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Paralyse der Kritik: Gesellschaft ohne Opposition?


12. März 2018 Peter Nowak

"Rückkehr zur Normalität". Französisches Plakat von 1968. Bild: Pixabay /gemeinfrei
Ein Kongress in Berlin zeigt, wie ein Teil der ehemaligen 68er-Bewegung mit dazu beigetragen hat,
dass sich die Verhältnisse, gegen die man einst kämpfte, noch mehr stabilisierten
Studierende opponieren gegen den in Berlin lehrenden Historiker Jörg Baberowski, dem nicht nur
von ihnen, sondern auch in einem Gastbeitrag in der linksliberalen Frankfurter Rundschau
rechtslastiges Gedankengut vorgeworfen wird.
Eigentlich ist es doch sehr erfreulich, dass 50 Jahre nach 1968 zumindest einige Studierende nicht
nur über diese Ereignisse resümieren, sondern die damalige Parole "Unter den Talaren der Muff von
tausend Jahren" heute zu aktualisieren versuchen. Dass die kritischen Studierenden von den
konservativen Medien FAZ und Welt verurteilt werden, ist nicht verwunderlich.
Diese Zeitungen haben auch vor 50 Jahren wütend auf diejenigen reagiert, die damals die Parole
propagierten. Verwunderlicher ist dann schon, dass die grünennahe Taz, die ja immer ihre Nähe zur
1968er-Bewegung herausstellt, ganz klar Front gegen die Kritiker Baberowskis macht und ihn in
einem langen Artikel als Opfer linker Ideologen hinstellt. Das ist ein gutes Beispiel für die
"Paralyse der Opposition".
So beschrieb Herbert Marcuse 1968 die Gesellschaft in der BRD. Die Gesellschaft für Neue
Psychologie, ein Kreis von Sozialwissenschaftlern, die sich selbst in der Tradition von 1968 sehen,
hat auf ihrem diesjährigen Kongress, der am vergangenen Wochenende in Berlin zu Ende gegangen
ist, Marcuses Verdikt auf die heutige Zeit übertragen. Auch seine Aufforderung "Weitermachen"
wollen sie in die heutige Zeit übernehmen.

Entkollektivierung und Prekarisierung und welchen Anteil die 68er daran


hatten
Dabei übersehen sie die Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens nicht, wie das Programm
ausweist:
Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass und wie sich die Welt (der Kapitalismus)
seit der Verweigerungsrevolte von '68 verändert hat - Stichwörter: Entkollektivierung
und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse in ihrer gesamten sozialen Bandbreite,
Unterwerfung von Wissenschaft, Bildung und Gesundheitswesen unter das direkte
Diktat der Kapitalakkumulation, zerstörerische Aspekte der forcierten internationalen
Arbeitsteilung und der globalen Zyklen seit 1971/73.

Aus dem Vorwort zum Konferenzprogramm

Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Individuen wurden in verschiedenen


Arbeitsgruppen veranschaulicht. So stellte die Erziehungswissenschaftlerin Andrea Kleeberg-
Niepage Texte vor, in denen sich Jugendliche, eine Gymnasiastin und eine Hauptschülerin, der
Frage widmen, was sie von der Zukunft erwarten.
Trotz vieler Unterschiede machte Kleeberg-Niepage eine Gemeinsamkeit fest: In beiden Texten
fehlt jeder Hinweis auf eine Protesthaltung. Unzufriedenheit mit den Verhältnissen war zwar
durchaus vorhanden, aber es herrscht die Vorstellung "wenn ich es nicht schaffe, ist es mein eigenes
Verfehlen". Gesellschaft wurde in den Schreiben nicht adressiert und so war es nur folgerichtig,
dass es auch keine gesellschaftskritischen Gedanken gab. Aber es gab in den Schreiben auch keinen
Hinweis auf die Vorstellung einer glücklichen Zukunft im Kapitalismus.
Vielmehr sahen sich die Schreiberinnen als Objekte blinder Mächte und die einzige Möglichkeit,
die sie haben, ist, sich zu arrangieren und das Beste daraus zu machen. Es wäre interessant gewesen,
diese Ergebnisse mit Befragungen von Jugendlichen in der DDR zu kontrastieren.
Ein Beispiel ist das Langzeitfilmprojekt "Die Kinder von Golzow", in dem eine Landschulklasse ab
1961 filmisch begleitet wurde. Die Hoffnungen, Wünsche und Ängste der Menschen kamen zu
Sprache. Auch beim Bankett der 500 Träumer, einem Preisausschreiben in der DDR im Jahr 1970,
sollten sich Jugendliche die Welt im Jahr 2000 vorstellen. Man kann heute darüber spotten, aber
man kann sich auch darüber Gedanken machen, warum die Jugendlichen damals weniger
Zukunftsangst hatten, weniger das Gefühl, dass "blinde Mächte" über ihr Schicksal bestimmen, als
heute.

Wie aus dem Individualismus der Egotrip wurde


Eine Stärke des Kongresses bestand dahin, dass immer wieder auch die Frage gestellt wurde, wie
Akteure der 1968er -Bewegung den Kapitalismus mit stabilisieren halfen, anfangs oft gegen ihren
Willen. So hat der Historiker Karl-Heinz Roth in seinem Vortrag dargelegt, wie die Betonung des
Individuums zum "Egotrip" und zum "Selfismus" geriet und auch die Funktion veränderte.
Anfangs stärkte die Betonung der Individualität den Widerstand gegen die Verhältnisse, die die
Menschen auch persönlich nicht mehr aushalten wollten. Doch der heutige Selfismus verhindert
jede Solidarität. Roth vermied wie die meisten anderen Referentinnen und Referenten allerdings
moralische Kritik. Man verwies auf die massive Prekarisierung der Lebens- und
Arbeitsbedingungen.
Karl-Heinz-Roth erklärte, dass er selber als "bekannte rote Socke" mit dicker Verfassungsschutzakte
immer sofort einen Job als Assistenzarzt bekommen hat. Mit der Prekarisierung der
Arbeitsverhältnisse hingegen sei die Angst wieder das beherrschende Gefühl vieler Menschen
geworden; doch Angst mobilisiere in der Regel nicht, sondern lähme.

Kritik der repressiven Toleranz


Einen wichtigen Aspekt haben Julia Plato und Falk Sickmann in ihrer Beschäftigung mit Slavoj
Žižeks Toleranzbegriff angesprochen: Teile der Restlinken haben sich zum Wurmfortsatz des
Liberalismus gemacht.
In den USA hat dies zum Aufstieg und zur Wahl von Trump entscheidend beigetragen - und nicht
die angeblichen russischen Hacker, die gerade von den liberalen Kreisen ins Feld geführt werden.
Sie wollen natürlich vermeiden, dass ihre Rolle bei dem Wahlergebnis diskutiert wird.
Plato und Sickmann haben dann noch zu Illustration ihrer "Kritik der repressiven Toleranz" ein Foto
vom Eingang eines angesagten Cafés in einem Berliner Szenebezirk eingeblendet, wo eine Tafel
verkündete, dass Rassismus, Antisemitismus und Homophobie nicht akzeptiert werden. Eine Zeile
darüber wurden Zahlungsmittel und -arten aufgelistet, die akzeptiert werden. Eine wahrscheinlich
alltägliche Hinweistafel.
Die meisten Menschen nehmen je nach Gesinnung mit Freude oder Wut zur Kenntnis, was in der
Lokalität nicht akzeptiert wird. Dass die Grundlage erst einmal der Besitz von Bargeld oder
Kreditkarten ist, wird gar nicht besonders wahrgenommen, weil das eben zum Wesen des
Kapitalismus gehört. Dass die Referenten genau dieses Schild als Exempel für eine repressive
Toleranz nahmen, war gut gewählt.
So leistete der Kongress Aufklärung über den Zustand unserer Gesellschaft und der von vor 50
Jahren. Nur hätte man bei dem Titel "Deutschland ohne Opposition" ein Fragezeichen setzen sollen.
Denn es gibt gegenwärtig in Deutschland durchaus eine Opposition - die aber steht rechts.
Die Vorstellung, dass Opposition immer staats- und kapitalismuskritisch sein muss, stimmt schon
längst nicht mehr. Aber das wäre unter Umständen ein Thema für den nächsten Kongress der
Gesellschaft für Neue Psychologie. Das in einem ideologiekritischen Brief befürchtete Abtriften des
Kongresses in Antiamerikanismus und Verschwörungstheorien hat sich beim diesjährigen
Programm zum Glück nicht feststellen lassen.
Die Unterzeichner kritisieren einige Interviewäußerungen eines federführend für den Kongress
verantwortlichen Wissenschaftlers. Es wäre wünschenswert, wenn beim nächsten Kongress eine
kritische Debatte über die Streitpunkte auf einer wissenschaftlichen Basis möglich wäre.