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Spezialiall von Sexualproblemen: Sexualitaét im Alter Bei beiden Geschlechtern besteht auch im Alter offensichtlich ein Bediirfnis nach sexualler Zuwendung wie Zart- lichkeit, Nahe, Gemeinsamkeit, Sinn- lichkeit, Wertschateung, Vertrautheit und Bestétigung sowie nach kérperlich- sexueller Altivitét. Diese Autzahlung unterscheidet sich nicht wesentlich von denallgemeinen Rediirfaissen jiingerer Menschen, Hierbei sind Glick und Betriedigung in einor Partnorschatt kei- neswegs nur oberflichliche Gefuhiser- scheinungen, sondern Zeichen innerer Ubereinstimmung, Harmonie und Zu- friedenbeit, 2wischen Zufriedenheit und Sexualitat, besteht nun aber eine enge Bezichung, die durch verschiedene Momente be- einfluB wird, Selbst- und Fremdbild des alien Menschen und seiner Sexualitat, spielen eine entscheidende Rolle. Hin- za kommen Kérperliche Verénderun- gen im Alter. Das situative Moment der Sozialsituation (Helmbewohner, allein- stchend, verwitwet, berufstitig ..) ist ebenso von grofer Bedeutung, Kérperliche Voraussetzungen Uber die organischen Verinderungen im Alter geben Masters & Johnson (2970) eine austithrliche Darstellung. Zusammentfassend 1aBt sich feststollen, dai nicht nur altersbedingte Verande- angen tiber die Sexualitat alter Men- schen bestimmen, sondern vielmehr ein ukompliziertes Interaktionsgeschehen zwischen Leib, Secle und Umwelt” (Wendt, 1978) ablauft. Aus diesem Kobbéhielt dieses Referatim Mai | auf einem Seminar der Honcet- tenstiftung Hannover, Neben sei- | ner therapeutischen Arbeit die | der Rehabilitation im Atte git, | unterrichtet er zur Zeit im Fach- | kus fir Attenpfege dos institutes | Der Diplom-Psychologe Ulrich | | | fiir medizinische Rehabilitation und Geriatrie, in der Kranken- | pflegeschule und referiert auf | Forthlidungsveranstaltungen fiir | ‘Mitarbeiter in Alteninstitutio- [Eee ee Eee eeeereeeeereeeeeeeeey Grunde ist das sexuelle Geschehen auch die einzige kérperliche Funktion, die,der Mensch volistindig unterdrik- ken kann, Die Verinderungen der Semualfunktion durch organische Be- dingungen bestehen hauptséchlich in > einer geringeren Héufigkeit der Fahigkeit zu sexueller Aktivitat und > langsameren Abliuien der sexuel- Jen Reaktion in bezug auf Durchblu- tungsvorgénge (d. h. verlangsamte Erektion des Penis und verringerte Lubrikation der Vagina). Grundsitalich machen diese Verinde- mungen der biclogisch-funktionellen Abliufe jedoch die Ausibung des Geschlechtsverkehrs keineswegs un- miglich. ‘Sexualitat und Partnerschaft* Partnerschaft beinhaltet gefihlsmaige Intimitét. Auch wenn im Alter beide Partner schon lenge zusammen leben, stellen Resignation, Langeweile oder Gleichglltigkeit Risikofaktoren dar. — Positiv dagegen kénnen sich gemein- sam durchlebte Bedrohungen auswit- ken wie 1. B. der Tod eines Kindes, der Verlust des bisherigen Besitzes oder die Vertreibung aus der Heimat. Die Ab- webr und/oder Bewéltigung der auftre- tenden Angste wirkt hierim Sinne einer engeren Bindung der Eheleute ancin- ander, u. U. derart, da8 sie sich ein bestimmtes gemeinsames Ziel setzen. Eine éhnliche Aufgabe kann die Ergin- zung, Unterstitzung oder Pflege eines Korperlich oder psychisch erkrankten Ehepartners darsiellen, Nun ist Partnerverhalten nicht nur an eine Ehe gebunden. Der Anlaf zur "gl erm Oostereich, 1977 Altenpflege ‘August 1979 265 Suche nach einem neuen Partner wird hierbet haufig der Tod des langjahrigen Ehepariners sein, durch den das Geftthl der Einsamkeit und der feblenden ‘Vertrautheft mit einem anderen hervor- geruien wird. Abgesehen davon, dab eine emotionale Bindung die Grundvor- aussetzung fiir die Aufnahme engerer Kontakte ist, stellen sich auch Anforde- rungen an die Flexibilitat, Anpassungs- Alltere iiihren sich auf, als seien sie noch alter. féhigkeit und Méglichkeit zur Finstel- lungsiinderung des allen Menschen. Dies ist insbesondere dann der Fall, ‘wenn zuvor eine jahrzehntelange Part- nerschaft bestanden hat. Der alle ‘Mensch begibt sich bei nouen Kontak- ten ja zusatzlich in Abhdingigkeiten, die beispielsweise dem Wunsch nach ei- nem Versorgt- oder Verwohntwerden entspringen: die Bindung zweier Men- schen kana jedoch langtristig nur dann stabil sein, wenn jeder Partner ein Individuum bleibt und einen eigenen Bereich fiir sich bewehrt. Fallt diose Schranke persinlicher Individualitat ‘weg, so besteht die Gefahr der Abhan- gigkelt vom anderen. Auf der anderen Seite bringt das Bediirinis nach Partnerschaft auch enor- me Komplikationen mit sich. Generell 1ABt sich in der Bevélkerung (und damit, ja auch in Alteneinrichtungen) ein Frauentiberschuf feststellen: Der Berli- Sexualifat ist ein Angebot, keine Weltanschanung. ner Seniorenplan (1974) weist fir die Bevolkerung von West-Berlin im Jahr 1972 einen Frauenanteil von etwa 68% aus, der zusatzlich noch mit zunehmen- Gem Alter steigt. Gleichzeitig wirkt sich in derselben Bevolkerung erschwerend aus, daB von diesen Senioren zwar 76% er Manner, aber nur 25%-der Frauen. noch verheiratet sind. Im Zusammen- hang mit der zur Zeit des Heranwach- sens und der (Sexual-)Erzichung dieser Generation gerade Frauen unterdrik- kenden Sexualmoral wirkt sich ein solches Ungleichgewicht der Ge- schlechter bei einer Partnersuche oder -wahl fiir altere Fravien deutlich be- nachteiligend aus. Fremdbild: Wie sehen wir die alten Menschen? Den Bediirfnissen nach Partnerschatt, Zuwendung und sexueller Befriedi- Altenpflege August 1979 gung sichen offensichtlich die allge- ‘meinen sozialen Normen enigegen, die altere Menschen als geschiechts- und sexlose Wesen definieren, Eine am Jeder Partner sollte ein Individuum bleiben kénnen. Kanische Betragung von Studenten iber das von ihnen vermutele Sexualleben ihrer Eltern (Pocs u. a., 1972) zeigte euilich, daS es den jungen Leuten sehr schwer fiel, sich ihre Eltern als sexuelle ‘Wosen vorzustellen und siealssolche 2u akzeptieren. Vergleiche dieser Ein- schitaungen der Sexualpraktiken) nach Art und Haufigkeit mit den von Kinsey ethobenen Werten ergeb er- schreckende Diskrepanzen: Sex bei Alteren schion nur schwer als ‘etwas Lustvolles nachempfunden wer- en zu kénnen, Selbst diejenigen, die angaben, ,da8 ihre Eltern in glickli- cher Fhe lebien und immer noch vorliebt seien”, nahmen an, daB dies ohne sexuelle Beziehungen oder mit nur geringer sexueller Aktivitat még- lich sei. Diese Untersuchung betraf insbesonde- re eindeutige Sexualpraktiken wie Ko- itus und oral-genitalen Verkehr. Ande- rersoits hat Hohmann (1978) im Zusam- menhang mit den oben erwihnten Zért- lichkeiten eine Umirage unter Jugend- lichen durchgefiihrt, von denen 79% diese Art von Sexualverhalten bei Alten ymormal” und 21% nicht normal fanden. Hier zeigt sich offensichtlich eine Diffe~ renzierung zwischen Geschlechtsver- Kehr und indirekterem Sexualverhal- ten, wobei der direkte Sexualverkehr fir alte Leute abgelehat baw. nicht akceptiert wird. Soziale Normen - warum? Hier stellt sich die Frage, warum wir alte Menschen als asexuelle Wesen definieren und ihnen eine sie unter- Griickende Sexualmoral auferlegen. Comfort (1976) spricht davon, da8 die Alten durch eine mifbilligende Ge- sellschaft aus dem Aktivitatsberelch der Sexualitét hinausgeschwindelt (wer- den), genauso wie sie aus so vielen anderen wertvollen und noch voll ausschOpfbaren —_Betatigungsfeldem. hinauskomplimentiert wurden” Das Alter bringt eine kérperliche Ver- anderung der Haut, der Muskulatur und der Haare mit sich (vgl. Dimer & Plog, 1978}, die den alten Menschen im Ge- gensatz um frischen aktiven Jugend- ideal als unattraktiv erscheinen Bt. Nach Prill (1977) wird Sexualitat im mannlichen Denken mit Kreativitat und Eroberungslust sowie oft mit Aggressio- nen verbunden; da diese im Alter ja ‘haufig abnehmen, wird auch auf einen entsprechenden Riickgang sexueller Bediirfnisse geschlossen, Im weiblichen Denken sei Sexualitat dagegen hiuliger mit Erotik und Gebor- genheitsgefiihlen verbunden; da die ‘SuBerliche Attraktivitat vermindert sei, verliere somit auch die dltere Frau in den Augen der Jtingeren das Recht aut. sexuelle Befriedigung, Eine weitere wichtige Rolle scheint der EinfluB der Kirche auf die heutige ‘Sexualmoral u spielen (R. B,, 1973); ein groBer Teil der heute alten Frauen ‘wurde mit der Einengung der Sexualitat, Die eigenen Wiinsche werden nicht mehr wahrgenommen. auf die Zeugung eines Kindes und mit der Verdammung érperlicher Lust aufgezogen. Die nachfolgend u. U. jahrelang durchgemachten Schwanger- schaftsingste haben jede sexuelle Be- ‘tHtigung zusatzlich negativ geférbt (Tiimmers & Mertensdort, 1976) Solbsthild: Wie sehen sich die dlteren Menschen selbst? Die Gesellschaft und mit ihr ja auch die Alteren, die nach Franke (1977) ,qwider ihren Willen sozial kastriert" werden, sind sich dieser obengenannten Mecha- nismen nicht bewult, Die Betroffenen ceignen sich die Vorurteile ihrer Umwelt allmihlich an und voliziehen eine ‘Anpassung an das Konventionelle Men- schenbild von der Unschicklichkeit der Sexualitit im Alter, bis sic ihre Sexuali- 18t schliefilich selbst verleugnen. Hier- zu gehdren euch Schuldgefilble und Angste, die zB. darin bestehen, daB man bei Nachlassen der korperlichen Kréfte keine erotischen Wiinsche oder Gedanken haben solle oder daB der Orgasimus den Tod herbeifie. Dies fhrt letztendlich hiufig zu einer Verzerung der Wahrnehmung von sich, selbst, durch die die eigenen sexual- erotischen Wiinsche nicht mehr regi- striert werden, Im Sinne einer sich selbst erfilllenden Prophezeiung titt der sogenannte ,,Sexualtod” des alten Menschen ein, obwohl die sexuelle Stimulation einer Studie von Tummers & Meriensdort (1976) als weiterhin existent nachgewiesen wurde: Die Ergebnisse legen nahe, dab viele alte Manner und mindestens ein Teil alter Frauen von sexuollen Darbietun- gen angeregt werden, und zwar in Abhangigkeit von der Starke der noch vorhandenen sexuellen Interosson und relativ unabhangig von der tatsachli- chen sexuellen Aktivitét.” Dennoch werden alte Menschen, solan- ge wir sie als geschlechts- und sexlos, unbelehrbar, unbrauchbar und intelli- gent behandeln, weiterhin die Freund- lichkeit besitzen, sich dementspre- chend zu verhalten. Der alte Mensch benimmt sich dann seinem Alter centsprechend’” und fart sich aut, als sel er noch alter (vgl. Montagu, 1978). Er gebraucht Formulierungen wie , Wenn, du erst in meinem Alter bist ..." und wAls ich in deinem Alter war ..." und schatfft so selbst den Unterschied von alt und jung, Letztendlich besteht keine lineare Be- ziehung zwischen Lebensalter und se- mueller Aktivitét: Selbst- und Fremd- bbild bestimmen entscheidend, ob alte Menschen thre sexuellen Bedurfnisse wahrnehmen und auszuleben wagen. Eine Studie von Kaas (1978) belegte weiterhin, da8 die sexuelle Attraktivitat in wichtiger Aspekt der Sexualitat ist. Die Mehrheit der Heimbewohner gab an, sie fdhle sich sexuell unattraktiv und witde Keine sexuelle Aktivitat mit einem entsprechenden Pariner genie- Sen kénnen. Dies knnte u. U. insofern ein Zirkel, ein Kreis chne Ende, sein, als sich eine Person ohne sexuelle Aktivitat wabrscheinlich als sexuell unattraktiv einschitzt und von deher erst recht keine sexuellen Bediirfnisse aufern Beim Golfspielen sieht man weit licherlicher aus. wird und umgekehrt. So wird hautig auch die Furcht vor dem Sich-lécher- lich-Machen als Hindernis genannt, Franke (1977) seinerseits bezeichnet die Risiken von Frustrationen, Spannungen und Eifersucht bei der Sexualitit inso- fern als vollkommen normal, als sie ja bei jungen Menschen ebentalls beste- hen. Dennoch ist es moglich, daB alte Menschen in dieser Hinsicht sensibili- sierter sind und es sowohl physisch als auch psychisch schworer haben. Das Thema Altraktivitst ist ja zugleich eng mit dem Licheln Jiingerer ber zarllich miteinander umgehende Paare gekoppelt. Hierzu ein kurzer Kommen- tar von Comfort (1976): Was die Angst vor einer Ablehnung durch den Partner oder durch Dritte als Wicherliche oder sexiiberladene Person anbelangt, wird jeder, der cine Menge Leute beim Lieben beobachtet hat (und nur wenige Sex-Gurus haben es, darf ich hinzufigen), mugeben, daB Men- schen jeden Alters bei dieser Tatigkeit weit schéner und viel weniger albern aussehenals bei fast jeder anderen, zum Beispiel beim Golfspielen. Demnach geben alte Menschen den Genus hres Sexuallebens aus den glei- chen Griinden auf, eus denen sie das Radiahren aufgeben aus Gebrechlich- elt: es konnte ja icherlich aussehen, Lieber kein Fahrrad, Sexualitat in Alteninstitutionen Das Zuhause einer groBen Anzabl alte- rer Menschen ist ein Altenheim. Alten- heime jedoch kinnen ihren Bewohnern deren sexuelle Rechte beschneiden, zumal die meisten von ihnen alleinste- hend sind, Eine atere Person tut gewisse Dinge nicht elaubtsich nichts, het aa Freuse de der eigenen Altergruppe. Das ist fine dieser schrecklichen Sachen in AAlte-Gemeinschaften, Sie sind die Holle! Man sollte Menschen nicht in ‘Aten-Gemeinachaften tecken, Fs soll ten junge Leute, Leute jeden Alters unter thnen sein, Mir kommen sie wie fin Menschenmuseum vor, in dem die Altenpflege augut ies 267