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Amsterdam

Centraal
Text Benedikt Crone Foto Jannes Linders

Der Bahnhof in Rotterdam wurde von Presse


und Passagieren gefeiert. Auch für den Bahn-
hof in Amsterdam stellte Benthem Crouwel
nun eine Erweiterung fertig – und stapelte
zahlreiche Verkehrsträger unter einem Dach.

Blick nach Süden auf den


Amsterdamer Hauptbahn-
Dass Xavier in ganz Norddeutschland gerade lich radelnden Klischee-Holländer findet. Für ei- Straße Passanten an die Rückwand des Bahn- Sicht- und Geräuschfeld verschwunden, indem
hof. Bild links: unter dem
den Schienenverkehr durcheinanderwirbelte wie nen Bahnhof überraschend belebt ist auch die hofs oder mit Stolpergefahr zur Wasserseite er in einen neu angelegten Tunnel unterhalb des 365 Meter langen Glasdach.
kaum ein Sturm zuvor, davon ist am Amsterda- informelle Rückseite des Gebäudes. drängte, schiebt sich nun eine Landerweiterung Busterminals abgeleitet wird. Luftaufnahme: WAAm que
Vor wenigen Jahren tummelte sich dort, was ins Wasser und lenkt den Blick der Reisenden sitia lecepedit, ullam ullaci-
mer Hauptbahnhof nichts zu spüren. Weder ver- „Verkehrsgebäude müssen sich aus dem Ver-
tiis
siegen die Touristenströme von der Innenstadt Amsterdam neben rotem Backstein und weißen ans andere Ufer, zum für die Stadt wichtigen Ent- kehrsfluss entwickeln – ohne ein Hindernis für Foto: Architia necae vendic
zum 1889 fertiggestellten Bahnhofsgebäude des Fensterrahmen zu Ruhm und Reichtum verhalf, wicklungsgebiet Amsterdam-Noord. einen der Verkehrsträger zu werden“, sagt Archi-
Amsterdam Centraal, noch stehen die blau-gel- aber lieber im Hintergrund stattfinden sollte: tekt Jan Benthem. In der Erweiterung des Ams-
ben Züge in den tonnenförmig gewölbten Hallen Schiffsverkehr, Drogenhandel, Prostitution. Seit Stapeln, trennen, verschwinden lassen terdam Centraal zeigt sich dieser einfach klin-
still – zwei Erweiterungen aus den Zwanziger einem Umbau des Amsterdamer Büros Benthem gende Ansatz in einem ausgeklügelten Stapeln,
und Neunziger Jahren. Die für den Ausländer Crouwel wölbt sich an dieser Stelle ein Glas- Parallel zum Wasser schießen Rad- und Moped- Verbinden und Trennen von Schienen, Wegen
immer wieder beeindruckend chaotisch-fluiden dach über eine von Hängepflanzen bewachsene fahrer über einen zweispurigen Fahrradstreifen, und Straßen.
Abläufe im niederländischen Verkehrswesen Hochstraße mit Busterminal, die im Erdgeschoss biegen durch eine Unterführung zur Innenstadt Den schnellen Verkehr lassen die Architekten
scheinen von einer Wind- und Wetterfestigkeit, von Glaskuben mit Burger-Bude, Kyoto-Sushi ab oder halten auf einer der kostenlosen Fähren. unterirdisch (Autos, und leicht versetzt die
die ihre Personifikation im selbst bei Regen fröh- und Julia’s Pasta-Bar unterlaufen wird. Wo eine Der Automobilverkehr ist weitgehend aus dem U-Bahn) und obergeschossig (Busse) verlaufen.

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Der Busterminal auf der
Auto- und Busverkehr erhobenen Plattform, dahin-
werden am Halleneingang ter schimmert Amsterdam-
Noord. Bild unten: Blick ent-
getrennt, durch Rampen lang der Halle nach Westen
mit neuer Uferpromenade.
in den Tunnel oder zum
Busterminal geführt – und
fließen am anderen Ende
wieder zusammen.

Auto- und Busverkehr trennen sich dafür jeweils sollen eine Querung vereinfachen und zwei schnitt für Abschnitt hinterließen die Architekten Neunziger Jahre, als die öffentliche Hand bereit
bei der Einfahrt in die Halle und werden durch Shared-Space-Bereiche östlich sowie westlich ihre Spuren: bei der Sanierung der Eingangshalle, war, Geld in Infrastrukturprojekte zu stecken.
Rampen von der ebenerdigen Straße in den Tun- der Halle die vorbeiziehenden Radfahrer für Fuß- beim Bau von drei der fünf Passagen, die zu Sechs Bahnhöfe wurden als „Schlüsselprojekte“
nel oder zum erhöhten Busterminal geführt – um gänger sensibilisieren. den Bahnsteigen führen, bei der Erweiterung mit auserwählt, die mit Unterstützung der Regierung
auf der anderen Hallenseite wieder zusammen- Busterminal und beim Ausbau der U-Bahn- für ein Hochgeschwindigkeitsnetz und als kon-
zufließen. Kinder der Neunziger Station für die seit 14 Jahren im Bau befindliche, sumanregende Durchlaufstationen aufgerüstet
Dadurch behält die Erweiterung im Erdge- ebenfalls von Benthem Crouwel Architects ge- werden sollten. Drei der neuen Gebäude – in Ut-
schoss nicht nur Platz für Geschäfte und Gastro- Mit der Erweiterung endet ein wesentliches plante Linie Noord-Zuidlijn. Wird diese im Som- recht (S. 34), Rotterdam und Den Haag – stemm-
nomie, sondern auch eine ungestörte Verbindung Etappenziel bei der Umgestaltung des Amster- mer 2018 in Betrieb genommen, verfügt Amster- ten Benthem Crouwel (Amsterdam Centraal lief
für Fußgänger von der Innenstadt, durch das damer Bahnhofs. Seit 18 Jahren arbeitet das dam erstmals über eine direkte Verbindung unabhängig von den Schlüsselprojekten).
Bahnhofsgebäude bis zum Wasser und der Fähre. 1979 von Jan Benthem und Mels Crouwel gegrün- vom Stadtteil Noord über Amsterdam Centraal Die Architekten verantworteten in den Neun-
Ausblick wie aus einem
Den einzigen Weg, den Passanten dafür kreuzen dete Büro an dem Masterplan für Amsterdam bis zum Bahnhof Amsterdam Zuid. ziger Jahren bereits die Gesamtplanung für die
Flughafentower: Innenraum
müssen, ist der in einer durchaus hohen Ge- Centraal, um den Bau für eine Auslastung von bis Viele der aktuellen Verkehrsbauprojekte in Erweiterung des Flughafens Schiphol – und be- des Wartehäuschens für
schwindigkeit befahrene Radweg: Zebrastreifen zu 300.000 Passagieren am Tag zu rüsten. Ab- den Niederlanden sind Kinder der spendablen wiesen sich damit erstmals als Planer für lang- die Busfahrer.

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Schnitt durch die Erweite-
Architekten
rung, links angeschnitten:
die alte Halle für den Zug- Benthem Crouwel Achi-
verkehr. Im Schnitt unten: tects, Amsterdam/Düssel-
die U-Bahn-Anbindung. Fo- dorf
to unten: die Erweiterung
vor Fertigstellung Mitarbeiter
Schnitt im Maßstab 1:500 Jan Benthem, Joost Vos, Da-
niel Jongtien, Moon Brader,
Pascal Cornips, Saartje van
der Made, Mahyar Nikkhoy,
Peter Alberts, Frank Del-
trap, Jeroen Jonk, Henk van
Rossum, Matthijs van der
Slui, Jos Wesselman

Partnerbüros
Irma Boom Office, Amster-
dam; Merk X Architect,
Amsterdam; Powerhouse
Company, Rotterdam; Wiel
Arets Architects, Amster-
dam/Maastricht/München

Bauherr

Die Farben aus Delft, die Stadt Amsterdam, Neder-


Schlachtszene aus Rotter- landse Spoorwegen, ProRail
atmige Verkehrsbauprojekte. Berühmt und von
dam: Gestaltung der neuen
Preisen überschüttet wurde zuletzt das Bahn- Unterführung durch die De- Baubeginn
hofsgebäude in Rotterdam (Bauwelt 12.2014), das signerin Irma Boom 2004
die Messlatte für alle folgenden Verkehrspro-
Fertigstellung
jekte so hoch hängte, dass Enttäuschungen fast Grundriss des Erdgeschos-
2015-2017, einzelne Ab-
programmiert sind. ses. Fünf Passagen führen
schnitte noch offen
vom alten Hauptgebäude
Amsterdam Centraal enttäuscht nicht. Aller-
zum Wasser. Im Grundriss
dings feiert die Erweiterung weniger sich selbst rechts: die neue Unterfüh-
als die angrenzende und gegenüberliegende rung. Maßstab 1:3000
Uferbebauung und das mit Hoffnungen belade-
ne Entwicklungsgebiet Noord. Zwei Hochhäuser
und das weiße, von Delugan Meissl Architekten
entworfene Filminstitut Eye profitieren beson-
ders von der Inszenierung der anderen Seite.
Kleine Aufmerksamkeitserreger in eigener Sache
gelingen den Architekten durch Farbtupfer –
wie der spacig-neonroten Innengestaltung eines
Busfahrerwartehäuschens oder dem orange-
rötlichen Schriftzug „Amsterdam“ entlang der
Glashalle.
Auffällig ist auch die neue Unterführung unter
den Bahngleisen, die progressiv wirkt, obwohl
sie mit einem Traditionsmaterial gestaltet wurde.
Die 110 Meter lange Querung, die den Weg von
der Innenstadt zur Bahnhofsnordseite verkürzt,
wurde im Längsschnitt zweigeteilt: Eine Hälfte
wurde zum Radweg, die andere Hälfte von der
Designerin Irma Boom mit 77.700 teils handbe-
malten Fliesen verfliest, die eine historische
Seeschlacht nachbilden. Dass die blau-weißen
Farbtöne aus Delft und die dargestellte Flotte,
die einem Werk des Fliesenmalers Cornelis Bou-
meester nachempfunden wurde, aus Rotterdam
stammen, war dabei nicht weiter tragisch. Irma
Boom tauschte kurzerhand das Rotterdamer
Stadtwappen am Heck des größten Schiffes aus
gegen die „X-X-X“ von Amsterdam. „Graffiti und
Klagen blieben bisher aus“, sagt Jan Benthem
und lächelt.

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Fahrradparkhaus
Architekten
Ector Hoogstad Architec-
ten, Rotterdam

Projektleiter
Stijn Rademakers, Chris

Utrecht
Arts

Mitarbeiter
Ralph Sijstermans, Romy
Berntsen, Gijs Sanders,
Lesley Bijholt, Daniel Diez
Ausias

Bauleitung

Das Rad gilt als Hoffnungsträger einer platzsparenden Mobilität. BBN adviseurs, Houten

Doch auch wenn es nur ein Zehntel der PkW-Stellfläche benötigt, Bauherr
Stadt Utrecht

kann sich die Zahl schnell summieren. Zeit für Fahrrad-Tiefgaragen Landschaftsarchitekten

wie der weltgrößten Anlage in Utrecht. Text Benedikt Crone Buro Sant en Co, Den Haag

Hersteller
Boden Bolidt
In dem Land, in dem der Radverkehr fließt wie Als im Sommer der erste Abschnitt für das größ- hinabgleiten, wo sie an einem Pförtner vorbeisur- Licht Jung
Honig, in dem es mehr Fahrräder gibt als Einwoh- te Fahrradparkhaus der Welt neben dem Utrech- ren und – noch immer im Sattel sitzend – einem Aufzüge Möhringer

ner, in diesem gelobten Land für Velo-Liebhaber ter Hauptbahnhof fertiggestellt wurde, blieb Leitsystem folgend durchs Parkhaus rollen, bis
kursieren Beschwerden über den Zustand der auch daran Kritik nicht aus. In dem dreigeschos- sie in einer der Stahlhalterungen einen freien
Radinfrastruktur. Das mag ein Ihr-Niederländer- sigen, von dem Rotterdamer Büro Ector Hoogstad Plätz erspähen. Eine Zufahrt ist an beiden Enden
meckert-auf-hohem-Niveau-Kopfschütteln her- entworfenen Gebäude, in dem bereits 6000 Rä- der länglich aufgebauten Anlage möglich, da
vorrufen – tatsächlich ächzt die große Radnation der einen Platz finden, sollen nach Bauabschluss das Parkhaus – wie ein Tunnel mit Stellflächen –
unter Begleiterscheinungen ihrer vielen „fiets“. Ende 2018 weitere 7500 unterkommen können. mitten auf eine Straße platziert wurde. Vor dem
Ein Holländer legt im Schnitt 1000 Kilometer im 13.500 Fahrräder auf einer Netto-Raumfläche Bahnhof ergibt sich so eine erhobene Platzsitua-
Jahr mit dem Rad zurück (zum Vergleich: jeder von 21.500 Quadratmetern – nicht genug, fanden tion, die von allen Nicht-Radlern mittels Treppen
Deutsche schafft nur schlappe 300). In vielen holländische Radverbände. Schließlich nutzen und Fahrstühlen erklommen werden muss.
Städten liegt der Radanteil an allen Verkehrswe- rund 180.000 Passagiere täglich den Bahnhof Ut- Wer dagegen die Straße entlangradelt, kann in
gen bei über 40 Prozent. Die Folge: Staus und recht Centraal, Tendenz steigend. Zukunft durch das Parkhaus hindurch- und zur
Drängeleien auf Radwegen. Beschwerden zielen anderen Seite wieder hinausgleiten.
aber auch auf den Mangel an sicheren und be- Rollend ins Parkhaus Die zwei Zufahrten führen ins mittlere der drei
quemen Abstellmöglichkeiten. Das trifft vor allem Geschosse, von wo aus die Fahrer durch Ram-
auf Bahnhöfe zu, an denen sich die Räder zu Das Fahrradparkhaus liegt am Osteingang des pen ins untere oder obere Geschoss kommen.
Metallbergen türmen und manche Zugänge und Bahnhofsgebäudes. Von der Stadt können die Die mit einer Zug- und Hebelmechanik ausge-
Sichtachsen vermauern. Fahrer über einen Radweg direkt in die Anlage statteten Stellanlagen sind senkrecht zur Fahr-

Luftbild: Blick nach Süden


auf den neuen Bahnhof Ut-
recht Centraal von Benthem
Crouwel Architects. Links
im Bild: das Parkhaus im
Bau. Visualisierung: Südein-
gang zum Parkhaus
Luftbild: J. Linders. Visuali-
sierung/Bild r.: Petra Appel-
hof/Ector Hoogstad Archi-
tecten

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Erschließungskern mit Holzverkleidung Fotos: Petra Appelhof Pfeile, Farbleitsysteme und zahlreiche Durchbrüche helfen bei der Orientierung.

bahn aufgereiht und nummeriert, um ein Wieder-


13.500 Stellplätze verteilt finden zu erleichtern. Beeindruckend ist die für
Der Radverkehr verläuft

auf drei Geschosse – toll, eine Tiefgarage angenehme Ausleuchtung und


um drei breite Betonsäulen,
die oberirdisch eine Dach-
aber nicht genug, finden Holzverkleidung der Erschließungskerne. Eben- konstruktion tragen sollen
so bemerkenswert: die integrierte Fahrradwerk-
holländische Radverbände statt in der Mitte der Anlage. Parken ist die ers-
ten 24 Stunden kostenlos, jeder weitere Tag kos-
tet 1,25 Euro.
Viele Durchblicke, Öffnungen und Fenster-
schlitze helfen bei der räumlichen Verortung und
beugen Zusammenstößen vor. Dennoch wagt
Oben: Grundriss des mittle- man sich als Fußgänger anfangs nur zögerlich
ren Geschosses mit den
um die Ecken, Pfeiler oder gar über Radwege.
Zufahrten von der Stadt,
weitere Zugänge sind über Der Übergang zum Bahnhof verläuft derzeit pro-
Tunnel im Untergeschoss visorisch über ein Gerüst, das den Reisenden
geplant (siehe Isometrie)
neben dem Kühlregal eines Kiosks und vor den
Grundriss im Maßstab
1:1250, Schnitt im Maßstab Osteingang des Bahnhofs spuckt. Noch ist
1:500. Pläne: Architekten schwer auszumachen, wie hier eine elegante Lö-
sung entstehen könnte. Geplant ist ein Übergang
durch die Erschließungskerne, die die Passa-
giere auf den Bahnhofsvorplatz führen.
Den Umbau des Bahnhofsgebäudes, der 2016
abgeschlossen wurde, übernahmen die Amster-
damer Architekten Benthem Crouwel. Ihrem
gewellten Bahnhofsdach soll über dem Fahrrad-
parkhaus ein weiteres, aus kreisrundem Fens-
terglas zusammengesetztes Dach auf Stelzen
zur Seite gestellt werden. Der Grund hinter der
merkwürdigen Konstruktion: Früher wurden
Passagiere, die das alte Bahnhofsgebäude nach
Osten verlassen wollten, direkt in ein Siebziger-
Jahre-Einkaufszentrum geleitet. Durch den Um-
bau der Bahnhofsumgebung wurde diese für
den Mall-Betreiber günstige Lage in Frage ge-
stellt: Benthem Crouwel Architects planten einen
offenen Vorplatz vor dem Bahnhofsgebäude.
Am Ende stand ein Kompromiss: ein den Bahn-
hof mit der Mall verbindendes Dach, dessen Pfei-
ler bis in die Fahrrad-Tiefgarage reichen.

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