Kommunikationswissenschaft

Die Orientierungsleistung technischer Internetaggregatoren aus Nutzersicht.
– Eine Befragung der Nutzer von rivva.de

Hausarbeit zur Erlangung des Grades eines Magister Artium der Philosophischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Westfalen

Vorgelegt von Markus Bertling aus Haselünne 2010

Inhalt

Inhalt
Abstract 1. Einleitung 2. Hintergründe
2.1 Habitualisierte Internetnutzung 2.2 Aktive Nutzer des Social Web 2.3 Die Informationsexplosion

3! 4! 6! 6! 8! 11! 15! 18! 20! 23! 26! 28! 29! 32! 35! 38! 41! 41! 41! 49! 49! 49! 51! 51! 53! 55! 55! 55! 56! 57! 57! 57! 58! 58! 59!
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3. Technische Orientierungsleistungen
3.1 Orientierungsleistungen im Internet
3.1.1 Journalistische Orientierungsangebote im Internet 3.1.2 Partizipative Orientierungsangebote im Internet 3.1.3 Technische Orientierungsangebote im Internet

3.2 Technische Internetaggregatoren als funktionale Äquivalente?
3.2.1 Leistungsfähigkeit technischer Internetaggregatoren 3.2.2 Folgen technischer Orientierungsangebote

3.3 Remediation durch technische Orientierungsangebote? 3.4 Charakterisierung des technischen Orientierungsangebotes rivva.de

4. Forschungsfragen
4.1 Forschungsleitende Frage 4.2 Weiterführende Forschungsfragen

5. Methodik
5.1 Konzeption der Untersuchung 5.2 Erstellung und Durchführung der Umfrage 5.3 Analyse der Stichprobe 5.4 Treatment-Check 5.5 Methodisches Vorgehen im Hinblick auf die Fragestellung
5.5.1. Unabhängige Variable 5.5.1.1 Rezeptionsart und -häufigkeit 5.5.1.2 Ausmaß der Selektivität 5.5.1.3 Dauer der Nutzung von rivva.de 5.5.2. Abhängige Variablen 5.5.2.1 Erwartung einer Orientierungsleistung im Social Web 5.5.2.2 Wahrnehmung einer Orientierungsleistung von rivva.de 5.5.2.3 Bewertung einer Orientierungsleistung von rivva.de 5.5.2.4 Erwartung journalistischer Orientierungsleistung von rivva.de 5.5.2.5 Wahrnehmung von rivva.de als journalistisches Angebot

Inhalt 5.5.2.6 Bewertung der Orientierungsleistung journalistischer Angebote 5.5.2.7 Rezeptionsverhalten anderer Angebote neben rivva.de 5.5.2.8 Kritische Rezeption des Angebotes von rivva.de 5.5.2.9 Evaluation der Reaktionen auf eigene Beiträge 5.5.3. Intervenierende Variablen 5.5.3.1 Erfassung eigener Beiträge 5.5.3.2 Journalistischer Hintergrund 5.5.3.3 Bekanntheit der Autoren 59! 60! 60! 60! 61! 61! 61! 62!

5.6 Vorgehensweise bei der Auswertung der Erhebungsdaten

62!

6. Ergebnisse der Onlinestudie
6.1 Forschungsfrage 1 6.2 Forschungsfrage 2 6.3 Forschungsfrage 3
6.3.1 Forschungsfrage 3a 6.3.2 Forschungsfrage 3b 6.3.3 Forschungsfrage 3c

6.4. Forschungsfrage 4
6.4.1 Forschungsfrage 4a 6.4.2 Forschungsfrage 4b 6.4.3 Forschungsfrage 4c

6.5 Forschungsfrage 5
6.5.1 Forschungsfrage 5a 6.5.2 Forschungsfrage 5b 6.5.3 Forschungsfrage 5c

6.6 Ergebnisübersicht

67! 67! 69! 70! 73! 75! 76! 77! 77! 79! 80! 81! 81! 83! 84! 85! 87! 87! 94! 96! 98! 99! 107! 107! 107! 108! 109! 110!

7. Fazit
7.1 Diskussion der Ergebnisse 7.2 Limitation der Studie 7.3 Weiterführende Forschung

8. Schlussbetrachtung 9. Literaturverzeichnis 10. Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen
10.1 Tabellen 10.2 Abbildungen 10.3 Websites

11. Eidesstattliche Versicherung 12. Anhang: Elektronische Daten zur Magisterarbeit

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Abstract

Abstract
Die durch das World Wide Web entstandene Informationsflut wirft die Frage auf, wodurch im Internet verlässliche Orientierung gewährleistet werden kann. Insbesondere das Potential technischer Orientierungsangebote ist weitgehend unerforscht. Die vorliegende Arbeit untersucht exemplarisch die Orientierungsleistungen des technischen Internetaggregators rivva.de aus Nutzersicht. Dazu wurden in einer quantitativen Studie 491 Fragebögen einer Online-Befragung analysiert und interpretiert. Das Angebot von rivva.de vermag etablierte Orientierungsangebote nicht zu ersetzen. Vielmehr besetzt der Dienst als Ergänzung zu bisherigen Angeboten eine eigene Nische als vornehmliches Orientierungsangebot über Diskussionen innerhalb der Blogosphäre und der deutschsprachigen Twitter-Landschaft. Dabei wird rivva.de nicht explizit als journalistisches Format angesehen, sondern als zusätzliches Orientierungsangebot neben diesen rezipiert, welches Dank seiner Quellenvielfalt eine multiperspektivische Sichtweise auf einzelne Themenkomplexe ermöglicht.

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1. Einleitung

1. Einleitung
In Zeiten veränderter Mediennutzung, erodierender Anteile klassisch journalistischer Informationsvermittlung und einer zeitgleich anschwellenden Informationsflut im Internet stellt sich die Frage, wie zukünftig verlässliche Orientierung in einer komplexen Informationsgesellschaft gewährleistet werden kann. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, auf welche Art technische Internetaggregatoren welche Ausprägungen von Orientierungsleistungen bereitstellen können. Die folgenden Denkanstöße sollen für die in dieser Magisterarbeit aufgespannte Thematik sensibilisieren und der Einleitung in das komplexe Themenfeld dienen. Nicht nur der konstante Rückgang hinsichtlich der Reichweiten deutscher Tageszeitungen (vgl. BDZV 2009), sondern beispielsweise auch die Forderung Hubert Burdas nach staatlicher Subventionierung der bisher auf Unabhängigkeit bedachten Verlage (vgl. Burda 2009) indizieren tiefe Verunsicherungen professioneller Informationsanbieter aufgrund des durch das Internet hervorgerufenen Wandels. Die Verlagerung der Informationssuche ins Internet hat gravierende Auswirkungen auf die bis vor Kurzem übliche Bereitstellung von Orientierungsleistungen durch professionelle Vermittler. Die daraus erwachsenden Veränderungen werden beständig evidenter. Clay Shirky, Assistenzprofessor für Neue Medien an der New York University, benennt im Essay „Newspapers and Thinking the Unthinkable“ das Dilemma der Verlage:
„It makes increasingly less sense even to talk about a publishing industry, because the core problem publishing solves — the incredible difficulty, complexity, and expense of making something available to the public — has stopped being a problem.“ (Shirky 2009b)

In Analogie zur Revolution des Buchdrucks verdeutlicht Shirky die Ratlosigkeit angesichts der Entwicklungen. Der bisher bekannten gesellschaftlich gewünschten – wirtschaftlich jedoch langfristig kaum tragbaren – Vermittlung des Journalismus per Zeitungsangebot der Verlage prophezeit er das baldige Ende, ohne Alternativen nennen zu können. Stattdessen postuliert er eine Phase vielfältiger Experimente, aus denen sich langfristig eine Lösung für die Vermittlung gesellschaftlich relevanter Informationen heraus kristallisieren werde. Frank Schirrmacher, Journalist und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bemerkt in seinem Buch ‚Payback’, er komme nicht mehr mit. „Das Verhältnis meines Gehirns zur Informationsflut ist das der permanenten würdelosen Herabwürdigung.“ (Schirrmacher 2010: 14). Er sieht sich einer nicht zu bewältigenden Informationsflut gegenüber, befürchtet gar den
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1. Einleitung

Verlust der Kontrolle über die eigenen Gedanken und Handlungen (vgl. ebd.: 54). In einem Portrait spricht Frank Westphal, Entwickler des technischen Internetaggregators rivva.de, davon, die „lernende Zeitung“ zu erschaffen, „eine Frank-Schirrmacher-Maschine, die umso besser wird, je länger man sie benutzt“ (Michal 2010). Er möchte die gefürchtete Informationsflut durch die von Schirrmacher verschmähten Maschinen nutzbar und vor allem handhabbar machen. Westphals erster Entwurf dieser Maschine ist der technische Internetaggregator rivva.de. Das Angebot erfasst automatisiert in Weblogs und beim Microblogging-Dienst Twitter verlinkte Artikel und sortiert diese nach Diskussionsstand und Aktualität. Es bietet somit ein technisch vermitteltes Angebot zur Orientierung im World Wide Web. Die durch das Internet entstandene Informationsflut sowie die Hoffnung auf Beherrschbarkeit dieses Problems durch technische Hilfen spannen das in dieser Arbeit beleuchtete Forschungsfeld auf. Es ist fraglich, wodurch im langfristig zentralen Medium Internet verlässliche Orientierung gewährleistet werden kann. Das neu erzeugte Ausmaß an Kontingenz bei der Auswahl von Orientierungsangeboten gebietet für kommunikationswissenschaftliche Forschung den Blick auf bisher noch ungenügend untersuchte Alternativen zu bisher etablierten Vermittlungsformen von Kommunikation. Die vorliegende Arbeit untersucht aus diesem Grund exemplarisch die Orientierungsleistungen des technischen Internetaggregators rivva.de aus Nutzersicht. Wie leistungsfähig ist dieser technische Vermittler? Wer nutzt das Angebot von rivva.de? Können journalistische Orientierungsleistungen durch technische Vermittlung erbracht oder gar substituiert werden? Diesen Fragen will die vorliegende Ausarbeitung nachgehen. Dazu werden zunächst Hintergründe und theoretische Grundlagen technischer Orientierungsangebote und angrenzender Themenfelder analysiert. Anschließend werden die methodische Konzeption, die Durchführung der Studie und die erzielten Ergebnisse dargestellt. Im Fazit werden Schlüsse aus den dargelegten Forschungsergebnissen gezogen, Kritikpunkte an der realisierten Erhebung beschrieben und auf Anknüpfungspunkte weiterer Forschung verwiesen. Die Arbeit schließt mit der zusammenfassenden Schlussbetrachtung.

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2. Hintergründe

2. Hintergründe
Bevor die vorliegende Magisterarbeit auf das Hauptthema abhebt, soll in den folgenden Abschnitten die Basis für die anschließenden Ausführungen gelegt werden. Es werden daher zunächst die grundsätzlich tangierten Themenbereiche nachvollzogen. Dazu wird die Entwicklung der allgemeinen Internetnutzung in Deutschland nachvollzogen. Tiefergehend wird anschließend die Gruppe der aktiven Nutzer des ‚Social Web’ analysiert. Mit der Ausbreitung des World Wide Web sowie insbesondere der Partizipation einer Vielzahl von Nutzern geht ein massiver Anstieg an verfügbaren Informationen einher. Die Auswirkungen einschließlich der Chancen und Probleme, die diese Informationsflut hervorruft, werden abschließend multiperspektivisch beleuchtet.

2.1 Habitualisierte Internetnutzung
Im Jahr 2009 zeigt sich eine weiterhin zunehmende Verbreitung des Internets in Deutschland. Zentrale Studien belegen neben den seit Jahren steigenden Nutzungszahlen zudem die Tradierung der Internetnutzung. Im Jahr 2009 nutzen laut ARD/ZDF-Onlinestudie 67,1 Prozent der deutschen Bevölkerung ab dem 14. Lebensjahr zumindest gelegentlich das Internet – dies entspricht einer Steigerung von 1,3 Prozentpunkten im Vergleich zum Jahr 2008 (vgl. van Eimeren / Frees 2009: 335). Die (N)Onliner-Studie der Initiative D21 verortet die Nutzungszahlen bei analoger Ausgangsbasis leicht höher bei 69,1 Prozent und bescheinigt eine Zunahme der Nutzung um vier Prozent zum Vorjahr (vgl. Initiative D21 e.V. 2009: 10). Die eher kommerziell ausgerichtete Studie der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung e.V. bemisst die Zahl der Onlinenutzer in Deutschland mit 68,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das Gros der Nutzerschaft, nämlich 67,1 Prozent der Gesamtbevölkerung, gehöre zum „weitesten Nutzerkreis“1 (AGOF 2009: 5). Mit mehr als zwei Dritteln der deutschen Bevölkerung nutzt somit der Großteil der Bürger das Internet – mit durchweg steigenden Nutzungszahlen2. Betrachtet man zudem die Durchdringung in den

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Erfasst werden in dieser Gruppe „Personen, die innerhalb der letzten drei Monate das Internet mindestens einmal genutzt haben“(AGOF 2009: 5).

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Entsprechend der Zahlen der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009 weist die ARD/ZDF-Offlinestudie 2009 einen Anteil von 32,9 Prozent der Bevölkerung ohne Internetzugang aus (vgl. Gerhards / Mende 2009: 365). 6

2. Hintergründe

einzelnen Altersschichten, lässt sich auf lange Sicht die umfassende Etablierung auf gesamter Bevölkerungsbreite erwarten (vgl. van Eimeren / Frees 2009: 336). Neben dem beständigen Anstieg der Onlinenutzerschaft ist insgesamt die Tradierung der Internetnutzung zu konstatieren. Die Habitualisierung im Sinne täglicher Einbindung in die Medienroutine wird angesichts der Zahlen zur regelmäßigen Nutzung evident3. Diesen Schluss legen auch die Daten zur langfristigen Erfahrung mit dem Internet nahe. Täglich nutzen 71,6 Prozent der Onliner das Internet (vgl. van Eimeren / Frees 2009: 336). Eine geringfügig größere Nutzergruppe kann auf mehr als drei Jahre Onlinenutzung zurückblicken – 73,5 Prozent aller Internetnutzer besitzen seit mindestens 2006 einen Internetzugang (vgl. AGOF 2009: 10). Neben der langfristigen und täglichen Nutzung erhöht sich im Jahr 2009 außerdem die tägliche Verweildauer im Internet. So untermauert der Anstieg um 16 Minuten auf 136 Minuten pro Tag im Vergleich zum Jahr 2008 die These der Habitualisierung dementsprechend auch mit Blick auf die Nutzungsintensität (vgl. van Eimeren / Frees 2009: 339). Das Internet gehört damit im Alltag der Nutzer zum gängigen Medienrepertoire4 – ein Teil der Nutzerschaft gibt sogar an, das Internet sei ihr Primärmedium:
„Heute sehen bereits 34 Prozent der Onliner das Internet als ihr „Primär-Medium“ an, um sich im Alltag zurechtzufinden, aber nur 25 bzw. 24 Prozent schreiben diese Eigenschaft dem Fernsehen oder der Tageszeitung zu. Auch als Informationsmedium […] geben 33 Prozent der Onliner dem Internet vor allen anderen Medien den Vorzug.“ (van Eimeren / Frees 2009: 337)

Analog zu dieser Aussage verlagert sich auch die Informationssuche der Nutzer zunehmend ins Internet. Mit einem Anstieg um sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr bemühen 59 Prozent aller Befragten der ARD/ZDF-Onlinestudie – und damit ein zunehmend größerer Teil der Nutzer – Internetquellen bei der Suche nach aktuellen Informationen (vgl. van Eimeren /Frees 2009: 341). Dabei wird zudem eine im Vergleich zum bisherigen Medienkonsum gravierende Änderung verdeutlicht:

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„Die aktuelle Internetentwicklung in Deutschland ist – anders als in den letzten Jahren – weniger durch die wachsende Internetverbreitung als durch die zunehmende Einbindung des Internets in den Alltag der Menschen gekennzeichnet.“ (van Eimeren / Frees 2009: 335)

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Siehe dazu auch Meyen et al. 2009: 520ff. 7

2. Hintergründe

„Werden Nachrichten online rezipiert, stammen diese häufig nicht von speziellen NachrichtenWebsites, sondern es werden die Newsangebote von Providern und Suchmaschinen beim Einstieg und Surfen ‚mitgenommen’.“ (van Eimeren / Frees 2009: 341)

Die hier tendenziell aufgezeigten Auswirkungen lassen auf einen tiefgreifenden Wandel im Konsum von Informationen schließen – einhergehend mit einem allgemeinen sozialen Wandel5. Auf diese Bedürfnisse zugeschnittene Angebote finden beständig weitere Verbreitung (vgl. Kretzschmar 2009: 343ff.). Die ubiquitäre Beschaffung und Bereitstellung von Informationen wird demnach in den kommenden Jahren zunehmen (vgl. ebd.: 346f.). Eine weitere Intensivierung der – dann vornehmlich mobilen – Nutzung lässt sich vor diesem Hintergrund prognostizieren (vgl. BITKOM 2010). Eine charakteristische Nutzergruppe des World Wide Web soll nun gesondert betrachtet werden – die Gruppe der aktiven Nutzer des ‚Social Web’. Wie die folgende Analyse zeigen wird, tragen sie aufgrund ihres Umgangs mit den Möglichkeiten des Internets hauptsächlich zu den vorstehend beschriebenen Nutzungsveränderungen bei.

2.2 Aktive Nutzer des Social Web
Die aktiven Nutzer des ‚Social Web’ heben sich durch ihre Nutzungsgewohnheiten vom durchschnittlichen Internetnutzer klar ab. Dieses Kapiel legt den Fokus auf ihre Rolle bei der Evolution des World Wide Web vom konsumorientierten Medium hin zu einer interaktiven Plattform für kommunikativen Austausch. Der Begriff ‚Social Web’ bedarf dabei einer genauen Klärung. Auszugehen ist zunächst vom durch O’Reilly (2005) geprägten Terminus ‚Web 2.0’ als Beschreibung einer neuartigen

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„Mit der Flexibilisierung der Menschen in der Zeit- und Raumdimension verändert sich die Situation der Mediennutzung. Neben den traditionellen Medien und ihren starren Vorgaben für ihre Nutzung entsteht auch das Bedürfnis nach flexibleren Medien, die dem sozialen Wandel eher gerecht werden.“ (Kretzschmar 2009: 342) 8

2. Hintergründe

Generation von Anwendungen, Angeboten und Diensten im World Wide Web6. In der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009 wird dieser Begriff ebenfalls genutzt:
„Unter dem Schlagwort ‚Mitmachnetz’ beschreibt Web 2.0 nun vielfältige Möglichkeiten der Partizipation, die Chance zum aktiven Austausch und zur Beteiligung. […] [D]as Web 2.0 propagiert vielmehr einen grundlegenden Wandel im Umgang mit dem WorldWideWeb.“ (Busemann / Gscheidle 2009: 356)

Der Begriff ‚Web 2.0’ ist jedoch für eine fundierte Analyse kritisch zu hinterfragen. Der zentrale Gedanke dieser Veränderung – „Jeder Nutzer ist potenzieller Sender, der Inhalte in das Netz einspeisen und mit anderen Inhalten verknüpfen kann“ (Schmidt 2008: 21) – fand bereits vor O’Reillys Ausführungen im World Wide Web in verschiedenen kollaborativen Diensten Anwendung7. Zudem deutet die Versionierung des Begriffs einen Bruch zu einem vorherigen ‚Web 1.0’ an, der so nicht stringent nachvollziehbar sei (vgl. ebd.). Daher bietet der Begriff ‚Social Web’ eine exaktere, geeignetere Bezeichnung des veränderten Umgangs mit dem World Wide Web:
„Aus kommunikationssoziologischer Sicht erscheint die Bezeichnung ‚Social Web’ besser geeignet, weil sie zum Ersten keine Unterscheidung zeitlicher Phasen enthält, zum Zweiten auf das World Wide Web als zunehmend universaler Dienst des Internets verweist und zum Dritten den grundlegenden sozialen Charakter desjenigen Bereichs des Internets betont, der Kommunikation und anderes aufeinander bezogenes Handeln zwischen Nutzern fördert, also über die MenschMaschine-Interaktion hinausgeht.“ (Schmidt 2008: 22)

Die in der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009 unterschiedenen Angebote des Social Web8 weisen im Vergleich eher geringe Nutzungszahlen für einzelne Dienste aus. Während Videoportale, private Communitys und die Wikipedia einen beständigen Zuwachs an Nutzern verzeichnen, werden die
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Die zentralen Merkmale der im Begriff ‚Web 2.0’ vereinten Veränderungen und Prämissen nennt O’Reilly: „Services, not packaged software, with cost-effective scalability, control over unique, hard-to-recreate data sources that get richer as more people use them, trusting users as co-developers, harnessing collective intelligence, leveraging the long tail through customer self-service, software above the level of a single device, lightweight user interfaces, development models, AND business models“ (O’Reilly 2005)

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Ein Beispiel dafür ist das 2005 bereits lange in der Nutzung befindliche Usenet. Dies sind Weblogs, Wikipedia, Foto- und Videocommunitys, Soziale Netzwerke/Communitys, Soziale Lesezeichensammlungen (vgl. Busemann / Gscheidle 2009: 357f.) 9

2. Hintergründe

restlichen Angebote von einer weitaus geringeren Anzahl an Onlinern genutzt und sind „eher für Partikularinteressen relevant“ (Busemann / Gscheidle 2009: 358). Bezeichnend ist vor allem, dass die meisten Nutzer als passive Rezipienten die Inhalte nur konsumieren. Der höchste Grad an Beteiligung wird in privaten Communitys erzielt – die dort veröffentlichten Inhalte bleiben jedoch meist auf den eigenen Freundeskreis beschränkt (vgl. ebd.: 361f.). Die zwar im Verhältnis geringe Anzahl aktiver Nutzer bedeutet in ihrer Gesamtheit dennoch einen massiven Zuwachs aktiver Inhaltsproduzenten jenseits der Akteure professioneller Orientierungsangebote wie beispielsweise Journalisten. Das breite Angebot an Social WebDiensten wird vornehmlich durch die Nutzer mit Inhalten befüllt. Der Wandel des vormals passiven Nutzers zum Produser, der Informationen sowohl konsumiert als auch selbst bereitstellt, wird von Bruns (2007) postuliert. Es stellt sich die Frage, inwiefern – und auch welche – Nutzer im World Wide Web diese Rolle als Produser ausfüllen. Eine Analyse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2006 (Gerhards / Klingler / Trump 2008) verortet fünf Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung als regelmäßige, (fast) tägliche Nutzer des Social Web. Die demografischen Daten dieser Gruppe heben sich vom durchschnittlichen Onliner deutlich ab:
„Die Gruppe der regelmäßigen Web-2.0-Nutzer weist [.] demografisch typische Merkmale von ‚Pionieren’ auf dem Gebiet der Nutzung von Informations-, Unterhaltungsund Kommunikationselektronik auf: Die Nutzer sind tendenziell jünger, gebildeter, finanziell besser ausgestattet und häufiger männlich als die übrigen Nutzer des Internets. Sollte diese Gruppe ‚Trendsetter’ oder ‚Early Adopter’ sein, kann ihr Nutzungsverhalten als modellhaft für die zukünftige Nutzung des Internets auch weiterer Nutzerschichten angesehen werden.“ (Gerhards / Klingler / Trump 2008: 135)

Diese Prognose muss einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Fraglich ist, ob das Nutzungsverhalten der ‚Early Adopter’ tatsächlich ein Vorbote für späteres allgemein habitualisiertes Nutzungsverhalten ist9. Zu beobachten ist in einzelnen Fällen die Tradierung von

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Diese Konzeption der „Early Adopter“ legt wiederum eine homogene Struktur und Verhaltensweise der Gruppe zugrunde, die so nicht zwingend gegeben ist. 10

2. Hintergründe

Verhaltensweisen, welche durch frühe Nutzer eines Dienstes eingeführt wurden10. Da ‚Early Adopter’ späteres Nutzungsverhalten vorleben können, ist eine eingehende Betrachtung ihres Verhaltens durch wissenschaftliche Forschung für Prognosen zukünftiger Entwicklungen gewinnbringend. Die Betrachtung dieser Nutzergruppe erscheint zudem lohnenswert, da sie als aktive Vertreter des Social Web eine potentielle Alternative zu professionellen Orientierungsangeboten stellen, wie die in Kapitel 3 folgenden Betrachtungen zeigen werden. Die Gruppe der ‚Early Adopter’ nutzt eine Vielzahl an Angeboten, die auf von Nutzern generierten Inhalte basieren und auf gesunkene Barrieren zur Veröffentlichung von Inhalten zurückzuführen sind. Durch die Vielzahl neuer Angebote ergibt sich eine Informationsflut im World Wide Web, mit der die Internetnutzer bei der Informationssuche konfrontiert werden. Diese Erkenntnis schlägt eine Verbindungslinie zu den Problemen, die sich aus der im Internet rasant angestiegenen Informationsvielfalt ergeben.

2.3 Die Informationsexplosion
Mit der zunehmenden globalen Verbreitung des World Wide Webs stieg die Diversifikation der Angebote und damit die Menge an Informationen11 in den vergangenen Jahren im Vergleich zur Zeit vor der massenhaften Adaption des Internets massiv an:
„Considering the quantity of content on the World Wide Web alone — over 175 million existing Web sites and three million more going online each month (Netcraft, 2008) — it is clear that the information environment is a crowded place, and becoming more so at a rapid pace.“ (Wichowski 2009)

Das rapide Wachstum hält dabei beständig an12, so dass die Menge an verfügbaren Informationen – auch zu partiellen Themenbereichen – für den einzelnen Nutzer nicht zu bewältigen ist. Niedrige Einstiegsbarrieren zur Publikation im World Wide Web verschärfen das Problem
10

Es wurden mittlerweile zentrale Elemente des Microblogging-Dienstes Twitter – wie die Erwähnung anderer Twitter-Nutzer aufgrund der beständigen Nutzung durch ‚Early Adopter’ des Dienstes – offiziell eingebunden, die von Unternehmensseite zunächst nicht geplant waren. (http://blog.twitter.com/2007/05/are-you-twitteringme.html)

11

Eine nähere Betrachtung des Begriffs der Information wird aus kontextuellen Gründen in Kapitel 3 vorgenommen.

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„By 2011, the digital universe will be 10 times the size it was in 2006.“ (Gantz 2008: 2) 11

2. Hintergründe

zusätzlich – neben professionelle Informationsanbieter aus dem Print- und TV-Bereich treten Unternehmen und Privatpersonen. Partizipative Angebote wie Weblogs werden in Deutschland nur von einer vergleichsweise geringen Anzahl an Nutzern in Anspruch genommen (vgl. Busemann / Gscheidle 2009: 360). Die nur grob bestimmbare Zahl aktiver Autoren von Weblogs lag Ende 2008 bei etwa 125.000 Personen13 (vgl. Schmidt / Frees / Fisch 2009: 50f.), die ARD/ZDF-Onlinestudie geht 2009 von ca. 1,3 Millionen bloggenden Onlinern aus (vgl. Busemann / Gscheidle 2009: 360). Diese Zahlen zeigen trotz ihrer hohen Varianz, dass sich die Anzahl der Personen, die Inhalte zur öffentlichen Diskussion beitragen, im World Wide Web massiv erhöht hat. Der „endlose[.] Strom an Neuigkeiten“ (Neuberger 2009b: 188) reißt dadurch niemals ab. Die Zahl der Informationsanbieter, vor allem aber die Zahl der Mediatoren, erhöht sich im World Wide Web massiv14. Die durch den limitierten physischen Raum einer Zeitung gegebene Frage, was veröffentlicht werden kann, wendet sich durch den übermäßig vorhandenen digitalen Raum für Informationen ins Gegenteil: „The future presented by the internet is the mass amateurization of publishing and a switch from ‚Why publish this’ to ‚Why not?’“ (Shirky 2008: 60). Dementsprechend findet teils eine Disintermediation15, teils eine Remediation der Vermittlungsleistungen statt, da dem Nutzer als Mitglied des Publikums eine signifikant erhöhte Zahl an Vermittlern sowie direkt zugänglichen Quellen zur freien Auswahl zur Verfügung stehen. Diese prinzipielle Zugänglichkeit einer nicht überschaubaren Informationsmenge birgt sowohl Chancen als auch Risiken:
„Ein Informationsdilemma mag es schon immer gegeben haben, aber es wird durch die global sich entwickelnden elektronischen Informationsmärkte […] zu einem grundsätzlichen Problem moderner Gesellschaften: Auf der einen Seite verspricht die Informationsgesellschaft eine in der Menschheitsgeschichte bislang nicht gekannte Ausweitung der verfügbaren Informationsräume (das Wissen der Welt auf Mausklick), auf deren Grundlage im Prinzip jedermann sein Leben in all seinen professionellen, öffentlichen und privaten Belangen informationell abgesichert bestreiten können sollte. Auf der anderen Seite macht die Ausweitung der Informationsräume (konkret in der

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Die Anzahl von 125.000 Nutzern ist in Schmidts Analyse die konservativste Schätzung. Eine weitere Schätzung geht von knapp einer Million deutschsprachiger Weblogs aus (vgl. Schmidt / Frees / Fisch 2009: 51).

14 15

Siehe dazu insbes. Kapitel 2.2 Vgl. Shapiro 1999: 188ff. 12

2. Hintergründe

Ausgestaltung globaler Informationsmärkte) diese so komplex, daß [sic!] niemand behaupten kann, sie auch nur annähernd zu beherrschen.“ (Kuhlen 1999: 22)

Die durch das World Wide Web hervorgerufene Vielfalt auf Anbieterseite und die einhergehende Disintermediation delegieren das Selektionsproblem von der Anbieter- auf die Rezipientenseite16. Eine zentral organisierte Klassifizierung der vorhandenen Inhalte findet – im Gegensatz zu etwa der Vorauswahl von Informationen in Redaktionen – nicht notwendigerweise statt (vgl. Weinberger 2007: 16). Ein zentrales Problem stellt die durch diese Gegebenheiten erweiterte Kontingenz der Selektionsentscheidung und ihre erfolgreiche Bearbeitung dar.17 Die in den klassischen Medien von Anbietern ausgeübte Rolle des ‚Gatekeepers’, der für sein Publikum über die Relevanz von Informationen entscheidet, wird im Internet durch den eigenständig möglichen Zugriff auf Informationen entbehrlich (vgl. Bruns 2005: 11ff.). Der Rezipient steht vor der Schwierigkeit, diese Unterscheidung selbst zu treffen:
„Das Grundproblem des Informationsmanagements, wie nämlich in der unüberschaubaren Vielfalt vorhandener Informationen und Kanäle das jeweils Relevante identifiziert werden kann, stellt sich durch die gesenkten Schwellen zur Veröffentlichung von Texten, Videos oder Podcasts noch schärfer.“ (Schmidt 2008: 33)

Die erhöhte Anzahl verfügbarer Quellen bedeutet daher nicht automatisch eine verbesserte Informationslage für den Rezipienten (vgl. Bruns 2009: 110). Die Schwierigkeit für den einzelnen Nutzer, verfügbare Informationen zu bewerten, relevante Informationen herauszustellen und in diesem Prozess die zeitliche Komponente – und damit die sinnvolle Menge an zu konsumierenden Informationen – zu kontrollieren, offenbart sich als drängendes Problem im praktikablen Umgang mit dem World Wide Web:
„The real problem has less to do with the new media versus the old – an already blurry distinction – and more with what happens to us, the audience, when we’re increasingly trying to evaluate a deluge of data for ourselves.“ (Shapiro 1999: 189)

16 17

Weiterführend Neuberger 2004: 7ff. „Das gegenwärtige Informationsproblem ist wohl kaum Unterinformation, sondern Überinformation, besser wohl: zu viel nicht beurteilbare Information und damit im Ergebnis dann doch wieder Unterinformation.“ (Kuhlen 1999: 24) 13

2. Hintergründe

Das virulente Problem der Informationsflut betrifft somit jeden Nutzer des World Wide Web. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung untersuchen die in Kapitel 3 ausgeführten Überlegungen zu technischen Orientierungsleistungen die Möglichkeiten einer technisch durchgeführten Aggregation relevanter Inhalte und damit einer effizienten Evaluation der Informationsflut.

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3. Technische Orientierungsleistungen

3. Technische Orientierungsleistungen
Zu Beginn dieses Kapitels sollen grundlegende Fragen geklärt werden: Was ist Orientierung? Wann und warum ist Orientierung notwendig? Wodurch erfolgt Orientierung? Was ist eine Orientierungsleistung? Der Begriff ‚Orientierung’ wird in wissenschaftlichen Diskursen zumeist nicht problematisiert, sondern als ontologischer „Letzt- und Grundbegriff“ (Stegmaier 2007: XV) vorausgesetzt. Als grundlegender Begriff dieser Magisterarbeit bedarf ‚Orientierung’ jedoch einer genauen Definition. ‚Orientierung’ soll nach Stegmaier verstanden werden als die „Leistung, sich in einer Situation zurechtzufinden, um Handlungsmöglichkeiten auszumachen, durch die sich die Situation beherrschen lässt“ (Stegmaier 2007: 2). Diese Definition umfasst eine Vielzahl von Bereichen und Situationen, in denen Orientierung notwendig oder sinnvoll ist18. Im Kontext dieser Arbeit soll der Fokus auf der sozialen Orientierung einzelner Individuen liegen. Im täglichen Leben ist soziale Orientierung ein entscheidendes Kriterium, um soziale Anschlussfähigkeit sicherzustellen. Jedes Individuum benötigt zur Reduktion von Komplexität bei der Bearbeitung von Kontingenz19 Orientierung durch das soziale Umfeld. Eine erfolgreiche Bearbeitung der Kontingenz gelingt dem einzelnen Individuum nur im Abgleich mit dem sozialen Umfeld. Dieser Abgleich entfaltet sich durch ein Netz an kollektiven UnterstellungsUnterstellungen und kollektiven Erwartungs-Erwartungen, die auf Basis individueller Wirklichkeitsmodelle und Kulturprogramme als gemeinsame, sozial verbindliche Grundlage wahrgenommen werden (vgl. Schmidt 2003: 34ff.):
„[K]ognitive Systeme überspringen gewissermaßen die Unmöglichkeit, sich gegenseitig durch direkte Intervention zu steuern, indem sie sich an selbst konstruierten Steuerungsgrößen orientieren, die sie für sozial effektiv und legitim halten.“ (Schmidt 2003: 47)

Durch soziale Orientierung sichert jedes Individuum folglich seine soziale Anschlussfähigkeit. Das Individuum orientiert sein Handeln am Handeln anderer und löst somit
Stegmaier führt etwa geografische, pragmatische, kommunikative, sexuelle, berufliche/schulische, ökonomische, politische, rechtliche, wissenschaftliche, künstlerische, religiöse, moralische und ethische Orientierung an (Stegmaier 2007: 34f.).
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18

Der Begriff „Bearbeitung von Kontingenz“ meint die Antwort auf die Frage, welche Handlung (oder im Schmidtschen Duktus „Setzung“) aktuell Sinn und somit sozial folgenreiche Anschlusshandlungen ermöglicht. 15

3. Technische Orientierungsleistungen

Anschlusshandlungen aus. Dabei erfolgt die Orientierung in zwei Richtungen, die Selbst- und die Fremdorientierung – denn jede Zielorientierung dient anderen Individuen zugleich als Option zur Selbstorientierung (vgl. Schmidt 2003: 102). In diesem Zusammenhang fungiert Kommunikation als Orientierungs-Orientierung, als „reflexive[r] Prozess, in dem Kommunikationspartner sich gegenseitig Orientierungsangebote machen, die systemspezifisch genutzt werden (können)“ (Schmidt 2003: 69). Betrachtet man vor dem abstrakten Hintergrund der Kommunikation als OrientierungsOrientierung die Orientierungsmöglichkeiten im Alltag, so wird – insbesondere mit Blick auf die in Kapitel 2.3 beschriebene Informationsflut – nicht nur die Notwendigkeit sozialer Orientierung, sondern auch die Vielzahl kontingenter Möglichkeiten zur sozialen Orientierung deutlich. Neben das unmittelbare soziale Umfeld tritt eine Unsumme an weiteren Orientierungsangeboten. Die Nutzbarkeit dieser Angebote soll durch den Begriff der Orientierungsleistung genauer festgelegt werden. Dazu bedarf es zunächst einer genauen begrifflichen und inhaltlichen Erklärung: Was ist eine Orientierungsleistung? Der diffuse Begriff der Orientierung erschwert die Definition eines konkreten Begriffs der ‚Orientierungsleistung’. So definiert Stegmaier (s.o.) die Orientierung selbst bereits als Leistung, zentriert in seinen Ausführungen jedoch das Individuum als Leistungserbringer. Eine Orientierungsleistung kann gerade im Hinblick auf soziale Orientierung als Güte der angebotenen Orientierung beschrieben werden. Im Rahmen dieser Arbeit soll vor diesem Hintergrund eine konkrete Definition des Begriffs festgehalten werden:

Eine Orientierungsleistung ist die Bereitstellung aktuell subjektiv relevanter Informationen für einen Rezipienten.

Im Gegensatz zu Stegmaiers Definition der Orientierung bezieht sich der Leistungsaspekt hier nicht auf eine vom Individuum selbst erbrachte Leistung, sondern auf die rezipierten Informationen – also auf eine für das Individuum bereitgestellte Leistung. Die Beurteilung der Relevanz und Aktualität einer Information – und somit die Beurteilung der Orientierungsleistung – erfolgt durch Zuschreibungen des Rezipienten. Eine Orientierungsleistung ist dementsprechend durch subjektive Askription nur individuell bestimmbar. In Anlehnung an Neuberger et al. (Neuberger / Nuernbergk / Rischke 2009b: 200) sowie Kohring (2001: 81) lassen sich jedoch Gütekriterien für eine Orientierungsleistung postulieren. So sollte eine Orientierungsleistung an sich aktuell, durch periodische Vermittlung universal und öffentlich zugänglich
16

3. Technische Orientierungsleistungen

sein sowie durch eigenständige Bereitstellung autonom vermittelt werden. Entscheidend ist darüber hinaus die Mehrsystemzugehörigkeit der vermittelten Information (vgl. Kohring 2006: 168f.). Durch diese Gütekriterien wird zudem die Relevanz der Information gesichert – und diese so zur Orientierungsleistung für den Rezipienten. Die Betrachtung möglicher bereitstellender Instanzen wird in den folgenden Kapiteln vorgenommen. Der Begriff der Information bedarf zum vollständigen Verständnis der obigen Definition einer genaueren Betrachtung. Kuhlen definiert Information als in Daten repräsentiertes Wissen, das sich auf eine aktuelle Benutzungssituation bezieht (vgl. Kuhlen 1999: 138f.). Seine Beschreibung kumuliert in der pragmatischen Beschreibung von Information als „Wissen in Aktion“ (Kuhlen 1999: 139). Diese Festlegung soll auch für die Definition der Orientierungsleistung Anwendung finden. Die hier beschriebenen sowie die im späteren Verlauf der Arbeit untersuchten Orientierungsleistungen werden in einer allgemein zugänglichen Öffentlichkeit bereitgestellt. Zu diesen Orientierungsleistungen der Öffentlichkeit merkt Neidhardt an:
„Orientierungsleistungen [der Öffentlichkeit] bestehen darin, daß [sic!] Öffentlichkeit erkennbar macht, welche Probleme sozial virulent sind und welche Problemlösungen aus welchen Gründen bei wem auf hinreichende Akzeptanz stoßen – und welche nicht. Öffentlichkeit informiert über die soziale Valenz und die Entscheidbarkeit von ‚issues’, indem sie bestimmte Optionen aggregiert, andere (sei es in der Mitte, sei es an den Extremen vorhandener Meinungsspektren) ausschaltet oder marginalisiert, auf Kompromißzonen [sic!] verweist oder aber Widersprüche verstärkt, also Auskunft gibt sowohl über Alternativen als auch über deren öffentliche Akzeptanz.“ (Neidhardt 2005: 26 f.)

Sein Modell von Öffentlichkeit umfasst drei Akteursklassen, die voneinander unterschieden werden: Sprecher, Publikum sowie Vermittler als Bindeglied zwischen den beiden ersten Akteursklassen (vgl. ebd.: 19f.). Neidhardt nimmt hier – insbesondere bei der Rolle des Vermittlers – die Massenmedien in den Blick. Im Internet erhöht sich die Zahl der Sprecher, vor allem aber die Zahl der Mediatoren enorm (vgl. Kapitel 2.3). Die Diversifikation der von Neidhardt beschriebenen Öffentlichkeit steigert sich somit in hohem Maße, da dem Nutzer – also einem Mitglied des Publikums – die Wahl des Vermittlers freisteht. Einen wichtigen Hinweis zum Unterschied zwischen im Zusammenhang mit klassischen Massenmedien verstandener Öffentlichkeit und der im Social Web entstehenden Öffentlichkeit gibt Schmidt:

17

3. Technische Orientierungsleistungen

„Öffentlichkeit [ist] nicht mehr per se mit gesellschaftlicher Relevanz gleichzusetzen [.] (wie im professionell betriebenen Journalismus), sondern [wird] im Social Web vor allem aufgrund der potentiellen Zugänglichkeit für alle interessierten Personen gesucht [.], selbst wenn dies nur eine kleine Gruppe ist.“ (Schmidt 2008: 32)

Nachdem die in den folgenden Abschnitten genutzten Begriffe generell definiert wurden, erfolgt nun die Untersuchung der einzelnen relevanten Teilbereiche von Orientierungsleistungen im Internet.

3.1 Orientierungsleistungen im Internet
Einhergehend mit der Popularisierung des World Wide Web und dem steigenden Zugang innerhalb der Gesellschaft ist eine Veränderung im Informationsverhalten der Nutzer festzustellen. Neben der zunehmenden Habitualisierung der Nutzung lässt sich auch eine Verschiebung im Mediennutzungsverhalten konstatieren (siehe Kapitel 2.1). Insbesondere der jüngere Teil der Nutzerschaft zeigt eine gravierende Neujustierung im Informationsverhalten, wie eine qualitative Studie der Associated Press verdeutlicht:
„Younger consumers are not only less reliant on the newspaper to get their news; they also consume news across a multitude of platforms and sources, all day, constantly.“ (The Associated Press 2008: 5)

Die Studie erhob die Nutzungsgewohnheiten von 18 Probanden und lässt daher kaum Rückschlüsse auf eine – wie auch immer normierte – Grundgesamtheit zu. Allerdings wird dieser qualitative Befund durch Erkenntnisse der quantitativen Studie „State of the media 2010“ zumindest für den amerikanischen Raum bestätigt:
„The American news consumer is increasingly becoming a grazer, across both online and offline platforms. On a typical day, nearly half of Americans now get news from four to six different platforms – from online to TV to print and more, according to new research from PEJ and the Pew Internet and American Life Project. Within the online universe the same pattern holds true. People graze across multiple websites for their news. Only 21% say they tend to rely primarily on one destination; only a third even say they have a favorite news website (35%) among those they use.“ (PEW 2010)

18

3. Technische Orientierungsleistungen

Die Rezipienten nutzen somit eine breite Basis an Wegen, um sich zu informieren. Unter diesen Optionen wird das World Wide Web angesichts der sich abzeichnenden Entwicklung langfristig zum zentralen Informationsmedium werden20. Verlässliche Orientierungsleistungen im Internet werden damit beständig wichtiger. Neben professionelle Vermittler von Orientierungsleistungen treten im World Wide Web weitere – sowohl partizipative als auch technische – Vermittlungsangebote. Dabei ergibt sich eine umfassende Spannweite von Orientierungsleistungen zu allgemein relevanten Informationen bis hin zu spitzen, persönlich relevanten Themen21. Es lässt sich ein Wandel in der Art der Informationsselektion durch die Anbieter von Orientierungsangeboten feststellen: „An die Stelle harter Selektionsentscheidungen tritt die empfehlende Orientierung und revidierbare Auswahl“ (Neuberger 2009a: 49). Zudem erweitert sich der Kreis der Anbieter im Netz. Konstatierte Gerhards bereits 2001 für die Entwicklung moderner Gesellschaften zwischen 1960 und 1989 den „Aufstand des Publikums“ (vgl. Gerhards 2001: 167), so verstärkt sich diese Tendenz durch die Ausbreitung des Internets darüber hinaus. Die ehemals deutlicher getrennten Rollen von Publikum und Leistungserbringer wandeln sich zunehmend:
„Die Rechte und Inklusionsansprüche der Laien sind im Verhältnis zu den Autoritätsrollen in fast allen Bereichen gestiegen, die Reduktion auf einen recht selektiven Rollenzuschnitt ist aufgeweicht worden.“ (Gerhards 2001: 167)

Einhergehend mit der Verschiebung der Publikums- und Leistungsrollen22 bildet sich im Internet eine integrierte Öffentlichkeit, die verschiedene Öffentlichkeitsebenen verknüpft23. Der dabei entstehende, für alle Nutzer erreichbare ‚Long Tail’ (Anderson 2007) bedeutet unter anderem die
20

Beide Studien erfassen den amerikanischen Markt. Analoge Entwicklungen lassen sich jedoch auch für den deutschen Markt annehmen.

21

Als extreme Pole dieser Spannweite seien hier Angebote wie das öffentlich-rechtliche Angebot der Tagesschau (http://www.tagesschau.de) oder Spiegel Online (http://www.spiegel.de) im Vergleich zur Suchmaschine Google (http://www.google.de) genannt. Während die Tagesschau und Spiegel Online eine breite Auswahl an Informationen bereitstellt, liegt das Hauptaugenmerk für Google darauf, die für eine spezifische, spitze Suchanfrage wichtigsten Treffer vorsortiert nach Relevanz auszugeben.

22 23

Siehe auch Kapitel 2.2 weiterführend Neuberger 2009a: 41ff. 19

3. Technische Orientierungsleistungen

Aufweichung der Bindung an klassische Vermittler, wie Neidhardt sie für die kommunikative Öffentlichkeit konzipiert. Aus der potentiellen Disintermediation von Informationen resultiert jedoch nicht die vollständige Auflösung der Vermittlerposition. Vielmehr findet eine Remediation durch neue Akteure statt:
„With low barriers to entry, markets for products and services will expand and, without some guidance from intermediaries, become increasingly cluttered and difficult to navigate. […] [T]hey should be intermediaries whose judgment and reputation we can count on. Some of these trustees may be traditional commercial outlets who have found a presence online. Others may be new digital intermediaries that aggregate and compare information.“ (Shapiro 1999: 191f.)

Folgt man den Ausführungen Neubergers, so stellen sich im Hinblick auf diese verschiedenen Intermediäre, insbesondere auch im Hinblick auf „partizipative und technisierte Kommunikationsformate“ (Neuberger 2009a: 60) diverse Fragen für die Vermittlung von Orientierungsleistungen im Internet:
„Inwieweit fühlen sich Nutzer im Internet quantitativ und qualitativ überfordert? Wie groß ist die Nachfrage nach Leistungen von Vermittlern im Internet? Welche konkreten Erwartungen richten sich an sie? Wie beurteilen Nutzer die Leistungen von professionellen, partizipativen und technischen Vermittlern? Können aus ihrer Sicht Laienkommunikatoren und Technik den professionellen Journalismus ersetzen?“ (ebd.: 62)

Bevor diese Fragen in der empirischen Untersuchung eingehend erforscht werden, sollen die angesprochenen Kommunikationsformate, ihre Prämissen, Chancen und Risiken im Internet beleuchtet werden. Wer kann entsprechende Orientierungsleistungen erbringen? Welches Angebot bietet den Nutzern relevante Informationen, die soziale Anschlussfähigkeit garantieren?

3.1.1 Journalistische Orientierungsangebote im Internet
Journalistische Orientierungsangebote im Internet zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus. Im Sinne einer angebotsbezogenen Definition sind dies die bereits erwähnten Gütekriterien Aktualität, Universalität, Periodizität, Publizität sowie redaktionelle Autonomie (vgl. Neuberger / Nuernbergk / Rischke 2009b: 200). Auch im World Wide Web werden diese Merkmale durch journalistische Orientierungsangebote erfüllt. Als zu Beginn des Kapitels festgelegte Gütekriterien für Orientierungsleistungen und generell als Element journalistischer Anforderungen sollen die Kriterien auch für die folgenden Betrachtungen partizipativer und
20

3. Technische Orientierungsleistungen

technischer Orientierungsangebote der Leitfaden sein, anhand dessen die Leistungsfähigkeit der Angebote untersucht wird. Der klassische Journalismus steht im World Wide Web vor vielfältigen Problemen. Am schwerwiegendsten erscheint hierbei der Verlust der Rolle des Gatekeepers24: Durch die integrierte Öffentlichkeit des Internets (vgl. Neuberger 2009a: 41) wandelt sich das vormals bestehende Informationsmonopol vergleichsweise weniger Veröffentlichungen in ein Übermaß an Informationsmöglichkeiten. Die „Kontrolle darüber, welche Inhalte aus den Produktionsprozessen in Druck- und Funkmedien an die Öffentlichkeit gelangen“ (Bruns 2009: 107) ist durch das World Wide Web an allen drei Stufen des Nachrichtenprozesses nicht mehr möglich25. Neben dem Verlust dieser Kontrolle über die Veröffentlichung von Informationen stellt auch der Kontrollverlust über die Anschlusskommunikation ein gravierendes Problem dar. Medienkritische Angebote wie etwa Watchblogs beobachten Journalisten bei ihrer täglichen Arbeit, stellen Fehler in der journalistischen Arbeit heraus (vgl. Neuberger / Nuernbergk / Rischke 2009a: 136) und untergraben damit Deutungshoheit und Autorität anerkannter Orientierungsangebote. Zudem stehen journalistische Angebote vor dem Problem der ausreichenden Refinanzierung26. Maßnahmen zur Effizienzsteigerung bei klassischen Tageszeitungen bedrohen den Journalismus als solchen (vgl. Bird 2009: 294). Abseits der beschriebenen Risiken und Probleme, welche die Veränderungen durch das Internet für den Journalismus implizieren, ergeben sich auch etliche Chancen, den klassischen Journalismus durch typische Elemente des World Wide Web anzureichern und zu stärken27. Nicht

24

„[G]atekeeping simply refers to a regime of control over what content is allowed to emerge from the production processes in print and broadcast media[.]“ (Bruns 2005: 11)

25

Bruns benennt diese Stufen als den Nachrichteneingang und -ausgang sowie die Inkludierung von Antworten durch Vorselektion (vgl. Bruns 2009: 109).

26

Hier lässt sich an mehreren Punkten ansetzen: Fehlende Werbeeinnahmen, da ehemalige Werbepartner im Internet durch Targetingmaßnahmen effizienter anderweitig werben; schlechte Monetarisierungsmöglichkeiten für OnlineAngebote, da diese durch Marktzwang frei angeboten werden; massive Kostensenkungen für Wettbewerber durch Loslösung von teuren Druck- und Lieferungsprozessen der Tageszeitung bei Erstellung und Verbreitung eines Onlineangebotes.

27

Vgl. dazu beispielsweise das Essay „The birth of Way New Journalism“ von Quittner (1995): „Go as deep or stay as shallow as you want within a piece. Start with a headline version of a story and link deeper. Hell, you can click right back into the archives and put any event into historical perspective.“ 21

3. Technische Orientierungsleistungen

zuletzt sind trotz aller Möglichkeiten zur Umgehung des Journalismus auch im World Wide Web klassisch journalistische Orientierungsleistungen notwendig:
„Auch im Internet bleiben Vermittlungsaufgaben zu erfüllen: Weil die Fülle der Informationen im Internet und ihre unsichere Qualität den einzelnen Nutzer tendenziell überfordern, besteht weiterhin Bedarf an einer prüfenden und selektierenden Instanz.“ (Neuberger 2009b: 197)

Journalistische Angebote im Internet stellen dabei keine eigenständige Kategorie innerhalb des Journalismus dar, sondern adaptieren ausgehend von zentralen Strukturen des Journalismus spezifische, medienbezogene Merkmale (vgl. Malik / Scholl 2009: 193). Visionen eines funktionierenden Online-Journalismus28 zeigen dabei verschiedene Möglichkeiten zur fortschreitenden Entwicklung auf. Neben der Ablösung des Gatekeepings durch das Gatewatching (Bruns 2005) kann die Öffnung des Journalismus hin zu mehr Nutzerpartizipation einen gewinnbringenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Journalismus durch Wertschätzung des Leserwissens liefern. Die Idee des ‚partizipativen Journalismus’29 zeigt diesen Weg auf – und passt sich den geänderten Bedingungen im World Wide Web30 an. Die verstärkte Einbindung haben die Leser in Teilen anhand partizipativer Formate wie Weblogs bereits selbständig und unabhängig von professionellen Angeboten vorangetrieben. Über all diesen Überlegungen steht jedoch stets das Problem der Refinanzierung professioneller journalistischer Orientierungsangebote:
„Es ist der Journalismus, der das Spannungsverhältnis zwischen Medienfreiheit, Partizipation und Regulierungsverzicht auf der einen Seite, quantitativer und qualitativer Überforderung auf der anderen Seite austarieren soll. Zumindest ist er als Korrektiv öffentlicher Kommunikation gesellschaftlich wünschenswert. Teilen muss man allerdings die Skepsis von Siegfried Weischenberg […], ob sich die Gesellschaft ‚trotz zunehmender Marktorientierung diese Kompetenz etwas kosten lässt’.“ (Neuberger 2008a: 56)

28 29

Zur Definition siehe Malik / Scholl 2009: 170 ff. „Partizipativer Journalismus beteiligt die Nutzer zumindest am Prozess der Inhaltsproduktion, wird außerhalb der Berufstätigkeit ausgeübt und ermöglicht die aktive Teilhabe an der Medienöffentlichkeit.“ (Engesser 2008: 66)

30

„A highly centralized media system had connected people ‚up’ to big social agencies and centers of power but not ‚across’ to each other. Now the horizontal flow, citizen-to-citizen, is as real and consequential as the vertical one.“ (Rosen 2006) 22

3. Technische Orientierungsleistungen

Im Folgenden soll nun der Blick auf Formate außerhalb eines journalistischen Umfeldes gerichtet werden. Es ist fraglich, welche Orientierungsleistungen des Journalismus partizipative Angebote übernehmen können.

3.1.2 Partizipative Orientierungsangebote im Internet
Partizipative Orientierungsangebote finden im World Wide Web insbesondere bei der in Kapitel 2.2 beschriebenen Gruppe der aktiven Social Web-Nutzer Anklang. Diese Angebote verdeutlichen den Wandel der ehemals reinen Rezipienten von Medienangeboten zu eigentätig aktiven Produsern (vgl. Bruns 2007). Dabei lassen sich diverse voneinander differenzierbare Dienste klassifizieren. Neben der Gruppe der Weblog-Autoren können auch Nutzer von Microblogs und Social Bookmarking-Diensten eigenständig oder als Gesamtheit Orientierungsleistungen vermitteln31. Die im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Merkmale der Aktualität, Universalität, Periodizität, Publizität sowie der redaktionellen Autonomie können dabei zumeist nur in Teilen erfüllt werden. Insbesondere der Anspruch auf Universalität ist bei Veröffentlichungen einzelner Personen nicht haltbar. Prinzipiell ist bei Angeboten des Social Web, die darauf abzielen, von anderen Internetnutzern gelesen zu werden, Publizität durch die Zugänglichkeit des Angebotes zu unterstellen. Die von Schmidt (2008: 32) angeführte Definition von Öffentlichkeit offenbart jedoch eine generell andere Herangehensweise an die Veröffentlichung: Prinzipielle Zugänglichkeit geht nicht mit breiter Leserschaft einher. Die Merkmale der Aktualität und Periodizität sind zudem nicht zwingend gegeben, da der Veröffentlichungsrhythmus dem jeweiligen Anbieter obliegt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass eigeninitiativ schreibende Autoren redaktionelle Autonomie genießen. Eine eingehende Betrachtung des Reifegrades der deutschsprachigen Blogosphäre systematisiert Weblogs in drei Kategorien: Freizeitblogger, semiprofessionelle Blogger und professionelle Blogger (Berendt / Schlegel / Koch 2008: 81). Sowohl in dieser Analyse als auch bei einer früheren Betrachtung des Phänomens ‚Weblog’ (Schmidt 2006: 42ff.) wird deutlich, dass die Mehrheit der Weblog-Autoren keineswegs journalistische Ziele mit ihren Veröffentlichungen verfolgen. Die Betrachtung von Weblogs unter journalistischen Kriterien ergibt dementsprechend

31

Zwar entstehen auch in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder studiVZ von Nutzern erstellte Inhalte, diese sind jedoch nicht prinzipiell öffentlich zugänglich. Daher werden Soziale Netzwerke von dieser Betrachtung ausgeschlossen. 23

3. Technische Orientierungsleistungen

eine nur geringe Anzahl deutschsprachiger Angebote, die dieser Prüfung standhalten können (vgl. Neuberger / Nuernbergk / Rischke 2009b: 220 f.)32. Ein gravierendes Problem partizipativer Orientierungsangebote ist der fehlende ethische Gesamtrahmen etwa für Betreiber von Weblogs33. So dienen beispielsweise journalistische Nachrichtenfaktoren, Normen oder Berichterstattungsmuster nur selten als Leitfaden zur Erstellung von Beiträgen. Zudem existiert keine verbindliche ethische Grundlage, wie sie im Journalismus gegeben ist:
„Bei laienjournalistischen Blogs handelt es sich auch aus normenanalytischer Sicht nicht um Journalismus; zum Teil sind die medienethischen Standards der professionellen Publizistik unbekannt, zum Teil werden sie programmatisch verneint, und zum Teil sind ethische Qualitätsstandards ohne journalistische Berufsprivilegien gar nicht erreichbar.“ (Beck 2008: 76)34

Die Rezeption partizipativer Orientierungsangebote erfordert darüber hinaus ein hohes Maß an Medienkompetenz, um die jeweilige Quelle kritisch bewerten zu können. Als zentrale Punkte für die Handlungsfähigkeit des Medienpublikums sind daher Kritikfähigkeit und entsprechende Souveränität im Umgang mit Quellen zwingend notwendig (vgl. Trepte / Reinecke / Behr 2008: 529)35. Angebote im Bereich Social Bookmarking36 bieten zweierlei Arten von Orientierungsleistung: einerseits die persönlich gespeicherten Seiten als Orientierungsleistung für das direkte Umfeld,
32

Aus dem ursprünglichen Sample von 97 Weblogs verblieben letztendlich 18 journalistisch relevante Angebote. Mittlerweile dürften jedoch einige neue Weblogs entstanden sein, die einer Überprüfung ebenfalls standhalten könnten. Die Schnelllebigkeit der Blogosphäre erweist sich hier als fundamentales Problem bei längerfristig angelegten Forschungsvorhaben.

33

Weblog-Autoren sind zumindest an allgemein verbindliche rechtliche Beschränkungen gebunden, die auch bei Veröffentlichungen im Internet greifen.

34

Die Frage, inwiefern Weblog-Autoren – wollen sie langfristig erfolgreich sein – durch ihre Rolle an soziale Gepflogenheiten gebunden sind und Sanktionierungen bei Fehlverhalten befürchten müssen, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geklärt werden.

35

Die Autoren bleiben dabei jedoch die Antwort schuldig, wie die breite Masse an Nutzern eine solche Kritikfähigkeit erlernen soll.

36

Zum Beispiel als weltweite Angebote ‚Digg’ oder ‚delicious’ sowie im deutschsprachigen Bereich ‚Mister Wong’ und ‚Linkarena’. 24

3. Technische Orientierungsleistungen

andererseits als Auswertung die aggregierte Summe an Empfehlungen aller Nutzer des jeweiligen Dienstes. Diese Auswertung – von Wichowski (2009) mit dem Stichwort ‚folksonomies’ benannt – fällt jedoch bereits in den Bereich technischer Orientierungsleistungen und wird daher im folgenden Kapitel weitergehend betrachtet. Kritiker des Social Web bemängeln neben den bereits genannten Problemen zudem weitere negative Aspekte partizipativer Angebote. Die Meinungsäußerung in partizipativen Angeboten findet – etwa im Vergleich zur demoskopischen öffentlichen Meinung – in einem unregelmäßigen Gefälle zugunsten von Elite-Akteuren statt (vgl. Schweiger / Weihermüller 2008: 555). Darüber hinaus warnt Lovink davor, dass nicht zwangsläufig altruistische Motive bei der Erstellung partizipativer Angebote im Vordergrund stehen:
„Statt eines Bemühens um inhaltliche Qualität und eine Kultur des Schreibens, Tagebuchführens und Reflektierens ist ein gnadenloser Konkurrenzkampf um maximale Aufmerksamkeit zu beobachten, die wiederum an der Anzahl von Links und Friends gemessen wird.“ (Lovink 2008: 29)

Die Problematik qualitativ ungenügender Beiträge wird dadurch verschärft, dass zumeist Amateure partizipative Angebote betreiben, die nicht um eine umfassende journalistische Darstellung ihres Themenbereiches bemüht sind. Es bleibt fraglich, inwiefern Amateure über die entsprechende Kompetenz verfügen, um äquivalente Leistungen zu professionellen Angeboten zu erbringen (vgl. Keen 2008: 45ff.). Somit verwundert es nicht, dass eine Analyse der Blogosphäre auf ‚Focal Points’, also ‚Scharniere’ zwischen partizipativen und professionellen Angeboten, nur wenige positive Ergebnisse hervorbringt (vgl. Holler / Vollnhals / Faas 2008: 109). Vor dem Hintergrund der Anforderungen an Orientierungsleistungen können diese Angebote somit – insbesondere im Vergleich zu journalistischen Angeboten – keine umfassende Orientierungsleistung bereitstellen37. Diese Einschätzung betrifft einerseits die einzelnen Angebote an sich, die oftmals nicht dauerhaft ansprechende Orientierungsleistungen bereitstellen können. Andererseits kann zwar die Masse der partizipativen Angebote eine umfassende Orientierungsleistung anbieten – diese ist jedoch durch die Vielzahl qualitativ eher

37

Vielmehr lassen sich partizipative Orientierungsangebote als Hinweisgeber und Dialogplattformen professionell vermittelter Orientierungsangebote erfassen: „In fact, much of what these blogs do is push readers to other information that they would not have otherwise read. We would therefore argue that, far from supplanting the professional news media, they provide an important secondary market for its material.“ (Reese et al. 2007: 257) 25

3. Technische Orientierungsleistungen

minderwertiger Beiträge nicht klar ersichtlich. An diesem Punkt setzen technische Orientierungsangebote an, die im folgenden Kapitel beleuchtet werden.

3.1.3 Technische Orientierungsangebote im Internet
Technische Aggregatoren haben als Filter die Möglichkeit, Unmengen an Beiträgen aus dem gesamten Informationsangebot im World Wide Web zeitnah automatisiert zu scannen und nur relevante Informationen auszugeben (vgl. Anderson 2007: 129). Die Art der Informationsgewinnung und -aufbereitung lässt dabei unterschiedliche Vorgehensweisen zu, welche die Leistungen vieler Produser nutzbar machen. Bruns (2007) inkludiert vier Strategien38, mit denen die Potentiale vorhandener Datenmengen ausgeschöpft werden. Die in der vorliegenden Untersuchung betrachteten Angebote entsprechen der Vorgehensweise des „Harnessing the Hive“ (a.a.O.)39, indem vorhandene Informationen durch zusätzliche Daten angereichert und in Ausschnitten präsentiert werden (siehe auch Schmidt 2008: 28). Dadurch wird das Werk der einzelnen Autoren nicht in Gänze kopiert, sondern durch die empfehlende Erwähnung und Verlinkung eher aufgewertet, statt durch den Aggregator für eigene Zwecke vereinnahmt zu werden Dieser vor allem zeitliche Vorteil gegenüber menschlicher Aus- und Bewertung von Inhalten versetzt technische Aggregatoren in die Lage, Orientierungsangebote für Nutzer bereitzustellen. Gemäß der Studie „Project for Excellence in Journalism 2010“ haben Aggregatoren in den USA bereits einen Anteil von 27 Prozent unter den meistgenutzten Nachrichtenseiten:
„Four of the top six news sites are either pure aggregator sites (Yahoo and Google News) or include a strong element of aggregation with some editing or original content (MSNBC and AOL).“ (PEW 2010)

38

Die Strategien, die Bruns beschreibt, sind: ‚Harnessing the Hive’, also die Verwertung von Teilen einer Veröffentlichung in Kooperation mit der Grundgesamtheit und unter Beachtung fairer Verwendungs- und Zitationsregeln; ‚Harvesting the Hive’ meint die Aufbereitung der verfügbaren Ressourcen für den vereinfachten, meist kommerziellen Einsatz; ‚Harbouring the Hive’ beschreibt die Bereitstellung einer Plattform, auf der Produser ihre Inhalte einstellen, verwalten und teilen können – stets mit der Gefahr verbunden, durch schrittweise Monopolisierung an eine zentrale Plattform gebunden zu werden (z.B. Flickr als Bilderverwaltung); ‚Hijacking the Hive’ als Beschränkung der Nutzungsfreiheit fremd produzierter Inhalte, um eigene finanzielle Vorteile zu erwirtschaften (vgl. Bruns 2007).

39

Herz (2005: 327ff.) führt diesen Begriff als Vorgehensweise in der Videospielentwicklung ein – er lässt sich analog auf das Vorgehen technischer Orientierungsangebote übertragen. 26

3. Technische Orientierungsleistungen

Legt man die bereits beschriebenen journalistischen Merkmale zugrunde, so zeigt sich, dass – abgesehen von redaktioneller Autonomie – alle postulierten Eigenschaften automatisiert bereitgestellt werden können40. Ob technische Aggregatoren im Sinne redaktioneller Autonomie agieren können, lässt sich nur unzureichend klären – letztendlich wäre eine genaue Analyse der Bewertungsweise sowie der aggregierten Quellen notwendig41. Diese Problematik erwähnt bereits Kuhlen:
„Suchverfahren des Information Retrieval sind zunächst wertfreie und interessenlose Software, die aber durch den Einsatz von Filtertechniken manipuliert werden können. Kann man sich darauf verlassen, daß [sic!] die Suchmaschinen der Yahoo, Alta Vista interessenfrei, unmanipuliert die zu indexierenden Dokumente durcharbeiten und wirklich all das und nur das nachweisen, was aktuell benötigt wird?“ (Kuhlen 1999: 77)

Technische Orientierungsangebote sind in verschiedensten Ausprägungen und Publikationsformen auffindbar. Sie erfüllen vornehmlich die Rolle des von Bruns beschriebenen Gatewatchers (vgl. Bruns 2005: 18), der veröffentlichte Informationen begutachtet, strukturiert und aufbereitet. Der Großteil der Angebote zeichnet sich dadurch aus, dass keine vollständigen Artikel präsentiert, sondern Verweise auf weitere Seiten angeboten werden42. Somit sind technische Orientierungsangebote zumeist in der Rolle des Intermediärs43 – und nehmen eine zu professionellen (sowie auch partizipativen) Angeboten anders gelagerte Rolle ein. Bruns charakterisiert technisch aggregierte Angebote daher auch mit dem Wood-Test44:
„Would the news on a Website look fundamentally different if users did not participate in its information gathering processes? The answer for most of the gatewatcher sites […] is a resounding ‚yes’.“ (Bruns 2005: 24)

40

Neuberger begründet die Zulässigkeit dieses Vergleichs wie folgt: „Zwar sind die Rankingkriterien geheim, weil aber die redaktionelle Nachrichtenauswahl simuliert werden soll, lässt sich der Output an journalistischen Standards messen.“ (Neuberger 2009a: 74). Weiterführende Betrachtungen in Kapitel 3.2.1

41 42

Weiterführend Kuhlen 1999: 77ff. Diese Eigenschaft gilt sowohl für Social Bookmarking-Seiten wie Digg oder delicious als auch für vollständig automatisierte Angebote wie Google News oder nachrichten.de sowie Crowdsourcing-Portale wie reddit.com

43

„Da sie lediglich eine Bündelungsfunktion übernehmen und keine eigenen Inhalte erzeugen, agieren sie als Broker auf der zweiten Stufe der Wertschöpfungskette der Medienbranche.“ (Kink / Hess 2007: 303)

44

Dieser Name entstand in Anlehnung an Cliff Wood, Redakteur der Technologienachrichtenseite Slashdot.org 27

3. Technische Orientierungsleistungen

Technische Internetaggregatoren nutzen oftmals eine übermäßig hohe Anzahl an Quellen, um relevante Ergebnisse auszugeben. Etliche Angebote vertrauen dabei auf ihre Nutzerbasis, binden also die Partizipation der Masse als grundlegendes Element ein:
„The idea that readers, by voting en masse on which stories and events are most interesting or important, are now becoming a kind of editorial collective force is embodied in Web 2.0 companies, from giants like Google to more recent entrants like Digg and Memeorandum.“ (Nisenholtz 2008: 130f.)

Nutzer können bei diesen Angeboten partizipieren, indem sie für sie relevante Artikel mit einem – wie auch immer gearteten – Hinweis versehen. Die somit verteilten Stimmen für einzelne Artikel ergeben in der Masse letztendlich den Output des technischen Aggregators. Technische Orientierungsangebote sind in der Lage, zumindest Teilleistungen journalistischer Dienste zu übernehmen. Dabei stellt sich die Frage, ob technische Internetaggregatoren diese Angebote möglicherweise sogar als funktionale Äquivalente ersetzen können.

3.2 Technische Internetaggregatoren als funktionale Äquivalente?
Wie die Betrachtungen der vorhergehenden Kapitel zeigen, sind technische Internetaggregatoren im Vergleich zu partizipativen Formaten eher geeignet, die Ansprüche professioneller Orientierungsangebote zu erfüllen. Hierbei sollte jedoch in Betracht gezogen werden, dass sich technische Formate zumeist auf einer Metaebene über den einzelnen partizipativen Formaten bewegen und diese in ihr Orientierungsangebot einschließen. Bevor eine eingehende Betrachtung technischer Internetaggregatoren erfolgt, sollen diese genauer definiert werden. Kuhlens Ausführungen zu Informationsmaschinen bieten eine wertvolle Grundlage:
„Informationsmaschinen sind in einem allgemeineren Verständnis nichts anderes als

programmierbare Rechner, die das ganze Spektrum von Mikroprozessoren bis hin zu Hochleistungsgroßrechnern umfassen. [Sie sind] formal definierte Apparate, Computer, die ihre Operationen entsprechend formal durchführen, d.h. sie nehmen Daten von der Außenwelt auf, verarbeiten diese mit ihren internen oder von anderen Rechnern ausgeliehenen Programmen, benutzen dazu auch eigene Daten und liefern Ergebnisse, die oft genug wieder als Eingaben für neue Verarbeitungsprozesse dienen. Die Operationen sind dabei weitgehend anwendungsneutral[.]“ (Kuhlen 1999: 104)
28

3. Technische Orientierungsleistungen

Unter diese Definition lassen sich folglich auch technische Internetaggregatoren fassen. Es soll nun geklärt werden, ob – und wenn ja inwiefern – die Orientierungsleistungen professioneller Anbieter durch technische Aggregatoren ersetzt werden können.

3.2.1 Leistungsfähigkeit technischer Internetaggregatoren
Durch die Simulation des journalistischen redaktionellen Outputs lassen sich technische Orientierungsangebote entsprechend an den Orientierungsleistungen professioneller Angebote messen. Wie in Kapitel 3.1.3 dargelegt, erfüllen technische Internetaggregatoren etliche Merkmale professioneller Orientierungsangebote. Diese sollen zunächst einer genauen Analyse unterzogen werden. Durch das automatisierte Vorgehen bei der Auswertung von Quellen ist Aktualität durch technische Internetaggregatoren generell gewährleistet45. Ob ein technischer Internetaggregator in der Lage ist, Universalität im Angebot zu gewährleisten, hängt zum einen von der Quellenbasis, zum anderen jedoch auch von der Definition der Universalität ab. Ausgehend von der Fähigkeit technischer Aggregatoren, massenhaft Quellen zu beurteilen, dürften technische Orientierungsangebote als thematische Offenheit gedachte Universalität garantieren. Denkt man Universalität als möglichst vollständige Abdeckung eines Themenbereichs, so können auch hier technische Aggregatoren durch umfassende Quellenanalysen Universalität erreichen. Durch beständige Aktualisierung der Ergebnisse erlangen technische Orientierungsangebote das Merkmal der Periodizität. Der zeitliche Rhythmus der Aktualisierung kann dabei je nach Angebot variieren, geschieht häufig aber unmittelbar mit Aufruf des Angebotes. Die Publizität eines technischen Orientierungsangebotes ist durch die generelle Erreichbarkeit als Onlineangebot gegeben. Einschränkungen können hier für personalisierte Angebote46 bestehen. Wie bereits erwähnt, kann die redaktionelle Autonomie technischer Orientierungsangebote nicht ohne Weiteres versichert werden (vgl. Kapitel 3.1.3). Zusammenfassend ist jedoch davon auszugehen, dass die für journalistische Orientierungsleistungen festgelegten Merkmale durch technische Orientierungsangebote prinzipiell erfüllt werden können. Eine wichtige Einschränkung technischer Aggregatoren – insbesondere zu den bei Neuberger et al. analysierten Angeboten (vgl. Neuberger / Nuernbergk / Rischke 2009b: 213) – ergibt sich aus der Rolle des Intermediärs. Technische Orientierungsangebote bieten als Vermittler zumeist
45

Der in der Verarbeitung generell genutzte technische Standard RSS (‚Really Simple Syndication’) zeichnet jede Informationseinheit (Artikel o.Ä.) mit einem Erstellungsdatum aus.

46

Personalisierte Angebote schränken durch persönliche Präferenzen das jeweilige Angebot genauer ein. 29

3. Technische Orientierungsleistungen

nur Weiterleitungen zu anderen Angeboten, jedoch keine eigenen vollständigen Artikel an. Dennoch wird ihnen eine entscheidende Rolle bei der Informationssammlung und -aufbereitung zugeschrieben:
„Aggregators, if not originating content, are still a critical element of the online ecosystem, helping news consumers navigate and organize an ever-expanding volume of news content produced both by professional journalists and individuals.“ (PEW 2010)

Technische Aggregatoren versuchen – im Gegensatz zu menschlichen Bewertungsmaßnahmen – Zusammenhänge herzustellen, die auf technischen Merkmalen wie Erscheinungsdatum, Wortähnlichkeit und Verlinkung von Inhalten basieren. Insbesondere die Auswertung von Verlinkungsstrukturen ist im World Wide Web die zentrale Vorgehensweise47. Dies wirft die Frage auf, welche Bedeutung ein Link als technisches Merkmal in sich trägt. Zumindest bei von Menschen gesetzten Links lässt sich Intention unterstellen. Sie enthalten somit ein soziales Element:
„Yet very few people would create hyperlinks purely for their own use. Instead, the create them to help others navigate an information space in a way that they themselves would. They use them to express social relationships in a public space for others to see. They share hyperlinks as gifts – through e-mail and instant messages that share information and laughs – and so reinforce existing relationships. […] In essence, since the very inception of the World Wide Web, the hyperlink has acted as a social element.“ (Adamic 2008: 227)

Betrachtet man Links auf Basis dieser Aussage als Empfehlungen, so bedeutet die Auswertung dieser Elemente eine durch technische Mittel sichtbar gemachte Orientierungs-Orientierung. Ein vielversprechender Effekt dieses Vorgehens ist die Emergenz kollektiver Gedankengänge48. Durch die Auswertung einer hohen Zahl persönlicher Empfehlungen lässt sich ein kollektives Meinungsbild erzeugen:
„With the ability to see hyperlinks within a larger networked structure, we have already begun to understand that, en masse, they reflect deep social and cultural structures – a kind of collective unconscious.“ (Halavais 2008: 39)

47

So lässt sich etwa für in Weblog-Artikeln enthaltene Links feststellen: „Because of the very timely nature of inpost-citations, they can be used to filter the most interesting content on a daily basis“ (Adamic 2008: 231)

48

Im Sinne der von Surowiecki (2005) beschriebenen „Weisheit der Masse“. 30

3. Technische Orientierungsleistungen

Durch die Gegebenheiten des Internets kann technischen Orientierungsangeboten eine multiperspektivische Darstellung von Themen gelingen (vgl. Bruns 2009: S: 119). Das kollektive Meinungsbild kann durch die breite Grundlage an Einzelmeinungen zudem den Anschein der Objektivität bieten (vgl. Webster 2008: 28). Diese Feststellung wirft die Frage auf, inwiefern technische Orientierungsangebote als algorithmische Mediatoren (Rieder 2004) mit Merkmalen wie Objektivität49 oder anderen, menschlichen Eigenschaften beschrieben werden können. Insbesondere das Problem des Vertrauens in die Orientierungsleistung nicht-menschlicher Akteure muss geklärt werden50. Denkt man die Idee der algorithmischen Mediatoren fort, so stellt sich die Frage, inwiefern sich das Konzept des Systemvertrauens (vgl. Kohring 2001: 61ff.) auf technische Internetaggregatoren übertragen lässt. Der von Shirky vorgestellte Entwurf einer „Algorithmic Authority“ (Shirky 2009a) zeigt einen möglichen Denkweg:
„[A]lgorithmic authority handles the “Garbage In, Garbage Out” problem by accepting the garbage as an input, rather than trying to clean the data first; it provides the output to the end user without any human supervisor checking it at the penultimate step; and these processes are eroding the previous institutional monopoly on the kind of authority we are used to in a number of public spheres, including the sphere of news.“ (Shirky 2009a)

Vertrauen in technische Aggregatoren ist als mehrdimensionaler Prozess zu beschreiben. Neben das generelle Vertrauen in die Fähigkeit des Programmierers, ein leistungsfähiges Angebot bereitzustellen, treten die Nutzungserfahrungen sowie die Bekanntheit der verlinkten Quellen und ihrer Autoren. Durch diese Merkmale können Nutzer Vertrauen zur Orientierungsleistung eines technischen Angebotes aufbauen – sie dienen als Indikatoren für die Potentiale der Orientierungsleistung des Dienstes (vgl. Kuhlen 1999: 101ff.). Da technische Orientierungsangebote nicht nur für Endnutzer, sondern auch für Redaktionen in der Vielzahl von Informationen relevante Artikel und Quellen ausfindig machen können, lassen sich vormals langwierige Rechercheaufgaben schneller und vor allem effizienter lösen. Die technische Aggregation von Informationen kann somit professionellen Orientierungsangeboten gewinnbringende Erkenntnisse liefern. Zudem lassen sich Zusammenhänge zwischen Daten durch die inhaltliche Auswertung und die Analyse von Netzwerkeffekten genauer analysieren. Die

49 50

Objektivität wird hier synonym zum Begriff der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit gedacht. So kann nach Kohring Vertrauen nur in einer Relation zwischen sozialen Akteuren existieren (vgl. Kohring 2004: 132). 31

3. Technische Orientierungsleistungen

multiperspektivische Darstellung von Themen im Internet kann sich für eine zeitnahe Erhebung von Tendenzen und Einstellungen im Sinne der Meinungsforschung als hilfreich erweisen. Die bisherigen Betrachtungen lassen den Schluss zu, dass die technische Aggregation einer Vielzahl einzelner Orientierungsleistungen die Darstellung einer übergreifenden OrientierungsOrientierung ermöglicht. Technische Orientierungsangebote bündeln die massenhaft vorhandenen Orientierungs-Orientierungen zu einer Meta-Orientierungs-Orientierung in einer Art und einem Umfang, der für menschliche Vermittler aufgrund der Informationsmenge nicht – zumindest nicht zeitnah und somit aktuell relevant – zu bewältigen wäre.

3.2.2 Folgen technischer Orientierungsangebote
Während im vorherigen Kapitel die Leistungsfähigkeit – und damit das Potential – technischer Orientierungsangebote im Vordergrund stand, soll nun auf negative Folgen technisch vermittelter Informationen eingegangen werden. Dabei liegt der Fokus auf den Gefahren, welche durch automatisierte Vorgänge in der Informationsverarbeitung auftreten können. Diese eher pessimistische Sichtweise soll den Blick kritisch auf die rasanten Entwicklungen im Bereich technischer Informationsverarbeitung richten und für die Probleme sensibilisieren. Neben allen Vorteilen, die technische Orientierungsangebote angesichts der zu bearbeitenden Informationsmassen haben, werden Schwachpunkte evident, welche die Leistungsfähigkeit der Angebote mindern. So sind etwa menschliche Konzepte wie Ironie oder Sarkasmus für Maschinen kaum erkennbar51, weshalb Inhalte unter falschen Prämissen zugeordnet werden könnten. Nicht nur die fehlerhafte Zuordnung durch die Aggregation selbst, sondern auch Fehler in der Bezeichnung der Inhalte durch Nutzer können gravierende Folgen haben, die fortwährende Beobachtung benötigen:
„The limitations and promises of folksonomies are often discussed in terms of the practice: how things are tagged, by whom, and guided by what motivations. These questions will undoubtedly be subject to empirical study and answered in time.“ (Wichowski 2009)

Werden neben professionellen Orientierungsangeboten auch partizipative Angebote in der technischen Aggregation erfasst, so besteht die Gefahr, durch einseitige Verlinkungen der
51

Zur Zeit arbeiten Forscher jedoch bereits an Algorithmen, die solche Konzepte durch Maschinen erkennbar machen: „We found some strong features that recognize sarcastic utterances, however, a combination of more subtle features served best in recognizing the various facets of sarcasm.“ (Tsur / Davidov / Rappoport 2010: 8) 32

3. Technische Orientierungsleistungen

partizipativen Angebote nur einheitliche Meinungsäußerungen zu aggregieren52. Es lassen sich Isolationseffekte bis hin zu einer Fragmentierung in Teilöffentlichkeiten vermuten (vgl. Adamic 2008: 234f.). Eine weiterführende Betrachtung innerhalb der amerikanischen politischen Blogosphäre verdeutlicht die dynamische Struktur der Blogosphäre, die sich je nach Thema schnell anpassen kann (vgl. ebd.: 236f.). Somit ist nicht von klar abgeschotteten Teilöffentlichkeiten, sondern eher von Ad-hoc-Öffentlichkeiten auszugehen, die durch agile Vernetzung schnell sichtbar werden. Hier greift zudem das Konzept der „Weak Ties“ (Granovetter, 1973), die als schwache Bindungen helfen, sozialer Fragmentierung vorzubeugen. Sie garantieren auch in homogenen Gruppen Verbindungen zu anderen Meinungen und verhindern damit vollständige soziale Isolation. Meinungen und Informationen diffundieren über schwache Bindungen in verschiedenste Gruppen. Auf diesem Weg werden Menschen mit Einstellungen konfrontiert, die ihren eigenen widersprechen. Ob durch technische Orientierungsangebote aggregierte Links die Rolle der zwischenmenschlichen schwachen Bindungen adaptieren können, bleibt jedoch fraglich (vgl. Prior 2008: 259ff.). Bedenkt man die Gefahren einer potentiellen Fragmentierung bei ungenügender Heterogenität der betrachteten Quellen, so lassen sich auch Verstärkereffekte53 durch die technische Aggregation vermuten. Ausschlaggebend für diese Effekte ist die Zusammensetzung der Quellen des Aggregators. Bei heterogenen Quellen sind Verstärkereffekte als unwahrscheinlich anzusehen. Liegt jedoch eine homogene Quellenbasis vor, so ergibt sich die potentielle Gefahr, von der in Kapitel 3.2.1 beschriebenen multiperspektivischen Betrachtung in die Darstellung einseitiger Meinungen umzuschwenken. Wenn technische Aggregatoren durch Fehler in der Programmierung oder Missinterpretation der aggregierten Quellen falsche Zusammenhänge herstellen, können gravierende Fehlinformationen Verbreitung finden. Durch die einmal in Gang gesetzte automatisierte Bewertung können insbesondere in sensiblen Themenbereichen, etwa dem Finanzsektor, kleine Fehler folgenreiche Entwicklungen nach sich ziehen. Die automatisierten Vorgänge in der Informationsverarbeitung betreffen dann nicht nur die Bereitstellung von Informationen für Rezipienten, sondern können gravierende Auswirkungen auch auf finanzielle Entwicklungen
Ob Isolationseffekte tatsächlich auftreten, ist jedoch umstritten: „This fragmentation debate remains unresolved because of the limited empirical data available. The two sides currently support their contentions by way of a very small pool of observations. Measurements also tend to be used selectively.“ (Dahlberg 2007: 831)
53

52

Verstärkereffekte treten auf, wenn bereits prominent platzierte Artikel durch eben diese Platzierung weitere Empfehlungen erhalten. Sie verhindern dadurch das Nachrücken weiterer, aktuellerer Artikel. 33

3. Technische Orientierungsleistungen

haben. Zur Illustration möglicher Kettenreaktionen soll in gebotener Kürze ein bereits geschehenes Beispiel dargestellt werden. Ein veralteter Artikel einer amerikanischen Onlinezeitung wurde aufgrund fehlender Daten nach sechs Jahren automatisiert mit dem Tagesdatum versehen, was eine fatale Entwicklung nach sich zog:
„United Airlines, eine der weltgrößten Fluggesellschaften, melde Konkurs an, wurde die Tageszeitung Sun Sentinel aus Florida zitiert. Der Börsenkurs von United brach um 75 Prozent ein. In zwölf Minuten wurden mehr als eine Milliarde Dollar vernichtet. Dabei hatte United gar nicht Konkurs angemeldet. Die Meldung war sechs Jahre alt und wurde aus Versehen von einem Computerprogramm, mit dem Google die Website der Zeitung durchsuchte, als neu ausgegeben.“ (Schuler 2008) 54

Durch Schnelllebigkeit im Medienkonsum kann sich die ungenügende Informationstiefe bei der Lektüre von Nachrichten als problematisch erweisen. Dieser Effekt wird insbesondere durch technische Orientierungsangebote begünstigt, die – einerseits aus Gründen der Übersichtlichkeit, andererseits aufgrund rechtlicher Beschränkungen des Zitatrechts – nur kurze Ausschnitte von Artikeln aufführen. Hinweise für dieses Nutzerverhalten sind bereits gegeben:
„Younger generations especially begin their news consumption through search. There are signs that more and more people are ending it there as well, deciding that all they need is the headline, byline and first sentence of text. In short, news consumers young and old get a good deal of news without ever actually clicking on the story. If this cursory read is deemed valuable – or valuable enough – it could send content producers back to the drawing board for both their content and financial strategies.“ (PEW 2010)

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass sich neben der Vielzahl der in Kapitel 3.2.1 dargelegten Vorteile auch negative Aspekte technischer Orientierungsangebote zeigen. Die Nutzung dieser Angebote erfordert insbesondere die bereits in Kapitel 3.1.2 erwähnte

54

Die – nicht zu stoppende – Kettenreaktion lässt sich im Nachhinein rekonstruieren. Durch den in der späten Nacht erfolgten einmaligen Aufruf des betreffenden Artikels gelangte dieser in die „Meist gelesen“-Liste einer amerikanischen Tageszeitung. Aus dieser wurde der ohne Datumsangabe eingestellte Artikel von Google News erfasst. Der Crawler versah den Artikel mit dem tagesaktuellen Datum, wodurch die Meldung am Folgetag im Dienst großes Aufsehen erregte. Nachdem ein Investmentunternehmen die Meldung verbreitete, wurden wiederum automatisiert Verkäufe der Aktie angestoßen. 34

3. Technische Orientierungsleistungen

Medienkompetenz, deren Vermittlung und Erwerb als entscheidender Faktor und neuralgischer Punkt zur erfolgreichen Nutzung neuartiger Orientierungsangebote anzusehen ist.

3.3 Remediation durch technische Orientierungsangebote?
Im Anschluss an die Darstellung der Potentiale und Gefahren technischer Internetaggregatoren soll in diesem Kapitel geklärt werden, ob technische Orientierungsangebote die Aufgaben professioneller Anbieter übernehmen und damit als neuartige Intermediäre auftreten können. Als Schlüsselfrage für die weitere Betrachtung ergibt sich somit: Findet eine Remediation durch technische Orientierungsangebote statt? Abgesehen von wenigen und nur grob bestimmbaren Nutzungszahlen ist der tatsächliche Einfluss technischer Orientierungsangebote auf die Orientierung von Nutzern des World Wide Web fraglich (vgl. Neuberger 2009a: 75). Bisher geben nur wenige Studien Aufschluss über das tatsächliche Potential technischer Orientierungsangebote. Überdies sind diese Studien häufig auf amerikanische Angebote beschränkt – die Vergleichbarkeit zum deutschsprachigen Teil des World Wide Web kann nicht gewährleistet werden. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass sich nur ein geringer Teil der amerikanischen Nutzerschaft exklusiv über technische Orientierungsangebote informiert, die Nutzermeinungen aggregiert wiedergeben – und darüber hinaus wahrscheinlich professionelle journalistische Orientierungsangebote konsultiert:
„For now, the percentage of Americans who rely exclusively on news from user-driven sites is just a fraction of what it is for mainstream news sites. And in this increasingly fragmented era, many who visit Digg, Del.icio.us and Reddit may also be reading the online versions of The New York Times and The Wall Street Journal.“ (PEW 2007: 14)

Bruns beschreibt in seiner Analyse zu kollaborativer Nachrichtenproduktion diverse technische Orientierungsangebote, die partizipative Inhalte aggregieren und zugänglich machen. Der von ihm dargestellte tiefgreifende Wandel schließt weder den professionellen Journalismus als zukünftige Informationsquelle aus, noch resultiert er in einer vollkommenen Dominanz partizipativer oder technischer Orientierungsangebote (vgl. Bruns 2005: 307ff.). Vielmehr wird eine Evolution des Journalismus beschrieben, die Bruns zu dem Schluss führt, auch technische und partizipative Orientierungsangebote seien unter den Begriff Journalismus zu fassen:
35

3. Technische Orientierungsleistungen

„If there are aims which journalism still subscribes to, then we should no longer hesitate to recognize the sites we have encountered here as a form of journalism, and one which is needed now more than ever.“ (Bruns 2005: 317)

Technische Orientierungsangebote werden somit nicht als Substitut, sondern als Ergänzung zur bisherigen professionellen Vermittlung dargestellt. Ähnliche Schlüsse lässt eine Untersuchung von Social News-Angeboten55 im deutschsprachigen Raum zu. Sie zeigt neben großem Entwicklungspotential auch die bereits existente Leistungsfähigkeit56 der Dienste (vgl. Rölver / Alpar 2008: 326). Diese genügt bisher jedoch nicht, um in Konkurrenz mit dem Angebot klassischer Massenmedien – also professionellen Orientierungsangeboten – zu treten:
„In ihrer Wirkung erzielen Social News die gesetzten Ziele, können aber gleichsam im Wettbewerb um gute Nachrichten zusätzliche Funktionen übernehmen. Diese reichen von einer möglicherweise unintendierten Verbreitung redaktioneller Inhalte der Internetpräsenzen klassischer Massenmedien bis zur Hervorhebung unbekannter Internetquellen. Von einer echten Konkurrenz zum Angebot klassischer Medien kann hier allerdings keine Rede sein.“ (Rölver / Alpar 2008: 326)

Die kritische Betrachtung des englischsprachigen Angebots Digg durch Goode (2009) problematisiert die postulierte Demokratisierung der Orientierungsangebote anhand quantitativer anstatt qualitativer Kriterien wie dem Nachrichtenwert. Goode kritisiert, dass es durch partizipative Elemente zu einer Verzerrung zugunsten populärer, jedoch zulasten wichtiger Beiträge, die durch Journalisten eher selektiert werden, kommen kann. Eine Analyse des Abstimmungsverhaltens auf der Seite verdeutlicht, dass sie nicht zwingend die breite Meinung

55

Bei

Social

News-Angeboten

verschwimmt

die

Grenze

zwischen

partizipativen

und

technischen

Orientierungsangeboten: „Social News sind Web 2.0-Anwendungen, die auf die dynamische, nutzergenerierte Auswahl und Verteilung von Nachrichten gerichtet sind. Ihre Inhalte berücksichtigen dabei die sozialen Kontexte ihrer Nutzer und bilden durch soziale Rückkopplungsprozesse und die Ausnutzung von Skalen- und Netzwerkeffekten ein effizientes Konstrukt zur weitestgehend redaktionsautonomen und partizipientenkonformen Auswahl, Evaluation und Allokation von Nachrichten.“ (Rölver / Alpar 2008: 301)
56

„Wie gezeigt werden konnte, sind Social News geeignet, aus einem dispersen Nachrichtenangebot interessante und relevante Informationen herauszufiltern. Damit dieser Effekt eintritt, ist es allerdings erforderlich, zunächst einen entsprechend großen Mitgliederstamm aufzubauen und geeignete Anreize zur Beitragsgenerierung zu setzen. Ist die kritische Masse erst einmal erreicht, können kollektive Selektionsmechanismen ihre volle Wirkung entfalten.“ (Rölver / Alpar 2008: 326) 36

3. Technische Orientierungsleistungen

der Nutzerschaft abbildet57. Goode bewertet Digg dennoch aufgrund der angestoßenen Diskussionen um neue Beiträge als wertvolles Orientierungsangebot (vgl. Goode 2009: 1296). Wie in den vorhergehenden Betrachtungen dargestellt, sind technische Orientierungsangebote insbesondere im Hinblick auf die Beherrschung und Handhabbarkeit der Informationsflut gegenüber menschlicher Sortierung bevorteilt. Es zeigt sich jedoch schon bei der Betrachtung der nur spärlich vorhandenen Analysen, dass eine vollständige Remediation durch technische Orientierungsangebote weder erwartbar noch sinnvoll erscheint. Da diese Angebote überdies vor allem auf Input durch professionelle und / oder partizipative Angebote angewiesen sind, können technische Orientierungsangebote voraussichtlich als Ergänzung, jedoch nicht als Ersatz für professionelle Orientierungsangebote angesehen werden. Eine fortlaufende Prüfung der Angebote auf verschiedenen Wegen sollte nach Festlegung qualitativer Merkmale einen Vergleich zwischen professionellen und rein technisch erstellten Orientierungsangeboten ermöglichen. Zudem sollte die Leistungsfähigkeit technischer Aggregatoren fortwährend beobachtet und bewertet werden – schon aufgrund des zu erwartenden gesteigerten Einflusses technischer Angebote auf die zukünftige Informationsvermittlung58. Das in dieser Arbeit gewählte Vorgehen zeigt eine weitere Möglichkeit auf. Während etwa professionelle Vermittler zur Selbstreflexion fähig und somit befragbar sind, sollte die Orientierungsleistung eines technischen Aggregators neben der Betrachtung durch

57

„A logical extension shows that the top 100 Digg Users have contributed 14,249 stories to the homepage, or 56.41%. At Digg, a very select group of users is dominating the popular homepage content. Far from being a mass of opinion, Digg is instead showing, primarily, the content opinions of just a few, select folks.“ (Fishkin 2006)

58

Vgl. dazu Rieder (2004): „Im Inneren der digitalen Netze arbeitet schon heute Software, die Informationen nicht nur nach fixen Schemata überträgt, sondern klassifiziert, strukturiert, bewert[et, sic!], filtert, kommuniziert und erzeugt – und das in vielen Fällen autonom und lernfähig.“ (ebd.: 40). Zur Idee des Semantic Web bemerkt Herman: „ The Semantic Web is about two things. It is about common formats for integration and combination of data drawn from diverse sources, where on the original Web mainly concentrated on the interchange of documents. It is also about language for recording how the data relates to real world objects. That allows a person, or a machine, to start off in one database, and then move through an unending set of databases which are connected not by wires but by being about the same thing.“ (Herman 2010)

37

3. Technische Orientierungsleistungen

Außenstehende vor allem durch die Bewertung der Nutzer eines Dienstes evaluiert werden59. Daher richtet der empirische Teil dieser Arbeit den Blick auf die Nutzerschaft des technischen Blog- und Nachrichtenaggregators rivva.de. Im Folgenden soll eine kurze Betrachtung des Dienstes diese Auswahl begründen.

3.4 Charakterisierung des technischen Orientierungsangebotes rivva.de
Der Blog- und Nachrichtenaggregator rivva.de versucht laut Eigenaussage des Entwicklers Frank Westphal „einen gewichteten Schlagzeilenüberblick über die deutschsprachige Blog- und OnlineMedienlandschaft zu liefern“60. Der Dienst vereint als technisches Orientierungsangebot professionelle und partizipative Angebote, da die Seite als Meta-Angebot die dispersen Beiträge und Reaktionen aus einem Pool von Blogs, Nachrichtenseiten und Twitterfeeds aggregiert und nach Aktualität, Diskussionsintensität sowie weiteren Parametern61 einordnet:
„Die Plattform bündelt tagesaktuell Beiträge, die in der deutschsprachigen Blogosphäre populär sind, das heißt stark verlinkt werden. Dabei werden nicht alle verfügbaren Weblogs überwacht, sondern es existiert eine Datenbank mit derzeit etwa 2.700 deutschsprachigen Blogs und redaktionell erstellten Angeboten sowie etwa 800 englischsprachigen Quellen.“ (Schmidt / Frees / Fisch 2009: 54)

Laut aktuelleren Angaben des Entwicklers Frank Westphal erfasst die Seite mittlerweile 4.500 deutschsprachige sowie 1.050 zumeist englischsprachige Quellen, außerdem sind ca. 250.000 Twitter-Accounts erfasst, von denen etwa 54.000 aktiv getrackt werden62. Diese Quellen bilden die Grundlage für die auf der Startseite präsentierten Artikel. Die Quellenbasis wird durch Verlinkungen von Seiten durch bereits vorhandene Quellen beständig gepflegt und aktualisiert.

59

Beer fordert drei Blickrichtungen bei der Erforschung neuartiger Orientierungsangebote: die Untersuchung der Anwendungen und Organisationen hinter diesen, die Struktur der genutzten Software inklusive ihrer Algorithmen sowie die Auswirkungen auf die Nutzer der Angebote (vgl. Beer 2009: 998). Auch Neuberger verweist auf die Notwendigkeit der Nutzerbefragung (vgl. Neuberger 2008b: 28f.)

60 61

http://rivva.de/about Die entsprechenden Parameter wollte Entwickler Frank Westphal im privaten Gespräch zum Schutz vor Plagiaten nicht näher offenlegen.

62

Stand: August 2010. 38

3. Technische Orientierungsleistungen

Dementsprechend können Seiten auch wieder aus dem Index herausfallen. Durch die Ausrichtung der Website liegt die – zu überprüfende – Vermutung nahe, dass hauptsächlich aktive Nutzer des Social Web den Dienst verwenden. Im November 2009 wurde rivva.de von über 22.000 Seitenbesuchern in Anspruch genommen63. Das Angebot wirft als Bindeglied zwischen professionell und partizipativ erstellten Orientierungsangeboten aus der technischen Warte den Blick auf das von Neuberger eingeführte Beziehungsdreieck zwischen Profession, Partizipation und Technik (vgl. Neuberger 2009a: 60f.). Das Potential des Dienstes liegt somit in einer möglichen Remediation für die Nutzer – sie erhalten den Überblick zu aktuell diskutierten Themen über diverse professionelle und partizipative Angebote hinweg. Ausschlaggebend für diesen Überblick ist die Verlinkung der Beiträge untereinander, da erst durch sie eine direkte Verknüpfung geschehen kann. Da rivva.de sich darauf verlegt, die meist diskutierten Artikel auf der Startseite aufzuführen, ist folglich eine vollständige Auflistung aktuell aus professioneller Sicht relevanter Themen wie etwa im OnlineAngebot des Spiegels oder der Tagesschau nicht zwingend gegeben. Die Möglichkeit, zu gesonderten Ressorts Inhalte abzurufen, mindert diesen Umstand zumindest für die vorhandenen Themenbereiche. Im Sinne des Identitäts- und Beziehungsmanagements, die Schmidt neben dem Informationsmanagement als Funktionen des Social Web postuliert (vgl. Schmidt 2008: 23f.), lässt sich rivva.de auch für die Evaluation der Reaktionen auf eigene Beiträge nutzen. Sofern das vom Nutzer betriebene Angebot von rivva.de berücksichtigt wird, lassen sich für jeden Artikel die erfassten Reaktionen sowie die zum Artikel verfassten Twitter-Nachrichten einsehen. Legt man die in Kapitel 3 festgelegten Gütekriterien für eine Orientierungsleistung zugrunde, so wird der Großteil dieser Kriterien durch das Angebot von rivva.de erfüllt. Da rivva.de im Internet frei abrufbar ist, ist die Publizität des Angebotes per se gesichert. Zudem wird das auf der Startseite aufgezeigte Themenspektrum mehrmals täglich überarbeitet, so dass auch die Aktualität der Themen gewährleistet ist. Diese fortlaufende Aktualisierung ergibt darüber hinaus eine regelmäßige Erneuerung des Dienstes und somit Periodizität. Die Abdeckung eines möglichst breiten Themenspektrums im Sinne der Universalität kann jedoch nicht gewährleistet werden – dazu wäre der Dienst auf eine entsprechend breite Berichterstattung und Diskussion

63

Angabe aus den Daten des Dienstes Google Analytics, der laut Seitenbetreiber Frank Westphal bis zum November 2009 in der Seite eingebunden war. 39

3. Technische Orientierungsleistungen

innerhalb des Quellenpools angewiesen. Auch die redaktionelle Autonomie kann durch Unkenntnis der Programmierung nicht grundsätzlich angenommen werden. Natürlich stellt sich die Frage, warum ausgerechnet der Dienst rivva.de betrachtet werden soll. Die vorliegenden Arbeit leistet einen Beitrag zur Grundlagenforschung hinsichtlich technischer Aggregationsdienste. Da im Rahmen einer Magisterarbeit eine international angelegte Studie weder realisierbar noch sinnvoll eingrenzbar erscheint, ist die Beschränkung auf einen Dienst aus dem deutschsprachigen Raum für dieses Forschungsvorhaben angebracht. Zudem vereint rivva.de als technischer Internetaggregator professionelle und partizipative Angebote und befindet sich daher auf der Schnittstelle zwischen klassischen Angeboten und neuartigen Publikationsformen. Das Angebot ist im deutschsprachigen Teil des World Wide Web momentan eine Ausnahmeerscheinung und auf Basis der Vorüberlegungen als weitgedachte Lösung ein Vorreiter auf dem Gebiet technisch vermittelter Orientierungsangebote. Diese Gründe waren bei der Auswahl des Angebotes ausschlaggebend. Im nachfolgenden Kapitel werden die Forschungsfragen zur Nutzung von rivva.de dargestellt, die sich aus den Betrachtungen der Sekundäranalyse deduzieren lassen.

40

4. Forschungsfragen

4. Forschungsfragen
In Anlehnung an die Sekundäranalyse sowie bisherige wissenschaftliche Evidenzen und Konzepte lassen sich differenzierte Forschungsfragen zur näheren Untersuchung der Orientierungsleistungen des technischen Internetaggregators rivva.de ableiten. Die vorliegende Studie ist im Bereich der Grundlagenforschung anzusiedeln. Es wurden Forschungsfragen konzipiert, die vor allem auf die Gewinnung deskriptiver Erkenntnisse zu Auswirkungen der Nutzung von rivva.de abzielen. Sie sollen im Folgenden aufgeführt und näher erläutert werden.

4.1 Forschungsleitende Frage
Das Hauptinteresse dieser Arbeit besteht darin, die Orientierungsleistung des technischen Internetaggregators rivva.de von den Nutzern des Dienstes beurteilen zu lassen, da diese die verlässlichsten Aussagen zur Orientierungsleistung des Angebotes treffen können. Daher ergibt sich als forschungsleitende Frage:

Wie beurteilen aktive Nutzer des Social Web die Orientierungsleistung des technischen Internetaggregators rivva.de?

Aus dieser übergeordneten Frage ergeben sich die im nächsten Kapitel beschriebenen weiterführenden Forschungsfragen. Die forschungsleitende Frage beinhaltet als Prämisse, dass die Nutzer des Dienstes aktiv an der Gestaltung des Social Web teilnehmen. Diese Voraussetzung bedarf zunächst der Überprüfung. Für den Treatment-Check ergibt sich somit folgende Frage:

Nimmt die Nutzerschaft von rivva.de als Produser aktiv an der Gestaltung des Social Web teil?

4.2 Weiterführende Forschungsfragen
In Anlehnung an die leitende Fragestellung ergeben sich zwölf spezifischere untergeordnete Forschungsfragen, welche die einzelnen Dimensionen der Nutzung und der Orientierungsleistung des technischen Internetaggregators rivva.de sowie deren vielfältige Beziehungen zueinander multiperspektivisch beleuchten.
41

4. Forschungsfragen

Bei der rezeptiven Nutzung des Dienstes ist die Orientierungsleistung das ausschlaggebende Kriterium. Die Leistungsfähigkeit des Dienstes definiert sich über die Orientierungsleistung, die rivva.de für den Nutzer erbringt. Gemäß der in Kapitel 3 vorgenommenen Definition von Orientierungsleistungen steht dementsprechend die Frage im Fokus:

Frage 1: Nehmen Nutzer von rivva.de eine Orientierungsleistung durch das Angebot wahr?

Durch diese deskriptive Forschungsfrage soll zunächst grundsätzlich geklärt werden, ob die Nutzer von rivva.de durch den Dienst eine Orientierungsleistung wahrnehmen. Das Konstrukt der Wahrnehmung einer Orientierungsleistung erweist sich dabei als sehr komplex. Aus diesem Grund wird neben der grundsätzlichen Wahrnehmung der Orientierungsleistung im Fragebogen auch eine spezifischere Unterscheidung zwischen den Dimensionen der Orientierung zu allgemein und zu persönlich relevanten Themen sowie der Wahrnehmung der Aggregationsleistung des Dienstes getroffen. Die allgemeine Orientierungsleistung wird dabei verstanden als Leistung zu für die Allgemeinheit als relevant wahrgenommenen Themen – dies meint vor allem die in Massenmedien wie der Tagesschau oder dem Spiegel behandelten Themen. Die persönliche Orientierungsleistung beschreibt die Leistung zur Vermittlung von Themen, die von persönlichem Interesse des Nutzers sind. Zudem soll die Wahrnehmung der Orientierungsleistung durch die Aggregation der Seite – als prinzipielles Alleinstellungsmerkmal des Dienstes gegenüber anderen Angeboten – einer genauen Analyse unterzogen werden. Diese separierte Betrachtung ermöglicht eine differenzierte Evaluation der Wahrnehmung von Orientierungsleistungen.

Frage 2 : Erwarten die Nutzer von rivva.de vom Angebot eine Orientierungsleistung für das Social Web?

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die Nutzer des Dienstes eine Orientierungsleistung für das Social Web erwarten und in welchen Dimensionen diese Erwartungen valent werden. Da rivva.de zum größten Teil partizipative Angebote aggregiert, stellt sich die Frage, inwiefern eine Orientierungsleistung zu diesen Quellen erwünscht wird. Die Aggregation dieser spezifischen Informationen zeichnet rivva.de als Dienst aus und grenzt ihn von anderen – beispielsweise
42

4. Forschungsfragen

journalistischen Angeboten – ab. Der Fokus der Frage hinsichtlich der Erwartungen einer Orientierungsleistung liegt auf den vom Dienst vornehmlich aggregierten Weblog- und Twitterfeeds. Es ist zu vermuten, dass sich hohe Erwartungen an eine Orientierungsleistung für das Social Web ergeben, da die Erfassung partizipativer Dienste in dieser Kombination ein Alleinstellungsmerkmal von rivva.de ist. Eine entsprechende Erwartungshaltung seitens der Nutzer scheint somit logisch.

Frage 3: Wie beurteilen Nutzer die Orientierungsleistung des Angebots von rivva.de?

Unterstellt man den Nutzern von rivva.de eine hinreichende Medienkompetenz, so sollten sie in der Lage sein, die Orientierungsleistung des Dienstes zu beurteilen. Im Rahmen der Beurteilung der Orientierungsleistung werden Substitutionspotentiale, die Qualität der aggregierten Quellen, die Breite der dargestellten Themenbereiche sowie eine eventuelle qualitative Überlegenheit gegenüber professionellen Angeboten erfasst. Zudem soll diese Forschungsfrage den Einfluss journalistischer Erfahrung auf die Bewertung der Orientierungsleistung untersuchen. Es ist denkbar, dass Personen mit haupt- oder nebenberuflicher journalistischer Tätigkeit die Orientierungsleistung des Angebotes aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung und berufsbedingter Reflexion zum Thema kritischer einschätzen als Nutzer ohne journalistische Erfahrung. Weiterhin wird im Zusammenhang mit der Bewertung der Orientierungsleistung überprüft, ob die Erfassung eigener Beiträge die Evaluation des Angebots beeinflusst. Möglicherweise schätzen Personen, deren Beiträge erfasst werden, die Orientierungsleistung von rivva.de als besser ein, da sie eine größere persönliche Nähe zum Dienst wahrnehmen. Es ist vorstellbar, dass diese User den Dienst automatisch besser beurteilen, da sie ihre eigenen Beiträge als qualitativ hochwertig einschätzen und diesen Eindruck auf die anderen aggregierten Beiträge übertragen. Auch die Variable ‚Bekanntheit von Autoren’ könnte einen intervenierenden Einfluss auf die Beziehung zwischen Nutzung und Bewertung der Orientierungsleistung ausüben. Innerhalb der

43

4. Forschungsfragen

deutschen Blogosphäre existiert eine Vielzahl an langfristig bekannten, zentralen Weblogs64. Es ist anzunehmen, dass diese zentralen Weblogs einer großen Anzahl der bei rivva.de gegenwärtig aktiven Nutzer des Social Web bekannt sind. Die meisten dieser Weblogs tragen zum Agenda Setting innerhalb der deutschen Blogosphäre bei65. Durch die Kombination der Bekanntheit dieser Autoren einhergehend mit dem Wissen um ihre Art und Kompetenz der Informationsvermittlung wird die Orientierungsleistung von rivva.de vermutlich anders eingeschätzt, als bei völliger Unbekanntheit der Autoren aggregierter Artikel.

Frage 3a: Unterscheidet sich die Bewertung der Orientierungsleistung in Abhängigkeit der Rezeptionsart und -häufigkeit von rivva.de?

Das Orientierungsangebot von rivva.de lässt sich auf verschiedene Arten rezipieren. Neben dem direkten Aufruf der Seite werden sowohl ein RSS-Feed als auch ein Twitteraccount mit neu auf der Startseite erscheinenden Artikeln befüllt. Diese Vermittlungswege unterliegen verschiedenen Prämissen, die kurz erläutert werden sollen. Der direkte Aufruf der Seite liefert dem Leser einen direkten Überblick über alle aktuell aggregierten Themen. Er findet dort zudem eine Auflistung der meist verlinkten Videos sowie der populärsten Twitternachrichten. Diese Aggregationsleistung wird nur bei direktem Aufruf der Seite angezeigt und findet über die anderweitigen Vermittlungswege nicht statt. Der RSS-Feed der Seite lässt eine zeitlich größere Beobachtungsspanne zu. Wird der vollständige RSS-Feed der Seite gelesen, so kann der Rezipient dort auf Themen stoßen, die im Moment der Lektüre bereits von der Startseite des Angebotes verdrängt wurden. Der RSS-Feed leitet den Nutzer jedoch nur auf die zum Artikel gehörige Unterseite, so dass der aktuelle Gesamtüberblick nicht präsentiert wird. Die Rezeption per Twitter erfolgt hingegen zumeist zufällig, sofern der Twitterfeed nicht eigens beobachtet wird66. Auch dort wird nicht auf die Gesamtübersicht, sondern auf die zum jeweils betreffenden Artikel gehörige Unterseite verwiesen. Es ist somit zu erwarten, dass die Bewertung der Orientierungsleistung bei Rezeption via Twitter schlechter eingestuft wird als per RSS-

64

Die

verlässlichste

Rangfolge

deutscher

Weblogs

bieten

die

„Deutschen

Blogcharts“

(http://deutscheblogcharts.de/). Sie weisen für einen Großteil der hoch platzierten Blogs Verweildauern von mindestens 100 Wochen in der Auflistung aus.
65 66

Siehe dazu auch die Analyse des Leitmedien-Index bei rivva.de (Schmidt 2010). Dieses Vorgehen wäre im Vergleich zum Abonnement des RSS-Feeds jedoch wenig sinnvoll. 44

4. Forschungsfragen

Abonnement oder per direktem Aufruf der Seite. Der tatsächliche Einfluss der Rezeptionsart auf die Bewertung der Orientierungsleistung soll daher betrachtet werden. Zudem stellt sich die Frage nach dem Einfluss der Nutzungshäufigkeit auf die Bewertung von rivva.de. Es erscheint naheliegend, dass mit einer häufigeren Nutzung eine bessere Bewertung der Orientierungsleistung einhergeht. Zum einen kennen sich User mit einer höheren Nutzungsfrequenz wahrscheinlich besser mit dem Angebot und dessen Aufbereitung aus. Zum anderen erscheint es plausibel, dass sie die für sie relevanten Themen bei den durch rivva.de aggregierten Quellen aktiver verfolgen und daher einen größeren und langfristigeren Überblick über die jeweiligen Themen besitzen. Dadurch wiederum könnten sie neue Artikel besser einordnen als sporadische Nutzer des Angebotes. Dieser Erfahrungsunterschied könnte Differenzen in der Bewertung der Orientierungsleistung bedingen.

Frage 3b: Unterscheidet sich die Bewertung der Orientierungsleistung in Abhängigkeit des Ausmaßes der Selektivität in der Rezeption seitens der Nutzer von rivva.de?

Den Nutzern von rivva.de steht prinzipiell offen, in welcher Informationstiefe sie das Angebot rezipieren. Unter Ausschnitten aus den jeweiligen Hauptartikeln werden die Reaktionen auf die Beiträge, die im Artikel verlinkten Seiten sowie die zum Artikel abgesetzten ‚Tweets’ aggregiert. Fraglich ist, ob die Bewertung der Orientierungsleistung positiver ausfällt, wenn über den Hauptartikel hinaus auch weiterführende, sich auf den Artikel beziehende Reaktionen gelesen werden. Die aktive Rezeption verlinkter Quellen statt beiläufiger Rezeption kurzer Ausschnitte kann den Nutzern weiterführende Aspekte eines Themas aufzeigen. Durch die umfassendere Information vermag die Bewertung der Orientierungsleistung positiv beeinflusst zu werden. Die Frage untersucht neben der gesamten Selektivität über Hauptartikel und Reaktionen hinweg gesondert die Selektivität bezüglich der Hauptartikel und der Reaktionen, um auch dort eventuelle Unterschiede der Bewertung der Orientierungsleistung festzustellen. Folglich soll durch diese Frage das in Kapitel 3.2.2 beleuchtete Problem ungenügender Informationstiefe basierend auf der Nutzerschaft von rivva.de untersucht werden.

45

4. Forschungsfragen

Frage 3c: Unterscheidet sich die Bewertung der Orientierungsleistung in Abhängigkeit der Dauer der Nutzung von rivva.de?

Wie in Kapitel 3.2.1 dargestellt, kann eine fortlaufende Nutzung durch den Erfahrungsgewinn Vertrauen in die Orientierungsleistung auch technischer Dienste bilden. Es lässt sich daher erwarten, dass Nutzer durch eine längerfristige Nutzung von rivva.de die Orientierungsleistung besser einschätzen werden als weniger erfahrene Nutzer des Dienstes. Die Bewertung langfristiger Nutzer sollte positiver ausfallen, da das Angebot bei langfristig negativer Erfahrung nicht weiter genutzt werden würde.

Frage 4a: Erwarten die Nutzer von rivva.de vom Angebot eine journalistische Orientierungsleistung?

Als Aggregationsdienst versucht rivva.de laut Beschreibung des Entwicklers Frank Westphal, einen „einen gewichteten Schlagzeilenüberblick über die deutschsprachige Blog- und OnlineMedienlandschaft“67 zu bieten. Ein Blick auf die „Leitmedien“ der Seite68 zeigt, dass unter den aggregierten Seiten neben zahlreichen Weblogs auch professionelle Nachrichtenangebote vorhanden sind. Es stellt sich die Frage, ob die Nutzer aufgrund dieser Inkludierung vom Aggregationsdienst eine journalistische Orientierungsleistung erwarten. Hierzu sollen die für Orientierungsleistungen beschriebenen Gütekriterien der Aktualität, Universalität, Publizität und Relevanz angelegt werden69. Insbesondere bei dieser Fragestellung vermag sich ein potentieller Einfluss eines eventuellen journalistischen Hintergrunds einstellen, so dass dieser bei der Untersuchung explizit einbezogen wird. Es ist zu erwarten, dass journalistisch tätige Nutzer weitaus geringere Erwartungen an eine journalistische Orientierungsleistung von rivva.de haben als Nutzer ohne journalistische Erfahrung, da sie journalistische Vermittlung eher professionellen Orientierungsangeboten zuschreiben.
67 68

Vgl. http://rivva.de/about Die „Leitmedien“ erfassen die aggregierten Seiten, welche in den letzten 100 Tagen die meisten Hauptartikel für die Startseite des Angebotes veröffentlicht haben.

69

Die Periodizität des Angebotes ist durch die automatisierte fortlaufende Aktualisierung per se gegeben. 46

4. Forschungsfragen

Frage 4b: Wird rivva.de durch die Nutzer als journalistisches Angebot wahrgenommen?

Neben der Frage, ob eine journalistische Orientierungsleistung erwartet wird, lässt sich die Frage stellen, ob die Nutzer von rivva.de das Angebot mit journalistischen Leistungen in Verbindung bringen. Es ist zu erforschen, ob die Nutzerschaft dem Dienst Eigenschaften wie Aktualität oder Universalität zuschreibt. Auch hier dürfte ein journalistischer Hintergrund Einfluss auf die Konnotationen der Nutzer haben. Erwartbar ist erneut eine kritischere Wahrnehmung seitens journalistisch tätiger Nutzer.

Frage 4c: Wird die Orientierungsleistung der technischen Aggregation durch den Nutzer besser bewertet als die Orientierungsleistung journalistischer Angebote?

Ein entscheidender Aspekt bei der Frage nach Remediation durch technische Orientierungsangebote ist die Bewertung der Orientierungsleistung im Vergleich zu professionellen Angeboten. Ob rivva.de als technisches Orientierungsangebot bessere Bewertungen erzielen kann als professionell journalistische Angebote, soll daher mit dieser Forschungsfrage untersucht werden.

Frage 5a: Verändert die Nutzung von rivva.de das Rezeptionsverhalten journalistischer Angebote?

Nach den Fragen mit Bezug zu journalistischen Kriterien bietet es sich an, zu untersuchen, inwiefern das Angebot von rivva.de als technischer Vermittler das Rezeptionsverhalten der Nutzer ändert. Zu erforschen ist, ob durch den möglichen Einfluss auf das Rezeptionsverhalten eine Remediation durch den technischen Aggregator stattfindet, oder ob keine Veränderungen zu verzeichnen sind. Es ist davon auszugehen, dass die Häufigkeit der Rezeption von rivva.de ein einflussreicher Faktor hinsichtlich der veränderten Rezeption anderer Angebote ist. Bei Personen, die rivva.de mindestens täglich nutzen, hat der Dienst einen festen Platz im Medienrepertoire. Da auch bei häufigerer Nutzung eines Dienstes das Zeitbudget zur Medienrezeption allgemein gleichbleibt, sollte sich eine gesunkene Nutzung hinsichtlich einiger Medienangebote einstellen.

47

4. Forschungsfragen

Frage 5b: Werden die auf rivva.de aggregierten Inhalte kritisch rezipiert?

Bedenkt man die in Kapitel 3.2.2 betonte Bedeutsamkeit der Medienkompetenz im Umgang mit neuartigen Orientierungsangeboten, so muss zwingend die kritische Rezeption der dargebotenen Inhalte evaluiert werden. Dies umfasst zum Einen die Bekanntheit der Autoren von auf rivva.de aufgeführten Seiten. Zum Anderen soll die Informationstiefe der Rezeption bei dem Nutzer unbekannten Angeboten, die bei rivva.de aggregiert werden, untersucht werden. Es stellt sich die Frage, ob die Nutzer ihnen unbekannte Seiten bedenkenlos rezipieren oder ob sie sich eingehend mit den Autoren sowie den jeweiligen Seiten beschäftigen. Hinzu kommt die Evaluation der Intensität, mit der sich die Nutzer von rivva.de über ein Thema informieren, das bei rivva.de aufgeführt wird. Es ist zu klären, ob sie die Recherche auf die im Angebot aufgeführten Quellen beschränken oder darüber hinaus eigeninitiativ tätig werden.

Frage 5c: Dient rivva.de den Nutzern als Instrument zur Evaluation der Reaktionen auf eigene Beiträge?

Neben den rein rezeptiven Möglichkeiten des Angebotes lässt rivva.de auch die Evaluation von Reaktionen auf eigene Beiträge zu, wodurch Nutzer den Erfolg eigener Veröffentlichungen nachvollziehen können. Es ist fraglich, ob – und wenn ja, in welcher Intensität – der Dienst in dieser Funktion in Anspruch genommen wird.

48

5. Methodik

5. Methodik
Bevor die Ergebnisse der Online-Befragung dargestellt und interpretiert werden, soll im Folgenden ein zusammenfassender Überblick über die Methodik des Forschungsvorhabens gegeben werden.

5.1 Konzeption der Untersuchung
Da die Befragung in einem durch wissenschaftliche Forschung kaum bestellten Feld durchgeführt wurde, soll die Erhebung mittels quantitativer Methoden eine belastbare Grundlage für weiterführende Forschung legen. Die breit angelegte Evaluation von Nutzerdaten anstelle vereinzelter Meinungen aus qualitativen Interviews soll zudem die Vergleichbarkeit zu anderen Studien gewährleisten – so etwa den Abgleich der Nutzerschaft mit den Ergebnissen zukünftiger Erhebungen zur Internetnutzung in Deutschland. Die Untersuchung eines online-affinen Publikums legte die Konzeption als Online-Befragung nahe. Zudem war die Nutzung der untersuchten Website – und damit ein eigener Online-Zugang – zwingende Voraussetzung für die Teilnahme an der Studie. Die Durchführung der Erhebung im Internet bedeutete somit keine Ausgrenzung potentieller Teilnehmer, sondern war vielmehr logische Konsequenz des zugrunde liegenden Forschungsvorhabens70.

5.2 Erstellung und Durchführung der Umfrage
Der standardisierte Fragebogen stellt eine Operationalisierung der in Kapitel 4 aufgeführten Forschungsfragen dar, die sich wiederum aus den Ergebnissen der Sekundäranalyse ableiten lassen. Nach Generierung des Fragebogens mit Hilfe der Software „EFS Survey“ wurden einige optische Anpassungen an das Layout der untersuchten Website vorgenommen. Die Teilnehmer der Befragung sollten dadurch eine vertraute, an den Untersuchungsgegenstand angelehnte Umgebung vorfinden.

70

„Das Internet ist als Technik und Organisationsform gleichzeitig Methode bzw. Instrument (Fragebogen), Kommunikationskanal (Vertrieb) und Forschungsgegenstand (Nutzung, Rezeption, Produktion von Internetinhalten). Online-Befragungen sind dann besonders sinnvoll, wenn alle drei Komponenten zusammenkommen, wenn also das Internet und seine Nutzer auch der Forschungsgegenstand selbst sind.“ (Scholl 2009: 53) 49

5. Methodik

Um den Fragebogen auf Verständlichkeit, Logik und eventuelle fehlerhafte Filterführungen zu testen, wurden sowohl ein automatisierter71 als auch ein manueller Pretest mit 14 Personen durchgeführt72. Nach Überarbeitung des Fragebogens wurde dieser am Montag, den 17. Mai 2010 für die Teilnahme freigegeben. Er war bis Dienstag, den 8. Juni 2010 insgesamt 22 Tage frei geschaltet. Die Bekanntmachung des Fragebogens erfolgte im Sinne der Schneeballtechnik (vgl. Diekmann 2006: 346f.) über diverse öffentliche Online-Plattformen. Neben einem Blogeintrag in meinem privaten Weblog73 veröffentlichte auch der Seitenbetreiber von rivva.de, Frank Westphal, einen entsprechenden Hinweis im Rivva-Blog74. Zudem wurde ein Link zum Fragebogen über den gesamten Befragungszeitraum auf der Startseite von rivva.de angezeigt. Außerdem wurde der Link via Microblogging-Dienst Twitter publiziert. Insbesondere zum Start der Umfrage erfolgte eine rasante Verbreitung des Links, vor allem über persönlich bekannte andere Twitter-Nutzer. Zusätzlich wurden den Teilnehmern nach Beenden der Umfrage Links angeboten, welche die Verbreitung der Studie über den eigenen Twitter- oder Facebook-Account ermöglichten. Die Majorität der Teilnehmer partizipierte während der ersten Tage der Freischaltung an der Umfrage. Eine Woche vor Abschluss der Befragung wurden die Nutzer über die oben genannten Wege über das baldige Ende der Erhebung informiert, wodurch die Teilnehmerzahl noch einmal stark anstieg. An der Umfrage nahmen insgesamt 1306 Probanden teil. Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand wurden zunächst die Nichtnutzer aus der Stichprobe gefiltert. Von den verbleibenden 778 Probanden wurden weitere 283 Teilnehmer ausgeschlossen, da sie die Beantwortung vorzeitig abbrachen. Vier weitere Fälle wurden aufgrund von Inkonsistenzen im Antwortverhalten ausgeschlossen. Dementsprechend lagen zur Auswertung n=491 Fälle vor. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit lag bei 14:48 Minuten. Die genaue Ausschöpfungsquote ist nicht ermittelbar, da die exakte Anzahl der Personen, die von der Umfrage wussten, nicht bekannt ist.

71 72

EFS Survey erlaubt die beispielhafte Befüllung mit Daten, um fehlerhafte Filterführungen zu erkennen. Die Pretester nahmen nicht an der endgültigen Online-Umfrage teil, um Vorprägungen und eventuelle Verzerrungen durch Bekanntheit des Fragebogens auszuschließen.

73 74

http://bertdesign.de/wissenleben/meine-magisterarbeit-umfrage-zu-rivva-de http://blog.rivva.de/archives/2010/5/17/chasing_waterfalls/ 50

5. Methodik

5.3 Analyse der Stichprobe
Die vorliegende Stichprobe kann keinen Anspruch auf Repräsentativität der Nutzerschaft von rivva.de erheben. Mit einem Anteil von 88,8 Prozent (n=429) ist der Großteil der Teilnehmer männlich, mit 11,2 Prozent (n=54) sind die weiblichen Teilnehmer in der Minderheit. Von acht Personen liegen keine Angaben zum Geschlecht vor. Das offen erfragte Alter wurde für die Analyse in die von der ARD/ZDF-Onlinestudie genutzten Altersgruppen gruppiert75. Der größte Anteil der Befragten, nämlich 38,1 Prozent (n=184) ist 20 bis 29 Jahre alt. Direkt danach folgen die 30-39-Jährigen mit einem Anteil von 35,8 Prozent (n=173). Die drittgrößte Gruppe der 40-49-Jährigen fällt mit einem Anteil von 18,8 Prozent (n=91) bereits deutlich ab. Nur geringe Anteile weisen schließlich die 13-19-Jährigen (2,9 Prozent, n=14), die 50-59-Jährigen (3,7 Prozent, n=18) sowie die über 60-Jährigen (0,6 Prozent, n=3) auf. Mit 76,8 Prozent ist der Großteil der Nutzer demnach unter 40 Jahre alt. Auch bei diesem Merkmal liegen von acht Personen keine Angaben vor. Die befragten Nutzer weisen ein überaus hohes Bildungsniveau auf. 52,6 Prozent (n=255) der Befragten besitzen einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Weitere 30,1 Prozent (n=146) haben das Abitur als höchsten anerkannten Bildungsabschluss erworben. Rechnet man die Teilnehmer mit Fachabitur (8,0 Prozent, n=39) und Promotion (3,3 Prozent, n=16) hinzu, so verfügen 94 Prozent der Teilnehmer über einen überdurchschnittlich hohen formalen Bildungsabschluss. Die Stichprobe zeigt, dass die Nutzer von rivva.de der Kategorie der ‚Early Adopter’ sehr genau entsprechen.

5.4 Treatment-Check
Mittels eines Treatment-Checks wurde zunächst auch hinsichtlich ihres Mediennutzungsverhaltens die postulierte Voraussetzung überprüft, dass die Nutzer von rivva.de als Produser aktiv an der Gestaltung des Social Web teilnehmen.

75

Die leichte Diskrepanz im untersten Segment erklärt sich durch einen 13-jährigen Teilnehmer, der nicht aus Altersgründen aus der vorliegenden Stichprobe ausgeschlossen werden sollte. 51

5. Methodik

Tabelle 1: Nutzung von Social Web-Angeboten
Angebot Wikis Videoportale Social Networks Fotosammlungen Weblogs Microblogging Social Bookmarking Virtuelle Spielewelten N 488 486 487 489 485 491 482 489 fehlend 3 5 4 2 6 0 9 2 Mittelwert 2,5 2,68 2,33 3,96 1,61 2,33 3,99 5,42 Standardabweichung 1,104 1,114 1,736 1,278 0,962 1,789 1,772 1,190

Quelle: Eigene Darstellung; Skala: 1=mehrmals täglich, 2=täglich, 3=mehrmals wöchentlich, 4=wöchentlich, 5=seltener, 6=nie (fehlender Wert)

Zunächst wurde die Nutzung verschiedener Angebote des Social Web erfasst. Dort stechen vor allem Weblogs, Social Networks sowie Microblogging-Dienste heraus. Diese Angebote werden vom Großteil (85,8 Prozent) der Befragten mindestens täglich genutzt. Für Social Networks liegt dieser Wert bei 68,1 Prozent, einen ähnlichen Wert erreicht die Nutzung von MicrobloggingDiensten (67,2%). Unter den Teilnehmern befüllen 86,76 Prozent der Gesamtheit, also 426 Befragte, ein eigenes Weblog oder einen eigenen Twitteraccount. Die Verweildauer im Internet ist in dieser Nutzergruppe (n=425, fehlend: 1) mit der mehrmals täglichen Nutzung des Internets durch 80,2 Prozent der Nutzer ungewöhnlich hoch. Zudem verbringen 70,5 Prozent dieser Nutzer mehr als drei Stunden täglich im Internet (n=426). Eine genauere Betrachtung ergibt, dass von der Gesamtzahl der Weblog-Betreiber (n=317) insgesamt 65,2 Prozent ihr Weblog mindestens wöchentlich mit neuen Inhalten befüllen. Eine weitaus größere Gruppe von 80,9 Prozent (n=397) der insgesamt Befragten nutzt den Microblogging-Dienst Twitter. Dem Format entsprechend erhöht sich die Frequenz der veröffentlichten Beiträge auf dieser Plattform im Vergleich zu Artikeln in Weblogs stark. Von n=396 Befragten geben 54,8 Prozent (n=217) an, mindestens täglich eine Nachricht per Microblog zu publizieren, weitere 19,9 Prozent (n=79) nutzen den Dienst mehrmals wöchentlich.

52

5. Methodik

Die angegebenen Leserzahlen weisen sowohl bei den Weblog-Betreibern als auch bei den Twitter-Nutzern eine dem Long Tail entsprechende Verteilung auf. Während nur wenige Befragte über eine Vielzahl an Bloglesern76 oder Twitter-„Followern“77 verfügen, schreibt der Großteil der jeweiligen Befragten in beiden Diensten für eine geringe Zahl an Lesern. Abbildung 1: Verteilung der Leserzahlen bei Weblogs und Twitter

Quelle: Eigene Darstellung; X-Achse: Anzahl der Probanden; Y-Achse: Anzahl der Leser

Insgesamt bestätigt der Treatment-Check, dass die befragten Nutzer von rivva.de als Produser aktiv an der Gestaltung des Social Web beteiligt sind. Der hohe Anteil an Weblog-Betreibern und Twitter-Nutzern, die zudem größtenteils regelmäßig und hochfrequent Beiträge veröffentlichen, entspricht auch unter Einbezug des Internetnutzungsverhaltens im Hinblick auf Altersstruktur, Geschlecht und Bildungsgrad geradezu idealtypisch dem in Kapitel 2.3 beschriebenen Typen des ‚Early Adopters’.

5.5 Methodisches Vorgehen im Hinblick auf die Fragestellung
Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die Frage nach der Wahrnehmung und Beurteilung der Orientierungsleistung des technischen Internetaggregators rivva.de durch aktive Nutzer des Dienstes. Um die wahrgenommene Orientierungsleistung und deren Bewertung untersuchen und messen zu können, wurden unabhängige, abhängige und intervenierende Variablen mit diversen Items im Fragebogen operationalisiert.
76 77

3,5 Prozent – also n=10 Weblog-Betreiber mit mehr als 800 täglichen Lesern 5,9 Prozent – also n=20 Twitternutzer mit mehr als 700 ‚Followern’ 53

5. Methodik

Ausgehend von der grundsätzlichen Fragestellung dieser Arbeit leitet sich daher das folgende Forschungsmodell als Grundlage der Forschungsfragen ab: Abbildung 2: Das Forschungsmodell

Quelle: Eigene Darstellung

Als unabhängige Variable fungiert in der Untersuchung die Nutzung des Angebotes von rivva.de. Dabei unterscheidet sich die Nutzung von rivva.de durch Rezeptionsart und -häufigkeit, Ausmaß der Selektivität innerhalb des Dienstes sowie die Dauer der Nutzung des Angebotes. Die abhängigen Variablen sind die Erwartung einer Orientierungsleistung für das Social Web, die Wahrnehmung und Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de, die Erwartung einer (journalistischen) Orientierungsleistung sowie die Wahrnehmung von rivva.de als journalistisches Angebot. Zudem treten die Wahrnehmung und Bewertung der Orientierungsleistung journalistischer Angebote, das Rezeptionsverhalten dieser Angebote, die kritische Rezeption des Angebotes von rivva.de sowie die Evaluation der Reaktionen auf eigene bei rivva.de aggregierte Beiträge als abhängige Variablen auf.
54

5. Methodik

Zu berücksichtigen sind weiterhin die intervenierenden Variablen der Erfassung eigener Beiträge, des journalistischen Hintergrundes sowie der Bekanntheit der bei rivva.de aufgeführten Autoren. Sie können – wie auch die soziodemographischen Daten – moderierenden Einfluss auf die Beziehung zwischen der Nutzung und den abhängigen Variablen haben.

5.5.1. Unabhängige Variable
Hauptinteresse dieser Untersuchung sind mögliche Auswirkungen der Nutzung von rivva.de auf die Wahrnehmung und Beurteilung der Orientierungsleistung des Dienstes und anderer Dienste sowie die eventuelle Veränderungen der Mediennutzung. Somit liegt die Nutzung von rivva.de als unabhängige Variable allen weiteren Evaluationsschritten zugrunde. Im Datensatz wird die Nutzung von rivva.de in der Variable v_1 erfasst. Für alle Fälle des analysierten Datensatzes (n=491) ist der Wert positiv (v_1=1). Die unabhängige Variable der Nutzung enthält zudem einige tiefer gehende Ausprägungen, die im Folgenden in gebotener Kürze dargestellt werden. 5.5.1.1 Rezeptionsart und -häufigkeit Die Rezeptionshäufigkeit wird in Abhängigkeit der Rezeptionsart in den Items v_47 (Direkter Seitenaufruf), v_48 (Abruf per RSS-Feed) sowie v_49 (Abonnement des Twitterfeeds) mittels einer sechs-stufigen Skala78 erfasst. Da die Zusammenfassung der Items in diesem Fall wenig gewinnbringend erscheint, werden diese separat betrachtet, um fundiertere Aussagen treffen zu können. Um die Analyse der Nutzungshäufigkeit für weiterführende Betrachtungen zu vereinfachen, wurden die Items in die Variablen v_47_häufigkeit (n=484, Mw!1,67, Sd!0,55), v_48_häufigkeit (n=458, Mw!2,44, Sd!0,86) und v_49_häufigkeit (n=464, Mw!2,31, Sd!0,92) umcodiert. In diesen wird zwischen (mindestens) täglicher, (mindestens) wöchentlicher und seltenerer Nutzung unterschieden. 5.5.1.2 Ausmaß der Selektivität Das Ausmaß selektiver Rezeption der Inhalte von rivva.de wurde separat für Hauptartikel und für auf Hauptartikel verweisende Reaktionen erfasst. Die Selektivität in der Rezeption von Hauptartikeln wurde mit den Items v_84 (wenn auf Artikel verweisende Seiten bekannt), v_85 (bei großer Anzahl verweisender Blogs), v_86 (bei großer Anzahl verweisender Tweets) sowie
1=mehrmals täglich, 2=täglich, 3=mehrmals wöchentlich, 4=wöchentlich, 5=seltener, 6=nie 55

78

5. Methodik

v_87 (bei Interesse am behandelten Thema) erfasst. Die Selektivität hinsichtlich der unter den Hauptartikeln aufgeführten Reaktionen wurde mittels der Items v_89 (bei Bekanntheit verweisender Seiten), v_90 (bei häufigen thematisch passenden Beiträgen einer Seite), v_91 (bei professionellen Medien) sowie v_92 (bei Interesse am Thema des Hauptartikels) erfragt. Die Zustimmung zu den Aussagen zur Selektivität konnte auf einer fünfstufigen Skala (1= „immer“; 5= „nie“) differenziert angegeben werden. In der Reliabilitätsanalyse aller Items ergab sich ein Cronbachs !-Wert von 0,82, so dass die genannten Items im Index selektivität_gesamt (n=469, Mw!2,56, Sd!0,64) zusammengefasst wurden. Aufgrund eines zu geringen Cronbachs !-Wertes konnten nicht alle Items zur Selektivität bei Hauptartikeln zusammengefasst werden. Eine zusätzliche Reliabilitätsprüfung ergab, dass sich die Items v_84, v_85 und v_86 mit einem Cronbachs !-Wert von 0,74 in den Index selektivität_hauptartikel (n=481, Mw!2,8, Sd!0,81) vereinen lassen konnten79. Zudem konnten die Items für die Selektivität bei Reaktionen auf Hauptartikel in einem eigenen Index selektivität_reaktionen (n=475, Mw!2,7, Sd!0,8) zusammengefasst werden (Cronbachs !!0,82). Anschließend wurden die drei Indizes für weitere Analysen dichotomisiert80. Es ergaben sich die drei verdichteten Indizes selektivität_gesamt_dichotomisiert (n=109), selektivität_hauptartikel_dichotomisiert (n=166) sowie selektivität_reaktionen_dichotomisiert (n=147). 5.5.1.3 Dauer der Nutzung von rivva.de Die Dauer der Nutzung von rivva.de wurde im Item v_46 anhand vorgegebener halbjähriger Intervalle seit dem ersten Halbjahr 2007 erfasst. Die Analyse der deskriptiven Daten offenbarte eine regelmäßige Verteilung auf die abgefragten Zeiträume. Dies legte die Gruppierung der Ausprägungen im Item v_46_gruppiert nach vollständigen Jahren nahe.

79

Das Item v_87 – „Ich lese Hauptartikel, wenn mich das behandelte Thema interessiert“ – erwies sich bei der Analyse der deskriptiven Daten als zu generisch (n=486, Mw=1,28, Sd=0,6).

80

Die Werte bis 2 (hohe Selektivität) wurden in die Ausprägung 1 umcodiert, die Werte ab 4 (geringe Selektivität) in die Ausprägung 2. Alle dazwischen liegenden Werte bedeuten eine in keine Richtung sonderlich ausgeprägte Selektion von Artikeln. Diese Werte wurden in der Analyse daher vernachlässigt. 56

5. Methodik

5.5.2. Abhängige Variablen
Es ist anzunehmen, dass sich die Nutzung von rivva.de auf diverse Erwartungs-, Einstellungs-, Wahrnehmungs- und Bewertungsvariablen auswirkt. Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden die folgenden abhängigen Variablen (AV) analysiert. 5.5.2.1 Erwartung einer Orientierungsleistung im Social Web Die Erwartung einer Orientierungsleistung im Social Web durch rivva.de wird durch die Items v_63 (innerhalb der Blogosphäre) und v_64 (innerhalb des Microbloggingdienstes Twitter) erfasst. Beiden Items liegt eine fünfstufige Skala mit den Extremwerten 1 („Stimme voll und ganz zu“) und 5 („Stimme überhaupt nicht zu“) zugrunde. Die separate Betrachtung der beiden Items bietet sich an, da differenzierte Erwartungen in Bezug auf Weblogs und Twitter zu vermuten sind. 5.5.2.2 Wahrnehmung einer Orientierungsleistung von rivva.de Die Wahrnehmung einer Orientierungsleistung von rivva.de beinhaltet die Dimensionen Vielfalt, Aktualität, Vollständigkeit sowie Universalität. Dabei wurde die Wahrnehmung der Orientierung zu allgemein relevanten Themen, zu persönlich relevanten Themen sowie zur Aggregationsleistung des Dienstes mittels einer fünfstufigen Skala mit Ausprägungen von „stimme voll und ganz zu“ (=1) bis „stimme überhaupt nicht zu“ (=5) erfasst. Die Items v_50 (Vielfalt), v_51 (Universalität), v_52 (Vollständigkeit) sowie v_53 (Aktualität) erfassten dabei die Wahrnehmung der Orientierungsleistung zu allgemein relevanten Themen und konnten aufgrund eines zulässigen Cronbachs !-Wertes (!0,74) im gemeinsamen Index wahrnehmung_orientierungsleistung_allg zusammengefasst werden (n=464, Mw!2,63, Sd!0,79). Die Items v_57 (Universalität), v_59 (Vollständigkeit) sowie v_60 (Aktualität) ermittelten die Wahrnehmung der Orientierungsleistung zu persönlich relevanten Themen und konnten ebenfalls aufgrund eines ausreichenden Cronbachs !-Wertes (!0,71) im gemeinsamen Index wahrnehmung_orientierungsleistung_pers (n=458, Mw!2,43, Sd!0,76) zusammengefasst werden.

57

5. Methodik

Darüber hinaus wurde durch die Items v_78, v_79, v_80, v_81, v_82 und v_8381 die Wahrnehmung der Aggregationsleistung von rivva.de erfasst. Auch für die Items zur Aggregationsleistung ließ sich bei einem Cronbachs !-Wert von 0,74 ein gemeinsamer Index wahrnehmung_orientierungsleistung_aggregationsleistung (n=396, Mw!2,15, Sd!0,58) bilden. Außerdem wurde ein allgemeiner Index „Wahrnehmung Orientierungsleistung“ (m=371, Mw= 2,35, Sd= 0,55) erstellt. Basierend auf einem Cronbachs !-Wert von 0,83 war es zulässig, alle 13 Items zusammenzufassen, um eine Variable für den allgemeinen Überblick zu generieren. 5.5.2.3 Bewertung einer Orientierungsleistung von rivva.de Die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de wurde in den Items v_54 („rivva.de ersetzt für mich die Tageszeitung“), v_55 („rivva.de ersetzt für mich Nachrichtenportale“), v_56 („rivva.de ist besser als professionelle Nachrichtenangebote“), v_58 („rivva.de behandelt eine zu enge Auswahl an Themenbereichen“) , v_61 („rivva.de ersetzt für mich themen- und fachspezifische Angebote“) und v_82 („rivva.de aggregiert die zum jeweiligen Thema wichtigsten Quellen“) erfasst. Die Items v_54, v_55 sowie v_61 sind für die Analyse relevant, da einer Ersetzung des jeweiligen Angebotes durch rivva.de eine qualitativ bessere Bewertung der Plattform zugrunde liegen muss. Bei allen Items konnte die Zustimmung auf einer fünfstufigen Skala (1= „stimme voll und ganz zu“; 5= „stimme überhaupt nicht zu“ bzw. für Item v_82 1= „trifft voll und ganz zu“; 5= „trifft überhaupt nicht zu“) abgestuft werden. Nach Umkodierung von v_58 konnten die Items aufgrund eines Cronbachs L-Wertes von 0,71 im gemeinsamen Index bewertung_orientierungsleistung (n=385, Mw!3,27, Sd!0,76) zusammengefasst werden. 5.5.2.4 Erwartung journalistischer Orientierungsleistung von rivva.de Durch die Items v_62, v_65, v_66, v_67, v_68 und v_69 wurde die Erwartung einer journalistischen Orientierungsleistung erfragt. Dabei wurden die für journalistische Angebote ausschlaggebenden Dimensionen der Aktualität (v_62, v_67) sowie der Universalität (v_65, v_66,

81

v_78 = Aktualität; v_79 = Reaktionen helfen bei Einschätzung des Hauptartikels ; v_80 = Reaktionen ordnen Hauptartikel in passenden Kontext; v_81 = zusätzliche Informationen zum Hauptartikel durch aufgeführte Reaktionen; v_82 = Aggregation der wichtigsten Quellen; v_83 = Aufführen unbekannter Themenaspekte 58

5. Methodik

v_68, v_69) erfasst82, zudem wurde in v_70 die Relevanz der Plattform für die Themenauswahl im eigenen Weblog abgefragt. Das Ausmaß an Zustimmung zu den einzelnen Aussagen konnte auf einer fünfstufigen Skala (1= „stimme voll und ganz zu“; 5= „stimme überhaupt nicht zu“) differenziert angegeben werden. Die Items ließen sich aufgrund eines zu geringen Cronbachs !-Wertes von 0,56 nicht zusammenfassen. Auch eine Aufteilung in die Untergruppen Aktualität sowie Universalität ergab keine ausreichenden Werte in der Reliabilitätsanalyse. Für die weiterführende Betrachtung wurden die Items daher einzeln analysiert. 5.5.2.5 Wahrnehmung von rivva.de als journalistisches Angebot Die Wahrnehmung von rivva.de als journalistisches Angebot wurde in den Items v_50 (vielfältige Themenauswahl), v_51 (Überblick über allgemein relevante Themen), v_52 (Vollständigkeit des dargebotenen Meinungsbildes) und v_53 (Aktualität der Themen) erfasst. Auch diese Variable wurde mittels fünfstufiger Skala (Ausprägungen analog zu Kapitel 5.5.2.4) erfasst. Die Reliabilitätsanalyse ergab einen Cronbachs !-Wert von 0,74, so dass die Items im Index wahrnehmung_journ_angebot (n=464, Mw!2,63, Sd!0,79) zusammengefasst dargestellt werden können. 5.5.2.6 Bewertung der Orientierungsleistung journalistischer Angebote Die Bewertung der Orientierungsleistung journalistischer Angebote wurde in den Dimensionen der Orientierung zu allgemein relevanten sowie zu persönlich relevanten Themen abgefragt. Dabei wurden die journalistischen Angebote unterteilt in professionelle Nachrichtenangebote (v_30, v_38), Nachrichtenportale (v_31, v_39) und themen-/fachspezifische Angebote (v_32, v_40). Basierend auf einer mehrstufigen Skala mit den Ausprägungen 1= „sehr gut“; 5= „überhaupt nicht“ konnten differenzierte Beurteilungen erfasst werden. Da nur die Betrachtung der einzelnen Items – insbesondere im Vergleich zur Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de – einen Erkenntnisgewinn verspricht, wurden die Werte nicht in einem gemeinsamen Index zusammengefasst. Stattdessen wurden die deskriptiven Daten der einzelnen Items für eine vergleichende Analyse herangezogen.
82

Die darüber hinaus relevanten Dimensionen journalistischer Orientierungsleistung (Periodizität und Publizität) sind durch das regelmäßig aktualisierte, öffentlich zugängliche Angebot bei rivva.de per se gegeben. Sie wurden daher im Fragebogen nicht vertiefend thematisiert. 59

5. Methodik

5.5.2.7 Rezeptionsverhalten anderer Angebote neben rivva.de Eine Veränderung des Rezeptionsverhaltens anderer Angebote neben rivva.de wurde anhand zweier Konstrukte erfasst. Die vollständige Ersetzung professioneller Angebote aufgrund der Nutzung von rivva.de wurden mittels der Items v_54 (Tageszeitung), v_55 (Nachrichtenportale) und v_61 (themen- und fachspezifische Angebote) erfasst. Die Angaben konnten erneut auf einer fünfstufigen Skala abgestuft werden (1= „stimme voll und ganz zu“; 5= „stimme überhaupt nicht zu“). Die Aussagen zur Substituierung anderer Angebote durch rivva.de konnten aufgrund des Cronbachs !-Wertes von 0,74 im Index rezeptionsverhalten_ersetzung_angebote (n=459, Mw!3,68, Sd!1,03) zusammengefasst werden. Neben der Frage der Ersetzung wurde das veränderte Nutzungsverhalten für verschiedene Webangebote durch die Items v_96 (Professionelle Nachrichtenangebote), v_97 (Nachrichtenportale), v_98 (Themen- und fachspezifische Angebote), v_99 (einzelne Weblogs), v_100 (Foren), v_101 (Soziale Netzwerke), v_102 (Social Bookmarking-Dienste) sowie v_103 (Suchmaschinen) abgefragt. Mögliche Veränderungen wurden anhand einer sechsstufigen Skala83 erfasst. Mittels dieser Skala konnten feinere Abstufungen gemacht werden, da es nicht nur um absolute Ersetzung, sondern auch um geringfügig variierende Nutzung ging. Da auch in diesem Fall lediglich die separate Betrachtung der Einzelitems zielführend und aussagekräftig sein kann, wurde kein gemeinsamer Index angestrebt. 5.5.2.8 Kritische Rezeption des Angebotes von rivva.de Mit den Items v_71 (Informationsbeschaffung über unbekannte Seiten), v_72 (Eigene Recherche zu bei rivva.de gelisteten Themen), v_73 (vornehmlich Lektüre von Artikeln professioneller Medien), v_74 (vornehmlich Lektüre von Artikeln aus Weblogs) sowie v_75 (Unterscheidung zwischen Artikeln aus Weblogs und aus professionellen Medien) wurde das Maß an kritischer Rezeption der Inhalte auf einer fünfstufigen Skala (1= „immer“; 5= „nie“) abgefragt. Die Items ließen sich aufgrund zu geringer Cronbachs !-Werte nach thematischen Gesichtspunkten sortiert nicht zusammenfassen. Daher wurden alle Items separat betrachtet. 5.5.2.9 Evaluation der Reaktionen auf eigene Beiträge Ob sich Nutzer von rivva.de darüber informieren, inwiefern und wie eigene Beiträge von anderen Weblogbetreibern oder Twitternutzern aufgegriffen werden, erfassten die Items v_107

83

1= „nutze ich häufiger“; 2= „nutze ich gleich häufig“; 3= „nutze ich seltener“; 4= „nutze ich nicht mehr“; 5= „habe ich nie benutzt“; 6= „kann ich nicht beurteilen“ 60

5. Methodik

(Information über Anzahl verlinkender Blogs), v_108 (Information über Anzahl verlinkender Tweets), v_109 (Evaluation von Reaktionen auf thematisch zugeordnete fremde Artikel) und v_110 (Vergleich der Reaktionen auf eigene Artikel und thematisch verwandte Artikel)84. Um differenzierte Antwortmöglichkeiten zu erlauben, wurde eine fünfstufige Skala (1= „immer“; 5= „nie“) eingesetzt. Aufgrund eines Cronbachs !-Wertes von 0,96 ließen sich die Items in einem gemeinsamen Index zur Reaktionsevaluation zusammenfassen.

5.5.3. Intervenierende Variablen
Die Beziehung zwischen unabhängiger Variable und abhängigen Variablen kann durch intervenierende Variablen beeinflusst werden. Diese werden im Folgenden kurz dargestellt. 5.5.3.1 Erfassung eigener Beiträge Ob eigene Beiträge von rivva.de erfasst werden, wurde jeweils für das eigene Weblog (v_16, n=106 erfasste Weblogs) sowie den eigenen Twitteraccount (v_21, n=79 erfasste Twitteraccounts) erhoben. Um zwischen Nutzern, deren Beiträge erfasst werden, und Nutzern, deren Beiträge nicht erfasst werden, zu unterscheiden, wurde in mehreren Schritten das Item beiträge_erfasst_cod berechnet85. Darüber hinaus wurde die Häufigkeit der Beitragserfassung (v_105, v_106) in den Variablen v_105_cod und v_106_cod dichotomisiert („häufig“ und „eher häufig“ = 1 vs. „eher selten“ und „selten“ = 2). 5.5.3.2 Journalistischer Hintergrund Ein eventueller journalistischer Hintergrund wurde im Item v_120 abgefragt. Da für die Auswertung vor allem ein haupt- oder nebenberuflicher Hintergrund – unabhängig von aktueller

84 85

Diese Frage wurde nur Probanden gestellt, die angaben, dass ihre Artikel bereits aufgegriffen wurden. Zunächst wurden v_16 und v_21 jeweils umkodiert in ja=1 sowie restliche Angaben=2. Die Antwortmöglichkeiten waren in beiden Items „ja“, „nein“ sowie „weiß nicht“. Diese Items (twitter_erfasst, weblog_erfasst) wurden im Item beiträge_erfasst zusammengefasst. Dieses Item wurde wiederum umkodiert in das Item beiträge_erfasst_cod, indem die Ausprägungen 2 und 3 dem Wert 1 (Beiträge des Weblogs und/oder bei Twitter erfasst) zugewiesen wurden, die Ausprägung 4 dem Wert 2 (keine Beiträge erfasst). 61

5. Methodik

oder vergangener Tätigkeit – interessant war86, wurden die Werte im Item v_120_gruppiert nach hauptberuflichem (n=45), nebenberuflichem (n=89) und keinem (n=251) journalistischen Hintergrund zusammengefasst. 5.5.3.3 Bekanntheit der Autoren Die Items v_76 (Bekanntheit der Weblogautoren, n=490, Mw!2,81, Sd!0,89) und v_77 (Bekanntheit der Twitternutzer, n=483, Mw!3,44, Sd!0,97) erfassten eine mögliche vorherige Bekanntheit der Autoren von auf rivva.de aggregierten Beiträgen. Als Antwortoption wurde eine fünfstufige Skala (1= „immer“; 5= „nie“) genutzt. Beide Items wurden dichotomisiert87. Bei großer Bekanntheit wurde der Wert 1, bei Unbekanntheit der Wert 2 vergeben.

5.6 Vorgehensweise bei der Auswertung der Erhebungsdaten
Alle statistischen Auswertungen der Stichprobe wurden mit dem Datenanalyseprogramm PASW durchgeführt. Das Signifikanzniveau liegt für alle Forschungsfragen bei der für sozialwissenschaftliche Forschung gängigen Grenze von 0,05 (Signifikanz " 0,05)88. Im Folgenden wird das Vorgehen bei der Auswertung der einzelnen Forschungsfragen nachvollzogen. Forschungsfrage 1 untersucht, ob die Nutzer eine Orientierungsleistung durch rivva.de wahrnehmen. Hierzu werden zunächst die deskriptiven Daten des zusammengefassten Index wahrnehmung_orientierungsleistung ausgewertet. Hinsichtlich einer möglichen Auswirkung der Nutzungshäufigkeit auf die Wahrnehmung werden T-Tests bei unabhängigen Stichproben mit den zusammengefassten Indizes v_47_häufigkeit (direkter Aufruf), v_48_häufigkeit (RSSAbonnement) und v_49_häufigkeit (Twitter-Abonnement) berechnet. Bei diesen Betrachtungen sind allein die Ausprägungen 1 ((mehrmals) tägliche Nutzung) und 2 ((mehrmals) wöchentliche

86

Der journalistische Hintergrund kann – unabhängig von vergangener oder aktueller Erfahrung – immer als prägend erachtet werden. Das Ausmaß journalistischer Erfahrung ist in diesem Zusammenhang wichtiger als die zeitliche Distanz zwischen Befragungszeitpunkt und letzter journalistischer Tätigkeit.

87

Hierbei wurde der mittlere Wert (3) aufgrund der neutralen Aussage der Ausprägung nicht in die Umkodierung einbezogen.

88

Siehe weiterführend Diekmann 2006: 587f. 62

5. Methodik

Nutzung) der intervenierenden Variable ausschlaggebend89. Sollten sich signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen ergeben, wird die Korrelation zwischen der jeweiligen Variable und dem Wahrnehmungsindex berechnet. Sofern sich ein signifikanter Zusammenhang ergibt, ist darüber hinaus die Regression zu betrachten, welche die Richtung der Kausalität überprüft. Zu beachten sind vor allem die Werte des Regressionskoeffizienten (b), des standardisierten Regressionskoeffizienten (Beta) sowie des Determinationskoeffizienten (R2), der die erklärte Varianz der abhängigen Variable angibt. In einer tiefer gehenden Analyse werden zusätzlich die Wahrnehmung der allgemeinen und persönlichen Orientierungsleistung sowie der Orientierungsleistung der Aggregationsleistung in die Auswertung einbezogen. In einem ersten Schritt werden die deskriptiven Daten evaluiert. Weiterhin werden die Auswirkungen der Nutzungshäufigkeit auf die Wahrnehmung der einzelnen Ausprägungen der Orientierungsleistung in T-Tests mit unabhängigen Stichproben untersucht. Analog zum oben beschrieben Vorgehen fließen auch hier nur die Ausprägungen 1 und 2 in die Analyse ein. Bei signifikanten Unterschieden wird die Korrelation betrachtet sowie – falls nötig – eine Regressionsanalyse durchgeführt. Ob die Nutzer von rivva.de eine Orientierung im Social Web durch das Angebot erwarten, ermittelt die Forschungsfrage 2. Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden die deskriptiven Daten der Items v_63 (Überblick über aktuelle Themen der Blogosphäre) und v_64 (Überblick über aktuell bei Twitter diskutierte Themen) betrachtet. Forschungsfrage 3 umfasst neben der übergeordneten Frage zur Bewertung Orientierungsleistung von rivva.de drei weitere untergeordnete Forschungsfragen. Beantwortung der übergeordneten Forschungsfrage werden die Häufigkeitsverteilungen Items bewertung_orientierungsleistung analysiert. Weitergehende Erkenntnisse liefert Betrachtung der deskriptiven Daten des zusammengefassten Index zur Bewertung Orientierungsleistung. der Zur des die der

89

Die Beschränkung auf diese beiden Gruppen ergibt sich durch die Analyse der Nutzungshäufigkeiten über die einzelnen Kanäle (Direkter Aufruf, RSS-Abonnement, Twitter): Von allen Befragten nutzen n=464 Nutzer von rivva.de, also 94,5 Prozent der Gesamtheit, den Dienst über einen der Kanäle mindestens wöchentlich. Somit umfasst die eigentliche Beschränkung auf zwei Gruppen fast alle Befragten, zudem liegt das Hauptaugenmerk der Befragung auf den regelmäßigen Nutzern. Diese werden so optimal erfasst. 63

5. Methodik

Zudem wird der Einfluss journalistischer Erfahrung auf die Bewertung der Orientierungsleistung anhand der Gruppenvariable v_120_gruppiert (hauptberuflicher, nebenberuflicher oder kein journalistischer Hintergrund) untersucht90. Ein möglicher Einfluss der Erfassung eigener Beiträge auf die Bewertung der Orientierungsleistung wird mit einem T-Test bei unabhängigen Stichproben mit dem Item beiträge_erfasst_cod untersucht. Um zu überprüfen, ob die Häufigkeit erfasster Beiträge eventuelle Effekte verstärkt, werden die Items „Häufigkeit Erfassung als Hauptartikel“ (v_105) und „Häufigkeit Erfassung als verweisender Artikel“ (v_106) dichotomisiert und die Ausprägungen 1= „(eher) häufig erfasst“ und 2= „(eher) selten erfasst“ als Gruppenvariablen (v_105_cod, v_106_cod) mit T-Tests für unabhängige Stichproben analysiert. Die Bekanntheit der Autoren kann ebenfalls einen moderierenden Einfluss auf die Bewertung der Orientierungsleistung haben. Daher wird jeweils ein T-Tests für unabhängige Stichproben mit den dichotomisierten Items v_76 (Blog-Autoren bekannt) und v_77 (Twitter-Nutzer bekannt) durchgeführt. Bei beiden Variablen werden die Werte 1= „(fast) immer“ und 2= „(fast) nie“ als Gruppenvariablen zugrunde gelegt. Anschließend wird durch Filtern des Datensatzes die Signifikanz der Differenz von v_76_dichotomisiert und v_77_dichotomisiert in T-Tests mit einfachen Stichproben untersucht91. Zur Beantwortung der Forschungsfrage 3a werden die Auswirkungen der Rezeptionsart auf die Bewertung der Orientierungsleistung durch T-Tests mit unabhängigen Stichproben überprüft. Die T-Tests werden mit den gruppierten Items v_47_häufigkeit (direkter Zugriff), v_48_häufigkeit (RSS-Feed) sowie v_49_häufigkeit (Twitter) in den Ausprägungen 1= „(mehrmals) täglich“ und 2= „(mehrmals) wöchentlich“ als Gruppenvariablen vorgenommen. Zudem wird die Bewertung der Orientierungsleistung zwischen den einzelnen Rezeptionsarten durch T-Tests bei einfachen Stichproben verglichen92.

90

Zur Untersuchung des Einflusses dieser intervenierenden Variable ist keine Filterung des Datensatzes notwendig, da die Ausprägung „Nutzung von rivva.de“ für alle Fälle den Wert 1=ja besitzt. Dies gilt im Folgenden auch für die intervenierenden Variablen „Erfassung der Beiträge“ und „Bekanntheit der Autoren“.

91 92

Hier wird der jeweils korrespondierende Mittelwert als Testwert eingesetzt. Hierzu wurde der Datensatz mit einem Filter für die häufigsten Nutzer der jeweiligen Rezeptionsart belegt. Die TTests enthielten schließlich als Testwert die Mittelwerte der Bewertung durch die häufigsten Nutzer der anderen Rezeptionsarten. 64

5. Methodik

Die Forschungsfrage 3b wird ebenso mit T-Tests für unabhängige Stichproben analysiert. Dazu werden die Ausprägungen 1= „hohe Selektivität“ und 2= „geringe Selektivität“ der Indizes zur gesamten Selektivität, zur Selektivität bei Hauptartikeln und zur Selektivität bzgl. der Reaktionen herangezogen. Sollten sich signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen ergeben, wird die Korrelation zwischen der jeweiligen Variable und dem Bewertungsindex berechnet. Darüber hinaus wird bei signifikantem Zusammenhang die Regression betrachtet. Um zu evaluieren, ob die Nutzungsdauer von rivva.de eine Auswirkung auf die Bewertung hat, werden T-Tests bei unabhängigen Stichproben vorgenommen. Als Gruppevariablen fungieren die einzelnen Altersausprägungen des Index v_46_gruppiert (1=2007, 2=2008, 3=2009, 4=2010), als abhängige Variable der gebildete Index zur Bewertung der Orientierungsleistung. Dabei werden alle Gruppierungen untereinander verglichen. Die Forschungsfragen 4a und 4b werden zunächst durch die Analyse der deskriptiven Daten der einzelnen Items beantwortet. Weitergehende Analysen umfassen für beide Forschungsfragen die Überprüfung des Einflusses journalistischer Erfahrung. Für Forschungsfrage 4a wird dies bei den beiden positivsten (v_65, v_69) und dem negativsten Item (v_68) untersucht93, für Forschungsfrage 4b wird der Index wahrnehmung_journ_angebot herangezogen. Es werden jeweils T_Tests bei unabhängigen Stichproben für die einzelnen Items und die jeweiligen Ausprägungen der gruppierten Variablen zum journalistischen Hintergrund durchgeführt. Forschungsfrage 4c nutzt T-Tests bei einfachen Stichproben, um eventuelle Bewertungsunterschiede zwischen der Orientierungsleistung von rivva.de und der Orientierungsleistung journalistischer Angebote aufzudecken. Als Testitems fungieren der Mittelwert der Bewertung einerseits sowie die Items zur Bewertung journalistischer Angebote (prof. Nachrichtenangebote (v30 und v38), Newsportale (v31 und v39) sowie themen- und fachspezifische Angebote (v32 und v40)) andererseits. Die Mittelwertvergleiche wurden dabei sowohl für die Bewertungen im Hinblick auf den allgemeinen Nachrichtenüberblick als auch hinsichtlich des Überblicks zu persönlich relevanten Themen durchgeführt.

93

Nach Betrachtung der Mittelwerte aller Items zur Erwartung journalistischer Orientierungsleistung zeigt sich, dass die Nutzer nicht unbedingt journalistische Orientierungsleistung erwarten, sondern eher Wert auf alternative und unbekannte Themen legen. Aus diesem Grund wurden nachfolgend nur noch die angegebenen Items v_65, v_69 (Bedeutende Quellen / unbekannte Themen) sowie zum Vergleich v_68 (von professionellen Nachrichtenmedien behandelte Themen) analysiert. Zudem ist es im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich, jedes Item gesondert in allen Einzelheiten zu betrachten. 65

5. Methodik

Um die in Forschungsfrage 5a abgefragte Veränderung des Rezeptionsverhaltens anderer Angebote zu beurteilen, werden die deskriptiven Daten der einzelnen Items analysiert. Zur Beurteilung der Signifikanz der Veränderung werden zudem T-Tests bei einer Stichprobe für jedes Item mit dem Testwert 2 (keine Änderung im Nutzungsverhalten) durchgeführt. Darüber hinaus wird der Einfluss der Nutzungshäufigkeiten von rivva.de auf das veränderte Rezeptionsverhalten anderer Angebote pro Item durch T-Tests bei unabhängigen Stichproben durchleuchtet. Ergeben sich signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen, wird die Korrelation zwischen der jeweiligen Variable und der Bewertung berechnet sowie – falls notwendig – eine Regressionsanalyse zur Überprüfung der Kausalrichtung durchgeführt. Zur Beurteilung der in Forschungsfrage 5b erforschten kritischen Rezeption von rivva.de werden zunächst die deskriptiven Daten der einzelnen Items untersucht. Zudem wird der Einfluss der intervenierenden Variable „Rezeptionsart und –häufigkeit“ durch T-Tests mit unabhängigen Stichproben nachvollzogen. Auch hier erfolgen die Berechnung der Korrelation sowie die Analyse der Regression, falls die Untersuchung signifikante Ergebnisse liefert. Forschungsfrage 5c wird durch die Betrachtung der deskriptiven Daten des Index evaluation_reaktionen beantwortet.

66

6. Ergebnisse der Onlinestudie

6. Ergebnisse der Onlinestudie
In den folgenden Abschnitten werden die Ergebnisse der Untersuchung gegliedert nach den einzelnen Forschungsfragen vorgestellt.

6.1 Forschungsfrage 1
Die erste Forschungsfrage soll die Wahrnehmung einer Orientierungsleistung durch rivva.de seitens der Nutzer genauer untersuchen. Die Betrachtung der deskriptiven Daten zeigt, dass die Orientierungsleistung des Angebotes mit einem Mittelwert von 2,35 zumindest tendenziell wahrgenommen wird. Die Standardabweichung von 0,55 verdeutlicht zudem, dass von einer relativ hohen Konsistenz in den Einschätzungen der Befragten auszugehen ist. Um die Auswirkungen der Nutzungshäufigkeit auf die Wahrnehmung der Orientierungsleistung zu untersuchen wurde dieser Zusammenhang durch T-Tests überprüft. Die Ergebnisse der Tests werden im Folgenden zur erleichterten Übersicht tabellarisch aufgeführt: Tabelle 2: Wahrnehmung der Orientierungsleistung nach Nutzungsart und -häufigkeit
Frequenz der Aufrufe N Mw Sd MwDiff Signifikanz

Direkter Aufruf der Seite (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 205 115 2,2585 2,3922 0,47478 0,1337 0,54476 0,022 signifikant

Abonnement per RSS-Feed (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 86 27 2,2093 2,3476 0,4275 0,1383 0,47819 0,157 nicht signifikant

Abonnement der Twitternachrichten (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich Quelle: Eigene Darstellung 118 21 2,1239 2,6886 0,45247 0,5647 0,66238 0,000 signifikant

Die T-Tests zeigen, dass sowohl beim direkten Aufruf der Website als auch beim Abonnement der Twitternachrichten des Angebotes ein signifikanter Unterschied in der Wahrnehmung der Orientierungsleistung vorliegt.
67

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Der Pearsons rp-Wert für die Beziehung zwischen der Häufigkeit des direkten Aufrufs und der Wahrnehmung der Orientierungsleistung beträgt 0,2 (zweiseitig signifikante Korrelation auf dem Niveau von 0,01). Die Berechnung der Regression bestätigt die angenommene Richtung (b!0,16; Beta!0,2). Die Wahrnehmung der Orientierungsleistung nimmt somit durch häufigeren direkten Aufruf der Seite zu. Ähnliche Ergebnisse liefert die Betrachtung der Korrelation zwischen der Häufigkeit des Empfangs von Twitternachrichten des Angebotes und der Wahrnehmung der Orientierungsleistung. Mit einem Pearsons rp-Wert von 0,25 (zweiseitige signifikante Korrelation auf dem Niveau von 0,01) lässt sich ein Zusammenhang konstatieren. Die angenommene Richtung der Korrelation wird durch die Regressionsberechnung (b!0,15; Beta!0,25) bestätigt. Die Orientierungsleistung wird damit auch bei häufigerer Lektüre der Twitternachrichten des Dienstes eher wahrgenommen. Die tiefgreifendere Analyse zur Wahrnehmung der Orientierungsleistung erfolgte durch die Einteilung der Wahrnehmung in drei Dimensionen: Die Wahrnehmung der Orientierungsleistung zu allgemeinen Themen (Mw=2,63), die Wahrnehmung der Orientierungsleistung zu persönlich relevanten Themen (Mw=2,43) sowie die Wahrnehmung der Orientierungsleistung durch die Aggregationsleistung der Seite (Mw=2,15). Diese Mittelwerte wurden zunächst in T-Tests bei einer Stichprobe untereinander verglichen. Tabelle 3: Wahrnehmung der allgemeinen und persönlichen Orientierungsleistung sowie der Orientierungsleistung durch die Aggregationsleistung des Angebotes
Art der Orientierungsleistung Allgemeine Orientierung Persönliche Orientierung Allgemeine Orientierung Aggregationsleistung Persönliche Orientierung Aggregationsleistung Quelle: Eigene Darstellung N 464 458 464 396 458 396 Mw 2,6266 2,4338 2,6266 2,1536 2,4338 2,1536 Sd 0,7904 0,1928 0,76363 0,7904 0,473 0,58103 0,76363 0,2802 0,58103 0,000 signifikant 0,000 signifikant 0,000 signifikant MwDiff Signifikanz

Die nach Betrachtung der Mittelwerte der drei Dimensionen bereits erwartbaren Unterschiede in der Wahrnehmung der Orientierungsleistung werden durch die T-Tests bestätigt. Die
68

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Orientierungsleistung wird durch die Aggregationsleistung der Seite am ehesten wahrgenommen. Zudem wird auch die Orientierungsleistung zu persönlich relevanten Themen signifikant besser wahrgenommen als die Orientierungsleistung zu allgemein relevanten Themen – diese wird von den Nutzern am schlechtesten eingeschätzt. Schließlich wurden die einzelnen Wahrnehmungsdimensionen der Orientierungsleistung abhängig von Nutzungsart und -häufigkeit genauer untersucht. Die hierzu durchgeführten T-Tests ergaben signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen. Bei häufigerem Zugriff via RSS-Feed und Twitter wurde die Orientierungsleistung zu allgemeinen Themen besser wahrgenommen als im Fall eines selteneren Zugriffs. Gleiches gilt für die Wahrnehmung der Orientierungsleistung zu persönlichen Themen beim Zugriff per Twitter sowie für die Wahrnehmung der Orientierungsleistung durch die Aggregationsleistung der Seite bei Rezeption durch direkten Aufruf der Seite und Abonnement der Twitternachrichten. Eine Prüfung auf bivariate Zusammenhänge zeigte für alle Fälle signifikante Korrelationen zwischen der Nutzungshäufigkeit und der jeweiligen Wahrnehmungsdimension Die Berechnungen der Regression bestätigten für alle Befunde die prognostizierte Richtung: Die häufigere Nutzung wirkte sich in allen Teilgruppen positiv auf die Wahrnehmung der Orientierungsleistung aus94.

6.2 Forschungsfrage 2
Um zu beantworten, ob die Nutzer von rivva.de von der Website eine Orientierungsleistung für das Social Web erwarten, erfolgt die Analyse der deskriptiven Daten getrennt nach Erwartungen bezüglich eines Überblicks über die Blogosphäre95 und bezüglich bei Twitter diskutierter Themen. Die Betrachtung zeigt, dass die Nutzer vor allem für die Blogosphäre einen aktuellen Themenüberblick massiv erwarten. Von den Befragten stimmen 93,6 Prozent mindestens zu, ganze 69 Prozent der Befragten stimmen der Aussage „voll und ganz“ zu. Dementsprechend liegt

94

Die für diese Betrachtung durchgeführten T-Tests, Korrelations- und Regressionsberechnungen können den der Arbeit in digitaler Form angefügten PASW-Outputs entnommen werden. Eine Auflistung dieser Ergebnisse wäre ob der vergleichsweise spitzen Fragestellung und angesichts der räumlichen Grenzen dieser Magisterarbeit nicht gewinnbringend.

95

Mit „Blogosphäre“ ist – vor allem durch die Ausrichtung des Dienstes auf den deutschsprachigen Bereich – vor allem das deutschsprachige Netzwerk von Weblogs gemeint. Dementsprechend werden auch vornehmlich deutschsprachige bei Twitter diskutierte Themen von rivva.de erfasst. 69

6. Ergebnisse der Onlinestudie

der Mittelwert bei 1,39 – also im Rahmen sehr starker Zustimmung. Die Standardabweichung (0,67) verweist dementsprechend zusätzlich auf eine hohe Übereinstimmung in den gegebenen Antworten. Für einen Überblick über aktuell bei Twitter diskutierte Themen zeigen sich hingegen eher Erwartungstendenzen. 64,8 Prozent der Befragten stimmen der Aussage mindestens zu, etwa ein Drittel (33,5 Prozent) äußern absolute Zustimmung. Diese zurückhaltendere Erwartung wird durch den Mittelwert von 2,23 belegt. Die Standardabweichung bestätigt mit 1,18 zudem eine breitere Streuung im Antwortverhalten. Die Nutzer von rivva.de erwarten dementsprechend vor allem eine Orientierungsleistung innerhalb der Blogosphäre, zeigen aber ebenso – wenn auch in abgeschwächter Form – Interesse an einer Orientierungsleistung zu bei Twitter diskutierten Themen.

6.3 Forschungsfrage 3
Die Untersuchung der deskriptiven Daten des zusammengefassten Index zur Bewertung der Orientierungsleistung ergibt einen Mittelwert von 3,27 bei einer durchschnittlichen Streuung der gegebenen Antworten von 0,76. Die Daten zeigen, dass die zusammengefasste Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de nur mittelmäßige Werte erreicht – der Mittelwert deutet eine leichte Tendenz zu einer ungenügenden Bewertung an. Zur genaueren Betrachtung werden daher die deskriptiven Daten der einzelnen im Index enthaltenen Items betrachtet, um tiefere Einblicke in die Bewertung einzelner Kategorien zu erlangen.

70

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Tabelle 4: Bewertung der Orientierungsleistung nach einzelnen Items getrennt
Item Rivva.de ersetzt die Tageszeitung Rivva.de ersetzt Nachrichtenportale Rivva.de ist besser als professionelle Nachrichtenportale Rivva.de ersetzt themenspezifische Angebote Rivva.de aggregiert die zu einem Thema wichtigsten Quellen Rivva.de behandelt eine breite Auswahl an Themenbereichen N 474 479 458 472 425 466 Fehlend 17 12 33 19 66 25 Mw 3,89 3,59 3,27 3,59 2,47 3,1245 Sd 1,273 1,294 1,176 1,218 0,895 1,17389

Quelle: Eigene Darstellung; Skala: 1= „Stimme voll und ganz zu“; 5= „Stimme überhaupt nicht zu“

Die dargestellten Ergebnisse verdeutlichen, dass die Nutzer von rivva.de den Aggregationsdienst nicht unbedingt als Ersatz für Tageszeitungen, Nachrichtenportale oder themenspezifische Angebote nutzen. So findet die Aussage, rivva.de könne die Tageszeitung ersetzen, bei 46,6 Prozent der Befragten überhaupt keine Zustimmung. Zudem wird das Angebot im Vergleich zu professionellen Nachrichtenangeboten nicht besser, sondern tendenziell negativer bewertet. Die Nutzer bewerten jedoch die Aggregationsleistung der Seite eher positiv – 56,9 Prozent der Befragten stimmen der Aussage, der Dienst aggregiere die wichtigsten Quellen zum jeweiligen Thema, mindestens zu. Zudem wird die Themenauswahl des Angebots als einigermaßen breit gefächert angesehen. Bedenkt man, dass Nutzer mit journalistischem Hintergrund aus beruflichen Gründen die Orientierungsleistung eines Angebotes vermutlich kritischer beurteilen können, so liegt der Vergleich zwischen haupt- und nebenberuflich tätigen Journalisten und anderen Nutzern nahe. Insbesondere lässt sich auf Basis der Ergebnisse bei Neuberger / Nuernbergk / Rischke (2009c: 269ff.) erwarten, dass die Orientierungsleistung eines (vornehmlichen) Weblog- und TwitterAggregators durch Journalisten deutlich negativer bewertet wird als durch normale Nutzer. Diese Vermutungen wurden durch T-Tests bei unabhängigen Stichproben für alle drei Gruppen untersucht:

71

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Tabelle 5: Einfluss journalistischer Erfahrung auf die Bewertung der Orientierungsleistung
Journalistische Erfahrung Hauptberuflich Nebenberuflich Hauptberuflich Ohne Erfahrung Nebenberuflich Ohne Erfahrung Quelle: Eigene Darstellung n 45 89 45 251 89 251 Mw 3,4481 3,3502 3,4481 3,2085 3,3502 3,2085 Sd 0,77429 0,7031 0,77429 0,77008 0,7031 0,77008 0,14169 0,146 0,23965 0,715 MwDiff 0,09796 Levene 0,522 Signifikanz 0,478 nicht signifikant 0,056 nicht signifikant 0,113 nicht signifikant

Die Ergebnisse weisen für keines der untersuchten Paare signifikante Zusammenhänge zwischen journalistischer Erfahrung und der Bewertung der Orientierungsleistung auf. Somit hat journalistische (Vor-)Erfahrung unter den Befragten keine Auswirkungen auf die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de. Da anzunehmen ist, dass die Bekanntheit der Autoren und demzufolge das Wissen um ihre Art und Kompetenz der Informationsvermittlung die Bewertung einer Orientierungsleistung von rivva.de beeinflussen kann, wurden eventuelle Differenzen untersucht. Die Ergebnisse der zur Überprüfung der Forschungsfrage durchgeführten T-Tests ergeben folgende Werte: Tabelle 6: Einfluss der Bekanntheit von Autoren auf die Bewertung der Orientierungsleistung
Bekanntheit der Autoren n Mw Sd MwDiff Levene Signifikanz

Autoren aggregierter Weblogs Große Bekanntheit Kaum Bekanntheit 185 67 3,1973 3,4403 0,73821 0,73952 0,243 0,932 0,023 signifikant

Aggregierte Twitternutzer Große Bekanntheit Kaum Bekanntheit Quelle: Eigene Darstellung 45 251 3,0606 3,3913 0,73693 0,78696 0,33074 0,658 0,002 signifikant

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bekanntheit der Autoren einen signifikant positiven Einfluss auf die Bewertung der Orientierungsleistung hat.
72

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Nicht alle Rezipienten des Aggregationsdienstes sind selbst im Social Web aktiv (vgl. Kapitel 5.3, Analyse der Stichprobe). Die Anzahl der Nutzer, die eindeutig wissen, dass ihre Beiträge vom Dienst erfasst werden, ist demgegenüber nochmals geringer. Dies legt die Vermutung nahe, dass diese Nutzergruppe die Orientierungsleistung des Dienstes besser einschätzt als Nutzer, deren Beiträge nicht – zumindest nicht wissentlich – erfasst werden. Der Vergleich der Bewertung zwischen Probanden, deren Accounts erfasst werden, und dem Rest ergab jedoch keine signifikante Differenz: Tabelle 7: Bewertung der Orientierungsleistung durch Probanden in Abhängigkeit der Beitragserfassung
N Beiträge erfasst Beiträge nicht erfasst Quelle: Eigene Darstellung 119 266 Mw 3,1807 3,3089 Sd 0,73601 0,12822 0,76680 0,699 MwDiff Levene Signifikanz 0,12 nicht signifikant

Die Bewertungen sind als statistisch gleich anzunehmen, auch wenn die Mittelwerte eine leicht bessere Bewertung der Orientierungsleistung in Abhängigkeit der Erfassung eigener Beiträge nahelegen. Aufgrund der statistischen Gleichheit muss jedoch konstatiert werden, dass die Aggregation eigener Beiträge für die befragten Nutzer keine Auswirkungen auf die Einschätzung der Orientierungsleistung hat. Zusätzlich zum Vergleich der beiden oben genannten Gruppen wurde ein eventueller Einfluss der Häufigkeit erfasster Beiträge untersucht. Die durchgeführten T-Tests bei unabhängigen Stichproben ergaben keine signifikanten Unterschiede bei Probanden, deren Weblog oder Twitter-Account (eher) häufig oder (eher) selten erfasst wurde.

6.3.1 Forschungsfrage 3a
Ob die Bewertung der Orientierungsleistung von der Rezeptionsart und -häufigkeit des Dienstes abhängt, wurde durch Forschungsfrage 3a ermittelt. Die Ergebnisse wurden zur erleichterten Einsicht in tabellarischer Form aufbereitet:

73

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Tabelle 8: Einfluss der Rezeptionsart und -häufigkeit auf die Bewertung der Orientierungsleistung
Rezeptionshäufigkeit n Mw Sd MwDiff Levene Signifikanz

Bewertung der Orientierungsleistung bei direktem Aufruf der Seite (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 211 111 3,1359 3,3754 0,76599 0,2395 0,66873 0,024 0,006 signifikant

Bewertung der Orientierungsleistung bei Abonnement des RSS-Feeds (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 96 28 3,1215 3,3512 0,64865 0,2297 0,90306 0,006 0,218 nicht signifikant

Bewertung der Orientierungsleistung bei Abonnement der Twitter-Nachrichten (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich Quelle: Eigene Darstellung 122 23 3,0314 3,7391 0,702 0,7077 0,88758 0,111 0,001 signifikant

Für den Einfluss der Nutzungshäufigkeit bei direktem Aufruf der Seite sowie dem Abonnement der Twitternachrichten auf die Bewertung der Orientierungsleistung ergeben sich signifikante Ergebnisse. Die Analyse der Korrelation ergibt für den Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des direkten Aufrufs der Seite und der Bewertung der Orientierungsleistung einen Pearsons rpWert von 0,2 (zweiseitige signifikante Korrelation auf dem Niveau von 0,01). Der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Rezeption bei Twitter und der Bewertung der Orientierungsleistung wird durch einen Pearsons rp-Wert von 0,19 (zweiseitige signifikante Korrelation auf dem Niveau von 0,01) bestätigt. Die Überprüfung der Regression belegt die vermutete Richtung des Kausalzusammenhangs. (Direkter Aufruf: b!0,21; Beta!0,2; R2!0,04; Twitter: b!0,15; Beta!0,19; R2!0,04). Allerdings ist in beiden Fällen der Anteil erklärter Varianz sehr gering, was auf weitere prägende Einflussvariablen verweist. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Orientierungsleistung bei direktem Aufruf der Seite sowie beim Abonnement der Twitternachrichten durch häufigere Nutzung besser bewertet wird. Für das Abonnement des RSS-Feeds der Seite zeigen sich keine signifikanten Unterschiede in der Bewertung zwischen (mehrmals) täglicher und (mehrmals) wöchentlicher Nutzung. Eventuelle Unterschiede zwischen den Rezeptionsarten wurden mit T-Tests bei einfachen Stichproben überprüft. Einzig zwischen dem direkten Aufruf der Seite und dem Abonnement der Twitter-Nachrichten ließ sich ein signifikanter Unterschied feststellen (MwDiff!0,1,
74

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Signifikanz=0,04996). Personen, die via Twitter die Inhalte von rivva.de mindestens täglich rezipieren, bewerten demnach die Orientierungsleistung der Seite signifikant besser als Personen, die die Inhalte mindestens täglich per direktem Aufruf der Seite lesen.

6.3.2 Forschungsfrage 3b
Die Auswirkungen des Grades an Selektivität bei der Rezeption von rivva.de auf die Bewertung der Orientierungsleistung wurden in Forschungsfrage 3b untersucht. Die tabellarische Übersicht gibt Auskunft über die Forschungsergebnisse: Tabelle 9: Auswirkungen der Selektivität auf die Bewertung der Orientierungsleistung
Grad der Selektivität n Mw Sd Selektivität allgemein Lektüre vieler Quellen Lektüre weniger Quellen 77 11 3,0649 4,0606 0,74837 0,57866 0,9957 0,101 0,000 MwDiff Levene Signifikanz

Selektivität bei Hauptartikeln Lektüre vieler Quellen Lektüre weniger Quellen 93 44 3,1093 3,6098 0,76869 0,7479 0,5005 0,648 0,000

Selektivität bei Reaktionen auf Hauptartikel Lektüre vieler Quellen Lektüre weniger Quellen Quelle: Eigene Darstellung 91 27 3,1172 3,6173 0,74224 0,69923 0,5001 0,714 0,002

Für alle untersuchten Dimensionen ergibt sich ein signifikanter Unterschied zwischen der Bewertung der Orientierungsleistung abhängig vom Grad der Selektivität. Ein moderater Zusammenhang wird durch eine Untersuchung der Korrelation für alle drei Fälle bestätigt: Die Regressiondaten bestätigen zudem für alle Fälle einen kausalen Zusammenhang in vermuteter Richtung..

96

Um Missverständnisse zu vermeiden, wurde dieser Signifikanzwert auf drei Nachkommastellen genau angegeben. 75

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Tabelle 10: Berechnung der Korrelation und Regression für den Zusammenhang zwischen Selektivität und Bewertung der Orientierungsleistung
Berechnete Items Korrelation rp Selektivität gesamt und Bewertung Selektivität Hauptartikel und Bewertung Selektivität Reaktionen und Bewertung Quelle: Eigene Darstellung 0,261 0,238 0,206 Signifikanz 0,000 0,000 0,000 Regression b 0,341 0,229 0,214 Beta 0,261 0,238 0,206 R2 0,068 0,057 0,043

Alle Selektivitätsdimensionen zeigen also: Je intensiver die einzelnen Quellen gelesen werden, desto besser wird die Orientierungsleistung von rivva.de eingeschätzt. Die Selektivität bei der Rezeption von rivva.de hat somit deutliche Auswirkung auf Orientierungsleistung. die Bewertung der

Weitere Berechnungen zu einem eventuellen moderierenden Einfluss der Bekanntheit von Autoren auf die Beziehung zwischen Selektivität und Bewertung der Orientierungsleistung ergaben keine statistisch signifikanten Differenzen97. Somit bleibt die Bekanntheit der Autoren ohne Einfluss auf die Beziehung zwischen Selektivität des Nutzers und Bewertung der Orientierungsleistung.

6.3.3 Forschungsfrage 3c
Seit dem Start des Angebotes im ersten Halbjahr 2007 hat rivva.de zunehmenden Zuspruch erfahren. Zu untersuchen ist in diesem Zusammenhang, inwiefern die Dauer der Nutzung des Dienstes Auswirkungen auf die Bewertung der Orientierungsleistung hat. Der Vergleich der nach Einstiegsjahr unterteilten Nutzergruppen ist in der folgenden Tabelle festgehalten:

97

Es ließ sich eine lediglich minimal bessere Bewertung der Orientierungsleistung feststellen, sofern die Autoren bekannt waren. Allerdings liegt keiner der untersuchten Werte auch nur annähernd in einem statistisch signifikanten Bereich, weshalb eine Gleichheit der Mittelwerte anzunehmen ist. 76

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Tabelle 11: Bewertung der Orientierungsleistung in Abhängigkeit der Nutzungsdauer
Nutzungsbeginn 2007 2008 2007 2009 2007 2010 2008 2009 2008 2010 2009 2010 n 98 103 98 135 98 40 103 135 103 40 135 40 Mw 3,2891 3,1408 3,2891 3,3247 3,2891 3,3417 3,1408 3,3247 3,1408 3,3417 3,3247 3,3417 Sd 0,76266 0,73977 0,76266 0,77168 0,76266 0,75386 0,73977 0,77168 0,73977 0,75386 0,77168 0,75386 001698 0,774 0,901 nicht signifikant 0,20089 0,629 0,115 nicht signifikant 0,18391 0,281 0,063 nicht signifikant 0,05255 0,883 0,712 nicht signifikant 0,03558 0,558 0,727 nicht signifikant MwDiff 0,14834 Levene 0,667 Signifikanz 0,163 nicht signifikant

Quelle: Eigene Darstellung

Keiner der Vergleiche liefert signifikante Unterschiede in der Bewertung der Orientierungsleistung. Die Dauer der Nutzung von rivva.de hat somit keinen nachweisbaren Einfluss auf die Bewertung der Orientierungsleistung.

6.4. Forschungsfrage 4
Die unter Forschungsfrage 4 gefassten Teilfragen betrachten die Erwartungen und Bewertungen des Aggregationsdienstes rivva.de im Hinblick auf journalistische Leistungen. Die Ergebnisse werden getrennt nach Teilfragen wiedergegeben.

6.4.1 Forschungsfrage 4a
Forschungsfrage 4a thematisiert Erwartungen einer journalistischen Orientierungsleistung an rivva.de. Die Variationsbreite der Ergebnisse umfasst etwa 25 Prozent der Skalenwerte der positiven bis mittelmäßigen Bewertungen. Die Daten der relevanten Items werden zunächst in übersichtlicher Form dargestellt:
77

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Tabelle 12: Erwartung journalistischer Orientierungsleistung
Item Umfassende Darstellung aktueller Nachrichten Aggregation aller bedeutenden Quellen eines Themas Ausgewogenes Meinungsbild zu behandelten Themen Sortierung der Inhalte entsprechend ihrer Aktualität Themen professioneller Medien behandeln Bisher unbekannte Themen behandeln rivva.de dient der Themensuche für das eigene Weblog Quelle: Eigene Darstellung N 475 469 477 467 467 476 409 fehlend 16 22 14 24 24 15 82 Mw 2,88 2,14 2,52 2,32 3,08 1,93 2,91 Sd 1,246 1,023 1,2 1,082 1,076 0,937 1,492

Die Daten verdeutlichen, dass die Nutzer von rivva.de nicht zwingend eine journalistische Orientierungsleistung erwarten. Vielmehr wird verlangt, dass neue und zu professionellen Angeboten alternative, dem Nutzer noch unbekannte Themen behandelt werden. Auf umfassend dargestellte aktuelle Nachrichten im Sinne klassischer journalistischer Vermittlung, aber auch auf rivva.de als Quelle für Themen zur eigenen Verwertung, legen die Nutzer wenig Wert. Die Sortierung nach Aktualität sowie die Abbildung eines ausgewogenen Meinungsbildes werden von den Nutzern tendenziell erwartet. Hier spiegelt sich die Schwierigkeit der gleichzeitigen Darstellung der Aktualität und der intensiv diskutierten – eventuell älteren – Themen wider. Großen Wert legen die Nutzer außerdem auf eine möglichst vollständige Aggregation von aus ihrer Sicht bedeutenden Quellen zu einem Thema. Einen gewichtigen Einfluss auf die Erwartung journalistischer Orientierungsleistung könnten berufliche Erfahrungen im Journalismus haben. Der Vergleich der Erwartungen unter Beachtung eines eventuellen journalistischen Hintergrunds der Befragten ergab keinerlei signifikante Unterschiede zu den oben dargestellten Befunden. Somit bleibt eine journalistische Vorprägung ohne erkennbaren Einfluss. Keine der Gruppen hat eine erhöhte Erwartung einer journalistischen Orientierungsleistung an das Angebot98.

98

Die Ergebnisse der zugehörigen T-Tests können dem Anhang entnommen werden. Eine Auflistung der einzelnen Ergebnisse erscheint aufgrund des Befundes sowie der Länge dieser Magisterarbeit wenig sinnvoll. 78

6. Ergebnisse der Onlinestudie

6.4.2 Forschungsfrage 4b
Die Wahrnehmung des Dienstes als journalistisches Angebot lässt sich anhand des zusammengefassten Index evaluieren: Der Mittelwert von 2,63 bei einer normalen Streuung im Antwortverhalten (Standardabweichung 0,79) zeigt, dass rivva.de von den Nutzern tendenziell als journalistisches Angebot wahrgenommen wird. Wie in der vorangehenden Forschungsfrage 4a stellt sich auch hier die Frage des Einflusses journalistischer Erfahrungen. Die Ergebnisse der entsprechenden T-Tests werden im Folgenden aufgeführt: Tabelle 13: Einfluss journalistischer Erfahrung auf die Wahrnehmung als journalistisches Angebot
Journalistische Erfahrung Hauptberuflich Nebenberuflich Hauptberuflich Ohne Erfahrung Nebenberuflich Ohne Erfahrung Quelle: Eigene Darstellung n 54 106 54 304 106 304 Mw 2,8472 2,6887 2,8472 2,5658 2,6887 2,5658 Sd 0,89471 0,76828 0,89471 0,77222 0,76828 0,77222 0,12289 0,945 0,158 nicht signifikant 0,28143 0,224 MwDiff 0,15854 Levene 0,277 Signifikanz 0,27 nicht signifikant 0,033 signifikant

Die Analyse der T-Tests zeigt einen signifikanten Unterschied zwischen der Wahrnehmung von rivva.de als journalistisches Angebot bei (ehemals) hauptberuflich tätigen Probanden und Teilnehmern ohne journalistische Erfahrungen. Es zeigt sich, dass Nutzer ohne journalistische Erfahrung den Dienst eher als journalistisches Angebot wahrnehmen als die hauptberuflich journalistisch tätigen Nutzer. Der Mittelwert nebenberuflich journalistischer Probanden liegt zwischen dem hauptberuflicher Publizisten und nicht journalistisch geprägter Personen. Dies legt die Folgerung nahe, dass mit stärkerer journalistischer Prägung eine schlechtere Wahrnehmung der Orientierungsleistung durch rivva.de einhergeht. Da die Mittelwertdifferenzen zwischen neben- und hauptberuflichen Journalisten und zwischen nebenberuflichen Publizisten und Personen ohne Erfahrung in diesem Bereich aber nicht signifikant ist, müssen die Werte als statistisch gleich angenommen werden. Es besteht daher keine Wahrnehmungsdifferenz für

79

6. Ergebnisse der Onlinestudie

nebenberufliche Journalisten im Vergleich zu den anderen Gruppen. Lediglich der Unterschied zwischen hauptberuflichen und Nicht-Journalisten offenbart signifikant verschiedene Werte99.

6.4.3 Forschungsfrage 4c
Um zu beantworten, ob Nutzer von rivva.de die Orientierungsleistung der Seite besser einschätzen als die Orientierungsleistung professioneller Medien, wurden T-Tests bei einfachen Stichproben mit folgenden Ergebnissen durchgeführt: Tabelle 14: Bewertungsunterschiede Orientierungsleistung rivva.de und professionelle Angebote
Items n Mw Sd MwDiff Signifikanz

Orientierungsleistung zu allgemeinen Themen Professionelle Nachrichtenangebote Rivva.de Nachrichtenportale Rivva.de Themen- und Fachspezifische Angebote Rivva.de 485 385 442 385 486 385 1,66 3,2693 2,11 3,2693 2,52 3,2693 0,807 0,75878 0,962 0,75878 1,141 0,75878 0,7493 1,1593 1,6093 0,000 signifikant 0,000 signifikant 0,000 signifikant

Orientierungsleistung zu persönlich relevanten Themen Professionelle Nachrichtenangebote Rivva.de Nachrichtenportale Rivva.de Themen- und Fachspezifische Angebote Rivva.de Quelle: Eigene Darstellung 484 385 441 385 482 385 2,75 3,2693 2,78 3,2693 1,55 3,2693 1,09 0,75878 1,06 0,75878 0,734 0,75878 1,7193 0,4893 0,5193 0,000 signifikant 0,000 signifikant 0,000 signifikant

Die Ergebnisse zeigen, dass für alle verglichenen Gruppierungen signifikante Ergebnisse erzielt werden. Es lässt sich daher feststellen, dass sowohl die Orientierungsleitungen zu allgemein
99

Es ist aber denkbar, dass die Differenzen der nebenberuflichen Probanden bei einer größeren Stichprobe signifikant werden würden. 80

6. Ergebnisse der Onlinestudie

relevanten Themen als auch zu persönlich relevanten Themen durch journalistische Angebote signifikant besser eingeschätzt werden als durch rivva.de.

6.5 Forschungsfrage 5
Die unter Forschungsfrage 5 gruppierten Teilfragen betreffen den Umgang der Nutzer mit dem Angebot rivva.de sowie die Auswirkungen des Dienstes auf die Nutzung anderer Angebote im World Wide Web.

6.5.1 Forschungsfrage 5a
Das veränderte Rezeptionsverhalten anderer Angebote neben rivva.de durch die Nutzung des Dienstes wird in Forschungsfrage 5a untersucht. Die Daten aus den T-Tests zeigen folgende Ergebnisse: Tabelle 15: Veränderung im Rezeptionsverhalten anderer Angebote neben rivva.de
Veränderung der Nutzung von… Professionellen Nachrichtenangeboten Nachrichtenportalen Themen-/fachspezifische Nachrichtenangebote Einzelnen Weblogs Foren Sozialen Netzwerken Social Bookmarking-Diensten Suchmaschinen N 446 376 443 456 381 384 294 436 fehlend 45 115 48 35 110 107 197 55 Mw 2,27 2,39 1,98 1,7 2,38 1,9 2,2 2,03 Sd 0,579 0,688 0,536 0,743 ,0657 0,536 ,0595 0,397 Signifikanz 0,00 (sign.) 0,00 (sign.) 0,425 0,00 (sign.) 0,00 (sign.) 0,00 (sign.) 0,00 (sign.) 0,118

Quelle: Eigene Darstellung; Skala: 1= „Nutze ich häufiger“; 2= „Nutze ich gleich häufig“; 3= „Nutze ich seltener“; 4= „Nutze ich nicht mehr“; 5= „Habe ich nie benutzt“; 6= „Kann ich nicht beurteilen“

Wie aus der Tabelle hervorgeht, konnten signifikante Ergebnisse für fast alle Items festgestellt werden. So werden professionelle Nachrichtenangebote, Nachrichtenportale, Foren und Social Bookmarking-Dienste seit der Nutzung von rivva.de laut Aussage der Befragten signifikant seltener genutzt. Einzelne Weblogs und soziale Netzwerke werden hingegen signifikant häufiger frequentiert.

81

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Die Überprüfung eines Zusammenhangs zwischen dem Rezeptionsverhalten anderer Angebote und der Nutzungsart und -häufigkeit von rivva.de ergibt folgende signifikante Ergebnisse: Tabelle 16: Zusammenhänge zwischen verändertem Rezeptionsverhalten anderer Angebote und der Rezeptionsart und -häufigkeit von rivva.de
Nutzung rivva.de n Mw Sd MwDiff Levene Signifikanz

Professionelle Nachrichtenangebote und direkter Aufruf der Seite (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 234 129 2,32 2,2 0,618 0,506 0,119 0,000 0,049 signifikant

Professionelle Nachrichtenangebote und Abonnement per RSS-Feed (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 107 31 2,4 2,16 0,597 0,523 0,241 0,006 0,033 signifikant

Nachrichtenportale und direkter Aufruf der Seite (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 197 114 2,49 2,29 0,712 0,591 0,203 0,001 0,007 signifikant

Weblogs und direkter Aufruf der Seite (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 239 134 1,65 1,84 0,789 0,696 -0,183 0,001 0,02 signifikant

Suchmaschinen und direkter Aufruf der Seite (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich Quelle: Eigene Darstellung 223 130 2,08 1,96 0,468 0,23 0,119 0,000 0,001 signifikant

Die Betrachtung zeigt, dass die Nutzungshäufigkeit von rivva.de insbesondere bei direktem Aufruf der Seite einen Einfluss auf die Rezeption anderer Angebote hat. So werden professionelle Nachrichtenangebote, Nachrichtenportale sowie Suchmaschinen bei (mehrmals) täglichem Aufruf der Website seltener genutzt als bei nur (mehrmals) wöchentlichem Aufruf. Weblogs hingegen werden im Vergleich häufiger genutzt. Zudem werden professionelle Nachrichtenangebote auch bei (mehrmals) täglicher Lektüre des rivva.de-RSS-Feeds seltener in Anspruch genommen als bei nur (mehrmals) wöchentlicher Lektüre.
82

6. Ergebnisse der Onlinestudie

6.5.2 Forschungsfrage 5b
Eine eher kritische Nutzung des Aggregationsdienstes legt die in Kapitel 3.1.2 dargelegte Ausrichtung von rivva.de auf die hauptsächlich aggregierte Publikationsform Weblog nahe. Eine Übersicht der deskriptiven Daten aller unter dem Gesichtspunkt kritischer Rezeption erfassten Items bietet die folgende Tabelle: Tabelle 17: Kritische Rezeption der bei rivva.de aggregierten Inhalte
Item Informationen über unbekannte Seiten einholen Recherche über aggregierte Quellen hinaus Lese vornehmlich Artikel professionelle Medien Lese vornehmlich Artikel aus Weblogs Unterscheidung zw. prof. Medien und Weblogs N 488 486 484 485 487 fehlend 3 5 7 6 4 Mw 2,92 2,77 3,58 2,24 2,67 Sd 1,114 1,076 0,707 0,834 1,333

Quelle: Eigene Darstellung; Skala: 1=intensive Auseinandersetzung mit unbekannten Quellen; 5=keine Auseinandersetzung mit unbekannten Quellen

Es zeigt sich, dass vornehmlich Artikel aus Weblogs statt Artikel professioneller Medien gelesen werden. Diese Feststellung wird durch einen T-Test bei einer Stichprobe (Signifikanz=0,00) bestätigt, liegt aufgrund der vermehrten Aggregation von Weblogs gegenüber professionellen Medien aber nahe. Der Befund könnte jedoch auch als Indikator für die Wahrnehmung von Weblogs als Alternativmedien zum klassischen Journalismus gedeutet werden100. Die restlichen Items streuen um den Skalenmittelwert 3, zeigen jedoch jeweils eine minimale Tendenz zu kritischer Nutzung. Weitere Überprüfungen hinsichtlich der Nutzungsart und -häufigkeit zeigen folgende signifikante Ergebnisse:

100

Diese Vermutung lässt sich anhand des vorliegenden Datensatzes nicht sicher bestätigen und bedarf weiterer

Untersuchungen. 83

6. Ergebnisse der Onlinestudie

Tabelle 18: Kritische Rezeption in Abhängigkeit der Nutzungsart und -häufigkeit von rivva.de
Nutzung rivva.de n Mw Sd MwDiff Levene Signifikanz

Themenrecherche über rivva.de hinaus bei direktem Aufruf der Seite (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 245 145 2,55 2,882 0,933 1,127 -0,194 0,023 0,002 signifikant

Information zu unbekannten Seiten bei Abonnement der Twitter-Nachrichten (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich 143 29 2,72 3,14 1,01 0,99 -0,42 0,938 0,045 signifikant

Vornehmlich Lektüre von Artikeln aus Weblogs bei Abonnement der Twitter-Nachrichten (mehrmals) täglich (mehrmals) wöchentlich Quelle: Eigene Darstellung 142 28 2,13 2,54 0,792 0,999 -0,41 0,013 0,02 signifikant

Die bei rivva.de dargestellten Seiten werden – auch unter Beachtung der Nutzungsart und -häufigkeit – nicht sonderlich kritisch rezipiert. Nur in drei von 24 Fällen ergaben sich signifikante Differenzen. Die gesteigerte Nutzung der Seite geht somit nur minimal und eher bei Zugriff via Twitter mit weiterführenden Themenrecherchen bei anderen Angeboten einher.

6.5.3 Forschungsfrage 5c
Da rivva.de als Aggregationsdienst einen Großteil an Reaktionen auf veröffentlichte Artikel auf der jeweiligen Übersichtsseite zum Artikel aufführt, ließe sich der Dienst auch als Evaluationsinstrument für den Erfolg eigener Artikel nutzen. Die Betrachtung der deskriptiven Daten des Index evaluation_reaktionen gibt darüber Aufschluss. Von den Befragten nutzen 37,9 Prozent (n=108) rivva.de nie zur Evaluation der Reaktionen auf eigene Beiträge. 27,7 Prozent der befragten Nutzer tun dies hingegen häufig bis immer. Insgesamt ist rivva.de bei den Nutzern mit einem Mittelwert von 3,41 eher kein etabliertes Tool zur Evaluation der Reaktionen auf eigene Beiträge. Die starke Streuung der Antworten bei dieser Frage wird zusätzlich durch den hohen Wert der Standardabweichung (1,47) untermauert.

84

6. Ergebnisse der Onlinestudie

6.6 Ergebnisübersicht
Die ermittelten Ergebnisse werden zur vereinfachten Übersicht in der folgenden Tabelle noch einmal zusammengefasst und verdichtet dargestellt: Tabelle 19: Übersicht Forschungsergebnisse
Forschungsfrage Ergebnis Die Nutzer von rivva.de nehmen tendenziell eine Orientierungsleistung durch das Angebot wahr. Die 1: Wahrnehmung einer Orientierungsleistung durch rivva.de Wahrnehmung der Orientierungsleistung erzielt für die Aggregationsleistung der Seite die besten Werte, gefolgt von der persönlichen und der allgemeinen

Orientierungsleistung. Die Nutzer von rivva.de erwarten sehr stark eine 2: Erwartung einer Orientierungsleistung für das Social Web Orientierungsleistung über aktuell diskutierte Themen der Blogosphäre. Ein Überblick über bei Twitter diskutierte Themen wird nur partiell erwartet. Die Nutzer von rivva.de bewerten die

Orientierungsleistung des Dienstes tendenziell leicht 3: Bewertung der Orientierungsleistung durch rivva.de negativ. Die Bekanntheit von Autoren hat einen positiven Einfluss auf die Bewertung, während die Erfassung eigener Beiträge ohne Einfluss bleibt. Eine häufigere Nutzung des Dienstes per direktem 3a: Einfluss der Rezeptionsart und -häufigkeit auf die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de Aufruf der Seite oder Abonnement der TwitterNachrichten geht mit einer besseren Bewertung der Orientierungsleistung einher. Dies gilt jedoch nicht für das Abonnement des RSS-Feeds. 3b: Einfluss der Selektivität in der Rezeption auf die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de Je mehr Quellen gelesen werden, desto positiver wird die Orientierungsleistung der Seite bewertet.

3c: Einfluss der Nutzungsdauer auf die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de

Die Nutzungsdauer des Dienstes hat keinen Einfluss auf die Bewertung der Orientierungsleistung.

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6. Ergebnisse der Onlinestudie Die Nutzer erwarten tendenziell eine journalistische 4a: Erwartung journalistischer Orientierungsleistung durch rivva.de Orientierungsleistung durch das Angebot, legen aber zumeist Wert auf die Orientierung zu unbekannten Themen und die Aggregation bedeutender Quellen zu einem Thema. Die Nutzer von rivva.de nehmen den Dienst tendenziell 4b: Wahrnehmung von rivva.de als journalistisches Angebot als journalistisches Angebot wahr. Nutzer ohne

journalistischen Hintergrund nehmen rivva.de eher als solches wahr als hauptberuflich tätige Journalisten.

4c: Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de im Vergleich zu professionellen Angeboten

Professionelle

Orientierungsangebote

werden

hinsichtlich der Orientierungsleistung grundsätzlich besser bewertet als rivva.de. Weblogs werden tendenziell Foren, und Social häufiger genutzt.

Nachrichtenportale, 5a: Veränderung des Rezeptionsverhaltens anderer Angebote Nachrichtenangebote

professionelle Bookmarking-

Angebote werden hingegen seltener konsultiert. Bei themenund fachspezifischen Angeboten sowie

Suchmaschinen zeigen sich keine Veränderungen in der Nutzung. 5b: Kritische Rezeption der bei rivva.de aggregierten Quellen Die Nutzer von rivva.de zeigen ein eher unkritisches Rezeptionsverhalten, eine kritische Überprüfung der Inhalte findet kaum statt. Rivva.de wird von den Nutzern nur marginal als Evaluationsinstrument genutzt.

5c: rivva.de als Evaluationsinstrument

Quelle: Eigene Darstellung

86

7. Fazit

7. Fazit
Im Folgenden werden zunächst die Ergebnisse der Studie diskutiert und interpretiert. Anschließend wird auf Beschränkungen der Studie eingegangen und das Vorgehen innerhalb der Arbeit kritisch reflektiert. Schließlich werden Ansätze für die weiterführende Forschung benannt.

7.1 Diskussion der Ergebnisse
Die Nutzer von rivva.de nehmen eine Orientierungsleistung durch rivva.de nur tendenziell wahr und zeigen in dieser Einschätzung hohe Konsistenz. Die Wahrnehmung der Orientierungsleistung verbessert sich bei häufigerem direkten Aufruf sowie häufigerer Lektüre der Twitter-Nachrichten, jedoch nicht bei häufigerem Konsum des RSS-Feeds. Dies lässt sich durch die Zeitabhängigkeit der verschiedenen Rezeptionsarten erklären. Die fortwährend aktualisierte Startseite bietet bei häufigerem Aufruf eine höhere Informationsfülle aufgrund der regelmäßigen Themenfluktuation. Die häufigere Lektüre der Twitter-Nachrichten bedeutet zwangsläufig eine bessere Wahrnehmung der Orientierungsleistung: Im Microblogging-Dienst verschwinden die Nachrichten von rivva.de bei seltenerer Nutzung zunehmend in der Vielzahl von Mitteilungen, erscheinen vice versa aber bei häufigerer Nutzung entsprechend zahlreicher. Das RSS-Angebot der Seite ist hingegen zeitunabhängiger. Dort werden die neuesten auf der Startseite aufgeführten Artikel aufbereitet. Diese sind für einen längeren Zeitraum im Feed enthalten, so dass eine seltenere Nutzung nicht dazu führt, Themen zu verpassen. Die Orientierungsleistung bleibt somit bei seltenerer Nutzung gleichwertig erhalten. Die genauere Untersuchung der Wahrnehmung der Orientierungsleistung bringt einen Unterschied zwischen den einzelnen Dimensionen hervor. So wird die Orientierungsleistung zu allgemein relevanten Themen nur leicht tendenziell wahrgenommen. Der Umstand, dass rivva.de nicht – wie etwa professionelle Orientierungsangebote – alle tagesaktuell relevanten Themen abdeckt, kann diesen Befund erklären. Die Wahrnehmung der Orientierungsleistung zu persönlich relevanten Themen ist im Vergleich besser als zu allgemein relevanten Themen. Da die Nutzerbasis vornehmlich aus aktiven Nutzern des Social Web besteht – die an der Erstellung des Angebotes durch eigene Beiträge beteiligt sind – dürften diese auf den Seiten potentiell Themen finden, an denen sie interessiert sind. Es ist fraglich, warum trotz dieser Ausrichtung der Seite nur Tendenzen in der Wahrnehmung emergent wurden. Eine mögliche Erklärung wäre die breite Streuung von Interessen, welche das Angebot in Gänze nicht für alle Nutzer befriedigend aufarbeiten kann. Da der Dienst zunächst nicht personalisierbar ist, wird auch in der sehr spitzen
87

7. Fazit

Nutzerschaft der kleinste gemeinsame Nenner an Themen aufgezeigt. Fraglich bleibt, ob Nutzer des zur Zeit der Erhebung noch neuartigen Angebotes ‚Rivva Social’101 die Orientierungsleistung der Website zu persönlich relevanten Themen besser einschätzen. Die beste Wahrnehmung der Orientierungsleistung kann die Aggregationsleistung des Angebotes verzeichnen. Diese bezieht sich auf die von rivva.de bereits erfassten Artikel. Die Auswertung zeigt, dass die Nutzer mit der Quellenbasis relativ und mit der Abdeckung der aggregierten Themen sehr zufrieden sind. Beachtet man die tendenziell gegebene Vermeidung von Extremwerten in Befragungen, so zeigt der erzielte Mittelwert (Mw=2,15) eine durchaus positive Wahrnehmung, die noch über Restpotential verfügt. Die Wahrnehmung der Orientierungsleistung durch die Aggregationsleistung des Dienstes untermauert die Vermutung, dass nicht alle Interessengebiete der Nutzer von rivva.de erfasst werden – schließlich sind sie mit der vorgefundenen Orientierungsleistung des Dienstes und den bereitgestellten Informationen zum jeweiligen Thema grundsätzlich zufrieden. Die Wahrnehmung der Orientierungsleistung ließe sich durch die Aufnahme weiterer Themenbereiche vermutlich steigern. Betrachtet man die einzelnen Wahrnehmungsdimensionen in Abhängigkeit der Rezeptionsart und -häufigkeit, so ergibt sich eine recht diffuse Befundlage. Tendenziell zeigt sich, dass der häufigere Zugriff auf den Dienst auch für die spezifischere Beobachtung der einzelnen Dimensionen eine erhöhte Wahrnehmung der Orientierungsleistung bewirkt. Die deskriptive Analyse verdeutlicht, dass Nutzer, die rivva.de häufig per Twitter oder RSS-Feed nutzen, auch andere Rezeptionsmöglichkeiten in Anspruch nehmen. Die Betrachtung der einzelnen Rezeptionsarten ist in diesem Punkt somit nicht trennscharf und von eingeschränkter Aussagekraft. Eindeutig fallen die Befunde für die Erwartung einer Orientierungsleistung für das Social Web aus. Mit hoher Konsistenz erwarten die Nutzer einhellig eine Orientierungsleistung über aktuelle diskutierte Themen der Blogosphäre. Eine Orientierungsleistung zu aktuell bei Twitter diskutierten Themen wird weniger stark erwartet, zudem zeigt sich dort eine breite Streuung in der Erwartungshaltung der Nutzer. Diese Orientierungsleistung ist allerdings kein originäres Ziel des Dienstes, vielmehr hat der Microblogging-Dienst unterstützende Wirkung bei der Aggregation der Diskussionen102.

101

Rivva Social verknüpft die aggregierten Artikel des Dienstes mit dem Twitterstream des jeweiligen Nutzers. In den

Service fließt dadurch die – durch Verlinkung ausgedrückte – Empfehlung der vom Nutzer als relevant erachteten Twitter-Nutzer ein.
102

Vgl. dazu http://blog.rivva.de/archives/2009/3/14/message_in_a_bottle/ 88

7. Fazit

Die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de fällt bei mäßiger Streuung der Aussagen tendenziell leicht negativ aus. Es zeigt sich, dass rivva.de keine anderen Dienste ersetzen kann. Vor allem wird das Angebot nicht besser als professionelle Nachrichtenangebote bewertet. rivva.de aggregiert in den Augen der Befragten jedoch die wichtigsten Quellen zu behandelten Themen. Die Themenbreite schätzen die Nutzer als mittelmäßig ein – was der Quellenbasis zuzuschreiben ist, die bei breiter gestreuter Ausrichtung einen entsprechenden Einfluss auf das Themenspektrum ausüben könnte103. Während journalistische Erfahrungen keinen Einfluss auf die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de haben, zeigt sich ein positiver Einfluss der Bekanntheit der Autoren, die bei rivva.de aufgeführt werden. Es lässt sich vermuten, dass die Bekanntheit der Autoren – und damit das Wissen über die jeweilige Kompetenz des Autors – sowie die persönliche Verbundenheit und wahrgenommene Nähe zu den Verfassern ein positives Urteil bewirken, das sich entsprechend auf den Intermediär rivva.de auswirkt. Die Erfassung eigener Beiträge zeigt überraschenderweise keine Auswirkungen. Die Nutzer sind also gleichermaßen kritisch bei der Bewertung der Orientierungsleistung, unabhängig vom eigenen Beitrag zum Angebot. Anhand der Ergebnisse liegt allerdings nahe, dass sich bei höheren Fallzahlen ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen ergeben könnte. Ohne Einfluss auf die Orientierungsleistung bleibt auch die Häufigkeit der Erfassung eigener Beiträge. Analog zu den Befunden zur Wahrnehmung der Orientierungsleistung stellen sich die Befunde zur Bewertung der Orientierungsleistung hinsichtlich der Rezeptionsart und -häufigkeit dar. Während eine häufigere Nutzung per direktem Aufruf und via Twitter-Abonnement die Bewertung der Orientierungsleistung verbessert, hat die Rezeptionshäufigkeit des RSS-Feeds keine Auswirkungen auf die Bewertung. Verwunderlich erscheint die bessere Bewertung der Orientierungsleistung bei häufigerer Nutzung via Twitter als bei häufigerer Nutzung per Direktaufruf der Website. Eine mögliche Erklärung wäre, dass Abonnenten der TwitterNachrichten generell Anhänger des Dienstes sind, die die Orientierungsleistung besser bewerten. Zu beachten ist aber auch, dass häufige Twitternutzer den Dienst zumeist über anderweitige Kanäle ebenfalls häufig nutzen. Aufgrund dieser Tatsache sind nur vage Aussage zulässig, eine eindeutige Kausalität kann nicht postuliert werden.

103

Diese Problematik ist auch dem Entwickler von rivva.de, Frank Westphal, bewusst: „Ein Fluss (ein Rivva) kann

nie höher steigen als seine Quelle(n)“ (Michal 2010). 89

7. Fazit

Rezipieren die befragten Nutzer eine erhöhte Anzahl an Quellen, so bewerten sie die Orientierungsleistung der Website besser als Nutzer, die nur wenige Quellen aufrufen. Beachtet man die generelle Zufriedenheit der Nutzer mit den aggregierten Quellen zu behandelten Themen, so erscheint der Befund aufgrund der erhöhten Informationstiefe als logische Konsequenz. Die Bekanntheit von Autoren bleibt ohne moderierenden Einfluss auf den Zusammenhang zwischen Grad der Selektivität und Bewertung der Orientierungsleistung. Die Dauer der Nutzung von rivva.de hat keine Wirkung auf die Bewertung der Orientierungsleistung. Diese Erkenntnis lässt zwei Schlüsse zu. Einerseits ließe sich das Angebot als so schnell erfassbar und intuitiv nutzbar interpretieren, dass eine gesteigerte Nutzungsdauer keinen weiteren Einfluss auf die Bewertung haben kann. Gegen diese Interpretation spricht jedoch die nicht hinreichend gute Beurteilung der Orientierungsleistung. Vielmehr lässt sich andererseits schließen, dass sich auch für erfahrene Nutzer keine positive Bewertung durch die Nutzungserfahrung und genaue Kenntnis des Angebotes einstellt. Dieser Punkt könnte durch die Personalisierung des Angebotes und eine damit verknüpfte Lernfähigkeit104 verbessert werden. Eine journalistische Orientierungsleistung wird durch die Nutzer von rivva.de nur tendenziell erwartet – die Bewertung der erhobenen Items zeigt dabei eine hohe Varianz. Die Betrachtung der einzelnen Aussagen verdeutlicht, dass vor allem bisher unbekannte Themen durch den Dienst gefunden werden sollen. Zudem erwarten die Nutzer die Aggregation aller bedeutenden Quellen zu einem Thema. Tendenziell soll das Angebot ein ausgewogenes Meinungsbild darstellen sowie die Themen nach Aktualität sortiert auflisten. Der Wunsch, rivva.de als Themenquelle sowie als Quelle für die umfassende Information über aktuelle Nachrichten zu nutzen, ist nur mit minimal positiver Tendenz vorhanden. Die Nutzer erwarten darüber hinaus nicht zwingend die Behandlung von Themen professioneller Orientierungsangebote. Das Angebot soll aus Nutzersicht keine professionellen Angebote substituieren, sondern zusätzlich zu deren Beiträgen neue Themenkomplexe herausstellen und zu diesen die wichtigsten Quellen zusammenführen. Ein eventueller journalistischer Hintergrund beeinflusst die Erwartungshaltung der Nutzer nicht. Auch Nutzer ohne journalistische Vorkenntnisse erheben keinen Anspruch auf rivva.de als journalistisches Angebot – die Nutzer von rivva.de sind sich scheinbar relativ genau darüber im Klaren, was sie vom Angebot erwarten können.

104

Die Lernfähigkeit könnte durch die Evaluation der tatsächlich gelesenen sowie der selbst per Twitter oder Weblog

verwerteten Artikel erzielt werden. Eine treffende Vorauswahl der aggregierten Beiträge, die zudem bei dauerhafter Nutzung beständig verfeinert und angepasst werden könnte, wäre so möglich. 90

7. Fazit

Mit leicht positiven Tendenzen zeigt sich die Wahrnehmung von rivva.de als journalistisches Angebot. Die Befunde gehen einher mit der Erwartungshaltung der Nutzer – die nur gering vorhandenen Erwartungen an eine journalistische Orientierungsleistung durch rivva.de werden aus Sicht der Nutzer erfüllt. Dabei moderiert die journalistische Erfahrung diese Wahrnehmung. Probanden ohne Vorerfahrung im journalistischen Bereich nehmen rivva.de eher als journalistisches Angebot wahr als hauptberuflich journalistisch tätige Befragte. Es ist zu vermuten, dass diese Nutzer aufgrund persönlicher Involvierung und Reflexion zum Thema journalistischer Orientierungsleistungen das Angebot kritischer betrachten. Die Einschätzung der im Nebenberuf journalistisch tätigen Probanden liegt zwischen den beiden bereits beschriebenen Werten, erzielt jedoch keine statistische Signifikanz. Dieses Ergebnis unterstützt die Vermutung, dass mit zunehmender journalistischer Erfahrung eine erhöht kritische Wahrnehmung einhergeht. Die nicht signifikanten Ergebnisse für nebenberuflich journalistisch tätige Probanden können durch methodische Ursachen, namentlich die Größe der Stichprobe, erklärt werden. Vergleicht man die Bewertung der Orientierungsleistung von rivva.de mit der Bewertung professioneller Orientierungsangebote, so zeigt sich sowohl für allgemein relevante als auch für persönlich relevante Themen durchweg eine bessere Bewertung der professionellen Angebote. Für allgemein relevante Themen werden journalistische Nachrichtenangebote mit Abstand als am besten geeignet angesehen. Analog dazu bekunden die Befragten die beste Orientierungsleistung zu persönlich relevanten Themen durch themen- und fachspezifische Angebote. Dieser Befund erscheint als weiterer Beleg für die Erkenntnis, dass rivva.de nicht als Substitut für professionelle Angebote, sondern als ergänzender Service wahrgenommen wird. Das Rezeptionsverhalten anderer Angebote wird durch die Nutzung von rivva.de größtenteils verändert. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse wirken in sich konsistent und bestätigen vermutete Einflüsse. Die Lektüre einzelner Weblogs steigert sich durch die Nutzung von rivva.de tendenziell – was durch die hauptsächliche Aggregation dieser Angebote logisch erscheint. Der Befund, dass soziale Netzwerke seit der Nutzung von rivva.de häufiger besucht werden, lässt in diesem Zusammenhang hingegen keine logische Erklärung zu. Vielmehr ist davon auszugehen, dass allgemein die Nutzung dieser Netzwerke gestiegen ist und kein direkter Zusammenhang mit dem Angebot von rivva.de vorliegt. Die Nutzung themen- und fachspezifischer Angebote wird durch die Nutzung von rivva.de nicht signifikant verändert. Die bereits geäußerte Vermutung, dass rivva.de nicht alle für den Leser relevanten Themenbereiche abdeckt, kann auch diesen Befund erklären. Wie Surowiecki analog für das tiefere Wissen einzelner Gruppenmitglieder im Vergleich zur Gesamtleistung beschreibt (Surowiecki 2005: 5), werden die Nutzer bei persönlich relevanten Themen vermutlich spezifischere, von rivva.de nicht erfasste Angebote kennen, die sie
91

7. Fazit

für einen besseren Überblick konsultieren. Eine ebenfalls unveränderte Nutzung lässt sich für Suchmaschinen konstatieren. Diese erfüllen generell einen anderen Zweck als rivva.de. Der eher ungeleiteten Rezeption zur Gewinnung eines Themenüberblicks bei rivva.de steht das spitze Informationsbedürfnis und meist die Beantwortung einer spezifischen Frage – oft unabhängig vom aktuellen Tagesgeschehen – bei der Nutzung einer Suchmaschine gegenüber. Eine Abnahme in der Nutzungsintensität seit der Nutzung von rivva.de konstatieren die Nutzer für vier Angebote. Social Bookmarking-Dienste verzeichnen eine leicht gesunkene Rezeption durch die Befragten. Zwar aggregieren auch diese Dienste aus den Empfehlungen einzelner Nutzer die aktuell vorherrschenden Themen – diese Angebote führen jedoch im Gegensatz zu rivva.de nur isolierte Nutzermeinungen zu einzelnen Artikeln zusammen, während rivva.de darüber hinweg die Diskussion zu diesen Artikeln und somit die Einordnung in einen Kontext bereitstellt. Auch professionelle Nachrichtenangebote werden von den Befragten tendenziell seltener genutzt. Diese leichte Verschiebung kann durch den Umstand erklärt werden, dass rivva.de auch diese Quellen in der Aggregation aufführt und sie daher von einigen Nutzern nicht mehr gesondert aufgerufen werden. Die größten Veränderungen im Rezeptionsverhalten geben die Befragten für Foren und Nachrichtenportale an. Bei der Nutzung von Foren lässt sich vermuten, dass der Überblick über ein Thema bei rivva.de aufgrund der positiv eingeschätzten Quellenaggregation genügt und die Nutzer daher den Eindruck erhalten, keine weiteren Meinungen aus Expertenforen zu den Themen zu benötigen. Allerdings könnte auch ein genereller Rückgang bei der Nutzung von Foren der Grund für das Ergebnis sein. Die zurückgehende Nutzung von Nachrichtenportalen erscheint bei einer Betrachtung der Unterschiede zwischen diesen und rivva.de logisch. Während Nachrichtenportale wie Google News Themen nach Ähnlichkeit in der Berichterstattung gruppieren, bildet rivva.de über diese Darstellung hinaus die Diskussion zu einem Thema ab. Es ist zu vermuten, dass die Nutzer diese Aggregationsleistung als Mehrwert ansehen und daher vornehmlich rivva.de statt bisher genutzter Nachrichtenportale aufrufen. Betrachtet man in diesem Zusammenhang den Einfluss der Rezeptionsart und -häufigkeit, so lassen sich nur wenige signifikante Befunde feststellen. Die Rezeption per Twitter bleibt ohne Einfluss auf andere Angebote. Da der Microblogging-Dienst an sich keinen vollwertigen Ersatz für die aufgeführten anderen Angebote darstellen kann, ist dieses Ergebnis schlüssig. Ein häufigerer direkter Aufruf der Seite kann das Rezeptionsverhalten anderer Angebote zwar verändern, dieser Einfluss ist aber nicht zwingend gegeben. Vermutlich hängt dort die veränderte Rezeption stark vom individuellen Nutzungsverhalten ab, so dass vorerst kein verallgemeinerbarer Einfluss angenommen werden kann. Die signifikante Veränderung des
92

7. Fazit

Rezeptionsverhaltens von professionellen Angeboten durch häufigere Lektüre des RSS-Feeds könnte durch den Eindruck eines bereits erworbenen Überblicks über Themen erklärt werden, bedarf aber ebenfalls einer genaueren Untersuchung. Da von insgesamt 24 Tests nur fünf signifikante Ergebnisse aufweisen, müssen die Einflüsse der Rezeptionsart und -häufigkeit in Zukunft noch genauer untersucht werden. Aktuell lässt sich lediglich feststellen, dass die Rezeptionsart und –häufigkeit die bereits vorhandene Veränderung des Nutzungsverhaltens anderer Angebote verstärken können, aber nicht zwingend dazu beitragen müssen. Genaue Bedingungen für einen solchen Einfluss müssen in weiterführender Forschung geklärt werden. Im Hinblick auf die in Kapitel 3.2.2 angesprochene Bedeutsamkeit der Medienkompetenz scheint eine kritische Rezeption der aggregierten Quellen von rivva.de zur angemessenen Einschätzung der Artikel notwendig. Die Analyse der Umfrage zeigt, dass vornehmlich – und wohl durch die Aggregationsleistung der Seite bedingt – Weblogs rezipiert werden. Die Nutzer von rivva.de treffen dabei nur tendenziell eine Unterscheidung zwischen Weblogs und professionellen Orientierungsangeboten. Die ausbleibende eindeutige Differenzierung deutet darauf hin, dass Nutzer die aggregierten Quellen als eher gleichwertig behandeln. Über die bei rivva.de aggregierten Quellen hinaus findet nur tendenziell eine Recherche weiterer Quellen statt – was bei der positiven Einschätzung der Aggregationsleistung nicht weiter verwundert. Da jedoch zu unbekannten Seiten nur teilweise weiterführende Informationen eingeholt werden, lässt sich resümieren, dass die befragten Nutzer das angebotene Repertoire an Themen meist ohne weitere kritische Überprüfung rezipieren. Untersucht man den Grad kritischer Rezeption in Abhängigkeit von Rezeptionsart und -häufigkeit, so sind von 24 Tests nur drei Ergebnisse signifikant, die in keinem direkten Verhältnis logisch interpretierbar wären. Es ist möglich, dass diese Ergebnisse methodisch begründet oder auf statistische Zufälle zurückzuführen sind. Die Resultate lassen die generelle Annahme zu, dass der häufigere Zugriff bestehende Tendenzen verstärken kann. Unter welchen Bedingungen eine solche Verstärkung erfolgt, lässt sich aus den vorliegenden Ergebnissen nicht ableiten. Als Evaluationsinstrument wird rivva.de von den Nutzern eher marginal genutzt. Zwar zeigen die Ergebnisse eine hohe Streuung, so dass 27 Prozent der Nutzer diese Möglichkeit in Anspruch nehmen. Zur Evaluation eigener Beiträge sind jedoch wesentlich effizientere, primär auf Evaluation bedachte Tools einsetzbar, während diese Option bei rivva.de eher ein Nebenprodukt der Aggregation darstellt. Die Evaluation der Beiträge ist für den Dienst keine originäre Aufgabe, die daher nicht prominent präsentiert wird. Zudem ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die 27 Prozent der Befragten, die rivva.de zur
93

7. Fazit

Evaluation nutzen, diese Option ob der bloßen Existenz nutzen und darüber hinaus effizientere Tools für die Erfolgsmessung eigener Beiträge einsetzen. Die forschungsleitende Frage zur Beurteilung der Orientierungsleistung des technischen Internetaggregators rivva.de durch seine Nutzer lässt sich angesichts der zusammengetragenen Befunde nun beantworten. Die Nutzer sehen rivva.de als alternatives und ergänzendes Orientierungsangebot neben professionellen und partizipativen Angeboten, das hauptsächlich einen Überblick über aktuelle Themen der Blogosphäre und der deutschsprachigen Twitter-Landschaft gibt. Die Orientierungsleistung des Dienstes wird dabei – insbesondere im Vergleich zu anderen, professionellen und positiv bewerteten Angeboten – als mittelmäßig eingeschätzt. Diese Beurteilung erscheint aufgrund der von den Nutzern hauptsächlich angeforderten Orientierungsleistung über das Social Web und nicht etwa über die allgemeine Nachrichtenlage als nachvollziehbar. Klassische journalistische Orientierungsleistungen werden weder übermäßig stark erwartet noch wahrgenommen.

7.2 Limitation der Studie
Jede wissenschaftliche Arbeit muss Einschränkungen hinsichtlich der Aussagekraft der erzielten Untersuchungsergebnisse hinnehmen. Eine vollständige Abbildung und Erfassung des Untersuchungsgegenstandes ist – vor allem im begrenzten Rahmen einer Magisterarbeit – nicht möglich. Daher sollen die Limitationen der vorliegenden Studie kurz beschrieben werden. Da zum behandelten Bereich bisher nur rudimentäre Forschungserkenntnisse vorliegen – und zu rivva.de im Speziellen keinerlei Daten existieren – war die Konzeption als Grundlagenstudie zwingend notwendig. Um alle Aspekte des Themas hinreichend zu beleuchten, war eine rigidere Einschränkung des untersuchten Gegenstandes auf eine sinnvolle Art und Weise nicht möglich – auch wenn dadurch der Fragebogen sehr umfangreich und detailliert ausfiel. Der Konflikt zwischen breit angelegter Grundlagenforschung und spitzer Betrachtung einzelner Details wurde in dieser Studie evident. Die vorliegende Erhebung kann keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erheben. Zum Einen ist die genaue Anzahl der Nutzer von rivva.de nicht ermittelbar und durch wissenschaftlich ungenügende Datensammlungen105 nur grob bestimmbar. Zum Anderen lässt die Selbstselektion

105

Nicht für die Analyse nutzbar gemacht werden konnten vorliegende Nutzungsdaten des Dienstes Google

Analytics, da sie für eine wissenschaftliche Betrachtung nicht verlässlich genug sind. 94

7. Fazit

der Nutzer keine verlässlichen Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit zu. Aufgrund der in Kapitel 5.2 dargestellten Verbreitungsstrategien ist jedoch davon auszugehen, dass der Grundstock der Personen, die rivva.de häufig nutzen, in der Zeit der Feldphase von der Umfrage erfahren und – aufgrund von persönlichem Interesse106 – an ihr teilgenommen hat. Zudem verweist die hohe Anzahl an Teilnehmern an der Studie auf die Verbundenheit der Nutzer zum Angebot von rivva.de. Daher sind die Ergebnisse der Studie dennoch als aussagekräftige Befunde einzuschätzen. Die interne Validität der Studie wird durch die homogenen und vergleichbaren Gruppen innerhalb der Umfrage nicht gemindert. Während die Wahrnehmung der Orientierungsleistung in mehreren Dimensionen erfasst wurde, konnte die Bewertung der Orientierungsleistung aus forschungspragmatischen Gründen nicht mehrdimensional erhoben werden. Wie bereits ausgeführt, war der Fragebogen in der endgültigen Version sehr umfangreich. Eine weitere detailreiche Segmentierung einzelner Bereiche hätte den Fragebogen auf unzumutbare Länge erweitert – schon in der endgültig genutzten Form lag die durchschnittliche Bearbeitungszeit bei etwa 15 Minuten. Zudem wäre die Auswertung weiterer Forschungsfragen und Dimensionen en detail im Rahmen der Arbeit nur auf Kosten anderer Bereiche (verkürzte Darstellung der Theoriegrundlagen oder der Methodik) möglich und daher nicht wünschenswert gewesen. Eine grundlegende Entscheidung bei der zwangsläufig rigiden Gestaltung des Fragebogens erwies sich im Nachhinein als Fehler: Der Beschluss, Rezeptionsart und -häufigkeit des Dienstes in einer gemeinsamen Variable zu kombinieren, führte zwar einerseits zur Reduktion der Fragenanzahl, bedeutete jedoch bei der Auswertung eine zusätzliche Hürde durch letztendlich konfundierte Daten zu beiden erhobenen Dimensionen. Während Einflüsse der Rezeptionshäufigkeit relativ eindeutig zurückgeführt werden konnten, waren die Einflüsse der Rezeptionsart nur grob bestimmbar, da Überschneidungen hinsichtlich der Zugriffsart möglich waren. Diese Items hätten im Nachhinein gesondert in Art und Häufigkeit getrennt abgefragt werden müssen. Teilweise lagen bei einzelnen Variablen zu geringe Varianzen vor, etwa in der Soziodemografie der Nutzer. Eine detaillierte Untersuchung des Einflusses dieser Variablen ist daher nicht möglich – was bedauerlich ist, jedoch außerhalb persönlichen Einflusses liegt.

106

Diverse Rückmeldungen und Fragen zur Umfrage, insbesondere über den Microblogging-Dienst Twitter oder per

E-Mail, lassen diesen Schluss zu. 95

7. Fazit

7.3 Weiterführende Forschung
Aus den in Kapitel 7.2 dargestellten Limitationen ergibt sich der Bedarf an weiterführender Forschung zu technischen Orientierungsleistungen im Internet. Notwendige und sinnvolle Erweiterungen der vorliegenden Arbeit sollen im Folgenden kurz dargelegt werden. Generell benötigt der weitläufig genutzte Begriff der ‚Orientierung’ – ähnlich wie der Kommunikationsbegriff – in der Kommunikationswissenschaft eine tiefergehende theoretische Fundierung. Es verwundert, dass eine Vielzahl an Autoren den Begriff der ‚Orientierung’ unreflektiert und ohne grundlegende Definition übernimmt, anstatt ihn zunächst theoretisch untermauert einzuführen. Die in Kapitel 3 dargelegten philosophischen Ausführungen Stegmaiers zum Terminus bilden eine wertvolle Grundlage zur Begriffsbestimmung. Gerade für die Verwendung des Begriffs in kommunikationswissenschaftlicher Forschung wäre eine eingehende Diskussion des Terminus ‚Orientierung’ jedoch wünschenswert. Das noch junge, sich rasant entwickelnde Feld der technischen Informationsverarbeitung bedarf zunächst grundsätzlich eingehender wissenschaftlicher Betrachtung. Es ist zu erwarten, dass in diese Richtung operierende Dienste zunehmenden Zuspruch finden werden. Die Untersuchung der Potentiale sowie Leistungsfähigkeit ist – gerade im Vergleich zu klassischen Ansätzen der Informationsvermittlung – zur Einstufung und Bewertung auch für Endnutzer wertvoll. Bereits jetzt wird eine Vielzahl innovativer Ansätze in Anspruch genommen107, die in ihren Grundprinzipien tiefgreifende Veränderungen für die Informationsvermittlung und insbesondere den klassischen Journalismus und seine Arbeitsweisen bedeuten können. Diese sollten langfristig untersucht werden, um Entwicklungen eindeutig nachvollziehen zu können. Die mittlerweile verfügbaren technischen Möglichkeiten erlauben es, neben Nutzerbefragungen auch die Potentiale von Anwendungen nutzbar zu machen, die Nutzerverhalten automatisiert auswerten. Denkbar wäre ebenfalls, nicht nur einzelne Websites zu
107

Als

Beispiele

seien

hier

genannt:

‚Feedafever’

als

intelligenter

Parser

von

RSS-Feeds

(http://www.feedafever.com/); die Anwendung ‚Flipboard‘ für Apples iPad, welche den ‚Social Graph’ des Nutzers (namentlich die per Twitterstream und Facebook geteilten Links des eigenen Umfelds) scannt (http://www.flipboard.com/); das rivva.de-eigene Angebot ‚Rivva Social’, das diskutierte Artikel aus der TwitterTimeline des Nutzers aggregiert und mit aktuell allgemein diskutierten Themen vereint (http://blog.rivva.de/archives/2010/1/4/float_on/); die Twitter-Link-Aggregatoren ‚paper.li’ (http://paper.li/) und ‚twittertim.es’ (http://twittertim.es/), die bei Twitter eingestellte Links der eigenen Timeline oder im Service eingestellte Links zu bestimmten Schlagwörten im Format einer Tageszeitung aufbereiten. 96

7. Fazit

erforschen, sondern gesamte Bewegungsabläufe einzelner Nutzer im World Wide Web zu Forschungszwecken auszuwerten108. In diesem Zusammenhang können interdisziplinäre Ansätze gewinnbringende Impulse liefern. Der Forschungsbereich der Netzwerkanalyse verspricht wertvolle Anknüpfungspunkte109. Die Entwicklung von Weblogs als potentielle kritische Alternativmedien zum klassischen Journalismus sollte zudem fortlaufend beobachtet werden. Durch die hohe Fluktuation der Angebote sowie die zunehmende Akzeptanz als zusätzliche Publikationsform auch unter Journalisten110 ist zumindest in Teilbereichen eine erhöhte Qualität und somit eine erhöhte Relevanz einzelner Angebote zu erwarten. Sowohl die Qualität als auch die Relevanz dieser Angebote sollte langfristig beobachtet werden. Die in dieser Arbeit ermittelten Befunde sollten durch langfristig angelegte Studien fortwährend überprüft und abgesichert werden, um Vergleiche über die Zeit zu erlauben und die Entwicklung der Nutzung nachvollziehen zu können. Der Vergleich zu anderen Angeboten durch Erhebung der Wahrnehmung und Bewertung der Orientierungsleistung dieser Angebote wäre darüber hinaus ein lohnenswertes Forschungsunterfangen. Angebotsintern wäre – vor allem durch die detaillierte Aufteilung an Themenbereichen auf rivva.de – eine Untersuchung der Bewertung der Orientierungsleistung in den einzelnen Teilbereichen und hinsichtlich des Angebots ‚Rivva Social’ sinnvoll. Somit könnte die genaue Interessenlage der Nutzer – und damit die Einschätzung zu einzelnen Themenbereichen – exakter bestimmt werden. Eine weitere Aufgabe für weiterführende Forschung wäre die Klärung der genauen Einflusspotentiale der Zugriffsart, die im Rahmen dieser Arbeit leider nicht gewährleistet werden konnte.

108 109

Hierzu bedarf es natürlich der Zustimmung der Nutzer sowie datenschutzrechtlicher Absicherung. Wertvolle Hinweise zum Potential der Verknüpfung relationaler Inhalts- und empirischer Netzwerkanalyse bietet

Adam (2008). Zudem können Konzeptionen wie das Rhizom der postmodernen Theoretiker Gilles Deleuze und Félix Guattari (Deleuze / Guattari 1977: 11ff.) als Denkansätze im Zusammenhang mit Verlinkungsstrukturen im Internet nutzbar gemacht werden.
110

Exemplarisch sei hier auf einige von Journalisten geführte Weblogs verwiesen: http://www.sprengsatz.de/

(Michael Spreng, ehemaliger Journalist und Wahlkampfmanager Edmund Stoibers zum politischen Geschehen in Berlin), http://augengeradeaus.net/ (Thomas Wiegold, ehemals Focus, zu Bundeswehr, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik), http://fussballist.de/ (Roland Eitel, ehemaliger Journalist, als Berater des DFB zu Fußballthemen rund um die deutsche Nationalmannschaft), http://tribuenenblog.abendzeitung.de/ (Christian Jakubetz für die Münchener Abendzeitung zum Thema Fußball), http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ (Stefan Niggemeier, Medienjournalist, zu verschiedenen Aspekten des Medienbetriebs). 97

8. Schlussbetrachtung

8. Schlussbetrachtung
Das ursprüngliche Forschungsinteresse der Arbeit – inwiefern kann ein technischer Aggregator Orientierungsleistungen bereitstellen und bisherige, zumeist professionelle Orientierungsangebote ersetzen – wurde vor dem Hintergrund der Veränderungen in der Medienlandschaft und ihrer Auswirkungen auf das Nutzerverhalten zunächst theoretisch eingehend beleuchtet. Die anschließende Befragung der Nutzer des technischen Internetaggregators rivva.de konnte die übergreifende Forschungsfrage auch in zahlreichen Detailfragen weitgehend klären. Das Angebot von rivva.de vermag etablierte Orientierungsangebote nicht zu ersetzen. Vielmehr besetzt der Dienst als Ergänzung zu bisherigen Angeboten eine eigene Nische als vornehmliches Orientierungsangebot über Diskussionen innerhalb der Blogosphäre und der deutschsprachigen Twitter-Nutzerschaft. Dabei wird rivva.de nicht explizit als journalistisches Format angesehen, sondern als zusätzliches Orientierungsangebot neben diesen rezipiert, welches Dank seiner Quellenvielfalt eine multiperspektivische Sichtweise auf einzelne Themenkomplexe ermöglicht. Im Pretest zur Umfrage wurde von einer Teilnehmerin geäußert, ein Dienst wie rivva.de wäre für allgemein relevante Nachrichten äußerst sinnvoll. Die fortschreitende Entwicklung im Bereich der technischen Aggregation sowie beständige Fortschritte des Semantic Web lassen die Prognose zu, dass ein entsprechendes Angebot in wenigen Jahren bereitgestellt werden kann. Die Leistungsfähigkeit technischer Orientierungsangebote wird in den nächsten Jahren vermutlich soweit entwickelt werden, dass diese Orientierungsleistungen in einer Vielzahl von Facetten bereitstellen können. Eine vielversprechende Möglichkeit mit großem Potential stellt die Symbiose technischer und menschlicher Informationsauswahl dar – für das hier untersuchte Angebot von rivva.de hat Entwickler Frank Westphal diesen Schritt bereits angekündigt111. Vergessen sollte man bei dieser Aussicht jedoch nie die Grundlage dieser Angebote: Professionell erstellter Input wird – neben partizipativen Angeboten – langfristig die entscheidende Stütze für technische Orientierungsangebote bleiben.

111

Siehe dazu: http://blog.rivva.de/archives/2010/5/2/die_mensch-maschine/ – die händische Themenauswahl

war bisher jedoch nur selten ersichtlich. 98

9. Literaturverzeichnis

9. Literaturverzeichnis
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10. Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

10. Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen
10.1 Tabellen
Tabelle 1: Nutzung von Social Web-Angeboten Tabelle 2: Wahrnehmung der Orientierungsleistung nach Nutzungsart und -häufigkeit Tabelle 3: Wahrnehmung der allgemeinen und persönlichen Orientierungsleistung sowie der Orientierungsleistung durch die Aggregationsleistung des Angebotes Tabelle 4: Bewertung der Orientierungsleistung nach einzelnen Items getrennt Tabelle 5: Einfluss journalistischer Erfahrung auf die Bewertung der Orientierungsleistung Tabelle 6: Einfluss der Bekanntheit von Autoren auf die Bewertung der Orientierungsleistung Tabelle 7: Bewertung der Orientierungsleistung durch Probanden in Abhängigkeit der Beitragserfassung Tabelle 8: Einfluss der Rezeptionsart und -häufigkeit auf die Bewertung der Orientierungsleistung Tabelle 9: Auswirkungen der Selektivität auf die Bewertung der Orientierungsleistung Tabelle 10: Berechnung der Korrelation und Regression für den Zusammenhang zwischen Selektivität und Bewertung der Orientierungsleistung Tabelle 11: Bewertung der Orientierungsleistung in Abhängigkeit der Nutzungsdauer Tabelle 12: Erwartung journalistischer Orientierungsleistung Tabelle 13: Einfluss journalistischer Erfahrung auf die Wahrnehmung als journalistisches Angebot Tabelle 14: Bewertungsunterschiede Orientierungsleistung rivva.de und professionelle Angebote Tabelle 15: Veränderung im Rezeptionsverhalten anderer Angebote neben rivva.de Tabelle 16: Zusammenhänge zwischen verändertem Rezeptionsverhalten anderer Angebote und der Rezeptionsart und -häufigkeit von rivva.de Tabelle 17: Kritische Rezeption der bei rivva.de aggregierten Inhalte Tabelle 18: Kritische Rezeption in Abhängigkeit der Nutzungsart und -häufigkeit von rivva.de Tabelle 19: Übersicht Forschungsergebnisse 82! 83! 84! 85! 76! 77! 78! 79! 80! 81! 68! 71! 72! 72! 73! 74! 75! 52! 67!

10.2 Abbildungen
Abbildung 1: Verteilung der Leserzahlen bei Weblogs und Twitter Abbildung 2: Das Forschungsmodell 53 54

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10. Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

10.3 Websites
Die folgende Liste führt die in der Arbeit als Beispiele genannten, nicht als Quellen in der Bibliographie angeführten Websites auf: Alta Vista: http://www.altavista.com/ AOL: http://www.aol.com Augen geradeaus: http://augengeradeaus.net/ Del.icio.us: http://www.delicious.com/ Deutsche Blogcharts: http://deutscheblogcharts.de/ Digg: http://digg.com/ Facebook: http://www.facebook.com/ Feed A Fever: http://www.feedafever.com/ Flickr: http://www.flickr.com/ Flipboard: http://www.flipboard.com/ Fussballist: http://fussballist.de/ Google: http://www.google.de/ Google Analytics: http://www.google.de/analytics/ Google News: http://news.google.de/ Linkarena: http://linkarena.com/ Memeorandum: http://memeorandum.com/ Mister Wong: http://www.mister-wong.de/ MSNBC: http://www.msnbc.msn.com/ Nachrichten.de: http://www.nachrichten.de/ New York Times: http://www.nytimes.com/ Paper.li: http://paper.li/ Rivva: http://rivva.de/ Reddit: http://reddit.com/ Slashdot: http://slashdot.org/ Spiegel: http://www.spiegel.de/ Sprengsatz: http://www.sprengsatz.de/ Stefan Niggemeier: http://stefan-niggemeier.de/blog/ studiVZ: http://www.studivz.net/ Tagesschau: http://www.tagesschau.de/ Tribünenblog: http://tribuenenblog.abendzeitung.de/ Twitter: http://twitter.com/ Twittertim.es: http://twittertim.es/ Yahoo: http://www.yahoo.com/

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11. Eidesstattliche Versicherung

11. Eidesstattliche Versicherung
Hiermit versichere ich, dass ich die Magisterarbeit selbstständig verfasst, sie noch in keinem anderen Prüfungsverfahren vorgelegt, keine anderen als die in der Arbeit aufgeführten Quellen benutzt und sämtliche Zitate und Entlehnungen kenntlich gemacht habe.

________________________
(Datum, Ort)

_____________________________________________
(Unterschrift)

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12. Anhang: Elektronische Daten zur Magisterarbeit

12. Anhang: Elektronische Daten zur Magisterarbeit
Die Daten-CD befindet sich auf der Innenseite des rückwärtigen Mantelteils. Sie enthält folgende Daten: Die vollständige Magisterarbeit im PDF-Format Den Fragebogen im PDF-Format Den Variablenkatalog im PDF-Format Den bereinigten Datensatz als PASW-Datei Die PASW-Outputs geordnet nach Forschungsfragen

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