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Das Menschenbild des Alten Testaments

Menschenbild

"Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkest, und des Menschen Kind, dass du dich
seiner annimmst?" Das Zitat aus Ps 8,5 verdeutlicht, dass im Alten Testament vom Menschen nur
in Relation zu Gott gesprochen werden kann. Dies gilt umso mehr, wenn man die Fortsetzung des
Textes in V. 6 berücksichtigt: "Du hast ihn wenig geringer gemacht als Gott, mit Ehre und
Herrlichkeit hast du ihn gekrönt." Menschen sind zum einen von Gott geschaffen, zum anderen
sind sie als Höhepunkt der Schöpfung insgesamt zu sehen. Damit ist Ps 8 inhaltlich direkt mit
dem priesterlichen Schöpfungsbericht in Gen 1 zu vergleichen, wo Mann und Frau als Ebenbild
Gottes bezeichnet werden. Die Aussage von der Gottebenbildlichkeit der Menschen muss man in
Analogie zu altorientalischen Parallelen als funktional verstehen: stellvertretend üben sie die
Macht Gottes über die Schöpfung aus.
Auch im zweiten, nichtpriesterlichen Schöpfungsbericht Gen 2+3 gilt der Mensch als
Krone der Schöpfung, was dadurch ausgedrückt wird, dass die Erschaffung von Mann und Frau
die Schöpfung einrahmen. Doch ist hier das Menschenbild skeptischer: Das Leben der Menschen
ist von Mühsal und Arbeit geprägt, bei der Geburt ihrer Kinder erleben Frauen Schmerzen, das
Leben im Garten Eden und die Möglichkeit, vom Baum des Lebens zu genießen, sind verwehrt.
Damit ist zugleich die prinzipielle Todesverfallenheit der Menschheit angesprochen. Erst in sehr
späten Texten des AT gibt es etwas wie die Perspektive eines Lebens nach dem Tode (vgl. das
Thema-Kapitel "Theodizee").
Den Schöpfungsberichten ist auch zu entnehmen, dass die Menschen zur Erde bzw. zur
ganzen Schöpfung gehören, vgl. Gen 3,19: "Denn Staub bist du, und zum Staub sollst du
zurückkehren." Alle Menschen, aber auch die Tiere, sind aus Fleisch gebildet; "Fleisch" kann
daher als Sammelbegriff für die Menschheit und zugleich als Ausdruck für Vergänglichkeit
verwendet werden. Durch das Einhauchen von "Lebensatem" wird der Mensch zu einem
lebendigen Wesen, so Gen 2,7; gemeint ist damit vielleicht das Sprachvermögen, das Mensch von
Tier unterscheidet. An anderen Stellen ist davon die Rede, dass Gottes Geist (‫רוּחח‬, ruḥ) oder der
Geist des Lebens in die Menschen (und Tiere) gegeben sind (Gen 7,15). Wichtig ist dabei aber,
dass es keine gedankliche Trennung von "Leib" und "Seele" (Dichotomie) oder von "Leib",
"Seele" und "Geist" (Trichotomie) wie im abendländischen Denken gibt. Der einzelne Mensch
wird prinzipiell als Einheit verstanden.
Dieses ganzheitliche Grundverständnis hat Folgen, die an manchen Stellen das
Verständnis der Bibeltexte erschweren. Zum einen kann ein Körperteil für den gesamten
Menschen stehen, vgl. Ps 139,13: "Denn du bildetest meine Nieren." Gemeint ist der ganze
Körper; ein dem Deutschen "Leib/Körper" entsprechendes Wort gibt es im Hebräischen nicht.
Demgegenüber ist unser heutiges Denken von einer Organismus-Vorstellung geprägt, in der aus
der Fülle der für sich allein nutzlosen Organe die Einheit des Menschen entsteht. Im Alten
Testament werden die Glieder und Organe eigenständiger gedacht; die Person entsteht aus der
Summe der einzelnen Aspekte.
Diese psychosomatische Einheit des Menschen beinhaltet dann aber auch, dass
verschiedene Ebenen der Person differenziert werden können. So kann die körperliche Dimension
unterschieden werden von der emotionalen, hinzu kommt die noetische Schicht (das Erkennen)
und die voluntative (das Wollen). Gleichzeitig können alle Dimensionen in einem hebräischen
Wort präsent sein. So bedeutet etwa das Wort ֶ‫ללב‬, leḇ "Herz" sowohl das Organ, als auch die Brust
im Ganzen, dazu auch die Emotion (vgl. "Herzklopfen"), Wunsch und Wille ("sich ein Herz
fassen") und das Denken (etwas "beherzigen"). Das Gehirn spielt im hebräischen Menschenbild
keine besondere Vorstellung, wie es auch in Ägypten nicht mumifiziert, sondern entfernt wurde.
Auch bei anderen Organen lässt sich dieses Phänomen feststellen. So kann ַ‫אף‬, 'app "Nase"
(Gen 2,7), auch für ein zorniges Schnauben und den Zorn schlechthin verwendet werden (Gen
30,2), ähnlich bezeichnet ֶ‫לרלחם‬, râḥam den "Mutterleib" und im Plural das Erbarmen. Besonders
vielfältig ist das Bedeutungsspektrum von ֶ‫נללפש‬, näfäš. Es bezeichnet ursprünglich die Kehle oder
den Hals (Jona 2,6: "Wasser umfingen mich bis zum Hals") und ebenso seine Funktion, die
Atmung. Mit dieser Körperfunktion hängt der Aspekt "Verlangen" zusammen. Das wiederum
kann sowohl körperlich-vegetativ ("Hunger") als auch geistig ("Gier, Sehnsucht") gemeint sein.
Im umfassenden Sinne kann ֶ‫נללפש‬, näfäš. auch für Lebenskraft oder -energie stehen; diese stirbt
zusammen mit dem Körper. Die oft verwendete deutsche Übersetzung "Seele" trifft auch daher
den Bedeutungsgehalt des hebräischen Wortes nicht.
Wie in anderen Kulturen des Alten Orients auch spielen im Leben der Menschen des AT
Reinheits- und Tabu-Regeln eine besondere Rolle. Das betrifft besonders das Blut, das als Sitz
der Lebenskraft verstanden wird. Daher ist Blutgenuss verboten (Gen 9,4); beim Schlachten von
Opfertieren wird das Blut an den Altar gesprengt (Ex 29,12) oder von der Erde geschluckt und so
symbolisch Gott zurück gegeben. Blut kann aber auch zur Entsühnung verwendet werden, vgl.
v.a. das Ritual zum Versöhnungstag in Lev 16. Menstruierende Frauen und Wöchnerinnen hatten
besondere Reinheitsregeln zu beachten (Lev 15+12). Menschenblut darf — von Strafen und
Kriegen abgesehen — nicht vergossen werden. Wenn das doch geschieht, muss das Blut des
Täters ebenfalls vergossen werden (Gen 9,6). Ungesühntes Blut schreit zum Himmel (Gen 4,10),
es bildet sich um den Täter und seine Umwelt eine Unheilssphäre.
Damit ist zugleich deutlich, dass neben der Gottesbeziehung für die Menschen des AT
immer auch die Beziehung zur sozialen Gemeinschaft grundlegend ist. Ihre Taten können nicht
abstrakt anhand einer Rechtsnorm bewertet werden, sondern daran, ob sie der Gemeinschaft
dienen oder nicht. Die Fähigkeit zu solchem gemeinschaftstreuen Verhalten wird im Kultus
vermittelt und wirkt von dort auf das ganze Land (Ps 24,5; 72). Gleichzeitig steht im Kultus der
einzelne Mensch in besonderer Weise vor Gott. Dort kann er seine existenziellen Nöte wie
Anfeindungen, Vereinzelung oder Krankheit klagend vor Gott bringen, dort kann er auch sein
Vertrauen oder seine Lebensfreude hymnisch äußern und Gott preisen. Dies zeigt sich vor allem
in den Psalmen des Alten Testaments, die daher in besonderer Weise zu anthropologisch
relevanten Texten werden.