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DIE ÄGYPTISCHE URGNOSIS

DIE ÄGYPTISCHE URGNOSIS
UND IHR RUF IM EWIGEN JETZT
ERNEUT VERKÜNDET UND ERKLÄRT
AN HAND DER
TABULA SMARAGDINA UND DES CORPUS HERMETICUM
DES

HERMES TRISMEGISTOS
VON

J. VAN RIJCKENBORGH
ZWEITER TEIL
DRITTE, ÜBERARBEITETE AUSGABE 1997

RENOVA-BIBLIOTHEK IV

ROZEKRUIS PERS -- HAARLEM – NIEDERLANDE
Aus dem Niederländischen übersetzt
Ursprünglicher Titel:
De Egyptische Oergnosis
en haar roep in het eeuwige nu
Internationale Schule des Goldenen Rosenkreuzes

Lectorium Rosicrucianum
Hauptsitz:
Bakenessergracht 11-15, Haarlem, Niederlande

isbn 90 6732 151 6

Copyright 1997 by Rozekruis Pers, Haarlem, Niederlande
Vorwort

Mensch, wer bist du? Woher kommst du? Wohin gehst du? Diese tiefsten Fragen stellt die
geheimnisvolle Sphinx seit Tagesanbruch des menschlichen Erscheinens im dialektischen**
Siehe Worterklärung, Seite 293 Daseinsfeld allen Reisenden auf dem endlosen Irrweg durch
die Wüste des irdischen Lebens. Die Beantwortung dieser Frage nach Bewußtsein,
Lebensausrichtung und Tat entscheidet über Leben und Tod.
Ohne wahrhaftige, lebendige Kenntnis aus dem unmittelbaren Erleben über den einen Quell allen
Seins und das eine wirkliche Ziel des Daseins ist die Menschheit stets wieder verammt, in Blindheit,
Wahn und Täuschung, Finsternis, Leiden und Tod unterzugehen.
Um in der so schmerzvollen und drohenden Krisis, die das Ende des heutigen kosmischen Tages
begleitet, den Zahllosen, die verzweifelt nach einem Ausweg suchen, den Weg zur befreienden
Gotteserkenntnis zu zeigen, erhebt die Gnosis erneut ihre Stimme und läßt den Ruf vom Anbeginn
mit großer Kraft erklingen. Wieder verkündigt sie aus der lebendigen Gotteswirklichkeit die hohe
Abkunft und erhabene Berufung des Menschen und weist jenen, die noch Ohren haben, um zu hören,
den uralten Weg der Errettung, den sie auch in unserer Zeit für den Menschen erschlossen hat, der
guten Willens ist.
Wer in innerer Bewegtheit des Herzens über die selbsterschaffene Zerrüttung der Welt und
Menschheit in ihrem rettungslosen Untergang von innen her die entscheidende Notwendigkeit einer
unmittelbaren, fundamentalen Lebens- umkehr erkennt und sich dazu gerufen fühlt, wird in der
tiefen Weisheit der ägyptischen Urgnosis und dem Absoluten ihrer Forderung voller Freude und
Dankbarkeit das strahlende Licht des Weges zur Wahrheit und zum Leben erkennen.
Um solchen Menschen zu helfen, verrichtet die junge gnostische Bruderschaft ihre Arbeit in dieser
Welt; für sie ist diese Aufgabe bestimmt. Sie will diese Menschen befähigen, sich dem Geist des
gnostischen Schülertums so weit wie möglich zu nähern und etwas von der Gnade dieses Pfades wie
im Vorgeschmack zu erfahren.
Mögen viele, sehr viele den Ruf der Gnosis noch rechtzeitig verstehen und zu ihrem und der
ganzen Menschheit ewigem Heil positiv darauf reagieren!
J. VAN RIJCKENBORGH
Die Urmutter

Darstellung der Weltmutter, der Urmutter, die in der Form eines fünfzackigen Sterns, im Zentrum
der in Erscheinung tretenden Sternenkonstellation, das Vaterfeuer, das siebenfache Geistfeuer
empfängt.

Durch die harmonische Wechselwirkung zwischen Haupt und Herz der Urmutter werden diese durch astrales
Licht überstrahlt, wodurch im Schoß der Urmutter ein Quell lebenden Wassers, der ewig währende Strom,
hervorgerufen wird.

So entsteht aus der Mutter durch die Saat des Vaters die Sohnschaft, eine lebendige Wirklichkeit. Der
Schöpfungsplan des Vaters wird aus der Kraft der Mutter ins Dasein gerufen.

Am Anfang war das Wort,
das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort.
Das Licht scheint in der Finsternis.
Inhaltsverzeichnis

Vorwort 13
VI Drittes Buch: Es ist das grösste Übel der Menschen, daßsie Gott nicht kennen 15
II Viertes Buch: Hermes' Rede zur Ehre Gottes 17
III Wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde 20
Die Zeit der Deklaration -- Eine uralte Warnung -- Der Zustand des Blutes -- Die Berufung der
Notordnungspersönlichkeit -- Das siebenfache Herz -- Das siebenfache Haupt -- Gehet aus, dem
Bräutigam entgegen
IV Die Fesseln des Blutes 28
Römer 7 -- Die Narkose der Unwissenheit -- An wen Hermes sich richtet -- Die Privat-
Blutskultur -- Die sündige Wollust
V Karma-Nemesis und der Weg der Erlösung 37
Die Kernaufgabe des Schülertums: das tägliche Sterben -- Die Kernkraft der Sünde -- Das Endura
-- Der Garten der Götter -- Karma-Nemesis -- Der menschliche Fall -- Der Weg der Erlösung
VI Die Verwirklichung des Gottesplans 45
Die Schmerzen der Menschheit -- Was die Gnosis verlangt -- Im Ego Schmerz leiden -- Die
Geburt in Bethlehem und die Überwindung auf Golgatha -- Die Hochzeit des Lamms
VII Der Herzensschrei der universellen Gnosis 55
Die Notwendigkeit der Umkehr -- Der Weg der universellen Gnosis -- Aufgabe und Berufung für
Welt und Menschheit -- Das Erscheinen des Menschensohnes in den Wolken des Himmels -- Das
neue gnostische Reich
VIII Fünftes Buch: Aus einer Rede des Hermes zu Tat 56
IX Das Urgesetz der gnostischen Mysterien 65
Wahre Frömmigkeit und Gottesfurcht -- Die Notwendigkeit des zu verwirklichenden Baustücks --
Unwandelbarer Mut und das Ausharren -- Keine Vorbehalte, keine Ausflüchte! -- Tretet ein in den
Kreis der Ewigkeit!
X Die Nachfolge Christi 74
Die wahrhaftige Freimaurerei -- In der Welt, aber nicht von der Welt -- Befreiung im Jetzt,
vollkommen möglich -- Freiwerden, der Dienstbarkeit wegen -- Die Negativität der
Naturreligionen -- Durch den Geist Gottes entflammt, in Jesus dem Herrn untergegangen, durch
den Heiligen Geist wiedergeboren
XI Der Pfad von Bethlehem nach Golgatha 83
Der Prozeß der Auferstehung der Seele -- Gefangennahme Jesu, Erniedrigung, Kreuzweg, Sterben
und Überwindung -- Das Endura: die Streitlosigkeit -- Lassen Sie Jesus Christus seine Arbeit in
Ihnen verrichten
XII Die Zweifachheit des Menschen 90
Die unvermeidliche Wahl zwischen Leben und Tod -- Werdet denn vollkommen, wie der Vater im
Himmel vollkommen ist -- Die zweifache Seele des Menschen -- Das Verwirklichen Gottes im
Menschen -- Die Wiedererweckung der Geistseele -- Leid und Schmerz -- Der Dreibund der
Alloffenbarung
XIII Sechstes Buch: Allgemeiner Dialog zwischen Hermesund Asklepios 99
XIV Wesen und Wirkung der Allbewegtheit 108
Die hermetische Beweisführung -- Die beiden Naturen der Gegensätze -- Das Erschaffene und das
Unerschaffene -- Das Göttliche und Gott -- Der Sohn, der im Herzen des Vaters ist, hat Ihn uns
geoffenbart -- Die Logik und die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Verbindung mit dem
Lebensquell -- Das unbewußte irdische Dasein ist das Unlogischste in der Alloffen-barung
XV Die Unantastbarkeit des Gottesplans 116
Mitbewegen oder Gegenbewegen -- Maria, die jungfräuliche Ursubstanz -- Wie der Gottesplan
sich offenbart -- Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit -- Die Gegen-Bewegung zerstört sich
immer selbst -- Allein, was aus dem Geist des Herrn ist, ist ewig -- Hora Est! -- Der Tod, eine
naturwissenschaftliche, logische Erscheinung -- Das Leben entwickelt sich aus dem Mit-Bewegen
XVI Der letzte Tod des Ichs: die freiwillige Selbst- übergabe 124
Die Ausrichtung des Hauptes und des Herzens -- Die Selbstübergabe an das Mit-Bewegen -- Die
Gefahren der Gegen-Bewegung in der Schule -- Das Zerbrechen der sieben Siegel -- Die
Notwendigkeit der Selbstprüfung
XVII Das Mysterium des heiligen Grals 130
Die sieben Siegel geschlossen -- Jesus und der Tröster -- Die sieben Strahlen des Siebengeistes --
Die Bruderschaft des heiligen Grals -- Das vollkommene Leben -- Die Notwendigkeit der
aufrichtigen Sehnsucht -- Das Lebensziel des Bildträgers -- Gehen Sie ein in den Frieden Ihres
Herrn
XVIII Die neuen befreienden Möglichkeiten 138
Die Zerbrechung der menschlichen Bruderschaft des Anbeginns -- Die Tragik der Vereinsamung
-- Die Hölle der Gegen-Bewegung -- Die Gnosis, der Heiler, der Herr der Liebe -- Die
Offenbarung des Sohnes
XIX Siebtes Buch: Hermes spricht zu Tat über das Mischgefässund die Einheit 140
XX Der Preis für den Wettlauf 146
Im Anfang war das Wort -- Die menschliche Denkwirksamkeit -- Der Logos, das Wort -- Verstand
und Geist -- Das verständnislose Staunen -- Der Wirrwarr der Sprachen -- Die Geistbindung, der
Preis für den Wettlauf -- Das Rosenherz, das latente Vermögen zum höheren Erwachen -- Warum
lebe ich? -- Die Geburt des Sohnes
XXI Das heilige Mischgefäss 153
1. Johannes 5 -- Der Geist, das Wasser und das Blut -- Der heilige Gral, das fehlende Glied -- Der
Dreibund des Lichtes: Gral, Katharer und Kreuz mit Rosen -- Zwei Arten der Taufe -- Die
Nachahmung in der Naturreligion -- Symbolismus und Magie -- Die gnostische Magie -- Die
Magie in Kirchen und Sekten -- Das Wirken der Äonen -- Das Rezept des wahren Schülertums
XXII Das Empfangen des heiligen Grals 162
Das Zeichen des Menschensohnes -- Was ist Pymander? -- Der Plan des Logos -- Die
Überwindung des Todes -- Das Erwecken des Bildes der wahren Menschwerdung -- Die Kenntnis
des pymandrischen Menschen -- Osiris-Isis, Geist-Seele -- Der Zustand des jungen
pymandrischen Menschen -- Transmutation und Transfiguration -- Der göttliche Becher -- Die
Konsequenzen des heiligen Grals -- Befreiung und Dienstbarkeit; Verherrlichung und
Schmerzerfahrung
XXIII Der Pfad und das Opfer 171
Die schwierigste Aufgabe auf dem Pfad -- Die Notwendigkeit der Ich-Ersterbung -- Gott oder
Mammon -- Vier Behinderungen
XXIV Die Rückkehr zur Einheit 178
Ein völlig neuer Beginn -- Die Aufgabe der Notordnungsgestalt im großen Gottesplan
XXV Die Einheit (I) 181
Wie überwindet der Mensch den Tod? -- Die Mystifikation des Todes -- Das vierte Mysterium
XXVI Die Einheit (II) 188
Das Bild Gottes wird Sie führen -- Das Unveränderliche und das Veränderliche -- Die Einheit und
die Zahl -- Einswerden und konkrete Tat -- Der Pymander des Lebenden Körpers -- Die
Überwindung des Todes
XXVII Verkaufe alles, was du hast und folge mir nach 195
Eine Bruderschaft des heiligen Grals -- Lebende Zellen des Lebenden Körpers -- Herr, hier bin ich
-- Gruppeneinheit und Selbstübergabe -- Der siebenfache Strom -- Die erfüllende Tat
XXVIII Das Geheimnis der gnostischen Mysterien 200
Die Lebenshaltung zur Beschleunigung des Heilsprozesses -- Alles oder nichts -- Verleumdung,
Schmähung und Kritik -- Was ist der Lebende Körper? -- Ein jauchzendes Zeugnis der
gnostischen Wirklichkeit -- Das Haus Sancti Spiritus -- Von der Erde erkauft
XXIX Das Pfingstfest der göttlichen Befreiung 209
Die Brennpunkte der jungen Gnosis -- Die Ausbreitung des Lichtfeldes -- Das Einholen der Ernte
-- Die Verantwortung jedes Schülers
XXX Achtes Buch: Hermes an seinen Sohn Tat: Derunsichtbare Gott ist der am
meisten geoffenbarte 211
XXXI Das Himmelsschiff und die Schiffsmannschaft 218
Ein unvergleichliches Geschenk -- Verstandestraining -- Der Prozeß der gnostischen
Bewußtwerdung -- Das Sakrament der Versöhnung -- Die vollkommene Selbstübergabe -- Das
Himmelsschiff
XXXII Die Ewigkeit in der Zeit 225
Keine prinzipiellen Behinderungen zwischen Gott und Mensch -- Der Wahn der Dialektik -- Das
wahrhafte Beten -- Die Verantwortung der gnostischen Arbeiter
XXXIII Der Lobgesang des Hermes 231
XXXIV Die Weisheit der Welt und die Weisheit Gottes 235
Die sieben Strahlen des Siebengeistes -- Der Gehirnorganismus des kleinen Kindes -- Das unfreie
Denken des dialektischen Menschen -- Das Schauen in das Ungeoffenbarte -- Das neue Denken --
Die Verbindung mit der geoffenbarten und der ungeoffenbarten Gottheit -- Der Wahn, der das
Gedächtnis betrifft -- Das lebendige Zeugnis des gnostischen priesterlichen Menschen
XXXV Der Schlüssel zur Reinigung 244
Die Notwendigkeit des Seelenbewußtseins -- Die Gotteskindschaft und das Erwachsensein -- Der
Kampf zwischen Seele und Körper -- Das Kleinhirn -- Die befreiende Lebensmethode -- Der
Schlüssel zur Reinigung -- Die harmonisierende Wirkung des gnostischen Schülertums
XXXVI Neuntes Buch: Nichts von dem, was wirklich besteht, geht verloren, aber
die Veränderungen nenntman irrtümlich Vernichtung und Tod 254
XXXVII Die Wiedergeburt der Seele 258
Die Unwirklichkeit des Todes -- Wie der Wahrheitssucher sich dem Problem nähern muß -- Die
theologische und historisch-materialistische Auffassung -- Ein Zwischenfall in der Löslichkeit --
Was Transfiguration ist -- Der Irrtum des Selbstmörders -- Die Notwendigkeit der Naturgeburt
für die Möglichkeit zur Befreiung -- Was ist Seelengeburt? -- Der irdische Mensch ist nur ein
Körper -- Die Signatur des wahren Rosenkreuzers
XXXVIII Die Wiedergeburt durch die Seele 265
Rette die Seele -- Der Sitz des Lebens -- Das Herz, das wichtigste Organ des menschlichen Körpers
-- Die sieben Kammern des Herzens -- Die Aufgabe des Sternums -- Der heutige natürliche
Mensch -- Die Anklage des Herzens -- Die Stimme der Seele
XXXIX Die heilige Mutter-Erde 274
Der vollkommene Mensch -- Der Kreuzweg der Seele: Von Bethlehem nach Golgatha -- Der erste
Gott und der zweite Gott -- Unsere heilige Mutter-Erde -- Die Berufung des Erdgeistes und die
Berufung des Menschen -- Christus, der Planetgeist der Erde -- Verschiedene Lebenswellen
XL Nichts kann uns trennen von der Liebe, die in ChristusJesus unserem Herrn ist
280
Die Erfüllung der göttlichen Naturwissenschaft -- Die atomare Stoffwechselprozedur --
Widersteht dem Bösen nicht -- Der Mensch hat den Prozeß der Unsterblichkeit in eigener Hand --
Die Gestaltung einer Welt -- Das Atom und die sieben Kräfte des vollkommenen Lebens -- Die
kommende Zerstörung unseres Lebensfeldes -- Die Heilsarbeit in einer bonafiden Geistesschule
XLI Die Wiederherstellung des vollkommenen Gleichgewichtes 287
Zwei wichtige Fragen -- Luzifer und die Elohim -- Die All-Ordnung des Universums ist
unantastbar -- Die Zwillingskräfte der Natur: Feuer und Kälte -- Die Notwendigkeit zu lernen,
das Feuer zu beherrschen -- Die Aufrechterhaltung der fundamentalen Gesetze der göttlichen
Ordnung
Worterklärung 293
Vorwort

Mensch, wer bist du? Woher kommst du? Wohin gehst du? Diese tiefsten Fragen stellt die
geheimnisvolle Sphinx seit Tagesanbruch des menschlichen Erscheinens im dialektischen**
Siehe Worterklärung, Seite 293 Daseinsfeld allen Reisenden auf dem endlosen Irrweg durch
die Wüste des irdischen Lebens. Die Beantwortung dieser Frage nach Bewußtsein,
Lebensausrichtung und Tat entscheidet über Leben und Tod.
Ohne wahrhaftige, lebendige Kenntnis aus dem unmittelbaren Erleben über den einen Quell allen
Seins und das eine wirkliche Ziel des Daseins ist die Menschheit stets wieder verdammt, in Blindheit,
Wahn und Täuschung, Finsternis, Leiden und Tod unterzugehen.
Um in der so schmerzvollen und drohenden Krisis, die das Ende des heutigen kosmischen Tages
begleitet, den Zahllosen, die verzweifelt nach einem Ausweg suchen, den Weg zur befreienden
Gotteserkenntnis zu zeigen, erhebt die Gnosis erneut ihre Stimme und läßt den Ruf vom Anbeginn
mit großer Kraft erklingen. Wieder verkündigt sie aus der lebendigen Gotteswirklichkeit die hohe
Abkunft und erhabene Berufung des Menschen und weist jenen, die noch Ohren haben, um zu hören,
den uralten Weg der Errettung, den sie auch in unserer Zeit für den Menschen erschlossen hat, der
guten Willens ist.
Wer in innerer Bewegtheit des Herzens über die selbsterschaffene Zerrüttung der Welt und
Menschheit in ihrem rettungslosen Untergang von innen her die entscheidende Notwendigkeit einer
unmittelbaren, fundamentalen Lebens- umkehr erkennt und sich dazu gerufen fühlt, wird in der
tiefen Weisheit der ägyptischen Urgnosis und dem Absoluten ihrer Forderung voller Freude und
Dankbarkeit das strahlende Licht des Weges zur Wahrheit und zum Leben erkennen.
Um solchen Menschen zu helfen, verrichtet die junge gnostische Bruderschaft ihre Arbeit in dieser
Welt; für sie ist diese Aufgabe bestimmt. Sie will diese Menschen befähigen, sich dem Geist des
gnostischen Schülertums so weit wie möglich zu nähern und etwas von der Gnade dieses Pfades wie
im Vorgeschmack zu erfahren.
Mögen viele, sehr viele den Ruf der Gnosis noch rechtzeitig verstehen und zu ihrem und der
ganzen Menschheit ewigem Heil positiv darauf reagieren!
J. VAN RIJCKENBORGH
I

Drittes Buch

Es ist das größte Übel der Menschen, daß sie Gott nicht kennen

1. Hermes: Wohin eilt ihr, o Menschen, die ihr benebelt seid, weil ihr betrunken
seid von dem Wort, das aller Gnosis bar ist, dem Wort der absoluten
Unwissenheit, das ihr nicht vertragen könnt und nun auch endlich ausspuckt?
2. Haltet ein und werdet nüchtern! Seht wieder mit den Augen eures Herzens!
Und wenn nicht alle es können, dann doch wenigstens jene, die dazu fähig sind.
Die Bosheit der Unwissenheit überflutet die ganze Erde, richtet die Seele
zugrunde, die im Körper eingeschlossen ist, und hindert sie, in die Häfen des
Heils einzulaufen.
3. Laßt euch also nicht mitreißen von der Gewalt des Stroms, sondern laßt jene
unter euch, die imstande sind, die Häfen des Heils zu erreichen, den Gegenstrom
nutzen und einlaufen.
4. Sucht Ihn, der euch an die Hand nehmen und zu den Pforten der Gnosis
geleiten wird, wo das helle Licht strahlt, in dem keine Dunkelheit ist, wo
niemand betrunken ist, sondern alle nüchtern sind und mit dem Herzen
aufsehen zu Ihm, der erkannt sein will.
5. Aber wißt: Weder seine Stimme kann vernommen noch sein Name
ausgesprochen werden, auch können stoffliche Augen Ihn nicht anschauen; nur
die Geist-Seele ist dazu imstande.
6. Daher müßt ihr zuerst das Kleid zerreißen, das ihr tragt: das Gewebe der
Unwissenheit, das Fundament der Bosheit, die Fessel des Verderbens, das
lichtlose Gefängnis, den lebenden Tod, die Leiche mit Sinnesorganen, das Grab,
das ihr mit euch herumtragt, den Ausbeuter, der in euch wohnt und euch seinen
Haß zeigt durch das, was er liebt und seinen Neid durch das, das er haßt.
7. Von solcher Art ist das feindliche Kleid, mit dem ihr euch umhüllt habt, das
euch zu sich herunterzieht, indem es euch am Atmen hindert, damit ihr nur nicht
wieder sehend werdet und nicht durch das Erblicken der Schönheit der Wahrheit
und des Guten, das darin beschlossen ist, seine Bosheit hassen und seine Ränke
und Tücken durchschauen sollt.
8. Denn eure Sinnesorgane werden unempfänglich, weil dieses Kleid sie mit
einem Überfluß an Materie verschließt und mit sündiger Wollust erfüllt, damit
ihr nicht hören könnt, was ihr so dringend hören müßtet und nicht sehen könnt,
was ihr so nötig sehen müßtet.
II

Viertes Buch: Hermes' Rede zur Ehre Gottes

1. Gott, Gottes Macht und die göttliche Natur sind die Herrlichkeit des Alls.
2. Gott ist der Beginn, die Ur-Idee, das Vermögen des Wachstums und die
Materie aller Geschöpfe, die Weisheit zur Offenbarung aller Dinge.
3. Gottes Macht ist Ursache, Geburt und Wachstum, wirksame Kraft, Schicksal,
Sterben und Erneuerung.
4. Im Abgrund war eine unendliche Finsternis und Wasser und der wirksam
werdende Atem der Schöpfung; das alles war durch Gottes Kraft im Chaos.
5. Dann wurde das heilige Licht frei, die Ur-Elemente trennten sich von der
feuchten Substanz, sie verdichteten sich, und alle Götter zusammen bewirkten
eine Trennung zwischen den Ansichten der keimreifen Natur.
6. Aus dem Unbestimmten und Ungeformten lösten die leichten Elemente sich,
trieben nach oben, während die schweren Elemente ihre Basis auf dem feuchten
Sand fanden; so wurde das All durch das Wirken des Feuers in seinen
zusammengesetzten Teilen getrennt und, durch den Atem der Schöpfung
geordnet, in fortdauernder Bewegung gehalten.
7. Das All offenbarte sich in sieben Kreisen, und die Götter zeigten sich in Gestalt
der Sterne mit all ihren Konstellationen. Die Natur wurde in allen ihren
Ansichten mit Hilfe der in ihr anwesenden Götter zu einer organischen Ordnung
geformt und der sie umringende Kreis, umgeben von einer astralen Wolke, in
seinem Kreislauf durch den göttlichen Atem fortbewegt.
8. Jeder Gott brachte aus eigener Kraft das hervor, was ihm aufgetragen war. So
entstanden vierfüßige, kriechende, im Wasser lebende und geflügelte Tiere und
alle keimtragenden Saaten und das Gras sowie das frische Wachstum alles
dessen, was blüht. Die Saat der Wiedergeburt lag in ihnen beschlossen.
9. Die Götter brachten ebenfalls die Geschlechter der Menschen ins Dasein, damit
sie Gottes Werke kennenlernen und von der Wirksamkeit der Natur zeugen,
10. an Zahl zunehmen und unbegrenzt herrschen sollten über alles, was unter
dem Himmel ist. Sie sollten die guten Dinge kennenlernen und auf diese Weise
gedeihen, während sie zunahmen und ihre Anzahl sich vermehrte.
11. Und die Götter brachten die Seelen hervor, die nach Schicksalsbestimmung
durch die Fügung der Götter innerhalb der Kreise in das Fleisch gesät wurden,
damit sie das Himmelsgewölbe, den Lauf der himmlischen Götter, die göttlichen
Werke und die Wirksamkeit der Natur genau wahrnehmen könnten
12. und das wahrhaft Gute und die göttliche Macht, die das Rad der
Schicksalsbestimmung in Bewegung hält, kennenlernen
13. und somit Gut und Böse unterscheiden lernen und sich die gesamte erhabene
Kunst des Vollbringens guter Werke zu eigen machen sollten.
14. Dieses ist für sie von Anfang an der Weg: Sie sammeln Lebenserfahrung und
erwerben Weisheit über ihre Schicksalsbestimmung aus dem Kreislauf der
Götter; schließlich werden sie befreit und hinterlassen auf Erden große
Denkmäler, die an die erhabenen Werke erinnern, die sie als Befreite
vollbrachten.
15. Und alles, was im Lauf der Zeiten des Glanzes beraubt wurde und
Dunkelheit verbreitet: das Entstehen des beseelten Fleisches und der
Nachkommen auf die Art der jungen Tiere, das gesamte menschliche Wirken,
und all das, was dahinwelkt, wird durch das Fatum, durch die Erneuerung der
Götter und den Kreislauf der Natur, wenn ihre Zeit erfüllt ist, wieder neu
werden.
16. Das Göttliche ist das zur Einheit zusammenfließende kosmische All, das
durch die Natur erneuert ist, denn auch die Natur ist in der Allmacht Gottes
verankert.
III

Wachet, denn ihr wißt weder Tag noch Stunde

Wieder erbitten wir die Aufmerksamkeit unserer Leser für die universelle, archaische Lehre,
von der die uns noch zur Verfügung stehenden Schriften des Hermes Trismegistos zeugen.
Zwei Bücher bildeten die Grundlage unserer vorangegangenen Besprechungen über die
Ägyptische Urgnosis. Mit einem dritten und vierten Buch setzen wir jetzt unsere Besinnung
fort.
Die Frage, ob die von uns ausgewählten Texte tatsächlich das dritte und vierte Buch der
ursprünglichen Schriften sind, braucht uns nicht zu kümmern. Zahlreich sind die Ausgaben der
hermetischen Schriften, die im Lauf der Jahrhunderte in vielen Sprachen erschienen sind, aber eine
authentische Reihenfolge ist nirgends zu entdecken. Die Forscher stimmen nur in der Erkenntnis
überein, daß es viele Hunderte, wenn nicht gar Tausende hermetische Schriften gegeben haben muß,
die jedoch im Lauf der Jahrhunderte fast alle verlorengegangen sind. Die wenigen uns verbliebenen
Bücher hat man nach eigener Einsicht auf verschiedene Art geordnet. Daher beschlossen wir, hierin
unserer eigenen Intuition zu folgen.

Wir stellen Ihnen zuerst eine kleine Schrift vor, die aus einer kurzen Ansprache des Hermes besteht:
Es ist das größte Übel der Menschen, daß sie Gott nicht kennen, um uns anschließend in Hermes' Rede zur
Ehre Gottes zu vertiefen.
Es ist möglich, daß Ihnen beim Lesen dieser Texte der Inhalt sehr bekannt vorkommt, weil Sie in
den Jahren Ihres Schülertums wiederholt den Themen, über die in diesen beiden hermetischen
Büchern gesprochen wird, gegenübergestellt wurden. Das sollte dann gewiß kein Anlaß für Sie sein,
sie gleichsam zur Seite zu legen. Sehen Sie es dann so: Obwohl Sie diese Themen vielleicht
verstandesmäßig bereits erfassen, kommen sie nun unter dem Drängen einer mächtigen Absicht als
ein erneuter Appell zu Ihnen, da die Zeit dafür angebrochen ist, die Zeit der Deklaration.
Der Beginn der Ansprache des Hermes ist nicht besonders schmeichelhaft:

Wohin eilt ihr, o Menschen, die ihr benebelt seid, weil ihr betrunken seid von dem Wort, das aller
Gnosis bar ist, dem Wort der absoluten Unwissenheit, das ihr nicht vertragen könnt und nun auch
endlich ausbrecht? Haltet ein und werdet nüchtern! Seht wieder mit den Augen eures Herzens!
Und wenn nicht alle es können, dann doch wenigstens jene, die dazu fähig sind. Die Bosheit der
Unwissenheit überflutet die ganze Erde, richtet die Seele zugrunde, die im Körper eingeschlossen
ist, und hindert sie, in die Häfen des Heils einzulaufen.

In der modernen Geistesschule wurde in den letzten Jahren ausführlich über das neue astrale Feld
gesprochen, über das neue gnostische Reich, das auf seine Aufgabe vorbereitet wurde. Alle, die als
Schüler der jungen gnostischen Bruderschaft angehören, sind dabei unmittelbar betroffen.
Und nun wird ihnen eine Warnung übertragen, gerade wegen dieses so exklusiven Zustandes, in
dem sie sich als Schüler befinden, eine Warnung universeller und archaischer Art, die von vor
Jahrtausenden her zu uns kommt. Die Weisheit, von der wir zeugen dürfen, ist mindestens 400000
Jahre alt. Diese Warnung ist für jede Gruppe bestimmt, die sich in einem gleichen Ausnahmezustand
befindet. Der Kern dieser Warnung ist, daß das Böse nicht zuläßt, nicht zulassen kann, daß der
Schüler die Häfen des Heils erreicht. Wenn Sie also wahrhaft danach streben, am innerlichen Leben
der Gnosis teilzuhaben, können Sie absolut davon überzeugt sein, daß um Sie gestritten wird. Wenn
Sie sich als Schüler wirklich durchsetzen, können Sie diesem Streit nicht entgehen.
In der Tat ist dieser Streit ein deutlicher Beweis dafür, daß der Kandidat in das ernsthafte
Anfangsstadium der neuen Bewußtwerdung eingetreten ist. Denken Sie in diesem Zusammenhang
auch einmal an die Versuchung unseres Herrn Jesus in der Wüste am Beginn seiner Arbeit.

Die Bosheit der Unwissenheit überflutet die ganze Erde.
Was hier die Bosheit genannt wird, ist das Lebenselixier der Dialektik, das Lebenselixier der
Widernatur, die gesamte Atmosphäre der Dialektik, in der alles Kreatürliche lebt.
Wir wollen uns jetzt nicht mit der Frage befassen, auf welche Weise dieses Lebenselixier der
Widernatur, dieser Todesatem, entstanden ist, wie die Bosheit der Unwissenheit geworden ist. Der
interessierte Leser kann sich hierüber ausreichend in unserer Literatur orientieren. Beschränken wir
uns jetzt auf die Tatsache, daß es die Bosheit der Widernatur, dieses Lebenselixier der Dialektik gibt.
Der naturgeborene Mensch ist gleichsam in eine Lebenssphäre gebettet, die für die Offenbarung
des Heils verhängnisvoll ist. Er atmet in der Lebenssphäre des Todes und ist kraft seiner Naturgeburt
völlig eins damit, so eins, daß diese Bindung vollständig genannt werden kann. Sie müssen also die
Themen, von denen wir jetzt sprechen, sehr persönlich auf sich beziehen, als eine sehr persönliche
Angelegenheit betrachten. Denken Sie dabei nicht an andere, sondern richten Sie Ihre
Aufmerksamkeit in erster Linie auf sich selbst.

Die Einheit des Menschen mit dem Elixier des Todes wird vor allem von der Art und dem Zustand
seines Blutes bestimmt. Darin offenbart sich die gesamte Vergangenheit des Mikrokosmos. Es
sprechen nicht nur alle Vorgänger in diesem Mikrokosmos ebenfalls in seinem Blut, sondern auch
Erblichkeits-faktoren spielen dabei eine Rolle, also die Vorgänger in den Mikrokosmos des Menschen.
Alle diese Stimmen sprechen im Blut. Alles, was die fast unabsehbare Reihe der Ahnen in den
mikrokosmischen Daseinszuständen getan oder unterlassen hat, beeinflußt spürbar den Blutszustand
des Menschen. Auf der Basis all dieser Faktoren zieht er Kräfte an, Äther und andere Einflüsse, die
das Blut nähren und damit wesenseins sind: Gleiches zieht Gleiches an.
Weiter müssen wir Sie auf die blutproduzierenden Organe des Körpers hinweisen, wie zum
Beispiel das Knochenmark. Die blutproduzierenden Organe sind aus Zellen aufgebaut und diese
wieder aus unzähligen Atomen. Und Sie wissen, daß jedes Atom eine kleine Welt in sich selbst ist.
Wenn Ihr Blutstrom also ein Fluß des Todes ist -- und das ist der Fall -- und wenn Ihr Blutstrom eins
ist mit der Widernatur -- und das ist ebenso der Fall -- dann ist der Kern all dieser Faktoren in Ihrem
ganzen Wesen, also nicht nur im Blut, sondern in Ihrem ganzen Wesen, «bis ins Mark», wie die Bibel
sagt, ja, bis in jede Faser, jede Zelle Ihres Körpers. An dieser unwiderlegbaren Tatsache kommt
niemand vorbei. Sie müssen sie also gebührend berücksichtigen.
Ihr Körper, Ihre Persönlichkeit ist eine Notordnungspersönlichkeit, die berufen ist, sich völlig dem
ursprünglichen Menschen zu weihen. Von diesem Menschen ist nur noch ein Überbleibsel in Ihrem
heutigen Mikrokosmos vorhanden, welches in der Philosophie des modernen Rosenkreuzes als das
Uratom oder das Christus-Atom oder als die Rose des Herzens bezeichnet wird.
Die Notordnungspersönlichkeit hat die Aufgabe, sich vollkommen dem ursprünglichen Wesen im
Mikrokosmos zu weihen, weil der Mensch nur transfiguriert, nur durch völliges Einswerden mit dem
ursprünglichen Wesen in ihm die Häfen des Heils erreichen kann. Um diesen göttlichen Auftrag
erfüllen zu können, besitzen Sie in Ihrem heutigen Persönlichkeitszustand zwei Organe, mit denen Sie
den Beginn und die Erfüllung dieser Heimfahrt sichern können: nämlich das Herzheiligtum und das
Hauptheiligtum.
Herz und Haupt haben beide einen eigenen Stoffwechselprozeß und unterscheiden sich darin sehr
von unserem übrigen Persönlichkeitszustand. Die Atomstrukturen des Herz- und Hauptheiligtums
sind anders als die der übrigen Organe. Von der Geburt der Persönlichkeit an werden die
Stoffwechselprozesse des Hauptes und des Herzens -- jedenfalls ihre wichtigen Teile -- wenn es nur
einigermaßen möglich ist, von den übrigen Instandhaltungsprozessen streng getrennt gehalten, um so
lange wie möglich Raum und Möglichkeit für die Berufung des naturgeborenen Menschen und die
Aufgabe, die damit verbunden ist, offen zu halten, nämlich: aufzugehen in dem ursprünglichen
Wesen, sich in Selbstübergabe vollkommen dem ursprünglichen, dem göttlichen Menschen im
Mikrokosmos hinzugeben.
Das siebenfache Herz ist dazu der Sitz, der Sitz der Isis, der Mutter des Lebens, der Ort, an dem
das Uratom behütet wird, die Stelle auch, wo das Siebenlicht, das Licht der sieben Strahlen, das Licht
des Heiligen Geistes, Eingang finden muß. Darum können Sie das Herz mit der Lichtpforte Bethlehem
vergleichen.
Das siebenfache Haupt wird in der chinesischen Gnosis «die Stadt aus Nephrit» genannt und im
Evangelium «Jerusalem». Und das Buch der Offenbarung weist nachdrücklich auf die Notwendigkeit
hin, daß aus diesem Jerusalem, dem neuen Jerusalem, die Stadt Gottes werden muß. In dieser Stadt
finden wir das himmlische Herz oder den purpurnen Saal oder den Thronsaal des Gottes im
Menschen. Aus dem Herzen der Isis, aus dem Herzen der Mutter des Lebens, muß dieser Gott erlöst
werden, um seinen Thron im purpurnen Saal einnehmen zu können.
Wenn Sie sich innerlich dessen bewußt geworden sind, was getan und was unterlassen werden
muß, um dieser göttlichen Berufung zu entsprechen, dann ist da der Widersacher, die Bosheit der
Unwissenheit. Die Bosheit der Unwissenheit, sagt Hermes, überflutet die ganze Erde. Und dieser
Widersacher strengt sich aufs Äußerste an, um Sie zu hindern, in diesen Hafen des Heils einzulaufen.
Es gibt also keine Veranlassung, sich mystisch zu sonnen. Sie müssen die Arbeit am eigenen Wesen
in klarer Besinnung und Einsicht fest anpacken und sich sehr anstrengen. Die gnostische
Heilsoffenbarung richtet sich an Ihr sehr persönliches Leben. Sie müssen daher, wenn Sie ihren Ruf
verstehen und darauf positiv reagieren wollen, an Ihrem persönlichen Leben ausharrend arbeiten,
solange es Tag ist. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch das Recht, für die Rettung anderer zu
wirken und zu sprechen:

Wohin eilt ihr, o Menschen, die ihr benebelt seid, weil ihr betrunken seid von dem Wort, das aller
Gnosis bar ist, dem Wort der absoluten Unwissenheit?

Trunkenheit, eine Benebelung der Sinne, ist eine Abnormität Ihres Bewußtseinszentrums. In einem
solchen Zustand konstanter Bewußtseinsbenebelung wird die gesamte Menschheit durch den
gewohnten Blutstrom gehalten, der im Rhythmus Ihres Herzschlages durch die Stadt aus Nephrit, das
Hauptheiligtum, gedrängt wird. Durch diese anhaltende Benebelung entsteht auf die Dauer eine
Degeneration, welche die vitalen Funktionen des Persönlichkeitssystems beschädigt und schließlich
vernichtet.
Solange der Notordnungskörper noch nicht in einen solchen Zustand der völligen fundamentalen
Degeneration gekommen ist, der jede Empfänglichkeit für das befreiende Licht endgültig ausschließt,
besteht die Möglichkeit, daß die durch den Blutstrom verursachte und instandgehaltene
Bewußtseinsbenebelung hin und wieder einmal weicht, zum Beispiel als Folge einer sehr starken
Lebenserfahrung, die dann wie ein Schock wirkt. Während einer solchen Zeitspanne können Haupt
und Herz ihrer Berufung nach gebraucht werden.
Darum sagt Hermes, daß Sie in dieser Situation, in diesen Augenblicken, das Wort der Unwissenheit
nicht mehr vertragen können, sondern es ausspucken. In diesem Zustand der Nüchternheit können Sie mit
den Augen des zweifachen Herzens, des Herzens der Isis und des Herzens Pymanders, deutlich
erkennen, was Sie tun müssen.
Die Lichtkraft der Gnosis, das Lebenselixier des Heils, dringt stets wieder in den Schüler ein und
wirkt in seinem System. Aber diese Lichtkraft wird immer durch die Bosheit der Unwissenheit
verdorben. Wenn Sie zum Beispiel einige Tage einer Konferenz in einem unserer gnostischen
Brennpunkte beigewohnt haben, werden Sie während dieser Zeit ganz mit Lichtkraft geladen. Diese
vibriert noch einige Zeit in Ihrem Blut, in Ihrem Wesen nach, aber schon bald, ganz einfach und ohne
daß Sie es wissen, werden Sie wieder von der Bosheit der Unwissenheit aufgesogen und an die
Erdscholle gefesselt. So geht die Lichtkraft stets durch diese Bosheit der Unwissenheit verloren. Und
es kann sein und wird geschehen, daß es Ihnen gerade in den Augenblicken, da es notwendig
gebraucht wird, an reinem Öl für Ihre Lebenslampen mangelt.
Es ist keineswegs Einbildung, sondern absolut sicher, daß es in den näherrückenden Zeiten in stets
zunehmendem Maß Momente in Ihrem Leben geben wird, in denen der Ruf erklingt: «Geht dem
Bräutigam entgegen!» Und dann muß sich zeigen, ob Sie mit dem Hochzeitskleid geschmückt sind.
Besinnen Sie sich in diesem Zusammenhang auf das Gleichnis von den klugen und den törichten
Jungfrauen. Die klugen Jungfrauen besaßen ausreichend Öl für die Lampen, während es den törichten
Jungfrauen in diesem psychologischen Moment mangelte.
Auch nun gilt für alle, die den Hochzeitssaal als willkommene Gäste betreten wollen: «Wachet,
denn ihr wißt weder Tag noch Stunde.»
IV

Die Fesseln des Blutes

Im Römerbrief, Kapitel 7, lesen wir:** Luthertestament 1984. «Wir wissen, daß das Gesetz
geistlich ist; ich bin aber fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich
tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. So ich aber das tue,
was ich nicht will, so gebe ich zu, daß das Gesetz gut sei. So tue nun nicht ich es, sondern die
Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes
wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das
ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue,
was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
So finde ich nun das Gesetz, daß mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhangt. Denn ich habe
Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen
Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der
Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem
todverfallenen Leib? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.»

Wir wollen nun ausführlich die Tatsache behandeln, daß alle, die nicht neuseelengeboren sind und die
Lichtkraft der Gnosis nicht vollkommen in das himmlische Herz -- das ist der offene Raum hinter dem
Stirnbein -- hinaufgezogen haben, ihrem ganzen Bewußtseinszustand und Lebenszustand nach in
einem anhaltenden Zustand der Benebelung, also der Trunkenheit leben.
Die narkotisierende Substanz, die das verursacht, nennt Hermes die Bosheit der Unwissenheit Diese
Bosheit der Unwissenheit überflutet die ganze Erde und verdirbt jede sich im Körper entwickelnde
neue Seelenverfassung. Die narkotisierende Substanz ist also atmosphärisch, und Sie haben sie im
Blut, ja sogar in jedem Atom Ihrer Persönlichkeit, mit Ausnahme der Organe des Herzens und des
Hauptes, jedenfalls einiger noch nicht völlig von der Todesnatur ergriffener Teile dieser Organe.
Die Bosheit der Unwissenheit will zwar auch Herz und Haupt vollkommen ihrer hohen
Bestimmung entreißen, indem es beide unterwirft. Wenn es jedoch noch gut mit Ihnen bestellt ist,
wenn Sie dank eines ernsthaften Schülertums den fatalen Punkt noch nicht passiert haben, kann das
Böse der Unwissenheit höchstens die vitalen Teile des Herzens und des Hauptes mehr oder weniger
benebeln, um so eine » wirklich positive Wirksamkeit dieser Organe in befreiendem Sinn zu
verhindern und zu neutralisieren. Der Mensch kommt dann in die Zwangslage, die Paulus so treffend
im Römerbrief 7 schildert: «Durch das Licht, das mich berührt, bin ich wohl auf das Licht gerichtet
und will ich das Gute wohl, aber die Kraft, die in meinen Gliedern, in meinem Blute auftritt,
beherrscht mich, und demzufolge tue ich das Böse.»
Selbstverständlich ruft die universelle Gnosis des Hermes nicht dem Menschen, der fundamental
und strukturell vollkommen von dieser Bosheit ergriffen ist, zu: «Werde nüchtern», denn der arme
Schlucker wird es nicht mehr können. Hermes ruft den Benebelten zu: Haltet ein, und werdet nüchtern!
Und wenn nicht alle es können, dann doch wenigstens jene, die dazu fähig sind.
Das muß sich jeder gesagt sein lassen, bevor sein Zustand der Benebelung in einen definitiven,
unwiederherstellbaren Zustand der Abnormität versinkt. Ihnen dürfte wohl klar sein, daß in der
großen Wendeperiode der Zeiten dieser Ruf gerade jetzt mit Nachdruck wiederholt werden muß:
Haltet ein, und werdet nüchtern! Seht wieder mit den Augen eures Herzens! Brecht das Wort der
Unwissenheit doch aus, mit dem ihr euch betrunken habt! Und wenn nicht alle es können, dann doch
wenigstens jene, die dazu fähig sind. Warten Sie dabei nicht aufeinander, kommen Sie zur spontanen
befreienden neuen Lebenstat!
Einige Schüler meinen vielleicht, daß dieses ein gutes Wort und eine prächtige Aufgabe für die
Menschen ist, die sich noch außerhalb der gnostischen Mysterienschule aufhalten. «Aber uns geht
dieses Wort nichts an», werden sie sagen, «denn wir reagieren ja auf den Ruf der Gnosis, wir haben
doch bereits teil an der Mysterienschule!»
Wäre es doch wahr, daß es Sie nichts anginge! Achten Sie jedoch darauf, daß Hermes sich mit
seinem Aufruf nicht an die Masse wendet, ebensowenig wie Paulus sich im Römerbrief an den
Menschen im allgemeinen richtet. Nein, sie wenden sich beide an eine auserwählte Schar. Und als
Hermes diese Gruppe anspricht, sagt er nachdrücklich: Wenn nicht alle, also als Gruppe, es können,
dann doch wenigstens jene, die dazu fähig sind.
Sich mit einem solchen Ruf an die Masse zu wenden, wäre völlig sinnlos. Man könnte es nicht
verstehen und würde außerdem böse werden. Stellen Sie sich einmal vor, daß Sie dem westlichen
Menschentyp, der sich so überlegen vorkommt, der gewöhnt ist, sich von Geburt an intellektuell und
mystisch zu schulen und ganz auf die Benutzung der Materie abgerichtet ist, der sich beinahe Tag und
Nacht auf sozialem, ökonomischem und politischem Gebiet fast fieberhaft beschäftigt, daß Sie diesem
Menschentyp sagen würden: «Sie sind benebelt, werden Sie nüchtern und bekehren Sie sich.» Im
Westen werden bei den vielfältigen mystischen Aktivitäten das Wort Gott und der Name Jesus
Christus jede Sekunde unzählige Male ausgesprochen. Einen solchen Ruf an die Masse zu richten,
hätte daher nicht den geringsten Sinn.
Jene aber, die ernsthaft versuchen, sich dem Griff der Todesnatur zu entziehen, sind gerade
dadurch der Gegenstand des konzentrierten Bemühens der Bosheit der Unwissenheit. Die anderen,
die ohne jede Kenntnis ihrer Benebelung mitten in der Natur stehen und sich willenlos von der
Gewalt des Stromes mitschleifen lassen, haben nichts zu verleugnen. Denn sie sind so wahr und so
echt, wie es nur sein kann, echt in der Natur und aus der Natur.
Wenn die Bosheit der Unwissenheit jedoch in Ihrem Blut wirkt und Sie sich ihr als gnostisch
ausgerichteter Mensch entziehen wollen, entwickeln Sie eine große Spannung. Diese Spannung
verursacht eine intensive Gefahr in Ihrem Leben. Wenn Sie sich dann in einer Zeit wie der unsrigen
nicht selbst radikal angreifen, sind und bleiben Sie sehr abnorm, abnormer als der
Durchschnittsmensch der Natur. Denn der Mensch der Natur geht, wie gesagt, völlig im Naturwahn
auf. Er ist damit völlig eins. Aber Sie gehen vielleicht auch im Naturwahn auf, während Sie glauben,
bereits ein Gnostiker zu sein. Darum wiederholen wir: Werden Sie nüchtern, ganz nüchtern, und
betrachten Sie sich selbst sehr genau.
Ihr Blut strömt durch das Herz- und Hauptheiligtum, es ist der Fluß des Todes, der alle vitalen
Teile des Herzens und der Stadt aus Nephrit benebelt und einkapselt, so daß Sie das Gute, das Sie
kraft der Berührung des Gnosislichtes tun wollen, eben nicht tun, ja sogar oft das Gegenteil verrichten
und so in die Praxis des Bösen eintreten. So verderben Sie Ihren Körper, und die Häfen des Heils
bleiben Ihnen fern, während das neue astrale Feld sich über das Gnostische Reich ausbreitet. So stehen
Sie unaufhörlich in der Bosheit der Unwissenheit; nicht bewußt, nicht absichtlich, nicht weil Sie
ausgesprochen schlecht sind, sondern Sie fallen unaufhörlich, Tag und Nacht, auf Ihren Blutstyp
zurück, und Ihr Blut narkotisiert Sie und benebelt Sie -- und das ist die große Schwierigkeit.

Sie leben kraft Ihrer Naturgeburt in einem feindlichen Land und stehen darum kraft Ihres Wesens in
der Selbstbehauptung. Überall ist Haß, Zwist, Zwietracht und zugespitzter Individualismus. Darauf
ist Ihr Blut abgestimmt, Ihr natürliches Bewußtsein muß sich dem anpassen.
Durch Ihren Blutstyp, den Typ, den Sie von Haus aus mitbekommen haben, kennen und besitzen
Sie bestimmte Normen. Sie finden dieses gut und jenes böse, das eine positiv, das andere negativ. Sie
haben bestimmte Normen für rechtes oder unrechtes Handeln, also eine gewisse Einsicht in viele
Dinge, und dementsprechend Ihre Sympathien und Antipathien.
Aber Ihre Normen hinsichtlich gut und böse, positiv und negativ, rechtem und unrechtem
Handeln, Ihre eigenen Normen also, unterscheiden sich von denen jedes anderen Menschen. Es ist
also eine Privat-Kultur. Daraus leben Sie und handeln Sie, und dadurch geraten Sie in Konflikt.
Und nun haben Sie die Schule gefunden und wollen des neuen Lebenszustandes, des Zustandes
der lebenden Seele teilhaftig werden. Sie wissen von dem ganz anderen Leben aus der Lehre des
Hermes, aus den gnostischen Lehren, aus dem Leben der Großen. Und das Licht der Gnosis, das Sie in
die Häfen des Heils leiten will, kommt zu Ihnen, dringt in Sie ein.
Aber Sie stehen im praktischen Leben. Und die Menschen sprechen mit Ihnen. Und Sie sehen sie
handeln, Sie sehen ihr Tun und Lassen, Sie sehen ihre Erscheinung, ja, ihre einfache Anwesenheit ruft
es bereits auf. Wenn Ihnen jemand nicht liegt, dann lodert das unheilige Feuer in Ihnen heftig auf. Das
Sprechen, das Handeln, das ganze Tun und Lassen, ja, allein schon die Anwesenheit des anderen
widerspricht Ihrem Blutstyp, ist völlig im Streit mit Ihrer Privat-Kultur, Ihrer privaten Blutskultur.
Und augenblicklich entsteht eine Bewußtseinsbenebelung in Ihnen. Ihr Blutstyp offenbart sich dann
mit ganzer Kraft. Durch die Antipathie, die der andere in Ihnen erregt, schäumt die Bosheit der
Unwissenheit in Ihrem Blut auf. Sie werden von ihr bis in Ihr tiefstes Wesen ergriffen. Infolgedessen
lehnen Sie sich auf, agieren Sie in Worten oder in Gedanken oder mit der Tat gegen diesen anderen
Menschen. Sie sind dann das Menschentier vom Anbeginn.
In dieser Benebelung, in diesem Zustand der Trunkenheit, können Sie nicht anders. Dann sind Sie
ein unvernünftiges Tier. Wenn Sie das noch nicht eingesehen haben, entdecken Sie es bald an den
Resultaten. Denn Sie erzeugen auf diese Weise unvermeidlich immer Disharmonie. Es entsteht
Unfriede in Ihnen und in Ihrer Umgebung. Und die Orkane des Blutes türmen manchmal die Wellen
hoch auf mit unheilvollen Folgen. In einem gewissen Augenblick verstehen Sie nichts mehr, und Sie
sagen, während Sie einen Dritten ansehen: «Wie kann er nur so reagieren, denn ich habe es doch so
gut gemeint!» Sie haben es gut gemeint, aber Ihrer eigenen Norm, Ihrer eigenen Blutskultur
entsprechend. Ihr Handeln entstand also in der Tat von innen. Eine solche Handlung gleicht der eines
Raubtieres. Ein Raubtier sitzt wedelnd und schnurrend über seiner Beute und schlägt ihm doch seine
scharfen Zähne in die Kehle.
So erleben Sie fortwährend Ihre Benebelung, Ihre Trunkenheit, durch die Bosheit der
Unwissenheit. Es ist ein Zustand reinen Irrsinns, übergroßer Dummheit, während dennoch -- und das
fügen wir im gleichen Atemzug hinzu -- die Signatur der Gotteskindschaft vielleicht auf Ihrem Antlitz
liegt. Mit der Gotteskindschaft, die in Ihnen strahlt, verleugnen Sie trotzdem das Licht. Dagegen nun
wettert Hermes Trismegistos mit steinharten Worten:

Daher müßt ihr zuerst das Kleid zerreißen, das ihr tragt: das Gewebe der Unwissenheit, das
Fundament eurer Bosheit.

Wenn Sie das nicht tun, hat Ihr Schülertum nicht den mindesten Sinn. Wenn Sie Ihren Blutstyp nicht
verändern, bleiben Sie der Mensch, der Sie bis heute gewesen sind:

Es ist die Fessel des Verderbens, das lichtlose Gefängnis, der lebende Tod, die Leiche mit
Sinnesorganen, das Grab, das ihr mit euch herumtragt, der Ausbeuter, der in euch wohnt und euch
seinen Haß zeigt durch das, was er liebt, und seinen Neid durch das, was er haßt.

Das müssen Sie vernichten! Erkennen Sie doch, so wünscht Hermes Trismegistos Ihnen, die
Fallstricke, die das Böse Ihnen legt:

Von solcher Art ist das Kleid, das feindliche Kleid, mit dem ihr euch umhüllt habt, dieses Kleid, das
euch zu sich herunterzieht, indem es euch am Atmen hindert, damit ihr nur nicht wieder sehend
werdet und nicht durch das Erblicken der Schönheit der Wahrheit und des Guten, das darin
beschlossen ist, seine Bosheit hassen und die Ränke und Tücken, die es euch aufgibt, durchschauen
sollt.

Das ist eine deutliche Sprache! Sie dürfen deshalb diese Worte nicht mißverstehen: So wie es einen
Gott in Ihnen, in Ihrem Mikrokosmos gibt, so gibt es auch das Böse in Ihnen. Durch das Böse in Ihnen,
das lebendig ist, verleugnen Sie den Gott in sich, der in Ihrem Mikrokosmos gefangen ist. Nehmen Sie
es an, auch wenn es nicht angenehm zu bedenken ist. Nehmen Sie es an, daß das Böse, das Sie
erfahren, nicht außerhalb von Ihnen ist, nicht von einem außerhalb stehenden Wesen zu Ihnen
kommt. Denken Sie nicht, daß ein anderer Ihnen ohne Ihre Mitwirkung etwas Böses antun kann. Das
Böse, das sich in Ihnen offenbart, und das Böse, das ein anderer Ihnen antut, halten völlig gleichen
Schritt mit den Kräften des Bösen, die in Ihnen existieren.
Das Böse ist in allen. Es gehört zur Persönlichkeit. Es kannSie regieren, und es wird Sie regieren,
und Sie finden darin leider Befriedigung, solange Sie aus Ihrer Blutskultur handeln. Wenn Sie sich
selbst nicht radikal, sehr radikal angreifen, bleiben Sie in dieser Situation, die Sie herunterzieht und
unten hält. Durch die Stadt aus Nephrit, durch das Hauptheiligtum muß der Strom des Lebens
fließen. Dann werden die sinnesorganischen Vermögen wieder für das Licht empfänglich. Die Materie
wird daraus entfernt, und die sündige Wollust verschwindet.
Hermes meint damit nicht die sexuelle Zügellosigkeit oder Entartung. Davon wird in dieser tief
ernsten Ansprache gar nichts erwähnt. Wollust hat zwei Bedeutungen: nämlich im Sinn von
Sinnengenuß und im Sinn von Seelengenuß.
Die sündige Wollust deutet hier besonders auf das Wohlbehagen und die Zufriedenheit mit dem
eigenen Handlungsund Gedankenleben, so wie es aus dem Blutstyp entspringt und der Mensch es mit
Freude behauptet. Wer sich dem eigenen Blutstyp und der eigenen Blutskultur gefangen gibt, ist auch
sinnesorganisch ganz gefangen und tut Böses in der Meinung, Gutes zu tun und findet darin
Befriedigung. Das ist die verhängnisvolle Trunkenheit der sündigen Wollust. Sie können Hermes
Trismegistos nicht vorwerfen, daß er es nicht deutlich sagt.
Wenn Sie nun einsehen, wie sehr die Bosheit der Unwissenheit dem naturgeborenen menschlichen
Zustand anhaftet und die Bewußtseinsbenebelung verursacht, die das gesamte dialektische Leben
kennzeichnet, dann werden Sie fragen: Wie kann ich diesem Zustand entrinnen?
V

Karma-Nemesis und der Weg der Erlösung

Wie können Sie dem Griff des eigenen Blutstyp und der dadurch verursachten
Bewußtseinsbenebelung entkommen? Die Antwort des Hermes lautet:

Laßt euch also nicht mitreißen von der Gewalt des Stroms, sondern laßt jene unter euch, die
imstande sind, die Häfen des Heils zu erreichen, den Gegenstrom nutzen und einlaufen. Sucht Ihn,
der euch an die Hand nehmen und zu den Pforten der Gnosis geleiten wird, wo das helle Licht
strahlt, in dem keine Dunkelheit ist, wo niemand betrunken ist, sondern alle nüchtern sind und mit
dem Herzen aufsehen zu Ihm, der erkannt sein will.
Aber wißt: weder seine Stimme kann vernommen noch sein Name ausgesprochen werden, auch
können stoffliche Augen Ihn nicht anschauen; nur die Geist-Seele ist dazu imstande. Daher
müßt ihr zuerst das Kleid zerreißen, das ihr tragt: das Gewebe der Unwissenheit, das
Fundament der Bosheit, die Fessel des Verderbens, das lichtlose Gefängnis.

Müssen Sie also einen Lehrer, einen Meister, einen Adepten suchen, der Sie als Schüler annehmen
will, wie es nach dem bekannten Rezept überall in dieser Natur üblich ist? Müssen Sie persönliche
Verbindungen eingehen? Müssen Sie jemanden suchen, dem Sie als Autorität folgen können?
Nein, es geht um Ihn, den Sie allein mit der Geist-Seele sehen können. Es geht um Ihn, dessen
Stimme nicht mit dem stofflichen Ohr vernommen werden kann, dessen Name mit den
Sprachorganen nicht ausgesprochen werden kann und den das organische Auge nicht erblicken kann.
Es geht um Ihn, der sich Ihnen nicht mit der einen oder anderen Spiegelsphärenmethode offenbaren
wird. Es geht um Ihn, der Pymander genannt wird oder alter ego, den Anderen, den Geist. Diesen
Führer, der auf der horizontalen Ebene unauffindbar ist, müssen Sie suchen. Er will Sie an die Hand
nehmen. Diesen Anderen können Sie nur mit der Geist-Seele erfahren und auf sehr besondere Art
sehen, nämlich aus der Einheit des Geistbewußtseins und des in der Gnosis gereinigten Herzens.
Wenn Sie das Herz für das Licht der Lichter öffnen, entfaltet sich die Rose des Herzens. Dann
werden Farbe und Duft der Rose Sie trösten. Und wenn Sie der Absicht und dem Wesen des Lichtes
folgen und Sie es so, quer durch alle Behinderungen, in Ihrem System in Umlauf bringen, und zwar in
entgegengesetzter Richtung zum benebelnden Blutstrom, dann können Sie auf die Art, die wir bereits
mit Ihnen besprachen, den Kern des Lichtes im himmlischen Herzen befestigen, in dem offenen Raum
hinter dem Stirnbein. Dann werden Sie diesen Obersaal, diesen purpurnen Saal in der Stadt aus
Nephrit, auf die rechte Weise zubereiten. Und der aus seinem Todesschlaf erwachte Pymander wird
seinen Thron im Obersaal einnehmen und das Heilige Abendmahl mit Ihnen feiern.
Eine Abendmahlsfeier hat in Wirklichkeit nur dann einen Sinn, wenn dieses Mahl im Obersaal
eingenommen werden kann. Pymander, dieser Gott in Ihnen, wird Sie danach zu den Pforten der
Gnosis geleiten, zu den Pforten des Goldenen Hauptes, wo das helle Licht strahlt, in dem keine
Dunkelheit ist; wo niemand betrunken ist, sondern alle völlig nüchtern sind.

Wenn Sie durch diese Pforte eintreten wollen, wenn Sie dieses Königreich in sich befreien wollen,
müssen Sie zuerst das Kleid der Unwissenheit, das Kleid der täglichen Verleugnung, zerreißen. Das
ist der Kernpunkt des ganzen Schülertums der modernen Geistesschule. Damit müssen Sie, wenn es
Ihnen ernst ist, täglich beschäftigt sein. Ihr eigener Blutstyp, Ihre eigene Blutskultur und dadurch Ihr
dialektischer Individualismus, aus dem Ihr Charakter und Ihr ganzes Tun und Lassen zu erklären
sind, muß von Ihnen vernichtet werden; so daß Sie sich täglich verändern.
Durch Ihr gewohntes tägliches Verhalten, durch Ihre Gewohnheitshandlungen, die aus Ihrem
Blutstyp zu erklären sind, verleugnen Sie den Gott in sich. Wir meinen hier kein absonderliches
Verhalten oder besonders böse, schlechte Dinge. Nein, wir meinen damit sehr nachdrücklich Ihre
gewöhnliche Lebensführung, wie sie aus Ihrem Charakter, Ihrem Wesen, Ihrem Blutstyp entsteht.
Diese Lebenshaltung ist die Kernkraft der Sünde, die Ursache des Scheußlichsten, sagt Hermes. Wenn
dann in der Schule auch über das Endura, über die Aufhebung des natürlichen Selbstes, über das
transfigurierende Aufgehen in dem Anderen gesprochen wird, dann ist das kein oberflächlicher,
deutlich erkennbarer Lehrsatz, also ein Mittel zum Zweck, sondern es hat einen äußerst tiefen Sinn,
der Ihr ganzes Blutswesen angreift. Das Böse der Verleugnung, das sich in Ihrem Blutstyp äußert,
können Sie nicht durch einen Willensakt von sich abschütteln: «Das werde ich nicht mehr tun.» Nein,
das erfordert ein intensives Ringen, denn Ihr Blutstyp ist völlig eins mit dem dialektischen
Universum.
Das Böse der Unwissenheit, das Böse der Verleugnung, ist atmosphärisch, also völlig eins mit dem
Wesen und der Gesetzmäßigkeit des dialektischen Universums. Wenn Sie lernen wollen, das gut
einzusehen, können Sie sich dafür bei dem vierten Buch aus der hermetischen Schatzkammer Rat
holen.

Der große Raum, so heißt es darin, der große Raum des siebten kosmischen Gebietes, den wir den
Garten der Götter nennen, war ehemals, vor dem Tagesanbruch der Offenbarung, eine unendliche
Dunkelheit im Sinn des Ungeschaffenen, des Chaos, oder, wie die Bibel es bezeichnet: der Abgrund.
In dieser Dunkelheit gab es nur das Wasser des Lebens, die kosmische Wurzelselbständigkeit,
Abraxas, das heißt: die Eigenschaften des Raumes. Als der Tag der Schöpfung angebrochen war, stieg
das heilige Licht aus der Dunkelheit empor, die Eigenschaften der kosmischen Wurzelselbständigkeit
wurden frei, und aus der Natur der Dunkelheit schieden sich diverse Naturkräfte ab, die Hermes als
Götter oder Rektoren bezeichnet. Im ganzen Feld des noch ungeformten Raumes wurden sieben
Kräfte, sieben Strahlungen erkennbar und sichtbar, die sieben Strahlen des Siebengeistes der
Alloffenbarung, durch den Gott, der Logos, mit seiner Schöpfung und seinen Ge-schöpfen verbunden
ist.
Selbstverständlich entwickelte sich unter dem Einfluß der Strahlen des Siebenlichtes die gesamte
Schöpfung in ihrer unbegrenzten Vielfältigkeit und Vielgestaltigkeit, ein überwältigendes Spiel von
Farben und Formen, während das All, vom Atem der Schöpfung geordnet, durch einen Kreislauf
göttlicher Geistradiationen in Bewegung gehalten wurde. Die Kräfte der Planeten, die Planetgeister in
ihren Systemen, erzeugten aus eigener Kraft, was ihnen aufgetragen war. Und so entwickelten sich
zum Beispiel auf unserem Planeten die verschiedenen Naturreiche.
In all diesem Erschaffenen, wie verschieden auch in der Form, lag die Saat der Wiedergeburt
beschlossen. Denn in dem sich überall entwickelnden Leben, getragen von den universellen
Geistradiationen, sollte aus diesem riesigen Garten der Götter alles in dem erwachen, aus dem es
einmal hervorgegangen war, nämlich dem universellen Geist selbst. Und so kamen aus dem
Geburtenschoß der Ewigkeit auch die Wesenheiten hervor, die ehemals im wahrsten Sinn des Wortes
Menschen genannt werden konnten. Das Wort «Mensch» ist abgeleitet von Manas. Und Manas
bedeutet Denker, Kenner der Wahrheit und der Weisheit Gottes, Kenner des gesamten Gottesplans.
Diesen Wesenheiten, diesen Menschen vom Anbeginn wurde aufgetragen, im weiten Universum
des siebten kosmischen Gebietes die göttlichen Gesetze zu erfüllen, die göttlichen Werke auszuführen
und die Kenntnis des Gottesplans umzusetzen in Wirklichkeit, mit Hilfe dessen, was die Schöpfung
der Naturgötter, der Rektoren, ihnen zur Verfügung stellte. Alles im Garten der Götter wurde den
Menschen zur Verfügung gestellt. Es wurde ihnen gegeben, sich durch Geistspaltung zu vermehren,
das heißt: als Gott aus Gott, als Geist aus Geist. So wurde das ganze Universum des siebten
kosmischen Gebietes von Herrlichkeit erfüllt.
Es gibt ein allgemein geltendes Naturgesetz, das alles im weiten Universum zusammenhält, das
die ganze Mannigfaltigkeit der Schöpfungen, Kräfte, Bewegtheiten und Wirkungen in ein Vermögen
zusammenfaßt. Dieses Naturgesetz kann man als eine Schlüsselkraft andeuten; es ist ein unsagbar
großes Vermögen. Diese Urkraft, dieses Basisgesetz der Schöpfung, wird in der Mythologie als
Nemesis bezeichnet, was bedeutet, daß diese Urkraft unveränderlich dieselbe ist und bleibt, daß sie
nicht angetastet werden kann. Darum wird Nemesis in der griechischen Gedankenwelt als die Göttin
der rächenden Gerechtigkeit bezeichnet, welche die Untugend bestraft und jeden Verstoß verfolgt.
Ein anderer Name für diese Urkraft ist Karma. Die Urkraft des Alls ist als Prinzip vollkommen und
unveränderlich. Daher wurde über Karma-Nemesis, wie sie genannt wird, in der Universellen Lehre
einmal gesagt: «Karma-Nemesis erschafft Völker und Sterbliche. Doch einmal erschaffen, sind sie es,
die Karma-Nemesis entweder zu einer Furie oder zu einem belohnenden Engel machen. Wahrlich
weise ist, wer Nemesis verehrt.»
Diese Urkraft der All-Natur stellt in ihrer unbeugsamen Unerschütterlichkeit als Logos der Natur
den großen Gottesplan absolut sicher. Der Geist Gottes strahlt einen Plan in den Abgrund aus. Durch
die Kraft des Geistes werden die Kräfte der Natur geweckt, das All gerät in Bewegung und
manifestiert sich. Und nun gibt es einen kontrollierenden Faktor: Nemesis, die den großen Gottesplan
absolut sichert. Es ist eine Kraft, die kein Verhandeln kennt, keine Weisheit, weder Gut noch Böse,
keine Positivität, keine Negativität, eine Kraft, die nur den Willen des Logos durchsetzt quer durch
alle abweichenden und entgegenwirkenden Einflüsse. Das ist, richtig betrachtet, überwältigend
herrlich. Gottes Plan hält ewig stand; er kann nicht verhindert werden, er wird sich erfüllen.
Aber welch eine große Gefahr liegt gleichzeitig darin beschlossen! Denn wenn der Mensch das
Gesetz der Nemesis übertritt, dann korrigiert sie ihn, dann tritt sie als die Rächerin auf, als das
Schicksal. Das ist der Name, unter dem Nemesis in der dialektischen Ordnung am besten bekannt ist:
als das Schicksal, das blinde Schicksal. Darum wird Nemesis auch als Göttin mit verbundenen Augen
dargestellt.
Nun verstehen Sie vielleicht, was sich in der grauen Vergangenheit ereignet hat. Ein Teil der
Menschheit hat die Weisheit des Geistes losgelassen und eigenwillig experimentiert. Sofort trat
Nemesis korrigierend auf: Gott kann die Werke seiner Hände nicht lassen. Das korrigierende
Naturgesetz trat auf. So wurde im weiten Universum das unheilige Feuer entflammt. Das Übertreten
des Gesetzes wurde vom Schicksalsfeuer beantwortet. In diesem Wirbel löste sich der Mensch vom
Geist. Danach war er nur noch dem Namen nach ein Mensch, ein Manas, ein Denker.
Da es ihm an Weisheit mangelte, diente er den unterschiedlichen Naturgöttern. Jede planetare
Gottheit, jede planetare Naturkraft unterscheidet sich jedoch von den anderen. Diese Naturkräfte
können nur ihren eigenen Schöpfungsauftrag erfüllen. Und da die Planetkräfte der Menschheit dienen
müssen, können Sie sich vorstellen, daß durch die Entartung der Menschheit auch die planetaren
Kräfteverhältnisse fortwährend aus ihrem Gleichgewicht gestoßen und daher vom Schicksal, von
Nemesis, korrigiert werden. So vergehen Welten durch Feuer, und Unheiligkeit ruft neue Unheiligkeit
und widernatürliche Kräfte auf. So lebt der Mensch in der Atmosphäre der Bosheit der Unwissenheit;
der Unwissenheit über den ursprünglichen menschlichen Zustand. Jeder Mikrokosmos besitzt also in
seinem aurischen Wesen noch eine unbezahlte Rechnung des Schicksals, der Nemesis. Diese
Rechnung muß er auf Heller und Pfennig bezahlen. Und wenn der Mensch diese Rechnung auf
seinem Schicksalsweg durch die Todesnatur begleicht, entstehen meistens gleich wieder neue
Schulden. Karma-Nemesis kennen Sie sehr gut!
Wie können Sie nun diesem Kreislauf der Verdammten entgehen? Nemesis hilft Ihnen nicht. Das
hat sie noch niemals getan, und sie kann es auch nicht. Sie berichtigt nur. Sie rächt sich. Aber sie rächt
sich ohne Haß.
Es gibt jedoch einen Weg der Erlösung. Die moderne Geistesschule ergreift jede Gelegenheit, um
darüber zu Ihnen zu sprechen. Aber sie predigt nicht, sie beabsichtigt nicht, erbauliche Worte zu
Ihnen zu sprechen und schenkt Ihnen keine Dogmen. Sondern sie hält Ihnen unaufhörlich vor, daß Sie
den Weg der Erlösung beginnen, wirklich gehen müssen, wenn Sie Ihrem Schicksal entgehen wollen.
Dann müssen Sie beginnen, das Kleid der Bosheit der Unwissenheit zu zerreißen, dann müssen Sie
Ihren Blutstyp vernichten, denn darin befindet sich der Kern.
Der universelle Pfad der Erlösung wird Ihnen wiederum gezeigt. Gehen Sie diesen Weg! Zerreißen
Sie zuerst das Kleid der täglichen Verleugnung, das Sie tragen. Dann schließen Sie Frieden mit
Nemesis, mit der Göttin der strafenden Gerechtigkeit.
VI

Die Verwirklichung des Gottesplans

Wiederum stellen wir Sie vor Nemesis, die Göttin der strafenden Gerechtigkeit, die Göttin, das
Naturgesetz, das in unserer Welt gewöhnlich das Schicksal genannt wird; die Göttin, bei der Sie noch
eine Rechnung zu begleichen haben. Ihre Mahnungen zur regelmäßigen Abzahlung erreichen Sie
fortwährend und wirken in Ihrem Blut, in Ihrem ganzen Leben als Schicksal, Drohung, Schmerz,
Elend, Schwächen, Krankheit und Tod. Sie hat kein sadistisches Vergnügen daran, Sie heimzusuchen,
denn Nemesis trägt eine Binde vor den Augen. Sie korrigiert unpersönlich, und sie wird es immer tun,
solange Sie nicht wieder den Pfad der wahren Menschlichkeit betreten haben.
Wenn Sie das alles bedenken, dann können Sie sich vorstellen, welch ein unsagbarer Schmerz
diesem Planeten auferlegt wird, welch ein Leid über die ganze Erde ausgebreitet ist, welch ein Leid
alle Naturreiche erfüllt. Ja, der ganze Planet, auf dem wir leben, leidet unerträgliche Schmerzen. Und
das Feuer der Nemesis wütet weiter.
Das ist nun der rechte Augenblick, Sie auf das außerordentliche Ziel der universellen Gnosis
hinzuweisen, inmitten all der anderen Richtungen, die Sie in dieser Welt kennen. Man fragt sich
gegenseitig in der Welt: «Was sind Sie? Zu welcher Religion gehören Sie? Welche Interessen haben
Sie? Welchen Zeitvertreib üben Sie aus? Lieben Sie Philosophie oder Okultismus?» So schwätzt man,
weil man besessen ist von der Bosheit der Unwissenheit, weil die Persönlichkeitssysteme und der
ganze Seinszustand der Menschen total kristallisiert sind, weil ihre Persönlichkeiten keinen Schimmer
von der Herrlichkeit des wahren, ursprünglichen Menschen mehr besitzen. Darum suchen sie
inmitten der heftigsten Schmerzen und Leiden der Menschheit höchstens Zeitvertreib; sie versuchen,
sich hinter diesem Zeitvertreib zu verstecken.
Sie müssen jedoch einsehen, daß es nur einen einzigen Weg, nur eine einzige Methode gibt, um die
Forderungen der Nemesis zu erfüllen, um mit ihr ins Reine zu kommen: den Weg, die Methode der
universellen Gnosis. Eine andere Lösung gibt es nicht. Die Gnosis fordert Sie nicht auf, nur an einem
Gottesdienst teilzunehmen und mit einem ernsten Gesicht im Tempel zu sitzen, nicht nur ein treues
Mitglied einer Gemeinschaft zu sein oder Gebete emporzusenden und Vorschriften und Übungen
auszuführen. Die Gnosis fordert nicht nur Ihr Interesse. Sie fordert Ihr ganzes Selbst. Alles oder nichts!
Man kann fragen: « Ist es denn überhaupt möglich, mit dem Urgesetz der All-Natur, mit Nemesis,
ins Reine zu kommen? Ist die allgemeine Degeneration nicht schon so weit fortgeschritten, daß eine
Wiederherstellung ausgeschlossen ist?»
Wäre das der Fall, dann wäre Ihr Lebenslauf, objektiv betrachtet, äußerst tragisch und dramatisch.
Wir sagen «objektiv betrachtet», denn Sie könnten das Dramatische, das Tragische dann nicht einmal
mehr empfinden. Sie würden das Leben dann so nehmen, wie es ist, wie so viele. Sie würden
mitmachen mit den anderen, den Gesetzen der Selbstbehauptung, dem Gesetz des «Auge um Auge,
Zahn um Zahn» entsprechend. Sie würden den Griff der Nemesis als eine Selbstverständlichkeit
betrachten und erfahren mit einem: «Ja, so ist das Leben nun einmal.»
Wenn es so mit Ihnen steht, dann hat die Gnosis Ihnen nichts mehr zu sagen. Dann wird die
Gnosis Ihnen niemals mehr etwas zu sagen haben. Dann können Sie Ihre Benebelung nicht mehr
abschütteln, dann können Sie nicht mehr nüchtern sein. Dann muß die Gnosis auf Ihren Tod warten,
auf die totale Auflösung Ihrer Persönlichkeit in Ihrem Mikrokosmos. Und wenn dann zu seiner Zeit
der Mikrokosmos wieder eine neue Persönlichkeit besitzt, wiederholt die Gnosis ihren Versuch, diese
neue Persönlichkeit zu erreichen. Aber wieviel Zeit muß verstreichen, ehe es soweit ist! Darum spricht
Hermes: Laßt dann doch wenigstens jene reagieren, die dazu noch imstande sind.

In einer gnostischen Geistesschule versammeln sich meistens die Menschen, die, wie es einmal
ausgedrückt wurde, «im Ego Schmerz leiden». Im Vorangegangenen mußten wir Ihnen Dinge sagen,
die bei Ihnen vielleicht Schmerz verursachen. Es ist aber trotzdem die Frage, ob wir Sie so verwundet
haben, daß Sie «bis ins Ego» Schmerz erleiden. Viele leiden unerträgliche Schmerzen, aber über allen
diesen Schmerzen lodert und flammt noch das Ego, das dialektische Ich, und versucht, auf die eine
oder andere Weise dem Unerträglichen zu entkommen. Wenn dann auch die Schule Wahrheiten
ausspricht, die dem Naturwesen Schmerz verursachen, weil sie dazu verpflichtet ist, ihre Schüler zur
befreienden Einsicht zu führen, dann kann es sein, daß einige dadurch bis ins Ich verhärtet werden
und versuchen, auf eine andere Weise, als es die Gnosis zeigt, dem Schmerz zu entkommen.
Wenn gesagt wird, daß viele «im Ego Schmerz» leiden, ist damit gemeint, daß sie bis an die
äußerste Grenze ihres dialektischen Seinszustandes, bis in alle Ansichten ihres Ichwesens, ihres
Bewußtseins, von Schmerz und Aussichtslosigkeit erfüllt sind. Das sind die Menschen, die den
dialektischen Lauf der Dinge als dermaßen tragisch, dramatisch und unmenschlich erfahren, daß sie
in Empörung geraten und einen Ausweg suchen. Vielleicht wissen sie noch nichts von der
korrigierenden Nemesis, aber intuitiv ist ihnen bewußt, daß die allgemeine Lebensrichtung völlig
falsch ist.
Da sie im Ego stets heftiger Schmerz erleiden, suchen sie nach dem Pfad. Wenn solche Menschen
den Pfad dann gefunden haben, gibt es kein Zögern mehr. Dann gehen sie direkt und absolut und
nehmen alle Konsequenzen an. Denn das Gehen des Pfades wird von ihnen als eine Lösung
empfunden, als die einzige Möglichkeit, als freudevolle Heimreise zum Vater.
Wenn es so mit Ihnen steht, dann gelten auch Ihnen die letzten Worte des vierten Buches:

Dieses ist für sie von Anfang an der Weg: Sie sammeln Lebenserfahrung und erwerben Weisheit
über ihre Schicksalsbestimmung aus dem Kreislauf der Götter; schließlich werden sie befreit und
hinterlassen auf Erden große Denkmäler, die an die erhabenen Werke erinnern, die sie als Befreite
vollbrachten. Und alles, was im Lauf der Zeiten des Glanzes beraubt wurde und Dunkelheit
verbreitet: das Entstehen des beseelten Fleisches und der Nachkommen auf die Art der jungen
Tiere, das gesamte menschliche Wirken und all das, was dahinwelkt** Verwelken ist ja das
Gegenteil von wachsen, dem Wachsen, das Gott dem Menschen gerade zur Aufgabe gestellt hat:
«Wachset, während ihr zunehmet.» (Siehe Teil I, Erstes Buch, Vers 47; und dieser Teil, Viertes Buch,
Vers 10)., wird durch das Fatum, durch die Erneuerung der Götter und den Kreislauf der Natur,
wenn ihre Zeit erfüllt ist, wieder neu werden. Das Göttliche ist das zur Einheit zusammenfließende
kosmische All, das durch die Natur erneuert ist; denn auch die Natur ist in der Allmacht Gottes
verankert.

Wir wollen versuchen, diese Worte zu analysieren, damit Sie nach all diesen ernsten Dingen und
bedrückenden Tatsachen, die wir Ihnen vorstellen mußten, einen positiven Halt und eine klare
Einsicht erhalten in den Weg, den die junge Gnosis mit ihren Schülern geht.
Sie müssen verstehen, daß es hier nicht um Lebenserfahrung und Weisheit im gewöhnlichen Sinn
des Wortes geht. Das Herzheiligtum und das Hauptheiligtum sind der Sitz eines sehr besonderen
Lebens; eines Lebens, das vielleicht noch in Ihnen schlummert, aber doch anwesend ist. Ihr
siebenfaches Herz -- als Mutter der Isis -- kann dieses Leben offenbaren, es leben und in dieses Leben
eintreten. Ihr himmlisches Herz im Hauptheiligtum, im purpurnen Saal in der Stadt aus Nephrit,
kann, nachdem Sie in das Leben eingetreten sind, an der Weisheit, der einen vollkommenen Weisheit
teilhaben.
Sie können mit dieser Bethlehem-Geburt und dieser Golgatha-Überwindung unmittelbar beginnen,
wenn Sie das Kleid der Unwissenheit, das Kleid der Verleugnung, Ihr Blutswesen, das Kleid Ihrer
Blutskultur, hinter dem Sie sich wie hinter Festungsmauern verbarrikadieren, jetzt unmittelbar
zerreißen. Ihr ganzer Charakter, Ihre ganze Art zu denken und zu handeln, Ihre stoffgeborene
Wesenheit, müssen völlig preisgegeben werden. Das ist das Fundament der Bosheit, die Fessel des
Verderbens, das lichtlose Gefängnis, der lebende Tod, die Leiche mit Sinnesorganen, das Grab, das Sie
mit sich herumtragen. All diese Folgen Ihrer Konflikte mit Nemesis und der Konflikte Ihrer
Vorgänger im Mikrokosmos müssen Sie sofort prinzipiell vernichten.
Denn der neue Morgen winkt. Das neue gnostische Reich ist Wirklichkeit geworden und offenbart
sich in einem stetig wachsenden, mächtigen Erleben. Wollen Sie daran teilhaben? Wollen Sie
dazugehören? Das können Sie nur, wenn Sie über eine völlig neue Wesenheit verfügen, wenn Sie die
Türen des Lebens, das noch in Ihnen schläft, weit geöffnet haben.
Darum haben wir das Besprochene so unverblümt vor Ihr Bewußtsein gestellt. Es geht darum, daß
Sie sich rechtzeitig auf die Hochzeit vorbereiten, die dann gefeiert wird, die Hochzeit mit dem Lamm,
die alchimische Hochzeit unseres Vaters, Bruder Christian Rosenkreuz. Öffnen Sie das siebenfache
Herz für das Licht der Gnosis. Versuchen Sie, innerhalb der kürzesten Zeit dieses Licht in sich in
Umlauf zu bringen durch fortwährende, ausgerichtete Aufmerksamkeit. Leben Sie auf neue Weise mit
all Ihren Mitmenschen zusammen. Wenn Sie so das Licht in Umlauf bringen, steigt der befreite
Pymander aus seinem Grab empor und nimmt seinen Thron im himmlischen Herzen ein. Von diesem
Augenblick an übernimmt der Geist, der Gott in Ihnen, die Führung Ihres Lebens.
Verstehen Sie vor allem, daß wir nicht predigen wollen, daß wir nicht beabsichtigen, Ihnen wieder
einmal eine andere Ansicht unserer Lehrsätze vorzuhalten. Es geht darum, daß Sie verstehen, daß die
Zeit der Erfüllung, die Erntezeit unserer Lebensperiode gekommen ist, und dieses Wissen muß
bewußt in Ihnen leben.
Wenn Sie den Weg der Gnosis gehen wollen, ist es doch klar, daß Sie die Harmonie zwischen sich
und Nemesis, zwischen sich und dem Urgesetz der Natur aus dem Garten der Götter wiederherstellen
müssen. Nur auf diese Weise können Sie die Kreisläufe der Götter, der Naturäonen zerbrechen, die Sie
gefangenhalten. Die Naturäonen bleiben, sie werden bis in Ewigkeit bestehen und ihre Aufgaben
erfüllen. Wenn Sie aber mit dem Urgesetz in Harmonie sind, werden alle Naturäonen, alle Kräfte, die
Sie umringen und beängstigen und die Sie gefangenhalten, Ihnen gegenüber von ihrer Verdorbenheit,
von dem großen Konflikt mit Ihnen ablassen.
Die Erneuerung der Zeiten findet nicht nur in bestimmten Perioden statt, veranlaßt von dem
Prozeß, den die sieben Strahlen mit der Welt durchführen, sondern die Erneuerung kann für den
einzelnen Menschen sofort, in jedem Augenblick eintreten, wenn er wirklich das eine Leben und die
eine Wahrheit suchen und finden kann und in Harmonie mit Nemesis lebt.

Die hermetische Philosophie schenkt Ihnen einen umfassenden Blick auf die Folgen, die auftreten,
wenn Sie und stets mehr Menschen mit Ihnen den Pfad der Befreiung und Wiederherstellung gehen.
Wenn Sie die Welt des lebenden Seelenzustandes betreten, haben Sie sich unmittelbar vom Rad der
Geburt und des Todes befreit. Die Seele ist dann nicht mehr gebunden an das Fleisch in der
dialektischen Natur. Und wenn viele sich so vom Rad der Geburt und des Todes losreißen, werden
die Geburten beseelten Fleisches, die natürliche geschlechtliche Instandhaltung und das gesamte
künstliche Wirken des Menschen, das damit zusammenhängt, verringert.
Die Erde als dunkler dialektischer Planet wird dann immer mehr entvölkert. Und da die Natur
stets versucht, die Bedürfnisse ihrer Kreaturen zu erfüllen, wird der Planet, sobald diese Periode
beginnt, sobald die Zahl des Kreislaufs der Natur erfüllt sein wird, in eine Periode der Ruhe eintreten,
eine Periode der Wiederherstellung, des Gleichgewichtes mit dem Logos. Alles Grobstoffliche wird
verschwinden, und alles Erzwungene, das Naturnotwendige, wird zu bestehen aufhören.
Wenn Sie den Pfad gehen, wenn Sie ihn mit anderen als Gruppe gemeinsam gehen, wird diese
Entwicklung beschleunigt. Dann werden die Naturäonen durch das Fatum erneuert, und die
Kreisläufe der Natur werden ihren Umlauf wieder beginnen, aber auf andere Weise. Nach der
Ruheperiode und dem Verschwinden des Alten wird unser Mutter-Planet erneuert erwachen. Dann
ist die ganze Erde wieder im Gleichgewicht mit dem Urgesetz, mit Nemesis, der Göttin der göttlichen
Gerechtigkeit.
Erst dann erfüllt sich für unseren dunklen Planeten und seine Bewohner der Gottesplan in seiner
wahren Art. Dann ist die Erde wieder die heilige Erde, ein göttlicher, vollkommener Arbeitsplatz, von
dem die Bibel sagt: «Die ganze Erde wird erfüllt werden von Gottes Herrlichkeit.»
Die Geburten und alle Werke Gottes auf Erden werden wiederhergestellt, das heißt in
vollkommenem Sinn. Kein beseeltes Fleisch in dialektischem Sinn, sondern lebende
Seelenwesenheiten werden die ganze Welt erblich besitzen, um diesen Arbeitsplatz zu nutzen und
ganz seiner Aufgabe zu weihen.
So wird alles, was im Lauf der Zeiten des Glanzes beraubt wurde und Dunkelheit verbreitet, alles,
was im Streit mit dem göttlichen Auftrag verwelkt, durch das Fatum, durch die Erneuerung der
Götter und durch den Kreislauf der Natur erneuert werden und im Gleichgewicht mit dem Logos
sein:

Das Göttliche ist das zur Einheit zusammenfließende kosmische All, das durch die Natur erneuert
ist, denn auch die Natur ist in der Allmacht Gottes verankert.
VII

Der Herzensschrei der universellen Gnosis

Aus dem Vorausgegangenen wird klar, warum «Freude herrscht über einen Sünder, der sich
bekehrt», wie die Bibel es ausdrückt. Wenn die gefallene Menschheit zu den alten Pfaden des
Heils zurückkehrt und wiederum das Leben und die Weisheit sucht, wenn sie das Leben und
die Weisheit findet, dann ist das Daseinsrecht der Dialektik aufgehoben. Diese Dialektik
wird dann auch, nach einer Periode der Ruhe und Wiederherstellung des Erd-Kosmos, total
verschwinden. Dann kann der gesamte Raum des siebten kosmischen Gebietes wieder in
vollem Umfang der Garten der Götter heißen. Dazu ist die Gnosis der Weg, die Wahrheit
und das Leben.
Erkennen Sie tief die unsagbare Bedeutung der Werte, mit denen Sie anhand der hermetischen
Philosophie konfrontiert werden. Der Weg der Gnosis bedeutet nicht nur Ihre Erlösung, sondern
gleichzeitig Menschheits- und Welterlösung. Achten Sie daher einmal darauf, was Paulus im
Römerbrief, Kapitel 8, sagt: « Mit sehnsuchtsvollem Verlangen wartet die Schöpfung auf das
Offenbarwerden der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist jetzt der Vergänglichkeit unterworfen, und
deshalb stöhnt und seufzt sie wie in Geburtswehen bis zu diesem Augenblick.»
Die ganze Schöpfung -- das ist ein Axiom -- ist vollkommen von Ihnen und uns abhängig. Wir alle,
jeder für sich und alle zusammen, haben kraft unseres Wesens das Schicksal der Welt und der
Menschheit in der Hand. Darum wagen wir es auch, vom neuen gnostischen Reich zu sprechen. Denn
wir sind nicht nur auf unsere eigene Erlösung gerichtet, sondern verstehen und erfahren auch, daß die
Gnosis für Welt und Menschheit da ist.
Daher müssen Sie auch die gewaltige Bedeutung der Gnosis und Ihr eigenes Verhältnis zu ihr tief
erfassen und verstehen, daß unser Ruf nicht beabsichtigt, Sie aufzufordern, auch mit uns zu gehen.
Unser Ruf überträgt Ihnen den Herzensschrei der gesamten Schöpfung, den Herzensschrei, aktiv
mitzuhelfen beim Offenbarwerden der Kinder Gottes. Es ist dann doch selbstverständlich, daß Sie bei
sich selbst beginnen, wenn der Ruf in Ihnen Widerhall findet. Denn wie könnten Sie einem
versunkenen Menschen helfen, wieder ein Kind Gottes zu werden, wenn Sie selbst noch im Schmutz
der Welt der Dialektik wühlen?

Wir wollen zum Schluß nochmals Ihre Aufmerksamkeit auf den 16. Vers des vierten hermetischen
Buches lenken. Dort heißt es: Das Göttliche offenbart sich, wenn das kosmische All, zur Einheit
zusammengeflossen, durch die Natur erneuert ist. Auf verschiedene Weise haben die Universelle
Lehre und die heiligen Schriften aller Zeiten von der besonderen Wirksamkeit des Zusammenfließens
zur Einheit gesprochen. Diese Wirksamkeit tritt von Zeit zu Zeit stark hervor. Sie vollzieht sich durch
eine Veränderung der Atmosphäre, das Erscheinen des Christuslichtes in der Atmosphäre: «Das
Erscheinen des Menschensohns in den Wolken des Himmels.»
Das neue astrale Feld, das sich über das neue gnostische Reich ausgebreitet hat, ist ein Vorbote der
kommenden Naturerneuerung, die sich in den Brüdern und Schwestern offenbart, die sich völlig auf
seine Vibrationen abstimmen. Dann wird diese neue Natur wieder in der Gottheit bestehen. Das neue
gnostische Reich ist ein Schatten der kommenden Herrlichkeit. In diesem Licht müssen wir dann auch
die Geschehnisse der vergangenen Jahre im Leben der modernen Geistesschule betrachten. Wir
denken hierbei zum Beispiel an den Bau und die Einweihung der neuen Kraftzentren der jungen
gnostischen Bruderschaft.
Mit Hilfe der universellen gnostischen Kette, die sich in dem neuen astralen Feld offenbart, können
Sie den großen Prozeß der Befreiung, der Umsetzung des Unheiligen, Sterblichen in das Unsterbliche,
Göttliche vollbringen und Ihre wahre Lebensberufung im Dienst für Gott, Welt und Menschheit
erfüllen. Als erstes ist dazu nötig, daß Sie das Kleid zerreißen, das Sie tragen, das Kleid der
Unwissenheit, das Gewand der Bosheit der Verleugnung. Wagen Sie es mit dem Licht der Gnosis, und
öffnen Sie die sieben Kammern des Herzens weit. Setzen Sie die Axt an Ihre Lebenshaltung, setzen Sie
die Axt an Ihren Blutstyp, und beginnen Sie damit sofort. Und wenn Sie damit bereits begonnen
haben, setzen Sie diese Arbeit dann mit neuer Kraft und neuer Anspannung fort, denn das entscheidet
Ihr ganzes Schülertum.
Stoßen Sie das Schwert in Ihr eigenes Wesen, um das Kleid der Unwissenheit, das Kleid der
Bosheit der Verleugnung zu zerreißen.
VIII

Fünftes Buch: Aus einer Rede des Hermes zu Tat

1. Ich gebe diese Erklärung, mein Sohn, in erster Linie aus Liebe für die
Menschen und in ehrerbietiger Hingabe an Gott. Denn es gibt keine
wahrhaftigere Frömmigkeit, als achtzugeben auf die wesentlichen Dinge und
Ihm, der dieses alles geschaffen hat, dafür zu danken, womit ich auch niemals
aufhören werde.
2. Aber wenn hier nichts wirklich und wahrhaftig ist, Vater, was muß ein Mensch
dann tun, um auf die rechte Art zu leben?
3. Führe ein Gott dienendes Leben, mein Sohn. Wer wirklich fromm ist, liebt die
Weisheit über alle Maßen; denn ohne Liebe zur Weisheit ist es unmöglich, die
höchste Gottesfurcht zu erreichen. Wer Einsicht in das Wesen des Alls erhalten
und verstehen gelernt hat, wie, durch wen und zu wessen Nutzen alles zu einer
Ordnung zusammengefügt wurde, wird dafür Gott, dem Welten-Baumeister,
Dank wissen, dem all-guten Vater, der ihn mit Wohltaten überhäuft und
getreulich bewahrt.
4. Und indem er seine Dankbarkeit bezeugt, ist er gottesfürchtig; und durch seine
Gottesfurcht weiß er auch, wodieWahrheit ist und wer sie ist; und dank dieser
Einsicht nimmt seine gottesfürchtige Hinwendung fortwährend zu.
5. Niemals, mein Sohn, kann die Seele, auch wenn sie im Körper ist, ins Gegenteil
abgleiten, wenn sie ihre Schuldenlast erleichtert hat, um das wahrhaftige Gute
und Wahre zu ergreifen.
6. Denn wenn die Seele Ihn kennengelernt hat, der sie ins Dasein rief, ist sie von
einer unermeßlichen Liebe erfüllt, vergißt alles Böse und kann vom Guten nicht
mehr getrennt werden.
7. Das, mein Sohn, muß das Ziel der Frömmigkeit sein. Wenn du zu diesem
Zustand zurückkehrst, auf die rechte Weise lebst und glückselig stirbst, wird
deine Seele sicher wis-sen, wohin sie ihren Flug richten muß.
8. Das, mein Sohn, ist der einzige Weg zur Wahrheit, den auch jene gegangen
sind, die uns vorangingen, und auf dem sie das Gute empfangen haben.
9. Erhaben und gebahnt ist dieser Weg, aber mühsam und schwer zu gehen für
die Seele, solange sie noch im Körper ist.
10. Denn zuerst muß sie gegen sich selbst kämpfen, eine große Trennung
vollziehen und einem Teil den Sieg über sich selbst lassen. Es entsteht nämlich
zwischen einem Teil und zwei anderen Teilen ein Konflikt: der erste Teil versucht
zu fliehen, während die beiden anderen die Seele herunterziehen. Die Folge ist
Kampf und eine große Kraftprobe zwischen dem Teil, der entfliehen will und den
beiden anderen Teilen, die sich bemühen, die Seele herunterzuziehen.
11. Es ist jedoch nicht gleich, ob die eine Partei siegt oder die anderen Parteien.
Denn der eine Teil strebt mit aller Anspannung zum Guten, während die anderen
in den Gebieten des Verderbens wohnen.
12. Der eine Teil sehnt sich nach der Freiheit; die anderen lieben die Sklaverei.
13. Wenn die beiden Parteien geschlagen sind, bleiben sie in sich selbst
eingeschlossen, wirkungslos und einsam, verlassen von dem, der dann herrscht.
Wenn aber der eine Teil überwunden ist, wird er von den beiden anderen als
Gefangener weggeführt und von allem beraubt, und er wird gestraft durch das
Leben, das er hier führt.
14. Sieh, mein Sohn, dieses ist der Führer auf dem Weg, der zur Freiheit führt: Du
mußt den Körper, bevor er stirbt, preisgeben und das Leben, das in den Kampf
hineingezogen ist, überwinden, und wenn du diesen Sieg davongetragen hast,
zur Höhe zurückkehren.
15. Und nun, mein Sohn, will ich in kurzen Kernsätzen die wesentlichen Dinge
zusammenfassen: Du wirst das, was ich sage, verstehen, wenn du dich daran
erinnerst, was du bereits gehört hast.
16. Alles, was wirklich ist, wird bewegt; nur das Nicht-Seiende ist unbeweglich.
17. Jeder Körper ist der Veränderung unterworfen; aber nicht alle Körper sind
auflösbar.
18. Nicht jedes Geschöpf ist sterblich; nicht jedes Geschöpf ist unsterblich.
19. Was auflösbar ist, ist vergänglich; das ständig Unveränderliche ist ewig.
20. Was stets wieder geboren wird, geht auch stets wieder zugrunde; was aber
ein für allemal geworden ist, wird niemals vernichtet und wird auch nichts
anderes.
21. Als erstes ist da Gott, als zweites der Kosmos, als drittes der Mensch.
22. Der Kosmos besteht um des Menschen willen, der Mensch um Gottes willen.
23. Der Teil der Seele, der durch die Sinnesorgane wahrnimmt, ist sterblich,
jedoch der Teil, der der Vernunft entspricht, ist unsterblich.
24. Jede geoffenbarte Wirklichkeit ist unsterblich; jede geoffenbarte Wirklichkeit
ist aber veränderlich.
25. Alles Seiende ist zweifach; nichts, was ist, steht still.
26. Nicht alle Dinge werden von einer Seele bewegt, aber es ist eine Seele, die das
ganze Sein bewegt.
27. Alles, was für Leiden empfänglich ist, sammelt Erfahrungen; alles, was
Erfahrungen sammelt, leidet.
28. Alles, was Schmerzen unterworfen ist, ist auch Freuden unterworfen, nämlich
das sterbliche Geschöpf; nicht alles, was Freude kennt, kennt auch Schmerz,
nämlich das unsterbliche Geschöpf.
29. Nicht jeder Körper ist Krankheit unterworfen; jeder Körper, der Krankheit
unterworfen ist, ist auch der Auflösung unterworfen.
30. Das Gemüt ist in Gott; die Vernunft ist im Menschen; die Vernunft ist im
Gemüt; das Gemüt ist unempfänglich für Leiden.
31. Nichts im sterblichen Körper ist wahr; im Unkörperlichen gibt es überhaupt
keine Lüge.
32. Alles, was ins Dasein kommt, ist veränderlich; nicht alles, was ins Dasein
kommt, ist vergänglich.
33. Es gibt nichts Gutes auf der Erde; es gibt nichts Böses im Himmel.
34. Gott ist gut; der Mensch ist böse.
35. Das Gute wirkt aus freiem Willen; das Böse wirkt in Unfreiheit.
36. Die Götter bestimmen gute Werke zu guten Zwecken.
37. Die gute Ordnung ist erhabene Gerechtigkeit; die gute Ordnung ist das
Gesetz.
38. Das göttliche Gesetz ist die Zeit; das menschliche Gesetz ist das Böse.
39. Die Zeit ist das Drehen der Welt; die Zeit ist der Vernichter des Menschen.
40. Alles, was im Himmel ist, ist unveränderlich; alles, was auf Erden ist, ist
veränderlich.
41. Im Himmel ist nichts unterworfen oder abhängig; auf Erden ist nichts frei.
42. Es gibt nichts, was der Himmel nicht kennt; es gibt auf der Erde keine
Kenntnis.
43. Das Irdische hat keinen Anteil am Himmlischen.
44. Alles im Himmel ist über Schmutz und Schmach erhaben; alles auf Erden ist
zu tadeln.
45. Das Göttliche ist nicht sterblich; was sterblich ist, ist nicht göttlich.
46. Was gesät wird, kommt nicht in jedem Fall zur Geburt; was geboren wird, ist
mit Sicherheit auch gesät.
47. Für den vergänglichen Körper gelten zwei Zeiträume: der von der
Empfängnis bis zur Geburt und der von der Geburt bis zum Tod. Für den
unvergänglichen Körper gilt nur eine Zeit, beginnend bei der Schöpfung.
48. Die auflösbaren Körper wachsen und nehmen ab.
49. Die vergängliche Materie dreht sich in den Gegensätzen: Werden und
Vernichtung. Die unvergängliche Materie vollzieht Veränderungen in sich selbst
oder geht auf in dem, was ihr ebenbürtig ist.
50. Die Geburt des Menschen ist der Beginn eines Sterbens; das Sterben des
Menschen ist der Beginn einer Geburt.
51. Was geboren wird, stirbt also auch; was stirbt, wird also auch geboren.
52. Von den wesentlichen Dingen sind einige in Körpern, einige in der Welt der
Ideen, einige in der Welt der Kräfte. Der Körper ist auch in der Welt der Ideen,
aber die Idee und die Kraft sind auch im Körper.
53. Was göttlich ist, hat keinen Teil an der Vergänglichkeit, und das Sterbliche hat
keinen Teil am Göttlichen.
54. Das Sterbliche kommt nicht in einen unsterblichen Körper; aber das
Unsterbliche hat am Sterblichen Anteil.
55. Die sich offenbarenden Kräfte Gottes richten sich nicht nach oben, sondern
nach unten.
56. Alles, was auf Erden geschieht, hat keinen einzigen Nutzen für die
Angelegenheiten des Himmels; aber die Angelegenheiten des Himmels sind von
höchster Bedeutung für das, was zum irdischen Leben gehört.
57. Der Himmel ist die Heimat, wo jene willkommen geheißen werden, die den
unvergänglichen Körper tragen. Die Erde ist der Wohnort der vergänglichen
Körper.
58. Das irdische Sein ist vernunftlos; der Himmel ist damit übereinstimmend die
göttliche Vernunft.
59. Die Harmonien der Höhen sind das Fundament des Himmels, die
Gesetzesanordnungen der Erde sind der Erde auferlegt.
60. Der Himmel ist das erste Element; die Erde das letzte Element.
61. Die Vorsehung ist die göttliche Ordnung; das Fatum ist die Dienerin der
Vorsehung.
62. Zufall ist eine blinde, ordnungslose Aufwallung, das Wahnbild einer Kraft,
betrügerischer Schein.
63. Was ist Gott? Das niemals abweichende, unveränderliche Gute. Was ist der
Mensch? Ein sich stets windendes Böses.
64. Wenn du nun diese Kernsätze im Gedächtnis behältst, wird es dir nicht
schwerfallen, dich an die Erklärungen zu erinnern, die ich dir bereits
ausführlicher gegeben habe, denn in diesen Kernsätzen sind sie
zusammengefaßt.
65. Vermeide ebenfalls Diskussionen mit der großen Masse; gewiß nicht, um ihr
deine Schätze vorzuenthalten, sondern weil die Masse dich lächerlich finden
wird. Denn Gleiches wird durch Gleiches angezogen; aber das Ungleiche wird
vom Ungleichen niemals geliebt. Die Worte, die ich gesprochen habe, ziehen nur
äußerst wenige Zuhörer an oder wahrscheinlich sogar nicht einmal diese. Diese
Worte haben außerdem die Besonderheit, daß sie die Bösen zu noch größerer
Bosheit reizen. Darum ist es nötig, sich vor der Masse in acht zu nehmen, weil sie
die befreiende Kraft und Herrlichkeit des Gesprochenen nicht versteht.
66. Wie meinst Du das, Vater?
67. So, mein Sohn: Das ganze tierische Leben der Menschen ist stark dem Bösen
zugewandt. Es kommt mit dem eingeborenen Bösen zur Welt und hat daher auch
Freude daran.
68. Wenn dieses tierische Wesen vernimmt, daß die Welt einmal geworden ist
und daß alles nach der Verfügung der Vorsehung und des Fatums geschieht,
denn das zugeteilte Schicksal** Karma-Nemesis. Siehe S. 41 ff. herrscht über alles,
wird das nicht viel schlimmer sein? Denn wenn dieses Wesen das All verachtet,
weil es einmal geworden ist und es die Ursachen des Bösen dem zugeteilten
Schicksal zuschreibt, wird es sich schließlich keiner einzigen bösen Tat mehr
enthalten.
69. Und darum mußt du ihretwegen wachsam sein, damit sie, im Zustand ihrer
Unwissenheit, aus Angst vor dem, was sie innerlich nicht erfassen können,
weniger böse sind.
IX

Das Urgesetz der gnostischen Mysterien

Wir behandeln nun das fünfte Buch des Hermes Trismegistos. Der Anfang ist, wie Sie gelesen haben
werden, ein Bekenntnis der wahrhaftigen Liebe zu Gott und zur ganzen Menschheit als Rezept für ein
wirklich befreiendes Leben. Hieraus ergibt sich unmittelbar, daß die bekannte evangelische
Erzählung, die mit dem Vorstehenden übereinstimmt, unverkennbar hermetisch ist.
Jesus wird gefragt: «Welches ist das erste und höchste Gebot?» Jesus antwortet: «Liebe Gott über
alles und deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist das ganze Gesetz und die Propheten.» Das ist der
Schlüssel zur Tür des befreienden Lebens. Es ist also ein hermetisches Axiom. Wir stellen Sie nun vor
dieses unabweisbare Axiom, damit Sie es untersuchen und sich selbst daran prüfen, denn darauf
kommt es an.

«Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst. » Erfüllen Sie dieses Urgesetz der
gnostischen Mysterien? Auf diese Frage antworten Sie wahrscheinlich mit einer Klage, die ebenso alt
ist wie die dialektische Welt selbst. Wir finden diese Klage im zweiten Vers unseres Textes:

Aber wenn hier nichts wirklich und wahrhaftig ist, Vater, was muß ein Mensch dann tun, um auf
die rechte Art zu leben?

Wie kann man sich in dieser Welt völlig nach dem klassischen Urgesetz richten? Wir brauchen Ihnen
die Art der dialektischen Weltordnung nicht zu schildern, weil es früher bereits oft geschah.
Außerdem wird die Menschheit heutzutage von so vielen dunklen Wolken umgeben, daß es
ausreicht, diese Klage anzudeuten. Sie kennen sie, weil sie völlig wesenseins mit Ihnen ist. Jeder kennt
diese Klage aus dem eigenen Erfahrungsleben.
Wenn ein Mensch sich entschließt, den Anweisungen des gnostischen Urgesetzes treu zu folgen,
entdeckt er sehr bald große Hemmnisse, die ihn daran hindern. Wenn Sie zum Beispiel an die Liebe
zum eigenen Ich denken, an die Eigenliebe, die immer in Ihnen vorherrscht; wenn Sie an den Haß, die
Folge jeder Selbstbehauptung denken, an die zahlreichen Unterschiede in den Lebensnormen, denen
Sie meistens mit großem Widerstand begegnen; wenn Sie an die zahllosen Richtungen in der Welt
denken, die Angst in Ihnen hervorrufen, dann ist es für Sie klar, daß vollkommene, spontan ausgeübte
Nächstenliebe auf unzählige Bedenken, auf fast unüberwindliche Hindernisse in Ihnen stoßen muß.
Was muß nun geschehen, um trotzdem ein Gleichgewicht mit dem gnostischen Urgesetz zu
erreichen und den Schlüssel zum befreienden Leben zu empfangen?
Wie Hermes sagt, müssen Sie, die in einer Welt der Erscheinungen leben, danach streben, zum
Hintergrund dieser Erscheinungen durchzudringen. Dann werden Sie erkennen. Dann können Sie
Ihre Nächsten verstehen und ihnen helfen. Sie müssen versuchen, zum Hintergrund der Dinge
vorzudringen, zu der Aufgabe, für die der Mensch berufen und erkoren ist. Sie müssen wissen, wie es
kam, daß der Mensch gefallen und verfallen ist bis zum heutigen Zustand und Lebensverhalten.
Wenn Sie diese Weisheit einmal besitzen, keine verstandesmäßige Kenntnis, sondern wirkliche
innerliche Weisheit aus erster Hand, also Weisheit als Eigenschaft, die das ganze Wesen durchströmt,
die Sie nicht verlieren und daher auch nicht loslassen können, dann lieben Sie Ihre Nächsten, nämlich
die ganze Menschheit, und Sie erkennen auch den Adel des eigenen tiefsten Selbstes.
Um zu dieser Weisheit, zu diesem Besitz durchzudringen, müssen Sie, so sagt Hermes, ein Gott
dienendes Leben führen, gottesfürchtig, fromm werden.

Wer wirklich fromm ist, liebt die Weisheit über alle Maßen; denn ohne Liebe zur Weisheit ist es
unmöglich, die höchste Gottesfurcht zu erreichen.

Sie müssen sich also zuerst fragen, was Frömmigkeit oder Gottesfurcht bedeutet als Weg, als Mittel,
als Methode, um zur Weisheit durchzudringen und sich zur Ur-Gnosis zu erheben.
Wahrscheinlich wird Ihnen die Antwort einfach vorkommen, und vielleicht werden Sie sagen: «Ich
weiß wohl, was Frömmigkeit ist. Ich weiß durchaus, was Gottesfurcht bedeutet.» Sie sind dann
geneigt, sofort weiterzugehen und sich in die folgenden Ansichten der hermetischen Philosophie zu
vertiefen.
Aber wissen Sie wirklich, was ein gottesfürchtiges und frommes Leben ist? Wenn Sie es so gut
wissen, und wenn Sie ein solches Leben führen, dürfen wir Sie dann nach den Resultaten fragen?
Denn die Resultate müßten Sie unveränderlich, so bestätigt Hermes, mitten in die absolute Weisheit
des Merkur-Bewußtseins stellen. Gottesfurcht und Frömmigkeit bilden doch den Schlüssel zur
Weisheit.
Denken Sie nicht vielmehr, wenn Sie über gottesfürchtiges und frommes Leben sprechen, an das,
was man gewöhnlich unter einem religiösen Leben versteht? Die Mystiker haben die Menschheit
jahrhundertelang unter ihren Herzensergüssen über die Frömmigkeit und die Gottesfurcht begraben.
Man verbindet diese Tugenden mit einem Einsiedler-Leben in einer Zelle und vielen
Selbstkasteiungen und anderen Quälereien, oder, im allgemeinen, mit dem Leben religiöser
Menschen, die sehr getreu und gewissenhaft ihre religiösen Pflichten erfüllen.
Millionen solcher Menschen gibt es in der Menschheit. Das war immer so. Aber: Wo blieb die
Weisheit, die befreiende Weisheit, die aus einem frommen und gottesfürchtigen Leben entstehen
sollte?
Wer Einsicht in das Wesen des Alls erhalten und verstehen gelernt hat, wie, durch wen und zu
wessen Nutzen alles zu einer Ordnung zusammengefügt wurde, wird dafür Gott, dem Welten-
Baumeister, Dank wissen, dem all-guten Vater, der ihn mit Wohltaten überhäuft und getreulich
bewahrt. Und indem er seine Dankbarkeit bezeugt, ist er gottesfürchtig; und durch seine Gottesfurcht
weiß er auch, wo die Wahrheit ist und wer sie ist; und dank dieser Einsicht nimmt seine
gottesfürchtige Hingebung fortwährend zu.

Fast alle Schüler der jungen Gnosis besitzen den Ernst, den ein seriöses Schülertum erfordert. Wenn
die Leitung der Schule erkennt, daß dieses bei einem Schüler nicht der Fall ist, muß der Betreffende
die Schule verlassen. Das ernsthafte Schülertum, das gewöhnliche ernsthafte Schülertum der Schüler
der jungen Gnosis und ein religiöses Leben in einer Kirche oder Sekte haben, wenn es darauf
ankommt, denselben Wert: Es ist höchstens eine Basis für den ersten Beginn. Es ist der erste Stein.
Bedauerlich ist jedoch, daß viele auf diesem ersten Stein stehenbleiben in der völlig falschen Meinung,
eine bestimmte Religiosität oder ein äußerst ernsthaftes Schülertum ohne weiteres sei bestimmend für
das befreiende Leben, für die Weisheit.
Wer sich an eine bestimmte religiöse Form oder einen bestimmten religiösen Ausdruck klammert
oder sich mit einem gewöhnlichen ernsthaften Schülertum ohne mehr verbindet, kristallisiert
unwiderruflich. Dadurch wird es für das Licht stets schwieriger, sich einem solchen Menschen zu
nähern, dann wird er für das befreiende Licht stets unerreichbarer. In dem ernsthaften Schülertum
ohne mehr, dem Schülertum, wie es oft aufgefaßt wird, steckt daher eine große Gefahr.
Sobald der erste Stein gelegt ist, muß mit dem Bauwerk begonnen werden. Dann muß der Bau sich
im Raum erheben. Dann muß etwas verwirklicht werden, was vorher noch nicht da war. Und wenn es
verwirklicht ist, muß es gebraucht werden.
Darum sind Religiosität und fromme Bräuche etwas ganz anderes als Frömmigkeit und
Gottesfurcht. Beachten Sie einmal das Wort «fromm». Es hat zwei Bedeutungen: Erstens ist fromm,
Frömmigkeit, unmittelbar mit Gottesfurcht verbunden, mit einem gottesfürchtigen Leben; und
zweitens gebrauchte man es früher vor allem im Sinn von Tapferkeit. Ein frommer Mensch war ein
tapferer, ein sehr mutiger Mensch.
Das fünfte Buch des Hermes ist, wie Sie gesehen haben, Teil eines Zwiegespräches zwischen
Hermes und Tat oder Tatius. Die Bezeichnung Tat oder Tatius lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf
Königtum, auf eine Berufung zum Königtum, zur höheren, wahren Menschwerdung. Und nun wird
zu Tat gesagt, daß der Schlüssel zur wahren Menschwerdung in der Frömmigkeit liegt, das heißt: in
der Tapferkeit, im Mut, sich durchzusetzen bei der Eroberung der Gottesfurcht.
Das ist das Geheimnis des gnostischen Schülertums: der Besitz der Tapferkeit, des Mutes, sich trotz
aller Behinderungen, quer durch alle entgegenwirkenden Faktoren durchzusetzen, ungeachtet dessen,
was die anderen auch sagen und welche Situationen und Schwierigkeiten um Sie herum entstehen
mögen. Wenn Sie diesen Mut nicht aufbringen können, wenn Sie dieses Durchsetzungsvermögen
nicht besitzen, wenn Sie nicht auf diese Art durchbrechen wollen, werden Sie niemals Weisheit,
niemals Menschenliebe im Sinn des Urgesetzes der Gnosis erlangen.
«Liebe Gott über alles» heißt: Setzen Sie durch, quer durch alles hin, auch wenn es Ihnen im
bürgerlichen Sinn einmal nicht paßt. Dann wird die Weisheit in Sie fahren, die Weisheit, die Gottes ist.
Wenn Sie diesen Mut der Überzeugung konsequent beweisen, haben Sie die Pforte durchschritten.
Wenn Sie es wirklich mit der mächtigen Lichtkraft der Gnosis wagen, in absoluter Aufrichtigkeit und
alle Schwierigkeiten, alle Hindernisse zur Seite schieben, sie nicht annehmen, sie nicht anerkennen,
haben Sie die Pforte durchschritten. Dann wird die Weisheit, die Gottes ist, in Sie fahren. Und diese
Weisheit ist immer eins mit der Liebe, die auch für alle und in allen ist. Denken Sie nur einmal an die
beiden ersten Ströme des universellen Siebenlichtes. Der Strom, der unmittelbar auf den der
Offenbarung der göttlichen Fülle folgt, ist die universelle Liebe.

Wenn Sie das nun verstanden haben, dann wissen Sie, daß Sie den Schlüssel zu allem Guten hiermit
empfangen haben. Die Gnosis nähert sich Ihnen und überbringt Ihnen den Schlüssel zum Geheimnis
des befreienden Lebens. Wenn Sie es gut verstanden haben, dann wissen Sie auch, daß nichts auf dem
Pfad Sie aufhalten kann, sobald Sie nur unveränderlich und konsequent die Gottesfurcht ausüben.
Aber wenn Sie diesen Schlüssel nicht gebrauchen wollen, werden Sie nichts, nichts erreichen;
höchstens ein bürgerliches, braves Schülertum als Herr oder Frau Soundso. Dann ist Ihr Schülertum
nur eine Art Möblierung und eine Tarnung Ihres kleinen, schrecklichen, elenden, dialektischen
Daseins.
Diese Probleme, falls Sie es so nennen wollen, sind sehr alt. Lesen Sie zum Beispiel einmal den
Jakobusbrief, in dem der Nachdruck auf die Tat gelegt wird, also auf das Element Ihres Schülertums,
welches Sie befähigt, durchzubrechen und zu erreichen.
Irren Sie sich nun aber nicht wieder! Viele meinen, nicht nur religiös, sondern auch gottesfürchtig
zu sein. Sie können wahrscheinlich zu uns sagen: «Haben wir uns in den hinter uns liegenden Jahren
nicht durchaus bewiesen? Sind wir nicht treu bis ins Kleinste? Haben wir nicht Geld, Gut, Zeit,
Gesundheit und unsere Arbeitskraft zur Verfügung gestellt?» Dann müssen wir antworten: «Aber,
liebe Freunde, wie prächtig und herrlich das auch ist, haben Sie niemals einen Kompromiß gesucht?
Haben Sie niemals bewußt notwendige Dinge auf später verschoben? Haben Sie niemals, wenn Sie
innerlich empfanden: «Da muß ich dabei sein», aus bürgerlichen Motiven die innere Stimme
unbeantwortet gelassen?»
Die Gnosis verlangt Ihr ganzes Selbst. Die Gnosis rechnet nicht mit bürgerlichen Verhältnissen. Sie
kann es nicht und will es auch nicht. Und könnte es nicht so sein, daß gerade in dem Augenblick, als
Sie unterließen, was von Ihnen verlangt wurde, sich die Gottesfurcht in Ihnen beweisen wollte?
Darum werden diese Dinge in der Bibel immer außergewöhnlich hart ausgesprochen. Jesus sagt in
diesem Zusammenhang zu seinen Jüngern:
«Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter
mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer sein Kreuz nicht aufnimmt und mir nachfolgt,
ist meiner nicht wert. Wer sein Leben sucht, wird es verlieren; wer aber sein Leben hingibt um
meinetwillen, der wird es behalten.»
Und wünschen Sie Zitate aus der Weltliteratur, dann denken Sie nur an das bekannte Ibsen-
Prinzip: alles oder nichts. Haben Sie den Mut, dem zu entsprechen? Dazu ist Mut nötig, großer Mut,
der Mut der Frömmigkeit, nicht der Frömmelei; keine bürgerlichen Ausflüchte. Das ist es, was die
Gnosis von Ihnen verlangt. Das ist die Art des Dialoges zwischen Hermes und Tat. Tat war ein
Sucher, und Hermes hielt ihn nicht mit mystischen Redensarten auf. Hermes setzt das Schwert seines
Mundes genau auf den schwachen Punkt des suchenden Menschen: Das Herz muß geöffnet werden
für das gnostische Licht. Auch die moderne Geistesschule der jungen Gnosis wird nicht müde, ihre
Schüler auf diesen Punkt hinzuweisen.
Das kann nur geschehen in Frömmigkeit, in der wahren Frömmigkeit, die wir soeben beschrieben.
Nur so können Sie das Herz für die Radiationen des Siebengeistes öffnen. Das fünfte Buch des Hermes
Trismegistos beginnt damit, darauf hinzuweisen. Nur auf diese Weise, durch ein wirklich Gott
dienendes Leben können Sie Nemesis versöhnen. Lehnen Sie eine solche Lebenshaltung ab, dann
verfolgt das Schicksal Sie weiter trotz Ihres sogenannten seriösen Schülertums. Dann fallen Sie von
einer dialektischen Schwierigkeit in die andere. Kaum haben Sie eine überwunden, haben Sie sich von
einem Schlag in Ihrem Leben erholt, schon beginnt am folgenden Tag ein neues Elend in anderer
Gestalt. So geht es in der dialektischen Natur.
Wenn Sie aber Ihr Herz in wahrhaftiger Frömmigkeit für das Licht der Gnosis öffnen, dann dringt
das Licht nach innen und erheben Sie sich in der Weisheit. Ohne Weisheit aber kann die Erhabenheit
der Gottesfurcht nicht erwogen werden.
Wollen Sie wirklich ein Schüler der gnostischen Geistesschule sein, schreiten Sie dann über die
Grenze in den Kreis der Ewigkeit. Wenn Sie die Grenze passiert haben, stehen Sie erst wirklich «auf
dem Teppich». Dann erst können Sie sich mit dem Dreieck und dem Viereck verbinden, mit dem
Heiligen Siebengeist.
X

Die Nachfolge Christi

Wer ein tatwirkliches Schülertum lebt und so die wahre Gottesfurcht ausübt, wer den Siebengeist so
in das Herzheiligtum einläßt und daraus mit dem Mut der Frömmigkeit die Konsequenzen zieht,
nimmt in der großen Veränderung der Seelengeburt täglich an Gnade und Weisheit zu, so stellten wir
fest.
Wenn die Geistesschule bestimmte Lehrsätze öfter wiederholt, besteht bei den Schülern immer die
Gefahr einer gewissen Gewohnheitsbildung. Die Lehrsätze werden dann nachgesprochen; natürlich
mit Ehrerbietung und Aufrichtigkeit. Aber in diesem Seinszustand werden sie dann höchstens religiös
erfahren und erlebt. Religiosität in dialektischem Sinn ist niemals befreiend.
Eine solche Religiosität ist, wie wir besprachen, höchstens ein Anfang, das Legen des ersten Steins.
Sie verursacht immer eine zeiträumliche Trennung: eine Trennung zwischen dem religiösen
Menschen und dem Logos, zwischen dem religiösen Menschen und dem Ziel, zwischen Zeit und
Ewigkeit, zwischen dem Jetzt und dem Nachher, zwischen Tod und Leben, zwischen hier und dort.
Die wahre Gottesfurcht aber hebt sofort jegliche Trennung völlig auf. Wenn Sie diese Gottesfurcht
üben, wenn Sie Ihr Schülertum durchsetzen, dann arbeiten Sie unmittelbar an derBefreiung des Gottes
in Ihnen. Sie ziehen das Ziel dann unmittelbar in Ihre Gegenwart. Die Ewigkeit des unvergänglichen,
lebenden Seelenzustandes steigt herab in die Zeit. Das «Später» der Befreiung wird unverzüglich zum
Jetzt. Der Tod der Ich-Natur wird sofort zum Leben des Seelenmenschen. Das Hier der Dialektik wird
dann existentiell zur Transfiguration im lebenden Seelenzustand. So wird Ihr tägliches Sterben zur
täglichen Auferstehung, zum wirklichen Ostergeschehen.
Ein frommer, gottesfürchtiger Mensch im Sinn der Gnosis ist also etwas ganz anderes als ein
religiöser Mensch. Ein religiöser Mensch erkennt eine Gottheit auf die eine oder andere Weise und
nimmt sie an, ebenso wie ein Staatsbürger eine Regierung anerkennt und annimmt. Er erweist seinem
Gott eine gewisse Verehrung, eine entsprechende Dankbarkeit, er erfüllt ihm gegenüber seine Pflicht,
im übrigen bleibt er jedoch ein an die Erde Gebundener. Er feiert seine kirchlichen Feiertage, er kennt
seine religiösen Feste und Gedenktage, er gedenkt des Herrn Jesus sowie seines Sterbens und seiner
Auferstehung, aber es kommt ihm nicht in den Sinn, daß er Ihm in seinem Sterben nachfolgen muß
und an seiner Auferstehung Anteil haben kann, ja haben muß. Aber gerade damit steht und fällt das
wirkliche gnostische Schülertum.
Die hermetische Philosophie versucht, Sie tief von der Tatsache zu durchdringen, daß Sie durch
Gottesfurcht, den Mut der Frömmigkeit, Ihr eigenes Heil, Ihre eigene Seligkeit selbst in der Hand
haben. Wer das versteht und wirklich durchlebtund anwendet, der wird sprachlos vor Dankbarkeit
gegenüber dem göttlichen Baumeister. Das ist das ursprüngliche Prinzip der wahrhaften Selbst-
Freimaurerei. Jeder ist in der Lage, auf dem einen Eckstein das unvergängliche Bauwerk des eigenen
Heils zu mauern. Jedem Menschen, ganz gleich unter welchen Umständen, ist es gegeben, den
Rückweg zu finden. Ausnahmslos alle können es.
Aber das theoretische Feststellen dieser Möglichkeit enthält nichts Befreiendes, ist also nutzlos. Sie
müssen die Theorie in die Praxis umsetzen. Sie müssen die Ihnen geschenkten Möglichkeiten zum
Leben drängen, und zwar mit dem Mut der Frömmigkeit. Hören Sie nun, nachdem dieses alles gesagt
wurde, damit auf, sich gegenseitig Ihre Not zu klagen und zu sagen, daß es so schwierig und so
kompliziert ist. Denn es ist überhaupt nicht schwierig und tatsächlich auch nicht kompliziert. Wenn
Sie nur den Mut aufbringen, können Sie durch Erfahrung Ihre Sicherheit festigen. Die Dankbarkeit als
Folge dieser Erfahrung der lebendigen Wahrheit läßt Ihre gottesfürchtige Ausrichtung noch
zunehmen, noch positiver, noch dynamischer, noch unerschütterlicher werden.

Man sagt wohl einmal: «Ach, wer bin ich? Was kann ich? Ich bin nur ein...» und dann folgt die eine
oder andere Redensart. Wenn Sie so sprechen, bleiben Sie derselbe, der Sie immer waren. Sie besitzen
alle Möglichkeiten zu Ihrer Befreiung von Ihrer Geburt an. Und vernehmen Sie nun weiter, was die
hermetische Philosophie Ihnen erklären will:

Niemals, mein Sohn, kann die Seele, auch wenn sie im Körper ist, ins Gegenteil abgleiten, wenn sie
ihre Schuldenlast erleichtert hat, um das wahrhaftige Gute und Wahre zu ergreifen.
Wenn die Seele durch Gottesfurcht in Ihnen geboren ist und in Ihrer sterblichen Existenz wächst,
wodurch das himmlische Herz sich öffnet und Sie zunehmen an Einsicht und Erkenntnis aus erster
Hand über die Güte und die Wahrheit, dann kommt der Augenblick, so sagt Hermes, da die
Gottesfurcht, also das Resultat, einen derartigen Aktionsradius und eine solche Kraft erhält, daß der
betreffende Kandidat nicht mehr in das Gegenteil abgleiten kann.

Denn wenn die Seele Ihn kennengelernt hat, der sie ins Dasein rief, wenn sie ihrem Pymander in dem
offenen Raum begegnete, ist sie von einer unermeßlichen Liebe erfüllt, vergißt alles Böse und kann vom
Guten nicht mehr getrennt werden.

Wenn die Seele so zu ihrem Ursprung gewendet und in ihrem Ursprung auferstanden ist, kann sie
nicht anders als lieben, weil Liebe das Wesen des lebenden Seelenzustandes ist. So erreicht der
Mensch dann das Ziel der wahren Frömmigkeit, das Ziel der Gottesfurcht.
Das Ziel der Gottesfurcht ist, durch Seelengeburt und deren Folgen in der Todesnatur
aufzuerstehen, ohne noch von der Todesnatur zu sein, also das Feiern des wirklichen
Ostergeschehens, eines innereigenen, ewigen Osterfestes: in der Welt sein, aber nicht mehr von der
Welt.
Dieses Wort: «in der Welt, aber nicht mehr von der Welt» erhält so eine tiefe, aktuelle Bedeutung.
Es bedeutet nicht nur vegetarisch leben, nicht mehr rauchen, keine Spirituosen zu sich nehmen und
dergleichen, es hat nicht ausschließlich einen religiösen Sinn, sondern es will Sie von der Tatsache
durchdringen, daß es Ihnen gegeben ist -- wenn Sie nur die Möglichkeiten gebrauchen -- bereits
vollkommen frei zu sein, obwohl Sie dann noch in der Todesnatur leben. Und das alles ist eine Folge
der Gottesfurcht.
Wenn Sie nun so das wahre Ziel der Gottesfurcht erreicht haben, wenn du zu diesem Zustand
zurückkehrst, auf die rechte Weise lebst und glücklich stirbst, wird deine Seele sicher wissen, wohin
sie ihren Flug richten muß. Das, mein Sohn, ist der einzige Weg zur Wahrheit, den auch sie gegangen
sind, die uns vorangingen, auf dem alle, die ihn im Lauf der Weltgeschichte gingen, ausnahmslos das
Gute erhalten haben.

Alle Menschen, ohne Ausnahme, besitzen die Möglichkeiten zur Ausübung der wahren Frömmigkeit.
Die Resultate dieser Anspannung, falls sie unternommen wird, sind ewig gesichert: Alle, die diesen
Weg gegangen sind, haben das Gute erhalten. Sie haben alles Böse vergessen und können vom Guten
nicht mehr abfallen. Und das alles ist in einem Menschenleben, in Ihrem Leben zu verwirklichen. Das
ist die Ewigkeit, die sich in Ihrer Zeit beweisen kann.
Darum müssen alle mystischen Phrasen von Ihnen verbannt werden. Alles mystische Gerede, das
Nachplappern der heiligen Schriften hat so bitter wenig zu bedeuten. Nutzen Sie jede Sekunde zur
Ausübung der Frömmigkeit! Und Sie werden erfahren, daß die Ewigkeit sich in Ihrer Zeit beweist.
Warum muß die Auferstehung sich in der Zeit beweisen? Warum geht die Auferstehung der
Himmelfahrt voraus? Um Sie, als einen Tat, als einen priesterlichen Menschen, als einen Gerufenen
zur Königs-Priesterschaft zu befähigen, das Werk der dienenden Liebe in Vollkommenheit zu
verrichten.
«Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.» Wenn Sie durch die Gottesfurcht in
der göttlichen Liebe enthoben sind und die feurige Liebe des lebenden Seelenzustandes besitzen, dann
können Sie doch nicht mehr von Ihrer Dienstbereitschaft für die Menschheit ablassen. Dann werden
Sie doch leidenschaftlich begehren, anderen zu helfen, den Weg der Befreiung zu gehen, den Sie selbst
gegangen sind.
Auf welche Art könnten Sie diese Hilfe dann besser leisten, denn als befreite Seele, die dennoch
über die Persönlichkeit der Naturgeburt verfügt? Dann können Sie sich inmitten der Gefallenen
bewegen. Also ist das Ausüben der Gottesfurcht ein Weg, den Sie praktisch bei der Johannes-Geburt
beginnen, der Sie danach zur Jesus-Geburt führt und von diesem Christfest weiter zum
Auferstehungsmorgen und vom Auferstehungsmorgen zu Ihrer Himmelfahrt.
Wir stellen noch einmal nachdrücklich fest: Die Nachfolge Christi liegt völlig in Ihrem Bereich.
Wäre das nicht so, würde die gnostische Geistesschule heute noch zu bestehen aufhören. Denn
Religiosität und religiöse Institute hat die Welt genug. Was das betrifft, braucht nichts mehr
hinzugefügt zu werden. Die Anwesenheit der Gnosis jedoch, ihr Auftreten und ihre Kraft sind aus der
Tatsache zu erklären, daß Sie es können. Sie sind wirklich imstande, die Ewigkeit in Ihrer Zeit zu
verwirklichen. Was der religiöse Mensch voller Ehrfurcht und Devotion für ein Geschehen außerhalb
seiner selbst hält, kann der wahrhaft gottesfürchtige Mensch im eigenen Wesen vollziehen. Diese
Aufgabe können Sie sofort existentiell beginnen und in ihr aufgehen, wenn Sie kein religiöser Mensch,
sondern ein gottesfürchtiger Mensch sein wollen.
Die Kirche stellt in endlosen Wiederholungen die Erfahrung des Gottessohnes zur Schau. Im
besten Fall ist die Folge, daß einige übrigbleiben, die das Christus-Drama nicht mehr vergessen
können, bis sie entdecken, daß der Christus-Weg ein Weg ist, den sie selbst gehen müssen, und zwar
in der Gottesfurcht und durch die Gottesfurcht.
Wer sich entschließt, seine religiöse Gesinnung durch eine gottesfürchtige Praktik zu ersetzen,
wird nach dem Wort der klassischen Rosenkreuzer augenblicklich «vom Geist Gottes entflammt». Der
große Prozeß der Umwandlung beginnt dann sofort. Dieser Prozeß wird entsprechend der Forderung
begleitet vom Untergang des naturgeborenen Seelenwesens. Es ist also ein Sterben, um zu leben. Auf
das «in Jesus dem Herrn gestorben sein» folgt dann ein Erwachen, eine totale Wiedergeburt aus dem
Heiligen Geist und durch den Heiligen Geist.

Sie werden, wie wir hoffen, einsehen, wie wichtig es war, Ihnen dieses alles anhand der Ur-Gnosis zu
sagen. Wir überbringen Ihnen diese Osterbotschaft, damit Sie, da die Zeit reif dafür ist und das neue
gnostische Reich Sie erwartet, die notwendige Umkehr in Ihrem Lebenszustand durchführen, die
Wendung von der Religiosität zur Gottesfurcht, die Wendung vom gewöhnlichen Schülertum zu
einem wirklich wesentlichen, bekennenden Schülertum.
Wenn Sie in diese Praktik eintreten, gehen Sie, so sagt Hermes, den erhabenen und gebahnten
Weg, den Pfad des tiefen Friedens, den Pfad von Bethlehem nach Golgatha.
XI

Der Pfad von Bethlehem nach Golgatha

Wie wir feststellten, ist der Pfad des tiefen Friedens, der Pfad von Bethlehem nach Golgatha,
für alle offen. Das Jesus-Wort: «Folget mir nach» ist gewiß keine unerfüllbare Forderung.
Darum sagt Hermes Trismegistos: Erhaben und gebahnt ist dieser Weg, und er fügt realistisch
hinzu: obwohl mühsam und schwer zu gehen für die Seele, solange sie noch im Körper lebt. Diese
Schwierigkeiten wollen wir nun näher betrachten.

Zuerst muß die Seele gegen sich selbst kämpfen, eine große Trennung vollziehen und einem Teil
den Sieg über sich selbst lassen. Es entsteht nämlich zwischen einem Teil und zwei anderen Teilen
ein Konflikt: der erste Teil versucht zu fliehen, während die beiden anderen die Seele
herunterziehen. Die Folge ist Kampf und eine große Kraftprobe zwischen dem Teil, der entfliehen
will und den beiden anderen Teilen, die sich bemühen, die Seele herunterzuziehen.

Es ist jedoch nicht gleich, ob die eine Partei siegt oder die anderen Parteien. Denn der eine Teil strebt
mit aller Anspannung zum Guten, während die anderen in den Gebieten des Verderbens wohnen. Der
eine Teil sehnt sich nach der Freiheit, die anderen lieben die Sklaverei. Wenn die beiden Parteien
geschlagen sind, bleiben sie in sich selbst eingeschlossen, wirkungslos und einsam, verlassen von
dem, der dann herrscht. Wenn aber der eine Teil überwunden ist, wird er von den beiden anderen als
Gefangener weggeführt und von allem beraubt, und er wird gestraft durch das Leben, das er hier
führt.

Sieh, mein Sohn, dieses ist der Führer auf dem Weg, der zur Freiheit führt: Du mußt den Körper,
bevor er stirbt, preisgeben und das Leben, das in den Kampf hineingezogen ist, überwinden, und
wenn du diesen Sieg davongetragen hast, zur Höhe zurückkehren.

Sie werden vielleicht verstehen, daß dieser Text die wirkliche Auferstehung der Seele meint, die
Befreiung der Seele aus dem Griff der Naturgeburt. Das ist eine schwere Aufgabe, durch die der Sieg
aber umso schöner ist.
Der innerliche Kampf, den jeder Kandidat zu kämpfen hat, wird im Evangelium als
Gefangennahme Jesu des Herrn geschildert, als Verhör vor Pilatus und Herodes und vor dem
Sanhedrin, als Erniedrigung auf seinem Kreuzweg, als sein Sterben und schließlich als grandioser Sieg
am dritten Tag, als Fest des Auferstehungsmorgens. Die ganze evangelische Erzählung des Leidens
und der Auferstehung Jesu finden Sie, bis in die kleinsten Einzelheiten, in dem zitierten Teil des
fünften hermetischen Buches wieder. Das Jesus-Drama, das Jesus-Epos schildert vollständig die
Geburt der Seele und ihren Gang durch die Materie, ihre Befreiung von der Materie und ihren
Aufgang in die Welt des lebenden Seelenzustandes, von wo sie zurückkehrt, um im Menschendienst
den übrigen Gebundenen zu helfen.
Wenn Sie Schüler der jungen Gnosis sind, wissen Sie, daß die Seele zum Dreibund des Lichtes
gehört, dem Dreibund der wahren Wesenheit: Geist, Seele und Körper. Jede dieser drei Ansichten der
Wesenheit hat eine eigene Funktion, damit die Zusammenarbeit zwischen diesen dreien vollkommen
und harmonisch ist. Die Seele tritt dabei als Intermediär auf, als Mittlerin zwischen Geist und Körper.
Positiv ist sie auf den Geist gerichtet, negativ auf den Körper. Und so fließt dann, über dieses
Intermediär, über die Seele, die Geistkraft in den Körper ein.
Nehmen Sie nun den Fall eines Schülers der jungen Gnosis, der sich entschlossen hat, den Pfad der
Gottesfurcht zu betreten. Die Folge dieses Pfades ist eine neue Seelengeburt. Wir verstehen darunter
eine Lichtkraft-Radiation von hoher Serenität, eine Lichtkraft-Radiation, die nicht von dieser Welt ist,
dringt in die naturgeborene Wesenheit über das Herzheiligtum ein und wählt darin ihre Wohnung.
Das ist die Geburt der neuen Seele. Sobald das geschieht, entwickelt sich ein stets zunehmender
innerlicher Kampf, eine stets zunehmende Spannung.
Viele Schüler sagen uns wiederholt, daß sie in dieser Spannung leben und sich nicht davon lösen
können. Das ist selbstverständlich. Wenn die Radiation des lebenden Seelenzustandes in das
Herzheiligtum eindringt, wird damit das Schwert in Ihr Wesen gestoßen und verursacht eine stets
zunehmende Spannung, die in einem bestimmten Moment nicht mehr zu ertragen ist und eine
gewaltige Krisis hervorruft. Diese Krise muß schließlich zur Befreiung des neuen Seelenzustandes in
der Auferstehung führen.
Wenn die neue Seele geboren ist, wird der Körper durch eine neue Lichtkraft beeinflußt. Aber
gleichzeitig wirken noch viele andere Kräfte in diesem Körper; viele natürliche Kräfte, die vom
Wurzelsystem des Schlangenfeuers aus dem uns umgebenden dialektischen Feld aufgesogen werden.
Wenn die neue Lichtkraft nun im Körper bleibt und als ein neues, vermittelndes Prinzip auftritt, wird
sie gleichsam sofort gefangengenommen. Das neue Licht wird dann von den natürlichen Kräften
belagert, von den Kriegsknechten des Herodes, den Banden des Hohepriesters Ihres Naturzustandes,
den Söldnern des Pilatus.
Das neue Seelenprinzip kann und will sich, auch wenn es möglich wäre, dem nicht entziehen. Es
gibt sich also freiwillig in Ihrem System gefangen. Denn es hat die Aufgabe, sich freiwillig diesem
Körper zu schenken. Es muß Mittler sein, um die ganze Wesenheit zu retten und zur Transfiguration
zu führen. Daher muß sich der Herr Jesus in größter Ruhe freiwillig gefangennehmen lassen.
Darin liegt die Heilstatsache einer möglichen Transfiguration. Ein anderer kann es nicht für Sie
vollbringen. Ein großer Mensch, der vor vielleicht zweitausend Jahren gelebt hat, kann nichts für Sie
tun, kann Ihnen höchstens ein Vorbild sein. Denn Sie müssen diesen Weg selbst gehen. Darum klingt
Ihnen aus dem Mund Jesu des Herrn entgegen: «Folget mir nach.»
Nun können Sie sich vielleicht vorstellen, wie sehr das neue Seelen-Element am Anfang zu
kämpfen hat, bevor es die große Trennung durchführen und das positive «consummatum est», «es ist
vollbracht», aussprechen kann. Denn das Wahre, das Reine, das Unbefleckte muß sich wissentlich und
willentlich mit dem Unreinen, dem Sündigen, dem dialektisch Natürlichen verbinden. Es muß sich in
vollkommener Liebe gefangennehmen lassen. Es muß sich bespeien, treten und geißeln lassen, es
kann und will sich dem nicht entziehen.
Das neue Seelenwesen im Menschen kann sich am Anfang dieses sehr schmerzlichen Prozesses
betend fragen: «Kann dieser Kelch nicht an mir vorübergehen? Sollte es nicht auf eine andere Art
möglich sein?» Aber der Becher muß bis zum letzten Tropfen geleert werden, um das eine Ziel zu
gewinnen, um die Qualität zu erreichen.

Das neue Seelen-Element ist zweipolig. Der eine Pol richtet sich zum Vaterland, zum Geist, zum
Vater, dem sich nähernden Pymander. Der zweite Pol muß sich zur naturgeborenen Persönlichkeit
wenden, um die neue Kraft des Heils, das Unsterbliche, einfließen zu lassen in das Sterbliche. Daraus
entsteht der innerliche Kampf vom ersten Moment an, da Sie Ihr wahrhaftiges Schülertum feiern.
Jahrelang mußten wir warten, ehe wir hierüber sprechen konnten. Jetzt ist in der Entwicklung der
jungen Gnosis der Augenblick gekommen, da die wirklichen Schüler dieses verstehen und innerlich
für so stark gehalten werden dürfen, daß sie es bewältigen und ertragen können.
Stellen Sie es sich doch einmal vor: Zwei völlig unterschiedliche Seinszustände werden hier
miteinander verbunden. In der Gnosis unternimmt man es, das Himmlische mit dem Dialektischen zu
verbinden, nach dem Vorbild aller Großen, die gesagt haben: «Folget mir nach.» Wenn Sie nun diese
beiden unterschiedlichen Seinszustände in Ihrem eigenen System miteinander verbinden, verursacht
das heftigen Schmerz. Der eine Pol des neuen Seelen-Elementes flieht zum Geist, zu Pymander. Der
zweite Pol ist verpflichtet, der Todesnatur zu begegnen. Während einerseits das neue Seelen-Element
mit aller Kraft zum Guten strebt, muß es andererseits den Konflikt mit den beiden wesentlichen
Naturkräften, Trieb und Begierde, erleiden. Welch ein Schmerz ist das! Einerseits wie mit jedem
Herzschlag ein intensives Sehnen nach Befreiung, andererseits die Berührung mit den Kräften der
Verunreinigung und Sklaverei.
So erhebt sich das Kreuz. Das Vertikale und das Horizontale miteinander verbunden, fest in die
Erde gepflanzt, irdisch; das Himmlische, das sich zur Erde neigt und auf der Erde seinen Kreuzweg
geht, gehen muß. Die Spitze des Kreuzes richtet sich zum Himmlischen, und im Herzen des Kreuzes
wird die Rose der Seele an das Kreuz geschlagen.
Empfinden Sie den unentrinnbaren Schmerz dieser Prozedur? Das Vertikale wird in dieser
freiwilligen Übergabe fortwährend gegeißelt und gepeinigt; der Geist hält das nicht aus, kann es nicht
ertragen. Und wenn die horizontal wirksame Seelenkraft für eine Weile zum Vertikalen
hinaufgezogen wird, dann ist auch das eine Unmöglichkeit. Dann folgt ein sengender Schmerz, der
Schmerz des Verbrennens. Das Horizontale kann sein Naturwesen nicht loslassen, und das Vertikale
kann in der Todesnatur nicht heimisch werden, obwohl es das in Freiwilligkeit muß. Dieser Prozeß,
dieser Kreuzgang, so faßt die hermetische Philosophie es zusammen, ist der Führer zur Freiheit:

Du mußt den Körper, bevor er stirbt, preisgeben und das Leben, das in den Kampf hineingezogen
ist, überwinden; und wenn du diesen Sieg davongetragen hast, zur Höhe zurückkehren.

Dieser Führer ist das Kreuz, das Kreuz mit der blutroten Rose, das Kreuz der freiwilligen
Selbstopferung, das Kreuz der Läuterung. An dieses Kreuz geschlagen, muß die junge Seele ringen
und ihre Aufgabe erfüllen.
Darum dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie auf dem Pfad der Gottesfurcht in Ihrem Leben
kämpfen und noch so viel mit sich selbst ringen müssen. Denn es geht hier um die notwendige
Begegnung zwischen zwei Gegensätzen, die vollkommen unversöhnlich sind und bei ihrer
Begegnung einen großen innerlichen Brand verursachen: den Brand des Kreuzes. Dieses Feuer kann
nicht ausbleiben, es muß wüten. Der neue Seelenzustand muß zuerst das sterbliche Leben besiegen.
Dieses nun, sagt Hermes, mußt du gut verstehen und mit deinem innerlichen Wesen durchkämpfen.
Es gibt zum Beispiel Menschen, die dem Lebenskampf, den der Pfad erfordert, mit dem Ich
begegnen, mit dem Ich der Selbsttötung, die diesem innerlichen Kampf einen sehr persönlichen
Charakter geben. Diese Menschen gehen von der völlig falschen Voraussetzung aus, daß sie die Pein
und die Plagen, diesen Schmerz erfahren müssen, weil sie noch ein Ich haben, weil ihre niedere Natur
ihnen auf die eine oder andere Art einen Streich spielt, weil sie noch so schlecht und sündig sind.
Aber das hat mit dem Besprochenen gar nichts zu tun. Sehen Sie die Situation doch deutlich vor sich:
Einerseits haben Sie als Schüler das Herzheiligtum für eine neue Kraft geöffnet, die Kraft des
sechsten kosmischen Gebietes, die Kraft des lebenden Seelenzustandes. Diese Kraft dringt in Sie ein,
dringt in Ihr Blut, in Ihr Nervenfluidum und in das Hauptheiligtum durch; sie erfüllt Ihr ganzes
Wesen und bringt die Seele zur Geburt. Aber es gibt auch noch eine andere Kraft, die vom
Wurzelsystem des Schlangenfeuersystems aufgesogen wird, und auch diese Kraft findet den Weg in
Ihr Wesen. Diese beiden völlig wesensfremden Kräfte verursachen nun das versengende Feuer. So
erleidet Ihre Seele Schmerzen, aber auch das Ich. Und nun müssen Sie nicht glauben, daß das Ich oder
aber die Seele die Ursache ist. Nein, es ist die Begegnung dieser beiden völlig wesensfremden Kräfte,
dieser beiden total verschiedenen Spannungen, dieser beiden verschiedenen elektromagnetischen
Mächte in Ihrem Wesen.
Was müssen Sie nun tun? Das Endura leben! Mischen Sie sich nicht mit dem Ich in den Prozeß.
Wenn Sie den Schmerz und die Spannung empfinden, reagieren Sie diese dann nicht auf andere ab,
sondern erfahren Sie diesen Schmerz als notwendigen Läuterungsprozeß des heiligen Rosenkreuzes.
Wenn Sie diesen Schmerz bis ins Tiefste fühlen und erleben, ist die gnostische Lichtkraft am stärksten
und dynamischsten in Ihnen.
Es gibt Menschen, so sagten wir, die den Lebenskampf, den der Pfad verursacht, für einen Streit
mit sehr persönlichem Charakter halten. Sie beißen sich gleichsam mit dem Ich darin fest. So setzen sie
sich völlig bis zur Selbsttötung ein. Aber das Ich muß gerade ganz am Rand stehen. Das Ich muß
nirgendwo eintreten; das Ich muß still werden. Lassen Sie diesen Streit, diesen Brand der Läuterung
nur wüten.
Denken Sie an die uralten Klostergewohnheiten der Selbstkasteiung und Selbstverstümmelung im
Kampf gegen das Fleisch. Aber der Kampf des Kreuzweges ist kein Kampf gegen das Fleisch. Es ist
ein Kampf zwischen dem sechsten und dem siebten kosmischen Gebiet, der sich in Ihnen abspielt.
Wenn man diese Dinge mit dem Ich angreift und versucht, sie mit dem Ich zu bekämpfen, ist ein Sieg
absolut unmöglich. Selbsttötung auf diese Art ist stets Selbstmord. Das hält ein Mensch nicht aus.
Darum sagen wir Ihnen nochmals ausdrücklich: Sie müssen nicht wie ein Irrsinniger gegen sich selbst
fechten. Dann rufen Sie gerade viele Kräfte auf, die dann immer mit Ihnen beschäftigt sind. Sie stellen
sich so mit dem Ich in den Dienst einer dieser beiden Parteien, und die Folge ist ein schneller
Verbrauch der Kräfte, bis der Tod folgt.

Was müssen Sie dann aber tun? Die Frömmigkeit üben, bis Sie die Gottesfurcht finden werden! Dahin
muß der Schwerpunkt Ihres Lebens verlagert werden. Für das Ich, für das naturgeborene Ich, ist es
das Endura. Ziehen Sie sich zurück aus dem innerlichen Konflikt der beiden Naturen, nehmen Sie
darin nicht Partei, und lassen Sie die neue Seele ihre freiwillige Arbeit, ihren Opfergang in Ihnen
verrichten. Darauf zielten die eingeweihten Mystiker, wenn sie sagten: «Laßt Jesus Christus seine
Arbeit in euch verrichten.»
Ziehen Sie sich also auch nicht gewaltsam wie in eine Ecke Ihres Wesens zurück, um von dort aus
mit Ihrem Ich die Dinge zu belauern, die geschehen sollen. Nein, Sie müssen das Endura bereits jetzt
von Herzen begehren. Darauf muß Ihr tiefstes Verlangen gerichtet sein, in Selbstvergessenheit und in
dienender Liebe. Wenn Sie sich so verhalten, dann wird das neue Seelen-Element in Ihnen geboren,
und Ihr Kreuzgang, Ihr Rosenkreuzgang beginnt: die Begegnung zwischen den beiden
Unversöhnlichen. Nicht die Seele sucht also Streit, denn die Seele ist allein Liebe. Nicht das Ich will
streiten, denn Ihr Ich will dann nur das Endura. Dann findet die unvermeidliche Begegnung zwischen
zwei unversöhnlichen elektromagnetischen Kräften statt. Durch diese Begegnung entwickelt sich in
Ihrem Leben ein Wirbel, ein Schmerz, ein Ringen des sich Emporschwingenden, das den Brand seines
Opfergangs erfahren und ertragen muß.
Wie lange dieser Brand, dieses Ringen, dieser Schmerz dauern werden, weiß niemand. Wie lange
diese Folgen des Kreuzganges sich in Ihrem Leben zeigen, weiß niemand. Man kann das nicht
erzwingen. Es ist ein Prozeß, dem Sie sich freiwillig und frohgemut unterziehen müssen. Der Prozeß
dauert und brennt völlig übereinstimmend mit der Art Ihres Mikrokosmos, Ihres Wesens, des darin
anwesenden Karmas und der darin wirkenden Gnadenradiationen. In einem Augenblick jedoch, in
dem Sie es absolut nicht erwarten, vielleicht mitten im Brand einer Heimsuchung, wird sich plötzlich
zeigen, daß das Sterbliche besiegt ist und das «consummatum est» ausgesprochen werden darf und
kann.
Erfahren Sie daher auch Ihren Kreuzgang in vollkommener Objektivität und mischen Sie sich nicht
mit Ihrem Ich-Wesen ein. Die Stunde der Befreiung wird dann sicher kommen. Ihre Seele wird
aufsteigen und ihren Auferstehungsmorgen feiern. Es ist dann der erste neue Tag, das Erwachen im
Goldenen Haupt, der Beginn des neuen Morgens, des Morgens der Ewigkeit.
XII

Die Zweifachheit des Menschen

So haben Sie denn, indem Sie Ihren Weg bestimmten, soeben wie in einem Vorgeschmack
Ihren Auferstehungsmorgen feiern können und durften dabei die Stütze und Führung der
hermetischen Philosophie erleben. Sie haben gesehen und erfahren, daß das ganze Christus-
Drama auf Sie selbst bezogen verstanden werden muß. Sie selbst müssen den Weg gehen.
Durch Frömmigkeit und Gottesfurcht kann ein dialektisches Menschenwesen
transfigurierend in dem Anderen aufgehen. Frömmigkeit und Gottesfurcht, die daraus
entstehende hohe Weisheit und der Schmerz der Läuterung sind die Führer auf dem Pfad.
Nachdem wir all das anhand des fünften Buches des Hermes Trismegistos festgestellt haben,
zeichnet sich im Text eine Wendung ab, und zwar beginnend mit dem fünfzehnten Vers. Hermes
schlägt Tat vor, zum Ausgangspunkt zurückzukehren, um zusammenfassend einige Ansichten der
universellen Wirklichkeit näher zu beleuchten. Sie werden, so sagt Hermes, verstehen, was er Ihnen
sagt, wenn Sie sich an das erinnern, was Sie gehört haben.
So fragen wir, das soeben Besprochene ebenfalls zusammenfassend: Was unterscheidet jede
naturreligiöse und okkulte Ausrichtung von der Ausrichtung der Gnosis und ihrer Schule? Die
Antwort lautet: Der naturreligiöse Mensch geht von der Idee aus, daß er nach seinem Tod in die
himmlischen Gefilde kommt und dort ewig und immer existieren könne, und daß der okkult
gerichtete Mensch meint, sein dialektisches Ich-Wesenkönne die Basis für eine unendliche
Entwicklung sein. Das ist ein äußerst wichtiger Punkt, mit dem Sie stets rechnen müssen und auf den
die Ur-Gnosis seit Jahrtausenden immer wieder die Aufmerksamkeit lenkt. Darum heißt es im Vers
17:

Jeder Körper ist der Veränderung unterworfen, aber nicht alle Körper sind auflösbar.

Das bedeutet: Nicht alle Körper sind in der Lage, in eine höhere Ordnung aufzugehen. Nur einige
Körper haben diese Möglichkeit:

Nicht jedes Geschöpf ist sterblich; nicht jedes Geschöpf ist unsterblich. Was auflösbar ist, ist
vergänglich; das ständig Unvergängliche ist ewig. Was stets wieder geboren wird, geht auch stets
wieder zugrunde; was aber ein für allemal geworden ist, wird niemals vernichtet und wird auch
nichts anderes.

Was will die hermetische Lehre Ihnen damit sagen? Unter anderem, daß jede Formoffenbarung im
Kosmos immer der Veränderung unterworfen ist. Aber Sie müssen genau darauf achten, daß es zwei
Arten der Veränderung gibt, zwei Entwicklungen. Es gibt Wesenheiten mit Formoffenbarungen, die
sich in der Tat in evolutionärem Sinn stets entwickeln und vervollkommnen, die von Kraft zu Kraft
und von Herrlichkeit zu Herrlichkeit weitergehen. Aber es gibt auch Wesenheiten, die mit ihrem
ganzen Wesen der totalen Vergänglichkeit unterworfen sind. Darum müssen Sie das Gesetz
annehmen, daß nicht jedes Geschöpf sterblich ist und ebensowenig jedes Geschöpf unsterblich. Jedes
Geschöpf muß wählen und kann wählen zwischen Leben und Tod. In Ihrem Daseinszustand haben
Sie augenblicklich noch die Wahl. Sie können wählen zwischen Leben, wirklichem Leben in höherem
Sinn, und Tod.
Das Leben, das wirkliche Leben fällt Ihnen aber nicht zu. Es gibt Zustände der Entwicklung, in
denen der wahre Lebensgang so weit gefördert ist, daß der Tod nicht mehr zuschlagen kann. Aber
auch das Umgekehrte ist der Fall: Das Versinken in den Tod ist so weit fortgeschritten, daß das Leben
nicht mehr ergriffen werden kann. Die junge Gnosis hat das ihren Schülern immer vorgehalten und
ihnen stets gesagt, daß die totale mikrokosmische Entleerung jener, die ins jenseitige Gebiet gelangen,
eine Tatsache ist.
Das bestätigt nun die Urgnosis mit wenigen Worten. Der dialektische Mensch kann in seinem
biologischen Zustand in jedem Augenblick, im Bruchteil einer Sekunde, vom Tod ergriffen werden.
Jeden Augenblick kann der sterbliche und hinfällige Körper doch zerstört werden: Was stets wieder
geboren wird, geht auch stets wieder zugrunde.
Dem steht dann der ganz andere Menschentyp gegenüber, der beständige oder himmlische
Menschentyp. Der beständige Menschentyp ist unveränderlich und ewig. Aber was ein für allemal
geworden ist, im höheren Sinn des Wortes, wird niemals vernichtet und wird auch nichts anderes.
Auf sehr deutliche Weise wird hier gesagt, wie notwendig die Nachfolge Christi ist, das bedeutet,
das Rosenkreuz auf die Schultern zu nehmen und den Pfad zu gehen, also durch Transfiguration den
Menschentyp des Todes in den Menschentyp des Lebens zu verwandeln.
Diese Idee, die von der Gnosis in allen Zeiten verkündet wurde, ist in gewisser Hinsicht sehr
bestürzend, zum Beispiel wegen der Tatsache, daß einige Milliarden Wesenheiten in der Tat im Typ
des Todes aufgehen und bleibend darin existieren. Andererseits ist diese Idee sehr mächtig, erhaben
und unabweisbar, wenn Sie sich die Grundlagen der Alloffenbarung vor Augen halten: nämlich Gott,
Kosmos und Mensch. Das All, der Kosmos, ist die Formoffenbarung Gottes, damit das Geschöpf
Gottes durch diese Offenbarung wie Gott werde. Hinter dem Geschöpf Gottes treibt denn auch der
Befehl: «Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.»
Um diesen großen, herrlichen, göttlichen Ruf erfüllen zu können, hat der Mensch eine zweifache
Seele erhalten. Der Teil, der durch die Sinnesorgane wahrnimmt, ist sterblich, aber der Teil, welcher
der Vernunft entspricht, ist unsterblich. Die sinnesorganische Seele ist der natürlich reagierende Teil,
die echte Naturseele, die zum Beispiel auf Hitze und Kälte, Licht und Dunkelheit, auf alle Dinge,
Gesetze und Situationen, die in der Natur auftreten, reagiert. Wenn es kalt ist, sorgt sie dafür, daß Sie
schützende Kleidung anziehen. Ist es heiß, veranlaßt sie das Entgegengesetzte. Die Naturseele des
Menschen ist die echte äonische Seele. Sie folgt spontan jedem Auf und Ab der Natur und in der
Natur. Sie geht auf allen Wegen der Natur, sie ist der Natur gehorsam, um daraus den besten Gewinn
für ihren Zustand zu ziehen, um die Wesenheit, bei der sie als Mittlerin fungiert, zu befähigen, durch
den Kosmos zu Gott zu gehen, und um die Ausrichtung auf dieses eine Ziel -- auf Gott --
sicherzustellen.
Um dieses Ziel zu verwirklichen, gibt es die zweite Seele, die Seele, welche der Vernunft
entspricht. Diese Vernunftseele ist die Besitzerin der Weisheit, die von Gott, vom Geist Ergriffene, die
mit dem Geist Verbundene. Die äonische Seele oder Naturseele muß unter der Leitung der
Vernunftseele oder Geistseele durch das All gehen. Die Spontaneität des natürlich reagierenden
Vermögens der äonischen Seele muß intelligent von der Geistseele gesteuert werden.
Gott ist der Ewige, der Unveränderliche. Der Kosmos dagegenist, seiner Art und Aufgabe nach
gesehen, fortwährende Bewegung und Veränderung. Die Geistseele, die aus Gott Seiende, ist
unveränderlich und unsterblich; die Naturseele ist, ebenso wie die Natur, veränderlich und sterblich,
sich selbst auflösend, sich selbst stets anpassend und verändernd.
Wenn wir daher von den beiden Menschentypen sprechen -- und darauf wünscht die hermetische
Philosophie die Aufmerksamkeit zu lenken -- dann ist es völlig klar, daß der der Veränderung und
der Sterblichkeit unterworfene Menschentyp nur die Naturseele besitzt und ganz daraus lebt, daß die
Geistseele also in ihm latent geworden ist. Die ganze Existenz dieses Menschen ist dann der Vernunft
beraubt. Sie zeigt in jeder Hinsicht die Kennzeichen des Vernunftlosen, des Veränderlichen, des
Sterblichen. Dieser Typ besitzt nur ein natürliches Dasein und kann in keiner Weise mehr Gott
verwirklichen. Die Bibel lehrt jedoch, daß der Mensch zur Verherrlichung Gottes besteht. Darum
mahnt uns die Bergpredigt in Matthäus 5: «Laßt so euer Licht scheinen vor den Menschen, damit sie
eure guten Werke sehen und euren Vater, der im Himmel ist, verherrlichen.»
Ursprünglich hieß es, rein hermetisch: «verwirklichen». Die Bibelübersetzer verstanden das nicht.
Sie konnten aus ihrer religiösen Art wohl verstehen, daß jemand Gott verherrlicht, also Dankbarkeit
zeigt; aber sie konnten nicht verstehen, daß jemand Gott verwirklicht. Darum haben sie
«verherrlichen» geschrieben. Wie die Kirchen diese Verherrlichung auffassen, wissen Sie.

Was muß das der Natur und somit dem Tod unterworfene Geschöpf nun tun? Nun, das liegt auf der
Hand. Die latente Geistseele, die Vernunftseele, muß wieder zum Leben, zur Aktivität erweckt
werden. Diese Seele konnte nicht sterben, da sie unsterblich ist, aber sie wurde völlig unwirksam, weil
das Ich des Körpers nur der Naturseele folgen wollte, dadurch existentiell degenerierte und sich selbst
zu einem unermeßlichen Leiden verurteilte.
Jedoch es gibt immer ein Glück in jedem Unglück. Was leidet, sammelt Erfahrung. Erfahrung ist
die Frucht des oft unerträglichen Leidens. Das Leiden, das Sie so sehr gut aus eigener Erfahrung
kennen, ist das unverkennbare Merkmal einer fundamentalen Ur-Unsterblichkeit.
Das rein animalische, das tierische Geschöpf empfindet zwar Schmerz, aber es kennt kein Leid.
Schmerz ist immer körperliche Erfahrung. Schmerz beeinflußt dann auch nur zeitweise die innere
Verfassung. Jemand, der Schmerz leidet, verändert sich plötzlich. Der Rohling kann durch Schmerz
zeitweise zu einem fügsamen Geschöpf werden. Durch Krankheit, die mit Schmerz verbunden ist,
wird ein jähzorniger, hitziger Mensch gefügig und still.
Aber das Leid ist immer der Seele verwandt. Leid ist Seelenklage. Natürlich ist es nicht
ausgeschlossen, daß ein Mensch, der Schmerz erduldet, gleichzeitig Leid erfährt. Aber jemand, der
nur Schmerzen gehabt hat, kehrt wieder zur alten Natur zurück, sobald der Schmerz gewichen ist.
Seine Natur verleugnet sich nicht. Wirkliche Leiderfahrung jedoch kerbt sich tief ein und kann in
vielen Fällen läuternd wirken. Darum ist das Leiden im heutigen Seinszustand des Menschen
zweifellos die einzige, absolute Methode, um die Naturseele zu zwingen, ihre Schwester, die
Geistseele, zu rufen, aus dem Grab der Lebendig-Toten zu erwecken und ihr nach der Absicht des
Rettungsplans die Führung des Lebens zu übertragen, damit das Urwesen der Unsterblichkeit sich
durch die Tatsache der Transfiguration wieder beweisen kann.
Wenn Sie Ihre Geistseele erwecken und ihr dann die Führung Ihres Lebens übertragen, brauchen
Sie sich nicht mehr voller Zweifel zu fragen, ob Ihr Dasein dem Tod unterworfen ist. Denn dann
besitzen Sie das eine wirkliche Leben. Frömmigkeit und Gottesfurcht führen die Geistseele wieder
zum Leben und leiten sie durch Läuterung in den Dreibund der Alloffenbarung: Gott, Kosmos und
wahrer Mensch. Wir hoffen und beten, daß Sie bald in diesen Dreibund eintreten werden. «Selig sind
die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.»
So findet dann erst jener Mensch wahrlich Ruhe, der die Vernunftseele, die Geistseele, wieder
vollkommen zum Leben erweckt hat. Diesen Ausspruch können Sie als ein hermetisches Axiom
annehmen. Das fünfte hermetische Buch sagt darüber im Vers 30:

Das Gemüt ist in Gott; die Vernunft ist im Menschen; die Vernunft ist im Gemüt; das Gemüt ist
unempfänglich für Leiden.

Das Gemüt ist, so stellten wir fest, Pymander, der Geist selbst. Der Geist, das Gemüt, ist in Gott. Die
Vernunft, die Vernunftseele, ist im Menschen; die Vernunftseele ist im Gemüt. Mit anderen Worten:
Die Vernunftseele im Menschen ist gleichzeitig verbunden mit dem Geist, mit Pymander, der auch in
diesem Menschen ist. Pymander aber ist erhaben über alle Leiden. Wenn Sie also, auf dem Pfad
weiterschreitend, Ihren Pymander gefunden, erweckt und befreit haben, dann sind Sie mit ihm
erhaben über alle Leiden.
Prüfen Sie nun einmal bei sich selbst, ob Sie das Leid und den Schmerz in Ihrem Leben immer noch
gut kennen, in dem Sinn, wie wir das soeben behandelt haben. Brauchen Sie die Erfahrung des
Schmerzes noch und auch das Leiden, das die Folge dieser Erfahrung ist? Dann sei es so! Denn dann
können Sie die Lehre, die darin liegt, auf keine andere Art lernen.
Es wäre natürlich dumm und unbarmherzig, jemandem Schmerz und Leiden zu wünschen. Aber
wenn Sie die hermetische Weisheit in dieser Hinsicht verstanden haben, werden Sie doch stets innig
dankbar sein wegen der sehr kostbaren Lehren, die sie Ihnen vermittelt. Ihre Dankbarkeit wird dann
der Tatsache entspringen, daß die latente Geistseele, die Stimme der im Wüstensand versunkenen
Sphinx, noch zu Ihnen sprechen und in Ihnen wirken kann, also im tiefsten Wesen lebt. Darum
müssen Sie stets darauf achten, ob Ihre Erfahrungen Leid oder Schmerz bedeuten. Sie wissen,
Schmerz ist eine rein animalische Reaktion, also spontan, unvernünftig; Leid jedoch ist die Reaktion
der gebundenen Vernunftseele.
Wie können Sie nun wissen, ob Sie Leid oder Schmerz erfahren? Sie können das jederzeit an den
Folgen feststellen. Schmerz ohne weiteres erzeugt Widerstand, Aufsässigkeit, Zorn, Haß,
Rachegefühle. Die Reaktion auf Schmerz ist die geballte Faust. Schmerz weckt immer den
konzentrierten Selbstbehauptungstrieb des Ich-Menschen. Leid dagegen weckt das Verlangen nach
befreiendem Leben. Leid ist immer mit Liebe verbunden; vor allem aber auch mit Mitleid. Durch Leid
lernt man das herrliche Wort aussprechen: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.»
Durch Leid entsteht die Gesinnung der Vergebung im menschlichen Herzen und öffnet sich für
den Menschen der himmlische Rosengarten weit, der Rosengarten, in dem die Vernunftseele ihre
Wohnstätte wählt und Pymander anschauen darf. Dieses Leid und diesen Trost wünschen wir Ihnen
von ganzem Herzen.
Schließlich kann Leid sehr gut mit körperlichem Schmerz zusammenfallen. Dann kann
körperlicher Schmerz sich auch als außergewöhnlich nützlich für einen Menschen erweisen. Aber
bleiben Sie dann nicht beim Schmerz stehen, sondern nähern Sie sich Ihren körperlichen
Schwierigkeiten stets von der Seite der Seele, von der Seite des Leidens. Dann kann die vierte Ansicht
der Geistesschule viel für Sie sein und tun. Wenn Sie so im Gemüt erhoben werden, überwinden Sie in
einem gegebenen Augenblick allen Schmerz und entsteigen allen Leiden.
Wenn Sie nun alles bisher anhand des fünften hermetischen Buches Besprochene verstanden
haben, wenn es Sie auf die rechte Weise berührt hat, dann wissen Sie innerlich von der Gottseligkeit,
von der Frömmigkeit und von der Gottesfurcht und besitzen die wahre Liebe zur einen Weisheit.
Dann können wir uns mit segenverbreitender Kraft weiter in die hermetische Weisheit und das
sechste Buch des Hermes Trismegistos vertiefen.
XIII

Sechstes Buch

Allgemeiner Dialog zwischen Hermes und Asklepios

1. HERMES: Asklepios, wird nicht alles, was bewegt wird, in etwas und durch
etwas bewegt? ASKLEPIOS: Ganz gewiß.
2. HERMES: Und ist es nicht notwendig, daß das, worin etwas bewegt wird,
größer ist als das, was bewegt wird? ASKLEPIOS: Zweifellos.
3. HERMES: Ist das, was die Bewegung hervorruft, stärker als das, was bewegt
wird? ASKLEPIOS: Das ist naheliegend.
4. HERMES: Und muß die Art dessen, in dem die Bewegung stattfindet, nicht
notwendigerweise jener entgegengesetzt sein, die bewegt wird? ASKLEPIOS:
Natürlich.
5. HERMES: Ist dieses Universum größer als jeder andere Körper? ASKLEPIOS:
Ja gewiß.
6. HERMES: Und ist es nicht vollkommen erfüllt, nämlich von vielen anderen
großen Körpern, oder richtiger gesagt: von allen Körpern, die es gibt?
ASKLEPIOS: So ist es.
7. HERMES: Das Universum ist also ein Körper. ASKLEPIOS: Ganz gewiß.
8. HERMES: Und es ist ein Körper, der bewegt wird? ASKLEPIOS: Ja gewiß.
9. HERMES: Wie groß und von welcher Art muß dann der Raum sein, in dem das
Universum bewegt wird? Muß er nicht viel größer sein als das Universum, um
diese immerwährende Bewegung zu ermöglichen, ohne daß das Universum
eingeklemmt und an seiner Bewegung gehindert wird? ASKLEPIOS: Der Raum
muß wirklich außergewöhnlich groß sein, Trismegistos.
10. HERMES: Und von welcher Art? Von entgegengesetzter Art, Asklepios. Und
der Gegensatz zur Art des Körpers ist das Unkörperliche. ASKLEPIOS:
Zweifellos.
11. HERMES: Dann ist der Raum also unkörperlich. Aber das Unkörperliche ist
entweder von göttlicher Art, oder es ist Gott. (Mit göttlich meine ich hier nicht
das Erschaffene, sondern das Unerschaffene). Wenn das Unkörperliche von
göttlicher Art ist, dann ist es von der Art des Kernwesens der Schöpfung; und
wenn es Gott ist, dann ist es eins mit dem Kernwesen. Es ist übrigens mit dem
Denken so zu erfassen:
12. Gott ist für uns das Höchste, worauf das Denken sich richten kann; für uns,
aber nicht für Gott selbst. Denn der Gegenstand des Betrachtens wird für den,
der denkt, erreichbar durch das Licht der Einsicht. Gott ist also an und für sich
kein Gegenstand der Betrachtung, denn da Er selbst sich nicht von dem Wesen
der Betrachtung unterscheidet, betrachtet Er sich selbst. Für uns jedoch ist Gott
wohl verschieden: Darum ist Er der Gegenstand unseres Denkens.
13. Wenn wir nun den universellen Raum in unserem Denken erwägen, denken
wir diesen nicht als Raum, sondern als Gott; und wenn in unserem Denken der
Raum als Gott erscheint, ist es kein Raum mehr in gewöhnlichem Sinn des
Wortes, sondern die wirksame Kraft Gottes, die alles umschlossen hält.
14. Alles was bewegt wird, bewegt sich nicht in etwas, das selbst bewegt wird,
sondern in etwas, das unbeweglich ist; und die bewegende Kraft selbst ist auch
unbeweglich, da sie keinen Anteil an der Bewegung haben kann, die sie selbst
erzeugt.
15. ASKLEPIOS: Aber, Trismegistos, auf welche Art werden denn die Dinge hier
auf Erden mitbewegt mit denen, welche ihre Bewegung verursachen? Denn Du
hast gesagt, daß die versündigten Sphären mitbewegt werden von der Sphäre der
Sündelosen.
16. HERMES: Das ist, Asklepios, keine Mitbewegung, sondern eine
Gegenbewegung. Denn diese Sphären werden nicht in derselben Richtung
bewegt, sondern in entgegengesetzter Richtung. Dieser Gegensatz verschafft der
Bewegung einen festen Gleichgewichtspunkt, weil die Reaktion der
gegensätzlichen Bewegungen sich in diesem Punkt als Bewegungslosigkeit
offenbart.
17. Da die versündigten Sphären in einer Richtung fortbewegt werden, welche
jener der sündelosen Sphäre entgegengesetzt ist, werden sie in dieser
Gegenbewegung durch den stillstehenden Gleichgewichtspunkt um die
Widerstand bietende Sphäre herum bewegt.
18. Du siehst dort die Sternbilder des Großen und des Kleinen Bären, die nicht
untergehen und nicht aufgehen, sich stets um denselben Punkt drehen. Was
meinst Du, werden sie bewegt oder stehen sie still?
19. ASKLEPIOS: Sie werden bewegt, Trismegistos. HERMES: Und wie ist ihre
Bewegung, Asklepios? ASKLEPIOS: Sie drehen sich fortwährend um denselben
Mittelpunkt.
20. HERMES: Richtig. Der Kreislauf ist also nichts anderes als die Bewegung um
denselben Mittelpunkt herum, die von der Unbeweglichkeit des Mittelpunktes
vollkommen beherrscht wird. Denn die Umdrehung verhindert die Abweichung,
und indem sie die Abweichung verhindert, wird die Umdrehung beständig
erhalten. So steht auch die Gegenbewegung im Gleichgewichtspunkt still, weil
sie durch die Widerstand bietende Bewegung statisch wird.
21. Ich werde dir ein gewohntes Beispiel geben, das Du mit deinen Augen auf
seine Richtigkeit prüfen kannst. Siehe sterbliche Wesen, wie zum Beispiel den
Menschen, beim Schwimmen. Während das Wasser weiterströmt, läßt der
Widerstand, die Gegenkraft der Füße und der Hände, für den Menschen einen
stabilen Zustand entstehen, so daß er nicht durch das Wasser nach unten
gezogen wird.
22. ASKLEPIOS: Dieses Beispiel ist sehr deutlich, Trismegistos.
23. HERMES: So entsteht jede Bewegung in etwas und durch etwas, das selbst
unbeweglich ist. Die Bewegung des Universums und jedes körperlichen lebenden
Wesens entsteht also nicht durch Ursachen, die außerhalb des Körpers liegen,
sondern durch Ursachen, die innerhalb des Körpers liegen, die von innen nach
außen wirken durch eine bewußte, vernünftige Kraft, sei es die Seele, der Geist
oder irgendeine andere unkörperliche Wesenheit. Denn ein Stoffkörper ist nicht
fähig, einen beseelten Körper zu bewegen, ja keinen einzigen Körper, auch
keinen unbeseelten Körper.
24. ASKLEPIOS: Wie meinst Du das, Trismegistos? Sind Holz, Steine und andere
unbeseelte Dinge keine Körper, die Bewegung erzeugen?
25. HERMES: Nein, gewiß nicht, Asklepios. Denn nicht der Körper selbst
verursacht die Bewegung des Unbeseelten, sondern das, was sich im Körper
befindet, und das bewegt die beiden Körper, sowohl den Körper, der bewegt, als
auch den Körper, der bewegt wird. Daher kann das Unbeseelte das Unbeseelte
nicht bewegen. Du siehst also, wie schwer die Seele belastet ist, wenn sie allein
zwei Körper tragen muß. Es ist also klar: Was bewegt wird, wird in etwas und
durch etwas bewegt.
26. ASKLEPIOS: Muß Bewegung in einem leeren Raum entstehen, Trismegistos?
27. HERMES: Hör gut zu, Asklepios: Nichts von allem, was wirklich ist, ist leer;
kein Teil des wirklich Seienden ist leer, wie das Wort «sein», das ist «bestehen»,
bereits aussagt. Denn was ist, hätte keine Wirklichkeit, könnte nicht sein, wenn es
nicht vollkommen von Wirklichkeit erfüllt wäre. Was wirklich ist, was wirklich
besteht, kann deshalb niemals leer sein.
28. ASKLEPIOS: Gibt es denn keine leeren Dinge, Trismegistos, wie zum Beispiel
einen Krug, einen Topf, eine Wanne und ähnliche Dinge?
29. HERMES: Hör auf Asklepios, wie kannst Du dich nur so irren! Wie kannst Du
etwas, das absolut voll und gefüllt ist, leer nennen?
30. ASKLEPIOS: Wie meinst Du das, Trismegistos?
31. HERMES: Ist Luft kein Körper? Durchdringt dieser Körper nicht alles
Bestehende? Und erfüllt er nicht alles, was er durchdringt? Ist nicht jeder Körper
zusammengesetzt aus den vier Elementen? Alle diese Dinge, die Du leer nennst,
sind also mit Luft gefüllt, und wenn sie mit Luft gefüllt sind, sind sie es auch mit
den vier Körpern der Elemente. Und so kommen wir zu dem Ergebnis, welches
genau im Gegensatz zu deinen Worten steht: Alles, was Du voll nennst, ist von
aller Luft entleert, weil deren Platz von anderen Körpern eingenommen wurde
und deshalb kein Platz mehr da ist, um die Luft hineinzulassen. Und alles, was
Du leer nennst, muß randvoll genannt werden und nicht leer, denn es ist wirklich
erfüllt von Luft und Atem.
32. ASKLEPIOS: Dagegen ist nichts zu sagen, Trismegistos. Aber was ist dann
der Raum, in dem das Universum bewegt wird? HERMES: Er ist unkörperlich,
Asklepios. ASKLEPIOS: Und was ist das Unkörperliche?
33. HERMES: Geist, völlig in sich selbst beschlossen, frei von jeder
Körperlichkeit, ohne Irrtum, ohne Leiden, unberührbar, unbeweglich in sich
selbst, alles umfassend, alles errettend, befreiend, heilend; das, von dem das
Gute, die Wahrheit, der Urtyp des Geistes und der Urtyp der Seele wie Strahlen
ausgehen.
34. ASKLEPIOS: Aber was ist dann Gott?
35. HERMES: Er ist nichts von alledem, sondern die Ursache ihres Daseins und
all dessen, was es gibt, auch die Ursache jedes Geschöpfes im besonderen. Denn
Er hat absolut keinen Raum gelassen für das Nicht-Sein; alles was besteht, tritt
ins Dasein aus dem, was ist und nicht aus dem, was nicht ist; denn dem Nicht-
Sein mangelt das Vermögen des Werdens, während andererseits das Seiende
niemals zu bestehen aufhört.
36. ASKLEPIOS: Was sagst Du denn eigentlich, das Gott ist?
37. HERMES: Gott ist nicht die Vernunft, aber der Daseinsgrund derVernunft; Er
ist nicht der Atem, sondern der Daseinsgrund des Atems; Er ist nicht das Licht,
sondern der Daseinsgrund des Lichtes. Darum muß Gott mit den Namen «Das
Gute» und «Vater» verehrt werden, Namen die nur Ihm und sonstniemandem
zustehen. Denn keiner von denen, die Götter genannt werden und keiner der
Menschen und Dämonen kann auch nur in einer einzigen Hinsicht gut sein: nur
Gott allein. Er allein ist gut und niemand sonst. Alle übrigen können das Wesen
des Guten nicht erfassen. Sie sind Körper und Seele, und ihnen mangelt der
Raum, in dem dasGute wohnen könnte. Denn das Gute umfaßt das Wesentliche
aller Geschöpfe, sowohl der körperlichen als auch der unkörperlichen, sowohl
der wahrnehmbaren als auch der zur Welt der abstrakten Gedanken gehörenden.
Das ist das Gute, es ist Gott.
38. Nenne daher niemals etwas anderes gut, denn das ist gottlos. Und deute Gott
niemals anders an als das Gute, denn auch das ist gottlos.
39. Alle gebrauchen zwar das Wort «gut», aber nicht alle durchschauen, was es
ist. Darum verstehen auch alle Gott nicht und nennen die Götter und einige
Menschen in Unwissenheit gut, obwohl sie es niemals sein können oder sein
werden, da das Gute das vollkommen Unveränderliche Gottes ist und von Ihm
nicht zu trennen, weil es eben Gott selbst ist.
40. Allen anderen Göttern wird, als Unsterblichen, durch den Namen Gott Ehre
erwiesen. Aber Gott ist das Gute nicht aufgrund der Ehrerbietung sondern kraft
seines Wesens. Das Wesen Gottes und des Guten sind eins: Sie bilden zusammen
den einen Ursprung aller Geschlechter. Gut ist, wer alles gibt und nichts nimmt.
Fürwahr, Gott gibt alles und nimmt nichts. Darum ist Gott das Gute, und das
Gute ist Gott.
41. Der andere Name Gottes ist: Vater, weil Er der Schöpfer aller Dinge ist. Denn
Erschaffen ist das Merkmal des Vaters.
42. Darum auch ist im Leben jener, deren Bewußtsein recht gerichtet ist, das zur
Geburt bringen des Sohnes eine Sache des größten Ernstes und Eifers und der
tiefsten Anhänglichkeit an Gott, während es das größte Unglück und die größte
Sünde ist, wenn jemand ohne diese Kindschaft stirbt und nach dem Tod von den
Dämonen gerichtet wird.
43. Dieses ist die Strafe: Die Seele dieses Kinderlosen wird verurteilt zur
Annahme eines Körpers, der weder männlich noch weiblich ist, ein Urteil, das
von der Sonne ausgeht. Nimm Anteil an der Freude, Asklepios, wenn niemand
ohne die Kindschaft ist, aber umfasse mit deinem Mitleid jenen, der im Unglück
ist, denn Du weißt, welche Strafe ihn erwartet.
44. Möge das, was ich dir gesagt habe, Asklepios, dir nach Art und Umfang eine
Einleitung zur Kenntnis über das Wesen des Alls sein.
XIV

Wesen und Wirkung der Allbewegtheit

In den Kapiteln ix bis einschließlich xii durften wir die ersten dreißig Verse des fünften Buches des
Corpus Hermeticum mit Ihnen besprechen. Die übrigen Verse wollen wir im Augenblick nicht
behandeln, da wir glauben, daß der Leser anhand des bereits besprochenen Textes des fünften Buches
die Bedeutung des restlichen Textes ohne Mühe verstehen kann.

Wenden wir uns denn nun dem sechsten Buch des Hermes Trismegistos zu, dem Allgemeinen Dialog
zwischen Hermes und Asklepios.
Asklepios oder Aesculapius war im Altertum der Gott der Heilkunde. In weitem Sinn ist Äskulap
denn auch der Helfer, der Heiler. Hermes unterrichtet in dieser Rede einen Schüler, der, wie sein
Name sagt, sich berufen weiß zum Pfad des Dienstes an der Gnosis, damit er fähig werden möge,
mitzuwirken bei der Heilung der kranken Menschheit, beim Aufrichten des Gefallenen, bei der
Wiederherstellung des Zerbrochenen. Im sechsten hermetischen Buch wird Asklepios in diesem
Zusammenhang tief in das Wesen der Bewegung eingeweiht, in Ursache und Wirkung der
Allbewegtheit.
Die hermetische Philosophie beginnt, wie Sie sicher bemerkt haben, mit ihrer Beweisführung stets
von einer sehr elementaren Basis aus und steigt auf zu dem höchst Abstrakten. Wer diesen Schlüssel
gebraucht und niemals von dieser Methode abweicht, kann stets Schritt für Schritt weiter denken und
schließlich verstehen, was verstanden werden muß.
Viele haben die Gewohnheit, bei ihren Denkprozessen mit dem Abstrakten, mit dem Unbekannten
zu beginnen, um dann zu versuchen, so zum Konkreten herabzusteigen. Eine solche Denkmethode
kann niemals befriedigen und verursacht auch immer Spekulationen, Mystifikationen. So sagt zum
Beispiel der mystische Mensch oft, daß dieses oder jenes getan oder nicht getan werden müßte. Das
Warum bleibt dann meistens im Unbestimmten und bildet dadurch oft entweder die Ursache der
Verneinung oder einer autoritären Bejahung.
So wird behauptet: «Die Bibel ist Gottes Wort. Davon kann kein Tüttelchen geleugnet werden.»
Warum nun gerade die Bibel Gottes Wort sein soll, weiß jedoch niemand. Die Folge ist, daß der eine
autoritär bejaht, was der andere verneint, während ein Dritter in dieser Hinsicht völlig gleichgültig
bleibt. Mit dieser Denkmethode ist der Wahrheit in keiner Weise gedient. Unbestimmtheit, Lügen und
heftiger Streit treten an ihre Stelle. Die hermetische Denkmethode ist die einzig sichere und richtige,
weil sie dem Denken von dem Erkennbaren, dem Konkreten aus den sicheren Weg zum Abstrakten
weist. Darum wendet auch die Ur-Gnosis diese Methode immer an. Alle sich sehnenden und nach
Befreiung suchenden Menschen empfangen sie, weil sie die reinsten Ergebnisse schenkt.
Sie können dann auch an der Denkweise erkennen, ob jemand ein wirklicher Wahrheitssucher ist
oder nicht. Ein klares Vorbild hierfür war in den Niederlanden zum Beispiel Benedictus de Spinoza.
Dieser wandte zweifellos die hermetische Denkmethode an.

Wir wollen nun nach dieser Einleitung mit dem Text beginnen, dessen Anfang die Einfachheit selbst
ist: Alles, was bewegt wird, wird in etwas und durch etwas bewegt. Das, worin etwas bewegt wird, ist
größer als das, was bewegt wird. Das, was die Bewegung hervorruft, ist stärker als das, was bewegt
wird.
Nehmen Sie sich selbst als Beispiel: Ihr Körper besitzt das Vermögen, sich zu bewegen. Er bewegt
sich in einem Raum und durch einen Raum, und es gibt eine Kraft, welche die Bewegung hervorruft.
Der Raum, in dem Ihr Körper sich bewegt, ist also größer als Ihr Körper. Ferner ist die Kraft, die Ihren
Körper bewegt, größer und stärker als Ihr Körper selbst. Jeder wird das also logisch erkennen.
So muß, stellt Vers 4 fest, das, worin Ihr Körper sich bewegt und wodurch er sich bewegt, eine
völlig entgegengesetzte Natur besitzen. Auch das ist richtig, denn Ihr Körper als eine mehr oder
weniger kristallisierte Form besitzt Trägheit, Dichte. Aber der Raum, in dem Sie sich bewegen, ist sehr
fein, leicht und transparent. Und die Kraft, durch die Sie sich bewegen, besitzt dieselbe Signatur.
Darum sagt die Philosophie des Goldenen Rosenkreuzes, daß unsere Weltordnung durch Gegensätze
bewegt wird, daß unsere Weltordnung dialektisch ist. Vor Jahrtausenden wurde, wie das sechste Buch
des Corpus Hermeticum zeigt, dieselbe Idee den Wahrheitssuchern übermittelt. Wenn Sie das nun
verstehen, können wir einen Schritt weitergehen.

HERMES: Ist dieses Universum größer als jeder andere Körper?
ASKLEPIOS: Ja gewiß.

HERMES: Und ist es nicht vollkommen erfüllt, nämlich von vielenanderen großen Körpern, oder
richtiger gesagt: von allen Körpern, die es gibt?
ASKLEPIOS: So ist es.

HERMES: Das Universum ist also ein Körper. Und es ist ein Körper, der bewegt wird. Wie groß und
von welcher Art muß dann wohl der Raum sein, in dem das Universum bewegt wird? Er muß viel
größer sein als das Universum, um die fortwährende Bewegung zu ermöglichen, ohne daß das
Universum eingeklemmt und an seiner Bewegung gehindert wird.
ASKLEPIOS: Der Raum muß wirklich außergewöhnlich groß sein, Trismegistos.

HERMES: Und von welcher Art? Von entgegengesetzter Art, Asklepios. Und das Entgegengesetzte
zur Art des Körpers ist das Unkörperliche.
ASKLEPIOS: Zweifellos.

Alle Körper, die es gibt, bilden zusammen einen Körper: das Universum. Darin besitzt jeder Körper
einen Raum um sich herum und eine Kraft, durch die der Körper sich bewegen kann. Die Art des
Raums und der Kraft einerseits und die des Körpers andererseits sind einander entgegengesetzt. Alle
Körper, so kann man also folgern, die im wesentlichen zusammen einen großen Körper, ein System
bilden, besitzen diese beiden Naturen des Entgegengesetzten. Und da alle Körper, obwohl sie im
wesentlichen einen großen Körper bilden, voneinander verschieden sind, können wir feststellen, daß
eine milliardenfache Verschiedenheit der Naturen besteht und also eine unabsehbare Reihe von
Gegensätzen das ganze All bewegt. So kann die ganze Alloffenbarung als der Körper bezeichnet
werden, in dem diese zahllosen Naturen sich offenbaren.
Wir alle haben einen Körper und bewegen uns in einem Raum, einem privaten Lebensfeld, welches
also die Kraft ist,die uns bewegt. Obwohl wir als Menschen ein Lebenssystem bilden, obwohl wir zu
dem gleichen planetaren Körper gehören, kann man schwerlich behaupten, daß wir alle die gleiche
Beschaffenheit besitzen. Nein, unsere Naturen sind voneinander sehr verschieden. Eine unabsehbare
Reihe von Gegensätzen bewegt das ganze All. Man kann also, wir wiederholen es, die ganze
Alloffenbarung den Körper nennen, in dem die zahllosen menschlichen Naturen sich manifestieren.
Der immense Körper der Alloffenbarung, alle kosmischen Gebiete zusammen, werden jedoch
ebenfalls in etwas und durch etwas bewegt. Der gleichen Denkmethode folgend, muß man
unweigerlich diesen Schluß ziehen. Sie können sich also auch den enormen Raum einigermaßen
vorstellen, in dem und durch den die Alloffenbarung sich bewegt, einen Raum, der, wie wir sahen,
notwendigerweise von entgegengesetzter Natur sein muß. Daher folgert das sechste hermetische Buch
auch, daß der allumfassende Raum, in dem und durch den der Körper der Alloffenbarung bewegt
wird, das Unkörperliche ist.
Diese entgegengesetzte Natur des Alls kann in bestimmtem Maß erforscht werden, man kann sich
ihr nähern. Man muß aufgrund des Vorangegangenen schließen, daß das Stoffliche in seiner
unendlichen Verschiedenheit umringt und begrenzt wird vom Unstofflichen, dem Unkörperlichen.
Das Körperliche ist nur aus dem Unkörperlichen zu erklären. Oder mit den Worten des Hermes: Das
Erschaffene ist aus dem Unerschaffenen geworden. Und dieses Unerschaffene, das alles umschlossen
hält, durchdringt und bewegt, nennt Hermes das Göttliche oder Gott.
Das Allesumfassende dürfen Sie ebenfalls nicht so ohne weiteres als Räumlichkeit verstehen. In
unserem Lebenssystem unterscheiden wir Raum und Körper. Die milliardenfache Verschiedenheit
alles Erschaffenen wird jedoch von etwas umringt, was nicht mehr als Raum bezeichnet werden kann,
sondern nur als Kraft. Sie dürfen also nicht wie die moderne Astronomie vom unendlichen Raum
sprechen, sondern müssen sich bewußt werden, daß der Raum selbst von der Kraft umgeben wird.
Diese allumfassende Kraft ist Gott.
Die göttliche Kraft ist das Unbewegliche, das Unkennbare, das Ungreifbare und auch das
Unbegreifliche. Mit der hermetischen Denkmethode können wir zwar die Art Gottes bestimmen, und
wir können von der Art Gottes als Quell sprechen, aus dem alles hervorkommt. Sie sollten jedoch
niemals dem Irrtum verfallen, Gott im körperlichen Raum zu suchen, denn dort ist Er ganz bestimmt
nicht. In den verschiedenen kosmischen Gebieten des körperlichen Raumes können Sie höchstens das
Göttliche finden, das heißt: die Wirksamkeit der göttlichen Kraft. Aber Gott selbst ist das
allumfassende Kraftfeld, in das der große Raum gebettet ist.
Eine Wirksamkeit kann immer bezeichnet, immer bestimmt werden. Eine Wirksamkeit ist daher
auch, ganz gleich wie, immer begrenzt. Darum muß zum Schluß festgestellt werden, daß alles, was
bewegt wird, in höchstem Sinn sich nicht in etwas bewegt, das selbst bewegt wird, sondern in etwas,
das unbeweglich ist; und die bewegende Kraft selbst ist auch unbeweglich, denn sie kann keinen
Anteil an der Bewegung haben, die sie selbst verursacht. Darum sprechen wir als Nachfolger des
klassischen Rosenkreuzes auch in unserer modernen Philosophie vom Unbeweglichen Königreich.
Her-mes bringt dieses in den Versen 13 und 14 klar und deutlich zum Ausdruck:

Wenn wir nun den universellen Raum in unserem Denken erwägen, denken wir diesen nicht als
Raum, sondern als Gott; und wenn in unserem Denken der Raum als Gott erscheint, ist es kein
Raum mehr im gewöhnlichen Sinn des Wortes, sondern die wirksame Kraft Gottes, die alles
umschlossen hält. Alles, was bewegt wird, bewegt sich nicht in etwas, das selbst bewegt wird,
sondern in etwas, das unbeweglich ist; und die bewegende Kraft selbst ist auch unbeweglich, da sie
keinen Anteil an der Bewegung haben kann, die sie selbst erzeugt.

Das Göttliche kann also in der Allbewegung der Dinge sein, aber Gott selbst ist der Kraftquell, aus
dessen Unbeweglichkeit die göttliche Wirksamkeit hervorquillt. Ein wahrlich erleuchteter Schüler der
Gnosis kann sich zwar im Göttlichen offenbaren, aber Gott selbst kann er, solange er das Ende des
langen Rückweges, das gute Ende** Siehe Band I, Erstes Buch, Pymander, Vers 65., nicht erreicht hat,
nie-mals sein.
So erkennen Sie also wieder, daß es einen Arbeitsplatz gibt, einen Raum der Körper, und sich an
diesem Arbeitsplatz eine göttliche Wirksamkeit entwickeln kann. Diese Wirksamkeit kann und darf
jedoch niemals Gott genannt werden, denn Gott selbst ist für den Menschen im Unkennbaren, das
dennoch das Allumfassende ist.
Durch die hermetische Logik wissen Sie nun abstrakt, wie, was und wo Gott ist. Sie können sein
Wesen einigermaßen bestimmen, Sie können seine Wirksamkeit entdecken. Ihn selbst jedoch in seiner
tiefsten Wirklichkeit zu kennen, das ist unmöglich, solange die Sohnschaft, das gute Ende, nicht
erreicht wurde.
Darum steht in der Bibel: «Niemand hat Gott je gesehen, doch der Sohn, der im Herzen des Vaters
ist, hat Ihn uns offenbart.» Das Herz des Vaters ist die Strahlung der Liebe, der zweite Strahl des
Siebengeistes, der vom Quell ausgeht. Wer in dieser Liebe zur göttlichen Wirksamkeit erwacht, ist ein
Kind Gottes, ein Sohn Gottes. Er ist dann eine Wirksamkeit Gottes geworden. Die göttlichen Kräfte
werden in ihm frei, und es entwickelt sich eine starke Bewegtheit. Wer in dieser Wirksamkeit steht,
kennt Gott und kann Ihn auch erklären, wie Hermes Trismegistos in seinem sechsten Buch.
Wenn Sie nun diesem Gedankengang bis hierher gefolgt sind, entsteht dabei doch ein Problem, das
Asklepios, wie sich aus Vers 15 und den folgenden ergibt, auch ausdrückt. Im nächsten Kapitel wollen
wir versuchen, dieses Problem zu lösen.

Fassen wir unsere Einführung zum sechsten hermetischen Buch kurz zusammen, dann stellen wir
fest, daß der eine allumfassende, alles durchdringende Quell der Kraft, in dem alle kosmischen
Gebiete beschlossen sind, erneut bewiesen wird. Sie davon tief zu überzeugen, ist die Absicht des
sechsten Buches des Hermes Trismegistos. Es ist nicht die Absicht, eine tiefsinnige philosophische
Erklärung des Gotteswesens und der Wirksamkeit der göttlichen Kraft zu geben. Es geht nur darum,
dem Schüler, Asklepios, der sich dessen bewußt geworden ist, zu welcher erhabenen Aufgabe der
Mensch von Gott berufen ist, und der voller Hingabe den Pfad der Gnosis gehen will, zu erklären, daß
er sich mit dem Kraftquell verbinden muß.
Das unbedeutende Dasein des Menschen als unbewußtes Naturwesen auf Mutter Erde ist das
Unlogischste, was es in der Alloffenbarung gibt. Wer mit den Strahlungen des Kraftquells verbunden
ist, wird geheiligt, das heißt: geheilt werden. Und durch das Gnadenwunder seiner Genesung wird er
seinerseits ein Heiler im Dienst der Gnosis, ein gereifter Asklepios.
Das sechste hermetische Buch appelliert vor allem an Ihre Einsicht, an Ihr nach innen gerichtetes
Denken. Es verlangt nicht nur von Ihnen, daß Sie zuhören, sondern auch, daß Sie mitdenken und mit
hinabsteigen in das eigene Wesen bis dahin, wo in serener Ruhe und Stille der ewige Ruf der wahren
Lebensbestimmung des Menschen gehört und verstanden werden kann.
XV

Die Unantastbarkeit des Gottesplans

Im Lauf unserer Erwägungen sahen wir uns mit Asklepios vor ein Problem gestellt, ein
Problem, das mit voller Absicht in den Dialog zwischen Hermes und Asklepios eingefügt
wurde, um es richtig zu beleuchten. Im Vers 14 wird festgestellt, daß die Allbewegung vom
Unbeweglichen umschlossen wird:

Alles, was bewegt wird, bewegt sich nicht in etwas, das selbst bewegt wird, sondern in etwas, das
unbeweglich ist; und die bewegende Kraft selbst ist auch unbeweglich, da sie keinen Anteil an der
Bewegung haben kann, die sie selbst erzeugt.

Und nun erhebt sich in Asklepios die Frage: Aber auf welche Art werden dann die Dinge hier auf Erden
mitbewegt mit denen, welche ihre Bewegung verursachen? Denn Du hast gesagt, daß die versündigten Sphären
bewegt werden von der Sphäre der Sündelosen.

Hermes antwortet: Das ist keine Mitbewegung, sondern eine Gegenbewegung. Diese Antwort ist sehr
bestürzend, aber gleichzeitig auch tröstend. Denn was will Hermes damit sagen? Wir wollen
versuchen, das zu erforschen.
Stellen Sie sich das Universum einmal in einem absolut jungfräulichen Zustand als leer vor, so wie
es im Prolog der Genesis-Erzählung angedeutet wird: das Universum vor der Schöpfung. Diese Leere
ist jedoch nur Schein, denn das, was leer erscheint, ist ein mit Ursubstanz, mit kosmischer
Wurzelselbständigkeit angefüllter Raum. Die kosmische Wurzelselbständigkeit ist die wahre Natur
vom Anbeginn, die in dem ältesten ägyptischen Gedankengang oft als die Mutter oder als Isis
bezeichnet wird. Und wenn die Gnosis von Maria spricht, meint sie denselben Zustand der
jungfräulichen Ursubstanz.
Auf diese Urnatur nun wirken sieben Strahlen ein, die vom Unbeweglichen Königreich ausgehen,
die sieben Kräfte Gottes, des universellen Geistfeldes. Jeder der sieben Strahlen ist siebenfach in seiner
Art. Diese sieben mal sieben Strahlen bestimmen sich gegenseitig. Sie vergegenwärtigen das absolute
Leben, die absolute Liebe, die absolute Intelligenz, die absolute Harmonie, die absolute Weisheit, die
absolute Hingabe und die absolute befreiende Tat. Daß diese sieben Strahlen sich gegenseitig
bestimmen und in jedem Strahl die sechs anderen also auch enthalten sind, können Sie leicht
feststellen, wenn Sie bedenken, daß in jeder Tat Leben, Liebe, Intelligenz, Harmonie, Weisheit und
Hingabe vorhanden sein müssen, soll sie befreiend wirken.
Sobald nun die sieben Strahlen, die von dem Unbeweglichen, dem Festen, dem Unantastbaren
ausgehen, in die Urnatur, in die universelle Mutter Isis eintreten, entsteht in der Urnatur eine
Bewegung, eine Wirksamkeit. Diese Bewegung ist immer ein Mitbewegen. Die Urnatur beweist dann
nämlich durch das aus ihr Entstehende, was in der Gottheit beschlossen ist. Vom Unkennbaren aus
beweisen die sieben Strahlen in der Urnatur durch ihre Wirksamkeit und durch das, was sich aus der
Urnatur offenbart, was die Gottheit beabsichtigt. Durch das Mitbewegen wird das Göttliche also
ausgetragen und im Raum der Natur offenbart.
Wenn Sie dann weiter bedenken, daß alles Geoffenbarte aus den sieben voneinander abhängenden
göttlichen Strahlen geworden ist, dann wissen Sie, daß alles Erschaffene das Bild, das Wesen, den
Kern des Göttlichen in sich tragen muß, daß in allem Erschaffenen ein göttliches Ziel verborgen liegt;
ein Ziel, das nur durch Mitbewegen verwirklicht werden kann. Sobald es also einer Wesenheit gelingt,
sich mit dem Gottesplan, der in sieben Strahlen in ihr wirkt, mitzubewegen, wird dieser Plan in ihr
und durch sie verwirklicht.
Das ist eine gewaltige Schlußfolgerung, zu der die ägyptische Philosophie, die Philosophie des
Hermes Trismegistos uns führt. Wer im Mitbewegen steht, wer in die Mitbewegung eintritt und darin
ausharrt, wird den Gottesplan in sich und durch sich verwirklichen. Es gibt also in der ganzen
Schöpfung ein vollkommenes Mitbewegen zur absoluten Göttlichkeit.
Aber daneben besteht auch die Möglichkeit für ein vollständiges Gegenbewegen. Denn die
Möglichkeit, die Göttlichkeit zu erreichen, die dem Geschöpf geschenkt ist, schließt absolute Freiheit
ein. Sie entsteht aus der Art der einander bestimmenden sieben Strahlen. Davon zeugt auch das Wort,
das Sie alle kennen: «Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.»
Daher treten auch in der All-Offenbarung beide Wirkungen auf, das Mitbewegen und das
Gegenbewegen: die Freiheit, wirklich in das göttliche Allwerden einzutreten, um fundamental und
strukturell Kinder Gottes zu werden; und die Freiheit, sich dem zu widersetzen und so im Chaos der
entarteten Dialektik zu versinken. Sie kennen die Dialektik. Sie kennen, wenn Sie das wollen, auch die
Wirklichkeit des Lebens in der Gottheit, das Resultat der Mitbewegung. Sie kennen ebenso die
Zwischengruppe, die sich aus der Gegenbewegung und ihren Folgen löst und aufgeht im
Mitbewegen, dessen erste Folge die Transfiguration, das heißt die Wiedergutmachung der Folgen der
Gegenbewegung ist.

Die Urnatur ist also das Entwicklungsfeld, das in der Gottheit beschlossen ist. Was dahinter liegt, was
kommen wird, wenn diese Entwicklung einmal mit Erfolg gekrönt und beendet sein wird, ist eine
Frage, auf die wir in der Schule die Antwort schuldig bleiben müssen, da es völlig außerhalb unseres
Fassungsvermögens liegt.
Es wird uns in der Universellen Lehre gesagt, daß das Geschöpf berufen ist, einmal wie Gott zu
sein; aus dem Erschaffenen aufzugehen in das Unerschaffene. Oder, um die Worte der alten Chinesen
zu gebrauchen: durchzubrechen vom Etwas zum Nichts, das heißt: zum Grenzenlosen, zu dem, über
das man einfach nicht sprechen kann.
Kehren wir nun zur Gegenbewegung zurück. Sie wissen, wie entsetzlich es ist, welch ein
abscheuliches Elend, welche Verwirrung und Widernatürlichkeit die entartete Dialektik verursacht.
Und Sie kennen auch die Folgen des Gegenbewegens: die Kristallisation.
Aber es gibt einen Trost, einen großen Trost, nämlich das Wesen des Todes. Darüber müssen Sie
einmal gut nachdenken. Das Gegenbewegen entstand also durch die Freiheit des Menschen. Wenn der
Mensch sich jedoch die Freiheit zum Bewegen, zur Aktivität nimmt, dann schafft er immer Folgen.
Jede Handlung ruft entsprechende Folgen auf. Die Folge des Gegenbewegens ist der Tod. Das heißt:
das Resultat des Gegenbewegens vernichtet sich immer selbst.
Ist das nicht prächtig, ist das nicht unsagbar tröstlich? Das Gegenbewegen, die Weigerung,
freiwillig an der Verwirklichung des Gottesplans, der Grundlage unseres Daseins mitzuwirken, kann
also nicht ewig dauern, um schließlich die ganze Alloffenbarung zu erfüllen und ins Unstoffliche, ins
Unbewegliche durchzubrechen und so statisch zu werden. Stellen Sie sich einmal vor, wie entsetzlich
das wäre!
Nein, was nicht im göttlichen Zustand beschlossen liegt, was nicht vom göttlichen Zustand
ausgeht in einem harmonischen Mitbewegen, ist dermaßen unwirklich, kraftlos, so der Kristallisation
unterworfen, daß es in einem bestimmten Augenblick einstürzen muß. Dann zeigt sich unabweisbar,
daß es im Wesen nichts ist und sich selbst vernichtet.
Allein was aus dem Geist des Herrn ist, ist ewig. Wer also in der Gegenbewegung steht, wer in der
Gegenbewegung gefangen ist, erfährt so lange fortwährende Zermahlung und Tötung, bis er kraft des
in allem Erschaffenen versunkenen Göttlichen einsieht, daß Gegenbewegung kein Mitbewegen ist,
daher keine Ergebnisse hervorbringt und dessen Folgen stets zermahlen und zerbrochen werden. Der
einzige Weg der Errettung ist nur im Mitbewegen zu finden, in der harmonischen Vereinigung mit
den sieben universellen Strahlen. Man kann also im zweifachen Sinn ein Asklepios werden.
Haben Sie, Leser, schon eingesehen, daß das Gegenbewegen, das immerwährende Kämpfen gegen
sich selbst und Ihre Umgebung, kein Mitbewegen ist und daß Sie dadurch fortwährend im Elend, in
Spannungen gefangen bleiben? Wenn ja, empfinden Sie es dann nicht als intensiven Trost zu wissen,
daß ein Mensch auf dem Weg der Erfahrung einmal Einsicht erhalten und daher früher oder später in
den Tempel der Erneuerung eintreten wird, was er auch bis dahin tun mag?
Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Man kann Sie deshalb nicht zwingen, denn das verstieße
gegen das Prinzip der Freiheit und wäre ungöttlich. Aber einmal werden Sie, durch eigenes Erleben
geläutert und belehrt und quer durch viele Tötungen hin, in Freiheit aufgehen zum einen Heil, zu
Ihrer Bestimmung von Gottes wegen.

Unaufhörlich wird Ihnen gesagt, wie der Weg ist und welche Forderungen mit dem Pfad verbunden
sind. Wir würden gern damit fortfahren. Wir würden immer wieder das Licht auf die Universelle
Lehre lenken, auf den unvergänglichen, den herrlichen, den göttlichen Pfad. Aber wir können nicht
dabei bleiben, weil die Zeit drängt. Die Schule der jungen Gnosis ist nicht nur ein Institut, welches
Lehrsätze vermittelt, sondern sieist gleichzeitig und vor allem ein Lebender Körper. Dieser Lebende
Körper entwickelt sich stets weiter und ruft stets mehrdie sieben mal sieben Strahlen des göttlichen
Lichtes auf, so daß sie als ein mächtiges Feuer über dem Heiligtum brennen.
Darum können wir unter den Strahlen des Feuers nicht dabei verharren, immer zu wiederholen:
«So ist der Pfad, nun geht ihn doch bitte.» Nein, wenn Sie mit uns gehen wollen, wozu Sie Ihre volle
Freiheit haben, dann muß es ohne jede Reserve geschehen, mit allen Konsequenzen. Wenn Sie Ihre
Freiheit gebrauchen, um sich mit Händen und Füßen an die Erde zu klammern, dann bleiben Sie bei
der Erde.
Wollen Sie aber mit dem Lebenden Körper der Schule vorankommen, dann ist die Zeit dafür jetzt
gekommen. Alle diese Dinge werden mit Ihnen erwogen und besprochen, um Sie schließlich zur
Einsicht und zu tiefer Selbsterkenntnis zu führen. Sie müssen kurzfristig prüfen, was sich in Ihnen mit
Ihrer göttlichen Bestimmung mitbewegt und was sich in Ihnen gegenbewegt.

Nun können Sie, wenn Sie Forschergeist besitzen, noch fragen: «Wie ist es praktisch,
naturwissenschaftlich möglich, daß alles, was in der Gegenbewegung steht, in einem bestimmten
Augenblick vom Tod getroffen wird?» Die Antwort ist einfach, wie sich aus der Antwort des Hermes
an Asklepios zeigt:

Da die versündigten Sphären in einer Richtung fortbewegt werden, welche jener der sündelosen
Sphären entgegengesetzt ist, werden sie in dieser Gegenbewegung durch den stillstehenden
Gleichgewichtspunkt um die Widerstand bietende Sphäre herum bewegt. Der Kreislauf ist also
nichts anderes als die Bewegung um denselben Mittelpunkt herum, die von der Unbeweglichkeit
des Mittelpunktes vollkommen beherrscht wird. Die Umdrehung verhindert die Abweichung, und
indem sie die Abweichung verhindert, wird die Umdrehung beständig erhalten. So steht auch die
Gegenbewegung im Gleichgewichtspunkt still, weil sie durch die Widerstand bietende Bewegung
statisch wird.

Hermes meint damit: Wenn Sie Ihre Freiheit mißbrauchen und so der göttlichen Absicht
zuwiderhandeln, die in Unbeweglichkeit die Allbewegtheit beherrscht, dann wird der Widerstand,
den Ihre Gegenbewegung aufruft, schließlich so groß, daß Ihr Lebensresultat der Ungöttlichkeit dem
nicht gewachsen ist und vernichtet wird.
Durch das Gegenbewegen rufen Sie Widerstand auf. Die Vibration dieses Widerstandes wird stets
stärker, bis schließlich eine Verbrennung, eine Vernichtung im eigenen Wesen erfolgt. Der Widerstand
wird also nicht von der Gottheit verursacht, sondern von Ihnen selbst. Darum ist Ärger über Ihre
Schwierigkeiten auf dem Lebensweg unvernünftig, denn Sie schaffen sie sich doch selbst, wenn es
auch scheint, als ob Ihre Mitmenschen daran schuld wären. Die Gottheit streitet nicht mit Ihnen. Sie
straft oder urteilt nicht über Sie im bürgerlichen Sinn. Sie tun es selbst. Sie rufen Widerstand auf, sei es
aus der mikrokosmischen Vergangenheit, sei es im lebenden Heute, und gehen an diesen
Widerständen in einem gegebenen Augenblick zugrunde. Wenn Sie so sind, dann leben Sie nicht,
sondern erfahren eine fortwährende Tötung, die Sie fälschlicherweise als Leben bezeichnen.
Streben und wirken Sie daher, um Ihr Leben zu einem wesentlichen Mitbewegen zu
transformieren, damit Sie Gnade finden mögen in den sieben vom Logos ausstrahlenden Kräften.
Denn das eine Leben entwickelt sich nur aus dem wahrhaften Mitbewegen.
XVI

Der letzte Tod des Ichs: die freiwillige Selbstübergabe

So stellen wir Sie wiederum vor die große Entscheidung des Lebens, an den Punkt, wo die
beiden Wege, der Weg des Mitbewegens und der Weg des Gegenbewegens,
zusammentreffen.
Wer als Schüler der Geistesschule an der jungen Gnosis Teil hat, ist völlig darüber orientiert, daß
die Entwicklung der Schule als Gruppe, als Lebender Körper, als junge Gnosis, die in der universellen
Kette der Vorangegangenen aufgenommen wurde, eine sehr kraftvolle und positive Einströmung der
sieben Strahlen des Siebengeistes verursacht. Der Drang zur Mitbewegung mit den Strahlen Gottes,
mit dessen Heiligem Geist, ist also, soweit es unsere Gemeinschaft betrifft, außergewöhnlich stark
geworden. Ein Pfingstfest wird über uns erfüllt.
Aber alles das verursacht im Menschen, solange er noch in der Gegenbewegung steht, einen
äußerst großen Widerstand. Dieser Widerstand kommt dann nicht von außen zu ihm, sondern er
verursacht ihn selbst. Durch seine Lebenshaltung, durch seinen Seinszustand, entwickelt er selbst
einen stets wachsenden Widerstand mit der Folge einer anhaltenden Tötung. Dieses alles wird Ihnen
gesagt, damit Sie in möglichst kurzer Zeit ein wahrer Heiler, ein Asklepios werden. Dazu ist nun
einige Vorkenntnis über das Wesen des Alls nötig, so sagt Vers 44 unseres Textes.
Sie sind eine Zelle im Lebenden Körper der jungen Gnosis. Diese hat sich zu einem solchen
Seinszustand entwickelt, daß sie große Gnade erfährt, große Aufträge empfangen hat und große
Kräfte über sie ausgegossen werden; Aufträge, die nur dann ausgeführt werden können, und Kräfte,
auf die nur dann positiv reagiert werden kann, wenn ein vollkommenes Mitbewegen mit den sieben
Strahlen stattfindet, die von der Gottheit ausgehen, die vom Unbeweglichen Königreich zu uns
kommen.
Die junge Gnosis sind Sie! Denn Sie sind eine lebende Zelle des Körpers. Und da sich der gesamte
Körper der Gnosis nun vom Feuer dieses positiven Bewegens ergriffen zeigt, ist die Aufrechterhaltung
einer Gegenbewegung für Sie eine intensive Gefahr. Sehen Sie das gut ein, so gut, daß Sie es nicht
mehr vergessen. Wir sagten Ihnen: Die geringste Gegenbewegung erweckt einen Widerstand, weil alle
Bewegung schließlich vom Königreich Gottes umschlossen wird. Dieser Widerstand zerbricht in
einem bestimmten Moment das Resultat des Gegenbewegens.

Getrieben vom Ich, getrieben von der Natur des Todes, sind Sie oft kraft Ihres Naturzustandes damit
beschäftigt, etwas zu entwickeln. Und in dem Augenblick, da Sie die Dinge realisiert haben, gerade
dann, wenn es sich zeigt, daß Sie Ihren Traum verwirklichen können, kehren sich die Dinge in ihr
Gegenteil um, und der Tod holt Sie ein. Das, was Sie aufzubauen glaubten, wird zerbrochen. Dieser
Prozeß zeigt Ihnen, daß Sie mit Ihrer natürlichen Ausrichtung im Kreis gegangen sind, daher stets
wieder zu demselben Punkt gelangen und wieder ganz von vorn anfangen müssen.
Wenn Sie in der Gegenbewegung verharren, obwohl Sie als Zelle in einer gnostischen Schule
aufgenommen sind, in einem System also, das den Weg des Mitbewegens auf eine sehr dynamische
Weise geht, dann ist die Folge kein Prozeß mehr, der Sie zum Schluß mit leeren Händen zurückläßt,
sondern dann entwickelt sich ein Zwischenfall, eine Verbrennung und eine sehr große Beschädigung,
eine Vernichtung Ihres Seelenzustandes. Darum wird in allen heiligen Schriften stets gesagt und
gewarnt, daß Sünden wider den Heiligen Geist so schwere Folgen haben. Sie rächen sich im Gemüt
und im Verstand, im Herzheiligtum und im Hauptheiligtum.
Sie sind ein beseeltes Wesen. Sie werden durch eine bestimmte, unstoffliche Kraft bewegt. Darauf
reagiert Ihre Gemütsverfassung ebenso wie Ihr Verstand. Haupt und Herz werden angetrieben durch
das, was Sie beseelt. Steht diese Beseelung im Gegenbewegen, dann ist die Folge stets wieder: der Tod,
die Vernichtung des Ergebnisses der Gegenbewegung. Das muß die Beseelung immer wieder
entdecken, bis sie endlich beschließt, den letzten Tod zu sterben: den Tod der freiwilligen
Selbstübergabe, das Endura, die Selbstübergabe an das Mitbewegen, an den Geist Gottes und seine
sieben Strahlen, an den Plan, der die Basis der Entwicklung des Menschen ist. Geschieht das in
völliger Ichlosigkeit, dann entwickelt sich, wie Sie wissen, mit absoluter Sicherheit ein neuer
Seelenzustand. Denn der Kandidat schafft Raum für eine neue Bewegung. So wird die neue Seele
geboren, so entwickelt sich ein neuer Verstand und daraus ein unveränderliches Mitbewegen mit dem
Logos, sowie eine vollkommene Transfiguration.
Stellen Sie es sich einmal so vor: Sie treten mit der nicht wiedergeborenen Seele und Ihrem
Verstand wohlbewußt in einen gnostischen Körper ein, in eine Geistesschule, die deutlich in den
sieben Strahlen existiert. Sie sind dann mit Ihrer naturgeborenen Wesenheit in ein Strahlungsfeld von
sehr besonderer Art aufgenommen, in ein Strahlungsfeld, wie Sie es bis dahin nicht gekannt haben,
und Sie stehen in einem für Sie völlig neuen Bewegen. Nehmen wir einmal an, Sie behaupten in dieser
neuen Bewegung, in dieser Ausgießung der sieben Strahlen Ihre naturgeborene Existenz weiter. Sie
fahren damit fort, genauso zu wollen, zu fühlen, zu denken und zu handeln wie bisher, weil Sie
absolut nicht bereit sind, den letzten Tod des Ichs, im Endura, zu sterben. Dann halten Sie
entschlossen steinhart an Ihrem Ich, Ihrer gewohnten Natur, Ihrem Charakter, Ihrem Typ fest,
während Sie sich in einem Strahlungsfeld aufhalten, in dem sich große neue Kräfte offenbaren.
Wir fragen Sie: Wo wird der Widerstand, den Sie selbst verursacht haben, Sie dann zuerst treffen?
In den Folgen Ihrer Fehler, wie es in der Welt der Dialektik normal ist? Oder in der bewußt
behaupteten Ursache Ihrer Fehler? Die Antwort liegt auf der Hand: in der Ursache Ihrer Fehler, in der
Naturseele und in Ihrem Verstand. Sie werden dann gleichsam verbrannt, und in dieser Verbrennung
der Seele und dem Körper nach denaturiert. Sie verfallen dann in eine sehr große Abnormität. Und
darauf folgt schließlich ein Absinken bis weit unter den lemurischen Beginn. Wieviele dieser
psychisch Gestörten und Unzurechnungsfähigen gibt es bereits auf der Welt! Viele, unzählige von
ihnen haben mit großen geistigen Kräften jongliert und gespielt.
Daher ist es selbstverständlich, daß die Schule jetzt von einer großen Krisis spricht, von der Krisis
des Zerbrechens der sieben Siegel, wie es auch im Buch der Offenbarung erwähnt wird. Und diese
Tatsache betrifft alle Glieder des Lebenden Körpers.
Wir befinden uns als Geistesschule in einer Apokalypse, in einem Offenbarungsbrand. Aber es ist
gewiß nicht nötig, daß das Öffnen dieser sieben Siegel für ihre Schüler die Ausgießung von sieben
Plagen, sieben Schmerzen, sieben großen Leidensprozessen bedeutet, die siebenfache Vernichtung,
der die siebenfache Notordnung unterworfen ist. Im Gegenteil! In einer gnostischen
Einweihungsschule geht es darum, Sie zu heilen, Sie in einen Asklepios zu verwandeln. Aber dann ist
es auch notwendig, daß Sie ab sofort ein Mitbeweger werden und das Gegenbewegen in einem letzten
Tod, in einem Endura, unmittelbar und für immer einstellen.
Wir sind uns bewußt, daß wir Ihre Seele in diesem Augenblick mit schwierigen Dingen belasten.
Sie würden sicherlich gern etwas anderes von uns hören. Aber dieses alles wird Ihnen als eine
Vorkenntnis über das Wesen des Alls gegeben. Und damit ist Ihnen doch am meisten gedient. Darum
sagt Hermes Trismegistos im Vers 25: Du siehst doch, wie schwer die Seele belastet ist, wenn sie allein zwei
Körper tragen muß.
Alle befinden wir uns in der Bewegung. Und wir fragen Sie: woraus ist in diesem Augenblick Ihre
Bewegung zu erklären? Sie sind in Ihrem Leben sehr bewegt, Sie sind sehr geschäftig. Sie sind
fortwährend beschäftigt. Aber womit? Prüfen Sie einmal womit Sie sich so emsig beschäftigen.
Erklären Sie einmal, völlig objektiv, womit Sie sich in Bewegung halten, die Sie so ermüdet, die Ihre
Seele, Ihre Naturseele so beschwert.
Ist es ein Mitbewegen oder ein Gegenbewegen? Ist es nicht manchmal ein fortwährender Eifer im
Gegenbewegen, um dafür zu sorgen, daß Sie sich die Schwierigkeiten vom Leibe halten, damit nichts
schiefgeht? Ist es nicht so, daß Sie trotz rasender Geschäftigkeit und starker Ermüdung nichts
erreichen? Wird nicht sogar der Widerstand größer, so daß von Zeit zu Zeit plötzlich ein Stillstand
eintritt, das heißt der Tod in einer seiner Erscheinungsformen wie Erschöpfung, Verzweiflung,
Krankheit? Sind Sie nicht stets nur mit Ihren Maßnahmen beschäftigt, mit Ihrer Taktik, dem
Bestimmen Ihres Verhaltens? Aber alles zerfließt unter Ihren Händen in ein lebloses Nichts. Und Sie
fragen sich immer wieder: «Wo liegt der Fehler? Warum bleiben Schmerz und Pein, Mühen und
Aussichtslosigkeit? Warum geht es nicht anders und nicht besser? Ich habe doch alles getan, um es in
Ordnung zu bringen?»
Weil Sie in der Gegenbewegung stehenbleiben, also im Streiten, in der Allbewegung der
Gegensätze. Und wir sprechen zu Ihnen so ausführlich über die klar ersichtliche Notwendigkeit, die
logische Selbstverständlichkeit des befreienden Mitbewegens, damit Sie sich zu diesem Mitbewegen
als der großen Lebensumkehr für jeden Menschen in klarer Handlung entschließen. Augenblicklich
wird dann das Schicksal von Ihnen weichen, und Sie können Ihre Zeit und Ihre Kräfte beherrscht und
zweckmäßig gebrauchen.
Das Mitbewegen, die neue Lebenshaltung des wahren Schülers der jungen Gnosis, schenkt
Gleichheit der Vibration in der Gruppe, große innerliche Ruhe und Stille, das Verschwinden aller
Spannungen, und es erlöst von der Gefangenschaft und der Raserei der modernen Arbeitswut. Öffnen
Sie sich deshalb ganz für die Gnade des Mitbewegens, für das unaussprechliche, mächtige Heil der
sieben Strahlen des Siebengeistes, für die direkte, aktuelle Einsenkung der Ewigkeit in die Zeit: für
eine Ausgießung des Heiligen Geistes, für ein neues Pfingstfest, das an der jungen Gnosis vollzogen
wurde. Gehen Sie auf in dieser neuen Gemeinschaft des Heils.
XVII

Das Mysterium des heiligen Grals

Sobald die sieben Strahlen, die vom Unbeweglichen Königreich ausgehen, in die Urnatur eindringen,
entsteht eine Bewegung darin, so haben wir Ihnen erklärt. Diese Bewegung ist dann das Mitbewegen.
Die Urnatur beweist dann durch das, was aus ihr entsteht, was in der Gottheit beschlossen liegt. Ein
gnostischer Lebender Körper zieht also in seiner prozeßmäßigen Entwicklung in einem bestimmten
Augenblick ein neues astrales Feld um sich, welches dann direkt der Urnatur, der Mutter Isis
entstammt. Dieses Feld breitet sich danach über jenen Teil der Welt aus, in dem der betreffende
gnostische Körper vornehmlich wirkt.
Wenn nun ein solches neues gnostisches Reich mit den erforderlichen Brennpunkten darin gebildet
ist, entwickelt sich in dem Lebenden Körper ein neues Bewegen, das fortwährend an Kraft zunimmt,
denn das alles hängt mit dem Zerbrechen der sieben Siegel zusammen. Die sieben Siegel des wahren
Lebensprozesses, des wahren menschlichen Entwicklungsganges, werden zerbrochen, und die sieben
Strahlen der Gottheit beweisen sich dann unmittelbar. Die Gnosis als Mittlerin tritt dann vor der Fülle
des Heiligen Geistes zurück.
Wie im Johannes-Evangelium berichtet wird, spricht Christus zu seinen Jüngern, zu seiner Gruppe:
«Es ist gut, daß ich hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, so wird der Tröster nicht zu euch kommen;
aber wenn ich hingehe, so werde ich ihn euch senden. Aber wenn der Tröster gekommen sein wird,
den ich euch vom Vater senden werde, nämlich den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so
wird dieser von mir zeugen.»
Wenn die Gnosis als Mittlerin vor der Fülle der Ausgießung des Heiligen Geistes zurücktritt,
entsteht ein völlig neuer Zustand. Ein neues Lebensverhalten und eine neue Lebensnotwendigkeit
treten dann für alle, die von dieser Wirksamkeit betroffen sind, mit unabweisbarer Kraft in den
Vordergrund.
In Matthäus, Kapitel 24 -- wir raten Ihnen, es noch einmal nachzulesen -- wird ein solcher Zustand,
wie wir ihn jetzt erleben, beleuchtet. Der Verfasser des Matthäus-Evangeliums bemerkt dazu: «Dieses
Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß alles geschehe.»
Darüber wurde viel gelacht und höhnisch gesagt: «Ach, wie viele Generationen sind seit dem
Beginn unserer Zeitrechnung vorübergegangen, ohne daß dieses alles geschehen ist!» Die
Geschehnisse jedoch, die in Matthäus 24 angekündigt werden, sind mit dem Wohl und Wehe, mit
dem Entwicklungsgang der Gnosis verbunden. So wie die Gnosis jener Tage alle diese Dinge erfuhr
und erfahren mußte, so wird in unserer Zeit auch die Menschheit vor dieselben Entwicklungen
gestellt.
Die Bibel berichtet ebenfalls von einem Zerbrechen der sieben Siegel in negativem Sinn, nämlich
auf Menschheit und Welt bezogen. Aber diese Zerbrechung, die auch im Buch der Offenbarung
erläutert wird, lassen wir jetzt außerhalb unserer Betrachtung.
Im gleichen Zusammenhang könnte man auch noch die Frage stellen: «Was muß ich unter dem
Geschlossensein der sieben Siegel verstehen?» Die Antwort lautet: einen Zustand zeitweiliger
Neutralisation in bestimmten Gebieten der Ur-Natur, der Unbeschränktheit des Siebengeistes.
Siebenhundert Jahre lang waren in den europäischen Gebieten die direkten Einflüsse des
Siebengeistes kaum erkennbar, weil in diesem Weltteil eine solche Neutralisation stattfand. Jetzt
nehmen die Einstrahlungen des Siebengeistes in die Welt aber wieder an Kraft zu. Bei der jungen
Gnosis steigt diese Zunahme in Umfang und Wirksamkeit nahezu stündlich. Sie werden verstehen,
daß in einer gnostischen Entwicklung die Aufhebung der Neutralisation in einem bestimmten
Augenblick vollkommen sein muß, was denn auch bei der jungen Gnosis der Fall ist.
Nehmen Sie zum Beispiel das Christusdrama. Christus erscheint und erwählt seine Jünger, oder in
unserer Terminologie: Er gründet eine Gruppe. Er geht ihr auf dem Rosenkreuzgang voran. Er erklärt
den Pfad und die Forderungen des Pfades und lebt ihn auch vor. Diese Gruppe wird eine
Gemeinschaft, ein Lebender Körper, eine Ekklesia. In diesem Augenblick zieht sich Jesus der Herr als
Mittler zurück. «Es ist euch gut, daß ich hingehe», so spricht Er, «denn nach mir kommt der Tröster.»
Und dann geht Jesus der Gruppe voran ins neue Lebensfeld. Das Zurückziehen Jesu des Herrn als
Mittler ist in gewissem Sinn nur Schein: Die Gnosis geht der Gruppe ins neue Lebensfeld voran, und
dort werden sie einander wieder begegnen.
Sobald die Gnosis als Mittler, als Strahlungsfaktor zur Seite getreten ist, sich zurückgezogen hat,
tritt die Strahlung des Siebengeistes vollkommen in den Vordergrund. Unmittelbar findet dann die
Ausgießung des Heiligen Geistes statt. Es ist also keineswegs seltsam und gewiß nicht
aufsehenerregend, wenn die Gruppe der jungen Gnosis ihrerseits in der Reihe der universellen
gnostischen Kette vor den Pforten der gleichen Erfahrung wie alle Vorangegangenen steht.
Auch Sie befinden sich vor den Pforten dieses total neuen Lebenszustandes, in dem ein neues
Mysterium verborgen liegt: das Mysterium der neuen höheren Bewußtwerdung, das Mysterium der
Vergöttlichung. Es ist deshalb -- dürfen wir es noch einmal wiederholen -- eine Sache absoluter Logik,
daß Sie, nachdem Sie einige Vorkenntnis über das Wesen des Alls erlangt haben, zueinander sagen:
«Laßt uns doch verstehen, was der Siebengeist von uns will, damit auch wir uns im Obersaal
vorbereiten können.»

Die sieben Strahlen, so sagten wir ferner, fordern von Ihnen erstens das vollkommene Leben; zweitens
die vollkommene Liebe; drittens die vollkommene Intelligenz; viertens die vollkommene Harmonie;
fünftens die vollkommene Weisheit; sechstens die vollkommene Hingabe und siebtens die
vollkommene befreiende Tat. Und da diese sieben Strahlen sich gegenseitig bestimmen, ist es klar, daß
es sieben mal sieben gleich neunundvierzig Ansichten oder Strahlen gibt, denen jeder Kandidat im
neuen Mysterium entsprechen muß.
Wer den Haupttempel der Schule des Rosenkreuzes zu Haarlem betritt, entdeckt, daß diese
unabweisbare Idee in der Wand über dem Platz des Dienstes angedeutet wird durch den fünfzackigen
Stern, den Stern von Bethlehem, dem Symbol der wiedergeborenen Seele. Er wird umgeben von den
sieben mal sieben Strahlen, die vom Unbeweglichen Königreich ausgehen und die betreffende
Wesenheit zur Göttlichkeit weiterdrängen. Darum mußte in Haarlem der uralte Rosenkreuz-Tempel
nach dem Zerbrechen der sieben Siegel, worüber wir zu Ihnen sprachen, für den Tempel des Heiligen
Geistes, für das Heiligtum der Bruderschaft des heiligen Grals weichen.

Wir wollen nun versuchen, Ihnen die neunundvierzig Ansichten des heiligen Grals zu erklären, und
zwar in Verbindung mit dem, was nun von Ihnen als lebende Zelle des gnostischen Körpers erwartet
wird.
Vor allem wird vom Kandidaten eine große, tiefe Ehrlichkeit erwartet. Um der besprochenen
Gefahr der Verbrennung zu entgehen, muß er die Bereitschaft besitzen, dem wichtigsten Tod, der zu
sterben ist, entgegenzutreten, dem Tod des Ichs, dem Endura. Wer die Ursache des größten
Widerstandes im Selbst wegnimmt, wird unmittelbar der Seele nach erneuert. Und wer der Seele nach
erneuert ist, wird sofort für die Sprache des Heiligen Geistes empfänglich. Er wird Ihnen sagen, daß
Sie mit großer Ehrlichkeit und in tiefer Reinheit seine Führung annehmen müssen.
Auch wenn Sie die ganze Fülle des Geistes noch nicht verstehen können, werden Sie in Einfalt und
Reinheit der Absichten und in absoluter Ehrlichkeit niemals fehlgehen. So können Sie mit der
Offenheit und Unbefangenheit eines Kindes auf der Basis der Seelenwiedergeburt in der Heiligung
wachsen.
In einem bestimmten Moment stehen Sie mit Ihrer erneuerten Seele, in der Reinheit Ihrer
Kindschaft, vor dem Thron des heiligen Siebenlichtes. Und Sie knien vor dem ersten Strahl des
vollkommenen Lebens. Was ist das vollkommene Leben? Es ist das Leben des ursprünglichen
Menschen, das Leben der wahren Seelenmenschheit. Das vollkommene Leben ist etwas Großes,
Herrliches, etwas Unermeßliches. Es ist Ihre vollkommene, Ihre allumfassende Berufung. Sie wurden
in Ihrem Notordnungskörper in diese Todesnatur geboren, um auf dem Weg der Erfahrung der
Gegensätze zum Erwachen des Bewußtseins zu reifen und in die Vollkommenheit emporzusteigen.
Nur auf diese Weise kann Gottes Glorie offenbar werden.
Darum muß in Ihnen eine mächtige Sehnsucht, ein alles beherrschender Wunsch nach einem
wahrlich vollkommenen Leben sein, dem schließlich alles andere, was Sie besitzen und kennen,
unterworfen ist. Wenn Sie sich so in dieser mächtigen Sehnsucht nach dem vollkommenen Leben dem
ersten Strahl des Siebengeistes nähern, dann ist es gut. Dann strahlt augenblicklich der Heilige Geist
positiv ein. Dann sind Sie elementar mit dem Pfingstfeuer, mit dem allumfassenden Guten
verbunden. Und Sie werden lernen, dieses Gute, den Siebengeist, in dem Ihr Heil sich offenbaren
muß, mit dem Namen «Vater», anzusprechen. Denn Erschaffen ist das Merkmal des Vaters, sagt Hermes.

Darum auch ist im Leben jener, deren Bewußtsein recht gerichtet ist, das zur Geburt bringen des
Sohnes eine Sache des größten Ernstes und Eifers und der tiefsten Anhänglichkeit an Gott;
während es das größte Unglück und die größte Sünde ist, wenn jemand ohne diese Kindschaft
stirbt und nach dem Tod von den Dämonen gerichtet wird. Dieses ist die Strafe: Die Seele dieses
Kinderlosen wird verurteilt zur Annahme eines Körpers, der weder männlich noch weiblich ist, ein
Urteil, das von der Sonne ausgeht. Nimm Anteil an der Freude, Asklepios, wenn niemand ohne die
Kindschaft ist, aber umfasse mit deinem Mitleid jenen, der im Unglück ist, denn du weißt, welche
Strafe ihn erwartet.

Die Ägyptische Urgnosis weist Sie hier mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig läßt, auf
Ihr Lebensziel, Ihre göttliche Bestimmung hin: auf das zur Geburt bringen des Sohnes, des innerlichen
Christus, des wahren unsterblichen Menschen in Ihnen.
Wenn Sie diese Berufung negieren, verleugnen oder abweisen, wenn Sie weiter auf dem Weg der
blinden Eigenwilligkeit gehen, dann rufen Sie unabweisbar das Urteil der geistigen Sonne, des
universellen Lichtes auf. Dann wirkt seine siebenfache Strahlungskraft negativ in Ihnen, und Sie
werden jetzt und später in Haupt und Herz sowohl für die männlichen, die schöpferischen Ansichten,
als auch für die weiblichen, die offenbarenden Ansichten ihrer Heilswirksamkeit, unfaßbar, steril.
Dann müssen Sie den selbstgewählten Weg ins Dunkel, den endlos langen Weg des Leidens und des
Kummers bis zum Ende gehen.
Wenn Sie jedoch in mächtigem Heilsbegehren das vollkommene Leben umfangen, entdecken Sie,
daß der erste Strahl des Siebengeistes die große Gnade eines Kindschaftsbewußtseins, einer
Sohnschaftserfahrung in Ihnen erzeugt. Dieses Bewußtsein verbindet Sie unmittelbar und positiv mit
der beginnenden Wirksamkeit der übrigen sechs Strahlen des Heiligen Geistes. Die sechs Flammen
schlagen empor!
Im vollkommenen Leben ist Liebe. Wer in die Pforten des ersten Strahls eintritt, lernt erst wirklich,
was Liebe ist. Es ist unter anderem ein wahrhaftes Verständnis für die Naturseele in ihrem noch nicht
wiedergeborenen Zustand, ein Verständnis für das Ringen des Menschen, auch für seine Fehler, die er
in Unwissenheit begeht. Ein solcher Mensch besitzt aus Liebe Geduld, wenn nötig endlose Geduld.
Denn Sie wissen es, wenigstens in der Theorie, und lesen Sie es noch einmal nach im i. Korinther-
Brief, Vers 13: Die Liebe besitzt das Vermögen zu warten und zu überschatten, die Liebe bedeckt alle
Dinge.

Können Sie jetzt verstehen, daß ein Mensch, der den Siebengeist positiv empfängt, daß ein solcher
Sohn der Fülle auch intelligent ist? Wo wahres Verständnis, wahre Liebe und endlose Geduld
vorhanden sind, muß doch auch der Weg zu finden sein, der Weg und das Wissen nämlich, wie die
Liebe in ihrer Vollkommenheit erfüllt werden muß? Und bemerken Sie, wie selbstverständlich, wie
notwendig es ist, daß die sieben Strahlen sich ergänzen?
Haben wir, indem wir das alles aussprachen, nicht gleichzeitig in einem solchen Lebensgang eine
vollkommene Lebensharmonie und eine große, tiefe, innerliche Ruhe festgestellt? Werden die Pforten
der Weisheit für einen solchen Menschen nicht weit geöffnet sein? Und wird die Hingabe an alles
Geschaffene für ihn nicht eine Selbstverständlichkeit bedeuten? Wird das alles zusammen nicht für
eine Lebenshaltung in befreiender Tat zeugen? Dieses neue Mysterium ist für Sie aufgegangen. Es ist
wie ein Goldenes Haupt, über dem das Pfingstfeuer flammt. Was hindert Sie einzutreten? Treten Sie
dann ein in den Frieden Ihres Herrn.
XVIII

Die neuen befreienden Möglichkeiten

Gut ist, wer alles gibt und nichts nimmt. Fürwahr, Gott gibt alles und nimmt nichts. Darum ist Gott
das Gute, und das Gute ist Gott. Der andere Name Gottes ist Vater, weil Er der Schöpfer aller Dinge
ist, denn Erschaffen ist das Merkmal des Vaters.

«O, Heiliger Siebengeist, wir, die in der jungen Gnosis verbunden und zum Golgatha der Erneuerung
emporgestiegen sind, wir nähern uns Dir mit unserem ganzen Wesen und beugen uns in Demut vor
Deiner Vollkommenheit.»
So muß der Kandidat sich dem neu geoffenbarten Mysterium nähern. Wir hoffen und bitten, daß
sehr, sehr viele sich der neuen befreienden Möglichkeiten, die der suchenden Menschheit geschenkt
worden sind, bewußt und das Ziel der Arbeit der jungen Gnosis verstehen werden, nämlich alle, die
reif sind, für das Licht des neuen Tages, der jetzt für sie angebrochen ist, zu öffnen. Wir bitten
inbrünstig, daß Sie nun alles Gegenbewegen loslassen und es stets rechtzeitig erkennen, wenn es sich
Ihnen nähert.
Die Einheit, die Bruderschaft der Menschheit vom Anbeginn wurde zerschlagen, und in dem
zugespitzten Individualismus stehen wir vor den unzähligen Scherben. Alle Individualitäten bewegen
sich in einem Raum und werden von einer Kraft bewegt. Aber Raum und Kraft sind ebenfalls
individualisiert. Wenn auch Sie so sind, stehen Sie ebenfalls inmitten dieser unzähligen anderen als
ein Ich, als ein steinhartes, unzugängliches, individualisiertes Wesen, getrennt von allen anderen.
Dann sind Sie einsam geworden und in mehr als einem Sinn gefangen. Alle Einsamen und
Gefangenen werden in ihren Räumen und von ihren Kräften bewegt. Sie sind, wie Sie wissen, ganz
Bewegtheit, aber es ist die Bewegtheit der Widernatur. Sie leben nebeneinander und verstehen sich
nicht. Sie vertragen sich nicht und können es auch nicht, bis die Gnosis gesucht und gefunden wird.
Die Gnosis ist der geborene Asklepios, der Heiler, der Herr der Liebe. Die Gnosis sucht Sie auf in
Ihrer Vereinsamung und zeigt Ihnen den Weg. Wer den Weg gehen will, muß aus der Hölle der
Gegenbewegung ausbrechen und durch das Sterben des letzten Todes, des Todes der Selbstübergabe
an die Gnosis, an den Herrn der Liebe, den neuen Seelenzustand erwecken. Im gleichen Augenblick
tritt ein solcher Mensch in das neue Mysterium ein, das Mysterium des Heiligen Geistes, das
Mysterium des göttlichen Werdens, das Mysterium der Offenbarung des Sohnes.
Dieses Mysterium hat sich in der jungen Gnosis für Sie geöffnet; dieses Werden, in dem Ihnen alles
geschenkt wird, was wahrlich gut ist -- im Sinn des Besprochenen -- und in dem nichts mehr von
Ihnen genommen wird; das Werden, in dem der Vater des Alls sich selbst durch seinen Sohn in Ihnen
erzeugt.
Das einzige, ewige Heil öffnet sich vor Ihnen: Nähern Sie sich seiner Majestät. Entsteigen Sie nun
in diesem wunderbaren Leben allem irdischen Bruderkampf.
XIX

Siebtes Buch

Hermes spricht zu Tat überdasMischgefäßund die Einheit

1. HERMES: Betrachte den Ober-Baumeister, da Er die ganze Welt nicht mit den
Händen, sondern durch das Wort erschaffen hat, als die anwesende und stets
unveränderliche Wirklichkeit, als den Schöpfer aller Dinge, den Einen und
Einzigen, der alles, was ist, nach seinem Willen erschaffen hat.
2. Denn dieses ist wahrlich sein Körper, der unberührbar, unsichtbar, unmeßbar,
unteilbar und mit keinem an-deren Körper zu vergleichen ist. Denn Er ist weder
Feuer noch Wasser noch Luft noch Atem, sondern diese und alle anderen Dinge
sind aus Ihm und durch Ihn.
3. Da Er das Gute ist, wollte Er diese Opfergabe nicht sich allein weihen und die
Erde nicht für sich allein schmükken; sondern hat als Zierde dieses göttlichen
Körpers den Menschen hinabgesandt, ein sterbliches Geschöpf eines
unsterblichen Wesens. Und so wie die Erde ihre Geschöpfe durch das ewige
Leben übertrifft, so übertrifft der Mensch die Geschöpfe der Erde durch den
Verstand und den Geist.
4. Denn der Mensch besann sich auf Gottes Werke, staunte darüber und lernte
daraus den Schöpfer erkennen. Gott hat also, Tat, den Verstand allen Menschen
zugeteilt, nicht aber den Geist; nicht aus Mißgunst gegen wen auch immer, denn
Mißgunst kommt nicht aus der Höhe, sie entsteht nur hier unten in den Seelen
derer, die den Geist nicht besitzen.
5. TAT: Warum, o Vater, hat Gott den Geist nicht allen Menschen zugeteilt?
6. HERMES: Er hat gewollt, mein Sohn, daß die Geistbindung von allen Seelen
erreicht werden kann, jedoch als Preis für den Wettlauf.
7. TAT: Und wo hat Er diesen dann ausgesetzt?
8. HERMES: Er hat ein großes, mit den Kräften des Geistes gefülltes Mischgefäß
herabgesandt und einen Botschafter beauftragt, den Herzen der Menschen zu
verkünden: Taucht hinein in dieses Mischgefäß, ihr Seelen, die ihr es vermögt;
ihr, die glaubt und darauf vertraut, daß ihr aufsteigen werdet zu Ihm, der dieses
Mischgefäß herabgesandt hat; ihr, die wißt, zu welchem Ziel ihr erschaffen
wurdet.
9. Soviele dieser Verkündigung Gehör schenkten und durch Untertauchen in den
Kräften des Geistes gereinigt wurden, haben Anteil erhalten an der Gnosis, der
lebenden Kenntnis Gottes, und wurden, als sie den Geist empfangen hatten,
vollkommene Menschen.
10. Alle jedoch, die gegen die Verkündigung sündigten, indem sie ihr kein Gehör
schenkten, blieben an den Grenzen des Verstandes stehen, weil sie die Kräfte des
Geistes nicht empfangen haben und nicht wissen, zu welchem Zweck sie
erschaffen wurden und von wem.
11. Die von den Sinnen abhängigen Wahrnehmungen dieser Menschen gleichen
nahezu denen der unvernünftigen Tiere; und da ihr Charakter eine Mischung aus
Leidenschaft und Trieb ist und sie keine Bewunderung für das besitzen, was des
Überdenkens und der Besinnung wert ist, widmen sie sich den Lüsten und
Begierden des Körpers und meinen, daß der Mensch dazu ins Dasein gerufen
wurde.
12. Alle aber, die an Gottes Gaben Anteil erhielten, sind, wie alle ihre Werke
zeigen, keine Sterblichen mehr, sondern göttliche Menschen, die alles, was auf
der Erde und im Himmel und vielleicht über dem Himmel ist, mit der Geist-
Seele umfassen.
13. Alle, die sich so erhöhen, haben, indem sie das Gute betrachten, durch diese
Betrachtung den Aufenthalt hier auf Erden als Trübsal erkennen gelernt. Alle
körperlichen und unkörperlichen Dinge für verwerflich haltend, eilen sie voller
Eifer zum Einen und Einzigen.
14. Dieses, o Tat: Das Offenbarwerden der Geist-Seele, das Gestaltannehmen der
göttlichen Dinge und die Betrachtung Gottes, sind die Gaben des göttlichen
Mischgefäßes.
15. TAT: Auch ich will das Untertauchen darin erfahren, o Vater.
16. HERMES: Wenn du nicht zuerst deinen Körper haßt, mein Sohn, kannst du
dein wahres Selbst nicht lieben. Aber wenn du dein wahres Selbst liebst, wirst du
die Geist-Seele besitzen; und wenn du einmal die Geist-Seele besitzen wirst, hast
du auch an ihrer lebendigen Kenntnis teil.
17. TAT: Was meinst Du damit, Vater?
18. HERMES: Es ist unmöglich, mein Sohn, gleichzeitig den stofflichen und den
göttlichen Dingen anzuhängen. Denn da es zwei Daseinszustände gibt, nämlich
das Körperliche und das Unkörperliche, das Sterbliche und das Göttliche, mußt
du zwischen beiden wohlüberlegt wählen; denn man kann nicht beiden
gleichzeitig anhängen. Sobald die Wahl getroffen ist, beweist das Wenigerwerden
dessen, was abgewiesen wurde, sich in der wirksamen Kraft dessen, was erwählt
wurde.
19. So zeigt also die gute Wahl ihre Glorie nicht nur durch die Vergöttlichung des
Menschen, der sie traf, sondern sie beweist auch seine Anhänglichkeit und
Hingabe an Gott.
20. Die schlechte Wahl dagegen führt zum Untergang des Menschen; und ist
außerdem eine Sünde Gott gegenüber. Ebenso wie sich die Menschen bei
Umzügen mitten auf dem Weg fortbewegen und selbst zwar nichts tun, aber
doch die anderen beim Gehen behindern, so tun auch solche Menschen nichts
anderes, als auf die gleiche Art durch die Welt zu ziehen, getrieben von ihren
körperlichen Begierden.
21. Darum, o Tat, standen die Gaben, die von Gott sind, stets zu unserer
Verfügung und werden es auch immer bleiben. An uns ist es, dafür zu sorgen,
daß das, was von uns ausgeht, damit übereinstimmt und nicht dabei zurücksteht.
Denn nicht Gott ist die Ursache unserer Bosheiten, sondern wir selbst sind es, die
sie dem Guten vorziehen.
22. Siehst du ein, mein Sohn, wieviele körperliche Zustände, Dämonenscharen,
Schleier der Materie und Sternengänge wir bei unserem beschwerlichen Aufgang
zu dem Einen und Einzigen durchschreiten müssen? Denn das Gute ist nicht wie
an einer leicht durchwatbaren Stelle zu erreichen. Es ist grenzenlos und ohne
Ende und hat selbst keinen Beginn, auch wenn es uns so scheinen mag, als hätte
das Gute seinen Beginn in der Gnosis, der All-Erkenntnis Gottes.
23. Die Gnosis ist denn auch nicht der Beginn des Guten, sondern sie schenkt uns
den Beginn dessen, was wir vom Guten kennenlernen sollen.
24. Laß uns dann diesen Beginn erfassen und schleunigst unsere Durchreise
vollbringen durch alles, was unser wartet; denn schwer ist es wahrlich, das so
Vertraute und alles, was man hat, zu verlassen, um zu den uralten und ersten
Dingen zurückzukehren. Denn was sichtbar ist, schenkt Freude, das Unsichtbare
weckt jedoch Unglauben und Zweifel. Für das gewöhnliche Auge ist das Böse
wohlbekannt und offenbar, das Gute dagegen unsichtbar. Es hat weder Form
noch Gestalt. Es ist unveränderlich sich selbst gleich und deshalb allem übrigen
ungleich. Darum ist das Unkörperliche unsichtbar für den körperlichen
Menschen.
25. Daher ist das, was sich selbst gleichbleibt, das Unveränderliche, vortrefflicher
als das Veränderliche; und das Veränderliche arm im Vergleich zum
Unveränderlichen.
26. Die Einheit, das Eine und Unteilbare, der Ursprung und die Wurzel aller
Dinge, ist in allen Dingen enthalten. Es gibt nichts ohne Ursprung. Der Ursprung
jedoch, als Ausgangspunkt alles übrigen, findet seinen Ursprung nur in sich
selbst.
27. Die Zahl Eins als Ursprung schließt alle anderen Zahlen in sich ein, ohne
selbst von einer einzigen von ihnen umschlossen zu werden. Sie bringt alle
Zahlen hervor, ohne selbst durch irgendeine andere Zahl hervorgebracht zu
werden.
28. Alles, was hervorgebracht wird, ist unvollkommen und teilbar, kann
vermehrt oder vermindert werden. Das Vollkommene jedoch ist nichts von
diesem.
29. Da das, was sich vermehren kann, seine Vermehrung der Einheit entlehnt,
geht es, sobald es der Einheit keinen Platz mehr bieten kann, an seiner eigenen
Schwäche zugrunde.
30. So habe ich denn, o Tat, soweit es möglich ist, ein Bild Gottes als Beispiel
gegeben. Wenn du dich innerlich sorgfältig darin vertiefst und es mit den Augen
deines Herzens beharrlich betrachtest, wirst du, glaube es mir, mein Sohn, den
Weg zum Himmel finden; oder noch richtiger: Das Bild Gottes selbst wird dich
auf diesen Weg führen. Die innerliche Ausrichtung auf dieses Bild hat zur Folge,
daß sie jene, die mit einer solchen Hinwendung einmal begonnen haben, in ihrer
Macht gefangenhält und sie zu sich nach oben zieht wie ein Magnet das Eisen.
XX

Der Preis für den Wettlauf

Das siebte Buch des Corpus Hermeticum ist für den Menschen bestimmt, der sich in der
dialektischen Natur vollkommen festgefahren hat, sich der Aussichtslosigkeit, der
Hoffnungslosigkeit dieses Daseins durchaus bewußt geworden ist, aber genügend innerliche
Spannkraft besitzt, um aufrecht und beharrlich einen Ausweg, eine Auflösung zu suchen.
Darum wird dieser Mensch im siebten Buch Tat genannt, das ist ein zum Königtum, zum
höheren, wahren Menschentum Berufener. Ihm wird nun das göttliche Mischgefäß, der
Becher, der heilige Gral, gereicht. Wenn er bereit ist, aus diesem Becher zu trinken, wird er
die Auflösung finden, nach der sein Herz sich sehnt, wird sein großes Lebensproblem gelöst.
Wenn Sie sich, lieber Leser, ausreichend mit diesem Menschen identifizieren können, wenn Sie sich
innerlich in einem derartigen Zustand befinden, hat Ihnen das siebte hermetische Buch natürlich sehr
viel zu sagen. Denn es übermittelt eine ewige Wahrheit, die bereits vor Jahrtausenden verkündet
wurde, und zwar auf eine Art, die für uns alle höchst wichtig ist und sehr befreiend wirken kann.
Wir wollen versuchen, diese Wahrheit zu verstehen und dabei bedenken, daß dieses siebte Buch
nicht nur eine Erklärung über den heiligen Gral gibt, sondern daß durch seinen Inhalt, seinen Appell,
die Kraft des heiligen Grals, die Kraft des siebten Strahls des Siebengeistes frei wird.

Betrachte den Ober-Baumeister, da Er die ganze Welt nicht mit den Händen, sondern durch das
Wort erschaffen hat, als die anwesende und stets unveränderliche Wirklichkeit, als den Schöpfer
aller Dinge, den Einen und Einzigen, der alles, was ist, nach seinem Willen erschaffen hat.

Im Johannes-Evangelium lesen wir: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das
Wort war Gott.» Dieses Wort müssen Sie sich nicht als eine Wirksamkeit des Kehlkopfes vorstellen,
als ein gesprochenes Wort. Sie müssen es als den Logos selbst betrachten: den Logos, der außerhalb
von allem ist, der alles, was ist, umschlossen hält.
Das Wort ist für uns Menschen das Wesentlichste der Gottheit. Es ist die mächtige schöpferische
Wirksamkeit, die vom Vater ausgeht. Diese schöpferische Wirksamkeit müssen Sie als den direkten
verwirklichenden Ausdruck des göttlichen Denkvermögens sehen.
Seine Geschöpfe bedenken etwas. Und indem sie von einer Idee, einem Denkobjekt, ausgehen,
folgt dann in vielen Fällen die Handlung. Aber die Gedankenkraft Gottes ist unmittelbar schöpferisch,
verwirklichend, also Tat-erfüllend. Darum heißt es in Psalm 33: «Er sprach und es geschah. Er gebot,
und es stand.» Darum lesen wir, daß Gott, der Demiurg, die Welt nicht mit Händen, sondern durch
das Wort erschaffen hat.
Die menschliche Denkwirksamkeit, Ihre Gehirnarbeit, kann also damit nicht gemeint sein, und es
betrifft etwas ganz anderes. Wenn wir das feststellen, setzen wir Ihre Denkwirksamkeit nicht herab.
Sie haben Ihr Denkvermögen erhalten, damit Sie etwas verstehen und, dadurch geführt, einigermaßen
vernünftig handeln können. Sie müssen dafür sehr dankbar sein. Der Mensch ist tatsächlich ein
Wesen, dessen verschiedene Teile wohl zusammengehören, aber noch nicht richtig zum Ganzen
zusammengefügt sind, weil ihm ein wesentliches Element fehlt.
Der Mensch kennt eine Gefühlswirksamkeit, auf die oft eine Denkarbeit folgt und außerdem eine
Aktivität des Willens. Durch die Sprache bringt er zum Ausdruck, was sich in seinem Gefühl, seiner
Denktätigkeit und seinem Willen entwickelt. Eine Handlung ist dann das Resultat. Dieses alles betrifft
Aktivitäten menschlicher Möglichkeiten, die manchmal erfolgreich sind, aber auch allzu oft höchst
bedauernswerte Folgen haben. Doch bei dem Wort, beim Logos, wirken alle diese Ansichten, alle
diese Eigenschaften stets in direkter Einheit harmonisch zusammen und offenbaren sich in einem
vollkommenen Ergebnis. Der Logos ist eine unbegrenzte Wesenheit, mit der das menschliche Wesen
in keiner einzigen Hinsicht zu vergleichen ist.

Dieses [schöpferische Wort] ist wahrlich sein Körper, der unberührbar, unsichtbar, unmeßbar,
unteilbar und mit keinem anderen Körper zu vergleichen ist. Denn Er ist weder Feuer noch Wasser
noch Luft noch Atem, sondern diese und alle anderen Dinge sind aus Ihm und durch Ihn. Da Er
das Gute ist, wollte Er diese Opfergabe nicht sich allein weihen und die Erde nicht für sich allein
schmücken; sondern hat als Zierde dieses göttlichen Körpers den Menschen hinabgesandt, ein
sterbliches Geschöpf eines unsterblichen Wesens. Und so wie die Erde ihre Geschöpfe durch das
ewige Leben übertrifft, so übertrifft der ewige Mensch die Geschöpfe der Erde durch den Verstand
und den Geist.

Das müssen Sie gut festhalten: Der Mensch hat den Verstand und den Geist empfangen: den
Verstand, damit er den Zustand seines Gefallenseins erkennen und unter Einwirkung des
Gnosislichtes seine göttliche Berufung verstehen kann; den Geist oder Pymander aber hat er
empfangen, um sich aus dem tierischen Zustand zu einem wahrlich menschlichen Sein, zur wahren
Gotteskindschaft zu erheben. Wir wollen bei diesen beiden ganz besonders menschlichen Ansichten
etwas verweilen. Der Mensch, so sagt Hermes, wurde ein Betrachter des Wirkens Gottes; er erstaunte
darüber und lernte den Schöpfer daraus erkennen.
Sie wissen, daß die Menschheit tatsächlich von der Grundlegung dieser Welt an von Erstaunen
darüber erfüllt war und auch von Religiosität. Dieses Erstaunen erstreckt sich in alle möglichen
Richtungen. Man spricht und schreibt darüber und zeugt unaufhörlich davon. Die Philosophien, die
unaufhörlich das Erstaunen und die Geheimnisse erklären, reihen sich durch die Jahrhunderte hin
aneinander. Tausendfach sind die Experimente, um auf den Sinn des Lebens zu reagieren.
Einerseits äußert sich daher auch auf der Ebene der Natur Zufriedenheit, Frohsinn, Dankbarkeit
und Lebensfreude. Denken Sie einmal an den flämischen Autor Felix Timmermans, der vor allem am
Anfang dieses Jahrhunderts so viel Erfolg hatte; der Mann der unersättlichen Lebenslust, des guten
Essens und Trinkens. Andererseits hören wir in einer Zeit wie der unsrigen die Stimmen der
Enttäuschung, der Verzweiflung und nicht weniger des Protestes, zum Beispiel wegen der Tatsache,
daß es den Tod gibt und wegen des großen Unterschiedes der Heimsuchungen, welche die
Menschheit treffen: Verwunderung also über den Elendszustand, der hier Leben bedeutet.
Darum erhebt sich drittens auch die Stimme des Kompromisses, der Weltflucht, wie die bekannte
Redensart: «Nach dem Tod wird alles besser», oder die Stimmen der Persönlichkeitsspaltung und der
Persönlichkeitskultur: «Wenn Sie sich nur genügend kultivieren, kommt alles in Ordnung.»
Viertens kennen Sie auch die Stimmen der Entartung und des hoffnungslosen Gefasels und
Geschwätzes. Diese Verschiedenheit, dieser Wirrwarr der Stimmen, die Sie so gut kennen, sind
ebensoviele Beweise einer nicht erleuchteten Verstandeswirksamkeit.
Welchem Umstand ist denn die Schuld dieser immensen, dieser so schädlichen und
hoffnungslosen Begriffsverwirrung zuzuschreiben? Darauf gibt Hermes eine deutliche Antwort:

Den Verstand hat Gott allen Menschen zugeteilt, nicht aber den Geist.

Nicht alle Menschen verfügen über Pymander, den Geist. Daher bleiben alle, die den Geist nicht
besitzen, im Chaos des Erstaunens stehen. Ein Erstaunen folgt dem anderen, und so verharrt die
Masse in hoffnungsloser Begriffsverwirrung. Was kann ein Mensch ohne Pymander anderes zeigen
als nicht begreifendes Erstaunen?
Warum, so kann man fragen, wird der Geist, wird Pymander dann dem größten Teil der
Menschheit vorenthalten? Warum empfingen nicht alle Menschen den Geist? Pymander wird keinem
einzigen Menschen vorenthalten! Es heißt doch deutlich:

Gott hat gewollt, daß die Geistbindung von allen Seelen erreicht werden kann, jedoch als Preis für
den Wettlauf.

Darum haben wir die Legende über das Paradies Gottes. In der Mitte der reinen, ursprünglichen
Schöpfung, in der Mitte des Paradieses, stand, als ein Baum des Lebens, der Preis der Seelen:
Pymander, der heiligende Geist.
Erkennen Sie die Situation. Der Geistfunkenträger, der Mensch mit dem Rosenherzen, stellt als
solcher die potentielle Kindschaft Gottes dar, das einpolig im Menschen ruhende, latente Vermögen
zum höheren Erwachen.
Sobald der Rosenbesitzer sich, seiner Natur nach sterblich und seiner Berufung nach unsterblich,
im Leben wiederfindet, muß zuerst Erstaunen in ihm sein: «Warum bin ich im Leben, wozu bin ich
hier?» Diesem Erstaunen folgt Anbetung. Denn auf das «warum bin ich in diesem Leben?» reagiert
unmittelbar das Uratom, das Rosenherz. Eine Radiation strömt durch das ganze Wesen, die Stimme
spricht.
So erhebt sich die Antwort im Bewußtsein: «Du bist hier in diesem sterblichen Leben, um dir
deiner hohen göttlichen Berufung, des Rufes zur Unsterblichkeit bewußt zu werden und dich
vollkommen dieser hohen Berufung als Rosenseele zu weihen, dich dem Preis des Wettlaufs, dem
Preis der Seelen, Pymander, zu widmen.»
Die latent in Ihnen liegende Saat Gottes, das Samenkorn Jesu, das Rosenherz, das Uratom,
empfängt dann das positive Element. Dieses schlägt nach innen; das Maria- oder Isis-Prinzip
empfängt dann das Heilige Geist- oder das Osiris-Prinzip, und so wird der Sohn der Gottheit geboren.

Alle jedoch, so fährt Hermes fort, die das Erstaunen des Lebens nicht kennen und den Ruf des
Lichtes negieren, blieben an denGrenzen des Verstandes stehen, weil sie die Kräfte des Geistes
nicht empfangen haben und nicht wissen, zu welchem Zweck sie erschaffen wurden und von wem.
Die von den Sinnen abhängigen Wahrnehmungen dieser Menschen gleichen nahezu denen der
unvernünftigen Tiere; und da ihr Charakter eine Mischung aus Leidenschaft und Trieb ist und sie
keine Bewunderung für das besitzen, was des Überdenkens und der Besinnung wert ist, widmen
sie sich den Lüsten und Begierden des Körpers und meinen, daß der Mensch dazu ins Dasein
gerufen wurde.

Dann entstehen die Irrungen und Verwirrungen, die Verwicklungen, die Verblendungen, die
Kristallisation und das Versinken im Wüstensand. Dennoch wartet das hohe göttliche Geschenk auf
alles Versunkene, auch auf Sie, wenn Sie sich nur positiv und klar Ihrer hohen, einen Berufung weihen
wollen. Dazu müssen Sie dann zuerst einmal aufräumen. Denn Sie gehören zu jenen, die am Anfang
im Erstaunen steckenblieben, die anfänglich keine Anleitung fanden, um sich der einen Berufung
zuzuwenden. Die Jahrhunderte und auch die hinter Ihnen liegenden Lebensjahre haben denn auch
sehr viel Kristallisation in Ihrem Mikrokosmos hervorgerufen. Darum muß vieles in Ihnen verändert
und zerbrochen werden. Für Sie ist in erster Linie nötig, die Seele zur Wiedergeburt zu führen.
Daher stellt auch die junge Gnosis ihre Schüler vor die Aufgabe, sich als Naturgeborene, die mit
dem Bodensatz der Vergangenheit beladen sind, zuerst aus diesem Druck, dieser Umpanzerung zu
befreien, sich zu lösen und einen neuen Seelenzustand zu erreichen. Wenn sie den vollkommenen
Seelenzustand erreicht haben, ist auch für sie der Preis der vollkommenen Seelen da. Die Paradies-
Seele des Ursprungs ist dann wieder würdig geworden, den Preis der Seelen zu empfangen, den
Geist, das hohe göttliche Geschenk, Pymander, den heiligen Gral, im siebten Buch des Hermes das
Mischgefäß genannt. Von diesem Mischgefäß wollen wir nun sprechen.
XXI

Das heilige Mischgefäß

Zur Einleitung zitieren wir aus dem i. Johannes-Brief, Kap. 5: «Wer ist es aber, der die Welt
überwindet, wenn nicht, der da glaubt, daß Jesus Gottes Sohn ist? Dieser ist es, der
gekommen ist mit Wasser und mit Blut, Jesus Christus; nicht mit Wasser allein, sondern mit
Wasser und Blut. Und der Geist ist es, der da zeuget, denn der Geist ist die Wahrheit. Denn
drei sind, die da zeugen auf Erden: der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei
stimmen überein.»
Gleich daneben stellen wir die Verse 6 und 8 des siebten hermetischen Buches:

Gott hat gewollt, daß die Geistbindung von allen Seelen erreicht werden kann, jedoch als Preis für
den Wettlauf. Er hat ein großes, mit den Kräften des Geistes gefülltes Mischgefäß herabgesandt
und einen Botschafter beauftragt, den Herzen der Menschen zu verkünden: Taucht hinein in dieses
Mischgefäß, ihr Seelen, die ihr es vermögt; ihr, die glaubt und darauf vertraut, daß ihr aufsteigen
werdet zu Ihm, der dieses Mischgefäß herabgesandt hat; ihr, die wißt, zu welchem Ziel ihr
erschaffen wurdet.

Im Altertum diente ein becherförmiges Mischgefäß zum Mischen von Wasser und Wein. Wenn in der
Bibel über das Mischen von Wasser und Wein oder Wasser und Blut gesprochen wird, hängen solche
Erzählungen fast immer zusammen mit dem vollkommenen Selbstopfer jener, die dem großen
Befreiungswerk dienen. Das Wasser oder das Brot ist dann das Symbol für die heiligen Ätherkräfte,
der Wein oder das Blut für die heiligen astralen Kräfte, die durch das Opfer im Dienst der Befreiung
der Menschheit frei werden. Man denke zum Beispiel an die biblische Erzählung über die Hochzeit zu
Kanaan. Und als einer der Kriegsknechte Jesus unmittelbar nach seinem Sterben am Kreuz mit einem
Speer in die Seite stach, flossen Blut und Wasser aus der Wunde.
Wenn die hermetische Gnosis uns denn auch berichtet, daß Gott gewollt hat, daß die Geistbindung von
allen Seelen erreicht werden kann, jedoch als Preis für den Wettlauf; und von dem großen, himmlischen
Mischgefäß für Wasser und Wein spricht, das Gott mit den Kräften des Geistes gefüllt herabgesandt
hat, damit jene, die hineintauchen, gereinigt werden und zur früheren Glorie zurückkehren, dann
wird damit in aller Herrlichkeit die Arbeit der Bruderschaft des heiligen Grals beschrieben.
Der Preis für den Wettlauf, der Preis der Seelen, ist das Untertauchen, die Reinigung, die Taufe im
Mischgefäß für Wasser, Wein und Geist: dem heiligen Gral. Es ist ein jedem Menschen zustehendes
Vermögen; es wird niemandem vorenthalten. Es kann niemandem vorenthalten werden. Aber es kann
sich erst in einem Menschen offenbaren, wenn dieser über eine vollwertige, reine Seele verfügt. Denn
diese erschafft im Hauptheiligtum und in den sieben Gehirnhöhlen einen solchen Vibrationszustand,
daß die Radiationen des Siebengeistes positiv in die menschliche Wesenheit hineinfließen und mit
dem latenten Geistprinzip im Menschen, dem Rosenherzen, verbunden werden können. Wenn Sie
daran denken, können Sie leicht verstehen, warum man in allen Zeiten von einem Becher, einem Gral,
einer Schale, einem Becken oder einer Vase sprach, aus der das heilige Wasser strömt. Die dürstende,
vollwertig gewordene Seele labt sich an diesem Becher mit lebendem Wasser, dem lebenden Wasser
des Neuen Testamentes.

Das Suchen nach dem heiligen Gral ist sehr tief im Menschen verankert, was die fast unabsehbare
Reihe der Legenden über den heiligen Gral, über König Arthur und die Tafelrunde erklärt. Denn der
Gral ist für den naturgeborenen Menschen das fehlende Glied. Die Bruderschaft des heiligen Grals
tritt in diesem Licht deutlich in den Vordergrund; denn der Gral ist die Erfüllung. Das Rosenkreuz
bringt die Kenntnis über den Pfad. Die Vereinigung als Gruppe, um den Pfad zu gehen, lehrt die
Bruderschaft der Katharer, die Bruderschaft der Reinen. Aber die Krönung des Pfades ist der Gral.
Darum war früher, bei der vorangegangenen Bruderschaft, die letzte Einweihung in der Grotte von
Bethlehem mit diesem Krönungsfest verbunden. Der Kandidat wurde mit dem Gral verbunden. Er
trank nicht symbolisch, sondern wirklich aus dem Becher des Neuen Testamentes: Er wurde mit
seinem Pymander verbunden.
So werden Sie verstehen, daß der Dreibund des Lichtes absolut zusammenarbeiten muß: Gral,
Katharer und Kreuz mit Rosen, sie bilden eine Drei-Einheit. Das war seit der Erschaffung der Welt so,
um allen Seelen, die dafür in Betracht kommen, das eine Evangelium der Befreiung zu verkünden und
ihnen auf dem Pfad zu helfen. Darum heißt es in den Versen 8 und 9 unseres Textes:

Er hat ein großes, mit den Kräften des Geistes gefülltes Mischgefäß herabgesandt und einen
Botschafter beauftragt, den Herzen der Menschen zu verkünden: Taucht hinein in dieses
Mischgefäß, ihr, die ihr es vermögt; ihr, die glaubt und darauf vertraut, daß ihr aufsteigen werdet
zu Ihm, der dieses Mischgefäß herabgesandt hat; ihr, die wißt, zu welchem Ziel ihr erschaffen
wurdet. Soviele dieser Verkündigung Gehör schenkten und durch Untertauchen in den Kräften des
Geistes gereinigt wurden, haben Anteil erhalten an der Gnosis, der lebendigen Kenntnis Gottes
und wurden, als sie den Geist empfangen hatten, vollkommene Menschen.

Es gibt zwei Arten der Taufe: Zuerst das Untertauchen, die Reinigung, die Wiedergeburt der Seele.
Und dann: der Gral. Auch die Bibel spricht ausführlich darüber und liefert dadurch den Beweis, daß
sehr viel in diesem heiligen Buch dem Corpus Hermeticum entnommen wurde. Die Bibel unterscheidet
die Taufe der Bekehrung, der Umwendung, und die Taufe des Heiligen Geistes. Die Menschheit, die
noch völlig in der Verwunderung steht, über die wir vorher zu Ihnen sprachen, ist dadurch ganz
verwirrt.
Die Taufe ist in Kirchen und Sekten eine rein symbolische Handlung geworden. Man kennt die
Kindtaufe oder die Taufe Erwachsener, manchmal zu Hunderten gleichzeitig. Außerdem wird die
Taufe des Heiligen Geistes symbolisch nachgeahmt im heiligen Abendmahl. Symbolische
Nachahmung hat aber nicht den geringsten Sinn. Allein die Kunst ist berufen, das, was die Bibel lehrt,
symbolisch auszudrücken, also auf eine ihr eigene Art nachzusprechen. So kann der Mensch bis in
sein tiefstes Wesen getroffen und ergriffen werden von einem von der lebendigen Wahrheit
inspirierten Ausdruck der Kunst.
Unsere Abneigung gegen den modernen nichtssagenden Symbolismus gilt natürlich nicht für die
auf sehr tiefe innerliche Kenntnis fundierten symbolischen Gebräuche der Alten. Die vorangegangene
Bruderschaft kannte zum Beispiel noch keine Druckpresse, um die geschriebene Sprache gedruckt zu
verbreiten. Darum wurden für eine ganze Reihe geistiger Lehrsätze symbolische Worte und
symbolische Rituale eingesetzt, damit der suchende Mensch durch das wiederholte Hören und Sehen
ihren Sinn erkannte und so eine sich vertiefende Einsicht und positive Reaktion erlangen konnte.
Wenn man jedoch ohne innerliche Kenntnis, rein aus religiöser Überlieferung, symbolische
Handlungen unwissend und kraftlos nachahmt, wird solches Handeln zum Verderben.
Wir unterscheiden symbolisches Handeln und gnostisch-magisches Handeln. In vieler Hinsicht
sind lebende Symbolik und gnostische Magie sich gleich. Aber innerlich und später in den Resultaten
ganz gewiß nicht. Wir wollen versuchen, Ihnen die gnostisch-magische Handlung zu beschreiben.

Nehmen Sie einmal an, Sie treten als Schüler in die moderne Geistesschule ein und stehen, wie wir es
soeben erklärt haben, vor der Forderung der Bekehrung, der Umwendung, weil der universelle
Siebengeist nichts für Sie tun kann, bevor Ihr Seelenzustand nicht vollkommen rein und vollwertig
geworden ist. Die Taufe der Bekehrung ist eine innerliche Bekehrung, die Sie durch Ihren
Lebenszustand, Ihren Lebensgang beweisen müssen. In der Welt der Dialektik dreht man die Dinge
genau um. Wenn das Äußere in Ordnung ist und man das Gesicht in die richtigen Falten legen kann,
je nach dem, wie es gerade paßt, dann hält man sich für zivilisiert. Sie werden einsehen, wie dumm
das ist. Darum ist innerliche Umwendung Bedingung, und deren Wirklichkeit muß sich von selbst in
Ihrem Leben beweisen.
Wenn Sie nun wirklich die Konsequenzen Ihres Schülertums ziehen, kann es sein, daß Ihnen durch
gnostisch-magische Handlung helfender Brüder und Schwestern, sei es im Tempel oder außerhalb,
gnostische Seelenradiationen übertragen und in Ihnen befestigt werden und Ihnen so über bestimmte
tote Punkte und Schwierigkeiten hinweggeholfen wird.
Wenn Sie sich mit Hilfe der Schule auf die Taufe des heiligen Grals ganz vorbereitet und dafür
bereit gemacht haben, gilt dabei natürlich das gleiche Gesetz: Nur Verdienst fördert. Wenn Sie diesen
Zustand der Seelenreife erreicht haben, können biologisch, physisch, noch einige Hemmnisse
vorhanden sein, zum Beispiel dadurch, daß ein Organ mit interner Sekretion durch erbliche Schwäche
oder wegen einer organischen Störung natürlicher Art nicht oder noch nicht genügend reagieren
kann. Dann kann durch eine gnostisch-magische Handlung dieses Hindernis neutralisiert werden.
Weil im Lauf der Jahrhunderte immer Veränderungen im Rassenkörper auftreten, sind die
Hindernisse meistens nicht dieselben. Die Störungen, die Behinderungen waren vor siebenhundert
Jahren ganz andere als heute. Die gnostisch-magische Hilfe muß sich dementsprechend anpassen und
darf nicht alte Gebräuche anwenden, sondern muß wirksame neue Wege suchen. So kann eine
augenscheinlich einfache Handlung in solchen Fällen oft unsagbare Folgen haben.
Nun müssen Sie darauf achten, daß wir über gnostischmagische Handlung zu Ihnen sprechen und
nicht nur über magisches Handeln. Die protestantischen Kirchen und die Sekten sind von der
gnostisch-magischen Anwendung in völlig veräußerlichte symbolische Handlungen verfallen und
dadurch kraftlos geworden. Sie haben daher bestenfalls eine kulturelle und ethische Aufgabe.
Viele andere Kirchen und Gesellschaften wenden in ihren Riten und symbolischen Handlungen
jedoch ganz bestimmt Magie an: Magie, die ganz den Kirchen oder den Gruppen-äonen geweiht ist,
also deren Vorteil dient. Und da lange angewendete Magie immer ausnahmslos die Körper- und
Persönlichkeitsstruktur beeinflußt, verändert sich die interne Sekretion, das Blutbild, das
Schlangenfeuer, ja, jedes Atom.
Wenn ein Mensch sich daher jahrelang einer solchen Magie ergibt, sei es als Empfänger, sei es als
Sender, oder auch in zweifacher Hinsicht, trägt er die Kennzeichen dieser Magie und deren Folgen in
jedem einzelnen Atom und kann niemals oder erst nach langen, langen Jahren dieser Signatur
entkommen. Es wird Ihnen klar sein, daß die Schule hiermit stets rechnet. Das haben übrigens alle
vorangegangenen Bruderschaften getan, die in dieser Hinsicht sogar radikaler auftraten als die junge
gnostische Bruderschaft. Aber auch diese muß fortwährend mit diesen Faktoren rechnen. Vor allen
Dingen deshalb, weil sie aus einer so unterschiedlich zusammengesetzten Gemeinschaft gebildet
wird.
Warum muß die junge Gnosis damit rechnen? Die Antwort ist selbstverständlich: weil die
Naturäonen in ihrem Selbstbehauptungstrieb alles Mögliche tun, um die Entwicklung einer Gnosis zu
verhindern. Die Gnosis hat nur ein Ziel: Sie aus dem Becher des Heiligen Geistes trinken und nicht in
dem Becher des einen oder anderen Äons ertrinken zu lassen. Sind denn Diener der Äonen auch im
Feld der Geistesschule wirksam? Wie kann man sie erkennen, ihr Streben durchschauen, und was
muß zum Schutz des Werkes getan werden?
Wir könnten darauf, dialektisch betrachtet, ausführlich antworten und Ihnen die ganze
entsprechende Signatur darlegen. Wir könnten Ihnen erklären, wie wir gewöhnlich in notwendig
werdenden Fällen auftreten. Doch welche Folgen würde eine solche Erklärung für Sie haben? Sie
würden andere Schüler mit Argusaugen beobachten, und die Möglichkeit wäre nicht ausgeschlossen,
daß die Gruppe auseinanderfallen und in der Schule ein Schauspiel des Streites aufgeführt würde mit
vielem Für und Wider, heftiger Kritik und starken Spannungen. Den äonischen Kräften, welche die
Gnosis in ihrer Entwicklung hindern wollen, würde gerade dann sehr gut in die Hände gespielt.
Außerdem ist unter gar keinen Umständen eine Beunruhigung nötig; wenn Sie nur dem Vers 9 des
hermetischen Textes Gehör schenken:

Soviele dieser Verkündigung Gehör schenkten und durch Untertauchen in den Kräften des Geistes
gereinigt wurden, haben Anteil erhalten an der Gnosis, der lebenden Kenntnis Gottes und wurden,
als sie den Geist empfangen hatten, vollkommene Menschen.

Das ist das Rezept! Lassen Sie sich nicht von der Ausrichtung auf das eine Ziel, auf die eine Aufgabe
abhalten. Seien Sie vollkommen und unwandelbar auf dieses Ziel ausgerichtet. Solange Sie das nicht
tun, werden Sie feststellen, daß man fortwährend versucht, Sie wieder auf allerlei Wegen und mit
allerlei Mitteln erneut in das Nichtverstehen, in das ringsum herrschende Verwundern zu stürzen.
Daher das Rezept: Lassen Sie sich nicht von Ihrer Ausrichtung auf das eine Ziel, auf die eine Aufgabe
abhalten. Das ist der beste Schutz.
Gottes Sonne scheint über Gute und Böse. Es mag sein, daß Böse, also Feinde der Arbeit, auch in
den Hof der Geistesschule eindringen oder sich bereits dort befinden. Das ist an sich nicht schwierig.
Aber wo alle auf die gleiche Weise das Licht und die Kraft der Gnosis empfangen und deren
Wirkungen erfahren, werden die Resultate zeigen, wer böse ist und wer nicht, wer Nebenabsichten
verfolgt und wer nicht. Lasse sich dann niemand durch Suggestionen und Beeinflussungen von
Widersachern, wer sie auch sein mögen, aufhalten. Das Säen von Angst, Sorge und Furcht, das
Verursachen von Unruhe und Panik ist eine bekannte Methode, wozu Sie sich nicht hergeben müssen.
Seien und bleiben Sie positiv ausgerichtet. Nichts, nichts kann Sie dann stören.
Wenn Sie dann in das Gralsmysterium eintreten und die Feuertaufe empfangen durften, werden
Sie alle Widersacher in einem Augenblick von innen und außen kennen; besser als Sie sich selbst
kennen. Dann werden Sie in jeder Lage wissen, was Sie tun müssen und danach handeln.
XXII

Das Empfangen des heiligen Grals

Soviele dieser Verkündigung Gehör schenkten und durch Untertauchen in den Kräften des Geistes
gereinigt wurden, haben Anteil erhalten an der Gnosis, der lebenden Kenntnis Gottes und wurden, als
sie den Geist empfangen hatten, vollkommene Menschen.

Der Proz ---?--- end gegeißelt und gepeinigt; der Geist hält das nicht aus, kann es nicht ertragen. Und
wenn die horizontal wirksame Seelenkraft für eine Weile zum Vertikalen hinaufgezogen wird, dann
ist auch das eine Unmöglichkeit. Dann folgt ein sengender Schmerz, der Schmerz des Verbrennens.
Das Horizontale kann sein Naturwesen nicht loslassen, und das Vertikale kann in der Todesnatur
nicht heimisch werden, obwohl es das in Freiwilligkeit muß. Dieser Prozeß, dieser Kreuzgang, so faßt
dide bestimmen die Zusammensetzung und die Art der Atome, aus der die Persönlichkeit aufgebaut
ist. In dieser Transmutation wird die Seele gereinigt und wiedergeboren; eine Wiedergeburt, die vor
allem das Hauptheiligtum und seine Organstruktur beeinflußt und verändert, wodurch das Wesen für
die Ausgießung des Heiligen Geistes geöffnet wird.
Im Evangelium wird der Beginn dieser Prozedur angedeutet als: «das Zeichen des
Menschensohnes empfangen». Diese Andeutung betrifft die transmutierenden Veränderungen, die im
Hauptheiligtum stattfinden müssen, wenn ein Mensch der Ausgießung des Heiligen Geistes teilhaftig
werden will.
So wird der Kandidat auf die Begegnung mit seinem Pymander vorbereitet. So empfängt die
gereinigte Seele den Preis der vollkommenen Seelen. Erst wer den Pymander in Wirklichkeit besitzt,
ist wahrlich Mensch. Dann erst ist er dem Tierzustand entstiegen. Dann wird er, dann ist er ein
Manas, das heißt: ein Denker, der von Gott erfüllt ist.

Was ist nun eigentlich Pymander oder das Gemüt oder der Heilige Geist? Kann man den Geist, wenn
er sich offenbart hat, bestimmen? Ja, das ist möglich. Dazu mögen Ihnen die folgenden Erläuterungen
dienen.
Vom Logos gehen, wie Sie wissen, sieben Strahlen aus, sieben Wirkungen, sieben immense
Kraftströme, die das All bewegen. Mit dem Begriff «das All» ist hier die Ursubstanz gemeint. Der
ganze universelle Raum ist von Ursubstanz erfüllt. Diese und alles Leben, das daraus erwacht, wird
durch die sieben Ströme bewegt, durch die sieben Strahlen, die sieben Herren des Schicksals, wie die
klassischen Rosenkreuzer es nannten. Alle biologischen Wirkungen in der ganzen Natur,
einschließlich des tierischen Lebens, sind aus den Wirkungen dieser sieben Strahlen zu erklären.
Alles, was im gesamten dialektischen All geschieht, alles, was, wie und wann auch, sich bewegt
und entwickelt, ist einem Plan unterworfen. Alles wird erweckt und wieder zermahlen, alles geht auf,
und alles geht unter, auch das Menschenreich, das sich -- mit Ausnahme des Verstandes -- in nichts
vom Tierreich unterscheidet, alles ist einem Plan unterworfen. Dieser Plan hat die Aufgabe, in allem
biologischen Leben die Möglichkeit für eine neue Entwicklung zu wecken. Wenn diese Absicht nicht
gelingt oder noch nicht gelingen kann, dann geht das Erschaffene im gegebenen Augenblick wieder
unter, um später wieder aus dem Geburtenschoß der Ewigkeit zu erwachen und eine neue
Möglichkeit zu erhalten.
Der Plan des Logos und seines Siebengeistes betrifft also das Wecken einer neuen Möglichkeit im
Menschen. Gelingt das nicht, dann geht er unter. Dann wirkt für ihn das Gesetz: «Staub bist du, und
zu Staub wirst du wieder werden.» Dann bleibt der Mensch an die Wirkungen von Leben und Tod
gebunden.
Der Rhythmus, die Periodizität der kosmischen Tage und Nächte, der Ebbe- und Flutbewegungen
im All, wird durch die sieben Strahlen des Logos geregelt und vollzogen. Richtig verstanden, haben
die sieben Strahlen demnach eine erhebende Wirkung auf das Geschöpf. Gelingt dieser Prozeß nicht,
dann wird das Geschöpf denaturiert: «Staub bist du, und zu Staub wirst du wieder werden.» Der
animalische Mensch, der natürliche Mensch ist so konstruiert, daß er enthoben werden kann, daß er
auf die sieben Strahlen positiv reagieren kann, so daß die Denaturierung, der Tod nicht nötig wäre.
Das ist also der Preis der vollkommenen Seelen: das Überwinden des Todes. Der Lohn der
vollkommenen Seelenüberwindung, der Lohn des vollkommenen Seelenwerdens ist das Freiwerden
vom Tod.
Wenn die Seele gereinigt und regeneriert, wiedergeboren ist, und somit die Transmutation der
Persönlichkeit übereinstimmend mit der Seelengeburt verwirklicht wird, steht der Seelenmensch
selbstverständlich ebenfalls völlig anders den sieben Strahlen des Logos gegenüber.
Sobald Sie es mit dem gnostischen Licht wagen und mit dem Pfad beginnen, entwickelt sich in
Ihrem naturgeborenen Zustand, in dem Körper, den Sie jetzt besitzen, eine Transmutation, eine
atomare Veränderung, die vor allem das Herzheiligtum und das Hauptheiligtum betrifft. Ihr gesamtes
Hauptheiligtum wird auf einen positiven Empfang des Siebengeistes vorbereitet. Sobald die Seele
geboren ist, dringen die sieben Ströme des Siebengeistes in die sieben Gehirnhöhlen ein. Dadurch
empfängt die vollkommene Seele die sieben Strahlungen selbstverständlich ganz anders als der
gewöhnliche Naturmensch.

Wenn diese Strahlungen des Siebengeistes einströmen, begegnen sie im Herzen dem Uratom, der
Rose. In der Rose liegt das Bild der wahren Menschwerdung, das im Menschen ruhende latente
geistige Prinzip. Wenn die Strahlen des Siebengeistes den Menschen in der wiedergeborenen Seele
berühren, wird die Rose zum Leben erweckt. Das im Uratom gelegene Bild ist eine
Kraftlinienstruktur, das Bild der höheren, der wahren Menschwerdung.
Wenn Sie irgendeinen Plan in sich tragen, hat auch dieser Plan in Ihrer astralen Körperlichkeit eine
Kraftlinienstruktur. Und wenn man Sie dann bittet: «Erzählen Sie uns etwas von Ihrem Plan», dann
blicken Sie gleichsam nach innen in diese Kraftlinienstruktur und zeugen von Ihrem Plan. Sie folgen
allen Kraftlinien, und für Ihre Zuhörer wird dann das Bild erfaßbar.
So ist es auch mit dem Uratom, mit der Rose des Herzens. Darin liegt das Bild der wahren
Menschwerdung. Dieses Bild kann allein auferweckt werden und auferstehen, wenn der Siebengeist
durch die reif gewordene Seele im Menschen wirken, sich in ihn ergießen kann.
Die Strahlungen des Siebengeistes, die auf die sieben Gehirnhöhlen einwirken, bilden also den
Pymander, wenn wir die Wirksamkeit vom Hauptheiligtum her sehen. Und sie bilden das Gemüt, die
Kraftlinienstruktur der wahren Menschwerdung, wenn wir dabei unsere Aufmerksamkeit besonders
auf das Herzheiligtum lenken. Es ist das Bild des neuen Menschen, das Gemüt oder der Pymander des
erschaffenen Geistes. Dieser pymandrische Mensch, diese Kraftlinienstruktur, die vor dem Menschen
steht, die in ihm ist und ihn aufjagt, zieht ihn aus dem Animalischen in die Welt des lebendigen
Seelenzustandes, stellt den Mikrokosmos in eine neue Lebenswirklichkeit und unter ein neues Gesetz.
Und alle, die so in den Kräften des Geistes getauft und gereinigt wurden, werden vollkommene
Menschen und haben Anteil an der Gnosis, der lebenden Kenntnis Gottes. Sie erreichen einen neuen
Bewußtseinszustand, in dem Kenntnis ein absolutes Vermögen ist.
Dialektische Kenntnis ist ebenfalls die Folge eines Vermögens. Sie besitzen in Ihrem dialektischen,
animalischen Zustand das Vermögen zu denken, dadurch erhalten Sie mehr oder weniger Erkenntnis,
eine sehr mangelhafte, sehr relative Erkenntnis. Wenn jedoch der pymandrische Zustand Macht über
Sie erhält, wird die absolute Erkenntnis für Sie zu einem Vermögen. Dann erhalten Sie nicht mit Hilfe
eines Verstandestrainings Erkenntnis, sondern dann ist Erkenntnis ein absoluter, ein wichtiger
Bestandteil Ihres Wesens.
Die entgegengesetzte Entwicklung schildert Hermes wie folgt:

Alle jedoch, die gegen die Verkündigung sündigten, indem sie ihr kein Gehör schenkten, blieben
bei den Grenzen des Verstandes stehen, weil sie die Kräfte des Geistes nicht empfangen haben und
nicht wissen, zu welchem Zweck sie erschaffen wurden und von wem. Die von den Sinnen
abhängigen Wahrnehmungen dieser Menschen gleichen nahezu denen der unvernünftigen Tiere;
und da ihr Charakter eine Mischung von Leidenschaft und Trieb ist und sie keine Bewunderung
für das besitzen, was des Überdenkens und der Besinnung wert ist, widmen sie sich den Lüsten
und Begierden des Körpers und meinen, daß der Mensch dazu ins Dasein gerufen wurde.
Alle aber, die an Gottes Gaben Anteil erhielten, sind, wie alle ihre Werke zeigen, keine
Sterblichen mehr, sondern göttliche Menschen, die alles, was auf der Erde und im Himmel und
vielleicht über dem Himmel ist, mit der Geist-Seele erfassen. Alle, die sich so erhöhten, haben,
indem sie das Gute betrachten, durch diese Betrachtung den Aufenthalt hier auf Erden als
Trübsal erkennen gelernt. Alle körperlichen und unkörperlichen Dinge für verwerflich haltend,
eilen sie voller Eifer zum Einen und Einzigen.
Wenn der neue Zustand aus dem Heiligen Geist und durch denHeiligen Geist erreicht wurde und der
Kandidat mit seinem Pymander verbunden ist, tritt er in einen völlig neuen Lebenszustand ein. Denn:
Bewußtseinszustand ist Lebenszustand.
Wenn die sieben Strahlen des Logos auf diese positive Weise die sieben Gehirnhöhlen berühren,
auf der Grundlage des gereinigten Seelenzustandes dort eintreten und Osiris der Isis begegnet -- also
der Geist der Seele -- entsteht aus dieser Begegnung der Sohn der ewigen Fülle, der neue
Bewußtseinszustand; ein Zustand, der wohl in der Welt ist, aber nicht mehr von der Welt. Dieser
Prozeß, den wir Ihnen schildern, dieser Prozeß des Werdens und der Offenbarung des pymandrischen
Menschen, vollzieht sich in der gewöhnlichen Gestalt der Naturgeburt. Kraft seiner Naturgestalt ist
der betreffende Mensch zwar noch in der Welt, aber kraft seines pymandrischen Menschseins nicht
mehr von der Welt.
Wenn die Körper des dialektischen Menschen nur sehr locker zusammengefügt sind, die
Persönlichkeit sich also leicht spalten kann, ist ein solcher Mensch oft in den ungeeignetsten
Augenblicken mehr in der Spiegelsphäre als in der Stoffsphäre der Dialektik. Er blickt dann in das
Leben der Stoffsphäre, das ihm daher sehr unwirklich erscheint. Diese Situation tritt auch auf, wie Sie
vielleicht wissen, beim Übergang vom Wach- zum Schlafzustand.
Wenn Menschen, die derartig sensitive Eigenschaften ausgeprägt besitzen -- diese
Seelenspaltungen kommen oft bei Frauen vor -- zum ersten Mal vom gnostischen Pfad hören oder mit
dem Natur-Ich darauf reagieren, verfallen sie oft dem sicherlich sehr groben Irrtum anzunehmen, ihr
Seinszustand sei bereits der pymandrische Zustand. Sie zeigen dann Schlußfolgerungen, Handlungen
und Verhalten, die äußerst beklagenswert sind. Sie verstehen sicher, daß dieser Zustand der Ich-
Zentralität sehr gefährlich und kompliziert ist. Dieses Beispiel soll Ihnen das Folgende erklären.
Der pymandrische Seinszustand verursacht noch sehr viele Schwierigkeiten und kann absolut
nicht als Vollkommenheit bezeichnet werden. Denn in diese Phase tritt der Kandidat nicht mit einer
transfigurierten, sondern mit einer transmutierten Persönlichkeit, mit einer naturgeborenen
Persönlichkeit, die einigen Veränderungen unterworfen wurde. Transmutation geht immer der
Transfiguration voraus. In diesem Augenblick besitzt der Schüler die neue Persönlichkeit also noch
nicht, die vollkommen der Welt des neuen Seelenzustandes, dem sechsten kosmischen Gebiet
enthoben werden muß. Diese Persönlichkeit muß sich noch offenbaren, muß noch werden. Es ist nur
eine neue Seele da, ein goldenes Hochzeitskleid, welches die alte Persönlichkeit umhüllt. Das
Geistwesen ist eingetreten, so daß die Braut dem Bräutigam begegnet und also die alchimische
Hochzeit unseres Vaters, Bruder C.R.C., die Transfiguration, beginnen kann.
Versetzen Sie sich nun einmal in diesen Zustand. Der Geist ist eingedrungen. Pymander und die
Seele sind vereint, und der neugeborene Seelenmensch fühlt sich enthoben. Sein Bewußtsein umfaßt
die sieben Strahlen, und über diese sieben Strahlen vermag er sich ins All zu erheben und dahin
hinabzusteigen, wohin sein Bewußtsein ihn führen will. Er weiß sich unsterblich. Er erfährt die
Unsterblichkeit. Mit seinem Gemüt, mit seiner Geistseele erkennt und versteht er alles, was auf der
Erde, im Himmel und über dem Himmel ist. Er ergründet den großen Plan der erhabenen Gottheit.
Denn ein so Enthobener kann diesen Plan in allen Einzelheiten lesen. Er erblickt also das Gute, das
einzige, autonome Gute.
Aber in diesem Zustand weiß er sich dennoch mit einer naturgeborenen Persönlichkeit verbunden.
Er findet sich stets in der Todesnatur wieder; in einer gesellschaftlichen und sozialen Verwirrung so
grenzenlos, so dumm und entsetzlich, daß es für ihn wie eine Schlangengrube ist. Und so empfindet
er seinen Aufenthalt in der Todesnatur wie einen Schicksalsschlag. Darum weist er, entschieden und
prinzipiell wie niemals zuvor, die graue Wirklichkeit vollkommen ab. Er zieht daraus alle
Konsequenzen, um in das Eine und Einzige aufzugehen.
Sie werden verstehen, daß die Verleugnung der körperlichen und unkörperlichen Dinge sich hier auf die
Stoffsphäre und die Spiegelsphäre der Dialektik bezieht. Der flittergoldene Schein der Todesnatur
wird für den enthobenen Bruder und die enthobene Schwester ein Nichts.
In diesem Zustand der größten Herrlichkeit einerseits, und andererseits, wie ein Schlagschatten
daneben, die fürchterliche Erfahrung des Elends, die außerdem meistens in einem sehr schwachen
Körper erlebt werden muß, hat der Bruder oder die Schwester den heiligen Gral empfangen. Denn die
Ausgießung des Siebengeistes in das Hauptheiligtum und dadurch die Berührung des Gemüts ist der
Gral.
Der Gral schenkt ein Erwachen im neuen Morgen, aber gleichzeitig auch das Schauen in eine
unergründliche, schwarze Nacht. Dahinter verbirgt sich natürlich eine Absicht. In diesem Zustand,
nicht mehr von der Welt, aber dennoch in der Welt -- und wie -- kann der betreffende Bruder oder die
betreffende Schwester auf zwei Gebieten wirksam sein, auf zwei Gebieten dem Logos dienen: in der
Welt des lebenden Seelenzustandes, in den Gebieten des Goldenen Hauptes, aber auch in der
Todesnatur. Und er tut es, er bejaht es.
Das ist der heilige Gral. Das ist der göttliche Becher. Einerseits Befreiung -- andererseits
Dienstbarkeit. Dienen können durch das Befreitsein und befreit werden durch Dienstbarkeit.
Einerseits einen neuen Schmerz erfahren, in einen neuen Zustand des Schmerzes eintreten:
andererseits eine unermeßliche große Verherrlichung. Einerseits die Bitte: «Vater, wenn es möglich ist,
so laß diesen Kelch an mir vorübergehen», andererseits: «Aber nicht mein, sondern Dein Wille
geschehe», den Becher leeren bis zur Neige.
Den Kreuzgang bejahen bis zum Auferstehungsmorgen, und nach dem Auferstehungsmorgen
freiwillig, ohne Klage wieder hinabsteigen: das ist der heilige Gral. Freiheit, der Lohn der Befreiten,
wird immer im Opfer und durch das Opfer geboren.
XXIII

Der Pfad und das Opfer

Nach der Feuertaufe muß der heilige Gral angenommen und durch das Opfer erfüllt
werden, so besprachen wir im vorigen Kapitel. Das ist ein ganz neuer Opfergang, denn es
betrifft hier das große Selbstopfer des befreiten Menschen für die Todesnatur.
Nun folgt der Herzensschrei des Tat: Vater, auch ich will das Untertauchen ins göttliche Mischgefäß
erfahren. Wenn Sie ein Schüler der Geistesschule sind, ist das wahrscheinlich auch Ihr Verlangen.
Warum sollten Sie sonst das Schülertum angenommen haben?
Die Antwort des Hermes auf Tats Bitte lautet, daß dieser ebenfalls damit beginnen muß, ein Opfer
zu bringen. Der Pfad beginnt mit dem Opfer und endet mit dem Opfer. Das Opfer, das Tat bringen
muß, ist das Opfer des Natur-Ichs; das Natur-Ich ist das Ich des Körpers:

Wenn du nicht zuerst deinen Körper haßt, mein Sohn, kannst du dein wahres Selbst nicht lieben.
Aber wenn du dein wahres Selbst liebst, wirst du die Geistseele besitzen; und wenn du einmal die
Geistseele besitzen wirst, hast du auch an ihrer lebendigen Kenntnis teil.

Wahrscheinlich sehen Sie jetzt etwas vom Pfad vor sich. Er beginnt mit dem Opfer von unten nach
oben, und er endet mit dem Opfer von oben nach unten. Das erste Opfer ist das dialektische
Selbstopfer; das zweite das himmlische Selbstopfer. Beide Opfer können nur durch die Liebe gebracht
werden. Die Selbstübergabe, worüber die Mysterienschule fortwährend zu ihren Schülern spricht,
kann nur durch eine maßlose Liebe für das befreiende Leben vollbracht werden und durch die sich
daran anschließende Einsicht, daß der Schlüssel zum neuen Leben im eigenen Selbst verborgen liegt;
denn das neue Leben ist der Preis des vollkommenen Seelenzustandes.
Viele finden den Pfad der Gnosis höchst interessant und sehr begehrenswert, weil alle bereits
betretenen Wege negative Resultate hatten und alle Resultate das Elend der Todesnatur nicht
hinwegnahmen. Aber Interesse und Begehren bringen den Menschen keinen Schritt weiter auf dem
Pfad der Befreiung. Beide sind Äußerungen des Natur-Ichs, des Körpers, der sich in Schwierigkeiten
befindet und eine Lösung sucht. Im Grunde genommen jedoch hält man die Selbstübergabe, die Ich-
Verleugnung für das größte Elend, das schrecklichste Unglück und das sonderbarste Geschehen. Das
biblische Wort: «Wer sein Leben verlieren will um meinetwillen, der wird es finden», hält man für das
sonderbarste Wort, das jemals zum naturgeborenen Menschen gesprochen wurde.
Schüler der Schule reden so sehr viel über Selbstübergabe, und Worte wie Ichlosigkeit und Ich-
Ersterbung werden in Gesprächen oft gebraucht. Aber gerade das ist das Schwierigste, was von einem
naturgeborenen Menschen verlangt werden kann. Wenn Sie den Pfad der Gnosis gehen wollen,
werden Sie mit einem Mal vor das Schwierigste gestellt. Und Sie können dieses für den
naturgeborenen Menschen so merkwürdige Wort nur durch Liebe verstehen. Denn die Liebe ist zum
Opfer bereit; wenn die Liebe groß genug ist, zu jedem Opfer, wenn es sein muß. Dann wird das Opfer
eine Selbstverständlichkeit, ein Nichtanderskönnen, dann fällt das Opfer leicht und wirkt es auch stets
befreiend.
Ihre Ausrichtung wird immer von der Liebe bestimmt. Was Sie lieben, vergessen Sie nicht, weder
am Tage noch in der Nacht. Das erklärt die Tatsache, daß so viele manchmal die einfachsten
Richtlinien des Pfades vollkommen vergessen. In den Augenblicken, in denen sie benötigt werden,
manchmal in den wichtigsten Lebensmomenten, werden sie vergessen. Sie zeigen damit, daß sie die
Liebe zum Pfad noch nicht oder noch nicht genügend besitzen und die Möglichkeit zur Entwicklung
einer solchen Liebe durch eine völlig falsche Lebensauffassung verdrängen. Solche Schüler versuchen,
mit dem Natur-Ich den grundlegenden Richtlinien der Schule zu folgen. Sie hören und lesen, was der
Pfad von ihnen fordert und wollen diesen Forderungen mit dem Natur-Ich entsprechen.
Als Resultat entstehen dann immer ausnahmslos im eigenen Selbst große Spannungen. Was
verdrängt wird, weckt Spannungen, die sich wie ein Unwetter zur gegebenen Zeit entladen müssen.
Wenn die Ausbrüche des Natur-Ichs, die vulkanischen Eruptionen ähneln, dann auch scheinbar auf
eine steinharte Ich-Zentralität hinweisen, so ist die Ursache in der Tatsache zu suchen, daß die
wirkliche Liebe zum Pfad noch nicht erwacht ist. Man hat versucht, mit dem Ich diesen Pfad zu
gehen.
Wenn jedoch jemand versucht, mit seinem Naturwesen den Pfad zu betreten und ein ernsthafter
Schüler zu sein, ist das keine Selbstübergabe, sondern Selbstverdrängung. Und Selbstverdrängung
rächt sich zu seiner Zeit. Dann tut der Mensch seltsame Dinge in seinem Leben: In dem einen
Augenblick ist er vollkommen dabei, im nächsten Augenblick absolut nicht. Darauf weist auch Vers
18 des siebten Buches hin, in dem Hermes zu Tat sagt: Es ist unmöglich, mein Sohn, gleichzeitig den
stofflichen und den göttlichen Dingen anzuhängen; nicht dem Körperlichen und dem Unkörperlichen;
nicht dem Sterblichen und dem Unsterblichen. Du mußt zwischen beiden wohlüberlegt wählen, denn man
kann nicht beiden gleichzeitig anhängen.
Wenn aber die Wahl getroffen ist, müssen daraus auch alle Konsequenzen gezogen werden. Beides
gleichzeitig ist absolut unmöglich. Darum sagt auch die Bergpredigt: «Man kann nicht Gott dienen
und dem Mammon.» Sie müssen wählen! Und dann beweist das Wenigerwerden dessen, was abgewiesen
wurde, sich in der wirksamen Kraft dessen, was erwählt wurde. So zeigt also die gute Wahl ihre Glorie durch die
Vergöttlichung des Menschen, der sie traf.

Nun aber entsteht ein Problem, das in all den Jahren sehr viele Schüler auf alle möglichen Arten zum
Ausdruck brachten: «Wie weiß ich es aber, ob ich den Pfad nun genügend liebe? Wie weiß ich, ob ich
nicht eines Tages vor einer bitteren Enttäuschung stehe? Was muß ich in dieser oder jener Lage tun,
und was muß ich lassen?»
Hermes antwortet darauf:
Die gute Wahl beweist auch seine Anhänglichkeit und Hingabe an Gott. Wer sich spontan in
liebevoller Übergabe der Gnosis und dem Pfad schenkt, wird wie mit Blitzesschnelle stets die
Art, wie der Pfad gegangen werden muß, vor sich sehen. Wer darauf achtet, wird unaufhörlich
Anweisungen empfangen und in nichts irren, in nichts versagen.
Die schlechte Wahl dagegen führt zum Untergang des Menschen; und ist außerdem eine Sünde
Gott gegenüber. Ebenso wie sich die Menschen bei Umzügen mitten auf dem Weg fortbewegen
und selbst zwar nichts zu tun brauchen, aber doch die anderen beim Gehen behindern, so tun
auch solche Menschen nichts anderes, als auf die gleiche Art durch die Welt zu ziehen,
getrieben von ihren körperlichen Begierden. Darum, o Tat, standen die Gaben, die von Gott
sind, stets zu unserer Verfügung und werden es auch immer bleiben. An uns ist es, dafür zu
sorgen, daß das, was von uns ausgeht, damit übereinstimmt und nicht dabei zurücksteht. Denn
nicht Gott ist die Ursache unserer Bosheiten, sondern wir selbst sind es, die sie dem Guten
vorziehen.

Hören Sie auf Hermes' Rat:

Das Gute ist nicht wie an einer leicht durchwatbaren Stelle zu erreichen. Es ist grenzenlos und ohne
Ende und hat selbst keinen Beginn, auch wenn es uns so scheinen mag, als hätte das Gute seinen
Beginn in der Gnosis, der All-Erkenntnis Gottes. Die Gnosis ist denn auch nicht der Beginn des
Guten, sondern sie schenkt uns den Beginn dessen, was wir vom Guten kennenlernen sollen. Laßt
uns dann diesen Beginn erfassen und schleunigst unsere Durchreise vollbringen durch alles, was
unser wartet.

Warum schleunigst? Denn schwer ist es wahrlich, das so Vertraute und alles, was man hat, zu verlassen, um
zu den uralten und ersten Dingen zurückzukehren. Was das betrifft, gibt es keine Ausnahme, denn:

Was sichtbar ist, schenkt Freude, das Unsichtbare weckt jedoch Unglauben und Zweifel. Für das
gewöhnliche Auge ist das Böse wohlbekannt und offenbar, das Gute dagegen unsichtbar. Es hat
weder Form noch Gestalt. Es ist unveränderlich sich selbst gleich und deshalb allem übrigen
ungleich. Darum ist das Unkörperliche unsichtbar für den körperlichen Menschen. Daher ist das,
was sich selbst gleichbleibt, das Unveränderliche, vortrefflicher als das Veränderliche; und das
Veränderliche arm im Vergleich zum Unveränderlichen.

Wenn Sie die Liebe zur Gnosis, die Liebe zum Pfad in Ihrem Herzen fühlen, wenn Sie die Liebe zum
Erwachen gedrängt haben, laßt uns dann diesen Beginn erfassen und schleunigst unsere Durchreise
vollbringen durch alles, was unser wartet.
Wenn Sie dieses Rezept annehmen, müssen Sie noch besonders auf die Bedeutung des Inhaltes des
Verses 22 achten:

Siehst du ein, mein Sohn, wieviele körperliche Zustände, Dämonenscharen, Schleier der Materie
und Sternengänge wir bei unserem beschwerlichen Aufgang zu dem Einen und Einzigen
durchschreiten müssen?

Hermes weist hier mit diesen wenigen Worten auf den unermeßlichen Weg hin, der sich nach der
definitiven Umwendung zum Licht vor dem Menschen ausdehnt. Nach kleinmenschlichen
Maßstäben, in den Begriffen der zeiträumlichen Ordnung, ist dieser Weg nahezu endlos. Aber im
Licht der Gnosis, im Bewußtsein der Ewigkeit, ist er ein strahlender Aufgang in die Wirklichkeit des
befreienden Lebens. In einer sich stets fortsetzenden Transfiguration, in einer ununterbrochenen
Lebenserhebung in Reinheit, Licht und göttlicher Macht erhebt sich der pymandrische Mensch durch
alle Zustände der Materie hin aufwärts, indem er sich in stets feinerer und zarterer Körperlichkeit
offenbart. Bei diesem Aufgang der Verherrlichung, auf dem Weg der Sterne, entwächst er allen
äonischen Einflüssen, die ihn einst und so unendlich lange gefangenhielten.
Lang, sehr lang ist dieser Weg zurück zur Einheit, zurück durch die sieben kosmischen Gebiete bis
in die höchste Hitzesphäre. Aber es ist ein Aufstieg von Kraft zu Kraft, von Herrlichkeit zu
Herrlichkeit, ein Weg wahrhaft schmerzenthobenen Lebens in der Glückseligkeit der
wiederhergestellten, vollkommenen Harmonie mit dem All-Vater, in höchster, vollkommener
Dienstbarkeit, als ein wahrer Gottessohn, der übereinstimmend mit seiner Berufung in froher
Freiwilligkeit den Willen des Vaters erfüllt, zum Nutzen der ganzen Schöpfung und zur
Verherrlichung des Namens seines Schöpfers.
Wer dieses Bild des von Gott beabsichtigten menschlichen Entwicklungsweges innerlich als
lebenweckende Wirklichkeit erkennt, wird in großer Freude und Dankbarkeit das befreiende Wort
Christi in sein Leben ziehen: «Wer sein Leben um meinetwillen» (sein Leben der Gefallenheit um der
Gnosis willen) «verlieren will, wird es» (wird in ihr und durch sie einen Aufgang bis in die Einheit des
Lebens) «finden».
XXIV

Die Rückkehr zur Einheit

Das siebte Buch des Corpus Hermeticum wurde im siebten Monat des Jupiter-Jahres** Die in
diesem Buch aufgenommenen Ansprachen wurden im Jahr 1957 gehalten, einem Jupiter-
Jahr, das durch die Zahl 3 (5 + 7 = 12; 1 + 2 = 3) symbolisiert wird. Das bedeutet, daß im Lauf
des genannten Jahres die Wirksamkeit des Heiligen Siebengeistes Welt und Menschheit stets
stärker und intensiver angegriffen hat: entweder zur Auferstehung oder zum Fall.der jungen
Gnosis nahegebracht. Und so fuhr die Philosophie der Ur-Gnosis in den noch so jungen
lebenden Körper der Schule. Und Sie verstehen vielleicht: Das hatte unsagbare Folgen. Denn
das Bild, das Ihnen gezeigt wird, hat -- wie auch das siebte Buch bezeugt -- die besondere
Eigenschaft, jene in seiner Macht gefangen zu halten und sie zu sich hinaufzuziehen wie ein
Magnet das Eisen, die sich sorgfältig darin vertiefen und mit den Augen des Herzens
beharrlich betrachten.
Wir wollen Ihnen deutlich zeigen, daß Sie, falls Sie das Vorangegangene mit einem für die Gnosis
geöffneten Herzen empfangen haben, wieder einmal mit den Heilswerken der universellen Gnosis
verbunden wurden, die zweifellos, je nach Ihren weiteren Reaktionen, zu einer Auferstehung oder zu
einem Fall in Ihnen wirken werden. Die Absicht ist natürlich, Sie unlöslich mit dem großen Ziel der
Gnosis zu verbinden.
Wenn Sie wirklich ein Tat sind, ist es gut, sich in all das innerlich sorgfältig zu vertiefen und es mit
den Augen des Herzens beharrlich zu betrachten. Denn im Herzen muß das große Werk beginnen.
Dort muß die Liebe zum Pfad erwachen, dort muß die Rosenknospe ihre Kelchblätter entfalten. Wer
damit beginnt und durchhält, wird zweifellos auf den Weg zum Himmel geführt.
Wenn Sie wahrhaft aus diesem einen Beginn leben, treten Sie unmittelbar in die göttliche Einheit
ein. Das ist ein großes Geheimnis. Es ist ein Mysterium, das Hermes Sie zum Schluß noch verstehen
lassen will und auf das wir in den folgenden Kapiteln noch zurückkommen werden: das Teilhaben an
der Einheit Gottes. Jetzt wollen wir versuchen, Ihnen in Kürze davon ein Bild zu vermitteln. Dazu
müssen Sie die Bedeutung des Verses 26 gut in sich aufnehmen:

Die Einheit, das Eine und Unteilbare, der Ursprung und die Wurzel aller Dinge, ist in allen Dingen
enthalten.

Die Einheit Gottes ist die Existenz Gottes, die Offenbarung Gottes in seinem Siebengeist. Die Einheit
ist allgegenwärtig. Es gibt keinen Ort im ganzen Raum, wo die Einheit nicht zu finden wäre. Wer nach
dem Preis der vollkommenen Seelen jagt, tritt zweifellos in die Einheit ein und erhält Anteil daran.
Die Einheit, das Einswerden mit dem Logos, ist dann für den Betreffenden der Beginn, der kein Ende
hat.
Empfinden Sie, daß es ein völlig neuer Beginn ist, wohl zu unterscheiden von jedem anderen
Beginn? Für diesen mächtigen Beginn, der die Ewigkeit ist, sind Sie geboren. Dazu haben Sie Ihren
Notordnungskörper empfangen.
Ihre Naturgeburt, Ihre Notordnungsgestalt, ist auch aus dem Siebengeist zu erklären, wie wir
bereits vorher dargelegt haben. Wenn diese Naturgestalt geworden ist, wenn die Persönlichkeit
ausgewachsen ist, gewachsen den Zwecken des Plans entsprechend, dann muß in einem gegebenen
Moment das, was in dieser Notordnungsgestalt lebt, zurückkehren zur ursprünglichen Einheit Gottes.
Das liegt Ihrem ganzen Leben zugrunde. Dazu sind Sie hierhergekommen, um im richtigen
Zeitpunkt die Initiative zu ergreifen, die Praxis für Ihre Rückkehr zum Ur-Beginn auszuüben. Tun Sie
das nicht, kehren Sie nicht zu diesem Beginn zurück, können Sie der Einheit keinen Platz mehr in sich
bieten, dann gehen Sie an Ihrer eigenen Schwäche zugrunde. Der Tod ist dann die Folge der
schlechten Wahl.
Die Einheit Gottes ist der Beginn von allem. Wenn Sie durch die Gnadenwirkung der Einheit
Gottes genügend gereift sind, gehen Sie dann bewußt zum Beginn zurück, dann hat dieser Beginn für
Sie kein Ende mehr. Dieser Beginn ohne Ende, dieser Anfang des «Ariadne-Fadens», den Sie erfassen
können, ist der Beginn der klassischen Alchimie der Rosenkreuzer.
Sie lehrt das Weitergehen in Transfiguration von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, weil Sie dann als
Unvollkommene in die Vollkommenheit des absoluten Seins, des absoluten Einen eingetreten sind.
Wer so als Armseliger in die Einheit des Siebengeistes eintaucht, wird gerettet. Der Pfad dazu -- wir
haben ihn Ihnen gezeigt -- ist die Liebe und das vollkommene Opfer.
Wer durch diese beiden und durch alles, was sie umschlossen halten, in die Einheit Gottes
zurückkehrt, tritt in die Ewigkeit ein und hat den Tod überwunden. Wer es verstehen kann, der
verstehe es.
XXV

Die Einheit (I)

Die Einheit, das Eine und Unteilbare, der Ursprung und die Wurzel aller Dinge, ist in allen
Dingen enthalten. Es gibt nichts ohne Ursprung. Der Ursprung jedoch, als Ausgangspunkt alles
übrigen, findet seinen Ursprung nur in sich selbst. Die Zahl Eins als Ursprung schließt alle
anderen Zahlen in sich ein, ohne selbst von einer einzigen von ihnen umschlossen zu werden.
Sie bringt alle Zahlen hervor, ohne selbst durch irgendeine andere Zahl hervorgebracht zu
werden.
Alles, was hervorgebracht wird, ist unvollkommen und teilbar, kann vermehrt oder vermindert
werden. Das Vollkommene jedoch ist nichts von diesem. Da das, was sich vermehren kann,
seine Vermehrung der Einheit entlehnt, geht es, sobald es der Einheit keinen Platz mehr bieten
kann, an seiner eigenen Schwäche zugrunde.
So habe ich denn, o Tat, so weit es möglich ist, ein Bild Gottes als Beispiel gegeben. Wenn du
dich innerlich sorgfältig darin vertiefst und es mit den Augen deines Herzens beharrlich
betrachtest, wirst du, glaube es mir, mein Sohn, den Weg zum Himmel finden; oder noch
richtiger: Das Bild Gottes selbst wird dich auf diesen Weg führen. Die innerliche Ausrichtung
auf dieses Bild hat zur Folge, daß sie jene, die mit einer solchen Hinwendung einmal begonnen
haben, in ihrer Macht gefangenhält und zu sich nach oben zieht wie ein Magnet das Eisen.

In unserer vorigen Betrachtung durften wir ausführlich über das siebte Buch des Corpus Hermeticum
sprechen. Trotzdem ist noch eine nähere Behandlung notwendig, um die Botschaft der Befreiung, die
große Heilsbotschaft des Hermes Trismegistos ganz verstehen zu können. Wir lenken deshalb Ihre
Aufmerksamkeit besonders auf die soeben zitierten letzten fünf Verse des siebten Buches des Hermes,
in denen das Geheimnis der Überwindung des Todes beschlossen liegt.
Wie überwindet der Mensch den Tod? Mit dieser Frage wollen wir uns jetzt beschäftigen. Sie
besitzt zweifellos das größte Interesse des aufrichtigen Suchers. Denn niemand von Ihnen allen, wir
wollen es ehrlich sagen, legt sehr großen Wert auf diesen fahlen Spuk, mit dem am Ende alle
konfrontiert werden. Es ist dem naturgeborenen Menschen angeboren, bis zur letzten Sekunde mit der
Anspannung aller seiner Kräfte und unter Anwendung aller möglichen und auch unmöglichen Mittel
gegen das Unentrinnbare zu kämpfen. Es gibt verhältnismäßig nur wenige, die den Tod als einen
Freund begrüßen. Das Elend und der Schmerz, die Heimsuchungen des Körpers müssen schon
besonders groß sein, ehe man sich nach dem Ende sehnt, ehe man das Ende mit einem frohen Lachen
begrüßt.
Für den Tiermenschen, den naturgeborenen Menschen, ist der Tod eine Realität, eine unleugbare
wissenschaftliche Tatsache. Jedoch, dürfen wir dabei gleich hinzufügen, für den wiedergeborenen
Menschen ist der Tod nur eine Täuschung, aber in diesem Sinn ebenfalls eine wissenschaftliche
Tatsache. Für den neugewordenen Menschen ist der Tod sogar ganz ausgeschlossen, ein Begriff, der
aus dem Wörterbuch gestrichen werden kann.
Es gibt, wie Sie wissen, eine umfangreiche Literatur metaphysischer oder okkulter Art und auch
religiöse Literatur. Diese Literatur wendet sich an den Ich-Menschen, an den naturgeborenen
Menschen aller Arten und Klassen mit der Botschaft -- einer Botschaft, die in allen Tonarten gebracht
wird und auf jede mögliche Weise ausgeschmückt ist: «Beunruhigen Sie sich nur nicht. Der Tod ist
nur eine Veränderung. » Wie oft haben Sie schon gelesen: «Tod ist nur eine Veränderung. Tod ist
Geburt in einer anderen Umgebung. Sie können diese Umgebung jetzt schon beeinflussen und im
voraus bestimmen.» Diese Beeinflussung beruht auf Moraltheologie oder auf esoterischen Übungen,
oder nur auf psychologischer Autosuggestion, wodurch das Ich in den seligen Rausch des «Ich-bin»
gebracht wird.
Das alles ist jedoch Mystifikation, Betrug! Für den Ich- Menschen, für den naturgeborenen
Menschen ist der Tod so vollkommen, daß nichts übrigbleibt: eine totale Entleerung des
Mikrokosmos.
Darum müssen wir am Anfang dieser Besprechung eine ernste Warnung an Sie, Leser, richten.
Wenn Sie das, was wir Ihnen anhand der hermetischen Philosophie jetzt zu sagen haben, mit Ihrem
Ich annehmen, als für Ihr Ich bestimmt verstehen, dann wird alles das für Sie ein schwerer Mühlstein.
Dann wird diese Besprechung für Sie eine furchtbare Lüge. Lassen Sie es uns mit Nachdruck sagen:
Wir nehmen die Verantwortung für eine solche Selbstirreführung Ihrerseits gewiß nicht auf uns. In
der Natur des Todes wird in einem solchen Fall der Tod ein viel größerer Schrecken, als er sowieso
schon ist. Wollen Sie deshalb den Sinn der folgenden Besprechung, die anhand des Dialoges zwischen
Hermes und Tat aus einer gnostischen Geistesschule zu Ihnen kommt, richtig verstehen.

Der naturgeborene Mensch ist mit denselben Körperprinzipien ausgestattet wie jedes andere Tier.
Jeder Mensch lebt und handelt wie ein Tier, jeder nach seiner Art. Ein Tier frißt, was es erreichen
kann, und ihm gilt dabei das Leben anderer nichts. Der natürliche Mensch bildet darin keine
Ausnahme. Er besitzt vor allen anderen Tierarten den Verstand und die Sprache und ist daher fähig,
den anderen Tieren gegenüber als Beherrscher aufzutreten.
Der natürliche Mensch ist verpflichtet, sich in einer ihn bedrohenden und feindlichen Welt dem zu
fügen und zu unterwerfen, was man gewöhnlich Kultur nennt. Doch wie kultiviert er auch sein mag,
ob er Titel vor oder hinter seinem Namen führt, sein Leben mit Lachen oder Tränen lebt, mit Geld
oder ohne Geld, er ist und bleibt als Naturgeborener eine tierische Existenz.
In diesem Seinszustand werden Sie von der Gnosis gerufen. Warum? Weil Sie die Möglichkeit
besitzen, Ihrem Tierzustand zu entsteigen. Diese Möglichkeit entsteht aus der Tatsache, daß in der
Mitte des Sie umgebenden Mikrokosmos ein unstoffliches, göttliches Prinzip liegt, das mehr oder
weniger mit Ihrem körperlichen Herzen übereinstimmt.
Wenn Sie dieses Prinzip, das wir gewöhnlich die Rose oder das Uratom oder das Christus-Atom
nennen, als ein wirksames Prinzip in Ihrem Wesen entdecken wollen, dann müssen Sie Ihr ganzes
tierisches Selbst, Ihr ganzes Natur-Ich mit allem, was es ist und besitzt, in völliger Selbstübergabe --
das heißt mit vollständiger Hingabe, tiefem Interesse und intensiver Sehnsucht -- der Mitte Ihres
Mikrokosmos, dem Christus-Atom, weihen. Nur so wird die wahre und unsterbliche Seele geboren.
Dann wird aus dem Naturmenschen ein Seelenmensch.
Wenn Sie dann den Pfad des Seelenmenschen gehen, ernsthaft, konsequent, beharrlich, wenn also
der Naturmensch klar beweisbar im Seelenmenschen aufgeht, dann wird, so sagt Hermes
Trismegistos, diesem Seelenmenschen das Gemüt geschenkt: Pymander, der Geist, das
gottmenschliche Prinzip, der heilige Gral.
Sie wissen, daß die gnostische Geistesschule, der Lebende Körper der jungen Gnosis, Ihnen
vorschlägt, diesen dreifachen Pfad von Gral, Katharer und Kreuz mit Rosen, von der Naturgeburt zur
Seelengeburt, von der Seelengeburt zum Seelenwachstum und vom Seelenwachstum zur Geburt des
Geistes zu gehen.
Sie wissen, daß die Geistesschule der jungen Gnosis allen beim Betreten dieses dreifachen Pfades
helfen will. Sie wissen, daß die Schule zu dieser Hilfe imstande ist und Sie, wenn Sie es wünschen,
durch alle Mysterien des dreifachen Pfades begleiten und Ihnen zur Seite stehen will bis in das
befreiende Leben.
Aber verstehen Sie auch, daß es noch ein viertes Mysterium geben muß? Es gibt, wie gesagt,
erstens einen Pfad von der Naturgeburt zur Seelengeburt; zweitens einen Pfad von der Seelengeburt
zum Seelenwachstum, zur Seelenreife. Drittens gibt es einen Pfad vom Seelenwachstum bis zur
Geburt des Geistes. Und daran schließt sich nun der Entwicklungsgang des Geistgeborenen bis zum
Wachstum des Geistes an.
Über diesen vierten Entwicklungsgang konnten oder durften wir noch nie mit Ihnen sprechen. Wir
haben uns darüber bis jetzt nur in oberflächlichen Worten geäußert. So sprachen wir vom Merkur-
Bewußtsein oder vom Allgegenwärtigkeitsbegriff und derartigen Gemeinplätzen mehr. Aber jetzt
sind wir verpflichtet, in dieses vierte Mysterium einzutreten, damit Sie ein deutliches Bild vom
Ganzen erhalten und schließlich auch für Sie der Vers 30 des siebten Buches zur Tatsache werden
möge:

So habe ich denn, o Tat, soweit es möglich ist, ein Bild Gottes als Beispiel gegeben. Wenn du dich
innerlich sorgfältig darin vertiefst und es mit den Augen deines Herzens beharrlich betrachtest,
wirst du, glaube es mir, mein Sohn, den Weg zum Himmel finden; oder noch richtiger: Das Bild
Gottes selbst wird dich auf diesen Weg führen. Die innerliche Ausrichtung auf dieses Bild hat zur
Folge, daß sie jene, die mit einer solchen Hinwendung einmal begonnen haben, in ihrer Macht
gefangenhält und zu sich nach oben zieht, wie ein Magnet das Eisen.
Wenn Sie sich selbst gegenüber nüchtern und ehrlich sind, haben Sie zweifellos sofort Bedenken. Sie
können zum Beispiel sagen: «Im besten Fall stehe ich im Prozeß der Seelengeburt. Dann habe ich also
den Pfad des ersten Mysteriums beendet und stehe nun vor der Pforte des zweiten Mysteriums. Hat
es dann jetzt schon einen Sinn, ein Bild vom vierten Mysterium zu empfangen, bei dem ich noch lange
nicht bin?»
«Warum», so lautet unsere Gegenfrage, «gibt Hermes dann Tat dieses Bild, der sich in demselben
Zustand befindet wie Sie?» Nun, nehmen wir einmal an, daß Sie bereits ein Seelengeborener sind;
oder, falls dieses zu schmeichelhaft sein sollte, daß eine gewisse Seelenqualität sich in Ihnen zu
offenbaren beginnt und ihr Recht fordert. So wird es doch wohl sein, denn warum hätten Sie sich
sonst an die gnostische Geistesschule gewandt, um mit dem Schülertum anzufangen?
Nehmen wir also an, daß eine bestimmte Seelenqualität in Ihnen zu leuchten beginnt. Da eine
Geistradiation sich ausschließlich an die Seele wendet und nur auf der Basis der Seelenqualität im
Menschen Widerhall finden kann, ist es längst nicht ausgeschlossen, daß der Geist des vierten
Mysteriums Sie in Ihren besten, reinsten Augenblicken, zum Beispiel während eines Tempeldienstes,
mehr oder weniger berühren kann.
Aber Sie sind wahrscheinlich noch nicht mit Ihren Bedenken fertig. Sie können einwenden: «Sie
haben gesagt, daß der Geist des vierten Mysteriums eine sehr private Angelegenheit der erwachsenen
Seele ist; daß Pymander sich nur einer erwachsenen Seele offenbart. Wie kann der Geist in seiner
Allgemeinheit momentan dann anders in mir wirken als über einen Botschafter, der zu mir über den
Geist spricht, wodurch ich wahrscheinlich einen schwachen Widerhall der Botschaft erfahre und
vielleicht ein undeutliches Bild davon erhalte?»
Die Lage ist für Sie, Schüler der jungen Gnosis, jedoch ganz anders. Der Geist existiert nämlich im
Lebenden Körper der Schule. Und sind Sie nicht eine lebende Zelle dieses Lebenden Körpers? Durch
Ihr Schülertum können Sie jedenfalls eine lebende Zelle im Lebenden Körper sein.
Die junge Gnosis besitzt nicht nur einen organisatorischen Apparat, einen natürlichen Körper,
sondern der Körper der Schule ist auch beseelt. Die Schule als Lebender Körper hat den erwachsenen
Seelenzustand erreicht. Und in diesem Körper steht der geöffnete Gral im Lichte des Logos. In dem
Gral des Lebenden Körpers offenbart sich der Pymander der Schule. Durch diese wunderbare
Heilstatsache spricht der Geist Gottes auch zu Ihnen, Teilhaber, lebende Zelle des Lebenden Körpers,
und er kann sich klar in Ihnen offenbaren, mit unvorstellbaren Folgen.
Der Geist des vierten Mysteriums öffnet sich für Sie. Die Magie dieser Geistoffenbarung wenden
wir bei unseren geweihten Zusammenkünften klar bewußt an. So empfangen Sie die intensive Gnade,
daß Sie, obwohl Sie noch nicht lebend dem Geist nach sind, doch das Leben des Geistes empfangen
und davon berührt werden, und, wie gesagt, mit unvorstellbaren Folgen.
XXVI

Die Einheit (II)

Wir haben Ihnen erklärt, wie alle, die dem Geist nach noch nicht lebend sind, aber als
Teilhaber am Lebenden Körper der jungen Gnosis dieses Ziel anstreben, dennoch die
intensive Gnade dieses Lebens vom Geist empfangen dürfen, weil der siebenfache Lebende
Körper der Schule im siebten Monat des Jupiter-Jahres 1957 seinen Pymander begrüßen
durfte.
Natürlich sind Sie sich sehr klar bewußt, Schüler der Schule des Goldenen Rosenkreuzes zu sein.
Wie Ihr Schülertum sich zur Schule verhält, auch darüber sind Sie sich selbstverständlich klar. Ob Sie
den ersten Pfad von der Naturgeburt zur Seelengeburt bereits betreten haben, so daß mindestens
Seelenqualität vorhanden ist, auch das können Sie aus eigener Erfahrung und eigenem Verhalten
selbst mehr oder weniger wissen.
Auf dieser Grundlage haben wir versucht, Ihnen, soweit es möglich war, ein Bild Gottes zu zeigen.
Jetzt geht es darum, dieses Bild zu betrachten. In Vers 30 des siebten Buches sagt Hermes:

So habe ich denn, o Tat, soweit es möglich ist, ein Bild Gottes als Beispiel gegeben. Wenn du dich
innerlich sorgfältig darin vertiefst und es mit den Augen deines Herzens beharrlich betrachtest,
wirst du, glaube es mir, mein Sohn, den Weg zum Himmel finden; oder noch richtiger, das Bild
Gottes selbst wird dich auf diesen Weg führen. Die innerliche Ausrichtung auf dieses Bild hat zur
Folge, daß sie jene, die mit einer solchen Hinwendung einmal begonnen haben, in ihrer Macht
gefangenhält und sie zu sich nach oben zieht, wie ein Magnet das Eisen.

So einfach wie möglich formuliert ist die Situation also folgende: Sie haben durch Ihr bewußtes
Schülertum einen bestimmten Zustand erreicht. In diesem Zustand wird Ihnen eine Projektion des
Geistes übertragen. Die Geistradiationen im Lebenden Körper nehmen gleichsam stündlich an Kraft
zu und berühren Sie, ohne Sie zu zwingen. Sie überwältigen Sie nicht, nein, sie offenbaren sich Ihnen
nur.
Wenn Sie nun die Augen des Herzens besitzen, wenn der Mittelpunkt Ihres Mikrokosmos, die
Rose, sich entfaltet hat und mit Ihrem körperlichen Herzen verbunden ist, können Sie das Bild, das
Ihnen gezeigt wird, anschauen, wahrnehmen. Und wenn Sie das Bild betrachten, wie es betrachtet
werden kann und muß, können Sie sich nicht mehr davon lösen. Dann sind Sie magnetisch an den
Geist gebunden.
Wir müssen das alles jetzt ausführlich mit Ihnen besprechen und verweisen Sie daher zuerst auf
unseren Planeten, auf dem Sie als Naturwesen geboren sind. Dieser Planet ist unter anderem ein
elektromagnetisches Feld. Es besitzt sieben Kräfte, sieben Strahlen, welche die Art des Menschen
bestimmen, beherrschen, regeln und ihn gefangenhalten. Er wird als naturgeborenes Wesen in seinem
Leben von den sieben Erdstrahlen geführt, gelenkt, bestimmt. Denn seine ganze Wesenheit ist daraus
zu erklären. Seine Ich-Zentralität und alles, was dazu gehört, wird durch das sich stets verändernde
Bild der sieben Strahlen verursacht. Jede Entwicklung religiöser, okkulter oder humanistischer Art ist
nichts anderes, und kann auch nichts anderes sein, als eine Änderung in der Zusammensetzung der
sieben Erdstrahlen; eine Abwandlung desselben Themas.
Natürlich bringt auch der Tod darin keine einzige Veränderung. Denn was nach dem Tod im
Mikrokosmos von der naturgeborenen Wesenheit übrigbleibt, sind nur Reste des natürlichen
Erdenlebens, die also ebenfalls, solange sie in der Spiegelsphäre existieren, den Erdstrahlen
unterworfen bleiben. Das ist auch der Sinn der Verse 24 und 25 unseres Textes:

Das Gute hat weder Form noch Gestalt. Es ist unveränderlich sich selbst gleich und deshalb allem
übrigen ungleich. Darum ist das Unkörperliche unsichtbar für den körperlichen Menschen. Daher
ist das, was sich selbst gleichbleibt, das Unveränderliche, vortrefflicher als das Veränderliche; und
das Veränderliche arm im Vergleich zum Unveränderlichen.

Die sieben Erdstrahlen sind vollständig auf die sieben Kosmokratoren des siebten kosmischen
Gebietes abgestimmt, also auf die Dialektik, die Unvollkommenheit:
Es gibt nichts ohne Ursprung. Der Ursprung jedoch, als Ausgangspunkt alles übrigen, findet seinen
Ursprung nur in sich selbst. (Vers 26)

Wenn Ihr Beginn in der Dialektik liegt, in der Unvollkommenheit -- und alles, was auf diesem
Planeten geboren wird, ist in der Unvollkommenheit -- kann alles, was in dieser Unvollkommenheit
geboren ist, wohl geteilt werden -- sich also fortpflanzen -- es kann sich vermehren und vermindern,
es kann sich zwar einer gewissen Kultur unterwerfen, aber die Linie der Entwicklung führt nach
einem eventuellen Aufgang unwiderruflich wieder nach unten, denn was hervorgebracht wurde, muß
sterben. Wirkliches Wachstum, absolute Entwicklung, kann es denn auch in der Todesnatur nicht
geben.
Wachstum, Evolution, ein Weiterschreiten von Kraft zu Kraft und von Herrlichkeit zu Herrlichkeit
gibt es nur in Einheit mit dem ursprünglichen Siebengeist. Darum müssen Sie ständig der Einheit
einen Platz bieten, müssen Sie zur Einheit Gottes zurückkehren. Wer nicht stark genug ist, um sich zu
dieser Einheit zu wenden, geht an seiner eigenen Schwäche zugrunde und bleibt mit dem Wesen des
Todes verbunden. Wer den Tod überwinden will, muß also zur Einheit Gottes zurückkehren. Allein
aus der Einheit ist das Entstehen aller anderen Entwicklungsprozesse möglich. Es erwartet Sie ein
überwältigender und herrlicher Entwicklungsgang, ein Weiterschreiten von Kraft zu Kraft. Soll dieser
Entwicklungsgang der Ihre werden, dann müssen Sie beim Anfang beginnen. Dann müssen Sie zur
Einheit Gottes zurückkehren.

Alle Zahlen werden aus der Einheit, aus dem Ursprung und der Wurzel aller Dinge entwickelt. Die
Zahl hat für den hermetischen Menschen eine ganz andere Bedeutung als für den dialektischen
Menschen.
Die Zahl Eins stellt die Einheit mit dem Geist, mit dem Vater dar, mit dem Absoluten, mit dem
Logos, mit dem Ursprünglichen. Jede andere Einheit, jeder andere Beginn, führt zum Tod.
Wenn der Mensch zur Einheit, zu dem Einen und Unteilbaren, zurückgekehrt ist, wird er vor die
Zahl Zwei gestellt. Diese Zahl bringt den mit der Einheit Verbundenen in ein neues Verhältnis zur
Ursubstanz. Darum heißt die Zahl Zwei in der hermetischen Gnosis «die Mutter».
Die Zahl Drei lehrt die liebevolle Verbundenheit zwischen dem Einen, dem Absoluten und der
Ursubstanz, zwischen dem Vater und der Mutter, also die Vereinigung beider.
Die Zahl Vier bringt die Fülle der Konzeption zur Offenbarung. Wenn die Wesenheit, die mit dem
Vater verbunden ist, auch mit der kosmischen Ursubstanz verbunden wird, dann entsteht etwas. Die
Fülle der Konzeption wird dann zur Offenbarung gebracht.
Die Folge davon ist die Zahl Fünf, das neue Bewußtsein, das Merkur-Bewußtsein. Darum wird
Merkur auch immer mit der Zahl Fünf in Verbindung gebracht.
Sechs ist die Zahl der Rechtfertigung. Mit der neuen Bewußtseins-Lichtkraft wird der ganze
Seinszustand des Kandidaten gerechtfertigt, mit dem Logos in Übereinstimmung gebracht.
Darum ist die Zahl Sieben die Zahl der Heiligung und folgt darauf, in der Zahl Acht, der
vollkommene Himmelsgang, der Durchgang zum befreienden Leben. Deshalb ist die uralte Pforte des
Saturn stets mit der Zahl Acht verbunden.
In der Zahl Neun wird dann der Sieg des wahrhaft gott- menschlichen Werdens gefeiert.
So sind alle neun Zahlen in einem neunfachen Entwicklungsprozeß miteinander verbunden.

So zeigen wir Ihnen erneut die Notwendigkeit der Rückkehr zur ursprünglichen Einheit, zum
Ursprung und zur Wurzel aller Zahlen. Will man in die gesamte Prozedur des befreienden Lebens
eintreten, dann muß man beim Anfang beginnen, um zur Einheit zurückzugehen, aber nicht abstrakt,
sondern konkret. Vielleicht finden Sie diese Dinge, über die wir sprechen, sehr interessant, Sie
erkennen ihre Logik und finden sie völlig erklärlich. Aber was nützt Ihnen diese Einsicht, wenn Sie
dabei stehenbleiben? Es geht in erster Linie darum, daß Sie es tun! Es geht nicht um abstraktes Gerede,
sondern um konkrete Tat.
Abstrakt ist der Glaube an Gott, wie die dialektische Welt ihn bekennt. Es gibt, wenn es darauf
ankommt, in der Welt wenig Gottesleugner. Gottesglaube ist in der Welt der Dialektik ein
metaphysisches Empfinden oder ein intellektuelles Feststellen, daß es einen Logos gibt. Aber konkret
ist die unmittelbare Gegenüberstellung mit Pymander.
Das bedeutet für Sie, in der neugeborenen Möglichkeit, im Lebenden Körper der jungen Gnosis
primär die Begegnung mit dem Pymander des Lebenden Körpers. Selbstverständlich müssen Sie dem
eigenen Pymander begegnen. Aber in diesem Augenblick sind Sie noch nicht so weit. Sogar die
Gegenüberstellung mit dem Pymander der Schule hätte für Sie in Ihrer augenblicklichen Situation
noch keinen Sinn. Und das ist vorläufig auch keineswegs die Absicht. Wenn Sie das Bild, welches das
siebte hermetische Buch modelliert, mit den Augen Ihres Herzens sehen können, wird dieses Bild Sie
selbst zum Ziel führen. Sie werden also keineswegs durch ein weit über Ihre Kräfte gehendes
Geschehen mit der Einheit des Geistes verbunden. Sie könnten diese Verbindung auch noch nicht
aufrechterhalten.
Es ist aber durch die Fülle der Offenbarung des Lebenden Körpers durchaus möglich, Sie in einen
derartigen Seinszustand zu versetzen und zu halten, daß Sie zu dieser Verbindung hingeführt
werden, daß ein magnetischer Kontakt gelegt wird, und Sie durch dieses magnetische Ziehen zum
Ziel hingeführt werden. Hermes sagt dazu:

Die innerliche Ausrichtung auf dieses Bild hat zur Folge, daß sie jene, die mit einer solchen
Hinwendung einmal begonnen haben, in ihrer Macht gefangenhält und sie zu sich nach oben zieht,
wie ein Magnet das Eisen.

Oder anders gesagt: Vom Lebenden Körper der jungen Gnosis geht ein siebenfaches magnetisches
Ziehen aus: ein magnetisches Drängen, das sehr entschieden anders ist als das der gewohnten Natur.
Wer den Kontakt mit dieser magnetischen Kraft bewerkstelligen darf und kann, wird durch diesen
neuen Zustand einfach dem Ziel zugeführt. Um alle anderen Ansichten der Entwicklungsprozesse in
der jungen Gnosis brauchen sie sich dann wirklich nicht mehr zu sorgen. Diese entwickeln sich
harmonisch aus der Einheit. In den neuen Möglichkeiten, die jetzt über Ihnen aufgegangen sind, geht
es in erster Linie darum, zur Einheit zurückzukehren. Das ist der ganze Sinn des siebten hermetischen
Buches.
Es bleibt nur noch zu besprechen, wie der Schüler den magnetischen Kontakt herstellen muß.
Außerdem müssen wir erforschen, wie er instand gehalten werden kann, und drittens, welche Folgen
und Konsequenzen das hat. Daraufhin müssen wir dann zum Schluß einige Absprachen treffen.
Denn, wie gesagt, auf Einsicht muß die Tat folgen. Wir müssen den Weg, den wir so ausführlich
besprechen durften, füreinander und miteinander gehen und so zusammen, als gnostische Gruppe,
den Tod überwinden. Das ist dann eins der ersten Resultate, wenn wir die magnetische Verbindung
mit dem einigenden, dem lebengebenden Geist zustande bringen: die konkrete Überwindung des
Todes. Im lebenden Heute kann dann diese Aufgabe absolut zu einem guten Ende geführt werden.
XXVII

Verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach

Bei unserer weiteren Betrachtung gehen wir von der Tatsache aus, daß der Lebende Körper
ein befreiendes, siebenfaches magnetisches Feld besitzt, das scharf von dem der
gewöhnlichen Natur zu unterscheiden ist. Es ist von unten her entstanden. Die Geistesschule
hat die drei besprochenen Mysterien durchschritten, und der Lebende Körper ist jetzt in das
vierte Mysterium eingetreten: das Mysterium der Offenbarung des Geistes.
Also hat die Schule ihre Pfingstphase erreicht. So wie wir jetzt eine Bruderschaft des Rosenkreuzes
und eine Bruderschaft der Katharer bilden, so können und wollen wir ebenfallseine Bruderschaft des
heiligen Grals, eine Bruderschaft der Offenbarung des Geistes beleben und bekennen. In erster Linie
geht es nun darum festzustellen, auf welche Weise unsere Schüler mit dem Lebenden Körper und der
Fülle seines siebenfachen Strahlungsfeldes verbunden werden können.
Wenn wir uns auf diesen Basispunkt besinnen, werden wir schon sehr schnell entdecken, daß viele
in ihrer Lebenshaltung, und zwar auch in sehr prinzipiellen Punkten, einige Korrekturen anbringen
müssen. Viele Schüler sind mindestens wie Tat, das heißt Menschen, die das wahre Licht suchen.
Viele besitzen Seelenqualität und fühlen sich zweifellos als Schüler der Schule. Sie nehmen an den
Konferenzen teil, sie besuchen die Tempeldienste, wenn es ihnen nur einigermaßen möglich ist. Sie
beteiligen sich in der einen oder anderen Form an der Arbeit. Sie bringen auch materielle Opfer. Sie
beachten die Forderungen des Schülertums. Sie tun das alles von dem Augenblick an, da sie in die
Schule eingetreten sind bis zu diesem Moment. Was kann die Schule noch mehr von ihnen verlangen?
Sie sind sehr begnadete Menschen und mit dem reichen Jüngling zu vergleichen. Warum war Jesus
der Herr zu diesem reichen Jüngling scheinbar so steinhart? Warum sagte er: «Verkaufe alles, was du
hast, und folge mir nach»?
Jesus der Herr lud diesen Menschen ein, eine wirklich lebende Zelle im Lebenden Körper der
damaligen Zeit zu sein. Und gerade das wollte der reiche Jüngling nicht. Er wollte wohl in den
Lebenden Körper eintreten, aber so wie er war, mit allen seinen prächtigen Qualitäten. Er hatte einige
Vorbehalte. Welcher Art diese Vorbehalte waren, wird nicht gesagt, aber die Tatsache, daß sie
bestanden, ist bereits ausreichend.
Stellen Sie sich vor, daß ein Teil der Zellen des Lebenden Körpers Vorbehalte hätte gegenüber den
anderen Zellen oder gegenüber dem Ganzen. Empfinden Sie, daß ein solcher Körper dann erkranken
und den Weg gehen muß, der dadurch erschlossen wird? Wenn die Zellen eines Organs in Ihrem
Körper ihre Funktionen oder einen wichtigen Teil der Funktionen einstellen, dann werden Sie doch
krank! Und wenn keine Lösung erfolgt, ist das Ende sicher der Tod.
Darum sagen wir zwar, daß Sie als Schüler in den Lebenden Körper der Schule aufgenommen
sind, aber Sie sind längst noch nicht als wirklich lebende Zelle dieses Körpers aufgenommen. Würden
wir alle Schüler ohne weiteres als lebende Zelle annehmen, dann müßte die Schule ganz plötzlich
sterben. Denn viele Schüler haben der Schule, dem Lebenden Körper gegenüber noch Vorbehalte,
einerlei aus welchen Gründen; oft nicht vorsätzlich und bewußt, aber die Tatsache bleibt bestehen.
Nun wollen wir uns gewiß nicht in die Beweggründe vertiefen, die zu diesen Vorbehalten führen,
sondern im Rahmen unserer Betrachtungen konstatieren wir diese Tatsache und stellen fest, daß jene,
die ihr Schülertum nicht bedingungslos bekennen, unmöglich lebende Zellen des Lebenden Körpers
der jungen Gnosis sein können. Sie schließen sich selbst aus samt ihren im übrigen so hervorragenden
Qualitäten.
Die Teilhaberschaft am Lebenden Körper einer gnostischen Bruderschaft erfordert ein
vollkommenes: «Herr, hier bin ich», wie in allen gnostischen Gemeinschaften seit dem grauen
Altertum bis zum heutigen Tag. Und auch in der ersten Christengemeinde galt: kein einziger
Vorbehalt! Und gerade der kultivierte Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem der westliche
Mensch, besitzt Vorbehalte im Überfluß. Er fordert vor allem Sicherheit! Sicherheit wofür?
Auch viele Schüler sind der Schule gegenüber sehr vorsichtig, ohne sich dessen vielleicht bewußt
zu sein. Es geht doch darum, innerlich zu sprechen: «Herr, hier bin ich» mit einer darauf folgenden
beweisenden Tat. Es geht darum, der Schule und ihrer Arbeit zu dienen, als ob es Ihrem eigenen
Körper gälte, was, genau betrachtet, doch auch buchstäblich der Fall ist. Wer im Lebenden Körper der
Schule aufgeht, als ob es seinem eigenen Körper gälte, erfährt unmittelbar die Gnade des Siebengeistes
des Lebenden Körpers. Das ist einer der Gründe, weshalb wir Ihnen sagen mußten: Solange Sie noch,
einerlei weshalb, irgendwelche Vorbehalte haben, verschließen Sie sich vor der Gnade des
universellen Siebengeistes.
Einige Schüler haben alle möglichen Bedenken, zum Beispiel wegen der Gruppeneinheit und ihrer
Verwirklichung, und geraten daher in Verwirrung. Wenn sie sich vollkommen dem Lebenden Körper
in seiner Gesamtheit hingeben und alle Vorbehalte über Bord werfen, werden sie erfahren, daß
prozeßmäßig alle Bedenken und Verwirrungen zu bestehen aufhören. Denn jede wirklich lebende
Zelle, die dem Körper hinzugefügt wird, stärkt die Vitalität des Ganzen, demzufolge alles
hinausgetrieben wird, was nicht zur Gruppe gehört.
Gnostische Gruppeneinheit bedeutet nicht, nun aber auch alles zu akzeptieren, was in einer
Gemeinschaft von Schülern vor sich geht, sondern sich persönlich, in voller Übergabe, mit allen damit
verbundenen Konsequenzen dem Lebenden Körper zugehörig erklären. Dann wird, was gruppeneins
sein kann, auch tatsächlich verbunden zu einer Kraft aller, zur Kraft der einen Zelle im Körper. Wenn
zum Beispiel augenblicklich zweihundert wirklich lebende Glieder des Corpus Hermeticum in der
Schule wären, müßte das kollektive Vermögen dieser zweihundert praktisch jedem einzelnen
Teilhaber dieser Gruppe zugute kommen.
Jede wirklich lebende Zelle des Lebenden Körpers ist aktuell verbunden mit dem magnetischen
Feld der Schule. Das ist kein Dogma, sondern ein magischer Schlüssel. Das magnetische Feld ist eine
siebenfache Strahlung, ein siebenfacher Strom, in dessen Mitte Sie sich dann befinden. Dieser Strom
führt Sie, wie es nicht anders sein kann, zum Ziel. Wer einmal mit diesem Fluß verbunden ist und
darauf fährt, wird dafür sorgen, daß sein Lebensschiff nicht strandet und auf der sicheren Mitte eines
solchen Stroms gewiß sein Ziel erreicht.

Das hatten wir Ihnen zu sagen. Wir können sehr lange über die Geburt der Seele sprechen und
erzählen, wie diese Geburt zustande kommen muß; wie Pymander jeder wiedergeborenen Seele als
Preis für den Wettlauf geschenkt wird. Um aber das große Ziel zu erreichen, um wirklich Fahrt in Ihr
Leben als Schüler zu bringen, um konkrete Resultate zu erzielen, dafür ist mehr nötig. Dazu muß die
lebendige, sprühende Tat folgen. Mit Reden, Hören und Überlegen kommen Sie nicht weiter. Es geht
um die lebendige, die erfüllende Tat. Und wenn Sie zu dieser Tat bereit sind, ist der Heilige
Siebengeist des Lebenden Körpers Ihnen nahe, erfüllt Sie und führt Sie zum Ziel.
Darum wiederholen wir: Um wirklich Fahrt in Ihr Leben zu bringen, um im Heute konkret
Resultate zu erreichen, ist es notwendig, daß Sie sich in voller Selbstübergabe ohne Vorbehalte an
Bord des Himmelsschiffs begeben, jetzt, da die Flut der Gewässer, die Kräfte der Dialektik wieder
alles Kreatürliche dem Untergang zuführen.
Das ist nichts Närrisches und nichts Fanatisches. Die gnostischen Bruderschaften kamen und
kommen stets an den Wendepunkten im Lauf der Zeiten. Sie rufen alle, die ihnen zuhören wollen,
zusammen und sagen zu ihtnen: «Jetzt ist die Zeit gekommen. Wenn Sie die Konsequenzen annehmen
wollen, ist das Heil für Sie bereit. Verbinden Sie sich damit und gehen Sie mit uns zum befreienden
Leben.»
Aber man kann nicht mit dem einen Bein in der Todesnatur und mit dem anderen Bein im
Himmelsschiff, dem Lebenden Körper, stehen, das werden Sie verstehen. Das ist ausgeschlossen.
Darum bitten wir Sie auch, sich bald zu erklären. Wir bitten Sie, sich als eine lebende Zelle dem
Lebenden Körper zu weihen, dem Lebenden Körper, der dann Ihr Körper ist. Wir bitten Sie, alles zu
tun und alles zu lassen was nötig ist, damit der eine, gemeinschaftliche Körper des Heils seine
Aufgabe verrichten kann, zu der er von Gottes wegen gerufen ist.
Wenn Sie dazu bereit sind, wird die Sonne eines neuen Lebenszustandes über Ihnen aufgehen.
Alles ist bereit, um Sie diesen Sonnenaufgang erleben zu lassen.
XXVIII

Das Geheimnis der gnostischen Mysterien

Da wir uns nun dem Ende der Besprechungen über das siebte Buch des Hermes nähern, geraten wir
in eine etwas schwierige Lage. Das Thema dieses Buches lautet, wie Sie wissen: Die Rückkehr zur
Einheit Gottes und die praktische Überwindung des Todes. Dieses Thema enthält, wie wir bereits
bemerken durften, sehr große Geheimnisse, magische Mysterien von äußerst heikler Art.
Die Schwierigkeit ist nun, einen Weg zu finden, um das Thema so zu behandeln, daß wir uns
verstehen und Mißverständnisse völlig ausgeschlossen sind. Wir könnten diese Klippe leicht
umgehen, wenn wir zum Beispiel aus dem Lehrstoff, über den die Schule schon so reichlich verfügt,
das schöpfen würden, was für eine Besprechung wie diese geeignet ist. Dann könnten wir uns auf
eine Erklärung des Pfades beschränken, der jetzt vor Ihnen liegt, und über seine Folgen.
Dann würden wir diese Folgen besprechen, nämlich die Seelengeburt, die Berührung des Heiligen
Geistes; das Werden des Seelenkörpers, des goldenen Hochzeitskleides; und die weiteren damit
zusammenhängenden Transfigurationsprozesse sowie das Ergebnis der bewußten Existenz im neuen
astralen Feld der Schule, die vom Tod nicht mehr unterbrochen werden kann, also wirklich eine
vollkommene Überwindung des Todes bedeutet.
Aber dieser Weg zur Überwindung ist bereits in unserer Literatur aufgezeichnet. Und obwohl es
herrlich ist, stets wieder darauf zurückzukommen und ihn von allen Seiten zu beleuchten, ist es nicht
die Absicht unserer Besinnung auf das siebte Buch, uns darauf zu beschränken.
Unsere Aufgabe ist es also, Sie auf eine Methode, auf eine Lebenshaltung hinzuweisen, mit deren
Hilfe die soeben genannten und bereits so oft in der Schule erklärten Heilsprozesse auf
außergewöhnliche Weise wirksam und beschleunigt werden können. Alles, was Sie vielleicht als
Aussicht auf die Zukunft auf dem Pfad vor sich sehen, können Sie jetzt in das lebendige Heute stellen.
Wir haben Ihnen die geheimnisvolle Methode dazu bereits genannt, indem wir Ihnen sagten, daß Sie,
um wirklich Fahrt in Ihr Leben zu bringen und konkrete Resultate im Heute zu erreichen, sich in
voller Übergabe, ohne Vorbehalt, an Bord des neu gewordenen Himmelsschiffs, der neu erbauten
Arche begeben müssen.
Sie stehen jetzt vor dem Problem: «Wie nutze ich die Möglichkeiten und die Kräfte des Lebenden
Körpers der Mysterienschule?» Die Lösung lautet: durch absolute innerliche Selbstübergabe an den
Lebenden Körper, die neue gnostische Gemeinschaft, die neue Ekklesia, die neue
Christengemeinschaft, ohne jeden Vorbehalt.
Wenn Sie diese Formel nur als eine Arbeitshypothese bejahen, sie jedoch experimentell anwenden,
erzielen Sie kein einziges Resultat. Die Forderung lautet: totale Selbstübergabe mit allem, was Sie sind,
mit allem, was Sie besitzen, mit allem, was Sie vermögen. Es muß nicht nur etwas, nicht nur ein
fürstlicher Teil übergeben werden, sondern alles. Alles oder nichts. Besser nichts als nur etwas.
Es gibt bis jetzt nur wenige, die dazu bereit sind. Und ob Sie es sind, ist eine große Frage. Sie
sprechen zwar von Selbstübergabe an die Gnosis, aber das ist für Sie, Mensch des zwanzigsten
Jahrhunderts, viel zu abstrakt. Selbstübergabe an die Gnosis sagt nicht viel aus. Nein, Selbstübergabe
an den Lebenden Körper der Mysterienschule, das ist die innerliche Forderung, die Forderung der
Erfüllung.
So lautet also die Aufforderung. Es ist nur eine Aufforderung, die an Sie gerichtet wird. Sie stehen,
von Ihrem Natur-Ich aus betrachtet, also noch an der sicheren Seite. Sie können es sich noch
überlegen. Wenn Sie jedoch die Aufforderung, zur ganzen Fülle der Kräfte im Lebenden Körper
hinzuzutreten, annehmen wollen, dann gilt für Sie die Forderung der vollständigen Selbstübergabe.
Das wollen viele bis zu diesem Augenblick eben sehr bestimmt nicht, oder sie können es nicht, und
zwar nicht allein wegen der Ich-Zentralität, sondern es ist auch eine große Portion Angst und
Mißtrauen vorhanden. Um dieses Mißtrauen zu schüren, denn der Widersacher kennt Sie besser als
Sie sich selbst, benutzt man schon, solange die Schule besteht, eifrig die Waffen der Verleumdung, der
Schmähung und der Kritik. Und so treibt man Sie zu den Vorbehalten. Man flüstert Ihnen zu: «An
allem, was gesagt wird, mag ja wohl etwas wahr sein, aber man kann es niemals wissen.» Sie finden
die Waffen der Verleumdung wahrscheinlich sehr minderwertig; Sie stehen darüber oder abseits, aber
dennoch: Sie haben Vorbehalte, denn es gilt «Sicherheit vor allem.»
Denken Sie nun nicht, wir wollen Ihnen ein Lied in Moll vorsingen oder uns bei Ihnen beklagen,
denn der Spuk der Verleumdung, der Schmähung und der Kritik bedroht die Schule und ihre Helfer
bereits vom ersten Beginn. Das war und ist stets das tägliche Brot der Dialektik für alle Arbeiter im
Gnosis-Dienst. Nein, wir beklagen uns nicht. Es geht darum, daß Sie das psychologische Verhältnis, in
dem Sie sich befinden, wirklich erkennen, sowie die Wirbel und Wirkungen, die Sie dadurch
gefangenhalten.
Verstehen Sie, welch ein heikles Unternehmen es in diesem Licht besehen tatsächlich für uns ist, zu
Ihnen über «Selbstübergabe ohne Vorbehalt» an den Lebenden Körper der jungen Gnosis zu
sprechen? Die Verleumdung kann hieraus wieder Stoff schöpfen, um die Schule und ihre Mitarbeiter
unlauterer Absichten zu bezichtigen. Nichts kann töricht genug sein.
Sie mögen über die Verleumdung lachen. Aber wissen Sie, daß das herrlichste Werk im Dienst des
Lichtes durch Verleumdung manchmal in bestürzendem Maß beschädigt und gehemmt wurde? Es ist
schon beinahe fünfundzwanzig Jahre her, da standen wir vor dem größten Auftrag, der je auf unsere
Schultern gelegt wurde.**Diese Worte wurden im Jahr 1957 gesprochen.Wir sollten alle Richtungen
des Rosenkreuzes in der Welt zur Einheit bringen, sie zu einem Körper zusammenschmieden, um so
die Welt für die Gnosis zu erobern. Wir standen kurz vor dem Erfolg. Aber wissen Sie, wodurch
dieser große Vorsatz doch mißlungen ist? Durch Verleumdung, die buchstäblich in der ganzen Welt
angewandt wurde. Es war die uralte, perfide Methode des Widersachers, der viele ihr Ohr liehen und
zum Opfer fielen.

Die Situation haben wir nun genügend geschildert, die Verhältnisse angedeutet. Die Probleme, die
damit zusammenhängen und im persönlichen Leben jedes Menschen auftauchen, müssen Sie nun in
Selbsterforschung und Selbstprüfung auflösen. Wir haben Ihnen unsere Aufforderung so nüchtern
wie möglich überbracht und alles, was dazugehört, in das lebende Heute gestellt. Wir haben zu Ihnen
gesagt: «Sie können, wenn Sie es wollen, in die Arche eintreten, in den Lebenden Körper der jungen
Gnosis, wenn Sie in völliger Selbstübergabe und unter den gestellten Bedingungen kommen. Dann
sind im gleichen Augenblick alle Kräfte des Lebenden Körpers die Ihren.»
Aber was ist dieser Lebende Körper? Sie kennen ihn als einen organisierten, siebenfachen Apparat:
das Jugendwerk, die Arbeit des Vorhofs, die beiden Ansichten des Lectorium Rosicrucianum: die
Gruppe der vorbereitenden Schüler und die Gruppe der bekennenden Schüler, die Höhere
Bewußtseinsschule, die Ekklesia, und siebtens kennen Sie, jedenfalls dem Namen nach, das Goldene
Haupt. Auch kennen Sie die Geistige Leitung und viele andere Mitarbeiter, und Sie kennen die
Literatur. Sie wissen von den verschiedenen Aktivitäten der Schule, und Sie haben teil daran. Das
alles betrifft aber nur die stoffliche Offenbarung des Lebenden Körpers. Und wenn Sie nun noch völlig
in der Naturgeburt stehen würden, wäre dieser sichtbare stoffliche Apparat alles.
Ist er für Sie alles? Natürlich nicht! Denn Sie haben nach Ihrer Bekanntschaft mit den äußeren
Ansichten gleichzeitig einige Male oder oft noch etwas anderes empfunden: etwas, das sehr schwierig
zu definieren ist. Es ist etwas, das fortwährend viele, viele Fragen aufruft. Manchmal ist es eine
wunderbare Verzauberung, die vom Ganzen ausgeht, oder eine Kraft, die oft wie eine Beklemmung
wirkt; auch wohl eine Berührung, die Sie manchmal erbeben läßt oder andere total aus dem
Gleichgewicht bringt. Es ist eine Wirksamkeit, die auch viele Außenstehende fragen läßt: «Aus
welcher Kraft tun diese Menschen das alles?» Die schnelle und dynamische organisatorische
Entwicklung während der letzten zehn Jahre läßt andere stets fragen: «Was steht eigentlich dahinter?»
Sind Sie schon einmal zu dem durchgedrungen, was dahinter steht? Sagen Sie nun nicht: «Das ist
die Gnosis», denn das ist in diesem Zusammenhang nur eine oberflächliche Andeutung. Wenn Sie
innerlich wissen: «Es steht etwas dahinter», dürfen wir Sie dann fragen, ob Sie bereits den vollen
Gewinn dessen eingeheimst haben, «was dahinter steht»? Was haben Sie, außer Ihrem Kontakt mit
den stofflichen Ansichten des Lebenden Körpers und Ihrem Interesse dafür, denn getan mit all diesen
Aspekten, die hinter der stofflichen Ansicht stehen?
Haben Sie schon etwas damit getan? Oder haben Sie sich damit begnügt, mit den zahlreichen
anderen festzuhalten: «Etwas steht dahinter»? Kann man real, genau so real wie mit der stofflichen
Ansicht des Lebenden Körpers, Kontakt aufnehmen mit dem, was dahinter steht?
Ja, das kann man, durch Selbstübergabe ohne Vorbehalte. Dann gelangen Sie vom Glauben zur
Anschauung. Dann wird auch für Sie Wirklichkeit, was der i. Johannes-Brief, Kapitel i, Verse 1-4,
jauchzend bezeugt:
«Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir
betrachtet haben und unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens, -- und das Leben ist
erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das
beim Vater war und uns erschienen ist -- was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir
auch euch, auf daß auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater
und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, auf daß eure Freude vollkommen sei.»
Das ist das Bild einer Realität. Und dieses Bild hat die besondere Eigenschaft, daß es jenen, der es
anschaut, anzieht und festhält, wie ein Magnet das Eisen.
Der Lebende Körper, dessen stofflicher Aspekt sich offenbart, ist mit einem Atomreaktor zu
vergleichen. Er ist ein Vakuum, in dem elektromagnetische Kräfte auftreten. Diese Kräfte offenbaren
sich, sobald sie dazu Gelegenheit haben. Wenn die Gruppe dafür die Eignung erhalten hat, müssen
diese Kräfte sich in der Gruppe offenbaren. Einerseits offenbaren sie sich in der Stoffsphäre,
andererseits jedoch haben sie nicht im mindesten die Absicht, der Stoffsphäre zu dienen.
Die elektromagnetischen Radiationen, die sich im Lebenden Körper der Mysterienschule
konzentrieren, werden abgesondert aus einer Lebenssphäre, einem Lebensfeld, das nicht vonder
Natur des Todes ist, sondern von der Natur des Lebens, von der Natur des ursprünglichen Lebens. In
diesem Vakuum wirkt derSiebengeist des ursprünglichen Lebens. Und wer sich mit diesem
Siebengeist verbindet, erfährt augenblicklich alle Werte, alle Bedingungen des ursprünglichen Lebens.
Es ist die ursprüngliche Einheit unter bestimmten Bedingungen in dem verdorbenen Salniter der
Todesnatur offenbart. Es ist das Haus Sancti Spiritus, von dem die klassischen Rosenkreuzer in der
Fama Fraternitatis R.C. zeugen. Es ist der Lebende Körper, über den die junge Gnosis spricht, die Arche
aus den Tagen des Noah, das Himmelsschiff der alten Ägypter.
Natürlich ist ein solches Haus nicht einfach vorhanden. Zwar sind die Bedingungen dazu immer
anwesend, aber die Möglichkeiten müssen ergriffen, und es muß damit gearbeitet werden. Ein solches
Haus muß auch stets wieder neu von unten aufgebaut und der Bestimmung entsprechend gebraucht
werden. Nur so kann die ursprüngliche Einheit sich im verdorbenen Salniter der Todesnatur
offenbaren.
Die moderne Arche, das moderne Himmelsschiff, ist fertig geworden. Und nun geht es darum, ob
Sie mitfahren, ob Sie an Bord gehen wollen. Denn nur dann kann die Gnade, die ganze Kraft des
Himmelsschiffs auch die Ihre werden.
So wie alle vorangegangenen gnostischen Bruderschaften ein Vakuum von Shamballa geschaffen
haben, so hat auch die junge Gnosis dieses Werkstück, ein Haus Sancti Spiritus gebaut. Und achten Sie
jetzt auf den alchimischen Prozeß: Wenn ein Tat kommt, ein naturgeborener Mensch, ein Sucher, der
in völliger Selbstübergabe, ohne auch nur den geringsten Vorbehalt in Gedanken, Wollen, Denken
oder Tun, sich einem solchen Lebenden Körper, einem solchen Vakuum anvertraut und gleichsam
hineinspringt, dann fährt augenblicklich der Siebengeist des neuen Reiches in ihn; dann fährt die
Siebenkraft wie ein Blitz in das Schlangenfeuer. In den beiden Sympathikussträngen links und rechts
vom Schlangenfeuer spielen sich dann wunderbare Nervenprozesse ab. Der Nervenäther wird dann
im Bruchteil einer Sekunde erneuert. Wenn Sie jedoch dem Lebenden Körper gegenüber Vorbehalte
haben, wie das bei vielen noch der Fall ist, dann offenbaren sich deren Kristallisationen im
Nervenäther, besonders in den beiden Sympathikussträngen.
Die beiden Sympathikusstränge sind sehr eng verbunden mit Ihrem Karma, mit Ihrer Naturgeburt,
mit allem, was von der Erde, irdisch ist, an das Sie gekettet sind. Wenn Sie sich nun in absoluter
Selbstübergabe dem Lebenden Körper anvertrauen, brennen alle diese Hindernisse in den beiden
Sympathikussträngen durch.
Wenn Sie jedoch mit Ihrem Schülertum nur ein bißchen spielen, oder dieser Heilsarbeit gegenüber
unwahrhaftig sind, dann verderben Sie den Nervenäther im nervus sympathicus, und die Folge ist ein
lebender Tod. Dann fallen Sie im Vorhof der gnostischen Bruderschaft zu Boden. Und man kann Sie
hinaustragen, denn als Schüler sind sie wertlos.**Siehe hierzu die Geschichte von Ananias und
Saphira, erklärt von J. van Rijckenborgh, Der kommende neue Mensch, Teil II, Kapitel VI. Haarlem,
Rozekruis Pers, 1992.*
Wer die Kraft und die Einsicht für diese vollständige, bedingungslose Selbstübergabe aufbringen
kann, wird durch den Zugriff und den Einfluß des Siebengeistes vom Vakuum der jungen Gnosis
aufgenommen. Er wird dadurch unmittelbar dem Siebengeist der irdischen Natur entzogen und ist
somit im selben Augenblick «von der Erde losgekauft», wie das Buch der Offenbarung es nennt.
Er ist als ein enthobener «Ich-bin» direkt, aktuell, im lebenden Heute der Gnosis. Die
Transmutation und die Transfiguration und alles, was damit zusammenhängt, sind dann nur
nebensächliche Faktoren und Prozesse, wie wunderbar schön sie auch sind. Jedoch das kommt von
selbst; das vollzieht sich planmäßig, prozeßmäßig.
Wir verkündigen Ihnen also eine sich in der Zeit vollziehen- de Transmutation und
Transfiguration, aber in erster Linie eine direkte, aktuelle Befreiung im lebenden Heute. Das ist keine
Befreiung in einer fernen Zukunft, sondern ein Eintreten in das befreiende Leben, jetzt, im lebenden
Heute, indem Sie mit allen Konsequenzen hineinspringen in das Vakuum von Shamballa, das zu
einem Lebenden Körper geworden ist; indem Sie hineingehen in das Haus Sancti Spiritus, um dort
mit allen Brüdern und Schwestern den lebenden Körper unseres Vaters Bruder Christian Rosenkreuz
zu betrachten.

Das ist das Geheimnis der gnostischen Mysterien. Was wir gesehen und erfahren haben, das
verkündigen wir auch Ihnen. Das Leben ist geoffenbart im Lebenden Körper der jungen Gnosis.
Darum: Gelangen Sie vom Glauben zur Anschauung, indem Sie das Gesetz erfüllen. Dann werden
Sie die Dinge finden, die oben sind, oder besser: Das Angeschaute wird Sie mit seiner Kraft umfangen
und Sie zu sich emporziehen, wie der Magnet das Eisen.
XXIX

Das Pfingstfest der göttlichen Befreiung

Sie haben nun nach allem, was wir auf der Grundlage des siebten hermetischen Buches mit
Ihnen besprachen, hoffentlich verstanden, warum wir in den vergangenen Jahren in der
Schule so beschäftigt waren. Der stoffliche Apparat der jungen Gnosis wurde auf
bescheidene Weise und den Möglichkeiten entsprechend weiter auf seine Aufgabe
vorbereitet. Das Vakuum von Shamballa, das Goldene Haupt der Schule, mußte nämlich ein
gut funktionierendes Medium erhalten, ein Instrument für sein Wirken in der Stoffsphäre,
um sich dadurch so schnell wie möglich und so weit wie möglich offenbaren zu können.
Die Brennpunkte, die einer minimalen Forderung entsprechen, sind: der Haupt-Tempel in
Haarlem, der Renova-Tempel in Lage Vuursche, die Ekklesia des Rosenhofs in Santpoort, der
Noverosa-Tempel in Doornspijk und das Christian Rosenkreuz-Heim in Calw/Schwarzwald,
Deutschland.** Nachdem dieses geschrieben wurde, kamen noch verschiedene andere Brennpunkte
hinzu. Diese Brennpunkte sind untereinander verbunden durch ein Netz von Zentren und die
Wohnorte der Schüler.
Stellen Sie sich einmal vor, daß fünfhundert oder tausend Schüler den Entschluß fassen würden,
die besprochenen Vorschläge anzunehmen. Sie würden dann am magnetischen Feld voll Anteil
erhalten, am Siebengeist des magnetischen Körpers der jungen Gnosis. Diese Schar von fünfhundert
bis tausend Erleuchteten würde sich über alle Teile des gnostischen Reichs ausbreiten. Trotzdem
bleibt die Verbindung zwischen allen Brüdern und Schwestern und dem lebenden, flammenden
Herzen des Lebenden Körpers instand. So können Sie sich vorstellen, wie später die stoffliche Ansicht
des gnostischen Reichs sein wird.
Wir bitten Sie, halten Sie nun dieses Bild, das Sie so deutlich vor sich sehen, gut fest. Und
überlegen Sie anhand dieses Bildes gewissenhaft, was unbedingt geschehen wird, wenn die ganze
Schar der Bewohner des jungen gnostischen Reichs zurückkehrt zur ursprünglichen Einheit, indem sie
durch völlige Übergabe ohne jeden Vorbehalt in das Vakuum von Shamballa, das Goldene Haupt,
eintritt. Dann wird das unkennbare Licht wie eine atomare Explosion mit einer Lichtstärke von vielen
tausend Sonnen die ganze Welt erschüttern und erkennbar werden. Denken Sie an das Bild von
soeben. Wohin Sie auch reisen, werden Sie lebendig vibrierenden Kontakt mit dem zentralen
Brennpunkt des Lebenden Körpers haben. Die intensive Kraft des Lebenden Körpers wird Sie also
begleiten und an jedem Ort des gnostischen Reichs erkennbar sein. Dann wird, wie könnte es anders
sein, die Gnosis ihre Ernte in kurzer Zeit einholen.
Das alles liegt in Ihren Händen, nicht bald, sondern jetzt. Das Pfingstfest der göttlichen Befreiung
fällt nicht vom Himmel. Wenn Sie darauf warten, müssen Sie sehr lange warten. Sie müssen sich
dieses Pfingstfest selbst bereiten. Sie müssen es erfüllen, und Sie können es, wenn Sie jetzt die Ihnen
geschenkte Gelegenheit nutzen. Wer es verstehen kann, der verstehe es.
XXX

Achtes Buch

Hermes an seinen Sohn Tat: Der unsichtbare Gott ist der am meisten
geoffenbarte

1. Ich werde dir, o Tat, auch die Bedeutung des Folgenden ausführlich erklären,
damit deine Augen geöffnet werden für die Mysterien Gottes, der über alle
Namen erhaben ist. Erkenne in innerlicher Betrachtung, daß Er, der für die große
Masse unsichtbar zu sein scheint, für dich am meisten geoffenbart werden wird.
2. Denn Er wäre nicht wirklich, wenn Er nicht unsichtbar wäre. Denn alles, was
sichtbar ist, ist einmal geworden, ist einmal zur Offenbarung gekommen.
3. Das nicht Wahrnehmbare jedoch besteht in aller Ewigkeit, es hat keine
Offenbarung: Es ist ewig und macht alle anderen Dinge offenbar.
4. Es macht alles offenbar, ohne selbst geoffenbart zu werden; es gebiert, ohne
selbst geboren zu sein. Es zeigt sich in keiner einzigen wahrnehmbaren Form,
sondern schenkt allen Dingen eine wahrnehmbare Form.
5. Nur das Geschaffene besitzt eine wahrnehmbare Erscheinung. Denn Geburt,
Werden, ist nichts anderes als in das Sichtbare treten.
6. Der Eine ohne Geburt ist daher sowohl ohne wahrnehmbare Erscheinung als
auch unsichtbar; aber da Er allen Dingen Form gibt, wird Er durch alles und in
allem sichtbar, und das am meisten für die, denen Er sich offenbaren will.
7. Darum, mein Sohn Tat, bitte vor allem den Herrn, den Vater, den Einzigen, der
nicht der Eine, sondern der Ursprung des Einen ist, es gnädig so zu fügen, daß
du diesen Gott, der so unsagbar groß ist, schauen darfst, und läßt Er auch nur
einen seiner Strahlen über deinem Bewußtsein leuchten.
8. Denn nur das Seelenbewußtsein sieht das Unsichtbare, weil es selbst
unsichtbar ist.
9. Wenn du es kannst, o Tat, wird Er den Augen deiner Geistseele sichtbar
werden, denn in freigebiger Fülle zeigt der Herr sich im ganzen Universum.
10. Bist du imstande, dein Seelenbewußtsein zu sehen und es mit Händen zu
greifen und das Bild Gottes bewundernd zu betrachten? Wenn sogar das, was in
dir ist, für dich unsichtbar ist, wie kann dann Gott selbst für deine stofflichen
Augen in dir sichtbar werden?
11. Wenn du Ihn sehen willst, besinne dich dann auf die Sonne, auf den Umlauf
des Mondes, auf den gesetzmäßigen Gang der Sterne.
12. Wer behütet ihre Ordnung? Denn jede Ordnung wird genau durch Zahl und
Ort bestimmt.
13. Die Sonne, die größte der Götter des Firmamentes, vor der alle himmlischen
Götter ehrfürchtig Platz machen wie vor ihrem König und Herrscher, diese
unsagbar Große, größer als die Erde und das Meer, gestattet, daß kleinere Sterne
sich über ihr bewegen. Aus Ehrerbietung oder aus Furcht, vor wem, mein Sohn?
14. Beschreibt nicht jeder dieser Sterne einen gleichartigen oder gleichen Weg im
Firmament? Wer hat für jeden von ihnen die Art und Größe seiner Bahn
bestimmt?
15. Sieh den Großen Bären, der sich um seine eigene Achse dreht und das ganze
Firmament in seine Umdrehung einbezieht. Wer ist der Besitzer dieses
Werkzeuges? Wer hat dem Meer seine Grenzen gesetzt? Wer hat der Erde ihr
Fundament gegeben?
16. Es ist, o Tat, der Schöpfer und der Herr des Alls. Kein Ort, weder Zahl noch
Maß als Ausdruck der kosmischen Ordnung wäre möglich ohne Ihn, der sie
geschaffen hat. Jede Ordnung ist das Resultat einer schöpferischen Wirksamkeit.
Nur das Ordnungslose und Maßlose beweist dessen Abwesenheit.
17. Aber sogar diese sind nicht ohne Herr, mein Sohn. Dennobwohl dem
Ungeordneten das Wesen der Ordnung mangelt, so ist es trotzdem Ihm
unterworfen, der ihm noch nicht seine Ordnung gegeben hat.
18. O, möge es dir gegeben sein, dich mit Flügeln in die Luft zu erheben und
dort, zwischen Himmel und Erde, den festen Körper der Erde zu erblicken und
das ausgedehnte Wogen des Meeres, das Strömen der Flüsse, die freie Bewegung
der Luft, die Heftigkeit des Feuers, den Lauf der Sterne, die Schnelligkeit des
Firmaments und den um dieses alles kreisenden Gang des Universums.
19. Wie gnadenvoll, mein Sohn, ist diese Anschauung, wenn man alle diese
Dinge innerlich wie einen Blitz wahrnimmt: wie das Unbewegliche in Bewegung
gebracht wird und der Unsichtbare offenbar wird in den Werken und durch die
Werke, die Er erschafft. So also ist die Ordnung der Schöpfung, und die
Schöpfung ist der Lobgesang dieser Ordnung.
20. Wenn du Gott auch wahrnehmen willst in den sterblichen Wesen, die auf der
Erde und in der Tiefe sind, überdenke dann, mein Sohn, wie der Mensch im
Mutterschoß aufgebaut wird; überlege sorgfältig die Kunstfertigkeit dieses
Werdens und lerne, wer der Bauherr dieses schönen und göttlichen
Menschenbildnisses ist.
21. Wer hat die Kugelform der Augen modelliert? Wer hat die Öffnungen der
Nasenlöcher und der Ohren gebohrt? Wer hat den Mund geöffnet? Wer hat das
Netzwerk der Muskeln und Nerven gespannt und im Körper befestigt? Wer hat
das Kanalsystem der Adern gelegt? Wer hat dem Skelett Festigkeit gegeben? Wer
hat das Fleisch mit Haut überzogen? Wer hat die Finger getrennt? Wer hat die
Sohlen der Füße verbreitert? Wer hat die Ausgangswege durch den Körper
gegraben? Wer hat die Milz an ihren Platz gesetzt? Wer hat dem Herzen seine
Pyramidenform gegeben? Wer hat die Leber erweitert? Wer hat die
Lungenkammern porös gemacht? Wer hat der Bauchhöhle ihren Raum
verliehen? Wer hat die am meisten geschätzten Teile ins Sichtbare verwiesen und
die nicht geschätzten ins Verborgene?
22. Sieh, wieviel Kunstfertigkeit und wieviel verschiedene Arbeitsweisen für eine
einzige Materie angewandt wur-den, wieviel Kunstwerke in einem Werkstück
zusammengebracht sind, alle maßlos schön, alle vollkommen in den
Abmessungen, alle untereinander verschieden.
23. Wer hat alle diese Dinge erschaffen? Welche andere Mutter, welcher andere
Vater als der unsichtbare Gott, der das alles nach seinem Willen erschaffen hat?
24. Niemand behauptet, daß ein Denkmal oder Gemälde ohne Bildhauer oder
Maler entstehen kann. Sollte dann diese Schöpfung ohne Schöpfer ins Dasein
gerufen sein? O höchste Verblendung, o absolute Gottverlassenheit, o Tiefpunkt
der Verschlossenheit.
25. Mache auch, o Tat, mein Sohn, dem Schöpfer die Werke seiner Hände niemals
streitig. Besser und stärker noch als aus dem Namen Gott spricht seine Größe aus
der Bezeichnung: Vater aller Dinge. Allein Ihm gebührt es, Vater zu sein; ja,
dieses ist in Wahrheit seine offenbarende Tat.
26. Und wenn du mich nötigst, etwas noch Kühneres zu sagen: Sein Wesen ist es,
alle Dinge zu befruchten und hervorzubringen. So wie ohne Schöpfer nichts ins
Dasein kommen kann, so wäre der Schöpfer nicht der Ewige, wenn Er nicht
ewiglich schüfe: im Himmel, in der Luft, auf der Erde, in der Tiefe, in allen Teilen
des Universums, im ganzen All, in allem, was ist und in allem, was nicht ist.
27. Denn es gibt nichts im ganzen All, das Er nicht ist. Er ist sowohl das, was ist,
als auch das, was nicht ist. Alles, was ist, hat Er geoffenbart und alles, was nicht
ist, hält Er in sich beschlossen.
28. Er, Gott, ist über alle Namen erhaben; Er, der Unsichtbare, der doch am
meisten geoffenbart ist; Er, der von der Geistseele erblickt wird, aber auch für die
Augen wahrnehmbar ist; Er, der Unkörperliche, der viele, ja alle Körper hat. Es
gibt nichts, was Er nicht ist: Denn alles, was ist, ist Er. Darum auch hat Er alle
Namen, weil sie aus dem einen Vater sind. Darum auch hat Er überhaupt keinen
Namen, weil Er der Vater des Alls ist.
29. Wer könnte Dich zu hoch oder Deiner Würde entsprechend loben? Wohin soll
mein Auge sich richten für Dein Lob? Nach oben, nach unten, nach innen oder
nach außen? Es gibt keinen Weg, keinen Ort, kein einziges Geschöpf außerhalb
von Dir; alles ist in Dir, alles ist aus Dir. Du gibst alles, und Du nimmst nichts,
denn Du besitzest alles, und es gibt nichts, was Dir nicht gehört.
30. Wann soll ich Dein Lob singen? Denn es ist unmöglich, Deine Stunde und
Deine Zeit zu erfassen.
31. Und warum sollte ich Dein Lob singen? Für das, was Du geschaffen oder für
das, was Du nicht geschaffen hast? Für das, was Du offenbart hast, oder für das,
was Du verborgen gehalten hast?
32. Und womit soll ich Dein Lob singen? Als ob irgend etwas mir gehörte! Als ob
ich etwas Eigenes besäße! Als ob ich etwas anderes wäre als Du!
33. Denn Du bist alles, was ich nur sein kann. Du bist alles, was ich nur tun kann.
Du bist alles, was ich nur sagen kann. Du bist alles, es ist nichts außer Dir.
34. Sogar das, was nicht besteht, bist Du. Du bist alles, was geworden ist und
alles, was nicht geworden ist. Du bist Geist, wenn Du von der Geistseele erblickt
wirst; Vater, wenn Du dem Weltall Gestalt gibst; Gott, wenn Du Dich als aktive,
universelle Kraft offenbarst; der Gute, weil Du alle Dinge erschaffen hast.
35. Das Feinste der Materie ist Luft. Das Feinste der Luft ist die Seele. Das Feinste
der Seele ist der Geist. Das Feinste des Geistes ist Gott.
XXXI

Das Himmelsschiff und die Schiffsmannschaft

Wenn Sie sich in den Text des achten hermetischen Buches vertieft haben, werden Sie
entdecken, daß es dem diesen Text Studierenden einen unerschütterlichen, unangreifbaren
und erhabenen Gottesbegriff schenken will. Ein solcher Begriff muß als ein unvergleichliches
Geschenk bezeichnet werden, weil es eine Basis für eine wahrhaftig menschliche Besinnung
ist. Es ist ein Fels in der Brandung, ein Halt in den Heimsuchungen des Lebens.
Von einem richtigen Gottesbegriff kann alles abgeleitet werden, und er wird den Kandidaten
unweigerlich zu einem guten Ende führen. Darum muß der Schüler der gnostischen Mysterien in
diesen Gottesbegriff eingeführt, eingeweiht werden. Es wird ebenfalls klar sein, daß für eine solche
Einweihung im Menschen dann auch eine Basis anwesend sein muß, ein fester Grund, aus dem eine
solche Einweihung zu erklären ist. Darum wird bereits am Anfang festgestellt, daß der eine befreiende
Gottesbegriff nur verwirklicht werden kann, wenn der Kandidat sich diesem Begriff mit den Augen
der wiedergeborenen Seele nähern kann. Seelenwiedergeburt ist die Basis für die Gotteserkenntnis.
So verstehen Sie, daß der hermetische Gottesbegriff unmöglich auch nur etwas mit intellektuellem,
verstandesmäßigem Erfassen zu tun haben kann. Das sind die Bedenken, die man gegen das
Verstandestraining in dieser dialektischen Natur haben muß, gegen das Märchen, daß ein
verstandesmäßig trainierter Mensch ein überlegenes Wesen ist. Im Gegenteil!
Wenn wir sagen, daß der verstandesmäßig geschulte Mensch gewiß nicht als überlegen angesehen
werden kann, dann bedeutet das gewiß nicht, daß man Bedenken gegen den sogenannten
Verstandesmenschen haben sollte. Wir wünschen Ihnen viel Verstand, Weisheit und Umsicht, damit
Sie sich durch diese dunkle und schwierige Welt hindurchwinden können. Wenn man aber
Verstandesentwicklung als Mittel zur Menschheitsbefreiung betrachtet und infolgedessen den
Verstand mit der Art und den Methoden der modernen Welt trainiert, dann entwickelt sich anstatt
Überlegenheit eine intensive Gehirnverletzung, und durch die sich daraus entwickelnde
Verschlossenheit für jede befreiende Lichtberührung setzt ein großer Verfall ein, mit sehr gefährlichen
Aspekten für den Betreffenden, für die Welt und für die Menschheit.
Nein, das Gemüt ist die Basis der Erkenntnis, der Weisheit, welche Befreiung schenkt. Und Sie
wissen aus dem bereits Besprochenen, was das Corpus Hermeticum unter dem Gemüt versteht. Es ist
die wiedergeborene Seele, die ihrem Pymander begegnet ist, die mit ihrem Pymander vereinigt ist.
Damit definieren wir den ganzen Anfangsprozeß der gnostischen Bewußtwerdung.
Die gnostische Fülle berührt den Schüler im Herzheiligtum, infolgedessen öffnet sich die Rose des
Herzens, das Geistfunkenatom, und der Schüler kann seine via dolorosa, seinen Rosenkreuzweg gehen.
Das ist der Weg zur Schädelstätte, zur Entfaltung der verschiedenen neuen Vermögen im
Hauptheiligtum auf dem Weg des Endura. So entwickelt sich die neue Bewußtwerdung. Die Seele, die
mit dem Geist vereinigt, innig verbunden ist und daher die Herz- und Hauptzentren zu ihrer hohen
Berufung geadelt hat, besitzt dann die Augen des Gemüts.
Das Wort Gemüt weist in ganz neuem Sinn völlig in die Richtung dieser Verbundenheit der Herz-
und der Hauptfunktionen. Die rechte, hohe, reine Beseelung öffnet die noch latenten Gehirnzentren
ganz für das klare Denken und Verstehen. Darum bewegt sich das achte Buch des Hermes ganz auf
der Ebene des befreiten Seelenmenschen und erweckt den ernsthaften Schüler Tat zu diesem Zustand.
Hier wird also kein einziger Appell an die gewöhnliche mentale Ausrichtung des naturgeborenen
Menschen gerichtet.
Nun könnten Sie bemerken: «Wenn ich diesen hohen neuen Gemütszustand noch nicht besitze, hat
das achte Buch mir dann etwas zu sagen? Die Brücke, über die Hermes mich erreichen kann, ist doch
nur mein gewöhnliches verstandesmäßiges Vermögen?»
«Das liegt ganz an Ihnen selbst», müssen wir Ihnen dann antworten. Das Wort der Urgnosis richtet
sich an Schüler der jungen Gnosis. Und die junge Gnosis verfügt über einen Lebenden Körper, über
das Erbe der Vorangegangenen und über die Kraftlinienstruktur der Ausgießung des Geistes. Der
Lebende Körper der jungen Gnosis konnte bereits die Geist-Seelen-Verbindung feiern. Daher darf und
kann der naturgeborene Mensch, so wie er ist, in direkte Verbindung mit dem Lebenden Körper treten
durch vollständige Selbstübergabe, ohne Vorbehalte, in einem wirklich täglichen Sterben des Ichs. Das
ist das Vorrecht des Schülertums. Auf diese Weise wird der Schüler eine lebendige Zelle im Lebenden
Körper. Dann tritt der Zustand ein, den Paulus das Sakrament der Versöhnung nennt, nämlich ein
Prozeß der Enthebung, ein Prozeß des Entsteigens, so daß das Neue vollkommen Macht über den
Menschen erhält und er daher gerechtfertigt ist.
Es muß gesagt werden, daß viele Schüler diese Möglichkeiten, die im Lebenden Körper enthalten
sind, noch viel zu wenig gebrauchen. Und wer diese Möglichkeiten und das Gesetz, das sie aktiviert,
nicht gebraucht, bleibt doch wirklich draußen stehen.
Es ist also, so stellen wir fest, tatsächlich möglich, daß das Wesentliche des achten Buches befreiend
in Ihnen wirken kann, allein schon durch wirkliche Hingabe an das lebende Schülertum der jungen
Gnosis. Es ist deshalb nicht ausreichend, sich der Gnosis abstrakt hinzugeben, denn es gibt Millionen,
die auf diese Weise Interesse für gnostische Bewußtwerdung oder gnostische Philosophie haben.
Nein, das Geheimnis des Erreichens liegt in der aktuellen, unmittelbaren Hingabe in völliger
Selbstübergabe an die erscheinende Gnosis. Und das ist für Sie: die junge Gnosis des Lectorium
Rosicrucianum.
Wenn Sie es so sehen und sich so diesem Problem nähern, dann ist wirklich die Möglichkeit für die
befreiende Wirkung des Wesentlichen des achten Buches in Ihnen vorhanden, auch dann, wenn Sie
selbst den Zustand der Geist-Seelen-Enthobenheit noch nicht erreicht haben. Der Lebende Körper hat
diesen Zustand erreicht. Und für wen sollte die Gnade dieser Enthobenheit bestimmt sein, wenn nicht
für jene, die sich in Vollkommenheit dem Lebenden Körper der Gruppe deklarieren? Die Einfachheit
dieser Wahrheit wird Sie, wie wir hoffen wollen, genügend ansprechen.
Wir würden nicht nochmals die Gelegenheit ergreifen, um zu Ihnen über dieses große
Heilsgeheimnis zu sprechen, wäre nicht ein wahrhaftiger Gottesbegriff für den Menschen so dringend
notwendig. Denn wieviel Verwirrung hat doch der sogenannte Gottesbegriff der dialektischen
Menschheit im Lauf der Jahrhunderte schon gestiftet. Und welche Verwirrung wird sich in dieser
Hinsicht noch zeigen! Wir zitieren einige Verse aus der Rede des Hermes an Tat:

Ich werde dir, o Tat, auch die Bedeutung des Folgenden ausführlich erklären, damit deine Augen
geöffnet werden für die Mysterien Gottes, der über alle Namen erhaben ist. Erkenne in innerlicher
Betrachtung, daß Er, der für die große Masse unsichtbar zu sein scheint, für dich am meisten
geoffenbart werden wird. Denn Er wäre nicht wirklich, wenn Er nicht unsichtbar wäre. Denn alles,
was sichtbar ist, ist einmal geworden, ist einmal zur Offenbarung gekommen. Das nicht
Wahrnehmbare jedoch besteht in aller Ewigkeit, es hat keine Offenbarung nötig, es ist ewig und
macht alle anderen Dinge offenbar. Es macht alles offenbar, ohne selbst geoffenbart zu werden; es
gebiert, ohne selbst geboren zu sein. Es zeigt sich in keiner einzigen wahrnehmbaren Form,
sondern schenkt allen Dingen eine wahrnehmbare Form. Nur das Geschaffene besitzt
wahrnehmbare Erscheinungen. Geburt, Werden sind nichts anderes als in das Sichtbare treten.
Der Eine ohne Geburt ist daher sowohl ohne wahrnehmbare Erscheinung als auch unsichtbar;
aber da Er allen Dingen Form gibt, wird Er durch alles und in allem sichtbar, und das am
meisten für die, denen Er sich offenbaren will. Darum, mein Sohn Tat, bitte vor allem den
Herrn, den Vater, den Einzigen, der nicht der Eine, sondern der Ursprung des Einen ist, es
gnädig so zu fügen, daß du diesen Gott, der so unsagbar groß ist, schauen darfst, und läßt Er
auch nur einen seiner Strahlen über deinem Bewußtsein leuchten. Denn nur das
Seelenbewußtsein sieht das Unsichtbare, weil es selbst unsichtbar ist.

Man kann nur mit den Augen der Geistseele, mit dem Seelenbewußtsein geoffenbart sehen, was für
alle anderen, die diese Augen noch nicht besitzen, absolut verborgen ist. Im tiefsten Wesen ist jedoch
in der Alloffenbarung nichts verborgen, kann nichts verborgen sein. Die sogenannten Mysterien sind
nur deshalb unsichtbar, weil man nicht die Augen besitzt, um das, was geoffenbart ist, klar zu
erblicken. Alles, was Gott von seinem Wesen und seinen Werken offenbaren will, ist wahrnehmbar.
Wäre es im tiefsten Grund verborgen, dann könnte es auch nicht bestehen. Sie müssen diese Idee
einmal gut durchdenken, denn sie ist sehr lehrreich und befreiend und beendet manchen Wahn und
auch viele Gefahren.
In den sieben kosmischen Gebieten des weiten, ewigen Universums hat der ewige Logos alle seine
Werke geoffenbart; und Er ist noch immer dabei, sich auf diese Weise zu offenbaren. Offenbarung ist
Geborenwerden. Alles, was offenbar ist, kann erkannt, durchforscht, erfahren werden. Wenn das
Gesetz des Werdens der Geistseele vom Schüler erfüllt wird, kann alles Geoffenbarte im ganzen All
von ihm erfaßt werden. Es gibt dann für ihn keine Hindernisse mehr. Wenn Sie das einsehen, können
Sie der verbrecherischen Mysterien-Ausbeutung, die in dieser Welt so vielfach vorkommt, nicht mehr
zum Opfer fallen. Es ist eine Ausbeutung der menschlichen Unvollkommenheit.
Wenn wir das so sagen, sind wir uns dessen bewußt, daß man fragen könnte: «Ist Ihr wiederholter
Hinweis auf eine völlige Selbstübergabe ohne Vorbehalte an den Lebenden Körper der jungen Gnosis
denn keine Mysterien-Ausbeutung?» Unsere Antwort lautet: Nein, ganz gewiß nicht. Denn die
Selbstübergabe an den Lebenden Körper kann erst dann vollständig sein und zum Ziel führen, wenn
der Entschluß dazu autonom, in völliger Freiheit gefaßt wird. Jede erzwungene Selbstübergabe ist
unsittlich.
Die Kerngruppe der Geistesschule, die in Einheit den Lebenden Körper gebaut hat, beutet Sie nicht
aus. Der Lebende Körper ist die aktiv gewordene Lebenssphäre einer Gruppe, nicht eines Menschen.
Es ist, um ein altes Wort zu gebrauchen, ein Himmelsschiff, das eine Reise unternimmt. Und wenn Sie
sich nun entschließen, dieses Schiff zu betreten, um mit und in der Gruppe Ihr Ziel zu erreichen, dann
ist es tatsächlich so, daß nicht der Lebende Körper Sie ausbeutet, sondern genau umgekehrt: Sie
beuten den Lebenden Körper aus. Sie benutzen ihn doch und versuchen, mit Hilfe des Lebenden
Körpers Ihr Ziel zu erreichen. Und jene, die daher den naturgesetzlichen Schmerz erleiden, daß Sie
alle das Himmelsschiff gebrauchen, die in Ihrem Interesse fortwährend die Fahrt des Schiffs sichern,
es seetüchtig erhalten und sich aus diesem Grund aufs Äußerste anstrengen und so um Ihretwillen
Schmerz erdulden, diese dürfen doch mindestens erwarten, daß Sie sich wie eine vollwertige
Schiffsmannschaft verhalten.
Der größte Schmerz, den Sie der Besatzung des Himmelsschiffs antun können, ist der, daß Ihnen
nicht offenbar wird, was für Sie vollkommen offenbar sein kann, ein Umstand, der dem manchmal so
seltsamen Verhalten der Schüler zuzuschreiben ist. Jedem Menschen, der als Schüler der jungen
Gnosis angeschlossen ist, kann vollkommen offenbar werden, mit genauer Kenntnis aus erster Hand,
was der Lebende Körper für ihn tut oder tun kann. Und wenn das nicht der Fall ist, wenn eine solche
Offenbarung nicht stattfindet, dann ist es sicher, daß die Ursache entweder in einem Übermaß an
Selbstbehauptung, an Ich-Zentralität liegt oder in Nebenabsichten, mit denen man sich in die Schule
eingeschlichen hat. Daß solches Verhalten dann die Fahrt des Schiffes verzögert und den Schmerz der
Besatzung vergrößert, ist doch selbstverständlich. Und es ist gleichzeitig eine vernünftig-sittliche
Forderung, in solchen Fällen zu überlegen, ob diese Schiffsleute noch länger geduldet werden können.
Immerhin ist es keine eingebildete Gefahr, daß ein Unwürdiger nicht nur die Fahrt des Schiffes
verzögern, sondern auch falsche Einflüsse hineinbringen kann.
XXXII

Die Ewigkeit in der Zeit

Die sieben großen kosmischen Gebiete, die den ganzen, allesumfassenden Raum bilden, sind die
sieben Offenbarungsfelder des Logos, so durften wir feststellen. Alles, was in diesem universellen
Raum vorhanden ist an Leben, Bewegung und Sein, ist prinzipiell für alle offenbar, die das Gemüt, die
geistgeborene Seele besitzen. Mysterien in den sieben kosmischen Gebieten sind also keine
Wirklichkeiten. Denn ein Mysterium entsteht durch Mangel an Verständnis, durch Mangel an Wissen,
an wirklicher Kenntnis. Wer daran leidet, dem fehlen die Augen des Gemütes, der Geistseele.
Dennoch, so fährt Hermes fort, gibt es viel, was verborgen und absolut unwahrnehmbar ist. Denn die
Verborgenheit Gottes, die Unkennbarkeit Gottes, hält die sieben kosmischen Gebiete umschlossen.
So gibt es eine offenbare Gottheit und eine unkennbare, den ewig Unsichtbaren. Aus dem ewig
Unsichtbaren vollzieht sich die Offenbarung in den sieben Offenbarungsfeldern. Philosophisch
gesehen besteht keine Notwendigkeit, den Unsichtbaren zu kennen, abgesehen von der
Unmöglichkeit dazu. Der Unsichtbare, der Unkennbare vollzieht seinen Plan in seinen
Offenbarungsfeldern. Darin wird Er offenbar. Es gibt also doch ein wirkliches Mysterium, so kann
man sagen, das Mysterium der großen, unergründlichen Gottheit. Hermes antwortet hierauf:

Das nicht Wahrnehmbare macht alles offenbar, ohne selbst geoffenbart zu werden; es gebiert, ohne
selbst geboren zu sein; es zeigt sich in keiner einzigen wahrnehmbaren Form, sondern schenkt allen
Dingen eine wahrnehmbare Form.

Also kann auch die nicht wahrnehmbare Gottheit gekannt werden in ihrer Schöpfung und durch ihre
Schöpfung. Darum fällt auch hier das Mysterium weg. Denn alles, was die Gottheit ist, auch in ihrer
Unwahrnehmbarkeit, offenbart sie:

Der Eine ohne Geburt ist sowohl ohne wahrnehmbare Erscheinung als auch unsichtbar; aber da Er
allen Dingen Form gibt, wird Er durch alles und in allem sichtbar, und das am meisten für die,
denen Er sich offenbaren will.

So stellen wir mit namenloser Freude fest, daß es keine prinzipiellen Hindernisse zwischen Gott und
Mensch gibt. Wenn Sie die fundamentalen Behinderungen beseitigen, durchschreiten Sie die
Offenbarung bis ins Ungeoffenbarte; also durch die Zeit bis in die Ewigkeit. Zeit ist Offenbarung,
Ewigkeit ist das Nicht-Geoffenbarte, aus dem alles Geoffenbarte geboren wird. Die Ewigkeit ist das
Kernwesen, die Kernkraft, das Allerhöchste der Schöpfung. Zeit und Ewigkeit sind im Geist also nicht
zu trennen. Sie bestimmen sich gegenseitig, sie fließen ineinander. In der Zeit herrscht der
immerwährende Weitergang der Offenbarungen, die sich in stets größerer Herrlichkeit vollziehen. Die
Ewigkeit ist dabei der große Nährboden, der Träger, der Erfüller. Also kann man mit Recht, wie
vormals Prof. De Hartog, von der «Ewigkeit in der Zeit» sprechen.
Wer das erkennen und erfahren kann, tritt unmittelbar in eine große Ruhe, einen tiefen Frieden,
den Frieden von Bethlehem ein. Er hat die Einheit mit Gott gefunden und die Erlösung von allem Tod.
Denn das Wesen, das tiefste Wesen der Veränderungen, ist Ewigkeit.
Wie klein, wie einfach ist im Vergleich dazu die Dialektik und das kleine Leben des
naturgeborenen Menschen. Es ist wie das Kräuseln auf einer Wasserfläche; eine beiläufige
Verwandlung in der Wirklichkeit; der Schrei eines Tieres in der großen Stille. Wer bei diesem Kleinen
stehenbleibt, wer sich darin begräbt, ist doch eigentlich entsetzlich dumm. Wer das Kräuseln des
Wassers für das Wesentliche hält und die immense Wasserfläche nicht sehen kann, ist doch tatsächlich
sehr abnorm. Es ist doch selbstverständlich, daß ein solcher Mensch den Tod, das Ende des Kräuselns,
zu fürchten gelernt hat, den Tod, der den versunkenen Menschen aus dieser Abnormität, aus diesem
Wahn herausbricht.
Der Wahn hat schreckliche, kristallisierende Eigenschaften. Und das Herausbrechen aus diesem
Wahn kann sich dann auch unmöglich harmonisch vollziehen. Zerbrechung, Umsetzung einer
Kristallisation bedeutet: vollkommen zerschlagen zu werden. Darum hat der dialektische Mensch ge-
lernt, den Tod stets zu fürchten. Die Zeit bedeutet für den naturgeborenen Menschen: älter werden,
seine Vitalität verlieren, den Tod immer mehr herankommen sehen, das eigene Grab schaufeln.
Darum versucht er, die Zeit, seine Zeit zu verzögern, zu verlängern, ihr zu entfliehen. Was tut er nicht
alles, um den Tod hinauszuschieben? Es ist ein trauriger Wettlauf mit dem Untergang.
Aber für den neuen Menschen, zu dem Sie gerufen werden, ist die Zeit ein Hineilen zur
Verherrlichung, der harmonische Gang von Kraft zu Kraft, von Veränderung zu Veränderung, ein
Fahren auf dem Fluß der Ewigkeit. Wenn Sie das verstehen, werden Sie dem siebten und achten Vers
des achten Buches erfreut zustimmen:

Darum, mein Sohn Tat, bitte vor allem den Herrn, den Vater, den Einzigen, der nicht der Eine,
sondern der Ursprung des Einen ist, es gnädig so zu fügen, daß du diesen Gott, der so unsagbar
groß ist, schauen darfst, und läßt Er auch nur einen seiner Strahlen über deinem Bewußtsein
leuchten. Nur das Seelenbewußtsein sieht das Unsichtbare, weil es selbst unsichtbar ist.

Sehen Sie ein, als Teilhaber der Gruppe und daher als Teilhaber am Lebenden Körper, daß Ihnen alles
geschenkt wird, wenn Sie nur das große heilige Gesetz erfüllen und die Ewigkeit in der Zeit und die
Zeit als einen ewigen Weitergang erfahren wollen. Dazu ist es notwendig, daß Sie beten lernen. Das
wahrhaftige Beten ist die Erhebung der Seele in die sieben Strahlen des Siebengeistes, in die sieben
Ewigkeitsströme, die alle Zeit umschließen, alle Zeit durchdringen, alle Zeit lenken.
Die Seele, die wiedergeborene Seele, gehört zu diesen sieben Ewigkeitsströmen und wird kraft
ihres Wesens von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde diese Verbundenheit suchen und feiern. Die
wiedergeborene Seele ist eins mit der Gottheit. Beten ist für sie also aus dem Geist, durch den Geist
und im Geist leben. Und das Gebet sprechen ist eine Kraftausgießung erwecken, verursachen, damit
eine gewollte oder begehrte Offenbarung sich vollziehen möge.
Ein einfaches Beispiel kann das erklären: Ihr Haus ist mit dem elektrischen Netz verbunden. Sie
drehen den Schalter, und das Licht erscheint, oder Ihr elektrischer Ofen gibt Ihnen Wärme. Die
wiedergeborene Seele ist mit dem Vater und seinen sieben Strahlungen verbunden. Das Gebet ist nun
die Tat, der Aufruf, um aus und in dieser Kraft zu leben, zu arbeiten und die Tatsachen zu
verwirklichen. Darum heißt es auch zu Recht in Johannes 14, Verse 12 und 13: «Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue.» «Und was ihr bitten
werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf daß der Vater geehrt werde in dem Sohn.»
Sie verstehen, daß dieses im Zusammenhang mit dem Kernwesen der gnostischen Magie steht und
große Gefahren damit verbunden sind, wenn die erwünschten Kräfte in Unheiligkeit aufgerufen
werden. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß sich zum Beispiel gerade durch das so
vielfache Beten der Priesterscharen der naturgeborenen Menschheit die Gesetzmäßigkeit der
Todesnatur mit absoluter Sicherheit und viel größerer Schnelligkeit vollzieht, weil dadurch eine
intensive Bindung mit den Naturäonen hergestellt wird.
Die wiedergeborene Seele ist jedoch mit dem Vater verbunden und empfängt also alles, was sie für
das gesamte mikrokosmische System nötig hat, zu dem sie gehört. Für diese Seele ist das Leben eine
einzige Gebetsstunde. Und während dieser Gebetsstunde fährt in die Seele alles, was sie für Zeit und
Ewigkeit nötig haben könnte. Wenn es nützlich und notwendig ist, kann sie logischerweise magisch
auftreten durch die Ausgießung der Kräfte, die sie selbst empfangen hat, über die sie selbst verfügt:
Kraftausgießung für die Geistesschule, für die Gnosis und für irgendein Kind Gottes in der Schule.
Sie werden verstehen, daß die Geistseele dadurch mit einergroßen Verantwortung beladen ist. Sie
muß daher über einegroße Intelligenz verfügen, um schließlich feststellen zu können, wann die Kraft
des Siebengeistes mantrisch angewendet werden darf und wann nicht. In diesem Licht müssen Sie
auch das Wort aus Johannes 20, Vers 23 verstehen, das Jesus der Herr zu den gnostisch Eingeweihten
gesprochen hat: «Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet,
denen sind sie behalten.»
Es gibt viele Fälle und Situationen, in denen der dazu erkorene Arbeiter die heilige Kraft des
Geistes nicht gebrauchen darf. Tut er es doch, dann vollzieht er zwar das heilige Gesetz: die Sünden
werden vergeben, was bedeutet, daß die Bande zwischen dem Karma im aurischen Wesen und dem
Plexus sacralis zerrissen werden, denn darauf beruht das Gesetz der Schuldvergebung. Aber da die
eine notwendige Lektion nicht gelernt wurde, werden dieselben Sünden doch unmittelbar wieder
begangen, und der Betreffende gerät infolgedessen in eine große Zerrüttung. Außerdem muß der
priesterliche Mensch, der zu Unrecht eingegriffen und die Sünden vergeben hat, selbst viel von
diesem abgeschobenen, aber nicht ausgewirkten Karma des anderen in das eigene System aufnehmen
und wird dadurch die Verbindung mit dem Geistfeld verlieren. Keine der beiden Parteien hat daher
Nutzen von dem unrechten Eingreifen. Im Gegenteil! Es ist nur eine große Vertiefung des Elends.
Ferner kann der priesterliche Diener mit Hilfe der gnostischen Magie mit Kraft des Geistes in
neutralisierendem oder strafendem Sinn eingreifen. Es gibt viele Fälle, in denen das absolut geschehen
muß. Wenn der priesterliche Diener es unterläßt, zum Beispiel aus humanen Überlegungen oder
wegen persönlicher Beziehungen, dann läßt er erstens zu, daß das Böse weiterhin geschieht; zweitens,
daß die Sünden der Urheber dadurch erschwert werden; drittens, daß der Lebende Körper der Schule
dadurch Schaden erleidet; viertens, daß infolgedessen alle Angehörigen der Gruppe sehr getäuscht
werden mit der Folge, daß, fünftens, er selbst als der wesentliche Verursacher aller dieser
Verdrießlichkeiten gestraft wird.
Durch ein solches unheilig geführtes Priestertum kann die gesamte Arbeit einer gnostischen
Geistesschule ihrer Sterbestunde entgegengehen.
XXXIII

Der Lobgesang des Hermes

Wer könnte Dich zu hoch oder Deiner Würde entsprechend loben?
Wohin soll mein Auge sich richten für Dein Lob?
Nach oben, nach unten, nach innen oder nach außen?
Es gibt keinen Weg, keinen Ort, kein einziges Geschöpf
außerhalb von Dir; alles ist in Dir, alles ist aus Dir.
Du gibst alles, und Du nimmst nichts, denn Du besitzest alles, und es gibt nichts, was Dir
nicht gehört.

Wann soll ich Dein Lob singen?
Denn es ist unmöglich, Deine Stunde und Deine Zeit zu erfassen.
Und warum sollte ich Dein Lob singen?
Für das, was Du geschaffen
oder für das, was Du nicht geschaffen hast?
Für das, was Du offenbart hast,
oder für das, was Du verborgen gehalten hast?

Und womit soll ich Dein Lob singen?
Als ob irgend etwas mir gehörte!
Als ob ich etwas Eigenes besäße!
Als ob ich etwas anderes wäre als Du!

Denn Du bist alles, was ich nur sein kann.
Du bist alles, was ich nur tun kann.
Du bist alles, was ich nur sagen kann.
Denn Du bist alles, es ist nichts außer Dir.

Sogar das, was nicht besteht, bist Du.
Du bist alles, was geworden ist,
und alles, was nicht geworden ist.
Du bist Geist, wenn Du von der Geistseele erblickt wirst;
Vater, wenn Du dem Weltall Gestalt gibst;
Gott, wenn Du Dich als aktive, universelle Kraft offenbarst;
der Gute, weil Du alle Dinge erschaffen hast.

Das Feinste der Materie ist Luft.
Das Feinste der Luft ist die Seele.
Das Feinste der Seele ist der Geist.
Das Feinste des Geistes ist Gott.

Dieser Lobgesang, mit dem das achte Buch des Hermes endet, ist so eigentümlich, so merkwürdig
und weicht so sehr von dem ab, was man gewöhnlich an Lobgesängen kennt, daß es gut und
notwendig ist, ganz besonders dabei zu verweilen.
Er steht natürlich vollkommen in der Sphäre des Themas, das im achten Buch behandelt wird, und
sein Kern ist tatsächlich ein Begriff der Ohnmacht, wirklich auf zufriedenstellende und verantwortete
Weise das Lob des Vaters des Alls singen zu können.
Wir haben gesehen, daß Gott sowohl transzendent als auch immanent ist, also alle kosmischen
Gebiete durchstrahlt, sich in allem und allen offenbart und gleichzeitig außerhalb der Alloffenbarung
in dem ist, was nicht erkannt werden kann. Er ist also der Erkennbare und Unerkennbare, Zeit und
Ewigkeit zusammen. Darum müssen sich jene, die auf der Basis dieser Wirklichkeit zur Gnosis
durchdringen, auf eine ganz andere Weise auf die Gottheit, die Anbetung, Lobpreisung und
Dankbarkeit besinnnen.
Der naturreligiöse Mensch stellt sich die Gottheit in irgendeiner Form mit mehr oder weniger
Majestät vor. Je nachdem der Mensch primitiv oder kultiviert ist, wendet er sich an einen Gott, den er
sich irgendwo denkt, meistens über sich.
Verstehen Sie, wo die Schwierigkeit liegt? Wenn man sich auf etwas besinnen will, so wie in
diesem Fall auf Gott, in Anbetung, Lob und Danksagung, benötigt man einen Konzentrationspunkt,
um sich darauf zu richten. Wer eine solche Besinnung aus Erfahrung kennt, weiß, wie unwillkürlich
man nach einem solchen Konzentrationspunkt sucht. Man richtet sich dann zum Beispiel auf einen
Tempel.
Doch wohin muß der Gnostiker sich wenden, der in das Wesen der Dinge eingeführt ist? In bezug
auf Gott, den Vater, kann er keinen einzigen Konzentrationspunkt finden. Oder es müßte dann ein
Einzelteil, ein nichtig kleines Detail der Gottesoffenbarung sein. Darum sagt Hermes: Wohin soll mein
Auge sich richten für Dein Lob? Nach oben, nach unten, nach innen, nach außen?
Denn das Transzendente, das gleichzeitig das Immanente ist, kann man auf keine einzige
dialektische Weise bestimmen: nicht mit Zeit, nicht mit Ewigkeit, nicht mit Entfernung nicht mit einer
Ausrichtung, auf keine einzige Weise.
Außerdem stellt dieser Lobgesang die Frage: Warum sollte ich Dein Lob singen? Und womit? Ist das
Ich etwas Selbständiges? Ist der Mikrokosmos etwas Autonomes? Besitzt der Mikrokosmos im großen
Zusammenhang gesehen etwas Eigenes? Ist es nicht so, daß der Mikrokosmos, die Persönlichkeit und
Ihr Seelenzustand nur nichtig kleine Teilchen, unvorstellbar kleine Ansichten der Gottesoffenbarung
sind? Gott ist daher alles, was ich bin und alles, was ich nur jemals sein kann oder darf.
So versinkt der Mensch in diesem Ozean der Gottesoffenbarung in einen Zustand, der über Lob,
Dank und Anbetung weit, weit erhaben ist. Denn ist die Gottesoffenbarung, dieser Ozean der ewigen
Fülle nicht die Unermeßlichkeit selbst?
Der feinste Teil der Stoffoffenbarung ist die Atmosphäre, die Luft. Die Atmosphäre in ihrer
größten Feinheit ist die reine astrale Substanz. Aus dieser Substanz ist die Seele zusammengesetzt, die
unsterbliche Seele, die wir lieben. Die Sphäre der Seele besitzt ebenfalls Grade der Verfeinerung. An
der Spitze der Seelensphäre geht diese über in die Vibrationen des Siebengeistes, aus dem Pymander
geboren wird, der mit der Seele im Gemüt, in der Geistseele verschmilzt. Und findet der Siebengeist
selbst seinen Ausgang nicht in der ewigen, unkennbaren Gottheit?
Wenn wir hier auch von einem Lobgesang des Hermes sprechen, ist es doch eigentlich gar kein
Lobgesang. Es ist nur tiefe, tiefe Bestürzung, ein Versinken im Ozean der Gottesoffenbarung, in
wortloser Ehrfurcht und namenloser Freude, daß es uns gegeben wird, mit den Augen des Gemüts
diese Gottesoffenbarung zu erkennen, so wie Gott sich selbst kennt.
XXXIV

Die Weisheit der Welt und die Weisheit Gottes

Wir wollen zuerst Ihre Aufmerksamkeit auf den letzten Teil des siebten Verses richten:
Bitte vor allem den Herrn [...] es gnädig so zu fügen, daß du diesen Gott, der so unsagbar groß
ist, schauen darfst, und läßt Er auch nur einen seiner Strahlen über deinem Bewußtsein
leuchten.

Viele Übersetzer des Corpus Hermeticum, die nicht genügend mit der Gnosis vertraut sind, verfallen
hier stets in den Fehler zu lesen: «Möge dir die Gnade geschenkt werden, daß ein einziger Strahl
Gottes über deinem Bewußtsein leuchte.» Das mag in gewisser Hinsicht auch richtig sein, aber die
wahre Absicht des Hermes wird hier nicht verstanden. Jeder Kandidat in den gnostischen Mysterien
wird nämlich am Anfang nur von einem der sieben mal sieben Strahlen des Siebengeistes erleuchtet.
Es gibt sieben Strahlen, von denen jeder sieben Unterteilungen kennt, und in jedem Hauptstrahl
spielen auch die sechs anderen in der Mitwirkung eine Rolle. Jeder Strahl ist also eine
Vollkommenheit.
Wenn die dialektische Menschheit in das befreiende Leben eingetreten ist, wird sie von sieben
Rassen gekennzeichnet, die in voller Harmonie zusammenarbeiten, und jede dieser Rassen wird einen
der Haupttypen deutlich im Tun und Lassen demonstrieren. Wenn die sieben Rassen sich ganz
verstehen, können sie durch Zusammenwirken die ganze Fülle Gottes ausstrahlen. In einer viel näher
liegenden Zukunft wird die Gruppe, die im Lebenden Körper vereinigt ist, ebenfalls diese sieben
Menschentypen, ihre Möglichkeiten und ihr Zusammenwirken deutlich zeigen. Das wird später noch
besser zum Ausdruck kommen, wenn die sieben Körper der sieben verschiedenen gnostischen
Bruderschaften sich im Weltfeld finden.

Wenn eine seelengeborene Wesenheit zum ersten Mal mit dem Geist, mit ihrem Pymander vereinigt
ist, wird am Anfang einer der sechs Unterstrahlen des Strahls, der ihrem Typ entspricht, in ihr
wirksam werden. Darauf zielt nun Hermes mit seiner Aussage im siebten Vers: «Obwohl in dir nur
erst einer der sechs Unterstrahlen deines Typs wirkt, benutze diesen Zustand, um Gottes Wesen
verstehen zu können.» Denn der wirksam werdende Einfluß des Siebengeistes in Ihnen berührt Ihr
Hauptheiligtum und darin besonders das Denkvermögen. Und das Denkvermögen, das
Seelenbewußtsein, sieht ins Unsichtbare, weil es selbst auch ungeoffenbart ist. Das Denken geht der
Offenbarung voraus.
Wenn der Gehirnorganismus noch ganz aus dem Blut der Geburt lebt, wie bei dem ganz kleinen
Kind, ist er zu keiner Denkarbeit fähig. Denkarbeit wird erst möglich, wenn die Basis des Typus, eine
Strahlung von außerhalb, den Gehirnorganismus dazu befähigt.
Sie wissen vielleicht, daß es im Hauptheiligtum sieben Gehirnhöhlen gibt. Bei den Menschen ist
immer eine dieser sieben Höhlen sehr ausgeprägt wirksam. Es geht hier um einen astralen Einfluß,
durch den widerspiegelnder Äther, Denkäther, frei wird. Der Mensch lebt in der dialektischen Natur
in einem begrenzten astralen Feld, und die Einflüsse dieses Feldes, die das Hauptheiligtum berühren,
setzen sich zuerst in Denkäther um, der seinerseits die Gehirnfunktion zur Wirksamkeit anregt.
Der Denkäther der gewöhnlichen Natur kann jedoch in keiner Hinsicht die Gehirnfunktionen
befähigen, in das Unsichtbare, das Nicht-Geoffenbarte zu blicken. Was nicht geoffenbart ist und nicht
direkt in den Aufmerksamkeitsbereich der gewöhnlichen Sinnesorgane hineingezogen wird, kann
vom naturgeborenen Menschen nicht erblickt und nicht verstanden werden. Es kann höchstens von
ihm gesucht werden. Ihre Denkarbeit, Ihre Denkfunktionen sind also in Ihrem naturgeborenen
Zustand nicht frei. Sie können als naturgeborener, als dialektischer Mensch nicht frei und unabhängig
denken.
Darum braucht der dialektische Mensch für seine Denkarbeit immer Quellen, die innerhalb seiner
Sphäre liegen. Sie werden verstehen, daß das sehr negativ ist und also immer etwas sehr Gefährliches
und Unvollständiges darstellt. Wenn Ihr Denken aus diesen zugeführten Quellen stammt wie
Lehrbücher, Lehrgänge, Konferenzen, geschrieben und gehalten von Menschen, die es ihrerseits auch
wieder aus Lehrgängen und Lehrbüchern schöpfen müssen, gibt es keine einzige Sicherheit, daß das
Ihnen Übertragene richtig ist. Der Inhalt kann sogar ganz falsch oder sehr hypothetisch sein. Aber
niemand wird es bemerken, jedenfalls am Anfang nicht. Denn Autoritäten haben Schriftgewalt und
Lehrgewalt, und als solche geben sie Ihrem Denken Nahrung. Durch dieses Denken wird Ihr Leben in
eine bestimmte Richtung gelenkt.
So wird das Denken des naturgeborenen Menschen nicht von ihm selbst, sondern von äußerlichen
Einflüssen bestimmt. Er ist, um es mit den Worten des Hermes auszudrücken, abgerichtet wie ein
intelligentes Tier, weil der Denkäther nicht vollständig ist. So ist und wird der Mensch das Opfer
seiner Erzieher. Das ist die Tragik jeder neuen Generation. Eine Generation wird erzogen, abgerichtet
und strandet in einem gegebenen Augenblick, so wie alle vorangegangenen Generationen gestrandet
sind.
Darum liegt in der Entwicklung jeder führenden Generation immer so viel Elend und Jammer.
Und darum steht die zivilisierte Welt immer in dem einen oder anderen Experimentierstadium, bis
ein Lebenssystem wieder völlig festgefahren ist und man mit viel Blut und Tränen versucht, sich
daraus zu befreien. Darum sagt der achte Vers, daß nur der befreite Verstand, nur das
Seelenbewußtsein, in das Unsichtbare sieht. Wer also die Augen des Gemüts besitzt, kann offenbaren,
was ungeoffenbart ist.
Sobald das Denken in Ihnen befreit ist, sind Sie durch das Denken mit Gottes weitem Universum
verbunden, und Sie können darin alles anschauen, worauf Ihre Aufmerksamkeit sich richtet. Der
Verstand kann in das Ungeoffenbarte schauen, sobald Pymander geboren ist, wenn also die
vorausgegangene Entwicklung der Seelengeburt abgeschlossen ist. Dann ist die goldene
Wunderblume, das Auge der Seele im Hauptheiligtum geöffnet, und der seelengeborene Mensch
kann in den offenen Raum blicken. Dann ist der Kandidat mit dem neuen astralen Feld verbunden,
aus dem ein neuer Denkäther frei wird.
Sie verstehen nun, warum wir immer wieder erneut Ihre Aufmerksamkeit auf den Lebenden
Körper der jungen Gnosis lenken, weil darin die neue Astralis konzentriert ist, weil die neue, reine,
astrale Sphäre sich durch den Lebenden Körper der Geistesschule manifestiert.
Darum möchten wir so gern, daß Sie sich diesem Lebenden Körper in voller Hingabe schenken;
nicht unseretwegen, sondern Ihretwegen; um Sie zu befähigen, die Gnade der reinen Astralis zu
empfangen, die in Ihrem Hauptheiligtum den neuen Denkäther realisieren wird. Dann wird
gleichzeitig der erste Strahl des Geistes den Gehirnorganismus berühren und viele jetzt noch latente
Punkte im Hauptheiligtum erneuern, verändern und erschließen. Die Verbindung mit dem Geistfeld,
mit der ungeoffenbarten Gottheit ist dann ebenso wie die mit dem All-Geoffenbarten der sieben
kosmischen Gebiete, der geoffenbarten Gottheit, zustande gekommen.
Erst so wird das freie, das neue, unabhängige und reine Denken geboren, nach dem so viele
gesucht haben, ohne Autoritäten und ohne dialektische Quellen. Erst so kann jede Fälschung
durchkreuzt werden. Dann kann der betreffende Mensch wahrlich ein Diener Gottes werden; denn er
ist dann in der Gnosis Meister über sich selbst geworden.

Wir wollen Sie in diesem Zusammenhang noch auf folgenden Punkt hinweisen: Sie dürfen Ihren
Verstand nicht mit dem Gedächtnis verwechseln. Stellen Sie sich vor, wir könnten Ihnen bald eine
genaue Übersetzung aller Bücher des Hermes aushändigen, versehen mit einem vollständigen
Kommentar, bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet. Stellen Sie sich vor, daß Sie, die ein solches
Geschenk empfangen, außerdem über ein ungeheures Gedächtnis verfügen würden. Das Gedächtnis
eines dialektischen Menschen kann durch Training, das sich dann meistens über verschiedene
Generationen von den Eltern auf die Kinder vererbt hat, genauso erweitert werden wie ein Magen
durch vieles Essen. Es gibt Menschen, die eine Magenerweiterung bekommen, weil Sie sich daran
gewöhnen, viel zu essen. Sie haben dann viel mehr Nahrung nötig, um ihren Magen zu füllen, als
andere, ohne daß der übrige Organismus einen Nutzen davon hat.
Stellen Sie sich nun vor, daß Sie mit Ihrem ungeheuren Gedächtnis die komplette Hermes-
Übersetzung erhalten hätten. Dann könnten Sie, wo und wann Sie nur wollen und wenn Sie danach
gefragt werden, aus diesem hermetischen Schatz, der dann in dem Sack Ihres Gedächtnisses
aufbewahrt liegt, zitieren und sprechen. Sie wären nach Ansicht der Welt ein hermetisches Genie, und
ein oberflächlicher Mensch würde Sie vielleicht für einen hermetischen Eingeweihten halten.
Wie Sie wissen, hat das ganze moderne Erziehungssystem sich zum Ziel gesetzt, den Sack des
Gedächtnisses so groß wie möglich zu halten. Es wird nur so hineingestopft. Lehrer sind darauf
gerichtet, und die Eltern helfen dabei. Wenn ein Kind seine Lektion nicht weiß, dann kann es sich
meistens auf etwas gefaßt machen. Erkennen Sie diesen großen Fehler?
In Wirklichkeit wissen Sie trotz dieses so gewaltig gefüllten Gedächtnisses nichts, aber auch
wirklich nichts. In Wahrheit betrügen Sie sich selbst und die Welt. Bei jedem Griff in den Sack Ihres
Gedächtnisses würde Ihr Verstandesorganismus nur eine Roboterreaktion ausführen.
Wir weisen Sie hier auf eine der größten Täuschungen der dialektischen Natur hin, nämlich jene,
daß Gedächtnistraining und Gedächtnisanfüllung Weisheit bedeuten soll. Ja, Sie können so zwar
Professor werden, aber ein Professor ist noch keinesfalls ein Weiser. Sie müssen sich als Menschen,
welche befreiende Weisheit suchen, dann auch völlig von dieser Täuschung lösen, daß Sie durch
Gedächtnistraining und Gedächtnisanfüllung ein freier, unabhängiger neuer Denker werden, ein
Philosoph von Gottes Gnaden.
Außerdem ist die «Weisheit», nach der die Welt strebt, gefährlicher als Dummheit. Sie verursacht
nämlich eine Zerstörung der äußerst zarten Gehirnorganismen. Der Mensch, der sich dieser Weisheit
gefangen gibt, ist vollkommen in einem Wahn befangen, in einer ungeheuren Kristallisation.
Unwissenheit jedoch, also die Abwesenheit der genannten Gedächtniskultur und ihrer Folgen, kann
einen Menschen auf die Dauer dazu veranlassen, auf die Suche zu gehen. Es ist für die Beschaffenheit
Ihres körperlichen Zustandes, Ihres Körperorganismus besser, im Sinn der Welt dumm zu sein als
weise, wie sie es versteht. Kinder, die entweder durch gesellschaftliche Umstände oder wegen der
Tatsache, daß sie in den Tretmühlen der Gewöhnung nicht mitkommen, dem überspannten
Verstandeskult entkommen, sind vom Schicksal besonders begnadet; denn sie entschlüpfen so dem
Totentanz.
Wir wollen gewiß keine Propaganda für Dummheit treiben und Ihnen sicher nicht raten, Ihre
Kinder der Schule fernzuhalten. Wir wollen Ihnen, vom Standpunkt des Schülertums aus, nur sagen:
Sorgen Sie sich bitte nicht, wenn Ihr Kind nicht lernen kann, und seien Sie nicht hell begeistert, wenn
Ihr Kind in der Schule so gut mitkommt.
Wir hoffen sehr, daß Sie etwas von dem großen gnostischen Heilsgeheimnis erkennen können,
nämlich, daß Ihnen die Möglichkeit geschenkt ist, sich von aller Autorität zu befreien und in die
göttliche Weisheit selbst, in die Gnosis, einzutreten.
Entdecken Sie, daß in dieser Entwicklung jede Begrenzung aufhört. Denn durch das neue Denken
kann sich der Kandidat mit jedem gewünschten Objekt verbinden. Das Objekt wird in den offenen
Raum gezogen, wird im offenen Raum hinter dem Stirnbein, in der Stadt aus Nephrit geoffenbart; es
kann gesehen und analysiert und seine Wirksamkeit erforscht werden. Der Kandidat ist dann damit
verbunden. Und wenn es nützlich und notwendig ist, kann er darüber sprechen, um aufzuklären und
Verständnis zu erwecken.
Bei den gnostisch Erleuchteten erhält auch das Gedächtniseine ganz andere Aufgabe, nämlich die
ursprüngliche Aufgabe, die ursprünglich beabsichtigte Bestimmung. Darum wiederholen wir:
Verderben, zwingen Sie Ihre Kinder nicht! Geben Sie ihnen, wenn sie dazu noch irgendeine
Möglichkeit haben, die Gelegenheit, sich der ursprünglichen Bestimmung des Gedächtnisses zu
nähern. Das Gedächtnis ist für den gnostisch erleuchteten Menschen nichts anderes als ein
Reproduktionsorgan. Wenn die Aufmerksamkeit für eine bestimmte Sache verlangt wird, kann das
Gedächtnis sich unbedingt darauf richten, sich damit verbinden und den Verstand erleuchten.

Zum Schluß wollen wir Ihre Aufmerksamkeit noch auf einen anderen Punkt der gleichen
Untersuchung lenken. Viele Menschen, die den Pfad der Seelengeburt noch nicht gefunden haben und
daher noch nicht in das Wesen der Selbstautorität eingedrungen sind, leben in einem verzweifelten
und oft so gefährlichen Zustand des suchenden Lebens. Sie könnten sehr weit in die gute Richtung
gedrängt werden, wenn ihnen bestimmte Hilfe nicht vorenthalten würde. Wenn der Mensch wahrlich
innerlich sucht, wird er berührt vom elementaren Gnosis-Licht, das immer sucht, was verloren ist.
Und in die-sem Seinszustand in den Millionen Menschen wiederholt gebracht werden, sind sie offen
für heilige gnostische Worte und Zeugnisse aus der Vergangenheit. Aber von Zeugnissen aus der
Vergangenheit hat ein Mensch nichts, wenn sie nicht im Heute Gestalt annehmen können.
Was haben Sie von einer vorangegangenen Bruderschaft, wenn diese nicht in einer jungen
gnostischen Bruderschaft im absoluten Heute hervortritt? Denn nur, wenn der suchende Mensch einer
heutigen Gnosis gegenübergestellt wird, kann sich für ihn ein lebendiges Zeugnis entwickeln und
kann er eine klare Richtschnur für sein Leben finden.
Wie Ihnen ebenfalls bekannt ist, wurden in allen Jahrhunderten systematisch die Zeugnisse und
die Überbleibsel der gnostischen Vergangenheit soweit wie möglich vernichtet, geschändet, gestohlen
oder verborgen gehalten. Um so mehr sollten Sie deshalb erkennen, wie dringend notwendig es ist,
daß Sie sich auf die wahrhaftige Freiheit vorbereiten, von der wir sprechen. In diesem Zustand der
Freiheit, in diesem Zustand des Besitzes der Seelenaugen, sind Sie als priesterlicher Mensch ein
lebendes Zeugnis im gnostischen Reich und weit darüber hinaus, sind Sie ein Trost und Segen für die
suchende, leidende und irregeführte Menschheit.
Es ist nicht in erster Linie Literatur nötig, wie nützlich und notwendig diese auch ist. Es ist nicht an
erster Stelle eine bis in alle Feinheiten abgestimmte Organisation nötig, obwohl auch das äußerst
wichtig ist und von uns angestrebt wird. Es ist in erster Linie notwendig, daß Sie die Augen der Seele
und das erleuchtete neue Denken besitzen. Nichts steht Ihnen dabei im Weg.
Wir haben in der jungen Gnosis priesterliche Menschen nötig. Und Sie können dieses gnostische
Priestertum nur verwirklichen durch eine völlige Hingabe an die Rose des Herzens, an das große
heilige Werk, durch ein vollkommenes Endura, indem Sie tun, was Sie bekennen, und nicht nur
darüber reden.
XXXV

Der Schlüssel zur Reinigung

Im achten Buch des Hermes finden wir nach dem achten Vers einen intensiven Jubel über all
das, was die Seele erblicken kann, wenn das Seelenbewußtsein erhalten wurde. Es gibt
unsagbar viel in der dialektischen Natur, das nicht aus der Todesnatur zu erklären ist,
sondern uns ein Bild der wunderbaren Offenbarung Gottes schenkt. Es ist wahrzunehmen,
sobald der Mensch das Seelenbewußtsein, die Augen des Gemüts, erworben hat. Die
wesentliche Offenbarung Gottes in der dialektischen Natur wird umringt von Kälte, ist in
Versteinerung gefangen und funktioniert daher ganz oder teilweise falsch. Gottes Wesen
spricht jedoch in der gesamten geoffenbarten Natur, sogar in den Höllensphären.
Die heiligen Schriften aller Zeiten zeugen im Überfluß davon. Aber die Dialektiker haben das
meistens nicht verstanden. Sie meinten und meinen, daß die Natur in ihrem Wesen und Leben, so wie
sie sich dem dialektischen Bewußtsein, der sinnesorganischen Wahrnehmung zeigt, bereits völlig
Gottes Absichten zum Ausdruck bringt, auch im Konflikt der Gegensätze, auch in der unsagbaren
Grausamkeit und Bestialität in der Natur. Für den irdischen Menschen ist alles in der Natur Gottes
Absicht und treibt darum zur Nachahmung.
Nicht nur der religiöse Mensch entheiligt so Gott, sondern auch der Mensch der Wissenschaft.
Denken Sie nur an den Biologen, der das erscheinende Leben der Natur erforscht und darüber in
Ekstase gerät. Aber die Bibel und die Universelle Lehre betonen stets, daß der Mensch die wahre
Wirksamkeit erst mit den Augen des Gemüts, den Augen des Seelenbewußtseins erkennen kann.
Dann kann er das Wesentliche unterscheiden, dessen Absicht offenbaren und außerdem feststellen, in
welcher Hinsicht und wie weit die Widernatur Entartung verursacht hat.
So zeigt sich, wie erwünscht, ja, wie notwendig es ist, die Augen der Seele zu besitzen und das
Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden zu können. Und wir wiederholen die Warnung, die
das achte Buch des Hermes betraf, nämlich, daß es ausschließlich auf der Ebene des seelenenthobenen
Menschen verstanden werden muß.

Es ist gut, das Problem des gnostischen Werdens einmal völlig seiner mystischen Gewänder zu
entkleiden und klar einzusehen, daß erst dann wirkliche Menschheitskultur möglich wird, wenn die
Seele geboren ist und ihren Pymander begrüßt hat. Erst dann ist der Mensch zurückgekehrt,
aufgestiegen zum Beginn des wahrhaft Menschlichen. Erst dann kann der Pfad der Evolution betreten
werden. Erst nach der Seelengeburt kann die Persönlichkeit im Mikrokosmos, nachdem sie sich durch
Transfiguration aller Kristallisation und allen Todes entledigt hat, in die absolute Ewigkeit Gottes
eintreten.
Für diesen wirklichen Kulturgang und um ohne Umwege auf dem Pfad bleiben zu können, ist das
Seelenbewußtsein absolut notwendig. Wenn Sie sich an die besprochene Unmündigkeit des
dialektischen Verstandes erinnern und an die Nutzlosigkeit, ja, die Gefahren des dialektischen
Gedächtnisses, dann werden Sie doch einsehen, wie notwendig es ist, ein fehlerfrei wirkendes neues
Organ zu besitzen.
An eine gnostische Gruppe wie die der jungen Gnosis kann dann auch die Frage gerichtet werden:
Warum ist das Seelenauge bei vielen von Ihnen noch nicht erwacht? Warum ist dieser Führer zum
Leben in Ihnen noch nicht geboren?

Wir durften bereits früher auf die Überwindung des Todes durch völlige Übergabe an den Lebenden
Körper nach der Seelengeburt hinweisen. Und wir stellen jetzt fest, daß viele unserer Schüler in die
Seelengeburt eingetreten sind; daß viele von ihnen über ein großes Maß an Seelenqualität verfügen
und durch völlig vorbehaltlose Hingabe an den Lebenden Körper die Ewigkeit in der Zeit erfahren.
Aber dieser Seinszustand ist noch nicht der erwünschte. Der Seinszustand der Gottes-Kindschaft,
in diesem Fall mit dem Nachdruck auf Kindschaft, ist noch nicht das Wesentliche. Der Zustand der
Kindschaft kann nur in den Zustand des Erwachsenseins übergehen durch das Erwachen des
Seelenauges, des Seelenbewußtseins. Und die Frage ist nun: Woran liegt es, daß trotz der großen
Möglichkeiten, über welche die meisten Schüler verfügen, viele von ihnen die Morgenstunde noch
nicht begrüßen konnten?
Der Grund dafür ist, daß sie dem Konflikt der in dem Durchschnittsmenschen zwischen dem
Groß- und Kleinhirn auftritt, keine oder zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Oder anders
gesagt, es herrscht noch nicht genügend oder überhaupt keine Ordnung zwischen den psychischen
und den physischen Prozessen des Körpers. Oder noch anders ausgedrückt: Es ist ein fortwährender
Streit in ihnen zwischen der Psyche und dem Physischen, zwischen der Seele und dem Körper.
Der gewöhnliche, steinharte, dialektische Naturmensch kennt diesen Konflikt nicht, da seine
Psyche, seine Tierseele und sein Körper noch vollkommen eins sind. Aber in der Wesenheit des
Durchschnittsschülers einer gnostischen Geistesschule herrscht diese Einheit nicht. Im Gegenteil! Bei
diesem Menschen offenbart sich ein Konflikt zwischen der Seele einerseits und dem Körper
andererseits. Und diese Konfliktsituation nimmt wegen der Seelenerneuerung fortwährend zu.
Wenn Sie einige Zeit im Lebenden Körper der jungen Gnosis gelebt haben und einige Monate oder
Jahre mit uns auf das Heil der Gnosis gerichtet waren, dann ist es gewiß, daß das neue Seelenfluidum
in Ihnen frei wird oder mindestens in Ihrem Blut auftritt. Von diesem Augenblick an entwickelt sich in
stets zunehmendem Maß ein Konflikt zwischen Ihrer Seelenverfassung und Ihrem Körper.
Darauf müssen Sie nun fortan ganz besonders achten. Denn was gesund, normal,
selbstverständlich ist für Ihre neu werdende Psyche, für Ihre neu werdende Seelenverfassung, ist
absolut abnorm für Ihre physische Verfassung, Ihren Körper, der naturgeboren ist und durch seine
natürlichen Kräfte bewegt wird. Mit anderen Worten: Ihr Physisches lehnt sich auf gegen das neue
Psychische; die werdende Seele in Ihnen erhält keinen Platz, an dem sie sich entfalten kann. Und so
führen Sie tatsächlich zwei Leben: ein psychisches und ein physisches Leben; ein Leben der Seele,
wenn Sie zum Beispiel einen Tempeldienst erleben, oder wenn Sie sich in die Literatur vertiefen oder
mit anderen Schülern über die Schule und ihre Arbeit sprechen; und daneben ein natürliches Leben
des Körpers.
Erkennen Sie, daß dadurch diese beiden sich gegenseitig blockieren und Schaden zufügen? Ist es
nicht selbstverständlich, daß durch einen solchen Zustand Körperbeschwerden auftreten können? Der
Körper kann erst dann eins mit der Seele sein, wenn er in die Phase der Transfiguration eintritt. Das
Natürliche, das Körperliche muß sich der Seele fügen.
Dürfen wir Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, daß die Selbstübergabe, über die wir wiederholt
sprechen, auch einen gesundheitlichen Aspekt hat? Denn wenn Sie wirklich die Selbstübergabe
durchführen, wird das Ihre Gesundheit fördern. Ohne Selbstübergabe jedoch geraten Sie, wie Ihnen
jetzt klar sein wird, von der einen Schwierigkeit in die andere.
Darum müssen Sie eine Wahl treffen, ehrlich und positiv. Sie können nicht «zwei Herren dienen»,
sagt die Bergpredigt. Entweder beschließen Sie, dem Pfad der Seele mit allen Konsequenzen zu folgen
oder Sie erklären, im Dienst des Körpers zu stehen, wie er in der Natur geboren ist. Eins von beiden,
denn ein Kompromiß ist ausgeschlossen.
Der Pfad der Seele ist selbstverständlich der Pfad der Ewigkeit. Der Pfad des Körpers ist der Pfad
der Endlichkeit. Theoretisch ist die Wahl also nicht schwer. Sie werden spontan den Pfad der Seele
wählen. Aber in der Praxis ist die Lage ganz anders. Denn in dem großen Konflikt zwischen der sich
erneuernden Seele und dem naturgeborenen Körper entwickeln sich oft so enorme Spannungen, daß
die Theorie unmittelbar von der Praxis weggefegt, ja, völlig vergessen wird, sobald die Spannungen
zu einer Krisis führen. Diese Situation kennen Sie zweifellos.
Alle physischen Nöte, alle physischen Bedürfnisse und Bewegtheiten finden ihren Kern, ihren
Brennpunkt im Kleinhirn. Das Kleinhirn ist unmittelbar mit dem Herzen, mit der Leber, dem
Schlangenfeuer und dem Sympathikus, mit dem plexus sacralis und mit dem Karma verbunden, mit
allem, was während der Äonen im aurischen Wesen aufgestapelt wurde. Über das verlängerte
Rückenmark kontrolliert das Kleinhirn das gesamte physische System. Um Ihre physische
Organisation ausreichend unter dieser Kontrolle halten zu können, ist auch die interne Sekretion
dabei betroffen. Zum Beispiel spielen die Pinealis und die Hypophyse eine beherrschende Rolle im
physischen Leben. Das Kleinhirn beherrscht also das gesamte physische System, auch das Großhirn
und dadurch gleichzeitig die großen Zentren des Willens und des Denkens.

Denken Sie nun wieder an das Werden der Seele. Dabei müssen das Bewußtsein, die sinnesorganische
Organisation, das Schlangenfeuer, der Sympathikus, das verlängerte Rückenmark, das Herz, die
Leber, der plexus sacralis, das aurische Wesen, die interne Sekretion im vollen Umfang eine
ungeheure Rolle spielen; abgesehen vom Blut, dem Nervenfluidum und den anderen Fluiden. Sie
werden deshalb klar erkennen, daß die neu werdende Psyche des Schülers und seine physische Art
auf verschiedene Weise aufeinanderprallen müssen. Sie können diesen Zusammenstoß so ohne
weiteres nicht vermeiden.
Darum gehen wir dieser Sache auf den Grund. Nehmen wir einmal Folgendes an: Sie befinden sich
in einem innerlichen Konflikt, und daraus entstehen wieder Konflikte mit Dritten. Sie sind vielleicht
mit vielen Menschen im Streit; die Ursache dafür liegt in Ihnen selbst, in dem großen, dem intensiven
Konflikt zwischen Ihrer Seele und Ihrer Körperbeschaffenheit. In vieler Hinsicht ist das
Hauptheiligtum der Begegnungspunkt, das Schlachtfeld, in dem fortwährend das verlängerte
Rückenmark unter hohem Druck steht.
Es gibt verschiedene Schüler, die dann über heftige Nackenschmerzen und über beide Schultern
ausstrahlende Schmerzen klagen. Gehen sie deshalb zum Arzt, dann verschreibt er Massagen oder
gibt ihnen schmerzstillende Mittel, oder er verordnet Injektionen, weil die Diagnose lautet:
Knorpelbildung, Kalkbildung zwischen den verschiedenen Knöcheln des verlängerten Rückenmarks.
Das kann zwar so sein, denn wenn ein Mensch auch erst drei Monate alt ist, setzt bereits der
Prozeß der Verkalkung ein. Es ist also selbstverständlich, daß beim Älterwerden Knorpelbildung und
Verkalkung auftreten. Aber wenn Sie als ernsthafter Schüler über Schmerzen im verlängerten
Rückenmark klagen, dann ist die Ursache dafür der Konflikt zwischen der stets mehr ihre Rechte
fordernden neuen Seele und Ihrer physischen Körperverfassung.
Für diesen Konflikt müssen Sie eine Lösung finden und nicht, wie viele es versuchen, einen
Kompromiß zwischen Ihrer Natur und dem Seelenleben schließen. Das geht nicht. Wenn Sie nach
einem solchen Kompromiß suchen, sollten Sie die Geistesschule lieber verlassen. Wenn Sie sich an
diese Konfliktsituation klammern, kann das Auge der Seele unmöglich erwachen. Dann leben Sie zwei
Leben, die fortwährend miteinander streiten und Ihren Körper vorzeitig verbrauchen.
Der Schüler, der das einsieht und die Tragik und Dramatik eines solchen Zustandes erkennt, hat
manchmal die Neigung, den Drang des Körperlichen zu unterdrücken und gegen die Natur zu
kämpfen, die er in Selbstzwang gefangennehmen will. Das ist eine Äußerung der Panik, der Angst
und des daraus entstehenden Zweifels. Ein solcher Versuch führt unweigerlich zu größeren
Konflikten. Denn etwas, das man unterdrückt, bleibt bestehen und wird zu immer größerer Spannung
geführt, und die hinausgeschobene Explosion folgt einmal doch.

Wir würden über diese Schwierigkeiten nicht sprechen, wenn es keine Lebensmethode gäbe, mit
deren Hilfe man den Kampf zwischen Körper und Seele vermeiden kann, ohne der Natur Gewalt
anzutun, ohne unnatürlich zu leben. Die universelle Gnosis spricht in diesem Zusammenhang von
Seelenentfaltung durch Reinigung. Wer diese Lebensmethode anwendet, kann die Seele zum
Wachstum führen, das Auge der Seele zum Erwachen bringen und so die größte Gefahr für die
Seelenentfaltung neutralisieren.
Wichtig ist, ob der Schüler wirklich ein Lichtsucher ist, ob in ihm die große, allesbeherrschende
Sehnsucht nach einem neuen Lebenszustand ist. Diese Ausrichtung ist ausschlaggebend. Wenn in ihm
diese mächtige Sehnsucht nach Befreiung lebt, dann ist das ein Zustand des natürlichen Menschen, ein
physischer Zustand. Die Naturseele ächzt dann gleichsam nach Erlösung.
Dieser Zustand nun und die Fähigkeit, diesen Zustand aufrechtzuerhalten, auch wenn die Seele
bereits geboren ist, das ist der Schlüssel zur Reinigung. Wenn nämlich im natürlichen Menschen diese
große Sehnsucht nach Erlösung lebt, werden auch die im Kleinhirn konzentrierten Brennpunkte des
physischen Lebens, die wir soeben angedeutet haben, ihn wie in physischer Not dazu treiben.
Darum ist es nötig, daß Sie als Schüler die Herrschaft über die Funktion des Kleinhirns erhalten;
daß Sie sich nicht leben lassen, sich nicht mehr von der Natur beherrschen lassen. Sie müssen das
selbst in die Hand nehmen und also Macht über die Brennpunkte im Kleinhirn, über die Brennpunkte
des physischen Lebens erhalten. Wenn Sie damit Erfolg haben, kann das Kleinhirn keinen Konflikt mit
den Organstrukturen, mit den Funktionen des Großhirns mehr hervorrufen, in dem zum Beispiel das
Überdenken der Dinge des Geistes stattfindet.
In diesem Zusammenhang weisen wir dann auf eine der Seligpreisungen hin, die Ihnen allen
bekannt ist: «Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.» Mit der Reinigung
des Herzens muß der Prozeß beginnen. Das ist der Schlüssel zur Kontrolle über die Funktionen des
Kleinhirns. Wenn Sie durch die Reinheit des Herzens über diese Kontrolle verfügen, zeugen die
beiden Schlangen der Merkur-Leiter, Pingala und Ida, von der erreichten Harmonie. Und der Körper
kann so seine Gesundheit erhalten, soweit das dann möglich ist.
Achten Sie einmal auf jene, die gerade die Geistesschule gefunden haben, die viele Jahre gesucht
und das Festlaufen in dieser Welt als Realität erfahren haben. Wenn sie in einem gegebenen
Augenblick vor der gnostischen Offenbarung stehen, springen sie gleichsam mit einem Jauchzer
mitten in die Schule. Und dann müssen Sie einmal darauf achten, wie das ihrer Gesundheit zugute
kommt, wie sich eine ungekannte Harmonie auch in ihrem Körper entwickelt. Denn nachdem sie so
lange gesucht und endlich gefunden haben, springt das Herz in tiefer Dankbarkeit und Erkenntnis auf
und empfängt die Gnosis. Gleichzeitig werden durch dieses intensive Sehnen und die Reinigung des
Herzens -- die vorläufig natürlich noch nicht bewußt kontrolliert wird -- spontan die Funktionen des
Kleinhirns beherrscht. Die Harmonie dieses Menschen, des vorher seufzenden und suchenden
Menschen, der dann seinen Gott gefunden hat, strömt durch den ganzen Organismus und fördert sehr
seine Gesundheit. Viele, die in diesem Zustand in die Schule hineingekommen sind, zeugen davon
mit den Worten: «Was mit mir geschehen ist, weiß ich nicht, aber ich habe das Gefühl, als ob eine
bleischwere Last, die jahrelang auf mir gelegen hat, von mir abgefallen ist.»
Auf der Grundlage eines solchen wahrhaften Verlangens nach befreiendem Licht und Leben ist die
Selbstübergabe der gesamten Natur kein Problem mehr. Es geht dann nur darum, diesen Zustand zu
stabilisieren. Wenn Sie diesen Weg gehen, wird Ihre gesamte Natur aus innerem Bedürfnis diesen
alles beherrschenden Befreiungsweg annehmen. Und kein physischer Organismus kann dann eine
Konfliktsituation verursachen.

Das ist, kurz zusammengefaßt, der Schlüssel zur Reinigung Ihres ganzen natürlichen Systems,
wonach dann die Seele in Ihnen geboren werden und ihre Reise zur Morgenröte der Auferstehung
vollenden kann. Darum heißt es in den Seligpreisungen: «Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie
werden Gott schauen.»
Sie werden ihrem Pymander begegnen. Sie werden mit dem Auge der Seele, mit dem Auge des
Gemüts als freie Geistseele eintreten in die Fülle der Gottes-Offenbarung. Sie werden Gott sehen. Sie
werden Gott erkennen. Sie werden Gott verstehen. Sie werden sich mit der ganzen Synthese aus dem
achten Buch des Hermes Trismegistos vereinigen.
XXXVI

Neuntes Buch

Nichts von dem, was wirklich besteht, geht verloren, aber die Veränderungen
nennt man irrtümlich Vernichtung und Tod

1. HERMES: Laß uns nun, mein Sohn, hinsichtlich der Seele und des Körpers
besprechen, auf welche Weise die Seele unsterblich ist und von welcher Art die
Kraft des Zusammenhangs und der Entbindung des Körpers.
2. Der Tod hat mit diesen Dingen nichts zu tun. Tod, Sterblichkeit sind nur
Begriffe, vom Wort Unsterblichkeit abgeleitet, sei es als Erdichtung, sei es
dadurch, daß man die erste Silbe wegfallen ließ und nun von Sterblichkeit
spricht.
3. Tod ist Vernichtung; aber nichts von allem, was in der Welt ist, wird vernichtet.
Denn die Welt ist der zweite Gott und ein unsterbliches Wesen, daher ist es
ausgeschlossen, daß ein einziges Teil dieses unsterblichen Wesens vergehen
könnte; alles in der Welt ist ein Teil der Welt, vor allem der Mensch, das mit
Verstand begabte Wesen.
4. Vor und über allem ist Gott: der Ewige, der Unerschaffene, der Schöpfer aller
Dinge. Das Zweite, die Welt, wurde von Ihm nach seinem Ebenbild erschaffen,
wird von Ihm erhalten und genährt und ist mit Unsterblichkeit begabt, da sie,
von einem ewigen Vater gezeugt, als unsterbliches Wesen Ewigkeitsleben besitzt.
5. Ewigkeitsleben muß gut unterschieden werden von dem, was ewig ist. Denn
der Ewige ist nicht aus irgendeinem anderen Wesen hervorgegangen. Und sollte
Er geworden sein, so wäre Er es durch sich selbst. Jedoch Er ist niemals
geworden, sondern erzeugt sich selbst in ewigem Werden. So lebt das All ewig
aus dem Ewigen, aber der Vater ist ewig aus sich selbst: die Welt lebt also ewig
und ist göttlich durch den Vater.
6. Aus aller Materie, die Er dazu bestimmt hatte, formte der Vater den Körper der
Welt; Er gab ihm eine kugelförmige Gestalt, bestimmte die Eigenschaften, die ihn
schmücken sollten und schenkte ihm, da die Materie göttlich war, ewige
Stofflichkeit.
7. Nachdem der Vater die Eigenschaften der Arten in die Kugel eingestrahlt hatte,
verschloß Er sie darin wie in einer Grotte, da Er seine Schöpfung mit allen
Eigenschaften schmücken wollte.
8. Er umgab den gesamten Körper der Welt mit Unsterblichkeit, damit die
Materie nicht zu dem ihr eigenen Chaos zurückkehren könnte, falls sie sich von
der verbindenden Kraft des Körpers lösen sollte.
9. Als die Materie noch nicht zu einem Körper geformt war, mein Sohn, war sie
ungeordnet. Sie beweist das sogar hier noch durch das Vermögen zu- und
abzunehmen, welches die Menschen den Tod nennen.
10. Dieses Ungeordnete, diese Rückkehr zum Chaos, zeigt sich nur bei irdischen
Geschöpfen. Die Körper der himmlischen Wesen behalten die Ordnung, die
ihnen vom Anbeginn vom Vater geschenkt wurde. Diese Ordnung wird
unzerstörbar bewahrt durch die Rückkehr aller in den Zustand der
Vollkommenheit.
11. Die Rückkehr der irdischen Körper zu ihrem früheren Zustand besteht in der
Auflösung der verbindenden Kraft, die zu den auflösbaren Körpern, das heißt zu
den unsterblichen Körpern zurückkehrt. So vergeht zwar das Bewußtsein der
Sinne, aber der Körper wird nicht vernichtet.
12. Das dritte lebende Wesen ist der Mensch, der nach dem Bild der Welt
erschaffen wurde und nach dem Willen des Vaters im Gegensatz zu den anderen
irdischen Tieren den Verstand besitzt. Er ist nicht nur innig mit dem zweiten Gott
verbunden, sondern er nähert sich in innerlicher Betrachtung auch dem Wesen
des ersten Gottes. Den zweiten Gott nimmt er mit den Sinnesorganen körperlich
wahr, während seine Einsicht ihn den ersten Gott als unkörperlich, als Geist, als
das Gute erkennen läßt.
13. TAT: Wird dieses lebende Wesen also nicht vernichtet?
14. HERMES: Sprich frohe, jauchzende Worte, mein Sohn, und begreife, was Gott
ist, was die Welt ist, was ein unsterbliches Wesen ist und was ein Wesen ist, das
der Auflösung unterworfen ist. Erkenne, daß die Welt aus Gott geboren, in Gott
ist; daß der Mensch aus der Welt geboren, in der Welt ist; und daß Gott, der
Ursprung des Alls, alles in sich beschlossen hält und bewahrt.
XXXVII

Die Wiedergeburt der Seele

Wir wollen uns jetzt auf das neunte Buch des Hermes besinnen, in dem dargelegt wird, daß
absolut nichts vom wirklich Bestehenden verlorengeht und daß also der Tod, auf das
Wesentliche bezogen, ein Hirngespinst ist und in das Reich der Fabel verwiesen werden
muß.
Zuerst wenden wir uns dem Problem des Verhältnisses zwischen Seele und Körper zu und
besprechen den Stoffwechselprozeß des Körpers, das Kommen und Gehen der Atome und Kräfte. Wir
stellen uns dabei auf die Basis des hermetischen Grundsatzes, daß die Seele prinzipiell und
fundamental unsterblich und der Zustand der Seele entscheidend ist für die Art und das Wesen des
Körpers und des Stoffwechseltempos des Körpers sowie alle Erscheinungen, die damit
zusammenhängen. Im wesentlichen des zusammengesetzten Systems von Seele und Körper, in der
idealen, fehlerlosen Zusammenwirkung zwischen Seele und Körper, gibt es keinen Tod. Tod, so sagt
Hermes, ist nur eine Erdichtung. Der Begriff Tod und das, was daran anknüpft, ist tatsächlich ein
Irrtum.
Wenn Sie das so lesen, sind Sie geneigt, sich die Augen zu reiben. Denn eine solche hermetische
Schlußfolgerung steht doch stark im Gegensatz zur Wirklichkeit, die Sie kennen, erleben und die Sie
so oft um sich herum beobachtet haben. Es steht auch im Gegensatz zu allem, was Sie so oft in der
Bibel lasen und in der gnostischen Philosophie glaubten feststellen zu können. Sprechen Sie zum
Beispiel nicht von der Todesnatur und von der Dialektik, also über Entstehen, Blühen und Vergehen?
Und kennen Sie nicht das Wort: «Der Sünde Sold ist der Tod»? Ist der Tod also keine absolut bekannte
Erscheinung im Allgeschehen?
Sie müssen die Absicht des Hermes gut verstehen. Er wendet sich hier nicht an den Menschen im
allgemeinen, sondern an seinen Sohn Tat. Das ist der Eingeweihte, der bis zu einem gewissen Grad
eingeweihte Sucher, der das Wesentliche, die Wahrheit der Seele, entdeckt hat, der das Wunder der
Seele aufgespürt hat und versteht, um was es geht.
Wenn dieser Tat schließlich am Ende der Rede des Hermes voller Verwunderung dessen
Erklärungen zusammenzufassen versucht in der Frage: Wird dieses lebende Wesen, der Mensch, also
nicht vernichtet? dann ruft Hermes mit großem Nachdruck aus: Sprich frohe, jauchzende Worte, mein
Sohn und begreife, was Gott ist.

Das ganze neunte Buch ist ein flammender Protest gegen die Idee des Todes, und Hermes kann sich
sehr schwer vorstellen, daß ein ernsthafter, in die Gnosis eingeführter Sucher sich dem gestellten
Problem immer wieder von der falschen Seite, von der äußeren Seite nähert.
Wollen Sie dieses Mysterium für sich selbst entschleiern, dann müssen Sie sich auf den Standpunkt
der Seele stellen und von da aus die verschiedenen Probleme betrachten. Wer das tut, wird das
Bibelwort verstehen: «Die Seele, die sündigt, muß sterben.»
Die sündigende Seele lebt und wirkt gegen die fundamentalen göttlichen Gesetze. Eine solche
Seele verursacht eine Störung in den Stoffwechselprozessen des Körpers und im eigenen
Aktionsradius. Oder, in der Terminologie der hermetischen Philosophie: Eine solche Seele verursacht
eine Störung in der Löslichkeit, das bedeutet: in der Transfiguration. Eine solche Störung hat nichts
mit Tod zu tun. Sie ist nur ein Zwischenfall, um den Weitergang des Ewigkeitsprozesses
sicherzustellen.
Wer hier zum richtigen Verständnis durchdringen will, muß zwei absolut falsche Auffassungen
über den Tod loslassen, nämlich die theologische und die Auffassung des historischen Materialismus.
Die theologische Auffassung erklärt mit verschiedenen Abwandlungen, daß die Erscheinung, die man
Tod zu nennen pflegt, eine Veränderung ist und der Lebensprozeß, der Lebensbetrieb, im Himmel
oder im Jenseits fortgesetzt wird. Dieser Auffassung schließen sich zahlreiche Gruppen an, mit
Variationen des gleichen Themas. Die historisch-materialistische Auffassung sagt: Der Tod ist das
absolute Ende, die völlige Aufhebung des menschlichen Daseins.
Wenn Sie diese beiden Auffassungen völlig loslassen können, werden Sie die Wahrheit der
gnostischen Philosophie erkennen. Hermes will sagen, daß der Tod die totale Auflösung der
kristallisierten oder erkrankten, falsch lebenden Persönlichkeit ist. Und was übrigbleibt, ist ein von
dieser Per-sönlichkeit befreiter Mikrokosmos, in dem sich ein flammender, lebendiger
Kernmittelpunkt befindet: die Rose, die Seele, die wahrhaftige Seele. Der Zwischenfall in der
Löslichkeit, welcher die Seele wieder von ihrer versteinerten Umhüllung befreit, ist also, genau
betrachtet, ein großer Segen. Die Seele kann dadurch ihren Ewigkeitsgang wirklich fortsetzen, falls sie
nur da beginnt, wo der Zwischenfall verursacht wurde.
Dazu muß der entleerte Mikrokosmos wieder eine neue Persönlichkeit zur Belebung suchen und
dann versuchen, anhand der göttlichen Gesetze und Kräfte in die Transfiguration einzutreten. Dieses
ist eine harmonische, sich selbst vollziehende zwischenfallsfreie Stoffwechselprozedur; eine sich von
Kraft zu Kraft und von Herrlichkeit zu Herrlichkeit fortsetzende Veränderung des Seelengewandes,
eine sich ideal vollziehende Dialektik der siebten Ansicht, des Seelenmantels, während die Seele selbst
mit ihrem Pymander verbunden, autonom in der sechsten Ansicht der göttlichen Offenbarung
existiert.
Tod ist also, philosophisch betrachtet, Unsinn. Tod, so sagt Hermes mit Recht, ist Vernichtung;
aber nichts von allem, was in der Welt ist, wird vernichtet. In der durch die vier Elemente -- Feuer,
Wasser, Luft und Erde -- offenbarten Welt wird das Formgewordene, das nicht zu gebrauchen ist,
wieder entbunden und an seinen Platz zurückgebracht, während die Seele von einer höchst
unerwünschten Kristallisation befreit wird. Von Vernichtung ist also keine Rede.
Es hat immer Menschen gegeben, die mit einem schweren und mühevollen Leben zu kämpfen
hatten und sich auf den Standpunkt stellten: «Wir wollen durch Selbstmord der Befreiung der Seele
ein bißchen nachhelfen. Wenn der versteinerte Mantel der Seele doch zu nichts Gutem imstande ist,
dann wollen wir dem doch ein Ende bereiten.» Das ist ein sehr großes Mißverständnis, denn ein
Selbstmörder kann seine kristallisierte Persönlichkeit nicht selbst zerbrechen. Wenn er den Stoffkörper
vernichtet, dann bleiben doch die drei übrigen Körper der Persönlichkeit -- der ätherische, der astrale
und der mentale Körper -- bestehen, bis das Urbild völlig ausvibriert hat. Das maßlose Elend des
Selbstmörders während dieser Periode ist nicht zu beschreiben. Außerdem müssen Sie gut erkennen,
daß der Schlüssel zum Leben der Befreiung immer und gerade in der Naturgeburt liegt. Wenn Sie in
dieser Naturgeburt nicht als Seelenmensch die Befreiung ergreifen, wenn Sie nicht jetzt die Türen der
Mysterien für sich selbst aufbrechen, müssen Sie es als Mikrokosmos ein nächstes Mal probieren.
Der Weg der Befreiung führt von der Naturgeburt und durchdie Naturgeburt zur Seelengeburt.
Am Anfang, als die Seele noch in der Welt des lebenden Seelenzustandes existierte, war es der Geist,
der sich über die Seele im Körper ausdrückte. Nun muß der umgekehrte Weg, der Rückweg,
beschritten werden: Der naturgeborene Mensch muß die Seele wieder zum Leben erwecken, sich
dieser völlig dienstbar erweisen und unter ihrer Führung die Wiederherstellung der Verbindung mit
dem Geist, mit Pymander, anstreben und sie verwirklichen. Wer diesen Weg nicht geht, muß als
Mikrokosmos immer wieder mit dem irdischen Geburtsprozeß beginnen.

Dürfen wir Sie einmal fragen: Wissen Sie eigentlich, was Seelengeburt zu bedeuten hat? Unsere
Literatur spricht tatsächlich über nichts anderes, aber vielleicht ist es der Aufmerksamkeit vieler
entgangen, um was es eigentlich geht.
Wer oder was sind Sie als Naturgeborener? Sie sind ein Körper! Oder in der Terminologie des
Hermetismus: Sie sind nur ein Tierwesen. Für Sie kann also nicht ohne weiteres die
Geburtswirklichkeit des wahren Rosenkreuzers zutreffen. Dessen Signatur spricht aus den Worten:
«Ex Deo nascimur» -- wir sind aus Gott geboren.
Sind auch Sie, als Mensch dieser Welt, aus Gott geboren? Nein, aus der Natur, aus dem irdischen
Instandhaltungsprozeß, und Sie besitzen daher einen Körper, der in keiner einzigen Hinsicht mit dem
Körper der Gottesgeburt verglichen werden kann. Sie, Naturgeborener des heutigen menschlichen
Geschlechts, besitzen nur einen Notordnungskörper, der außerdem noch mit der Sündenlast, dem
Karma Ihrer Eltern, Ahnen und Ihrem eigenen beladen ist.
Wenn nun Ihr Lebenskern, Ihr Lebensprinzip, Ihre Seele, dem Notordnungskörper dient, wie es bei
der übergroßen Mehrheit der heutigen Menschheit der Fall ist, wenn das Feuerprinzip Ihres
Lebenszustandes sich völlig der niederen Natur hingibt, dann ist es doch klar, was geschehen wird:
dann arbeitet die Seele an einem neuen Zwischenfall in der Löslichkeit. Dann macht der Mensch oder
die Seele unauflöslich, was löslich sein könnte und müßte.
Was meint Hermes dann mit Löslichkeit? Einen ideal wirkenden Stoffwechselprozeß, in dem die
verbrauchten Kräfte und Stoffe harmonisch fortwährend und vollkommen ausgeglichen, durch neue
Stoffe und Kräfte ersetzt werden. Infolgedessen existiert der Mantel der Seele unsterblich und
bleibend in einer ewigen, strahlenden Jugend und ist stets einem Transfigurationsprozeß unterworfen,
weitergehend von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.
Wenn jedoch das Lebensprinzip, von der Geburt der Persönlichkeit an, sich der Natur weiht, dann
ruft es einen Zwischenfall in der Löslichkeit auf, dann wird der Stoffwechselprozeß völlig gestört.
Dann entwickelt die Kristallisation sich schneller als die Erneuerungsprozedur.
Sündigt die Seele jedoch nicht, sondern erkennt und begreift das eine Ziel ihres Daseins und dient
ihm, dann erhält sie das Kennzeichen des wahren Rosenkreuzers. Dann wird sie aus Gott geboren.
Dann zieht sie um sich einen Mantel, eine Körperlichkeit, die, wie gesagt, völlig dem harmonischen
Loslösungsprinzip entspricht, während sie dabei das Naturgeborene als Dienstknecht im Haus, als
Basis, gebraucht. Wenn jemand kein Haus hat, um darin zu wohnen, dann ist er schon überglücklich,
wenn er ein baufälliges Haus, ein schlechtes Haus bekommt. Er kann dann vielleicht an diesem
baufälligen Haus einiges verändern und es sich nach seinem Geschmack einrichten. So ist der
naturgeborene Körper, der Dienstknecht im Haus, die Arbeitsbasis für die Seele beim Verwirklichen
höherer Möglichkeiten, und schließlich wird das Unlösliche vernichtet. Dann geht die Seele in dem
aus göttlicher Art und Berufung Geborenen weiter zu höherem Gut.
Darum wiesen wir bereits wiederholt auf Folgendes hin: Wenn die Seele geboren ist und die ersten
Ansichten der neuen Körperlichkeit um sich herumgezogen hat, braucht der Mensch, wenn die Zeit
für das irdische Sterben gekommen ist, sich wegen eines neuen Untertauchens in der dialektischen
Natur dieser Welt nicht zu beunruhigen. Wenn ein neues Seelenwerden begonnen hat, geht er von
Kraft zu Kraft weiter.
Seelenwiedergeburt bedeutet im tiefsten Sinn also, die ursprüngliche Körperlichkeit der Seele
wieder zu erreichen, wodurch die Naturgeburt überwunden wird. Schüler der jungen Gnosis müssen
sich daher in erster Linie der Wiedergeburt der Seele hingeben. Aber die Krönung dieser
Wiedergeburt muß durch die Seele selbst zustande kommen. Nach der Wiedergeburt der Seele wartet
eine Wiedergeburt durch die Seele. Hierauf wollen wir uns nun besinnen.
XXXVIII

Die Wiedergeburt durch die Seele

Wie gesagt, wollen wir unsere Aufmerksamkeit jetzt auf die Wiedergeburt richten, die durch
die Seele vollzogen werden muß, nicht auf die Wiedergeburt der Seele selbst also, sondern
auf die Wiedergeburt durch die Seele. Darauf müssen Sie gut achten, denn die Wiedergeburt
der Seele ist nur der erste Beginn. Diesen Punkt haben die meisten Schüler der Geistesschule
erreicht. Aber nun muß die Seele wieder auf ihr Ziel gerichtet werden.
Ein suchender Mensch tritt mit reinen Absichten in die Geistesschule ein. Sie sind mit Ihrem
gewöhnlichen naturgeborenen Lebenszustand wenig zufrieden und beweisen durch Ihren Eintritt,
daß Sie Wiederbelebung Ihrer Seele suchen, ja, bereits in einige Phasen der Wiederbelebung
eingetreten sind. Sobald die Seele wieder belebt ist, muß sie zuerst auf das eine Ziel gerichtet werden,
das wahre Ziel des Lebens.
Darum sprechen wir in der Schule von der Wiedergeburt durch die Seele. Das ist ein Prozeß, in
dem die Seele die Initiative ergreift, die Führung des gesamten Lebens übernimmt und dadurch zum
Ziel durchdringt. Auf diesen Prozeß wird nun hier Ihre Aufmerksamkeit gerichtet, damit Sie eintreten
in die zwischenfallsfreie Löslichkeit, in die Transfiguration, in den idealen Stoffwechsel, kurz: in die
Ewigkeit. Ihnen gilt also der Notschrei vom Anbeginn: «Rette deine Seele!» Denn was würde es Ihnen
nützen, wenn Sie alle Schätze der Welt besäßen und an Ihrer Seele Schaden nähmen?

Der Quell Ihres Lebens, der Punkt, wo Ihr Lebenskern wohnt, ist der Mittelpunkt im Mikrokosmos,
der fast mit dem Herzen übereinstimmt. Im Herzen, so kann man sagen, ist der Sitz des Lebens. Das
Bewußtsein des Herzens ist deshalb etwas ganz anderes als das Bewußtsein in anderen Teilen des
Körpers. Das Bewußtsein im Haupt zum Beispiel unterscheidet sich sehr von dem des Herzens.
Im vorgeburtlichen Leben, beim Werden des Embryos, gibt es einen kleinen Fleck im Herzen, in
dem sich das Leben zuerst manifestiert. Es ist der Punkt, wo die Seele sich dem werdenden Wesen
nähert und es berührt. Dort, an dieser Stelle des Herzens, zeigt sich das Leben zuerst. Es ist der Sitz
des Lebens, die Rose des Herzens, die Mitte Ihres Mikrokosmos. Und wenn ein Mensch stirbt, hält in
diesem Fleck im Herzen das Leben bis zum letzten Augenblick stand. Sogar wenn das Haupt vom
Rumpf getrennt ist, bleibt noch stundenlang dieser Punkt im Herzen lebendig.
Alles was jedoch in Ihrem Haupt vorgeht, alle Gedanken, die darin Stürme verursachen, alles, was
Sie im Haupt an intellektueller Kenntnis oder anderen Werten angesammelt haben, alles, was Sie
tagaus, tagein meinen, annehmen und überlegen, betrifft nur das tierische Leben, das tierische
Bewußtsein, das Leben, das in jedem Atom Ihres Körpers gegenwärtig ist.
In jedem Atom Ihres Körpers existiert ein bestimmtes Leben, eine bestimmte Kraft. Die Synthese all
dieser Atome, die Ihren Körper bilden, ist und verursacht das tierische Bewußtsein, das
Körperbewußtsein. Dieses Bewußtsein, das wollen wir Ihnen nur deutlich sagen, hat nichts mit dem
Leben zu tun, das im Herzen anwesend ist.
Das Problem ist nun, ob das im Herzen anwesende Leben wirklich lebt, ob es tatsächlich
vollkommen wirksam ist, ob dieser mikrokosmische Mittelpunkt, der mit Ihrem Herzen
übereinstimmt und sich darin offenbart, sich wirklich entfalten kann und deshalb im wahrsten Sinne
des Wortes lebt. Das ist das Problem. Und es ist nicht nur ein psychologisches Problem, nein, auch ein
rein physisches, ein körperliches Problem.
Das Herz ist das wichtigste Organ im menschlichen Körper. Es ist wirklich sehr wunderbar
gemacht. Die Beschaffenheit des heutigen menschlichen Körpers ist ein Beweis dafür, daß wir in der
Tat einen Notordnungskörper besitzen. Die Zellstruktur und die Zellproduktion des Herzheiligtums
weichen sehr von denen des übrigen Körpers ab. Das Herz besitzt daher auch im Körper eine sehr
große Ausnahmestellung. Es ist so organisiert, um mit der Seele, um mit der mikrokosmischen Mitte
zusammenarbeiten zu können.
Wenn ein Kind gerade geboren wurde, ist sein kleiner Körper erst noch ein sehr untergeordneter
Faktor. Was lebt, was wirklich lebt, ist die Seele im Herzen. Die übrigen Lebenserscheinungen sind die
Folge der Tatsache, daß ein Strahl der Seele den kleinen Körper atmen läßt. So wird der grobstoffliche
Körper zur ersten Umhüllung der Seele. Das Herz stimmt mit der Seele überein, mit dem Kern des
Mikrokosmos, und über das Herz offenbart sich also die Seele in dem kleinen eben geborenen Körper.
Die Seele, oder die Rose, ist siebenfach. Die Rose hat sieben Kelchblätter. Und damit
übereinstimmend ist auch das Herz des Menschen siebenfach gebildet. In der Universellen Lehre wird
von den sieben Kammern des Herzens gesprochen: von drei höheren und vier niederen. Sie können
das Herz also mit dem magischen Teppich für den Bau vergleichen und von einem Dreieck und einem
Quadrat sprechen.
Im Hauptheiligtum des Menschen befinden sich ebenfalls sieben Kammern. Wir sprechen von
sieben Gehirnhöhlen und von den sieben Leuchtern. Diese können erst dann mit ihrer Arbeit
beginnen, können erst vollständig in der Gnosis, im Licht des Geistes leuchten, wenn die sieben
Herzkammern sich übereinstimmend mit den sieben Blättern der Rose entfalten. Es ist also absolut
falsch, wie die stoffliche Wissenschaft am Herzen zu manipulieren. Es ist sicherlich nicht gut, am
Herzheiligtum eine Operation vornehmen zu lassen.
Als Mittler zwischen der siebenblättrigen Rose und den sieben Kammern des Herzens fungiert das
Sternum, das Brustbein. Sternum bedeutet, wie wir bereits früher erwähnten, Strahler. Das Brustbein
ist ein Strahlungsfaktor in der Zusammenwirkung zwischen der Rose und dem Herzen, zwischen der
Seele und dem Herzen. Wenn die sieben Kelchblätter der Seele sich vollkommen im siebenfachen
Herzen offenbaren könnten, würden über die siebenblättrige Rose des Herzens auch die sieben
Lichter im Hauptheiligtum entflammt werden. Sieben Strahlen des Siebengeistes würden sich im
Hauptheiligtum offenbaren. Das Hauptheiligtum ist dazu bestimmt, der Sitz des Geistes zu sein. So
könnten sich dann die sieben Ansichten des Geistes in Zusammenarbeit mit der Seele im Haupt
offenbaren und somit gemeinsam im Körper. Geist, Seele und Körper wären dann wieder eine
vollendet schöne Einheit.
So ist es in Wirklichkeit jedoch nicht. Im Hauptheiligtum der Naturgeburt steht der siebenarmige
Leuchter nicht vor Gott, es gibt keinen innewohnenden siebenfachen Pymander. Die Tatsache, daß der
heutige natürliche Mensch lebt, beweist, daß er ein beseeltes Geschöpf ist. Aber längst nicht alle sieben
Strahlen der Seele können sich in Vollkommenheit in seinem Herzheiligtum offenbaren. Mindestens
drei der Kelchblätter der Rose bleiben geschlossen, nämlich die der drei höheren Kammern des
Herzens. Sie wirken beim naturgeborenen Menschen nicht positiv. Auch die vier niederen Kammern
des Herzens sind nicht voll wirksam. Dadurch kann sich die siebenfache Seelenkraft nicht im Körper
offenbaren, der Siebengeist kann sich nicht im Hauptheiligtum manifestieren und die sieben Leuchter
können daher nicht brennen.
Die sieben Leuchter im Hauptheiligtum, die sieben Gehirnhöhlen, sondern beim naturgeborenen
Menschen zwar eine fluoreszierende Kraft ab, aber es sind rein äonische astrale Feuer, die darin
brennen. Das Leben ist daher rein animalisch.
Stellen Sie sich ein Kind vor, geboren als Produkt von Vater und Mutter. Die Seele ist zwar im
Körper innewohnend, kann sich aber in den sieben Ansichten des Herzens nicht vollkommen
offenbaren. Nun beginnt das Kind zu wachsen. Neben dem Stoffkörper zeigt sich immer mehr das
ätherische Doppel; danach beim Älterwerden der astrale Körper; schließlich brennt auch die Flamme
des Denkens. Aber die Flamme des Denkens, der astrale Körper und das ätherische Doppel sind nicht
völlig auf die Seele abgestimmt, sondern auf die eventuellen karmischen Möglichkeiten des
naturgeborenen Menschen. Daher denkt, fühlt und will er dementsprechend. Darum ist er, wie er ist.
Darum ist die Welt so miserabel.
Wir wollen Ihnen nur erklären, daß das Denkvermögen des naturgeborenen Menschen absolut
nicht mit der wahren Seele korrespondiert. Alles, was Sie mit Ihrem Hauptheiligtum denken und tun,
hat nichts mit der Seele zu schaffen. Etwas von der Seele kann sich vielleicht hin und wieder im
Hauptheiligtum zeigen, aber diese schwachen Äußerungen der Seele werden meistens verdrängt.
So können Sie sich deutlich vorstellen, wie desorganisiert die Seelenausrichtung und das
Seelenbewußtsein des Menschen sind. Dadurch werden auch die wahren Körperfunktionen gestört.
Der heranwachsende Stoffkörper des Kindes und die anderen Körper, die sich daraus entwickeln,
werden vollkommen auf die gestörte Seele abgestimmt.
Können Sie nun verstehen, warum sich beim Älterwerden das Karma völlig offenbart? Warum die
Stimmen der Eltern und die der eventuell an die Erde gebundenen Ahnen sich im aufwachsenden
Kind durchsetzen können? Weil zu wenig Seelenkraft da ist! Die Seele, die aus Gott ist, kann sich nicht
offenbaren. Und die Folge ist daher immer ohne Ausnahme eine Störung in der Löslichkeit, eine
Störung in den Stoffwechselprozessen. Die Seelenoffenbarung ist unvollkommen, die Seele sündigt.
So entwickeln sich beim Älterwerden Kristallisationen, die mit dem Tod enden müssen, mit dem
Auseinanderfallen der Form. Sie können diesen ganzen Prozeß nun in seiner Unvermeidlichkeit und
seiner Logik von Anfang an verfolgen.

Die Beschaffenheit der Seele bestimmt also Ihr ganzes Leben. Der Zustand Ihres Ichs und alles, was
damit zusammenhängt, wie Ihr Charakter und Ihr Typus, ist ein Ergebnis, ein Produkt Ihres
Seelenzustandes. Ist Ihre Seele von Geburt an gefangen, können sich die sieben Kammern des Herzens
also nicht öffnen, kann nur ein Fünkchen der vier niederen Herzkammern sich offenbaren, dann ist
dieser Zustand mit Recht als Ihr Geburtszustand zu bezeichnen. Und der größte Teil der Menschen
bleibt sein ganzes Leben lang in diesem Zustand. Sie leben unveränderlich genauso weiter, wie sie es
von Jugend auf gewöhnt sind. Sie sind älter geworden, sie sind selbständig geworden, sie haben ihren
Platz in der Gesellschaft, aber ihrer Art, ihrem Charakter, ihrem Typus nach sind sie noch genau
dieselben kleinen Würmchen wie damals, als sie noch in der Wiege lagen.
Wenn Sie das erkennen, können Sie sich fragen: «Wenn mein Geburtszustand, mein Ich-Zustand,
mein Bewußtseinszustand bereits unmittelbar meinen Seelenzustand bestimmt, warum soll ich dann
nach einem befreienden Leben streben? Was will ich dann in dieser Schule? Bin ich denn kein
hoffnungsloser Fall? Denn die Seele kann sich in meinem Körper doch nicht entfalten. Ich werde alt,
ich werde grau, den Tod, das Zerfallen der Form, sehe ich schon vor Augen. Ich will darum essen,
trinken und fröhlich sein. Ich kann daran ja doch nichts ändern. Ich will daraus machen, was zu
machen ist und so das Ende abwarten.»
Wenn Sie so reagieren, dann leiden Sie an dem, was die Bibel Verhärtung des Herzens nennt.
Wollen wir einmal annehmen, daß bei Ihnen die drei höheren Kelchblätter der Rose noch geschlossen
und die vier anderen erst etwas geöffnet sind, so daß Ihre Seele in allem völlig negativ ist. Sie leben
völlig animalisch. Sie atmen, Sie leben, und das ist alles. Ist es dann nicht trotzdem so, daß Ihr Herz
Sie von Zeit zu Zeit, manchmal von Tag zu Tag, anklagt, daß von Zeit zu Zeit Ihr Gewissen
beunruhigt ist? Sagen Sie dann innerlich bewegt: «Was ist das hier für eine Wirtschaft! Was tue ich
hier, von morgens bis abends quäle ich mich, wofür? Ist das der Sinn meines Lebens?»
Wie kommen Sie zu solchen Gedanken und Worten? Es sind die Anklagen des Herzens. Es ist das
«im Ego Schmerz leiden», wie es einmal ausgedrückt wurde. Sie müssen dann manchmal wie durch
den brennenden Schmerz des Elends waten, weil Sie die Dürre, den Schrecken der Gottverlassenheit
erfahren. Sie gehen dann einen sehr schweren Lebensweg. Im einen Augenblick sind Sie erfüllt von
Schuldbewußtsein, im anderen von Widerstand, im einen Augenblick voller Zweifel, im anderen
toben Sie verbissen mit geballten Fäusten. Denn mit dem Verstand kommen Sie nicht dagegen an, und
der Wille scheint in den fatalsten Augenblicken völlig zu versagen.
Kennen Sie das? Kennen Sie die Anklagen des Gewissens und des Herzens, diesen maßlosen
Schmerz, den Sie nur vergessen, wenn Sie schlafen? Besitzen Sie etwas von diesem Erfahrungsleben,
das Sie von der Jugend an bis ins Alter verfolgt?
Wenn Sie das kennen, seien Sie dann unaussprechlich dankbar. Danken Sie Gott für diese Gnade.
Seien Sie dann überglücklich, denn das alles beweist, daß Ihr Herz noch nicht verhärtet, noch nicht
versteinert ist. Seien Sie sehr dankbar, wenn Sie das haben, wenn Sie das noch haben. Die Stimme der
Seele kann dann noch zu Ihnen sprechen. Die Seele, der Mittelpunkt des Mikrokosmos ächzt und
schreit gleichsam von Tag zu Tag um Hilfe, um Errettung, um Erlösung. Die Strahlung des
siebenfachen Geistes bahnt sich einen Weg durch das Sternum bis ins Herz; und über das Herz
werden alle Ihre übrigen Bewußtseinsorgane berührt. So spricht die Stimme des Gewissens zu Ihnen,
das klagende Herz, die Stimme der Seele.
Sehen Sie nun, wie wunderbar Ihr Herz gemacht ist. Die Struktur des Herzens ist so, daß die
Stimme der Seele, die Stimme der Rose bis zum letzten Seufzer erklingen wird, auch wenn die Seele
sich wegen der Naturgeburt nicht ganz im Körper offenbaren kann. Wenn Sie Ihr Herz nicht
verhärten, wenn Sie Ihr Herz nicht «fett» werden lassen, wie der Psalmdichter es nennt, dann werden
Sie die Stimme des Herzens stets vernehmen. Daher kommt auch die Qual der Reue, das Nagen des
Gewissens. «Sie alle kommen aus dem Herzen», stellt zum Beispiel Frau Blavatsky fest.
Wenn Sie nun die siebenfache Stimme der Seele noch vernehmen, können Sie auch hören, was
hinter der Stimme treibt: nämlich die Gnosis, die Gnosis, die Sie erretten will. Millionen haben im Lauf
der Jahrhunderte auf diese Stimme gehört, die sprach, um die Herzen der Menschen zu bekehren.
«Zahllose, die diese Stimme hörten, nahmen es sich zu Herzen», so sagt die Bibel. «Sie bewahrte alle
diese Worte in ihrem Herzen.» Und: «Der Geist des Herrn hat mich gesandt, um zu heilen, die
gebrochenen Herzens sind.»
Solange das Herz noch nicht verhärtet ist, können Sie sich die Kräfte und Wirksamkeiten des Heils
zu Herzen nehmen, das Herz umwenden oder bekehren, die Essenz des Heils in Ihrem Herzen
bewahren; unter der Bedingung, daß Sie sich in die Reihen der Zerbrochenen des Herzens einfügen.
XXXIX

Die heilige Mutter-Erde

Kehren wir nun zum neunten Buch des Hermes Trismegistos zurück und richten wir Ihre
Aufmerksamkeit auf den dritten Vers:

Tod ist Vernichtung: aber nichts von allem, was in der Welt ist, wird vernichtet. Denn
die Welt ist der zweite Gott und ein unsterbliches Wesen, daher ist es ausgeschlossen,
daß ein einziges Teil dieses unsterblichen Wesens vergehen könnte: alles in der Welt ist
ein Teil der Welt, vor allem der Mensch, das mit Verstand begabte Wesen.

Ein Zwischenfall in der Löslichkeit, in dem unaufhörlichen Stoffwechselprozeß ist zwar möglich, aber
das alles betrifft nur das Gewand der Seele, das gebildet und unterhalten wird aus den Stoffen und
Kräften der Welt, nämlich aus den vier Elementen: Feuer, Luft, Erde, Wasser. Wenn eine Form,
geworden aus den vier Elementen, auseinanderfällt, kehren ihre Teile zum Urquell ihrer planetaren
Ansichten zurück.
Die Welt, unser Planet, unsere Mutter-Erde, wird hier der zweite Gott genannt und ist als solcher
unsterblich. Was muß man darunter verstehen?
Der vollkommene Mensch ist, wie Sie wissen, eine Drei-Einheit: Geist, Seele und Körper. Wenn die
Seele sich wirklich siebenfach entfalten kann, wenn die siebenfache Rose ihre Kelchblätter in voller
Schönheit ausbreiten kann und das siebenfache Herz seine Kammern vollkommen für die Kräfte der
Rose, für die sieben Flammen der Isis, die sieben Kräfte der heiligen Erde geöffnet hat, vollzieht die so
vorbereitete Seele die Wiedergeburt.
Sobald die Seele ihr siebenfaches Vermögen wirklich in das siebenfache Herz des Menschen
übertragen kann, entwickelt sich in diesem Menschen ein siebenfacher Prozeß. Dann geht die Seele
einen Kreuzweg; einen Kreuzweg von Bethlehem, dem Herzen, nach dem Hügel Golgatha, dem
Hauptheiligtum. Die sieben Gehirnhöhlen werden dann vom Herzen aus mit dem universellen Prâna
des Siebengeistes gefüllt.
So wird der siebenfache Leuchter, der vor Gott steht, angezündet. Durch das universelle Prâna des
Logos erhält er dann für den Kandidaten einen sehr individuellen Charakter. Dieser empfängt den
innewohnenden Geist, den siebenfachen Pymander. Geist, Seele und Körper sind dann eine Drei-
Einheit geworden.
In dieser Drei-Einheit ist Pymander aus dem ersten Gott, aus dem universellen Geist, dem Logos;
aber die Seele und der Körper sind aus dem zweiten Gott, der Welt, aus dem siebenfachen heiligen
Planeten, aus der Mutter Isis, der göttlichen Erde.
Der Schüler wird in der Universellen Lehre stets davor gewarnt, die ihm bekannte Erde für die
ursprüngliche Erde zu halten. Der vollkommene Planet ist ebenso wie der vollkommene Mensch ein
siebenfacher Geist und eine siebenfache Seele, und er besitzt einen siebenfachen Körper. Man darf
selbstverständlich nicht einen Teil dieses siebenfachen Körpers der vollkommenen Erde, der von der
heutigen unvollkommenen und unmündigen Menschheit mißbraucht wird, als den vollständigen,
vollkommenen Ausdruck des Erdgeistes ansehen. Ebensowenig wie Sie, wenn Sie eine Wunde am
Finger hätten, sagen könnten, daß Ihr ganzer Körper krank sei.

Die Seele des Menschen, die Rose des Herzens, ist also siebenfach: vollkommen und ewig, erschaffen
aus der Seele des zweiten Gottes, aus der heiligen vollkommenen Erde, aus Mutter Isis. Darum sagt
Vers 3: Alles in der Welt ist ein Teil der Welt, vor allem der Mensch, das mit Verstand begabte Wesen.
So verstehen Sie, die Sie völlig aus der Erde und durch die Erde geworden sind und jedes Atom
und jede Zelle aus unserem planetaren System empfangen, daß die vollkommene Erde die den Logos
vergegenwärtigende Gottheit ist:

Vor und über allem ist Gott, der Ewige, der Unerschaffene, der Schöpfer aller Dinge. Das Zweite,
die Welt, wurde von Ihm nach seinem Ebenbild erschaffen, wird von Ihm erhalten und ernährt und
ist mit Unsterblichkeit begabt, da sie, aus einem ewigen Vater gezeugt, als unsterbliches Wesen
Ewigkeitsleben besitzt.

Das Absolute ist also für den vollkommenen Menschen innerhalb der Felder der vollkommenen Erde
zu finden. Der Kandidat, der vielleicht meinte, daß er nachher in andere Teile des siebten kosmischen
Gebietes ausweichen könnte, wo es vielleicht besser sein würde als hier, wird in der hermetischen
Philosophie auf den planetaren Status zurückgewiesen, aus dem er geworden ist, aus dem er erhalten
wird.
Das Absolute ist zu finden, muß gefunden werden innerhalb der Felder der absoluten, universellen
heiligen Erde. Das ist die Berufung der Seele. Dem Geist nach sind Sie aus dem Vater, wie der Erdgeist
aus dem Vater ist; der Seele und dem Körper nach werden Sie aus der Erdenseele und dem
Erdenkörper erhalten. Die Berufung des Erdgeistes ist daher auch Ihre Berufung.
Die Berufung des Erdgeistes ist es, verschiedene Lebens- wellen in seinem Geburtenschoß zur
Vollkommenheit zu drängen. So wie der Vater nicht die Werke seiner Hände läßt, wird auch die Seele
nicht das Werk der ihr zugewiesenen Aufgabe lassen. Die Menschen sind also mit allen Naturreichen
in einem sehr weitreichenden Sinn zu einer vollkommenen Einheit zusammengeschweißt. Sie sind als
Seele und Körper aus der heiligen Mutter-Erde.
Vielleicht kann sich nun bei Ihnen die Frage erheben, ob sich durch diese hermetische Folgerung
ein Gefühl der Trennung in höherem Sinn entwickeln könnte und wir von der Menschheit der Erde
im Gegensatz zur Menschheit der anderen Planeten sprechen müßten. Aber achten Sie darauf: die
absolute Erde bildet wieder ein System mit den sechs anderen Planeten, und diese sieben gehen
zusammen vollständig im siebenfachen Sonnenkörper auf, der wiederum in einem höheren System
aufgeht usw., so daß es nirgendwo eine Trennung, eine Teilung gibt.
Wenn Sie Ihre höchste Berufung erkennen, Ihr dreifaches höchstes Menschsein, werden sich alle
Geschöpfe, die im Plan des Logos beschlossen sind, als eine vollkommene Einheit offenbaren. Darum
werden Sie sich nicht darüber wundern, daß in verschiedenen philosophischen Schriften, wie zum
Beispiel in denen der klassischen Rosenkreuzer, Christus als der Planetgeist der Erde bezeichnet wird,
was die Bibel auch bestätigt.
Wenn Sie daraufhin die Bibel durchforschen, müssen Sie gut bedenken, daß die Bibelübersetzer
mit dem Wort «Welt» wirklich nichts anzufangen wußten. Sie haben das Wort ausschließlich als «Welt
der sündigen Dialektik» aufgefaßt, so wie man von «weltlichen Vergnügen» und «von der Welt sein»
in mißbilligendem Sinn spricht. Wenn Jesus der Herr im Johannes-Evangelium nachdrücklich sagt:
«Mein Reich ist nicht von dieser Welt», da meint Er die Welt der Verdorbenheit und nicht die heilige,
vollkommene Erde.
Der Planetgeist der Erde, der vollendet herrliche Christus, kommt deshalb zu einem Urteil in die
Welt der Verdorbenheit. Denn der Geist der Erde kann ebensowenig die Werke seiner Hände lassen,
und darum wird die heilige Kraft der Erde sich unaufhörlich an das wenden, was gefallen und
verdorben ist. Darum sagt Jesus: «Ich habe die Welt überwunden.»
Es steht fest, daß eine Ansicht der vollkommenen Welt, nämlich der Mantel der Grobstofflichkeit,
in dem die Sünde, das Sündenleben herrscht, im Prozeß des Wechsels vorübergehen wird: «Die Welt
geht vorüber mit all ihrer Begehrlichkeit.» Was bleibt, was sich schließlich zur Ewigkeit erhebt, ist der
Himmel und die Erde, die Johannes auf Patmos sah: «Ich sah einen neuen Himmel und eine neue
Erde, und all das Alte war vorübergegangen.» Die neue Himmel-Erde ist kein anderer Planet, sondern
die heilige Erde, die sich als erhabene Vision für Johannes öffnete, für den Menschen, der seinen
Pymander findet.
So erweist sich das Wort aus dem ersten Johannes-Brief als vollkommen richtig: «Wir haben
gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, welches war bei dem Vater
und ist uns erschienen.»

In der Universellen Lehre werden die Planetgeister stets die großen Söhne Gottes genannt. Darum
spricht Hermes also mit Recht vom zweiten Gott. Ferner hören wir von den großen Erbauern. Und
Plato spricht von den göttlichen Dynastien. Die Bibel erwähnt mehr oder weniger ausführlich die
Erzengel. Daraus ist zu entnehmen, daß es Lebenswellen gibt, die weit über die Menschheit
hinausragen, so wie auch im Vergleich zur Menschheit niedere Naturreiche bestehen. Einige der
höheren Lebenswellen sind die Erzengel oder göttlichen Dynastien. So wird auch Christus als
Erzengel bezeichnet, als hoher göttlicher Führer unseres Planeten.
Wir besprechen diesen Punkt jetzt öffentlich mit Ihnen, nachdem wir es jahrelang vermieden
haben, weil wir uns der großen Gefahren, die damit verbunden sind, bewußt sind. Denn außer den
Erzengeln gibt es noch andere Wesenheiten verschiedener Klassen, die in vieler Hinsicht höher als die
Menschheit stehen, weiter entwickelt sind, größere Erkenntnis besitzen und dennoch vom Plan des
Logos abweichende Praktiken anwenden.
Denken Sie in diesem Zusammenhang einmal an die verschiedenen äonischen Geister, an die
äonischen Hierarchien, von denen das gnostische Evangelium der Pistis Sophia spricht, an alle die
Kräfte, welche die Pistis Sophia so heftig heimsuchen. Wenn Sie sich nicht strikt auf die Wiedergeburt
der Seele richten und nicht über diese Wiedergeburt in die vollkommene Menschwerdung eintreten,
werden Sie sicher von den äonischen Geistern und ihren Trabanten der Spiegelsphäre irregeleitet.
Darum gilt für jeden Kandidaten auf dem Pfad das Wort: «Sei getreu, aber vertraue niemand.
Prüfe jeden Geist, ob er aus Gott ist.» Das können Sie nur, wenn Sie selbst den Pymander besitzen und
also den Pfad bis zum Ende gehen.
Nach dieser Auseinandersetzung sind Sie wohl in der Lage, die weiteren ausführlichen
Mitteilungen aus dem neunten Buch des Hermes zu ergründen.
XL

Nichts kann uns trennen von der Liebe, die in Christus Jesus unserem Herrn ist

Ewigkeitsleben muß gut unterschieden werden von dem, was ewig ist. Denn der Ewige ist
nicht aus irgendeinem anderen Wesen hervorgegangen. Und sollte Er geworden sein, so wäre
Er es durch sich selbst. Jedoch Er ist niemals geworden, sondern erzeugt sich selbst in
ewigem Werden. So lebt das All ewig aus dem Ewigen, aber der Vater ist ewig aus sich selbst:
die Welt lebt also ewig und ist göttlich durch den Vater.
Aus aller Materie, die Er dazu bestimmt hatte, formte der Vater den Körper der Welt; Er gab
ihm eine kugelförmige Gestalt, bestimmte die Eigenschaften, die ihn schmücken sollten und
schenkte ihm, da die Materie göttlich war, ewige Stofflichkeit.
Nachdem der Vater die Eigenschaften der Arten in die Kugel eingestrahlt hatte, verschloß Er
sie darin wie in einer Grotte, da Er seine Schöpfung mit allen Eigenschaften schmücken
wollte.

So lauten der 5., 6. und 7. Vers des neunten Buches. Wenn Sie nun diese Verse lesen, dürfen Sie gewiß
nicht an die eine oder andere heilige Legende denken. Denn diese Verse betreffen buchstäblich die
Erfüllung der großen göttlichen Naturwissenschaft. Um das gut zu verstehen, ist vielleicht am besten
ein innerhalb Ihres Bereichs liegendes Beispiel geeignet.
So wie ein Magnet durch seine Strahlung Eisenfeilspäne an sich zieht, so zieht der Mensch durch
seine Gedanken, die ebenfalls stark magnetisch sind, ursubstantielle Atome an. Da Sie das Spiel und
die Art Ihrer Gedanken kennen, mit dem Grundton Ihrer Gedanken vertraut sind, wird fortwährend
ein kugelförmiger Raum um Sie herum mit zahllosen Atomen gefüllt, die, von Ihren Gedanken
festgehalten, in diesem Raum kreisen. Sobald Ihre Gedanken einen fundamental anderen Lauf
nehmen, wird die Ordnung dieser atomaren Umläufe dementsprechend gestört und verändert.
Bestimmte Gruppen von Atomen werden sogar aus der Kugel gestoßen. So vollzieht sich bei Ihnen im
kleinen, was fast täglich im großen, dialektischen Universum aus verschiedenen Gründen stattfindet.
Aber nehmen wir nun einmal an, daß der Gedankenstrom sich völlig gleichbleibt und dadurch im
System des Menschen eine feste atomare Ordnung geschaffen wird, dann wird die fortgesetzte
magnetische Gedankenkraft die Atome in einen nach innen gerichteten Spiralengang drängen. Es gibt
also bei dieser Prozedur, wie wir sahen, einen nach außen gerichteten Spiralengang. Aber jetzt wollen
wir Ihre Aufmerksamkeit auf den nach innen gerichteten Spiralengang wenden.
So dehnt sich also das All, auch mikrokosmisch gesehen, nicht nur aus, sondern zieht sich ebenfalls
wieder zusammen. Die sich nach innen wendenden Spiralen werden stets kleiner und ihre Bahnen
kürzer, bis die Atome sich ins Feuer des astralen Körpers des Menschen stürzen. Ihr astrales Feuer
korrespondiert qualitativ natürlich mit Ihren Gedanken. Zwischen Ihrer Mentalis und Ihrer Astralis
herrscht stets Gleichgewicht. In diesem Feuer wird auf der Basis der Gedanken das ursubstantielle
Atom gespalten, geöffnet, und die sieben Kräfte des Atoms werden frei.
Aus dem Atom entstehen also Kräfte, die mit der Qualität Ihrer Mentalis und Astralis
übereinstimmen. Diese Kräfte werden dann in Äther umgesetzt und in das stoffliche System, den
stofflichen Körper hineingeführt.
Wenn Sie diesen Prozeß, der so einfach wie möglich dargestellt wurde, nun überblicken, dann
werden Sie verstehen, daß daraus alle Ihre Lebenserscheinungen, alle Auf- und Niedergänge in Ihrem
Körperzustand zu erklären sind; also auch alle Störungen in der Löslichkeit, in dieser großen
Stoffwechselprozedur.
Wenn Sie rein und liebevoll denken, wenn Sie sich entschieden weigern, böse, boshaft, rachsüchtig,
schlecht, kritisch, minderwertig und seicht zu denken, wenn Sie Ihre Mentalis und dadurch auch
Ihren astralen Zustand vollkommen auf die Wiedergeburt der Seele abstimmen, treten Sie in die
Praxis der Bergpredigt ein, in der es heißt: «Widerstehe dem Bösen nicht. Wenn jemand dir einen
Streich auf die rechte Wange gibt, so biete ihm auch die andere dar. Liebet eure Feinde, tut wohl
denen, die euch hassen und betet für jene, die euch Gewalt antun.»
Wenn Sie also, von der positiven Strahlung des Siebengeistes geleitet, in die Gotteskindschaft
eintreten, weist die atomare Stoffwechselprozedur, die wir soeben beschrieben haben, eine große
Harmonie auf und Sie treten so in die Löslichkeit, die Transfiguration ein. Der Lebensgang Ihres
mikrokosmischen Systems wird dadurch ohne Zwischenfall verlaufen.
Der Mikrokosmos verliert dann seine ungeordneten Eigenschaften. Denn die Unordnung, das
Ungeordnetsein, die Rückkehr zum Chaos und deren Folgen zeigen sich, so sagt Hermes, nur bei den
irdischen Geschöpfen, bei Wesenheiten des an Zwischenfällen reichen Stratums der Unbeständigkeit,
in dem der naturgeborene Mensch lebt. Darum heißt es in Vers 10:

Die Körper der himmlischen Wesen behalten die Ordnung, die ihnen vom Anbeginn vom Vater
geschenkt wurde. Diese Ordnung wird unzerstörbar bewahrt durch die Rückkehr aller in den
Zustand der Vollkommenheit.

Sie haben den Prozeß der Unsterblichkeit in eigener Hand. Nichts kann Sie von der Liebe scheiden,
die ist in Christus Jesus unserem Herrn. Immer, unter allen Umständen können Sie Sieger sein, wenn
Sie sich an dieses Grundgesetz der gnostischen Mysterien halten. Dieses Grundgesetz ist nicht schwer
zu verstehen und anzuwenden. Lassen Sie sich niemals einreden, daß der Pfad der Gnosis so schwer
oder kompliziert ist. So ist es nicht.

Sehen Sie nun anhand der hermetischen Philosophie vor sich, wie eine Welt gestaltet wird.
Der göttliche Geist des Vaters projiziert durch seinen Logos einen Plan in das unermeßliche Meer
der Ursubstanz. Dieser Plan, dieser göttliche Gedanke, ist stark magnetisch und bildet eine
Konzentration, eine Kugel aus Ursubstanz, in der die Atome entsprechend der verschiedenen
Ordnungen und den Kräften des Plans umgesetzt werden.
Jedes Atom im ganzen Raum enthält in sich alle göttlichen Eigenschaften und Kräfte, die sieben
Kräfte des absoluten Lebens, übereinstimmend mit den sieben Ansichten des Siebengeistes. Was man
Radioaktivität nennt, ist nur ein Fünkchen von einer dieser sieben Kräfte des Atoms. Wenn man, seies
auch zu sogenannten friedlichen Zwecken, das Atom spaltet, wodurch die Kräfte des Atoms frei
werden, nur um etwas Energie zu erhalten, um den gesellschaftlichen Apparat funktionieren zu
lassen, dann wird der Mensch durch die anderen Kräfte des Atoms geopfert, die gleichzeitig frei
wurden, aber nicht gebraucht werden. Die frei gewordenen Kräfte häufen sich in der Atmosphäre an
und verursachen ein mächtiges Feuer, wodurch das dialektische Lebensfeld zum soundsovielten Male
zerstört und umgewandelt wird.
Aber zur Sache: Es wird Ihnen klar sein, daß das Resultat der Projektion des Logos in die
Ursubstanz absolut göttliches Leben ist. So und nicht anders ist der zweite Gott aus dem Logos
entstanden. Wenn Ihnen dieses Geheimnis zu unwahrscheinlich vorkommt, achten Sie dann einmal
auf das Folgende.
Zu allen Zeiten wurden von der Gnosis Menschen ausgesandt, die in der Liebe Gottes entflammt
waren, Menschen, die dadurch mit großem innerlichen Erbarmen zu jenen gehen, die sich noch in der
Verwirrung ihrer mentalen und astralen Aktivitäten befinden, weil sie die Seele noch nicht zu ihrer
zweifachen Wiedergeburt gedrängt haben und deshalb noch im Pfuhl des Leidens und Kummers
versunken sind.
Solche Wirkenden beginnen immer mit einem Plan, mit dem Unternehmen einer intensiven
mentalen Wirksamkeit. Und sie projizieren diesen Plan nach außen. Während sie das tun, wissen sie,
daß sie niemals mehr von diesem Plan befreit werden können, und zwar wegen des bestehenden
Naturgesetzes der mentalen und astralen Kräfte und deren Folgen, des Gesetzes, daß der Schöpfer die
Werke seiner Hände nicht lassen kann. Auch in dieser Hinsicht gilt das heilige Gesetz: «Wie oben, so
unten.»
Sie können sich leicht vorstellen, was geschieht, wenn ein solcher Plan aus den mentalen Kräften
des Lichtes der Welt, der universellen Kette, die ganz mit dem Planetlogos verbunden ist, aufgestellt
wurde. Durch den projizierten Plan entsteht im Raum des Lebensfeldes, in dem diese Wirkenden
operieren, in dem Lebensfeld der noch in der Unordnung Lebenden, ein mächtiges Prinzip, eine
mentale Konzeption, wodurch Atome angezogen werden, wie Eisenfeilspäne vom Magneten.
So entsteht in der Natur des Todes eine Kugel von atomarer Art, aber unsichtbar und noch nicht
belebt: ein sehr besonderes Arbeitsfeld. Dann gehen die Wirkenden aus zu den Suchenden, den
Klagenden, den Sichsehnenden. Und sie sagen zu ihnen: «Selig sind, die nach dem Geist verlangen,
denn ihrer ist das Himmelreich.» Sie führen alle wahrlich Suchenden in die Mentalis, in diese
besonders präparierte Kugel von mentaler, ursprünglicher Art. Sie schlagen die Kräfte dieser Kugel
wie einen Mantel um die Suchenden, und sie stimmen die Gedanken und das Sehnen der
Versammelten durch Ansprachen, Riten und Gebete gnostisch-magisch auf das mentale Feld ab.
Wenn die Verlangenden sich wirklich nähern und in die mentale Kugel eintreten, wenn sie
wahrlich das Herz öffnen, entsteht in ihren Leben, in ihren Mikrokosmen der soeben beschriebene
mentale und astrale Prozeß mit allen auflösenden, transfigurierenden Folgen. So können Sie sich die
Wirksamkeit des totalen Prozesses in einer bonafiden Geistesschule vorstellen.

Die Schöpfer der Mysterien sind absolut an ihre Schöpfung gebunden, so sagten wir. Daher ist es
vollkommen richtig, wenn Jesus der Herr zu seinen Jüngern sagt: «Wo ich bin, da sollt auch ihr sein.»
Sie werden, wenn Sie den Sinn dieser Worte verstehen, nun klar einsehen, welche mächtigen
Möglichkeiten in einer Gruppe wie der unsrigen liegen. Einige haben, als Abgesandte, mit der Arbeit
der modernen Geistesschule begonnen. Viele sind allmählich ihrem mentalen und astralen Wesen
nach hinzugekommen: sie haben ihr Herz für die Schule geöffnet.
So wird der Einweihungsprozeß der Schüler nicht mehr von Einzelnen geleitet und vollzogen,
sondern von einer ganzen Gruppe, von einer stets stärker werdenden Gruppe, die nicht nur über die
bereits geschilderte mentale Kugel verfügt, sondern über einen kompletten Lebenden Körper, eine
atmende Schöpfung; nicht nur über eine Organisation, sondern über eine lebende Wirklichkeit. Diese
Wirklichkeit breitet sich über die ganze Welt aus; diese Wirklichkeit ist im Herzen des neuen
gnostischen Reichs als ein göttliches Heil für Unzählige befestigt.
XLI

Die Wiederherstellung des vollkommenen Gleichgewichtes

Der Philosophie der Ägyptischen Urgnosis kann man sich im befreienden Sinn nur aus dem
wiedergeborenen Seelenzustand nähern und sie auch nur so verstehen. Darauf haben wir
unsere Leser bereits am Anfang unserer Besinnung auf die Werke des Hermes Trismegistos
nachdrücklich hingewiesen. Wirkliche Sucher, in denen neue Seelenkräfte wachsen, werden
es erfahren und die Freude darüber empfunden haben.
Doch können in ihnen zwei Fragen entstehen, die der Beantwortung wert sind, nämlich: «Ist dieses
Naturfeld, unser Lebensfeld, das, wie gesagt wird, ein Teil der heiligen Erde ist, eine Schöpfung
Luzifers oder eine von den Elohim geschaffene Notordnung? Ist der naturgeborene Mensch, der wir
jetzt sind, eine Schöpfung Luzifers oder eine Notordnungsschöpfung der Elohim?»
Dieses Lebensfeld ist und bleibt immer ein Teil der einen vollkommenen Erde und ist daher
zusammen mit den anderen Erdstrata eine Schöpfung der sogenannten Elohim oder Söhne Gottes,
geschaffen nach dem Plan des Logos. Also ist die Schöpfung auch dieses Lebensfeldes als
vollkommen zu bezeichnen.
Die Legenden sagen, daß Luzifer diesen Plan gestört hat, wodurch viele Menschenseelen nicht
befreit werden konnten und können aus der Dialektik, aus dem Wechsel der Zwillingskräfte in der
Natur und ihren Folgen. Eine dieser Folgen ist die Entwicklung verschiedener disharmonischer
Prozesse in dem betroffenen Stratum, dem Lebensfeld des Menschen.
Der Mikrokosmos und die Seele in dessen Mitte sind, wie wir erklärt haben, aus den Elohim
geworden, aber die Persönlichkeit ist naturgeboren, völlig aus der Natur. Bei dieser Persönlichkeit ist
alles möglich. Nur, und auch das haben wir besprochen, das Herz des Menschen wird bereits im
vorgeburtlichen Leben durch die Rose, die Seele, angegriffen in dem Versuch, das Herz so viel wie
möglich zu öffnen und auf die Seele abzustimmen. Wenn der Mensch dann das Herz im
Zusammenwirken mit der Seele zentral in sein Leben stellt, kann in der Tat von einem
Notordnungskörper gesprochen werden.
Nun zur Gestalt Luzifers, auch als Satan bezeichnet. Mit Luzifer oder Satan wird immer der
Begriff, die Eigenschaft Hitze und Feuer verbunden. Im ganzen dialektischen Universum wütet ein
mächtiges Feuer. Denken Sie an die Sonne, denken Sie an die Explosionen auf Sonnen und in
Sonnensystemen und anderen Himmelskörpern, die man mit astronomischen Fernrohren beobachten
kann. In unserem Stratum ist ein sehr mächtiges Feuer, das in der Universellen Lehre als Satan
bezeichnet wird.
Satan ist also, kosmisch gesehen, nicht ein gefallener Engel oder Erzengel, der den Gottesplan
durchkreuzt. Die All-Ordnung im ganzen Universum ist absolut unantastbar, wie das geistige
Testament der alten Rosenkreuzer bezeugt: Dei Gloria Intacta: Gottes Glorie, seine Schöpfung und
sein Geschöpf sind unantastbar.
Neben der Hitze, neben dem mächtigen Feuer oder Satan, gibt es im gleichen Universum, im
gleichen Stratum, auch Kälte. Moderne Forscher erwähnen unsagbar hohe Hitzegrade neben
unvorstellbarer Kälte. Das Element Feuer ist immer mittelpunktfliehend und Kälte
mittelpunktsuchend, zusammenziehend. Durch das Feuer entsteht das sich ausdehnende All; durch
intensive Kälte das zusammenschrumpfende All. Kälte verursacht Versteinerung, Kristallisation.
Erkennen Sie diese Zwillingskräfte nun deutlich im Lebensfeld des Menschen: die Hitze, das
Feuer, mittelpunktfliehend, auseinanderbrechend, auseinanderberstend und die Kälte,
mittelpunktsuchend, kristallisierend, verdichtend. Wenn diese Zwillingskräfte nicht miteinander im
Gleichgewicht sind, verursachen sie immer Schmerz, Elend, Pein, Plage, entsetzliche Verwirrung. Das
ist nun der Fall in diesem Lebensfeld, im Leben der naturgeborenen Menschen. Es gibt in ihnen noch
kein Gleichgewicht zwischen Hitze und Kälte, zwischen dem Mittelpunktfliehenden und dem
Mittelpunktsuchenden. Alle ihre Schwierigkeiten und Verdrießlichkeiten sind darauf
zurückzuführen.
Es gehen manchmal Aktivitäten von Menschen aus, von denen sie im voraus wissen, daß sie
dadurch ein mächtiges astrales Feuer entflammen. (Luzifer wird in der Universellen Lehre immer mit
dem astralen Feuer in Verbindung gebracht.) Sie entflammen dann durch eine bestimmte Mentalität
dieses heftige Feuer, also eine explosive, eine mittelpunktfliehende Wirkung. Aber gleichzeitig
entsteht als Folge, als Reaktion ein furchtbarer Schmerz. Und sie sagen dann zu sich selbst oder zu
anderen, daß sich ihr Herz vor Schmerz zusammenkrampft. Sehen Sie, das ist die Kälte. Verstehen Sie
diese Kälte im Lebensgang, im Verhalten der Menschen also nicht buchstäblich, sondern im
übertragenen Sinn. Kälte läßt immer zusammenkrampfen, kristallisieren.
Wer nun lernt, das Feuer zu beherrschen, wer sich nicht dem Explosiven überläßt, bekommt
dadurch auch die Gegenkraft in seine Macht. Gleichgewicht zwischen dem Mittelpunktfliehenden
und dem Mittelpunktsuchenden, zwischen Hitze und Kälte, den Zwillingskräften der Natur, hat die
wahre Harmonie und den idealen Stoffwechsel, die Transfiguration zur Folge. Wenn Sie so leben, wie
wir es in unseren vorangegangenen Besprechungen darstellten, wird die klassische Sünde Luzifers
aufgehoben. Das ist das Geheimnis der gnostischen Magie.

Zum Schluß wollen wir Ihre Aufmerksamkeit noch einmal auf das neunte Buch des Hermes lenken.
Wir haben erfahren, wie eine bonafide Geistesschule sich als Lebender Körper offenbart, in Harmonie
mit den großen kosmischen Gesetzen, dem Mittelpunktfliehenden und dem Mittelpunktsuchenden in
vollkommenem Gleichgewicht. Wenn eine gnostische Gemeinschaft sich daran hält, sich auf die eine
rechte Grundlage der göttlichen Ordnung stellt, braucht sie niemals zu fürchten, daß ein solcher
Lebender Körper untergehen, sterben oder zerstört werden könnte. Die Lebenden Körper der
vorangegangenen Bruderschaften bestehen denn auch alle noch in voller Schönheit und Herrlichkeit.
Deshalb sagt Vers 10 unseres Textes, und das gilt sowohl für den Menschen als auch für den
Gruppenkörper:

Die Körper der himmlischen Wesen behalten die Ordnung, die ihnen vom Anbeginn vom Vater
geschenkt wurde. Diese Ordnung wird unzerstörbar bewahrt durch die Rückkehr aller in den
Zustand der Vollkommenheit.

Durch dieses Gleichgewicht bleibt der Stoffwechsel vollkommen harmonisch und bleibt der
Gruppenkörper ewig jung.
In unserem Lebensfeld gibt es immer wieder Gemeinschaften und Ordnungen, die, obwohl sie gut
begannen, in einem bestimmten Augenblick alle Erscheinungen der Kristallisation zeigen mit den
unvermeidlichen Folgen der Loslösung, Versteinerung, Implosion einerseits und dem
Auseinanderbersten, der Explosion andererseits. Die Ursache eines solchen Untergangs ist immer die
Tatsache, daß diese Gruppen sich in einem bestimmten Augenblick nicht an die Gesetze der göttlichen
Ordnung gehalten haben, wodurch sich das Wesentliche einfach nicht behaupten konnte. Hätten sie
sich an die fundamentalen Gesetze dieser einen göttlichen Ordnung gehalten, könnte von dem
Wesentlichen nichts vergehen.
Bei einer in der Gnosis unternommenen Arbeit ist es niemals eine Frage, ob sie gelingen wird.
Wenn die innerlichen Gesetze genauestens beachtet werden, gelingt eine solche Arbeit immer. Wenn
die Schule der jungen Gnosis vor einer notwendigen Aufgabe oder einem notwendigen Auftrag steht,
fragt sie nicht in erster Linie, wie es materiell ausfallen wird, sondern es gilt unveränderlich der
Entschluß: Es muß sein, also beginnen wir! Und deshalb gelingt es.
In diesem Zusammenhang wollen wir auch noch darauf hinweisen, daß die Schule der jungen
Gnosis als Nachfolgerin der vorangegangenen Bruderschaften, auch ohne nur einen Schritt nach
rechts oder nach links auszuweichen, sich stets an das gnostische Kennzeichen des Werkes hält. Die
Anwendung dieser goldenen Regel ist einfach, aber streng. Wenn daher ein Schüler die Strenge der
Schule erfährt, darf er nicht meinen, wir führen anhand bestimmter äußerlicher Regeln oder Dogmen
einfach einen Gesetzesparagraphen aus ohne jede Liebe. Es geht gerade darum, die große Liebe im
Leben und Wirken der Schule zu sichern. Wenn wir uns als Gruppe zusammen an die goldenen
Regeln der Gnosis halten, ist es vollständig ausgeschlossen, daß auch nur ein einziger Gegner damit
Erfolg haben könnte, dem Werk auf die eine oder andere Weise zu schaden.
Weder einem Einzelnen noch der Gruppe kann, wenn Sie den Pfad der Wiedergeburt der Seele
betreten und auf diesem durch die Seele standhaft bleiben, niemals irgend etwas Böses zustoßen.
Denn wer den Pfad der Seele geht, beherrscht auch das Feuer und die Kälte, beherrscht auch, in
vollkommenem Gleichgewicht, die Zwillingskräfte des dialektischen Erdstratums. Die Versuchung
Luzifers, des Teufels oder Satans kann ihn dann nicht im geringsten stören. Er kann die Krönung des
Pfades mit einem vollständigen Sieg feiern.