Andreas Umland Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken im Elitendiskurs des postsowjetischen Rußlands.

Eine spektralanalytische Interpretation der antiwestlichen Wende in der Putinschen Außenpolitik

Die Zielstrebigkeit mit der Moskau im August 2008 den faktischen Anschluß Abchasiens und Südossetiens an Rußland betrieb oder die apodiktische Art, mit der Präsident Dmitrij Medvedev in seiner Rede vom 5. November 2008 die Stationierung neuer Kurzstreckenraketen im Gebiet Kaliningrad ankündigte, wie auch andere Aktionen oder Verlautbarungen Moskaus im neuen Jahrhundert wirkten auf den Westen ernüchternd. Diese und ähnliche russische Rhetorik und Handlungen der letzten Jahre stellen aus westlicher Sicht Überreaktionen des Kremls auf Aktivitäten des Westens auf dem Territorium des ehemaligen Ostblocks dar. Der schrittweise Richtungswechsel in der russischen Außenpolitik der letzten Jahre wirkt vor dem Hintergrund westlicher Koordinatensysteme politischen Handelns unverständlich, da er vermuteten strategischen Interessen Rußlands, ja scheinbar gesundem Menschenverstand widerspricht.1 Die sowohl im öffentlichen Diskurs als auch in der Spezialistengemeinde vorherrschenden Erklärungen für den mit jedem Jahr immer – so scheint es – tiefergehenden Wandel im russischen politischen Handeln sowie außenpolitischen Denken lassen sich in zwei Gruppen teilen: personalistischbiographische Ansätze einerseits sowie geschichtsphilosophische Interpretationen andererseits. Analysten, die ersteren Ansatz vertreten, konzentrieren
Zum folgenden Interpretationsversuch komplementäre Erklärungsansätze finden sich bei: Luks, Leonid: „Weimar Russia?“ Notes on a Controversial Concept, in: Russian Politics and Law, 46. Jg., H. 4, 2008, S. 47-65; ders.: Irreführende Parallelen. Das autoritäre Russland ist nicht faschistisch, in: Osteuropa, 59. Jg., H. 4, S. 119-128; Umland, Andreas: Orange Revolution als Scheideweg. Demokratisierungsschub in der Ukraine, Restaurationsimpuls in Russland, in: Osteuropa, 59. Jg., H. 11, 2009, S. 109-120.
1

Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 13. Jahrgang, Heft 2

102

Andreas Umland

sich auf die Biographien der wichtigsten Entscheidungsträger, etwa auf den KGB- oder/und militärischen bzw. polizeilichen Hintergrund der dominanten Führungseliten nach Boris El’cin. Historiosophisch engagierte Interpreten hingegen entwickeln ein „tiefes“ Verständnis der russischen Politik und bewerten den jüngsten Verlauf der russischen Geschichte vor dem Hintergrund als axiomatisch angesehener Gesetzmäßigkeiten der historischen Entwicklung Rußlands, wenn nicht der Menschheitsgeschichte insgesamt.2 Auch einzelne nichtrussische Putinapologeten unterstützen das heute in Rußland vorherrschende Diktum, daß Rußland seinen eigenen geschichtlichen (Sonder-)Weg gehen müsse,3 daß es keine europäische Nation, sondern eine eigenständige Zivilisation darstelle, kein gewöhnlicher Nationalstaat, sondern ein natürlich gewachsenes Imperium sei sowie keine westliche, sondern eine eigene „souveräne“ Demokratie benötige.4 Andere geschichtsphilosophisch engagierte Beobachter und Akteure, darunter scheinbar auch Präsident Medvedev, gehen davon aus, daß Rußland heute in einer Übergangsphase ist und die jüngsten Einschränkungen politischer Freiheiten im Land temporär sind.5 Wieder andere Geschichtsphilosophen, so etwa
Für letzteren Ansatz siehe z.B. Maresch, Rudolf: Zwischen Ressentiment und Appeasement, in: Eurasisches Magazin, Nr. 1, 2009, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20090109; ders.: Die Entwestlichung der Welt ist längst im vollen Gang, in: Eurasisches Magazin, Nr. 3, 2009, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikel ID=20090311. 3 Siehe zur Sonderwegsidee z.B. Luks, Leonid: Der russische „Sonderweg“? Aufsätze zur neuesten Geschichte Rußlands im europäischen Kontext. Stuttgart: ibidem-Verlag 2005; ders.: Freiheit oder imperiale Größe? Essays zu einem russischen Dilemma. Stuttgart: ibidem-Verlag 2009. 4 Zu diesem Konzept Kazancev, Andrej: „Suverennaja demokratija“. Struktura i social’no-političeskie funkcii koncepcii, in: Forum novejšej vostočnoevropejskoj istorii i kul’tury, 4. Jg., Nr. 1, 2007, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www1.kueichstaett.de/ZIMOS/forumruss.html; Schulze, Peter W.: Souveräne Demokratie. Kampfbegriff oder Hilfskonstruktion für einen eigenständigen Entwicklungsweg? Die Ideologische Offensive des Vladislav Surkov, in: Buhbe, Matthes/Gorzka, Gabriele (Hg.): Russland heute. Rezentralisierung des Staates unter Putin. Wiesbaden: VS-Verlag 2007, S. 293-312; Casula, Philipp/Perovic, Jeronim (Hg.): Identities and Politics During the Putin Presidency. The Discursive Foundations of Russia's Stability. Stuttgart: ibidemVerlag 2009. 5 Z.B. Ehlers, Kai: Putin – ein Fehler?, in: Eurasisches Magazin, Nr. 11, 2008, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID =20081107; ders.: Worüber lohnt es zu diskutieren?, in: Eurasisches Magazin, Nr. 1, 2009, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/ ?artikelID=20090108.
2

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

103

der prominente US-amerikanische, rußlandstämmige Politologe Aleksandr Janov,6 sehen die Entwicklung der russischen Geschichte als einen sich wiederholenden und quasi pathologischen Zyklus sich ablösender protorevolutionärer, restaurativer und konservativer Phasen an – eine Art Teufelskreis, aus welchem sich Rußland bisher nicht befreien konnte. Obwohl beide Erklärungsansätze – der personalistische sowie der geschichtsphilosophische – als plausibel und gegenüber politökonomischen Interpretationen des Demokratieverfalls in Rußland7 ebenbürtig, wenn nicht überlegen erscheinen, befriedigen sie nur teilweise. Der personalistische Ansatz überzeichnet die Rolle einzelner politischer Figuren und ist auf die unmittelbare Akteurs- bzw. Mikroebene fixiert. Die verschiedenen historiosophischen Ansätze hingegen tragen fatalistische Züge und operieren auf einer Makro- wenn nicht sogar Metaebene, ja scheinen letztlich eher Weltanschauungen als sozialwissenschaftliche Theorien zu sein. Ob man obige Ansätze befürwortet oder nicht – was Not tut, sind Interpretationsvorschläge auf der Meso- bzw. mittleren Ebene, also Erklärungsansätze, die zwischen den Charakteristika einzelner involvierter Individuen einerseits und den Deduktionen aus historischer Metapolitologie andererseits operieren. Im weiteren wird versucht, die jüngste antiwestliche Wende in der russischen Innen- und Außenpolitik anhand einer Analyse des sich restrukturierenden politischen Spektrums unter Putin zu interpretieren.8 Die Veränderungen im internationalen Verhalten Moskaus sollen verständlicher gemacht werden, indem jüngere Modifikationen im innerrussischen intellektuellen und Mediendiskurs sowie entsprechende Verschiebungen in der Komposition des Moskauer Establishments und des politischen Mainstreams einschließlich der teilautonomen Zivilgesellschaft bzw. „unzivilen Gesellschaft“ berücksichtigt werden.9 Wie unten deutlich werden wird, sind
6

Yanov, Alexander: The Origins of Autocracy. Ivan the Terrible in Russian History. Transl. by Stephen Dunn. London: University of California Press 1981; Janov, Aleksandr: Russkaja ideja i 2000-j god. New York: Liberty 1988. Siehe auch Kantor, Vladimir: Willkür oder Freiheit? Beiträge zur russischen Geschichtsphilosophie. Stuttgart: ibidem-Verlag 2006. 7 Fish, Steven M.: Democracy Derailed in Russia. The Failure of Open Politics. New York: Cambridge University Press 2005. 8 Umland, Andreas: Das postsowjetische Russland zwischen Demokratie und Autoritarismus, in: Eurasisches Magazin, Nr. 11, 2008, S. 14-21. 9 Umland, Andreas: Die rechtsextremistische APO im heutigen Rußland. Ultranationalistische Denkfabriken als Bestandteil der postsowjetischen „unzivilen Gesellschaft“, in:

104

Andreas Umland

auf Grundlage heutiger westlicher Ideologietypologien entwickelte eurozentrische oder gar postmaterialistische Denkschablonen für die Konzipierung des Spektrums relevanter politischer Ideen im Putinschen Rußland nur teilweise geeignet. Im Folgenden wird versucht, zu einer Art „Hermeneutik“ jüngster russischer politischer Rhetorik beizutragen. In diesem Zusammenhang wird darauf verwiesen, daß eine – aus westlicher Sicht – ungewöhnlich aggressive Form von Neoimperialismus, die in den Neunzigern noch marginal war,10 heute politisch hoffähig geworden ist. Dieser revolutionäre Imperialismus hat sich rechts vom derzeit dominanten restaurativen Irredentismus als ein öffentlich akzeptiertes politisches Teillager etabliert und ist in den relevanten Massenmedien, Expertenrunden und Sozialwissenschaften inzwischen kontinuierlich präsent. Im Zuge der Konsolidierung der gesellschaftlichen Positionen der sog. Liberal-Demokratischen Partei Vladimir Žirinovskijs sowie der Internationalen Eurasischen Bewegung Aleksandr Dugins im offiziell zugelassenen TV- sowie intellektuellen Diskurs der letzten Jahre kam es zu einer Verschiebung des politischen Zentrums nach rechts. Diese Restrukturierung des politischen Spektrums kann entweder (bzw. sowohl) als ein Bestimmungsfaktor oder aber als ein Ergebnis von Veränderungen in der personellen Komposition und/oder den politischen Einstellungen der obersten Führungsspitze betrachtet werden.11 Sie stellt jedoch in jedem Fall einen beachtenswerten Begleitumstand des Wandels politischer Debatten unter Putin dar. Obwohl der dritte Präsident Rußlands Medvedev weiterhin
Wegner, Michael/Haney, Vera/Jahn, Andrea (Hg.): Rußland – ein starker Staat? Jena: Thüringer Forum für Bildung und Wissenschaft 2003, S. 123-143; Umland, Andreas: Das Konzept der „unzivilen Gesellschaft“ als Instrument vergleichender und rußlandbezogener Rechtsextremismusforschung, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 13. Jg., H. 1, 2009, S. 129-147. 10 Orttung, Robert W.: The Russian Right and the Dilemmas of Party Organisation, in: Soviet Studies, Bd. 44, H. 3, 1992, S. 445-478; Williams, Christopher/Hanson, Stephen E.: National-Socialism, Left Patriotism, or Superimperialism? The Radical Right in Russia, in: Ramet, Sabrina (Hg.): The Radical Right in Central and Eastern Europe Since 1989. University Park: Pennsylvania State University Press 1999, S. 257-278. 11 Die eingestandene Ambivalenz der unten beschriebenen Erscheinung als gleichzeitiger Bestimmungsfaktor und Effekt der antiwestlichen Wende in der Putinschen Außenpolitik ist unbefriedigend, dürfte jedoch Beobachtern, die mit methodologischen Problemen sozialwissenschaftlicher Analyse vertraut sind, als generelle Herausforderung derartiger Forschungsprojekte bekannt sein. Siehe z.B. Bailey, Kenneth: Methods of Social Research. 4. Aufl. New York: Free Press 2007, S. 50.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

105

als liberaler und prowestlich eingestellter Reformer zu bewerten ist, muß auch er bei seiner Positionierung und Koalitionsbildung im Zentrum des russischen politischen Spektrums dieser Koordinatenverschiebung im nach wie vor existenten Moskauer Ideenwettbewerb Rechnung tragen. Die revolutionäre Spielart des postsowjetischen Imperialismus operiert, wie unten gezeigt wird, zwar mit ausgesprochen phantastischen Ideen, manifesten Utopien, bizarren Geschichtsbildern und extravaganten Konzepten. Nichtsdestoweniger stellt die jüngste Verankerung dieser politischen Strömung im offiziellen russischen Politikdiskurs eine relevante Facette der Verschlechterung in den russisch-westlichen Beziehungen der letzten Jahre dar.

Konzipierungen politischer Spektra in der modernen westlichen Welt und im heutigen Rußland
Westliche Sichtweisen auf ideologische Konfliktlinien der Nachkriegszeit sind typischerweise von einer zwar in verschiedenen Ländern unterschiedlich abgestuften, aber doch insgesamt uniformen Zwei- bzw. Dreiteilung politischer Spektren geprägt (Schema 1). Auf der linken Seite des ideologischen Spektrums – und nun folgt eine stark vereinfachte Darstellung – werden in der Regel Ideengebäude und außenpolitische Doktrinen angesiedelt, die auf einem optimistischen Menschenbild beruhen sowie auf innenpolitischen oder internationalen mehr oder minder radikalen, als „Demokratisierung“ verstandenen Wandel ausgerichtet sind.12 Diese Teilspektra umfassen heute in der westlichen Hemisphäre, je nach Land, sozialistische, sozialdemokratische, linksliberale,

12

Bobbio, Norberto: Rechts und Links. Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung. Berlin: Wagenbach 1994; Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Die Rechts-LinksUnterscheidung. Betrachtungen zu ihrer Geschichte, Logik, Leistungsfähigkeit und Problematik, in: dies.: Vergleichende Extremismusforschung. Baden-Baden: Nomos 2005, S. 99-120 (dort auch weitere Literaturverweise).

106

Andreas Umland

grüne und ähnliche Akteure, in Deutschland etwa die SPD, Bündnis 90/Die Grünen sowie, mit Abstrichen, Die Linke.13 Erstaunlicherweise ähneln sich die USA und das heutige Rußland betreffs dieser Teile ihrer Parteienspektra in gewisser Hinsicht (Schema 2). In beiden – ansonsten grundverschiedenen – Staaten befinden sich links vom Zentrum relativ ähnlich ausgerichtete liberale Demokraten: in Rußland etwa die Jabloko-Partei sowie die so genannte „Union Rechter [sic!] Kräfte“ und in den USA die Demokratische Partei bzw. deren linke Fraktionen. Diese beiden Staaten reproduzieren damit bis heute die klassische Rechts-LinksUnterscheidung, wie sie nach der Französischen Revolution entstanden war.
Schema I: Simplifizierte Darstellung ideologischer Spektra im politischen Mainstream ausgewählter zeitgeschichtlicher Situationen: „Westen“ „Linke“ Sozialisten, Sozialdemokraten, Grüne, Sozialliberale, Labour, Democrats etc. „Mitte“ Zentristische Fraktionen und Parteien „Rechte“ (Konservative, „Realisten“) Rechte Fraktionen der Christdemokraten, GOP, Tories etc.

Auf der rechten Seite des politischen Spektrums werden in der heutigen Selbstbetrachtung des Westens in der Regel solche Ideengebäude verortet, die auf einem mehr oder minder skeptischen Menschenbild beruhen und daher radikalen gesellschaftlichen sowie internationalen Wandlungsprozessen distanziert bzw. kritisch gegenüberstehen. Derlei Zweifel in bezug auf die Sinnhaftigkeit von Reformen oder Revolutionen hängt bei Vertretern dieses politischen Lagers mit der Auffassung zusammen, daß rapide Transformationen gesellschaftlicher Verhältnisse jene historisch gewachsenen formellen oder informellen Institutionengefüge gefährden, welche dazu geeignet sind, die Auswirkungen menschlicher Unvollkommenheit (Naivität, Egoismus, Aggressivität usw.) einzugrenzen.14 Der für diese Denkfigur zumeist gebrauchte Begriff lautet „Konservatismus“ bzw. „Konservativis13

Olsen, Jonathan: Germany’s PDS. Between East and West, in: Central European Political Studies Review, 4. Jg., Nr. 1-2, 2002, http://www.cepsr.com/clanek.php?ID=39. 14 Eatwell, Roger/O’Sullivan, Noël (Hg.): The Nature of the Right. American and European Politics and Political Thought Since 1789. London: Pinter 1989.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

107

mus“.15 Was außenpolitisches Denken betrifft, wird hier oft der umstrittene Terminus „Realismus“ verwendet, mit dem weniger eine per se „realistische“ Sichtweise auf internationale Konflikte gemeint ist, sondern ein weitgehend wertfreies Denken in Macht- und nationalstaatlichen Kategorien bezeichnet wird.16 Die rechten Flügel der modernen christdemokratischen Parteien Europas oder der amerikanischen Republikaner sowie der ihnen nahestehenden Think-Tanks können diesem Teilspektrum zugeordnet werden. Im in der politischen Mitte angesiedelten ideologischen Zentrum hingegen werden im heutigen Westen schließlich jene Kräfte vermutet, die – zumindest in ihrer Selbstdarstellung – einen Ausgleich reformerischer und konservativer Bestrebungen bzw. idealistischer und „realistischer“ Impulse versuchen sowie einen schrittweisen, an aktuelle Herausforderungen angepaßten, moderaten Wandel befürworten. Dieses vereinfachte, viele Teilphänomene ignorierende Schema zur Konzipierung moderner ideologischer Konflikte dürfte trotz seiner Simplizität ein Axiom zeitgenössischen weltpolitischen Denkens im Westen sein. Zumindest kann ein Großteil heutiger internationaler und innerstaatlicher Auseinandersetzung in der westlichen Welt unter Zuhilfenahme des beschriebenen Schemas mehr oder minder erhellend interpretiert werden. Auch für innen- und außenpolitische Programme der neuen gesellschaftlichen Kräfte und Eliten der Russischen Föderation der neunziger Jahre schien diese Zwei- bzw. Dreiteilung zumindest teilweise Geltung zu haben (Schema 2).17 Der erste russische Präsident Boris El’cin versuchte während seiner Amtszeit die reformerischen Impulse der prowestlich eingestellten liberalen Demokraten auf der einen Seite und die reaktionären Widerstände der antiwestlich orientierten alten Eliten auf der anderen zu balancieren. Allerdings war schon damals eine Abweichung von im heutigen Westen typischen Konfliktlinien zu beobachten. Dies betraf zum einen das Paradoxon, daß die „rechts“ vom „Zentrum“ angesiedelten politischen Kräfte nach
Huntington, Samuel P.: Conservatism as Ideology, in: American Political Science Review, 51. Jg., H. 2, 1957, S. 454-473; Schumann, Hans-Gerd (Hg.): Konservativismus. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1974. 16 Freyberg-Inan, Annette: What Moves Man. The Realist Theory of International Relations and Its Judgement of Human Nature. Albany: SUNY Press 2004. 17 Simonsen, Sven Gunnar: Nationalism and the Russian Political Spectrum. Locating and Evaluating the Extremes, in: Journal of Political Ideologies, 6. Jg., H. 3, 2001, S. 263288.
15

108

Andreas Umland

1991 auch bzw. in erster Linie die (man muß womöglich sagen: so genannten) „Kommunisten“ umfaßte, da diese eindeutig rückwärtsgewandt waren und sind.18 Zwar wird die heutige Kommunistische Partei in der Russischen Föderation als „links“ und die Demokraten als „rechts“ bezeichnet. Jedoch war bereits in der ausgehenden UdSSR klar, daß die Gruppierungen aus denen später die KPRF und andere kommunistische Parteien hervorgingen keine reformerisch-emanzipatorischen, sondern – im Gegenteil – reaktionär-traditionalistische politische Kräfte darstellten.19 Eine noch folgenträchtigere Abweichung von politischen Spektren heutiger westlicher Staaten war bereits unter El’cin, daß die postsowjetischen russischen „Rechten“ nicht einen Erhalt des Status quo, sondern eine zumindest teilweise Wiederherstellung der Zustände während des Kalten Krieges, nicht zuletzt des von Moskau kontrollierten Territoriums und in vieler Hinsicht eine mehr oder minder weitgehende Neubelebung des zarisch-sowjetischen Imperiums anstrebten. Es scheint daher gerechtfertigt, solche Bestrebungen weniger als „konservativ“, denn als, enger gefaßt, „restaurativ“ sowie, weiter gefaßt, „revanchistisch“ zu klassifizieren.20 Die „rechts“ vom politischen Zentrum angesiedelten Kräfte des postsowjetischen Rußlands strebten bereits in der ausgehenden Perestrojka-Periode unter Gorbačev 1990-1991 sowie unter El’cin ab Ende 1991 – im Gegensatz zu den gemäßigt rechten Akteuren des heutigen Westen – einen neuerlichen Wandel und keine Konservierung der heftig kritisierten neu entstandenen Verhältnisse an.21 Ihr Ziel war und ist bis heute eine Teilrestauration des
18

Urban, Joan Barth/Solovei, Valerii: Russia’s Communists at the Crossroads. Boulder: Westview 1997; Sakwa, Richard: Left or Right? The CPRF and the Problem of Democratic Consolidation in Russia, in: The Journal of Communist Studies and Transition Politics, Bd. 14, H. 1-2, 1998, S. 128-158; Vujačić, Veljko: Serving Mother Russia. The Communist Left and Nationalist Right in the Struggle for Power, 1991-1998, in: Bonnell. Victoria E./Breslauer, George W. (Hg.), Russia in the New Century. Stability and Disorder? Boulder: Westview 2001, S. 290-325. 19 Glybowski, Juri/Winkel, Jörg: Rückwärts marsch! Zum Konservatismusphänomen in der UdSSR, in: Osteuropa, Bd. 41, H. 8, 1991, S. 791-801; Moses, Joel C.: The Challenge to Soviet Democracy from the Political Right, in: Robert T. Hubert and Donald R. Kelley (Hg.): Perestroika-Era Politics. The New Soviet Legislature and Gorbachev's Political Reforms. Armonk: M.E. Sharpe, 1991, S. 105-128. 20 Andreas Umland: Die Sprachrohre des russischen Revanchismus, in: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte, Bd. 42, H. 10, 1995, S. 916-921. 21 Hughes, Michael: The Never-Ending Story. Russian Nationalism, National Communism and Opposition to Reform in the USSR and Russia, in: The Journal of Communist

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

109

Sowjetreiches samt einer Rückkehr zur Ost-West-Konfrontation, also jener Zustände, die sich in den vorhergehenden 70 Jahren – zumindest aus Sicht solcher „Sowjetreaktionäre“ – „organisch“ entwickelt hatten und somit Bestandteile der „russischen Tradition“ geworden waren.22
Schema II: Simplifizierte Darstellung ideologischer Spektra im politischen Mainstream ausgewählter zeitgeschichtlicher Situationen: El’cins Rußland 19911999 „Linke“ Demokraten, Jabloko, Demokratische Wahl Rußlands „Mitte“ Zentristische Gruppierungen und Zentrismus der föderalen Regierung „Rechte“ (Restauration) Nationalisten, „Kommunisten“, Imperiumsbewahrer

Daneben gab es unter El’cin und gibt es bis heute eine Reihe antisowjetisch eingestellter Nationalisten, der wohl bekannteste unter ihnen ist der vor kurzem verstorbene Literaturnobelpreisträger Aleksandr Solženicyn, die zwar mit den Kommunisten und Repräsentanten der alten Eliten nicht deren Sowjetnostalgie teilen, jedoch ebenfalls eine zumindest teilweise Restauration des russischen Reiches befürworten. Diese Bestrebungen betreffen vor allem die Wiedervereinigung Rußlands mit den anderen Ostslawen, also mit der Ukraine und Belarus, aber auch mit solchen von russischen bzw. russophonen Minderheiten bewohnten Gebieten, wie Nordkasachstan oder Narwa. Obwohl sich das Geschichtsbild und die Biographien dieser radikal antikommunistischen Vertreter eines restaurativen imperialen Denkens prinzipiell vom Vergangenheitsverständnis und den Lebensläufen der „Sowjetreaktionäre“ unterscheiden, hat sich im Zuge der Herausbildung des postsowjetischen öffentlichen Diskurses de facto ein politisches Zweckbündnis dieser beiden sich ansonsten kritisch gegenüberstehenden Denkschulen des russischen Imperialismus herausgebildet. Der markanteste Ausdruck der informellen Allianz der nationalistischen Dissidenten mit den alten Eliten
Studies, Bd. 9, H. 9, 1993, S. 41-61; O’Connor, Kevin: Intellectuals and Apparatchiks. Russian Nationalism and the Gorbachev Revolution. Lanham: Lexington Books 2006. 22 Tolz, Vera: The Radical Right in Post-Communist Russian Politics, in: Merkl, Peter H./Weinberg, Leon (Hg.): The Revival of Right-Wing Extremism in the Nineties. London: Frank Cass 1997, S. 177-202; Devlin, Judith: Slavophiles and Commissars. Enemies of Democracy in Modern Russia. Basingstoke: Macmillan 1999.

110

Andreas Umland

der Sowjetunion waren die vom russischen Staatsfernsehen ausführlich dokumentierten Treffen zwischen Vladimir Putin und Aleksandr Solženicyn. Restaurativer Imperialismus bildete somit auch schon unter El’cin einen gewichtigen Bestandteil des politisch relevanten russischen ideologischen Spektrums. Der Ruf nach einer „Korrektur“ der Grenzen des russischen Staates sowie zumindest teilweisen Wiederherstellung des Imperiums unterwanderte bereits im ersten Jahrzehnt der Existenz der jungen russischen Demokratie deren Stabilität und behinderte die Entstehung eines genuin nachsowjetischen, postimperialen und territorial saturierten Konservatismus.23 Dieser Unterschied in den rechten politischen Spektren des unmittelbar postsowjetischen Rußlands einerseits und des zeitgenössischen Westens andererseits wurde von politischen Beobachtern auch außerhalb Rußlands erkannt. Das mag nicht zuletzt damit zusammenhängen, daß es auch in den nachimperialen politischen Spektren westlicher ehemaliger Kolonialmächte nach dem Zerfall des jeweiligen Weltreiches (etwa in Deutschland, Großbritannien, Frankreich usw.) ähnlich streitbare, ideologisch eher restaurativ als konservativ orientierte Gruppierungen gegeben hat, welche erst allmählich aus dem politischen Mainstream des jeweiligen Landes verdrängt wurden.24 Das nachel’cinsche Rußland unterscheidet sich von den postimperialen Nachkriegsstaaten des Westens allerdings inzwischen nicht nur dadurch, daß irredentistisches Denken in den Mainstream des Elitendiskurses Eingang gefunden hat. Ein noch gravierenderer Unterschied zwischen dem heutigen einerseits westlichen und andererseits russischen politischen Spektrum ist, daß im Establishment Rußlands Politiker und Intellektuelle an Einfluß gewonnen haben, deren neoimperiale Visionen ebenfalls revanchis-

23

Die entsprechende Literatur zu diesen Entwicklungen ist aufgelistet in: Umland, Andreas: The Post-Soviet Russian Extreme Right, in: Problems of Post-Communism, Bd. 44, H. 4, 1997, S. 53-61; ders.: Rußlands postsowjetische extreme Rechte. Ein Literaturbericht, in: Benz, Wolfgang (Hg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 7. Frankfurt am Main: Campus 1998, S. 332-351; Umland, Andreas: Rascvet russkogo ul’tranacionalizma i stanovlenie soobščestva ego issledovatelej, in: Forum novejšej vostočnoevropejskoj istorii i kul’tury, 6. Jg., Nr. 1, 2009, S. 5-38, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/forumruss.html. 24 Siehe z.B. Greiffenhagen, Martin: Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland. Frankfurt: Suhrkamp 1986.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

111

tischer Natur sind, deren Bestrebungen jedoch nicht als restaurativ zu bezeichnen sind, sondern als klar revolutionär klassifiziert werden müssen.25
Schema III: Simplifizierte Darstellung ideologischer Spektra im politischen Mainstream ausgewählter zeitgeschichtlicher Situationen: Putins Rußland 20002008 Marginalisierte „Linke“ Jabloko, Union Rechter Kräfte, Sozialdemokraten Ehemalige „Mitte“ Relativ prowestliche Fraktionen in Regierung, Zivilgesellschaft und „Einiges Rußland“ „Rechte“ (Restauration) Nationalisten, „Kommunisten“, Imperiumsbewahrer im Staatsapparat und in „Einiges Rußland“ „Extreme Rechte“ (Revolution) Sog. „LiberalDemokraten“, Internationale Eurasische Bewegung


Heutiges politisches Zentrum in Rußland

Žirinovskijs politische Laufbahn und Expansionspläne
Der wohl berüchtigtste Vertreter der revolutionären Spielart des postsowjetischen Neoimperialismus ist Vladimir Žirinovskij, Führer der so genannten Liberal-Demokratischen Partei (LDP).26 Žirinovskijs Partei entstand unter diesem Namen 1990 zunächst als ein „polittechnologisches“ Projekt des KGB.27 Die LDP hatte, ähnlich einer Reihe anderer damaliger Pseudoparteien mit ebenfalls irreführenden Namen, Anfang der 1990iger offenbar die Aufgabe, eine innere Zerrüttung, politische Spaltung und öffentliche DiffaTsygankov, Andrei P.: From Internationalism to Revolutionary Expansionism. The Foreign Policy Discourse of Contemporary Russia, in: Mershon International Studies Review. Bd. 41, H. 2, 1997, S. 247-268. 26 Eichwede, Wolfgang (Hg.): Der Schirinowski-Effekt. Wohin treibt Rußland? Reinbek: Rowohlt 1994; Conradi, Peter: Schirinowski und der neue russische Nationalismus. Düsseldorf: ECON 1995; Oschlies, Wolf: Wladimir Schirinowski. Der häßliche Russe und das postkommunistische Osteuropa. Köln: Böhlau 1995. 27 Wilson, Andrew: Virtual Politics. Faking Democracy in the Post-Soviet World. New Haven: Yale University Press 2007.
25

112

Andreas Umland

mierung der genuinen liberal-demokratischen Bewegung sowie eine allgemeine Untergrabung des sich herausbildenden pluralistischen Diskurses in der zerfallenden Sowjetunion zu bewirken. Obwohl das Žirinovskij-Projekt dieses offensichtliche Ziel seinerzeit nicht oder nur teilweise erreichte, bewies der Jungpolitiker 1990-1991 größeres politisches Talent und Organisationsvermögen als seine verschiedenen, offenbar ebenfalls vom KGB unterstützten Konkurrenten im pseudodemokratischen Miniparteienspektrum des ancien régimes, wie etwa Valerij Skurlatov von der sog. Russischen Volksfront oder Vladimir Voronin von der sog. Sacharov-Union.28 Es kam im weiteren zu einer Art „Umwidmung“ des politischen Profils der LDP und zu ihrer Verwandlung in ein Sammelbecken antikommunistisch eingestellter Nostalgiker des russischen Imperiums. Auch emanzipierte sich Žirinovskij von seinen geheimdienstlichen Ziehvätern insofern, als er die zunächst tatsächlich liberal anmutende politische Programmatik seiner Partei nicht nur schrittweise in eine manifest neoimperialistische verwandelte, sondern die zunehmend ultranationalistische Doktrin der LDP auch seiner spezifischen fachlichen Expertise und politischen Überzeugung anpaßte.29 In den Jahren 1992-1995 entwickelte Žirinovskij in den offiziellen Organen der LDP sowie weiteren Zeitungs- und Buchpublikationen eine weltpolitische Vision, deren Inhalt seiner persönlichen Biographie und beruflichen Qualifikation geschuldet war.30 Žirinovskij war in Kasachstan aufgewachsen, hatte eine Schule unter KGB-Patronat in Almaty absolviert und im Anschluß am damaligen Ostspracheninstitut der Moskauer Staatlichen Universität Asienkunde mit dem Schwerpunkt Turkologie studiert. Er absolvierte als Student ein Praktikum in der Türkei und war während seines anschließenden Wehrdienstes in Georgien, nach eigenen Aussagen, einer Aufklärungseinheit zugeteilt, die Funksendungen aus der Türkei analysierte.31 Zum Ende der Zweiten Russi28

Umland, Andreas: Zhirinovskii Enters Politics. A Chronology of the Emergence of the Liberal-Democratic Party of the Soviet Union, 1990-1991, in: The Journal of Slavic Military Studies, Bd. 18, H. 1, 2005, S. 15-30. 29 Umland, Andreas: Zhirinovskii in the First Russian Republic. A Chronology of Events 1991-1993, in: The Journal of Slavic Military Studies, Bd. 19, H. 2, 2006, S. 193-241. 30 Umland, Andreas: Wladimir Shirinowskij in der russischen Politik. Einige Hintergründe des Aufstiegs der Liberal-Demokratischen Partei Rußlands, in: Osteuropa, Bd. 44, H. 12, 1994, S. 1117-1131. 31 Umland, Andreas: Zhirinovsky Before Politics. A Curriculum Vitae 1946-1989, in: The Journal of Slavic Military Studies, Bd. 17, H. 3, 2004, S. 425-447.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

113

schen Republik,32 also des politischen Regimes, das von 1991-1993 existierte, entwickelte der nun zum landesweit bekannten Politiker aufgestiegene Turkologe schrittweise eine eigene weltpolitische Vision. Žirinovskij stellte zunächst in den letzten Nummern des ersten LDP-Organs, der unregelmäßig erscheinenden Zeitung „Liberal“ 1992-1993, in einem Interview mit mir im August 1993 in seiner damaligen Moskauer Parteizentrale in der Rybnikov-Gasse33 und schließlich in seiner im September 1993 erschienenen autobiographischen Schrift „Der Letzte Sprung nach Süden“ ein revolutionäres außenpolitisches Programm vor.34 Ausgangspunkt seiner neuartigen imperialistischen Doktrin war, daß die von Žirinovskij so bezeichneten „Südler“ („južane“) schuldig an den historischen Mißerfolgen, verantwortlich für die gegenwärtigen Misere und Träger einer künftigen Bedrohung der Russen seien. Mit „Südlern“ meint Žirinovskij die südlich von Rußland lebenden – in seiner Beschreibung barbarischen und kriegstreiberischen – Völker Vorder- und Zentralasiens einschließlich des Kaukasus. Der LDPFührer entwirft das Schreckbild einer jahrhundertelangen Unterwanderung und künftigen Spaltung Rußlands durch den zersetzenden Einfluß dieses „Südens“. Um die von den „Südlern“ ausgehende Gefahr für die Stabilität Rußlands zu bannen, müsse sich Rußland nicht isolieren, sondern – im Gegenteil – nach Süden ausweiten.35 Žirinovskij schlug in seinen damaligen Reden und Publikationen wiederholt und ausdrücklich vor, daß Afghanistan, der Iran sowie die Türkei Teile des russischen Staates werden und daß in diesen Ländern die russische Armee („russkaja armija“) und der russische Rubel („russkij rubl’“) eingeführt werden müßten.36 Daß es dabei zu Menschenopfern kommen würde, nimmt Žirinovskij billigend in Kauf. Er bemerkt zudem, daß, „auch wenn die gesamte türkische Nation zugrunde ginge, würde die Welt dies verschmerAls Erste Russische Republik kann die weitgehend pluralistische Periode der Provisorischen Regierung bzw. Doppelherrschaft vom März bis Oktober 1917 gelten. 33 Umland, Andreas: The Zhirinovsky Interview, in: The Woodstock Road Editorial. An Oxford Magazine of International Affairs, H. 16, 1994, S. 3-5 bzw. ders.: Ein Gespräch mit Wladimir Schirinowski, in: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte, Bd. 41, H. 2, 1994, S. 114-117. 34 Umland, Andreas: Zhirinovsky's „Last Thrust to the South“ and the Definition of Fascism, in: Russian Politics and Law, Bd. 46, H. 4, 2008, S. 31-46. 35 Koman, Alan J.: The Last Surge to the South. The New Enemies of Russia in the Rhetoric of Zhirinovsky, in: Studies in Conflict & Terrorism, Bd. 19, 1996, S. 279-327. 36 Žirinovskij, Vladimir: O politike vnutrennej i vnešnej, in: Liberal, Nr. 2(12), 1993, S. 4.
32

114

Andreas Umland

zen.“37 Die militärische Aktion zur Verwirklichung von Rußlands „letztem Sprung nach Süden“ würde eine „Wiedergeburt“ der russischen Armee und „Reinigung“ des gesamten russischen Volkes herbeiführen sowie ein „neues“, „glückliches“ Rußland schaffen. Zudem würde die Welt insgesamt von der russischen „Beruhigung“ („uspokoenie“) des „Südens“ profitieren. Die Verwirklichung von Rußlands „letztem Sprung nach Süden“ würde die Neuordnung des internationalen Systems insgesamt einleiten. Der von Žirinovskij als „Süden“ bezeichnete Teil Asiens würde zu Rußlands Einflußsphäre werden, während Europa Afrika, den USA Südamerika und Japan Ostasien als Einflußsphären zufallen würden. Darüber hinaus stellt der LDP-Führer einen „gesamteuropäischen Staat“ in Aussicht, „in dem starke Staaten existieren: Rußland, Deutschland, Frankreich [und] Italien. Sie wären die Grundlage dieses [paneuropäischen] Staates.“38 Dies wäre die letzte Neuaufteilung der Welt. Erst wenn „die russischen Soldaten ihre Stiefel im Indischen Ozean waschen“, wird – so Žirinovskij – Rußland seine historische Mission erfüllt und sich selbst sowie die Welt vor „Kriegen, die immer vom Süden ausgingen,“ endgültig gerettet haben.39 Von Interesse bezüglich des Žirinovskij-Phänomen ist weniger dieses eigenartige Programm als solches. Bemerkenswert ist vielmehr, daß seine LDP im Dezember 1993, d.h. nur wenige Wochen nach der öffentlichen Vorstellung von Žirinovskijs Plan eines „letzten Sprungs nach Süden“ in seinem gleichnamigen autobiographisch-programmatischen Buch im September 1993,40 mit 22,92% die ersten russischen postsowjetischen Parlamentswahlen auf Mehrparteienbasis gewann.41 In den folgenden zwei Jahren stellte die LDP eine der stärksten Fraktionen in der Fünften Staatsduma. Es wurde sowohl von politischen Beobachtern als auch Konkurrenten der LDP darüber spekuliert, ob und inwiefern der beeindruckende Wahlerfolg der Partei 1993 sowie ihr offenes Eintreten für militärische Operationen im „Süden“ einen Bestimmungsfaktor bzw. sogar eine notwendige Bedingung für den Ausbruch des Ersten Tschetschenienkrieges im Dezember 1994 dar37 38

Žirinovskij, Vladimir: Poslednij brosok na Jug. Moskva: Bukvica, Pisatel‘ 1993, S. 130. Žirinovskij: O politike vnutrennej i vnešnej, S. 5. 39 Žirinovskij: Poslednij brosok na Jug, S. 76. 40 Žirinovskij: Poslednij brosok na Jug. 41 Morrison, James W.: Vladimir Zhirinovsky. An Assessment of a Russian UltraNationalist. Washington: National Defense University 1994.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

115

stellten.42 Bedeutsam war ebenfalls, daß Žirinovskijs Triumph vom Dezember 1993 zwar der bislang größte Wahlerfolg der LDP blieb, die Partei jedoch in den folgenden vier Staatsdumawahlen stets die Fünf- bzw. inzwischen Siebenprozenthürde zum Eintritt in das Unterhaus der Föderalen Versammlung überwand und damit als die inzwischen älteste postsowjetische politisch relevante Partei gelten darf (insofern als die ohnehin jüngere KPRF, 1993 gegründet, nicht als uneingeschränkt „postsowjetisch“ klassifiziert werden kann).43 Das aus zeithistorischer Sicht Interessante an Žirinovskij ist weniger die offensichtliche Absurdität seiner Agenda als solche, sondern daß er es nach dessen Veröffentlichung vermochte, mit seiner Partei auf den politischen Olymp aufzusteigen und bis heute dort zu verbleiben. Es gab und gibt im postsowjetischen Rußland eine Vielzahl mehr oder minder profilierter politischer Akteure und Publizisten mit ähnlich widersinnigen Zukunftsvisionen, wie die Žirinovskijs. Allerdings sind nur wenige Konkurrenten Žirinovskijs am rechten Rand, wie z.B. der Juraprofessor und langjährige Parlamentsabgeordnete Sergej Baburin, politisch so hoch aufgestiegen wie der LDP-Führer. Kein anderer ähnlich ausgerichteter Parlamentarier Rußlands hat so dauerhaft solch hohe politische Ämter in Rußland bekleidet wie Žirinovskij. Der LDP-Chef fungierte zunächst für einige Zeit als Fraktionschef seiner Partei in der Staatsduma und bekleidet nun bereits seit etlichen Jahren die Funktion eines Stellvertretenden Vorsitzenden der Staatsduma,

42

Diese Meinung haben unter anderem geäußert: der führende russische demokratische Politiker Grigorij Javlinskij in der Fernsehsendung Itogi auf dem Kanal „NTV“ (Nezavisimoe televidenie) am 18.12.1995 und Klepikova, Elena/Solovyov, Vladimir: Zhirinovsky. The Paradoxes of Russian Fascism. Harmonsworth: Viking/Penguin 1995, S. VII. 43 Ishiyama, John T.: Red Phoenix? The Communist Party of Post-Soviet Russian Politics, in: Party Politics, Bd. 2, 1996, S. 147-175; Urban, Joan Barth/ Solovei, Valerii: Russia’s Communists at the Crossroads. Boulder 1997; Timmermann, Heinz: Rußlands KP. Zwischen angepaßtem Leninismus und Volkspatriotismus, in: Osteuropa, Bd. 47, 1997, S. 749-761; Davidheiser, Evelyn: The CPRF. Towards Social Democracy or National Socialism?, in: Wyman, Matthew/White, Stephen/ Oates, Sarah (Hg.): Elections and Voters in Post-Communist Russia. Cheltenham: Edward Elgar 1998, S. 240-271; Flikke, Geir: Patriotic Left-Centrism. The Zigzags of the Communist Party of the Russian Federation. In: Europe-Asia Studies, Bd. 51, H. 2, 1999, S. 275-298; March, Luke: For Victory? The Crisis and Dilemmas of the Communist Party of the Russian Federation, in: Europe-Asia Studies, Bd. 53, H. 2, 2001, S. 263-290.

116

Andreas Umland

also eines der formal höchsten politischen Ämter der Russischen Föderation. Žirinovskijs Ideen liegen zwar nach wie vor außerhalb des ideologischen Zentrums der russischen Politik. Anders als noch zu Zeiten El’cins sind er und die Mitglieder seiner Staatsdumafraktion jedoch inzwischen integrale Bestandteile des politischen Establishments Rußlands geworden. Das im postsowjetisch-russischen Kontext hohe Alter der LDP und ihre kontinuierliche politische sowie Medienpräsenz haben dazu geführt, daß die Partei ein unerwartet nachhaltig relevantes politisches Phänomen geworden ist. Etliche LDP-Funktionäre machten sowohl unter El’cin als auch unter Putin politische Karrieren. Im Jahr 2007 wurde z.B. ein LDP-Deputierter, der langjährige Putin-Vertraute und ehemalige St. Petersburger Lokalpolitiker Vladimir Čurov, mit einer für das neoautoritäre Regime Rußlands bedeutsamen öffentlichen Funktion betraut – Čurov wurde zum Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission der Russischen Föderation ernannt. Insbesondere war es dem LDP-Führer gelungen seine Partei sowohl über den Machtwechsel von El’cin zu Putin 1999-2000 hinüberzuretten als auch den neuen politischen Gegebenheiten unter dem zweiten russischen Präsidenten ab Frühjahr 2000 anzupassen. Womöglich aufgrund seines KGBHintergrundes schaffte es der Ultranationalist offenbar, einen modus vivendi mit den „Polittechnologen“ des Kreml zu finden und sich als „rechter“ Flügel der informellen Koalition proputinscher Fraktionen in der Staatsduma neu zu erfinden, ja seine Position im russischen Politestablishment weiter zu stärken. 2006 wurde Žirinovskij von Präsident Putin persönlich mit dem „Orden für Verdienste um das Vaterland 4. Grades“ ausgezeichnet – ein Vorgang, der unter El’cin kaum vorstellbar gewesen wäre. Es ist bemerkenswert, daß die LDP von den Polittechnologen des Kreml offenbar bewußt funktionstüchtig gehalten und in der Staatsduma belassen wurde. Aufgrund dieser und anderer Entwicklungen kann man Žirinovskij und seine Partei als zwar immer noch am äußersten rechten Rand des kremlkontrollierten Parteienspektrums angesiedelt, jedoch nichtsdestoweniger als nunmehr als vollwertigen Teil des relevanten politischen Spektrums der Russischen Föderation betrachten.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

117

Aleksandr Dugin und seine „neoeurasische“ Bewegung
Ähnliches gilt für einen anderen Moskauer politischen Akteur, Aleksandr Dugin, Gründer und Vorsitzender der Meždunarodnoe „Evrazijskoe dviženie“ (Internationalen „Eurasischen Bewegung“ – MED).44 Dugins Neoimperialismus unterscheidet sich zwar in vielen Punkten von der außenpolitischen Vision Žirinovskijs. Das expansionistische Programm des Führers der MED kann jedoch ebenfalls als „revolutionär“ bezeichnet werden – auch wenn sich das Dugin- und Žirinovskij-Phänomen in anderer Hinsicht prinzipiell unterscheiden. Dugin ist im Gegensatz zu Žirinovskij nicht nur kein Parteipolitiker und agiert stattdessen auf der metapolitischen Ebene;45 d.h. Dugin versucht mit einer Vielzahl von Publikationen, Netzwerkaktivitäten und Medienauftritten auf das Denken der politischen und intellektuellen Eliten Rußlands Einfluß zu nehmen.46 Dugin unterscheidet sich auch dahingehend von Žirinovskij, daß er nicht primär auf den „Süden“, sondern auf den „Westen“ fixiert ist. Dugin betrachtet stärker noch als Žirinovskij die USA als historischen, gegenwärtigen sowie künftigen Hauptfeind Rußlands und gründet diese Ansicht auf eine verschwörungstheoretische Reinterpretation der gesamten Menschheitsgeschichte. Der Führer der russischen, so genannten „Neoeurasier“ entwirft in seinen Hunderten von elektronischen und gedruckten Veröffentlichungen das Bild einer uralten Auseinandersetzung zwischen den atlantischen, liberalen Seemächten („Thallasokratien“), die nunmehr unter der Führung der USA ste44

Leonid Luks: Zum „geopolitischen“ Programm Aleksandr Dugins und der Zeitschrift Ėlementy – eine manichäische Versuchung?, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, Bd. 6, H. 1, 2002, S. 43-58; ders.: Eurasien aus neototalitärer Sicht. Zur Renaissance einer Ideologie im heutigen Rußland, in: Totalitarismus und Demokratie, Bd. 1, H. 1, 2004, S. 63-76; Höllwerth, Alexander: Das sakrale eurasische Imperium des Aleksandr Dugin. Eine Diskursanalyse zum postsowjetischen russischen Rechtsextremismus. Stuttgart: ibidem-Verlag 2007. 45 Umland, Andreas: Postsowjetische Gegeneliten und ihr wachsender Einfluss auf Jugendkultur und Intellektuellendiskurs in Rußland. Der Fall Aleksandr Dugin 1991-2004, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, Bd. 10, H. 1, 2006, S. 115-47. 46 Ivanov, Vladimir: Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke. Fakten und Hypothesen zu den internationalen Verflechtungen der russischen Neuen Rechten. Stuttgart: ibidem-Verlag 2007.

118

Andreas Umland

hen, auf der einen Seite und den eurasischen, traditionalistischen Landmächten („Tellurokratien“), welche heute von Rußland angeführt werden, auf der anderen Seite. Der zivilisatorische, politische und militärische Konflikt „Eurasiens“ mit der See nähert sich heute seinem „Endkampf“, wobei Dugin diesen historisch belasteten deutschen Begriff teils ohne Übersetzung ins Russische verwendet. Rußland müsse für seine Neugeburt im Innern eine „konservative Revolution“, d.h. eine Ausmerzung jeglichen westlichen Einflusses in seinem gesellschaftlichen Leben, verwirklichen und in seinen Außenbeziehungen auf die Schaffung eines mächtigen eurasischen Superimperiums bestehend aus mehreren Teilimperien unter der Führung Rußlands drängen. Wie genau diese verschiedenen imperialen Groß- und Teilprojekte aussehen, unterscheidet sich erheblich in Dugins Zukunftsvisionen – je nach Buch, Rede bzw. Artikel. Klar ist lediglich, daß Rußland langfristig nur als Imperium existieren kann und als Nationalstaat in seinen jetzigen Grenzen sowie mit seinem derzeitigen Einflußbereich untergehen wird. Im Idealfall würde ein Großimperium von Dublin bis Vladivostok mit der Hauptstadt Moskau entstehen oder sich zumindest eine Achse Paris-BerlinMoskau-Teheran-Tokio bzw. -Peking herausbilden, die sich gemeinsam der Expansion der angloamerikanischen maritimen Zivilisation entgegenstellen würde. Damit geht Dugin weit über den restaurativen Expansionismus der „Sowjetreaktionäre“ hinaus und kann, wie auch der LDP-Führer, als revolutionärer Imperialist klassifiziert werden.47 Dugin bezeichnet sich selbst als „Neoeurasier“ und nimmt für sich in Anspruch, die Tradition der klassischen Eurasier der russischen Emigration im Europa der Zwischenkriegszeit fortzusetzen.48 Tatsächlich jedoch ist seine intellektuelle Biographie vom Einfluß nichtrussischer, meist westlicher Autoren geprägt – allen voran vom euroamerikanischen so genannten „Integralen Traditionalismus“ des 20. Jahrhunderts,49 vom deutschen so ge47

Shekhovtsov, Anton: The Palingenetic Thrust of Russian Neo-Eurasianism. Ideas of Rebirth in Aleksandr Dugin’s Worldview, in: Totalitarian Movements and Political Religions, 9. Jg., H. 4, 2008, S. 491-506. 48 Wiederkehr, Stefan: „Kontinent Evrazija“ – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins, in: Kaiser, Markus (Hg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Bielefeld: Transcript 2004, S. 25-138. 49 Sedgwick, Mark: Against the Modern World: Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century. New York: Oxford University Press, 2004; Shekhovt-

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

119

nannten „Nationalbolschewismus“ und „Jungkonservatismus“ der zwanziger Jahre50 und von der heutigen frankophonen „Neuen Rechten“,51 die sich in Reaktion auf die 68er-Bewegung und Anlehnung an die deutsche „Konservative Revolution“ der Zwischenkriegszeit Ende der 1960er formiert hat.52 In den 1990ern, als er noch eine relative marginale Figur in der Moskauer Politikszene war,53 ging Dugin überdies soweit, seine Ideologie offen in die Tradition des internationalen Faschismus zu stellen, bestimmte Aspekte des Nazismus zu loben und das Dritte Reich als wichtigste Ausprägung des von ihm präferierten „Dritten Weges“ vorzustellen.54 In einer seiner Frühschriften bezeichnete er den Organisator des Holocaust SSObergruppenführer Reinhard Heydrich gar als „überzeugten Eurasier“. Unter dem Pseudonym „Aleksandr Šternberg“ publizierte Dugin 1994 ein Gedicht bzw. einen Liedtext, in welchem er die Wiederauferstehung von Heinrich Himmler beschwört.55 In einer weiteren seiner frühen politischen

sov, Anton/Umland, Andreas: Is Dugin a Traditionalist? „Neo-Eurasianism“ and Perennial Philosophy, in: The Russian Review, Bd. 68, H. 4, 2009, S. 662-67. 50 Luks, Leonid: Der „Dritte Weg“ der „neo-eurasischen“ Zeitschrift „Ėlementy“ – zurück ins Dritte Reich? in: Studies in East European Thought, Bd. 52, H. 1-2, 2000, S. 49-71. 51 Marlène Laruelle: Aleksandr Dugin. A Russian Version of the European Radical Right?, in: Kennan Institute Occasional Papers, Nr. 294, 2006, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.wilsoncenter.org/news/docs/OP294.pdf; Shekhovtsov, Anton: Aleksandr Dugin’s Neo-Eurasianism. The New Right à la Russe, in: Religion Compass, Bd. 3, Nr. 4, 2009, S. 697-716. 52 Bar-On, Tamir: Where Have All the Fascists Gone? Aldershot: Ashgate, 2007; Griffin, Roger: Plus ça change! The Fascist Pedigree of the Nouvelle Droite, in: Arnold, Edward (Hg.): The Development of the Radical Right in France, 1890-1995. London: Routledge 2000, S. 217-52; Griffin, Roger: Between Metapolitics and Apoliteia. The Nouvelle Droite's Strategy for Conserving the Fascist Vision in the „Interregnum“, in: Modern and Contemporary France, 8. Jg., H. 1, 2000, S. 35-53; Spektorowski, Alberto: The New Right. Ethno-regionalism, Ethno-pluralism and the Emergence of a Neo-fascist „Third Way“, in: Journal of Political Ideologies, 8. Jg., H. 1, 2003, S. 111-30. 53 Mathyl, Markus: „Die offenkundige Nisse und der rassenmäßige Feind“. Die NationalBolschewistische Partei als Beispiel der Radikalisierung des russischen Nationalismus, in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Bd. 9, Nr. 2, 1997, S. 7-15 sowie Bd. 10, Nr. 1, 1998, S. 23-36. 54 Umland, Andreas: Faschismus à la Dugin, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 12, 2007, S. 1432-1435. 55 Šternberg, Aleksandr: Neždannyj nikem Avatara (1994), in: Barbelo-Gnozis (sbornik stikhov), o.O. o.D., URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.arctogaia.com/ public/stihi1.htm. Siehe auch ders.: Absoljutnyj rassvet, in: Imperium.Lenin.ru, o.D. URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://imperium.lenin.ru /LENIN/27/avatara.html; später nochmals veröffentlicht auf Dugins WWW-Seite Arcto.ru als Šternberg, Aleksandr:

120

Andreas Umland

WWW-Publikationen begrüßte er begeistert den Aufstieg eines „faschistischen Faschismus“ in Rußland.56 Trotz dieser Entgleisungen und vieler anderer Verletzungen der russischen politischen Korrektheit gelang Dugin Ende der 1990er ein – wie sich später herausstellte – nachhaltiger Aufstieg ins Moskauer politische Establishment.57 Er wurde 1998 zunächst offizieller Berater des damaligen Vorsitzenden der Staatsduma und KPRF-Abgeordneten Gennadij Seleznev. Später verstand Dugin es, eine Reihe weiterer prominenter politischer und gesellschaftlicher Figuren an seine 2001 gegründete Eurasien-Bewegung zeitweise oder dauerhaft zu binden bzw. von seinen Ideen zu überzeugen. Dies betraf etwa den ehemaligen russischen Kulturminister Aleksandr Sokolov oder den Stellvertretenden Vorsitzenden des Föderationsrates Rußlands Aleksandr Toršin. Auch hat Dugin Verbindungen in die Medienlandschaft und Präsidialadministration geknüpft, so etwa zu dem populären TVKommentator und angeblichen „Lieblingsjournalisten Putins“ Michail Leont’ev, dem putinnahen hohen Regierungsbeamten und ehemaligen KGB-Offizier Viktor Čerkesov58 oder zum ehemaligen Leiter der Ideologiesektion des Exekutivkomitees von Putins Partei „Einiges Rußland“ und heutigen Abteilungsleiter bei der Präsidialadministration der RF Ivan Demidov.59 Nur wenige Monate vor der Übernahme des Amtes des Chefideologen von Rußlands alles beherrschender, so genannter „Partei der Macht“ („partija vlasti“) bezeichnete sich Demidov 2007 in einem Interview für Dugins WWW-Seite Evrazia.org – unter ausdrücklichem Bezug auf die Ideologie Dugins – selbst als einen „überzeugten Eurasier“ und gebrauchte damit ironischerweise dieselbe Formulierung, die Dugin 15 Jahre
Neždannyj nikem Avatara, in: Vtorženie. Otdel’nyj vypusk, Nr. 2, 2001, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://arcto.ru/modules.php?name=News&file=article&sid=723. 56 Dugin, Aleksandr: Fascism – borderless and red, in: Griffin, Roger/Loh, Werner/Umland, Andreas (Hg.): Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2006, S. 505-510. 57 Markus Mathyl: Der „unaufhaltsame Aufstieg“ des Aleksandr Dugin. NeoNationalbolschewismus und Neue Rechte in Russland, in: Osteuropa, Bd. 52, H. 7, 2002, S. 885-900. 58 Limonov, Eduard: Kak nado ponimat‘, in: Limonka, Nr. 306, 2006, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://limonka.nbp-info.ru/306_article_1159259357.html. 59 Umland, Andreas: Moscow's New Chief Ideologist – Ivan Demidov, in: OpEdNews, 26.8.2008, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.opednews.com/articles/ genera_andreas__080423_moscow_s_new_chief_i.htm.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

121

zuvor, wie erwähnt, für den „Stellvertreter des Reichsführers SS“ Heydrich verwandt hatte.60 Zwar hat Dugin im Zusammenhang mit seinem Aufstieg ins Moskauer politische Establishment seit Ende der Neunziger eindeutige profaschistische Aussagen wie die oben zitierten vermieden. Er gebärdet sich heute gar als „Antifaschist“ und scheut sich nicht, politische Gegner als „Faschisten“ oder „Nazis“ zu verunglimpfen. Allerdings gab Dugin noch im Jahre 2006 in verklausulierter, aber letztlich eindeutiger Form neuerlich seine Nähe zum deutschen Faschismus zu. In einer Rundfunksendung erklärte er freimütig, daß er den Ideen der deutschen Gebrüder Strasser nahe steht, wobei Dugin in diesem Radiointerview die Strasser-Brüder als Gegner Adolf Hitlers darstellte. Dugin „vergaß“ allerdings zu erwähnen, daß Otto und Gregor Strasser seinerzeit selbst führende Nazis sowie Ende der Zwanziger maßgeblich an der Umwandlung der NSDAP in eine Massenpartei beteiligt waren. Die Strasser-Brüder entwickelten sich später zu Opponenten Hitlers innerhalb der NSDAP, bevor sie schließlich einer nach dem anderen als Konkurrenten des „Führers“ die Nazipartei verlassen mußten.61 Obwohl Dugin somit vor nicht allzu langer Zeit nochmals implizit seine Nähe zum klassischen Faschismus der Zwischenkriegszeit bekräftigt und an keiner Stelle seine explizit profaschistischen Aussagen aus den Neunzigern dementiert oder zurückgenommen hat, ist er nach wie vor ein angesehener bzw. weiter an Ansehen gewinnender Politikkommentator in den kremlgesteuerten Massenmedien. Er wird als „Experte“ auf der Webseite Kreml.org geführt und wurde im Sommer 2008 von der renommiertesten Hochschule Rußlands, der Moskauer Staatlichen Universität, zum Professor sowie Leiter des sog. Zentrums für konservative Studien der Fakultät für Soziologie der Lomonosov-Universität ernannt.62 Freilich kann Dugin aufgrund derartiger Beobachtungen noch nicht als Chefideologe Putins oder Repräsentant der heutigen russischen außenpoliti60

Umland, Andreas: Koričnevaja strelka. Vzlet Meždunrodnogo „Evrazijskogo dviženija“, in: Kontinent, Nr. 141, 2009, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://magazines.russ.ru/continent/2009/141/um13.html. 61 Umland, Andreas: Pathological Tendencies in Russian „Neo-Eurasianism“. The Significance of the Rise of Aleksandr Dugin for the Interpretation of Public Life in Contemporary Russia, in: Russian Politics and Law, Bd. 47, H. 1, 2009, S. 76-89. 62 Umland, Andreas: Fascist Tendencies in Russia's Political Establishment. The Rise of the International Eurasian Movement, in: Russian Analytical Digest, Nr. 60, 2009, S. 1317.

122

Andreas Umland

schen Doktrin gelten. Nichtsdestoweniger stellt Dugins extremer Antiamerikanismus und revolutionärer Neoimperialismus heute – ähnlich wie Žirinovskijs Ideologie – einen zwar am Rande des politischen Mainstreams gelegenen, aber noch innerhalb der Hauptströmungen der russischen Politik befindlichen integralen Bestandteil des gesamtnationalen öffentlichen Diskurses der postsowjetischen Eliten dar.63 Es würde zwar zu weit gehen, einen direkten Einfluß Žirinovskijs oder Dugins auf die heutige russische Außenpolitik zu behaupten, wie dies bezüglich des „Neoeurasiers“ etwa der Rußlandreporter der Financial Times Charles Clover bereits 1999 getan hatte.64 Jedoch ist unbestreitbar, daß diese beiden Ideologen sowie eine Reihe weiterer, ähnlich extravaganter revanchistischer politischer Publizisten sich unter Putin stärker als zuvor an der Strukturierung des russischen Ideenspektrums sowie außenpolitischen Denkens beteiligen.65 In den neunziger Jahren waren Žirinovskij, Dugin und Co. zwar bereits in den Massenmedien und im Elitendiskurs präsent, jedoch ideologisch marginalisiert und politisch stigmatisiert. Heute dagegen sind sie gleichberechtigte Teilnehmer an tagespolitischen Diskussionen in den zentralen Fernsehkanälen sowie mehr oder minder vielbeachtete Beiträger zu politischen Debatten auf Konferenzen und Workshops sowie in Periodika mit föderaler, ja teilweise internationaler Bedeutung.66

Umland, Andreas: Pravoradikal’nyj ideolog stanovitsja professorom veduščego VUZa Rossii, in: InoSMI.ru, 20.11.2008, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://inosmi.ru/world/20081120/245520.html. 64 Clover, Charles: Dreams of the Eurasian Heartland. The Re-emergence of Geopolitics, in: Foreign Affairs, Bd. 78, H. 2, 1999, S. 9-13. 65 Shenfield, Stephen D.: Russian Fascism. Traditions, Tendencies, Movements. Armonk: M.E. Sharpe 2001. 66 Siehe z.B. Dugin, Alexander: Kondopoga. A Warning Bell, in: Russia in Global Affairs, Nr. 4, 2006, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://eng.globalaffairs.ru/ engsmi/1061.html. Zum im WWW annoncierten Redaktionskollegium dieser Zeitschrift gehören, neben mehreren prominenten Russen, auch bekannte Vertreter der westlichen Öffentlichkeit wie z.B. Martti Ahtisaari, Graham Allison, Helmut Kohl, Carl Bildt, Karl Kaiser und Horst Teltschik. Vgl. URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://eng.globalaffairs.ru/about/#board.

63

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

123

Schlußfolgerungen
Ein restaurativer Neoimperialismus, der in den Neunzigern noch am Rande des politischen Mainstreams vegetierte, ist heute Bestandteil der außenpolitischen Doktrin Rußlands. Das hat, wie zu zeigen versucht wurde, u.a. damit zu tun, daß sich „rechts“ von dieser irredentistischen Strömung eine weitere revanchistische Denkschule im politischen Spektrum etabliert hat, die als revolutionär zu bezeichnen ist und u.a. von Žirinovskij sowie Dugin repräsentiert wird. Zwar lassen sich in der Politik des russischen Außenministeriums bislang noch keine offen revolutionär-imperialistischen Elemente entdecken. Der innerrussische Diskurs um künftige Ziele und Methoden russischer Außenpolitik wird jedoch von den besonders radikalen Forderungen Žirinovskijs, Dugins und ähnlicher Ideologen heute mitbeeinflußt.67 Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die Gründe für die Aggressivität der jüngeren Verlautbarungen Putins und nunmehr auch Medvedevs interpretieren. Als Medvedev vor seiner Amtsübernahme noch relativ niedrige Positionen in der Putinschen Machtvertikale einnahm und unter direkter Patronage des damaligen Präsidenten stand, war er ungebunden genug, seine Nähe zu europäischen Grundwerten wiederholt öffentlich deutlich machen zu können.68 Seit seiner Machtübernahme als Präsident der Russischen Föderation ist Medvedev allerdings gezwungen, sich mit den verschiedenen Gruppierungen des gesamten Spektrums des russischen politischen Mainstreams auseinanderzusetzen. Er sieht sich hierbei nicht nur mit starken restaurativen imperialen Tendenzen in vielen Teilen des Staatsapparates und der Zivilgesellschaft konfrontiert, sondern muß beim Versuch, seine Position im föderalen Machtgefüge zu konsolidieren, auch die noch extremeren Forderungen revolutionärer Revanchisten wie Žirinovskij und Dugin berücksichtigen. Insofern als Putin und seine Gehilfen in den vergangenen Jahren einen radikalen Antiamerikanismus hof- und mehrheitsfähig gemacht haben, verUmland, Andreas: Neue ideologische Fusionen im russischen Antidemokratismus. Westliche Konzepte, antiwestliche Doktrinen und das postsowjetische politische Spektrum, in: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hg.): Gefährdungen der Freiheit. Extremistische Ideologien im Vergleich. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, S. 371-406. 68 Umland, Andreas: A second Gorbachev?, in: Prospect, 28.3.2008, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://www.prospectmagazine.co.uk/2008/03/asecondgorbachev/.
67

124

Andreas Umland

schaffte der ehemalige KGB-Offizier Demagogen wie Dugin politischen Raum. Im Ergebnis der unter Putin grundlegend gewandelten Medien- und Informationspolitik ist es heute in der Russischen Föderation ein kaum noch hinterfragter Allgemeinplatz, daß weniger die Erblasten der sowjetischen Vergangenheit als der Westen und insbesondere die USA für eine Vielzahl jüngerer, aus russischer Sicht negativer Entwicklungen in und um Rußland verantwortlich sind. Vor diesem Hintergrund erscheint die noch umfassendere Kampfansage Žirinovskijs, Dugins und ähnlich ausgerichteter Ideologen an die westliche Welt sowie deren Vorschlag der Bildung völlig neuer Großreiche, ihr revolutionärer Imperialismus, in gewisser Hinsicht eine konsequentere Antwort auf die angebliche amerikanische Bedrohung zu sein, als die lediglich irredentistischen Bestrebungen der „Sowjetreaktionäre“.69 Putins und Medvedevs Statements reflektieren zwar nicht die revolutionär-imperialen Pläne der extremen Rechten. Ihre öffentlichen Positionierungen sind jedoch teilweise der inzwischen kontinuierlichen Präsenz von revolutionärem Expansionismus in den allwöchentlich von Massenmedien und auf Expertenforen transmittierten politischen, journalistischen und akademischen Debatten geschuldet.70 So ist der relativ liberal eingestellte, neue russische Präsident gezwungen, gegen potentielle und tatsächliche Rechtsaußenkritik eine hinreichend breite Allianz zu bilden, die es ihm erlaubt, eine Festigung seiner Stellung als formal mächtigster Politiker Rußlands durchzusetzen. Die Logik des zwar verdeckten, aber weiterhin existenten russischen politischen Wettbewerbs treibt ihn vor dem Hintergrund der oben illustrierten Neuaufteilung des politischen Spektrums in die Arme der „Sowjetreaktionäre“. Würde Medvedev auf einer ungeschmälerten Implementierung seiner im wesentlichen prowestlichen Agenda und einer weitgehenden Annäherung mit der EU und den USA insistieren, liefe er Gefahr, eine breite Allianz aus machtpolitischen Zynikern, „Sowjetreaktionären“ sowie extremen Rechten gegen sich zu mobilisieren und damit womöglich seine politische Marginalisierung oder gar Entmachtung zu provozieren.
69

Umland, Andreas: Russischer Rechtsextremismus im Lichte der jüngeren theoretischen und empirischen Faschismusforschung in: Osteuropa, Bd. 52, H. 7, 2002, S. 901-913; ders.: „Neoeurasismus“ und Antiamerikanismus als Grundbestandteile des außenpolitischen Denkens in Russland, in: Russland-Analysen, Nr. 174, 2008, S. 11-14. 70 Ders.: Conceptual and Contextual Problems in the Interpretation of Contemporary Russian Ultranationalism, in: Russian Politics and Law, Bd. 46, H. 4, 2008, S. 6-30.

Restauratives versus revolutionäres imperiales Denken

125

Abschließend kann man daher prognostizieren, daß wenn der erstarkte russische Rechtsextremismus und revolutionäre Imperialismus nicht eingedämmt, als neofaschistisch stigmatisiert und aus den Massenmedien verdrängt wird, zu erwarten ist, daß sich die Beziehungen zwischen Rußland und dem Westen weiter verschlechtern werden. So lange wie relativ prowestliche Akteure an der Spitze Rußlands gezwungen sein werden, um mehrheitsfähige Koalitionen im Kontext eines politischen Establishments zu ringen, welches revolutionäre Revanchisten als legitime öffentliche Diskursteilnehmer einschließt, wird sich das politische Zentrum des heutigen Rußlands weiterhin um das Ziel einer wenigstens teilweisen Restauration des russischen Reiches gruppieren.71

Ders.: The Unpopular Prospect of World War III. The 20th Century Is Not Over Yet, in: History News Network, 16.1.2009, URL (zuletzt geöffnet am 27.11.2009) http://hnn.us/roundup/entries/60004.html.

71

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful