiten achten, wenn Gruppen von außen unter

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Druck gesetzt werden. Während die Radikalisierung durch gruppeninternen den fordern, der als Bedrohung wahr-
Gemäßigten abspringen, rücken die Wettbewerb – Fraktionalisierung von genommen wird. Diese uneingeschränk-
Verbleibenden immer enger zusammen Gruppen te Definitions- und Aktionsmacht einer
und werden zunehmend feindseliger. isolierten Gruppe wirkt als Multiplika-
Für sie ist es vollkommen klar, dass sie Der immense Konformitätsdruck, der auf tor. Aber es ist nicht notwendigerweise
gemeinsam kämpfen müssen, wenn sie radikalen Gruppen lastet, führt para- die Neigung zu kriminellen und gewalt-
nicht einzeln verurteilt werden wollen – doxerweise nicht selten zu Flügelkämp- tätigen Aktionen, die verstärkt wird. In
„we must hang together, or assuredly fen. Ihnen liegen meist Uneinigkeiten einem Kloster kann der Gruppenkon-
we will hang separately“. Im Ergebnis über die richtige Taktik, Personalfragen sens zu einer Intensivierung des religiö-
nimmt der Gruppenzusammenhalt zu, oder gruppeninterne Machtkämpfe zu- se Eifers und des Gebets führen. Bei ei-
die Gruppenwerte werden immer ab- grunde. Gelegentlich eskalieren diese ner terroristischen Zelle im Untergrund
soluter gesetzt, Autoritäten werden im- Auseinandersetzungen bis hin zu offe- hingegen dürfte Isolation eher zu höhe-
mer bedingungsloser respektiert, und ner Gewalt oder es kommt zu Abspal- rer Gewaltbereitschaft und einer Stei-
die Bereitschaft, Abweichler immer tungen, die oft noch radikaler als die gerung des bewaffneten Kampfes füh-
härter zu bestrafen, wächst (vgl. Grant/ Ursprungsgruppe sind. Die IRA mit ihren ren. Dabei haben die zuvor diskutierten
Brown 1995; LeVine/Campbell 1972). vielen Ablegern wie der Official Irish Radikalisierungsmechanismen – Polari-
Beispiele für diesen Mechanismus sind Republican Army (OIRA), der Provisio- sierung, Verhärtung, Überbietungs-
die italienischen Roten Brigaden, die nal Irish Republican Army (PIRA), der Re- wettbewerb, Fraktionalisierung – ge-
1970 aus den jahrelangen Auseinan- al Irish Republican Army (RIRA), der nau die Konsequenz, eine Gruppe in
dersetzungen zwischen linker Protest- Continuity Irish Republican Army (CIRA) die soziale Isolation zu treiben.
bewegung und Polizei hervorgegangen oder der Irish National Liberation Army Wie weit die Definitions- und Aktions-
sind. In ähnlicher Weise entwickelte (INLA) ist ein hervorragendes Beispiel macht isolierter Gruppen gehen kann,
sich die Weather Underground Organi- für diese Dynamik. 1972 fanden japani- zeigen die Aussagen von Mark Rudd,
zation – auch Weathermen 3 genannt – sche Behörden in einem Gebirgsver- einem der Anführer der Weather Un-
im Zuge der zunehmend gewalttätigen steck der japanischen Roten Armee die derground Organization, zur seinerzeit
Konflikte zwischen Mitgliedern der Stu- verstümmelten Leichen von zwölf Terro- praktizierten Gewaltanwendung: „Wir
dents for a Democratic Society (SDS) risten. Sie wurden offenbar nach einem waren doch nur dumme Kinder und hin-
und der amerikanischen Polizei (vgl. außer Kontrolle geratenen gruppenin- gen so sehr an unseren eigenen Ideen,
Sale 1973). ternen Konflikt ermordet (vgl. McCau- dass wir gar nicht merkten, wie irreal sie
ley/Segal 1987). waren. Wir glaubten, dass sie real sei-
Konkurrenz um Unterstützung – en, eben weil wir sie dachten. Das ist im
Überbietungswettbewerb zwischen Definitionsmacht in der Isolation – Der Kern die dunkle Seite des Idealismus“
Gruppen Autismus radikaler Gruppen (Rudd 2008).

Gruppen mit ähnlichen politischen An- Es gibt existentielle Fragen, auf die viele
liegen stehen oft im Wettbewerb um die Menschen von der Wissenschaft keine Implikationen
gleiche soziale Basis. Ohne hinreichen- Antwort erwarten: Was ist schön und
de Unterstützung aus der Bevölkerung was ist hässlich? Was ist fair und was ist Grundsätzlich ist bei all diesen Mecha-
sind radikale Gruppen kaum in der ungerecht? Wofür sollen wir arbeiten, nismen von einer Pluralität der Radikali-
Lage, sich zu tarnen, Gelder zu be- kämpfen und im Extremfall sogar ster- sierungspfade auszugehen. Es gibt
schaffen und neue Mitglieder zu wer- ben? Bin ich ein guter Mensch, und was nicht nur einen Weg in den politischen
ben. Um im Konkurrenzkampf um die wird aus mir werden? Nach Maßgabe Radikalismus. Es gibt viele, die sich zu-
gleiche soziale Basis bestehen zu kön- der Gruppensoziologie gelten nur sol- dem auch noch gleichzeitig beschreiten
nen, tendieren Gruppen deshalb zu che Antworten als glaubwürdig, die auf lassen. Dabei lassen sich einige dieser
immer radikaleren Aktionen, sobald sie einem breiten gemeinschaftlichen Kon- Pfade beschreiten, ohne dass radikale
den Eindruck haben, dass sie auf diese sens beruhen – im Kern geht es um die Überzeugungen zwingend notwendig
Weise einen Wettbewerbsvorteil ge- Übereinstimmung mit anderen, die uns wären. Wie wir gesehen haben, können
genüber anderen Gruppen erzielen Zuversicht gibt (vgl. Festinger 1954). So Menschen aus Liebe oder aus Gel-
können. Dieser Prozess wird von Mia bieten die Sinn- und Wertsysteme, die tungsbedürfnis und Abenteuerlust radi-
Bloom (2005) auch als „outbidding“ – von Religionen und säkularen Ideologi- kal werden. Politische Überzeugungen
als wechselseitige Überbietung – be- en vertreten werden, zwar oft abstrakte werden dann beliebig und zur Neben-
zeichnet. Lehren an. Aber für ihre konkrete Ausle- sache (vgl. Della Porta 1995). Deshalb
In der Anfangszeit der zweiten Intifada gung ist der Konsens konkreter Grup- macht es keinen Sinn, von einem eindeu-
setzte die marxistisch-leninistisch orien- pen unerlässlich. tigen und für alle ähnlichen Radikali-
tierte Volksfront zur Befreiung Palästi- Solange Personen mehreren Gruppen sierungsprozess auszugehen, der sich
nas (PFLP / Popular Front for the Libera- mit unterschiedlichem Wertsystem an- über verschiedene, deutlich unter-
tion of Palestine) keine Selbstmord- gehören, ist deren Einfluss auf ihre Mit- scheidbare Radikalisierungsstufen ent-
attentäter ein und vermied jede religiö- glieder begrenzt. Wenn eine Gruppe wickelt.
se Rhetorik. Dies änderte sich jedoch aber von ihrer Umwelt isoliert ist, nimmt Radikalisierung muss nicht notwendig
schnell, als Meinungsumfragen einen ihre Definitions- und Aktionsmacht zu. im Terrorismus enden. Ob und wann po-
Rückgang der Unterstützung für die PFLP Isolierte Gruppen, wie z. B. Terrororga- litische Aktivisten die Grenze zur Illega-
gegenüber islamistischen Terrorgrup- nisationen, Jugendbanden, religiöse lität oder sogar zur Gewalt überschrei-
pen anzeigten. Die PFLP erklärte den Kulte oder Truppeneinheiten im Ge- ten, hängt stark von Kultur, Ort und Zeit
Dschihad und führte Selbstmordatten- fecht, legen verbindlich und ohne Kon- ab. Es sind immer nur einige wenige, die
tate durch. In der Folge nahm ihre Unter- kurrenz fest, was das angemessene Ver- schließlich zu radikalen Protestformen
stützung in der palästinensischen Be- halten ihrer Mitglieder in einer gegebe- greifen oder Terror verbreiten. Nach
völkerung wieder zu (vgl. McCauley/ nen Situation ist. Dabei kann der Grup- den Londoner Bombenattentaten vom
Moskalenko 2008). penkonsens extreme Einstellungen, 7. Juli 2005 zeigten Umfragen, dass fünf
Emotionen und Maßnahmen gegen je- Prozent aller britischen Muslime die An-

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schläge für eine legitime Form der Ver- und Gefühle zulassen und ihnen Raum MECHANISMEN DER RADIKALISIERUNG
teidigung des Islams hielten. Von diesen geben, denen dann aber nicht mehr VON INDIVIDUEN UND GRUPPEN
fünf Prozent rechnete der britische Ge- gewalttätige Aktionen folgen müssen.
heimdienst wiederum höchstens vier Bislang ist es Wissenschaft, Regierung
Prozent zum harten dschihadistischen und Polizei nicht gelungen, das Wech-
Kern. Das waren etwa 2.000 Personen selspiel dieser beiden Tendenzen an- Welche Rolle spielen Emotionen in
(vgl. Gardham 2009). gemessen zu bewerten. Radikalisierungsprozessen?
Auch der Anteil politischer Aktivisten,
die schließlich zu Terroristen werden, ist Wie wichtig ist die Ideologie für die Die einschlägige Literatur zu Radikali-
sehr gering. In den 1970er Jahren hat- Entstehung von Terrorismus? sierungsprozessen betont vor allem
ten sich zehntausende amerikanische die Kosten-Nutzen-Kalküle. Demge-
Collegestudenten in der radikalen Or- Wie wir bereits gesehen haben, spielt genüber weisen viele Beobachter auf
ganisation Students for a Democratic Ideologie nicht für alle Radikalisie- die große Bedeutung von Gefühlen wie
Society (SDS) engagiert. Von ihnen rungspfade eine gleichermaßen wichti- Wut, Empörung, Scham und Demüti-
wechselten nur wenige hundert in die ge Rolle. Manche Menschen werden gung in politischen Konflikten hin. Die
terroristische Vereinigung Weather Un- aus Abenteuerlust, Geltungsbedürfnis, Forschung sollte sich deshalb künftig
derground. Ähnlich niedrig dürfte der Liebe oder sozialer Anerkennung zu stärker mit Emotionen in Radikalisie-
Anteil deutscher und italienischer Stu- Terroristen. Persönliche oder kollektive rungsprozessen beschäftigen: Unklar
denten der 68er-Bewegung gewesen Unrechtserfahrungen können Gewalt ist beispielsweise, ob Hass ein individu-
sein, die schließlich bei der Baader- motivieren, die dann erst in einem zwei- elles Gefühl ist oder eine wirkmächtige
Meinhof-Bande oder den Roten Briga- ten Schritt ideologisch rationalisiert Form der negativen Identifikation, die
den landeten. Wenn wir uns also die wird. So werden Videos, die das Töten als kollektives Phänomen wiederum
Zahlen anschauen, stellen wir fest, dass oder Verstümmeln von Muslimen durch Grundlage für ganz unterschiedliche
nur bei wenigen aus radikalen Über- die „Kreuzfahrer“ zeigen, zwar häufig Gefühle sein könnte (vgl. Royzman/Mc-
zeugungen radikale Aktionen werden. als Rechtfertigung dschihadistischer Cauley/Rozin 2005). Weiterhin bleibt
Und noch weniger werden zu Terroris- Anschläge angeführt. Der in der Verbin- unklar, ob Demütigung eine eigenstän-
ten. Es macht deshalb kaum Sinn, den dung mit den Anschlägen in London ver- dige Emotion ist oder aus dem Zusam-
Weg in den Terrorismus mit einem Fließ- haftete Hussain Osman gab allerdings menwirken verschiedener anderer Emo-
band zu vergleichen (vgl. Baran 2004). italienischen Vernehmungsbeamten zu tionen wie beispielsweise aus Wut und
Es gibt auf diesem Weg keine Zwang- Protokoll: „Religion hat damit nichts zu Schande entsteht (vgl. Lindner 2006).
läufigkeiten, und ein Ausstieg ist an vie- tun. Wir haben Filme geschaut. Uns
len Stellen möglich. wurden Videos und Bilder vom Irak- Wann trägt Märtyrertum zu politischer
Schließlich zeigt das Attentat vom 7. Juli Krieg gezeigt und uns wurde gesagt, Radikalisierung bei?
2005 in London, dass legaler politischer dass wir etwas Großes zu vollbringen
Aktivismus keine notwendige Vorstufe hätten. Deshalb haben wir uns getrof- Viele Beobachter haben auf die Bedeu-
zum Terrorismus ist. Von den vier Atten- fen“ (Leppard/Follain 2005). tung von Märtyrern für die Mobilisie-
tätern war keiner aktives Mitglied einer Die Reden von Osama bin Laden weisen rung politischer Unterstützung hinge-
islamistischen Vereinigung wie Hizb ut- in eine ähnliche Richtung: Ausführlich wiesen. Außerdem gibt es mittlerweile
Tahrir oder Al Mahajiroun. Ganz im Ge- geht er auf muslimische Klagen gegen eine ganze Reihe von Studien, die sich
genteil schienen sie die Nähe dieser le- die USA ein – die USA schützen muslimi- mit der Frage beschäftigen, unter wel-
galen Protestbewegungen eher zu mei- sche Despoten, die USA unterstützen Is- chen Bedingungen Menschen bereit
den, um die Polizei und die Geheim- rael, amerikanische Truppen sind in sind, ihr Leben als Selbstmordattentäter
dienste nicht auf sich aufmerksam zu muslimischen Ländern stationiert. Nur zu opfern (vgl. Merari 2004; Speck-
machen. am Rande erwähnt er jedoch seine Lö- hard/Ahkmedova 2006). Gleichwohl ist
sung für die Probleme der muslimischen noch ungeklärt, wann ein individueller
Welt – das globale Kalifat. Wie sich Tod als Martyrium vermittelt werden
Offene Forschungsfragen schon beim Student Non-Violent Coor- kann und als solches vom Publikum auch
dinating Committee (SNCC) und der akzeptiert wird, und welche Mechanis-
Wann konkurrieren Aktivismus und Weather Underground Organization men Menschen dazu bewegen, einem
Terrorismus und wann unterstützen beobachten ließ, scheint die Ideologie Märtyrer nachzueifern und selbst Op-
sie sich? dschihadistischer Gruppen eher das fer für seine Sache zu bringen.
Produkt ihres Kampfes zu sein als sein
Gelegentlich können legale Protestbe- Ursprung. Sollen Gruppen oder einzelne
wegungen als eine Art Ventil für aufge- Die Einsicht, dass Ideologie nur für ei- Mitglieder zum Aufgeben bewegt
stauten politischen Unmut dienen, der nen Bruchteil aller radikalen Gruppen werden?
unter anderen Bedingungen zu Terro- tatsächlich relevant ist, hat sich auch
rismus geführt hätte. Legale Bewegun- im jüngsten Handbuch der amerika- Nach Martha Crenshaw (1996) gibt es
gen können sogar mit Terrorgruppen nischen Streitkräfte zur Aufstandsbe- für eine Regierung zwei Möglichkeiten,
um Mitglieder konkurrieren. So können kämpfung niedergeschlagen: „Moder- auf Terroristen zuzugehen. Im ersten
Gruppen wie Hizb ut-Tahrir den Terro- ne Aufstände bestehen häufig aus ei- Fall wird der gesamten Gruppe ein An-
rismus auf der einen Seite befördern, ner Vielzahl von irregulären Akteuren gebot gemacht und im zweiten Fall nur
indem sie eine ganz ähnliche Ideologie mit durchaus unterschiedlichen Zielen. einzelnen Mitgliedern. So haben Vene-
verbreiten wie Al-Qaida und den west- Wenigstens einige der zentralen Ak- zuela und Kolumbien bewaffneten Wi-
lichen Krieg gegen den Terrorismus als teure werden ideologisch motiviert derstandsgruppen als Ganzes Amnes-
Angriff auf den Islam scharf verurtei- sein (oder behaupten dies zumindest), tie und die Möglichkeit angeboten, sich
len. Gleichzeitig können sie ihre Mit- aber ihre Ideologie muss nicht für das als politische Partei zu organisieren, vo-
glieder aber auch davon abhalten, die ganze Netzwerk gelten“ (U.S. Govern- rausgesetzt sie legen ihre Waffen nie-
Grenze zum Terrorismus zu überschrei- ment Counterinsurency Guide 2009, der. Demgegenüber hat Italien „reumü-
ten, indem sie radikale Überzeugungen S. 6). tigen“ Mitgliedern der Roten Brigaden

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Clark McCauley/Sophia Moskalenko
ein verkürztes Strafmaß in Aussicht ge- ment, and Prevention of Suicidal Behavior. Hobo- ANMERKUNGEN
stellt, wenn sie ihre Kameraden verra- ken, S. 431–455.
National Intelligence Council (2007): National 1 Diese Forschungsarbeit wurde vom US-Hei-
ten. Die erste Strategie macht vor allem Intelligence Estimate: The Terrorist Threat to the matschutzministerium durch das National Con-
dann Sinn, wenn der Zusammenhalt der U.S. Homeland. Washington, D.C. (Office of the sortium for the Study of Terrorism and Responses
Terrorgruppe hoch ist und sie über eine Director of National Intelligence), S. 7. to Terrorism (START) unterstützt. Sämtliche Urteile,
starke Führung verfügt. Anderenfalls Parfitt, Tom (2004): Russian Soldiers Blamed for Befunde, Schlussfolgerungen oder Empfehlungen
Civilian Rape in Chechnya. In: The Lancet, Vol. in diesem Artikel sind die der Autoren und geben
steht zu befürchten, dass ein Teil der Or-
363, Issue 9417, S. 1291 . nicht notwendigerweise die Position des Heimat-
ganisation nicht auf das Regierungsan- Pew Global Attitudes Project (2005): Support for schutzministeriums wieder.
gebot eingeht und den bewaffneten terror wanes among Muslim publics. Unter: ht- 2 Theodor (Ted) John Kaczynski, US-amerika-
Kampf fortsetzt. Umgekehrt sind die Er- tp://www.washingtonpost.com/wpsrv/world/ nischer Mathematiker, hat von 1978 bis zu seiner
folgsaussichten der zweiten Strategie documents/global_attitudes.pdf [5.3.2006] Verhaftung 1996 16 Briefbomben verschickt, wo-
Radzinsky, Edvard/Bouis, Antonina (2006): Alex- durch drei Menschen getötet und weitere 23 ver-
dann hoch, wenn der Gruppenzusam- ander II: The Last Great Czar. New York. letzt wurden. Bevor seine wahre Identität bekannt
menhalt niedrig, die Führung schwach Royzman, Edward B./McCauley, Clark/Rozin, wurde, bezeichnete man ihn als „Unabomber“
ist und einige Terroristen desillusioniert, Paul: (2005): From Plato to Putnam: Four Ways to (university and airline bomber), da die Briefbom-
desinteressiert oder reumütig sind (vgl. Think About Hate. In: Sternberg, Robert J. (Hrsg.): ben vornehmlich an Universitätsprofessoren und
The Psychology of Hate. Washington, DC. Mitglieder von Fluggesellschaften adressiert wa-
McCauley, im Druck).
Rudd, Marc (2008): The death of SDS. Unter: ht- ren.
tp://www.markrudd.com/?sds-and-weather/ 3 Die Weathermen (auch: Weather Under-
the-death-of-sds.html [7.7.2011]. ground Organization) waren eine linke, militante
Sageman, Marc (2004): Understanding Terror Untergrundorganisation in den USA, die von En-
LITERATUR Networks. Philadelphia, PA. de der 1960er bis in die 1970er Jahre aktiv waren.
Arnestadt, Beate (2004): My Daughter the Terro- Sale, Kirkpatrick (1973): SDS: The Rise and Deve- Sie begingen vor allem Bombenanschläge ge-
rist (58 Min.). Producer: Morten Dae. Sri Lanka, lopment of the Students for a Democratic Society. gen Regierungsgebäude. Der Name „Weather-
Norway, USA. New York. men“ stammt aus dem Lied „Subterranean Home-
Baran, Zeyno (2004): Hizb ut-Tahrir. Islam’s Politi- Speckhard, Anne/Ahkmedova, Khapta (2006): sick Blues“ von Bob Dylan, worin es heißt: „You
cal Insurgency. Washington, DC, S. 1–139. The Making of a Martyr: Chechen Suicide Terro- don’t need a weatherman to know which way the
Bloom, Mia (2005): Dying to Kill: The Allure of rism. In: Studies in Conflict and Terrorism, Vol. 29, wind blows”.
Suicide Terror. New York. 5, S. 429–492.
Brown, Roger (1986): Social Psychology: The Se- United States Department of State (2006): Coun-
cond Edition. New York (Chapter 6: Group Pola- try Reports on Terrorism. Chapter 1: Strategic
rization). assessment. Unter: http://www.globalsecurity.
Crenshaw, Martha (1996): Why Violence is Rejec- org/security/library/report/ 2007/ c-rprtterro-
ted or Renounced: A Case Study of Oppositional rism_2006-01 .html [8.8.2008].
Terrorism. In: Gregor, Thomas (Hrsg.): A Natural United States Government Interagency Coun-
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Della Porta, Donatella (1995): Social Movements, Counterinsurgency Guide. Washington, D.C.
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UNSER AUTOR
UNSERE AUTORIN

Granville-Chapman, Charlotte (2004): Rape and
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tion and International Conflict. Westport, Conn. Fellow am National Consortium for the Professor am Bryn Mawr College (Penn-
McCauley, Clark/Moskalenko, Sophia (2008): Study of Terrorism und Responses to Ter- sylvania, USA) und Co-Direktor des
Mechanisms of Political Radicalization: Pathways rorrism (NC-Start) am Solomon Asch Solomon Asch Center for Study of Eth-
Toward Terrorism. In: Terrorism and Political Vio- Center for Study of Ethnopolitical Con- nopolitical Conflict; seine Arbeits- und
lence, Vol. 20, 3, S. 405–433.
McCauley, Clark (im Druck): Group Desistance flict (Pennsylvania, USA); ihre Arbeits- Forschungsschwerpunkte sind u. a. So-
from Terrorism: A Dynamic Perspective. Dynamics und Forschungsschwerpunkte sind u. a. zialpsychologie (insbesondere psycho-
of Asymmetric Conflict. sozialpsychologische Fragestellungen, logische Gruppenprozesse), individual-
McCauley, Clark/Segal, Mary E. (1987): Social politischer Aktivismus und Radikalisie- und sozialpsychologische Ursachen
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224

BiS_2011_04_Umbr.indd 224 11.01.12 11:49
TERRORISMUSPRÄVENTION MIT BLICK AUF JUGENDLICHE

Terrorismusprävention und Deradikalisierung:
ein dänisches Präventionsprogramm
Anja Dalgaard- Nielsen

In Dänemark waren die Reaktionen auf l Es ist sehr schwierig, die Effektivität und
Terrorismusprävention muss frühzeitig die Anschläge vom 11. September 2001 Nachhaltigkeit präventiver Maßnah-
einsetzen. Gerade bei gefährdeten Ju- zwar weniger stark als in den unmittel- men zu erfassen. Es kann durchaus
gendlichen sind „weiche“ Maßnahmen bar betroffenen USA, sie folgten aber sein, dass „weiche“ Terrorismusbe-
der Terrorismusprävention, die auf Be- zunächst einem ähnlichen Muster. Auf kämpfung wenig erreicht, da ihre Wir-
gegnung und Dialog setzen, gefragt. der Grundlage einer verschärften Ge- kungen in dem komplexen Umfeld, in
Anja Dalgaard-Nielsen stellt ein däni- setzgebung setzte Kopenhagen zu- welchem Terrorgruppen entstehen und
sches Modellprogramm vor, das auf ei- nächst auf eine „harte“ Linie in der Ter- agieren, verpuffen. Dieses Umfeld wird
ner engen Kooperation des Dänischen rorismusbekämpfung. Es ging um die von internationalen, nationalen, loka-
Sicherheits- und Nachrichtendienstes
Zerschlagung von terroristischen Netz- len und individuellen Faktoren be-
(PET) mit Schulen, Sozialbehörden und
werken und um die konsequente Verfol- stimmt, und es ist bekanntermaßen
der Polizei beruht. Ziel ist es, die lokalen
gung von Tätern. Diese Strategie hat schwer, unter solchen Bedingungen mit
Behörden für Radikalisierungsprozesse
Jugendlicher zu sensibilisieren und ihnen sich in der Zwischenzeit allerdings ge- politischen Mitteln soziale Prozesse zu
präventive Maßnahmen an die Hand zu wandelt. Wie der Aktionsplan „Eine ge- initiieren und zu steuern.
geben. Nachdem anfängliche Vorbehal- meinsame und sichere Zukunft“ von Die genannten Probleme und Risiken
te bei den Projektbeteiligten ausgeräumt 2009 zeigt, favorisiert die dänische Po- dürfen uns aber nicht davon abhalten,
werden konnten, sind die Rückmeldun- litik zunehmend auch „weiche“ Metho- die „weiche“ Terrorismusbekämpfung
gen der lokalen Partner inzwischen viel- den, die darauf abzielen, politische Ra- weiter voranzubringen. Allerdings müs-
versprechend. Um die Nachhaltigkeit dikalisierung zu verhindern oder den sen und sollten wir unsere Ansätze und
der Präventionsmaßnahmen gewährleis- Ausstieg aus terroristischen Netzwer- unser Vorgehen ständig hinterfragen. In
ten zu können, ist neben der vertrauens- ken möglich zu machen. dieser Hinsicht ist der permanente Dia-
vollen Zusammenarbeit mit Schulen, lo- log mit der Wissenschaft äußerst hilf-
kalen Sozial- und Polizeibehörden die reich. Die Forschung kann uns helfen,
Rezeption des akademischen Diskurses Prävention und Deradikalisierung als Wissenslücken zu schließen und ange-
notwendig, um neuere Erkenntnisse für „weiche“ Maßnahmen messene Präventionsstrategien zu ent-
eine theoriegesättigte Präventionspraxis wickeln. Darüber hinaus „lehrt“ uns der
nutzbar zu machen. I Aus meiner Sicht sind Prävention und akademische Diskurs, dass es mehr als
Deradikalisierung eine notwendige Er- eine Perspektive auf ein Problem gibt
(Die Übersetzung besorgte Felix Witt- gänzung zu den klassischen konfronta- und dass wir unsere Lösungswege stets
mann, Universität Tübingen) tiven Ansätzen der Terrorismusbekämp- auf den Prüfstand stellen müssen. Die
fung, und sie haben aus menschlicher, Kooperation mit Wissenschaftlern „er-
gesellschaftlicher und manchmal sogar innert“ Praktiker an die Notwendigkeit,
ökonomischer Sicht eine Reihe von Vor- ihr Vorgehen kritisch zu reflektierten
Einleitung teilen. und an neue wissenschaftliche Erkennt-
Allerdings dürfen Probleme und Risiken nisse sowie veränderte soziale Kontexte
Die Terroranschläge vom 11. September der „weichen“ Strategie nicht überse- anzupassen
2001 haben das politische Klima in den hen werden: In diesem Beitrag möchte ich eine Teil-
USA dramatisch verändert. Als ich im l Zunächst gilt es, unterschiedliche Ak- strategie der dänischen Terrorismusbe-
Frühling 1999 mein Studium als Dokto- teure aus Politik und Gesellschaft zur kämpfung erörtern. Der Schwerpunkt
randin an der John Hopkins Universität Zusammenarbeit zu bewegen. Dabei liegt auf einer der frühen Präventionsin-
in Washington D.C. begann, lebte ich in kann die Kooperation nur funktio- itiativen des Dänischen Sicherheits- und
der bunten und weltoffenen Hauptstadt nieren, wenn sich die Akteure vertrau- Nachrichtendienstes (PET1). Es geht um
eines Landes mit all seiner Meinungs- en. das sogenannte SSP-Programm, wobei
vielfalt und seinen unterschiedlichen l Jede Stigmatisierung einzelner Religi- die Abkürzung SSP 2 für die Kooperation
politischen Positionen. Gut zwei Jahre ons- oder Bevölkerungsgruppen, ins- von Schulen, Sozialbehörden und der
später war alles anders. Am Morgen besondere der dänischen Muslime, Polizei vor Ort steht. Zielsetzung dieses
des 12. September 2001 wurde ich in ei- muss vermieden werden. Die Gefahr Programms ist es, der Radikalisierung
ner abweisenden und misstrauischen der Stigmatisierung ist bei präventiven Jugendlicher angemessen entgegenzu-
Stadt wach. Ohne große Diskussionen Ansätzen immer gegeben, da im Ge- wirken.
und ohne nennenswerte Opposition gensatz zu konfrontativen Strategien
forcierte die US-Regierung eine harte ganze Bevölkerungsgruppen in den
und konfrontative Strategie der Terro- Blick genommen werden und es nicht Das SSP-Programm basiert auf einer
rismusbekämpfung. Für „weiche“ For- um die Bekämpfung einschlägiger breiten Koalition
men der Terrorismusbekämpfung – also Netzwerke und dringend verdächtiger
für Maßnahmen, die auf Begegnung, Individuen geht. Es ist also nicht auszu- Schulen, Sozialbehörden und Polizei ar-
Dialog, Prävention und auf einen Aus- schließen, dass die Mitglieder dieser beiten in Dänemark bereits seit einigen
stieg aus terroristischen Gruppen set- Bevölkerungsgruppen pauschal als Jahren auf lokaler Ebene bei der Prä-
zen –, war für Jahre kaum mehr Platz im potentielle Terroristen diffamiert wer- vention und Bekämpfung von Jugend-
politischen Diskurs. den. kriminalität eng zusammen.

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Anja Dalgaard-Nielsen
Die lokalen Behörden begegneten dem Das Risiko der Dramatisierung und
Prävention von Straffälligkeit SSP-Programm anfangs mit Misstrauen. Stigmatisierung
Sie befürchteten, dass Jugendliche mit
„Die Prävention und Bekämpfung Migrationshintergrund als potentielle Das SSP-Programm versucht, allen ge-
von Jugendkriminalität ist eine der Terroristen stigmatisiert werden. Außer- walttätigen Extremismusformen vorzu-
wichtigsten Prioritäten der däni- dem lehnten sie „Spione auf dem Schul- beugen, unabhängig davon, ob diese
schen Rechtspolitik. Im Bereich hof“ ab. Es kostete den Dänischen Si- einer politischen oder religiösen Ideo-
der präventiven Kriminalitätsbe- cherheits- und Nachrichtendienst (PET) logie folgen. Der derzeitige Fokus auf
kämpfung bilden die lokale Zu- einige Mühen, seine zukünftigen Ko- islamistische Bewegungen ist der Tatsa-
sammenarbeit von Schulen, Sozi- operationspartner davon zu überzeu- che geschuldet, dass sie gegenwärtig
albehörden und der Polizei – die gen, dass er in dem Projekt nur eine eng die am weitesten verbreitete Form des
so genannte SSP-Kooperation – umgrenzte Rolle spielen würde. Uns militanten Extremismus darstellen. Je-
den Eckpfeiler der auf Kinder und ging es vor allem darum, unsere Partner doch darf diese Schwerpunktsetzung
Jugendliche in den Kommunen mit Fakten und Wissen zu versorgen – nicht zur Stigmatisierung bestimmter
ausgerichteten Politik zur Präven- also um den Informationsfluss vom Dä- Bevölkerungsgruppen und zur Polarisie-
tion von Straffälligkeit. Die Ziele nischen Sicherheits- und Nachrichten- rung der dänischen Gesellschaft füh-
bestehen darin, ein lokales Netz dienst zu den lokalen Behörden (und ren. Der Dänische Sicherheits- und
aufzubauen (…), das bei Kindern nicht notwendigerweise anders herum). Nachrichtendienst (PET) legt großen
und Jugendlichen eine präventive Entscheidend war für uns, dass Schulen, Wert darauf, zwischen dem Islam als
Wirkung hat. Sozialbehörden und die örtliche Polizei Religion, dem Islamismus als politischer
Die SSP-Kooperation ermöglicht bei ernstzunehmenden Warnhinweisen Ideologie und dem militanten Islamis-
die Erkennung von Gefahrensig- geeignete Maßnahmen ergreifen, um mus als Sicherheitsproblem zu unter-
nalen und sich entwickelnden Kri- einen möglichen Radikalisierungspro- scheiden. Die präventiv angelegten
minalitätstendenzen sowie eine zess zu stoppen. Aus unserer Sicht be- Maßnahmen zielen auf die Bekämp-
Veränderung der Lebensbedin- stand nicht die Notwendigkeit, dass die fung des militanten Islamismus ab.
gungen von jugendlichen Straftä- Behörden und Partner vor Ort über je- Grundsätzlich bemüht sich der Däni-
tern, damit die Behörden rechtzei- den konkreten Fall Bericht erstatten; sche Sicherheits- und Nachrichten-
tig intervenieren und damit verhin- wohl wissend, dass unsere Möglichkei- dienst darum, die Radikalisierung von
dern können, dass die Jugendli- ten, auf lokaler Ebene Prävention be- Jugendlichen nicht zu dramatisieren.
chen eine kriminelle Laufbahn treiben zu können, sehr gering sind. Wir wollen bei unseren Kooperations-
einschlagen. Gleichzeitig ist die Deshalb die Kooperationen mit lokalen partnern ein Bewusstsein für das Thema
SSP-Kooperation extrem wertvoll Partnern, die bei der Präventions- und schaffen, aber keine Überreaktionen
bei der Bewertung, ob die lokalen Integrationsarbeit an vorderster Front provozieren. Unsere zentrale Botschaft
Akteure eine valide Arbeit zur Prä- stehen. lautet, dass der militante Islamismus
vention von Straffälligkeit leisten Für eine erfolgreiche Präventions- und zwar Anlass zur Besorgnis gibt, aber nur
können oder nicht. Darüber hin- Integrationsarbeit ist es entscheidend, wenige so sehr in seinen Bann geraten,
aus kann die SSP-Kooperation dass jeder Fall individuell behandelt dass sie den Weg konsequent zu Ende
über präventive Projekte und Pro- wird. Immer geht es darum, eine geeig- gehen und Anschläge verüben. Men-
gramme dazu beitragen, die Ent- nete Person auszumachen, die gefähr- schen vor Ort, die in direktem Kontakt
wicklung von Jugendbanden und dete Jugendliche in ihrem persönlichen mit radikalisierten Jugendlichen stehen,
kriminellem Verhalten zu stoppen. Umfeld erreichen und ihre Abkehr von sollten sich außerdem durch deren mili-
Die SSP-Kooperation umfasst der Terrorszene bewirken kann. In man- tante religiöse Rhetorik nicht allzu sehr
auch Jugendliche über 18 (…) und chen Fällen mag dies ein örtlicher Poli- beeindrucken lassen. In der Regel sind
bildet daher einen entscheiden- zeibeamter sein, in anderen Fällen die es (entwicklungs-)psychologische oder
den Faktor der präventiven Arbeit Eltern, ein Lehrer oder ein Geistlicher. Es soziale Faktoren, die den Radikalisie-
in Zusammenarbeit mit den loka- muss zunächst eruiert werden, welche rungsprozess vorantreiben, und nicht
len Unternehmen, um so Lehrstel- Person für den betroffenen Jugendli- Ideologie oder Religion. Die Suche
len für Jugendliche zu finden, die chen die größte Glaubwürdigkeit be- nach Identität, Gemeinschaft und Aner-
besondere Unterstützung brau- sitzt und ihn dazu bewegen kann, über kennung spielt im Jugendalter eine zen-
chen.“ 3 seinen weiteren (Lebens-)Weg nachzu- trale Rolle. Entsprechend empfehlen wir
denken und die Narrative militanter Ext- den Gemeindeverwaltungen, auf erste
remisten mit einem Fragezeichen zu ver- Anzeichen einer beginnenden Radikali-
In Zusammenarbeit mit den lokalen Be- sehen. Das Ziel des SSP-Programms ist sierung genauso zu reagieren wie auf
hörden wird nun diese Kooperations- es, gefährdete Jugendliche anzuregen, andere Formen problematischen Ju-
form genutzt, um Radikalisierungspro- ihre jugendlichen Aktivitäten und ihr so- gendverhaltens.
zesse, durch die Jugendliche mit Mig- ziales Umfeld kritisch zu hinterfragen. Die Art und Weise, wie der Dänische Si-
rationshintergrund in die Hände mili- Das SSP-Programm lebt von der Flexibi- cherheits- und Nachrichtendienst (PET)
tanter und terroristischer Netzwerke lität seiner Partner. Es bindet unter- das Problem der Radikalisierung ver-
getrieben werden, möglichst früh zu schiedliche Akteure aus Politik und Ge- steht und seinen Partnern vermittelt, soll
stoppen. Die Grundidee dabei ist sehr sellschaft auf mehreren Ebenen in das Risiko reduzieren, dass bestimmte
einfach: Der Dänische Sicherheits- und Handlungsbündnisse ein, um die Radi- ethnische oder religiöse Gruppen in
Nachrichtendienst (PET) stellt den loka- kalisierung von Jugendlichen zu verhin- Dänemark als „Problemfälle“ eingestuft
len Behörden seine Kenntnisse über dern oder rückgängig zu machen. Sol- und ausgegrenzt werden. Denn die Su-
Hintergründe, Ursachen und Merkmale che Koalitionen können nur funktionie- che nach Identität, Gemeinschaft und
von Radikalisierungsprozessen zur Ver- ren, wenn sich die Akteure vertrauen. Anerkennung kennt keine Hautfarbe
fügung. Die lokalen Behörden wieder- Deshalb zählt es zu einer unserer oder Religion. Sie kommt in allen Ge-
um können diese Expertise nutzen, um Hauptaufgaben, das Vertrauen zwi- sellschaften vor, und sie kann überall
bei ersten Warnzeichen mit präventi- schen den beteiligten Partnern zu stär- schwierige Formen annehmen. Wenn
ven Maßnahmen gegenzusteuern. ken und zu vertiefen. wir jedoch feststellen, dass Ideologie

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TERRORISMUSPRÄVENTION UND
DERADIKALISIERUNG: EIN DÄNISCHES
PRÄVENTIONSPROGRAMM

können wir besser werden. Gleichzeitig
sind wir interessiert daran, welche Er-
fahrungen lokale Akteure in der Präven-
tions-, Ausstiegs- und Integrationsar-
beit machen und welche Strategien mit
welchem Erfolg im Ausland eingesetzt
werden.

Schlussfolgerung

Ein Däne entschuldigt sich öffentlich für die Mohammed-Karikaturen. Mithin eine kleine Ich glaube an die Wirksamkeit der „wei-
Geste, die der Stigmatisierung muslimischer Bevölkerungsgruppen und der Polarisierung chen“ Terrorismusbekämpfung als un-
der dänischen Gesellschaft entgegenwirken kann. picture alliance/dpa verzichtbare Ergänzung zu dem „har-
ten“ Vorgehen, das sich nach den An-
schlägen vom 11. September 2011 zu-
und missverstandene religiöse Bot- Materialien ihre Kenntnisse über Radi- nächst durchsetzte. Dementsprechend
schaften in Radikalisierungsprozessen kalisierung, Extremismus und Prävention sinnvoll erscheint es mir, die Expertise
eine gewichtige Rolle spielen, dann ver- deutlich erweitert haben. 4 Umgekehrt des Dänischen Sicherheits- und Nach-
suchen wir Geistliche und Koranwissen- konnte der Dänische Sicherheits- und richtendienstes (PET) nicht nur für die
schaftlicher einzuschalten, die in der Nachrichtendienst durch den Aus- Zerschlagung von Organisationen oder
Lage sind, mit jungen Menschen über tausch mit den Kooperationspartnern Netzwerken und die Verfolgung von Tä-
den Islam zu diskutieren, um sie letztlich vor Ort seine Lehr- und Informationsme- tern zu verwenden, sondern auch in die
davon zu überzeugen, dass der Islam thoden permanent verbessern. Prävention, in Deradikalisierungs-Pro-
keinen Terrorismus rechtfertigt. Um optimale Präventions-, Ausstiegs- gramme und in Aussteigerprogramme
und Integrationsstrategien entwickeln einfließen zu lassen. Dafür ist eine enge
zu können, steht der Dänische Sicher- Kooperation mit einer Vielzahl von ge-
Präventive Maßnahmen und die heits- und Nachrichtendienst (PET) in sellschaftlichen Gruppen notwendig,
Frage der Wirkung ständigem Austausch mit der Wissen- von denen manche zunächst Vorbehal-
schaft, mit lokalen Behörden und mit in- te haben können. Präventive Initiativen
Die Effekte „weicher“ Maßnahmen der ternationalen Partnern. Wir wollen si- wie das SSP-Programm müssen mit Be-
Terrorismusbekämpfung sind schwer zu cherstellen, dass unsere Empfehlungen dacht vorgehen, um die Stigmatisierung
messen und zu dokumentieren, da eine und Maßnahmen auf dem neuesten ganzer Bevölkerungsgruppen als po-
Vielzahl von Faktoren – von der interna- Stand sind und den aktuellen akademi- tentielle Terroristen zu vermeiden. Au-
tionalen über die gesellschaftliche und schen Kenntnisstand widerspiegeln. ßerdem muss die Wirksamkeit präventi-
soziale bis hin zur individuellen Ebene Darüber hinaus schätzen wir den Input ver Maßnahmen gegen Radikalisierung
– eine Rolle spielen. Es lässt sich des- dänischer Forschungsinstitute als kriti- und Terrorismus regelmäßig evaluiert
halb kaum feststellen, ob ein Radikali- sches Korrektiv. Nur auf diese Weise werden. Der Dänische Sicherheits- und
sierungsprozess auch ohne die Inter- Nachrichtendienst (PET) versucht mit
vention einer Behörde unterbrochen seiner Strategie, Antworten auf diese
wo rden wäre oder ob ein Mitglied einer Herausforderungen zu finden – teilwei-
UNSERE AUTORIN

radikalen Organisation auch ohne die se ist dies auch bereits gelungen –, um
Unterstützung durch Sicherheitsbehör- die „weichen“ Maßnahmen zur Verhin-
den ausgestiegen wäre. Wir operieren derung von Terrorismus zu optimieren
naturgemäß in einem extrem komplexen und kontraproduktive Nebeneffekte zu
sozialen Umfeld, und wir müssen immer vermeiden.
wieder überprüfen, ob unsere Maßnah-
men die richtigen sind. ANMERKUNGEN
Ziel des SSP-Programms ist es, die loka-
1 Der Dänische Sicherheits- und Nachrichten-
len Behörden und Sozialbehörden in
dienst (Politiets Efterretningsjeneste/PET) ist zu-
die Lage zu versetzen, die Kennzeichen ständig für die Ermittlung bei Straftaten, die den
für Radikalisierungsprozesse frühzeitig Kapiteln 12 und 13 des dänischen Strafgesetz-
zu erkennen und zu handeln, wenn ein PhD Anja Dalgaard-Nielsen; Direktorin buchs unterliegen, d. h. „Verbrechen gegen die
bestimmter Jugendlicher erkennbar in des Preventive Security Department staatliche Sicherheit und Souveränität“ sowie
„Verbrechen gegen die Verfassung, die obersten
eine gefährliche Richtung abdriftet. Die beim Dänischen Sicherheits- und Nach- Staatsorgane u. a. Weitere Informationen unter:
positiven Rückmeldungen, die wir von richtendienst (PET); sie ist dort für die www.pet.dk
den lokalen Behörden bisher erhalten Bereiche Prävention, Deradikalisierung 2 Die dänische Bezeichnung lautet: Socialog
haben, nehmen wir als Indikator für den und für Sicherheitsfragen verschiedens- Skoleforvaltningen Politiet.
3 Auszug dem Papier “Die dänische Jugendpo-
Erfolg des Projekts. Bei einer Umfrage ter Art zuständig; vor dieser Tätigkeit
litik” von Bertel Geismar Haarder, Minister für
Anfang 2011 haben fast alle der etwa war sie u. a. als Senior Researcher in Unterricht und Kirche, unter: www.coe.int/dg4/
100 Personen, die bislang am SSP-Pro- dem Projekt „Political Violence, Terro- youth/Source/Resources/.../N11_YP_Denmark.
gramm teilgenommen haben, angege- rism, and Radicalization“ am Danish de.pdf [27.9.2011]
ben, dass sie von unseren Kursen stark Institut for International Studies (DIIS) 4 COWI: Mid-term Evaluation of the Action
Plan “A common and safe future”, June 2011 .
profitiert und dass unsere Dossiers und tätig.

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ISLAMISTISCHER TERRORISMUS IN DEUTSCHLAND

Die neuen Internationalisten – Organisations-
formen des islamistischen Terrorismus
Guido Steinberg

schäftigung mit dem dschihadistischen der Hamburger Zelle von 2001, die drei
Am 2. März 2011 verübte der Kosovare Netz dazu, auf eigene Initiative einen der vier Piloten der Anschläge vom
Arid Uka den ersten islamistischen Terror- terroristischen Anschlag zu verüben. 11. September hervorbrachte, mit de-
anschlag in Deutschland. Der Fall Uka ist Am Abend vor dem Anschlag fand Uka nen Arid Ukas vergleicht. Die Hambur-
deshalb so herausragend, weil sich ein Tä- ein Video der Islamischen Bewegung ger Zelle war Teil der Al-Qaida, einer
ter erstmals über das Internet radikalisiert Usbekistans (IBU). In dem Video rief der transnationalen Organisation, die in
und sich gleichsam von selbst für die dschi- Deutsch-Marokkaner Yassin Chouka der Lage war, die Handlungen ihrer
hadistische Sache rekrutiert hatte. Die Rol- (alias Abu Ibrahim al-Almani) von Pakis- Hamburger Gefolgsleute weitgehend
le einer terroristischen Organisation war tan aus dazu auf, den bedrängten zu kontrollieren. Die drei Piloten – der
auf ein Minimum reduziert. Sie lieferte le-
muslimischen Frauen in Afghanistan zur Ägypter Mohammed Atta, der Emirati
diglich noch die Ideologie. Die dschihadis-
Hilfe zu kommen. Zusätzlich enthielt der Marwan al-Shehhi und der Libanese Zi-
tische Szene ist gegenwärtig eher durch
Film einen Teil, in dem die Vergewalti- ad Jarrah hatten im Jahr 1999 den Weg
dezentrale Strategien charakterisiert. Den-
noch haben terroristische Organisationen gung eines Mädchens durch US-Solda- in ein Trainingslager der Al-Qaida in
ihre Funktion für den islamistischen Terro- ten gezeigt wurde. Bei dieser Sequenz Afghanistan gefunden. Sie erwiesen
rismus nicht verloren. Guido Steinberg handelte es sich um einen Ausschnitt sich als Glücksfall für die Organisation,
skizziert mit Blick auf die Bundesrepublik des amerikanischen Kinofilms „Redac- die damals bereits die Anschläge mit zu
drei Organisationsformen: die organi- ted“ von 2007, in dem das Massaker von fliegenden Bomben umfunktionierten
sierten Dschihadisten, die unabhängigen Mahmudiya gezeigt wird. Dabei han- Flugzeugen plante. Es fehlte aber aus-
Dschihadisten und die so genannten neuen delt es sich um einen wahren Fall aus reichend qualifiziertes Personal. Die
Internationalisten. Anhand konkreter Bei- dem Irak. Im März 2006 vergewaltigten ursprünglich für die Pilotenrollen vorge-
spiele werden Prozesse und Mechanismen US-Soldaten tatsächlich ein 14-jähri- sehenen Jemeniten verfügten nicht über
der Radikalisierung, die terroristischen Or- ges Mädchen in einem Dorf nahe der die notwendigen technischen und
ganisationen, deren Strategien und Akti- Stadt Mahmudiya südlich von Bagdad sprachlichen Fähigkeiten. Außerdem
onsformen eingehend dargestellt. Vor al- und töteten sie mit ihrer ganzen Familie. hatten sie keinerlei Erfahrung mit dem
lem die neuen Internationalisten, welche Die IBU hatte die Filmsequenzen in ihr Leben in der westlichen Welt. All dies
die Vorteile von Organisation und Unab- Video geschnitten, um dessen propa- brachten die Hamburger Freiwilligen
hängigkeit in hybrider Weise miteinander gandistische Wirkung zu verstärken. mit und wurden rasch als Selbstmordat-
verbinden, stellen seit 2007 die größte Uka beabsichtigte, ausschließlich nach tentäter rekrutiert. Nach einem entspre-
Bedrohung für die innere Sicherheit in Afghanistan ausreisende amerikani- chenden Training wurden Atta, Shehhi
Deutschland dar. I sche Soldaten zu töten, um so eine Wie- und Jarrah nach Hamburg zurückge-
derholung ähnlicher Ereignisse zu ver- schickt, um von dort die Organisation
hindern. Bevor er dem ersten Soldaten voranzutreiben. In allen nun folgenden
Einleitung: Der Frankfurter Anschlag in den Kopf schoss, fragte er deshalb, Phasen behielt Al-Qaida allerdings die
ob es sich bei der Gruppe, die er an- Planungshoheit und ließ den Rekruten
Am 2. März 2011 verübte der Kosovare griff, tatsächlich um Militär handelte nur so viel eigenen Entscheidungsspiel-
Arid Uka den ersten islamistischen ter- und wohin sie reisten. Für die Erfor- raum wie unbedingt notwendig. Al-
roristischen Anschlag in Deutschland. schung des islamistischen Terrorismus Qaida agierte hier wie herkömmliche
Am Frankfurter Flughafen erschoss er war der Fall Uka insofern von herausra- terroristische Organisationen, die oft
zwei amerikanische Soldaten und ver- gender Bedeutung, weil hier das erste autoritär geführt werden und sich be-
letzte zwei andere schwer. Dass nicht Mal ein Fall vorlag, in dem der Täter sich mühen, ihre Gefolgschaft einer mög-
noch mehr Menschen getötet wurden, ausschließlich über das Internet radika- lichst weitgehenden Kontrolle zu unter-
geht auf eine Ladehemmung seiner Pis- lisiert und gleichsam selbst für die dschi- werfen. Neu war damals vor allem die
tole zurück. Uka führte noch eine große hadistische Sache rekrutiert hatte und große Reichweite der Organisation, die
Menge Munition mit sich. Besonders anschließend zur Tat schritt. Dabei ihr Hauptquartier in Afghanistan hatte
Aufsehen erregend war am Fall Uka, bleibt die von Organisationen unab- und doch in der Lage war, Anschlags-
dass er nicht in Kontakt mit einer größe- hängige Radikalisierung eine von min- planungen über Kontinente hinweg zum
ren terroristischen Organisation ge- destens drei möglichen Varianten, die Erfolg zu führen.
standen und es auch keine sonstigen in verschiedenen Phasen der Geschich- Im Fall Arid Ukas hat sich die Rolle der
Hintermänner oder ideologische Brand- te des Dschihadismus unterschiedlich terroristischen Organisation – in die-
stifter gegeben zu haben scheint. Viel- wichtig waren. sem Falle der IBU – hingegen auf ein Mi-
mehr hatte sich der junge Kosovare aus- nimum reduziert. Sie lieferte lediglich
schließlich über das Internet radikali- noch die Ideologie und sehr unspezifi-
siert. Dort verschaffte sich Uka „Infor- Die dschihadistische Szene in sche Zielvorgaben, die der kosovari-
mationen“ über die politische Situation Deutschland sche Täter aus dem Internet übernahm
in Afghanistan und im Irak, befasste sich und sich auf dieser Grundlage zu einem
mit der Ideologie salafistischer Prediger Die dschihadistische Szene in Deutsch- terroristischen Anschlag entschied. Die-
in Deutschland und schaute sich zahl- land hat seit 2001 eine Wandlung ser Wandel ist zum einen das Ergebnis
reiche Propagandavideos an. Binnen durchgemacht. Dies wird beispielswei- einer Entwicklung der dschihadisti-
weniger Monate brachte ihn die Be- se deutlich, wenn man die Aktivitäten schen Szene insgesamt, in der die gro-

228

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ßen Terrororganisationen wie Al-Qai- Mutterorganisation echte oder ge- DIE NEUEN INTERNATIONALISTEN –
da an Bedeutung verloren haben, weil fälschte Reisedokumente zu beschaffen, ORGANISATIONSFORMEN DES
sie in Südasien, der arabischen Welt, in Geldspenden zu sammeln und bei ISLAMISTISCHEN TERRORISMUS
Europa und den USA unter einem enor- Schleusungen von Aktivisten von und
men Verfolgungsdruck stehen. Statt- nach Europa zu helfen. Ihre Mitglieder
dessen weist die dschihadistische Sze- wurden jedoch im April 2002 verhaftet, nach den Anschlägen vom 11. Septem-
ne heute sehr viel dezentralere Züge auf nachdem Zarqawi persönlich einen An- ber 2001 jedoch ihre Gefährlichkeit er-
als früher. Neue Kommunikationsmittel schlag angeordnet hatte, der einen kannt hatten, gingen sie wesentlich ag-
wie das Internet haben diese Entwick- Nachtclub in Düsseldorf und eine jüdi- gressiver gegen sie vor. Es gelang Poli-
lung maßgeblich befördert. Dennoch sche Einrichtung in Berlin zum Ziel ha- zei und Geheimdiensten problemlos,
haben die Organisationen ihre Funktion ben sollte. 2 die Kommunikationswege der organi-
für den islamistischen Terrorismus nicht Die irakisch-kurdische Organisation sierten Dschihadisten mit dem Ausland
verloren. Vielmehr lassen sich mit Blick Ansar al-Islam entstand in den späten zu überwachen und ihre Strukturen an-
auf Deutschland drei Organisationsfor- 1990er Jahren in der kurdischen Auto- schließend schrittweise zu zerschlagen.
men unterscheiden, die parallel existie- nomiezone im Nordirak und änderte
ren – nämlich die organisierten Dschi- mehrmals ihren Namen. Zunächst be- Die unabhängigen Dschihadisten
hadisten, die unabhängigen Dschiha- kämpfte sie in erster Linie die im Kurden-
disten und die neuen Internationalis- gebiet herrschenden Kurdenparteien, Seit 2005/2006 zeigte sich ein Trend
ten.1 Obwohl sie alle parallel auftreten, erweiterte ihr Zielspektrum jedoch im hin zu stärker unabhängigen Formen
hat jede Organisationsform in einer be- Jahr 2003. Nach der amerikanisch-bri- terroristischer Aktivität in Deutschland,
stimmten Phase seit 2001 die deutsche tischen Invasion und dem Sturz des Re- der seinen vorläufigen Höhepunkt mit
Szene dominiert, die organisierten gimes von Saddam Hussein rekrutierte dem Attentat von Arid Uka in Frankfurt
Dschihadisten ungefähr bis 2003, die die Organisation zunehmend arabi- fand. In einigen Fällen handelte es sich
unabhängigen Dschihadisten in den sche Iraker und weitete ihre Aktivitäten bei den Tätern um junge Muslime, die
Jahren 2005 und 2006 und die neuen auf den Zentralirak aus, wo sie die Inva- bereits in Deutschland geboren waren
Internationalisten ab 2006. Dabei soren und den neuen irakischen Staat oder den größten Teil ihres Lebens im
scheinen vor allem letztere zu einer attackierte. Während die Ansar al-Is- Land verbracht hatten, in jedem Fall
wachsenden Gefahr zu werden, da sie lam zu einer der stärksten Gruppierun- aber nicht über die logistische Unter-
die Vorteile von Organisation und Un- gen der irakischen Aufstandsbewegung stützung großer dschihadistischer Or-
abhängigkeit in einer hybriden Weise wurden, erhielten sie Unterstützung von ganisationen verfügten.
verbinden. der irakisch-kurdischen Diaspora und Das vielleicht erste und besonders lu-
von arabischen Sympathisanten in Eu- penreine Beispiel für einen versuchten
Die organisierten Dschihadisten ropa. Die Organisation unterhielt ein Anschlag eines unabhängigen Dschi-
großes Netzwerk in Skandinavien, in hadisten war der des pakistanischen
Die organisierten Dschihadisten sind Deutschland und Norditalien, das ihr Studenten Amer Cheema. Im März
diejenigen, die sich Organisationen Rekruten, Geld und Ausrüstung zuführ- 2008 reiste der damals 28-jährige von
wie Al-Qaida, Al-Qaida im Irak oder te. Auch ein Teil ihrer Öffentlichkeitsar- Mönchengladbach nach Berlin, um den
den Ansar al-Islam angeschlossen ha- beit – wie vor allem ihr Internetmagazin damaligen Chefredakteur der „Welt“,
ben, von ihnen ausgebildet wurden und Ansar as-Sunna – scheint von Europa den Schweizer Roger Köppel, zu ermor-
sich auch nach ihrer Rückkehr aus den aus unterstützt worden zu sein. den, weil die Tageszeitung die däni-
Trainingslagern im Ausland entspre- In Deutschland gingen die Sicherheits- schen Karikaturen des Propheten Mu-
chend den Anweisungen ihrer Oberen behörden seit Ende 2003 gegen die Ak- hammad abgedruckt hatte. Er erschien
verhalten. Die Hamburger Zelle war in tivisten und Sympathisanten der Orga- in der Lobby des Berliner Springer-
Deutschland das prominenteste Bei- nisation vor. Im Dezember wurde mit Hochhauses und zog ein Küchenmesser,
spiel. Doch die in ihrem Umfeld auch Luq man Amin Muhammad der Kopf des als die Pförtner ihn nicht zu Köppel vor-
nach dem Tod der Piloten fortbestehen- deutschen Flügels der Ansar as-Sunna ließen. Anschließend wurde er schnell
de Szene wurde nach den Anschlägen in München verhaftet und anschließend überwältigt und inhaftiert. 4
vom 11. September 2001 rasch zer- verurteilt. 3 In den nächsten Jahren hob Der Karikaturenstreit scheint auch die
schlagen. In den nächsten Jahren wa- die deutsche Polizei große Teile der beiden Kofferbomber im Jahr 2006 zu
ren es insbesondere Angehörige der irakisch-kurdischen Unterstützerszene einem Anschlagsversuch in Deutsch-
Zarqawi-Organisation und der ira- aus, die sich vor allem in Süddeutsch- land bewogen zu haben. Bei den Tätern
kisch-kurdischen Ansar al-Islam (die land aufhielt. Im November 2004 wur- handelte es sich um libanesische Stu-
zwischen 2003 und 2007 den Namen den sogar drei Angehörige der Organi- denten, die ein Jahr bzw. eineinhalb
Ansar as-Sunna führte), die die organi- sation verhaftet, weil sie angeblich ei- Jahre zuvor nach Deutschland einge-
sierte Dschihadistenszene in Deutsch- nen Mordanschlag auf den damaligen reist waren. Sie platzierten zwei zu
land prägten. irakischen Interimsministerpräsidenten Hause gebastelte Sprengsätze in zwei
Die wohl gefährlichste Zelle war die aus Iyad Allawi in Berlin geplant hatten. Regionalzügen in Nordrhein-Westfa-
vier Personen bestehende Abu Ali- Obwohl die Beweislage nicht eindeutig len. Aufgrund eines Konstruktionsfeh-
Gruppe, die nach ihrem Anführer, dem war, machen die Ereignisse deutlich, lers detonierten die Bomben nicht, so
Palästinenser Muhammad Abu Dhess wie schnell Logistikzellen etablierter dass die Öffentlichkeit erst verspätet
alias Abu Ali, benannt war und haupt- Organisationen auf terroristische An- von dem Anschlagsversuch erfuhr. Einer
sächlich von Essen aus operierte. Die schlagsplanungen umschalten können. der verhinderten Attentäter, Yusuf al-
Abu-Ali-Gruppe gehörte zu der Ta- Die organisierten Gruppen und Zellen Hajj Dib, wurde in Deutschland verhaf-
whid-Organisation des jordanischen erwiesen sich vor allem deshalb als ver- tet und später zu lebenslanger Haft ver-
Terroristen Abu Musab az-Zarqawi folgungsanfällig, weil sie mit der Füh- urteilt, während sein Komplize Jihad
(1966–2006), die im Oktober 2004 in rungsebene ihrer Organisation in Pakis- Hamad in seine Heimat flüchtete und
Al-Qaida in Mesopotamien umbenannt tan, im Irak oder Algerien kommunizie- dort zu zwölf Jahren Haft verurteilt wur-
wurde. Die eigentliche Aufgabe der Zel- ren mussten. Als die europäischen Re- de. 5 Zwar stand Yusuf al-Hajj Dib durch-
le im Ruhrgebiet bestand darin, für die gierungen und Sicherheitsbehörden aus in Kontakt mit Mitgliedern der dschi-

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hadistischen Szene im Libanon. Sein äl- sen. In Waziristan traten diese jungen Die Sauerland-Gruppe
terer Bruder Saddam, der im Mai 2007 Männer und Frauen der Al-Qaida, der
getötet wurde, war ein prominentes Islamischen Bewegung Usbekistans Die Sauerland-Gruppe ist bis heute das
Mitglieder der libanesischen Organisa- (IBU) und der ebenfalls usbekischen Is- beste Beispiel für das Phänomen der
tion Fath al-Islam. 6 Dennoch gelang es lamischen Jihad Union (IJU) bei. „neuen Internationalisten“ geblieben.
den deutschen Ermittlern nicht, die An- Drei Mitglieder der IJU, die beiden Kon- Besonders auffällig ist, wie scheinbar
schlagsplanungen der beiden Libane- vertiten Fritz Gelowicz und Daniel oder tatsächlich zufällig die Gruppe
sen mit einer größeren Organisation in Schneider und der Türke Adem Yilmaz junger Männer zusammenfand und sich
Zusammenhang zu bringen. wurden am 4. September 2007 in Ober- anschließend auf den Weg ins pakista-
Das Scheitern dieser und anderer At- schledorn, einer kleinen Stadt im nord- nische Waziristan – seit 2002 das neue
tentatspläne zeigte den Dschihadisten, rhein-westfälischen Sauerland verhaf- Epizentrum des internationalen Terro-
dass sie für erfolgreiche Anschläge ei- tet. Sie hatten gerade damit begonnen, rismus – machte.
ne solide logistische Basis brauchen. Bomben zu bauen, mit denen sie ameri- Die Gruppenmitglieder Gelowicz und
Dass auch deutsche Dschihadisten sich kanische Ziele in Deutschland angreifen Selek kannten sich aus dem „Multikul-
dessen bewusst wurden, zeigte sich im wollten. Der Einsatzbefehl kam aus dem turhaus“ in Neu-Ulm und hatten Yilmaz
Fall des marokkanischen Studenten Hauptquartier der IJU aus dem pakista- und Schneider bei der Pilgerfahrt nach
Radwan al-Habhab, der im Juli 2006 in nischen Mir Ali. Die so genannte Sauer- Mekka und über gemeinsame salafisti-
Hamburg verhaftet wurde. Habhab land-Gruppe gehörte zu einem größe- sche Kontakte in Deutschland kennen-
hatte seine dschihadistische Karriere ren Netzwerk von rund zwei Dutzend gelernt. Sie planten zunächst, sich den
als Internetaktivist begonnen und be- Dschihadisten mehrheitlich türkischer Rebellen in Tschetschenien anzuschlie-
trieb in Kiel ein Internetcafé, begann und türkisch-kurdischer Abstammung, ßen, fanden aber trotz guter Kontakte in
dann aber, für junge marokkanische die nur lose Kontakte unterhielten. Sie der Türkei keinen Weg in den Nordkau-
Freiwilligen die Reise aus ihrem Heimat- hatten sich unter dem Einfluss salafisti- kasus. Deshalb beschlossen sie, in der
land nach Syrien zu organisieren, von scher Prediger und des Internets in syrischen Hauptstadt Damaskus zu-
wo aus sie sich Al-Qaida im Irak an- Deutschland radikalisiert. Seinen Nuk- nächst Arabisch zu lernen, um von dort
schlossen. Um das Vertrauen seiner leus hatte die Gruppe jedoch im „Multi- aus nach Tschetschenien oder mög-
Kontaktleute in Syrien zu gewinnen, kulturhaus“ in Neu-Ulm, einem salafisti- licherweise in den Irak zu reisen und
musste er jedoch zunächst selbst nach schen Kulturzentrum, von wo aus sich sich den Aufständischen anzuschließen.
Syrien und anschließend nach Algerien bereits einige Jahre zuvor eine Gruppe Als ihnen auch dies mangels lokaler
reisen. Die Bekanntschaft im virtuellen junger Männer auf den Weg nach Kontaktleute nicht gelang, lernte
Raum konnte die persönliche Begeg- Tschetschenien gemacht hatte. Beson- Adem Yilmaz noch in Syrien eine Grup-
nung offenkundig nicht ersetzen. Au- ders auffällig war jedoch, dass die Sau- pe aserbaidschanischer Dschihadisten
ßerdem kam Habhab gemeinsam mit erländer während ihrer Zeit in Deutsch- kennen, die zunächst behaupteten, ihn
einigen Gleichgesinnten zu der Über- land nicht etwa von einer größeren Or- nach Tschetschenien bringen zu kön-
zeugung, dass es ohne ein entspre- ganisation rekrutiert worden wären. nen. Sie verwiesen jedoch darauf, dass
chendes Training unmöglich sei, eine Vielmehr fanden die jungen Männer oh- die Deutschen zunächst eine militäri-
wirkungsvolle terroristische Zelle zu bil- ne fremde Hilfe zusammen, organisier- sche Ausbildung benötigten und boten
den. Deshalb soll er versucht haben, ten ihre Ausreise selbst und schafften es ihnen an, sie zu einer usbekischen
sich in einem Camp der algerischen nur auf reichlich abenteuerlichen Um- Gruppierung im pakistanischen Wazi-
Salafistischen Gruppe für Predigt und wegen, den Kontakt zu einer Organisa- ristan zu vermitteln. Obwohl Gelowicz
Kampf (GSPC) – der Vorgängerorgani- tion in Pakistan herzustellen. Die Sauer- und Yilmaz weder die Gruppierung
sation der 2007 gegründeten Al-Qaida länder wurden hier zu Pionieren des selbst noch die pakistanische Stammes-
im Islamischen Maghreb – ausbilden zu deutschen Dschihadismus. Ab dem Jahr agentur Waziristan kannten, machten
lassen. Der Fall Habhab zeigte beson- 2007 nahm die Zahl der deutschen Frei- sie sich auf den Weg und wurden tat-
ders deutlich, dass die deutschen Dschi- willigen, die sich in Pakistan terroristi- sächlich über das iranische Zahedan
hadisten die Nachteile unabhängiger schen Organisationen anschlossen, ra- und Quetta in Pakistan zur Islamischen
Organisationsformen genau erkann- pide zu. Jihad Union (IJU) geschleust.
ten. Da diese Dschihadisten vor ihrer Abrei- Es ist bis heute nicht geklärt, warum die
se noch keiner Organisation angehör- Freiwilligen zu einer nur wenig bekann-
Die „neuen Internationalisten“ ten und sich vielmehr im Kontakt mit ten usbekischen Organisation geschickt
Gleichgesinnten radikalisierten, war es wurden, obwohl doch die weitaus be-
Die „neuen Internationalisten“ vereinen – ähnlich wie im Fall der unabhängigen kanntere arabische Al-Qaida ihr Haupt-
die Vorzüge der organisierten und un- Dschihadisten – sehr schwierig, sie vor quartier ebenfalls in Nord-Waziristan
abhängigen Aktionsformen und haben der Abreise zu identifizieren. Nachdem aufgeschlagen hatte. Die Antwort dürf-
sich deshalb zur seit 2007 größten Be- sie das Land verlassen hatten, wurde es te wohl mit der Geschichte der IJU und
drohung für die innere Sicherheit in für die deutschen Sicherheitsbehörden den Sprachkenntnissen der deutschen
Deutschland entwickelt. Ihre Angehöri- noch schwieriger, den weiteren Werde- Gruppe zu tun haben. Zum einen hatte
gen sind neue Internationalisten, weil gang der Dschihadisten zu verfolgen. die IJU gute Kontakte in die kaukasische
sie in weiten Teilen die ethnischen und Zu schwach sind die deutschen Sicher- Dschihadistenszene, da sich führende
nationalen Trennlinien überwunden ha- heitsbehörden im Ausland aufgestellt. Angehörige der Organisation schon in
ben, die bis heute so typisch für die or- Durch die dann folgende Anbindung an den 1990er Jahren in Tschetschenien
ganisierten Dschihadisten sind. Wäh- Organisationen wie Al-Qaida, die IJU aufgehalten hatten. 7 Aus dieser Zeit
rend diese meist homogene Gruppen oder die IBU verschafften sich die deut- dürften auch die Kontakte zu aserbaid-
bilden, schlossen sich in Deutschland schen Rekruten die Ausbildung, die für schanischen Dschihadisten stammen,
seit 2006 immer mehr Türken, Kurden, erfolgreiche terroristische Aktivität wei- die zwar nur über sehr wenige Aktivis-
Araber, Afghanen und deutsche Kon- terhin notwendig ist. So vereinen die ten verfügen, die aber bereits seit Mitte
vertiten in kleinen Gruppen zusammen, neuen Internationalisten die Stärken der 1990er Jahre in Tschetschenien ak-
um sich in den pakistanischen Stammes- der organisierten und der unabhängi- tiv waren. 8 Zum anderen bot sich ein
gebieten terroristisch ausbilden zu las- gen Dschihadisten. Training bei einer usbekischen Organi-

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sation an, da zwei der vier Sauerländer strebte einzig und allein den Sturz des DIE NEUEN INTERNATIONALISTEN –
Türkisch sprachen und nur Gelowicz et- usbekischen Regimes von Präsident Is- ORGANISATIONSFORMEN DES
was Arabisch konnte. Gute arabische lam Karimov an. Stärker internationalis- ISLAMISTISCHEN TERRORISMUS
Sprachkenntnisse waren aber eine Vor- tisch orientierte Kreise hatten bereits
aussetzung für eine erfolgreiche Ausbil- 2001 eine Ausweitung der Ziele der IBU
dung bei Al-Qaida, während die Ver- gefordert und darauf verwiesen, dass Während sie auf der pakistanischen
ständigung zwischen Türken und Usbe- die Organisation Zentralasiaten aus Seite ein sicheres Rückzugsgebiet ha-
ken aufgrund der Ähnlichkeit beider verschiedenen Ländern rekrutierte. Die ben, liegt ihre Haupteinsatzregion in
Sprachen ohne weiteres möglich ist. Nationalisten um Yoldashev konnten den genannten afghanischen Provin-
Die jungen Männer hatten offenbar sich jedoch damals durchsetzen. zen. Seit Ende 2007 operieren Einheiten
nicht daran gedacht, Anschläge in Auch nachdem sich die zentralasiati- der Organisation auch in der afghani-
Deutschland zu verüben. Vielmehr ging schen Kämpfer der IBU im Winter schen Hauptstadt Kabul, wo sie sich zu
es ihnen vor allem darum, am Kampf der 2001/2002 aus Afghanistan zurückzie- mehreren Aufsehen erregenden An-
Aufständischen in Afghanistan teilzu- hen mussten und im pakistanischen schlägen bekannten.10
nehmen und sich später gegebenen- Stammesgebiet Süd-Waziristan ein Aufgrund der engen Bindung der IJU an
falls doch noch den tschetschenischen Rückzugsgebiet fanden, änderte sich das Haqqani-Netzwerk hat auch sie ihr
Rebellen anzuschließen. Die Führung an ihrer grundsätzlichen Ausrichtung afghanisches Einsatzgebiet in den Pro-
der IJU jedoch erkannte, dass die deut- nichts. Sie weigerten sich zunächst, am vinzen Paktia, Paktika und Khost. Sie
schen Freiwilligen auch in ihrem Hei- Kampf der afghanischen Aufständi- scheint dort nicht unabhängig, sondern
matland eingesetzt werden könnten schen im Nachbarland teilzunehmen. nur gemeinsam mit den afghanischen
und forderte sie zu Anschlägen auf Vielmehr bereiteten sie sich weiterhin Aufständischen zu operieren. Der An-
amerikanische und deutsche Einrichtun- auf die künftige Revolution in Zentral- schlagsplan der Sauerland-Gruppe
gen auf. Gelowicz und seine Freunde asien vor. Erst als sie verstärkt unter den ging ebenfalls auf die Situation in Af-
stimmten zu, planten aber, sofort nach Druck des pakistanischen Militärs ge- ghanistan zurück. Deutschland stellte
den Attentaten wieder nach Afghanis- rieten, begann sich die IBU an antipaki- im Jahr 2007 mit knapp unter 3.000 Sol-
tan zurückzukehren. stanischen Aktivitäten der pakistani- daten das drittgrößte ausländische
Es ist kein Zufall, dass die Aktivitäten der schen Taliban zu beteiligen. Ab 2008 Kontingent. Gleichzeitig war der öffent-
Sauerland-Gruppe erst dann aufge- zeigte die IBU dann eine leicht verstärk- liche Widerstand gegen den Einsatz in
deckt wurden, als sie mit der IJU koope- te Tendenz zur Internationalisierung Afghanistan in der Bundesrepublik be-
rierten. Im Oktober 2006 – kurz nach und nahm– unter anderem – den Kampf sonders groß. Mit Anschlägen kurz vor
der Rückkehr der ersten Sauerländer – gegen deutsche Truppen im Raum Kun- der im Oktober und November 2007
berichteten amerikanische Sicherheits- duz auf. anstehenden Abstimmung über die Af-
behörden ihren deutschen Kollegen von Die IJU hingegen konzentrierte sich von ghanistan-Mandate OEF und ISAF hoff-
verdächtigen E-Mails zwischen den Anfang an auf den Kampf gegen die te die IJU eine Verlängerung zu verhin-
Deutschen und IJU-Personal, bei dem ausländischen Truppen in Afghanistan. dern und damit einen Abzug der deut-
die Autoren die Nachrichten jeweils in Sie hat ihr Hauptquartier bei Mir Ali in schen Truppen zu erzwingen. Dement-
Entwurfsordnern von E-Mail-Konten Nord-Waziristan und arbeitet eng mit sprechend drängte sie ihre deutschen
speicherten, die beiden Seiten zugäng- dem so genannten Haqqani-Netzwerk Rekruten schon ab August 2007,
lich waren. Die deutsche Gruppe wurde zusammen. Dabei handelt es sich um ei- schnellstens zuzuschlagen.11
also erst in dem Moment auffällig, als ne afghanische aufständische Organi-
sie sich einer größeren Organisation sation, die aufgrund ihrer Stammesbin-
angeschlossen hatte. dungen auch in ihrem Rückzugsgebiet Die zweite Generation
im pakistanischen Nord-Waziristan
über sehr viel Einfluss verfügt. Sie wird Trotz des eher zufälligen Ablaufs der
Die Islamische Jihad Union nach ihrem langjährigen Führer Jala- Rekrutierung der Sauerland-Gruppe
luddin Haqqani (geboren in den 1930er hatten ihre Mitglieder zuvor den Weg in
Die Islamische Jihad Union (IJU) ist eine Jahren) benannt, der bereits in den die Trainingslager in Pakistan gefun-
verhältnismäßig kleine Organisation, 1980er Jahren am Kampf gegen die so- den. Dies war insofern eine außeror-
die sich erst im Jahr 2002 von der Islami- wjetische Besatzung Afghanistans teil- dentliche Leistung, als vielen deutschen
schen Bewegung Usbekistans (IBU) ab- nahm und über enge Beziehungen zu Dschihadisten bis dahin die Informatio-
spaltete. Sie verfügte in ihrer Hochzeit den arabischen Dschihadisten und Al- nen und Kontakte fehlten, um sich Al-
im Jahr 2006 nur über 100 bis 200 Qaida verfügt. Heute scheint jedoch Qaida, der IJU oder der IBU anzuschlie-
Kämpfer und war damit deutlich kleiner eher sein Sohn Sirajuddin Haqqani ßen. Dies hatte sich noch 2001 im Fall
als die IBU, die trotz hoher Verluste in (geb. ca. 1979) die militärischen Aktivi- des Türken Murat Kurnaz gezeigt, der
Afghanistan Ende 2001 immer noch täten der Organisation anzuführen. Er kurz nach den Anschlägen vom 11. Sep-
über eine Kämpferzahl im vierstelligen gilt als Vertreter einer neuen Generati- tember nach Pakistan reiste. Mangels
Bereich verfügte. on afghanischer Operationschefs, die Kontakten vor Ort gelang es ihm nicht,
Die Abspaltung der IJU ging auf die Ini- enge Kontakte zu Al-Qaida und ande- sich Al-Qaida oder einer anderen
tiative ihres Führers Najmiddin Jalolov ren ausländischen Kämpfern unterhal- dschihadistischen Organisation anzu-
(1972–2009) zurück, der sich mitsamt ei- ten und deren terroristische Vorgehens- schließen. Auch in den folgenden Jah-
nem runden Dutzend Anhängern von weisen übernommen haben. Einige Be- ren blieben Deutsche auf den dschiha-
der IBU lossagte. Die Entscheidung hat- obachter glauben, dass sie mittlerweile distischen Kriegsschauplätzen eher ei-
te ihre Ursache in einer bereits länger auch den dschihadistischen Internatio- ne Ausnahmeerscheinung.
anhaltenden Debatte innerhalb der nalismus der Al-Qaida teilen.9 Die Sauerländer erwiesen sich nun als
IBU, inwieweit die Organisation ihre Jalaluddin Haqqani und seine Familie Pioniere der deutschen dschihadisti-
Ideologie und Strategie internationali- gehören zu den Zadran-Paschtunen, schen Szene, die ihren Gesinnungsge-
sieren müsse. Ihr Führer Tahir Yoldashev die in den afghanischen Provinzen Pak- nossen zeigten, wie man nach Pakistan
(1968–2009) hatte nämlich auf einen tika, Paktia und Khost und auch im paki- gelangen konnte und an wen sich die
strikt nationalistischen Kurs gesetzt und stanischen Nord-Waziristan siedeln. Deutschen dort wenden konnten. Ab

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Guido Steinberg
2007 setzte sich eine regelrechte Reise- Saarlandes vollkommen hilf- und orien- Malla hatte die IJU zu diesem Zeitpunkt
welle Richtung Waziristan in Bewe- tierungslosen jungen Mann, der nur mit bereits mit unbekanntem Ziel verlassen,
gung. Von den rund 220 Deutschen, die der Hilfe von Freunden und Bekannten und der deutsch-türkische IJU-Propa-
seit 2001 nach Pakistan gereist sind, um die einzelnen Etappen bewältigen gandist Ahmet Manavbaşı scheint zwi-
dort ein Training bei terroristischen Or- konnte.14 Dass es ihm gelang, sich der schen Pakistan und der Türkei hin- und
ganisationen zu absolvieren, machte IJU anzuschließen, grenzt an ein Wun- hergependelt zu sein. Zwar hatten sich
sich die überwiegende Mehrheit nach der. zu diesem Zeitpunkt einige wenige
2007 auf den Weg. Allein knapp 40 die- Adem Yilmaz rekrutierte eine etwas grö- deutsche Rekruten der IBU und der Al-
ser 220 Männer verließen Deutschland ßere Gruppe von etwa einem halben Qaida angeschlossen, doch scheint
im Jahr 2009.12 Dieser Trend spricht da- Dutzend Personen, die mehrheitlich aus Breininger keine Kontakte zu ihnen ge-
für, dass der Wille zum bewaffneten seinem engeren Freundeskreise in Lan- habt zu haben. Erst im Jahr 2009 kamen
Kampf zwar schon vor 2007 gegeben gen bei Frankfurt und der näheren Um- deutsche Freiwillige in größerer Zahl
war, dass aber die entsprechenden gebung stammten. Es handelte sich fast nach Pakistan und begründeten dort ei-
Möglichkeiten fehlten. ausschließlich um ethnische Türken und ne eigene deutsche Szene.
Die erste Etappe der neuen Rekruten türkische Kurden, mit denen er sich an
war mit nur wenigen Ausnahmen die den Wochenenden im Garten seiner El-
Türkei, wo ihnen lokale Schleuser hal- tern traf. Hier war die Vermittlung pro- Die Deutschen Taliban Mujahidin
fen, in den Iran zu gelangen. Dort reis- fessioneller und zielgerichteter als bei
ten sie nach Zahedan, eine Stadt nahe Daniel Schneider. Yilmaz half seinen Mit der Ankunft von rund drei Dutzend
am iranisch-pakistanisch-afghanischen Freunden bei der Organisation der Rei- neuen Rekruten aus Deutschland war
Länderdreieck, von wo aus sie nach Pa- se über die Türkei in den Iran und vermit- erstmals die kritische Masse vorhan-
kistan gebracht wurden. Viele wurden telte sie an einen Schleuser der IJU im den, um deutsche Dschihadisten in ei-
allerdings beim Grenzübertritt nach Pa- iranischen Zahedan, der dann den ner eigenen Struktur zusammenzufas-
kistan aufgegriffen und anschließend in schwierigsten Teil der Wegstrecke hin- sen. Dies geschah im September 2009
den Iran, die Türkei oder direkt nach ein nach Pakistan abwickelte. Schon im mit der Gründung der Deutschen Tali-
Deutschland deportiert. Nur diejeni- Oktober 2007 starb mit Sadullah Kap- ban Mujahidin (DTM), einer Gruppe
gen, die unentdeckt bleiben konnten, lan der erste der Freunde bei einem Ge- von zwischen einem halben und einem
nahmen den Weg über die balutschi- fecht zwischen der IJU und pakistani- Dutzend aus Deutschland kommenden
sche Hauptstadt Quetta und Bannu und schen Truppen. Kämpfern, die vor allem aus Türken und
gelangten von dort aus nach Waziris- Der prominenteste Rekrut aus dieser türkischen Kurden und deutschen Kon-
tan. Gruppe wurde jedoch der in Deutsch- vertiten bestand.
Während sie selbst mit den Vorberei- land geborene Türke Cüneyt Çiftçi, der Treibende Kraft hinter der Gründung
tungen für einen Anschlag in Deutsch- sich 2007 der IJU anschloss und Anfang der DTM war der türkische Staatsbürger
land beschäftigt waren, rekrutierten die März 2008 ein Selbstmordattentat auf Ahmet Manavbaşı (1977–2010). Die
Sauerländer Daniel Schneider und eine amerikanische Basis verübte, bei saarländischen Behörden hatten den
Adem Yilmaz mehrere Freunde und Be- dem zwei amerikanische und zwei af- kriminellen Intensivtäter im Jahr 2000 in
kannte für die IJU. Schneider stammte ghanische Soldaten starben. Die IJU die Türkei abgeschoben. Erst dort fand
aus Neunkirchen im Saarland und ge- veröffentlichte daraufhin eine Presseer- er Anschluss an türkische Salafisten, die
hörte dort zu einer kleinen Gruppe jun- klärung, in der sie seinen Märtyrertod ihn auch in Kontakt mit der IJU brachten.
ger Dschihadisten, die auf seine Anre- verkündete. Mehrere Fotos des (leben- Spätestens ab 2007 organisierte er ge-
gung hin nach Pakistan reisten. Kurz be- den) jungen Mannes waren beigefügt.15 meinsam mit einer kleinen Zelle in Istan-
vor die heiße Phase der Vorbereitungen Ende März 2008 veröffentlichte die IJU bul die Öffentlichkeitsarbeit der Usbe-
in dem Ferienhaus im Sauerland be- ein Video des Anschlags, das Çiftçi bei ken.
gann, forderte Schneider seine Freunde den Vorbereitungen zeigte. Anfang Ap- Wichtigstes Instrument war zunächst
auf, das Land zu verlassen. Zum promi- ril wurde zudem ein Video der Taliban die türkischsprachige Webseite „Zeit
nentesten Ausreisenden wurde Eric öffentlich, in dem nicht nur Çiftçi bei den für den Märtyrertod“ (www.sehadet-
Breininger (1985–2010), der seine Er- Vorbereitungen zu seinem Anschlag zu vakti.com, seit Juli 2008 www.seha-
lebnisse in einer im Mai 2010 posthum sehen waren, sondern sich Jalaluddin detzamani.com), die ab spätestens Ap-
erschienenen Autobiographie schilder- Haqqani persönlich lobend zu dem At- ril 2007 Propagandamaterial der IJU
te.13 Auch hier fällt auf, wie schwer es tentat äußerte.16 In der Rückschau er- veröffentlichte. Die erste Publikation in
dem jungen Dschihadisten fiel, den wies sich der Tod Çiftçis als wichtige diesem Zusammenhang war ein Inter-
Weg in die Lager der pakistanischen Etappe in der Öffentlichkeitsarbeit der view mit dem Emir der IJU, Najmiddin
Stammesgebiete zu finden. IJU, die schon mit den Planungen der Jalolov, vom 31. Mai 2007.18 Das Inter-
Breininger war zunächst allein unter- Sauerländer auf sich aufmerksam ge- view ist in sehr fehlerhaftem Türkisch ge-
wegs, da sein späterer Gefährte, der macht hatte, nun aber in der westlichen schrieben, so dass bereits damals zu
Deutsch-Libanese Hussein Al-Malla Öffentlichkeit noch präsenter wurde. vermuten war, dass ein Diasporatürke
(geboren 1984) bereits im Juni 2007 Diese ersten Rekrutierungen begründe- mit begrenzten Türkischkenntnissen es
beim illegalen Grenzübertritt nach Pa- ten jedoch noch keine bleibende deut- verfasst oder aus einer anderen Spra-
kistan verhaftet und anschließend nach sche Präsenz in den pakistanischen che übersetzt hat. Mittlerweile ist denn
Deutschland ausgeliefert worden war. Stammesgebieten. Vielmehr kehrten die auch erwiesen, dass Manavbaşı unter
Ohne jegliche Fremdsprachenkenntnis- meisten Rekruten nach einigen Mona- dem Aliasnamen Salahuddin Turki (=
se begab sich Breininger nach Ägypten, ten Training und Aufenthalt in Waziris- Saladin der Türke) als Medienbeauf-
wo er sich an einer unter Salafisten po- tan nach Deutschland zurück. So be- tragter der IJU fungierte.
pulären Arabisch-Sprachschule ein- richtet Eric Breininger, dass er im Jahr Manavbaşı war auch die treibende
schrieb. Erst später stieß Al-Malla zu 2009 unter Einsamkeit gelitten habe, da Kraft hinter der im Februar 2009 ge-
ihm und die beiden reisten über Iran er der einzige Deutsche vor Ort gewe- gründeten Mediengruppe Elif Medya.
und Pakistan nach Waziristan, wo sie sen sei und er Verständigungsprobleme Alle nennenswerten dschihadistischen
sich der IJU anschlossen. Der Bericht mit den zentralasiatischen Mitgliedern Organisationen verfügen über solche
Breiningers zeigt ihn als außerhalb des der Organisation gehabt habe.17 Al- Mediengruppen oder -agenturen, die

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DIE NEUEN INTERNATIONALISTEN –
ORGANISATIONSFORMEN DES
ISLAMISTISCHEN TERRORISMUS

Tag ertragen muss. […] Es ist nur eine
Frage der Zeit, bis der Jihad die deut-
schen Mauern einreißt.“ 20
Zeitgleich mit diesen Aussagen werden
in dem Video oben rechts Bilder des
Brandenburger Tors in Berlin, der Sky-
line von Frankfurt am Main, des Okto-
berfestes in München, des Hamburger
Hauptbahnhofs und des Kölner Doms
gezeigt. Dieser Ablauf lässt nur die In-
terpretation zu, dass Anschläge auf die-
se oder ähnliche Ziele in Deutschland
angedroht werden, ohne dass die DTM
tatsächlich dazu in der Lage gewesen
wären.
Die Geschichte der DTM ist eng verbun-
den mit der der IJU. Auffällig ist, dass
ihre Gründung zeitlich mit dem Tod des
IJU-Führers Jalolov und seines Stellver-
treters Suhail Buranov im September
2009 zusammenfiel. Eine gängige Inter-
pretation ist deshalb, dass die IJU da-
mals so entscheidend geschwächt war,
dass ihre deutschen Mitglieder sich ent-
schlossen, eine eigene Organisation zu
gründen. Dagegen spricht jedoch, dass
die Zeit zwischen dem Tod Jalolovs am
14. September und der Fertigstellung
des Videos am 24. September zu kurz
ist, um einen Kausalzusammenhang
zwischen den beiden Ereignissen über-
zeugend zu begründen. Mit der Diskus-
sion über die Gründung der DTM und
den Arbeiten an dem Video muss schon
vor dem Tod Jalolovs begonnen worden
sein. Dies weist darauf hin, dass die IJU-
Führung an diesem Entscheidungspro-
zess beteiligt war.
Wahrscheinlicher ist deshalb, dass die
IJU im Jahr 2009 eine Art internationale
Brigade gründete, in der die nicht-zent-
Adem Yilmaz, ein Mitglied der Sauerland-Gruppe, im Verhandlungssaal des Oberlan- ralasiatischen Rekruten der Organisati-
desgerichtes in Düsseldorf. Die Sauerland-Gruppe ist bis heute das beste Beispiel für on zusammengefasst wurden. Seit dem
das Phänomen der „neuen Internationalisten“. Die Sauerländer erwiesen sich als Pionie- Frühjahr waren Dutzende türkischer,
re der deutschen dschihadistischen Szene, die ihren Gesinnungsgenossen zeigten, wie aserbaidschanischer und deutscher
man in Trainingslager nach Pakistan gelangen konnte. picture alliance/dpa Freiwilliger in Nord-Waziristan ange-
kommen. Die Türken und Aseris gehör-
ten zu einer Gruppierung, die bereits
ihr Propagandamaterial produzieren reich gewesen zu sein. Sie traten erst- länger in Tschetschenien aktiv war, der
und anschließend an Fernsehsender mals mit einem Video unter dem Titel es 2008 jedoch nicht mehr gelungen
oder (in den letzten Jahren fast aus- „Der Ruf zur Wahrheit“ auf, das auf den war, über Georgien in den Nordkauka-
schließlich) Webseiten und Foren wei- 24. September 2009 datiert war. Auf sus zu gelangen. Sie hatten sich des-
tergeben. „Zeit für den Märtyrertod“ dem Band werden Kämpfer beim militä- halb für einen Anschluss an die IJU in
entwickelte sich aufgrund ihrer engen rischen Training gezeigt. Darüber hin- Pakistan entschieden. Sie nannten sich
Bindung an die IJU ab 2007 zu der aus äußert sich ein vermummter Spre- Taifetül Mansura und arbeiteten eng
wichtigsten türkischen dschihadisti- cher namens Ayyub Almani19 zu Zielen mit den Deutschen Taliban Mujahidin
schen Webseite. Sie und Elif Medya und Programmatik der Gruppe und zusammen. 21 Dabei scheinen die Türken
verbreiteten in erster Linie das Material droht mit Anschlägen in Deutschland: ihren aus Deutschland stammenden
der IJU, der Deutschen Taliban Mujahi- „Erst durch euren Einsatz hier [in Afgha- Gesinnungsgenossen schon aufgrund
din und der türkischen Taifetül Mansura nistan; G.S.] gegen den Islam wird ein ihrer militärischen Erfahrung überge-
(„Siegreiche Gruppe“). Angriff auf Deutschland für uns Mud- ordnet gewesen zu sein. In jedem Fall
Die Deutschen Taliban Mujahidin schei- schahidin verlockend. Damit auch ihr waren die Deutschen Taliban Mujahi-
nen in erster Linie ein Propagandainst- etwas von dem Leid kostet, welches das din ein Teil dieser türkischen internatio-
rument für den deutschsprachigen Be- unschuldige afghanische Volk Tag für nalen Brigade.

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Ghassan Ali Saud Abu Dhess (u. a.), März 2006,
Guido Steinberg
Die wichtigste Funktion der Deutschen Dieses Hybridmodell dschihadistischer
passim.
Taliban Mujahidin scheint die auf Euro- Organisation hat aber ebenfalls große 3 Oberlandesgericht München: Urteil in dem
pa und die Türkei ausgerichtete Propa- Schwächen, die sich dann zeigen, wenn Strafverfahren gegen Lokman Amin Mohammed,
ganda gewesen zu sein. Obwohl sie am die IJU, Al-Qaida oder die IBU versu- München, o. D., passim.
Kampf gegen die Koalitionstruppen in chen, in Europa Anschläge zu verüben 4 Matthias Gebauer: Fall Amer Cheema – Alp-
traum Einzeltäter. In: Spiegel online, 11 . Mai 2006.
Afghanistan teilnahmen, ist unbekannt, oder Strukturen aufzubauen. Denn so- 5 Oberlandesgericht Düsseldorf: Urteil gegen
inwieweit sie militärisch und terroris- bald sie mit ihren Mitgliedern und Unter- Youssef Mohamad El Haj Dib, Dezember 2008,
tisch aktiv waren. Aus den Videos der stützern in Europa Kontakt aufnehmen, passim.
Gruppe kann man jedoch folgern, dass treten die Sicherheitsbehörden auf den 6 Al-Hayat (London), 10. Juni 2007 (Die Reise
von Saddam Dibs Familie zwischen einem Ver-
sie über einige fähige Ausbilder mit mili- Plan. Auf diese Weise erscheinen die
dacht in Akkar … und einem anderen in Deutsch-
tärischer Erfahrung verfügten. Die kurze neuen Internationalisten zwar als grö- land).
Geschichte der Deutschen Taliban Mu- ßere Gefahr als ihre Vorgänger, zeigen 7 Interview mit dem usbekischen Autor and IJU-
jahidin endete jedoch schon im April ihre Schwäche jedoch in dem Moment, Experten Victor Michailov, Cadenabbia, 22. März
2010, als ihr Emir Ahmet Manavba ş ı, in dem sie sich an eine Organisation 2011 .
8 Horasan’dan Sesleniş (Aufruf aus Khorasan),
Eric Breininger und der Berliner Danny binden. Auch die neuen Internationalis- hrsg. von Elif Medya, 28. April 2009.
Reinders in einem Feuergefecht mit pa- ten werden keine Antwort auf die zuneh- 9 Anand Gopal/Mansur Khan Mahsud/Brian
kistanischem Militär getötet wurden. mend effektiven Bekämpfungsmaßnah- Fishman: The Battle for Pakistan. Militancy and
Sofort setzte die Öffentlichkeitsarbeit men finden und den Niedergang der Conflict in North Waziristan. Washington, DC:
New America Foundation 2010, S. 11 .
der Gruppierung vollständig aus und dschihadistischen Bewegung nur kurz-
10 Jeremy Binnie/Joanna Wright: Network
eine Nachricht vom Dezember 2010, bis mittelfristig aufhalten können. Warriors. Al-Qaeda and the Haqqani Network.
dass der Berliner Fatih Temelli nun die Der Fall Uka verdeutlichte, wie die In: IHS Jane’s Security and Military Intelligence
Führung der Deutschen Taliban Mujahi- Dschihadisten auf den Niedergang re- Consulting: Relationships and Rivalries. Asses-
din übernommen habe, konnte ihr agieren könnten. Auch der junge Frank- sing Al-Qaeda’s Affiliate Network, October 2010,
S. 11–17 (S. 16).
schnelles Ende nicht überdecken. 22 furter Kosovare wollte ursprünglich 11 Der Spiegel vom 8. Oktober 2007 (Aladins
nach Afghanistan reisen, verfügte nach Erzählungen) und 10. September 2007 (Operati-
eigener Aussage jedoch nicht über die on Alberich).
Hybride Organisationsformen nötigen Kontakte, um die Ausreise zu or- 12 Die Zahl 220 nannte der BKA-Beamte Wolf-
gang Würz während eines Vortrags auf dem Eu-
ganisieren. Deshalb entschloss er sich,
ropäischen Polizeikongress in Berlin am 16. Feb-
Die Gründung der Deutschen Taliban den Kampf gegen die Amerikaner in ruar 2011. 110 dieser 220 Personen seien wieder
Mujahidin zeigte allzu deutlich, dass Deutschland aufzunehmen. Die unab- zurück in Deutschland, zehn davon in Haft.
die Zeit der terroristischen Organisatio- hängigen Dschihadisten könnten nach 13 „Mein Weg nach Jannah“, von Abdul Ghaf-
nen noch nicht abgelaufen ist. Ihr Emir seinem Vorbild in den kommenden Jah- far El Almani (hrsg. von Elif Medya), o. O., April
2010.
Ahmet Manavba ş i plante offenkundig, ren in Deutschland an Bedeutung ge- 14 Vgl. z. B. ebd. S. 76ff.
eine deutsch-türkische dschihadistische winnen. 15 ¡slami Cihad ¡ttehadi Basın Açıklaması (ht-
Organisation aufzubauen und mit ihr in tp://www.sehadetvakti .com/haber_detay.
Afghanistan und Deutschland terroris- php?haber_id=1889) [Zugriff am 7. März 2008].
ANMERKUNGEN 16 Matthias Gebauer: Top-Taliban kommandie-
tisch aktiv zu werden. Dass dies nicht
1 Zu dieser Kategorisierung vgl. Guido Stein- ren deutsche Gotteskrieger. In: Spiegel online
gelang, lag vor allem an der zuneh- vom 5. April 2008, (http://www.spiegel.de/poli-
berg: The Threat of Jihadist Terrorism in Germany.
mend schwierigen Situation in den pa- Analysis of the Real Instituto Elcano (Madrid), ARI tik/ausland/0,1518,545562,00.html) [Zugriff am
kistanischen Stammesgebieten, wo der 142/2008 (November 2008). 19. Juli 2009].
amerikanische und pakistanische Druck 2 Zu diesem Fall vgl. Oberlandesgericht Düs- 17 „Mein Weg nach Jannah“, von Abdul Ghaf-
seldorf: Urteil in der Strafsache gegen Mohamed far El Almani (hrsg. von Elif Medya), o. O., April
auf Al-Qaida und ihre Verbündeten seit 2010, S. 101 .
Ende 2007 stetig zunahm. 18 “Islami Cihad Ittehadi Emiri Ebu Yahya Mu-
Dabei stützten sich die IJU, Al-Qaida
UNSER AUTOR

hammed Fatih ile Röportaj”, 31 . Mai 2007, (http://
und die Deutschen Taliban Mujahidin www.cihaderi.net/haber.php?item_id=770.html)
[Zugriff am 8. März 2008]. An den Text angehängt
auf weitgehend unabhängige Struktu-
sind Bilder aus einem Trainingscamp der IJU in
ren in Deutschland selbst, die sich vor einer unwegsamen Berglandschaft. Rund 15 Per-
allem um die Zuleitung neuer Rekruten sonen werden gezeigt. Zu sehen ist eine Fahne,
kümmern. Die heutigen Rekrutierer kom- auf der in arabischer Schrift das Glaubensbe-
munizieren weniger als ihre Vorgänger, kenntnis und der Schriftzug „Ittihad al-Jihad al-
Islami“ (Islamische Jihad Union) und in englischer
so dass sie weniger gut zu fassen sind. Sprache „Islamic Jihad“ zu lesen sind.
Sie sind oft gesehene Gäste in den 19 Hierbei handelt es sich um den Berliner Yusuf
salafistischen Moscheen und Kulturzen- Ocak, der im Mai 2011 auf der Rückreise aus Pa-
tren, wo sie jedoch nur selten eine nach kistan in Wien verhaftet wurde.
20 „Der Ruf zur Wahrheit“ hrsg. von Elif Medya,
außen sichtbare prominente Rolle spie- Dr. Guido Steinberg ist Islamwissen-
24. September 2009. Der Name DTM taucht zum
len. Vielmehr suchen sie nach mögli- schaftler und arbeitet für die Stiftung ersten Mal im Untertitel zu den Trainingssequen-
chen Rekruten und nehmen diese zu Wissenschaft und Politik (SWP) – mit Sitz zen auf: „Das Schießtraining der Deutschen Tali-
konspirativen Studienzirkeln in Privat- in Berlin. Von 2002 bis 2005 war Gui- ban Mujahidin“.
räume mit, wo sie sie in erster Linie ideo- do Steinberg Referent im Referat Inter- 21 Dies zeigt sich in erster Linie in einem Video
der DTM vom September 2009, in dem Ebu Zer
logisch schulen. Anschließend schicken nationaler Terrorismus im Bundeskanz- gemeinsam mit den DTM-Mitgliedern Yusuf
sie sie auf die erste Etappe, meist nach leramt. Seine aktuellen Forschungs- Ocak, Eric Breininger und Fatih Temelli (und einem
Istanbul, wo die Operationsbedingun- schwerpunkte sind u. a.: saudi-arabi- aserbaidschanischen Kämpfer) auftrat. „Yardım
gen sehr viel besser sind als in Europa. sche Innen- und Außenpolitik, Al-Qaida kervanı yoluna devam ediyor (Die Hilfskarawane
setzt ihren Weg fort)”, hrsg. von Elif Medya,
Insgesamt scheint die Rolle der Organi- und islamistischer Terrorismus in der
8. September 2009.
sationen im Rekrutierungsprozess eher Bundesrepublik Deutschland; aktuelle 22 Es handelt sich um eine sehr kurze Meldung,
schwach ausgeprägt zu sein. Ihre Rolle Veröffentlichung: The German Jihad. in der eine längere Erklärung angekündigt wird.
wird in dem Maße wichtiger, wie sich On the Internationalization of Islamist Vgl. „Elif Medya Çok Yakında Yayında Olacak”,
die Freiwilligen Pakistan nähern. Terrorism. New York, Columbia Univer- 15.12.2010 (http://www.cihadmedya.net/11_Elif-
Medya-Cok-Yakinda-Yayinda_Olacak.html) [Zu-
sity Press 2012 (in Vorbereitung). griff am 6. Februar 2011].

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STRATEGIEN DER FRANZÖSISCHEN TERRORISMUSBEKÄMPFUNG

Dschihadismus „Made in France“ und
Terrorismusbekämpfung
Jean- Luc Marret

zunächst Afghanistan und Algerien, so anschläge mit islamistischem Hinter-
Frankreich blieb in den vergangenen wurde es später der Irak, dann wieder grund weltweit verantwortlich gemacht,
Jahren weitgehend von islamistischen Afghanistan und Algerien, und schließ- insbesondere für den 11. September
Anschlägen verschont. Dies lässt auf ei- lich alle Länder der Sahararegion. Au- 2001. Verständlicherweise mobilisierte
ne erfolgreiche Terrorismusbekämpfung ßerdem hat der Irakkrieg zweifellos zur die Personalisierung und Fokussierung
im Innern schließen, die präventiv ausge- weiteren Radikalisierung islamistischer der Bedrohung den Patriotismus der
richtet ist und sich durch eine hohe Reak- Milieus und zur verstärkten Rekrutie- Amerikaner, die sich geschlossen hinter
tionsfähigkeit auszeichnet. Trotzdem ist rung potentieller Selbstmordattentäter ihren Präsidenten stellten. Dieses Mus-
der stete Wandel der terroristischen Be- zwischen 2002 und 2007 beigetragen. ter der Solidarisierung unter dem Ster-
drohung eine Herausforderung für den
Heute bedroht der Al-Qaida-Ableger nenbanner – der sogenannte „Rally
französischen Sicherheitsapparat. Die
im Maghreb (Al-Qaida au Maghreb Is- around the flag“-Effekt – und die damit
sozialen Profile von Terroristen und die
lamique, kurz: AQMI) französische Inte- einhergehende Verdrängung kritischer
Selbstmordattentatsversuche vergange-
ner Jahre lassen erkennen, dass der ressen und nimmt immer wieder franzö- Stimmen aus dem öffentlichen Raum
Irakkrieg zu einer Radikalisierung isla- sische Staatsbürger als Geiseln. lässt sich in Krisenzeiten regelmäßig
mistischer Milieus und zur verstärkten beobachten.1 Dabei hat es die amerika-
Rekrutierung potentieller Selbstmordat- nische Administration stets verstanden,
tentäter beigetragen hat. Die Existenz Konzepte der Sozialwissenschaften: zur Legitimation harter sicherheitspoliti-
von Terrornetzwerken auf französischem „homegrown terrorism“ oder scher Maßnahmen eingängige Begriffe
Boden darf nicht darüber hinwegtäu- „glokaler“ Terrorismus? zur Kennzeichnung nationaler Bedro-
schen, dass jenseits der regionalen eine hungen zu formulieren. Mit dem seman-
globale bzw. transnationale Ebene exis- Gegenwärtig dominiert das Konzept tisch unscharfen Konzept des „Global
tiert, auf der diese Netzwerke agieren. des „homegrown terrorism“ die For- War on Terror“ (GWOT) wurde jetzt
Dementsprechend setzt die Strategie der schung und den öffentlichen Diskurs gleichermaßen der Kampf gegen den
Terrorismusbekämpfung nach außen auf zum Terrorismus. Für diesen Begriff exis- transnationalen Terrorismus als auch
mehreren Ebenen an. Nicht zuletzt die tiert jedoch weder eine einheitliche, gegen vermeintliche Massenvernich-
zunehmenden terroristischen Aktivitäten noch eine allgemeingültige Definition. tungswaffen im Irak bezeichnet.
im Maghreb bzw. Sahelraum sind für Er entstammt dem angloamerikanischen In Anbetracht der ausbleibenden
französische Interessen und dort leben- Diskurs, der die Forschung nicht zuletzt schnellen militärischen Lösung des Ter-
de französische Staatsbürger eine Be- wegen der starken Stellung des Engli- rorismusproblems und der wachsenden
drohung. I schen als internationaler Wissen- Zahl von Anschlägen in Europa, im Irak
schaftssprache dominiert. Daraus er- und in den USA, die von lokalen und
(Die Übersetzung des Textes besorgte
gibt sich eine weite und oftmals unkriti- nicht von transnationalen Zellen durch-
Jerome Kuchejda, Universität Tü bin gen.)
sche Verbreitung amerikanischer wis- geführt worden sind, wurde der starke
senschaftlicher Konzepte und Analysen. Fokus auf militärische Maßnahmen ab
Der aus den USA stammende Begriff 2006 mehr und mehr in Frage gestellt.
„homegrown terrorism“ ist hierfür ein Unter General John P. Abizaid, von
Einleitung Beispiel und wird in Europa von Exper- 2003 bis 2007 Kommandeur des US-
ten und Medien allzu oft distanzlos ver- Zentralkommandos (US Central Com-
In Frankreich gab es seit den Bomben- wendet. Es ist für die Ergebnisse unserer mand), wurde der „GWOT“ zum „LWOT“
anschlägen auf die Pariser S-Bahn-Sta- Analysen jedoch von Relevanz, wie wir – zum „Long War on Terror“. 2 Der US-
tion Port-Royal 1996 keinen verheeren- das Phänomen, welches wir untersu- Verteidigungsbericht von 2006 griff
den dschihadistischen Anschlag mehr. chen, benennen. diesen konzeptionellen Wandel auf
Dies kann als Erfolg der französischen Auf amerikanischer Seite weist der und verstand Terrorismusbekämpfung
Terrorismusbekämpfung gesehen wer- zunehmende Gebrauch des Begriffs entlang eines Kontinuums von Maßnah-
den. Jedoch ist das nicht die einzige Er- „home grown terrorism“ gleichermaßen men, die zwischen Innenpolitik (Home-
klärung: Genauso wie die gute Strate- auf einen konzeptionellen wie operati- land Security) und Außenpolitik (War
gie sowie Organisation von Polizei und ven Wandel hin, der von der Obama- on Terror) angesiedelt sind. 3 Dieses um-
Justiz hat die amateurhafte Durchfüh- Administration vollzogen wurde, aber fassende Verständnis ermöglichte glei-
rung zahlreicher Anschlagsversuche bereits während der vorangegangenen chermaßen, und ganz im Sinne der neo-
bislang zu dieser positiven Bilanz bei- zweiten Amtszeit von George W. Bush konservativen Programmatik, sowohl
getragen. Gleichwohl stellt der stete eingeleitet worden war. Dieser Wandel die harte militärische Unterstützung von
Wandel der terroristischen Bedrohung zeigt an, dass die terroristische Bedro- Alliierten im Kampf gegen den Terroris-
eine permanente Herausforderung für hung zunehmend fragmentiert, diffus mus als auch nationale Stabilisierungs-,
den französischen Sicherheitsapparat und lokalisiert wahrgenommen wird. Aufstandsbekämpfungs- und Wieder-
dar. Immer wieder sind es andere Län- Ursprünglich setzten amerikanische aufbauprogramme, wie beispielsweise
der, aus denen Migranten nach Frank- Dokumente die dschihadistische Bedro- im Irak oder in Afghanistan. Deutlich
reich kommen, und immer wieder sind es hung mit Al-Qaida und Osama Bin La- wurde im Verteidigungsbericht – wie
andere Länder, die zu Hauptschauplät- den gleich. Diese beiden – Organisati- auch im Nationalen Militärstrategi-
zen des Dschihad wurden: Waren es on und Person – wurden für alle Terror- schen Plan für den Krieg gegen den Ter-

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Jean-Luc Marret
rorismus von 2006 –, dass der Feind nun ausgerichtet: Verdächtige werden fest- berücksichtig wird, dass die Zahl der
nicht mehr nur aus Al-Qaida bestand, genommen und verhört, bevor sie mit ei- Verurteilungen für einschlägige Strafta-
sondern als „transnationale Bewegung nem konkreten terroristischen Anschlag ten in den letzten Jahren stetig zuge-
von extremistischen Organisationen, in Verbindung gebracht werden kön- nommen hat – und folglich auch immer
Netzwerken und Individuen“ begriffen nen. Hierzu wurde 1996 der Straftatbe- mehr Terrorismus-Häftlinge in den Ge-
wurde, gegen die auch nicht-militäri- stand der Mitgliedschaft in einer terro- fängnissen einsitzen –, dann ist es auf-
sche Instrumente (Polizei, Entwicklungs- ristischen Vereinigung, der mit bis zu fällig, dass sich die französische Justiz
zusammenarbeit etc.) hilfreich sein kön- zehn Jahren Gefängnis geahndet wer- kaum mit den vielen Strafentlassenen
nen. 4 Aus dieser Perspektive wurde den kann, geschaffen. 7 Verdächtige beschäftigt. Es gibt in Frankreich kein
Osama Bin Laden, der vormals als die konnten nach dem Antiterrorismus-Ge- Deradikalisierungs-Programm, um den
Personifizierung des islamistischen Ter- setz von 1986 bis zu 96 Stunden ohne Rückfall von Ex-Terroristen zu verhin-
rorismus schlechthin galt, nicht mehr Anklage festgehalten werden. Dieser dern.
länger als operationeller Führer einer Zeitraum wurde im Januar 2006 auf Solche Deradikalisierungs-Programme,
Terrorgruppe verstanden, sondern als sechs Tage erweitert. 8 Mit dem Gesetz die zurzeit vor allem in einigen nordeu-
Ideengeber für viele terroristische Bewe- aus dem Jahr 1986 wurden außerdem ropäischen und arabischen Ländern er-
gungen. 5 sämtliche Terrorismusverfahren in Paris probt werden, zielen auf die dauerhafte
Unter der Obama-Administration wur- zentralisiert. Die Verfahren werden jetzt Abkehr von Gewalt. Auch wenn die
de der militärische Kampf gegen terro- von spezialisierten Staatsanwälten und deutlichen Unterschiede zwischen den
ristische Gruppen im Ausland zwar fort- Richtern betrieben, die eng mit lokalen Programmen und Ländern, die sie be-
geführt oder sogar noch verstärkt (z. B. Behörden, mit der Polizei und den Ge- treiben – denken wir nur an Dänemark
der Einsatz von Drohnen über fremdem heimdiensten zusammenarbeiten.9 An- und Saudi-Arabien – zu groß für syste-
Territorium). Gleichzeitig wurde aber klagen wegen Kapitalverbrechen ge- matische Vergleiche sind, wird doch er-
erkannt, dass der dschihadistische Ter- hen dabei an ein Schwurgericht (Cour kennbar, dass sie alle auf Bildung, Sozi-
rorismus in den USA und Europa eine d’Assise), während leichtere Fälle von alarbeit und religiöse Entdoktrinierung
nationale Dimension hat – dass es sich einem Strafgericht (Tribunal Correcti- setzen.13 Strittig ist zwar nach wie vor,
in gewissem Sinne um „homegrown ter- onnel) verhandelt werden. wie weit diese Programme gehen dür-
rorism“ handelte. Allerdings sollte die- Die meisten Verurteilungen für dschiha- fen, ohne die Würde des Menschen und
ses Konzept nicht unkritisch übernom- distischen Terrorismus beruhen in Frank- sein Recht auf Selbstbestimmung zu ver-
men werden, da es die transnationale reich auf dem Straftatbestand der Mit- letzen. Jenseits dieser ethischen Fragen
Dimension des Phänomens verdeckt. Für gliedschaft in einer terroristischen Ver- scheinen sie aber tatsächlich erfolg-
die Europäer ist nämlich evident, dass einigung.10 Das waren 2008 insgesamt reich zu sein, wie auch das Beispiel des
ein Zusammenhang zwischen ihren gro- 31 Fälle. Im gleichen Jahr wurden in deutschen Programms HATIF („Heraus
ßen muslimischen Diasporagemeinden, Deutschland acht, in Spanien 49 und in aus Terrorismus und islamistischem Fa-
zwischen kleinen militanten Gruppen Großbritannien 53 Verurteilungen für natismus“) zeigt.14 HATIF besteht aus ei-
und deren Herkunftsländern besteht. vergleichbare Straftaten ausgespro- ner Telefonhotline, unter der Personen
Wir haben es mit einem Phänomen zu chen.11 Das durchschnittliche Strafmaß Hilfe bekommen, wenn sie aus einem
tun, das von der globalen bis hinab auf lag in Frankreich bei sieben Jahren, in dschihadistischen Umfeld aussteigen
die lokale Ebene reicht und alle diese Deutschland bei neun Jahren, in Spani- wollen.
Ebenen miteinander verbindet. Deshalb en bei elf und in Großbritannien bei Frankreich hat bislang aus verschiede-
scheint der Begriff des „glokalen“ Terro- zehn Jahren.12 Da es in Frankreich seit nen Gründen kein Deradikalisierungs-
rismus das aktuelle Phänomen besser zu 1996 keinen erfolgreichen Terroran- Programm aufgelegt. Nach verbreiteter
treffen. 6 Der Al-Qaida-Zweig im Magh- schlag mit islamistischem Hintergrund Meinung hängt dies nicht zuletzt damit
reb ist eine typische Organisation, die gab, lassen diese Zahlen darauf schlie- zusammen, dass in der französischen
auf diesen verschiedenen Ebenen ope- ßen, dass Terrorismusverdächtige früh- Verfassung der Laizismus festgeschrie-
riert: Auf der lokalen Ebene wird die Or- zeitig festgenommen und verurteilt wer- ben ist. Dieser sieht vor, dass Religion
ganisation durch den Malikismus, einer den. Das französische System scheint eine strikt private Angelegenheit ist, in
strengen und pietistischen Strömung auch auf die Dschihadismus-Netz werke die der Staat nicht eingreifen darf. In
des sunnitischen Islam, geprägt und aus dem Maghreb, die sich durch Frankreich scheint es demnach rechtlich
durch Warenschmuggel (das soge- Schmuggel (u. a. Zigaretten und Mar- nicht möglich, ein Deradikalisierungs-
nannte Trabendo) finanziert. Auf regio- kenkleidung) finanzieren, besonders Programm für religiös motivierte Straftä-
naler Ebene operiert die Gruppierung gut reagieren zu können. Schließlich ter aufzulegen. Weitere Gründe lagen
in etablierten Solidaritätsnetzwerken, zeichnet sich die französische Antiterro- in der Außenpolitik der vormaligen Re-
die die Sahara überspannen. Und auf rismus-Strategie durch eine sehr hohe gierung von Präsident Jacques Chirac:
globaler Ebene bedient sich die Orga- Reaktionsfähigkeit aus, da auch Perso- Die Ablehnung eines Deradikalisie-
nisation des Dschihadismus und welt- nen, die indirekt an terroristischen rungs-Programms war Teil der französi-
umspannender Kommunikationstechni- Handlungen beteiligt sind – also bei- schen Opposition gegen die Interventi-
ken, insbesondere der Satellitennavi- spielsweise die notwendige Logistik be- on der Bush-Administration im Irak und
gation. reitstellen –, von den französischen gegen die neokonservative Ideologie
Strafverfolgungsbehörden festgenom- einer Demokratisierung der arabischen
men und verurteilt werden können. Welt. Paris wollte streng religiöse Part-
Die französische Bei einem durchschnittlichen Strafmaß ner im Vorderen Orient nicht vor den
Terrorismusbekämpfung im Inneren von sieben Jahren nach erfolgtem Kopf stoßen. Diese Haltung wurde auch
Schuldspruch ist davon auszugehen, unter Nicolas Sarkozy nicht aufgege-
Die französische Antiterrorismus-Strate- dass viele Verurteilte bereits nach rela- ben, wenngleich Sarkozy der neokon-
gie hat sich bislang bewährt. Seit 1996 tiv kurzer Zeit wieder auf freien Fuß kom- servativen amerikanischen Sichtweise
hat es keinen dschihadistischen An- men. Denn das durchschnittliche Straf- näher steht. Angesichts der bisher er-
schlag mehr auf französischem Boden maß wird von Terroristen, die zu lebens- folgreichen Terrorismusbekämpfung in
gegeben. Das französische System der länglicher Haft verurteilt werden, deut- Frankreich, verfassungsrechtlicher Be-
Terrorismusbekämpfung ist präventiv lich angehoben. Wenn darüber hinaus denken sowie des Fokus auf möglichst

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frühzeitiges präventives Handeln bleibt ner Informationen zu terroristischen Ak- DSCHIHADISMUS „MADE IN FRANCE“
die Debatte um Deradikalisierung in tivitäten im Sahelraum von bezahlten UND TERRORISMUSBEKÄMPFUNG
Frankreich aber weiterhin zweitrangig. lokalen Informanten, darunter Stam-
Gleichwohl könnten punktuelle Deradi- mesmitglieder und traditionelle Autori-
kalisierungs-Programme für entlassene täten. Außerdem führt er oft in Zusam-
Häftlinge gerade wegen der offenkun- menarbeit mit Partnerländern Patrouil- ralen Abkommens trainiert. Solche Ko-
digen Überlastung der Sicherheitsbe- len in AQMI-Gebieten durch. Ergänzt operationen sind ein typisches Merk-
hörden mit der Überwachung von Ter- wird diese polizeiliche Kleinarbeit mal der französischen Afrikapolitik,
rorverdächtigen Sinn machen. Denn die durch hoch technisierte Methoden der können aber für die Beteiligten mitunter
Erfahrung lehrt, dass nicht wenige von Satellitenaufklärung. Dabei verspricht gefährlich werden. So wurden im Juli
ihnen erneut rückfällig werden. Zwei sich Frankreich viel von neuen hoch auf- 2009 zwei französische Militärberater
besonders krasse Beispiele hierfür sind lösenden Kameras in der Erdumlauf- aus ihrem Hotel in Mogadischu (Soma-
Khaled Kelkal und Safé Bourada, die bahn, die gegenwärtig entwickelt wer- lia) von bewaffneten Kämpfern der isla-
beide noch während ihrer Haftzeit da- den. Hierzu beteiligt sich Frankreich mistischen Hizbul Islam entführt. 20 Auch
mit begonnen hatten, neue Terrorgrup- am multilateralen europäischen Satel- die Ausbildung der Polizei im Sahel-
pen aufzubauen.15 litenprogramm MUSIS (Multinational raum wird von Frankreich betrieben.
Space-based Imaging System for Sur- Diese polizeiliche Kooperation (Service
veillance, Reconnaissance and Obser- de Coopération Technique Internatio-
Die französische vation) und am US-Programm zur Erdbe- nale et de Police) wurde bereits nach
Terrorismusbekämpfung nach außen obachtung CERES (Clouds and the der Dekolonisierung der afrikanischen
Earth‘s Radiant Energy System). Staaten 1961 ins Leben gerufen. Zuneh-
Die französische Terrorismusbekämp- Dieser duale Ansatz von Low- und High- mend wird die Kooperation auf die Be-
fung operiert nach außen in drei kon- tech erweist sich bei der Bekämpfung kämpfung von Terrorismus und den da-
zentrischen Kreisen: des Terrorismus im Sahelraum immer mit verbundenen Strukturen, vor allem
l Der innere dieser drei Kreise umfasst wieder als höchst nützlich. Den franzö- der organisierten Kriminalität, ausge-
Frankreich und Europa: Zwar versucht sischen Sicherheitsbehörden gelang es richtet. Dadurch wird auch der französi-
Al-Qaida im Maghreb (AQMI) immer beispielsweise, die AQMI-Geiselneh- sche Inlandsgeheimdienst DCRI immer
wieder, die algerische Diaspora in mer und Mörder von vier französischen stärker in die Zusammenarbeit mit Afri-
Frankreich zu infiltrieren, um Rekruten Touristen durch Mauretanien und den ka eingebunden.
zu gewinnen und Ressourcen zu mobi- Senegal zu verfolgen und nach zwei
lisieren. Diese Aktivitäten scheinen Wochen in Guinea-Bissau festzuneh-
aber von den französischen Geheim- men.17 Außerdem bringt Frankreich im- Soziale Profile von Terroristen in
diensten, insbesondere dem Inlands- mer wieder militärische Spezialeinhei- Frankreich
geheimdienst DCRI (Direction Centra- ten zur Geiselbefreiung zum Einsatz. So
le du Renseignement Intérieur), erfolg- sollte z. B. „Service Action“, der militäri- Wie in anderen europäischen Ländern
reich kontrolliert zu werden, denn bis sche Arm der DGSE, im Sommer 2010 auch können Radikalisierungsprozesse
heute konnten alle geplanten AQMI- gemeinsam mit mauretanischen Verbän- in Frankreich ganz unterschiedliche Ver-
Anschläge in Frankreich vereitelt wer- den Michel Germaneau aus der Geisel- läufe nehmen. Im Grunde gibt es so vie-
den. Allerdings zeigte sich der Chef haft der AQMI im Grenzgebiet zu Mali le Wege in den dschihadistischen Un-
des Inlandsgeheimdienstes Bernard befreien.18 Die Operation konnte die Er- tergrund wie es Glaubensströmungen
Squarcini im September 2010 besorgt mordung von Germaneau allerdings und Organisationsformen im Islam gibt.
über wachsende terroristische Aktivi- nicht verhindern. Weitere Spezialein- Generell scheint aber der Dschihadis-
täten im Sahelraum, die sich zu einer heiten zur Terrorismusbekämpfung sind mus unter französischen Muslimen nicht
ernsthaften Bedrohung französischer im Kommando für Spezialstreitkräfte weit verbreitet zu sein. Was wir aller-
Interessen und französischer Staats- COS (Commandement des Opérations dings in einigen Vorstädten beobach-
bürger in der Region auswachsen Spéciales) zusammengefasst. Hier zu ten können, ist eine „Re-Islamisierung“
könnten.16 zählen ein speziell für Afrika ausgebil- von Jugendlichen, die am Rande der
l Der zweite Kreis erstreckt sich auf den detes Fallschirmregiment (13e Régiment Gesellschaft stehen und für sich keine
Maghreb: Frankreich hat traditionell des Dragons Parachutistes), ein Fall- Zukunftsperspektiven sehen. Die Grün-
eine sehr enge Beziehung zu den Ma- schirmregiment der Marine (1er Régi- de hierfür sind vielfältig. Marginalisier-
ghrebstaaten, was auch für die Ebene ment Parachutiste d’Infanterie der Ma- te Jugendliche haben ein ausgeprägtes
der Geheimdienste gilt. rine) und eine Sondereinheit der Luft- Bedürfnis nach Anerkennung. 21 Sie sind
l Der dritte und letzte Kreis umfasst Sub- waffe (Détachement ALAT; Aviation auf der Suche nach sich selbst, nach ei-
sahara-Afrika: Viele Länder dieser Re- Légère de l’Armée de Terre). Im Septem- ner unverwechselbaren Identität und
gion waren in der Vergangenheit fran- ber 2010 kamen diese Einheiten bei der treffen dabei auf islamische Gemein-
zösische Kolonien. Daher verfügt Suche nach acht entführten Mitarbei- schaften mit starkem missionarischem
Frankreich über umfangreiche kulturel- tern des französischen Atomkonzerns Sendungsbewusstsein, die sie für au-
le Expertise der Region, d. h. Wissen Areva in Arlit (Niger) zum Einsatz.19 thentisch halten. Gleichzeitig hat der
über lokale Praktiken, Normen und Dabei wurden die entsandten 80 Sol- Wohlfahrtsstaat in ihren Augen versagt
Wertvorstellungen. Zugleich pflegt daten durch ein Breguet-Atlantique- und verdient keine Loyalität mehr.
Frankreich enge Sicherheits- und Wirt- Auf klärungsflugzeug und einen Mirage Schließlich darf nicht übersehen wer-
schaftsbeziehungen. F-1-Kampfjet mit Überwachungstechnik den, dass es unter vielen Jugendliche
Bei der Terrorismusbekämpfung setzt unterstützt. chic ist, sich als „Salafist“ zu geben und
Frankreich sowohl auf hoch entwickelte Eine weitere Säule der französischen vom Dschihad zu schwärmen, ohne
Militär- und Aufklärungstechnologie als Terrorismusbekämpfung in Afrika ist die auch nur im Mindesten zu wissen, wo-
auch auf profane Polizeiarbeit. So er- Ausbildung lokaler Antiterroreinheiten. von sie sprechen. In ein paar Jahren
hält der französische Auslandsgeheim- So wurde das im Fall Michel Germa- werden wir wissen, ob sich dieser der-
dienst DGSE (Direction Générale de la neau eingesetzte mauretanische Militär zeitige Trend etablieren konnte oder
Sécurité Extérieure) einen Großteil sei- von Frankreich im Rahmen eines bilate- sang- und klanglos verschwand.

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Jean-Luc Marret
In Frankreich gibt es neben anderen den 1990er Jahren aktiv waren und Khaled Kelkal zeigt, einem der bekann-
Strömungen einen sehr missionarischen dann zerschlagen werden konnten: die testen Terroristen in Frankreich, der in
Islam mit ausgeprägtem sozialem Enga- Marrakesch-Gruppe (Groupe de Mar- Algerien geboren wurde und sich als
gement, der in manchen Bereichen rakech), die Roubaix-Gruppe (Groupe junger Erwachsener in einem Vorort von
durchaus mit den Leistungen des Wohl- de Roubaix) und die Mamache-Grup- Lyon als Autodieb und Einbrecher durch-
fahrtsstaats konkurrieren kann. Dieser pe. Da sie sich nach Kenntnis des Ver- schlug. In der Haft radikalisierte er sich
kämpferische Islam geht immer wieder fassers in ihren sozialen Strukturen und wurde zu einem der führenden Köp-
mit einer außergewöhnlich strengen kaum von aktiven Zellen der Gegenwart fe einer Anschlagsserie, die Frankreich
Frömmigkeit einher – zu denken ist hier unterscheiden, sollen die drei klassi- 1995 erschütterte und die der Groupe
vor allem an die innerislamische Re- schen Fälle zur Illustration schematisch Islamique Armé (GIA) zugeschrieben
formbewegung Tablighi Jamaat (Ge- vorgestellt werden. wurde. Khaled Kelkal wurde im Oktober
meinschaft der Verkündigung und Mis- Seit 2002 zeigen Interviews des Autors 1995 von der französischen Polizei er-
sion). 22 Konkret lässt sich in Frankreich, mit ehemaligen Mitgliedern der drei schossen.
Europa oder auch Amerika beobach- Gruppen, mit Angehörigen von inhaf- Die Rekrutierung neuer Mitglieder aktu-
ten, dass gerade die Moscheen der Ta- tierten oder entlassenen Terroristen, mit eller Terrorzellen erfolgt meist während
blighi oft eine Zwischenstation, ein ers- ihren Weggefährten und mit Sozialar- einer schwierigen Lebensphase und
ter Schritt auf dem Weg in den dschiha- beitern, die sich um die Wiedereinglie- zwar durch Personen, die ihnen schon
distischen Untergrund sind, obwohl die derung ehemaliger Dschihadisten in vorher in der einen oder anderen Weise
Bewegung im eigenen Verständnis nur die französische Gesellschaft bemü- nahestanden – also beispielsweise Fa-
die strenge Beachtung des Koran und hen, und die auch immer wieder ver- milienmitglieder, Freunde oder auch re-
fromme Selbstentäußerung lehrt. Zum sucht hatten, ein erneutes Abtauchen in ligiöse Autoritäten. Schließlich lässt sich
Einstiegstor in den Terrorismus wird die den terroristischen Untergrund zu ver- beobachten, dass die Rekrutierungsbe-
Tablighi deshalb erst, wenn Salafisten meiden, ein recht eindeutiges Sozial- reitschaft junger Menschen mit einer Re-
lokale Moscheen der Reformer infiltrie- profil der islamistischen Terrorzellen in krutennachfrage transnationaler Ter-
ren. Wenn ihnen das aber gelingt, ist es Frankreich, welches im Wesentlichen rornetzwerke korrespondiert. Es han-
oft verblüffend, mit welcher Geschwin- dem Sozialprofil der drei bekannten delt sich um ein „glokales Phänomen“.
digkeit ein religiöser Konversionspro- Gruppen aus den 1990er Jahren ent- Dabei hängt die Attraktivität dieser
zess zu einem politischen Radikalisie- spricht: Die meisten ihrer Mitglieder le- Netzwerke stark von internationalen Er-
rungsprozess wird, der für einzelne ben am Rande der Gesellschaft und ha- eignissen und Konflikten ab, wie dem
Gläubige im Terrorismus endet. ben Schwierigkeiten, ihren Alltag zu or- Algerienkrieg, dem Irakkrieg oder dem
Das verfügbare Wissen über den Dschi- ganisieren. Oft handelt es sich um Sozi- Nahostkonflikt. So können wir in Frank-
hadismus in Frankreich beruht im We- alfälle, was im Übrigen nichts Neues reich beobachten, dass erstmals im Zu-
sentlichen auf drei Netzwerken, die in darstellt, wie bereits die Geschichte von sammenhang mit dem Bosnienkrieg

Tabelle 1: Dschihadistische Netzwerke

Marrakesch-Gruppe Roubaix-Gruppe Mamache-Gruppe
Name der Gruppe
(Groupe de Marrakech) (Groupe de Roubaix) (1997)
Beschuss einer Hotelhalle Raubüberfall auf einen Zusammenschluss dreier Netz-
in Marrakesch (Marokko); Geldtransport; versuchter werke in Frankreich: GIA
daraufhin Festnahme (1994) Bombenanschlag; Schuss- (Groupe Islamique Armé),
wechsel mit der französischen eine radikale islamistische
Aktivitäten/
Antiterrorismuseinheit RAID Gruppe aus Algerien und
Anschläge
(Recherche Assistance Inter- al-Takfir wa’l-Hijrah (salafis-
vention Dissuasion) (1996) tisch-islamistische Strömung
aus Ägypten); Ziel: salafisti-
scher Kampf in Algerien
— 16 Marokkaner — vier Algerier — sechs Algerier
— sechs Franzosen — elf Franzosen — zwei Franzosen
— vier Franko-Algerier — sieben Franko-Algerier — zwei Franko-Algerier
Herkunft — drei Franko-Marokkaner — zwei Bosnier — 15 Personen unbekannter
— fünf Algerier — zwei Kanada-Algerier Nationalität
— ein Kanada-Marokkaner
— ein Tunesier
Informationen sind unvollstän- — 14 Arbeitslose oder irregu- — zwölf Arbeitslose oder
dig; bekannt ist folgendes: lär Beschäftigte irregulär Beschäftigte
— einige waren Studenten der — je ein Sanitäter, Kaufmann, — je ein Mechaniker, Elektri-
pharmazeutischen Fakultät Elektriker, Kellner, Lager- ker, Hilfsarbeiter, Buchhal-
in Besançon arbeiter, Maschinenführer, ter, Maler, Maurer, Lagerist,
Sozialer Hintergrund
— mehrere Abiturienten Koch, Sicherheitsbedienste- Architekt, Gärtner, Sicher-
— mehrere sozial Benachtei- ter, Student heitsbediensteter, Fern-
ligte (Schulabbrecher, fahrer
Kleinkriminelle)
— je ein Informatiker, Maurer
Durchschnittsalter 26 Jahre 27 Jahre 31 Jahre

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DSCHIHADISMUS „MADE IN FRANCE“
UND TERRORISMUSBEKÄMPFUNG

Sicherheitsmaßnahmen am Eiffelturm in
Paris (Oktober 2010): Dass Frankreich in
den vergangenen Jahren weitgehend von
islamistischen Anschlägen verschont blieb,
lässt auf eine gute Strategie sowie Orga-
nisation von Polizei und Justiz schließen.
Trotzdem ist der stete Wandel der terro-
ristischen Bedrohung eine Herausforde-
rung für den französischen Sicherheitsap-
parat. picture alliance/dpa

Assistance Intervention Dissuasion) er-
schossen, nachdem er im Namen Allahs
mit Maschinengewehr und Granatwer-
fer Amok lief. Die Waffen kamen aus
dem Kosovo, wo er als Söldner der ko-
sovarischen Befreiungsarmee UCK ge-
kämpft hatte. Bghouia gilt als Einzeltä-
ter mit krimineller Vergangenheit und
suizidaler Tendenz, der sich in seine
Rolle als Märtyrer hineingesteigert hat-
te. Von einem bewussten und strate-
gisch geplanten Selbstmordattentat
lässt sich bei Bghouia kaum sprechen.
Schwierig bleibt letztlich auch die Ein-
ordnung des geplanten Anschlags auf
die amerikanische Botschaft von Paris,
der im Frühjahr 2002 stattfinden sollte.
Nach ihrer Festnahme 2001 gaben zwei
Hauptverdächtige – Nizar Trabelsi und
Djamel Beghal – zu Protokoll, dass es
ein Selbstmordattentat werden sollte
und dass Nizar Trabelsi die Bombe in
die Botschaft tragen sollte. Allerdings
wurde das von der Polizei sichergestell-
te Bombenmaterial präventiv zerstört,
so dass sich die Selbstmordabsichten
(1992–1995)junge Kämpfer einer Mär- Auseinandersetzung starben, waren nicht zweifelsfrei nachweisen lassen.
tyrerideologie folgten und bereit wa- Mitglieder der Roubaix-Gruppe. Die Einen Wendepunkt – einen operativen
ren, für ihren Gruppe und ihren Glau- Gruppe unterhielt nachweislich Kontak- Bruch – beim Einsatz von Selbstmord-
ben zu sterben, wie das Beispiel der te zu transnationalen muslimischen Ter- attentätern stellt der Anschlag auf den
Roubaix-Gruppe zeigt (s. unten). Nach rorgruppen. Einige ihrer Mitglieder hat- ehemaligen afghanischen Mujahed-
dem Einmarsch der USA in den Irak ten als „Soldaten des Islam“ im Bosnien- din-Kommandeur und Politiker Ahmad
nahm die Zahl von Selbstmordkandida- konflikt Kriegserfahrungen gesammelt. Schah Massoud am 9. September 2001
ten nicht nur in Frankreich, sondern in 1996 verübte die Bande in Nordfrank- dar. Zwei Tunesier gaben sich als
ganz Europa zu. Es entstanden klandes- reich eine Reihe von Raubüberfällen, Journalisten aus, verabredeten ein In-
tine Netzwerke, die Männer und Frauen bei denen ein Autofahrer starb und ein terview in Thakar (Afghanistan) und
aus dem Westen in den Irak schleusten, Geldbote schwer verletzt wurde. Als sprengten sich und Massoud bei dem
damit sie sich dort an belebten Plätzen Mitglieder der Gruppe am 29. März Treffen mit einer Bombe in die Luft, die
oder strategischen Punkten selbst in die 1996 von der Polizei gestellt wurden, sie in ihrer Videokamera versteckt hat-
Luft sprengen konnten. Mittlerweile hat waren sie nicht bereit, sich zu ergeben, ten. Dieser Anschlag war ähnlich wie
dieser Trend eine Dimension angenom- sondern starben im Schusswechsel. Es die Anschläge in den USA zwei Tage
men, dass sich von einer neuen „Selbst- handelte sich mit anderen Worten um später von langer Hand im Kontext ei-
mordattentats-Norm“ gesprochen wer- taktische Selbstmordattentate: Die Mit- nes global operierenden Terrornetz-
den. glieder der Gruppe kämpften einen werkes geplant und ausgeführt wor-
aussichtlosen Kampf bis zu ihrem Tod. den.
Auch der Fall Safir Bghouia kann nicht Nach dem amerikanischen Einmarsch in
Selbstmordattentatsversuche eindeutig als Selbstmordattentat be- den Irak wurde die Anwerbung potenti-
zeichnet werden. Bghouia wurde am eller Selbstmordattentäter auch in
Die ersten Dschihadisten, die auf fran- 2. September 2001 in Bezier von der Frankreich und Belgien professionali-
zösischem Boden in einer bewaffneten Antiterrorismus-Einheit RAID (Recherche siert und transnational organisiert. Al-

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3 Secretary of Defense (2006): Quadriennal
Jean-Luc Marret
lerdings erreichten die französischen leistet, dass dies in Zukunft so bleiben
Defense Review Report. Washington D.C.
und belgischen Netzwerke nie die wird. Zwar hat in Frankreich Sicherheit 4 Chairman of the Joint Chiefs of Staff (2006):
„Qualität“ ihrer arabischen Vorbilder. höchste Priorität, aber eine hundertpro- National Military Strategic Plan for the War on
Die ideologische Ausbildung und Vor- zentige Garantie gegen Terrorismus Terrorism. Washington D.C.; Zitat siehe S. 4.
bereitung der Rekruten war in aller Re- kann es weder in Frankreich noch in ir- 5 Ebd., S. 15.
6 Marret, Jean-Luc (2008): Al Qaeda in Islamic
gel schlecht. Manche sprechen auch gendeinem anderen Land der Welt ge- Maghreb: A „Glocal“ Organization“. In: Studies
von einem „cut and paste“-Islam. Die ben. Zudem wächst für Frankreich die in Conflict and Terrorism, Vol. 31, Nr. 6/2008,
Rekruten stammten in aller Regel aus Gefahr aus der Sahelregion. Dort ist S. 541–552.
den unteren gesellschaftlichen Schich- AQMI aktiv und hat Frankreich offen- 7 Loi n°96-647 du 22 juillet 1996 tendant à ren-
forcer la répression du terrorisme et des atteintes
ten, lebten von der Sozialhilfe, spra- kundig zu seinem Hauptgegner erklärt.
aux personnes dépositaires de l‘autorité publique
chen nur gebrochen Arabisch und hat- Dabei stellen nicht Anschläge auf fran- ou chargées d‘une mission de service public et
ten oft eine kleinkriminelle Vergangen- zösischem Staatsgebiet oder die Rekru- comportant des dispositions relatives à la police
heit. Auch unter operativen Gesichts- tierung neuer Mitglieder aus Frankreich judiciaire.
punkten waren die französischen und die größte Gefahr dar. Vielmehr leben 8 Loi n°2006-64 du 23 janvier 2006 relative à
la lutte contre le terrorisme et portant dispositions
belgischen Terrornetzwerke alles ande- im Sahelgebiet mehrere tausend Fran- diverses relatives à la sécurité et aux contrôles
re als perfekt. Zwar zeigt das Beispiel zosen. Sie können relativ leicht zum Ziel frontaliers.
der Toulouser Zelle um Oliver Carrel, terroristischer Angriffe oder Geiselnah- 9 Loi n° 86-1020 du 9 septembre 1986 relative
dass es immer wieder gelingt, Rekruten men werden. Die bevorstehenden Präsi- à la lutte contre le terrorisme.
10 Human Rights Watch (2007): In the Name of
in Syrien oder Ägypten ausbilden zu dentschaftswahl 2012 kann hierbei zu
Prevention – Insufficient Safeguards in National
lassen, um sie dann in den Krieg nach einer Verschärfung der Lage beitragen. Security Removals. Vol. 19, Nr. 3/2007, S. 10.
Afghanistan oder in den Irak zu schi- Der transnationale Terrorismus stellt 11 Europol (2009): EU Terrorism and Trend Re-
cken. Auf diesem Weg gelangte Muriel deshalb weiterhin eine der zentralen port. Den Haag, S. 15.
Degauque, eine belgische Selbstmord- Herausforderung für die französische 12 Vgl. a.a.O., S. 16. Hier muss berücksichtigt
werden, dass die Statistik zum Strafmaß jegliche
attentäterin, 2005 nach Bagdad, wo sie Innen- und Sicherheitspolitik dar. In die- Form des Terrorismus beinhaltet, z. B. auch links-
sich am 9. November in die Luft spreng- ser Hinsicht kann der amerikanische Be- extremistische oder separatistische Anschläge.
te und mit sich fünf irakische Polizisten in griff des „homegrown terrorism“ in die 13 Porges, Marisa L. (2010): The Saudi Deradica-
den Tod riss. 23 Gleichwohl lässt sich im- Irre führen. Auch wenn der Begriff zu lization Experiment. Council on Foreign Relations.
Expert Brief; unter: http://cfr.org/terrorism/sau-
mer wieder beobachten, dass potenti- Recht darauf aufmerksam macht, dass
di-deradicalizartion-experiment/p21292
elle Selbstmordattentäter abspringen, für westliche Staaten die terroristische 14 Siehe: http://www.verfassungsschutz.de/
ihr Ziel nicht erreichen oder von den Si- Bedrohung von innen durch radikali- de/arbeitsfelder/af_islamismus/hatif_de.html
cherheitsbehörden abgefangen wer- sierte Bürger wächst, die sich von der [17.03.2011]. Das Akronym HATIF entspricht der
den, bevor sie im Einsatzgebiet eintref- Idee eines transnationalen Dschihads lateinischen Schreibweise des arabischen Wor-
tes für Telefon.
fen, wie es französischen Gruppen in mobilisieren lassen, so darf nicht ver- 15 Le Figaro (2008): Quinze ans de prisons pour
Syrien und Ägypten im November und gessen werden, dass es sich im Kern um avoir créé un groupe terroriste. Artikel vom
Dezember 2006 ergangen ist. 24 Außer- ein „glokales“ Problem handelt, dessen 23.10.2008.
dem stehen die französischen und bel- Bearbeitung einen integrierten Ansatz 16 LeJDD.fr (2010): Terrorisme: La menace n’a
jamais été aussi grande. Interview mit Bernard
gischen Zellen unter einem starken Ver- erforderlich macht.
Squarcini vom 10. September 2010.
folgungsdruck, der ihre Arbeit erheblich 17 Le Figaro (2008): Français tués en Mauritanie:
erschwert. Die Toulouser Zelle wurde im le principal suspect arrêté. Artikel vom 30. April
Februar 2007 zerschlagen. 25 ANMERKUNGEN
2008.
Es lässt sich festhalten, dass sich die 18 Welt Online (2010): Al-Qaida gibt Sarkozy
1 Mueller, John E. (1973): War, Presidents and Schuld am Tod von Geisel. Artikel vom 25. Juli
französischen und belgischen Netzwer- 2010.
Public Opinion. New York.
ke der Dschihadisten immer stärker auf 2 Bush, George W. (2006): State of the Union 19 BBC (2010): France investigates al-Qaeda
die Ausbildung von Selbstmordattentä- Address. Rede am 31 . Januar 2006; unter: http:// claim of Niger kidnapping. Artikel vom 21 . Sep-
tern ausrichten. In diesem Sinne lässt w w w. p r e s i d e n t a l r h e t o r i c . c o m / s p e e c h e s / tember 2010.
01.31.06.html 20 Le Monde (2009): Un agent français enlevé
sich in der Tat von einer neuen Norm im
en Somalie dit s‘être évadé. Artikel vom 26. Au-
transnationalen Terrorismus sprechen, gust 2009.
die bis auf die lokale Ebene in Westeu- 21 Geisser, Vincent/Mohsen-Finan, Khadija
UNSER AUTOR

ropa hinunter wirksam ist. Gleichzeitig (2001): L’Islam à l’école – Une analyse sociolo-
zeichnen sich die französischen und gique des pratiques et des représentations du fait
islamique dans la population scolaire. Etude IHE-
belgischen Netzwerke durch eine ge- SI, Paris.
wisse Amateurhaftigkeit aus. Sie sind 22 Tablighi Jamaat ist eine sunnitisch-orthodoxe
stark dezentral organisiert und ihre Mit- Erweckungs- und Missionierungsbewegung, de-
glieder handeln oftmals sehr spontan. ren Ziel die Islamisierung der Gesellschaft ist. Sie
wurde bereits in den 1920er Jahren in Britisch-
Auf diese neue Netzwerkform müssen
Indien gegründet und ist seit den 1960er Jahren
sich die französischen und belgischen in Frankreich unter dem Namen Foi et Pratique
Sicherheitskräfte erst noch einstellen, aktiv.
da sie bislang eher auf die Zerschla- 23 BBC (2005): Belgian Suicide Bomber is
gung stabiler Netzwerke ausgerichtet Named. Artikel vom 2. Dezember 2005; online
verfügbar unter: http://news.bbc.co.uk/2/hi/eu-
sind, deren Mitglieder sie über einen Dr. Jean-Luc Marret, Senior Fellow der rope/4488642.stm [17.03.2011].
längeren Zeitraum beobachten, bevor Fondation pour la recherche straté- 24 Siehe: http://www.vdfr95.com/Journal92/
sie zugreifen. gique (Paris) und Senior Visting Fellow dossier_92.htm [17.03.2011].
am Center for Transatlantic Relations, 25 Ebd.
SAIS-John Hopkins University (Washing-
Schlussfolgerung ton, D.C.); seine Arbeits- und For-
schungsschwerpunkte sind u. a. interna-
In Frankreich gab es seit 1996 keinen tionale Sicherheitsfragen, Terrorismus-
dschihadistischen terroristischen An- bekämpfung sowie Konfliktprävention
schlag mehr. Es ist jedoch nicht gewähr- im zivilen und militärischen Bereich.

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TERRORISMUSPRÄVENTION IN ENGLAND

Das Prevent-Programm zur Verhinderung
gewaltsamer Radikalisierung in Großbritannien
William Hammonds

den Fall ankündigte, dass die Regierung „Homegrown terrorism“ in
Nach den Anschlägen des Jahres 2005 ihre Außenpolitik nicht radikal ändere. Großbritannien
implementierte die britische Regierung Um dieser aus der eigenen Gesellschaft
eine neue Strategie der Terrorismusbe- kommenden Bedrohung zu begegnen, „Wir beobachten eine stetige Zunahme
kämpfung. Ein wichtiger Bestandteil die- legte die britische Regierung eine neue von Extremisten (…) und keine Umkehr die-
ser neuen Strategie ist das so genannte Strategie der Terrorismusbekämpfung ses Trends ist in Sicht.“
Prevent-Programm, das Einzelpersonen (Contest) auf.1 Zentraler Bestandteil von (Jonathan Evans, Generaldirektor des briti-
und Gruppen davon abhalten soll, den Contest ist das Prevent-Programm, das schen Geheimdienstes MI5 bei der ‚ A Mat-
terroristischen Weg einzuschlagen oder ter of Trust‘ Konferenz, Society of Editors,
zum Ziel hat, Individuen und Gruppen 5. November 2007)
terroristische Netzwerke zu unterstüt-
davon abzuhalten, zu Terroristen zu
zen. William Hammonds schildert zu-
werden oder Terroristen zu unterstüt- Zum „homegrown terrorism“ in Großbri-
nächst in einem kurzen Überblick Aus-
zen. tannien werden neben der Bomben-
maß und Entstehung des „homegrown
terrorism“ in Großbritannien und er örtert Dieser Aufsatz zeigt, wie Prevent auf die serie vom 7. Juli 2005 („7/7“) mit 52 To-
sodann Maßnahmen, die der Radikali- Herausforderung des „homegrown ter- ten eine Reihe weiterer Anschlagsver-
sierung insbesondere von muslimischen rorism“ reagiert und erörtert die Leis- suche gerechnet. Hierzu zählen die
Gruppen entgegenwirken sollen. Zu- tungsfähigkeit des Programms. Dafür Sprengsätze im Londoner Nahverkehr
gleich macht er auf zwei gegenläufige wird zunächst ein kurzer Überblick über am 21. Juli 2005, die glücklicherweise
Ansätze aufmerksam: Die vorbeugende Ausmaß und Entstehung des „home- nicht explodierten, sowie die geschei-
Terrorismusbekämpfung durch Partner- grown terrorism“ in Großbritannien ge- terten Bombenattacken auf den Glas-
schaften mit muslimischen Gruppen auf geben. Es wird sich zeigen, dass die Ra- gower Flughafen und einen Londoner
der lokalen Ebene wird durch Strategien dikalisierung britischer Staatsbürger Nachtklub im Juni 2007. Darüber hinaus
der konventionellen Terrorismusbekämp- kein rein innerstaatliches Phänomen ist, waren britische Dschihadisten an der
fung konterkariert. Da ein und dieselbe sondern eng mit internationalen Ent- Planung und Durchführung von Terror-
Behörde für zivile Zusammenarbeit und wicklungen zusammenhängt. Im An- angriffen in Afghanistan, im Irak und in
gleichzeitig für die polizeiliche Über- schluss daran werden die Maßnahmen Israel beteiligt.
wachung bzw. Verfolgung von Terror- von Prevent erläutert, die der Radikali- Die Tatsache, dass die Londoner Atten-
verdächtigen zuständig ist, entstehen sierung insbesondere von muslimischen täter allesamt britische Staatsbürger
zwangsläufig gegenläufige Wirkungen. Gruppen in Großbritannien entgegen- waren, warf beunruhigende Fragen
Letztlich ist eine effektive Terrorismus- wirken sollen. Die Analyse des Pro- über den Zustand und die Widerstands-
prävention – so das Fazit – erst dann gramms wird zwei gegenläufige Ansät- fähigkeit der britischen Gesellschaft
gegeben, wenn benachteiligte Bevölke-
ze offenbaren: Zum einen geht es um auf. Nach Informationen von Jonathan
rungsgruppen nachhaltig in die Gesell-
die Vorbeugung von Radikalisierungs- Evans, dem Chef des Inlandsgeheim-
schaft integriert werden. I prozessen durch Partnerschaften mit dienstes MI5, wurde Großbritannien
(Die Übersetzung besorgte Felix Witt- muslimischen Gruppen auf lokaler Ebe- 2007 von etwa 2.000 gewaltbereiten
mann, Universität Tübingen) ne. Deren Integration in die britische Bürgern und Bürgerinnen bedroht, die
Gesellschaft soll verbessert werden. den islamistischen Terrorismus für legi-
Zum anderen werden aber genau diese tim halten (Society of Editors 2007).
Gruppen durch die konventionelle Ter- Gleichzeitig würden Terrorgruppen
rorismusbekämpfung, mit der Prevent systematisch versuchen, junge Men-
Einleitung eng verzahnt ist, eingeschüchtert und in schen für ihre Zwecke zu rekrutieren.
den Medien und der Öffentlichkeit als Dieses Problem lasse sich nur in den
Die Anschläge vom 7. Juli 2005 auf den potentielle Verbrecher und Terroristen Griff bekommen, wenn die gesellschaft-
Londoner Nahverkehr zeigten den Bri- stigmatisiert. Dadurch wird die Inte- lichen Wurzeln des Terrorproblems in
ten auf drastische Weise die Bedrohung gration der sozialen Kreise erschwert, Großbritannien angegangen werden.
durch einen neuen Terrorismus, der von die als besonders anfällig für Radikali- 2010 wiederholte Evans seine Einschät-
vielen auch „homegrown terrorism“ ge- sierung gelten. Um die Wirksamkeit von zungen und wies mit Sorgen auf briti-
nannt wird. Die Attentäter Mohammad Prevent nicht insgesamt zu untergraben, sche Bürger hin, die nach Somalia und
Sidique Khan, Shehzad Tanweer, Ger- müssen deshalb alle Programme zur Jemen reisten, um sich dort von Terror-
maine Lindsay und Hasib Hussein wa- Verhinderung von Radikalisierung stär- gruppen ausbilden zu lassen.
ren alle britische Staatsbürger. Sie wur- ker in einen gesamtgesellschaftlichen Die Zunahme an terroristischen Aktivitä-
den in Yorkshire und Südwestengland Rahmen eingebettet werden. Für ei- ten britischer Staatsbürger und ihre Ra-
geboren und wuchsen dort unter ganz ne effektive Terrorismusprävention ist dikalisierung lässt sich mit drei gesell-
unterschiedlichen Bedingungen auf. nichts weniger erforderlich als die schaftlichen Entwicklungen in Zusam-
Nach den Anschlägen veröffentliche nachhaltige Integration von benachtei- menhang bringen. Dabei wird deutlich,
Al-Dschasira eine Videobotschaft, in ligten Bevölkerungsgruppen in allen dass sich der sogenannte „Homegrown
der Mohammad Sidique Khan die Bom- Bereichen der Gesellschaft. Terrorism“ nur in seinem internationalen
ben von London als Vergeltung für briti- Kontext und vor dem Hintergrund einer
sche Angriffe auf Muslime im Ausland transnationalen Ideologie angemessen
rechtfertigte und weitere Anschläge für verstehen lässt. Jede strikte Trennung

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William Hammonds
von „homegrown terrorism“ und interna- eine Berufsausbildung. Keine andere
tionalem Terrorismus erscheint folglich Religionsgemeinschaft ist im britischen
als künstlich. Vielmehr hängen beide in Wirtschaftsleben ähnlich schlecht auf-
der aktuellen Bedrohungssituation un- gestellt (ONS 2004). Nicht überra-
mittelbar zusammen. Nun aber zu den schend haben Muslime als Bevölke-
drei Entwicklungen: rungsgruppe die geringste Beschäfti-
Erstens gab es in Großbritannien be- gungsquote (38 %) und auch die höchs-
reits in den 1990er Jahren eine Reihe ra- te Arbeitslosenrate (52 %). Zudem sind
dikaler Gruppen und Prediger wie bei- muslimische Männer in öffentlichen Äm-
spielsweise Omar Bakri Mohammed, tern und privaten Managerpositionen
der die extremistische Organisation Al- deutlich unterrepräsentiert und arbei-
Muhajiron in England anführte, oder ten überproportional häufig in schlecht
der notorische Abu Hazma, der eine bezahlten Jobs mit geringen Ausbil-
Londoner Moschee in Finbury Park unter dungsanforderungen. Diese Benach-
seine Kontrolle gebracht hatte und zur teiligungen erzeugen vor allem bei
Schaltstelle von Terrorgruppen im Vor- den jüngeren Muslimen Unsicherheit im
deren Orient und in Nordafrika umfunk- Hinblick auf ihre Identität und ihre Stel-
tionierte. Sie alle wurden von der Regie- lung in der britischen Gesellschaft. Da-
rung und den Sicherheitsbehörden so durch werden sie empfänglich für radi-
lange stillschweigend toleriert, wie sich kale Konfliktinterpretationen und Ver-
ihre Aktivitäten gegen außereuropäi- schwörungstheorien und verstehen ihre
sche Regierungen richteten. Erst als sich schlechte gesellschaftliche Lage als Teil
Teile der Islamisten nach dem 11. Sep- einer umfassenden Unterdrückungs-
tember 2001 neu positionierten und An- strategie des Westens gegen den Is-
schläge in Großbritannien und anderen lam.
westlichen Staaten androhten, erklärte
London ihnen den Kampf.
Zweitens entwickelte sich ein islamisti- Das Prevent-Programm
sches Meta-Narrativ, das auf einer
strengen Interpretation des Korans be- „Die britische Regierung kann die Entste-
ruht und Konflikte an verschiedenen Or- hung extremistischer Ansichten in mus li-
ten der Welt wie beispielsweise in Af- mischen Gemeinden nicht unmittelbar ver-
ghanistan, Irak oder Palästina als Teil hindern. Wir können aber die muslimischen
eines globalen Kampfes zwischen dem Gemeinden mobilisieren, damit diese ge-
Westen und dem Islam deutet. Bei der gen Extremisten in ihren Reihen selbst vor-
Entwicklung dieses Narrativs wurde gehen.“
u. a. auf die Überlegungen von Sayyid (Premierminister Tony Blair, zitiert in BBC News
Qutb zurückgegriffen, der nach der Un- 2006)
terdrückung der ägyptischen Muslim- Die Londoner Anschläge vom Juli 2005
bruderschaft Mitte der 1950er Jahre verunsicherten viele Briten. Die Sorge
zum bewaffneten Dschihad gegen war groß, dass sich weitere Muslime
nicht-muslimische Regime im Vorderen von Extremisten rekrutieren lassen könn-
Orient aufrief und ein transnationales ten. Um weiteren Radikalisierungspro-
Kalifat als politische Alternative zum zessen vorzubeugen, legte die Regie-
westlichen Staatsmodell propagierte. rung das Prevent-Programm auf. Prevent
Auf der Grundlage seiner Ideen gelten hatte 2008/2009 ein Volumen von 140
nicht nur Angriffe gegen den säkularen Mio. Britische Pfund (ca. 128 Mio. Euro). Attraktivität radikal-islamischer Ideolo-
Westen als legitim, den Al-Qaida und Der Großteil des Geldes floss direkt in gien schwächen.
ihren Ablegern wegen seiner angeblich Gemeinden mit hohem muslimischem Prevent sowie andere Programme zur
korrupten Werte und lästerlichen Le- Bevölkerungsanteil. Das Programm ver- Verhinderung der Rekrutierung von Ter-
bensweise zum Kriegsgebiet („Da– r al- folgt vier Hauptziele: Erstens, die Förde- roristen und der Mobilisierung von Sym-
Harb“) mittlerweile erklärt hat, sondern rung gemeinsamer Werte und einer ge- pathisanten sind mit dem Problem kon-
auch gegen Muslime, die westliche meinsamen britischen Identität („British- frontiert, dass Radikalisierung ein poli-
Staatsvorstellungen wie Demokratie ness“); zweitens, die Stärkung von Prob- tisch wie wissenschaftlich höchst um-
und Gewaltenteilung unterstützen oder lemlösungen auf lokaler Ebene; drittens, strittenes Konstrukt ist. Vor diesem
die westliche Lebensweise angenom- die Unterstützung von zivilgesellschaft- Hintergrund definierte die britische Re-
men haben. Das islamistische Meta- lichen Initiativen und Vorbildern; und gierung (HM Government 2009, S. 9)
Narrativ wurde immer wieder durchaus viertens, die Stärkung religiöser Institu- Radikalisierung im Rahmen ihrer Terro-
erfolgreich lokalen politischen Bedin- tionen und geistlicher Autoritäten, die rismusbekämpfungsstrategie „Pursue –
gungen wie in Bosnien, Kaschmir oder Gewalt als Mittel der Politik ablehnen. Prevent – Protect – Prepare“ ganz prag-
Tschetschenien angepasst, um Kämpfer Zur Verhinderung von Radikalisierung matisch als einen „Prozess, durch den
zu rekrutieren. versuchte Prevent, wie im obigen Zitat Menschen sich dazu entschließen, ge-
Drittens wurden die relativ schlechten von Tony Blair angedeutet, muslimische walttätigen Extremismus zu unterstüt-
Lebensbedingungen muslimischer Min- Gemeinschaften in Großbritannien als zen und/oder terroristischen Gruppie-
derheiten in Europa mit dem Meta-Nar- Gegenkräfte aufzubauen. Öffentliche rungen beizutreten“.
rativ des globalen Kampfes zwischen Debatten und gezielte Förder maß nah- Gegenwärtig wird in der einschlägigen
dem Westen und dem Islam verknüpft. men auf lokaler Ebene sollen Missstän- Forschung eine Vielzahl möglicher Fak-
So fehlt etwa einem Drittel der briti- de in mehrheitlich muslimischen Ge- toren diskutiert, die in so verstandenen
schen Muslime im erwerbsfähigen Alter meinden überwinden und dadurch die Radikalisierungsprozessen eine Rolle

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DAS PREVENT-PROGRAMM ZUR
VERHINDERUNG GEWALTSAMER
RADIKALISIERUNG

Muslime demonstrieren in London gegen
den Krieg im Irak und in Afghanistan. Ein
grundlegendes islamistisches Narrativ be-
ruht auf einer strengen Interpretation des
Korans und deutet Konflikte wie beispiels-
weise in Afghanistan oder Irak als Teil ei-
nes globalen Kampfes zwischen dem Wes-
ten und dem Islam.
picture alliance/dpa

das Kohäsionsprogramm – sollten nach
sozialen Unruhen zwischen Asiaten und
Weißen in nordenglischen Städte hel-
fen, den sozialen Zusammenhalt auf lo-
kaler Ebene zu fördern und weiteren
Ausschreitungen vorzubeugen. Sie wur-
den jetzt um einen expliziten Schwer-
punkt auf muslimische Gemeinschaften
ergänzt. Gleichzeitig wurden für Prevent
erhebliche Mittel aus anderen Titeln
des britischen Sozialhaushalts abge-
zweigt wie dem Fonds für stärkere und
sichere Gemeinden.
Auf der einen Seite ist es mit Hilfe von
Prevent gelungen, den traditionellen Fo-
kus der britischen Terrorismusbekämp-
fung auf „harte“ Maßnahmen der poli-
zeilichen und gerichtlichen Straftatver-
eitelung und -verfolgung um sanfte Prä-
ventions- und Integrationsansätze zu
ergänzen. Auf der anderen Seite wurde
aber kritisiert, dass sich Terrorismusbe-
kämpfung in allgemeine Sozialpolitik
auflöse. So machte 2010 eine parla-
mentarische Untersuchungskommission
darauf aufmerksam, dass viele Lokalpo-
litiker alte Hilfsprogramme an die neuen
spielen. Hierzu zählen Kosten-Nutzen- mit dem jeweiligen sozialen und politi- Förderrichtlinien angepasst hatten, um
Kalküle (Pape 2006; Bloom 2006), kultu- schen Kontext von potentiellen Rekruten sie fortführen zu können. Auf diese Wei-
relle Überzeugungen (Hafez 2006; und den gewählten Mobilisierungs- se flossen erhebliche Mittel in Projekte,
Moghadam 2006; Toloyan 2006), Ent- strategien von Terrororganisationen die so gut wie keinen Bezug zur Terroris-
fremdung (Sageman 2004), persönliche zusammenwirken. Uneinigkeit herrscht musprävention gehabt hatten. Außer-
Unzufriedenheit (Silke 2008) oder auch auch im Hinblick auf die Rolle von Ideo- dem gab es immer wieder Fälle, in de-
Loyalität und Solidarität (Keppley 1996; logie. Eine zentrale Frage dabei bleibt, nen muslimische Gemeinden von Lokal-
Atran 2010). Arie Kruglanski (2009) ob Ideologie eine Ursache radikaler politikern großzügig mit Prevent-Mitteln
bündelt viele dieser Faktoren in seinem Einstellungen und Gewalt ist oder ein bedient worden sind, um sich deren po-
Konzept des Strebens nach Bedeutung Mittel zur Rationalisierung begangener litische Unterstützung zu sichern. Ein Zu-
(„significance quest“), wonach jeder Gewaltakte. sammenhang mit den Zielen des Pro-
Mensch ein starkes Bedürfnis nach per- Vor dem Hintergrund der kaum be- gramms war nicht erkennbar. Zwar lie-
sönlicher Geltung hat und gleichzeitig herrschbaren Komplexität von Radikali- ßen sich auch gelungene Initiativen
hochgradig anfällig für Sinnkrisen ist. sierungsprozessen setzt Prevent auf Inst- identifizieren, wie z. B. „Radical Middle
Wenn beides zusammentrifft, werden rumente, die gezielt Gemeinden und Way“, das in einem Dialogforum für jun-
Menschen empfänglich für radikale Gemeinschaften vor Ort stärken wol- ge Muslime einen dynamischen und mo-
Gruppen und lassen sich leichter von len. Die meisten dieser Instrumente wur- deraten Islam vertritt. Generell galt
Terrororganisationen rekrutieren. Das den dabei in bereits laufende Program- aber, dass Gelder immer wieder Adres-
Modell von Taylor und Horgan (2006) me eingegliedert, die vom Amt für Ge- saten zugute kamen, die sich auf Ge-
geht noch einen Schritt weiter und be- meinschaften und Selbstregierung (De- meindeebene zwar politisch engagier-
greift Radikalisierung als einen komple- partment for Communities and Local ten, aber nicht viel zur Terrorismusprä-
xen Prozess, in dem persönliche Motive, Government) aufgelegt worden waren. vention beitrugen. Zu allem Überfluss
wie z. B. das Streben nach Bedeutung, Diese Programme – und hier vor allem wurden dann auch noch Vorwürfe laut,

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dass es eindeutig extremistischen Grup- Zusammenhang ließ sich dann auch be- limen ein neues Einheitsgefühl. Auch aus
pen gelungen war, Prevent-Mittel zu er- obachten, dass eine Reihe ethnischer ihrer Sicht verlieren die Unterschiede
halten. Minderheiten ihre muslimische Identität zwischen den muslimischen Gemeinden
wiederentdeckten, um an staatliche an Relevanz, während die Differenzen
Fördergelder zu gelangen (House of zur weißen Mehrheitsgesellschaft im-
Zwischen Kontrolle und Vertrauen – Commons 2010). Damit wurde Prevent mer deutlicher werden. Am sichtbarsten
Die Widersprüchlichkeit des paradoxerweise für die Stärkung der wird dieser Effekt bei jungen Muslimen
Programms Stellung muslimischer Geistlicher in beobachtet, die sich von der britischen
ehemals säkular ausgerichteten Grup- Gesellschaft nicht akzeptiert fühlen und
Als Reaktion auf die Bedenken über den pen mitverantwortlich. die sich immer häufiger für ihren Glau-
Fokus und die Effektivität von Prevent Am schwersten wog allerdings die er- ben und ihre kulturellen Wurzeln recht-
wurden nicht nur die Vergabekriterien wähnte Anbindung von Prevent an das fertigen müssen. Dieser soziale Druck
kritisch überprüft, sondern das Pro- OSCT. Ein und dieselbe Behörde war ruft bei nicht wenigen eine generelle
gramm der Abteilung für Sicherheit und fortan sowohl für die polizeiliche Über- Abwehrhaltung hervor und lässt sie ihre
Terrorismusbekämpfung (Office for Se- wachung und Verfolgung von terrorver- religiöse Identität umso stärker beto-
curity and Counter Terrorism; OSCT) im dächtigen Individuen und Gruppen, als nen, was sie dann wiederum besonders
Innenministerium unterstellt. Damit rück- auch für die zivile Zusammenarbeit mit anfällig für extremistische Propaganda
te Prevent organisatorisch stärker in die muslimischen Gemeinschaften verant- macht. Die radikal-islamische Hisb ut-
Nähe der konventionellen Terrorismus- wortlich. Dies führte nicht nur zu einer Tahrir (HT) beispielsweise bietet Stu-
bekämpfung. Das hatte auf der einen Stigmatisierung muslimischer Gemein- denten ein intellektuelles Forum an briti-
Seite zur Folge, dass sich der in der bri- den als potentielle Horte des Extremis- schen Universitäten, wo sie mit Gleich-
tischen Öffentlichkeit ohnehin latent mus, sondern innerhalb der Gemeinden gesinnten Themen wie die Konflikte in
vorhandene Generalverdacht gegen zu massiven Konflikten, inwiefern man Kaschmir oder Palästina diskutieren und
Muslime weiter verhärtete (The Change sich für Polizeiarbeit einspannen lassen mit der britischen Kolonialgeschichte in
Institute 2008a). Auf der anderen Seite wolle. Insgesamt belastete die enge Zusammenhang bringen. Auf diese
blieb aber die Förderung lokaler Initia- Verzahnung von Prevent und Polizei das Weise wird sowohl ihre muslimische
tiven erhalten. Nach wie vor sollten vor mühsam erarbeitete Vertrauensverhält- Identität als auch ihre Empörung gegen
Ort Partnerschaften mit religiösen Ak- nis zwischen den muslimischen Gemein- die britische Außenpolitik gestärkt. Um-
teuren aufgebaut werden, um die briti- schaften und den Behörden, was die Ef- gekehrt lässt sich beobachten, dass die
schen Muslime besser erreichen und fektivität von Präventionsmaßnahmen Attraktivität von HT dann nachlässt,
gegen die Botschaft islamistischer Ter- generell unterminierte (The Change Ins- wenn aus der Mitte der britischen Ge-
rororganisationen immunisieren zu kön- titute 2008a; The Change Institute sellschaft inklusive soziale Bewegun-
nen. Ein Beispiel hierfür ist das „Street 2009; Spalek/Lambert 2008; House of gen wie die „Stop the War Coalition“
Project“ der Brixton Moschee im Süden Commons 2010; Lambert 2008). oder die „Respect Party“ entstehen, die
Londons. In diesem Projekt werden den Protest gegen die britische Außen-
Salafi-Kurse und Rituale eingesetzt, um politik aufgreifen und auf eine kosmo-
Gewaltdiskurse gezielt zu delegitimie- Unzulänglichkeiten und politische und überreligiöse Basis stel-
ren. Allerdings gerieten jetzt solche an unbeabsichtigte Nebeneffekte von len. Entscheidend ist es deshalb, die so-
sich positiven Projekte von muslimischer Prevent ziale Polarisierung in Großbritannien zu
Seite zunehmend in Verdacht, von Poli- überwinden.
zei und Geheimdienst kontrolliert zu Eine weitere Schwachstelle von Prevent Für die erfolgreiche Verhinderung von
werden. in seiner derzeitigen Form besteht dar- Radikalisierung müsste Prevent also die
Bei der Frage nach sinnvollen Vergabe- in, dass Symptome und nicht Ursachen sozialen und politischen Rahmenbedin-
kriterien für Prevent-Mittel forderte mit behandelt werden, und dass gleichzei- gungen, unter denen Muslime in Groß-
Hazel Blears sogar eine Regierungsmi- tig durch die Art und Weise, wie Symp- britannien leben, stärker berücksichti-
nisterin einen klaren Kriterienkatalog tome angegangen werden, die Ursa- gen. Die Entfremdung der Muslime ent-
zur ideologischen Identifikation extre- chen von Radikalisierungsprozessen steht genauso wie bei anderen Minder-
mistischer Gruppen (LSE 2009). Die Fol- verstärkt werden. So konzentriert sich heiten vor allem durch ihre anhaltende
ge war eine erbitterte öffentliche De- Prevent aus durchaus nachvollziehbaren Unterrepräsentation auf den Führungs-
batte darüber, wie sich mehr oder weni- und pragmatischen Gründen auf lokale ebenen von Politik, Verwaltung und
ger förderungswürdige muslimische Gemeinden und versucht sie und ihre Wirtschaft. Die Auffassung der Politik,
Gruppen inhaltlich unterscheiden las- Inklusivität zu stärken. Allerdings wer- dass die Muslime in Großbritannien ei-
sen. Diese Debatte führte zu erhebli- den bei dieser Ausrichtung nicht nur ne homogene Bevölkerungsgruppe mit
chen Verwerfungen zwischen staatli- wesentliche Gründe für die Radikali- einer starken gemeinsamen Identität
chen Stellen und muslimischen Gemein- sierung von Individuen und Gruppen sind, trägt weiter zu dieser Fehlentwick-
den. Dabei fehlte es auf staatlicher ausgeblendet, wie beispielsweise die lung bei, weil Lebens- und Karrierewe-
Seite oftmals schlichtweg an der not- Außenpolitik Englands gegenüber ge weniger durch individuelle Leistun-
wendigen Kompetenz, um unterschied- muslimischen Ländern, die bei vielen gen und mehr über zugeschriebene kol-
liche Strömungen im Islam erfassen und jungen Muslimen Empörung hervorruft. lektive Eigenschaften beeinflusst wer-
ihre Kompatibilität mit einer pluralisti- Vielmehr hat Prevent – und die öffentli- den. Das Ziel von Präventions- wie
schen Gesellschaft bewerten zu kön- che Debatte um Prevent – dazu geführt, Integrationspolitik muss deshalb eine
nen. Weiter verschärft wurde die Ausei- dass die Vielfalt muslimischer Gemein- gleichberechtigte und kosmopolitische
nandersetzung um die Vergabekriteri- den und die Ausdifferenziertheit der is- Gesellschaft sein, in der alle Individuen
en, als konservative muslimische Orga- lamischen Theologien in den Hinter- und Gruppen ihren Platz haben und
nisationen wie die Quilliam Stiftung grund treten. In der Wahrnehmung der sich auf lokaler wie nationaler Ebene für
versuchten, einen weiten Islamismusbe- weißen Mehrheitsgesellschaft gibt es ihre Belange engagieren (Kaldor 2003;
griff zu etablieren, um innermuslimische nur die Muslime und den Islam, die drin- Sen 2006). Während Prevent solche Vor-
Konkurrenten von den staatlichen För- gend zu deradikalisieren sind. Umge- stellungen zumindest im Ansatz enthält,
dermitteln auszuschließen. In diesem kehrt entsteht unter den britischen Mus- wurde die Umsetzung durch die Wider-

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sprüchlichkeit des Programms selbst rung stärker einen kosmopolitischen An- DAS PREVENT-PROGRAMM ZUR
und die polarisierende Rhetorik der Po- satz verfolgen. Inklusive Modelle von VERHINDERUNG GEWALTSAMER
litik untergraben. Letztere hat auch da- Staatsbürgerschaft, die die multikultu- RADIKALISIERUNG
zu beigetragen, andere zivilgesell- rellen Dynamiken und vielschichtigen
schaftliche Initiativen mit integrativen Identitäten der modernen europäischen
Zielen zu unterlaufen. Gesellschaften abbilden, scheinen der Policy Exchange (2009): Choosing Our Friends
Wisely, Criteria for Engagement with Muslim
Schlüssel zur Verhinderung von Extre- Groups. London.
mismus zu sein. Die Erfahrung lehrt Quilliam Foundation (2010): Strategic Briefing Pa-
Schlussfolgerung zwar, dass es gewalttätigen Gruppen per: Preventing Terrorism. Where Next for Britain?
trotz abstruser Ideologien immer wie- London.
Für eine abschließende Bewertung von der gelungen ist, neue Rekruten zu ge- Roy, Olivier (2004): Globalized Islam. The Search
for a New Ummah. New York.
Prevent ist es zu früh. Das Programm ist winnen und ihren Kampf über einen lan- Sageman, Marc (2004): Understanding Terror
noch nicht abgeschlossen und wird auf gen Zeitraum fortzusetzen. Gleichwohl Networks. Pennsylvania.
der Grundlage gesammelter Erfahrung gibt es keine Alternative zu anhaltender Saggar, Shamit (2009): Pariah Politics. Oxford.
ständig weiterentwickelt. Es lässt sich Wachsamkeit gegenüber sozialer Dis- Sen, Amartya (2006): Identity and Violence: The
Illusion of Destiny. New York.
aber festhalten, dass Prevent bisher we- kriminierung und Entfremdung, ohne die Silke, Andrew (2003): Terrorists, Victims and Soci-
nig erfolgreich darin war, benachteilig- keine terroristische Bewegung auf Dau- ety: Psychological Perspectives on Terrorism and
te Bevölkerungsgruppen in Großbritan- er bestehen kann. Umfassende soziale Its Consequences. Chichester.
nien davon abzuhalten, extremistische Inklusion ist keine Garantie für gesell- Silke, Andrew (2008): Holy Warriors, Exploring
Bewegungen zu bilden oder zu unter- schaftlichen Frieden, aber eine wichtige the Psychological Processes of Jihadi Radicaliza-
tion. In: European Journal of Criminology, 5 (1),
stützen, die ihre Ziele mit Gewalt verfol- Voraussetzung. S. 99–123.
gen. Stattdessen haben Prevent und die Society of Editors (2007): Address to the Society
öffentliche Debatte rund um das Pro- of Editors by the Director General of the Security
gramm dazu beigetragen, Muslime Service/MI5 Jonathan Evans, Society of Editors ‘A
LITERATUR Matter of Trust’ Conference, Radisson Edwardian
pauschal unter Terrorverdacht zu stel- Hotel Manchester, 5. November.
Atran, Scott (2010): Talking to the Enemy. New
len und weiter von der britischen Ge- Spalek, Basia/Lambert, Robert (2008): Muslim
York.
sellschaft zu entfremden. Zudem hatte BBC News (2006): Muslims must root out extrem- Communities, Counter-Terrorism and Counter
die Anbindung von Prevent an das In- ism, 4. Juli 2006; Unter: http://news.bbc.co.uk/2/ Radicalisation: Critically Reflective Approach to
nenministerium einen Vertrauensverlust hi/5144438.stm Engagement. In: International Journal of Law
Bloom, Mia (2006): Dying to Kill: Motivations for Crime and Justice, 36, S. 257–270.
der muslimischen Gemeinschaften in Taylor, Max/Horgan, John (2006): A Conceptual
Suicide Terrorism. In: Pedhazur, Ami (Hrsg.): Root
die britische Politik zur Folge. Das Innen- Causes of Suicide Terrorism. The Globalisation of Framework for Addressing Psychological Process
ministerium ist in Großbritannien feder- Martyrdom. London. in the Development of the Terrorist. In: Terrorism
führend für die „harte“ Terrorismusbe- Hafez, Mohammed M. (2006): Rationality, Cul- and Political Violence, 18, S. 585–601 .
tures, and Structure in the Making of Suicide The Change Institute (2008a): Best Practices in
kämpfung zuständig, und es gibt deutli- Cooperation between Authorities and Civil Soci-
Bombers: A Preliminary Theoretical Synthesis and
che Indizien, dass der britische Ge- ety with a View to the Prevention and Response
Illustrative Case Study. In: Studies in Conflict and
heimdienst die Prevent-Partnerschaften Terrorism, 29, S. 165–185. to Violent Radicalization. European Commission.
zur Informationsgewinnung für die Ver- HM Government (2009): Pursue – Prevent – Pro- The Change Institute (2008b): The Beliefs, Ideolo-
hinderung und Verfolgung von Strafta- tect – Prepare. The United Kingdom’s Strategy for gies and Narratives of Violent Radicalisation.
Countering International Terrorism, March 2009. European Commission.
ten nutzt. The Change Institute (2009): Understanding Mus-
House of Commons (2010): Preventing Violent Ex-
Jenseits der oftmals wenig informierten tremism: Sixth Report of Session 2009–10, Report lim Ethnic Communities. Communities and Local
Debatten über die politische Akzeptanz with Formal Minutes, Oral and Written Evidence, Government, UK.
bestimmter Strömungen innerhalb des Communities and Local Government Committee Toloyan, Khachig (2006): Cultural Narrative and
des House of Commons, 16. März. the Motivation of the Terrorist. In: Rapoport, Da-
Islams müsste eine erfolgreiche Strate- vid C. (Hrsg.): Terrorism: Critical Concepts in Po-
Kaldor, Mary (2003): Global Civil Society: An
gie zur Verhinderung von Radikalisie- litical Science. Oxford.
Answer to War. Cambridge.
Keppley, Cynthia (1996): Fighting for Faith and Wiktorowicz, Quintan (2004): Islamic Activism: A
Nation: Dialogues with Sikh Militants. Philadel- Social Movement Theory Approach, Blooming-
phia. ton.
Kruglanski, Arie et al. (2009): Fully Committed:
UNSER AUTOR

Suicide Bombers Motivation and the Quest for
Personal Significance. In: Political Psychology, 30
(3), S. 331–357. ANMERKUNGEN
Lambert, Robert (2008): Empowering Salafis and
Islamists against Al-Qaeda: A London Counter- 1 Contest steht für „Counterterrorism Strategy“.
terrorism Case Study. In: Political Science & Poli-
tics, 41, S. 31–35.
LSE/London School of Economics (2009): Many
Voices: Understanding the Debate about Pre-
venting Violent Extremism. Vortrag von Hazel
Blears, London School of Economics (LSE),
25. Februar 2009. Unter:
http://www2.lse.ac.uk/government/research/
William Hammonds ist Doktorand an MSU/blears250209.aspx
der University of Sussex (UK) am Depart- Moghadam, Assaf (2006): The Roots of Suicide
ment of Politics and Contemporary Eu- Terrorism. A Multi Causal Approach. In: Pedha-
zur, Ami (Hrsg.): Root Causes of Suicide Terrorism,
ropean Studies. Er ist Autor zweier Be-
The Globalisation of Martyrdom. London.
richte an die Europäische Kommission ONS 2005, DMAG Briefing 2005/4, Office for
über Radikalisierungsprozesse (Violent National Statistics.
radicalisation: the beliefs ideologies ONS 2004, Focus on Religion: Summary Report,
and narratives) sowie über Präventions- Office for National Statistics.
Pape, Robert A. (2006): The Strategic Logic of
maßnahmen (Best practices in preven- Suicide Terrorism. In: Rapoport, David C. (Hrsg.):
ting radicalisation in cooperation bet- Terrorism: Critical Concepts in Political Science.
ween authorities and civil society). Oxford.

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DSCHIHADISTISCHER TERRORISMUS

Dschihadistischer „Homegrown Terrorismus“
in den Niederlanden
Edwin Bakker

Mohammed B. ermordet. Außerdem den Niederlanden. Der Bericht kommt
Die Ermordung des Regisseurs Theo van starb eine unbekannte Zahl mutmaßli- zu dem Schluss, dass verschiedene
Gogh durch einen islamistisch motivier- cher niederländischer Dschihadisten in Gruppierungen mit unterschiedlichen
ten jungen Mann marokkanischer Her- Kaschmir, im Irak und in anderen Län- nationalen Hintergründen aktiv sind,
kunft hat dem liberalen Selbstverständ- dern der arabischen Welt. die alle in der einen oder anderen Wei-
nis der Niederlande einen merklichen Dieser Artikel beschreibt und analysiert se in Opposition zu westlichen Idealen
Schock versetzt und eine öffentliche De- die Dynamik des dschihadistischen stehen und die Integration der Muslime
batte über islamistische Bedrohungen „Homegrown Terrorismus“ in den Nie- in die niederländische Gesellschaft ab-
ausgelöst. Edwin Bakker erörtert und derlanden. Zunächst werden das Er- lehnen. Allerdings schien nur eine kleine
analysiert die Dynamik des dschihadisti-
starken des militanten politischen Islam Zahl gewaltbereit zu sein. Einige dieser
schen „Homegrown Terrorismus“ in den
und die Radikalisierung junger Muslime Gruppen wurden offenkundig durch
Niederlanden. Nachgezeichnet wird die
skizziert. Anschließend liegt der Fokus Staaten wie Iran, Libyen und Saudi Ara-
Entwicklung seit den 1980er Jahren, die
nach dem 11. September 2001 eine Ei- auf potenziellen und tatsächlichen Ter- bien materiell unterstützt oder ideolo-
gendynamik entfaltete und nicht zuletzt roristen, insbesondere den Mitgliedern gisch beeinflusst. Der Bericht zeigte zu-
durch die antimuslimischen Stimmungen der sogenannten Hofstad-Gruppe. Da- dem, dass der primäre Fokus der meis-
in den westlichen Gesellschaften ver- nach werden die jüngsten Entwicklun- ten radikalen Gruppierungen auf einer
stärkt wurde. Die Hintergründe und Mo- gen und Strategien diskutiert, die, so Veränderung der politischen Situation
tive begangener Terrortaten zeigen die scheint es, zum Rückgang des dschiha- in ihren Herkunftsländern lag. Hierzu
Anfälligkeit jugendlicher Muslime für is- distischen Terrorismus in den Nieder- suchten sie die Unterstützungen von Di-
lamistische Ideen angesichts ihrer sozia- landen beigetragen haben. Abschlie- asporagemeinden, die sie zur strikten
len Marginalisierung. Abschließend wer- ßend geht der Aufsatz auf die steigende Abgrenzung von der westlichen Mehr-
den die in den Niederlanden praktizierten Widerstandsfähigkeit muslimischer Ge- heitsgesellschaft aufriefen. 3
Präventions- und Interventionsstrategien meinschaften gegen Agitation und Ra-
diskutiert, die zum Rückgang des islamis- dikalisierung ein und arbeitet Unter-
tischen Terrorismus sowie zu einer ge- schiede zwischen der Situation in den Nach 9/11 – eine Eigendynamik
stiegenen Resistenz muslimischer Ge- Niederlanden und seinen Nachbarlän- entsteht
meinschaften gegen Agitation und dern heraus.
Radikalisierung beigetragen haben. I Bis zum Jahr 2000 blieb der militante
politische Islam in den Niederlanden
(Die Übersetzung besorgte Rebekka Radikaler politischer Islam – erste ein Randphänomen. Seine Verbreitung
Manke, Universität Tübingen.)
Anzeichen war gering, und es gab keine Anzeichen
für eine übergreifende Radikalisierung
Der radikale politische Islam wird als muslimischer Gemeinschaften. Diese re-
soziale Bewegung definiert, welche das lativ stabile Situation begann sich kurz
Einleitung Ziel hat, die politische Ordnung von nach der Jahrhundertwende zu verän-
Gesellschaften nach Maßgabe einer dern. Der radikale politische Islam ge-
Seit 9/11 und insbesondere seit den Ter- strengen Auslegung des Islam zu verän- wann eine hohe Eigendynamik. Sie wur-
roranschlägen von Madrid (11. März dern. Erste Anzeichen für einen radika- de durch die antimuslimische Stimmung
2004) nahm in den Niederlanden die len politischen Islam in den Niederlan- in westlichen Gesellschaften verstärkt,
öffentliche Aufmerksamkeit für den den gab es in den 1980er Jahren. Vor die sich nach den Terroranschlägen in
„Home grown Terrorismus“ mit dschiha- allem in Auseinandersetzung mit der New York (11. September 2011), Madrid
distischem Hintergrund deutlich zu. palästinensischen Intifada (1987) und (11. März 2004), London (7. Juli 2005)
Nach einem Jahrzehnt relativer Ruhe den „Satanischen Versen“ von Salman und anderen Orten in der Welt entwi-
wurde das Land mit einer plötzlichen Rushdie (1988) begannen sich muslimi- ckelte.
Zunahme einschlägiger Straftaten kon- sche Menschen und Gruppen zu orga- Die antimuslimische Stimmung in den
frontiert. Sie wurden von Niederlän- nisieren. Diese Entwicklungen wurden Niederlanden erhielt durch eine Reihe
dern oder Menschen mit Migrationshin- vom niederländischen Geheimdienst1 von „Zwischenfällen“ Auftrieb, die als
tergrund verübt, die bereits lange in mit Sorge beobachtet. In Studien zur ra- Zeichen für eine offene oder versteckte
den Niederlanden lebten. Hierzu zähl- dikalen islamistischen Szene identifi- Duldung und/oder Unterstützung des
ten Morddrohungen gegen Politiker zierte er eine Reihe kleinerer Gruppie- Terrorismus durch Muslime gedeutet
und Personen des öffentlichen Lebens, rungen „militanter Fundamentalisten“, wurden. So soll am Abend des 11. Sep-
die Unterstützung terroristischer Grup- denen es zunehmend gelinge, Muslime tembers 2001 eine Gruppe Jugendli-
pen im Ausland, eine zunehmende Ge- von der niederländischen Mehrheitsge- cher mit überwiegend marokkanischem
waltbereitschaft unter jungen Muslimen sellschaft zu entfremden. 2 Hintergrund lauthals den Angriff auf die
und die konkrete Planung terroristischer Als Reaktion auf die globalen wie natio- Vereinigten Staaten von Amerika gefei-
Anschläge. Glücklicherweise blieb die nalen Aktivitäten dschihadistischer Ter- ert haben. Journalisten lieferten Fotos,
Zahl von Todesopfern bislang relativ rornetzwerke veröffentlichte der nie- auf denen einige der Jugendlichen mit
gering. Am 2. November 2004 wurde derländische Geheimdienst 1998 einen Bildern von Osama bin Laden zu sehen
der Filmregisseur Theo van Gogh von Bericht über den politischen Islam in sind. Es ist bis heute nicht geklärt, ob die

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Jugendlichen aus eigenem Entschluss Lage, ihnen öffentlich Paroli zu bieten. 7 DSCHIHADISTISCHER „HOMEGROWN
handelten oder von den Journalisten Daher konnte sich der radikale politi- TERRORISMUS“ IN DEN NIEDERLANDEN
gezielt zu dieser Pose angestiftet wor- sche Islam in den Niederlanden zu-
den sind. Der Vorfall löste heftige öf- nächst ungehindert ausbreiten. 8
fentliche Kritik an den niederländischen
Muslimen aus. Außerdem gab er für die auch auf Ziele in den Niederlanden und
Sensationsmedien den Startschuss, Von der Radikalisierung zum Europa.14
nach weiteren vermeintlichen Indizien Dschihad Veteranen und ausländische Anwerber
für die mehr oder weniger „heimliche“ können aber nicht allein für die Dynamik
Freude von Muslimen über terroristische Bereits vor 9/11 hatten sich offenkundig des Dschihadismus in den Niederlan-
Attentate zu fahnden. Auch wenn sich einige niederländische Islamisten dem den verantwortlich gemacht werden.
im Nachhinein zeigte, dass vielen die- transnationalen Dschihad verschrieben Vielmehr spielte auch die Gruppendy-
ser Berichte nur Gerüchte oder Fehlin- oder standen in Kontakt mit internatio- namik unter muslimischen Jugendlichen
terpretationen von Texten und Ereignis- nal agierenden Terrornetzwerken. Viele eine wichtige Rolle. Wie sich in Internet-
sen zugrunde lagen, so haben sie den- von ihnen kamen als Asylsuchende ins foren nachzeichnen lässt, fühlten sie
noch dem Ansehen der muslimischen Land, wo sie schnell Anschluss an musli- sich stark betroffen von den blutigen
Gemeinschaften in den Niederlanden mische Gemeinschaften und salafisti- Auseinandersetzungen in der musli mi-
schwer geschadet. 4 Die Büchse der sche Zentren fanden. Vor allem diese schen Welt und der antimuslimischen
Pandora war offen und der Ton wurde Zentren waren der ideale Ort, um Kon- Stimmung in der niederländischen Öf-
deutlich härter. Während es in der Ver- takte mit Gleichgesinnten zu knüpfen. fentlichkeit. In der Folge entwickelten
gangenheit nicht zuletzt aus Gründen An erster Stelle standen hier Marokka- einige dieser Jugendlichen eine extrem
der politischen Korrektheit nur wenige ner der zweiten und dritten Generati- ablehnende Haltung gegenüber Staat
wagten, offen den (radikalen) Islam on.9 Zunächst waren die ausländischen und Gesellschaft, die bei manchen so-
zu kritisieren, nahm die Zahl negativer Dschihadisten darum bemüht, nieder- weit ging, dass sie Gewalt anwenden
Äußerungen gegenüber dieser Weltre- ländische Glaubensbrüder für die fi- wollten.15 Ihre Feindseligkeit richtete
ligion und ihrer Anhänger in der nieder- nanzielle Unterstützung des Dschihad sich dabei auch gegen Meinungsma-
ländischen Öffentlichkeit sprungartig im Ausland zu gewinnen.10 Zunehmend cher, die Muslime und den Islam res-
zu. versuchten sie aber auch, junge nieder- pektlos behandelten. Einer davon war
Diese Stimmung ging nicht spurlos an ländische Muslime unmittelbar für den der Filmregisseur Theo van Gogh, der
den muslimischen Gemeinschaften vor- bewaffneten Kampf zu rekrutieren, was sich den Ruf eines ausgesprochenen
bei. Insbesondere die jüngere muslimi- ihnen in etlichen Fällen auch gelang. So Provokateurs erworben hatte.16 Er nann-
sche Generation erlebte, was Arie Kru- wurde im Dezember 2001 bekannt, dass te Muslime unter anderem „Ziegenfi-
glanski u. a. sozialen Bedeutungsver- zwei niederländische Jugendliche ma- cker“ und „die fünfte Kolonne“. Er agi-
lust nennen: Sie fühlten sich in die Ecke rokkanischer Herkunft in Kaschmir von tierte gegen jedwede Form des sozialen
gedrängt und sahen sich mit einer für indischen Sicherheitskräften erschos- oder religiösen Zwangs und war der
sie höchst ungerechten, sehr beleidi- sen worden waren. Sie waren vermut- Überzeugung, dass Religion – und hier
genden und diskriminierenden Bericht- lich in der Region unterwegs, um sich vor allem der Islam – die Quelle allen
erstattung in den Medien konfrontiert. 5 dem bewaffneten Dschihad anzuschlie- sozialen Übels sei. Seine Meinung
Entsprechend warnte im April 2004 der ßen.11 Zwei Jahre später versuchten Sa- brachte van Gogh im Kurzfilm „Submis-
niederländische Geheimdienst vor ei- mir A. und sein Freund Hussein – beide sion“ auf sehr drastische Weise zum
ner „steigenden Zahl von Muslimen, die im Alter von 17 und ebenfalls mit marok- Ausdruck. Er klagt den Missbrauch von
sich von Meinungsmachern und Mei- kanischem Hintergrund – nach Tschet- Frauen in der islamischen Welt an, in-
nungsführern respektlos behandelt schenien zu reisen. Sie wurden an der dem er Koranverse zeigt, die auf nackte
fühlen (…). Darüber hinaus ist die Hal- russisch-ukrainischen Grenze festge- weibliche Körper projiziert werden. Die
tung der Regierung aus ihrer Sicht nicht nommen und nach Hause geschickt. Frauen tragen nur einen Schleier. Das
objektiv genug.“6 Dabei erlebten nicht Wieder in den Niederlanden angekom- Drehbuch stammte von der bekannten
nur bekennende Fundamentalisten eine men, setzte Samir A. seine „Karriere“ in Kritikerin des radikalen politischen Is-
öffentliche Debatte über ihren Glau- radikalen Kreisen fort und wurde im Ok- lam, Ayaan Hirsi Ali (Mitglied des nie-
ben und die um sich greifende Islam- tober 2005 wegen Mitgliedschaft in ei- derländischen Parlaments und somali-
Phobie als Diskriminierung, sondern ner terroristischen Vereinigung und der scher Herkunft). Nach der Ausstrahlung
auch eine wachsende Gruppe von Vorbereitung von Anschlägen verur- des Films im niederländischen Fernse-
Muslimen der zweiten und dritten Ein- teilt.12 hen erhielten beide Morddrohungen.
wanderergeneration. Hinzu kam eine Auf das Erstarken des politischen Islam
westliche Außenpolitik, die viele als reagierte das Parlament mit der Forde-
maßlos gegenüber der muslimischen rung nach mehr Informationen über Um- Die Hofstad-Gruppe und
Welt empfanden. Letztlich war es eine fang und Wesen des islamistischen Ter- Mohammed B.
Kombination dieser Faktoren, die Ju- rorismus in den Niederlanden. Der Ge-
gendliche anfällig machte für radikale heimdienst veröffentlichte daraufhin im Einer derjenigen, die der Ansicht waren,
Ideen und für die Rekrutierung in terro- März 2004 einen Bericht, in dem die dass van Gogh und Hirsi Ali den Islam
ristische Zellen. Zahl radikaler Islamisten auf einige ohne den gebührenden Respekt behan-
Leider waren die meisten muslimischen Hundert geschätzt wurde.13 In dieser deln, war ein junger Mann marokkani-
Gemeinschaften nicht in der Lage, dem Gruppe seien auch sogenannte Kriegs- scher Herkunft namens Mohammed B.
wachsenden Einfluss des radikalen po- veteranen aus Afghanistan und Tschet- (Jahrgang 1978). Am 2. November 2004
litischen Islam zu widerstehen. Die meis- schenien aktiv, die eine wichtige Rolle ermordete er Theo van Gogh. Nach ei-
ten gemäßigten Sprecher und Organi- bei der Radikalisierung junger Muslime ner Schießerei mit der Polizei versuchte
sationen hatten entweder kaum Einblick spielten und bereits einige Dutzend auf Mohammed B., den Märtyrertod zu
in die Aktivitäten der radikalen Kräfte den Dschihad vorbereitet hätten. Dieser sterben. Er wurde aber von der Polizei
und deren Einfluss auf verunsicherte Ju- Dschihad bezog sich sowohl auf Kon- überwältigt und verhaftet. Weitere Ver-
gendliche, oder sie waren nicht in der fliktgebiete in der muslimischen Welt als haftungen folgten. Sie brachten die

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Existenz eines militanten Netzwerks zum „reinen Islam“, so wie er vom Pro- ningscamp aufgenommen zu werden.
junger Muslime ans Licht, das später pheten und den ersten vier rechtgeleite- Dieser Versuch war aber gescheitert. 25
„Hofstadgroep“ (Hofstad-Gruppe) ge- ten Kalifen vorgelebt worden war. Die Die Verdächtigen wurden in zwei paral-
nannt wurde.17 von der Hofstad-Gruppe entwickelte lelen Verfahren verurteilt. Mohammed
Diese Gruppe hatte sich 2002 aus ei- Auslegung dieser Lehre lässt sich am B. erhielt in Amsterdam für die Ermor-
nem diffusen Netzwerk von ungefähr besten als „Neo-Takfir“ oder „Takfir- dung von Theo van Gogh eine lebens-
zwei Dutzend jungen Muslimen entwi- Light“ bezeichnen; und sie war auf die lange Freiheitsstrafe ohne Bewäh-
ckelt. Im Sommer 2004 bildeten etwa Rechtfertigung von Gewalt angelegt. 22 rung. 26 Außerdem musste er sich mit 13
zwölf bis 15 Mitglieder den harten Kern, Die Treffen der Mitglieder des Netz- weiteren Verdächtigen in Rotterdam für
darunter Mohammed B. In seiner Woh- werkes fanden in Wohnungen und Mo- die Mitgliedschaft in einer terroristi-
nung trafen sich Jugendliche zu Semi- scheen statt. Die wichtigsten Mitglieder schen Vereinigung verantworten. Von
naren, um ihre Kenntnisse über den ra- waren junge niederländische Marokka- den 14 Angeklagten wurden neun ver-
dikalen politischen Islam zu vertiefen. ner, einschließlich Mohammed B. 23 Bis urteilt. Die lose Struktur der Hofstad-
Die Treffen wurden durch B. und einen 2004 entwickelten einige Mitglieder Gruppe stellte die Strafverfolgungsbe-
etwa 40 Jahre alten Syrer geleitet. Letz- des Netzwerkes gewaltsame Strategi- hörden jedoch vor größere Probleme.
terer war ein selbsternannter Mudscha- en zur „Verteidigung“ des Islams. Dies Ein Berufungsgericht hob im Januar
heddin mit dunkler Vergangenheit, der gilt besonders für Mohammed B., der im 2008 jedoch sieben der neun Urteile
selbst zwar nur über begrenzte Kennt- September 2004 den Punkt erreicht hat- wieder auf, da den Verdächtigen keine
nisse des Islam verfügte, dessen Wissen te, an dem er nicht nur bereit war, Perso- strukturelle Kooperation mit der Hof-
jedoch das der übrigen Gruppenmit- nen zu bedrohen, die aus seiner Sicht stad-Gruppe nachgewiesen werden
glieder deutlich übertraf.18 den Islam oder den Propheten beleidi- konnte. 27 Jason W. wurde allerdings für
Dem Netzwerk konnten keine Verbin- gen, sondern sie sogar zu töten. Eine mehrfachen Mordversuch und illegalen
dungen zu anderen terroristischen Or- dieser Personen war der niederländi- Waffenbesitz zu fünfzehn Jahren Ge-
ganisationen nachgewiesen werden. sche Filmemacher Theo van Gogh. fängnis verurteilt. 28
Dieser autonome Charakter entspricht
dem von Marc Sageman vorgeschlage-
nen Konzept des „leaderless jihad“ – al- Ermordung von Theo van Gogh und Rückgang des dschihadistischen
so des Dschihad, der ohne zentrale Füh- Zerschlagung der Hofstad-Gruppe Terrorismus
rung auskommt. Nach Sageman führt
Radikalisierung in einem „feindlichen Am Morgen des 2. November 2004 Mit der Verurteilung von Mitgliedern
Umfeld“ zu kleinen lokalen und selbstor- wurde der Filmregisseur, der mit dem der Hofstad-Gruppe und einigen wei-
ganisierten Gruppen, die er griffig als Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit war, teren Verhaftungen hat die Bedrohung
„bunch of guys“ bezeichnet.19 Die Hof- von Mohammed B. brutal ermordet. Er durch gewalttätige Dschihadisten deut-
stad-Gruppe selbst beschreibt Sage- gab acht Schüsse auf ihn ab und ver-
man als flexibles Netzwerk von „Dschi- suchte dann, seine Kehle durchzu-
hadisten mit großen Ambitionen“, die schneiden. Nachdem er Theo van Gogh
sich zwanglos um drei oder vier Füh- beinahe enthauptet hatte, heftete er
rungsfiguren versammelten, von denen ihm mit einem Dolch einen fünfseitigen
einige – durchweg erfolglos – versucht Brief an die Brust. In dem Brief bezog
hatten, dem bewaffneten Dschihad im sich Mohammed B. auf die Ideologie
Ausland beizutreten. 20 Dieses informel- der Takfir wal-Hijra und drohte mit wei-
le Netzwerk, das bei seinen Treffen po- teren Anschlägen gegen westliche Re-
litische und religiöse Themen diskutier- gierungen, Juden und niederländische
te, war lose strukturiert. Seine Zusam- Politiker, zu denen auch Ayaan Hirsi Ali
mensetzung veränderte sich im Zeitver- zählte. Nach einem Schusswechsel mit
lauf. Manche Mitglieder nahmen nur an der Polizei wurde B. festgenommen.
wenigen Sitzungen teil und schieden Noch am selben Tag und in der Folge-
dann wieder aus, weil sie das Interesse zeit wurden an verschiedenen Orten
verloren oder aber sich mit ihrer Mei- mehr als ein Dutzend weitere verdächti-
nung nicht durchsetzen konnten. Das ge Mitglieder des Netzwerkes verhaf-
Netzwerk hatte etwa ein Dutzend rela- tet. Zwei wurden nach einer 14-stündi-
tiv fester Mitglieder. Von ihnen hält Sa- gen Belagerung aus ihrer Wohnung in
gemann nur einige wenige für die trei- Den Haag abgeführt. Einer von ihnen,
benden Kräfte. 21 der niederländisch-amerikanische Kon-
Der Kern der Gruppe entwickelte all- vertit Jason W., hatte zuvor eine Hand-
mählich äußerst radikale Vorstellungen granate auf Polizisten geworfen, die
vom Islam und davon, was einen guten das Gebäude stürmen wollten. 24 Später
Muslim ausmacht. Ihre Diskussionen stellte sich heraus, dass James W. nach
drehten sich zunehmend um den Begriff Pakistan gereist war, um in einem Trai-
des Dschihad und die angemessene
Haltung gegenüber Nicht-Gläubigen,
zu der nach ihrer Überzeugung auch
die Mehrheit der Muslime zählte. Seine
radikalsten Ideen hat die Gruppe von Trauer um den Filmemacher Theo von
Takfir wal-Hijra übernommen. Takfir Gogh: Ein Graffiti mit dem Porträt von
wal-Hijra ist eine fundamentalistische Theo van Gogh ist zwei Tage nach dem
Richtung innerhalb des sunnitischen Is- Mord an dem islamkritischen Filmemacher
lam mit einer salafistischen Ideologie. an einer Hauswand in Amsterdam zu
Ihre Vertreter predigen die Rückkehr sehen. picture alliance/dpa

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lich abgenommen. Sowohl der Geheim- bei gehen die Eingriffe in manchen DSCHIHADISTISCHER „HOMEGROWN
dienst als auch der nationale Antiterro- Fällen so weit, dass ausländische Hass- TERRORISMUS“ IN DEN NIEDERLANDEN
rismus-Koordinator berichten, dass den prediger und Terrorverdächtige in ihre
Netzwerken mittlerweile Führungsfigu- Heimatländer ausgewiesen werden.
ren fehlten. Ihre organisatorischen Fä- Dem Geheimdienst zufolge führt der
higkeiten seien stark geschwächt, und konsequente Verfolgungsdruck zur fähigkeit der muslimischen Gemein-
die Unterstützung aus der Bevölkerung Spaltung der dschihadistischen Netz- schaften gegenüber dem radikalen und
sei zurückgegangen. Im Geheimdienst- werke und schaltet ihre Leitungsebenen gewalttätigen politischen Islam.
bericht von 2006 kommen die Behörden aus. 30
sogar zu dem Schluss, dass die bekann- Mit dem verschärften Durchgreifen der
ten Netzwerke und Gruppen in den Sicherheitsbehörden haben radikale Widerstandsfähigkeit und
Niederlanden zerschlagen worden sei- Kreise viel von ihrer Attraktivität einge- Selbstkontrolle muslimischer
en. Tatsächlich ist es den Sicherheits- büßt. Auch die Medien interessieren Gemeinschaften
diensten gelungen, eine Reihe von Treff- sich kaum noch für sie. „Nachwuchs-
punkten und Informationsbörsen auszu- und Möchtegern-Terroristen“ haben In der aufgeheizten Stimmung nach
schalten. 29 Die Imame und Leiter ein- sich nach den Verurteilungen im Hof- 9/11 und der Invasion des Irak durch die
schlägig bekannter Moscheen und Kul- stad-Verfahren verstärkt von der mili- „Koalition der Willigen“ (coalition of the
turzentren wurden von den Behörden tanten Szene abgewendet. Es ist offen- willing) verbesserte sich die Rekrutie-
konsequent beobachtet und unmittel- kundig nicht cool, im Gefängnis ein- rungsfähigkeit militanter Gruppen. Ei-
bar für Auffälligkeiten in ihrem Verant- zusitzen. Dieser Entfremdungsprozess nes ihrer Hauptargumente war der an-
wortungsbereich verantwortlich ge- wurde noch weiter verstärkt, als sich Ja- geblich fehlende Respekt der nieder-
macht. Außerdem hat sich – im Vergleich son W. im Oktober 2010 nach fünf Jah- ländischen Mehrheitsgesellschaft vor
zur Situation vor einigen Jahren – die ren Haft in einem offenen Brief an eine dem Islam. Seitdem sind aber Gegen-
Informationslage der Behörden deut- Tageszeitung von seinen dschihadisti- kräfte unter den Muslimen stärker ge-
lich verbessert. Sie wissen mittlerweile schen Überzeugungen distanzierte. worden, die zunehmend an Überzeu-
sehr viel genauer, was in den einschlä- Der Brief gilt als Beispiel für die zuneh- gungskraft gewinnen. So beobachtet
gigen Einrichtungen und den Moscheen menden Zweifel der inhaftierten Terro- der nationale Antiterrorismus-Koordi-
vor sich geht. Entsprechend können risten an der Legitimität ihrer Taten und nator schon seit einigen Jahren eine zu-
sie mit verwaltungsrechtlichen, finanz- den Erfolgen des bewaffneten Dschi- nehmende Widerstandsfähigkeit musli-
technischen und öffentlichkeitswirksa- had. 31 Der wichtigste Faktor für den mischer Gemeinschaften gegenüber
men Mitteln direkt an den Gefahren- Rückgang des dschihadistischen Terro- Radikalisierung und Extremismus. 32 Der
punkten, von denen Radikalisierungs- rismus ist jedoch aller Wahrscheinlich- Einfluss salafistischer Gruppen stagnie-
prozesse ausgehen, intervenieren. Da- keit nach die wachsende Widerstands- re und ihre Aufforderung, sich nicht in
die niederländische Gesellschaft zu in-
tegrieren, finde immer weniger Gehör.
Dabei scheinen sich vor allem orthodo-
xe Muslime mehr und mehr vom Salafis-
mus zu distanzieren. Zu ähnlichen
Schlüssen kommt der Geheimdienstbe-
richt von 2008, der muslimischen Ge-
meinschaften eine sinkende Anfälligkeit
für salafistische Lehren und eine wach-
sende Abkehr von salafistischen Zent-
ren bescheinigt. 33 Offenkundig wird der
Handlungsspielraum für militante Fun-
damentalisten enger.
Auch im Internet scheint die Akzeptanz
salafistischer Propaganda zu sinken.
Die Zahl einschlägiger Einträge ist nach
Informationen des Geheimdienstes in
den letzten Jahren nicht weiter ange-
wachsen, sondern leicht zurückgegan-
gen. Dies lasse sich zum Teil durch die
strengere Moderation der großen Inter-
netforen erklären. Außerdem spreche
einiges dafür, dass junge Muslime das
Interesse an diesem Medium verlieren.
Sie fühlten sich beobachtet und müssten
fürchten, dass radikale Statements und
Gewaltaufrufe der Polizei gemeldet
würden. 34 Zeitgleich hat die Zahl gemä-
ßigter Internetforen, die sich an nieder-
ländische Muslime der zweiten und drit-
ten Generation wenden, deutlich zuge-
nommen. Diese neuen Foren sind nicht
nur für die argumentative Auseinander-
setzung mit Hetz- und Hasspredigten
wichtig, sondern sie bieten jungen Mus-
limen auch eine Möglichkeit, soziale

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Frustrationen zu thematisieren und ihre sche Ressentiments in den Niederlan- landen Fuß zu fassen und Spannungen
Meinung zur Geltung zu bringen. Auf den verstärken würden. 36 Obwohl sich sowohl unter Muslimen als auch zwi-
diese Weise erleben sie ganz im Sinne viele Muslime durch den Film in ihren schen Muslimen und Nicht-Muslimen zu
der Überlegungen von Arie Kruglanski religiösen Gefühlen verletzt fühlten, erzeugen. Gleichwohl kam es nach dem
soziale Anerkennung und fühlen sich blieb es nach der Ausstrahlung des Mord an Theo van Gogh nicht zu weite-
ernstgenommen. Gleichwohl bietet das Films auf den Straßen ruhig. ren tödlichen Anschlägen. Dennoch
Internet radikalen Gruppierungen na- Aber die wachsende Ablehnung des galt die dschihadistische Gefahr in den
türlich weiterhin viele Möglichkeiten, ih- gewaltbereiten Islams in den mus li mi- Niederlanden als so groß, dass viel Zeit
re Propaganda zu verbreiten, neue Mit- schen Glaubensgemeinschaften kann und Energie in die politische und soziale
glieder zu werben und sie auf den nicht ausschließen, dass sich Individuen Bekämpfung von Radikalisierung und
Dschihad vorzubereiten. und Gruppen radikalisieren, ohne dass Terrorismus investiert wurden. Einige
dies von ihrem Umfeld bemerkt wird. dieser Anstrengungen waren offenkun-
Wachsame Gemeinschaften können dig effektiv wie beispielsweise die Zer-
Die Förderung der Widerstands- zwar das Risiko verringern, dass Einzel- schlagung der Hofstad-Gruppe und
fähigkeit und ihre Grenzen ne gewalttätig werden, und sie können ähnlicher Netzwerke. Zu den positivs-
dafür sorgen, dass militante Gruppen ten Entwicklungen zählt darüber hinaus
Eine weitere positive Entwicklung der kein freundliches Umfeld finden. Bereits die zunehmende Widerstandsfähigkeit
letzten Jahre sind verschiedene Initiati- überzeugte und gewaltbereite Funda- der muslimischen Glaubensgemein-
ven, Brücken zwischen den muslimischen mentalisten werden mit solchen Maß- schaften. Ihr zunehmende Bereitschaft,
Gemeinschaften und den Behörden zu nahmen aber eher isoliert und in den die Radikalisierung und Rekrutierung
bauen. Auf diese Weise hat sich insbe- Untergrund gedrängt. Sie tendieren zur zum Dschihad in den eigenen Gemein-
sondere nach der Ermordung von Theo Abgrenzung von ihren Gemeinschaf- schaften als Problem zu erkennen und
van Gogh (2. November 2004) der Ein- ten, die sie als „schwach“ und übermä- zu bekämpfen, hat nach allem, was wir
blick der Sicherheitsdienste in die radi- ßig kompromissbereit wahrnehmen. 37 wissen, dazu beigetragen, dass sich
kale muslimische Szene und einschlägi- Außerdem schützt eine verstärkte sozia- der radikale politische Islam nicht wei-
ge Netzwerke mit Terrorpotential deut- le Kontrolle nicht davor, dass sich ein- ter ausbreiten konnte und mittlerweile
lich verbessert. Außerdem ist es gelun- zelne Muslime beispielsweise über das sogar zurückgeht.
gen, gute Kontakte mit einer Vielzahl Internet selbst radikalisieren. Der Fall Diese positiven Entwicklungen stehen in
von Verantwortlichen, Webdesignern Yehya K. macht diese Gefahr deutlich. starkem Kontrast zur Entwicklung des
und Aktivisten in muslimischen Gemein- Er wurde im Februar 2005 als Einzeltäter radikalen politischen Islams in anderen
schaften zu knüpfen. Diese Kontakte rei- für Morddrohungen gegen niederlän- Ländern Westeuropas. Europol warnte
chen bis in salafistische Moscheen hin- dische Politiker und die Beschaffung 2009 davor, dass die Zahl der Muslime
ein und helfen den Behörden, Radikali- von Informationen und Baumaterialien in der Europäischen Union (EU) steigt,
sierungsprozesse frühzeitig zu erken- zur Herstellung eines Sprengsatzes ver- die sich in einem terroristischen Umfeld
nen und die Widerstandsfähigkeit von urteilt. 38 Schließlich können Radikalisie- mit dschihadistischem Hintergrund be-
Gemeinschaften gezielt zu stärken. Da- rungsprozesse sehr schnell ablaufen, so wegen. Dabei gehörten die meisten der
rüber hinaus wurden soziale und karita- dass sie erst vergleichsweise spät er- 187 verhafteten Männer und Frauen
tive Institutionen aufgerufen, über ihre kannt werden und dann kaum noch zu eher kleinen autonomen Zellen als be-
Kontakte und im Internet mehr Informati- bremsen sind. Nach Geheimdienstin- kannten terroristischen Netzwerken
onen zu moderaten Strömungen im Is- formationen war dies bei drei Personen an. 40 Gleichzeitig zeigen sich die Be-
lam zu verbreiten. 35 In diesem Prozess der Fall, die im Dezember 2007 in Rot- hörden in Frankreich, Deutschland und
spielen die muslimischen Gemeinschaf- terdam verhaftet worden sind. Der Großbritannien besorgt über die zu-
ten in den Niederlanden eine aktive Hauptverdächtige hatte erst kurz vor nehmende Bereitschaft einheimischer
und eigenständige Rolle. Sie sind be- seiner Festnahme ein stärkeres Interesse Muslime, zur Terrorausbildung nach Pa-
reit, das Problem der Radikalisierung am Islam entwickelt. 39 kistan und Afghanistan zu reisen. Aus
einheimischer Muslime bis hin zum Ter- Gleichwohl darf die Bedeutung der den Krisengebieten werden immer mehr
rorismus mit eigenen Mitteln anzuge- wachsenden Widerstandsfähigkeit mus- Videos in Umlauf gebracht, in denen die
hen. Hierzu haben sich neue Gruppen limischer Gemeinschaften gegen radi- neuen Rekruten ihren Heimatländern
mit neuen Sprechern gebildet, die deut- kale und gewaltbereite Mitglieder aus oder den NATO-Truppen in Afghanis-
lich professioneller mit Politik und Medi- ihren eigenen Reihen nicht unterschätzt tan mit Terroranschlägen drohen. Unter
en umgehen als ihre Vorgänger. werden. Es handelt sich hierbei um den Rekruten befinden sich auch mehre-
Nicht zuletzt dieser neuen Professiona- einen höchst wirksamen Beitrag im re Konvertiten aus Deutschland, denen
lität war es zu verdanken, dass der anti- Kampf gegen den dschihadistischen die deutschen Sicherheitsbehörden An-
muslimische Film „Fitna“ den sozialen Terrorismus. Die Popularität und An- schläge gegen deutsche Staatsbürger
Frieden in den Niederlanden nicht ge- schlussfähigkeit radikaler Ideen nimmt im In- und Ausland zutrauen. Nach Aus-
fährden konnte. Der Film des Rechtspo- ab und die Gemeinschaften sorgen kunft von Jörg Ziercke, dem Chef des
pulisten Geert Wilders wurde im März dafür, dass Terrorgruppen in den Nie- Bundeskriminalamts, haben sich im
2008 ausgestrahlt. Polizei und Feuer- derlanden kein freundliches Umfeld fin- September 2010 etwa 400 militante Is-
wehr waren auf größere Unruhen ähn- den. lamisten in Deutschland aufgehalten.
lich denen in französischen Banlieus Von ihnen zählt das Bundeskriminalamt
vorbereitet. Im Vorfeld hatten aber alle 131 Personen zum harten Kern. Diese
führenden Repräsentanten des Islam Schlussbemerkungen Personen werden als „Gefährder“ ein-
die Muslime des Landes dazu aufgeru- gestuft. Von ihnen habe ein Großteil in
fen, auf die Provokation nicht mit Aus- Im Hinblick auf den radikalen politi- Terrorcamps im afghanisch-pakistani-
schreitungen zu reagieren. Sie konnten schen Islam in den Niederlanden bleibt schen Grenzgebiet eine paramilitäri-
ihre Gemeinschaften davon überzeu- es schwierig, eine allgemeine Lagebe- sche Ausbildung erhalten. Bei 40 „Ge-
gen, dass Gewalt und die damit unwei- urteilung abzugeben. Militanten Grup- fährdern“ müsse man sogar davon aus-
gerlich verbundene soziale Polarisie- pen ist es in den letzten beiden Jahr- gehen, dass sie über Kampferfahrun-
rung lediglich bestehende antiislami- zehnten zwar gelungen, in den Nieder- gen verfügen. 41

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10 Für konkrete Beispiele siehe Eikelenboom,
Die Unterschiede in der Gefahrenein- DSCHIHADISTISCHER „HOMEGROWN
Siem (2004): Jihad in de polder: De radicale Islam
schätzung zwischen Deutschland und in Nederland. Amsterdam und Antwerpen, TERRORISMUS“ IN DEN NIEDERLANDEN
den Niederlanden sind bemerkens- S. 207–234.
wert. Wie lassen sie sich erklären? Es 11 Vidino, Lorenzo (2007): The Hofstad Group:
kann nicht an der Außenpolitik liegen: the New Face of Terrorist Networks in Europe. In:
Studies in Conflict and Terrorism, Vol. 30, No. Generation of Terror. In: Foreign Policy, March/
Beide Länder sind eng mit den USA ver- 7/2007, S. 580–581. April 2008, S. 39.
bündet und kämpfen in Afghanistan. 12 Eikelenboom, Siem (2004): Jihad in de pol- 22 General Intelligence and Security Service
Möglicherweise haben die Unterschie- der: De radicale Islam in Nederland. Amsterdam (AIVD) (2006): Violent Jihad in the Netherlands.
und Antwerpen, S. 42. Den Haag, S. 30–39; Groen, Janny/Kranenberg,
de damit zu tun, dass die muslimischen Annieke (2005): Vijver voor extremisten. In: De
13 General Intelligence and Security Service
Gemeinschaften in Deutschland größer Volkskrant, 26. November 2005.
(AIVD) (2006): Violent Jihad in the Netherlands.
sind als in den Niederlanden: rund drei Den Haag, S. 52. 23 Transnational Terrorism, Security and the
Millionen im Vergleich zu einer Million. 14 General Intelligence and Security Service Rule of Law (TTSRL) (2006): The ‘Hofstadgroep’. In
Es kann aber auch sein, dass die nieder- (AIVD) (2002): Recruitment for the Jihad in the Deliverable 5, Work package 3/2008, S. 4.
Netherlands: from Incident to Trend. Den Haag. 24 District Court of Amsterdam, 26. Juli 2005,
ländische Antiterrorismus-Strategie ins- 13/129227-04, LJN: AU0025: unter: http://www.
15 Veldhuis, Tinka/Bakker, Edwin (2009): Mus-
gesamt effektiver war als die deutsche lims in the Netherlands: Tensions and Violent rechtspraak.nl.
Strategie. Aber das lässt sich zurzeit Conflict. In: Emerson, Michael (ed.): Ethno-Reli- 25 Eikelenboom, Siem (2007): Niet bang om te
noch nicht mit Sicherheit sagen. Außer- gious Conflict in Europe: Typologies of Radicali- sterven. Dertig jaar terrorisme in Nederland.
sation in Europe’s Muslim Communities. Brüssel, Amsterdam, S. 33 und 37.
dem bleibt abzuwarten, ob der Rück- 26 District Court of Amsterdam, 26. Juli 2005,
S. 81–108.
gang des dschihadistischen Terroris- 13/129227-04, LJN: AU0025; unter: http://www.
16 Buruma, Ian (2006): Murder in Amsterdam,
mus in den Niederlanden von Dauer ist. Liberal Europe, Islam and the Limits of Tolerance. rechtspraak.nl/Gerechten/Rechtbanken/Ams-
Die derzeitige Situation eines Mangels London, S. 98. terdam.
an Führungspersönlichkeiten könnte 17 Die Bezeichnung „Hofstad“ war ursprünglich 27 Sageman, Marc (2008): The Next Generati-
ein vom niederländischen Geheimdienst für diese on of Terror. In: Foreign Policy, March/April 2008,
sich sehr schnell ändern, wenn es radi- S. 39.
Gruppierung gewählter Deckname, der in den
kalisierten Muslimen aus den Nieder- Medien aufgegriffen wurde. Die Bezeichnung 28 District Court of Amsterdam, 10. März 2008,
landen gelingen sollte, mit paramilitäri- bezieht sich auf Den Haag, die Heimat einiger 10/000174-04; unter: http://www.rechtspraak.nl/
schen Gruppierungen in Afghanistan Gruppenmitglieder, auch bekannt als „Stadt der Gerechten/Rechtbanken/s-Gravenhage.
königlichen Residenz“. 29 The Dutch House of Representatives, Parlia-
oder Pakistan Kontakt aufzunehmen mentary paper 2005-2006, 29754, Nr. 61, 22.
18 Vidino, Lorenzo (2007): The Hofstad Group:
und anschließend wieder in die Nieder- December 2005.
the New Face of Terrorist Networks in Europe. In:
lande zurückzukehren. Sollten sich die Studies in Conflict and Terrorism, Vol. 30, No. 30 General Intelligence and Security Service
Unterschiede zwischen den Niederlan- 7/2007, S. 583. (AIVD) (2007): Annual Report 2006. Den Haag,
den und den anderen westeuropä- 19 Sageman, Marc (2008): Leaderles Jihad: Ter- S. 30–33.
ror Networks in the Twenty-First Century. Philadel- 31 International Centre for Counter-Terrorism/
ischen Ländern jedoch stabilisieren, ICCT (2010): Jason W. and the Issue of De-Radi-
phia, S. 143.
wäre eine vergleichende Untersuchung 20 Sageman, Marc (2008): The Next Generati- calisation, 20. Oktober 2010; unter: www.icct.nl.
der Effektivität der unterschiedlichen on of Terror. In: Foreign Policy, March/April 2008, 32 Dreigingsbeeld Terrorismebestrijding Neder-
nationalen und lokalen Strategien zur S. 39. land (DTN) (2009): Eighteenth Terrorist Threat
21 Vidino, Lorenzo (2007): The Hofstad Group: Assessment Netherlands (DTN 18). Den Haag.
Terrorismusbekämpfung so lohnens- 33 General Intelligence and Security Service,
the New Face of Terrorist Networks in Europe. In:
wie wünschenswert. Annual Report 2008 (Den Haag: AIVD, 2009),
Studies in Conflict and Terrorism, Vol. 30, No.
7/2007, S. 583; Sageman, Marc (2008): The Next S. 27–28.
34 Ebd., S. 30.
35 Meines, Marije (2007): Radicalisation and its
ANMERKUNGEN Prevention from the Dutch Perspective. Radicali-
1 In den Niederlanden besteht ein militärischer sation in Broader Perspective. Den Haag, S. 34–
Nachrichtendienst Militaire Inlichtingen- en Vei- 39.
UNSER AUTOR

ligheidsdienst (MIVD) und ein ziviler Algemene 36 Dreigingsbeeld Terrorismebestrijding Neder-
Inlichtingen- en Veiligheidsdienst (AIVD), bis land (DTN): Twelfth Terrorist Threat Assessment
2002: Binnenlandse Veiligheidsdienst (BVD). Die Netherlands (DTN 12). Den Haag, S. 6.
Umbenennung des zivilen Nachrichtendienstes 37 Ebd., S. 1–8.
ging einher mit einer Ausweitung seiner Aufga- 38 Bakker, Edwin (2006): Jihadi Terrorists in Eu-
ben. Unterstützt werden die beiden Geheim- rope, Their Characteristics and the Circumstan-
dienste durch den 2003 gegründeten Nationale ces in Which they Joined the Jihad: an Explora-
Sigint Organisatie (NSO). tory Study. Den Haag, S. 22–23.
2 Binnenlandse Veiligheidsdienst (BVD) (1992): 39 General Intelligence and Security Service
Jaarverslag 1991 (Jahresbericht 1991). Den Haag, (AIVD) (2008): Annual Report 2007. Den Haag,
S. 19–20. S. 35.
3 Interior Security Service (BVD) (1998): The Po- 40 European Police Office, TE-SAT (2008): EU
litical Islam in the Netherlands. Den Haag. Terrorism Situation and Trend Report. Den Haag,
S. 7 und 18.
4 Ebd., S. 81–108. Prof. Dr. Edwin Bakker hat eine Profes- 41 Spiegel Online (2010): Terrorgefahr: BKA
5 Vgl. Kruglanski, Arie W. et al. (2009): Fully sur am Zentrum für Terrorismus und Ter-
Committed: Suicide Bombers’ Motivation and the schätzt Zahl der Islamisten in Deutschland auf
Quest for Personal Significance. In: Political Psy- rorismusbekämpfung an der Universität über 400. (Spiegel Online vom 5. September
chology, Vol. 30, 3, S. 331–357. Leiden; Research Fellow des Clingen- 2010); unter: http://www.spiegel.de.
6 General Intelligence and Security Service dael Security and Conflict Programm
(2004): Background of Jihad Recruits in the (CSCP) am Netherlands Institute of Inter-
Netherlands. Den Haag.
national Relations (2003–2010); Fel-
7 General Intelligence and Security Service
(AIVD) (2004): From Dawa to Jihad: The Various low am International Centre for Counter
Threats from Radical Islam to the Democratic Le- Terrorism The Hague; Gastdozent am
gal Order. Den Haag, S. 46. NATO Defense College in Rom; Her-
8 Bakker, Edwin/Berger, Michael Andrew ausgeber der Periodika „Human Rights
(2011): The Case of The Netherlands. In: Rubin,
Barry (ed.): Global Survey of Islamism. New York, and Security“ sowie „Vrede & Veilig-
N.Y. (im Druck). heid“; seine Forschungsschwerpunkte
9 National Coordinator for Counterterrorism sind: Terrorismus, gewalttätiger Extre-
(2008): Salafism in the Niederlands. Den Haag, mismus, Radikalisierungsprozesse und
S. 5.
Präventions- bzw. Gegenstrategien.

251

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„3/11“: INTERNATIONALE UND REGIONALE DSCHIHADISTISCHE VERBINDUNGEN

Der Mythos des „homegrown terrorism“
in Spanien
Anthony Celso

ration für radikalisierte Muslime, die in Barcelona 2008 und auf den New
Die Anschläge von Madrid am 11. März sich weltweit in losen Zellen organisie- Yorker Times Square im Jahr 2010 stün-
2004 war kein Racheakt isoliert agieren- ren würden. Von ihnen hänge es letzt- den. 3
der und radikalisierter muslimischer Im- lich ab, ob der dschihadistische Terror Aber auch die Diagnose einer revitali-
migranten. Vielmehr wurde hinter dem gegen den Westen fortgeführt werde sierten Al-Qaida kann nicht überzeu-
Anschlag ein komplexes Netzwerk von oder nicht. gen. So ist die wachsende Zahl von Al-
internationalen und regionalen Terroror- Hinter den Anschlägen auf die Pendler- Qaida-nahen Organisationen nicht auf
ganisationen sichtbar. Die Attentäter züge in Madrid im März 2004 und auf eine wieder erstarkte Al-Qaida-Zentra-
standen in enger Kooperation mit die Londoner U-Bahn im Juli 2005 stün- le zurückzuführen. Vielmehr schließen
transnational organisierten Dschihadis-
de deshalb keine transnationale Orga- sich immer mehr regionale Terrorgrup-
ten im Maghreb und dem Al-Qaida-
nisation mit globaler Logistik, sondern pen in Pakistan, Algerien, Marokko, So-
Netzwerk. Die detaillierte Analyse des
ein Haufen „wilder Kerle“. Sageman malia oder auch im Jemen zu transnati-
Anschlags von Madrid – auch „3/11“
genannt – von Anthony Celso verdeut- spricht hier von einem „bunch of guys“. onalen Bündnissen zusammen. 4 Diese
licht, dass es Al-Qaida gelungen ist, in Diese lokalen Gruppierungen würden neuen Netzwerke mit gemeinsamer
Europa operierende Terrornetzwerke in sich vor allem aus enttäuschten mus- Ideologie – und nicht die lokalen „bunch
eine internationale Terrorallianz einzu- limischen Einwanderern der zweiten of guys“ – werden in Zukunft aller Vor-
binden. Entgegen offizieller Sichtweisen und dritten Generation zusammenset- aussicht nach die gefährlichste Bedro-
gab es eindeutige Verbindungen zwi- zen. Sie sähen für sich im Westen keine hung für die westliche Sicherheit sein.
schen Al-Qaida und den Attentätern, die Zukunft mehr, und auf sie habe der Irak- Die dschihadistischen Gruppen in den
der dschihadistischen Ideologie eine ho- krieg wie ein gewaltiger Katalysator Maghrebstaaten, in Pakistan, Somalia
he Bedeutung zumaßen. Letztlich weist gewirkt. Letztlich haben nach Sageman und im Jemen sind allesamt deutlich äl-
die Beständigkeit und Virulenz islamisti- also die Empörung über westliche Poli- ter als Al-Qaida. Ihr blutiger Kampf ist
scher Netzwerke in Spanien trotz des tik und die Suche nach Ruhm und An- aber überall ähnlich erfolglos geblie-
militärischen Rückzugs der spanischen erkennung aus enttäuschten Muslimen ben. 5 Nirgendwo gelang es ihnen, die
Truppen aus dem Irak auf eine starke Be- gefährliche Terroristen gemacht. „Ungläubigen“ aus ihren politischen
ziehung zu Al-Qaida und damit auf eine „Homegrown terrorism“ erscheint bei Ämtern zu verjagen. In dieser Hinsicht
weiterhin existente Bedrohung hin. I Sageman damit als Folge einer fatalen sind die lokalen Gruppen der Al-Qai-
Eroberungs- und Exklusionspolitik des da-Zentrale durchaus vergleichbar. Seit
Westens. Ohne sie wäre die Rekrutie- dem 11. September sind auch ihr keine
rung von Nachwuchsterroristen in den vergleichbaren Angriffe auf westliche
„Homegrown terrorism“ oder muslimischen Gemeinden Europas und Ziele gelungen. Eine stärkere Koopera-
Terrornetzwerke? Nordamerikas nicht möglich gewesen. tion zwischen der Al-Qaida-Zentrale
Deshalb würde die jüngste Welle dschi- und Al-Qaida-nahen Organisationen
In der akademischen Debatte ist der hadistischer Gewalt in dem Augenblick im Maghreb, den arabischen Ländern
„homegrown terrorism“ zu einem zent- abebben, in dem der Westen seine Poli- sowie Libanon und Somalia lag also na-
ralen Thema geworden. Und auch in tik ändere und den muslimischen Min- he und stellt eine natürliche Allianz zwi-
der Öffentlichkeit wird intensiv über die derheiten echte Lebensperspektiven schen erfolglosen internationalen und
Todesschüsse von Fort Hood (5.11.2009) biete. erfolglosen regionalen Dschihadisten
oder den Anschlagsversuch auf den Sagemans Thesen zur Lähmung von Al- dar. Alle Bündnispartner scheinen da-
New Yorker Times Square (2.5.2010) Qaida und der überwiegend lokalen bei von dem Zusammenschluss zu profi-
diskutiert. Immer geht es dabei um radi- Dimension der aktuellen dschihadisti- tieren: Al-Qaida erhöht mit Hilfe der
kalisierte Muslime, die in Nordamerika schen Bedrohung haben in der Fach- Dschihadisten aus dem Maghreb seine
und Westeuropa leben und dort lokale welt viel Kritik ausgelöst. Bereits 2007 Fähigkeit, Ziele in Nordafrika und Euro-
Terrorzellen gründen, um im Namen warnte Bruce Riedel davor, Al-Qaida zu pa anzugreifen. Gleichzeitig stärken al-
salafistischer Überzeugungen Anschlä- unterschätzen. Er wies darauf hin, dass gerische, marokkanische und tunesi-
ge gegen westliche Bürger und Instituti- sich die Terrororganisation in den Berg- sche Islamisten durch die Kooperation
onen zu verüben. Vor allem Marc Sage- regionen im Nordwesten Pakistans neu mit Al-Qaida ihre religiöse und ideolo-
man hat in seinen Büchern „Understan- formieren würde. 2 Auch Bruce Hoffman gische Glaubwürdigkeit. Außerdem
ding Terror Networks“ und „Leaderless bezweifelt die empirischen Grundlagen verbessern sich ihr Zugang zu Ausbil-
Jihad“ viel über solche lokalen Terror- von Sagemans Argument. Wie Riedel dungslagern und ihre internationale
gruppen mit transnationaler Program- meint er, dass Al-Qaida wegen seiner Mobilität.
matik nachgedacht.1 Er kommt zu dem engen Verbindung zu den pakistani- Aus dieser Perspektive sind die Anschlä-
Schluss, dass Al-Qaida als Organisati- schen Taliban nach wie vor eine ernst- ge von Casablanca 2003 und Madrid
on nach den Attentaten vom 11. Sep- hafte Gefahr für den Westen darstelle. 2004 nicht das Ergebnis von autono-
tember 2001 an Handlungsfähigkeit Denn es führe eine deutliche Spur von men Zellen nach dem Muster des „ho-
verloren hat und nicht mehr in der Lage den terroristischen Ausbildungslagern megrown terrorism“. Stattdessen stan-
ist, aus eigener Kraft große Anschläge in Nord-Wasiristan zu pakistanischen den die Attentäter in enger Kooperati-
zu verüben. Stattdessen diene Al-Qai- Diasporagruppen im Westen, die wie- on mit transnational organisierten
da heute vor allem als Quelle der Inspi- derum hinter den Anschlagsversuchen Dschihadisten im Maghrebraum und

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dem Al-Qaida-Netzwerk. Schon lange dem übernahm Al-Qaida noch am Tag DER MYTHOS DES „HOMEGROWN
vor der formalen Gründung eines genu- der Anschläge in einer E-Mail an eine TERRORISM“ IN SPANIEN
inen Al-Qaida-Ablegers im Maghreb arabischsprachige Zeitung in London
(Al-Qaïda au Maghreb Islamique, kurz: sowie zwei Tage später in einem anony-
AQMI) im Jahr 2006 war ein Al-Qaida- men Anruf bei spanischen Behörden die
nahes Netzwerk in der Region entstan- Verantwortung und erklärte, die An- Madrid führt, (4) dass ideologische Mo-
den und aktiv. So wird der algerischen schläge seien als Racheaktion für Spa- tive bei den Attentätern von Madrid ei-
Groupe Islamique Armé (GIA; auf niens Einsatz im Irakkrieg zu verstehen. ne hohe Bedeutung hatten und, (5) dass
Deutsch: Bewaffnete Islamische Grup- Das verheerende Ausmaß der Explosio- die Beständigkeit und Virulenz islamisti-
pe), die in den 1990er Jahren mehrere nen und die Unvereinbarkeit der Indizi- scher Netzwerke in Spanien trotz des
Anschläge in Frankreich verübte, eine en mit den offiziellen Schuldzuwei- militärischen Rückzugs der spanischen
starke Verbindung zu Al-Qaida nach- sungen an die ETA führten zu heftigen Truppen aus dem Irak auf eine starke
gesagt. Auf ähnliche Weise werden die politischen Turbulenzen. Die wenig Beziehung zu Al-Qaida hinweist.
Groupe Islamique Combattant Maro- glaubwürdige Kampagne der Regie-
cain (GICM; auf Deutsch: Islamische rungspartei wurde von der oppositio-
Kampfgruppe Marokkos) und die Grou- nellen Sozialistischen Arbeiterpartei Al-Qaidas marokkanische und
pe Salafiste pour la Prédication et le (Partido Socialista Obrero Español) algerische Partnerorganisationen
Combat (GSPC; zu Deutsch: Salafisten- scharf kritisiert. Gleichzeitig erklärten
Gruppe für Predigt und Kampf) mit Al- ihre Vertreter die Irakpolitik der Regie- Bevor Al-Qaida versuchte, in Westeuro-
Qaida assoziiert. rung – ganz im Sinne von Al-Qaida – pa eine eigene Infrastruktur aufzubau-
Entgegen Sagemans „bunch of guys“- zur eigentlichen Ursache für die An- en, waren bereits marokkanische und
These stellen also die Anschläge von schläge. Die Mehrheit der Bevölkerung algerische Terrornetzwerke in der Regi-
Casablanca und Madrid keine militan- teilte diese Einschätzungen und wählte on aktiv.9 Seit den 1950er Jahren war
ten Racheaktionen entfremdeter musli- die konservative Regierung ab. Nach Westeuropa wegen seiner liberalen
mischer Immigranten dar. Vielmehr ma- ihrem unerwarteten Wahlkampferfolg Einwanderungs- und Asylgesetze für
chen sie ein komplexes Netzwerk von hielten die Sozialisten ihr Versprechen viele Muslime ein attraktiver Zufluchts-
internationalen und regionalen Terror- und begannen mit dem Abzug der spa- ort. Weil sie in ihren Heimatländern un-
organisationen sichtbar, welche lang- nischen Truppen aus dem Irak. ter politischer Verfolgung und unter
fristig kooperieren, um gemeinsame Die weiteren Ermittlungen legten den wirtschaftlicher Stagnation litten, leb-
Ziele zu verfolgen. Schluss nahe, dass das Netzwerk aus ten bereits in den 1990er Jahren zwi-
lokalen Zellen marokkanischer Einwan- schen 15 bis 20 Millionen muslimische
derer bestand, die durch Spaniens Teil- Migranten auf dem europäischen Konti-
Die Anschläge von Madrid: Kritik an nahme am Irakkrieg radikalisiert wor- nent. Nach einer Reihe gescheiterter
der „bunch of guys“-Theorie den seien. 6 Das Netzwerk habe sich Aufstandsversuche in den 1980er und
größtenteils selbst organisiert und fi- 1990er Jahren flohen auch immer mehr
Am frühen Morgen des 11. März 2004 nanziert und keine nennenswerte Un- Extremisten vor der zunehmenden poli-
explodierten während der Hauptver- terstützung durch die ETA oder Al-Qai- tischen Repression im nördlichen Afrika
kehrszeit zehn Bomben in vier Regional- da erhalten. Auf den ersten Blick bestä- und im Vorderen Orient. Sie nutzen das
zügen nahe der Madrider Bahnstation tigt die spanische Polizeiarbeit also ein- sichere Umfeld in den Aufnahmelän-
Atocha. Das Timing der Operation und drucksvoll die These von Marc Sageman dern, um den bewaffneten Kampf ge-
die verwendeten Mobilfunktelefone, zum „homegrown terrorism“ in westli- gen ihre Heimatregime zu reorganisie-
mit denen die Zündung ausgelöst wur- chen Ländern. 7 Und auch die neue sozi- ren. Besonders notorisch waren in die-
de, deuteten darauf hin, dass Tausende alistische Regierung ging von einer Ein- ser Hinsicht die algerische GIA (Groupe
Pendler sterben sollten. Am Ende for- zeltat radikalisierter Muslime aus, wel- Islamique Armé) und die marokkanische
derten die Bomben 191 Tote und 1.800 che vor allem mit dem spanischen Enga- GICM (Groupe Islamique Combattant
Verwundete. Die Anschläge ereigneten gement im Irak zusammenhänge. Marocain). Ihr Kampf gegen den „na-
sich kurz vor den spanischen Parla- Die Einschätzung der Regierung blieb hen“ Feind in ihren Heimatländern mu-
mentswahlen, und die Reaktion der Re- aber nicht lange unwidersprochen. So tierte schnell zum Kampf gegen den
gierung und die nachfolgenden polizei- halten Fernando Reinares, Michael Ra- „fernen“ Feind in Europa und den USA,
lichen Ermittlungen sollten weitreichen- du und Lorenzo Vidino daran fest, dass der die Regime in Nordafrika und im
de politische Folgen haben. Die regie- Al-Qaida und ihre Partnerorganisatio- Vorderen Orient unterstützte. So verüb-
rende konservative Volkspartei (Partido nen eine führende Rolle bei den Madri- te die GIA, die nach der Niederschla-
Popular) machte vorschnell die baski- der Anschlägen gespielt haben und gung der algerischen Reformbewegung
sche Terrororganisation ETA (Euskadi Ta dass wichtige empirische Befunde den 1992 gegründet wurde, Anschläge auf
Askatasuna; auf Deutsch: Freiheit für die Thesen von Sageman widersprechen. 8 die Pariser U-Bahn als Rache für Frank-
baskische Heimat) für die Toten und Im Folgenden wird es darum gehen, die reichs offene Unterstützung der Militär-
Verwundeten verantwortlich. Demge- Kritik an der Interpretation von Madrid regierung in Algier.
genüber liefen die polizeilichen Ermitt- 2004 als „homegrown terrorism“ weiter Die Infrastruktur dieser islamistischen
lungen schnell auf die Identifikation ei- zu stärken. Auf der Grundlage neuer Organisationen in Europa diente aber
nes islamistischen Netzwerkes hinaus. empirischer Beobachtungen wird sich auch der Beschaffung von Geld und
Dieser Verdacht wurde bestätigt, als die zeigen, (1) dass es Al-Qaida gelungen Rekruten. Die algerischen Terrorgrup-
spanischen Sicherheitsbehörden drei ist, maghrebinische Aktivistennetzwer- pen GIA und GSPC (Groupe Salafiste
nicht explodierte Bomben mit einem ke in Europa in eine transnationale Ter- pour la Prédication et le Combat), die
marokkanischen Einwanderer in Verbin- rorallianz zu integrieren, (2) dass es marokkanische CICM sowie andere is-
dung bringen konnte, welcher Kontakte starke Verbindungen zwischen Al-Qai- lamistische Splittergruppen unterhiel-
zu Al-Qaida unterhielt. Zusätzliches Be- da und den Attentätern von Madrid ten kriminelle Netzwerke in Westeu-
weismaterial (Tonbänder mit Koranver- gab, (3) dass eine eindeutige Spur von ropa: Sie handelten mit Menschen und
sen sowie Sprengkapseln) wurde in einem Al-Qaida-Treffen in Istanbul zu Drogen, fälschten Pässe und betrie-
zwei gestohlenen Autos gefunden. Zu- den Angriffen von Casablanca und ben Geld wäsche, um den bewaffneten

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Anthony Celso
Ausschnitt aus einem
Bekennerschreiben, in
dem das Terrornetz-
werk Al-Qaida die
Verantwortung für die
Bombenanschläge von
Madrid übernimmt.
picture alliance/dpa

Kampf in Algerien und Marokko zu fi- seine Mitglieder gemeinsam Ausbil- Struktur der Attentäter von Madrid, die
nanzieren. dungslager einrichteten, die Rekrutie- wahrscheinlich nicht zufällig genau 911
Die Kriege in Bosnien, Tschetschenien, rung neuer Kämpfer koordinierten und Tage nach dem Angriff auf das World
Kaschmir und Algerien und die repressi- sich wechselseitig mit Personal und Trade Center zuschlugen.
ven Herrschaftspraktiken in vielen wei- Geld aushalfen.
teren Ländern Nordafrikas, des Vorde- Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde
ren Orients und Südwestasiens brach- Europa zur operativen Basis für „heilige Das „3/11-Netzwerk“: Internationale
ten nicht nur zehntausende muslimische Kriege“ an den verschiedensten Orten und regionale dschihadistische
Migranten nach Europa. Sie führten der Welt. Die Al-Qaida-Zellen in Ham- Verbindungen
auch dazu, dass unter den isolierten burg, London und Madrid spielten eine
und entwurzelten Menschen die marti- zentrale Rolle für die Organisation der Studien über das Netzwerk der Attentä-
alische Rhetorik islamistischer Extremis- Anschläge vom 11. September 2001. Lo- ter von Madrid (das sogenannte
ten auf fruchtbaren Boden fiel. Es war gistisch konnten sie dabei auf die GIA „3/11-Netzwerk“)12 belegen, dass Mit-
nicht schwer, sie von der Notwendigkeit zurückgreifen. Von der GIA wurde bei- glieder von Al-Qaida, GIA und GICM
des Kampfes gegen die Unrechtsregime spielsweise im Juli 2001 das Treffen von in der Planung, Organisation und Aus-
in ihren Heimatländern zu überzeugen. Mohammad Atta und Ramzi Binalshibh führung der Anschläge von Madrid zu-
Und für Al-Qaida war es anschließend in Tarragona organisiert, auf dem die sammenarbeiteten.13 Zwei der wichtigs-
ein Leichtes, die USA als den „großen operativen Details der Angriffe auf das ten Akteure aus Spaniens Al-Qaida-
Satan“ zu zeichnen, der dafür verant- World Trade Center und das Pentagon Führung waren der Syrer Abu Dadah
wortlich ist, dass der Befreiungskampf festgelegt worden sind.11 Nach der Ver- und der Marokkaner Amir Azizi. Dadah
bislang erfolglos geblieben ist. Ende treibung der Taliban aus Afghanistan galt in den 1990er Jahren als Kopf der
der 1990er Jahre gelang es Al-Qaida, und der Zerschlagung ihrer europäi- spanischen Al-Qaida. Er war es, der Ja-
die regionalen marokkanischen und al- schen Infrastruktur nahm die Kooperati- mal Zougam, einen der Schlüsselakteu-
gerischen Terrornetzwerke in seine glo- on zwischen Al-Qaida und marokkani- re im „3/11-Netzwerk“, für die Organi-
bale Netzwerksstruktur zu integrieren.10 schen sowie algerischen Terrorgruppen sation der Anschläge rekrutierte. In Zu-
Letztlich einigte dieses Netzwerk der weiter zu. Diese Kooperation zeigt sich sammenarbeit mit Azizi begann Dadah
Hass auf die USA, der so stark war, dass insbesondere in der organisatorischen die Kooperation mit Dschihad-Organi-

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sationen aus dem Maghreb auszubau- im Umfeld der Madrider Moschee Villa- DER MYTHOS DES „HOMEGROWN
en. Im Laufe der Zeit schafften sie es, die verde aktiv und wurde von dem Drogen- TERRORISM“ IN SPANIEN
Operationen der verschiedenen Grup- dealer Jamal Ahimad gelenkt. Und
pen zwischen Europa und Nordafrika schließlich gab es eine Zelle unter der
zu synchronisieren. Dadah wurde nach Leitung von GICM-Mitglied Fakhet mit
seiner Verhaftung in Syrien 2002 an engen Kontakten nach Marokko.14 Au- und das spanische Volk zur Wahl der
Spanien ausgeliefert und dort für seine ßerdem bestanden Arbeitsbeziehun- oppositionellen Sozialistischen Arbei-
Mittäterschaft an den Anschlägen vom gen zwischen den Drahtziehern der An- terpartei im Dezember 2004 beglück-
11. September 2001 verurteilt. schläge von Casablanca und Madrid. wünscht. Beide Reaktionen scheinen in
Amir Azizi wurde Mitte der 1990er Jah- Es lässt sich also kaum sagen, dass das Einklang mit der Linie zu sein, auf die
re von Al-Qaida angeworben und pen- Netzwerk hinter den „3/11-Anschlä- sich Al-Qaida während des erwähnten
delte zwischen Spanien und Afghanis- gen“ eine isolierte und lokal organisier- Treffens in Istanbul im Jahr 2002 einig-
tan mit der Aufgabe, neue marokkani- te Gruppe war. Stattdessen deutet alles te. Berücksichtigt man Al-Qaidas Ver-
sche Kämpfer zu rekrutieren. Unter sei- darauf hin, dass regionale und interna- bindungen zur GICM und den Attentä-
ner Führung erhielten viele dieser tionale Terrororganisationen die Atten- tern von „3/11“, können diese Äußerun-
Rekruten eine Ausbildung bei den Tali- täter von Madrid gezielt anleiteten und gen nicht als bloße opportunistische
ban in Afghanistan, wo sie auch im Ge- unterstützten. Propaganda abgetan werden.
brauch von Sprengstoff mit Mobiltele- Dass selbst nach dem Abzug Spaniens
fonzündern geschult wurden. Nach den aus dem Irak weitere Anschläge von der
Anschlägen vom 11. September 2001 Al-Qaidas Plan nach 9/11: Von spanischen Polizei vereitelt wurden,
war Azizi maßgeblich am Entwurf einer Istanbul über Casablanca nach deutet auf einen hohen Organisations-
gemeinsamen Strategie zum weiteren Madrid grad des islamistischen Terrornetzwer-
Kampf gegen westliche Interessen be- kes hin.17 Die genannten Drohungen und
teiligt. Besonders wichtig war in dieser Nach dem Sturz des Taliban-Regimes in die verhinderten Attentate widerspre-
Hinsicht ein Treffen im Februar 2002, Afghanistan hatte Al-Qaida einen chen folglich Marc Sagemans „bunch of
das von ihm in Istanbul organisiert wor- Großteil seiner operativen Leistungsfä- guys“-Theorie: Das „3/11-Netzwerk“
den war und bei dem Dschihad-Orga- higkeit eingebüßt und war für Anschlä- scheint nicht aus selbstorganisierten
nisationen aus dem Maghreb Al-Qaida ge gegen den Westen fortan stärker auf und dezentralen Zellen mit wenig Kon-
feierlich ihre Treue schworen. Gemein- marokkanische und algerische Partner takt zu globalen Terrororganisationen
sam planten sie Anschläge gegen euro- angewiesen. In diesem Zusammenhang zu bestehen. Dies zeigen auch ihre
päische und nordafrikanische Staaten, wuchs die Bedeutung des Marokkaners Schriften, die eindeutig die Ideologie
welche sich mit den Vereinigten Staaten Amir Azizi als zentraler Verbindungs- Al-Qaidas widerspiegeln.
im Kampf gegen den Terror verbündet mann Al-Qaidas nach Nordafrika. Azi-
hatten. zi war es im Februar 2002 in Istanbul
Die konkrete Koordinationsarbeit zwi- gelungen, lokale Terrorgruppen im Ma- Dschihadistische Ideologie als
schen den „3/11-Zellen“ auf der einen ghreb auf Al-Qaida und seine Ideolo- Motivationshintergrund für das
Seite und Al-Qaida und GICM auf der gie einzuschwören und die Vorberei- „3/11-Netzwerk“?
anderen Seite übernahmen Mustafa Al- tung der Anschläge in Madrid und
Maimouni und Abdennabi Kounja. Al- Casablanca auf den Weg zu bringen. Generell ist es eine Herausforderung,
Maimouni spielte als Verbindungsmann In der Folgezeit hielt er engste Kontakte die wahren Motive von Terroristen zu
zwischen Al-Qaida und GICM bei der zu den Terrorzellen in beiden Städten.15 erfassen. Dies gilt insbesondere für das
Vorbereitung und Durchführung der An- Azizi stieg bis in den inneren Zirkel von „3/11-Netzwerk“, an dem viele Men-
schläge in Casablanca eine zentrale Al-Qaida in deren Hochburg in der pa- schen aus unterschiedlichsten Gründen
Rolle. Bei diesen Anschlägen töteten 14 kistanischen Provinz Wasiristan auf, be- beteiligt waren. Arie Kruglanski ver-
Attentäter am 16. Mai 2003 über 40 vor er 2005 bei einem Drohnenangriff sucht gleichwohl mit seinem Konzept
Menschen, unter ihnen vier Spanier. Au- durch den amerikanischen Geheim- des „significance quest“ (auf Deutsch:
ßerdem leitete Al-Maimouni eine der dienst CIA getötet wurde. Streben nach Bedeutung) eine überge-
Madrider Zellen. Als er nach den An- Al-Qaidas Ideologie spiegelt sich deut- ordnete psychische Disposition zu be-
schlägen in Casablanca überraschend lich in den Erklärungen des spanischen nennen, die uns helfen kann, den Weg
von marokkanischen Sicherheitskräften Netzwerks vor und nach „3/11“ wider. von Männern und Frauen in den (Selbst-
verhaftet wurde, übernahm sein Schwa- Al-Qaida veröffentlichte im Internet im mord-)Terrorismus zu rekonstruieren.18
ger, der Tunesier Sermane ben Abbel- Dezember 2003 zwei Dokumente mit Dabei setzt Kruglanski bei der Idee an,
majid Fakhet, die Führung der Terrorzel- den Titeln: „Dschihad im Irak: Hoffnun- dass Menschen durch traumatische Er-
le. Auch Kounja reiste viel zwischen gen und Träume“ und „Eine Botschaft an fahrungen wie z. B. Demütigung, Krank-
Spanien und Marokko hin und her und das spanische Volk“. Während im erst- heit oder Tod in Sinnkrisen gestürzt wer-
hielt die Verbindung zu führenden genannten Dokument dazu aufgerufen den können und an ihrer individuellen
GICM-Aktivisten. Kounja war einer der wird, jene europäischen Länder anzu- Bedeutung zweifeln. In solchen Situati-
Bombenleger der Anschläge von Mad- greifen, die sich am Irakkrieg beteili- onen wachse die Bereitschaft, die eige-
rid und sprengte sich einen Monat spä- gen, deutet das zweite Dokument auf ne Bedeutungslosigkeit durch die Iden-
ter bei seiner Verhaftung in die Luft. die Möglichkeit eines Al-Qaida-An- tifikation mit einer Gemeinschaft zu
Die Handschrift von transnationalen schlags in Spanien hin.16 Beide Veröf- überwinden. Existentielle Traumata ma-
Terror-Netzwerken wird schließlich in fentlichungen verweisen implizit auf die chen Menschen mit anderen Worten
der Zellenstruktur der „3/11-Attentäter“ Strategie, in Staaten zuzuschlagen, in hochgradig empfänglich für alle Ideo-
sichtbar: Zwei der drei Zellen standen in denen sich die Wählerschaft gegen die logien, die Sicherheit und Stärke – pa-
unmittelbarem Kontakt zu Al-Qaida Irakkriegspolitik ihrer Regierung wen- radoxerweise – durch Selbsttranszen-
bzw. GICM. Die Zelle, die vom Madri- det. Ähnlich aufschlussreich ist das denz versprechen. Für Kruglanski spielt
der Stadtviertel Levapies aus operierte, Kommuniqué zu den Anschlägen von deshalb die dschihadistische Ideologie
wurde von Al-Qaida-Mitglied Jamal Madrid, in dem Al-Qaida die Verant- von Terrornetzwerken nicht von unge-
Zougam geleitet. Eine andere Zelle war wortung für den Terrorakt übernimmt fähr eine zentrale Rolle bei der Rekrutie-

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Anthony Celso
rung von Selbstmordattentätern: sie der Attentäter mit Kruglanskis Konzept werden können, die selbst wiederum
verheiße verunsicherten Menschen ei- der „significance quest“ übereinzustim- enge Beziehungen zu Al-Qaida unter-
nen Platz im Paradies sowie Respekt auf men. In dieses Muster passt exakt auch halten. 20 Die Bedrohung richtet sich
Erden. Mit dem Märtyrertum gehen aus die kriminelle Vergangenheit vieler aber auch gegen spanische Staatsbür-
dieser Perspektive größte Anerkennung „3/11-Attentäter“ und ihre Entfremdung ger im Ausland: 2007 töteten Al-Qaida-
und Unsterblichkeit einher. Die Vereh- von der spanischen Gesellschaft. Stig- nahe Organisationen sieben spanische
rung von Märtyrern durch ihre Organi- matisiert und traumatisiert von ihrer Um- Touristen im Jemen und sechs spanische
sation und ihre Familie diene folglich welt wurden die zukünftigen Attentäter Blauhelme im Libanon.
dem grundlegenden psychologischen empfänglich für die Verheißungen der Schließlich spielt Spanien für den dschi-
Bedürfnis traumatisierter Menschen, ih- dschihadistischen Ideologie. Als weite- hadistischen Terrorismus aus logisti-
re individuelle Bedeutungslosigkeit zu rer Beweggrund für die Anschläge dürf- schen Gründen eine zentrale Rolle. Die
überwinden. te das Verlangen nach Vergeltung ge- Nähe zu Nordafrika und die spanische
Als konkreter Fall für Kruglanskis Kon- genüber der spanischen Justiz eine Rol- Staatsbürgerschaft der muslimischen
zept können die sieben Mitglieder des le gespielt haben. Nachdem diese in Bevölkerung von Ceuta und Melilla ma-
„3/11-Netzwerks“ dienen, die sich im Folge der Anschläge vom 11. Septem- chen das Land zur idealen Drehscheibe
April 2004 dem Zugriff der Polizei durch ber 2001 den Al-Qaida-Zellen in Spani- für den höchst einträglichen Schmuggel
Selbstmord entzogen haben. Bei den en einen schweren Schlag versetzt hat- mit Waffen, Geld, Drogen und Men-
sieben handelte es sich um die Haupt- te, drohten dschihadistische Terroristen schen. Nach Erkenntnissen spanischer
verantwortlichen für die Madrider An- vermehrt mit militanten Aktionen. Per- und marokkanischer Behörden ist es
schläge. Als ihr Appartement am 3. Ap- sönliche Traumata, kriminelle Vergan- den dschihadistischen Terrornetzwer-
ril 2004 von der Polizei umstellt wurde, genheit und das Bedürfnis nach Rache ken dabei gelungen, die nordafrikani-
begannen sie mit den Vorbereitungen bildeten also einen gefährlichen emoti- schen Mafiastrukturen zu durchdringen
für den Märtyrertod. Sie legten weiße onalen „Cocktail“, der viele der späte- und sowohl den Haschischhandel als
Gewänder an und tranken gereinigtes ren Attentäter hochgradig empfänglich auch das Schleusergeschäft zu über-
Wasser aus Mekka. Manche riefen Ver- für religiös gefärbte Vorstellungen von nehmen. 21
wandte, Freunde oder religiöse Lehrer Selbstüberwindung, Erlösung und ewi- Die Koordination der verschiedenen
an, um sich von ihnen zu verabschieden. ges Leben durch Märtyrertum machte. dschihadistischen Gruppen in Nordaf-
Einige der Angehörigen sagten nach- rika wurde durch die Gründung von Al-
her aus, dass die Stimmung der Dschi- Qaida im Maghreb (AQMI) 2006 nach-
hadisten geradezu euphorisch gewe- Al-Qaidas Netzwerk nach „3/11“: haltig verbessert. Diese formale Allianz
sen sei. Nachdem sie sich geweigert Eine allgegenwärtige Bedrohung von Al-Qaida, GIA, GSPC, GICM und
hatten aufzugeben, stürmte die Polizei weiteren Gruppen wird seit 2006 mit
das Appartement und es kam zu einer Spanien rückte bereits vor dem Irak- zahlreichen Angriffen auf die algeri-
Explosion, bei der sowohl die Attentäter krieg in das Fadenkreuz islamistischer sche Regierung und der Ermordung von
als auch Polizisten getötet wurden. Extremisten. Für Al-Qaida repräsentiert europäischen Entwicklungshelfern in
Das Testament, welches drei der Terro- Spanien eine Kreuzfahrernation, die Verbindung gebracht. Das Netzwerk
risten vor ihrem kollektiven Selbstmord auf der iberischen Halbinsel eine blü- unterhält Ausbildungslager in schwa-
auf Video aufgenommen hatten, doku- hende muslimische Kultur zerstört hatte. chen Staaten wie Mali und rekrutiert
mentiert ebenfalls ihre persönlichen Be- In diesem Sinne ist der oben genannte junge Dschihadisten aus ganz Nordaf-
weggründe. Auf dem Band erscheinen Aufruf Ayman Al-Zawahiris zu verste- rika und Europa. 22 Vergleichbare regio-
die drei in weißen Gewändern und ver- hen, Al-Andaluz für den Islam zurückzu- nale Terrornetzwerke werden auch von
lesen eine Erklärung, in der sie Spanien erobern. Außerdem solle Spanien seine Zellen im Irak, im Jemen und in Somalia
für seine Verbrechen gegen die muslimi- nordafrikanischen Enklaven in Ceuta koordiniert. Diese Verknüpfung von lo-
sche Welt weitere Konsequenzen an- und Melilla freigeben, so die Al-Qaida- kalen, regionalen und transnationalen
drohen. Sie nennen sich „Al-Andaluz- Führung. Wie Fernando Reinares zeigt, Terrornetzwerken ist aber eher ein Zei-
Brigade“ und nehmen damit Bezug auf wurden die Pläne für die Madrider An- chen operativer Schwäche als Stärke.
einen maurischen General und mus li- schläge bereits vor der Invasion in den Al-Qaida ist gegenwärtig nicht in der
mischen Held, dessen Eroberungsfeld- Irak entwickelt.19 Die spanische Beteili- Lage, ähnlich verheerende Attacken
zug das gut 700-jährige Kalifat auf der gung an der amerikanischen „Koalition gegen die USA und ihre Verbündeten
iberischen Halbinsel begründete. Die der Willigen“ war also nur ein weiterer auszuführen wie am 11. September
Attentäter griffen damit eine Forderung Rechtfertigungsgrund für die längst be- 2001. Deshalb versucht Al-Qaida, neue
des langjährigen Al-Qaida Vizes Ay- schlossenen Zugattacken in Madrid. Fähigkeiten durch die Stärkung regio-
man Al-Zawahiri auf, der die Muslime Es verwundert deshalb nicht, dass die naler Netzwerke aufzubauen und den
zur Rückeroberung von Al-Andaluz auf- Bedrohung in Spanien auch nach dem Kampf dieser Netzwerke ideologisch zu
gerufen hatte. Abzug der Truppen aus dem Irak weiter- unterstützen.
Das Verhalten der „3/11-Attentäter“ ist hin groß ist. Dabei haben die spani-
nur schwer mit der These Sagemans in schen Behörden vor allem pakistani-
Einklang zu bringen, dass der Irakkrieg sche Extremisten in Barcelona im Auge, Schlussfolgerungen
einer der Hauptgründe für den „home- die enge Beziehungen zu Taliban- und
grown terrorism“ im Westen sei. Denn Al-Qaida-Gruppen in Wasiristan un- Die Zellenstruktur des spanischen
Aufzeichnungen der Gruppen zeigten, terhalten sollen. Sie versuchten 2006 in „3/11-Netzwerkes“, seine Einbindung in
dass sie nach den Bombenexplosionen Barcelona Hochhäuser anzugreifen eine umfassende und von Al-Qaida ge-
in den Madrider Vorortzügen noch wei- und planten 2008 einen Anschlag auf steuerte Terrorstrategie und die anhal-
tere Anschläge planten, obwohl die Re- die U-Bahn der Stadt. Insgesamt zählt tende Anschlagsgefahr auf der iberi-
gierung bereits angekündigt hatte, die Javier Jordán sechs bis sieben Atten- schen Halbinsel lassen starke Zweifel
spanischen Truppen aus dem Irak abzu- tatsversuche in Spanien, die alle in der an der Vorstellung aufkommen, dass
ziehen. Damit wurde einer der wesentli- einen oder anderen Weise mit pakista- sich die spanische Dschihadisten-Szene
chen Forderungen der Terroristen ent- nischen oder nordafrikanischen Terror- aus einer konspirativen Gruppe frust-
sprochen. Eher scheint das Verhalten netzwerken in Verbindung gebracht rierter muslimischer Einwanderer der

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zweiten und dritten Generation zusam- sche Diaspora in Spanien mit einem An- DER MYTHOS DES „HOMEGROWN
mensetzt. Deshalb stellt sich die Frage, teil von einem Prozent an der Gesamt- TERRORISM“ IN SPANIEN
warum sich diese Interpretation der bevölkerung relativ klein. Außerdem
Madrider Anschläge immer noch im po- gibt es in Spanien keine „muslimischen
litischen Establishment Spaniens halten Ghettos“, ähnlich derer in Frankreich. ton D. C.; Issacs, Russell (2009): North African
kann. Die Gründe hierfür sind sicherlich Schließlich konnte durch verschiedene Franchise: AQIM: Threat to U.S. Security. In Stra-
komplex. Als wichtige Faktoren dürften Initiativen der Regierung der Dialog mit tegic Insights, Vol. 8, Nr. 5, Dezember 2009,
das dramatische Ausmaß der „3/11-An- den muslimischen Gemeinschaften in S. 89–96.
5 Echevarriá Jesús, Carlos (2004): Las redes
schläge“ sowie ihre hochgradige Politi- Spanien verbessert werden. Es gibt ei- del terrorismo islamista en el magreb. Arbeitspa-
sierung gelten. nen Muslimischen Rat Spaniens und ge- pier des Instituto de Investigación sobre Seguri-
Bis heute beeinflussen die Anschläge meinsam mit den muslimischen Gemein- dad Interior. Madrid.
nachhaltig das öffentliche Klima Spani- schaften versucht der spanische Staat, 6 Jordán, Javier (2005): El Yihadismo en Espa-
ens. Dies ist insbesondere an den Versu- dem Problem der Hassprediger beizu- ña: situación actual. Studie für das Real Instituto
Elcano. Madrid.
chen der beiden großen Parteien abzu- kommen. Allerdings ist die Terrorgefahr 7 Jordán, Javier: El Terrorismo Yihadista en Es-
lesen, die parlamentarischen und ge- in Spanien noch lange nicht gebannt. paña: Evolución Después del 11-M. Arbeitspa-
richtlichen Untersuchungen zu „3/11“ in Denn weit reichende marokkanische pier Real Instituto Elcano, Nr. 7/2009. Madrid.
ihrem Sinne zu beeinflussen. 23 Die kon- und pakistanische Netzwerke haben 8 Reinares, Fernando (2010): The Madrid Bom-
bings and Global Jihadism. In: Survival, Vol. 52,
servative Partei hatte ein geradezu vita- noch immer die Kraft, Anschläge in der Nr. 2, April 2010, S. 83–104; Vidino, Lorenzo
les Interesse am Nachweis einer Verbin- Größenordnung von „3/11“ zu organi- (2006): Al Qaeda in Europe. New York; Radu,
dung zwischen Madrid und der ETA. sieren. Diese Netzwerke lassen sich Michael (2009): Europe’s Ghosts. New York.
Demgegenüber wollte die Sozialisti- nicht durch Dialog und Sozialarbeit 9 Radu, Michael (2009): Europe’s Ghosts. New
sche Arbeiterpartei die Anschläge und überwinden. Vielmehr erfordern sie ei- York.
10 Gunartha, Rohan: Inside Al Qaeda. New
die andauernde dschihadistische Be- nen langen Atem und ein hartes Durch- York.
drohung als Folge der spanischen Be- greifen von Polizei und Sicherheits- 11 Celso, Anthony (2005): The Tragedy of Al
teiligung am Irakkrieg und der unvor- diensten. Andaluz. In: Mediterranean Quarterly, Vol. 16,
sichtigen Politik José Maria Aznars se- Nr. 3, Summer 2005, S. 86–101 .
12 Der Ausdruck „3/11“ bezeichnet das Datum
hen. Entsprechend strittig blieb deshalb der Anschläge von Madrid (11 . März 2004) in
die Interpretation der offiziellen Unter- ANMERKUNGEN Anlehnung an die Anschläge vom 11 . September
suchungskommissionen, welche die 2001 („9/11“).
1 Sageman, Marc (2004): Understanding Ter- 13 Reinares, Fernando (2009): 11-M: La Conexi-
„3/11-Anschläge“ im Sinne des „home-
ror Networks. Philadelphia; Sageman, Marc ón al Qaeda. In: El País vom 12.7.2009.
grown terrorism“-Konzepts verstanden (2008): Leaderless Jihad. Philadelphia. 14 Farré, Juan Avilés (2005): Al Qaeda en Espa-
und als das Ergebnis einer lokal organi- 2 Riedel, Bruce (2007): Al Qaeda Strikes Back. ña: Antecedents y Connexiones de 11-M. Arbeits-
sierten und finanzierten Verschwörung In: Foreign Affairs, May/June 2007, S. 24–40. papier des Instituto de Investigación sobre Segu-
deuteten. 24 3 Hoffman, Bruce (2008): The Myth of Grass- ridad Interior. Madrid.
roots Terrorism, Why Osama Bin Laden Still Mat- 15 Reinares, Fernando (2010): The Madrid Bom-
Die Arbeiterpartei nutzte die Untersu- ters. In: Foreign Affairs, May/June, 2008, S. 133– bings and Global Jihadism. In: Survival, Vol. 52,
chungsergebnisse für den schnellen Ab- 138. Nr. 2, April 2010, S. 83–104.
zug spanischer Truppen aus dem Irak 4 Shanzer, Jonathan (2005): Al Qaeda’s Ar- 16 Reinares, Fernando (2009): Acaso 11-3 no se
und für eine Intensivierung des Dialogs mies. Institute for Near Eastern Policy, Washing- fijo en Bruselas? In: El País vom 3.11 .2009.
mit der islamischen Welt. Mit dieser au- 17 Jordán, Javier (2009): El Terrorismo Yihadista
ßenpolitischen Kehrtwende wollten en España: evolucion despues del 11-M; unter:
http://www.ugr.es/terris/Terrorismus20%/Isla-
UNSER AUTOR

Spaniens Sozialisten das Land langfris- mista20%/en20%Espana.pdf [15.9.2011].
tig vor weiteren Anschlägen schützen. 18 Kruglanski, Arie W. et al. (2005): Fully Com-
Dabei kommen sie mit ihrer Politik einer mitted: Suicide Bombers’ Motivation and the
weit verbreiteten Stimmung in der Be- Quest for Personal Significance. In: Political Psy-
chology, Vol. 30, Nr. 9, S. 331–357.
völkerung entgegen. Die Mehrheit der 19 Reinares, Fernando (2010): The Madrid Bom-
spanischen Bürger und Bürgerinnen bings and Global Jihadism. In: Survival, Vol. 52,
möchte die Anschläge im Sinne Sage- Nr. 2, April 2010, S. 83–104.
mans als isolierte Einzelaktionen verste- 20 Jordán, Javier (2009): El Terrorismo Yihadista
hen, die von einem „Haufen wild gewor- en España: evolucion despues del 11-M; unter:
http://www.ugr.es/terris/Terrorismus20%/Isla-
dener Kerle“ – eben den legendären mista20%/en20%Espana.pdf [15.9.2011].
„bunch of guys“ – durchgeführt worden 21 Radu, Michael (2009): Europe’s Ghosts. New
sind. Aber mit dieser Interpretation PhD Anthony Celso; 1989–1990 Pro- York.
macht sich die spanische Öffentlichkeit fessor an der Ohio State University; da- 22 Cembrero, Ignacio (2010): El terrorismo isla-
mista: Al Qaeda levanta un bastíon en el Sahara.
nur selbst etwas vor – und dabei könnte nach am Mount Union College, Univer- In: El País vom 3.1 .2010.
sie es besser wissen: Die spanischen sity of Central Florida (1990–1994); seit 23 Celso, Anthony (2006): Challenges of Basque
Geheimdienste und Sicherheitsbehör- 1994 Associate Professor of Govern- and Islamic Terrorism in Spain. In: Mediterranean
den haben mittlerweile relativ genaue ment and History am Valley Forge Mili- Quarterly, Vol. 17, No. 4, Fall 2006, S. 121–141 .
Kenntnisse von der anhaltenden Bedro- tary College (VFMC) in Wayne, Phila- 24 Reinares, Fernando (2010): The Madrid Bom-
bings and Global Jihadism. In: Survival, Vol. 52,
hung Spaniens durch ein gut organisier- delphia, USA; zurzeit Associate Profes- Nr. 2, April 2010, S. 83–104; Farré, Juan Avilés
tes dschihadistisches Terrornetzwerk sor am Department of Security Studies (2005): Al Qaeda en España: Antecedents y
mit regionalen und globalen Verbin- an der Angelo State University, San Connexiones de 11-M. Arbeitspapier des Instituto
dungen. Angelo, Texas; Schwerpunkte seiner Ar- de Investigación sobre Seguridad Interior. Mad-
rid.
Bleibt noch zu diskutieren, warum die beit sind der radikale Islamismus in Eu-
Bedrohung durch „homegrown terro- ropa und die Implikationen für die US-
rism“ in Spanien mittlerweile als gerin- amerikanische Außenpolitik; 2006–
ger eingeschätzt wird als in anderen 2009 hat er sich intensiv mit der spani-
europäischen Ländern. Hierfür können schen Antiterror-Strategie nach „3/11“
eine ganze Reihe von Gründen ange- – dem Anschlag in Madrid am 11. März
führt werden. Zunächst ist die muslimi- 2004 – auseinandergesetzt.

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BÜRGERLICHE FREIHEITEN DÜRFEN NICHT PREISGEGEBEN WERDEN

Radikal, aber nicht terroristisch: Die Tier- und
Umweltschutzbewegung in Österreich
Martin Balluch

Donau-Au im Dezember 1984, die als konflikt in einer lebendigen Demokratie
Modernisierung und gesellschaftlicher Meilenstein für erfolgreiches soziales gewissen Regeln folgen muss, die aber
Wertewandel beruhen oft auf neuen, in- Engagement gilt. Insgesamt versperrten unter bestimmten Bedingungen durch-
novativen und radikalen Ideen. Eine jede etwa 10.000 Personen den Arbeitern aus Raum für begrenzte Formen des ille-
Gesellschaft braucht Querdenker und den Zugang, die den Urwald roden und galen Protestes umfassen. Anschlie-
Querdenkerinnen, die die Systemzwän- ein Wasserkraftwerk errichten wollten. ßend wird die Gefahr beleuchtet, wie
ge in Frage stellen und Veränderungen Heute ist dieser Wald Teil des National- aus dieser Konstellation ein Abrutschen
anmahnen. Dabei ist die Radikalisierung parks Donau-March-Thaya-Auen. in destruktive Gewalt und terroristische
von Positionen – so Martin Balluch – an Die Tierschutzbewegung bewirkte 2005 Protestformen entstehen kann, und wie
sich noch kein Anzeichen einer destruk-
in Österreich ein generelles Verbot von man dieses Abgleiten wirksam verhin-
tiven Tendenz in Richtung Gewalt. Um
Legebatterien, wodurch ein ganzer In- dern könnte.
Veränderungen bewirken und eine poli-
dustriezweig auf eine Produktionsform
tische Auseinandersetzung vom Zaun
brechen zu können, führen Nichtregie- (Boden- oder Freilandhaltung) umstei-
rungsorganisationen (NGOs) sogenann- gen musste, die für dasselbe Produktvo- Modernisierung der Gesellschaft
te konfrontative Kampagnen bzw. Aktio- lumen in der Erzeugung mindestens durch radikale Kritik
nen zivilen Ungehorsams durch. Ziviler doppelt so teuer ist. Davor gelang es,
Ungehorsam will nicht nur Probleme öf- ein grundsätzliches Verbot aller Pelz- Nennen wir den momentanen Status
fentlich machen; er will vielmehr Gegen- tierfarmen sowie ein Verbot der Hal- quo aller Gesetze, Regeln und Gepflo-
macht entwickeln, um im politischen tung von nicht-domestizierten Tieren im genheiten in einer Gesellschaft das Sys-
Raum handeln zu können. Zivile Unge- Zirkus durchzusetzen. Später folgten tem. Dann zeichnet sich eine ideale De-
horsamsakte sind öffentlich, gewaltlos ein Menschenaffenversuchsverbot und mokratie dadurch aus, dass dieses Sys-
und aus der Sicht der Akteure politisch- ein Verbot der Käfighaltung von Mast- tem als Kompromiss aus einem freien,
moralisch legitimiert. Unbenommen vom kaninchen. offenen und öffentlichen Konflikt aller
idealistischen Anliegen bergen Aktionen Solche Erfolge hatten zweifellos einen betroffenen Interessen in dieser Gesell-
zivilen Ungehorsams jedoch die Gefahr einschneidenden Effekt auf die Wirt- schaft entsteht (vgl. Balluch 2009). In
der Eskalation in sich. Werden Aktivisten schaft. Sie dürften aber auch manchen diesem Konflikt wirken jene Interessen
und Aktivistinnen ökologischer und sozi- politischen Kreisen bedrohlich erschie- stärker, die von mehr Personen vertreten
aler Bewegungen kriminalisiert oder gar nen sein. So nahm das österreichische werden, sowie jene, die manche Perso-
direkt bedroht, kann ein Abgleiten in il- Innenministerium im Jahr 2006 ein mehr- nen viel grundlegender als andere be-
legitime Aktionsformen die Folge sein. jähriges Ermittlungsverfahren auf und treffen. Entscheidend für einen Kompro-
Eine derartige Eskalationsspirale lässt
setzte im April 2007 eine Sonderkom- miss ist also nicht allein die Anzahl der
sich verhindern, wenn bürgerliche Frei-
mission mit umfassenden Kompetenzen beteiligten Akteure und Akteurinnen.
heiten als oberste Priorität geschützt und
ein. Nach Hausdurchsuchungen 2008 Wenn eine Minderheit besonders stark
respektiert werden. Denn eben jene bür-
gerlichen Freiheiten ermöglichen einen begann im März 2010 ein großer Pro- betroffen ist, werden in der Praxis die In-
konstruktiven Konfliktaustrag in demo- zess gegen 13 Personen, denen zum teressen dieser Minderheit stärker auf
Großteil nur vorgeworfen werden konn- den letztendlich erzielten Kompromiss
kratischen Gesellschaften. I
te, durch legale Aktivitäten ihnen Unbe- einwirken. Der Kompromiss ist jene Form
kannte zu Straftaten angeregt zu ha- des Systems, mit der „alle leben kön-
ben. Nach breiten Protesten gegen die- nen“.
ses Verfahren in der Öffentlichkeit ging Dieses Gleichgewicht ist allerdings dy-
Einleitung der Prozess 14 Monate später mit einem namisch zu sehen, es adjustiert sich per-
kompletten Freispruch zu Ende. Dabei manent neu. Wenn einer Subgruppe
Die besondere Rücksichtnahme auf die erachtete die Richterin es als erwiesen, der bisherige Kompromiss nicht mehr
Umwelt und die Interessen der Tiere ist dass die Betroffenen nie strafrechtswid- ausreicht, wenn sich die Werte ver-
ein soziales Anliegen, das seit den rig gehandelt hatten. schieben, wenn die Öffentlichkeit mit
1970er Jahren in den westlichen Demo- Die skizzierten Entwicklungen im Tier- den Interessen einer Subgruppe stärker
kratien gerade bei der jungen Genera- und Umweltschutz entsprechen einer sympathisiert, oder wenn sich die Um-
tion auf zunehmendes Interesse stößt. Modernisierung der Gesellschaft im weltbedingungen ändern (z. B. Klima-
Manche der Themen dieser Bewegun- Sinne einer Adaptierung an neue Werte wandel), dann bricht auch bezüglich
gen haben dabei die Massen mitgeris- und an ein globaleres Verständnis für eines alten Kompromisses ein neuer
sen und handfeste Veränderungen in die Verantwortung der menschlichen Konflikt aus. In diesem Konflikt werden
der Gesellschaft bewirkt. In Österreich Gesellschaft. Dass für diese Dynamik wieder die Interessen entsprechend
gelang es zum Beispiel der Anti-Atom- oft radikale neue Ideen notwendig sind, vertreten, bis sich ein neues Gleichge-
bewegung mittels Volksentscheid ein wird im nächsten Abschnitt erläutert. wicht, ein neuer Kompromiss findet. Um-
Atomsperrgesetz durchzubringen, auf- Die Radikalisierung von Positionen an welt- und Tierschutz zeichnen sich da-
grund dessen seit 1979 kein Atomkraft- sich ist daher noch kein Anzeichen einer durch aus, dass sich das Gleichgewicht
werk in Österreich in Betrieb genom- destruktiven Tendenz in Richtung Ge- in den letzten Jahrzehnten sukzessive in
men werden durfte. Ein anderes Bei- walt. Im darauf folgenden Abschnitt Richtung auf mehr Berücksichtigung von
spiel ist die Besetzung der Hainburger wird dargestellt, dass der Interessens- der Umwelt und von Tierinteressen ver-

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schoben hat. Allerdings war der ur- gie investieren, immer die Ausnahme zu RADIKAL, ABER NICHT TERRORISTISCH:
sprüngliche Status quo zu einer Zeit ent- sein. DIE TIER- UND UMWELTSCHUTZ-
standen, als der Umwelt und den Tierin- Am einfachsten ist es, mit dem Strom zu BEWEGUNG IN ÖSTERREICH
teressen praktisch kein Wert zugespro- schwimmen. Einerseits keine Hunde-
chen wurde. Entsprechend werden kämpfe zu besuchen, aber andererseits
heute noch immer „Altlasten“ abgebaut, alle Massentierhaltungsprodukte zu Wollte jemand ein Ei aus einer Legebat-
die längst nicht mehr dem gestiegenen konsumieren, benötigt den geringsten terie zum Frühstück, musste er/sie ins
Bewusstsein der Mehrheit entsprechen. Energieaufwand. So werden die Men- Ausland reisen, um sich eines zu holen.
Umwelt- und Tierschutz sind also exem- schen durch das System dazu bewegt, Das tat aber niemand, niemandem gin-
plarische Testfälle der Qualität einer in einer gewissen Weise zu leben, selbst gen die Eier aus Legebatterien ab. So-
Demokratie, weil sich dabei neu ent- wenn sie eine andere Weise bevorzu- gar jene 20 Prozent, denen das Lege-
standene Mehrheitsinteressen gegen gen würden. Nur wenige Menschen ha- batterieverbot kein Anliegen war, grei-
einen alten Status quo und gegen star- ben genügend Kraft und Pioniergeist, fen jetzt zu Boden- oder Freilandeiern,
ke Wirtschaftsinteressen durchsetzen längere Zeit hindurch mit einer „alterna- weil nichts mehr anderes zu haben ist.
müssen. tiven“ Lebensweise gegen den Strom zu
Nur eine dynamische Demokratie kann schwimmen. Der politische Konflikt lässt
sich den ständig veränderten Voraus- sich also nicht mit der Aufforderung um- Legitime, wenngleich illegale
setzungen stellen, die auf eine Gesell- gehen, dass ein jedes wie es will leben Protestformen
schaft zukommen. Viele alte Kulturen solle. Der politische Konflikt wird um das
sind an der Starre ihrer Gesellschaft zu- System geführt. Um eine Systemänderung zu erreichen,
grunde gegangen. Eine Gesellschaft Bricht ein Konflikt aus und findet sich zu- führen Nichtregierungsorganisationen
braucht also Querdenker und Querden- letzt ein neuer Status quo, dann ist das (NGOs) konfrontative Kampagnen
kerinnen, sie braucht Personen mit neu- System verändert, wie zum Beispiel durch (vgl. Balluch 2009). Der Großteil
en, innovativen und radikalen Ideen. beim Verbot der Haltung nicht-domesti- der Arbeit von NGOs ist Bewusstseins-
Ideen, die unter Umständen auch einen zierter Tiere im Zirkus. Solange alle arbeit. Die Menschen werden informiert
Konflikt quer durch die Gesellschaft Wildtiere und Exoten im Zirkus erlaubt und mit Argumenten versorgt, um ein
auslösen. Aber auch das ist solange po- waren, gingen viele Menschen in derar- Umdenken zu bewirken. Doch das Um-
sitiv zu sehen, solange dieser Konflikt tige Veranstaltungen. Mit dem Strom zu denken allein bedeutet noch keine Än-
konstruktiv bleibt und letztendlich dazu schwimmen hieß, einfach den Zirkus zu derung des Verhaltens, weil sich das
führt, dass die Kontrahenten einen neu- besuchen, der in den Ort kam. Der neue System dadurch noch nicht geändert
en Kompromiss finden, mit dem alle le- Status quo war ein Verbot aller Wildtie- hat. Die konfrontative Kampagne hat
ben können. re im Zirkus. Seitdem werden in Öster- zum Ziel, einen konstruktiven Konflikt
reich nur mehr Zirkusschauen mit Haus- über den Status quo vom Zaun zu bre-
tieren oder überhaupt ohne Tiere ange- chen, um einen neuen Kompromiss, ei-
Systemzwänge und boten. Will jemand nun einen Wildtier- nen neuen Status Quo, eine System-
Systemveränderung zirkus besuchen, so benötigt das einen änderung zu erreichen.
besonderen Aufwand, muss man doch Im Umwelt- und Tierschutz sind es meis-
Das System übt auf jeden Menschen dafür ins Ausland reisen. Praktisch nie- tens multinationale Konzerne, die das
Zwänge aus, sich ihm anzupassen (vgl. mand tut sich das an. Mit dem Strom zu System vorgeben. Eine gesetzliche Än-
Balluch 2009). Ein Abweichen von der schwimmen heißt wieder, nur in jene Zir- derung oder eine freiwillige Beschrän-
Norm ist immer mit Aufwand verbun- kusschauen zu gehen, die in den Ort kung der Konzernpolitik kann nur im
den. Betrachten wir zum Beispiel den kommen, also nur Zirkusse mit domesti- Konflikt mit den Interessen dieses Kon-
Status quo im Tierschutz. Das Organi- zierten oder gar keinen Tieren zu besu- zerns erreicht werden. Einen mächtigen
sieren von Hundekämpfen ist verboten chen. Das System hat sich geändert und Konzern zum Konflikt herauszufordern,
und sozial geächtet. Will man sich also mit ihm das Verhalten der Menschen, ist sehr aufwändig und schwierig. Der
im heutigen System die Zeit mit Hun- aber nicht notwendigerweise deren NGO bleibt im Allgemeinen nichts an-
dekämpfen vertreiben, so ist das ener- Einstellung. deres übrig, als zur Methode der lang-
gieaufwändig. Man muss sich vor den Ein besonders gutes Beispiel für die Be- samen Eskalation zu greifen. Der Öf-
Augen der Öffentlichkeit und der stätigung dieser Hypothese ist das Le- fentlichkeit wird erklärt, dass dieser
Nachbarn, Nachbarinnen verbergen, gebatterieverbot in Österreich zusam- spezifische Konzern der Umsetzung des
und man muss auch laufend der Auf- men mit der Entscheidung aller Super- Mehrheitswillens entgegensteht. Zu-
merksamkeit der Behörden entgehen. märkte, keine Eier aus Käfighaltung nehmend drängender wird eine Ände-
Will man umgekehrt keine Massentier- mehr anzubieten. Vor dem Verbot ergab rung der Firmenpolitik gefordert. Die
haltungsprodukte konsumieren – wobei eine Umfrage des Instituts für empiri- NGO beginnt dabei, gezielt den Kon-
der Verzehr von Massentierhaltungs- sche Sozialforschung Wien (IFES), dass flikt zu eskalieren, bis der Konzern sich
produkten gegenwärtig die Norm ist –, 80 Prozent der Menschen ein Legebat- genötigt sieht, an den Verhandlungs-
so wird einem das vom System eben- terieverbot befürworten würden. Die tisch zu treten und einen Kompromiss
falls nicht leicht gemacht. Kaum ein Re- Statistiken zeigten aber, dass gleichzei- auszuhandeln. Je höher die Eskalati-
staurant bietet „Freilandschnitzel“ und tig 80 Prozent der gekauften Eier aus Le- onsstufe in diesem Konflikt, auf desto
„Freilandeier“ an, auch in den Super- gebatterien stammten. Die Menschen schärfere Aktionsformen wird die NGO
märkten ist man auf teurere Produkte wollten zwar keine Legebatterien, aber zurückgreifen, wie zum Beispiel Beset-
und eine geringere Auswahl be- das System veranlasste sie – durch die zungen, Blockaden oder Störungen von
schränkt. Will man mit Freunden bzw. leichte Erhältlichkeit und den billigen Firmenveranstaltungen. Das Rückgrat
Freundinnen Essen gehen, dann ist man Preis – gegen ihren Willen Eier aus Le- einer eskalierenden und konfrontativen
ein stetiges Hindernis, weil man das gebatterien zu konsumieren. Dann kam Kampagne ist dabei die Dauerdemons-
oder jenes nicht mitessen kann oder nur das Legebatterieverbot und die Super- tration, die permanente Präsenz in den
in diesem oder jenem Lokal das pas- märkte stellten den Verkauf von Käfigei- Augen der Öffentlichkeit und bei jeder
sende Essen bekommt. Man gerät in ei- ern ein. Schlagartig konsumierte nie- Aktivität des Konzerns. Diese Aktions-
nen Erklärungsnotstand und muss Ener- mand in Österreich mehr diese Eier. formen sind legitim, wenn sie die offene

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Martin Balluch
und öffentliche Diskussion über anste- nannte Waffenungleichheit auszuglei- nen im Rahmen der hier vorgegebenen
hende Probleme fördern. Ist der Kom- chen. legitimen Aktionsformen bleiben. Die
promiss erreicht, wird die Kampagne Ein weiteres wesentliches Problem für folgenden Bedrohungen für den Pro-
beendet und es stellt sich ein neues konstruktive Konflikte in der Gesell- zess einer demokratischen Entwicklung
Gleichgewicht ein. Das System hat sich schaft ist das Firmengeheimnis. Die Fir- könnten potentiell Aktivisten am Funkti-
verändert und die Handlungspraxis der menpolitik eines multinationalen Kon- onieren der Demokratie zweifeln und zu
Menschen ist in eine neue Bahn gelenkt zerns seriös zu kritisieren, ist nicht mög- terroristischen Mitteln greifen lassen.
worden. lich, ohne z. B. Produktionsverhältnisse Sie sollten daher verhindert werden, um
Für einen konstruktiven Konflikt in der (Massentierhaltung) im Detail zu ken- eine konstruktive Austragung des Kon-
Gesellschaft muss „Waffengleichheit“ nen. Diese gelten aber als Firmenge- flikts zu ermöglichen.
zwischen den Konfliktparteien herr- heimnis und werden hinter verschlosse-
schen (vgl. Balluch 2009). Ein multinati- nen Türen vor den Augen der Öffentlich- Strategic Lawsuits Against Public
onaler Konzern hat aber ganz andere keit verborgen. Für eine offene und öf- Participation (SLAPP)
Möglichkeiten als eine idealistische fentliche Diskussion – die Grundlage
NGO. Die Umsätze eines multinationa- eines konstruktiven Konflikts in der Ge- Ein Mittel, legitime NGO-Kampagnen
len Konzerns sind oft so hoch, dass al- sellschaft – ist es daher notwendig für zu stoppen, ist für multinationale Kon-
lein schon das Jahresgehalt des Gene- eine NGO, heimlich diese Produktions- zerne strategisch Klagen vor Gericht
raldirektors das gesamte Jahresbud- verhältnisse zu dokumentieren (z. B. einzubringen, sogenannte SLAPPs1 (vgl.
get einer NGO von der Größe des durch nächtliches Filmen in Massentier- Pring und Canan 1992), um den Gegner
österreichischen Vereins gegen Tier- haltungen) und der Öffentlichkeit zu mundtot zu machen. Typische Klage-
fabriken übersteigt. Dadurch steht dem präsentieren. Natürlich ist auch dieses gründe sind üble Nachrede und Scha-
Konzern ein Werbebudget zur Verfü- Vorgehen illegal, aber wiederum demo- densersatzforderungen für Geschäfts-
gung, mit dem die NGO niemals mithal- kratiepolitisch legitim, um eine Waffen- schädigung, oft auch Besitzstörung.
ten kann. Diese Waffenungleichheit ungleichheit auszubalancieren. Grundsätzlich darf man natürlich keine
wird durch Aktionen des zivilen Unge- Kurt Remele (1992, S. 159) gibt für die falschen Informationen über eine juristi-
horsams ausgeglichen, die ebenfalls Legitimität gewaltfreier aber illegaler sche Person, also zum Beispiel eine Fir-
der Verbreitung der Botschaft der NGO Aktionsformen die folgenden Kriterien ma, verbreiten. Die Meinungsfreiheit er-
dienen. Eine Blockade der Firmenein- an: laubt allerdings, das Verhalten anderer
fahrt, das Aufhängen eines Transpa- l Minimierung von Sachschäden (z. B. zu werten, solange es sich nicht um ei-
rents auf dem Firmengelände oder die bei nächtlichen Recherchen): nen sogenannten „Wertungsexzess“
Unterbrechung einer Firmenveranstal- l keine (auch unbeabsichtigte) Drohwir- handelt. Schon bei dem, was ein Ge-
tung durch eine unangemeldete friedli- kung; richt als Beweis für eine Aussage akzep-
che Demonstration könnten solche Akti- l Teil einer mehrheitlich legalen Kampa- tiert, scheiden sich die Geister verschie-
onsformen sein. Auch eine offene Tier- gne; dener Richter und Richterinnen. Beim
befreiung mit Medienbegleitung oder l alle legalen Wege wurden ausge- Wertungsexzess allerdings, also was
Wildplakatieren sind Aktivitäten, die schöpft; noch als zulässige Wertung gilt und
zwar illegal sind, aber durch ihre Medi- l vorrangig appellativ-symbolisch ori- was bereits eine Beleidigung ist, sind
enwirksamkeit helfen, die Standpunkte entiert; der subjektiven Interpretation durch
in diesem Konflikt einer offenen und öf- l bewusstseinsbildender Charakter. Gerichte keine Grenzen gesetzt. Ist es
fentlichen Diskussion zuzuführen. Zusätzlich gehört es zu den demokrati- eine legitime Wertung, eine Firma als
Multinationale Konzerne haben aber schen Spielregeln, sich bei illegalen „Tierquäler“ zu bezeichnen, oder ist das
oft auch durch ihre Machtposition einen aber legitimen Aktionen dazu zu beken- bereits ein Wertungsexzess und damit
politischen Einfluss auf Regierungen. nen und vor einem unabhängigen Ge- eine üble Nachrede, die einklagbar ist?
Dieser Einfluss zeigt sich u. a. darin, richt für die Sache einzutreten und ge- Leider sind die Gesetze in diesen Din-
dass sie interne Informationen erhalten gebenenfalls die vorgesehene Strafe zu gen nicht sehr eindeutig. Ein multinatio-
und von geplanten Regierungsentschei- tragen. naler Konzern ist durch sein großes Bud-
dungen im Vorfeld wissen. Haben multi- Beispiele demokratiepolitisch nicht le- get jederzeit ohne Risiko in der Lage,
nationale Konzerne Probleme, sind Re- gitimer Aktionsformen wären die An- eine Klage einzureichen. Urteilt das
gierungen im Allgemeinen bereit, ihre wendung von direkter physischer Ge- Gericht gegen den Konzern, so sind die
Vertreter und Vertreterinnen zu treffen walt gegen den politischen Gegner, die Kosten im Vergleich zum Budget ver-
und ihnen zuzuhören. Ganz anders bei Drohung von Gewalt zur Einschüchte- schwindend. Ganz anders für die NGO,
NGOs. Deren Anliegen, auch wenn rung oder auch ein Sachschaden von weil eine große Firma für eine üble
manchmal von der Mehrheit des Wahl- entsprechendem Ausmaß mit dem Ziel, Nachrede Unsummen als Geschäfts-
volkes getragen, werden tendenziell einen direkten monetären Druck auszu- schädigung geltend machen kann. Eine
von Regierungen ignoriert und ihre Be- üben. Diese Aktionsformen dienen alle Klage kann sehr rasch existenzbedro-
schwerden ausgesessen. Gegen diese dem Zweck, den politischen Gegner hende Ausmaße annehmen. Wenn eine
Waffenungleichheit gibt es zum Bei- davon abzuhalten, seine Interessen zu gewisse Behauptung von 99 Prozent der
spiel die Aktionsform der Bürobeset- vertreten. Sie behindern daher die offe- Richter bzw. Richterinnen als zulässige
zung eines Regierungsangehörigen. ne und öffentliche Diskussion und sind Wertung eingeschätzt würde, aber von
Mittels dieser Besetzung, die oft stun- demokratiepolitisch nicht legitim. einem Prozent als unzulässiger Wer-
den- und manchmal tagelang dauert, tungsexzess, so bedeutet eine Klage ei-
werden vor den Augen der Öffentlich- ne 1:100 Chance für die NGO, zugrun-
keit die politischen Entscheidungsträ- Was gefährdet die konstruktive de zu gehen. Bei 100 Klagen wird das
ger und -innen gezwungen, zu den An- Austragung des Konflikts? im Mittel also zum Bankrott der NGO
liegen der NGO Stellung zu nehmen. führen. Daher sind SLAPPs eine sehr
Dadurch wird die offene und öffentliche Die Herausforderung für alle Beteilig- ernsthafte Bedrohung des demokrati-
Diskussion gefördert. Eine Bürobeset- ten in einer Demokratie ist es, diesen schen Prozesses.
zung dieser Art ist also illegal, aber de- Konflikt konstruktiv zu halten. Dazu ge- Einige Zeit lang hat zum Beispiel die Fir-
mokratiepolitisch legitim, um die ge- hört, dass die Aktivisten und Aktivistin- ma McDonalds ihre Kritiker und Kritike-

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rinnen verklagt, so auch den Verein ge- droht. Und die Ermittlungen einer Son- RADIKAL, ABER NICHT TERRORISTISCH:
gen Tierfabriken in Österreich. In Eng- derkommission gegen den Tierschutz DIE TIER- UND UMWELTSCHUTZ-
land stand London Greenpeace gegen zwischen 2006 und 2010 führten nicht BEWEGUNG IN ÖSTERREICH
diese Klage vor Gericht, und es kam zu einer einzigen verdächtigen Person
zum längsten Prozess der englischen oder Gruppe in Linz.
Rechtsgeschichte. Zuletzt gingen die Doch generell zeigt diese Art der Auf- lich verlautbaren, es bestehe der Ver-
beiden Aktivisten von London Green- hetzung Wirkung. In Österreich ist es im dacht, dass diese oder jene NGO ei-
peace bankrott. Erst ein Urteil des Euro- Jahr 2007 einer Bekleidungskette durch gentlich eine kriminelle Organisation
päischen Gerichtshofs für Menschen- ihren direkten Kontakt in die Politik und sei, dann ist ein Spendeneinbruch die
rechte fast fünf Jahre später hob dieses durch das Überzeichnen von Sachschä- Folge. Wer möchte schon eine kriminel-
Urteil auf und rehabilitierte London den, die sie erlitten hätte, gelungen, le Organisation als Mitglied finanzie-
Greenpeace vollständig. McDonalds das Innenministerium zur Gründung ei- ren? Diese Kriminalisierungsversuche
war durch den Prozess finanziell keines- ner Sonderkommission zu veranlassen. sind sicherlich die größte Bedrohung
wegs beeinträchtigt, die NGO hinge- Diese Sonderkommission zog alle Re- des demokratischen Entscheidungspro-
gen ging komplett bankrott und musste gister möglicher Ermittlungsmaßnah- zesses in der Gesellschaft überhaupt.
alle ihre Kampagnen einstellen, obwohl men, von verdeckter Ermittlung (eine Auch in Neuseeland ist jüngst ein mit
ihr zuletzt vom höchsten Europäischen verdeckte Ermittlerin hielt sich 16 Mona- Österreich vergleichbarer Fall aufgetre-
Gericht Recht gegeben wurde. Auch te im Herzen des Vereins gegen Tierfab- ten (vgl. Keenan 2008).
der englische Tierschutzverein „Lynx“ riken auf), über technische Überwa-
ging an einer SLAPP-Klage eines Pelz- chungen zahlreicher Privatwohnungen, Direkte Bedrohung von NGOs und
farmers zugrunde, weil „Lynx“ die Pelz- eines Kaffeehauses und zweier Vereins- Aktivisten – ohne Schutz durch Polizei
farm als „hell hole“ bezeichnet hatte. büros, Videofallen vor zehn Hausein- und Gerichte
Aber nicht nur Firmen, sondern auch gängen, mehr als 20 abgehörte Tele-
Universitäten, die Jägerschaft und poli- fonanschlüsse, überwachte Bankkon- In ihren politischen Konflikten legen sich
tische Parteien greifen zu SLAPPs, um ten, Peilsender auf zwei Autos und mit- NGOs und ihre Aktivisten/Aktivistinnen
sich kritische NGOs vom Leib zu halten. gelesene E-Mails hunderter Personen, mit viel mächtigeren Gegnern an, seien
bis zu monatelangen Observationen. sie multinationale Konzerne oder Regie-
Kriminalisierung von zivilem Ungehorsam Allein im Jahr 2008, so gab das Justiz- rungen. Bedrohungen und oft physische
ministerium öffentlich bekannt, wurden Gewalt bleiben nicht aus. Auffällig ist
Industriezweige, die sich durch Tier- von der Staatsanwaltschaft akustische allerdings, dass diese Gewalt viel bru-
schutz- oder Umweltschutz-NGOs ef- und/oder optische Überwachungen taler und gefährlicher ist, als die Ge-
fektiv eingeschränkt fühlen, greifen von 267 Personen aus dem Tierschutz walt, die im Namen von Tier- und Um-
manchmal zum Mittel der Kriminalisie- angeordnet. Zuletzt gab es mehr als 30 weltschutz ausgeübt wird, und dennoch
rung dieser Gruppierungen. Dazu wird Hausdurchsuchungen und 105 Tage wird sie von Polizei und Justiz viel weni-
die Terrorangst instrumentalisiert und Untersuchungshaft für zehn Personen. ger ernst genommen. Beispiele für Letz-
die Sensibilität der Regierungen in die- Das Endergebnis nach über vier Jahren teres sind mit Superkleber beschädigte
sen Fragen missbraucht (vgl. Prantl Ermittlungen war allerdings, dass dem Türschlösser von Metzgereien, mit „Pelz
2008). Großkonzerne haben oft einen Verein gegen Tierfabriken und den 15 ist Mord“ beschmierte Auslagenschei-
direkten Kontakt zu politisch einflussrei- anderen betroffenen NGOs keine ben von Kürschnereien oder Buttersäu-
chen Personen. Sie können diesen Ein- Straftaten nachgewiesen werden konn- re-Stinkbomben, die in Geschäftsräume
fluss daher nutzen, um gegen ihre politi- ten, weil sie keine begangen hatten, von Bekleidungsketten, die Pelze ver-
schen Gegner und Gegnerinnen vorzu- und trotzdem wurde gegen 13 Personen kaufen, geworfen wurden oder umge-
gehen. ein Prozess begonnen (vgl. Velten 2009; sägte Jagdstände.
In Europa hat zum Beispiel die Tierin- Velten 2010; Maier 2010). Dabei hatte Am 10. Juli 1985 zündeten zwei Bomben
dustrie den sogenannten Terrorexper- die Sonderkommission zum Beispiel ein des französischen Geheimdienstes auf
ten Steve Solley dafür mobilisiert, in den Tierschutzgütesiegel als eine Schutz- dem Schiff „Rainbow Warrior“ der
meisten Ländern nicht nur in der Öffent- gelderpressung interpretiert: Wer eine NGO Greenpeace im Hafen von Auck-
lichkeit, sondern auch direkt bei politi- bessere Nutztierhaltung wählt und sich land in Neuseeland. Das Schiff sank
schen Entscheidungsgremien eine fal- kontrollieren lässt, muss Gütesiegelge- und der Aktivist Fernando Pereira, 35
sche Darstellung der Tierschutzarbeit bühren zahlen, dafür erspart man sich Jahre alt und Vater zweier Kinder, wur-
zu verbreiten. In Österreich gab Steve die öffentliche Kritik. Die Sonderkom- de dabei getötet. Zwei französische
Solley vor, er arbeite mit den Behörden mission versuchte sogar dreimal mittels Agenten wurden später zu zehn Jahren
zusammen. Eine parlamentarische An- nachweislich von ihr ausgelöster Steu- Haft verurteilt, von denen sie aber nur
frage der Grünen ergab allerdings, erverfahren, den Verein gegen Tierfab- drei Jahre absitzen mussten. In Frank-
dass es tatsächlich keinerlei Zusammen- riken finanziell zu ruinieren. So sollte reich wurden die beiden Agenten sogar
arbeit gab. In den Medien wurde Solley ihm die Gemeinnützigkeit entzogen für ihren Einsatz geehrt.
am 1. September 2010 in zwei Tageszei- werden, weil er politisch aktiv ist. Doch In England kam es bei ähnlichen Fällen
tungen auf die Frage, ob Ökoterroris- auch alle diese drei Verfahren endeten im Tierschutz nicht einmal zu einer An-
mus ein Thema in Österreich sei, so zi- für den Verein ohne Konsequenzen. klage gegen die Täter. Am 9. Februar
tiert: „Leider, ja. Die Direktoren von Selbst wenn diese straf- wie steuer- 1991 tötete ein Jäger den 18-jährigen
pharmazeutischen Firmen und Fast- rechtlichen Verfahren nach vier Jahren Tierschützer Mike Hill in Cheshire und
food-Ketten werden bedroht. Und: In zu keinen direkten Folgen geführt ha- am 3. April 1993 ein anderer den
Städten wie Wien, Graz und Linz betei- ben, ist die Auswirkung auf die gesamte 15-jährigen Anti-Jagd-Aktivisten Tom
ligen sich immer mehr Gruppen an dem Tierschutzszene fatal. Es handelte sich Worby in Cambridgeshire, beide wäh-
Terrornetzwerk.“ In Wahrheit gab es in um einen massiven Versuch der Krimina- rend Blockadeaktionen. Die Täter sind
Österreich im Jahr 2010 gar keine Kam- lisierung, mit der gewünschten Neben- bekannt, in einem Vorverfahren wurde
pagnen gegen pharmazeutische Firmen wirkung einer massiven Einschüchte- aber befunden, dass es sich um Unfälle
oder gegen Fastfood-Ketten, geschwei- rung aller Aktiven. NGOs leben von gehandelt habe. Dabei ist ein zumin-
ge denn wurden deren Direktoren be- Spenden und wenn Ministerien öffent- dest fahrlässig gefährliches Verhalten

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Martin Balluch
von Jägern gegen Personen, die sie bei Diskussion: Warum Umwelt- und Müssen Aktivisten und Aktivistinnen er-
ihrer Leidenschaft stören, überhaupt Tierschutzaktivisten keine Terroristen kennen, dass der normale demokrati-
nicht außergewöhnlich. Zerschossene sind sche Prozess blockiert ist und dass sie
Regenschirme in den Händen von Tier- dabei nicht von Polizei und Justiz ge-
schützern und Tierschützerinnen und Umwelt- und Tierschutzaktivisten sind schützt werden, kann ein Abrutschen in
Schüsse knapp an Personen vorbei sind keine Paradebeispiele für Terroristen. illegitime Aktionsformen eintreten. Die
keine Seltenheit. Im November 1991 Noch nie haben Umwelt- oder Tier- betroffenen Personen meinen dann, es
schoss ein Jäger im Waldviertel in Ös- schutzaktivisten irgendwo auf der Welt sei diesbezüglich sowieso keine Demo-
terreich einem Tierschützer bei einer Ak- jemanden ermordet oder Anschläge mit kratie mehr vorhanden und deshalb wä-
tion der Tierschutzorganisation Vier dem Ziel der Ermordung von politischen ren auch sie berechtigt, demokratische
Pfoten eine Ladung Schrot in den Bauch. Gegnern durchgeführt. Der Grund da- Protestformen zu verlassen. Das wiede-
Am 2. Oktober 1994 zündeten unbe- für dürfte vor allem darin liegen, dass rum bietet dem politischen Gegner eine
kannte Täter an einem Sonntagvormit- wesentliche Umwelt- und Tierschutzan- weitere Angriffsfläche, um die große
tag um 9:00 Uhr eine Bombe unter dem liegen von breiten Bevölkerungskreisen Mehrheit der anderen Aktivisten und
Auto eines bekannten Jagdgegners der mitgetragen werden und dass es, lang- NGOs zu kriminalisieren – und die Es-
NGO „Three Shires HSA“ in Milton sam aber dennoch, demokratische Fort- kalationsspirale dreht sich weiter. In
Keynes in England. schritte in diese Richtung gibt. Natürlich England und den USA wurden bereits
Am 24. März 2000 überfielen 30 Ange- geht das für viele zu langsam und natür- Anti-Terror-Gesetze erlassen, die sich
stellte des damaligen österreichischen lich leiden und sterben Tiere hier und explizit gegen den Tierschutz wenden,
Nationalzirkus vier Tierschützer und jetzt, weshalb manche Aktivisten und wie der Animal Enterprise Terrorism Act.
Tierschützerinnen in Tulln, Niederöster- Aktivistinnen dennoch zu illegitimen Ak- Es gibt einige Beispiele klassischer Akti-
reich, raubten ihre Videokamera und tionsformen wie Sachbeschädigungen vitäten des zivilen Ungehorsams, die
verletzten sie schwer. Der Zirkus zahlte oder Drohungen greifen (vgl. Foreman/ auf Basis dieser Gesetze gerichtlich ge-
zwar Schadensersatz, doch es kam zu Haywood 1993). Doch dass diese Akti- ahndet wurden.
keiner Verurteilung, obwohl die Opfer onsformen eher im Bagatellbereich
einige der Angreifer erkannt hatten. bleiben und jedenfalls nie bis zum Mord
Am 19. Juli 2006 drangen angeheuerte oder zu klassischem Terrorismus eska- Schlussfolgerungen
Schläger einer Pharmafirma in das liert sind, könnte u. a. an der rationalen
Wiener Büro des Vereins gegen Tierfa- Zielvorstellung der Aktivisten und Akti- Diese Eskalationsspirale lässt sich nur
briken ein und bedrohten die Anwesen- vistinnen liegen. Geht es doch bei Um- durchbrechen oder verhindern, wenn
den, man werde sie im Auge behalten. welt- und Tierschutz nicht um religiöse die bürgerlichen Freiheiten als ober-
Bei der Anzeige auf der nahen Polizei- Ziele mit einer Belohnung für die Täter ste Priorität geschützt und respektiert
station nahm man diese Nötigung mit im Jenseits, sondern um Fortschritte werden. Es sind genau die bürgerli-
Gelassenheit auf und witzelte, dass es bzw. die Verhinderung von Umweltzer- chen Freiheiten, die einen konstruktiven
doch nett sei, im Auge behalten zu wer- störung und Tierquälerei hier und jetzt. demokratischen Konflikt ermöglichen.
den. Auf der anderen Seite ist der Grundsatz Anti-Terror-Gesetzgebung untergräbt
Und das ist nur die Spitze des Eisber- von Tier- und Umweltschutzbestrebun- aber in vielen Bereichen diese bürgerli-
ges. Jede NGO, die konfrontative Kam- gen der Schutz von Leben und zwar in chen Freiheiten und Grundrechte und
pagnen durchführt, erhält regelmäßig jeder Form, also auch von Lebensfor- bedingt erst dadurch die Mobilisierung
Droh-Emails und -Anrufe. Allein zwi- men, die herkömmlich nicht als wertvoll mancher Personen in Richtung politi-
schen Dezember 2009 und September erachtet werden. Möglicherweise fällt scher Gewalt.
2010 gab es neun Anschläge mit Sach- es Aktivisten und Aktivistinnen, die sich Die Pressefreiheit ist notwendig, um Auf-
schäden (z. B. eingeschlagene Schei- diesem Schutz verschreiben, deshalb deckungsjournalismus zu betreiben und
ben, aufgestochene Autoreifen und zer- auch besonders schwer, zur Umsetzung die Öffentlichkeit hinter den Vorhang
störte Türschlösser) gegen den Verein dieses Zieles auf Gewalt zu setzen, die des Firmengeheimnisses schauen zu
gegen Tierfabriken in Österreich. das Leben anderer gefährdet. lassen. Sie darf nicht erodiert werden,
Problematisch an diesen Übergriffen ist Ein Abrutschen in illegitime Aktionsfor- wie das durch die Erweiterung des Ter-
vor allem, dass es in weiten Kreisen von men ist aber hauptsächlich auf eine Ver- rorismuspräventionsgesetzes in Öster-
Polizei und Justiz offenbar so gesehen hinderung des demokratischen Prozes- reich geplant war.
wird, dass „Provokateure“ und „Störer“, ses zurückzuführen. Wenn es möglich Die Demonstrations- und Versamm-
wie es NGOs in konfrontativen Kampa- ist, einen konstruktiven Konflikt in der lungsfreiheit ist für den demokrati-
gnen nun einmal sind, solche Konse- Gesellschaft zu führen und einen neuen schen Konflikt unabdingbar. Unter dem
quenzen selbst zu verantworten hätten. Kompromiss zu erreichen, dann gibt es Vorwand, Demonstrationen seien ei-
Die Passivität der Polizei zum Schutz von keinen Grund, diesen demokratischen ne Geschäftsschädigung, wurden und
Demonstranten und Aktivisten ist jedem Entscheidungsprozess zu verlassen. Für werden Demonstrationen aber zuneh-
Menschen aus der persönlichen Erfah- die Gegenseite aber schon. Umwelt- mend massiv eingeschränkt und demon-
rung bekannt, der sich einige Zeit lang und Tierschutz richten sich oft direkt ge- strationsfreie Zonen um Geschäftsvier-
für soziale Ziele engagiert hat. Leider gen die Wirtschaft und diese ist am Er- tel angedacht. Das Recht der freien
zeigt sich ein ähnliches Bild, wenn Fälle halt des Status quo bzw. sogar noch an Meinungsäußerung kollidiert mit dem
dieser Art vor Gericht landen (vgl. der Abschaffung behindernder Rege- Schutz vor übler Nachrede. Es muss
Mansfield 2009). Richter und Richterin- lungen durch Umweltauflagen und Tier- NGOs möglich sein, die Machenschaf-
nen stammen tendenziell eher aus dem schutzgesetze interessiert. In diese ten von multinationalen Konzernen und
sozialen Umfeld jener, gegen die de- Richtung bewegt sich der demokrati- von Regierungen deutlich und unter
monstriert wird, als jener, die demonst- sche Prozess aber nicht. Daher werden Nennung von Namen zu kritisieren, oh-
rieren, und werden daher eher mit erste- in erster Linie die Wirtschaft und die ne ständig befürchten zu müssen, durch
ren sympathisieren. Von Demonstratio- Tierindustrie den politischen Prozess aufwändige Klagen bankrott zu gehen.
nen und konfrontativen Aktionen provo- durch Kriminalisierungsversuche, durch Auch das ganz zentrale Recht auf Pri-
ziert worden zu sein, ist für sie offenbar eine Klageflut und vielleicht sogar durch vatsphäre wird durch immer umfassen-
nachvollziehbarer als die Motivation, direkte Gewalt zu behindern versuchen. dere Überwachungsmaßnahmen ero-
diese selbst durchzuführen.

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diert (vgl. Darnstädt 2009; Zankl 2009; tionen des zivilen Ungehorsams politi- RADIKAL, ABER NICHT TERRORISTISCH:
Zeger 2008). CCTV-Kameras 2 überall, sche Änderungen zum Beispiel in der DIE TIER- UND UMWELTSCHUTZ-
aber auch die Vorratsdatenspeiche- Firmenpolitik zu erreichen. Druck zur BEWEGUNG IN ÖSTERREICH
rung bewirken, dass die Behörden ver- Nötigung von Firmen mittels illegaler
folgen können, wer welche Proteste or- Aktionen aufzubauen, ist aber eben-
ganisiert und durchführt. Die Aktivisten falls das Charakteristikum von Terroris- lizei und Justiz im Umgang mit NGOs
und Aktivistinnen selbst spüren diese mus und organisierter Kriminalität, auch einer strengen Kontrolle der Öffentlich-
Kontrolle unmittelbar. Es gibt zahlreiche wenn diese grundsätzlich andere Phä- keit zu unterziehen.
Beispiele dafür, dass diese Kontrolle nomene sind. Daher ist es unumgäng-
Disziplinierungsmaßnahmen mit sich lich, Gesetze gegen Terrorismus und or-
bringt, die sich auf eigentlich durch die ganisierte Kriminalität sehr präzise zu LITERATUR
Verfassung geschützte Protestaktivitä- formulieren und NGO-Aktivitäten da- Balluch, Martin (2009): Widerstand in der Demo-
ten beziehen. So informiert die Behörde von explizit auszunehmen. kratie. Ziviler Ungehorsam und konfrontative
Kampagnen. Wien.
die Universität über unbotmäßige An- Nicht zu unterschätzen ist zuletzt das
Darnstädt, Thomas (2009): Der globale Polizei-
gestellte oder behindert den Aufstieg Problem von Straftaten gegen NGOs staat. Terrorangst, Sicherheitswahn und das Ende
von Aktivisten und Aktivistinnen auf der sowie das einseitige Vorgehen von Poli- unserer Freiheiten. München.
Karriereleiter in ihren Betrieben oder im zei und Justiz. Vielleicht könnte man den Foreman, Dave/Haywood, Bill (1993): Ecodefen-
Staatsdienst. Die Folge ist, dass die politischen Aktivismus durch besondere se: A Field Guide to Monkeywrenching. Chico,
California.
Menschen dazu tendieren, nicht mehr Gesetze schützen. In jedem Fall bedürf- Hager, Nicky/Burton, Bob (1999): Secrets and
auffallen zu wollen. Sie spüren einen te es der Aufklärung über die in der öf- Lies. The Anatomy of an Anti-Environmental PR
starken Anpassungsdruck und der de- fentlichen Wahrnehmung viel zu wenig Campaign. Nelson, New Zealand.
mokratische Protest wird behindert. Der präsente Gewalt gegen NGOs. Diese Keenan, Danny (2008): Terror in our Midst? Se-
arching for Terror in Aotearoa New Zealand.
besondere Schutz von politisch aktiven Kritik ist auch gegen die Opfer dieser
Wellington, New Zealand.
Personen und die explizite Förderung Gewalt gerichtet. NGOs tendieren Maier, Eva Maria (2010): „Organisierte“ Krimina-
von Zivilcourage sind vielmehr förder- nämlich dazu, Drohungen und Gewalt lität oder Ziviler Ungehorsam? Methodische und
lich für die Demokratie. Die Menschen gegen sie nicht publik zu machen, wahr- rechtsphilosophische Anmerkungen zur rechts-
müssen spüren, dass sie etwas bewirken scheinlich um zu vermeiden, dass in der staatlichen Problematik der Strafverfolgung von
Tierschutzaktivisten gemäß § 278a StGB. In: Juri-
und die Gesellschaft verändern kön- Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dikum. Zeitschrift für Kritik, Recht und Gesell-
nen, ohne dadurch ins Schussfeld der „das Volk“ sei gegen sie eingestellt. An- schaft, 1/2010, S. 46–57.
Behörden zu geraten. Dann wird sich dererseits gibt es in weiten Kreisen nicht Mansfield, Michael (2009): Memoirs of a Radical
niemand mehr veranlasst sehen, zu ille- nur von Justiz und Polizei die Meinung, Lawyer. London, New York, Berlin.
Prantl, Heribert (2008): Der Terrorist als Gesetz-
gitimen Aktionsformen zu greifen. dass, wer provokant protestiert, mit Dro-
geber. Wie man mit Angst Politik macht. Wien.
Darüber hinaus bedarf es aber auch ei- hung und Gewalt zu rechnen habe und Pring, GeorgeW./Canan, Penelope (1992): Stra-
ner Sensibilisierung vor Kriminalisie- selber daran schuld sei. Tatsächlich tegic Lawsuits Against Public Participation
rungstendenzen seitens der Wirtschaft agieren aber NGOs als Stellvertreter („SLAPPs“): An Introduction for Bench, Bar and
gegen Tier- und Umweltschutz. Nichts für die Mehrheit oder zumindest für gro- Bystanders. In: University of Bridgeport Law Re-
view, 4/1992, S. 937–962.
ist leichter, als aktionistisch agierende ße Teile der Bevölkerung bei ihren An- Remele, Kurt (1992): Ziviler Ungehorsam. Eine Un-
NGOs und Gruppierungen öffentlich liegen. Für die Stärkung der Demokratie tersuchung aus der Sicht christlicher Sozialethik.
als radikal oder militant zu diffamieren. und damit als Prävention gegen eine Es- Münster.
Nach dem Motto: Sie seien extrem und kalation hin zu Straftaten muss es daher Velten, Petra (2009): Die Organisationsdelikte
haben Konjunktur: Eine moderne Form der Sip-
fundamentalistisch und müssten daher im Sinne aller sein, hier ein Umdenken
penhaftung? Banken und Tierschützer vor Ge-
aus dem demokratischen Meinungsbil- zu bewirken und die Aktivitäten von Po- richt. In: Journal für Strafrecht, 2/2009, S. 55–63.
dungsprozess ausgeschlossen werden Velten, Petra (2010): Ein Prozesstag am Landesge-
(vgl. Hager/Burton 1999). In einem richt Wiener Neustadt: „Die Wahrheitsfindung ist
nächsten Schritt werden sie tatsächlich ausschließlich Angelegenheit des Gerichts“ oder
wie man die Verteidigung neutralisiert. In: Journal
UNSER AUTOR

kriminalisiert, indem man ihnen eine zu- für Strafrecht, 6/2010, S. 211–216.
mindest ideologische Nähe zu gewis- Zankl, Wolfgang (2009): Auf dem Weg zum Über-
sen Straftaten, die meistens Bagatell- wachungsstaat? Neue Überwachungsmaßnah-
delikte sind, aber aufgebauscht wer- men im Bereich der Informations- und Kommuni-
kationstechnologie. Wien.
den, vorwirft. Auch dieser Prozess be-
Zeger, Hans G. (2008): Mensch, Nummer, Daten-
hindert die demokratische Konfliktkultur satz. Unsere Lust an totaler Kontrolle. St. Pölten/
und könnte einige Personen zur Über- Salzburg.
zeugung bringen, nicht mehr auf die De-
mokratie zu vertrauen.
Die Folge einer erfolgreichen Kriminali- ANMERKUNGEN
sierung von sozialen Bewegungen ist 1 Eine SLAPP (Strategic Lawsuit Against Public
oft die Instrumentalisierung von Geset- Dr. Dr. Martin Balluch studierte Mathe- Participation), eine „strategische Klage gegen
zen gegen Terrorismus oder organisier- matik, Physik und Astronomie an der öffentliche Beteiligung“, ist eine besondere Form
der Klage, die dem Zweck dient, Kritiker einzu-
ter Kriminalität gegen NGOs und Akti- Universität Wien und promovierte an schüchtern und ihre öffentlich vorgebrachte Kritik
visten. Es ist offenbar nicht so leicht, der Ruprecht-Karls-Universität in Hei- zu unterbinden. In den allermeisten Fällen wird
Phänomene wie Terrorismus und orga- delberg; die zweite Promotion erfolgte diese Klage von Konzernen und Unternehmen
nisierte Kriminalität in konkrete Gesetze 2005 in Philosophie zum Thema Tier- angestrengt, weniger von Privatpersonen oder
Behörden. Die Klage richtet sich in der Regel ge-
zu fassen. Sind diese Gesetze aber zu ethik; zwölf Jahre als Universitätsassis-
gen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die
vage formuliert, werden sie rasch zur tent an den Universitäten Wien, Heidel- die Geschäftspraktiken oder die Aktivitäten des
Falle für NGOs. Die politischen Aktivi- berg und Cambridge tätig; Martin Unternehmens öffentlich kritisieren. Der Begriff
täten von NGOs zielen darauf ab, Balluch ist österreichischer Tierethiker SLAPP geht auf George W. Pring und Penelope
durch öffentlichen Druck und unter der und Tierrechtsaktivist und seit 2002 Canan (Universität Denver) zurück.
2 CCTV-Kameras, sind Kameras, die durch Be-
Anwendung von zuweilen illegalen Obmann des Vereins gegen Tierfabri- wegung aktiviert werden.
aber demokratiepolitisch legitimen Ak- ken.

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ISLAMISTISCHER TERRORISMUS IN DEN USA

„Homegrown Terrorism“ in den Vereinigten
Staaten: Bedrohung, Ursachen und Prävention
Daveed Gartenstein- Ross

zentrum der Nationalgarde in Little Neuheit des Phänomens und nehmen
In den USA werden immer mehr dschiha- Rock (Arkansas).1 Der Terrorismus-Ex- dadurch eine ahistorische Perspektive
distische Anschläge von Männern und perte von CNN, Peter Bergen, schloss ein. Wenn man das Konzept des „Ho-
Frauen verübt, die in Nordamerika gebo- hieraus im Dezember 2009, dass eine megrown Terrorism“ aber nicht auf isla-
ren sind oder sozialisiert wurden. Da- „Zunahme des Homegrown Terrorism mistische Anschläge begrenzt und län-
veed Gartenstein-Ross setzt sich mit dem nicht geleugnet werden kann.“ 2 gere Zeiträume in den Blick nimmt, wird
Problem des „Homegrown Terrorism“ in Manchmal halten solche spontanen Ein- schnell deutlich, dass es beispielsweise
den USA auseinander. Er erörtert zu- schätzungen, die schnell verallgemei- in den 1970er Jahren deutlich mehr An-
nächst die Frage, ob tatsächlich vermehrt nert und zur öffentlichen Meinung wer- schläge gab als heute. Brian Jenkins
amerikanische Bürger an islamistischen
den können, einer wissenschaftlichen kommt für diesen Zeitraum auf 60 bis
Terroranschlägen beteiligt sind. Des
Analyse nicht stand. Deshalb soll in die- 70 Terroraktionen in den USA pro Jahr,
Weiteren werden die Beziehungen zwi-
sem Artikel das Problem des „Home- wobei es sich in den meisten Fällen um
schen transnationalen Terrornetzwerken
und innerstaatlichen Radikalisierungs-
grown Terrorism“ noch einmal in vier Bombenanschläge handelte. 3 Aber
prozessen untersucht. Erkennbar wird Schritten unter die Lupe genommen wer- auch islamistischer Terrorismus ist in
eine deutlich grenzüberschreitende Di- den: Als erstes widmet sich der Beitrag den USA nicht neu, wie einige der fol-
mension: Immer wieder haben sich nati- der Frage, ob tatsächlich vermehrt ame- genden Beispiele illustrieren: Im Juli
onale Akteure in transnationale Netz- rikanische Bürger an islamistischen Ter- 1980 verkleidete sich ein afroamerika-
werke eingeklinkt, um die Effektivität roranschlägen beteiligt sind. Es wird sich nischer Konvertit mit dem Namen Da-
ihrer Operationen zu erhöhen. Gegen- zeigen, dass trotz der starken Zunahme wud Salahuddin (geboren als David
wärtig scheint sich allerdings ein globa- einschlägiger Aktivitäten das Gesamt- Belfield) als Briefträger, um Pakete an
ler Strategiewandel der Al-Qaida abzu- bild nicht so eindeutig ist, wie manche Akbar Tabatabai, einen erklärten Geg-
zeichnen. Nicht mehr große und logistisch Beobachter behaupten. Zweitens unter- ner des theokratischen Regimes in Tehe-
aufwändige Anschläge, sondern zahlrei- sucht der Artikel die Beziehung zwischen ran, zu liefern. Salahuddin erschoss da-
che kleinere Aktionen, die von autonom transnationalen Terrornetzwerken und bei mit einer in einem Paket versteckten
handelnden Zellen ohne Netzwerkan- innerstaatlichen Radikalisierungspro- Pistole Tabatabai und floh daraufhin in
bindung durchgeführt werden können, zessen. Während einige Beobachter da- den Iran. Bemerkenswerterweise kam er
sind kennzeichnend für die neue Strate- von ausgehen, dass „Homegrown Terro- unbehelligt durch den Zoll in Genf, ob-
gie. In einem letzten Schritt diskutiert rism“ ein binnenstaatliches Phänomen wohl ihn das FBI zu dieser Zeit bereits
Daveed Gartenstein-Ross aktuelle und ist, bleibt doch eine starke grenzüber- als Täter identifiziert hatte. 4 Bei dem
kontrovers diskutierte Forschungsergeb- schreitende Dimension erkennbar. Im- Bombenanschlag auf das New Yorker
nisse zu den Ursachen der Radikalisie- mer wieder haben sich nationale Akteu- World Trade Center 1993 war mit Cle-
rung sowie die US-amerikanische Prä-
re in transnationale Netzwerke einge- ment Rodney Hampton-El auch ein Ho-
ventionsstrategie. I klinkt, um die Effektivität ihrer Operatio- megrown-Terrorist beteiligt. Hampton-
(Die Übersetzung besorgte Markus Trä- nen zu erhöhen. Allerdings scheint sich El kämpfte in den späten 1980er Jahren
mer, Universität Tübingen) gegenwärtig ein globaler Strategie- als amerikanischer Konvertit in Afgha-
wandel zu vollziehen. Empfohlen wer- nistan und wurde dort verletzt. Laut
den in Al-Qaida-nahen Medien nicht New York Times führte er ein heimliches
mehr große und logistisch aufwändige Doppelleben: In der Öffentlichkeit zeig-
Einleitung Anschläge, sondern ganz im Sinne der te er sich als zivilgesellschaftlicher Akti-
„Strategie der tausend Nadelstiche“ vist und Medizintechniker, im Geheimen
In den USA werden immer mehr dschi- zahlreiche kleinere Aktionen, die von au- aber kämpfte er als Soldat Allahs. 5
hadistische Anschläge von Männern tonom handelnden Zellen ohne Netz- Weitere bekannt gewordene Fälle in
und Frauen verübt, die in Nordamerika werkanbindung durchgeführt werden den USA umfassen die „Portland Se-
geboren oder aufgewachsen sind. Al- können. Dies könnte die Dynamik des ven“, eine Gruppe von Muslimen aus
lein im Jahr 2009 gab es 13 solcher Fälle „Homegrown Terrorism“ nachhaltig ver- der Gegend um Portland (Oregon), die
von „Homegrown Terrorism“ – mehr als ändern. Drittens diskutiert der Artikel im Herbst 2001 nach China flogen, um
in jedem anderen Jahr zuvor. Im Gegen- Forschungsergebnisse zu den Ursachen gegen amerikanische Truppen in Af-
satz zu den 19 Flugzeugentführern vom der Radikalisierung in westlichen Län- ghanistan zu kämpfen; Ahmed Omar
11. September 2001, die von außen Zie- dern und betrachtet – in einem vierten Abu Ali, Abschiedsredner der Islamic
le in den USA angriffen, kommen die Tä- Schritt – die US-amerikanische Strategie Saudi Academy Highschool in Alexand-
ter heute immer häufiger von innen, und zur Prävention von „Homegrown Terro- ria (Virginia), der die Ermordung von
das wird von den amerikanischen Si- rism“. Präsident Bush plante; und schließlich
cherheitsbehörden zunehmend als Pro- die „Fort Dix Six“, die 2007 einen Plan
blem erkannt. Von den 13 terroristischen zum Angriff auf Streitkräfte in Fort Dix
Straftaten aus dem Jahr 2009 endeten Nimmt „Homegrown Terrorism“ in (New Jersey) ausheckten. 6
zwei tödlich: Der Amoklauf von Nidal den USA zu? Während „Homegrown Terrorism“ in
Malik Hasan in Fort Hood (Texas) und den USA also eindeutig kein neues Phä-
die Schießerei von Abdul Hakim Muja- Manche Beiträge zum jüngsten ameri- nomen ist, bleibt offen, ob es zunimmt.
hid Muhammad in einem Rekrutierungs- kanischen Terrorismus betonen die Peter Bergens Behauptung, dass ein sol-

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cher Trend „nicht geleugnet“ werden Werden mutmaßliche Terroristen je- „HOMEGROWN TERRORISM“ IN DEN
kann, spiegelt dabei die herrschende doch bei jedem Anfangsverdacht we- VEREINIGTEN STAATEN: BEDROHUNG,
Meinung wider. Bergen könnte mit sei- gen irgendwelchen Straftaten verfolgt, URSACHEN UND PRÄVENTION
ner Einschätzung zwar Recht haben. Um die nichts mit Terrorismus im eigentli-
dies jedoch genauer beurteilen zu kön- chen Sinne zu tun haben, 8 erscheinen
nen, müssten zunächst einige offene sie nicht in Terrorismus-Statistiken. Falls von einem transnationalen Netzwerk,
Fragen diskutiert werden. die Sicherheitsbehörden jetzt aber vor von einheimischen Terroristen durchge-
Die beobachtete Zunahme an home- einem Zugriff länger und intensiver er- führt werden.12 Und Adam Gadahn, der
grown-terroristischen Ereignissen in den mitteln und dann Anklage wegen der wohl bekannteste amerikanische Ho-
USA muss keinen dauerhaften Trend Planung oder Durchführung einer terro- megrown-Terrorist, aufgewachsen auf
darstellen, sondern könnte eine zufälli- ristischen Straftat erheben, dann würde einer Ziegenfarm im Süden Kaliforniens,
ge Häufung sein. In statistischen Mess- dies die jüngst gestiegene Zahl von be- ist als Sprecher von Al-Qaida auf das
reihen, die über Jahre hinweg erhoben obachteten terroristischen Ereignissen engste in transnationale Terrornetzwer-
wurden (beispielsweise Wetterauf- in den USA erklären. Eine denkbare Er- ke eingebunden.13
zeichnungen oder Daten zur Karriere klärung könnte auch sein, dass die Er- Dennoch halten einige Experten auto-
von Sportlern), weichen Messwerte des mittlungsbehörden heute Verfahren we- nom operierende islamistische Terroris-
Öfteren unsystematisch vom Durch- gen terroristischen Bestrebungen auch ten in einem „führerlosen Dschihad“ für
schnitt ab. Ausreißer nach oben oder un- in Fällen einleiten, die früher nicht als eine größere Bedrohung als traditionel-
ten bedeuten deshalb noch keinen lang- solche bewertet worden wären. le terroristische Netzwerke. Marc Sa-
fristigen Trend in die eine oder die ande- In einer Hinsicht ist die Zunahme terro- geman, der bekannteste und einfluss-
re Richtung. Zum Beispiel muss nach ei- ristischer Aktivitäten in den USA aber reichste Vertreter dieser Sichtweise,
nem übermäßig kalten Februar nicht unstrittig: Es geht um den Exodus junger schreibt beispielsweise: „Die Men-
notwendigerweise auch der darauffol- Männer somalischer Abstammung ans schen, die wir heute am meisten fürch-
gende Juli übermäßig kalt werden. Horn von Afrika, um sich dort der mili- ten sollen, wurden nicht in Terrorcamps
Während man sich in der Mitte einer un- tanten al-Shabaab anzuschließen und ausgebildet und sie hören nicht auf
üblichen statistischen Sequenz befindet, sich von ihr in Terrorcamps ausbilden zu Osama bin Laden oder Ayman al-Za-
ist es aber schwierig, die Übersicht zu lassen.9 Dieses Phänomen tritt vor al- wahiri.“14 Für Sageman sind die vielen
behalten. Allerdings könnte das Jahr lem, aber nicht ausschließlich in der Ge- Berichte über ein Wiedererstarken von
2009 schon in wenigen Jahren aufgrund gend Minneapolis-St. Paul auf, in der Al-Qaida in den sogenannten Federally
besonders häufiger terroristischer Akti- 70.000 Somalis leben. Die Rekrutierung Administered Tribal Areas (FATA) Pakis-
vitäten als Ausnahme gelten. von al-Shabaab-Kämpfern in der soma- tans übertrieben und alarmistisch. Viel-
Die beobachtete Zunahme von home- lischen Diaspora ist allerdings keine auf mehr habe sich die terroristische Ge-
grown-terroristischen Ereignissen könn- die USA begrenzte Erscheinung, son- fahr nachhaltig gewandelt. Nach der
te auch durch einen Strategiewandel dern wird auch aus anderen westlichen Schwächung Al-Qaidas durch den
von Polizei und Justiz hervorgerufen und Ländern, darunter Australien, Großbri- Sturz des afghanischen Taliban-Regi-
in diesem Sinne künstlich sein. Obwohl tannien, Kanada und Schweden, be- mes gebe es keine einheitliche und
sich das Vorgehen der Behörden auf richtet.10 Es scheint sich also um ein handlungsfähige Organisation mehr,
vielerlei Art und Weise geändert haben transnationales Phänomen zu handeln, sondern viele kleine Gruppen, die in ei-
könnte, ist es doch am wahrscheinlichs- das stark von lokalen Ereignissen in So- nem informellen Netzwerk agieren.15
ten, dass die US-amerikanische Polizei malia wie beispielsweise der äthiopi- Die Gegenposition von Sicherheitsex-
heute weniger früh eingreift als zuvor. schen Invasion im Jahr 2006 geprägt perten wie Bruce Hoffmann hingegen
Ein möglichst frühzeitiges Eingreifen ist.11 stützt sich auf Geheimdienstberichte,
schien der gängige Modus in der US- Während also die Zunahme von „Ho- die Al-Qaida als eine „bemerkenswert
Terrorismusbekämpfung der letzten megrown Terrorism“ in den USA längst agile und flexible Organisation mit
zehn Jahre gewesen zu sein: Die Sicher- nicht so eindeutig ist, wie viele Beob- funktionsfähigen Planungskanälen und
heitsbehörden versuchten, alle terroris- achter behaupten, so bleibt doch die operativen Fähigkeiten“ beschreiben.16
tischen Aktivitäten schon im Keim zu er- unglückliche Tatsache bestehen, dass Laut Hoffmann gebe es klare Kommuni-
sticken, indem sie die Verdächtigen we- es eine solche Bedrohung gibt und dass kations- und Aktionskanäle von oben
gen aller möglichen Straftaten – nicht diese Bedrohung zunehmen kann. nach unten, und es sei gefährlich, sich
nur terroristischer Vergehen – belang- nur auf die lokale Ebene des Terrorismus
ten. Präsident Bushs Generalstaatsan- zu konzentrieren, wie es Sageman for-
walt John Ashcroft verglich diese Vor- „Homegrown Terrorism“ und dere.
gehensweise mit dem früheren Kampf islamistische Netzwerke Obwohl Sageman Recht hat, dass „ei-
gegen die organisierte Bandenkrimina- genständig finanzierte und trainierte“
lität. Ähnlich wie damals das Justizmi- Aus Sicht mancher Experten ist „Home- Terroristen eine substanzielle Bedro-
nisterium unter Robert Kennedy jeden grown Terrorism“ gänzlich von trans- hung darstellen, spielt er zu Unrecht die
Gangster verhaftet hatte, „der auf den nationalen Terrornetzwerken losgelöst Rolle von terroristischen Organisatio-
Gehweg spuckte“, will Ashcroft alle oder steht sogar im Widerspruch zu ih- nen, insbesondere von Al-Qaida, her-
strafrechtlichen Möglichkeiten zur Ver- nen. In Wirklichkeit gibt es jedoch keine unter. Al-Qaida wurde zwar durch den
folgung von Terrorverdächtigen nutzen: scharfe Trennlinie zwischen nationalem Einmarsch der US-Armee in Afghanistan
„Wenn sie ihr Visum überschreiten – und internationalem Terrorismus mit und die Eliminierung des Taliban-Re-
selbst wenn es nur um einen Tag sein dschihadistischem Hintergrund. Viel- gimes im Jahr 2001 beträchtlich ge-
sollte –, werden wir sie verhaften. Wenn mehr ist es Teil der transnationalen Stra- schwächt und war zwischenzeitlich,
sie unsere Gesetze missachten, dann tegie, nationale Akteure in den Ziellän- augenscheinlich im Einklang mit Sage-
werden wir sie ins Gefängnis werfen dern, in denen Attacken geplant sind, mans These, „mehr Ideologie als Orga-
und so lange wie möglich in Gewahr- einzubinden, wenn dies opportun und nisation“.17 Allerdings gilt diese Be-
sam behalten. Wir werden jede nur er- möglich ist. So sollte z.B. der im Jahr schreibung nur für die Zeit unmittelbar
denkliche Gesetzesbestimmung an- 2006 vereitelte Anschlagsversuch auf nach dem Sturz des Taliban-Regimes,
wenden.“ 7 mehrere transatlantische Flüge, geplant der die Al-Qaida-Führung zur Flucht in

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Daveed Gartenstein-Ross
die pakistanischen Stammesgebiete von Fort Hood, und erklärt ihn zum Vor- sie mit der Kultur des Ziellandes vertraut
veranlasste. Dort konnte sich die Orga- bild für andere. sind und sich in ihm frei bewegen kön-
nisation unter dem Schutz verbündeter Die „Strategie der tausend Nadelsti- nen.“ 24 Noch ist nicht entschieden, ob
Stämme, die geschickt die Angriffe der che“ zielt darauf ab, die USA in den sich amerikanische Dschihadisten dau-
pakistanischen Armee abwehrten, neu Bankrott zu treiben. Typischerweise re- erhaft und erfolgreich in die Planung
konstituieren. agiere der Westen auf kleine kosten- und Durchführung transnationaler An-
Die These der Neustrukturierung von günstige Anschläge von Al-Qaida und schläge einklinken können. Allerdings
Al-Qaida in den pakistanischen Stam- ihren Verbündeten mit sehr teuren Anti- haben Männer wie David Headley, Fai-
mesgebieten wird mittlerweile von vie- Terrormaßnahmen. Seit Beginn der sal Shahzad, Bryant Neal Vinas, Naji-
len Beobachtern vertreten. Eine Ein- Weltwirtschaftskrise im September bullah Zazi und Abu Mansoor Al-Amriki
schätzung des US-amerikanischen Ge- 2008 – für die Zawahiri und andere gezeigt, dass der Zugang zu transnatio-
heimdienstes (National Intelligence Sprecher der Organisation übrigens nalen Netzwerken möglich ist. Amerika-
Estimate) vom Juli 2007 meint sogar, die Urheberschaft beanspruchen 21 – nische Dschihadisten sind also eine
dass die neuorganisierte Al-Qaida-Or- sieht Al-Qaida die USA geschwächt ernstzunehmende Gefahr für die Si-
ganisation „die größte Bedrohung für und verwundbar. „Was können die USA cherheit der USA, auch wenn die Bedro-
die USA ist und bleibt“. Auch der Direk- noch bewältigen?“, fragt beispielswei- hung geringer ist, als von einigen Kom-
tor des US-Inlandsgeheimdienstes, se der jemenitisch-amerikanische Kleri- mentatoren behauptet wird. Wenn es
Mike McConnel, und die Generaldirek- ker Anwar Al-Awlaki im März 2010. Ein amerikanischen Dschihadisten aber tat-
torin des britischen Geheimdienstes paar Monate zuvor hatte ein junger Ni- sächlich gelingen sollte, belastbare Be-
MI5, Eliza Manningham-Buller, kamen gerianer namens Umar Farouk Abdul- ziehungen zu transnationalen Netz-
zu der Schlussfolgerung, dass Al-Qai- mutallab am ersten Weihnachtsfeier- werken aufzubauen, dann verfügen sie
da weiterhin Anschläge mit großer Zer- tag 2009 versucht, ein Flugzeug kurz vor über umfangreichere operative Mög-
störungskraft durchführen kann.18 Mel- der Landung in Detroit in die Luft zu ja- lichkeiten und mehr Ressourcen, wo-
dungen über einen groß angelegten gen. Nach Meinung von Al-Awlaki kos- durch tödlichere Anschläge möglich
Anschlagsplan in Europa im Oktober ten „9/11, die Kriege in Afghanistan und werden.
2010 legen ebenfalls nahe, dass Al- im Irak, und dann auch noch Operatio-
Qaida nach wie vor handlungsfähig nen wie die des Bruders Umar Farouk,
und gefährlich ist. Offenkundig gibt es die sich mit ein paar tausend Dollar fi- Ursachen der Radikalisierung
neue Führungsfiguren wie Ilyas Kashmiri nanzieren lassen, den amerikanischen
und Younis al-Mauretani, die in der La- Haushalt Milliarden. Wie lange können Um zukünftige Fälle von „Homegrown
ge sind, genügend Rekruten – unter ih- die USA diesen Zermürbungskrieg über- Terrorism“ zu verhindern, ist es wichtig,
nen britische, französische und deut- leben?“ 22 In ähnlicher Weise wurde der die Ursachen der Radikalisierung zu
sche Staatsbürger und möglicherweise Anschlag von Nidal Hasan in Fort Hood verstehen. Verschiedene Autoren beto-
sogar ein ehemaliger Pilot der türki- von Al-Qaida-Sprecher Adam Gadahn nen unterschiedliche Faktoren. Einigkeit
schen Luftwaffe – für größere Operatio- als Modell dargestellt, um „die schwan- herrscht allenfalls darüber, was keine
nen im Stile des Angriffs auf Mumbai zu kenden Volkswirtschaften des Westens hinreichenden Gründe für Radikalisie-
werben. Laut glaubwürdigen Quellen mit gezielten Anschlägen auf Symbole rung sind. Zwei dieser sogenannten
hatte Osama bin Laden den Anschlags- des Kapitalismus weiter zu schwächen. „root causes“, die immer wieder ge-
plan persönlich in Auftrag gegeben. Diese Angriffe werden das Vertrauen nannt, aber auch ebenso häufig von Ex-
Außerdem war Abddul Jabbar, kurz be- der US-Bürger erschüttern und ihren perten zurückgewiesen werden, sind
vor er im Oktober 2010 durch einen Konsum dämpfen.“ 23 materielle Armut und Bildungsarmut. 25
Drohnenangriff in Pakistan getötet wor- Die von Al-Qaida ausgerufene Strate- Ebenso wenig gibt es belastbare Evi-
den ist, zum Emir des Al-Qaida-Able- gie des „führerlosen Dschihad“ darf al- denzen dafür, dass Terrorismus durch
gers in Großbritannien ernannt wor- so nicht mit einem Bedeutungsverlust latente Kriminalität oder psychologi-
den.19 Alle diese Indizien sprechen eher der Netzwerke verwechselt werden. sche Pathologien hervorgerufen wird.
für eine Expansion von Al-Qaida als für Hinter den gefährlichsten Anschlags- Laut Marc Sageman sind Terroristen
ihren Niedergang. versuchen der letzten Jahre, deren Ab- „weder bösartig, noch verrückt.“ 26
Schließlich scheint Al-Qaida gezielt wehr für den Westen mit immensen Kos- Auch die Frage, ob religiöse Ideologien
und geplant seine Strategie verändern ten einherging, stehen nicht Individuen, in irgendeiner Weise relevant für die
zu können, was auch ein Indiz für Hand- die sich dem führerlosen Dschihad zu- Radikalisierung islamistischer Terroris-
lungs- und Kommunikationsfähigkeit ist. rechnen lassen, sondern kommunikati- ten sind, wird kontrovers diskutiert. Viele
In einer Sonderausgabe der englisch- onsfähige und handlungsmächtige Experten betonen die Irrelevanz religiö-
sprachigen Onlinezeitschrift Inspire, die Netzwerke. Sie sind in der Lage, einen ser Ideologie für Radikalisierung. Jessi-
vom jemenitischen Zweig der Organisa- lang anhaltenden Kampf zu führen. Da- ca Stern behauptet zum Beispiel, dass
tion herausgegeben wird, rufen Al-Qai- bei koordinieren sie Terrorplanung, Ter- Al-Qaida in Wahrheit nicht aus religiö-
da-Strategen im November 2010 die rorressourcen und Terroraktivisten über sen Eiferern besteht, da „die einfachen
„Strategie der tausend Nadelstiche“ Grenzen hinweg und können auf diese Mitglieder trotz religiöser Bekenntnisse
aus, die im Kern auf eine anhaltende Weise Anschläge verüben, die tenden- oft nur sehr wenig über den Islam wis-
Zermürbungstaktik hinausläuft. Unter ziell wesentlich tödlicher sind als die sen.“ 27 Nach Stern wird dies durch die
Hinweis auf die Versendung von von Einzeltätern oder isolierten Grup- Aussagen des saudi-arabischen Innen-
Druckerpatronen, die mit Sprengstoff pen. Diese Netzwerke bleiben die zent- ministeriums belegt, denen zufolge die
gefüllt waren, kündigt Inspire viele wei- rale Gefahr. Mit Blick auf die USA be- Mehrzahl der gefangenen Terroristen
tere kleine Attacken an. Mit Hilfe dieser deutet dies, dass amerikanische Staats- „weder formalen religiösen Unterricht
„Strategie der tausend Nadelstiche“ 20 bürger für Al-Qaida und andere Grup- genossen haben, noch ein ausgepräg-
lassen sich auch Sympathisanten ein- pen in der internationalen Terrorszene tes Verständnis des Islams aufweisen.“
binden, die selbst außerhalb des Netz- höchst attraktive Mitglieder sind. So Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch Sa-
werks agieren. So lobte Al-Qaida Spre- schreibt Raffi Khatchadourian im New geman, der zu Al-Qaida-Terroristen in-
cher Adam Gadahn zum Beispiel im Yorker, dass „homegrown terrorists“ ge- tensiv recherchiert und sogar Interviews
März 2010 Nidal Hasan, den Attentäter rade deshalb so gefährlich seien, „weil mit Jugendfreunden und Bekannten aus

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ihrem alten Umfeld geführt hat: „Ich bin unter persönlichen Traumata oder Frus- „HOMEGROWN TERRORISM“ IN DEN
zu dem Schluss gekommen, dass Terro- trationen leiden, besonders anfällig für VEREINIGTEN STAATEN: BEDROHUNG,
risten in Westeuropa und Nordamerika die Identifikation mit einer den Terror le- URSACHEN UND PRÄVENTION
weder Intellektuelle, noch Ideologen gitimierenden Ideologie seien, weil sie
oder irgendwelche religiösen Gelehr- durch die Mitgliedschaft in einer ge-
ten sind. Entscheidend ist nicht, was sie waltbereiten Gruppe ihre gefühlte Be- zentral und vielschichtig beschreiben.
denken, sondern was sie fühlen.“ 28 deutungslosigkeit überwinden und ei- Es gibt keinen zentralen Akteur, der auf
Diese Argumente halten jedoch nicht nen neuen Lebenssinn finden könnten. 31 der Grundlage gemeinsamer Prinzipien
das, was ihre Vertreter versprechen. Im Solche Ideologien scheinen also aus und einer gemeinsamen Strategie die
Falle von Stern gibt es keinen logischen individueller Perspektive ein geeignetes Führung übernehmen würde. Vielmehr
Grund zu glauben, Terroristen seien kei- Mittel zu sein, um soziale Anerkennung versuchen Akteure auf unterschiedli-
ne religiösen Eiferer, nur weil sie nicht oder sogar einen Helden- oder Märty- chen Ebenen und mit unterschiedlichen
theologisch geschult sind. Obwohl viele rerstatus zu gewinnen. Kompetenzen, ihre Programme mehr
verurteilte Terroristen in den USA über Obwohl das Konzept der Bedeutungs- oder weniger effektiv zu koordinieren.
keine solche religiöse Bildung verfügen, suche ein interessantes Modell für das Die USA verfolgen aus verschiedenen
spielte religiöse Ideologie doch eine Verständnis von Radikalisierung dar- Gründen einen solchen dezentralisier-
zentrale Rolle bei ihrer Radikalisierung. stellt, bringt es uns bei der Problemlö- ten Mehrebenen-Ansatz: Als föderales
Beispiele dafür sind die Fort Dix-Ver- sung kaum weiter. Das zeigen auch die System gewähren die USA zunächst ne-
schwörer, die „Lackawanna Six“ und sehr allgemeinen Handlungsempfeh- ben der Bundesebene auch der Landes-
das Mitglied Jeffrey Battle der „Port- lungen, die Kruglanski und seine Kolle- und Gemeindeebene ein hohes Maß an
land Seven“. Sagemans Vorgehenswei- gen für die Politik formulieren. Die ers- Handlungs- und Initiativfreiheit. Zum
se weicht außerdem von seinen eigenen te Empfehlung lautet beispielsweise, Zweiten hat in den USA das Prinzip der
wissenschaftlichen Standards ab, da er dass sich die Politik vor allem um die staatlichen Nichteinmischung in religiö-
die allgemeine Schlussfolgerung der Ir- Motivation von Terroristen kümmern sol- se Belange ein sehr großes Gewicht.
relevanz religiöser Ideologien aus nur le. Dies würde kein ernsthafter Wissen- Demgegenüber gibt es in einigen euro-
sehr wenigen Fällen zieht. schaftler bestreiten. Darüber hinaus päischen Staaten trotz Säkularisierung
In einer von Laura Gro ssmann und mir schlagen Kruglanski und seine Kollegen de facto immer noch Staatsreligionen.
durchgeführten Studie haben wir die vor, die terroristische Ideologie „durch Schließlich halten die USA die Gefahr,
Bedeutung religiöser Faktoren im Radi- glaubwürdige Argumente und Ge- die von einheimischen Dschihadisten
kalisierungsprozess von 117 amerikani- sprächsangebote“ zu untergraben. 32 ausgeht, für deutlich geringer als die
schen und britischen Dschihadisten un- Das Konzept der Bedeutungssuche Europäer. Dafür spricht, dass die Zahl
tersucht. 29 Dabei konnten wir zeigen, kann aber nicht bestimmen, welche Ar- radikalisierter Bürger in den USA und
dass bei ungewöhnlich vielen dieser gumente und Gesprächsangebote dies die Zahl von Anschlägen, die sie im Na-
Menschen eine streng legalistische und leisten können und welche nicht. Wenn- men eines Heiligen Krieges verüben,
buchstabengetreue Lesart islamischer gleich also die Idee, dass sich Terroris- noch deutlich geringer sind als auf der
Glaubensdokumente vorherrscht, dass ten auf einer „quest for significance“ be- anderen Seite des Atlantiks.
sie nur ausgewählten religiösen Autori- finden, einleuchtet, bleibt der Nutzen Schließlich bleibt unklar, ob eine über-
täten trauen, dass sie höchst intolerant des Konzepts zur Verhinderung von Ra- greifende nationale Strategie über-
gegenüber abweichenden theologi- dikalisierung unklar. Wir müssen mehr haupt sinnvoll ist. Es kann durchaus sein,
schen Meinungen sind, und dass sie wissen über die Ideologien, mit denen dass der dezentrale Mehrebenen-An-
versuchen, anderen ihren Glauben auf- Terrorismus gerechtfertigt wird, und satz der USA erfolgreicher bei der Ein-
zuzwingen. Diese Merkmale traten in über die Verunsicherungen und Miss- dämmung von Radikalisierung ist als ei-
unserer Untersuchung so häufig auf, stände, die Menschen zur Gewalt grei- ne durch die US-Regierung verordnete
dass wir alle Schlussfolgerungen zur Ir- fen lassen. und durchgesetzte zentrale Strategie.
relevanz religiöser Überzeugungen im Bevor wir uns also auf die Suche nach
Radikalisierungsprozess für voreilig hal- einer nationalen Strategie machen,
ten. Zugleich soll dies aber nicht heißen, Eindämmung der Radikalisierung sollte geklärt sein, ob nicht gerade die
dass Religion der einzige oder der do- Abwesenheit einer solchen Strategie
minierende Faktor ist, der Menschen zu Obwohl Ursachenbekämpfung ein ein hohes Maß an Spontaneität und Fle-
Terroristen macht. wichtiges Element im Umgang mit der xibilität – und damit letztlich Effektivität
Vielmehr werden in der einschlägigen Gefahr durch amerikanische Dschiha- – bei der Bekämpfung von „Homegrown
Literatur mit guten wissenschaftlichen disten ist, haben die USA – im Gegen- Terrorism“ ermöglicht.
Gründen eine ganze Reihe von Motiven satz zu den meisten europäischen Län-
und Umständen genannt, die den Radi- dern – keine nationale Anti-Radikalisie- ANMERKUNGEN
kalisierungsprozess bis hin zum Terroris- rungs-Strategie. 33 Stattdessen variieren
die Ansätze und Instrumente sowohl 1 Siehe Chris Cuomo et al. (2009): Alleged Fort
mus beeinflussen. Von Arie Kruglanski
Hood Shooter Nidal Malik Hasan was ‚Calm‘
und seinen Kollegen an der University zwischen Bundesbehörden als auch Methodical During Massacre. ABC News, 6. No-
of Maryland werden beispielsweise Eh- zwischen Bundesstaaten. In diesem Sin- vember, 2009; Suspect Arrested in Arkansas Rec-
re, Rache, Erniedrigung, Ungerechtig- ne lässt sich die amerikanische Extre- ruiting Center Shooting. CNN.com, 1 . June,
keit, Hingabe an politische Führer, mismusbekämpfung – genannt CVE: 2009.
2 Anderson Cooper 360, CNN, transcript,
Gruppenzwang, Besatzung, Vertrei- Combating Violent Extremism – als de- 9. Dezember 2009.
bung, Verbesserung des sozialen Sta- 3 Brian Michael Jenkins (2001): Would-Be War-
tus, Eintritt ins Paradies, Freundschaft, riors: Incidents of Jihadist Terrorist Radicalization
UNSER AUTOR

Berühmtheit und Geld genannt. 30 Um in the United States Since September 11, 2001 .
Santa Monica, S. VIII.
diese Vielzahl von Faktoren zu integrie- PhD Daveed Gartenstein-Ross ist Di-
4 Ira Silverman (2002): An American Terrorist.
ren hat das Team um Arie Kruglanski rektor des Center for the Study of In: New Yorker, 5. August 2002.
das Konzept der Bedeutungssuche – Terrorist Radicalization bei der Foun- 5 Francis X. Clines (1993): U.S.-Born Suspect in
„quest for significance“ – entwickelt. Sie dation for Defense of Democracies, Bombing Plots: Zealous Causes and Civic Roles.
gehen davon aus, dass Menschen, die einem US-amerikanischen think tank. In: New York Times, 28. Juni 1993.

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6 Siehe Julie Sullivan et al. (2002): The Six In- 12 Dominic Casciani (2010): The Would-Be Bom- The West and the Dark Tunnel. 22. September,
Daveed Gartenstein-Ross

dicted were Knit into Portland’s Fabric. In: Orego- bers of Walthamstow. In: BBC, 8. Juli 2010. 2009, Open Source Center, trans.; Abu Omar al-
nian, 5. Oktober 2002; Jerry Markon und Dana 13 Eine gelungene Reportage über Gadahn bie- Baghdadi: To the New Rulers in the White House
Priest (2005): Terrorist Plot to Kill Bush Alleged. In: tet Raffi Khatchadourian (2007): Azzam the Ame- and Their Allies from Among the Leaders of the
Washington Post, 23. Februar 2005; Amanda Ri- rican. In: New Yorker, 22. Januar 2007. Other Christian Countries. 7. November 2008,
pley, (2007): The Fort Dix Conspiracy. In: Time, 6. 14 Marc Sageman (2008): The Next Generation NEFA Foundation trans.
Dezember 2007. of Terror. In: Foreign Policy, März/April 2008, 22 Anwar Al-Awlaki: A Call to Jihad. Video ver-
7 Generalstaatsanwalt John Ashcroft: Prepa- S. 36–42. öffentlicht am 22. März 2010.
red Remarks for the U.S. Mayors Conference. 25. 15 Siehe Marc Sageman (2008): Leaderless Ji- 23 Adam Yahiye Gadahn: A Call to Arms. März
Oktober 2001 . Eine ausführliche Diskussion die- had: Terror Networks in the Twenty-First Century. 2010.
ser Polizeistrategie bieten Daveed Gartenstein- Philadelphia. 24 Siehe Raffi Khatchadourian (2007): Azzam
Ross und Kyle Dabruzzi (2007): The Convergence 16 Bruce Hoffman (2008): The Myth of Grass- the American. In: New Yorker, 22. Januar 2007.
of Crime and Terror: Law Enforcement Opportu- Roots Terrorism. In: Foreign Affairs, Mai/Juni 25 Siehe Marc Sageman (2004): Understanding
nities and Perils. New York, NY. 2008, S. 133–138. Terror Networks. Philadelphia, S. 73–77; Marc
8 Dieser Ansatz wird manchmal „vorgeschobe- 17 Douglas Frantz et al. (2004): The New Face Sageman (2008): Leaderless Jihad: Terror Net-
ne Verfolgung“ (im Englischen: pretextual prose- of Al-Qaeda. In: Los Angeles Times, 26. Septem- works in the Twenty-First Century. Philadelphia,
cution) genannt, da die tatsächlich treibende ber 2004. Viele Beobachter kommen im Hinblick S. 48–50, 58–60; Alan B. Krueger (2007): What
Kraft hinter den Anschuldigungen die Furcht vor auf diese Zeit zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Makes a Terrorist: Economics and the Roots of
Terrorismus ist; siehe Daniel C. Richman and Wil- Zum Beispiel beschreibt Derek Reveron Al-Qaida Terrorism. Princeton.
liam J. Stuntz (2005): Al Capone’s Revenge: An als „eine fragmentierte terroristische Gruppe, die 26 Marc Sageman (2008): Leaderless Jihad: Ter-
Essay on the Political Economy of Pretextual Pro- sich auf der Flucht befindet und sich in Höhlen in ror Networks in the Twenty-First Century. Philadel-
secution. In: Columbia Law Review, 2005. Afghanistan versteckt“; siehe Derek Reveron phia, S. 62.
9 Für Informationen zu al-Shabaab: Daveed (2005): Tuned to Fear. In: National Review Online, 27 Jessica Stern (2010): 5 Myths about Who Be-
Gartenstein-Ross (2009): The Strategic Challen- 13. Januar 2005; Jason Burke (2004): Al-Qaeda: comes a Terrorist. In: Washington Post, 10. Januar
ge of Somalia’s al-Shabaab. In: Middle East The True Story of Radical Islam. London; Peter 2010.
Quarterly, Fall 2009, S. 25–36.; Evan F. Kohlmann Zeihan (2007): The Many Faces of Al Qaeda. In: 28 Marc Sageman (2008): Leaderless Jihad: Ter-
(2009): Shabaab al-Mujahideen: Migration and Stratfor (Austin, Tex.), 10. Juli 2007. ror Networks in the Twenty-First Century. Philadel-
Jihad in the Horn of Africa. New York. 18 Vgl. Bruce Hoffman (2008): The Myth of phia, S. 156–157.
10 Siehe Sally Neighbour (2009): Young Man Grass-Roots Terrorism. In: Foreign Affairs, Mai/ 29 Daveed Gartenstein-Ross/Laura Grossman
was Prime Target for Militant Recruiters. In: The Juni 2008, S. 133–138. (2009): Homegrown Terrorists in the U.S. and
Australian, 5. August 2009; Jonathan Rugman 19 Siehe: Drone Attacks ‚Linked‘ to Suspected U.K.: An Empirical Examination of the Radicaliza-
(2009): Somali Radicals ‚Importing Terror to UK‘ Europe Terror Plot. In: BBC News, 6. Oktober tion Process. Washington.
Say Intelligence Analysts. In: Times, 16. Februar 2010. 30 Arie W. Kruglanski et al. (2009): Fully Com-
2009; Stewart Bell (2009): Van Loan ‚Alarmed‘ by 20 Auf Englisch: Strategy of Thousand Cuts; sie- mitted: Suicide Bombers’ Motivation and the
Terror Cells. In: National Post (Canada), 28. März he: Letter from the Editor. In: Inspire, November Quest for Personal Significance. In: Political Psy-
2009; Swedes Killed Fighting in Somalia.In: The 2010, S. 4. chology, 1/2009, S. 331–357.
Local (Sweden), 29. Mai 2009. 21 Siehe Ayman al-Zawahiri: The Facts of Jihad 31 Ebd., S. 353.
11 Siehe Ken Menkhaus (2009): Violent Islamic and the Lies of the Hypocrites. Interview with Al- 32 Ebd., 352.
Extremism: Al-Shabaab Recruitment in America. Sahab, 5. August 2009, NEFA Foundation, trans.; 33 Telefoninterview mit einem Angestellten des
Zeugenaussage vor dem U.S. Senate Homeland Osama bin Laden: Address to the American Peo- Department of Homeland Security, 23. November
Security and Governmental Affairs Committee, ple. September 2009, Open Source Center trans.; 2010.
11 . März 2009. Al-Sahab Establishment for Media Production:

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dung die Dimension der Partizipation litisierung der Bürgergesellschaftsthe- mit dem Thema „Handlungsorientie-
vernachlässigt, der mag zu diesem, von matik verbunden ist“. Er ist der Auffas- rung und politische Aktion in der schuli-
Benedikt Widmaier und Frank Nonnen- sung, dass das Gemeinwohl nicht schen politischen Bildung“. Er spannt
macher herausgegebenen Sammel- gleichsam automatisch im bürgergesell- einen Bogen von den 1950er Jahren
band greifen. Der Schlüsselbegriff „Par- schaftlichen Handeln verortet ist, son- (vor allem Friedrich Oetinger) bis in die
tizipation“ wird freilich in dem Band of- dern dass es „in politischen Kontrover- 1970er Jahre. Im Stil einer Schwarz-
fen gelassen und unterschiedlich inter- sen immer neu bestimmt werden muss“. Weiß-Malerei stellt er die positiven Be-
pretiert. In der Einführung wird lediglich Dem Aufsatz hätte es gut getan, wenn er mühungen der Anhänger der Kritischen
von einem breiten Selbstverständnis konkreter und verständlicher angelegt Theorie den reaktionären Verfechtern
von Partizipation gesprochen. worden wäre. Weniger skeptisch blickt der „Gelben Bibel“ – eine kleine Schrift,
Nun kann man wirklich nicht behaup- Sonja Zmerli auf freiwillige Vereinigun- in der Dieter Grosser, Manfred Hättich,
ten, Partizipation sei ein neuer Begriff in gen in der Bürgergesellschaft. Hier kön- Heinrich Oberreuter und Bernhard Su-
der Didaktik politischer Bildung. Schon nen wichtige Kompetenzen für politi- tor ihre Position einbrachten – gegen-
Wolfgang Hilligen hat in seinem be- sche Teilhabe erworben werden. Des- über, denen es nur um Bewahrung statt
kannten Schulbuch „Sehen – Beurteilen halb steht ihrer Meinung nach das poli- um Gestaltung gegangen sei, entge-
– Handeln“ programmatisch betont, tische Engagement in einem „engen gen.
dass der politische Unterricht auch da- Zusammenhang zum gesellschaftlich Vor allem nimmt er dann den Beutelsba-
ran arbeiten muss, die jungen Men- vorhandenen Reservoir sozialen Kapi- cher Konsens auf die Hörner, mit dessen
schen zum Handeln zu befähigen. tals“. Bedeutung er sich nicht abfinden kann.
Wenn das immer wieder betont wird, Paul Ciupke geht in seinem interessan- Allerdings scheint sich Frank Nonnen-
kann das nicht schaden, aber es bringt ten Beitrag „Parteiliche oder neutrale macher mit der Literatur zum Beutelsba-
keine Erleuchtung. Bildungsarbeit?“ auf Kontroversen in cher Konsens kaum beschäftigt zu ha-
Auch dieser Band leidet wie etliche an- der Volksbildung der Weimarer Repub- ben. Schon die Motive beschreibt er un-
dere daran, dass politische Bildung in lik ein. Er beschreibt das bürgerliche Bil- zutreffend. Die Gründe für die Tagung
der Schule nicht stärker von der außer- dungsverständnis, das gleichsam als in Beutelsbach im Jahr 1976 waren aus-
schulischen politischen Bildung ge- Narkotikum gedient und die Klassenge- schließlich die starken Konflikte in der
trennt wird. Das geht manchmal wie gensätze verschleiert habe. Dagegen Didaktik politischer Bildung, die dazu
Kraut und Rüben durcheinander. Beide war es nach sozialistischem Verständnis führten, dass die politische Bildung in
Felder sind doch von ihren Rahmenbe- geboten, die Bildung auch für politische den Schulen je nach der jeweils vorherr-
dingungen her stark zu unterscheiden! Ziele zu nutzen. Die Volksbildungsbe- schenden politischen Mehrheit instru-
Das heißt natürlich überhaupt nicht, wegung entwickelte sich enorm im Ver- mentalisiert wurde. Dieser Lage waren
dass Partizipation als Bildungsziel kei- lauf der Weimarer Republik. Es wird in der Regel die Schülerinnen und Schü-
ne Bedeutung für die Schule hätte. Es deutlich, dass es in der ersten deut- ler hilflos ausgeliefert. Und hier hat der
führt aber absolut nicht weiter, wenn schen Demokratie noch keinen gesell- in Beutelsbach gefundene Konsens
Leute, die in der außerschulischen Bil- schaftlichen Konsens gegeben hat. durchschlagend geholfen. Er verhindert
dung arbeiten, auf denjenigen herum- Klaus-Peter Hufer, dessen Verdienste bis heute, dass politische Ideologien –
hacken, die ihre Aufgabe in der Schule um die politische Erwachsenenbildung welcher Couleur auch immer – als quasi
wahrnehmen. Die politische Bildung in unbestritten sind, vermittelt einen histo- verbindliche Lehrmeinungen verkündet
den Schulen ist weit besser als ihr Ruf rischen Rückblick über die Spannungen und Schülerinnen und Schüler zum Ob-
und auch viel besser, als in diesem Band im Bildungsverständnis der Volkshoch- jekt degradiert werden.
beschrieben. Wir müssen uns vor Augen schulen seit den 1960er Jahren. Haben Nonnenmacher kann es nicht verstehen,
halten, dass schon von der Quantität die Volkshochschulen, die ja meistens dass auch Rolf Schmiederer in Beutels-
her der weitaus größte Anteil politischer von Kommunen oder kommunalen Ver- bach mit dabei war und den dort gefun-
Bildung in der Schule vermittelt wird. Al- bänden getragen werden, die Aufga- denen Konsens mitgetragen hat. Das
lerdings ist die Stundentafel für politi- be, als kritisches Korrektiv der Gesell- hängt damit zusammen, dass Schmie-
sche Bildung in den Schulen deutlich schaft zu fungieren? Ergreifen sie dann derer der Notwendigkeit zugestimmt
unterentwickelt. Eine Stärkung des nicht automatisch Partei? Hufer schil- hat, dass es für den politischen Unter-
Fachs bleibt ein ständiges Desiderat. dert Vorgänge, wo Träger von Volks- richt in den öffentlichen Schulen einen
Leider sieht es im Bereich der außer- hochschulen in kleinlicher Weise in die Minimalkonsens zum Schutze der Schü-
schulischen politischen Bildung noch Planung und Durchführung von Bil- lerinnen und Schüler geben müsse. Hier
viel ungünstiger aus. Obwohl sich eine dungsveranstaltungen eingegriffen ha- müssten persönliche politische Meinun-
Vielzahl von Trägern um politische Bil- ben. Leider gibt es solche Träger immer gen zurückstehen. Schmiederer hat
dung in diesem Bereich bemüht, ist es mal wieder. Prinzipiell gibt es aber aus deshalb auch kurz vor seinem Tod noch
nur ein verschwindender Bruchteil von dem möglichen Dilemma keinen andern an der zweiten Beutelsbacher Tagung
Jugendlichen und Erwachsenen, der Ausweg als bei anderen Einrichtungen im Jahr 1978 teilgenommen. Es mutet
von Angeboten in diesem Bereich er- der öffentlichen Hand, die politische merkwürdig an, wenn Nonnenmacher

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unterstellt, ein Mann vom Range Schmie- die Finanzströme unter demokratische unterschiedlicher Meinungen zur Sache
derers sei in Beutelsbach „umarmt“ wor- Kontrolle zu bringen. in der Klasse sich geschlossen an einer
den. Wie kommt Nonnenmacher nur dazu, Demonstration (gleichgültig ob Pro
Beutelsbach muss erneut propagiert Beutelsbach würde gleichsam verhin- oder Contra) beteiligen würde. Beutels-
werden, wenn Nonnenmacher Anhän- dern, über Kontroversen zu streiten? bach fördert die Partizipation, aber bit-
ger dafür findet, das Indoktrinations- Das Gegenteil ist der Fall! Beutelsbach te auf Grund selbstständiger Urteile
verbot auszuhebeln, da es nur der indi- will geradezu die Auseinandersetzung, und Entscheidungen. Das Ideal wäre:
viduellen Freiheit diene und die unge- ohne die politische Bildung gar nicht Schülerinnen und Schüler machen sich
rechten Strukturen unserer Gesellschaft möglich ist. Wer das nicht sieht, der war mit Hilfe der Lehrerin oder des Lehrers
außen vor lasse. Dem setzt der Rezen- noch nie in Beutelsbach! intensiv über die Sache kundig, treffen
sent mit aller Kraft entgegen: Auch künf- Und was für ein Lehrerbild hat Frank ein eigenes Urteil und entscheiden, ob
tig darf für Indoktrination in den Schu- Nonnenmacher? Nach seiner Beschrei- und wie sie ihre Meinung in der Gesell-
len kein Platz sein! Das Grundgesetz bung ist es der Lehrer als Agitator mit schaft nach vorne bringen können. Um
beginnt Gott sei Dank mit dem wunder- der Fahne in der Hand, hinter der sich beim Beispiel Stuttgart 21 zu bleiben:
baren Satz: „Die Würde des Menschen alle scharen. Das ist höchst fatal. Selbst- Pro- und Contra-Demonstranten be-
ist unantastbar“. Hier knüpft der erste verständlich können Lehrerinnen und gegnen sich mit Respekt (leider die ab-
Grundsatz von Beutelsbach unmittelbar Lehrer ihre Meinung einbringen, dürfen solute Ausnahme in Stuttgart). Es ist
an. Auch wenn man der Auffassung ist, sie aber nicht höher bewerten als jede auch nicht zu kritisieren, wenn sich eini-
unsere Gesellschaftsordnung sei unge- einzelne Schülermeinung. Die jungen ge in dieser Frage nicht engagieren
recht, kann man diesen Wesenskern un- Leute können durchaus etwas über die wollen.
serer Verfassung nicht außer Kraft set- privaten politischen Aktivitäten ihrer Es ist geradezu grotesk, wenn Nonnen-
zen. Beutelsbach zwingt aber dazu, in- Lehrer erfahren. Ganz entscheidend ist macher, der offenbar genau weiß, wo-
tensiv auch der Frage nachzugehen, ob jedoch, dass sie das volle Vertrauen ha- hin die politische Reise zu gehen hat,
unsere Gesellschaft gerecht ist, wie ben können, nicht den geringsten Nach- unterstellt, dass der erste Grundsatz
man sie gerechter gestalten kann und teil zu erleiden, falls ihre Meinung von von Beutelsbach dazu dienen könne,
welche Möglichkeiten es gibt, an den der des Lehrers bzw. der Lehrerin ab- diejenigen zu diffamieren, die „politi-
Verbesserungen aktiv mitzuwirken. Die weicht. sche Aktionen“ befürworten. Es ist scha-
Frage ist eingeschlossen, ob der nach Nehmen wir das praktische Beispiel de, dass Frank Nonnenmacher so über
Artikel 20 im Grundgesetz vorgeschrie- Stuttgart 21. Die Wogen der Meinung den Beutelsbacher Konsens herfällt, oh-
bene Sozialstaat (es gelten eben nicht gehen in Stuttgart und Umgebung hin ne ihn gründlich genug zu kennen.
nur die Gesetze des Marktes!) erhebli- und her. Warum nicht auch im politi- An dieser Stelle sei gleich der Beitrag
che Defizite hat. Dazu gehört vor allem schen Unterricht? Fatal wäre es, wenn von Mirjam Prauschke und Guido Stef-
in unseren Tagen auch die berechtigte eine Lehrerin oder ein Lehrer quasi aus fens „über den Abschied von einer ge-
Frage, ob es weltweit gelingen kann, dem politischen Unterricht heraus trotz sellschaftskritischen politischen Bil-

Die Zukunft der kommunalen Selbstverwaltung
Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs

Band 39, hrsg. von Barbara Remmert und Hans-Georg Wehling

In den Kommunen ist die Politik den Bürgerinnen und Bürgern am nächsten,
denn dort wird Politik täglich erfahrbar: Wo werden unsere Kinder betreut?
Wo findet Altenpflege statt? Wie werden Migranten integriert? Und wer finan-
ziert all das?
Die Kommunen gestalten Politik wesentlich mit und prägen den öffentlichen Ein-
druck von „gelingender“ oder „versagender“ Politik. Ihre Selbstverwaltung hat
sich als Erfolgsmodell erwiesen. Ohne Kommunen ist politisches Leben schlicht
nicht denkbar.

Der Band liefert in 12 Beiträgen eine Bestandsaufnahme der kommunalen
Selbstverwaltung und weist zugleich Zukunftsperspektiven auf.

Bestellung: 6.50 Euro zzgl. Versand, Landeszentrale für politische Bildung,
Fax 0711.164099 77, marketing@lpb.bwl.de, www.lpb-bw.de/shop

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dung“ besprochen. Er liest sich nämlich Fast wie ein Fremdkörper in diesem „erstmals eine intentionale Verbindung
wie eine Umsetzung der Theorie von Band wirkt der Beitrag von Joachim von Kompetenzorientierung und Hand-
Frank Nonnenmacher in die Praxis. Die Detjen.: „Keine demokratischen Mär- lungsorientierung“ gelungen sei.
Absicht, die Schüler „nicht mehr als un- chenerzählungen“. Obwohl der Autor Vermutlich versteht sich das Buch als
mündige Objekte der Belehrung“ zu be- alle Bemühungen unterstützt, das bür- Aufbruch zu neuen Ufern. Dem kann sich
handeln, ist ja richtig und entspricht ex- gerschaftliche Engagement zu stärken, der Rezensent nicht anschließen. Es ist
akt dem ersten Beutelsbacher Grund- hat er die Bodenhaftung nicht verloren richtig, immer wieder zu betonen, dass
satz, aber bald wird deutlich, dass sie und betont, dass die politische Bildung auch politische Bildung einen wichtigen
dem Ziel „Alternativen zur herrschen- nicht „das idealistische Bild eines jeder- Beitrag zu leisten hat für den Aufbau ei-
den Ordnung“ folgen sollten. Wie weit zeit partizipationsbereiten oder gar ner vitalen Bürgergesellschaft zur Stär-
geht also die Mündigkeit der Schülerin- des zur Partizipation verpflichteten Bür- kung unserer Demokratie. Schade aber,
nen und Schüler? Und es ist einfach un- gers zeichnen“ sollte. Er ist zufrieden, dass in einigen Beiträgen vergangene
reif bis verantwortungslos, wenn die Au- wenn die politische Bildung aus „Unwis- Schlachten wieder geschlagen werden.
toren es als ein Ziel politischer Bildung senden und Desinteressierten wenigs- Das führt nicht weiter. Aber manchmal
bezeichnen, „die Verhältnisse zum Tan- tens reflektierte Zuschauer“ machen ist auch der Ärger bei der Lektüre eine
zen zu bringen“. Es steht den Autoren kann. positive Antriebskraft. Siegfried Schiele
frei, das hessische „Kerncurriculum Poli- Helmolt Rademacher beschäftigt sich
tik und Wirtschaft“ sehr kritisch zu be- mit dem Thema „Demokratiepädago-
leuchten. Wer aber die Ziele politischer gik“. Er unterstreicht, dass sich politische
Bildung so skizziert, dem würde es gut Bildung nicht auf die Wissensvermitt- Neckargeschichten – von der Quelle
tun, einmal einen politischen Unterricht lung beschränken dürfe. Diese Forde- bis zur Mündung
zu erleben, der nach den Grundsätzen rung ist ja berechtigt, aber nicht erst die
des Beutelsbacher Konsenses gestaltet Demokratiepädagogik hat entdeckt, Thomas Vogel/Heike Frank-Ostarhild:
ist. dass die Befähigung zum selbstständi- Neckargeschichten
Kehren wir zur Reihenfolge des Buches gen Urteilen und Handeln wesentliche Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010.
zurück. Benedikt Widmaier geht in sei- Ziele des politischen Unterrichts sind. 352 Seiten, 22,00 Euro.
nem Beitrag von der Grundthese aus, Darum war und ist der Konflikt politi-
„dass politisches Wissen und politische sche Bildung versus Demokratiepäda- Flüsse haben etwas Faszinierendes an
Kompetenzen nicht nur Voraussetzung, gogik unnütz und sinnlos. sich, weil sie – so Thomas Vogel im ein-
sondern auch Folgen von aktiver Partizi- Armin Scherb geht in seinem Beitrag auf leitenden Kapitel „Flussgeschichten“ –
pation sind“. Er zeichnet ein zu düsteres den Pragmatismus ein, weil er der Auf- Sinnbild des Lebens schlechthin sind.
Bild der politischen Bildung in der Schu- fassung ist, dass der Pragmatismus zu Flüsse sind verbindend und trennend
le, wo es seiner Meinung nach vorwie- einem praxisorientierten Konzept politi- zugleich. Als Wasserstraßen dienen sie
gend um „kognitive Mobilisierung“ ge- schen Lernens einen beachtenswerten der Mobilität, schreiben aber durch ihre
he. Widmaier geht u. a. auf den – unnö- Beitrag leisten kann. Die Theorie von Ufer Unterschiede, zum Teil – trotz ver-
tigen – Streit der Demokratiepädago- John Dewey wird in den Grundzügen bindender Brücken und Stege – schwie-
gik mit der Didaktik politischer Bildung dargelegt und eine Verbindung zum rig zu Überbrückendes fest. Galten
ein. Es ist ja richtig, gerade im Feld der handlungsorientierten Unterricht her- doch häufig zwei an einem Fluss sich
außerschulischen Bildung die Hand- gestellt. Scherb stellt jedoch klar, dass gegenüber liegende Orte als Fixpunkt
lungsperspektive bei der Bildungsar- „der interventionsfähige Bürger nicht lokaler Identitäten, die Wert auf eben
beit stark in den Blick zu nehmen, aber automatisch der demokratisch gesinnte diese „räumliche“ Trennung legten und
auch hier muss ganz klar sein, dass die Bürger“ ist. scheinbare Unterschiede betonten.
Richtung, die Art und Weise des Han- Michael Götz und Stephan Schieren (Selbst in einem kleinen Dorf am Neckar
delns und das Ob ausschließlich dem geben ihrem Beitrag die Überschrift aufgewachsen, kann sich der Rezensent
Subjekt zustehen. „Learning Active Politics“. Sie stellen in- noch lebhaft an die Schilderungen Alt-
Auch Bettina Lösch unterstreicht die Be- ternationale Jugendbegegnungen mit eingesessener erinnern, die den Be-
deutung der Partizipation für unsere Bulgarien in den Mittelpunkt. Es ist er- wohnern des am jenseitigen Ufer gele-
Demokratie, zeichnet aber ein sehr düs- wiesen, dass solche Begegnungen das genen Dorfes nicht sonderlich positive
teres Bild der demokratischen Verhält- politische Interesse von Jugendlichen „Charaktereigenschaften“ zuschrieben.
nisse in Deutschland. So kommt sie auch stärken und Kompetenzen mehren kön- Angeblich soll sich dies in früheren Ta-
dazu, „Aktionen zivilen Ungehorsams“ nen. Sie gehen auch noch auf „Politik- gen auch auf das lokale Heiratsgeba-
als wirksame Methode politischen Ler- werkstätten in Schulen“ ein und beto- ren ausgewirkt haben!) Als Lebens-
nens zu begreifen. Der schulischen poli- nen die Verknüpfung von Schule und adern, an denen entlang Menschen zu
tischen Bildung wird unterstellt, am Sta- außerschulischer Bildung. allen Zeiten siedelten, waren und sind
tus quo festzuhalten, während es nach Klaus Moegling untersucht, inwieweit Flüsse „Orte der Begegnung, des Han-
Beutelsbach geradezu selbstverständ- die Standards für die politische Bildung dels und der Händel“ (S. 10).
lich ist, Fehler und Schwächen unserer in Hessen handlungsorientiert angelegt Flüsse setzen Grenzen und öffnen Hori-
parlamentarischen Ordnung aufzugrei- sind. Er beschreibt den Dissens zwi- zonte. Sie bieten genügend Anlässe für
fen, Kontroversen offen und transparent schen Konzeptionen der Kompetenzori- philosophische und literarische Ge dan-
auszutragen und den jungen Menschen entierung mit Theorien der Handlungs- ken(spiele). Unzählige Künstler, Dichter
die Urteilsbildung zu überlassen. Dann orientierung. Der Autor ist daran inter- und Literaten wurden durch Flüsse an-
muss es aber auch – vermutlich zum essiert, den Konflikt zu entschärfen. An- geregt. Mehr noch: Flüsse haben etwas
Unmut von Bettina Lösch – möglich sein, ders als Mirjam Prauschke und Guido Beruhigendes, aber auch Bedrohliches
dass der eine oder die andere den Steffens findet er handlungsorientierte an sich. Metaphern der Geborgenheit
Status quo alles in allem für passabel Ansätze im hessischen Curriculum. und des Lebendigen stehen Sinnbilder
hält. Moegling meint sogar, dass in Hessen der Gefahr und des buchstäblichen Un-

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tergangs gegenüber. Flüsse lassen sich gebändigten Fluss eindrucksvoll be- entpuppt; eine Anthologie, die ein gro-
nicht so leicht zähmen, verlangen als schreibt, bekommt eine andere „Lesart“, ßes Kompliment verdient. Die anregen-
entfesselte Naturgewalt ihren Tribut. wenn man in Wielands Schmids „Ein de und kurzweilige Lektüre macht Ap-
Der Name Neckar ist keltischen Ur- Pfad im Schatten der Kühltürme“ eine petit und Lust: auf den Neckar, seine
sprungs und bedeutet so viel wie „wil- scheinbar „zeitgemäße“ Art der Na- Landschaft und auf die mit ihm verbun-
der Geselle“. Mithin ein Beleg für die turaneignung im Schatten des Kern- denen Menschen. Siegfried Frech
Urgewalt des Wassers, die von den An- kraftwerks Neckarwestheim entdeckt.
wohnern Respekt vor dem Fluss abver- Während Johannes R. Becher, der erste
langt. Flüsse waren und sind immer Kultminister der späteren DDR, „Tübin-
schon biographische „Erinnerungsorte“ gen oder Die Harmonie“ lobt, kommen- Der grüne Ministerpräsident
und Orte der Selbstvergewisserung, tiert Axel Hacke anlässlich einer Lese-
aber auch eine reichhaltige Quelle für reise in einem „Neckarkiesel“ – kurze Peter Henkel/Johanna Henkel-Waid-
Märchen, Balladen, Legenden und My- Einsprengsel, die das ganze Buch hofer:
then gewesen, welche die Vergangen- durchziehen – eher ironisch „Da fließt Winfried Kretschmann. Das Porträt
heit beschwören. doch so ein kleiner Fluss durch Tübin- Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2011.
Thomas Vogel (Autor, Kulturschaffender gen…“ (S. 67). Peter Härtling kommt 160 Seiten, 14,95 Euro.
und Honorarprofessor der Eberhard ebenso zu Wort wie Hans Christian An-
Karls Universität Tübingen) und Heike dersen, Ottilie Wildermuth, Felix Huby Eine Biographie von Winfried Kretsch-
Frank-Ostarhild (Geschäftsführerin ei- oder Ludwig Uhland. Ernste und tiefsin- mann vor dem 12. Mai 2011 zu schrei-
nes Verlags und Lektorin) haben un- nige Texte wechseln sich mit boden- ben und zu drucken, verlangt ange-
längst in Klöpfer & Meyers Reihe „Land- ständig-schwäbischen Beschreibungen sichts der knappen Mehrheitsverhält-
schaftsgeschichten“ eine lesenswerte ab. So schildert Manfred Rommel fein- nisse im baden-württembergischen
Anthologie vorgelegt, die von der Quel- sinnig als „ Meister des Bierfassan- Landtag eine gehörige Portion Wage-
le bis zur Mündung des 367 Kilometer stichs“ – so der Titel – das Cannstatter mut (nicht zuletzt auch vom Verlag!). Pe-
langen Neckars literarische Texte ver- Volksfest als „schwäbisches Kulturereig- ter Henkel, über drei Jahrzehnte Korres-
schiedenster Gattungen vereint. Mit nis“ bzw. als „schwäbisches Bayreuth“. pondent der „Frankfurter Rundschau“,
dem Neckar, der Herz- und Lebensader Gleichwohl fallen die Schwaben nicht und Johanna Henkel-Waidhofer, lan-
Baden-Württembergs, sind Personen der „Wagnerschen Musik zum Opfer“. despolitische Korrespondentin für das
und Persönlichkeiten untrennbar ver- Das Cannstatter Volkfest ist vielmehr „Badische Tagblatt“ und langjährige
bunden. Liegen doch – so Thaddäus das „schwäbische Woodstock, wo un- Mitarbeiterin des „Staatsanzeiger“, ha-
Troll – zwei Wiegen der Weltliteratur sere Volksseele sich findet, neu begreift ben das mutige Unterfangen gewagt.
am „Weinfluss Neckar“: Schillers Ge- und von ihrer besten Seite zeigt“ Bekanntlich war die Landtagswahl am
burtsstadt Marbach und Hölderlins (S. 135ff.). Einige Texte sind ein Beleg, 27. März 2011 für die baden-würt tem-
Lauffen. Die Textsammlung beginnt dass der Neckar ein „Weinfluss“ ist. bergische Landespolitik ein einschnei-
nicht von ungefähr mit dem Gedicht Theodor Heuss, dessen 1905 abge- dendes Ereignis. Die seit 58 Jahren re-
„Der Neckar“ von Friedrich Hölderlin – schlossene Doktorarbeit sich mit dem gierende CDU verlor die Wahl und zum
mit einem der schönsten Gedichte, das Thema „Weinbau und Weingärtner- ersten Mal wurde in der Bundesrepublik
die deutsche Sprache kennt. Hölderlin stand in Heilbronn am Neckar“ be- ein Grüner Ministerpräsident.
hat Zeit seines Lebens am Neckar ge- schäftigte, vergleicht den württember- Wer ist nun dieser Winfried Kretsch-
lebt und diesen immer wieder besun- gischen Wein gar mit dem schwäbi- mann? Was sind seine Visionen und
gen. Hölderlin ist „der Sänger der Flüsse schen Charakter. Der unkundige Frem- Prinzipien? Wie „tickt“ er im politischen
schlechthin“ (S. 21). de ist „wohlwollend und nachsichtig zu Geschäft? Anhand dieser Leitfragen
Dieser eher bescheidene, zwölftgrößte ihm, ein bisschen von oben herab, lobt zeichnen Peter Henkel und Johanna
Fluss Deutschlands entpuppt sich bei die Einfachheit“. Mit Unverstand jedoch Henkel-Waidhofer ein politisches Port-
der Lektüre der Textsammlung als „Fluss genossen, folgt die Rache, die „nicht frei rät bzw. eine von überaus viel Sympa-
der Dichter“, der an Idyllen und Indust- von schadenfroher Tücke [ist]“, geht der thie getragene Charakterstudie. Im ers-
rieanlagen, an Klöstern und Kernkraft- Fremde doch in die Knie (S. 192). ten Drittel des Buches gewinnt man den
werken, an Dörfern und (Klein-)Städten Die Anthologie vereint im Übrigen „alt- Eindruck, dass da einer über den grü-
vorbeifließt und das Erleben, das „Ge- ehrwürdige“ literarische Größen, lässt nen Klee gelobt wird. Auf so manchen
müt“ und nicht zuletzt den Charakter aber auch genügend Einblicke in das li- Seiten lernt der (nüchterne) Leser den
der Menschen geprägt hat. In der ge- terarische Schaffen der Gegenwart zu, „geerdeten, wertgebundenen, boden-
lungenen Auswahl finden sich Mund- indem zeitgenössische Autorinnen und ständigen“ (S. 30) Kretschmann kennen.
art-Gedichte von Sebastian Blau in di- Autoren zu Wort kommen und dabei so Bereits auf der ersten Seite des Prologs
rekter Nachbarschaft mit Texten von manche Flussmetapher gelegentlich ge- wird Winfried Kretschmann als „knorri-
Walle Sayer, in denen die scheinbare gen den Strich bürsten. Und ein klein ger katholischer Ex-Kommunist vom
Idylle und der unkritische Gebrauch des wenig wehmütig endet die Sammlung Land, ein (wert-)konservativer Super-
Heimatbegriffs hinterfragt werden. Ne- u. a. mit dem „Neckarbrückenblues“ von Realo“ (S. 7) charakterisiert. „Authenti-
ben Hermann Hesses Kindheitserinne- Joy Fleming und Carl J. Schäuble. zität“ ist hier das Schlüsselwort und
rungen „Floßfahrt“ eröffnen mehrere Eine Rezension kann den über hundert gleichsam der rote Faden des Porträts.
Texte immer wieder historische Reise- Gedichten, Essays, Tagebuchauszügen Im letzten Kapitel – überschrieben mit
eindrücke, die durch Prosatexte – die und Prosatexten nur annähernd gerecht „Ein Philosoph wird Präsident“ – wird
man mit dem Label „kritische Heimat- werden. Thomas Vogel und Heike Frank- gar die subtile Analogie zur „Politeia“
kunde“ versehen könnte – „gebrochen“ Ostarhild haben eine Textsammlung zu- von Platon bemüht. Die Bemerkung sei
werden. Die Auszüge aus dem Reiseta- sammengestellt, die sich, wie der Klap- an dieser Stelle erlaubt, dass Macht
gebuch von Mark Twain „Den Fluss hin- pentext zu Recht bemerkt, als „literari- und Philosophie realpolitisch selten
unter“, der eine Fahrt auf dem noch un- sches Schatzkästlein“ und Vademekum oder nie verbunden gewesen sind.

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BUCHBESPRECHUNGEN

Entkleidet man diese Charakterisierun- „Basta-Stil“ des Regierens? Fanden sollen, bergen allemal (koalitions-)poli-
gen ihrer schillernden Konnotationen, manche Wählerinnen und Wähler die tischen Sprengstoff genug. Eine propa-
kommt die andere Seite von Winfried „gute alte Tante SPD einfach nicht mehr gierte „Dynamik in allen Teilen der Be-
Kretschmann sehr wohl ans Tageslicht. sexy“ (S. 27) genug? Sind einstmals si- völkerung“ wurde bisher beileibe nicht
Der politische Aufstieg des „oberschwä- cher geglaubte Parteibindungen über- ausgelöst. Eher ist es so, dass abgewar-
bischen Charismatikers“ – der gegen haupt noch zuverlässig? War Mappus tet wird, was Grün-Rot politisch unter-
„Eitelkeiten und Aktionismus, gegen gar – angesichts katastrophaler Stim- nimmt.
Glamour und Karrieredenken“ (S. 11) mungswerte – ein völlig ungeeigneter Unterm Strich ist dem Autorenpaar ein
gefeit ist – wird entlang biographischer Kandidat? War es Fukushima oder war kenntnisreiches und lebendiges, von
Stationen und (partei-)politischer Weg- es der politisch dilettantische Umgang Sympathie zu Kretschmann getragenes
marken aufgezeigt. Dass die von autori- mit dem nuklearen Desaster? Einräumen Porträt des eigenwilligen Politikers ge-
tärer Willkür geprägt Zeit im Internat, muss man, dass das Buch nicht unbe- lungen. Die Charakterstudie präsentiert
die „bleierne“ Schulzeit in den 1960er dingt den Anspruch hat, nüchterne den Leserinnen und Lesern nicht nur den
Jahren und schließlich die berufliche Wahlanalysen zu betreiben. Vielmehr Politiker, sondern auch den „Mensch
Sozialisation deutliche Spuren hinter- geht es um den Politiker und um die Per- Kretsch“ – wie er von Parteifreunden ge-
lassen haben, wird spätestens dann er- son von Winfried Kretschmann. nannt wird. Siegfried Frech
sichtlich, wenn der „Pädagoge in der Eine der Stärken des Buches ist die pa-
Politik“ beschrieben, der forcierte „Pre- rallel zu Kretschmanns Werdegang
digerstil“ und der Hang zum gründli- skizzierte Geschichte der Ökologiebe-
chen Durchdringen komplexer Sachfra- wegung und der Grünen auf Bundes- Bildungspolitik – ein zentrales
gen erörtert werden (S. 37f.). Geschil- und vor allem auf Landesebene. Peter Politikfeld
dert werden auch die harten Jahre in Henkel und Johanna Henkel-Waidhofer
der Opposition, die nun mal Lehrjahre zeigen konzise, dass die Grünen – Hepp, Gerd F.:
und keine politischen Herrenjahre wa- ebenso wie Kretschmann von „Mao zur Bildungspolitik in Deutschland –
ren, weil andere an den Schalthebeln Mitte“ (S. 67) gelangte – inzwischen in Eine Einführung
der Macht saßen. Und wie ist es eigent- der Mitte der Gesellschaft angekom- VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden
lich bei Winfried Kretschmann um eben men sind. Die „Partei von Claudia Roth 2011 . 315 Seiten, 24,95 Euro.
diese Macht bestellt? Scheut er die hat etwas Kuscheliges bekommen“
Macht wie der Teufel das Weihwasser (S. 27). Weit entfernt von den erbitter- Bildungspolitik ist fraglos ein zentrales
oder – so die Vermutung des Autoren- ten Bataillen auf den Parteitagen der Politikfeld der Gegenwart. Spätestens
paares – offenbaren seine Äußerungen, 1980er Jahre haben die (allermeisten) „seit PISA“ ist Bildungspolitik in aller
dass er (noch) wenig von der Macht ver- Grünen die zum Teil unerträgliche Munde und die wissenschaftliche Bil-
steht? Bemüht man Max Weber oder Rechthaberei, das Sektierertum und die dungsforschung floriert. Dennoch ist
Hannah Arendt – eine von Kretschmann gelegentliche Spöttelei über das demo- das Feld bis dato in einschlägiger Lite-
hoch geschätzte Philosophin und Publi- kratische Procedere abgelegt. Gerade ratur eher in Teilaspekten behandelt
zistin – dann weiß man sehr wohl, wel- in der Schilderung politischer Konflikte worden. Daher ist das Erscheinen die-
che zentrale Stellung der Begriff der und parteiinterner Grabenkämpfe zeigt ses Studienbuches von Gerd Hepp, das
Macht in deren Gedankengebäude das Autorenpaar seine ironischen Qua- sich eine „systematische Einführung in
einnimmt. Gar so naiv kann auch Win- litäten. Sei es die Schilderung mannhaf- den hochkomplexen Gegenstandsbe-
fried Kretschmann nicht sein! Immerhin ter Kämpfe im Jahre 1983 in Konstanz reich der Bildungspolitik“ (S. 5) zum Ziel
hat er zwei Monate nach seinem Amts- gegen die „feministischen Wühlmäuse“ setzt, sehr zu begrüßen.
antritt das rustikale (Macht-)Instrument (S. 73) – wie sich die Antragsstellerin- Aus seiner Tätigkeit als Professor für Po-
der „Peitsche“ als Metapher entdeckt – nen selbst nannten – oder sei es die äu- litikwissenschaft und Politische Bildung
wahlweise als „Innovationspeitsche“ ßerst lebendige Beschreibung und an der Pädagogischen Hochschule
oder als „Investitionspeitsche“. Nach Kommentierung der mit „Talkesseltrei- Heidelberg heraus hat der Autor ein
100 Tagen im Amt wurde Kretschmann ben“ (S. 96f.) überschriebenen Ausein- Buch vorgelegt, das für eine breite Le-
angesichts seiner neuen Wortschöpfun- andersetzungen um das Großprojekt serschaft gewinnbringend ist: Einer-
gen in der Lokalpresse als „Sprachzent- Stuttgart 21. seits bietet es Politikwissenschaftlern
rum“ charakterisiert. Das in neue Worte Trotz aller unverhohlen gezeigten Sym- und Mitarbeitern im Bildungswesen
gekleidete Denken, dem im Südwesten pathie für Winfried Kretschmann wird jeglicher fachlichen Herkunft Einblick in
der Weg bereitet werden soll, ist jedoch am Ende des Buches konstatiert, dass die Welt des Bildungswesens, anderer-
bei näherer Betrachtung so neu nicht. der jedem Anfang innewohnende Zau- seits Pädagogen eine umfassende Dar-
Kretschmann weiß sehr wohl, dass er ber – so die recht poetische Anleihe bei stellung der politischen und strukturel-
Politik mit dem bürgerlichen Wählern Hermann Hesse – früher oder später len Hintergründe ihres Arbeitsfeldes.
machen muss, nicht gegen sie. verfliegen wird. Wenn man ferner in Be- Ganz im Sinne eines Lehr- und Studien-
Etwas dürftig sind die Stellen, an denen tracht zieht, dass sich von sechs Wahl- buches erfordert es vom Leser kein fun-
mit Gründen für die politische „Zeiten- berechtigten nur ein einziger für die diertes Vorwissen; sowohl der Bil-
wende“ (S. 151) aufgewartet wird. Die Partei von Kretschmann entschieden dungsbegriff als auch Elemente des
Interpretation des Wahlerfolgs ist unter hat, wird der politische „Praxistest“ zei- Politischen werden im Buch selbst er-
Wahl- und Parteienforschern umstrit- gen, ob die vor der Wahl angekündigte läutert. Durch Darlegung aktueller Ent-
ten: Sind die oberschwäbischen Grü- „Zeitenwende“ durchsetzbar und mehr- wicklungen konzeptueller, finanzieller
nen „Fleisch vom Fleische der CDU“ heitsfähig ist. Die in dem Buch skizzier- und rechtlicher Art sowie Diskussion
(Hans-Georg Wehling)? War Kretsch- ten Themenbereiche bzw. Politikfelder, neuer internationaler Vorgaben wie
mann – selbst im oberschwäbischen Mi- die einem aufgeklärten zivilen Mitein- dem Europäischen Qualifikationsrah-
lieu – eine Alternative zur CDU und zu ander von Staat, Zivilgesellschaft und men enthält das Buch nicht nur für Stu-
dem von Stefan Mappus praktizierten Ökonomie (S. 110f.) zugeführt werden dienanfänger, sondern sicherlich für

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unterschiedliche Lesergruppen interes- genen Kapitel vorgestellt, als auch in internationalen Verflechtungen – be-
sante Informationen. unterschiedlichen Kontexten eingebun- leuchtet wird. Eva-Maria Schauenberg
Hepp schlägt auf gut 300 Seiten einen den. Den Schluss des Buches bildet die
großen inhaltlichen Bogen. Einleitend Einordnung der deutschen Bildungspo-
setzt er sich mit dem sich wandelnden litik in die beständig an Bedeutung ge-
Verständnis von Bildung auseinander, winnenden und oft wenig wahrgenom- Eine neue Zeitschrift für die Politische
das insbesondere in der jüngsten Dis- menen internationalen Strukturen. Bildung
kussion nach PISA oftmals auf reine Ver- OECD und EU sind hier zu nennende
wertungsorientierung reduziert wird. Es Akteure, die mit unterschiedlichen Mit- Journal für Politische Bildung
folgt eine Skizze der verschiedenen Ele- teln einen gravierenden Einfluss auf das Hrsg. vom Bundesausschuss Politische Bildung
mente des Bildungswesens und die Auf- Bildungswesen nehmen und insbeson- und Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts.;
gabenbeschreibung der Bildungspoli- dere die Bundesländer in ihrer Kulturho- 1 . Jahrgang 2011, Heft 1 (vier Hefte jährlich;
tik. „Demnach hat die Bildungspolitik heit stark einschränken. Durchgehend Einzelpreis im Abonnement 14.00 Euro).
(…) vor allem die Gewährleistung zu stehen im Fokus des Buches Schul- und
erbringen, dass das Bildungssystem Hochschulpolitik, frühkindliche sowie Eine neue Zeitschrift für die Politische
drei sich ergänzende Funktionen erfül- berufliche Bildung werden jedoch im- Bildung ist geboren – vielmehr ist sie
len kann.“ Diese sind Integration, Quali- mer wieder mit in die Darstellung einbe- durch die Zusammenlegung von „kursiv.
fikation und Allokation und zielen auf zogen. Journal für politische Bildung“ und „Pra-
kulturelle, ökonomische und soziale Zie- Ein systematisches Durcharbeiten des xis Politische Bildung“ entstanden. Der
le (S. 28). In der Erörterung des staatli- Buches ist nicht zwingend vorgesehen, Entstehung entsprechend sind Bern-
chen Ordnungsrahmens werden Ten- was sich in teilweise starker Redundanz hard Debus, Lothar Harles und Wolf-
denzen zu Deregulierung und Ökono- zeigt. So werden insbesondere die Gre- gang Beer die Herausgeber. Die Redak-
misierung deutlich. Die Auswirkungen mien der Kooperation zwischen Bund tion wird von vier ausgewiesenen Re-
demographischer Entwicklungen auf und Ländern an verschiedenen Stellen präsentanten der politischen Bildung
das Bildungswesen werden ebenso be- behandelt. Hier wären vermehrt interne verantwortet, mit Johannes Schillo als
trachtet wie Entwicklung und Struktur Verweise wünschenswert, da stets un- Leiter. Heft 1 nennt sich plakativ „Zu-
der Finanzierung, die sowohl internatio- terschiedliche Aspekte im Vordergrund kunftsfähigkeit und Zivilgesellschaft“;
nal als auch zwischen den Bundeslän- der Darstellung stehen. In diesem Zu- die anderen Hefte für 2011 sind in Pla-
dern vergleichend eingeordnet wird. sammenhang fällt auch das Fehlen ei- nung oder bereits erschienen. Heft 4
Detailliert werden die Vielzahl von nes Abkürzungsverzeichnisses auf, das beschäftigt sich mit dem Thema „Politi-
staatlichen und nichtstaatlichen Inter- aufgrund der Vielfalt an (im Texte je- sche Partizipation“.
essen artikulierenden, beratenden und weils einmalig eingeführten) Fachkür- Den Kern von Heft 1 bilden vier Schwer-
entscheidenden Akteuren und ihren Po- zeln wünschenswert gewesen wäre. punkte und eine Abteilung „QuerDen-
sitionen sowie Einflussmöglichkeiten Nachdem der Bereich der Bildungspoli- ken“. Im ersten Schwerpunkt setzt sich
vorgestellt. Den größten Umfang neh- tik stark im Fluss ist, überrascht es nicht, Herfried Münkler mit dem Konzept „Zi-
men im Buch die Darlegung von Ent- dass die Entwicklung über manche Dar- vilgesellschaft“ auseinander. Dabei
wicklungen im Zusammenspiel von Bund stellung im Buch bereits hinwegge- geht er sowohl bejahend als auch kri-
und Ländern sowie diverser Länderspe- gangen ist. Insbesondere die jüngsten tisch mit dem Konzept um. Zivilgesell-
zifika ein. Durch Verfassungsreformen Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen schaft hat Konjunktur, weil politisches
von 1969 und 2006 sind die Zuständig- bestätigen jedoch Thesen, die Hepp Engagement von vielen als ineffektiv
keiten für verschiedene Bereiche des formuliert: So beschreibt er sowohl ei- angesehen wird. Aktionen gegen Stutt-
Bildungswesens zwischen Bund und nen Trend zur Vergabe des Kultusminis- gart 21 etwa oder für Atomausstieg bie-
Ländern immer wieder neu verteilt wor- teriums an den kleinen Koalitionspart- ten mehr an persönlicher Identifi kation
den. Hepp schildert hier neben den ner (was eine Abkehr von traditioneller als eine als entfremdet wahrgenomme-
rechtlichen Fakten auch Beweggründe Gegenüberstellung von CDU- und SPD- ne Politik. Die Attraktivität dieser Akti-
und mit den Reformen verbundene Vor- Kultusministern bedeutet und damit ein- vitäten liegt nach Münkler darin, dass
und Nachteile für Akteure unterschiedli- hergehend einem Abbau ideologiege- zivilgesellschaftliches Engagement so-
cher Ebenen. Insbesondere die Schul- prägter, traditioneller Frontstellungen), wohl dem Markt als auch der Politik ent-
und Hochschulpolitik auf Länderebene als auch die Abkehr der CDU von ihrer zogen ist. Damit ist der Weg frei für eine
wird detailliert und im bundesweiten alten Position der Erhaltung der Haupt- weit reichende und unspezifische Mo-
Vergleich in ihrer Entwicklung vorge- schule um jeden Preis. Mit der Sekun- ralisierung sozialer Problem lagen und
stellt. Derzeit zeigt sich im Bereich der darschule und der faktischen Fünfglied- eine damit verbundene Emotionalisie-
Schulstrukturen „eine wachsende Zer- rigkeit hat Nordrhein-Westfalen auch rung dieser Strategien. Münkler ver-
splitterung und Unübersichtlichkeit, ab- einen weiteren Beitrag zur erwähnten weist aber auch darauf, dass langfristi-
lesbar schon an der inflationären Zu- Unübersichtlichkeit und Namensvielfalt ge Beschäftigung in solchen (Politik-)
nahme der Namensbezeichnungen“ im Schulwesen geleistet. Gleichwohl Feldern dazu führen kann, dass selbige
(S. 224). Gleichzeitig prognostiziert macht dies auch deutlich, dass das um- doch auch kommerzialisiert werden
Hepp jedoch eine Abnahme der Schär- fangreich eingearbeitete Datenmateri- können und u. U. zu „Jobs“ führen. Durch
fe im Streit um die optimale Struktur al einer regelmäßigen Aktualisierung die Hintertür kommen mithin wieder In-
(S. 226). Im Bereich der Hochschulen bedarf. teressen ins Spiel. Münkler kritisiert die-
gibt es weniger parteipolitische Grä- Insgesamt ist das Buch als Gewinn zu sen überbordenden Moralismus, der
ben, hier stehen daher Fragen der Ver- betrachten, da in ihm sowohl historisch wieder in Zweckrationalität einmünden
teilung, Finanzierung und Organisati- einordnend als auch aktuell aufklärend kann. Ich denke, dass diese Kritik ver-
onsform im Zentrum der Betrachtungen. die Bildungspolitik auf allen politischen früht ist. Eine Zivilgesellschaft lebt von
Zentrale Gremien der Bund-Länder-Ko- Ebenen – vom einzelnen Bundesland immer neuen Schüben von Kreativität;
operation werden sowohl in einem ei- über die Bundespolitik, bis zur EU und dazu gehört auch „wissens gesell schaft-

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liche“ Kompetenz in ganz breiter Varia- Vernichtungskrieg ortung prägnant erörtert. Das dritte
tion. Insofern überschneidet sich zivil- Kapitel (S. 29–48) zitiert grundlegende
gesellschaftliche Aktivität mit dem Kon- Wigbert Benz: Dokumente (Aktennotizen, Protokolle,
zept „cultural industries“, das von Münk- Der Hungerplan im „Unternehmen Richtlinien), in denen das Zusammen-
ler nicht erwähnt wird. Die anderen Barbarossa“ 1941 wirken der ideologischen Vorgaben mit
Autoren antworten indirekt auf Münk- Wissenschaftlicher Verlag Berlin, Berlin 2011. den kriegswirtschaftlichen Nützlich-
lers Vorschlag. Münkler selbst ist kei- 84 Seiten, 16,00 Euro. keitserwägungen anhand konkreter
neswegs affirmativ; und die anderen Texte aus dem Jahr 1941 aufgezeigt
Beiträge sind explizit in guter deutscher „Armut, Hunger und Genügsamkeit er- wird. Die Lektüre der amtlichen Papiere
Tradition kritisch. So fokussiert Klaus- trägt der russische Mensch schon seit offenbart die planvollen Überlegungen
Peter Hufer auf die Zusammenarbeit von Jahrhunderten. Sein Magen ist dehn- der nationalsozialistischen Vernich-
politischer Erwachsenenbildung und bar, daher kein falsches Mitleid.“ Dieser tungspolitik und hebt das perfide Kalkül
Protestbewegungen: Neues Öffentlich- an Menschenverachtung nicht zu über- des „Hungerplans“ hervor. Im vierten
keitsbewusstsein und Rückgriff auf die bietende Satz von Staatssekretär Her- Kapitel (S. 49–62) beschreibt Benz die
„70er Jahre“ sind dabei die Stichworte. bert Backe, Leiter der Geschäftsgruppe entscheidenden Akteure. Göring billig-
Er schließt sich Oskar Negt und dessen Ernährung in Görings Vierjahresplan, te den „Hungerplan“ persönlich und
Forderung an, dass politische Bildung enthüllt das rassenideologische Leitbild wurde dafür u. a. im Nürnberger Pro-
„die Herstellung von Weltzusammen- der nationalsozialistischen Kriegfüh- zess verurteilt. Des Weiteren wird die
hängen und von Urteilskraft“ ermögli- rung, das in Verbindung mit kriegswirt- Haltung Hitlers, Rosenberg und Himm-
chen soll. Wolfgang Beer fordert im schaftlichem Kalkül die treibende Kraft lers – auf einer verlässlichen Quellenla-
dritten Schwerpunkt schließlich eine des Vernichtungskrieges gegen Russ- ge fußend und den aktuellen sowie in-
umfassende Einbeziehung neuer Tech- land war. Die Idee des Hungerplans ist ternationalen Forschungsstand beach-
nologien in die Konzepte der politi- im Rassenwahn der Nationalsozialisten tend – dargestellt. Im abschließenden
schen Bildung. Wenn man gesehen hat, angelegt: „Minderwertige Völker“ wur- Kapitel (S. 63–76) gibt Wigbert Benz
welche Auswirkungen die „Facebook“- den mit „unnützen Essern“ gleichge- eine Übersicht über die Auswirkungen
Bewegung in den arabischen Ländern setzt, deren Hungertod billigend in des Hungerplans: Geschildert werden
vor kurzem zeitigte, wird man dem un- Kauf genommen und akribisch geplant die Hungersnöte in russischen Groß-
bedingt zustimmen können. Ziel soll es wurde. Der deutsche Überfall auf die städten – so in Leningrad, das 900 Tage
sein, so Beer, „sich an der technologie- UdSSR, das „Unternehmen Barbaros- (Herbst 1941 bis Anfang 1944) belagert
politischen Debatte inhaltlich zu beteili- sa“, wurde im Kern als Vernichtungs- wurde – sowie das massenhafte Ver-
gen“. Das ist hoch gegriffen, aber der und Ernährungskrieg geplant. Millionen hungern von sowjetischen Kriegsgefan-
Bedeutung der Dimension durchaus ad- Menschen sollten in den besetzten Ge- genen. Das Buch bietet einen fundierten
äquat. Christoph Bals und Stefan Ros- bieten der Sowjetunion verhungern, um Überblick, baut auf dem aktuellen For-
tock von „Germanwatch“ fordern im Nahrungsmittel für die Wehrmacht und schungsstand auf und eignet sich – nicht
letzten Schwerpunkt ein dezidiertes En- die deutsche Bevölkerung zu gewinnen. zuletzt auch aufgrund seines Umfangs
gagement der Zivilgesellschaft bezüg- Rund vier bis sieben Millionen der ins- – für ein breites, historisch interessiertes
lich der „klimapolitischen Herausforde- gesamt 27 Millionen im „Unternehmen Lesepublikum. Siegfried Frech
rungen“. Dem kann nur zugestimmt wer- Barbarossa“ getöteten Sowjetbürger
den: alles in allem vier überzeugende und -bürgerinnen sind an geplanter Un-
Schwerpunkte. ternährung gestorben. Ein Tatbestand,
In der Abteilung „QuerDenken“ domi- der in der Gedenkkultur der Bundesre- Briefe an den Bundespräsidenten
niert diesmal Pro und Contra „im Kampf publik Deutschland allenfalls eine mar-
gegen den Linksextremismus“, der von ginale Rolle spielt. Hrsg. und bearbeitet von Wolfram
der Bundesregierung anscheinend als Der Karlsruher Historiker und Lehrer Werner:
sehr wichtig perzipiert wird. Die hier Wigbert Benz hat – pünktlich zum Theodor Heuss. Hochverehrter Herr
vertretenen Standpunkte sind durch- 70. Jahrestag des deutschen Überfalls Bundespräsident!
weg distanziert, mit unterschiedlichen auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – Der Briefwechsel mit der Bevölkerung 1949–
Haltungen für die Praxis. Uwe Ross- den sogenannten „Hungerplan“ be- 1959.
bach, Geschäftsführer von Arbeit und schrieben. Wigbert Benz publizierte (Theodor Heuss, Stuttgarter Ausgabe. Briefe,
Leben Thüringen, gelingt dabei eine li- zur Thematik des deutsch-sowjetischen hrsg. von der Stiftung Bundespräsident-Theo-
dor-Heuss-Haus)
terarisch subtile Argumentation, die jen- Krieges (1941–1945) bereits verschiede- De Gruyter Verlag, Berlin/New York 2010.
seits ihres Inhalts schon Vergnügen be- ne Aufsätze, Schulbuchanalysen sowie 588 Seiten, 39,80 Euro.
reitet. Klaus Ahlheim kritisiert in dieser Unterrichtsvorschläge. In der nunmehr
Abteilung die biologistischen „Ideen“ vorliegenden Monographie analysiert Der Briefwechsel des Bundespräsiden-
Thilo Sarrazins. In der Abteilung „Lese- Benz die dem verbrecherischen Plan zu- ten Theodor Heuss mit der Bevölkerung
zeichen“ setzt sich Johannes Schillo grundeliegenden Dokumente, benennt nimmt in der „Stuttgarter Ausgabe“ der
u. a. mit einem Buch Ahlheims zur „Aktu- die verantwortlichen Akteure, beleuch- Reihe der Briefe von Theodor Heuss ei-
alität Adornos“ auseinander. Keiner der tet die Zustimmung Hitlers, Görings, Ro- ne besondere Stellung ein, wie die Her-
hier erwähnten oder auch nicht er- senbergs und Himmlers und stellt ab- ausgeber betonen. Es ist der erste Band
wähnten Beiträge ist langweilig oder schließend die Auswirkungen des „Hun- mit Briefen aus seiner Amtszeit 1949 bis
uninformativ. Insofern kann man der gerplans“ dar. 1959. Und im Unterschied zu den bis-
neuen Zeitschrift zur politischen Er- Im Anschluss an die Vorbemerkungen lang erschienenen vier Bänden aus den
wachsenenbildung nur alles Gute auf werden im zweiten Kapitel (S. 11–28) Jahren 1892 bis 1949 enthält dieser
ihrem neuen Weg wünschen. der Forschungsstand, die nationalsozi- Band nicht nur die Antworten des Bun-
Jakob Schissler alistische Kriegführung und Besat- despräsidenten, sondern auch die je-
zungspraxis sowie die historische Ver- weiligen Zuschriften aus der Bevölke-

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rung. Diese formulierten ihre ganz per- steller griffen zur Feder. Es finden sich such in Stuttgart 1949 auf Befehl des
sönlichen Anliegen, nahmen Stellung Vorschläge für seine Kleidung, Tipps für Kultministeriums und Oberbürgermeis-
zur allgemeinen Politik und lobten oder seine Ansprachen, Anregungen für sei- ters „Spalier bilden“ zu müssen. Heuss
kritisierten seine Amtsführung. nen Speisezettel. Themen der deut- konnte dies verhindern, es sollte bei jun-
In seiner Einführung kommentiert der schen Geschichte, der Landes-, Bundes- gen Menschen nicht der Eindruck er-
Herausgeber dieses Bandes, Wolfram und Weltpolitik bewegten die Brief- weckt werden, „so war es unter Hitler
Werner, die weit gefächerten Themen schreiber: das Ende des Zweiten Welt- auch“. Bei der Bundesfeier der Deut-
der Briefe, die den Bundespräsidenten krieges, die Millionen von Flüchtlingen schen Jugend und des Deutschen Sports
täglich erreichten. Seine gesamte Brief- und Vertriebenen, das Verhältnis der in Bonn 1949 verlor eine Sparkassenan-
produktion während der Amtszeit 1949 Bundesrepublik zur DDR, die politischen gestellte ein mühsam finanziertes und
bis 1959 wird auf 50.000 geschätzt. und wirtschaftlichen Weichenstellun- vom Vater gebautes Boot; Heuss sorgte
Wenn er nicht auf Reisen war, beant- gen wie Westintegration, Wiederbe- dafür, dass ihr der Betrag von 50 DM
wortete er durchschnittlich circa acht waffnung, Wiederaufrüstung und die angewiesen wurde. Der Abt einer
bis 14 Schreiben pro Tag. Da war es ei- Auseinandersetzung um den EVG-Ver- kriegsgeschädigten Abtei ließ dem Bun-
ne anspruchsvolle Aufgabe, die Brief- trag, die mögliche Wiedervereinigung, despräsidenten eine Flasche des in der
auswahl so zu gewichten, dass mög- die Kampagne „Kampf gegen den Abtei produzierten Kräuterlikörs zusen-
lichst viele und unterschiedliche Anlie- Atomtod“, der Aufstand vom 17. Juni den und hoffte dadurch auf „Einführung
gen der Bevölkerung wie auch Heuss’ 1953, Spruchkammerverfahren und Ent- unseres Likörs in die höheren und höchs-
jeweilige Reaktion sich im Band wider- nazifizierung, das Schicksal der Kriegs- ten Kreise“; Heuss ließ humorvoll ant-
spiegeln. Für die vorliegende Edition gefangenen in der Sowjetunion, der worten, er persönlich ziehe schärfere
wurden 204 Zuschriften und die Ant- Umgang mit Kriegsverbrechern, Heuss’ Genüsse vor, der „Likörkonsum im Präsi-
worten des Bundespräsidenten ausge- Staatsbesuche im Ausland, die Fußball- dialhaushalt“ sei gering. Freundlich re-
wählt, die er fast alle persönlich diktier- weltmeisterschaft 1954, die Wahlen agierte Heuss auf eine Sendung der
te. und Wahlkämpfe von 1953 und 1957, 1953 auf den Markt gebrachten Marke
Viele Briefschreiber reagierten auf den der Heusssche Vorschlag einer neuen Hengstenberg Mildessa (mildes Wein-
Inhalt seiner Reden und Ansprachen bei Nationalhymne – um nur einige der Sauerkraut) und merkte an, dass sich
offiziellen Anlässen, auf seine Vorträge, Themen zu nennen. Die Zuschriften sind seine Schwägerin, die seinen Haushalt
die auch in den Medien verbreitet wur- eine wahre Fundgrube und spiegeln die führe, darüber freuen werde. Ein „gebo-
den. Manche wandten sich mit ihren An- unterschiedlichsten Mentalitäten der renes Schwabenmädle“, das sich um
liegen an ihn, weil sie annahmen, er sei westdeutschen Bevölkerung wider. seine Ernährung und Gesundheit sorg-
dafür zuständig, könne sich dieser an- Einige Beispiele für persönliche Anlie- te, die Atempausen während seiner Re-
nehmen, könne sie gar entscheiden gen: Verständnisvoll antwortete Heuss den auf einen „bedrängten [...] Brust-
oder die Entscheidungsträger beein- einer jungen Schülerin aus Stuttgart, die korb“ und ein „über Gebühr belastetes
flussen. Ratsuchende, Ratgebende, Bitt- sich dagegen wandte, bei seinem Be- Herz“ zurückführte und ihm Arztbesu-

Baden-württembergische Erinnerungsorte
Zum 60. Jahrestag der Gründung Baden-Württembergs

Reinhold Weber – Peter Steinbach – Hans-Georg Wehling (Hrsg.)
Hrsg. von Reinhold Weber, Peter Steinbach und Hans-Georg Wehling
616 Seiten, ca. 510 Abbildungen

Baden-Württemberg weist eine Vielzahl bedeutender Erinnerungsorte auf, darunter
auch solche von nationaler oder europäischer Bedeutung. Die Herausgeber des
Bandes haben rund 50 solcher Erinnerungsorte aus den verschiedenen Land-
strichen ausgewählt.
Namhafte Autorinnen und Autoren präsentieren anhand dieser unverwechselbaren
Orte auf spannende und anschauliche Art und Weise südwestdeutsche Landesge-
schichte. Beim Lesen der Beiträge entsteht ein Panorama des historischen und des
modernen Baden-Württembergs, das Aufschluss darüber gibt, wie das Land im
Südwesten 1952 entstand und welche Traditionen es bis heute prägen.

Der Jubiläumsband erscheint im Februar 2012. Vorbestellungen sind möglich.

Bestellung: 19.50 Euro zzgl. Versand, Landeszentrale für politische Bildung,
Fax 0711.164099 77, marketing@lpb.bwl.de, www.lpb-bw.de/shop

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che, eine Kur und für „zu Hause eine „Kollektivscham“ der Deutschen be- des Westens’ nennen lassen. Ich habe
richtige Diätköchin“ empfahl, erhielt ei- kannte, ebenso wie seine 1952 für die mich keinen Augenblick in meinem Le-
ne sehr persönliche, ausführliche Ant- Opfer des Konzentrationslagers Ber- ben als die Kreatur eines fremden Wil-
wort mit Hinweisen auf seine „zu gerin- gen-Belsen gehaltene Rede zur Einwei- lens gefühlt und teile Ihnen mit lands-
ge Bewegung“, seine „Kropfanlage [...] hung eines Mahnmals stießen auf ge- mannschaftlicher Offenheit mit, daß ich
in Kombination mit dem zu dicken teilte Aufnahme. Den Vorwurf, er habe diesen Teil Ihres Briefes für eine an-
Bauch“ und beruhigte sie, sein Herz sei die These von der Kollektivschuld unter- maßende Unverschämtheit halte.“ Und
in Ordnung. stützt, erklärte er für „abwegig“, den „zum Kotzen“ fand er „die gewerbstüch-
Zustimmung, aber auch Widerspruch Versuch, ihn zu „belehren, daß es eine tige Verkitschung einer Volkstragödie“
erntete Heuss für manche Äußerung, Kollektivscham nicht geben könne“, in deutschen Zeitschriften, die die nati-
auch für ganze Reden, so etwa, als er wies er zurück. Auch die Debatten um onalsozialistische Zeit in endlosen Fort-
1949 das Wiederaufleben alter studen- die Neutralisierung Deutschlands, um setzungsreihen verherrlichten und eine
tischer Korporationen kritisierte. Seine die Wiederbewaffnung der Bundesre- falsche Romantisierung betrieben“, was
Silvesteransprache 1950, in der Heuss publik, Wehrdienstverweigerung und „sehr wenig mit wissenschaftlicher Ak-
eine kritische Bemerkung über die Ein- Wehrpflicht – Heuss’ äußerte öfters, kuratesse“ zu tun habe.
stellung vieler Einheimischer zu den diese sei „historisch“ gesehen „das legi- Wir lernen in diesem Band den ersten
Flüchtlingen gemacht hatte, provozierte time Kind der Demokratie“ – finden im Bundespräsidenten kennen, wie er hel-
viele Schreiber zu Hinweisen auf die ei- Briefwechsel mit der Bevölkerung ihren fend, fürsorglich, aufmunternd, entge-
gene missliche Lage und den großen Widerhall. genkommend, humorvoll, aber auch
Einfluss des BHE, der politischen Orga- Bei diesen Themen konnte Heuss eben- ablehnend, unwillig, grob, gereizt, be-
nisation der Flüchtlinge. Eine in dersel- so wie bei Zuschriften, die den Natio- lehrend, polemisch, ironisch reagiert,
ben Ansprache von Heuss verlesene, nalsozialismus und den Umgang mit ihm immer stilistisch brillierend und den ein-
von dem Dichter R. A. Schröder verfass- nach 1945 betrafen, auch sehr ungehal- gegangenen Zuschriften angemessen.
te neue Nationalhymne stieß auf breite ten reagieren. So antwortet er z. B. am Wie bei den bisher erschienenen Bän-
Kritik, führte zu unfreundlichen Kom- Ende seiner zweiten Bonner Amtsperio- den auch, erleichtert ein detailliertes
mentaren („wird Ihre Person der Lächer- de, 1959, einem Pfarrer aus Tübingen, Verzeichnis der Briefe sowie ein aus-
lichkeit preisgeben“), jedoch auch zu der in seinem Schreiben an den Bundes- führliches Personen- und Sachregister
einer Fülle von Gegenvorschlägen, die präsidenten sich für ein „wiederverei- die Lektüre. Die große Zeitspanne, wel-
Heuss je nach Inhalt und Ton der Zu- nigtes Deutschland mit dem Status einer che die Briefe umfassen, die vielfältigen
schriften mal knapp und scharf zurück- garantierten Neutralität“ ausgespro- Themen, die differenzierten, auf Anlie-
weisen ließ, mal betont sachlich und chen und den westdeutschen Politikern gen und Ton der Zuschriften abge-
ausführlich selbst beantwortete. Seine vorgeworfen hatte, sie seien „Kreaturen stimmten Antworten des Bundespräsi-
vielzitierte Rede „Mut zur Liebe“ bei ei- des Westens“: „daß wir, die wir uns Tag denten machen den Reiz und Wert des
ner Feierstunde der Gesellschaft für und Nacht bemüht haben, dem deut- Briefwechsels aus.
christlich-jüdische Zusammenarbeit in schen Volk aus seiner Zerschlagenheit Walter-Siegfried Kircher
Wiesbaden 1949, bei der er sich zur herauszuhelfen, uns [...] nicht ‚Kreaturen

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Telefon 0711/164099-0, Service -66, Fax -77
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Direktor: Lothar Frick -60 Außenstellen
Büro des Direktors: Regionale Arbeit
Sabina Wilhelm, Thomas Schinkel -62 Politische Tage für Schülerinnen und Schüler
Stellvertretender Direktor: Karl-Ulrich Templ -40 Veranstaltungen für den Schulbereich

Stabsstelle Kommunikation und Marketing Außenstelle Freiburg
Leiter: Werner Fichter -63 Bertoldstraße 55, 79098 Freiburg
Susanne Krieg -64 Telefon: 0761/20773-0, Fax -99
Leiter: Dr. Michael Wehner -77
Abteilung Zentraler Service Felix Steinbrenner -33
Abteilungsleiter: Günter Georgi -10
Haushalt und Organisation: Gudrun Gebauer -12 Außenstelle Heidelberg
Personal: Sabrina Gogel -13 Plöck 22, 69117 Heidelberg
Information und Kommunikation: Wolfgang Herterich -14 Telefon: 06221/6078-0, Fax -22
Siegfried Kloske, Haus auf der Alb Tel.: 07125/152-137 Leiter: Wolfgang Berger -14
Dr. Alexander Ruser -13
Abteilung Demokratisches Engagement
Abteilungsleiterin/Gedenkstättenarbeit*: Sibylle Thelen -30 Außenstelle Tübingen
Landeskunde und Landespolitik*: Dr. Iris Häuser -20 Haus auf der Alb, Hanner Steige 1,
Jugend und Politik*: Angelika Barth -22 72574 Bad Urach
Schülerwettbewerb des Landtags*: Monika Greiner -25 Telefon: 07125/152-133, Fax -145
Thomas Schinkel -26 Klaus Deyle -134
Frauen und Politik: Beate Dörr/Sabine Keitel -29/ -32
Freiwilliges Ökologisches Jahr*: Steffen Vogel -35 Projekt Extremismusprävention
Alexander Werwein -36 Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Stefan Paller -37 Leiterin: Regina Bossert -81
Assistentin: Lydia Kissel -82
Abteilung Medien und Methoden
Abteilungsleiter/Neue Medien: Karl-Ulrich Templ -40
Politik & Unterricht/Schriften zur politischen Landes- *Paulinenstraße 44-46, 70178 Stuttgart
kunde Baden-Württembergs: Dr. Reinhold Weber -42 Fax: 0711/164099-55
Deutschland & Europa: Jürgen Kalb -43
Der Bürger im Staat/Didaktische Reihe:
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Unterrichtsmedien: Michael Lebisch -47
Politische Bildung Online/E-Learning: Susanne Meir -46
Politische Bildung Online: Jeanette Reusch-Mlynárik,
Haus auf der Alb Tel.: 07125/125-136
Internet-Redaktion: Klaudia Saupe/Julia Maier -49/-46 LpB-Shops/Publikationsausgaben

Bad Urach Hanner Steige 1, Telefon 07125/152-0
Abteilung Haus auf der Alb
Montag bis Freitag
Tagungszentrum Haus auf der Alb,
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Integration und Migration: Wolfgang Hesse -140 Telefon 0711/164099-66
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