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Musik ist keine heilige Kuh

Barbara Balba Weber über »Entfesselte Klassik«,
ihr Grundlagenbuch für die künstlerische
Musikvermittlung.

Text Barbara Balba Weber · Illustrationen Serafine Frey / © Stämpfli
Verlag · Datum 14.3.2018

Als künstlerische Musikvermittlerin hat man mit drei großen Paradoxa zu
tun: Dass nur erhalten werden kann, was sich verändert; dass man Profi
im Amateursein ist; und dass der Zweck des eigenen Tuns die eigene
Auflösung ist. Um mit diesen Paradoxa umgehen zu können, muss man
nebst einer grundsätzlich künstlerisch-kreativen Grundhaltung mit einem
Bewusstsein für komplexe musikalische, gesellschaftliche und
kulturwissenschaftliche Zusammenhänge ausgestattet sein. Und vor allem:
mit einer gehörigen Portion Mut, Unbescheidenheit, Ungezogenheit und
Stehvermögen. Oder wie es kürzlich einer meiner Studenten ausgedrückt
hat: »Die künstlerische Musikvermittlung ist die (noch) am wenigsten
verbreitete und akzeptierte Kunstform der Musik«.

Wir Musikvermittler sind die Davids im Klassikbetrieb – wir sind
diejenigen, die den millionenschweren und jahrhundertealten Goliaths der
alteingesessenen Hochkultur mit der Steinschleuder der unbequemen
Ideen entgegentreten. Kein Wunder, dass die meisten großen Klassik-
Institutionen für ihre Musikvermittlungsabteilung gezielt ganz junge,
unerfahrene Frauen einstellen, die sie mit niedrigem Gehalt und mit
quantitativ nicht zu bewältigenden Aufgaben ausstatten und sie dann mit
den abgebrühten Mitarbeitenden des Orchesters oder Festivals alleine
lassen: Damit ist garantiert, dass der Betrieb nicht gestört wird.

Sie werden ermutigt. Sie sollen Lust kriegen. . um auch institutionsunabhängige Wege für ihre unorthodoxen Ideen und für die eigene Zukunft zu finden. mit einer eigenen Sprache über sie zu sprechen. vor dem andere sie warnen: Sie sollen sich auch um anderes kümmern wollen als um ihr Instrument oder ihre Stimme. Sie werden aber vor allem aufgefordert. muss man mehr können. als ein Instrument zu spielen und mit mehr als Spieltechniken und Werkanalysen ausgerüstet sein. Es soll Musikstudierende zu dem anstiften. habe ich zusammen mit ihnen und diversen Fachkolleginnen ein Grundlagenbuch zur künstlerischen Musikvermittlung geschrieben. zusätzliche Instrumente zu spielen oder sich andere Künste anzueignen. sich mit Amateuren auf künstlerische Prozesse einzulassen. zu improvisieren und Musik eigenhändig zu bearbeiten.Um junge Musikerinnen und Musiker mit Skills auszustatten. einen eigenen Weg in dieser Musikwelt zu suchen und in dieser Gesellschaft als Musikerin mit künstlerischen Mitteln etwas bewegen zu wollen. Denn um als Musiker in einer Gesellschaft und in einem musikalischen System agieren zu können.

die über Musik sprechen und schreiben. Sie gehen dafür immer wieder von der Bühne hinunter in den öffentlichen Raum und verlassen den sicheren Hort ihrer Kernkompetenz.Dem Buch liegt eine Universalthese zugrunde: Musiker mit einer vermittlerischen Haltung denken mit künstlerischen Mitteln bisweilen laut über das System nach. machen sie sich gelegentlich also bewusst zu Amateuren – sie werden zu (klassischen) Musikerinnen. die auch improvisieren und arrangieren. Mit einem so erweiterten Horizont kehren sie wieder in ihr System zurück. Um mit der Gesellschaft in einen Diskurs zu kommen. um es zu transformieren. . in dem sie tätig sind. die in herausfordernden psychologischen und sozialen Kontexten künstlerisch handeln.

Musik ist keine Konsumwelt. Theater spielen. Kabarettisten befassen sich mit .Patricia Kopatchinskaja hat diese Haltung kürzlich in einem Interview im Tagesspiegel so ausgedrückt: »Wir müssen mehr vermitteln. Ich bin doch eher so etwas wie eine Kabarettistin. ein bisschen inszenieren.

das reicht aber nicht.aktuellen Themen. in dem man als Mensch handlungsfähig werden möchte – eine solche Musikerin muss mit vielen künstlerischen. Nichts da von Kabarett. als Troubadoure«. . was du perfekt kannst. von Eigenem. Solche Beispiele wie Patricia sind für junge Musikerinnen wichtige Vorbilder – denn die meisten Klassikprofis. geben etwas Eigenes hinzu und ziehen damit von Ort zu Ort. wenn es darum geht. Musiker für den (noch) funktionierenden Konzertbetrieb klein und gehorsam zu halten: Klassische Musikerinnen sollen Rädchen im Getriebe bleiben. So sollten auch wir Musiker durch die Welt tingeln. fahren schweres Geschütz auf. von Tingeln! Und schon ganz und gar nichts von »ein bisschen inszenieren« – dieses »ein bisschen« lässt erfahrungsgemäß bei den Gralshütern der Hochkultur alle Qualitäts- Alarmlampen gleichzeitig blinken: »Musiker. Nun. spiel hinter deinem Notenständer. von allem anderen lass die Finger!«. sozialen. mit denen sie sonst zu tun haben. managerialen und wissenschaftlichen Interessen und Kompetenzen gleichzeitig ausgestattet sein. bleib bei deinen Leisten. wenn man Musik als soziales System versteht.

Ich habe erbitterten Widerstand erfahren bei Versuchen. Um nicht darauf warten zu müssen. um vermehrt Jugendliche in die Neue Musik einzubinden. Ob etwas davon je in einen Maßnahmenplan umgesetzt wurde. was es bedeutet. Komponistin. Amateure. Ich habe zur Genüge gesehen. wie die geforderte Teilhabe der Gesamtgesellschaft an der Hochkultur aktiv verhindert wird. Machtstrukturen. Konzertkontexte und Zielgruppen zu ändern. in der spielerisch-ernsthaft alles umgedreht wurde: Die Neue-Musik-Akteure setzten sich zusammen mit Jugendlichen an den Tisch und waren angewiesen. Akteure klassischer und Neuer Musik dazu motivieren zu wollen. Performerin und Veranstalterin viel Erfahrung darin gesammelt. habe ich . dass andere sich bewegen. Brinkmann über seine Arbeit an der Berliner Staatsoper und die mangelnde Wertschätzung von Seiten der Intendanz. ihnen zuzuhören statt sie niederzureden. für Donaueschingen ein Konzept zu entwickeln. wie der Kontext der Neuen Musik für Jugendliche in Zukunft attraktiver gestaltet werden könnte. weiß ich nicht… Published November 22. Die lange Liste der teilweise sehr konkreten und direkt umsetzbaren. Aufführungskultur. Nebeneffekt all dieser Versuche ist eine ganze Sammlung interessanter Befunde – die eigentlich nur noch jemand umsetzen müsste. 2017 Schein und Raus Ein Gespräch mit dem Musiktheaterpädagogen Rainer O. Jugendliche oder Migrierte in Kuratorien zu holen – geschweige denn auf die Bühne oder ins Programmheft. So hatte mich beispielsweise Armin Köhler noch kurz vor seinem Tod damit beauftragt. Fragestellung war.Ich habe in den 30 Jahren als Musikvermittlerin. teilweise aber auch leicht verrückten Ideen wurde am Schluss den Festival-Verantwortlichen von den Jugendlichen präsentiert. Im Rahmen des Festivalkongresses Upgrade 2015 war ich denn auch (zum ersten und letzten Mal!) involviert worden und habe zusammen mit den Jugendlichen eine Tagung gemacht.

Liebhabern der volkstümlichen und der Popmusik. Wir haben diese Werkstätten als ernstzunehmende Kunstwerke auf die Bühne gebracht und neben herkömmlichen Musikwerken aufgeführt. Architektur oder in Bilder übersetzt. für beide Seiten elektrisierend«. Doch ihre Leidenschaft für ein Gestalten durch Musik. Die Verbindung zwischen Laien und Profis war regelrecht magisch. fürs Singen und musikalische Erinnern war so gewaltig. . Wir haben aus Kopatchinskajas Zitat Ernst gemacht. verkürzt. improvisiert und abgeändert. das heute von den ehemaligen Studierenden selbständig weitergeführt wird und sich spielend finanzieren lässt. Die Musiktheater-Vermittlerin Angela Koerfer-Bürger. sie in Tanz. So entstand beispielsweise das Modell für das Generationen-Projekt Silberwellen im Röseligarten. was dieses gemeinsame Abenteuer bieten würde. Die beteiligten Seniorinnen und Senioren waren zuerst zurückhaltend und vorsichtig neugierig. zieht die Bilanz folgendermaßen: »Durch Begegnung mit Menschen aller Horizonte.parallel dazu mit jungen Musikerinnen zahlreiche Experimente auf eigene Faust unternommen. aus Musik ihr Leben zu gestalten. anders besetzt und vereinfacht. ehemaligen Radiomoderatorinnen und Klassikfans fanden die Studierenden zum Ursprung ihres Wunsches zurück. haben zusammen mit diversen Gesellschaftsgruppen bestehende Musikstücke umgestaltet und neu erfunden. dass die jungen professionellen Musikerinnen allesamt einen substanziellen Antrieb für ihr eigenes Schaffen erhielten. mit Eingewanderten. die beim Entwicklungs-Prozess dabei war.

Vielmehr fördern sie eine Art von Wahrnehmung. ¶ . die sich nicht an Autoritäten orientiert. wo sie diese verortet haben wollen. Deshalb lassen sie sich auch nicht in disziplinäre Grenzen sperren. Und wie sich dadurch ganz viele kleine Rädchen des Klassikbetriebs in Bewegung zu setzen beginnen: Musiker mit einer vermittlerischen Haltung holen mit künstlerischen Mitteln Werke dahin zurück.Für einen gestörten Betriebsablauf: Barbara Balba Weber über die Chancen der künstlerischen Musikvermittlung in @vanmusik. wie das operative Spektrum von klassischen Musikerinnen erweitert werden kann. Sie überlassen die klassische Musik nicht nur dem Bildungsbürgertum. der Repräsentanz oder der Schule. dass ihre Musik im Idealfall keiner Vermittlung mehr bedarf. weil diverse Gesellschaftsgruppen beim Kuratieren. Silberwellen im Röseligarten: Ein kleines Beispiel. aber ein exemplarisches – dafür. Damit bewirken sie langfristig. Inszenieren und Moderieren mitgedacht werden. Den daraus resultierenden Respekt vor dem Amateursein bringen sie in ihr berufliches Umfeld ein.