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Die Gestalt des Antichrist in den prophetischen

Traditionen im Islam (Hadith)

von Asma Hilali

1. Einleitung

Dieser Beitrag will Antworten auf folgende Fragen geben versuchen: Wer
genau ist die Gestalt des Antichrist? Welches sind die Zusammenhänge, in de-
nen er innerhalb der Hadith-Literatur erwähnt wird? Finden wir Bezugnahmen
auf diese Gestalt, die mit dem Heiligen Buch und ganz allgemein mit den heili-
gen Texten des Islam in Verbindung stehen? Wir werden Fragen untersuchen,
die dem Antichrist sowohl unter historischem als auch unter eschatologischem
Blickwinkel gelten. Ausgewählte Zitate von Anspielungen auf den Antichrist
in der Hadith-Literatur sollen bestimmte Muster sichtbar machen, die sich in
den heiligen Texten des Islam finden.
In islamischen religiösen Texten wie auch in der populären Kultur wird die
Gestalt des Antichrist gewöhnlich im Kontext des Gerichtstags betrachtet.1 In-
dem er sich selbst als Christus (masi ) verkleidet, gewinnt dieser falsche
Christus (arabisch: Dajjāl = Lügner, Betrüger) viele Anhänger. In dem irrigen
Glauben, er sei der wahre Retter, vereinen diese ihre Kräfte mit dem Antichrist
gegen andere Muslime. Als eine Folge entstehen zwei Arten von Anhängern:
Diejenigen, die mit dem Antichrist verbündet bleiben, werden verdammt, die-
jenigen, die sich weigern, an ihn zu glauben, werden gerettet werden.
Die Bezüge auf den Dajjāl im Hadith konzentrieren sich zumeist auf eine de-
taillierte Beschreibung seiner physischen Erscheinung.2 Solche Beschreibun-
gen befähigen die Muslime, den Antichrist zu erkennen und ihn so vom wah-
ren Heiland zu unterscheiden. Ganz allgemein gesagt erscheint der Dajjāl in
folgenden Kontexten: das Ende der Zeit, eine Glaubensprüfung als Ergebnis
der Spaltung unter den Muslimen und der letztendliche Triumph des Heilands,
mit dem er den Tod des Dajjāl herbeiführt.

1 A. Abel, al-Dadjdjāl, in: EI2, Bd. II, 76–77. Für eine vollständige Bibliographie zur musli-
mischen Apokalyptik siehe David Cook, Studies in Muslim apocalyptic, Princeton 2002. Der Au-
tor definiert die muslimische Apokalyptik folgendermaßen: „Eine Literaturgattung in Form des
Hadith, die Information über den letzten Zeitabschnitt vermitteln will, welcher zum Ende der Welt
führt, oder den Eindruck erwecken soll, dass die historischen Ereignisse der zeitgenössischen Ge-
genwart integraler Bestandteil dieses Finales sind“ (ebd., 1).
2 Abel, al-Dadjdjāl (Anm. 1), 77.
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2. Corpus

Diese Studie basiert im Wesentlichen auf den beiden Kategorien von Hadith-
Literatur: derjenigen, die als „authentisch“ betrachtet, und anderen, die als
„apokryph“ bezeichnet werden. Beide gehören zur Sunnī-Literatur der ersten
sechs Jahrhunderte des Islam.3 Somit bietet unsere Untersuchung zwei Ab-
schnitte: zunächst eine Beschreibung der Anspielungen auf den Antichrist und
seine Anhänger in islamischen religiösen Texten und sodann eine Analyse die-
ser Referenzen.
In der Hadith-Literatur gibt es eine große Menge von Material über den Daj-
jāl. Von besonderem Interesse sind die beiden Elemente, die in der Komposi-
tion des Bildes vom Antichrist in der Hadith-Literatur auftreten. Es sind: die
Komplexität der literarischen Genera, das heißt, der Hadith ist mit anderen hei-
ligen Texten verknüpft, wie etwa dem Koran und dem tasfir (der exegetischen
Literatur); und das Verweissystem in der Hadith-Literatur, das heißt, der Ha-
dith ist verknüpft mit seiner Übermittlung und enthält zuweilen explizite histo-
rische Bezugnahmen. Von diesen Referenzen aus können wir vermuten, dass
manche Texte über den Antichrist sich eher auf einen ganz bestimmten histori-
schen Kontext als auf irgendeinen anderen beziehen.
Bevor wir die einzelnen Elemente der Komposition des Bildes vom Dajjāl
im Hadith behandeln, müssen wir die philosophischen und literarischen As-
pekte dieses Corpus betrachten. Hadith beinhaltet die Aussprüche, Handlungen
und Haltungen, die dem Propheten Muhammad (gest. 632) zugeschrieben wer-
den. Außerdem umfasst diese Literatur die über viele Generationen hin weiter-
gegebenen Reden der Gefährten und Nachfolger des Propheten.4 Texte im Zu-
sammenhang mit dem Propheten wurden im Lauf der ersten drei Jahrhunderte
des Islam zunächst in Fragmenten und dann allmählich systematischer kompi-
liert. Aufgrund dieser kontinuierlichen Weitergabe des Hadith entwickelten die
muslimischen Gelehrten eine ausgearbeitete, komplexe analytische Methode,
die das Material zu ordnen und die Auswahl des Hadith festzulegen suchte. So
bildet sich die Wissenschaft des Hadith (’ilm al-Hadith) heraus; sie setzt zu
Beginn des 4./10. Jahrhunderts ein und kommt im 5./11. und im 6./12. Jahr-
hundert zur vollen Blüte.5 Seither wird die Unterscheidung zwischen „authenti-

3 Die „sechs Bücher“ sind: al-Bu ārī (gest. 250/870), a ī ; Muslim (gest. 261/875), al-
Ğāmi al- a ī ; Ibn Māğa (gest. 273/887), Sunan; al-Nasā’ī (gest. 303/915), Sunan; al-Tirmi ī
(gest. 279/803), Sunan; Abū Dawūd (gest. 275/889). Zur späten muslimischen Apokalyptik siehe
David Cook, Messianism in the End of the mid-11th/17th Century as Exemplified by al-Darzanjī
(1040–1103/1630–1691) in: Jerusalem Studies in Arabic and Islam 33 (2007) 262–263. [In den
Jahreszahlenangaben bezieht sich die erste Zahl auf die muslimische, die zweite auf die christliche
Zeitrechnung; A. d. Übs.]
4 Siehe J. Robson, Ḥadīth, in: EI2, Bd. III, 24–30.
5 Eerik Dickinson, The Development of Early Sunnite Ḥadīth Criticism. The Taqdima of Ibn
Abī Ḥātim al-Rāzī (240/854–327/938), Leyden 2001, 53–80.
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schem“ und „apokryphem“ Hadith getroffen, und zwar nicht nur auf der theo-
retischen Ebene, sondern auch innerhalb des Corpus. Die wichtigste Kompila-
tion des apokryphen Hadith entsteht im 6./12. Jahrhundert mit dem Werk von
'Abd al-Rahmân ibn al-Ğawzī (gest. 597/1200).6

3. Beschreibung des Dajjal

Zur Entstehung des Bildes vom Antichrist in heiligen Texten tragen verschie-
dene Elemente bei,7 darunter: (a) seine Anhänger, (b) die Umstände, unter de-
nen er erscheint, (c) seine Gegner am Ende der Zeit, insbesondere bei der Hin-
richtung des Dajjāl durch den Retter/Heiland. Der eigentlich kreative Kern der
rund um den Dajjāl sich entwickelnden Kreativität sind seine Anhänger. Sie
werden nämlich die Hauptakteure seiner Geschichte von dem Augenblick an,
als es ihnen gelingt, Muslime davon zu überzeugen, dass der Antichrist in
Wirklichkeit und Wahrheit der Retter am Ende der Zeit ist. Die Anhänger des
Dajjāl werden im Hadith als „Heuchler“ (al-munāfiqūn) bezeichnet.8 Dieser
Begriff meint zwar eine recht gemischte Gruppe (falsche Konvertiten, heim-
liche Feinde des Propheten in seiner unmittelbaren Umgebung und nicht prak-
tizierende Muslime, die die fünf Gebete nicht vollziehen), deren Bedeutung
liegt jedoch in ihrer Beteiligung am Kampf zwischen dem Dajjāl und den wah-
ren Muslimen am Ende der Zeit. Als Verbündete des Dajjāl sind sie in großer
Zahl siegreich, aber letztlich scheitern sie am Tag des Jüngsten Gerichts.
Die Gestalt des Dajjāl tritt in allen Gattungen der Hadith-Literatur auf, und
zwar sowohl in den „authentischen“ wie in den „apokryphen“ Teilen des Cor-
pus. Dieses Auftreten des Dajjāl wird in keiner religiösen Strömung besonders
favorisiert; vielmehr scheint er eine sämtlichen Formen des Islams gemeinsa-
me Figur zu sein. In den Texten des Hadith werden die Anhänger des Anti-
christ als „Heuchler“ bezeichnet und treten in unterschiedlichen Kontexten auf;
den Spitzenplatz nimmt dabei ihr Erscheinen am Ende der Zeit zusammen mit
dem Dajjāl ein. Aus dem der Gestalt des Dajjāl gewidmeten Hadith zitiert
Muslim b. Ḥağğāğ (gest. 261/875), einer der wichtigsten unter den Kompila-
toren, der im Rückblick „authentisch“ genannten sechs kanonischen Bücher,
das Folgende: „Die Anhänger des Antichrist sind ihrer siebzigtausend, und die

6 'Abd al-Rahmân ibn al-Ğawzī, Kitāb al-maw ū āt al-kubrā, Beirut 2003. „Apokryph“ ist
die Übersetzung des arabischen Begriffs maw ū. Siehe die Liste der apokryphen muslimischen
Kompilationen bei Abū Ğa far al-Kattānī (gest. 1345/1927), al-Risāla al-musta rafa fī mašhūr
kutub al-sunna al-mušarrafa, Libanon 1340/1922, 111–115.
7 Was die Zahl der „Heuchler“ (munāfiqūn) und „Lügner“ (ka ābūn) genannten Antichris-
te angeht, siehe al-Bu ārī, al-Ğāmi al- a ī , Kairo 1378, Bd. IX, 58–75.
8 Ebd.
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meisten von ihnen Juden und Frauen.“9 Ibn Mājā (gest. 273/887), ein anderer
Kompilator der kanonischen Literatur, erwähnt denselben Hadith mit einer Va-
riante: „In erster Linie werden ihm [dem Antichrist] Frauen folgen.“10 In einem
anderen Hadith werden die Gläubigen oder Anhänger explizit beschrieben:
„Bei dem Antichrist waren siebzigtausend Juden, gewappnet mit Schwertern
und Helmen.“11 In den apokryphen Hadithen wird die Gestalt des Dajjāl mit
dem Bösen, dem šaytān, assoziiert, und auch hier begegnet uns die Zahl der
siebzigtausend Anhänger.12
Wir können in den eschatologischen Hadithen einige gemeinsame narrative
Elemente und einige beträchtlich voneinander abweichende narrative Elemente
ausmachen. Diese letzteren nennen wir „wechselnde“ Elemente (changing ele-
ments). Die Komplexität der Elemente, die die eschatologischen Hadithe bil-
den, machen eine erschöpfende Erfassung der wechselnden und der permanen-
ten Elemente sehr schwer. Das Ende der Zeit wird in der islamischen Tradition
in sehr dramatischer und konkreter Art dargestellt. Im Allgemeinen finden wir
die Aufzählung der Zeichen für das Ende der Zeit, das Auftreten des Anti-
christ, seiner Anhänger und das Kommen des Messias in der Gestalt Jesu, der
den Antichrist hinrichten und so die Welt retten wird.

4. Analyse des Dajjāl

4.1 Permanente Elemente

Es gibt gewisse Elemente, die konstant blieben und im Dajjāl-Hadith immer


wiederkehren. Man könnte sagen, sie beziehen sich in der Regel auf Zeichen,
die das Ende der Zeit ankündigen, diese wiederum bestehen aus dem höllisch-
scheußlichen Wesen des Dajjāl; aus dem Aufgang der Sonne im Westen und
der Ankunft des Messias, nämlich Jesu, des Sohnes Marias. Die Hauptakteure
beim Ende der Zeit sind der Retter/Heiland und der falsche Prophet.13
„Hudhaifa b. Usaid Ghifari berichtete: Allahs Bote kam unvermutet zu uns
allen, als wir mitten in einer Diskussion waren. Er sagte: Worüber diskutiert
ihr? Sie (die Gefährten) antworteten: Wir diskutieren über die Letzte Stunde.
Darauf sagte er: Sie wird nicht kommen, ehe ihr zehn Zeichen seht. (In diesem
Zusammenhang) erwähnte er den Rauch, al-Dajjāl, das Tier, den Aufgang der

9 Muslim Ibn Ḥağğāğ, al-Ğāmi al- a ī , Kairo 1384/1964, Bd. VIII, 207.
10 Ibn Māğa, Sunan, Kairo 1972, Bd. II, 1357–1358.
11 Ebd.
12 Ibn al-Ğawzī, Kitāb al-maw ū āt al-kubrā, Beirut 2003, Bd. II, 369.
13 Cook, Muslim Apocaplyptic (Anm. 1), 92–122.
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Sonne im Westen, die Herabkunft Jesu, des Mariensohns, Gog und Magog,
Erdrutsche an drei Stellen: einer im Osten, einer im Westen und einer in Ara-
bien, an dessen Ende eine Feuersbrunst vom Jemen ausgehen und die Men-
schen zu ihrem Versammlungsplatz treiben werde.“14

4.2 Wechselnde Elemente

Die drängendste Frage in den Dajjāl-Hadithen betrifft die Gestalt, die den
Antichrist töten wird. In vielen Hadithen wird er als Jesus identifiziert. Zuwei-
len aber erscheint er als jemand wie al-Khadir.15 Andere wechselnde Elemente
sind: die Konversion Jesu zum Islam,16 das Wort, das der Antichrist zwischen
den Augen geschrieben trägt: KAFIR, arabisch: Ungläubiger.17 Dieses Element
ist in den Hadithen über den Antichrist nicht permanent. Es wirft die Frage auf,
ob ein ungebildeter Mensch wie Muhammad dieses Detail über den Antichrist
überhaupt erwähnen konnte.

5. Bezüge zum Dajjāl

5.1 Koranische Resonanzen

Hadithe über den Dajjāl weisen Anklänge an den Koran auf; diese sind entwe-
der vom Korantext inspiriert oder dienen als Kommentar (so in der exege-
tischen Methode der Sunna) oder darüber hinaus zum Aufweis des verborge-
nen Sinnes des Korantextes (so in der exegetischen Methode der Schia).18 Die-
selben Hadithe enthalten wechselnde Elemente, die ein spezifisches Verständ-
nis der koranischen Motive aufweisen. Die meisten dieser Themen sind kora-
nische Themen. So stoßen wir zum Beispiel im Korantext immer wieder auf
die unausweichliche Gewissheit eines Endes der Welt: „Die Stunde kommt ge-
wiss, darüber herrscht kein Zweifel; doch die meisten Menschen glauben es
nicht.“19 Die Himmelszeichen der Apokalypse sind koranische Elemente. So
etwa die Verfinsterung der Sonne im Kapitel über die Auferstehung (al-Qi-

14 „The signs before the approach of the last hour“, in: Muslim, ahîh, Bd. VIII, 165–210.
15 Ibn Māğa, Sunan, Bd. II, 1360.
16 Ebd., 1362–1363.
17 l-Bu ārī, a ī , 76; Muslim, a ī , Bd. VIII, 195; Tirmi ī, a ī , Kairo 1974, Bd.
IV, 512; Ibn Māğa, Sunan, Bd. II, 1360.
18 Cook, Muslim Apocaplyptic (Anm. 1), 269–299.
19 Koran 40,59.
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yāma)20 oder ihre „Zusammenfaltung“21 (al-takwīr). Die meisten der kora-


nischen Motive im Dajjāl-Hadith sind konstante Elemente. Von daher können
wir vermuten, dass der Korantext den Kern der narrativen Entfaltung in den
Dajjāl-Hadithen bildet.
Ein weiterer kritischer Aspekt am Hadith über den Dajjāl sind die Bezüge zu
anderen Bekenntnissen, namentlich zum Judentum, zum Christentum und zum
Schia-Islam. Das antijüdische Element in den Dajjāl-Hadithen ist ganz offen-
sichtlich. Die Juden gelten als Anhänger des Dajjāl. Solche Zeugnisse eines
Antijudaismus mischen sich jedoch bisweilen mit Bezügen, die sich als gegen
die Schia gerichtet identifizieren lassen.

5.2 Antischiitische und antijüdische Elemente

Das gut dokumentierte Problem der muslimischen Feindschaft gegenüber den


Juden, die sich in der Hadith-Literatur findet, ist nicht Gegenstand dieses Bei-
trags. Wir wollen uns deshalb auf einige zentrale Beispiele beschränken. Es ist
wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, wie sich der Hadith die Gestalten der
„Heuchler“ zu eigen macht und sie als Juden aus Isfahan porträtiert, vor allem
aber, dass diese Juden aus Isfahan auch die Schia einschließen. Ein Anhalts-
punkt auf diese Verschiebung von den Juden zur Schia ist der Ausdruck „Juden
aus Isfahan“. Wenn wir den Spuren der Juden aus Isfahan in der frühen
muslimischen Geschichte folgen, finden wir eine spezielle Geschichte über sie
in den antiumayyadischen Aufständen, genauer gesagt finden wir die jüdische
Gruppe mit Namen ‘Īsâwiyya.22 Die mit der ‘Īsâwiyya vereinigte Gruppe der
Protoschiiten ist die Mansūriyya.23 Letztere ist eine extremistische schiitische
Sekte des 2./8. Jahrhunderts. Der Führer dieser Gruppe ist Abū Mansūr al-
Ijlī, der den Anspruch erhob, der Nachfolger von al-Bāqir (gest. 735), dem
fünften Imām der imamitschen Schia, zu sein. Abū ‘Isā al-Isfāhānī (gest. 750),
der Namensgeber der ‘Īsāwiyya, gilt als jüdischer Messiasprätendent.24 Er wird
von Shahrastānī im Reich von Marwān Ibn Muhammad, dem letzten Umay-
yaden-Kalifen (126/744–132/750) lokalisiert.25
Ihr Doppelstatus als jüdische und muslimische Gruppe macht die ‘Īsāwiyya
zur idealtypischen historischen Inkarnation und konkreten Figur dessen, was

20 Koran 50.
21 Koran 81.
22 Cook, Muslim Apocaplyptic (Anm. 1), 94, Anm. 8.
23 Für die Gruppe al-Mansūriyya siehe Shahrastānī, Livres des religions et des sectes, übers.
v. D. Gimaret / G. Monnot, Leuven 1986, Bd. I, 519. Für die Gruppe al-‘īsāwiyya siehe ebd.,
Bd. I, 604. Für die Verbindung zwischen Juden und schiitischen Gruppen siehe Steven Wasser-
strom, The Shī'īts are the Jews of my Community, in: Israel Oriental Studies 14 (1994) 297–324.
24 Ebd.
25 Ebd.
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der Koran die „Heuchler“ (al-Munāfiqūn) nennt, nämlich genau jene Heuchler,
die die Anhänger des Dajjāl sind.26 Wie schon gesagt ist ein eigenes Kapitel
(eine Sure) des Korans den Heuchlern gewidmet. Ein interessantes Vorkom-
men des Themas ist Koran Sure 57,13: „Das Eisen“ (al-Ḥadīd): „Am Tage,
wenn die Heuchler und die Heuchlerinnen zu den Gläubigen sagen werden:
‚Wartet auf uns! Wir wollen ein wenig von eurem Lichtstrahl bekommen‘, da
wird (zu ihnen) gesprochen werden: ‚Kehrt zurück und sucht (dort) Licht.‘
Dann wird zwischen ihnen eine Mauer mit einem Tor darin errichtet werden.
Innerhalb davon befindet sich die Barmherzigkeit und außerhalb davon die
Strafe.“ Das Interesse dieses Verses liegt in seiner apokalyptischen Natur, die
mit der zentralen Gestalt des Heuchlers assoziiert ist. Mehr noch als ein Sym-
bol ist die Figur der siebzigtausend jüdischen Anhänger das ideale Motiv für
den „Fall“ des Heuchlers in den Varianten des eschatologischen Hadith. Das
wird deutlicher, wenn wir den Text in seiner rhetorischen Konstruktion be-
trachten: Die Wendung von den „siebzigtausend Juden“ fungiert als Anspie-
lung, als Insinuation, nicht als politisches Verdammungsurteil. Das heißt, we-
der die Juden noch die Schiiten sind jeweils ausschließlich Angriffsziel dieses
Musters, vielmehr sind beide Gruppen einbezogen. Dass der Text rezipiert,
dass er in vielen Büchern des Hadith zitiert wird, setzt die wechselnde Figur
der Schiiten bzw. der Juden in Bezug zu den permanenten Elementen der
Heuchler, der Anhänger des Antichrist.
Der Verschriftlichungsprozess des eschatologischen Hadith besteht im Ar-
rangement der Topoi innerhalb einer Sequenz des Rewritings. Hier trifft dieser
Prozess die Gestalt des Dajjāl und seiner Anhänger als variante Verkörperung
der koranischen Figur des Heuchlers. Die Gestalten des Antichrist und seiner
Anhänger wirken als Sprungbretter für das Arrangement der narrativen Ele-
mente. Die Historisierung des sakralen Textes (des Korans) und die Sakralisie-
rung der Geschichte (durch den Hadith) läuft über die Verwendung der ab-
strakten koranischen Kategorien (Heuchler) und über die Einführung der Juden
aus Isfahan, die ein politisches und gesellschaftliches, mit der Mansūriyya
verknüpftes Problem des 8. Jahrhunderts evoziert.
Das Kommen Jesu am Ende der Zeit wird also als soziale, wirtschaftliche
und religiöse Umwälzung beschrieben. Einige eschatologische Hadithe sind
explizit antiarabisch oder antipersisch. Andere sind weniger explizit, und die
historische Botschaft wird durch Fragmente von Symbolen und Identitätszei-
chen wie etwa die Abschaffung des Kreuzes durch Jesus selbst vermittelt. Dass
die Konversion Jesu zum Islam und seine Abschaffung der Kopfsteuer zur
Sprache kommt, gehört zu den häufig auftretenden Elementen, die auf ökono-
mische Krisen infolge der Bekehrung von Menschen aus den neuen isla-

26 Was die Ausdrucksformen der Apokalyptik für die Einstellung gegenüber Regierungen
angeht, siehe Cook, Muslim Apocaplyptic (Anm. 1), 236–247.
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mischen Ländern und ihrer Befreiung von der Kopfsteuer Bezug nehmen.27
Diese Beispiele zeigen die Anpassung von Hadith-Texten an den historischen
und theologischen Kontext des jeweiligen Autors. Die explizite Denunziation
der Juden verbirgt und vermittelt auf subtilere Weise eine antischiitische Ein-
stellung. Die rhetorische Konstruktion macht den Hadith zu mehr als einem In-
formationsvehikel oder einer Grundlage für politische und historische Äuße-
rung: Er ist ein eigengesetzlicher kreativer Prozess des Schreibens.

6. Schluss

Als Prozess des Schreibens folgt der Hadith einem System von Varianten, das
auf permanenten und wechselnden Elementen basiert. Man kann sagen, dass
die permanenten Elemente in den verschiedenen Varianten des eschatolo-
gischen Hadith koranische Elemente sind. Mehr noch als der Ursprung der per-
manenten Elemente im Variantensystem des Hadith verleiht der Korantext dem
eschatologischen Hadith seine Autorität. Das Echo der koranischen Themen
(das Ende der Zeit) und der koranischen Atmosphäre und sogar die phone-
tische und stilistische Resonanz (die Zahl siebzigtausend) spielen eine wichtige
Rolle für die Glaubwürdigkeit des Hadith als eines religiösen Textes. Die kora-
nischen Themen manifestieren sich in den eschatologischen Hadithen als Ele-
mente, die den Verschriftlichungsprozess des Hadith steuern. Die Invarianz der
koranischen Elemente trägt zur Konstruktion der Autorität des Hadith bei. Ha-
dith ist ein Textstatus, kein Textgenus. Das heißt, dass jeder Text als Hadith
gelten kann, wenn er gewisse Elemente enthält und wenn er Teil eines Systems
der Weitergabe ist.
Hadith ist eine Matrix von sakraler Geschichte: die Selbstdarstellung des En-
des der Zeit in der Hadith-Literatur. Die permanenten Elemente wie etwa das
Auftreten Jesu und die wundersamen Zeichen für das Ende der Zeit haben vor
allem die Funktion, die menschliche Geschichte in ihrer Wahrnehmung durch
einen sakralen oder religiösen Filter zu zeigen. Das Medium dieser Repräsenta-
tion sind die Hadith-Texte. Die Historisierung der sakralen Texte und die Sa-
kralisierung der Historie sind beide möglich, wenn der Hadith aktualisiert
wird. Die Aktualisierung von Hadith-Texten bedeutet nicht, dass sie nun zum
Vehikel politischer Information werden oder dass sie glaubwürdige historische
Quellen wären. Die Aktualisierung des Hadith als Prozess des Schreibens, der
sakrale Texte erzeugt, ist die Fähigkeit, einen Kommentar zur Geschichte und
zum Koran zu liefern, ja, noch mehr als ein Kommentar ist der Hadith für den
Gläubigen ein Medium, seine Geschichte als eine heilige Geschichte zu leben.

27 Siehe Ibn Māğa, Sunan, Bd. II, 1362–1263.


Die Gestalt des Antichrist in den prophetischen Traditionen (Hadith) 239

Zusammenfassung: In der Hadith-Literatur wird der falsche Christus am Ende der Zeit als Dajjāl,
also als „Lügner“ und „Betrüger“ gezeichnet, seinen Anhängern wird große Bedeutung beigemes-
sen (al-munāfiqūn), weil diese Muslime zum endzeitlichen Glaubensabfall bewegen. In der Ana-
lyse dergestaltiger Texte sind permanente von wechselenden Elementen in den Narrationen zu un-
terscheiden, wobei Resonanzen aus dem Koran und antischiitische sowie antijüdische Momente
einen prominenten Platz einnehmen; paradigmatisch an der Stelle, wo „Juden aus Isfahan“ als al-
munāfiqūn auftreten – der historische und theologische Kontext des Autors dieses eschatologi-
schen Hadith aus dem 8. Jahrhundert scheint hier durch; eigene Geschichte wird so zur „heiligen“
Geschichte.