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PROLOG

IM HEILIGEN LAND, 8. SEPTEMBER 1192; EINE
TAGESREISE VON JERUSALEM ENTFERNT

SCHON SEIT STUNDEN hatte Tankred das Gefühl, dass
sie beobachtet wurden. Immer wieder drehte er sich im
Sattel herum und hielt Ausschau nach möglichen Verfol-
gern, aber er sah niemanden. Außer ihm und seinen
Begleitern gab es nur Steppe, Berge und Sand – endlos
scheinender Sand.
»Was ist, Sire? Habt Ihr was gesehen?«, fragte Bruder
Gerold, der stoisch auf seinem Maultier neben ihm
her ritt.
»Nein, es ist vermutlich nichts, eher so ein Gefühl …«
Tankred verschluckte die letzten Worte, als er spürte, wie
ausgetrocknet seine Zunge war. Er griff nach dem
ledernen Trinkschlauch, der vor ihm über den Rücken
des Pferdes gelegt war, und trank einen Schluck Wasser.
»Macht Euch keine Sorgen, Sire. Niemand wird uns
folgen oder gar überfallen. Jetzt, wo der Frieden mit Sala-
din, diesem Heiden, besiegelt ist und wir Christen sieg-
reich waren, werden die Muslims uns nicht behelligen.«
Der Mönch setzte ein selbstzufriedenes Grinsen auf, als
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ANDRÉ MILEWSKI

ob er selbst es gewesen wäre, der diesen Waffenstillstand,
den er auch noch Frieden nannte, selber mit Blut und
Schwert erkämpft hatte. Aber Tankred wusste es besser.
Vermutlich war er einer der wenigen Überlebenden, der
die Wahrheit kannte, warum sich Sultan Saladin in diesen
Waffenstillstand zwingen ließ. Der Ausdruck in den
Augen seines Königs, als dieser ihm das Schwert über-
geben hatte, verfolgte ihn immer noch. Es hatte keine
Dankbarkeit darin gelegen und keinerlei Anzeichen von
Demut. Was Tankred in den Augen König Richards
gesehen hatte, war bedrohlich gewesen. Er kannte die
Gier in den Augen der Menschen, aber bei einem so
mächtigen Herrscher wie Richard I. war diese Gier noch
um ein Hundertfaches gefährlicher. Als der König, von
seinen treuen Anhängern lautstark bejubelt und von
diesen immer nur »Löwenherz« gerufen wurde, ihm vor
zwei Tagen in Jerusalem feierlich das Schwert übergeben
hatte, hatte Tankred diesen Ausdruck in Richards Augen
gesehen. Er hatte sich ihm eingebrannt. Lange hatte der
König das Heft des Schwertes umklammert gehalten, ehe
er es schließlich freigegeben und Tankred in die Hand
gedrückt hatte. Tankred hatte Richard nur zugenickt und
hatte die Stadt noch am selben Tag verlassen.
Außer Bruder Gerold, dem Mönch des Johanniteror-
dens aus der Stadt des Papstes, waren nur noch zwei
junge Knappen bei ihm. Hugo und Hadmar, zwei
Knaben, die für ihr junges Alter schon zu viel Schrecken
gesehen hatten. Aber sonst wollte sich ihm niemand
anschließen, als er verkündete, dass er auf dem
schnellsten Wege nach Akkon wollte, um von dort über
den Seeweg zurück nach England zu reisen. Und nun war
er hier, mitten im Nirgendwo, auf sich allein gestellt. Nur
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GEHEIMAKTE EXCALIBUR

eine Sache gab ihm Zuversicht und das Vertrauen darauf,
dass er es zurück nach Hause schaffen würde. Das
Schwert. Seine rechte Hand ruhte unentwegt auf dessen
Heft.
»Was werdet Ihr tun, wenn Ihr zurück in Eurer Heimat
seid?«, riss ihn Bruder Gerolds Stimme aus den Gedan-
ken. »Habt Ihr Frau und Kind die Eurer Rückkehr
harren?«
»Die habe ich«, sagte Tankred und ein Lächeln
huschte über seine Mundwinkel, als er an seine schöne
Ginevra dachte und an den kleinen Iwain. »Ich habe die
beiden jetzt seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Mein
kleiner Sohn wird mich kaum wiedererkennen.« Tankred
strich sich mit der rechten Hand über den dicht gewach-
senen Bart in seinem Gesicht. »Ich sollte mich unbedingt
rasieren lassen, wenn wir in Akkon ankommen.«
»Euer Sohn wird Euch gewiss auch mit Bart erkennen,
macht Euch keine Gedanken. Er kann sich glücklich
schätzen, einen so gottesfürchtigen und tapferen Mann
zum Vater zu haben.« Bruder Gerold schenkte ihm ein
anerkennendes Lächeln. Es schien aufrichtig zu sein.
»Immerhin seid Ihr ein Held. König Richard hat Euch
sein Schwert geschenkt als Zeichen seiner Dankbarkeit
und als Anerkennung Eurer großen Tapferkeit in der
Schlacht.«
Tankred zog sich der Magen zusammen, als Bruder
Gerold die letzten Worte sprach. Aber er war sich
bewusst, dass er diese Legende nun aufrecht erhalten
musste. Niemand durfte die Wahrheit kennen. Er zwang
sich zu einem Lächeln und nickte dem Mönch zu.
»Wisst Ihr eigentlich, wie der König sein Schwert
genannt hat?«, plapperte der Ordensbruder munter
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ANDRÉ MILEWSKI

weiter, offenbar ermutigt von seinem Nicken. »Er hat es
Excalibur genannt wie das Schwert dieses Sagenkönigs.«
Tankred wurde bleich. Sein Blick ging zu Hugo und
Hadmar, die auf ihren Pferden kurz hinter Bruder Gerold
trabten und sich nun gegenseitig verstohlene Blicke
zuwarfen.
»Was sagt Ihr da? Ihr redet wirres Zeug.«
»Ich habe es aber selbst gehört, Sire. König Richard
hat sein Schwert gezogen und in den Himmel gestreckt,
kurz nachdem wir in Jerusalem einmarschiert sind, ich
war dicht bei seinem Gefolge. Er reckte die Klinge hoch in
den Himmel und sagte: ›Dank an Excalibur, dass du mir den
Sieg brachtest‹.«
»Der König hat einen besonderen Sinn, um Späße zu
treiben, Bruder, lasst Euch davon nicht in die Irre
führen.«
»Wie dem auch sei, aber Ihr müsst zugeben, dass
dieses Schwert schon etwas Besonderes an sich hat. Diese
schwarze Klinge …«
»Der Schmied hat es einfach nur zu lange in der Esse
liegen lassen, das ist alles«, beschied Tankred dem
Mönch. Dann wandte er sich nach hinten um zu den
beiden Knappen. »Hadmar, reite ein Stück voraus und
halte Ausschau nach einem Platz, wo wir heute rasten
können. Die Sonne wird bald hinter den Bergen
untergehen.«
Der Knappe folgte seinem Befehl sofort und trieb sein
Pferd an. Schnell war er ihnen einige Hundert Meter
voraus.
»Ein tüchtiger Junge«, sagte Bruder Gerold anerken-
nend. »Er hat es verdient, das Kreuz unseres Herrn auf der
Brust zu tragen.«
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GEHEIMAKTE EXCALIBUR

»Immerhin ist er einer der wenigen, die noch leben.
Viel zu viele haben ihr Leben gelassen.«
»Aber sie taten es für eine gute Sache. Der Papst hat
gerufen und im Namen des Herrn haben wir uns das
Heilige Land zurückgeholt von den Muslims. Ein Ereig-
nis, ein Kreuzzug im Namen des Herrn, von dem noch
zukünftige Generationen ehrfürchtig sprechen werden.
Glaubt mir. Ich persönlich werde auch etwas über Euch
schreiben, damit Eure Tapferkeit und Euer Mut auch
künftige Krieger Gottes inspirieren mögen!«
»Schreibt lieber etwas Friedvolleres und lehrt die
Menschen, in Frieden miteinander zu leben, als immer
nur mit dem Schwert aufeinander loszugehen.«
»Ihr erstaunt mich, Sire. Immerhin seid Ihr ein Ritter
und Mann des Schwertes.«
»Ich tat, was getan werden musste. Aber glaubt nicht,
dass ich es gerne getan habe. Dieses Blut, das an meinen
Händen klebt, wird nie wieder verschwinden.«
Tankred warf dem Mönch einen ernsten Blick zu, den
dieser mit einem stummen Nicken erwiderte.
»Sire! Seht!« Auf Hugos lauten Ruf hin wandte er
seinen Kopf wieder nach vorne. Er hatte erwartet, dort
Hadmar zu sehen, der zu ihnen zurückgeritten kam. Aber
stattdessen sah er die Silhouetten von sechs Reitern.
Tankred kniff die Augen zusammen. Die Reiter waren
noch weit weg, aber sie trugen weiße Gewänder und
vermutlich auch das Kreuz auf ihrer Brust. Dann sah er
es. Das siebte Pferd. Einer der Weißgekleideten hielt die
Zügel eines Pferdes ohne Reiter in der Hand. Hadmars
Pferd.
»Hugo, zieh dein Schwert! Bruder Gerold, sucht
Deckung oder …«
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ANDRÉ MILEWSKI

Tankreds Worte kamen zu spät. Ein Pfeil durchschlug
das linke Auge des Mönchs und die Eisenspitze trat aus
seinem Hinterkopf wieder aus. Der fromme Bruder fiel
von seinem Reittier und schlug mit einem dumpfen
Aufprall tot auf dem Boden auf. Ehe Tankred reagieren
konnte, bäumte sich sein Pferd auf, als ein weiterer Pfeil
sich in dessen Brust bohrte. Zwei weitere Pfeile kamen
herangeflogen, einer schlug in den Hals seines Reittieres
und ließ es endgültig zu Boden stürzen. Der andere Pfeil
blieb in seinem Unterschenkel stecken, aber Tankred
spürte den Schmerz kaum, als er aus dem Sattel sprang
und versuchte, nicht von seinem Pferd zerquetscht zu
werden. Er landete direkt neben Bruder Gerold, dessen
rechtes Auge ihn starr anblickte, während aus dem linken
Auge das Blut herausquoll und im Steppensand versi-
ckerte. Ein heller Schrei ließ ihn zusammenfahren. Hugo
stürzte ebenfalls von seinem Pferd, ein Pfeil steckte seit-
lich in seiner linken Brust. Auf allen vieren robbte
Tankred durch den heißen Sand zu seinem Knappen und
zog ihn hinter den Körper seines Pferdes, wo sie ein wenig
Schutz hatten. Hugos Atem ging schnell und hart. Tränen
liefen seine Wangen herab.
»Muss ich jetzt sterben, Sire?« Im Blick des Knappen
stand die Überraschung geschrieben. Tankred kannte
diesen Blick nur zu gut, er hatte ihn schon oft gesehen,
viel zu oft. Er hielt die Hand des Jungen und drückte
sie fest.
»Ja, das wirst du. Aber es wird nicht umsonst gewesen
sein, das verspreche ich dir.«
»Dann ist es gut. Der Herr wird mich in sein Reich
aufnehmen, oder?«
»Das wird er und er wird dir einen besonderen Platz
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GEHEIMAKTE EXCALIBUR

zuweisen.« Tankred hob den Kopf aus der Deckung. Die
Reiter waren nicht mehr weit entfernt. Sie hatten keine
Pfeile mehr auf die Armbrüste gelegt.
»Ich wünsche Euch eine gute Reise, Sire«, stieß Hugo
gepresst hervor. »Wir sehen uns im Reich des Herrn
wieder.«
»Noch nicht. Ich habe noch eine Aufgabe zu erfüllen«,
sagte Tankred voll grimmiger Entschlossenheit. Er griff
sich den Schild, der hinten am Sattel des Pferdes befestigt
war, rammte ihn in den Boden und stemmte sich mühsam
in die Höhe. Langsam spürte er das Pochen in seiner
Wade, wo immer noch der Pfeil steckte. Er nahm den
Schild hoch, auf dem deutlich das rote Kreuz auf weißem
Grund zu sehen war, und befestigte ihn an seinem linken
Unterarm. Die Reiter, die nun nur noch fünfzig Meter von
ihm entfernt waren, stoppten ihre Pferde. Einer der
Männer hob seine Armbrust und richtete sie auf Tankred.
Doch diesmal schlug der Pfeilbolzen nur in seinem
Schild ein.
»Jage ich Euch so viel Angst ein, dass Ihr es nicht wagt,
Euch mir ritterlich im Kampf zu stellen?«, brüllte Tankred
den Assassinen entgegen. Es gelang ihm gerade noch,
einen zweiten Pfeil mit dem Schild abzuwehren.
Ȇbergib uns das Schwert und wir werden dir einen
schnellen Tod bereiten und dich ordentlich begraben«,
erwiderte einer der Reiter.
»Ihr werdet einen hohen Blutzoll zahlen müssen,
wenn Ihr dieses Schwert haben wollt.«
»So sei es!«
Einer der Männer ließ sein Pferd nach vorne stürmen
und ritt mit erhobener Klinge auf Tankred zu.
Es ist so weit. Jetzt lass mich nicht im Stich, dachte
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ANDRÉ MILEWSKI

Tankred und legte seine rechte Hand um das Heft des
Schwertes. Dann riss er die Klinge schnell aus der
Scheide heraus. Kurz bevor der Reiter ihn erreichte, ließ
er sich nach rechts zur Seite fallen und führte einen Hieb
nach links aus. Er trennte dem Pferd damit das linke
Bein ab. Mit einem lauten Aufschrei gingen Reiter und
Tier zu Boden. Sofort war Tankred über dem Reiter und
stieß ihm unbarmherzig die Klinge in den Hals. Dann
wandte er den Blick zu den restlichen fünf Männern, hob
das Schwert und ließ es auf das verletzte Pferd niederfah-
ren. Er durchtrennte den Hals des Tieres mit einem
Schlag.
»Wer wird der Nächste sein?« Er richtete die blutglän-
zende Klinge auf die restlichen Männer.
Jetzt ritten alle fünf Reiter unter lautem Gebrüll auf
ihn los. Tankred warf noch einen Blick auf Hugo, der nur
noch stoßweise atmete und ihn mit großen Augen ansah,
dann stürmte er voran, den Reitern entgegen. Das
Schwert in seiner Hand ließ ihn den Schmerz seiner
Verletzung vergessen, eine nie gekannte Stärke durchflu-
tete ihn. Mit einem Schrei holte er zum Schlag aus. Er
fegte zwei Pferde, die direkt auf ihn zukamen, mit einem
mächtigen Hieb zur Seite, als wären es kleine Holzpferde,
und schmetterte sie gegen einen dritten Reiter.
Fassungslos blickte Tankred erst auf die drei toten Tiere,
die ihre Reiter unter sich begraben hatten, und dann auf
das Schwert in seiner Hand. Die pechschwarze Klinge
schien zu leuchten, aber vielleicht war es auch nur die
Reflexion der Sonne. Ein weiterer Pfeil kam auf ihn zuge-
flogen, direkt auf sein Herz zielend, aber diesmal war
etwas anders, der Pfeil war viel langsamer. Tankred fühlte
sich wie in einem Traum, dann hob er das Schwert
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langsam hoch und ließ den Pfeil an der Schneide
zersplittern.
»Teufelszeug! Der ist mit dem Teufel im Bunde«,
schrie der Armbrustschütze beinahe panisch und legte
hektisch den nächsten Bolzen an. Tankred schleuderte
das Schwert aus seiner Hand auf ihn, es bohrte sich bis
zum Heft in die Brust des Schützen, der mit weit aufgeris-
senen Augen zur Seite rutschte und aus dem Sattel zu
Boden fiel.
»Jetzt gehörst du mir!« Der letzte Reiter saß noch im
Sattel und spornte sein Pferd an, aber Tankred hatte diese
Art von Kampf vor den Toren Akkons und Jerusalems oft
genug geführt. Er wusste, wie er sich zu Fuß gegen einen
Berittenen zur Wehr setzen konnte. Der Schwachpunkt
war immer das Tier. Mit voller Wucht schmetterte er
seinen Schild auf das herangaloppierende Pferd, traf es
direkt an den Vorderläufen und brachte es zu Fall. Dann
hinkte er, so schnell es ging, zu dem Armbrustschützen,
aus dessen Rücken die schwarze Klinge des Schwertes
herausragte, und zog das Schwert mit Leichtigkeit aus
dem toten Körper heraus. Als er sich wieder umwandte
und sich dem letzten der Attentäter widmen wollte, sah er
diesen durch die Wüste davonlaufen. Der erste Gedanke,
ihn zu verfolgen und zur Strecke zu bringen, war verges-
sen, als er das Aufstöhnen Hugos hörte. Er lief zu dem
Knappen und kniete sich neben ihn.
»Ich lebe immer noch, Sire.«
»Offensichtlich hat der Herr hier doch noch Verwen-
dung für dich, Hugo.« Tankred lächelte und legte seine
Hand neben den Pfeil, der seitlich in der Brust des Jungen
steckte. »Sieht aus, als wäre die Pfeilspitze direkt auf einen
Knochen getroffen. Du hast großes Glück gehabt.« Mit
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vorsichtigem Drehen entfernte Tankred den Pfeil und
versorgte die Wunde so gut er konnte. Danach kümmerte
er sich um seine eigene Verletzung.
»Sire, Euer Schwert … es ist wirklich das Schwert aus
der Sage, nicht wahr?«
»Vergiss am besten, was du gesehen hast, Hugo. Es ist
zu gefährlich. König Richard hat mich verraten und er
wird mich weiterhin jagen. Dieses Schwert darf niemals
wieder eingesetzt werden.«
»Ihr werdet es gut schützen, das weiß ich«, sagte Hugo
mit matter Stimme, kurz vor der Ohnmacht stehend.
»Das werden wir sehen. Komm, Hugo, es ist noch ein
Pferd übrig, wir müssen schnellstmöglich nach Akkon,
ehe Richard noch weitere Assassinen auf uns hetzt!«
Tankred hob den geschwächten Jungen in den Sattel
und machte sich mit ihm auf den Weg. Er drehte sich
noch einmal um und sah nirgends mehr eine Spur von
dem geflüchteten Reiter.
Einen Tag später erreichte er Akkon und fand ein
Schiff, das ihn und Hugo zurück nach England brachte.
Das Schwert musste er Zeit seines langen Lebens nie
wieder einsetzen.

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