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Dezember 2007, 17:56 Uhr Von Manuel Brug Oper Wagners Geheimnisse einer Liebesnacht Glanzvolle Saisoneröffnung an der Mailänder Scala: Wagners "Tristan und Isolde" – die Geschichte einer sterbensschönen, ewigtraurigen Liebesnacht – dirigiert derzeit niemand besser als Daniel Barenboim. Das hell und südlich klingende Scala-Orchester folgt ihm folgt ihm traumschön und sicher. Bild 1 von 5

Foto: AP Richard Wagners "Tristan und Isolde" an der Mailänder Scala: Die Deutsche Waltraud Meier singt die Rolle der Isolde und der Engländer Ian Storey übernimmt den Part von Tristan. Der Schluck des Todes, der sich als Trank der Liebe erweisen wird, ist genossen. Beide Protagonisten stehen zu allem entschlossen da. Und dann wendet sich Isolde Tristan zu, versinkt förmlich in seinen Augen, kniet nieder, er folgt, sie umarmen sich, sehen nur noch einander. Sie wälzen sich irr vor Leidenschaft auf dem Schiffsdeck, wo die Mannschaft bereits Anlegevorbereitungen trifft, verwickeln sich in den roten, von Brangäne bereitgehaltenen Mantel. Das ist einer dieser Chéreau-Momente, einfach, aber intensiv, hypergenau gearbeitet und magisch anzusehen, wie hier Realismus psychologisch, ja symbolisch wird. Sie sind selten an diesem denkwürdigen Wagner-Premierenabend, an dem zur traditionell glamourösen, in grelle Society-Blitzlichter getauchten Saison-Eröffnung an der Mailänder Scala nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Ehrenloge deutsch gesprochen wird: Neben dem italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano haben Bundespräsident Köhler und der österreichische Staatpräsident Fischer samt Gattinnen Platz genommen. Auch der Emir von Katar mit einer seiner Frauen in schickem Turban hält tapfer durch. Im Saal sitzt ebenfalls Joschka Fischer. Wagner in Mailand, Wien und Paris Nicht nur war diese Scala-Inaugurazione ein multimediales Ereignis, zeitversetzt ausgestrahlt von Arte sowie 19 Radiostationen; übertragen in sechs italienische Theater und die Mailänder Krebsstation sowie in 32 Kinos, darunter das Berliner Delphi. Richard Wagner beherrschte in den letzten sechs Tagen gleich drei der bedeutendsten europäischen Opernhäuser. Neben der Scala und dem von viel Sängerglück wie -unglück begleiteten „Ring“-Neustart mit der Walküre in Wien brachte auch die Pariser Bastille-Opéra einen neuen „Tannhäuser“ heraus.

Während im Zuschauerraum der Mailänder Scala falsche Busen und echte Juwelen blitzen (Stein der Saison: Smaragd), ist der Bühnenraum von Richard Peduzzis wie gewohnt in diffuses Seitenlicht getaucht und karg. Durch eine Öffnung in der umgrenzenden Mauer schiebt sich zunächst ein rostiger Schleppkahn mit hohem Aufbau samt Zugbrücke bis hin zur Rampe. Kanzelähnlich präsidiert so die tobende Isolde, die aus dem Laderaum zur Reling robbt, über dem Orchester und Waltraud Meier, die Unvergleichliche, flutet ihrer präzise und bedeutungsgenau gesetzten Töne in den Saal. Zypressen auf Felsen verwandeln den zweiten Akt in eine düster mediterrane Anselm-FeuerbachLandschaft. Betonteile und ein eiserner Vorhang lassen schließlich die Tristan-Burg Kareol wie eine leere Hinterbühne erscheinen. Gedenkminute für die Opfer des Stahlwerk-Brandes Zunächst aber herrscht Schweigen: eine Minute lang, für die Toten einer Feuerkatastrophe in einer veralterten Turiner Fabrik. Dann – jeder erwartet die wohlige Chromatik des Tristanakkords – verbreitet die italienische Hymne Kurkonzertfröhlichkeit. Schließlich, natürlich klingelt ein Handy, schafft sich endlich Wagner Raum, und Daniel Barenboim ist sein Hexenmeister. Bei seiner ersten, nach jedem Akt heftiger bejubelten Premiere als fester Scala-Gastdirigent lässt er wie sonst keiner die Musik aus dem Nichts fluten und glänzen, ist ironisch und melancholisch, peitscht die „Tristan“-Leidenschaft und weiß immer um das todessüchtige Geheimnis dieser sterbensschönen, ewigtraurigen Liebesnacht. Besser, inniger, dabei stets kontrolliert, dirigiert heute niemand diese Oper. Und das Scala-Orchester, heller, metallischer, südlich klarer klingend als die Berliner Staatskapelle oder das Bayreuther Festspielorchester, folgt ihm traumschön und sicher. Patrice Chéreaus Inszenierung aber, sein erster Wagner seit dem legendären „Ring“ von 1976 und schon damals von ihm und Barenboim geplant, aber erst jetzt verwirklicht – sie enttäuscht und ernüchtert. Als sei seit 31 Jahren die Opernregiezeit stehen geblieben. Chéreaus Realismus ist wie stets radikal, wird aber diesem Stück so nicht gerecht. Kein Wagner-Wunder von Mailand, aber großartige Momente. Eine Liebeswahnsinnige – ohne Erlösung Die ostentative Prosaik der vielköpfigen Schiffsmannschaft, die Taue rollt, ihre Morgenwäsche verrichtet und frühstückt, lässt im Vordergrund Isoldes Wut auf die Zwangsvermählung mit Marke noch stärker wirken, ihre Alltäglichkeit hebt die emotionale Verfallenheit zwischen ihr und Tristan hervor. Im zweiten Akt, wo das Paar fast rituell, aber weniger in erotischem, denn in spirituellem Taumel den Raum abschreitet und die matronenhaft angestrengt klingende Brangäne Michelle deYoungs mit Isoldes Umhang herumsteht, wird solches dann spannungslos. Der als Mümmelgreis auftauchende Marke des imposantenarchaischen, auch stimmlich gewollt asketisch-strengen Matti Salminens steht einfach nur da, nazarenerhaft stellen sich die Statistenmannen zum Tableau. Und natürlich rennt Tristan als williges Opfer in Melots Lanze. Der dritte Akt in seiner längst vertrauten Tristesse samt Moidele Bickels altbackenen Flattergewändern langweilt optisch nur noch. Immerhin trumpft jetzt der ältliche, allzu lange sich schonende, in der Höhe weitgehend stumpfe Tristan von Ian Storey auf. Wie Christus wird er von den nur noch nervenden Figuranten aufgebahrt, daneben bellt der Kurvenal von Gerd Krochowski. Doch dann steht Isolde da, ganz und gar irdisch, außer sich, zu Tode betrübt. Mit Tristans Blut am Gesicht und Haar stimmt sie ihr „Mild und leise“ an, Waltraud Meier mobilisiert souverän ihre Vokalreserven, taumelt nach hinten, eine Liebeswahnsinnige, der keine Erlösung geben ist. Hier findet sich kein Paar im Tod, Sie halluziniert und fällt, der pessimistische Chéreau schließt diesen Opernfall radikal. Chéreau und Barenboim, endlich im „Tristan“ zusammen, Barenboim noch einmal mit Waltraud Meier als seiner idealen Premieren-Isolde. So wie erstmals vor 14 Jahren in Bayreuth in der Heiner-MüllerInszenierung. Deren leuchtende Abstraktion wirkt jetzt wie das Negativ-Passepartout zu Chéreaus zu oft geheimnisloser Detail-Klarheit. Verklammert wird sie aber von Barenboims stufenlos anschwellender und im still tönenden Nichts verschwindender Wagner-Meisterschaft.

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