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Nils Ballhausen

42 Wohnungen in Göttingen
Sozialer Wohnungsbau auf den Zietenterrassen

Architekt: Am Göttinger Architektenstammtisch fragt es zu einem neuen Stadtquartier mit Wohnen,


Sergio Pascolo, Mailand man sich noch immer, wie der Mailänder Ar- Gewerbe und Dienstleistung zu entwickeln.
Projektmanagement: chitekt Sergio Pascolo den Auftrag für die Be- Ein Jahr später wurde ein Ideenwettbewerb ver-
Nileg mbH, Hannover bauung am Alfred-Delp-Weg erhalten konnte. anstaltet, ein Rahmenplan erstellt, wurden Teil-
Landschaftsarchitektin: Schließlich gab es keinen Wettbewerb, und bebauungspläne beschlossen. Nach der kom-
Johanna Spalink-Sievers, Hannover es kamen auch nicht die üblichen Namen aus pletten Erschließung des Geländes können Bau-
Bauherr: dem engen südniedersächsischen Architektur- grundstücke seit fünf Jahren erworben wer-
Städtische Wohnungsbau GmbH, Soziotop zum Einsatz. Wenn hier einmal „ei- den. Inzwischen hat sich allerdings die Woh-
Göttingen ner von draußen“ bauen darf, herrscht sofort nungssituation in Göttingen entspannt. Die
eine gewisse Aufregung. Das Rätsel wird noch Bauträger zögern seit einiger Zeit, weil der er-
zu lösen sein. wartete Bevölkerungszuzug ausgeblieben ist,
Die Bundeswehr hat ihre Panzer 1993 vom obwohl Göttingen als Universitäts- und Wis-
Standort „Zietenkaserne“ abgezogen. Das 50 senschaftsstandort an Bedeutung gewinnt. Im
Hektar große Areal liegt am Lohberg, einer nächstgelegenen Dorf gleich hinter dem Loh-
Anhöhe nördlich des Stadtteils Geismar, etwa berg kostet ein Quadratmeter Bauland um die
zwei Kilometer von der Innenstadt entfernt. 60 Euro, die IDB Zietenterrassen bietet ihn
Im Jahr 1936 war es dem Deutschen Reich von gegenwärtig für 276 Euro an. Es steckt bereits
der Stadt unentgeltlich zur Verfügung gestellt viel Geld in der Erde, und irgendwie muss es
und nach aufwendig betonierter Terrassierung da wieder herauskommen.
mit dreigeschossigen Kasernenzeilen bebaut Die Städtische Wohnungsbaugesellschaft, eine
worden, die sich entsprechend der Topographie eigenständig wirtschaftende GmbH, war daher
quer zum Hang einfügten. aufgefordert, einen deutlich sichtbaren Auftakt
Anfang der neunziger Jahre gab es in der Stadt zum Wohnungsbau auf den Zietenterrassen
Göttingen einen Wohnungsbedarf von ca. 5000 zu liefern. Mit ihren 4500 Wohnungen im Be-
Wohneinheiten. Die Kommanditgesellschaft stand ist sie der größte Vermieter in der Stadt
„Immobilien Development und Beteiligungsge- und gut im Geschäft. Im April waren gerade
sellschaft“, kurz „IDB Zietenterrassen“, ein einmal zwei Wohnungen frei. Auch die 42
Zusammenschluss der Sparkasse Göttingen, neuen, im vergangenen Jahr fertig gestellten
der Niedersächsischen Landesentwicklungs- Wohnungen am Alfred-Delp-Weg waren rasch
gesellschaft (Nileg), der Norddeutschen Landes- vermietet. Es handelt sich dabei um den ersten
bank und der stadteigenen Gesellschaft für Bauabschnitt einer Anlage, die einmal aus drei
Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung hintereinander gehängten Zeilen mit insge-
(GWG), erwarb 1994 das Gelände vom Bund, um samt 105 Mietwohnungen bestehen soll. Wobei

Das Luftbild zeigt das Areal der ehe- Die gestrichene Putzfassade bietet,
maligen Zietenkaserne vor Beginn je nach Tageszeit, eine überraschende
der Bauarbeiten am Alfred-Delp-Weg. Bandbreite in der Färbung: zwischen
Für die aufgereihten Mehrfamilien- Melonen- und Tomatenrot.
häuser mit der auffälligen gibt es in
Göttingen kein Vorbild. Lageplan im Maßstab 1 : 2500

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der Begriff „Zeile“ etwas ungenau ist, eher Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex
müsste man wohl von einem Mehrfamilienrei-
henhaus sprechen. Der Architekt hat das Dach
im Bereich der Eingänge stark akzentuiert,
sodass beim flüchtigen Blick entlang der Stra-
ßenfront der Eindruck von aufgeblasenen hol-
ländischen Stadthäusern entsteht. Man nennt
das hier „Adressen bauen“.
Struktur und Konstruktion sind relativ simpel:
Jeder der Zweispänner hat eine Breite von 17
Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex Typ F duplex
Metern und ist durch Schotten in drei Teile
segmentiert. Das mittlere Segment wird ent-
weder der einen oder der anderen Wohnung
komplett zugeschlagen oder mittels Leicht-
bzw. Trockenbauwänden weiter aufgeteilt. Au-
ßer der möglichen Vorfertigung überzeugte
den Bauherrn besonders das Modulsystem,
weil er damit die Festlegung auf die endgül-
tigen Wohnungsgrößen so lange offen halten
konnte, bis die ersten Mieter feststanden: eine Typ A Typ A Typ B Typ C Typ D Typ E Typ E Typ D Typ C Typ B Typ A Typ A
Entscheidung nach Marktsituation. Darüber
hinaus besteht – wenigstens theoretisch – die
Möglichkeit, den Grundriss auch in Zukunft
auf kostengünstige Weise dem gewachsenen
oder verminderten Raumbedarf der Bewoh-
ner anzupassen. Sogar die Zusammenlegung
zweier Wohnungen wäre denkbar, was zum
Beispiel im Hinblick auf das so genannte „be-
treute Wohnen“ und größere Mehrgeneratio-
nen-Haushalte interessant ist. In allen Woh- Typ A Typ A Typ B Typ C Typ D Typ E Typ E Typ D Typ C Typ B Typ A Typ A

nungen gibt es einen großen Wohnraum mit


einer zugeschalteten offenen Küche. Bei den
kleineren Erdgeschosswohnungen ist im Mit-
telteil ein Korridor zum Garten freigehal-
Das Treppenhaus liegt jeweils quer im ten.
mittleren Modul. Der einfache Grund-
Eine Sonderform stellen die Duplex-Wohnun-
riss ermöglicht relativ viele Typen, die
Wohnungsgrößen liegen bei 60 (zwei gen im Dachgeschoss dar. Auf der Eingangs-
Zimmer), 73, 78 und 94 (drei Zim- ebene im dritten Obergeschoss werden sie
mer) und 111 Quadratmetern (Duplex).
beidseitig von den Abstell-, Wasch- und Trock- Typ A Typ B Typ A Typ A Typ D Typ B Typ A Typ B Typ A Typ B Typ A Typ B
Grundrisse EG-, 1.-3. OG und Dachge- enräumen aller Bewohner flankiert, und auch
schoss im Maßstab 1 : 500 die Küche ist noch unter die Dachschräge ge-
schoben, was allerdings recht gezwängt wirkt.
Das oberste Geschoss ist durchgesteckt; da es
dort keinen Anschluss mehr an das Treppen-
haus gibt, sind seitlich Stahlstege als Flucht-
weg angedockt.
Die Gartenseite des Gebäudes bietet einen völ-
lig anderen Anblick als die Straßenfassade.
Die Loggien wurden als eigenes Bauteil errich-
tet. Der Beton ist hellgrau lasiert, einerseits
um den Unterschied in der Nutzung zu ver-
deutlichen, andererseits um mehr Licht in die
Wohnungen zu reflektieren.

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ist, gibt es derzeit Überlegungen, den Anteil
an Doppel- und Reihenhäusern zu erhöhen,
keinesfalls aber will man hier flächendeckend
Einfamilienhäuser sehen. Die Konkurrenz mit
der grünen Wiese wird aber nur mit qualität-
voller, angemessener Architektur gelingen. Der
Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft,
Rolf-Georg Köhler, hat mit der Beauftragung
Sergio Pascolos ein Beispiel gegeben, welcher
Nutzen durch den gelegentlichen Blick über
den Tellerrand entstehen kann. Und dass darü-
ber hinaus die lokale Architekturdiskussion
belebt wurde, liegt an der Reise nach Verona,
die der Bauherr vor wenigen Jahren mit dem
Architekten und dessen aus Rosdorf bei Göttin-
gen stammenden Ehefrau absolviert hat.

Blick vom Wohnraum auf die Loggia.


Die Erdgeschosswohnungen verfügen
über einen etwas größeren Freibe-
reich, die Rasenfläche dient als Ge-
meinschaftsgarten.

Fotos: Roland Halbe, Stuttgart

Die Gartenseite mit dem Loggien- Die Wohnanlage ist verkehrsgünstig gelegen, nicht beabsichtigt war. Zwar wurde derselbe
Raster. Ein halböffentlicher Weg führt
sie besetzt vom Stadtzentrum aus den Zugang RAL-Ton gewählt, jedoch nicht bedacht, dass
zu den Fahrradschuppen im Garten,
die von den Hinterausgängen erreicht des ehemaligen Kasernenareals. Die Farbe Rot die beiden Oberflächen das Licht verschieden
werden. Völlig deplatziert ist der Dis- hätte der Bau aus Gründen der Attraktion also reflektieren. Diese Differenz zieht die äußere
countmarkt auf der nächsthöheren
gar nicht nötig gehabt, aber der Bauherr hat Erscheinung der Anlage ein wenig ins Billige,
Terrassenstufe.
gelben und dunkelroten Backstein als regional- sie müsste – um die Einheitlichkeit der Ge-
typisch diagnostiziert, und da seine bisherigen staltung zu bewahren – bei den nächsten Bau-
Neubauten „auf Zieten“ bereits gelb verklin- abschnitten wiederholt werden.
kert wurden, blieb das Rot. Die Entscheidung Möglich, dass schon im nächsten Jahr weiter-
für eine rot gestrichene Thermoputzhaut fiel gebaut wird. Viel hängt davon ab, ob sich die
schließlich aus wirtschaftlichen Gründen, ein Entwickler der Zietenterrassen auf eine Ände-
Behang aus Stein oder Faserzement, der zwi- rung des Rahmenplans einlassen. Der Markt
schenzeitlich erwogen wurde, hätte den finan- hat hier auf absehbare Zeit keinen Bedarf an
ziellen Rahmen gesprengt. Diese Festlegung frei finanziertem Geschosswohnungsbau, der
definiert auch die Gestalt der weiteren Bauab- aber für ein funktionierendes Stadtquartier
schnitte. Leider weichen der Fassadenanstrich unbedingt erforderlich wäre. Von seiten der
und die Lackierung der Aluminium-Fenster- Stadt, die inzwischen nicht mehr als Gesell-
rahmen um einige Grade voneinander ab, was schafter in der IDB Zietenterrassen vertreten

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