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Der 4-Farben Mensch


T E X T: R E N AT E K N O B L A U C H

Vor seinem Ende sprach Rabbi Sussja: „Wo immer ich auch dann wird unsere Innenwelt rund und unempfindlich gegenü-
jetzt hinkomme, wird man mich nicht fragen: Warum bist du ber den Stürmen des Lebens.
nicht Moses gewesen? Sondern man wird mich fragen: Wa-
rum bist du nicht Sussja gewesen? Warum bist du nicht der Die vier Selbstgefühle:
gewesen, der du sein konntest?“ 1.) Grün: die Selbstachtung
Der Mensch, der Selbstachtung besitzt, folgt seinen inner-
Warum ist es nur so schwer, der zu sein, der man ist? Warum sten Überzeugungen, er ist wahrhaftig und echt, er handelt
kostet es so viel Überwindung, seine Überzeugungen und nach bestem Wissen und Gewissen und erfüllt so seine Iden-
Träume einfach zu leben? Warum lassen wir uns von äuße- tität. Wenn wir nach diesen Grundsätzen leben und handeln,
ren Umständen so schnell entmutigen? besitzen wir wahren Adel. Das Gefühl der Selbstachtung ist
Vor kurzem ist mir ein interessan- „der Edelmann“ in uns.
tes Buch zu diesem Thema in die Wenn das Gefühl der Selbstach-
Hände gefallen: „Der 4-Farben- tung übertrieben wird, kommt es
Mensch“ von Max Lüscher. zu Stolz, zur Selbstüberschät-
Darin beschreibt Lüscher, dass zung. Bei zu wenig Selbstachtung
jeder Mensch sich ständig mit entsteht der Selbstzweifel.
diesen zwei uns wohlbekannten 2.) Gelb: die innere Freiheit
Wirklichkeiten auseinander set- Nur wenn wir unabhängig von
zen muss: seiner Innenwelt und Geld, Prestige und anderen mate-
der ihn umgebenden Außenwelt. riellen Werten sind, können wir
In der Außenwelt ist ständig was uns wirklich frei fühlen. Frei, um
los. Es widerfahren uns angeneh- all die Gelegenheiten zu ergrei-
me und unangenehme Dinge, es fen, die das Leben uns bietet:
gibt Probleme, Erfolge, Pleiten, neue Möglichkeiten, neue Men-
Ablenkungen, Auseinanderset- schen, neue Ideen …
zungen, kleine und große Kata- Das Gefühl der Freiheit ist „Hans
strophen, nie ist Ruhe. im Glück“ in uns.
Der Mensch aber, der mit sich Wenn die Freiheit übertrieben
selbst im Gleichgewicht ist, dessen Innenwelt bleibt von all wird, entsteht die Selbstflucht und Unverantwortlichkeit („Das
diesen äußeren Einflüssen unberührt. „Weil Du im inneren geht mich nichts an“), bei zu wenig Freiheit kommt es zum
Gleichgewicht bist, fällt es Dir nicht im Traum ein, Dir wegen Selbstzwang, man möchte immer alles perfekt machen und
einer Delle in der Außenwelt, wegen eines Misserfolgs, eine fühlt sich für alles verantwortlich.
Delle in Deine Innenwelt boxen zu lassen“, sagt Lüscher. 3.) Rot: das Selbstvertrauen
Wie erringt man nun diesen wunderbaren Zustand, das eige- In uns wohnt der Mut, Neues zu wagen. Und wenn wir das
ne Glück nicht von äußeren Umständen abhängig zu ma- dann tun, unsere Kraft und Fähigkeit einsetzen, aktiv sind, es
chen, sondern ganz man selbst zu sein? anpacken, dann entsteht Selbstvertrauen in uns, das Gefühl
Lüscher beschreibt vier Selbstgefühle, die er den vier Grund- „ich kann!“.
farben Grün, Gelb, Rot und Blau zuordnet. Sind diese vier Das Gefühl des Selbstvertrauens ist Robinson Crusoe in uns,
Grundgefühle im rechten Maß vorhanden und miteinander der, ganz auf sich selbst angewiesen, etwas aus seinem Le-
im Gleichgewicht, dann sind wir der „4-Farben-Mensch“, ben macht.

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Wenn das Selbstvertrauen übertrieben wird, dann wird dar- Egal was wir tun, Hauptsache wir tun etwas. Denn die An-
aus die Selbstübersteigerung, der Angeber. Der Mangel an strengung, uns selbst zu finden, ins Gleichgewicht zu brin-
Selbstvertrauen zeigt sich im Selbstmitleid. gen und so glücklich zu sein, die kann niemand für uns auf
4.) Blau: die Zufriedenheit sich nehmen.
Die Zufriedenheit kann sich jederzeit den gegebenen Mög- Lüscher bringt in seinem Buch dazu ein wunderbares Bild:
lichkeiten unterordnen. Sie kann verzichten und hergeben. Er vergleicht unser Leben mit dem Fahrradfahren.
Sie ist das Bild des Diogenes von Sinope, der in einem Fass Wenn wir auf die Welt kommen, dann hat jeder von uns ein
lebte und auf die Frage von Alexander dem Großen, ob er ei- Fahrrad mitbekommen: die einen haben ein Super-Sportrad,
nen Wunsch habe, den er ihm erfüllen könne, nur antworte- die anderen einen ziemlich klapprigen Drahtesel. Das Fahr-
te: „Geh mir aus der Sonne!“ rad entspricht unserem Körper und der biologischen Erb-
Übertriebene Zufriedenheit mündet in Selbstpreisgabe, dem masse, die uns zur Verfügung steht. Die Straßenverhältnisse
Gefühl des „Ich bin ein Opfer“, mangelnde Zufriedenheit wird symbolisieren in diesem Bild die soziale und wirtschaftliche
zu Selbstunzufriedenheit, der ständigen Angst, zu kurz zu Situation: Es gibt glatte und holprige Straßen, Kurven und
kommen. steile Anstiege, Schlaglöcher etc. Das Wichtigste dabei aber
bleibt immer der Radfahrer – wir selbst. Wir selbst müssen in
Warum ist es also so schwer, der zu sein, der man ist? die Pedale treten, wir selbst müssen aktiv sein.
Weil wir uns zu wenig Zeit nehmen für die wirklich wichtigen Es gibt Lehrer in unserem Leben, die uns auf bestimmte Zie-
Dinge des Lebens. Weil wir ständig beschäftigt sind mit äu- le aufmerksam machen. Auf das Fahrrad übertragen sind
ßeren Arbeiten, die so wichtig sind, dass sie keinen Auf- das jene Menschen, die uns das Lenken zeigen. Aber eine
schub dulden. Weil wir Angst haben, uns mit unserer eige- Sache beim Fahrradfahren, die kann uns niemand beibrin-
nen Größe und Kraft auseinander zu setzen, denn das würde gen, die müssen wir selbst erringen – und das ist die Kunst,
Konsequenzen nach sich ziehen. Wir müssten aktiv werden das Gleichgewicht zu halten, das ist die Kunst, egal was
und unser Leben selbst in die Hand nehmen. Wir müssten kommt, fest im Sattel zu bleiben.
Verantwortung übernehmen. Weil wir uns lieber in eine Das Gleichgewicht in unserem Leben will täglich erobert
Scheinwelt flüchten und viel Alkohol trinken oder im Internet sein. Handle ich nach meiner Überzeugung? Bin ich frei für
surfen oder Fernsehen oder Illustrierte lesen, wo wir das Le- Neues? Habe ich den Glauben in meine eigene Kraft? Kann
ben der anderen von außen betrachten und dabei selbst ich loslassen, was nicht in meinem Einflussbereich steht?
nicht mehr leben müssen. Wenn ich mir täglich diese Fragen stelle und mir außerdem
Die Beschäftigung mit den vier Selbstgefühlen ist eine von die Zeit und Ruhe nehme, um den Antworten, die in mir lie-
vielen Möglichkeiten, wieder mehr Tiefgang in sein Leben zu gen, zu lauschen, dann werde ich langsam, aber sicher mei-
bringen. Aber die Theorie hilft nichts, wenn sie nicht in die nem innersten Sein näher kommen.
Praxis umgesetzt wird. Mit kleinen Übungen des Alltags:
„Du hast eine Aufgabe zu erfüllen. Du magst tun, was du
Zum Beispiel: willst, magst Hunderte von Plänen verwirklichen, magst ohne
- Sich die Freiheit herausnehmen und dem Partner sagen, Unterbrechung tätig sein – wenn du diese eine Aufgabe nicht
dass man ihn liebt, einfach so, hier und jetzt, ohne dass es erfüllst, wird alle deine Zeit vergeudet sein.“
einem peinlich ist. Dschelaluddin Rumi
- Sich 10 Minuten Zeit nehmen und seine Überzeugungen
zu Papier bringen: wofür stehe ich ein, woran glaube ich, Prof. Dr. Max Lüscher, Jahrgang 1923
welche Werte vertrete ich. Der Schweizer Psychologe wurde unter anderem
- Sich einmal für einige Stunden verschenken und wirklich durch Entwicklung des Lüscher-Farbtestes weltberühmt.
selbstlos ohne Erwartungen für einen anderen Menschen da
sein, ihm helfen, ihm zuhören.
- Mutig einen Entschluss fassen, der schon lange ansteht, Bibliographie:
und ihn umsetzen, jetzt gleich. Max Lüscher, Der 4-Farben-Mensch, Goldmann Verlag, Juni 1991

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