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FRITZ ENGEL / ZENIT / LAIF


Bürgerprotest gegen das Projekt „Stuttgart 21“: Im Namen des Volkes gegen das Volk

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hilo Sarrazin braucht kein Mitleid. Er könnte auch lich durchmischten Milieus. Ein deutscher Dissozialer, der sich
schlecht damit umgehen. Und es geht schon gar nicht zur bürgerlichen Wertegemeinschaft nicht zugehörig fühlt, ist
darum, ihm recht zu geben, in was auch immer. Fürs für unsere Gesellschaft ebenso gefährlich wie ein türkischer.
Rechtgeben sind seine Ansichten viel zu durchwachsen und Bedrohlich ist nicht der religiöse Fundamentalismus, sondern
zu missverständlich, mit Ausnahme vielleicht all des Unver- die Moralferne der Halbintegrierten, die Melange von religiö-
standenen und Unverständlichen aus der Genetik. Hier ist er sem Machismo und Gangsta-Kult, islamistischem Chauvinismus
eindeutig – und zwar eindeutig ohne Sachkenntnis. und westlichem. Was die Kinder von Allah und 50 Cent ge-
Und auch die Frage, ob Sarrazin weiter als Sozialdemokrat fährlich macht für unseren sozialen Konsens, sind nicht Gene
betrachtet werden darf oder nicht, ist eine langweilige. Kein oder Glaube. Gewalttätige Migranten sind nicht in erster Linie
Sozialdemokrat zu sein und trotzdem in der SPD zu bleiben von religiösen Wahnvorstellungen unheilvoll beseelt, sondern
ist kein Widerspruch. Ehemalige Bundeskanzler haben es weit häufiger von Drogen. In diesem Punkt unterscheiden sie
vorgelebt. Die weit spannendere Frage ist: Wieso kann ein höl- sich nicht von Deutschen.
zerner Finanzmann mit seinen Vorurteilen, seinen turmhoch Der weitaus größere Teil der Bevölkerung in Deutschland
gestapelten Statistiken und seinen biologischen Nachschlage- nimmt dies auch so wahr. Der türkische Gemüsehändler an
werken eine solche Aufregung verursachen? Weil er ein Tabu der Ecke wird geschätzt, auch wenn seine Töchter Kopftücher
gebrochen hat? Weil er der schweigenden Mehrheit eine nä- tragen. Er ist ein Bürger wie wir mit ähnlichen Werten von
selnde Stimme gibt? Weil den Massenmedien langweilig war? Fairness und Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, Ar-
Oder doch: weil er ins Schwarze traf, als er ins Braune redete? beitsmoral und Anstand. Wenn der Streit um Kopftücher, Ka-
Es gibt Integrationsprobleme von Migranten in Deutschland, rikaturen und Koran-Verbrennungen solche Aufregung verur-
es gibt einen Moralverlust in allen sozialen Schichten, einen sacht, dann deshalb, weil solche Symbole beiden Seiten helfen,
Sittlichkeitsverfall im öffentlichen Umgang, eine Enthemmung die Welt kurzfristig einfacher zu machen, als sie ist. Die gene-
bei Sex und Gewalt, eine soziale Erosion der Mittelschicht und relle Ausländerfeindlichkeit in Deutschland hingegen hat über
vor allem: Desorientierung. Das Schwarze, in das Sarrazin die vergangenen Jahrzehnte stark abgenommen. Ein kurzer
trifft, ist jener Satz, auf den sich Sarrazin-Freunde wie -Gegner Blick zurück auf die „Kümmeltürken“- und „Spaghettifresser“-
einigen können: So geht es nicht weiter! Aversionen der siebziger Jahre belehrt darüber. Deutschland
Wirklich begriffen wird dieses Problem allerdings nur jenseits hat viel dazugelernt. Idioten gibt es immer und überall. Aber
aller Sarrazinaden um gefährdete Deutsche und gefährliche Mi- flächendeckender Rassismus ist (noch) nicht unser Problem.
granten. Es stehen sich keine Völker gegenüber und keine Eth- Dafür gibt es ein anderes. Es ist die Angst vor einem Sozial-
nien, sondern zwei moralische Kulturen. Diese beiden Kulturen krieg. Es gibt viele Deutsche und Migranten, die sich zu dieser
sind nicht das Christentum und der Islam, kein „Kampf der Kul- Wertegemeinschaft nicht mehr zugehörig fühlen. Die Schere
turen“ im Sinne Samuel Huntingtons. Es ist das Ethos des So- zwischen Arm und Reich geht auseinander, die Milieus ohne
zialen und das Ethos des Dissozialen. Die Grenze verläuft nicht Tugenden werden vermutlich wachsen: Eure Werte, euer so-
zwischen Volksgruppen oder Religionen, sondern zwischen reich- zialer Friede und eure Moral sind uns scheißegal!
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Kultur

Der Moralverlust durchwirkt in je eigener Ausprägung alle Eine neue Idee von Wachstum zu entwickeln wäre die wich-
Gesellschaftsschichten. Kriminelle Banker, die auf Staatskosten tigste Aufgabe unserer Wirtschaftspolitik. Aber dies wird nicht
Milliarden verzocken und Millionen-Abfindungen bekommen, diskutiert. Stattdessen ergreift die bürgerlichen Mittelschichten
Kleinbetrügereien bei der Steuererklärung, tagtägliche Egois- ein fühlbares Unbehagen. Soll man sich mitfreuen, wenn sich
men im Straßenverkehr. „Unterm Strich zähl ich“, wie die Ban- der Wirtschaftsminister über den Aufschwung nach der Finanz-
kenwerbung uns indoktriniert. Auch die Dissozialen unserer krise freut? Hurra, wir dürfen weiter unreflektiert den gleichen
Gesellschaft werden weniger durch muslimische Propaganda Mist machen wie vorher?
aufgeheizt als durch kapitalistische: durch Gangsta-Rap, Kil-

W
lerspiele und Pornografie. ir dürfen nicht mit immer neuen Schulden den Egois-
Unsere Gesellschaft, unser Wirtschaftssystem, züchtet den mus züchten. Wir müssen eine Vernunft der Weitsicht
Egoismus an allen Fronten. Das Problem dahinter ist nicht neu, in die Politik implementieren und nicht weiterhin mit
es ist der Konflikt zwischen Liberalismus und Demokratie. Die einer kurzsichtigen Vernunft zwischen vermeintlichen Sach-
Idee des Liberalismus ist der Freiheit verpflichtet, die Idee der zwängen vermitteln.
Demokratie einer weitreichenden Gleichheit. Je freiheitlicher Es geht dabei nicht um billige Politikschelte, wie der aufge-
eine Gesellschaft, umso gefährdeter der gesellschaftliche Kon- brachte SPD-Parlamentarier Hans-Peter Bartels mir unlängst
sens. Niemand sah dies so scharf wie die Denker der „Freibur- im SPIEGEL (37/2010) unterstellte. Es geht darum, dass unsere
ger Schule“, die Väter der „sozialen Marktwirtschaft“. Wirt- politische Klasse, je näher sie der Macht ist, umso stärker die
schaftspolitik war für sie auch ein moralisches Erziehungspro- großen Probleme unseres Landes verdrängt. Was sich als „Ver-
gramm, um die Werte der Freiheit mit den Werten von Fürsorge nunft“ tarnt, ist in Wahrheit Klüngelei, Verzagtheit und Vi-
und Anstand zu versöhnen. sionslosigkeit. Es geht darum, die Grenzen unserer Parteien-
Leicht ist das nicht. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis in demokratie im gegenwärtigen Zustand zu erkennen. Es geht,
diesem Zusammenhang formulierte Wilhelm Röpke: Die markt- ganz ohne Romantik, um mehr Demokratie. Soll man dafür
wirtschaftliche Ordnung beruht auf Voraussetzungen, die sie tatsächlich in Parteien eintreten? Wer in den vergangenen
nicht selbst erzeugen kann. Wer gewinnorientiert und zweck- Wochen verfolgen durfte, wie der demokratisch vereinbarte
rational handelt, verhält sich zwar ökonomisch schlau, aber er Atomausstieg unterlaufen wurde, der sieht, dass Parteien nicht
erzeugt damit keine Moral. Ganz im Gegenteil verbraucht er per se Garanten dafür sind, dass es demokratisch zugeht. Und
ein großes Kontingent an Moral, das er in der Gesellschaft wer im Namen des Volkes gegen das Volk in Stuttgart den
vorfindet. Er nutzt die Regeln der Fairness. Hauptbahnhof tiefer legt, der versteht nicht
Er fordert Vertrauen ein und vertraut. Er die Zeichen der Zeit. Es geht um die Selbst-
geht von der Wahrhaftigkeit seiner Ge- Je freiheitlicher eine behauptung des gefährdeten Bürgertums an
schäftspartner aus, davon, dass sie ihre Gesellschaft, umso beiden Fronten: gegen das Dissoziale von
Waren tatsächlich liefern und ihre Kredite oben und von unten, gegen die Oligarchie
zurückzahlen. Doch all dies wird nicht vom gefährdeter der gesell- der Mächtigen und gegen die Anarchie der
Markt selbst geschaffen, sondern bereits schaftliche Konsens. Ohnmächtigen.
vorausgesetzt, damit der Markt funktio- Die Kunst, kein Egoist zu sein, muss wie-
nieren kann. Aber: Je zweckrationaler die der neu eingeübt, das Gute am Bürger-
Menschen ihren Nutzen kalkulieren, umso ungesünder wird lichen neu belebt werden. Vermutlich bedarf es dafür eines
das gesellschaftliche Klima. Der Markt ist ein „Moralzehrer“, Ausstiegs aus dem materialistischen Wachstumswahn. Der
der unsere moralisch-sittlichen Reserven verbraucht. Umbau-Katalog beginnt bei mehr direkter Demokratie durch
Bereits Anfang der siebziger Jahre diagnostizierte der ame- Plebiszite auf allen Ebenen. Er führt über eine Föderalismus-
rikanische Soziologe Daniel Bell das Wertedilemma der west- reform mit dem Ziel, die Einflusssphären der Länder zu schwä-
lichen Gesellschaften. Der westliche Mensch zerfalle heute in chen und die finanziell halbtoten Kommunen zu stärken. Und
zwei Teile, die nicht mehr zusammenpassen. Die Wirtschaft er endet in der Forderung nach einem Bildungssystem, das
benötige einen egoistischen Hedonisten und unersättlichen sich aller Kinder aller Schichten früh und verantwortungsvoll
Konsumenten, der nie zufrieden ist, disziplinlos in seiner Gier annimmt. Dazu freilich müssen die Bürger selbst Verantwor-
nach mehr. Die Gesellschaft dagegen brauche einen beschei- tung übernehmen. Dissoziale Milieus zu verkleinern kann
denen Mitbürger, hilfsbereit und zufrieden. Wie soll man bei niemals allein die Aufgabe des Staats sein. Nicht zuletzt die
solchen Voraussetzungen seine Kinder erziehen? Wie soll man Bürger der goldenen Generation, die Rentner und Pensionäre,
ein klares und überzeugendes Ideal formulieren? Was sind un- tragen heute die Bringschuld, ihren Wohlstand in Allgemein-
ter diesen Umständen die Leitwerte? Und was ist noch das wohlstand zu überführen. Was hindert einen Pensionär, Mi-
Bürgerliche? Zu viel Freiheit macht unsicher. Wir sind zu gut granten-Kindern Lesen und Werte beizubringen? Auch Sarra-
informiert, um uns noch zu klaren Weltanschauungen zu be- zin hätte dazu nun Zeit.
kennen, zu liberal, um Wertehierarchien zu formulieren, zu Die Quintessenz der Sarrazin-Debatte besteht nicht in einer
konsumorientiert, um Bescheidenheit zu predigen. allerorten unterstellten neuen Ausländerfeindlichkeit. Tiefer
liegend macht sie einer breiten Unzufriedenheit Luft. Von Men-

D
ie Wirtschaft hat sich seit den siebziger Jahren globali- schen, die sich nicht verstanden und gehört fühlen. Von Men-
siert. Das Internet hat internationale Geschäfte abstrak- schen mit Angst, denen Sarrazin ein falsches Ziel liefert. Von
ter und verantwortungsloser gemacht: Wenn Millionen- Skepsis gegenüber der Wahrhaftigkeit der Politik. Dieses
beträge nur durch einen Tastendruck am Computer ihren Be- Potential darf nicht von rechts fehlgeleitet
sitzer wechseln, findet der ehrbare Kaufmann keinen Sitzplatz werden, aber auch nicht verpuffen in
mehr. Geschäfte, wie sie heute in der Finanzwelt üblich sind, Frustration. Verunsicherte Bürger, die wir
kennen keine Zeit zum Abwägen und keine Gesichter. fast alle sind, müssen wir stattdessen, wie
HORST GALUSCHKA / ACTION PRESS

Unsere Volkswirtschaft wächst immer weiter und spekuliert Axel Honneth schreibt, das „Ich im Wir“
auf fortwährendes Wachstum. Der Ausverkauf der Moral wird wiederfinden und damit das „Wir im Ich“.
beschleunigt, und dennoch fühlt sich die Bevölkerung, viele
Umfragen bestätigen dies, seit Ende der sechziger Jahre nicht Richard David Precht, 45, ist Philosoph
mehr glücklicher. Wir verbrauchen immer mehr Ressourcen, und Bestsellerautor. Sein neues Buch
plündern die Umwelt und unterspülen die Fundamente der „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ (Gold-
Moral, und am Ende sind wir nicht zufriedener als vorher. mann Verlag) erscheint am 11. Oktober.
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