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Sehr geehrter Herr Bundespräsident!...

"Kronen Zeitung" vom 08.04.2008 Seite: 22

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!...


Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Die Österreicherinnen und Österreicher haben Sie 2004 mit Überzeugung gewählt, weil Sie glaubhaft versicherten, ein
Bundespräsident für alle Menschen dieses Landes sein zu wollen. Die überwiegende Mehrheit dieser Menschen will eine
Volksabstimmung, und namhafte Juristen betonen, dass es eine nationale Volksabstimmung über den "EU-Reformvertrag"
geben MUSS.

Doch in dieser Frage scheint Ihnen das österreichische Volk, das Ihnen bislang die größten Sympathien entgegengebracht
hat, egal zu sein. Erst gestern erzählte mir eine Frau unter Tränen, dass sie als "ewige SPÖ-Wählerin" in ihrem Leben noch
nie so enttäuscht war wie jetzt - sie habe immer die größten Stücke von Ihnen gehalten, jetzt schaue es so aus, als würden
Sie sich als Verräter entpuppen, meinte sie. Nach Hunderten Gesprächen mit Mitbürgern kann ich Ihnen versichern, dass
sehr, sehr viele Menschen so denken wie diese bewundernswerte Dame. Die Menschen sind verbittert und empört.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, ich kann Ihnen versichern, dass sich diese Einstellung noch verstärken wird, wenn uns
die Bundesregierung eine Volksabstimmung verweigert und wenn Sie weiterhin versuchen, die Menschen mit vorgefertigten
Formulierungen und Halbwahrheiten abzuspeisen. Das funktioniert nicht mehr, die Menschen haben allzu gut die Propaganda
vor der EU-Beitrittsabstimmung 1994 im Gedächtnis. Bitte hören Sie endlich auf, den Menschen in puncto Neutralität einen
"Überschmäh" zu erzählen, wie es Univ.-Prof. Leopold Rotter formuliert hat. Sie erwähnen den Passus im EU-Vertrag, dass
der "besondere Charakter der Sicherheits- und Verteidigungspolitik bestimmter Mitgliedsstaaten" von den gemeinsamen
Verpflichtungen aus der gemeinsamen Sicherheitspolitik der EU unberührt bleibt. Prof. Rotter dazu: "Jeder Versuch,
immerwährende Neutralität mit der Mitgliedschaft in Verteidigungsbündnissen in Einklang zu bringen, überschreitet sie." Diese
im EU-Vertrag enthaltene Beistandspflicht besiegelt demnach endgültig das Ende der österreichischen Neutralität, denn laut
Neutralitätsgesetz darf Österreich keinen militärischen Bündnissen beitreten. "Neutralität kann es innerhalb einer Militärallianz
nicht geben", stellt auch der dänische EU-Abgeordnete Jens Bonde klar. Bitte hören Sie auch auf, den Einsatz im Tschad mit
Friedensmissionen wie z. B. auf dem Golan zu vergleichen. Im Tschad herrscht Krieg, und österreichische Soldaten sind Seite
an Seite mit Truppen Frankreichs - jenem Land, das den dort herrschenden Diktator unterstützt. Außerdem: Wie können Sie
es verantworten, dass mit dem Reformvertrag jedes Land gezwungen wird, militärisch aufzurüsten?

Zu guter Letzt: Mit diesem EU-Reformvertrag wird nun offiziell (= schwarz auf weiß) EU-Recht über nationales Recht gestellt.
Wie können Sie dies als Bundespräsident Österreichs gutheißen, ohne für eine Volksabstimmung einzutreten?

Klaus Faißner, freier Journalist, Wien

Die Iren dürfen!

Von UHBP abwärts wollen uns alle erklären, dass acht Millionen Österreicher nicht über den umstrittenen EU-Vertrag
abstimmen dürfen, weil ein Nein angeblich die EU blockieren würde. Nun, als man uns mit Schalmeienklängen in die EU
gelockt hat, haben alle wichtigen Politiker geschworen, dass wir auch als kleines Land in der EU unsere vollen Rechte haben
werden. Jetzt opfern sie mit Freude unsere Souveränität und Neutralität auf dem Altar der Brüsseler EU-Götzen und haben
nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei.

Kann mir bitte jemand schlüssig erläutern, warum dann 4,2 Millionen Iren demnächst abstimmen dürfen? Dr. Wolfgang Srb,
per E-Mail

Quelle: "Kronen Zeitung" vom 08.04.2008 Seite: 22


Ausgabe: Morgen
Dokumentnummer: 0750820790780690952008040 80345280301

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