Also schwieg Zarathustra

© Christof Wahner 2010

http://artgio.com/austelung/2006/d-2006-asedumdazaratustra.htm Gio Kiladze (2006): Also schwieg Zarathustra. 13" × 20" Liebe ist wie ein Schmetterling: ein Flügelschlag von ihm kann die Welt verändern; so wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte fliegt, kann auch die Liebe von Mensch zu Mensch getragen werden; ein Mensch – erfüllt von Liebe – fühlt "Schmetterlinge im Bauch". Jessica Rosner

An einem frühen Morgen stieg Zarathustra hinauf zu den Bergdörfern, weil er vom Flachland wieder einmal genug hatte. Der Aufstieg war beschwerlicher als noch vor wenigen Wochen, so dass es ihm gründlich den Atem verschlagen hatte, als er die Anhöhen erreichte und dort auf spielende Kinder stieß. Eines der Kinder rief: "Zarathustra, na was machst Du denn hier? Magst du vielleicht mit uns spielen?" Doch Zarathustra gab nur einige schwer verständliche Laute von sich, so dass ein anderes Kind rief: "Aber Zarathustra, du bist ja so sprachlos, wo du sonst immer ein Großmeister der hehren Worte bist." Zarathustra japste vor sich hin. Das Kind winkte und sagte: "Na, komm, setz dich einfach zu uns her. Weißt du, was wir spielen? Wir spielen Obstsalat, so eine Art 'Reise nach Jerusalem'. Und ich bin die Pflaume. Aber das ist nicht schlimm, weil wir uns alle lieb haben. Na ja, deshalb spielen wir ja auch. Wenn wir uns nicht lieb hätten, dann würden wir ja nicht miteinander spielen. Aber das alles weißt Du, großer Zarathustra, bestimmt viel besser, wo du doch ein so namhafter Philosoph und Philologe bist." Angesichts dieser Worte begann Zarathustra, abwechselnd zu nicken und seinen Kopf zu schütteln, bevor er ein vernehmliches "Hä?" äußerte. Eines der etwas älteren Kinder half nun Zarathustra auf die Sprünge und sprach: "Wir haben uns schlau gemacht und wissen inzwischen, dass das griechische Wort philía 'Liebe' und auch 'Freundschaft' heißt; und logos heißt 'Lehre' und sophía heißt 'Weisheit'. Wenn zum Beispiel Geologie 'Erdkunde' bedeutet, so meint Philologie 'Liebeskunde'. Und Philosophie bedeutet logischerweise 'Liebesweisheit'. Eine Weisheit ist ja noch viel mehr als eine Lehre. Richtig?" Da spürte Zarathustra mit großem Entsetzen, dass er einer ungeheuerlichen Täuschung unterlegen war – ja, dass er von den gründlich verkorksten Denkweisen der Flachlandbewohner unbesehen deutlich mehr übernommen hatte als es ihm lieb sein sollte. Die Sprachlosigkeit, die nun in ihm aufstieg, ermunterte ihn zu noch ungehaltenerem Wechsel zwischen Nicken und Kopfschütteln, so dass in seinem Schädel Wörter wie Logologie, Logosophie, Logophilie und Logopädie wild und wirr durcheinander waberten. Das Gerede der Kinder machte Sinn, ja, es machte abertausendmal mehr Sinn als das Gerede der so genannten Gelehrten, deren einer auch er mit der Zeit geworden war, und sich zu allem Überfluss noch einbildete, er selbst wäre wesentlich eigenständiger als die Mehrzahl der Gelehrten, die sich immerzu mit Fragen beschäftigen wie z.B. 'Was kann ich wissen?', 'Was soll ich tun?' und 'Was ist der Mensch?'. Und gerade in diesem Augenblick, da ihm diese Fragen durch den Kopf eierten, fragte ein anderes Kind: "Na, großer Zarathustra, was meinst Du? Haben die wichtigen Fragen im Leben nicht allesamt mit der Liebe zu tun? Das heißt: was oder wen wir lieben, wie wir lieben und wofür wir lieben? Nicht wahr?" Da nickte Zarathustra deutlich, doch ebenso deutlich spürte er, wie einsam er selbst und seine Seele im lieblosen Flachland geworden war, dort, wo seit geraumer Zeit die so genannte Vernunft im Namen des Fortschritts der Menschheit ein gnadenloses Regiment auf Kosten der Liebesweisheit errichtet hat. Er hielt es nun bei den Kindern nicht mehr aus, zumal das mittlerweile grelle Sonnenlicht ihn blendete und es ihm danach schien, als ob die Kinder genug mit ihrem Spiel zu tun hätten und lieber ungestört sein möchten. Doch weit gefehlt. Als Zarathustra sich gemächlich erhoben hatte und erste Anstalten machte zu gehen, sprach eines der Kinder zu ihm: "Zeig uns wenigstens, dass du uns liebst, bevor du uns verlässt!" und streckte seine Hand zum großen Zarathustra hin, bevor es weitersprach: "Doch hab nur keine Angst! Wir werden dich schon wieder früh genug auf deine Wege ziehen lassen. Wir wissen ja, dass du als Wanderer in großen, weiten Welten unterwegs bist." Im selben Augenblick flatterte ein Schmetterling einher, weil er Zarathustra's nahende Tränen witterte. Im Unterschied zu den Kindern aber ahnte Zarathustra nicht im geringsten, dass Tränen für Schmetterlinge allerfeinste Nahrung sind. Sogleich er dazu anhob, den Schmetterling zu vertreiben, bedeutete ihm eines der Kinder mit einem sanften "Schschsch" und mit leicht erhobener Hand, sich dem geflügelten Kleinod nicht zu verwehren. Als Zarathustra schließlich in aller Stille auf der Wiese niederkniete und die Kinder umarmte und herzte, genoss der Schmetterling sein köstliches Liebesmahl im Antlitz des Großmeisters der hehren Worte. Also schwieg Zarathustra.

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