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LITERATUR

MICHEL FOUCAULT

Seid furchtlos, Bürger
»Jetzt ist es zu spät«: Die letzten Vorlesungen des Philosophen Michel Foucault
VON Thomas

Assheuer | 29. April 2010 - 08:00 Uhr
© STF/AFP/Getty Images

Michel Foucault starb 1984 im Alter von 57 Jahren

Auf dem berühmten Rätselbild Las Meninas von Diego Velázquez sieht der Betrachter ein verwirrendes Geflecht aus optischen Perspektiven, deren Mittelpunkt, das Königspaar, nur als schemenhafte Spiegelung zu erkennen ist. Nicht zufällig war Las Meninas ein
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was er soll. Jede Perspektive entfaltet ihre eigene Wirkung. sondern von innen diszipliniert. und deshalb beschrieb Foucault auch den Menschen als standardisiertes Erzeugnis von Redeweisen und Wissensformen. weil sie ihn nicht von außen. Wählt man eine populäre. Die hellen Spiegel der Freiheit verbergen die dunkle Realität der Macht. dem Denken und Fühlen in den Bahnen von Religion und Metaphysik. Sie bringt den Bürger dazu. mit der Wirtschaft fusionierte Staatsmacht durch sanfte mentale Nötigung. Das viel zitierte Schlagwort heißt »Gouvernementalität«. Kritik. Kein Wunder. und zwar durch die Exerzitien der Selbstbefragung: »Bin ich erfolgreich? Bin ich effizient? Bin ich Deutschland?« Kurzum. Suhrkamp Verlag). dann ist Foucault zuallererst ein faszinierender Analytiker der Moderne. Liberalismus ist staatliches »Gouvernement« durch die »Mentalität« des Bürgers. deren organisierendes Zentrum mit bloßem Auge schwer auszumachen ist. Mündigkeit«) nichts anderes sind als ein historisches Spiegelkabinett.und Weltverhältnis als jene. stets eröffnet das Werk einen anderen Blick auf die Welt. durchzogen von den Meridianen der Überwachung und Kontrolle. wie sie der Autor beschrieben hat: durch Aufklärung verfinstert. um jene neoliberale Revolution zu begreifen. und wenn Theoriejunkies sie nur lange genug inhalieren. dass für eine wachsende Zahl von Soziologen Foucault und nicht Niklas Luhmann das analytische Besteck bereitstellt. damit dieser genau das will. der in minutiösen Beschreibungen nachweist. Jahrhundert dem »alteuropäischen« Kosmos verhaftet waren. die der Bürger gar nicht bemerkt. lautete seine liturgische Formel. Sogar die Sprache verstand Foucault als Technologie der Macht. von denen sie sprechen«. Foucaults Werk selbst darf man sich als fantastisches Gebilde aus Achsen und Spiegelungen vorstellen. die hierzulande Gerhard Schröder unter subalterner Mitwirkung der Grünen angezettelt hat (vgl. die im 17. aber deshalb nicht falsche »Blickachse«. Er widmete dem Gemälde nicht nur eine legendär gewordene Interpretation. denen der funktionalistische Imperativ von Hirnforschung und Gentechnik den Stempel aufdrückt. Psychologen und Philosophen Michel Foucault. Stephan Lessenich.LITERATUR Lieblingsbild des französischen Historikers. sieht die Welt am Ende genauso hoffnungslos aus. und welche Sichtweise man auch wählt. der Liberalismus sei eine Herrschaftstechnik. Hartmut Rosa: Soziologie. den Band von Klaus Dörre. besaßen ein anderes Selbst. und sogar 2 . und dahinter steckt die Behauptung. Während die »alte« Regierungsmacht dem Einzelnen Befehle erteilte. von Abrichtung und »Menschenführung«. sie verbergen die Logik von Kontrolle und Disziplinierung. »Die Diskurse bilden die Gegenstände. regiert die liberale. Verkürzt gesagt: Menschen. sich selbst zu regieren. Foucaults Bücher sind halluzinogen. jemand. und der Siegeszug der »Lebenswissenschaften« macht ihren Refrain noch einmal auf andere Weise aktuell. Foucaults Übertreibungen sind akademische Evergreens. Mit fröhlichem Einverständnis kleben die Menschen im Spinnennetz der Biowissenschaften und der kapitalistischen Ökonomie. dass die großen Versprechen der Aufklärung (»Emanzipation. eine grandiose Täuschung. Kapitalismus. Nicht minder einflussreich ist seine Kritik an der liberalen Gesellschaft.

in den sokratischen Ouvertüren des Ich-Sagens. Parrhesia ist ein zweipoliger Begriff. ist Parrhesia der »Freimut« vor der Macht. dem Leben eine Bestimmung zu geben – so wie Sokrates. und das ist für Foucault die Angel. ist es der »Freimut« vor sich selbst. mit der sich ein Bürger 3 . sind alle Katzen grau. es komme ihm einzig und allein auf den wahrhaftigen Akt an – auf den Akt der Differenz. Der Diskurs der Emanzipation. und auch die manifeste Vernunft ist nur eine andere Form latenter Verrücktheit. das hat man Foucault immer wieder vorgeworfen. darüber lässt Foucault seine Zuhörer oft im Unklaren. Fast könnte man den Eindruck gewinnen. sich öffentlich ins Spiel zu bringen und etwas aufs Spiel zu setzen. er ist von schier unendlicher Geduld mit seinen Gegenständen. sind erstaunliche Dokumente. ohne sie brachial zu aktualisieren. gegen den suggestiven Sog seiner Prämissen doch noch einen Ort der Wahrheit und des Menschen ausfindig zu machen – den Ort eines »freimütigen« und eigensinnigen Daseins. um die sich alles dreht. später die Kyniker und die frühen christlichen Denker. Das »Wahrsprechen« stört das Konzert der Lüge und der Heuchelei. Opportunitäten und Mehrheitsmeinungen. Im Zentrum steht die Idee der Parrhesia. die er öffentlich verkündet. des »Wahrsprechens« und der »Sorge um sich«. sondern auch moralisch ist. seine Deutung ist liebevoll pedantisch und bis an die Grenze der Redundanz erschöpfend. Menschen abzurichten und den »Gebrauch der Lüste« zu manipulieren. die Selbstbindung des Einzelnen und die Anstrengung. die Gegenwart sei mit ihrem Latein am Ende und metaphysisch erschöpft. zu Üblichkeiten. Anfang der achtziger Jahre beginnt er im Collège de France Sokrates und Plato zu lesen. Dann wiederum meint Parrhesia den Mut des Bürgers. ethisch betrachtet. um die intellektuelle Souveränität zu ermessen. weil sie die anderen Polis-Bewohner gleich mit verändern soll. Mal meint das »Wahrsprechen« eine Form von Selbstbeglaubigung und zielt auf eine »Ästhetik der Existenz«. Es gibt keinen Unterschied zwischen demokratischer Macht und unrechtmäßiger Herrschaft. die Propaganda von Sex und freier Liebe. den nahen Tod vor Augen. All diese Verfinsterungen muss man vor Augen haben.LITERATUR ihre Leidenschaften sind von systemerhaltenden Kalkülen geprägt. das mehr ist als das Abziehbild »liberaler« Herrschaftstechniken und das dumpfe Double des medialen Geplappers. Der von Studenten aus aller Welt umlagerte Star der philosophischen Szene macht die antiken Texte gegenwärtig. die glauben. diene nur dazu. In beiden Fällen ist das »Wahrsprechen« eine demonstrative Distanz zum Allgemeinen und markiert einen heilsamen Abstand zu gesellschaftlichen Denkroutinen. Diese Vorlesungen. Politisch gesehen. der genau die Lehre lebt. sucht Foucault den rettenden Ausweg in der Antike. Worin allerdings die Wahrheit des Wahrsprechens besteht. seine Exegesen sind auf trügerische Weise verständlich (und überdies geschmeidig übersetzt). deren zweiten Teil der Suhrkamp Verlag unter dem Titel Der Mut zur Wahrheit veröffentlicht. sein Ton hat etwas Inständiges. Wie viele Denker. die nicht nur ästhetisch. des freimütigen »Wahrsprechens«. es bekämpft die Pest der Anpassung und die Epidemie des Vorurteils. nimmt sich darin alle Zeit der Welt. In dieser Nacht. Foucault. Man sieht. mit der Foucault in den Jahren vor seinem Tod versucht.

sondern – eine starke Behauptung – auf die »Reform der ganzen Welt«. und deshalb ist das bewusste Leben nicht nur ein anderes. In der neuen. oder wie Foucault sagt: Juden und Christen verstehen die Achtung vor dem Anderen als Achtung vor dem Gott. der späte Foucault habe sein Denken auf ein CoffeetableBook-Format für höhere »Lebenskunst« ermäßigt. der sollte jene letzten Vorlesungen studieren. Ohne »Wahrsprechen« bleibt auch die Demokratie eine leere Form. desto vitaler ist ihre Polis. er ist ein Amtsträger der ethischen Universalität. diese Unterscheidung findet er lächerlich. Mit schlafwandlerischer Sicherheit erkennt er die tiefen Spuren. Die Differenz zum antiken Denken besteht vielmehr in der triadischen Struktur. weil sie nicht nur auf eine »Reform der Individuen« aus waren. die der Monotheismus. der monotheistischen Lesart verständigen sich die Menschen untereinander im Licht eines Absoluten (»Gott«). nur das als Wahrheit zuzulassen.« Angesichts dieser Lesart erstaunt es nicht. das Denken der Gleichheit. Der Unterschied zwischen dem heidnischen und dem biblischen Denken besteht für Foucault nicht in der Haltung zur Askese. das sie nicht selbst sind. Er bindet das Gelingen der Demokratie an Freimut und Selbstsorge und sagt: Je mehr Parrhesia. dem antwortet er durch »die Offenbarung Seiner Güte und Seiner Macht«. Einlässlich diskutiert Foucault den Einwand antiker Philosophen. die jüdisch-christliche Intellektuelle in den antiken Denkraum einziehen. Wer nun immer noch behauptet. leibfeindliches und misstrauisches Christentum. je furchtloser die Bürger vor sich und den anderen nach der Wahrheit fragen. aggressiv und polemisch schleuderten sie den Machthabern ihre Wahrheit ins Gesicht. 4 .« Foucault bewundert die Kyniker für das Ideal des »unverborgenen Lebens«. was die Mehrheit für die »Wahrheit« hält. Foucault teilt diese elitäre Skepsis und gibt ihr eine überraschend egalitäre Wendung. den dieser Andere »vertritt«. »Bei der Begegnung zwischen Diogenes und Alexander ging es im Grunde nur um die Frage. auf der griechischen Bühne hinterlässt. das sich in Armut. mit rebellischen »Kynikern« wie Diogenes.LITERATUR der gesellschaftlichen Konvention entzieht. Foucault entdeckt darin den hellen Pol des Monotheismus. Demokratien könnten nicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden und liefen Gefahr. Überdies ist Gott mit Parrhesia begabt. »Wahr« ist ein Leben schon dann. Würde und Einsamkeit der Welt entgegensetzt und jede öffentliche Demütigung als Zeichen ihrer höheren Auserwähltheit versteht. »Der Kyniker ist ein Amtsträger der Menschheit im Allgemeinen. die sich mit den Underdogs der Philosophiegeschichte befassen. wenn es sich freimütig »geprüft« und die Frage nach der Wahrheit gestellt hat. sondern mit ihnen unter der Soutane aufs Innigste kollaboriert. welcher der beiden der wahre König sei. auf eine Wellness-Offerte für ausgebrannte kapitalistische Seelen. das den Machthabern nicht mit dem »Mut zur Wahrheit« entgegentritt. der finstere Pol ist für ihn ein herrschsüchtiges. und wer sich ihm anvertraut. Schamlos. dass das kynische »Wahrsprechen« für Foucault das Scharnier zum jüdisch-christlichen Denken bildet. es ist ein besseres Leben.

Also dann. hören Sie.zeit. Am 28. unerforschten und unbesiegbaren Krankheit. »Nun also. März 1984 beendet Foucault seine Vorlesungen.2010 Nr. Foucault hat eine beinahe vitalistische Furcht vor der »Schließung« der Moderne. 18 ADRESSE: http://www. ich hatte vor. aber die Stoßrichtung ist offensichtlich. warum sich Foucault so tief in der Philosophiegeschichte vergräbt und die Alten so stark macht wie nur möglich. vor einer Gesellschaft. Aber jetzt ist es zu spät. Warum diese philologische Plackerei? Und was ist der »allgemeine Rahmen« für die Archäologie des antiken Wissens? Der Philosoph hat keine Zeit mehr. die den Streit um die Wahrheit erstickt und deren Bürger nicht mehr »souverän« sind. COPYRIGHT: DIE ZEIT. Ihnen einige Dinge zum allgemeinen Rahmen dieser Analysen zu sagen.« Drei Monate später stirbt Michel Foucault im Alter von 57 Jahren an einer rätselhaften. seine eigene Frage zu beantworten.de/2010/18/L-S-Foucault 5 . danke schön. 29.LITERATUR Natürlich bleibt die Frage. sondern gleichförmige Produkte medialer und politischer Macht.04. er stirbt an Aids.