You are on page 1of 3
Therapie Die Gestaltung persinlicher Beziehungen Die alteren Menschen sollen in einem Heim ein miglichst normales Leben fdhren kannen; sie sollen als gleichbe- rechtigte Partner akzeptiert und nicht als abhéngige Alte betrachtet werden. Derattige Zicle erfordern von uns rela- tiv Konstante Beziebungen und sind nur durch das Bemtihen um gréfitmagliche Echtheit im eigenen Verhalten, durch ein Eingehen auf die empotionalen Erlebnisinhalte des alten Menschen zu erreichen, Nur so kann ich ihm das Gofiihl vermittela, akzeptiert zu werden ‘und sicher sein zu kénnan in bezug aut einen Grofteil der Reaktionen auf sein Handeln und seine Ansichten, Auch diese Vorhersehbarkeit meiner persin- lichen Reaktionen machen fur andere einen Toil des subjektiven Sicherheits- gefiihis aus. Zwischenmenschliche — Beriehungen betreffen zudem zum einen das inva- riante Bedifnis nach Sicherheit, zum anderen das nach Liebe allgemein, Sicherheit" bedeutet hierbei die gene- relle Verfiigbarkeit von Personen, die Realisierung des Wunsches nach guter Versorgung und Schutz sowie das Gefiihl zu haben (und wahrzunehmen!), in fachkundigen Hiinden zu sein. , Lic- be" umfait den zwischenmenschlichen Aspekt dieses zuvor genannten Bedtirf- niissos, ndmlich die Méglichkeit, Gefth- Je ausdriicken und zeigen zu kénnen, neue Bezichungen aufbauen und/oder aufrechterhalten zu konnen und den Wunsch, sich von anderen akzeptiert und angenommen 2u filhlen. 306 Atenmtese September 1980 Depressionen im Alter als hospitalsbedingte Reaktion (II) Im ersten Teil seines Beitrages, den Sie im vorigen Heft Ihrer Zeitschrift abgedruckt fanden, untersuchte Ulrich Kobbé, Wuns- torf, zundchst die auftretenden Symptome der Depression und nannte dann Konsequenzen far _ pflegerisch-therapeutische Handlungsmafnahmen. — Der zweite Tell geht nun ndheraut die ‘Méglichkeiten ein, Depressionen zu verhindern baw, abzubauen, Grundsatalich ist die Trensparenz unse- res Handels ein enischeidender depres- sionsvorhiadernder Faktor; hicrzu ge- hort u. a, auch, daB Patienten, aber auch, Bewohner nichtklinischer Alteninstitu- tionen, einen Uberblick tber den Tages- und Wochenablauf haben kén- nen, Abgesehon von den Mablzeiten existieren ja noch weitere , Termine”, wie beispielsweise Gymnastik oder Rhythmik, Gruppengesprache, kreative Beschaiftigungsméglichkeiten usw. Durchsichtige Tages- und Wochenstrukturierung ‘Tages- und Wochenplane strukturieren Gegenwart und Zukunft und machen sie Uberschaubar (Heitmann, 1977; ‘Stymai, 1977). Durch derartige Pline lassen sich auch individuelle Ziele stek- ken, die bei erfolgter Absprache von Personal und Bewohner bzw. Patient nicht 2u uniiberwindbaren Hindernis- sen werden miissen, sondern Maglich- keiten zum Neuerwerb alter Fahigkei- ten und damit einhergehender emotio- naler Verfassungen bieten, Sowohl die ‘ibersichtliche Struktur als auch die Selbstbeteiligang an der Erstelluag von ‘Wochenplinen verhindern das Gefiihi der schicksalhaften Vorbestimmung des eigenen Handels durch andere, In der Erarbeitung dieser Plane werden Personal und Heimbewohner/Patient 2a relativ gleichberechtigten (Ver-}Fand- lungspartnera, lassen sich Interessen der letuteren berticksichtigen; hier esteht eine Chance zum gemeinsamen Handeln aller, was eine Wertschatzung und Beachtung der Individualitat des alten Menschen impliziert und Ver~ trauen aufbaut baw. aufrechterhalt. Und dabei nicht nur Vertreuen zu anderen, auch Vertrauen in sich selbst: dies z, B. kann einen Schritt zur Verhinderang des Gefiihls persinlicher Hililosigkeit, dos Ausgeliefertseins darstellen, Weiterhin {ihren Wochenpline zum Aufbau oder zur Erhaltung realitatsge- rechten Verhaltens im Gegensatz zu den unrealistischen Einschatzungen elgener und umweltbezogener Reaktio- non depressiver Menschen. Wochen- pline fordern und trainieren Zeiteintei lung und Pinktlichkeit, sie ermégli chen die Unterscheidung von Freizeit, ‘Therapie und Essenszeiten, So sind ‘Therapie, Privention und Rehabilita- tion im Grunde untellbar (Dormer u. Plog, 1978): Sie beginnen mit der ersten Kontaktaufnahme und werden tiber den gesamten weiteren Aufenthalt des alten ‘Menschen bel ihnen durch eine Grund- haltung ersotzt, die ihm das Depressiv- sein nicht erlaubt. ‘Therapeutische Méglichkelten Die inhaltlichen Aspekte einer Wo- chenplanung wurden oben bereits kurz erwahnt, namlich Gymnastik und Rhythmik, Gruppengespriche, Be- schaftigungstherapie, Gelegenbeiten mu anderen kreativen Entfaltungsmég- lichkeiten, Gruppenaktivititen jeder Art. Gymnasuik und Rhythmik, die ja kei neswegs hochqualifiziertes Fachperso- nal erfordern, sondern mit wenigen Mitteln und geringem Zeitaufwand durchgefiihst werden kénnen, kommen Die Pilege muf dem Patienten durchsichtig sein. Ginom weiteren Bediiinis jodes Men- schen entgegen: die Selbstverwiridi- chung in Form der Entfaltung als Person und gleichzeitigen Ubereinstimmung ‘mit anderen lat sich durch den Wech- sel von Einzel- und Gruppeniibungen geschickt erméglichen. Gesprichsgruppen kénnen sich an Interessen und sollten sich an Notwen- digkeiten orientieren, dirfen m. E. aber keinesfalls zwanghaft durchgeftrt werden, Daneben lassen sich ja noch wohlrelche andere regelmafige bzw sich abwechselnde Gruppen anleiten Spielkreise (Kouril, 1978; Schroder, 1977), Singgruppen (Eckert, 1978), Back- und Kochgruppen (Hiuselmann, 1978) sind weitere Moglichkeiten. Beztiglich der o, g. beschaftigungsthe- rapeutischen Interventionen sollten die Anleitenden sich der Tatsache bewuBt Sein, dab cin systematischer Eimsatz bestimmter Materialien oder ausge- wahlter Aktivitaten psychische, soziale und kérperliche Fahigkeiten aufrecht- ezhalten bzw. uben kann, Pierrehum- bert und Mitarbeiter (1978) unterteilen die méglichen Defizite bei alten Patien- ten in @ Storungen der Raum-Zeit-Orientie rung @ Storungen der intellektuetion Ope- rationen und @ Storungen der Beziehungen. Global fassen wir derartige Defizite meist als psychoorganische Syndrome ‘msammen, werden jedoch hiermit ‘weder klassifikatorisch noch (beschafti- gungs-jtherapeutisch dem einzelnen Patienten oder Heimbewohner gerecht. Bezogen auf dio bereits beschriebene Symptomatik Depressiver treten auch hier diese Verénderungen in abge- schwiichter oder abgewandelter Form auf: gegenstandlichen © Storungen der Raum-Zelt-Wahmeh- mung betreffen die kognitive Verhal- tenscbone, die Konzentration der Gedanken auf die gegenwartige Lebenssituation und die Zukunftsper- spektive; © Stérungen der intellektuellen Ope- rationen beziehen sich kognitiv auf die Unfahigkeit, neue Verhallensweisen 2u erlenen, und emotional auf die geringe Motivation zur Auseinandersetzung mit fremden Problemen und Gegenstan- den; @ Stérungen der Objektbeziehungen manifestieren sich emotional im Geftihl unzureichender Kontakte mit anderen, ‘motivational in einer aligemeinen Inter- essen- und EntschluBlosigkeit, moto- risch in zunehmender Verringerung der Willkirbewegungen. Altenpflege September 1980 307 Somit scheinen mir die SchluBfolgerun- gen der Autoren beziiglich methodisch durchdachter beschéftigungstherapeu- tischer Angebote (= einer Methodolo- gie der Ergotherapie) auch auf die Situation alter Menschen in hospitali- sierenden Bedingungen tibertragbar (vgl. Lehr, 1980). Inhaltlich weiterhin relevant erscheint mir die Ermégli- chung kurzfristiger Initiativen baw. die Orienticrung an aktuellen Bedirfnissen von Heimbewohnern oder Patienten. Hierfiirsolltez. B. ein Nachmittag in der Woche freigchalten werden. Die Hospitalisierung bedeutet weiter hin eine grundsatzliche Verinderung der sozialen Situation (von Andrian, Ziel ist eine Grundhaltung, die Depressionen nicht zul: 1979}; insofern ist die Exhaltung baw. der Aufbau verlernter sozialer Verhal- tensweisen ein Ziel, das sich durch die 0. g. Maglichkeiten zur Gruppenarbeit hindurehzieht. Ergénzend sollten so viele AuBenkontakte wie méglich geschiaffen werden, sei dies in Form von Laienhelfer, von Altenkreisen, von aut diese Zielgruppen bezogenen Volks- hochschulkursen oder beispielsweise Angaboten des zustindigen Sozialam- tes, Féhigkeiten in und zum sozialen ‘Umgang erfordern ein fortdauerndes ‘Training, dem die Versorgung des ein- zelnen mit den lebensnotwendigen Dingenallein—wie. B.in Krankenhéu- sern — nicht gerecht wird, Dimensionen menschlicher Identitat Auf die betroffenen Alten bezogen las- sen sich die 0. g. Forderungen und Hinweise zur Vermeidung hiiflosen Enlebens (=depressiver Verhaltenswei- sen} auch als MéglichKeiten, 2. T. als Notwendigkeiten zur Wahrung der Hospitalisierung verdndert eine soziale Situation. Identitat des Menschen begreifen. Rest (1977, 1978) unterscheidet hierbei vier Dimensionen personaler Identitat: © dingliche Identitat als Zugehbrigkeit zuDingon, iiber die ich mich als Indivi- dum definiere und mit deren Hilfe ich mich verwirkliche; © soziale Identitat als Zugehdrigkeit zu anderen Menschen, sogenannten -festen Bezugspersonen”; @ stationare Identitat bezogen auf die Bedingungen meines Lebensraumes, die es mir erméglichen miissen, ,.noch die Rolle eines Menschen spielen zu kénnen’ 20g Attennllese cnmeaiieni- senile © personale Identitit ~ geschlechtli- che, riumliche und zeitliche Identitat, dieu. a. dadurch hergestellt und gewabrt wird, daB alte Menschen nicht als Objekt unserer Hilfsbereitschaft detrachtet werden, sondem vielmehr der Helfende (d. h. wir) als Objekt der Hilfsbedirftigkeit. Aspekte helfenden Verhaltens: ‘tir und wider Insbesondere dieser letzte Punkt betift uns selbst und unser eigenes Verhalien, Ohne Zweifel hat jede Schwester, hat jeder Piloger einen grofen Fintlub auf die Belindlichkeit der Patienten auf Station bew, der Bewohner des Heimes, Dementsprechend gingen ja die bishe- rigen Uberlegungen zur Durchfihrung von Planungen oder Anleitang von Gruppen auch aut das Verhalten des Personals ein, Wir sind an der Entstehung, zumindest, aber an der Aufrechterhaltung depres- siver Verhaltensweisen bei alten Men- schen unter hospitalisierenden Bedin- gungen wesentlich beteiligt, denn ,nie- mond kann dauerhaft depressiv sein, ohne daS jdie anderen’ mitspielen’ (Démer u, Plog, 1978). Das heiBt, deb Mu man auf alle Fehler der Patienten eingehen? ein solcher reaktiver psychodynami- scher Proze8 mit unserer Beteiligung ablduft und u. a. Verstirkungen durch uns erfordert. In diesem Zusammen- hang ist es wichtig, darauf hinzaweisen, daB Kanferu, Phillips (1975) in klinikin- temen Untersuchungen feststellten, da soziale Verhaltensweisen (i. S, aktiver Tagesgestaltung, selbstindiger Le- densfithrung, kommunikativer Fahig- eiten) vom Pflegepersonal kaum posi- tiv vermerkt wurde, wogegen es jedoch, aul unerwiinschte oder normabwei- chende Veshaltensweisen aufmerksam reagierte und somit dieses Verhalton verstirkte. Hiermit machten die Betref- fenden und machen wahrscheinlich auch wir (zu) oft dasselbe wie die als ndepressiv” bezeichneten Alten: Wir beachten insbesondere die negativen Anteile des Gesamtverbaltens und ver- stirken sie, Tatslichlich istes ja meistens so, da8 nur durch uns negativ bewertetes bzw. von uns als unangenehm oder unangemes- sen Klassifiziertes Vethalten Reaktio- nen auslést und uns zum Handeln veranlaBt ~positiv empfundene Verhal- tensweisen jedoch werden als ,gesund’ betrachtet und damit auch nicht weiter Deachtet, Hier liegen eigone Moglich- keiten zur Veranderung depressivitats- férdernder Mechanismen bei uns selbst! Letatendlich sollten wir uns fragen, ,ob nicht Schwierigkeiten’, die der Patient macht, emotionale Storungen, de pressive Reaktionen, aggressive Durch- briiche, anspritchliche Haltungen usw. hdufig besser unter dem Gesichtspunkt veranstelteter Depressivitit cu sehen und zu interpretieren sind, eher aus der Struktur der Hospitelisierung sich erklazen lassen als auf der Grundlage eines Denkens, das Verhaltensauffal- Jigkeiten beim Petienten mit Selbstver- stindlichkeit ,klassifiziert” (Rohde, 1974) Litera: ‘Angran,C, von: Selalrbett mit alten Menschen isp rankenbaos in: Alenploge (1979), 8.259 bis ‘Blemoister,G.: Der depressive Patient, In: DESZ (aoa s.st7-s2t Dimer, Ky una Plog, U.: taon jet monschlich cer Lehrbuch. der Psyehiate Psychothereple Wanstet (978) Ecker, H. Singon und Musizioren aul der Station Ins Sozletneapeatisene Autoaben der Schwester nd Ges Paegers im Tegesablaut einet Station, Gonundheltsbt LandachafteverbandRheiniand 978) 5.28 Genter, Ki: Molen und Besteln im Ratmen ep ne nt coi tart iat sarNie ep See Fn os epee Sty wa Hee, tse Se SSeS {ion bana aon Py eee chat eee ioaaa branancuiaasics en Fe 5 i Lr fe tt le tee oo Kah ea nar ns Ste fork een ty eee ge sn Sas Sean ew cn en STE RT er a Miter, Mc: Gestaltung eines Tanzpachmitages ‘der Stain, Ia: Sozttherapeut, Aug. fp. <1), Sat Penehumber, B. J. G. Roula, A. Mouflin und 2 Wertheimer: Bigotnapte iteaospitallee ‘et Atence’sénile "Ins Soe" Payehiaty (1976), Seca Rest HO. F Entwicklung von Verhaltersinerk- ‘malen for den Umgeng mit Sterbenden auf det ‘Grundiage partisjperender Felaorsctung In Eine siohtungen der Alfenhille.Opleden (1977) ‘=: Plegerschckommunikative Fl unter heson- Gorer Berucksichtigung der Kranken- und Sonal- pillage. In: DRSZ 978), . 182-880, Rode, J. Veranstaltole Depressivlt In: Inter- sist (2026), 8. 277-202 Schrier, M: Spele mit Patienten. In: im bli punkt (977) S. 32 ‘Siymal, R: Aufbau eines Wochenplanes. In: im Steeped 677} 8.28