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Buch

Welch einen Grund hat die junge Ärztin Lara Mallory, sich ausgerechnet in Eden Pass, einem verkommenen Nest in der
heißesten Hölle von Texas, niederzulassen? Seit Jahrzehnten hat dort der Tackett-Clan vom Öl über die Supermarktkette
bis zum Sheriff alles in der Hand. Lara, inzwischen Witwe eines Washingtoner Diplomaten, war die zentrale Figur in
einem Sexskandal um einen jungen, hoffnungsvollen Senator, an dessen Sturz und späterem Tod sie angeblich nicht ganz
unschuldig war: Clark Tackett. Schon nach kurzer Zeit ist die Stimmung in der Familie, und damit in der ganzen Stadt,
hochgradig explosiv. Und ausgerechnet Key Tackett, das schwarze Schaf der Familie, begeht den unverzeihlichen Fehler,
sich etwas zu oft in Begleitung der früheren Geliebten seines toten Bruders sehen zu lassen. Lange werden sie ihre
leidenschaftlichen Rendezvous nicht geheim halten können, in Eden Pass haben selbst die Wände Ohren.

Autorin
Sandra Brown arbeitete als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman Trügerischer Spiegel auf Anhieb
einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem ihrer
Bücher weltweit Spitzenplätze der Bestsellerlisten erreicht. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und
South Carolina.

Von Sandra Brown bei Blanvalet erschienen (Auswahl)


Schöne Lügen, Ein Hauch von Skandal, Sündige Seide, Verliebt in einen Fremden, Ein Kuss für die Ewigkeit, Zum Glück
verführt, Wie ein Ruf in der Stille, Ein skandalöses Angebot, Heißer als Feuer, Lockruf des Glücks, Eine sündige Nacht,
Eine unmoralische Affäre, Verruchte Begierde, Gefährliche Sünden, Zur Sünde verführt, Unschuldiges Begehren, In einer
heißen Sommernacht, Wie ein reißender Strom, Tanz im Feuer
Sandra Brown
Feuer in Eden
Roman

Deutsch von Gabriela Prahm


1. Auflage
Taschenbuchausgabe Oktober 2014 bei Blanvalet,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Copyright der Originalausgabe © 1993 by Sandra Brown
Translated from the English »Where there is Smoke«.
First published in the United States by Warner Books, New York.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2014
by Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign,
unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com
Redaktion: Ursula Walther
wr · Herstellung: sam
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-12345-1

www.blanvalet.de
Kapitel 1

Katzen hatte er noch nie sonderlich gemocht.


Das Problem war, dass die Frau neben ihm schnurrte wie eine Katze – tiefe Befriedigung ließ sie
vom Hals bis zum Nabel vibrieren. Ihre Augen standen eng zusammen und waren schräg gestellt,
ihre Bewegungen wirkten geschmeidig und fließend. Sie ging nicht – sie stolzierte. Beim Vorspiel
hatte sie sich nach einer geheimen Choreografie geräkelt und sich an ihm gerieben, als wäre sie
rollig, und als sie kam, hatte sie geschrien und sich an seinen Schultern festgekrallt.
Für ihn hatten Katzen schon immer etwas Raffiniertes, Verschlagenes an sich gehabt, man
konnte ihnen nicht trauen. Ihm war nie ganz wohl dabei, wenn er einer den Rücken zuwandte.
»Wie war ich?« Ihre Stimme war so schwül wie die Nacht hinter den in Falten fallenden
Vorhängen.
»Ich habe mich nicht beschwert, oder?«
Key Tackett hatte auch etwas gegen postkoitale Bewertungen. Wenn es gut gewesen war,
erübrigte sich jegliches Geplänkel. Wenn nicht, dann sparte man sich am besten die Worte.
Sie deutete seine ausweichende Antwort fälschlicherweise als Kompliment und ließ sich von
dem breiten Bett gleiten. Nackt ging sie quer durchs Zimmer zu dem unordentlichen
Schminktisch und zündete sich mit einem mit Steinen besetzten Feuerzeug eine Zigarette an.
»Auch eine?«
»Nein, danke.«
»Einen Drink?«
»Wenn du einen da hast, nehme ich einen auf die Schnelle.« Gelangweilt starrte er zum
Kronleuchter an der Zimmerdecke. Es war ein kitschiges und ausnehmend hässliches Ding, das
viel zu groß für das Schlafzimmer wirkte, selbst wenn, wie jetzt, die Birnen hinter den
Kristalltropfen gedämpft waren.
Der knallig pinkfarbene Teppichboden war ähnlich geschmacklos, und die mobile Messingbar
war aufgefüllt mit Kristallkaraffen. Sie schenkte ihm einen Bourbon ein. »Du musst nicht sofort
aufbrechen«, sagte sie lächelnd. »Mein Mann ist außerhalb, und meine Tochter verbringt die
Nacht bei Freunden.«
»Männlich oder weiblich?«
»Bei einer Freundin natürlich. Sie ist erst sechzehn.«
Jetzt anzumerken, dass ihr selbst in diesem zarten Alter schon lange der Ruf eines Flittchens
angehaftet hatte, wäre ungalant gewesen, also schwieg er, vor allem aber aus reiner
Gleichgültigkeit.
»Was ich sagen will – wir haben die ganze Nacht für uns.« Sie rieb ihre Hüfte an seiner, als sie
sich neben ihm auf dem Bett niederließ und ihm den Drink reichte.
Er hob den Kopf vom seidenbezogenen Kissen und nippte an dem Bourbon ohne Eis. »Ich muss
nach Hause. Ich bin schon seit …« – er warf einen Blick auf die Armbanduhr – »… dreieinhalb
Stunden in der Stadt und hab mich noch nicht zu Hause blicken lassen.«
»Du hast doch gesagt, sie würden dich heute noch gar nicht erwarten.«
»Stimmt, aber ich habe versprochen vorbeizuschauen, sobald ich angekommen bin.«
Sie wickelte eine Strähne seines dunklen Haars um ihren Finger. »Aber dann bin ich dir in der
Palme über den Weg gelaufen, nicht wahr?«
Er leerte das Glas und drückte es ihr in die Hand. »Ich frage mich, warum es Zur Palme heißt.
Hier gibt’s im Umkreis von dreihundert Meilen keine einzige Palme. Bist du oft dort?«
»Oft genug.«
Key schenkte ihr ein verschlagenes Grinsen. »Immer wenn dein Alter auf Reisen ist, was?«
»Und wenn ich in dieser Einöde fast umkomme vor Langeweile, was praktisch täglich der Fall
ist. In der Palme finde ich immer nette Gesellschaft.«
Er starrte auf ihren üppigen Busen. »Darauf würde ich glatt wetten. Und ich wette auch, dass du
es genießt, wenn die Kerle heißlaufen und geil auf dich sind.«
»Wie gut du mich kennst …« Sie lachte kehlig und beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf den
Mund zu hauchen.
Er drehte den Kopf weg. »Ich kenne dich überhaupt nicht.«
»Tss, das stimmt doch nicht, Key Tackett.« Sie setzte sich zurück und machte ein beleidigtes
Gesicht. »Immerhin sind wir schon zusammen zur Schule gegangen.«
»Ich bin mit einer Menge Kids zur Schule gegangen. Das heißt aber nicht, dass es über ein
›Hallo, wie geht’s?‹ hinausgegangen wäre.«
»Aber du hast mich geküsst.«
»Lügnerin.« Er schob alle Galanterie beiseite und fügte hinzu: »Ich hatte keine Lust, mich hinter
den anderen anzustellen. Ich habe dich jedenfalls ganz sicher nie um eine Verabredung gebeten.«
Für einen kurzen Moment funkelte Boshaftigkeit in ihren katzenhaften Augen. Doch dann zog
sie die Krallen ebenso schnell wieder ein, wie sie sie ausgefahren hatte. »Na ja, wir waren nicht
zusammen aus«, schnurrte sie. »Aber einmal, an einem Freitagabend, nachdem ihr gegen
Gladewater gewonnen hattet, da bist du und der Rest vom Footballteam vom Feld gelaufen, und
ich stand mit meinen Freundinnen – genau wie alle anderen aus Eden Pass – an der Seitenlinie
und habe euch auf dem Weg in die Kabine zugejubelt. Und du …«, betonte sie und pikste ihm
dabei mit dem Fingernagel in die blanke Brust, »… warst der tollste Hecht von allen. Du warst
am verschwitztesten, und dein Trikot war am schmutzigsten, und wir Mädchen fanden dich
natürlich unwiderstehlich. Wie du selbst, glaube ich, übrigens auch.«
Sie wartete auf eine Reaktion seinerseits, doch er sah sie völlig ungerührt an. Für ihn hatte es
Dutzende solcher Freitagabende gegeben. Zittern vor dem Spiel und Jubel danach. Das grelle
Flutlicht. Der Rhythmus der Marschkapelle. Der Duft von frischem Popcorn. Die aufgeputschte
Truppe. Die Anfeuerungsrufe der Menge.
Und Jody, die lauter als alle anderen brüllte. Für ihn brüllte. Das war vor sehr, sehr langer Zeit
gewesen.
»Jedenfalls, als du an mir vorbeikamst«, fuhr sie fort, »hast du mich um die Taille gepackt,
hochgehoben, an dich gedrückt und mich einfach auf den Mund geküsst. Hart. Es hatte so etwas
… etwas Barbarisches.«
»Hmm. Bist du sicher?«
»Natürlich bin ich sicher! Ich hatte ein total feuchtes Höschen.« Sie beugte sich vor und rieb ihre
Nippel gegen seine Brust. »Ich habe lange darauf warten müssen, dass du das zu Ende führst, was
du damals angefangen hast.«
»Nun, es war mir eine Ehre, Ihnen zu Diensten gewesen sein zu dürfen.« Er gab ihr einen Klaps
auf den Po und setzte sich auf. »Ich gehe lieber.« Er langte über sie und fischte nach seiner Jeans.
»Du willst wirklich schon weg?«, fragte sie überrascht.
»Ja.«
Stirnrunzelnd versenkte sie die Zigarette im Aschenbecher auf dem Nachttisch. »Verdammter
Bastard«, murmelte sie. Dann versuchte sie es mit einer anderen Masche, stand auf, nahm ihm die
Jeans aus der Hand, bevor er hineinsteigen konnte, und schmiegte sich verführerisch an ihn.
»Es ist spät, Key. Im Haus deiner Mama schlafen doch bestimmt alle schon. Du kannst ebenso
gut hierbleiben.« Sie langte ihm zwischen die kräftigen Schenkel, streichelte ihn gekonnt und sah
ihm dabei frech ins Gesicht, bis ihre geschickten Finger die gewünschte Reaktion erzielten. »Du
weißt gar nicht, was dir entgeht, wenn du meine Frühstücksspezialität nicht probierst.«
Key verzog amüsiert den Mund. »Ach, servierst du die im Bett?«
»Worauf du dich verlassen kannst. Mit allen Zutaten. Ich habe sogar …« Mitten im Satz brach
sie ab; ihre Hände verkrampften sich reflexartig, woraufhin er schmerzlich das Gesicht verzog.
»Hey, pass auf, du spielst mit dem Familienschmuck.«
»Schhh!« Sie ließ los und lief auf Zehenspitzen zur offenen Schlafzimmertür. Gerade als sie sie
erreichte, rief eine männliche Stimme: »Zuckerschnäuzchen, ich bin wieder da-a!«
»Scheiße!« Ganz und gar nicht mehr geschmeidig oder verführerisch wandte sie sich zu Key um
und zischte: »Du musst hier verschwinden, auf der Stelle!«
Key war bereits in seine Jeans gestiegen und bückte sich gerade, um die Stiefel zu suchen. »Und
wie stellst du dir das bitte vor?«, flüsterte er zurück.
»Zuckerschnäuzchen? Bist du oben?« Key hörte die Schritte erst auf den Marmorfliesen unten,
dann auf dem Treppenläufer. »Ich war schon früh fertig, und da habe ich mich entschlossen,
heute Abend schon zurückzukommen!«
Sie wedelte panisch durch die Luft und deutete auf die Balkontür am anderen Ende des
Zimmers. Key schnappte sich Hemd und Stiefel und schlüpfte durch die offene Tür. Er stand
bereits auf dem Balkon, als ihm einfiel, dass sich das Schlafzimmer im zweiten Stock des Hauses
befand. Er konnte keinen leichten Abstieg erkennen, als er über das schmiedeeiserne Geländer
schaute.
Leise fluchend, wog er hastig seine Möglichkeiten ab. Ach, zum Teufel! Er war schon
schlimmeren Klemmen entkommen. Taifunen, Kugelhagel, Erdbeben, Spektakeln Gottes und
von Menschenhand verursachtem Chaos. Und auch ein Ehemann, der verfrüht und unerwartet
nach Hause kam, war nichts Neues für ihn. Er würde einfach etwas erfinden und auf das Beste
hoffen.
Er trat zurück ins Schlafzimmer, verharrte aber wie versteinert auf der Schwelle. Die Schublade
des Nachttisches stand offen. Seine Geliebte kauerte im Bett; mit einer Hand raffte sie sich das
Satinlaken vor die Brust, in der anderen hielt sie eine Waffe – direkt auf ihn gerichtet.
»Was machen Sie hier?«
Ihr gellender Schrei lähmte ihn. Eine Sekunde später erschütterte ein Schuss aus der Pistole sein
Trommelfell. Und erst einige Herzschläge später begriff er, dass er getroffen war. Er starrte auf die
klaffende Wunde an seiner Seite und hob dann den ungläubigen Blick zu ihr.
Die Schritte im Flur waren schneller geworden. »Zuckerschnäuzchen!«
Sie schrie erneut, so schrill, dass einem das Blut in den Adern gefror. Und wieder zielte sie auf
ihn.
Wie unter Strom schwang Key herum, genau in dem Moment, als sie abdrückte. Er glaubte,
entwischt zu sein, aber ihm blieb nicht die Zeit nachzusehen. Er warf Stiefel und Hemd übers
Geländer, hob erst das rechte, dann das linke Bein über die Brüstung, balancierte noch einen
Moment auf dem schmalen Vorsprung, ehe er sich in die Tiefe stürzte.
Unsanft landete er mit dem rechten Knöchel zuerst. Der Schmerz schoss ihm durch die Wade,
den Schenkel, die Lende, ehe er ihn im Magen traf. Er schnappte nach Luft, blinzelte heftig und
betete zu Gott, sich nicht übergeben zu müssen oder ohnmächtig zu werden, während er seine
Sachen aufsammelte und wie der Teufel davonrannte.
Lara schreckte auf, als ein lautes Klopfen an der Hintertür ertönte.
Sie war in einen alten Streifen mit Bette Davis versunken gewesen. Per Fernbedienung dämpfte
sie die Lautstärke und lauschte. Da war das Klopfen wieder, diesmal noch lauter und drängender.
Sie schlug die Afghanendecke über ihren Beinen zurück, erhob sich von ihrem behaglichen Platz
auf dem Wohnzimmersofa und hastete den Flur hinunter, wobei sie im Gehen das Licht
anschaltete.
Als sie das hintere Zimmer der Praxis erreichte, konnte sie durch die halb gekippte Jalousie die
Silhouette eines Mannes ausmachen, der am Türrahmen lehnte.
Im grellen Schein der Verandabeleuchtung wirkte sein Gesicht bleich und starr. Die untere
Hälfte wurde von einem Dreitagebart verdunkelt. Auf seiner Stirn klebten mehrere Strähnen des
widerspenstigen dunklen Haares. Er spähte unter seinen dunklen, dichten Brauen durch die
Lamellen der Jalousie in den Raum.
»Doc?« Er hob die Faust und trommelte erneut gegen die Scheibe. »Hey, Doc! Machen Sie auf.
Ich saue noch Ihre ganze Hintertreppe ein!«
Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, und Lara konnte das Blut sehen.
Sie vergaß alle Vorsicht, stellte die Alarmanlage ab und entriegelte die Tür. Kaum gab das
Schloss nach, fiel er mit der Schulter voran in die Tür und stolperte barfuß herein.
»Sie haben sich ganz schön Zeit gelassen«, murmelte er. »Aber ich werde Ihnen verzeihen, wenn
Sie mir ’nen Schluck von dem Jack Daniels geben, den Sie hier verstaut haben.« Er ging direkt auf
den weißen Emailleschrank zu und beugte sich vor, um die unterste Schublade aufzuziehen.
»Da ist kein Jack Daniels drin.«
Beim Klang ihrer Stimme schwang er herum. Mehrere Sekunden starrte er sie nur an. Lara
starrte zurück. Er hatte etwas Animalisches an sich, das sie gleichzeitig anzog und abstieß; und
obwohl sie längst an den Geruch frischen Blutes gewöhnt war, roch sie seines besonders intensiv.
Instinktiv wollte sie zurückweichen, doch nicht aus Angst. Der Impuls entsprang einer
weiblichen Abwehrreaktion. Dennoch hielt sie seinem ungläubigen und abschätzenden Blick
stand.
»Verdammt, wer sind Sie denn? Wo ist der Doc?«, dröhnte er düster und presste den
blutgetränkten Saum seines offenen Hemdes auf die Wunde an der Seite.
»Sie sollten sich lieber setzen. Sie sind verletzt.«
»Sagen Sie bloß, Lady. Wo ist der Doc?«
»Wahrscheinlich in seiner Koje auf dem See. Er hat sich zur Ruhe gesetzt, vor einigen Monaten
schon.«
Er starrte sie an. »Na, fabelhaft. Ist ja wirklich fabelhaft«, fluchte er vor sich hin und fuhr sich
durchs Haar. Dann unternahm er einige unsichere Schritte in Richtung Tür und stieß dabei
gegen den Untersuchungstisch.
Lara kam ihm automatisch zu Hilfe. Er wehrte sie ab, blieb allerdings gegen den gepolsterten
Tisch gelehnt stehen. Schwer atmend und sich vor Schmerz krümmend, sagte er: »Könnte ich
einen Whisky haben?«
»Was ist passiert?«
»Was geht Sie das an?«
»Nun, ich bin nicht nur die neue Mieterin von Dr. Pattons Haus. Ich habe auch seine Praxis
übernommen.«
Seine saphirfarbenen Augen sahen zu ihr auf. »Sie sind Ärztin?«
Sie nickte, breitete die Arme aus und deutete ins Behandlungszimmer.
»Donnerwetter!« Er musterte sie von Kopf bis Fuß. »So wie Sie rumlaufen, sind Sie bestimmt
der Hit im Krankenhaus«, sagte er und hob das Kinn. »Ist das der letzte Schrei in der
Berufsbekleidungsbranche?«
Sie trug ein langes weißes Hemd über ihren Leggings, die kurz unter dem Knie endeten. Doch
trotz ihrer bloßen Waden und Füße ließ sie sich nicht einschüchtern und antwortete barsch:
»Nach Mitternacht laufe ich für gewöhnlich nicht mehr im Kittel herum. Es ist zwar keine
Sprechzeit mehr, aber vergessen wir mal mein Outfit und konzentrieren uns lieber auf Ihre
Verletzung. Also, was ist passiert?«
»Ein kleiner Unfall.«
Als er das Hemd von den Schultern gleiten ließ, bemerkte sie, dass sein Gürtel offen und der
Hosenstall nur zur Hälfte zugeknöpft war. Sie schob seine blutige Hand beiseite, die er auf die
Wunde, ungefähr in Hüfthöhe, gepresst hielt.
»Das ist eine Schussverletzung!«
»Ach was! Ich habe Ihnen doch gesagt – es war ein Unfall.«
Er log eindeutig, und er schien Übung darin zu haben, da es ihm offensichtlich leichtfiel. »Und
was für ein Unfall soll das gewesen sein?«
»Bin in eine Harke gefallen.« Er deutete auf die Wunde. »Säubern Sie sie, machen Sie einen
schönen Verband drum, und morgen ist alles wieder gut, okay?«
Sie richtete sich auf und sah ihm, ohne zu lächeln, ins grinsende Gesicht. »Lassen Sie den
Blödsinn. Ich erkenne eine Schussverletzung, wenn ich eine sehe. Ich kann Sie hier nicht
ausreichend versorgen. Sie gehören ins Krankenhaus.«
Sie kehrte ihm den Rücken zu und tippte eine Nummer ins Telefon ein. »Ich werde Sie, bis die
Ambulanz eintrifft, so gut es geht, versorgen. Bitte legen Sie sich hin. Wenn ich fertig telefoniert
habe, werde ich versuchen, die Blutung zu – Ja, hallo?«, sagte sie in den Hörer, als sich jemand
meldete. »Hier spricht Dr. Mallory aus Eden Pass. Ich habe einen Notfall … «
Er langte um sie herum und drückte die Gabel herunter. Sie warf ihm einen alarmierten Blick
über die Schulter zu.
»Ich werde in kein verdammtes Krankenhaus gehen«, verkündete er kurz und bündig. »Keine
Ambulanz. Nichts. Gar nichts, haben Sie verstanden? Stoppen Sie die Blutung, und legen Sie mir
einen Verband an. Mehr nicht. Haben Sie Whisky da?«, fragte er bereits zum dritten Mal.
Stur begann Lara erneut zu wählen. Doch ehe sie die vollständige Nummer eingeben konnte,
hatte er ihr den Hörer aus der Hand gewunden und den Anschluss des Apparates herausgerissen.
Lara drehte sich zu ihm um, jetzt bekam sie es mit der Angst zu tun. Selbst hier, in dieser
Kleinstadt in Ost-Texas, war Drogenmissbrauch zu einem Problem geworden. Gleich nach ihrem
Einzug in die Praxis hatte sie eine Alarmanlage installieren lassen, um eventuellen Einbrüchen
wegen Schmerzmittel und Narkotika vorzubeugen.
Er musste ihre Nervosität gespürt haben. Er knallte den Hörer geräuschvoll auf eine der Vitrinen
und grinste sie grimmig an. »Jetzt hören Sie mal, Doc, wenn ich hergekommen wäre, um Ihnen
was anzutun, dann wäre es schon geschehen, und ich wäre längst über alle Berge. Ich will nur
nicht, dass zu viele Leute von der Sache Wind kriegen, kapiert? Kein Krankenhaus, okay?
Versorgen Sie mich, und dann sind Sie mich schon wieder los!« Seine Lippen wurden während
des Sprechens farblos und schmal. Er rang hörbar zwischen zusammengebissenen Zähnen nach
Luft.
»Sie werden mir doch jetzt nicht ohnmächtig?«
»Nicht, wenn ich es verhindern kann.«
»Sie haben sehr starke Schmerzen.«
»Ja«, bestätigte er kopfnickend. »Es tut verdammt weh. Und wenn wir noch lange Zeit mit
Quatschen vergeuden, werde ich wohl verbluten müssen.«
Sie musterte seine entschlossene Miene. Ihr war klar, dass er wieder gehen würde, wenn sie jetzt
nicht nachgab. Doch das hieße auch, die Gesundheit, vielleicht sogar das Leben des Patienten zu
riskieren. Also forderte sie ihn auf, sich hinzulegen und seine Jeans herunterzuziehen.
»Diesen Text habe ich selbst schon ein Dutzend Mal aufgesagt«, witzelte er, als er ihre
Anweisungen befolgte.
»Überrascht mich nicht.« Unbeeindruckt von seiner Prahlerei ging sie zum Waschbecken und
reinigte sich die Hände mit einer desinfizierenden Seife. »Wenn Sie Doc Patton so gut gekannt
haben, dass Sie sogar wissen, wo er seinen Whisky versteckt hat, dann müssen Sie aus der Gegend
sein.«
»Ja, hier geboren und aufgewachsen.«
»Wieso wussten Sie dann nicht, dass er sich zur Ruhe gesetzt hat?«
»Ich war eine Weile nicht im Lande.«
»Waren Sie Patient bei ihm?«
»Mein ganzes Leben lang. Er hat meine Windpocken kuriert, Mandelentzündung, zwei
gebrochene Rippen, ein gebrochenes Schlüsselbein, einen angeknacksten Arm und einen
Zusammenstoß mit einer rostigen Dose, die uns beim Baseball als Second Base gedient hat. Die
Narbe auf meinem Schenkel, die ich mir zugezogen habe, als ich hineingerutscht bin, ist noch
immer zu sehen.«
»Und, haben Sie den Punkt dabei geholt?«
»Großer Gott, ja!«, antwortete er, als wäre das etwas vollkommen Selbstverständliches. »Ich habe
mehr als einmal mitten in der Nacht an dieser Hintertür geklopft, damit der Doc mich wieder
zusammenflickt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Allerdings war er bei weitem nicht so
geizig mit seinem Whisky wie Sie. Was brauen Sie da in der Spritze zusammen?«
»Ein Sedativum.« Sie drückte behutsam den Kolben vor, bis etwas Flüssigkeit aus der Nadel
sprudelte.
Dann legte sie die Spritze ab und rieb seinen Oberarm mit einem alkoholgetränkten
Wattebausch ab. Noch ehe sie begriff, was er vorhatte, langte er nach der Spritze und presste den
Kolben bis zum Anschlag durch; die Flüssigkeit verteilte sich auf dem Fußboden.
»Halten Sie mich für dämlich, oder was?«
»Mr. …«
»Wenn Sie mich betäuben wollen, holen Sie mir ein Glas Whisky. Sie werden mir dieses Zeug
nicht in die Blutbahn pumpen, nur damit ich ausgeknockt bin und Sie in aller Ruhe das
Krankenhaus anrufen können.«
»Vergessen Sie den Sheriff nicht. Ich bin verpflichtet, Schussverletzungen zu melden.«
Er setzte sich mühsam auf; hellrotes Blut quoll aus seiner Wunde. Er stöhnte. Lara zog sich
hastig ein Paar Chirurgenhandschuhe über und begann, die Blutung mit einem Gazetupfer zu
stoppen, damit sie sehen konnte, wie tief die Wunde war.
»Wohl Angst, sich Aids einzufangen, wie?«, fragte er mit einem Nicken auf die behandschuhten
Hände.
»Berufsbedingte Schutzmaßnahmen.«
»Keine Panik«, sagte er mit einem breiten Grinsen. »Ich habe immer gut auf mich aufgepasst.«
»So wie heute Abend? Hat man Sie beim Falschspielen erwischt, oder haben Sie mit der falschen
Frau geflirtet? Oder hat sich etwa beim Reinigen Ihres Gewehrs ein Schuss gelöst?«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, es war ein …«
»Ach ja, eine Harke. Die hätte allerdings einen Einstich verursacht und nicht das Gewebe
zerrissen.« Sie arbeitete flink und effektiv. »Hören Sie, ich muss das lose Gewebe abschneiden und
die Wunde mit ein paar Stichen nähen. Es wird weh tun. Ich muss Sie betäuben.«
»Vergessen Sie’s.« Er schwang die Hüfte über die Tischkante, als wollte er gehen.
Lara hielt ihn zurück, indem sie ihm die Handballen an die Schultern drückte. Die Finger der
Handschuhe waren blutig. »Lidocain. Örtliche Betäubung«, erklärte sie. Dann nahm sie ein
Fläschchen aus dem Medizinschrank und ließ ihn den Aufdruck lesen. »Okay?«
Er nickte kurz und beobachtete, wie sie noch einmal eine Spritze aufzog. Sie injizierte das
Medikament neben der Wunde. Als das umgebende Gewebe betäubt war, kappte sie die
ausgefransten Ränder, reinigte die Wunde mit Salzlösung, vernähte die tiefliegende Schicht und
polsterte sie mit einer Drainage aus.
»Was zum Teufel ist das?« Er war blass und schwitzte stark, dennoch hatte er ihre geschickten
Hände nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen.
»Das ist eine sogenannte Penrose-Drainage. Sie fängt Blut und andere Flüssigkeiten auf und
verhindert eine Infektion. Ich werde sie in ein paar Tagen entfernen.« Sie schloss die Wunde mit
ein paar Stichen und bedeckte sie mit einem Verband.
Nachdem sie die blutigen Handschuhe in einen extra dafür ausgewiesenen Eimer für
kontaminierten Abfall geworfen hatte, ging Lara zum Waschbecken, um sich die Hände zu
reinigen. Danach bat sie ihn, sich aufzurichten, damit sie ihm einen Stützverband um die Hüfte
wickeln konnte, der ein Verrutschen verhindern sollte.
Sie trat einen Schritt zurück und begutachtete kritisch ihr Werk. »Sie haben Glück gehabt, dass
er kein besserer Schütze war. Ein paar Zentimeter weiter rechts, und die Kugel hätte Ihre inneren
Organe penetrieren können.«
»Oder ein paar Zentimeter tiefer, und ich hätte nie wieder etwas penetrieren können.«
Lara schenkte ihm einen geringschätzigen Blick. »Tja, da haben Sie anscheinend wirklich noch
mal Glück gehabt.«
Sie war professionell distanziert geblieben, obwohl jedes Mal, wenn sie den Verband um seine
Mitte gewickelt hatte, ihre Wange seinen breiten Brustkorb gestreift hatte. Er hatte einen
schlanken, sonnengebräunten, behaarten Oberkörper und einen harten, flachen Bauch. Sie hatte
schon in vielen Notaufnahmen großer Krankenhäuser gearbeitet und so manchen zwielichtigen
Charakter zusammengeflickt, aber keiner von ihnen war so schlagfertig, attraktiv und amüsant wie
dieser Kerl hier gewesen.
»Glauben Sie mir, Doc, ich habe das Glück des Teufels persönlich.«
»Oh, das glaube ich Ihnen gern. Ich schätze Sie als einen Mann ein, der immer an der Klippe
entlangbalanciert und nur aus purem Zufall überlebt. Wann hatten Sie Ihre letzte
Tetanusimpfung?«
»Letztes Jahr.« Sie sah ihn skeptisch an. Er hob die rechte Hand, als würde er einen Eid ablegen.
»Ich schwöre.«
Er ließ sich von der Kante des Untersuchungstisches gleiten, stellte sich auf die Füße und blieb
mit der Hüfte angelehnt stehen, während er die Jeans zuknöpfte, den Gürtel allerdings offen ließ.
»Was bin ich Ihnen schuldig?«
»Fünfzig Dollar für die Behandlung außerhalb der Sprechzeit. Fünfzig für das Nähen und die
Bandagen, zwölf pro Injektion, einschließlich der, die Sie verschwendet haben, und vierzig für die
Medikamente.«
»Medikamente?«
Sie nahm zwei Plastikfläschchen aus der verriegelten Vitrine und gab sie ihm. »Ein Antibiotikum
und ein Schmerzmittel. Wenn die Wirkung des Lidocains nachlässt, wird’s weh tun.«
Er zog eine Geldklammer aus der Tasche seiner engsitzenden Jeans. »Mal sehen … Fünfzig plus
fünfzig plus vierundzwanzig plus …«
»Einhundertvierundsechzig.«
Er hob eine Braue, anscheinend belustigt über ihre prompte Antwort.
»Stimmt. Einhundertvierundsechzig.« Er zog die Scheine heraus und legte sie auf den
Untersuchungstisch. »Der Rest ist für Sie«, bemerkte er, als er eine Fünfdollarnote anstatt vier
einzelner hinlegte.
Lara war überrascht, dass er so viel Bargeld bei sich trug. Selbst nachdem er sie bezahlt hatte,
blieb ihm noch ein ganz ansehnliches Bündel. »Vielen Dank. Nehmen Sie heute Abend noch
zwei Kapseln von dem Antibiotikum, ab morgen dann vier täglich, bis sie aufgebraucht sind.«
Er studierte die Etiketten, öffnete das Fläschchen mit dem Schmerzmittel und nahm eine
Tablette heraus. Er warf sie sich in den Mund und schluckte sie trocken. »Mit ’nem Schluck
Whisky würd’s besser runtergehen.« Es klang wie eine hoffnungsvolle Frage.
Sie schüttelte den Kopf. »Nehmen Sie davon alle vier Stunden eine. Zwei, wenn es gar nicht
auszuhalten ist. Und zwar mit Wasser«, betonte sie, ohne ernsthaft zu glauben, dass er ihre
Anweisung befolgen würde. »Kommen Sie morgen Nachmittag gegen halb fünf vorbei. Dann
werde ich den Verband wechseln.«
»Das kostet noch mal fünfzig Scheinchen, nehme ich an?«
»Nein, das ist bereits im Preis inbegriffen.«
»Ich stehe tief in Ihrer Schuld.«
»Tun Sie nicht. Sobald Sie verschwunden sind, rufe ich Sheriff Baxter an.«
Er kreuzte die Arme über der blanken Brust und sah Lara nachsichtig an. »Und klingeln ihn zur
nachtschlafenden Stunde aus dem Bett?« Er schüttelte tadelnd den Kopf. »Ich kenne den armen
alten Elmo Baxter schon mein ganzes Leben. Er und mein Daddy waren Kumpel, schon als
Jugendliche während des Ölbooms, wissen Sie? Mein Daddy hat immer gesagt, es wäre, als hätten
sie den Krieg zusammen mitgemacht.
Sie hingen beide immer draußen bei den Bohrtürmen rum, waren so eine Art Maskottchen für
die Arbeiter. Haben Besorgungen für sie gemacht und Hamburger, Zigaretten, Fusel oder was
immer sie wollten, organisiert. Er und mein Daddy haben wahrscheinlich etliches beschafft,
woran der alte Elmo lieber nicht erinnert werden würde«, sagte er mit einem Zwinkern. »Aber –
nur zu, rufen Sie ihn ruhig an. Ich weiß allerdings, dass er sich lediglich freuen wird, mich
wiederzusehen. Er wird mir auf den Rücken klopfen und etwas in der Art sagen wie ›Junge, lange
nicht gesehen, wie?‹ und ›Was hast du die ganze Zeit getrieben?‹.« Er hielt inne, um Laras
Reaktion abzuwarten. Ihr steinharter Blick irritierte ihn nicht.
»Elmo ist überarbeitet und unterbezahlt. Wenn Sie ihn wegen dieser Lappalie aus dem Bett
holen, wird er stocksauer werden, und er ist so schon nicht der Gelassenste. Und wenn Sie dann
mal einen echten Notfall haben, irgendeinen abgedrehten Drogi, der bei Ihnen einbricht, um sich
was gegen die kleinen grünen Monster zu besorgen, die ihm übers Gesicht krabbeln, wird sich der
gute Elmo zweimal überlegen, ob er Ihnen zu Hilfe kommt. Ganz abgesehen davon«, fügte er mit
gesenkter Stimme hinzu, »werden es die Leute hier gar nicht gern sehen, dass ein Geheimnis bei
Ihnen scheinbar nicht gut aufgehoben ist. Die Menschen in einer kleinen Stadt wie Eden Pass
legen großen Wert auf Diskretion.«
»Ich bezweifle, dass die meisten überhaupt wissen, was dieses Wort bedeutet«, entgegnete Lara
trocken. »Und im Gegensatz zu dem, was Sie mir weismachen wollen, habe ich in meiner kurzen
Zeit hier erfahren müssen, wie schnell und effektiv Gerüchte in Umlauf gebracht werden. Ein
Geheimnis ist in dieser Stadt nicht von langer Dauer. Trotzdem, Ihre Botschaft hinsichtlich Sheriff
Baxter ist angekommen. Laut und deutlich. Was Sie mir sagen wollten, ist, dass er seine Kumpels
kaum im Stich lassen wird, und selbst wenn er den Bericht über die Schussverletzung aufnehmen
würde, damit hätte es sich auch bereits.«
»So ungefähr«, antwortete er wahrheitsgemäß. »Wenn der Sheriff in einer Gegend wie dieser
jeden abgegebenen Schuss verfolgen würde, wäre er binnen eines Monats reif für den
Ruhestand.«
Lara sah ein, dass er wahrscheinlich recht hatte, und seufzte tief. »Wurden Sie angeschossen,
während Sie ein Verbrechen begangen haben?«
»Ein oder zwei Sünden vielleicht«, sagte er mit einem breiten, verschlagenen Grinsen. Seine
blauen Augen funkelten schelmisch. »Aber ich glaube nicht, dass es ein Verbrechen war.«
Sie gab schließlich ihre professionelle Haltung auf und lachte. Er wirkte nicht wie ein
Verbrecher, obwohl er mit Sicherheit ein Sünder war. Sie bezweifelte, dass er gefährlich war,
höchstens vielleicht für leicht zu beeindruckende Frauen.
»Sieh an, unsere Ärztin ist anscheinend doch nicht so spießig. Sie kann ja sogar lächeln. Und was
für ein hübsches Lächeln.« Die Lider halb geschlossen, fragte er etwas leiser: »Was haben wir denn
sonst noch Hübsches vor mir versteckt, Doc?«
Jetzt war es an ihr, die Arme vor der Brust zu verschränken. »Kommen Sie mit dieser Art
Sprüchen bei den Frauen an?«
»Ich war immer der Ansicht, dass Worte überflüssig sind, wenn es um Jungs und Mädchen geht.«
»Tatsächlich?«
»Spart Zeit und Energie. Energie, die man besser für andere Dinge verwenden sollte.«
»Ich wage kaum zu fragen, welche ›Dinge‹ damit gemeint sind …«
»Fragen Sie nur. Mir ist so schnell nichts peinlich. Ihnen etwa?«
Es war lange her, dass ein Mann mit ihr geflirtet hatte. Und noch länger, dass sie sich auf den
Flirt eingelassen hatte. Es tat gut. Aber nur für ein paar Sekunden. Dann erinnerte sie sich, dass sie
sich einen Flirt nicht leisten konnte, ungeachtet, wie harmlos er war. Ihr Lächeln wurde
schwächer, versiegte dann ganz. Sie richtete sich auf und nahm ihre gewohnt professionelle
Haltung an. »Vergessen Sie Ihr Hemd nicht«, sagte sie knapp.
»Das können Sie wegwerfen.« Er machte einen Schritt vorwärts, stolperte jedoch sogleich mit
schmerzverzerrtem Gesicht zurück. »Verfluchte Scheiße.«
»Was ist?«
»Mein Knöchel. Muss ihn mir verstaucht haben, als ich … Sieht böse aus, fürchte ich.«
Sie kniete sich hin und schob vorsichtig sein rechtes Hosenbein hinauf. »Guter Gott! Warum
haben Sie mir nicht eher was gesagt?« Der Knöchel war geschwollen und verfärbt.
»Weil ich geblutet habe wie ein abgestochenes Schwein. Man muss schließlich Prioritäten
setzen. Es geht schon …« Er beugte sich hinunter, schob ihre tastenden Hände weg und zog das
Hosenbein wieder runter.
»Der Knöchel muss geröntgt werden. Er könnte gebrochen sein.«
»Ist er nicht.«
»Sie haben gar nicht die Qualifikation, das zu beurteilen.«
»Stimmt. Aber ich hatte schon genug gebrochene Knochen, um zu wissen, wann einer
gebrochen ist, und dieser ist es nicht.«
»Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, wenn …«
»Entspannen Sie sich, okay? Ich mache Sie für gar nichts verantwortlich.« Mit freiem
Oberkörper und barfuß humpelte er zu der Tür, durch die er auch gekommen war.
»Möchten Sie sich nicht die Hände waschen, bevor Sie gehen?«, bot sie ihm an.
Er sah auf das Blut herunter und schüttelte den Kopf. »Die waren schon schmutziger.«
Als Ärztin hatte Lara kein gutes Gefühl dabei, ihn einfach so gehen zu lassen. Aber er war
erwachsen und für sich selbst verantwortlich. Sie hatte für ihn getan, was er zugelassen hatte.
»Vergessen Sie nicht, die Antibiotika zu nehmen«, mahnte sie, während sie ihn mit der Schulter
unter der rechten Achsel stützte, als er hinaushumpelte. Ein Pick-up parkte vor dem
Hintereingang. Die Vorderreifen hatten ihr Petunienbeet nur um Zentimeter verfehlt.
»Haben Sie Krücken daheim?«
»Ich werde mir schon welche besorgen, wenn’s nötig ist.«
»Es wird nötig sein. Sie dürfen den Knöchel in den nächsten Tagen nicht belasten. Wenn Sie zu
Hause sind, packen Sie ihn in Eis, und legen Sie ihn hoch, sooft Sie können. Und denken Sie
daran, morgen um … «
»Halb fünf bei Ihnen. Ich werde da sein.«
Sie sah zu ihm auf. Er neigte den Kopf, um ihr in die Augen zu schauen. Ihre Blicke trafen sich.
Lara spürte die Hitze, die von seinem Körper ausging. Er war muskulös und durchtrainiert, und
sie war sicher, dass seine Verletzungen schnell heilen würden. Er war physisch betrachtet ein Bild
von einem Mann, was ihr trotz aller Professionalität nicht entgangen war.
Sein Blick wanderte über sie, ihr Haar, ihr Gesicht, ihren Mund. Mit tiefer, kehliger Stimme
sagte er: »Sie sehen verdammt noch mal einfach nicht wie die Ärzte aus, die ich bisher
kennengelernt habe.« Seine Hand glitt von der Schulter zur Hüfte. »Und Sie fühlen sich auch
nicht wie einer an.«
»Und wie fühlt sich ein Arzt normalerweise an?«
»Jedenfalls nicht so«, raunte er und drückte sanft zu.
Dann küsste er sie. Abrupt und unverschämt presste er seine Lippen auf ihre.
Lara keuchte vor Überraschung und befreite sich. Ihr Herz pochte, und ihr wurde ganz heiß.
Unzählige Möglichkeiten, wie sie reagieren könnte, schossen ihr durch den Kopf, doch sie
befand, es würde am besten sein, so zu tun, als wäre dieser Kuss nie passiert. Sich damit zu
beschäftigen würde ihm nur unangemessene Bedeutung zukommen lassen. Sie wäre gezwungen,
ihn zur Kenntnis zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen, was sie möglichst verhindern
wollte.
Und so sagte sie in bewusst unterkühltem Ton: »Soll ich Sie irgendwohin fahren?«
Er grinste von einem Ohr zum anderen, als hätte er ihren Versuch, die Fassung zu bewahren,
längst durchschaut. »Nein, danke«, antwortete er. »Mein Wagen hat Automatik. Das schaffe ich
mit einem Fuß.«
Sie nickte nur. »Sollte ich hören, dass heute Nacht ein Verbrechen begangen wurde, werde ich
Sheriff Baxter Meldung erstatten.«
Lachend, wenn auch mit schmerzverzerrtem Gesicht, kletterte er in den Pick-up. »Keine Sorge.
Sie haben nichts Ungesetzliches getan.« Er zeichnete mit dem Finger ein X auf die Brust. »Großes
Indianerehrenwort.« Der Motor sprang stotternd an. Er legte den Rückwärtsgang ein. »Bis bald,
Doc.«
»Geben Sie auf sich acht, Mr. …«
»Tackett«, rief er ihr durchs offene Fenster zu. »Aber Sie dürfen Key zu mir sagen.«
Alles in Lara kam zum Stillstand. Es schien, als würde ihr Herz, das vor wenigen Sekunden noch
gerast hatte, aufhören zu schlagen. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht, und ihr wurde schwindlig.
Wahrscheinlich war sie kreidebleich, doch es war zu dunkel, als dass er es bemerken konnte, als er
den Pick-up rückwärts aus der Einfahrt lenkte. Er hupte zweimal, tippte sich mit den
Fingerspitzen salutierend an die Stirn und verschwand holpernd in die Dunkelheit.
Lara sackte auf den kühlen Betonstufen zusammen, die mit Tropfen getrockneten Blutes
gesprenkelt waren. Sie barg das Gesicht in ihren zitternden, feuchten Händen. Die Nacht war
warm und mild, dennoch schauderte sie unter ihrem weiten weißen Hemd. Auf ihren nackten
Beinen bildete sich Gänsehaut. Ihr Mund war trocken.
Key Tackett. Clarks jüngerer Bruder. Er war also zurück. Dies war der Tag, auf den sie gewartet
hatte. Key war unabdingbar für den Plan, den sie seit einem Jahr entwickelt und vorbereitet hatte.
Jetzt war er da. Sie musste ihn irgendwie dazu kriegen, ihr zu helfen. Aber wie?
Sie – Dr. Lara Mallory – war doch der letzte Mensch, dem Key Tackett begegnen wollte.
Kapitel 2

Wie jeden Morgen erhob sich Janellen Tackett beim ersten Schrillen des Weckers aus ihrem
schmalen Bett. Die Armaturen an der Badewanne quietschten, und die Heißwasserrohre, die die
Wände des Hauses durchzogen, klopften laut. Doch die Geräusche waren ihr so vertraut, dass sie
sie nicht einmal mehr wahrnahm.
Janellen hatte die ganzen dreiunddreißig Jahre ihres Lebens hier verbracht und konnte sich nicht
vorstellen, irgendwo anders zu wohnen, und hatte das auch nie gewollt. Ihr Daddy hatte das Haus
vor mehr als vierzig Jahren für seine Braut gebaut, und obwohl es über die Jahrzehnte immer
wieder renoviert und modernisiert worden war, waren die unauslöschlichen Narben geblieben,
die sie und ihre Brüder in den Wänden und auf dem Parkett hinterlassen hatten. Diese kleinen
Mängel unterstrichen jedoch lediglich den Charakter des Hauses wie Lachfältchen das Gesicht
einer Frau.
Für Clark und Key war es nie mehr als eine Bleibe gewesen. Janellen jedoch betrachtete es als
wichtigen Teil der Familie, ebenso wichtig für ihr Leben wie ihre Eltern selbst. Mit der
Aufmerksamkeit einer Liebhaberin fürs Detail hatte sie das Haus viele Male erforscht, so dass sie
vom Keller bis zum Boden jeden Winkel kannte. Es war ihr genauso vertraut wie ihr eigener
Körper. Vielleicht sogar mehr. Sie verschwendete nie viele Gedanken auf ihren Körper oder über
ihr Dasein, verharrte niemals, um über ihr Leben nachzudenken oder zu überlegen, ob sie
glücklich war. Sie akzeptierte die Dinge, wie sie waren.
Nach dem Duschen machte sie sich für die Arbeit zurecht. Sie entschied sich für einen
Khakirock und eine schlichte Baumwollbluse. Ihre Strümpfe waren hautfarben und die Schuhe
eher bequem als modisch. Das dunkle Haar fasste sie zu einem praktischen Pferdeschwanz
zusammen. Ihr einziger Schmuck war eine einfache Armbanduhr. Sie legte kaum Make-up auf –
nur ein wenig Mascara auf die Wimpern, ein Hauch Rouge auf die Wangen, ein Tupfer rosa
Lipgloss, und schon war sie bereit, den Tag zu begrüßen.
Die Sonne ging gerade auf, als sie die dunkle Treppe hinunterstieg, durch den Korridor ging
und die Küche betrat, wo sie die Deckenbeleuchtung einschaltete, die alle Ecken und Winkel mit
dem blauweißen Licht eines Operationssaals ausleuchtete. Janellen hasste das kalte, aufdringliche
Licht, das die sonst so gemütliche Küche ungastlich machte.
Aber Jody mochte es so.
Wie gewohnt, fast mechanisch, brühte sie Kaffee auf. Seit die letzte Haushälterin gegangen war,
vollführte sie dieses morgendliche Ritual wie eine religiöse Handlung. Mit fünfzehn hatte Janellen
erklärt, sie bräuchte keinen Babysitter mehr, könne sich selbst fertigmachen für die Schule und
ihrer Mutter das Frühstück zubereiten.
Maydale, ihre derzeitige Hilfe im Haushalt, arbeitete nur fünf Stunden am Tag. Sie war
zuständig für die grobe Hausarbeit, die Wäsche und das Vorbereiten des Essens. Um alles Übrige
kümmerte sich Janellen selbst, neben ihren Aufgaben bei der Tackett Oil & Gas Company.
Sie schaute im Kühlschrank nach, ob ein Krug mit frischem Orangensaft bereitstand, und füllte
ein Kännchen mit Büchsenmilch. Jody durfte ihren Kaffee gar nicht mit Sahne trinken, wegen des
Fettgehaltes, doch sie bestand darauf. Und Jody bekam immer ihren Willen.
Während die Kaffeemaschine geräuschvoll gurgelte, ließ Janellen eine Gießkanne mit
destilliertem Wasser volllaufen und ging damit zur geschützten rückwärtigen Veranda, um den
Farn und die Begonien zu wässern.
In diesem Augenblick bemerkte sie den Pick-up. Sie erkannte den Wagen nicht, aber er stand
auf diesem ganz besonderen Platz nahe der Hintertür, dort, wo sonst Key immer …
Ihre Miene hellte sich auf, und fast hätte sie den Inhalt der Gießkanne verschüttet, als sie diese
wieder auf die Anrichte stellte. Sie lief aus der Küche, über den Flur, umfasste im Laufen den
Pfeiler, schwang sich wie die Kinder daran herum und hastete die Stufen hinauf. Oben lief sie zur
letzten Tür rechts, klopfte kurz und stürmte ins Zimmer.
»Key!«
»Was ist?«
Er fuhr sich mit der Hand durchs zerzauste Haar, hob den Kopf vom Kissen und blinzelte sie an.
Dann stöhnte er, hielt sich die Seite und ließ sich wieder zurücksinken. »Meine Güte! Hast du
mich erschreckt! Tu das bloß nie wieder. Ein Beduine hat das mal bei mir gemacht, und ich hätte
ihn um ein Haar erstochen, bevor ich erkannte, dass er auf unserer Seite war.«
Sie schenkte seiner Mahnung keinerlei Beachtung, sondern warf sich auf das Bett und an seine
breite Brust. »Key! Du bist zu Hause! Wann bist du angekommen? Warum hast du uns nicht
geweckt? Ach, du bist wieder da! Danke, danke, danke, dass du gekommen bist!« Sie schlang ihm
die Arme fest um den Hals und drückte ihm Küsse auf Stirn und Wangen.
»Schon gut, ist ja gut, ich hab’s kapiert – du freust dich, dass ich da bin«, grummelte er, ihre
Küsse abwehrend. Doch als er schließlich in eine sitzende Position hochkam, lächelte er. »Na,
kleine Schwester?!« Er musterte sie aus blutunterlaufenen Augen. »Lass mal sehen. Noch keine
grauen Haare. Deine Zähne hast du auch fast alle noch und höchstens vier, fünf Pfund zugelegt.
Alles in allem muss man sich nicht für dich schämen.«
»Ich habe kein Gramm zugenommen, das möchte ich doch mal klarstellen. Und ich sehe wie
immer aus, völlig unscheinbar.« Ohne Koketterie fügte sie hinzu: »Du und Clark, ihr beiden habt
das gute Aussehen der Familie geerbt, schon vergessen? Ich bin die fade Jane. Oder Janellen, in
diesem Fall.«
»Wieso musst du mir gleich den Tag vermiesen?«, fragte er. »Wieso sagst du so etwas?«
»Weil es stimmt.« Sie zuckte leicht mit den Achseln, als hätte es wenig oder gar keine Bedeutung
für sie. »Komm, lass uns nicht über mich quatschen. Du musst mir alles erzählen – wo kommst du
her, und wann bist du heimgekommen?«
»Deine Nachricht hat mich über die Londoner Nummer erreicht, die ich dir gegeben hatte«,
sagte er mit einem breiten Gähnen. »War gerade in Saudi-Arabien. Bin drei, vier Tage unterwegs
gewesen. Schwer zu sagen, wenn man so viele Zeitzonen durchquert. Gestern bin ich in Houston
angekommen und habe den Firmenflieger abgeliefert. Irgendwann nachts war ich dann in Eden
Pass.«
»Warum hast du uns nicht geweckt? Wem gehört der Truck da draußen? Wie lange kannst du
bleiben?«
Er strich sich das Haar zurück und stöhnte dabei, als würde jedes einzelne Follikel schmerzen.
»Eine Frage nach der anderen, wenn ich bitten darf. Ich habe euch nicht geweckt, weil es schon
spät war und es keinen Grund gab. Den Pick-up hat mir ein Kumpel in Houston ausgeliehen, der
in ein paar Tagen eine Maschine nach Longview fliegen muss. Er holt ihn dann ab und fährt
damit zurück. Und … was war die letzte Frage?«
»Wie lange kannst du bleiben?« Sie faltete die Hände unter dem Kinn und sah dabei aus wie ein
kleines Mädchen beim Gutenachtgebet. »Sag bitte nicht ›ein paar Tage‹ oder ›eine Woche‹. Sag,
dass du ganz lange bleibst.«
Er nahm ihre gefalteten Hände in seine. »Der Vertrag, den ich mit dem Ausrüster in Saudi-
Arabien hatte, war sowieso fast ausgelaufen. Momentan steht nichts Besonderes auf dem Plan. Ich
habe meinen Abreisetermin offengelassen. Mal sehen, was kommt. Zufrieden?«
»Zufrieden. Danke, Key.« Tränen schimmerten in ihren hellblauen Augen. Was dieses
Familienerbe betraf, war sie nicht übergangen worden. »Ich belaste dich nur ungern mit unseren
Problemen hier, aber …«
»Es ist keine Belastung.«
»Nun, ich hatte aber das Gefühl. Jedenfalls hätte ich dich nicht gebeten herzukommen, wenn ich
nicht denken würde, dass deine Anwesenheit die Situation … verbessert.«
»Was ist hier los, Janellen?«
»Es ist Mama, Key. Sie ist krank.«
»Wieder der Blutdruck?«
»Nicht nur, schlimmer.« Janellen rang die Hände. »Ihr Gedächtnis lässt nach, sie hat echte
Lücken. Nicht für lange. Zuerst ist es mir gar nicht aufgefallen. Dann hat Maydale erwähnt, dass
Mama öfter Dinge verliert oder verlegt und ihr dann vorwirft, sie hätte sie gestohlen. Und sie
fängt plötzlich mitten im Gespräch mit Sachen an, über die wir gerade gesprochen haben.«
»Sie wird alt, Janellen. Wahrscheinlich sind das nichts weiter als erste Anzeichen von Senilität.«
»Vielleicht. Aber das glaube ich nicht. Ich fürchte, es ist mehr als nur das Alter. Es gibt Tage, da
sehe ich ihr an, wie schlecht es ihr geht, obwohl sie alles tut, um es zu kaschieren.«
»Was sagt der Arzt?«
»Sie weigert sich, zu einem zu gehen«, schnaubte Janellen frustriert. »Dr. Patton hat ihr ein
Mittel gegen den hohen Blutdruck verschrieben, aber das ist schon über ein Jahr her. Sie hat den
Apotheker gezwungen, das Rezept immer wieder zu erneuern, sagt, mehr bräuchte sie nicht. Sie
hört nicht auf mich, wenn ich ihr sage, dass sie zum Arzt muss.«
Er lächelte trocken. »Klingt ganz nach unserer Jody. Sie weiß es mal wieder besser als alle
anderen.«
»Bitte, Key, sei nicht so streng mit ihr. Hilf ihr. Hilf mir.«
Er knuffte sie sanft am Kinn und sagte: »Du hast dich schon viel zu lange ganz allein um alles
kümmern müssen. Wird Zeit, dass ich dir was abnehme.« Seine Lippen wurden schmal. »Wenn
ich kann.«
»Du kannst. Dieses Mal wird es anders sein zwischen dir und Mama.«
Er murrte skeptisch, schlug das Laken zurück und schwang die Füße über die Bettkante. »Gib
mir doch bitte mal die Jeans.«
Janellen wollte sich gerade umdrehen, um die Jeans, die zusammengeknüllt auf dem Sessel lag,
zu nehmen, als sie den Verband um seine Hüfte bemerkte. »Was hast du gemacht?!«, rief sie. »O
Gott, und der Knöchel!«
Er untersuchte gelassen den geschwollenen Fuß. »Meine Ankunft fiel ein bisschen grob aus,
schätze ich.«
»Wobei hast du dich verletzt? Ist es ernst?«
»Nein. Die Jeans, bitte.«
Er saß noch immer auf der Bettkante und streckte seinen Arm aus. Janellen sah die sture Pose
seines stoppeligen Kinns und reichte ihm die Hose. Dann kniete sie sich hin, um ihm zu helfen,
die Füße durch die Hosenbeine zu bekommen.
»Dein Knöchel ist auf die doppelte Größe angeschwollen«, murmelte sie besorgt. »Kannst du
überhaupt drauf stehen?«
»Mein Arzt hat gesagt, das sollte ich lieber nicht tun«, erwiderte er trocken. »Hilf mir mal.«
Sie stützte ihn, als er, das ganze Gewicht auf den linken Fuß verlagernd, aufstand, um die Hose
über die Oberschenkel und Hüfte zu ziehen. Während er den Hosenschlitz zuknöpfte, schenkte
er ihr ein freches Grinsen, das jeglichen Versuch der Aufrechterhaltung von Tugendhaftigkeit
schon im Keim erstickt hätte.
Janellen wagte gar nicht daran zu denken, wie viele Frauen dem Charme ihrer Brüder –
besonders Keys – erlegen sein mochten. Sie hatte immer davon geträumt, eine ganze Horde von
Neffen und Nichten verwöhnen zu dürfen, doch der Traum war nie in Erfüllung gegangen. Key
mochte Frauen, und zwar sehr viele von ihnen. Sie sah kein Indiz dafür, dass er an Heirat dachte.
»Du stellst dich ziemlich geschickt an, einem Mann in seine Hose zu helfen«, bemerkte er
neckend. »Wohl geübt in letzter Zeit, hmm? Hoffe ich zumindest«, fügte er noch an.
»Schhh!«
»Sag doch mal?«
»Nein!« Sie spürte, wie sie errötete. Key hatte es schon immer geschafft, sie verlegen zu machen.
»Wieso nicht?«
»Weil ich nicht daran interessiert bin, deshalb«, antwortete sie hochmütig. »Na ja, und bisher ist
auch noch keiner bei meinem berauschenden Anblick in Ohnmacht gefallen.«
»An deinem Anblick ist absolut nichts auszusetzen.«
»Aber er ist auch nicht gerade umwerfend.«
»Aber nur, weil du dir in deinen sturen Schädel gesetzt hast, dass du die fade Jane bist, und dich
entsprechend zurechtmachst. Du bist so …«, verächtlich deutete er auf ihre sittsame Bluse, »…
schrecklich zugeknöpft.«
»Zugeknöpft?«
»Ja. Was dir fehlt, ist Lockerheit. Mach ein paar Knöpfe mehr auf. Werde locker,
Schwesterchen.«
Sie tat, als sei sie entrüstet. »Ich als alte Jungfer verbitte mir derart geschmacklose Sprüche.«
»Alte Jungfer! Wer zum Teufel …? Jetzt hör mir mal zu, Janellen.« Er tippte ihr mit dem
Zeigefinger auf die Nasenspitze. »Du bist nicht alt!«
»Ich bin aber auch kein junger Hüpfer mehr.«
»Du bist zwei Jahre jünger als ich. Das macht vierunddreißig.«
»Noch nicht ganz.«
»Eben, dreiunddreißig sogar erst. Also noch lange keine alte Schachtel. Gott, heutzutage kriegen
die meisten Bräute doch erst mit vierzig ihre Kinder.«
»Diejenigen, auf die das tatsächlich zutrifft, würden es sicher nicht schätzen, ›Bräute‹ genannt zu
werden.«
»Du hast mich schon ganz gut verstanden. Du hast ja noch nicht mal deine sexuelle Höchstform
erreicht.«
»Key, bitte.«
»Und der einzige Grund, warum du dich als ›Jungfer‹ bezeichnen dürftest, wäre der, wenn du es
…«
»Ich habe es noch nicht getan.«
»Umso schlimmer … Weil du so zugeknöpft bist und vor jedem Typen davonrennst, der dir ans
Höschen will.«
Janellen, entsetzt über seine Unverfrorenheit, starrte ihn sprachlos an. Bei der Arbeit war sie acht
Stunden am Tag, fünf Tage die Woche von Männern umgeben, manchmal sogar an den
Wochenenden. Und natürlich war deren Ausdrucksweise derb und unverblümt, doch sobald Miss
Janellen in Hörweite war, rissen sie sich zusammen. Wenn ihre Angestellten mit ihr sprachen,
legten sie die Worte auf die Goldwaage.
Und Jody würde sowieso jeden auf der Stelle erschießen, der in ihrer oder in der Gegenwart
ihrer Tochter vulgäre Ausdrücke benutzte. Paradoxerweise bediente sich Jody allerdings selbst
eines ausgiebigen Wortschatzes an Obszönitäten und Blasphemien – eine Ironie, die ihr selber
jedoch nicht auffiel.
Die Tatsache, dass sie offensichtlich eine derartige Empfindlichkeit gegen ungehöriges und allzu
lässiges Benehmen entwickelt hatte, missfiel Janellen allerdings selbst. Tatsächlich empfand sie
diese Charaktereigenschaft eher als Belastung. Es ließ sie fühlen, dass sie anders war, und bewies,
dass sie für Männer in keiner Weise, nicht einmal auf freundschaftlicher Basis, attraktiv war. Sie
konnte nicht mal ein Kumpel sein, obwohl sie mit zwei älteren Brüdern hatte aufwachsen
müssen.
Sie war von Keys Ausdrucksweise weniger geschockt als vielmehr verblüfft. In gewisser Weise
betrachtete sie es als Kompliment, was Key natürlich nicht ahnen konnte.
»Ach, verdammt«, murmelte er reumütig, während er ihr über die Wange strich. »Es tut mir
leid. Ich wollte das nicht sagen. Es ist mir nur so rausgerutscht, weil du so streng mit dir selbst
bist. Tau mal auf, gönn dir was. Himmel noch mal. Nimm dir ein Jahr frei, und fahr nach Europa.
Mach einen drauf! Sei frecher! Riskier was Skandalöses! Erweitere deinen Horizont. Das Leben ist
zu kurz, um so ernst genommen zu werden. Du verpasst ja das Beste.«
Sie lächelte, nahm seine Hand und küsste den Handrücken. »Entschuldigung angenommen. Ich
weiß, dass du mich nicht beleidigen oder meine Gefühle verletzen wolltest. Aber du hast unrecht,
Key. Ich verpasse gar nichts. Mein Leben ist hier, und ich bin zufrieden damit. Ich bin so
beschäftigt, dass ich gar nicht die Zeit für Interessen romantischer oder sonstiger Natur finde.
Unbestritten, mein Leben ist lange nicht so aufregend wie deines, aber ich will es auch nicht
anders haben. Du bist der Globetrotter. Ich bin das Heimchen und absolut ungeeignet für
skandalöse oder drastische Dinge.« Sie legte ihm die Hand auf den Unterarm. »Ich will mich nicht
mit dir streiten, wo du den ersten Tag hier bist seit Clarks …« Sie brachte es nicht über sich, den
Satz zu beenden, und nahm die Hand von seinem Arm. »Lass uns jetzt nach unten gehen. Der
Kaffee müsste fertig sein.«
»Prima. Ich könnte ein oder zwei Tässchen gebrauchen, ehe ich der alten Dame gegenübertrete.
Um welche Uhrzeit steht sie für gewöhnlich auf?«
»Die alte Dame ist bereits aufgestanden.«
In der Tür stand ihre Mutter. Jody Tackett.
Bowie Cato kam zu sich, als ihn eine Stiefelspitze unsanft in die Rippen trat. »He du, aufwachen.«
Bowie schlug die Augen auf und rollte sich auf den Rücken. Er brauchte mehrere Sekunden, bis
ihm wieder einfiel, dass er im Lager der Palme schlief, der lautesten, wildesten, verrufensten
Kneipe inmitten einer ganzen Reihe von lauten, wilden, verrufenen Kneipen zu beiden Seiten
des zweispurigen Highways am äußeren Stadtrand von Eden Pass.
Als erst kürzlich eingestellter Hausmeister begann seine Schicht meist erst nach zwei Uhr
morgens, wenn die Kneipe dichtmachte, jedenfalls an den ruhigen Tagen. Zusätzlich zu den
lumpigen Kröten, die er hier verdiente, hatte ihm der Besitzer erlaubt, seinen Schlafsack im
Lagerraum auszurollen.
»Was ist los?«, fragte er benommen. Er konnte noch nicht länger als zwei, drei Stunden
geschlafen haben.
»Hoch mit dir.« Wieder die Stiefelspitze, diesmal eher als Aufforderung. Sein erster Impuls war,
den nervenden Stiefel zu packen, umzudrehen und den Störenfried auf die Bretter zu schicken.
Aber wegen eines solchen Impulses hatte Bowie die letzten drei Jahre im Staatsgefängnis absitzen
müssen, und er war nicht gerade scharf drauf, für weitere drei dort zu landen.
Wortlos setzte er sich auf und schüttelte den brummenden Schädel. Dann blinzelte er in das
Sonnenlicht, das durchs Fenster hereinfiel, und sah die Silhouetten zweier Männer über sich
ragen.
»Tut mir leid, Bowie«, meinte Hap Hollister, der Eigentümer der Kneipe. »Ich habe Gus schon
gesagt, dass du die ganze Nacht hier warst seit gestern Abend sieben Uhr. Aber er meinte, er
müsste dich trotzdem sprechen, weil du ein Exknacki bist. Er und der Sheriff haben sich wegen
letzter Nacht umgehört, und bisher bist du der einzige Verdächtige in der Stadt.«
»Das bezweifle ich«, murmelte Bowie in sich hinein und kam dabei langsam auf die Beine.
»Schon gut, Hap.« Er schenkte seinem neuen Arbeitgeber ein grimmiges Lächeln und wandte sich
dann dem kahlköpfigen, aufgedunsenen, massigen Hilfssheriff zu. »Worum geht’s?«
»Worum es geht?« Der Hilfssheriff klang gereizt. »Mrs. Darcy Winston ist letzte Nacht beinahe
in ihrem eigenen Bett vergewaltigt und ermordet worden! Darum geht’s.« Dann gab er ihnen die
Einzelheiten des versuchten Einbruchs bekannt.
»Es tut mir wirklich leid, das zu hören.« Bowies Blick wanderte zwischen dem uniformierten
Hilfssheriff und Hap hin und her, doch sie starrten nur wortlos zurück. Er zuckte kurz und
fragend mit den Schultern. »Wer ist überhaupt diese Mrs. Darcy Winston?«
»Als ob du das nicht sehr genau wüsstest«, schnaubte der Hilfssheriff.
»Ich weiß es wirklich nicht.«
»Du hast dich gestern Abend mir ihr, äh, unterhalten, Bowie«, sagte Hap verlegen. »Sie war
während deiner Schicht hier. Rote Haare, große Möpse, hatte so ’ne enganliegende Kniehose an.
Jede Menge Klunker.«
»Oh.« Er erinnerte sich zwar nicht mehr an die Klunker, aber sehr wohl an diese Titten, und er
vermutete, dass es Mrs. Darcy genau darauf auch angelegt hatte. Wie Zitronenbrause hatte sie die
Margaritas gekippt und hatte jeden männlichen Gast angemacht, einschließlich ihm, einem
einfachen Kerl, der hier angestellt war, um aufzuräumen und sauberzumachen.
»Ich hab mit ihr geredet«, sagte er in Richtung des Hilfssheriffs. »Aber wir haben uns nicht mal
bekannt gemacht.«
»Sie hat jeden hier angequatscht, Gus«, unterbrach Hap.
»Aber er ist der Einzige mit ’nem Strafregister. Der Einzige auf Bewährung.«
Bowie verlagerte das Gewicht, um seine angespannten Muskeln ein wenig zu lockern. Verflucht,
er konnte förmlich riechen, wie da in vollem Galopp mächtiger Ärger auf ihn zukam. Er hoffte
zwar, dem noch aus dem Weg gehen zu können, aber die Umstände sprachen dagegen.
Mit diesem Zweihundertpfundkerl von Sheriff war nicht zu spaßen. Bowie hatte es in seinem
Leben schon mit zu vielen von seiner Sorte zu tun gehabt, um das nicht gleich zu erkennen. Ihm
waren große Massige und kleine Drahtige über den Weg gelaufen. Die Größe oder Stärke eines
Mannes hatte damit nichts zu tun. Das, was sie alle gemeinsam hatten, war dieser bestimmte
Ausdruck in den Augen, der besagte, dass ihr Motto lautete: Schlechtes wird mit Schlechtem
vergolten.
Zum ersten Mal begegnet war ihm das bei seinem Stiefvater, diesem versoffenen Hurensohn,
den seine verwitwete Mutter aus lauter Verzweiflung geheiratet hatte und der sich daran hochzog,
wenn er ihn – Bowie – verprügelte. Später erkannte er es im Sportlehrer wieder, dem nichts
mehr Spaß bereitete, als unsportliche Kinder bloßzustellen.
Mit seiner Auflehnung gegen den Stiefvater und der Verteidigung der bemitleidenswerten
Kinder gegen den Sportlehrer hatte der ganze Ärger angefangen, der Bowie schon als
Jugendlicher hinter Gittern gebracht hatte. Da er nur langsam lernte, brachte er es bis ins
Staatsgefängnis.
Doch das hier ging ihn nichts an. Er kannte Darcy Winston nicht mal, und es scherte ihn nicht
im Mindesten, dass jemand versucht hatte, sie sich zu schnappen. Also sagte er sich, dass es das
Beste wäre, einen kühlen Kopf zu bewahren. »Ich war die ganze Nacht hier in der Palme, wie
Hap Ihnen schon gesagt hat.«
Der Hilfssheriff musterte ihn. »Zieh die Klamotten aus.«
»Bitte?«
»Bist du taub? Runter mit den Klamotten.«
»Gus«, fiel Hap ein. »Muss das wirklich sein? Dieser Junge hier …«
»Halt dich da raus, Hap«, raunzte der Deputy. »Lass mich meine Arbeit machen, ja? Mrs.
Winston hat den Einbrecher angeschossen. Wir wissen, dass sie getroffen hat, weil auf ihrem
Balkon und am Pool Blut war. Der Kerl hat ’ne richtige Spur hinterlassen, als er sich durchs
Gebüsch davongemacht hat.« Er zog das Pistolenhalfter hoch, das unter seinem überlappenden
Bierbauch eingeklemmt war. »Wollen doch mal sehen, ob du irgendwo ’ne Schussverletzung hast.
Also, raus aus den Klamotten, Knastvogel.«
Bowies Geduld war am Ende. »Fick dich doch selbst.«
Der Hilfssheriff lief krebsrot an. Seine Schweinsaugen verschwanden fast in den Falten seiner
feisten Wangen.
Das sollte er ihm büßen …
Mit einem animalischen Grunzen langte der Deputy nach Bowie. Doch der wich ihm aus. Der
Sheriff holte aus, und Bowie duckte sich abermals. Hap Hollister drängte sich zwischen sie. »Hey,
ihr zwei! Ich will hier keinen Ärger! Und ihr bestimmt auch nicht.«
»Ich werde diesem kleinen Schwanzlutscher jeden einzelnen Knochen im Leib brechen!«
»Nein, wirst du nicht, Gus.« Gus wehrte sich dagegen, dass Hollister ihm die Arme festhielt, aber
Hollister, der sich oft genug gegen betrunkene Gäste zur Wehr setzen musste, war nicht gerade
ein Schwächling. Mit dem Hilfssheriff wurde er fertig. »Sheriff Baxter würde dir den Arsch
aufreißen, wenn du dich an einem Verdächtigen vergreifst.«
»Ich bin kein Verdächtiger!«, schnaubte Bowie.
Gus noch immer festhaltend, warf Hap Hollister Bowie einen Blick über die fleischige Schulter
des Deputys zu. »Reiß dein Maul bloß nicht so weit auf, Kleiner. Das ist dämlich. Und jetzt
entschuldige dich.«
»Den Teufel werd ich tun!«
»Mach schon!«, dröhnte Hap. »Zwing mich nicht zu bereuen, dass ich mich für dich eingesetzt
habe!«
Während der Hilfssheriff vor Wut schäumte, fochten Bowie und Hap ein Blickduell aus. Bowie
überlegte fieberhaft. Wenn er seinen Job verlor, würde ihm der Bewährungshelfer auf den Fersen
sein. Es war ein lausiger Job, der zu nichts führte, aber es war eben eine Erwerbstätigkeit, die
seinen Willen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft bewies.
Er würde auf keinen Fall nach Huntsville zurückgehen. Selbst wenn er dafür diesem fetten
Schwanzgesicht mit dem Schildchen auf der Brust den Arsch küssen müsste.
»Ich entschuldige mich.« Sicherheitshalber knöpfte er das Hemd auf und zeigte dem Sheriff die
blanke Brust. »Keine Schussverletzung. Ich war die ganze Nacht hier.«
»Und dafür gibt es mindestens ein Dutzend Zeugen, Gus«, sagte Hap. »Irgendjemand anderes ist
letzte Nacht in Mrs. Darcy Winstons Haus eingebrochen. Bowie kann es nicht gewesen sein.«
Doch Gus wollte so leicht nicht zurückstecken, obwohl es offensichtlich war, dass er den
falschen Mann hatte. »Schon komisch, dieser Knastvogel kommt in die Stadt, und schon kriegen
wir die erste Meldung über ein ernsthaftes Vergehen seit Jahren auf den Tisch.«
»Zufall«, meinte Hap.
»So wird’s wohl sein«, murmelte der Deputy, wobei er nicht aufhörte, Bowie misstrauisch zu
beäugen.
Hap versuchte, ihn mit dem neuesten Klatsch abzulenken. Ȇbrigens, rate mal, wer gestern
Nacht eingeflogen ist – Key Tackett.«
»Ist nicht wahr?!«
Haps Ablenkungsmanöver hatte funktioniert. Der Deputy gab seine angestrengte Haltung auf,
entspannte sich, stützte den Ellenbogen auf ein Regal und vergaß für einen Moment Bowie und
den Grund seiner Anwesenheit in der Spelunke. Bowie wollte einfach nur wieder in seinen
Schlafsack krabbeln und noch ein paar Stunden ausruhen. Er gähnte.
Der Hilfssheriff fragte: »Und, wie sieht der alte Key aus? Hat er endlich ein paar Pfund
zugelegt?« Lachend schlug er sich selbstgefällig auf den feisten Bauch.
»Quatsch. Hat sich kein Stück verändert seit seinem letzten Jahr auf der Highschool, als er die
Schulmannschaft bis in die Endausscheidung katapultiert hat. Groß, schlank und dunkel wie der
Teufel selbst. Und mit diesen blauen Augen spießt er immer noch jeden auf. Auch noch derselbe
kleine Klugscheißer wie früher. Das erste Mal, dass er wieder hier ist, seit sie seinen Bruder
beerdigt haben.«
Bowie horchte auf. Er erinnerte sich an den Mann, von dem die Rede war. Tackett war die
Sorte Mann, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt – bei Männern wie bei Frauen. Die
Männer wollten so sein wie er. Und dieser Key hatte kaum auf dem Barhocker Platz genommen,
als Mrs. Wie-war-gleich-ihr-Name mit dem roten Haar und den großen Titten sich an ihn
ranschmiss. Über eine halbe Stunde hatten sich die beiden mehr als angeregt unterhalten. Und
Tackett war nur wenige Minuten nach ihrem aufreizenden Abgang verschwunden.
Interessanter Zufall? Bowie schnaubte innerlich. Er glaubte nicht an Zufälle. Aber sie könnten
ihm die Zunge abschneiden und sie einem Kojoten vorwerfen, kein Sterbenswort würde er dem
Hilfssheriff davon sagen.
»Tja, Clarks Tod. War ein harter Schlag für die alte Jody«, sagte Gus.
»Ja.«
»Seitdem ist sie nicht mehr dieselbe.«
»Und zu allem Überfluss muss diese Ärztin jetzt auch noch in die Stadt ziehen und das Ganze
wieder aufrühren.«
Der Deputy starrte einen Moment ins Leere und schüttelte dann mitleidig den Kopf. »Was hat
die nur geritten, hier in Eden Pass aufzutauchen, nach dem, was zwischen ihr und Clark Tackett
war? Ich sag dir, Hap, die Leute heutzutage haben keinen Anstand mehr. Die scheren sich nur
noch um ihren eigenen Arsch.«
»Da hast du recht, Gus«, seufzte Hap und schlug dem Deputy auf die Schulter. »Hör mal, wenn
du nachher Schluss hast, komm doch auf ein Bier vorbei. Geht auf Rechnung des Hauses.« Bowie
war von Haps geschickter Diplomatie beeindruckt, als dieser den Deputy aus dem Lagerraum und
durch die verlassene Bar zum Ausgang bugsierte, über den schlechten Zustand der Welt
philosophierend.
Bowie legte sich wieder in den Schlafsack, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte
an die Decke. Spinnennetze formten einen interessanten Teppich zwischen den blanken Balken.
Ein emsiges Tier vervollständigte ihn, während er zusah.
Kurz darauf kam Hap zurück. Er ließ sich auf einer Kiste Beefeaters nieder und steckte sich eine
Zigarette an. Dann bot er Bowie ebenfalls eine an, der sich mit einem Tippen an den Kopf
bedankte, während Hap sie für ihn entzündete. Sie rauchten schweigend in bestem
Einvernehmen. Schließlich sagte Hap: »Solltest dich wohl besser nach einem neuen Job
umsehen.«
Bowie kam auf die Ellenbogen hoch. Es überraschte ihn nicht, aber er wollte die Neuigkeit
auch nicht einfach so einstecken. »Du schmeißt mich raus, Hap?«
»Nicht sofort, nein.«
»Ich hatte nichts mit der Schlampe am Hut!«
»Das weiß ich.«
»Wieso wird es mir dann zugeschoben? Wer ist die Tante überhaupt? So wie ihr über die
geredet habt, könnte man ja meinen, die ist die Königin von Saba!«
Hap kicherte. »Für ihren Mann ist sie das ganz sicher. Fergus Winston ist der Superintendent für
unser Schulsystem. Außerdem gehört ihm ein Motel am anderen Ende der Stadt, mit dem er kein
schlechtes Geschäft macht. Er ist gute zwanzig Jahre älter als Darcy. Hässlich wie ’ne Krähe und
nicht besonders pfiffig. Man sagt, sie hätte ihn nur wegen des Geldes geheiratet. Wer weiß das
schon?« Er zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß nur, dass Darcy auf die Pirsch geht, sobald sie den guten Fergus abschütteln kann.
Geiles kleines Stück, immer scharf«, fügte er ohne Boshaftigkeit an. »Hatte selbst ein-, zweimal
meinen Spaß mit ihr. Schon lange her, als wir noch Kids waren.« Er deutete mit der Glut seiner
Zigarette auf Bowie. »Wenn das gestern ein Einbrecher war, dann hat sie ihn wahrscheinlich
angeschossen, weil er sie nicht vergewaltigt hat.«
Bowie fiel in sein Lachen ein, aber nur kurz. »Warum feuerst du mich, Hap?«
»Weil es besser für dich ist.«
»Solange ich nicht selber ausschenke, hat mein Bewährungshelfer gesagt, kann ich … «
»Darum geht’s nicht. Du tust die Arbeit, für die ich dich angeheuert habe.« Er musterte Bowie
mit müden Augen. »Ich führe einen ziemlich sauberen Laden. Trotzdem kann ich nichts gegen
das Gesocks tun, das abends durch die Tür marschiert. Hier kann alles passieren, und manchmal
tut es das auch. Nimm meinen Rat an, und such dir ’ne Arbeit, bei der du nicht so schnell in
Ärger verwickelt werden kannst. Kapiert?«
Bowie hatte kapiert. Es war die Geschichte seines Lebens. Er schien den Ärger anzuziehen, egal
was er tat oder nicht tat; und ein ehrlicher, hart schuftender Bursche wie Hap Hollister konnte
einen geborenen Unruhestifter wie ihn nicht in seiner Bar gebrauchen. Resigniert sagte Bowie:
»Die Bosse reißen sich nicht gerade um einen Exknacki. Gibst du mir ein paar Tage?«
Hap nickte. »Du kannst bleiben, bis du was Neues gefunden hast. Nimm meinen Pick-up, wenn
du wohin fahren musst.« Hap klemmte die Zigarette in den Mundwinkel und stand auf. »Okay,
muss mich noch um ein paar Rechnungen kümmern. Bleib ruhig noch liegen. War ’ne kurze
Nacht für dich.«
Als er allein war, legte sich Bowie wieder hin, obwohl er wusste, dass er kein Auge mehr zutun
würde. Er hatte von Anfang an gewusst, dass der Job in der Palme nichts Dauerhaftes war, aber
immerhin hatte er ein Dach über dem Kopf gehabt. Er hatte gedacht – gehofft –, hier eine Weile
Zuflucht zu finden, wie in einer Art Mittelding zwischen dem Gefängnis und der Welt dort
draußen. Aber nein. Dank einer Braut, die er nicht mal kannte, und einem verdammten
Hurensohn, der unbedingt bei ihr einsteigen musste, war er wieder ganz unten, bei null.
Wo er schon sein ganzes Leben lang steckte.
Kapitel 3

Jody Tackett und ihr Sohn starrten einander an. Zwischen ihnen war mehr als nur eine räumliche
Distanz – es war eine Distanz, die sie in sechsunddreißig Jahren nie überbrückt hatten, und Key
bezweifelte, dass dies jemals geschehen würde.
Er lächelte gezwungen. »Hallo, Jody.« Er hatte schon vor Jahren aufgehört, sie Mutter zu
nennen.
»Key.« Sie warf Janellen einen vorwurfsvollen Blick zu. »Ich vermute mal, das war deine Idee.«
Key legte seiner Schwester den Arm um die Schulter. »Gib nicht Janellen die Schuld. Es war
meine Idee. Ich wollte euch überraschen.«
Jody Tackett schnaubte, was ihre Art war, Key zu zeigen, dass sie ihm nicht glaubte. »Habe ich
eben nicht gehört, dass der Kaffee fertig ist?«
»Ja, Mama«, sagte Janellen schnell. »Ich mache dir und Key ein leckeres Frühstück zur Feier
seiner Ankunft.«
»Ich bezweifle, dass das ein Grund zum Feiern ist.« Jody drehte sich um und ging aus dem
Zimmer.
Key stieß einen tiefen Seufzer aus. Er hatte nicht mit einer warmherzigen Begrüßung gerechnet,
nicht einmal mit einer obligatorischen Umarmung. Seine Mutter und er hatten diese Art
Verhältnis nie gehabt. Solange er zurückdenken konnte, hatte Jody sich ihm gegenüber unnahbar
gegeben, und er hatte entsprechend reagiert.
Jahrelang hatten sie mit dieser unausgesprochenen Wahrheit nebeneinanderher gelebt. Wenn sie
zusammen waren, verhielt er sich ihr gegenüber höflich und erwartete von ihr, dass sie ihm
dieselbe Höflichkeit entgegenbrachte. Manchmal tat sie es, manchmal nicht. Heute Morgen war
sie ihm mit extremer Feindseligkeit begegnet, obwohl er ihr einziger noch lebender Sohn war.
Vielleicht gerade deshalb.
»Du musst Geduld mit ihr haben, Key«, flehte Janellen. »Es geht ihr nicht gut.«
»Das habe ich gesehen«, bemerkte er gedankenvoll. »Seit wann sieht sie so alt aus?«
»Schon länger als ein Jahr. Sie hat sich nie ganz erholt von … Du weißt schon.«
»Ja.« Er hielt inne. »Ich werde versuchen, sie nicht aufzuregen, solange ich hier bin.« Er sah seine
Schwester mit einem schwachen Lächeln an. »Es sind nicht zufällig ein paar Krücken in diesem
Haus aufzutreiben?«
»Doch. Die von deinem Autounfall sind noch da.« Sie ging zum Wandschrank und holte ein
Paar Aluminiumkrücken aus der Ecke hervor.
»Da du gerade am Schrank bist, bring mir doch gleich ein Hemd mit«, bat er sie. »Mein altes ist
gestern hinübergegangen.«
Er ignorierte ihren fragenden Blick und zeigte auf die Hemden im Schrank. Sie brachte ihm ein
schlichtes weißes Baumwollhemd, das schwach nach Mottenkugeln roch. Er schlüpfte hinein, ließ
es allerdings aufgeknöpft. Dann klemmte er sich die gepolsterten Griffe der Krücken unter die
Achseln und nickte mit dem Kinn in Richtung Tür. »Dann los.«
»Du siehst blass aus. Fühlst du dich auch gut genug?«
»Nein. Aber ich werde den Teufel tun und Jody mit dem Frühstück warten lassen.«
Jody saß bereits am Küchentisch, trank Kaffee und rauchte, als er hereingehumpelt kam.
Janellen, die sich daranmachte, das Frühstück zuzubereiten, wurde keine weitere Beachtung
geschenkt. Key setzte sich seiner Mutter gegenüber und lehnte die Krücken gegen die Tischplatte.
Er war sich sehr wohl bewusst, dass er unrasiert und unfrisiert war.
Jody sah wie immer tadellos aus, auch wenn sie keine attraktive Frau war. Die texanische Sonne
hatte Flecken und Runzeln auf ihrer Haut hinterlassen. Da sie für Eitelkeit nichts übrighatte, war
ihr einziges Zugeständnis an die Verschönerung ihrer äußeren Erscheinung ein Hauch Puder aus
der Sonderangebotsecke der Drogerie. Außerdem ließ sie sich einmal wöchentlich im
Schönheitssalon das Haar waschen und legen. Das hatte sie ihr ganzes Leben lang so gehalten, aber
nur, weil es ihr lästig war, es selbst zu tun. Ihr kurzes graues Haar brauchte zwanzig Minuten
unter der Haube, um zu trocknen. Während dieser zwanzig Minuten ließ sie sich von einer
Maniküre die kurzen, breiten Nägel schneiden, lackieren allerdings nie.
Ein Kleid trug sie lediglich sonntags zur Kirche und bei gesellschaftlichen Anlässen, bei denen es
sich absolut nicht vermeiden ließ. An diesem Morgen trug sie ein kariertes Baumwollhemd und
eine Hose, beides adrett gebügelt und gestärkt.
Während sie die Zigarette ausdrückte, fragte sie Key in einem Ton, der genauso einschüchternd
war wie ihr Blick: »Und, was ist es diesmal?«
Ihre Worte beinhalteten eindeutig die Unterstellung, er allein sei schuld an seinem Zustand. Was
in diesem Fall auch stimmte, aber das spielte keine Rolle, denn er hätte auch das Opfer einer
Laune des Schicksals gewesen sein können. Unfälle waren immer seine Schuld gewesen.
Als er als Junge vom Baum gefallen war, auf den er mit Clark geklettert war, hatte Jody gesagt,
er hätte es nicht anders verdient, als sich das Schlüsselbein zu brechen, wenn er so etwas Dummes
tun würde. Als ein Schlagmann aus der Little League seine Schläfe traf und er sich eine
Gehirnerschütterung zuzog, hatte sie geschimpft, er hätte sich nicht richtig aufs Spiel konzentriert.
Und als ihm ein Gaul auf den Fuß trat, behauptete Jody, er hätte das Pferd erschreckt. Als am 4.
Juli ein Feuerwerkskörper in seiner Hand explodierte und ihm den Daumen aufriss, war er von
Jody bestraft worden. Clark war ungeschoren davongekommen, obwohl er derjenige gewesen
war, der seinen Bruder mit den Knallern beworfen hatte.
Einmal jedoch war Jodys Mitleidlosigkeit berechtigt gewesen. Wenn Key nicht im betrunkenen
Zustand mit hundertfünfzig die Landstraße hinuntergerast wäre, hätte er die Kurve wahrscheinlich
gekriegt, den Baum verpasst und den Traum seiner Mutter – eine Karriere als Quarterback im
NFL-Team zu machen – erfüllen können. Dass er die Pläne, die sie für sein Leben gehabt hatte,
mit diesem Unfall durchkreuzte, würde sie ihm niemals vergeben.
Wegen dieser Erlebnisse wusste Key es besser, als so etwas wie mütterliche Zuneigung zu
erwarten. Dennoch machte ihr vorverurteilender Ton ihn wütend.
Seine Antwort war kurz und bündig. »Verstauchter Knöchel.«
»Und was ist damit?«, fragte sie und deutete mit der Kaffeetasse auf seinen Verband.
»Hat mich ein Hai erwischt.« Er zwinkerte seiner Schwester zu und grinste dabei.
»Mach dich ruhig über mich lustig!« Jodys Ton war scharf wie ein Peitschenschlag.
Und los geht’s, dachte Key verbittert. Gott, das brauchte er nicht. »Es ist nichts, Jody. Gar
nichts.« Janellen stellte eine dampfende Tasse Kaffee vor ihn hin. »Danke, Schwesterchen. Das
reicht mir zum Frühstück.«
»Willst du gar nichts essen?«
»Nein, danke. Hab keinen Hunger.«
Sie verbarg ihre Enttäuschung hinter einem zögerlichen Lächeln, das ihm das Herz brach. Arme
Janellen. Sie musste sich tagein, tagaus mit der alten Hexe herumschlagen. Jody hatte das Talent,
aus jeder Nachfrage eine Inquisition zu machen, aus jeder Beobachtung eine kritische Bemerkung
und mit jedem Blick ihre Verachtung auszudrücken. Wie konnte Janellen diese Intoleranz
ertragen? Warum tat sie es? Warum suchte sie sich nicht einen netten Burschen und heiratete?
Was machte es schon, wenn es nicht die große Liebe war? Nichts konnte schrecklicher sein, als
mit Jody zusammenzuleben.
Allerdings war Jody Janellen gegenüber lange nicht so kritisch wie bei ihm. Auch bei Clark war
es anders gewesen. Er, Key, schien mit dem Fluch behaftet zu sein, sich den Zorn seiner Mutter
zuzuziehen. Wahrscheinlich war es so, weil er das lebende Abbild seines Vaters war, und, weiß
Gott, Clark junior hatte sie bis zum Tag seines Todes getriezt. Nicht eine Träne hatte sie bei
seiner Beerdigung vergossen.
Key schon. Nie zuvor hatte er geweint – und auch später niemals mehr –, doch an Clark juniors
Grab hatte er geheult wie ein kleines Baby, aber nicht etwa, weil sein Vater ein
aufopferungsvoller Dad gewesen wäre. Die meisten seiner Erinnerungen an ihn kreisten um
Abschiede, die Key stets das Gefühl gegeben hatten, er sei allein gelassen worden. Doch so rar die
wenigen anderen Momente mit seinem Daddy gewesen sein mochten – der laut war, lachte und
Witze erzählen konnte und der mit seinem Charme immer eine ganze Schar Bewunderer um sich
versammelte –, es waren dennoch die einzigen glücklichen Erinnerungen an seine Kindheit.
Key war erst neun Jahre alt, als sein Vater getötet wurde, doch er spürte mit der unerklärlichen
Weisheit von Kindern, dass in diesem Sarg auch seine einzige Chance begraben wurde, geliebt zu
werden.
Als könne sie seine Gedanken lesen, fragte Jody plötzlich: »Bist du nach Hause gekommen, um
mich sterben zu sehen?« Key warf ihr einen scharfen Blick zu. »Wenn ja, muss ich dich leider
enttäuschen. So schnell wirst du mich nicht los.«
Sie hatte es auf einen Streit angelegt, doch Key entschied sich, auf die unverschämte
Unterstellung mit einem Witz zu kontern. »Da bin ich aber erleichtert, Jody. Mein dunkler
Anzug ist nämlich noch in der Reinigung. Nein, eigentlich bin ich heimgekommen, um zu
sehen, wie’s euch geht.«
»Du hast dich doch noch nie darum geschert, wie es uns geht. Woher das plötzliche Interesse?«
Das Letzte, was Key wollte, war ein Streit mit seiner Mutter. Er war heute Morgen einfach nicht
in Form, und Jody war es schon immer gelungen, sein psychisches Wohlbefinden in Unordnung
zu bringen. Optimismus und Humor waren Fremdworte für sie. Er hatte das Wiedersehen so
unkompliziert wie möglich gestalten wollen, allein schon seiner armen, geplagten Schwester
zuliebe. Doch Jody schien alles daranzusetzen, dieses Vorhaben unmöglich zu machen.
»Ich bin hier geboren worden«, antwortete Key ruhig. »Dies hier ist mein Zuhause. Das war es
jedenfalls einmal. Bin ich etwa nicht mehr willkommen?«
»Natürlich bist du willkommen«, beeilte sich Janellen zu sagen. »Mama, möchtest du Schinken
oder Würstchen?«
»Egal.« Jody wedelte nervös mit der Hand, als verscheuchte sie eine Fliege. Während sie sich
eine neue Zigarette ansteckte, fragte sie Key: »Wo warst du die ganze Zeit?«
»Zuletzt in Saudi-Arabien.« Er schlürfte seinen Kaffee und erzählte Jody das, was er zuvor
Janellen schon berichtet hatte. Dass er auf Janellens Bitten nach Hause gekommen war, ließ er bei
seiner Schilderung aus.
»Ich habe unabhängige Kontrollmannschaften zu und von den brennenden Quellen geflogen.
Ab und an Ausrüstungen transportiert und manchmal auch Verletzte. Aber die sind da unten kurz
vor dem Abschluss, und mein Vertrag lief aus. Also dachte ich, ich schau mal vorbei.
Wahrscheinlich glaubst du es nicht, aber ich habe Eden Pass vermisst. Ich bin seit über einem
Jahr, seit Clarks Beerdigung, nicht mehr hier gewesen.«
Er nahm noch einen Schluck von seinem Kaffee. Mehrere Sekunden verstrichen, bis ihm auffiel,
dass Janellen ihn wie ein aufgescheuchtes Reh anstarrte und Jody stöhnte.
Langsam setzte er die Tasse auf den Unterteller ab. »Was ist denn los?«
»Nichts«, sagte Janellen hastig. »Möchtest du noch Kaffee?«
»Ja, aber ich bediene mich schon selbst. Ich glaube, der Schinken brennt an.« Rauch stieg von
der Pfanne auf.
Key humpelte zur Anrichte und schenkte sich nach. Er brauchte eine Schmerztablette, aber die
hatte er oben im Bad liegenlassen. Trotz der ärztlichen Warnung hatte er die beiden Tabletten
vor dem Schlafengehen mit einem Glas Whisky heruntergespült. Das hatte ihn durch die Nacht
gebracht.
Aber jetzt meldeten sich die Schmerzen zurück. Er wünschte, er hätte die Unverfrorenheit, sich
den Brandy zu schnappen, den Janellen zum Kochen nahm, und seinen Kaffee damit zu würzen.
Aber das würde Jody nur einen weiteren Anlass zum Streit geben. Momentan hatte er genug mit
dem pochenden Schmerz in der Seite und dem dumpfen im Knöchel zu kämpfen.
So unbekümmert er seine Verletzung auch abgetan hatte, als er zum Stuhl zurückhumpelte,
entfuhr ihm ein unfreiwilliges Stöhnen. »Verrätst du uns jetzt vielleicht, wobei du dich so
zugerichtet hast?«, fragte Jody.
»Nein.«
»Ich hasse diese Heimlichtuerei.«
»Glaub mir, du willst es nicht wissen.«
»Daran habe ich keinen Zweifel«, bemerkte Jody säuerlich. »Ich habe nur keine Lust, die
erbärmlichen Einzelheiten über Dritte zu erfahren.«
»Denk einfach nicht darüber nach. Es geht dich nichts an.«
»Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn du am ersten Abend deiner Rückkehr bereits im
Krankenhaus landest.«
»Ich war nicht im Krankenhaus, sondern in Dr. Pattons Praxis, und da war diese Ärztin.
Wirklich hübsch, die Kleine«, sagte er mit einem breiten Grinsen. »Sie hat mich versorgt.«
Janellen ließ den metallenen Pfannenheber auf den Herd fallen. Zuerst dachte Key, dass sie das
hochspritzende Fett verbrannt hätte, aber dann bemerkte er den harten, unversöhnlichen
Ausdruck des Zornes auf Jodys Gesicht, den er nur zu gut kannte.
»Was ist? Warum seht ihr mich an, als hätte ich gerade auf ein Grab gepinkelt?«
»Weil du genau das getan hast.« Jodys Ton verriet tiefen, donnernden Groll. »Du hast auf das
Grab deines Bruders gepinkelt.«
»Wovon zum Teufel sprichst du überhaupt?«
»Key … «
»Die Ärztin!«, unterbrach Jody, wütend mit der Faust auf den Tisch hämmernd, ihre Tochter.
»Hast du sie nicht erkannt?«
Key versuchte, sich zu erinnern. Er war nicht so schwer verletzt gewesen, dass ihm alle
Einzelheiten entgangen wären – zum Beispiel erinnerte er sich noch sehr gut an ihre
ausdrucksvollen braunen Augen, das attraktiv zerzauste Haar, die langen, schlanken Beine. Er
hatte sich sogar die Farbe ihrer Fußnägel eingeprägt und ihren Duft. Er erinnerte sich
ausgezeichnet an diese intimen Details, aber ihr Name wollte ihm einfach nicht einfallen.
Außerdem, wieso ging das Janellen oder Jody etwas an? Es sei denn, sie hatten wegen des einen
Vorfalls allgemein Vorurteile gegen weibliche Mediziner.
Während er noch überlegte, stieg ein nagendes Gefühl in seinem Inneren auf. Gott, das konnte
nicht sein. »Wie heißt sie?«
Jody starrte ihn nur an. Er schaute fragend auf Janellen. Die wrang nervös einen Lappen aus. Sie
wirkte ganz elend. »Sie führt die Praxis unter ihrem Mädchennamen, Lara Mallory«, flüsterte sie.
»Ihr eigentlicher Name ist … «
»Lara Porter«, beendete Key für sie mit leiser, tiefer Stimme.
Janellen nickte.
»Jesus.« Er presste die Handballen an die Augen und stellte sich im Geist die Frau vor, die er in
der Nacht zuvor kennengelernt hatte. Sie hatte keine Ähnlichkeit mit den Fotos in den
Zeitungen. Weder ihre Geschicklichkeit noch ihre offene Art entsprachen dem Bild, das er sich
von Lara Porter gemacht hatte, jener Frau, die das Verderben seines Bruders gewesen war und die
– wie viele Kenner der Politik behaupteten – den Lauf der amerikanischen Geschichte beeinflusst
hatte.
Schließlich senkte Key die Hände und zuckte hilflos mit den Achseln. »Ich hatte keine Ahnung.
Sie hat sich nicht vorgestellt, und ich habe sie auch nicht nach ihrem Namen gefragt. Ich habe sie
nicht wiedererkannt von den Fotos, die ich gesehen hatte. Das Ganze ist immerhin schon – wie
lange? – fünf, sechs Jahre her?«
Er hasste sich selbst für die gestotterten Entschuldigungen, da er genau wusste, dass der Schaden
bereits angerichtet war und Jody ihm niemals vergeben würde, was er jetzt auch sagte. Also
schwenkte er um und fragte: »Was hat diese Lara Porter überhaupt hier in Eden Pass verloren?«
»Zählt das irgendwie?«, fragte Jody schroff. »Sie ist hier. Und du wirst dich von ihr fernhalten,
verstanden? Wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie sich auf demselben Weg aus der Stadt
schleichen, wie sie sich hineingeschlichen hat. Und bis dahin werden die Tacketts und alle, die
Wert auf unsere Bekanntschaft legen, ihr mit der Verachtung begegnen, die sie verdient hat. Das
schließt auch dich ein. Besonders dich.« Sie zeigte mit der Zigarette auf ihn, um ihre Worte zu
unterstreichen. »Du kannst jede Schlampe in der Stadt vögeln, Key. Aber halte dich von ihr fern.«
Key wechselte sofort in die Defensive und schrie genauso laut zurück: »Was hältst du mir
eigentlich vor? Ich habe mich schließlich nicht mit ihr im Bett erwischen lassen. Das war Clark!«
Jody sprang auf, beugte sich vor, über Ketchup und Tabascoflaschen, und schrie wütend auf
ihren jüngeren Sohn ein: »Wie kannst du es wagen, so von ihm zu sprechen?! Hast du keinen
Funken Anstand im Leib, keinen Respekt vor deinem Bruder?«
»Clark!«, schrie Key, erhob sich ebenfalls und stellte sich seiner Mutter entgegen. »Sein Name
war Clark, und du, die du noch nicht mal seinen Namen über die Lippen bringst, willst mir was
von Respekt erzählen?«
»Es tut so weh, von ihm zu sprechen, Key.«
»Warum?« Er drehte sich zu Janellen um, die die schüchterne Bemerkung eingeworfen hatte.
»Weil, nun … weil sein Tod so verfrüht war. So tragisch.«
»Ja, das war er. Aber das ist kein Grund, Clarks Existenz zu leugnen.« Er wandte sich wieder
Jody zu. »Daddy hat dafür gesorgt, dass Clark und ich etwas Spaß im Leben hatten, bevor er starb.
Er wollte, dass wir uns nahestehen, im Gegensatz zu dir. Und das taten wir. Gott weiß, Clark und
ich waren wie zwei entgegengesetzte Pole, aber wir waren Brüder. Ich habe ihn geliebt. Ich habe
um ihn getrauert, als er starb. Und ich weigere mich, seine Existenz zu leugnen, nur um eure
Gefühle zu schonen.«
»Du hast kein Recht, den Namen deines Bruders in den Mund zu nehmen.«
Das tat weh. Selbst jetzt noch traf es ihn wie ein Messerstich, wenn sie so etwas sagte. Sie ließ
ihm keine andere Wahl, als zurückzuschlagen. »Wenn er so verdammt perfekt war, wieso führen
wir dann dieses Gespräch, Jody? Wenn er so unfehlbar war, würde es keine Lara Porter in
unserem Leben geben. Keinen Skandal. Keine Presseberichte. Keine Schande. Clark wäre für
immer als der Goldjunge vom Capitol Hill in die Geschichte eingegangen.«
»Hör auf!«
»Gern!« Er schnappte sich die Krücken und humpelte zur Hintertür.
»Key, wo willst du hin?«, rief Janellen ihm mit Panik in der Stimme nach.
»Ich habe einen Termin beim Arzt.«
Er schleuderte Jody einen wütenden Blick zu und schlug die Tür hinter sich zu.
Lara hatte kaum ein Auge zugetan. Schon unter normalen Umständen war sie keine
Tiefschläferin. Oft wurde sie von Alpträumen geweckt und lag dann lange Zeit wach im Bett. Sie
lauschte nach dem Weinen, das sie nie wieder hören würde. Trauer war der Grund für ihre
häufige Schlaflosigkeit.
Und in der vergangenen Nacht hatte Key Tackett den Schlaf praktisch unmöglich gemacht. Sie
war mit einem dumpfen Kopfschmerz aufgewacht und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die
sich selbst mit Schminke nicht ganz verdecken ließen. Zwei Tassen starker Kaffee hatten den
Kopfschmerz vertrieben, nicht jedoch die Gedanken an den späten Besucher.
Sie hatte es für unmöglich gehalten, jemals wieder einem derart attraktiven Mann wie Clark zu
begegnen – bis sie Key gesehen hatte. Die Brüder waren vom Typ völlig unterschiedlich, sicher.
Clark hatte das makellose, glatte Auftreten eines Marineoffiziers. Nie war auch nur eine Strähne
seines blonden Schopfes unordentlich. Seine maßgeschneiderten Anzüge waren stets tadellos
gebügelt, und in seinen Schuhen konnte man sich spiegeln. Er war die Verkörperung des netten,
gutaussehenden Jungen von nebenan, der All-American-Boy, den sich jede Mutter für ihre
Tochter wünschen würde.
Key war ein Bursche, vor dem die Mütter ihre Töchter versteckten. Obwohl er genauso
gutaussehend wie sein Bruder war, unterschieden sie sich wie ein Mitglied einer Straßengang von
einem Anführer der Pfadfinder.
Key war von Beruf Pilot. Laut Clark konnte er ein Flugzeug nach Gefühl steuern und verließ
sich mehr auf seinen Instinkt und Erfahrung als auf aeronautische Instrumente. Er griff nur dann
auf die Technik zurück, wenn ihm keine andere Möglichkeit blieb. Clark hatte damit geprahlt,
dass es kein Flugzeug gäbe, das sein Bruder nicht fliegen könnte. Aber Key zog es vor,
unabhängig zu bleiben, statt sich von einer kommerziellen Fluglinie anheuern zu lassen.
»Zu viele Regeln und Bestimmungen für ihn«, hatte Clark gesagt und nachsichtig, aber voller
Zuneigung über seinen kleinen Bruder gelächelt. »Er will nur sich selbst gegenüber verantwortlich
sein.«
Jetzt, da Lara ihn kennengelernt und die Wirkung seines verschlagenen Lächelns
höchstpersönlich zu spüren bekommen hatte, konnte sie sich Key Tackett unmöglich in einer
Pilotenuniform, mit wohltönender Stimme seinen Gästen die Wetterbedingungen des
Zielflughafens ansagend, vorstellen.
Die vielen Stunden, die er in Cockpits verbracht hatte, machten sich in den attraktiven Linien
bemerkbar, die von seinen Augen ausgingen – Augen vom selben strahlenden Blau wie Clarks.
Aber Clark war der helle, blonde Typ gewesen. Keys Augen waren von dichten schwarzen
Wimpern umrahmt. Er war eindeutig das schwarze Schaf der Familie, selbst in physischer
Hinsicht. Sein Haar war dicht und dunkel und genauso widerspenstig wie er, Clark war stets
tadellos rasiert gewesen. Key hatte keinen Drei-, sondern mindestens einen Fünftagebart gehabt.
Merkwürdigerweise hatten die Stoppeln seiner Attraktivität keinen Abbruch getan, im Gegenteil.
Beide Brüder waren Prachtexemplare der menschlichen Gattung. Clark war korrekt und
gebildet gewesen, Key dagegen ungezähmt. Lara stellte sich vor, dass er knurrte, wenn man ihn
reizte oder wütend machte.
»Guten Morgen.«
Sie schreckte auf, als wäre sie bei etwas ertappt worden, dessen sie sich schämen müsste. »Oh,
guten Morgen, Nancy. Ich habe Sie gar nicht hereinkommen hören.«
»Das hat man gemerkt. Sie waren ja Millionen Kilometer weit weg.« Die Arzthelferin verstaute
ihre Handtasche in der Hängeablage und schlüpfte in einen pastellfarbenen Laborkittel. »Was ist
mit dem Telefon im Untersuchungszimmer passiert?« Sie war zur Hintertür hereingekommen.
Lara saß in der schmalen Nische, in der sie Getränke und kleine Snacks aufbewahrten. Die Küche
des angeschlossenen Hauses war für Laras persönlichen Bedarf vorbehalten.
»Ach, das hatte einen Wackelkontakt. Ich werde es auswechseln lassen.«
Da sie sich ihrer Gefühle über Key Tacketts Besuch in der Praxis noch nicht ganz im Klaren
war, wollte sie Nancy noch nichts davon erzählen. »Kaffee?« Sie hob die Kanne hoch.
»Und ob.« Die Schwester rührte zwei Löffel Zucker in die dampfende Tasse, die Lara ihr
gereicht hatte. »Es sind nicht zufällig noch ein paar Doughnuts da?«
»Doch, im Schrank. Ich dachte, Sie sind auf Diät.«
Nancy Baker fand die Doughnuts und biss von einem gleich die Hälfte ab. Dann leckte sie sich
den Zuckerguss von den Fingern. »Habe ich abgebrochen«, erklärte sie ohne Reue. »Ich bin zu
beschäftigt, um Kalorien zu zählen. Außerdem könnte ich bis zum Jüngsten Tag Diät halten, und
aus mir würde trotzdem kein Model werden. Clem liebt mich so, wie ich bin. Er sagt immer,
dann hat er mehr von mir.«
Lara lächelte. »Wie war Ihr freier Tag?«
»Toll«, antwortete Nancy und schnalzte mit den Lippen. »Alles in allem betrachtet war es
wunderbar. Unsere Hündin ist läufig, und Klein-Clem hat die Steppschuhe seiner Schwester
entdeckt, ist dann den ganzen Tag mit dem rechten Schuh auf dem linken Fuß und umgekehrt
herumstolziert. Als wir versucht haben, sie ihm auszuziehen, hat er Zeter und Mordio gebrüllt,
also haben wir ihm seinen Willen gelassen. Er sah absolut albern aus, aber mit Steppen kann ich
leben, mit Brüllen nicht.«
Nancys Anekdoten über ihren chaotischen Haushalt waren immer amüsant. Sie tat, als würde sie
sich über die Hektik beschweren, über die drei Kinder, die ständig irgendwelche »Phasen«
durchmachten, aber Lara wusste, dass sie ihren Mann und die Kinder über alles liebte und mit
niemandem auf der Welt tauschen würde.
Nancy hatte sich auf die Annonce beworben, die Lara im Lokalblatt aufgegeben hatte, und Lara
hatte sie gleich nach dem ersten Treffen eingestellt, zum Teil natürlich auch, weil Nancy die
einzige Bewerberin gewesen war. Nancy hatte sehr gute Qualifikationen trotz ihrer Babypause,
die sie sich vor zwei Jahren genommen hatte, als sie Klein-Clem bekam.
»Jetzt, wo es Zeit wird, ihn ans Töpfchen zu gewöhnen, überlasse ich gern Granny Baker die
Ehre.«
Lara hatte Nancy sofort ins Herz geschlossen und war sogar ein wenig eifersüchtig auf sie. Auch
sie hatte chaotische Zeiten in ihrem Leben erfahren, doch nie von der fröhlichen Art, die Nancys
Alltag bestimmte. Ihr Chaos hatte ihr Leben geprägt, hatte Wunden und tiefe Narben
hinterlassen. Die Katastrophen, die sie erlebt hatte, waren unwiderruflich gewesen.
»Wenn Clem nicht gewesen wäre«, sagte Nancy, als sie ihren zweiten Doughnut vertilgt hatte,
»hätte ich wahrscheinlich den Hund und die Kinder gekillt und mir dann die Haare ausgerissen.
Aber als er nach Hause kam, hat er mich überredet, die Kinder bei seiner Mutter abzuladen und
mit ihm essen zu gehen. Wir haben uns Beltbusters mit Zwiebelringen im Dairy Queen geleistet.
Köstlich!
Als Klein-Clem endlich eingeschlafen war, habe ich die Steppschuhe oben im Schrank versteckt,
damit er heute nicht mehr daran denkt. Und Clem ist mit der Hündin zum Tierarzt gefahren, wo
sie entweder besamt oder sterilisiert wird. Ach übrigens, falls sich ein williger Spender findet,
wollen Sie vielleicht ein nettes kleines Hündchen von dem Wurf abhaben?«
»Nein, danke«, sagte Lara lachend.
»Kann ich verstehen. Wahrscheinlich werde ich auf dem ganzen verdammten Wurf
hockenbleiben.« Sie wusch sich die Hände über dem Becken. »Ich werd jetzt mal besser im
Terminkalender nachsehen, wer heute kommt.«
Dabei wussten sie beide, dass es kaum Termine gab. Tatsächlich fanden sich mehr Lücken als
Eintragungen in dem Buch. Schon seit mehr als einem halben Jahr war Lara jetzt in der Stadt,
aber ihre Praxis lief noch immer nicht. Wenn sie das Ersparte nicht gehabt hätte, hätte sie schon
längst schließen müssen.
Doch mehr als die Finanzen machte ihr die berufliche Situation Sorgen. Sie war eine gute
Ärztin. Sie wollte praktizieren – obwohl sie sich aus freien Stücken wohl kaum Eden Pass als
Niederlassung ausgesucht hätte.
Eden Pass war für sie ausgesucht worden.
Diese Praxis war ihr zum Geschenk gemacht worden, als sie überhaupt nicht damit gerechnet
hatte, obwohl damit ein Plan in greifbare Nähe gerückt war, den sie seit langem entwickelt hatte.
Sie hatte eine glaubwürdige Ausrede gebraucht, wie sie Key Tackett kennenlernen konnte, und
als sich die Möglichkeit geboten hatte, praktisch sein Nachbar zu werden, hatte sie zugegriffen.
Allerdings nicht, ohne sich bewusst zu sein, dass ihre Situation als einziger Arzt im Ort schwierig
werden würde.
Und auch für die Einwohner, die an Doc Patton und sein kleines überladenes Sprechzimmer
gewöhnt waren. Die Diplome, die jetzt die Wände zierten, hatte sie bekommen. Ihr gehörten die
medizinischen Bücher in den Regalen. Trotzdem trug das Zimmer noch immer den Stempel
ihres männlichen Vorgängers. Sobald sie finanziell etwas besser dastand, wollte sie die dunkle
Verkleidung streichen und die schweren Ledermöbel gegen ein etwas luftigeres, zeitgemäßeres
Mobiliar austauschen.
Diese geplanten Veränderungen waren rein kosmetischer Natur. Die Einstellung in den Köpfen
der Leute zu ändern, das würde mehr Zeit und Anstrengung bedürfen. Doc Patton war vierzig
Jahre lang Arzt in Eden Pass gewesen, bevor er sich zur Ruhe gesetzt hatte, und er hatte sich in all
den Jahren keinen einzigen Feind gemacht. Manchmal wurde Lara gefragt: »Wo ist der Doc?« Mit
demselben Misstrauen in der Stimme, das auch Key Tackett in der vergangenen Nacht gehabt
hatte, als er sie fragte. Als hätte sie den alten Arzt aus purem Egoismus vertrieben.
Lara Mallory hatte einen langen Weg vor sich, wenn sie dasselbe Vertrauen zu den Menschen in
Eden Pass aufbauen wollte, das Doc Patton genossen hatte. Und sie wusste, dass ihr niemals
dieselbe Zuneigung wie ihm entgegengebracht werden würde, denn sie würde für sie immer die
liederliche Frau bleiben, mit der Clark sich eingelassen hatte. Jeder hier in seiner Heimatstadt
wusste davon. Deshalb hatte ihr Auftauchen sie auch so überrascht. Lara hatte gehofft, dass sie sich
bald von ihrem anfänglichen Schock erholen, sie als die qualifizierte Ärztin, die sie war,
anerkennen und den Skandal vergessen würden.
Unglücklicherweise hatte sie dabei Jody Tacketts Einfluss in der Gemeinde unterschätzt.
Obwohl sie sich nie persönlich kennengelernt hatten, tat Clarks Mutter alles, um Laras Vorhaben
schon im Keim zu ersticken.
Eines Nachmittags, als sie sich besonders niedergeschlagen fühlte, sprach sie Nancy darauf an.
»Ich denke, es ist kein Geheimnis für Sie, weshalb die Leute von Eden Pass lieber zwanzig
Minuten mit dem Auto zum nächsten Arzt fahren, als zu mir zu kommen.«
»Natürlich nicht«, hatte Nancy geantwortet. »Jody Tackett hat verbreiten lassen, dass jeder, der
sich auf weniger als zehn Meter Ihrer Praxis nähert, und wenn er noch so krank ist, auf ihre
schwarze Liste kommt.«
»Wegen Clark?«
»Mmh-hmm. Hier weiß jeder über die Affäre von Ihnen beiden Bescheid. Nachdem sie ihn
beerdigt hatten, verstummte der Klatsch fast. Aber dann tauchten Sie ein paar Monate später auf.
Jody war stinkwütend und beschloss, Sie zur Aussätzigen zu stempeln.«
»Warum sind Sie dann bereit, für mich zu arbeiten?«
Nancy holte tief Luft. »Mein Daddy hat sich fünfundzwanzig Jahre lang für Tackett Oil & Gas
abgeschuftet. Das ist schon lange her, da war Clark senior noch der Boss.« Sie hielt inne. »Sie
wissen doch, dass Clark – Ihr Clark – die dritte Generation Clark Tacketts war, nicht wahr? Sein
Großvater war Clark senior und sein Vater Clark junior.«
»Ja, das weiß ich.«
»Okay, so weit, so gut. Jedenfalls passierte ein Unfall an einer der Quellen, bei dem mein Vater
umkam.«
»Haben die Tacketts die Schuld eingestanden?«
»Sie hatten ihn abgesichert, wie es vorgeschrieben war. Meine Mutter hat die
Versicherungssumme, die uns zustand, ausgezahlt bekommen. Aber keiner von denen kam zur
Beerdigung. Sie riefen nicht einmal an. Sie ließen vom Blumengeschäft ein großes Gebinde
Chrysanthemen schicken, aber keiner hat meiner Mama sein Beileid ausgesprochen. Ich war
damals noch ein Kind, aber ich dachte und denke es noch heute, dass es schäbig von ihnen war,
sie so allein zu lassen. Sicher, Daddys Tod hat keine Wellen auf ihrem schmierigen Öl geschlagen,
aber er war immer ein loyaler, hart arbeitender Angestellter gewesen. Seitdem habe ich eine
schlechte Meinung von den Tacketts, insbesondere von Jody.«
»Wieso Jody?«
»Die hat Clark junior doch nur geheiratet, weil sie auf Tackett Oil scharf war.« Nancy war auf
ihrem Stuhl näher herangerückt. »Sehen Sie, Clark Tackett senior war zur Blütezeit des Booms
unabhängiger Förderer. Er ist bei seiner ersten Bohrung auf Öl gestoßen und hat praktisch über
Nacht ein verdammtes Vermögen gemacht. Und er blieb erfolgreich. Dann kam Clark junior.
Seine Ambition im Leben war, sich eine schöne Zeit zu machen und möglichst viel von dem
Geld seines Vaters für Frauen, Whisky und am Spieltisch auszugeben.«
Sie seufzte bei der Erinnerung an ihn. »Er war der attraktivste Mann, der mir je begegnet ist.
Frauen aus der ganzen Gegend betrauerten seinen Tod. Nur eine nicht – Jody. Als er starb, hatte
sie endlich, was sie wollte.«
»Tackett Oil?«
»Die totale Kontrolle. Der alte Mann war bereits tot. Als Clark junior in diesem Gletscher
verunglückt ist – ich glaube im Himalaya – und sich das Genick brach, krempelte Jody die Ärmel
hoch und machte sich an die Arbeit.«
Nancy brauchte keine Ermunterung fortzufahren.
»Die ist zäh wie Stiefelleder. Stammt aus einer armen Farmerfamilie. Ihr Haus wurde von einem
Tornado zerstört. Sind alle dabei umgekommen, außer ihr. Eine Witwe hat sie aufgenommen und
für ihre Erziehung gesorgt. Jody war clever und bekam ein Stipendium an der Technischen Uni
von Texas. Gleich nach dem College fing sie bei Clark senior an. Sie kam vom Land und erwarb
für ihn ein paar der besten Grundstücke, selbst als alle Welt schon dachte, das Öl in Ost-Texas
wäre versiegt. Der alte Mann mochte sie. Jody war alles, was Clark junior nicht war –
verantwortungsbewusst, fleißig, ehrgeizig. Ich glaube, Clark senior stand hinter der Hochzeit von
den beiden.«
»Wie meinen Sie das?«
»Na ja, es hieß, Clark junior hätte eine Debütantin aus Fort Worth angebumst. Ihr Daddy hatte
Verbindungen zum Mob und war trotz seines ganzen Geldes und Ansehens nichts weiter als ein
aufgeblasener Zuhälter. Clark senior wollte nichts damit zu tun haben und drängte Clark junior
zur Heirat mit Jody. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber es wäre möglich. Clark junior liebte la
dolce vita. Er hätte jede Frau haben können. Welchen Grund hätte es für ihn gegeben, Jody zu
nehmen, außer den, dadurch der Mafia zu entkommen? Jedenfalls heirateten sie. Clark der Dritte
ließ lange Jahre auf sich warten. Böse Zungen behaupten, Clark junior hätte so lange bei Jody
gebraucht, die noch nie eine Schönheit gewesen war. Aber sie hat ja auch nie etwas aus sich
gemacht. Schätze, die denkt, dass Grips und Schönheit einander ausschließen.«
»Hat es ihr nichts ausgemacht, dass Clark junior so ein Schürzenjäger war?«
Nancy zuckte mit den Achseln. »Wenn, dann hat sie’s sich nicht anmerken lassen. Sie hat seine
Affären ignoriert und sich ums Geschäft gekümmert. Ich glaube, er war ihr weit mehr egal als
zum Beispiel der Preis von Rohöl. Wenn sie ihm die Geschäfte überlassen hätte, wäre die Firma
schon längst pleite. Jody ist eine rücksichtslose Geschäftsfrau. Sie blüht erst auf, wenn andere
hinter ihr auf der Strecke bleiben.«
»Von der Rücksichtslosigkeit habe ich schon ein paar Kostproben bekommen«, sagte Lara leise.
»Nun, Sie müssen verstehen, wieso sie sich so benimmt.« Nancy beugte sich vor und senkte die
Stimme, obwohl niemand dagewesen wäre, der mithören könnte. »Das Einzige, was Jody mehr
liebte als Tackett Oil, war ihr Junge, Clark. Sie hielt ihn für den Sonnengott persönlich. Ich
glaube, für sie konnte er nichts Falsches tun. Sie hatte seine Zukunft schon geplant, einschließlich
seines Antritts im Weißen Haus. Und sie gibt Ihnen die Schuld daran, dass ihre Träume zerstört
sind.«
»Sie und alle anderen anscheinend auch.«
Nach einem kurzen Moment der Besinnung fügte Nancy noch hinzu: »Seien Sie vorsichtig, Dr.
Mallory. Jody hat Macht und Geld und ein persönliches Interesse. Das macht sie gefährlich.« Sie
tätschelte Laras Hand. »Ich für meinen Teil halte erst mal zu jedem, der nicht auf ihrer Seite
steht.«
Damit war Nancy allerdings in der Minderheit. In den Monaten, die auf das Gespräch folgten,
konnten sie keinen Anstieg des Patientenaufkommens verzeichnen. Es gab nur eine Handvoll
Leute in Eden Pass, die es riskierten, bei Jody in Ungnade zu fallen, indem sie zu Lara gingen.
Ironischerweise gehörte auch Jodys eigener Sohn dazu.
Key Tackett hatte seinen Irrtum inzwischen bestimmt erkannt. Und wahrscheinlich prallte ihr
Name in diesem Moment gerade mit der Wucht eines Querschlägers von den Wänden des
Tackett-Hauses.
Sollten sie sie doch verfluchen. Sie war mit einem bestimmten Ziel vor Augen nach Eden Pass
gekommen, und das beinhaltete nicht, das Wohlwollen der Tacketts zu erringen. Sie wollte etwas
von ihnen, aber keine Anerkennung. Wenn die Zeit gekommen sein würde einzufordern, was sie
ihr schuldig waren, kam es nicht darauf an, ob sie sie mochten oder nicht.
Es war ein verhältnismäßig geschäftiger Vormittag. Gleich fünf Patienten hatten sich bis zum
Mittag angemeldet. Die Erste war eine ältere Dame, die über eine ganze Reihe von Beschwerden
klagte. Nachdem Lara sie untersucht hatte, stellte sie fest, dass die Frau kerngesund war, wenn
auch ein bisschen einsam. Sie verschrieb ihr ein Medikament – Multivitamintabletten – und
erzählte ihr von dem spannenden Kursangebot der Methodistenkirche.
Nancy führte den nächsten Patienten ins Sprechzimmer, einen quengeligen kleinen dreijährigen
Jungen, der Ohrenschmerzen und neununddreißig Grad Fieber hatte. Lara erklärte der
erschöpften Mutter gerade die Symptome der Krankheit, als sie vom Empfangsbereich einen
seltsamen Radau vernahm. Sie setzte den Jungen auf den Arm der Mutter, entschuldigte sich und
ging auf den Flur, um nachzusehen.
»Nancy, was ist denn hier los?«
Doch es war nicht die Schwester, die um die Ecke gebogen kam, sondern Key Tackett. Seine
Krücken hinderten ihn nicht, auf Lara zuzustürmen. Er war sichtlich aufgebracht.
Obwohl er nur wenige Zentimeter vor ihr haltmachte, blieb Lara ungerührt stehen. »Ihr Termin
ist erst heute Nachmittag, Mr. Tackett.«
Die Mutter war Lara auf den Flur hinaus gefolgt und stand jetzt hinter ihr. Das Kind auf ihrem
Arm brüllte mittlerweile mit ohrenbetäubender Lautstärke. Nancy tauchte hinter Key auf, um
Lara notfalls zu Hilfe zu kommen. Lara und Key waren zwischen ihnen, doch nur Lara fühlte sich
wie in einer Falle.
»Warum haben Sie mir letzte Nacht nicht gesagt, wer Sie sind?«
Die Frage ignorierend, sagte sie: »Wie Sie sehen, bin ich heute Morgen sehr beschäftigt. Ich
habe Patienten im Wartezimmer. Wenn es etwas gibt, das Sie mit mir besprechen möchten, lassen
Sie sich von meiner Mitarbeiterin einen Termin geben.«
»Und ob ich etwas mit Ihnen zu besprechen habe«, donnerte er. Der Schweiß lief ihm an den
Schläfen herunter. Ihm war fast alle Farbe aus dem Gesicht gewichen. Beides Anzeichen von
starken Schmerzen.
»Ich glaube, Sie sollten sich besser setzen, Mr. Tackett. Sie sind in einem geschwächten Zustand.
Sie sollten auf keinen … «
»Hören Sie mit dem medizinischen Gequatsche auf!«, brüllte er. »Warum haben Sie mir gestern
Abend nicht gesagt, dass Sie die Nutte sind, die das Leben meines Bruders zerstört hat?«
Kapitel 4

Die hässlichen Worte trafen sie wie Ohrfeigen. Ihr wurde schwindlig, und sie musste tief Luft
holen. Die Wände des Flurs schienen näher zu kommen. Sie musste sich mit der Hand an der
Täfelung abstützen.
Nancy drängte sich an Key vorbei und baute sich vor ihm auf. »Key Tackett, du kannst hier
nicht einfach in die Praxis stürmen und so einen Aufstand veranstalten.«
»Nancy, ich würde ja liebend gern mit dir über die guten alten Zeiten plauschen, aber jetzt bin
ich hier, um mit Frau Doktor zu reden.« Er sprach es wie eine Beschimpfung aus.
Lara hatte inzwischen die Fassung wiedergewonnen. Sie bedeutete Nancy, sich um die Mutter
mit dem weinenden Kind zu kümmern. »Sagen Sie Mrs. Adams, dass ich sofort wieder bei ihr
bin.«
Nancy zögerte zunächst, warf Key einen drohenden Blick zu und bugsierte Mutter und Kind
zurück ins Sprechzimmer. Geräuschvoll schloss sie die Tür hinter sich.
Lara schob sich an Key vorbei und wandte sich an die Patienten, die neugierig auf den Flur
spähten. »Bitte, nehmen Sie doch wieder Platz«, sagte Lara so gefasst wie möglich. »Wir haben
eine kleine Änderung im Ablauf. Mr. Tackett hier ist verletzt und muss sofort behandelt werden.
Es wird nicht lange dauern.«
»Darauf würde ich nicht wetten.«
Die wartenden Patienten hörten die Bemerkung und sahen Lara unsicher an. »Ich werde gleich
wieder für Sie da sein«, versicherte sie ihnen. Dann drehte sie sich zu Key um und sagte: »In mein
Büro, bitte.«
Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, machte sie ihrem Ärger Luft. »Wie können Sie
es wagen, so etwas vor meinen Patienten über mich zu sagen! Ich hätte Sie verhaften lassen
sollen!«
»Sie hätten es gar nicht zu dieser Szene kommen lassen müssen!«, sagte er und deutete mit dem
Kopf in Richtung Flur. »Wenn Sie mir gestern Abend gesagt hätten, wer Sie sind!«
»Sie haben mich nicht nach meinem Namen gefragt. Und ich habe Ihren auch erst ein paar
Sekunden, bevor Sie gegangen sind, erfahren.«
»Tja, jetzt kennen Sie ihn.«
»Ja, und es überrascht mich nicht, dass Sie ein Tackett sind. Arroganz liegt bei Ihnen
anscheinend in der Familie.«
»Hier geht es nicht um die Tacketts. Es geht um Sie. Was zum Teufel haben Sie in unserer Stadt
zu suchen?«
»In Ihrer Stadt? Merkwürdig, das ausgerechnet von jemandem zu hören, der kaum hier ist. Clark
hat mir erzählt, Sie seien so gut wie nie in Eden Pass. Welchem Anlass verdanken wir denn die
Ehre Ihres Besuches?«
Er kam einen drohenden Schritt auf sie zu. »Ich habe Ihnen vorhin schon gesagt – lassen Sie das
dumme Gequatsche. Ich bin nicht hergekommen, um mit Ihnen zu plaudern. Also lenken Sie
jetzt nicht vom Thema ab!«
»Und das wäre?«
»Was Sie hier zu suchen haben!«, brüllte er.
Plötzlich schwang die Tür auf, und Nancy steckte den Kopf herein. »Dr. Mallory? Ist … Kann
ich Ihnen irgendwie helfen?«
Key zuckte nicht mal mit der Wimper; er ließ sich nicht anmerken, dass er die Unterbrechung
überhaupt wahrnahm.
Unterbewusst hatte sich Lara auf diesen Zusammenstoß schon vorbereitet, und sein wütender
Auftritt kam nicht überraschend für sie. Da sich die Konfrontation ohnehin nicht vermeiden ließ,
beschloss sie, es lieber gleich hinter sich zu bringen.
Sie warf der Schwester einen Blick zu. »Nein, danke, Nancy. Beruhigen Sie irgendwie die
Patienten, bis ich hier fertig bin.« Dann, in Keys zorniges Gesicht schauend, fügte sie hinzu: »Ich
werde schon mit Mr. Tacketts unbegründetem Temperamentsausbruch zurechtkommen.«
Nancy missbilligte Laras Entscheidung offensichtlich, ließ sie aber dennoch allein. Lara deutete
auf einen Stuhl. »Setzen Sie sich, Mr. Tackett. Sie sehen aschfahl aus.«
»Ich bin in Ordnung.«
»Kaum. Sie schwanken ja.«
»Ich habe gesagt, ich bin okay«, wiederholte er gereizt.
»Nun gut, wie Sie wollen. Aber ich denke doch, dass uns beiden nicht daran gelegen ist,
Zuhörer zu haben, würden Sie also bitte etwas leiser sprechen?«
Er stützte sich auf die Krücken und beugte sich vor, bis sein Gesicht nur noch Zentimeter von
ihrem entfernt war. »Sie wollen nicht, dass uns jemand zuhört, weil Sie Angst haben, dass die
Handvoll Leute, die noch nicht wissen, dass man Sie mit nacktem Arsch bei meinem Bruder im
Bett erwischt hat, es erfahren.«
Sie hatte diese Worte schon so viele Male gehört, und dennoch hatten sie nichts von ihrer
Gemeinheit eingebüßt. Die Zeit schien ihre Wirkung nicht zu mildern.
Sie wandte ihm den Rücken zu und ging zum Fenster, das den Blick auf den Schotterparkplatz
hinter dem Haus freigab. Eine der Patientinnen aus dem Wartezimmer stieg soeben in ihr Auto.
Sie hätte nicht verlegener aussehen können, wenn sie einen Zeitschriftenladen mit einer Tüte
voller Pornomagazine verlassen hätte. Ihr anfahrender Wagen wirbelte eine Staubwolke auf.
Sie zu beobachten ließ Lara Zeit, eine Antwort zu finden. »Ich versuche mein Bestes, den
Zwischenfall mit Ihrem Bruder zu vergessen und mit meinem Leben fortzufahren.«
Sie drehte sich wieder zu ihm um, fühlte sich mit der Distanz zwischen ihnen wesentlich
wohler, obwohl er trotz der Entfernung noch immer bedrohlich wirkte. Er hatte sich auch heute
nicht rasiert und wirkte zerknitterter als in der Nacht zuvor. Am erschreckendsten aber war seine
ungeheure sexuelle Ausstrahlung. Sie spürte sie. Intensiv. Und dass sie das tat, schien ihn in seiner
geringschätzigen Meinung von ihr zu bestätigen, was ihr alles andere als recht war.
Den Blick senkend, sagte sie: »Verdiene ich keine zweite Chance, Mr. Tackett? Was geschehen
ist, liegt sehr lange zurück.«
»Ich weiß, wie lange es her ist. Genau fünf Jahre. Jeder in diesem Land erinnert sich an das
Datum, weil Sie, als man Sie an diesem Morgen im Bett mit meinem Bruder erwischt hat, den
Anfang von seinem Ende heraufbeschworen haben. Sein Leben war danach nie wieder dasselbe.«
»Meines aber auch nicht!«
»Das glaube ich gern«, schnaubte er sarkastisch. »Seitdem gelten Sie schließlich auch als die
Femme fatale der Nation.«
»Was ich mir nicht ausgesucht habe!«
»Daran hätten Sie denken sollen, bevor Sie mit Clark ins Bett gestiegen sind, verdammt.« Er
schüttelte verständnislos den Kopf. »Möchte wissen, was in Ihnen vorgegangen ist, fremdzugehen,
während der Ehemann nebenan im Zimmer schläft.«
Sie hatte gelernt, ihre Gefühle zu verbergen, weil sie anders nicht überlebt hätte. Als der Skandal
damals auf seinem Höhepunkt gewesen war, war sie fast nur noch mit einer undurchdringlichen
Maske herumgelaufen, die nichts von dem, was sie dachte oder fühlte, verriet. Diese Technik
wandte sie auch jetzt an. Um sich nicht durch die Stimme zu verraten, schwieg sie.
»Ein paar Sachen sind mir allerdings noch unklar«, sagte Key. »Klären Sie mich auf.«
»Ich habe diese Unterhaltung nicht gesucht. Abgesehen davon warten dort draußen Patienten
auf mich.«
»Ich bin auch Patient bei Ihnen – schon vergessen?« Er stellte die Krücke an den Tisch und
humpelte auf sie zu. »Ich bestehe auf einer gründlichen Behandlung.«
Die Anspielung war nicht zufällig. Sein unverschämtes Grinsen diente zur Unterstreichung. Lara
blieb ungerührt, jedenfalls äußerlich.
»Kommen Sie, Doc. Klären Sie mich auf. Clark hatte am Abend zuvor ein Essen gegeben,
richtig?«
Lara blieb stur bei ihrem Schweigen.
»Ich habe den ganzen Tag Zeit«, warnte er. »Nichts weiter zu tun, als meinen Knöchel zu
schonen. Und das kann ich hier genauso gut wie irgendwo anders. Mir ist das egal.«
Den Sheriff anzurufen und Tackett aus ihrem Haus entfernen zu lassen war eine Möglichkeit,
aber er hatte ihr schon gesagt, dass Sheriff Baxter ein alter Freund der Familie war. Ihn da mit
hineinzuziehen würde nur noch größeren Schaden anrichten. Was nutzte es auch, die Situation
hinauszuzögern, abgesehen von dem Versuch, das Gesicht zu wahren? Und der war schon vor
Jahren gescheitert. Seitdem war sie ein Profi, wenn es darum ging, den eigenen Stolz
hinunterzuschlucken.
»Clark hatte einige Bekannte aus Washington eingeladen, einen Abend auf dem Lande zu
verbringen«, sagte sie. »Randall und ich waren auch unter den Gästen.«
»Es war nicht das erste Mal, dass Sie Clark in seinem Cottage in Virginia besuchten, stimmt’s?«
»Richtig.«
»Sie waren mit dem Haus also vertraut?«
»Ja.«
»Und zwar weil Clark Junggeselle war und Sie ihm viele Male als Gastgeberin ausgeholfen
haben.«
»Ich habe ihm mehrmals dabei geholfen, Dinnerpartys auszurichten.«
»Und dabei seid ihr beide euch nähergekommen.«
»Wir mussten die Menüfolge gemeinsam besprechen …«
»O ja, natürlich …«
»Clark war eine Person des öffentlichen Lebens. Selbst zwanglose Zusammenkünfte mussten
geplant und vorbereitet werden.«
»Habe ich das etwa bestritten?«
Seine Verachtung war mindestens so verletzend wie seine wütenden Anschuldigungen. Lara
bemerkte mit einem Mal, dass sie die ganze Zeit über die Fäuste geballt hatte. Sie zwang sich
dazu, die Hände zu entspannen.
»Die Planung und Vorbereitung dieser Dinnerpartys und so muss Sie doch eine Menge Zeit
gekostet haben.«
»Ich hatte Spaß daran. Es war eine willkommene Abwechslung zu meiner Arbeit im
Krankenhaus.«
»Mmh-hmm. Und bei dieser Arbeit sind Sie – Sie und Clark, meine ich – sich dann immer
vertrauter geworden.«
»Ja«, antwortete sie leise. »Ihr Bruder war ein charismatischer Mann. Er hatte eine starke
Ausstrahlung. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder jemanden mit so viel Energie und Verve
kennengelernt habe. Er schien immer in Bewegung, selbst wenn er ruhig dastand. Er konnte sich
begeistern für die Dinge und hatte hohe Ideale. Er hatte so ehrgeizige Pläne, nicht nur für sich
selbst, auch für die Nation. Für mich war es kein Wunder, dass die Texaner ihn in den Kongress
wählten.«
»Gleich nach seinem Abschluss in Rechtswissenschaften«, betonte Key, obwohl sie das bereits
wusste. »Er hat nur eine Amtszeit im Repräsentantenhaus verbracht, bevor er sich entschloss, für
den Senat zu kandidieren. Er hat seinen Vorgänger und Gegner um Längen geschlagen.«
»Ihr Bruder war ein Mann mit Visionen. Ich konnte ihm stundenlang zuhören. Sein
Enthusiasmus und seine Überzeugungskraft waren einfach ansteckend.«
»Klingt, als wäre es Liebe gewesen.«
»Ich habe bereits zugegeben, dass wir uns sehr nahe standen.«
»Aber Sie waren verheiratet.«
»Ja. Clark und Randall waren Freunde. Randall hat uns miteinander bekannt gemacht.«
»Aha.« Er hob den Zeigefinger. »Auch das noch. Der arme Gehörnte. Was für ein Klischee.
Immer der Letzte, der erfährt, dass seine Frau fremdgeht. Dazu noch mit seinem besten Freund.
Ist der gute Randall nicht misstrauisch geworden, als Sie die Nacht über in Virginia bleiben
wollten, statt mit den anderen Gästen zusammen nach Washington zurückzukehren?«
»Es war Clarks Idee. Er und Randall hatten eine Verabredung zum Golf für den nächsten Tag.
Es wäre albern gewesen, den ganzen Weg nach D. C. zurückzufahren, nur um am nächsten
Morgen wiederzukommen. Randall sah das auch so.«
»Das war doch bestimmt bequem für Sie, Doc. Ich meine, wenn der eigene Ehemann einem
auch noch so entgegenkommt – haben Sie vielleicht vorher auch noch mit ihm gebumst, damit er
nichts merkt?«
Sie schlug ihn. Hart. Die Bewegung kam für sie genauso überraschend wie für Key. Sie hatte in
ihrem ganzen Leben noch nie jemanden geschlagen. Sie hätte nicht gedacht, dass sie dazu
überhaupt in der Lage war.
Beherrschung zu lernen war ein wichtiger Punkt in ihrer Erziehung gewesen. Seinen Gefühlen
nachzugeben war in ihrem Elternhaus etwas Undenkbares gewesen. Lautes Lachen oder heftiges
Schluchzen, jegliche Form von Gefühlsbeweisen, wurde als unakzeptables Benehmen gewertet.
Die Fähigkeit, innerlich abzuschalten, war ihr in Washington äußerst dienlich gewesen.
Sie wusste nicht, wie Key es geschafft hatte, durch ihre Emotionsbarriere zu brechen, aber es
war ihm gelungen. Wenn ihre Handfläche nicht so schlimm gebrannt hätte, wäre es ihr
unmöglich erschienen, dass sie ihn tatsächlich geschlagen hatte.
Doch ehe sie es ganz begreifen konnte, umklammerte er ihr Handgelenk, zog sie an sich und
drehte ihr den Arm auf den Rücken. »Tun Sie das nie wieder.« Er stieß die Worte zwischen
zusammengepressten Lippen hervor. Seine Augen blickten so direkt und scharf wie Laserstrahlen.
»So dürfen Sie nicht mit mir reden.«
»Ach nein? Und warum nicht?«
»Weil Sie nicht das Recht haben, über mich zu urteilen.«
»Das sehe ich anders! In anderen Teilen der Welt werden Frauen, die untreu waren, noch
gesteinigt!«
»Wären Sie dann zufrieden, wenn man mich gesteinigt hätte? Glauben Sie mir, von den Medien
durch den Dreck gezogen zu werden ist mindestens so brutal.« Ihre Hand wurde taub. Sie spreizte
die Finger. »Sie tun mir weh.«
Er ließ sie langsam los und wich einen Schritt zurück. »Reine Reflexbewegung.«
Mehr würde sie von ihm als Entschuldigung nicht erwarten können. So merkwürdig das im
Moment auch schien, aber sie hatte das Gefühl, es täte ihm leid, ihr weh getan zu haben.
Er stöhnte auf und presste seine Hand gegen die Seite.
»Haben Sie Schmerzen?«
»Es ist nichts.«
»Soll ich Ihnen etwas geben?«
»Nein.«
Als Ärztin wollte sie ihm instinktiv zu Hilfe kommen. Aber sie tat es nicht. Zum einen würde er
ihre Hilfe ablehnen. Doch vor allem wollte sie eine Berührung vermeiden. Erst jetzt, als der
Kontakt abgebrochen war, wurde ihr bewusst, wie eng er sie an sich gedrückt hatte. Während sie
ihre Hand massierte, um das Blut zum Zirkulieren zu bringen, versuchte sie die Situation mit
Humor zu nehmen, aber mehr zur eigenen Beruhigung. »Normalerweise schlage ich meine
Patienten nicht.«
Der Aufheiterungsversuch schlug fehl. Key schmunzelte nicht einmal. Er musterte ihr Gesicht.
»Ich habe Sie gar nicht wiedererkannt von den Fotos, die ich damals gesehen habe. Sie haben sich
verändert.«
»Ich bin fünf Jahre älter geworden.«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, es ist mehr als nur das. Ihr Haar ist anders.«
Sie fasste sich unwillkürlich an den Kopf. »Ich helle es nicht mehr auf. Randall gefiel es besser,
wenn sie heller waren.«
»Ach ja, Ihr Mann. Armer Kerl. Schätze, er fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den
Füßen weggezogen, hm? Was ich mich frage, ist – warum ist er bei Ihnen geblieben?« Sein Ton
hatte die Grenze zum Sarkasmus erreicht. »Ich meine, da waren Sie, Randall Porters rechtlich
angetrautes Weib, auf dem Titelblatt des National Inquirer als Liebhaberin von Senator Clark
Tackett zu sehen. Auf den Fotos hat Randall Sie im Bademantel aus dem Bett gezerrt.«
»Sie brauchen die Story nicht zu wiederholen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Berichte.«
»Und was macht der gute Randall?«, fragte er, als hätte sie nichts gesagt. »Er arbeitet fürs
Außenministerium, richtig? Ein Diplomat. Man könnte annehmen, er wäre sehr wortgewandt,
hätte auf alles eine Antwort. Aber streitet er die Anschuldigungen etwa ab? Nein. Tritt er vor und
nimmt Sie in Schutz? Nein. Verbittet er sich, Sie als Betrügerin zu bezeichnen? Nein. Lässt er
erklären, Sie hätten Ihren Fehler bereut und seien zu den Wiedergeborenen Christen
übergetreten? Nein.« Er stützte die Hände auf die Knie und beugte sich vor. »Randall gibt nicht
ein einziges Statement ab. Sagt gar nichts, flüchtet mit eingezogenem Schwanz in diese
Bananenrepublik, Sie im Schlepptau. ›Kein Kommentar‹ war alles, was die Medien je aus ihm
herausgequetscht haben.« Dann zuckte er mit den Achseln. »Na ja, andererseits, was kann er auch
schon groß sagen, wenn die eigene Frau vor seiner Nase mit dem besten Freund rummacht und
diese Affäre zu einem Politikum mit nationaler Bedeutung wird?«
»Nicht viel.« Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht noch einmal die Fassung zu verlieren, so
provokativ er auch werden mochte.
»Auch wenn Randall den Märtyrertod für sein Heimatland gestorben ist – für mich bleibt er ein
Feigling.«
»Nun, ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gebeten, Mr. Tackett. Und Sie sind der Letzte, mit
dem ich mich über mein Privatleben unterhalten würde, aber da wir schon beim Thema sind –
was ist mit Ihrem Bruder? War er etwa nicht feige? Hat er vielleicht versucht, meine Ehre zu
verteidigen oder die Sache zu bestreiten?« Clark hatte sich wie ihr Mann weder entschuldigend
noch erklärend zu dem Vorfall geäußert. Er hatte es ihr allein überlassen, die Schande auf sich zu
nehmen. Das gemeinsame Schweigen der beiden Männer kam einem Eingeständnis gleich und
war für sie die schlimmste Demütigung – sowohl öffentlich wie auch privat – von allen gewesen.
»Die Bombe war geplatzt. Was konnte er schon tun?«
»Oh, er tat eine Menge. Glauben Sie etwa, dass Randall zufällig nach Montesangrines versetzt
wurde?«
»Darüber habe ich nie nachgedacht.«
»Na, dann tun Sie es eben jetzt. Das Land ist die reine Hölle«, sagte sie aufgebracht. »Eine
einzige Jauchegrube. Eine hässliche, schmutzige, korrupte Republik. Und in politischer Hinsicht
ein Pulverfass, das jeden Augenblick hochgehen konnte. Randall ist nicht freiwillig dorthin
gegangen, Mr. Tackett. Er hat um die Versetzung nicht gebeten. Ihr Bruder hat dafür gesorgt«,
sagte sie verächtlich. »Das war seine Art, mit dem Skandal umzugehen. Er hat alles unter den
Teppich gekehrt, statt sich zu stellen.«
»Wie sollte er das geschafft haben? Dank Ihnen wollte doch niemand mehr etwas mit ihm zu tun
haben. Seine sogenannten Freunde haben ihm danach doch allesamt den Rücken zugekehrt.«
»Aber im Außenministerium gab es noch einige, die ihm einen Gefallen schuldig waren. Er hat
seine Beziehung spielen lassen, und – presto – schon hatte Randall einen Posten in einem der
damals gefährlichsten Gebiete der Welt. Kennen Sie die Geschichte von König David und
Bathseba?« Ohne seine Antwort abzuwarten, erklärte sie: »König David sandte Bathsebas
Ehemann an die vorderste Kriegsfront, um ihn sprichwörtlich umkommen zu lassen. Was auch
geschah.«
»Aber da enden die Parallelen auch schon«, sagte er, ließ sich von der Tischkante gleiten und
blieb direkt vor Lara stehen. »König David behielt Bathseba bei sich. Das spricht nicht gerade für
Sie, nicht wahr?«, fragte er mit einem Schnauben. »Sie haben Clark nicht so viel bedeutet, dass er
Sie um sich haben wollte. Sie müssen wirklich eine lausige Liebhaberin abgegeben haben.«
Auf ihren Wangen erschienen Flecken des Zorns. »Nach dem Skandal gab es für Clark und mich
keine Zukunft.«
»Für ihn ganz bestimmt nicht. Sie haben ihn die politische Karriere gekostet. Er hat seiner Partei
sogar die Peinlichkeit erspart, sich noch einmal zur Wahl zu stellen. Er wusste, dass die
Amerikaner Politiker leid waren, die sich mit ihren Miezen im Bett erwischen ließen.«
»Ich bin keine Mieze!«
»Oh, ich vergaß. Sie können ja bestimmt tippen«, bemerkte er in ätzendem Ton. »Tatsache
bleibt doch, dass mein Bruder Washingtons Goldjunge war, bis Sie auftauchten. Nach diesem
bewussten Morgen wurde er zum Paria auf dem Capitol Hill.«
»Kommen Sie mir nicht mit dem ›armen Clark‹! Ihr Bruder wusste um die möglichen
Konsequenzen seines Tuns!«
»Und er war gewillt, das Risiko einzugehen?«
»Präzise.«
»Sie müssen ja die Wahnsinnsnummer im Bett sein, wenn Sie es schaffen, einen Mann um
seinen gesunden Verstand zu bringen.«
»Das ist mir einfach zu dumm, um darauf zu antworten«, schnaubte sie wütend. »Glauben Sie,
Clark war der Einzige, für den die Sache Konsequenzen hatte?« Sie legte die Hand auf die Brust.
»Auch ich habe viel verloren. Zum Beispiel meine Karriere, die mir genauso wichtig war wie
Clark die seine.«
»Sie haben das Land verlassen.«
»Darum ging es nicht. Selbst wenn ich nicht mit Randall nach Montesangrines gegangen wäre,
ich hätte nie wieder eine Anstellung in oder um Washington bekommen. Ich würde noch immer
vergeblich versuchen, irgendwo meinen Beruf auszuüben, wenn Clark mir aus lauter schlechtem
Gewissen nicht dieses Haus hier vermacht hätte.«
»Was?« Sein Kopf zuckte zurück.
Lara schnappte nach Luft. Ihm stand vor Verblüffung der Mund offen. Es war offensichtlich, dass
sein Erstaunen echt war. »Sie wussten es nicht?«
Seine Brauen zogen sich über seinem Nasenrücken gefährlich zusammen.
»Ich fasse es nicht«, murmelte sie. Sorgfältig seine Reaktion beobachtend, fuhr sie fort: »Clark
hat Dr. Patton die Praxis abgekauft, als der sich zur Ruhe setzte. Danach hat er sie mir
überschrieben.«
Er starrte sie mehrere gespannte Augenblicke an – es fiel ihr schwer, seinem intensiven Blick
standzuhalten, doch sie tat es, ohne zu blinzeln. Verwirrung und Misstrauen drückten sich in
seinen Augen aus. »Sie lügen.«
»Sie müssen mir nicht glauben, Sie können sich im Rathaus selbst davon überzeugen.«
»Ich war dabei, als Clarks Testament verlesen wurde, und Sie wurden mit keinem Wort darin
erwähnt.«
»Er hat es so arrangiert. Fragen Sie Ihre Schwester, Ihre Mutter. Sie hat mir wiederholt gedroht,
das Erbe anzufechten, aber Clark hat dafür gesorgt, dass sein Vermächtnis nicht angezweifelt
werden kann.« Sie richtete sich auf. Keys Unwissenheit über diese Tatsache verschaffte ihr einen
Vorteil. »Ich habe es selbst erst nach seinem Tod erfahren. Sein Anwalt hat mich benachrichtigt.
Ich war geschockt, dachte, es müsste ein Irrtum sein, weil Clark und ich seit dem Skandal
keinerlei Kontakt mehr gehabt hatten.«
»Sie erwarten, dass ich Ihnen das glaube?«
»Es ist mir, verdammt noch mal, egal, ob Sie es glauben oder nicht!«, erwiderte sie patzig.
»Mein Bruder soll Ihnen einfach so ein Anwesen vermacht habe, das mehrere Hunderttausend
wert ist?« Er schnaubte verächtlich. »Unsinn. Sie müssen ihm das eingeredet haben.«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, wir haben uns seit damals weder gesehen noch gesprochen«,
beharrte sie. »Ich wollte es nicht. Wieso hätte ich mit einem Mann sprechen sollen, der mich im
Stich gelassen und an einen gottverlassenen Ort verbannt hat? Der entscheidend
mitverantwortlich war für den Tod meines …« Sie brach ab.
»… Mannes?« Key grinste gehässig. »So schnell vergessen?«
»Nein, Mr. Tackett. Für den Tod meines Kindes.« Sie wandte sich ab, aber nur, um ein Foto
vom Tisch zu nehmen. Mit ausgestrecktem Arm hielt sie es ihm direkt vors Gesicht.
»Darf ich vorstellen – Ashley. Meine kleine Tochter. Mein wunderbares Baby. Sie wurde auch
in Montesangrines getötet. Oder wie Sie es so treffend ausdrückten: Sie starb den Märtyrertod im
Dienst an ihrem Land.« Lara traten die Tränen in die Augen und ließen Keys Bild verschwimmen.
Dann drückte sie plötzlich das Foto fest an ihre Brust.
Key murmelte eine Art Entschuldigung. Nach einer langen Pause sagte er: »Das mit Ihrem Kind
tut mir leid. Ich war damals in Frankreich und habe in einer englischen Zeitung darüber gelesen.
Ich erinnere mich auch, dass Clark an der Trauerfeier für Porter und Ihre Tochter teilgenommen
hat.«
»Ja, Clark war da, aber ich nicht. Ich lag noch im Krankenhaus von Miami und erholte mich
von meinen Verletzungen.« Müde strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und stellte die
Fotografie zurück an ihren Platz. »Ihr Bruder hat nicht versucht, Kontakt zu mir aufzunehmen,
und darüber war ich erleichtert. Ich glaube, ich hätte ihn damals umbringen können, weil er
maßgeblich für die Verbannung nach Montesangrines verantwortlich gewesen war.«
»Aber so sehr gehasst, dass Sie sein Vermächtnis an Sie abgelehnt hätten, haben Sie ihn
offensichtlich nicht.«
»Nein. Wegen meines schlechten Rufs bekam ich keine Arbeit mehr. In all den Jahren nach
meiner Genesung ist es mir nicht gelungen, irgendwo länger zu bleiben – ich war immer nur so
lange angestellt, bis die Bosse daraufkamen, dass Dr. Lara Mallory eigentlich Lara Porter heißt. Es
war nicht wichtig, wie gut ich in meinem Job war, man forderte mich jedes Mal auf zu gehen.
Clark muss davon gewusst haben. Und er glaubte offenbar, dass er mir etwas schuldig war für all
das, was ich verloren hatte. Es war sein Versuch, meine berufliche Zukunft zu sichern. Wieso
hätte er mir sonst eine voll ausgestattete Praxis schenken sollen?« Spekulativ neigte sie den Kopf
zur Seite. »Merkwürdig, dass er, nur wenige Tage nachdem er diesen Zusatz ins Testament hatte
aufnehmen lassen, ertrank.«
Er reagierte auf die Bemerkung sichtlich gereizt. Es war ihm anzusehen, noch ehe er etwas sagte.
»Was zum Teufel wollen Sie damit andeuten?«
»Sie haben doch sicher auch die Gerüchte über seinen Tod gehört. Die Spekulation, dass es kein
Unfall war, sondern Selbstmord.«
»Sie sind doch krank«, zischte er. »Genau wie alle anderen, die das allen Ernstes annehmen.
Clark ist zum Angeln auf den See hinausgefahren. Wie ich ihn kenne, war er wahrscheinlich zu
stur, um die Schwimmweste anzulegen. Ich hätte es ja auch nicht gemacht.«
»Clark war ein guter Schwimmer. Er hätte sich an Land retten können.«
»Normalerweise«, entgegnete er. »Irgendetwas muss passiert sein.«
»Was denn? Es war kein Sturm an diesem Tag, es gab keine Probleme mit dem
Außenbordmotor. Das Boot ist nicht gekentert. Was könnte denn Ihrer Meinung nach passiert
sein?«
Er kaute auf seiner inneren Wange. Er wusste auch keine Antwort. »Ich weiß nur, dass mein
Bruder sich niemals das Leben genommen hätte. Und was immer der Grund dafür gewesen sein
mochte, dass er Ihnen das Haus hier kaufte, er hat ihn mit ins Grab genommen.«
»Der Grund ist nicht mehr wichtig, oder? Ich bin jetzt hier.«
»Was mich zu meiner anfänglichen Frage zurückbringt. Weshalb sind Sie hergekommen? Clark
war der Lieblingssohn der Stadt. Sie gelten als die Hure, die seine politische Karriere zerstört hat.
Meine Mutter wird dafür sorgen, dass sich an diesem Ruf nie etwas ändert.« In Anbetracht der
aufgebrachten Atmosphäre wäre es nicht sonderlich geschickt gewesen, den wahren Grund ihrer
Anwesenheit in Eden Pass zu nennen. Das hatte Zeit, bis sich die Feindseligkeit zwischen ihnen
gelegt hatte – falls das überhaupt möglich war. Im Moment war es sicherer, auf seine letzte
Bemerkung einzugehen.
»Ich habe keinen Zweifel, dass sie das versucht.«
»Ist das hier …« – er beschrieb mit der Hand einen Kreis – »… wirklich den ganzen Kummer
wert? Und glauben Sie mir, Jody weiß, wie man Kummer bereitet.«
»Ich möchte praktizieren, Mr. Tackett. Ich bin eine gute Ärztin. Ich erwarte nicht mehr, als
ungestört arbeiten zu können.«
»Das wird nicht ganz so einfach werden, denke ich. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Ihr
Leben hier in Eden Pass die Hölle wie ein Kinderspielplatz aussehen lassen wird.«
»Soll das eine Drohung sein?«
»Nein, eine reine Feststellung, Doc. Niemand in Eden Pass wird es wagen, es sich mit Jody zu
verscherzen, indem er bei Ihnen Patient wird. Darauf können Sie sich verlassen. Zu viele
Familien sind finanziell von Tackett Oil abhängig. Die werden es eher in Kauf nehmen, vierzig
Meilen für ein Aspirin zu fahren, statt Ihre Schwelle zu übertreten.« Er grinste. »Es wird lustig sein
zu beobachten, wie lange es dauert, bis Sie einpacken und dahin verschwinden, woher Sie
gekommen sind. Und bevor das passiert, werden wir noch Spannendes zu sehen bekommen.
Vielleicht sollten wir Ihnen dankbar sein, weil Sie ein bisschen Abwechslung in das Kaff bringen.«
Er klemmte die Krücken unter die Achseln und humpelte in Richtung Ausgang.
Dann drehte er sich noch einmal um und sah Lara abschätzend von oben bis unten an. »Clark
war ein verdammter Narr, sein Leben für eine Frau hinzuschmeißen. Ich kann es mir nur so
erklären, dass Sie wirklich heiß im Bett sind. Aber kann ein Fick mit Ihnen wirklich so toll sein,
dass man dafür alles aufs Spiel setzt? Das bezweifle ich stark.« Sein Blick wanderte über ihren
Körper. »So gut sehen Sie nicht aus.«
Er ließ die Tür hinter sich offen stehen, ein eindeutiges Zeichen der Verachtung. Lara wartete,
bis sie ihn durch die Haustür gehen hörte, und setzte sich erst dann hin. Ihre Knie fühlten sich
weich an. Sie stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und barg ihr Gesicht in den Händen. Ihre
Stirn war kühl und feucht, aber ihre Wangen glühten.
Sie senkte die Hände und betrachtete das Foto von Ashley. Traurig lächelnd, strich sie über die
pummeligen Wangen ihrer Tochter, doch alles, was sie spürte, war kaltes, abweisendes Glas. Aus
diesem unschuldigen Lächeln, den blitzenden Augen zog Lara ihre Kraft. Sie würde jeden
Widerstand, jede Härte, die ihr die Tacketts entgegenbringen konnten, überwinden, bis sie
bekam, was sie wollte.
Nancy rauschte herein. »Dr. Mallory, sind Sie in Ordnung?«
»Ich kann ihn zwar nicht weiterempfehlen«, antwortete sie und zwang sich zu einem Lächeln,
»aber ja, mir geht es gut.«
Die Schwester verschwand und kam gleich darauf mit einem Glas Eiswasser in der Hand zurück.
»Trinken Sie das. Oder möchten Sie was Stärkeres? Key Tackett hat das Talent, einen völlig
durcheinanderzubringen.«
»Danke.« Lara trank gierig. »Nur zu Ihrer Information, Nancy, er war letzte Nacht hier. Er hatte
sich den Knöchel verstaucht und dachte, Dr. Patton sei noch hier.« Um Key und sich selbst zu
schützen, verschwieg sie die Schusswunde, die sie eigentlich den Behörden hätte melden müssen.
Ohne aufgefordert zu sein, ließ sich Nancy auf den Stuhl am Schreibtisch plumpsen. »Key
Tackett war schon immer ein gemeiner Kerl. Ich weiß noch, wie er einmal eine Klapperschlange
in einem Sack mit zur Schule brachte und uns Mädchen damit terrorisierte. Gott weiß, wie er es
geschafft hat, nicht selbst gebissen zu werden. Ich glaube, die Schlange hatte zu viel Respekt vor
ihm und wollte sich nicht mit ihm anlegen. Er sieht toll aus, aber das weiß er selbst auch ziemlich
gut. Für diese blauen Augen und dieses Grinsen haben schon viele die Beine breitgemacht. Ich
glaube, er ist bestimmt auch dabei phantastisch. Übung hatte er ja genug. Die Frauen würden
Schlange stehen, um mir recht zu geben. Na ja, ich für meinen Teil fand allerdings immer, dass er
ein eingebildetes Arschloch ist.«
Lara zwang sich zu einem Lächeln und sagte: »Nancy, ich würde gern noch ein paar Minuten
allein sein und mich ein bisschen frisch machen, bevor der nächste Patient drankommt.«
»Ach, Dr. Mallory«, sagte Nancy schonend, »einem Patienten nach dem anderen fiel plötzlich
etwas ein, was sie ›unbedingt‹ noch erledigen müssen.« Dann schickte sie alle Formalitäten zum
Teufel und fügte hinzu: »Süße, da draußen wartet keine Menschenseele auf uns.«
Kapitel 5

Janellen saß hinter ihrem Schreibtisch im Bürogebäude des Tackett-Konzerns. Der quadratische
Bau war zu Clark seniors Glanzzeit errichtet worden, von Männern für Männer entworfen. Jody
hatte keinen Gedanken an so etwas wie Dekor verschwendet. Die meisten der Männer hier
arbeiteten schon seit vielen Jahren für Tackett Oil und waren an das Gebäude gewöhnt und
zufrieden damit, so wie es war. Und obwohl Janellen hier mehr Zeit als jeder andere verbrachte,
war ihr niemals in den Sinn gekommen, es renovieren oder verschönern zu lassen, nur um es
gemütlicher zu haben.
Die einzige persönliche Note, die sie hinzugefügt hatte, war ein Efeu, den sie in einen Tontopf
in der Form eines Häschens gepflanzt hatte. Das Häschen kauerte in einer Ecke ihres
Schreibtischs, fast verdeckt unter einem Berg an Briefen, Rechnungen und anderer
Korrespondenz.
Für Janellen war es eine Frage des Stolzes, das Büro in Schuss zu halten. Jeden Morgen, Punkt
neun, schloss sie es auf, hörte den Anrufbeantworter ab, kontrollierte das Fax, ob über Nacht
Sendungen eingetroffen waren, und sah dann in ihrem großen Kalender nach, auf dem sie alles
Mögliche eintrug, angefangen von »Kirche anrufen wg. Blumen für den Altar« bis zum
Geburtstag ihres verstorbenen Vaters und »Zahnarzttermin, Longview«.
An diesem Morgen jedoch war sie noch ganz in Gedanken bei ihrer Mutter, deren Gesundheit
und der Feindseligkeit zwischen ihr und Key. Seit dem Morgen nach seiner Rückkehr hatten sie
sich nicht mehr gestritten, doch die Atmosphäre knisterte vor Spannung, wenn sich beide im
selben Raum aufhielten.
Janellen versuchte ihr Bestes, als Puffer zu wirken, doch ohne großen Erfolg. Jody hatte über die
gut funktionierende Gerüchteküche von Eden Pass von Keys zweitem Besuch in Lara Mallorys
Praxis erfahren. Sie warf ihm vor, ungehorsam zu sein, woraufhin er sie daran erinnerte, dass er
kein Kind mehr war, dem man sagen musste, was es zu tun oder zu lassen hatte. Sie sagte, er hätte
sich zum Narren gemacht; er sagte, da hätte er ein phantastisches Vorbild gehabt.
Und so weiter und so fort.
Die gemeinsamen Mahlzeiten waren besonders qualvoll. Es fiel Janellen zu, so etwas wie
Konversation zu entwickeln, was sich als äußerst strapaziös erwies. Jody war noch nie eine große
Rednerin bei Tisch gewesen und war es jetzt umso weniger.
Key war zugutezuhalten, dass er sich wenigstens bemühte. Er unterhielt sie mit Anekdoten von
seinen Reisen. Aber Jody fand seine Geschichten nicht amüsant. Sie erstickte jeglichen Ansatz von
Humor und kam immer wieder auf das Thema Dr. Mallory zurück, womit sie es regelmäßig
schaffte, Keys Zorn zu entfachen. Sobald sie mit dem Essen fertig waren, suchte er nach einer
Ausrede, das Haus zu verlassen. Janellen wusste, dass er trinken ging, weil er selten vor
Morgengrauen zurückkam und für gewöhnlich schwankenden Schrittes die Treppe hinaufging.
Wahrscheinlich hatte er auch Frauen, aber was dieses Thema anging, versagte die
Gerüchteküche von Eden Pass.
Seit einer Woche war Key jetzt daheim, doch seine Anwesenheit im Haus hatte den genau
gegenteiligen Effekt, den Janellen sich erhofft hatte. Statt Jody aufzumuntern, machte er sie nur
noch unwirscher. Es war merkwürdig. Wenn er fort war, beschwerte sich Jody, dass er nie etwas
von sich hören ließ, und sorgte sich um sein Wohlergehen. Sie zeigte ihre Gefühle nicht, aber
Janellen hatte ihr oft genug den erleichterten Ausdruck auf ihrem Gesicht angesehen, wenn eine
Karte von ihm eintraf, auf der er sie wissen ließ, dass es ihm gutging.
Doch jetzt, da er zu Hause war, war ihr nichts mehr recht. Wenn er schweigsam war, triezte sie
ihn. Wenn er sich mit ihr versöhnen wollte, wies sie ihn zurück. Sie sprang auf die leiseste
Provokation an, und wie Janellen zugeben musste, konnte ihr Bruder sehr provokant sein. Die
beiden schienen sich einfach nicht zu vertragen. Sie waren wie Wasser und Öl.
An dem Abend, als er sie auf Clarks Verfügung im Testament angesprochen hatte, war es zu
einer besonders hässlichen Szene gekommen. »Warum bin ich nicht darüber informiert worden,
dass Clark das Haus Lara Mallory übereignet hat?«
»Weil es dich nichts anging«, hatte Jody geschnaubt. Für sie war Clarks Entschluss absolut
unverständlich. Janellen wusste, wie sehr sie sich darüber grämte. Es wäre ihr lieber gewesen, Key
hätte es nie erfahren. Da es schon passiert war, wünschte sie, er hätte Jody nie darauf
angesprochen.
»Weil es mich nichts anging?«, wiederholte er ungläubig. »Findest du nicht, dass ich ein Recht
darauf habe, von einem derart dummen Entschluss in Kenntnis gesetzt zu werden? Immerhin
betrifft er uns alle.«
»Ich weiß nicht, was Clark zu diesem Schritt veranlasst hat«, hatte Jody geschrien. »Aber ich
weiß, dass du als Letzter das Recht hast, deinen Bruder dumm zu nennen!«
»Das habe ich nicht getan! Ich habe gesagt, der Entschluss war dumm!«
»Das ist dasselbe.«
Die darauffolgende hitzige Auseinandersetzung hatte über eine halbe Stunde gedauert – mit dem
Ergebnis, dass Key furchtbar wütend war und Jodys Blutdruck in die Höhe schoss. Niemand
würde je erfahren, was Clark zu dem Entschluss bewegt hatte. Janellen fand es müßig, den Grund
für sein Handeln zu suchen. Sie konnte nur eines ganz sicher sagen, nämlich, dass ihr älterer
Bruder entsetzt gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, was er damit ausgelöst hatte. Ihr Zuhause
war ein unfreundlicher, feindseliger Ort geworden. Janellen bemühte sich verzweifelt, das zu
ändern. Bisher vergeblich.
»Ma’am?«
Sie war so in Gedanken versunken, dass sie unwillkürlich beim Klang der männlichen Stimme
hochschreckte. Der Mann stand in der Tür, die Sonne im Rücken und das Gesicht im Schatten.
Es war ihr peinlich, beim Tagträumen ertappt worden zu sein. Sie kam sofort auf die Füße und
strich unsicher ihre Bluse glatt. »Oh, entschuldigen Sie. Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?«
»Schon möglich. Hoffe ich jedenfalls.«
Er nahm seinen Strohhut ab und kam näher. Seine Beine waren leicht krumm. Er war ein gutes
Stück kleiner als Key, nicht ganz eins achtzig, schätzte sie. Er war nicht unbedingt muskulös,
wirkte aber drahtig und kräftig. Seine Kleidung war sauber und schien neu zu sein.
»Ich such einen Job, Ma’am. Hab mich gefragt, ob Sie vielleicht etwas hätten.«
»Tut mir leid, aber wir stellen momentan leider niemanden ein, Mr. … «
»Cato, Ma’am. Bowie Cato.«
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Cato. Ich bin Janellen Tackett. An welche Art Arbeit
hatten Sie gedacht? Wenn Sie neu in der Gegend sind, könnte ich Sie vielleicht an ein anderes
Unternehmen weiterempfehlen.«
»Danke für das Angebot, aber machen Sie sich keine Mühe. Ich habe mich schon überall
umgehört. Hab mir das Beste bis zum Schluss aufgehoben, sozusagen«, fügte er mit einem Grinsen
hinzu. »Scheint, dass momentan keiner Leute einstellt.«
Sie schenkte ihm ein mitfühlendes Lächeln. »Ich fürchte, das ist leider nur zu wahr, Mr. Cato.
Die wirtschaftliche Lage in Ost-Texas ist ziemlich angespannt, besonders bei uns in der
Ölbranche. Es gibt praktisch keine neuen Testbohrungen. Natürlich wird an den bereits
existierenden Quellen noch gefördert.«
Seine betrübte Miene hellte sich auf. »Na ja, Ma’am, das ist genau mein Job. Was ich gelernt
habe – als Pumper. Habe für ein anderes Unternehmen mehrere Quellen gewartet.«
»Dann haben Sie Erfahrung? Sie kommen aus der Branche?«
»O ja, Ma’am. Von drüben, aus West-Texas. Bin in einem kleinen Pisskaff – oh, verzeihen Sie,
in einer Kleinstadt aufgewachsen, bei Odessa. Habe auf den Permian-Basin-Feldern gearbeitet,
seit meinem zwölften Lebensjahr.« Er hielt inne, als wollte er ihr die Möglichkeit lassen, es sich
noch einmal zu überlegen, jetzt, da sie seine Qualifikationen kannte. Als sie nichts sagte, ließ er
resigniert den Kopf sinken. »Na, jedenfalls danke, Ma’am.«
»Warten Sie!« Als Janellen merkte, dass sie ihm bereits automatisch die Hand entgegengestreckt
hatte, zog sie sie hastig wieder zurück und presste sie an den Bauch.
Er musterte sie neugierig. »Ja, Ma’am?«
»Wenn Sie schon einmal hier sind, könnten Sie doch einen Bewerbungsbogen ausfüllen. Sobald
wir wieder eine freie Stelle haben … Ich denke da an nichts Konkretes, aber es kann ja nichts
schaden, wenn ich den Bogen schon mal dahätte.«
Er überlegte einen Moment. »Ja, ich denke, schaden könnte es nicht.«
Janellen nahm wieder Platz und deutete auf einen Stuhl. In der untersten Schublade bewahrte sie
neben anderen Unterlagen auch einen Stapel Bewerbungsbögen auf. Sie reichte ihm einen.
»Brauchen Sie etwas zu schreiben?«
»Ja, bitte.«
»Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?«
»Nein, danke.«
Er nahm den Stift, den sie ihm gegeben hatte, neigte den Kopf und fing an, den Bogen
auszufüllen.
Janellen schätzte ihn auf Keys Alter, obwohl er mehr Charakterfalten im Gesicht trug als ihr
Bruder und sich an den Schläfen das erste Grau zeigte. Sonst war sein Haar braun. Sein Hut hatte
einen ringförmigen Abdruck darin hinterlassen.
Er schaute plötzlich auf, und ihre Blicke trafen sich. Ohne nachzudenken, platzte sie heraus: »M-
möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee?« Dann erinnerte sie sich, dass sie ihm vor zehn
Sekunden bereits schon einmal eine angeboten hatte. »Tut mir leid. Ich hatte Sie schon gefragt,
nicht wahr?«
»Ja, Ma’am. Das ist sehr nett, aber ich möchte keinen Kaffee. Danke.« Er wandte sich wieder der
Bewerbung zu.
Janellen spielte mit einer Büroklammer und wünschte sich insgeheim, sie hätte das Radio vorhin
nach den Nachrichten noch angelassen, wünschte sich irgendein Geräusch, das die furchtbare
Stille überbrücken würde; wünschte sich, sie wäre nicht so hilflos, wenn es um Smalltalk ging.
Schließlich war er fertig mit Ausfüllen und gab ihr Blatt und Stift zurück. Sie überflog die Daten
in den oberen Reihen und stellte erstaunt fest, dass er wesentlich jünger war als Clark, tatsächlich
sogar zwei Jahre jünger als sie selbst. Er musste ziemlich harte einunddreißig Jahre hinter sich
haben.
Ihr Blick wanderte weiter hinunter. »Sie sind momentan in der Palme angestellt, in diesem
Schuppen?«
»Das stimmt, Ma’am.« Er räusperte sich und hob unbehaglich die Schultern. »Na ja, ist nur
vorübergehend. Kein fester Job.«
»Das sollte nicht abwertend klingen«, versicherte sie hastig. »Irgendjemand muss ja dort
arbeiten.« Auch das klang wie eine Beleidigung. Sie biss sich auf die Unterlippe. »Mein Bruder ist
dort praktisch Stammgast.«
»Ja, hab ihn schon öfter dort gesehen. Sie allerdings noch nie.«
Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass er ein Grinsen unterdrückte. Nervös fasste sie sich an den
Kragen ihrer Bluse und fing an, mit den Knöpfen zu spielen. »Nein, ich … äh, ich war noch nie
dort.«
Sie befeuchtete sich die Lippen. »Mal sehen«, sagte sie mit dem Blick auf die Bewerbung. »Vor
der Palme haben Sie im Staats …«
Sie stolperte über das deutlich ausgeschriebene nächste Wort. Sie war zu verblüfft, um ihn
ansehen zu können, und starrte so lange vor sich auf das Blatt, bis die Zeilen verschwammen.
»Das stimmt schon, Ma’am«, sagte er leise. »Ich habe im Staatsgefängnis von Huntsville
eingesessen. Ich bin auf Bewährung. Deshalb brauche ich auch dringend einen Job.«
Sie nahm all ihren Mut zusammen und hob den Blick. »Ich bedaure aufrichtig, aber ich habe
nichts für Sie, Mr. Cato«, sagte sie und merkte konsterniert, dass sie es tatsächlich so meinte.
»Schon gut«, sagte er und erhob sich. »Ich wusste, dass es nicht klappt.«
»Warum sagen Sie so etwas?«
Er zuckte mit den Achseln. »Als Exknacki und so …«
Sie hatte nicht vor, zu lügen und zu behaupten, dass seine Vorstrafe keinen Einfluss auf seine
Chancen auf einen Job bei Tackett Oil gehabt hätte. Jody wäre strikt dagegen, ihn einzustellen.
Doch Janellen war nicht wohl dabei, ihn ohne ein ermunterndes Wort gehen zu lassen. »Haben
Sie noch etwas anderes in Aussicht?«
»Nicht dass ich wüsste.« Er setzte seinen Hut wieder auf und zog ihn tief in die Stirn. »Danke,
dass Sie sich Zeit für mich genommen haben, Miss Tackett.«
»Auf Wiedersehen, Mr. Cato.«
Er ging rückwärts aus dem Büro, schloss die Tür hinter sich, schlenderte über die Betonveranda
und lief die Stufen zu seinem Pick-up hinunter.
Janellen sprang auf und lief eilig zur Tür. Sie beobachtete durch die Jalousie, wie er davonfuhr.
Er bog auf den Highway ein.
Noch deprimierter als zuvor setzte sie sich wieder an den Schreibtisch. Der Papierkram wartete
auf sie, aber sie war zu sehr in Gedanken, um sich mit der gewohnten Disziplin daranzusetzen.
Stattdessen nahm sie noch einmal den Bewerbungsbogen von Bowie Cato zur Hand und las
sorgfältig jede einzelne Stelle.
Bei Familienstand hatte er »ledig« angekreuzt und die Zeile unter »nächste Familienangehörige«
freigelassen. Mit einem Mal wurde Janellen sich bewusst, dass sie ihn hatte ausspionieren wollen.
Es gab gar keine freie Stelle, die sie ihm hätte anbieten können, selbst wenn Jody einverstanden
wäre, einen ehemaligen Sträfling zu beschäftigen.
Wütend über sich selbst, dass sie den halben Morgen vertrödelt hatte, verstaute sie den
Bewerbungsbogen von Bowie Cato in der Schublade und machte sich an die Arbeit.
»Fergus, um Himmels willen nicht diese Krawatte!«, rügte Darcy Winston mit einem tiefen
Seufzer ihren Mann. »Siehst du denn nicht, dass die nicht zu deinem Hemd passt?«
»Zuckerschnäuzchen, du weißt doch, ich bin völlig farbenblind«, antwortete er mit einem
unschuldigen Achselzucken.
»Mag sein, ich aber nicht. Binde diese hier um.« Sie nahm eine andere Krawatte vom Bügel und
warf sie ihm zu. »Und beeil dich. Schließlich sind wir die Hauptattraktion des Abends, und
deinetwegen werden wir noch zu spät kommen.«
»Ich habe mich doch schon für meine Verspätung entschuldigt. Eine Busladung Rentner aus
Fayetteville hat unplanmäßig Rast bei uns im Green Pine eingelegt. Siebenunddreißig an der Zahl.
Ich bin an der Rezeption eingesprungen. Ganz netter Haufen, die Leutchen. Waren vierzehn
Tage in Harlington, haben den Mex beim Bau einer Baptistenkirche geholfen. Bibelstunden und
so gehalten. Die haben erzählt, dass die kleinen Mexikanerkinder kein Eis wie … «
»Gute Güte, Fergus, das interessiert mich nicht!«, unterbrach sie ihn ungeduldig. »Bist du jetzt
vielleicht bald fertig?! Ich sehe schon mal nach, wo Heather bleibt.«
Darcy stakste über den oberen Flur ihres geräumigen Hauses zum Zimmer ihres einzigen
Kindes. »Heather, bist du so weit?«
Sie klopfte, trat aber – wie üblich –, ohne auf Antwort zu warten, ein. »Ich bin fertig, Mutter.
Ich telefoniere nur noch mit Tanner, bis wir fahren.«
»Wir fahren jetzt.« Darcy nahm ihrer Tochter den Hörer aus der Hand, sagte im zuckersüßen
Ton: »Adieu, Tanner.«, und legte auf.
»Mutter!«, rief Heather entsetzt. »Wie kannst du nur? Ich glaube, ich sterbe! Warum bist du
immer so gemein zu ihm? Wieso tust du das?«
»Weil wir in diesem Augenblick in der Schule erwartet werden, deshalb!«
»Aber es ist noch nicht mal halb sieben. Und wir sollen um sieben Uhr da sein.«
Darcy ging zum Schminktisch ihrer Tochter, suchte unter den Flakons, bis sie einen Duft fand,
der ihr gefiel, und sprühte ihn sich auf.
Pikiert fragte Heather: »Warum nimmst du nicht dein eigenes Parfüm? Du hast Dutzende
Fläschchen. Warum kommst du zu mir?«
»Du telefonierst zu viel mit Tanner«, sagte Darcy, Heathers Beschwerde ignorierend.
»Tue ich nicht.«
»Jungs stehen nicht auf Mädchen, die zu leicht zu haben sind.«
»Bitte, Mutter, wühl nicht wieder in meinem Schmuckkasten herum. Du hast letztes Mal schon
alles völlig durcheinandergebracht.« Heather langte um Darcy herum und klappte den Deckel zu.
Darcy riss ihren Arm beiseite und öffnete demonstrativ erneut die lilafarbene Samtschachtel.
»Was hast du hier drin denn versteckt, das ich nicht finden soll?«
»Nichts.«
»Falls du dir angewöhnt hast, Joints zu rauchen …«
»Habe ich nicht!«
Darcy kramte den Inhalt des Schmuckkastens durch, fand aber lediglich ein Sortiment von
Ohrringen, Armbändern, Ringen, Anhängern und die Perlenkette, die Fergus ihr am Tag ihrer
Geburt geschenkt hatte.
»Siehst du? Hab ich dir doch gesagt.«
»Nicht so frech, junge Dame.« Sie schlug den Deckel zu und musterte Heather. »Und die Hälfte
von der Schminke kommt wieder runter. Du siehst ja aus wie ein Flittchen.«
»Das stimmt nicht.«
Darcy zog ein Kleenex aus der Box und stopfte es Heather in die Hand. »Du siehst nicht nur so
aus, wahrscheinlich benimmst du dich auch wie eins, wenn du mit diesem Tanner-Jungen
ausgehst.«
»Tanner ist anständig.«
»Und Schweine können fliegen. Er will dir nur ans Höschen, so wie alle anderen Männer später
auch.«
Heathers Protest verhallte ungehört. Darcy verließ das Zimmer. Sie war zufrieden mit sich. Sie
war der Meinung, dass man Kindern nie die Oberhand lassen durfte, und so wachte sie mit
Argusaugen über ihre Tochter. Heather musste über jede freie Minute Rechenschaft ablegen.
Darcy wollte wissen, wo ihre Tochter war, mit wem sie zusammen war und wie lange sie
wegbleiben würde. Nach Darcy Winstons Ansicht konnten nur umfassend informierte Eltern die
notwendige Kontrolle über das Heranwachsen ihrer Teenager haben.
Im Großen und Ganzen war Heather auch folgsam. Ihr enger Stundenplan ließ ihr nur wenig
Zeit, in eventuelle Schwierigkeiten zu geraten, doch im Sommer, wenn die Ferien kamen, boten
sich reichhaltig Gelegenheiten für Dummheiten.
Darcys hartes Durchgreifen resultierte zum Teil aus ihren mütterlichen Instinkten, aber auch aus
den Erfahrungen der eigenen Teenagerzeit. Sie kannte sämtliche Tricks der Jugendlichen, ihre
Eltern zu hintergehen, weil sie jeden einzelnen selbst ausprobiert hatte. Gott, sie hatte sie sich
selber ausgedacht!
Wenn ihre Mutter ihr Kommen und Gehen strenger beobachtet hätte, wäre Darcys Jugend
nicht so kurz ausgefallen. Sie hätte wahrscheinlich noch nicht mit achtzehn heiraten müssen.
Ihr Vater verließ sie, als sie neun war, und obwohl Darcy zunächst Mitleid mit ihrer Mutter
verspürte, wandelte sich das Gefühl bald in Verachtung. Und mit den Jahren resultierte aus dieser
Verachtung offene Rebellion. Als sie in Heathers Alter gewesen war, zog sie mit einer wilden
Bande durch die Gegend, die sich jede Nacht betrank und des Öfteren die Sexpartner
untereinander tauschten.
Sie machte ihren Abschluss an der Highschool buchstäblich auf dem Zahnfleisch – indem sie
dem Biolehrer mit den dicken Brillengläsern und den feuchten Händen einen blies. Im
darauffolgenden Sommer wurde sie vom Schlagzeuger einer Country & Western Band
geschwängert. Sie verfolgte seine Spur bis nach De Ridder, Louisiana, wo sie ihn zur Rede stellte.
Mit dem Ergebnis, dass er abstritt, sie je im Leben gesehen zu haben. Darcy war beinahe froh, dass
er jede Verantwortung leugnete, denn er war ein elender Verlierer, ohne jedes Talent, ein Kiffer,
der sich seinen armseligen Anteil an den Bandeinnahmen in den Kopf schniefte, rauchte oder
durch die Venen jagte.
Um ihre Zukunft sah es düster aus, als sie nach Eden Pass zurückkehrte. Aus purem Zufall
stoppte sie am Green Pine Motel, um zu frühstücken, wo sie von Fergus Winston, Junggeselle in
den besten Jahren, am Eingang des Coffeeshops, das Pferdegebiss zu einem strahlenden Lächeln
verzogen, willkommen geheißen wurde.
Anstelle der Karte studierte Darcy Fergus, der die Kasse bediente. Nach der Hälfte ihrer ersten
Tasse Kaffee traf sie eine Entscheidung, die ihr Leben verändern sollte. Nach nur zwei Stunden
hatte sie einen Job. Und nach nur zwei Wochen einen Ehemann.
Fergus glaubte von ganzem Herzen, dass er es in der Hochzeitsnacht mit einer Jungfrau zu tun
hatte. Und einige Wochen später, als Darcy verkündete, sie sei schwanger, wäre es ihm niemals in
den Sinn gekommen, dass jemand anderes als er der Vater des Babys sein könnte.
Und auch in all den Jahren danach nicht, obwohl Heather, die fast acht Wochen »zu früh« kam,
ein gesundes kleines Ding von stolzen sieben Pfund gewesen war.
Fergus blieb gar keine Zeit, sich über diese Ungereimtheiten Gedanken zu machen, da Darcy
ihn mit dem Motel auf Trab hielt. Mit der Zeit gelang es ihr, ihn zu überzeugen, dass ein cleverer
Geschäftsmann investieren musste, wenn er Gewinne erzielen wollte. Und Fergus polierte den
Essensservice auf, modernisierte die Einrichtung des Motels und mietete Werbeflächen am
Highway an.
Nur in einem Punkt ließ er sich nicht reinreden. Nur er hatte Zugang zu den Büchern des Green
Pine. Wie sehr Darcy ihn auch umgarnte, er allein erledigte die Buchführung. Sie vermutete, dass
er dem Finanzamt gegenüber nicht alles angab, womit sie einverstanden war. Doch was sie
ärgerte, war, dass er wahrscheinlich einige Hintertürchen übersah, die sie hätte aufstöbern
können. Aber es war ihr in sechzehn Jahren Ehe nicht gelungen, ihn umzustimmen. Es war einer
der wenigen Streitpunkte, bei dem Darcy zurückstecken musste.
Nach einer derart langen Phase als Junggeselle strahlte Fergus vor Stolz über seine hübsche,
junge rothaarige Frau und seine Tochter und betrachtete sich als den glücklichsten Kerl auf der
Welt. Er war ein großzügiger Mann. Er baute Darcy das prachtvollste Haus in ganz Eden Pass.
Und er ließ ihr freie Hand, es aus den nobelsten Geschäften in Dallas und Houston einzurichten.
Sie fuhr jedes Jahr einen neuen Wagen. Und Fergus betete seine Tochter an, die es schaffte, ihn
genauso leicht um den kleinen Finger zu wickeln wie ihre Mama.
Er war gutgläubig und hegte kein Misstrauen, selbst dann nicht, als Darcy sich drei Monate nach
der Geburt ihrer Tochter einen Liebhaber gönnte. Es war ein Gast im Motel, ein Vertreter für
Sättel aus El Paso, auf der Durchreise nach Memphis. Sie benutzten Zimmer Nummer 203.
Fergus hatte geglaubt, sie würde für ein paar Stunden ihre Mutter besuchen.
Trotz ihrer gelegentlichen Seitensprünge war Darcy aufrichtig um ihren Mann bemüht. In der
Hauptsache, weil seine Stellung in der Gemeinde auch ihr Ansehen hob und er ihr jeden
materiellen Wunsch erfüllte. Deshalb lächelte sie ihm jetzt zu, als er Arm in Arm mit Heather die
Treppe herunterkam. »Ihr zwei gebt wirklich ein hübsches Paar ab«, sagte sie. »Die ganze Stadt
wird heute Abend da sein, und alle Blicke werden auf die Winstons gerichtet sein.«
Fergus legte ihr den Arm um die Schulter und küsste sie auf die Stirn. »Ich bin stolz, mit den
beiden hübschesten Ladys von Eden Pass auf der Bühne stehen zu dürfen.«
Heather verdrehte die Augen.
Fergus war zu ernst, um die Geste zu bemerken. »Was mir nur Sorgen macht, ist der Grund für
die Versammlung«, seufzte er, während er das Gesicht seiner geliebten Frau studierte. »Wenn ich
bedenke, was der Einbrecher dir alles hätte antun können …«
»Ja, auch ich kriege jetzt noch eine Gänsehaut.« Darcy tätschelte ihm die Wange und wand sich
dann ungeduldig aus seiner Umarmung. »Wir sollten jetzt wirklich aufbrechen, sonst kommen wir
noch zu spät. Andererseits«, fügte sie mit einem selbstzufriedenen Lachen hinzu: »Ohne uns
können sie gar nicht anfangen, stimmt’s?«
Kapitel 6

Lara hatte gute Gründe, zur Gemeindeversammlung zu gehen.


Wenn Eden Pass tatsächlich von einer Welle der Kriminalität überrollt wurde, musste sie
informiert sein. Sie lebte allein und würde Schutzmaßnahmen für sich und ihr Eigentum ergreifen
müssen. Außerdem war es wichtig für ihre weitere Zukunft in Eden Pass, dass sie am
Gemeindeleben teilnahm. Sie hatte sich bereits eine Dauerkarte für das Footballteam gekauft und
hatte eine Spende gegeben für die neue Verkehrsampel an Eden Pass’ einziger belebter Kreuzung
in der Innenstadt. Wenn sie sich regelmäßig im Supermarkt, an der Tankstelle und so weiter
sehen ließe, würden sich die Einwohner vielleicht an sie gewöhnen, sie nicht länger als
Außenseiterin betrachten und trotz Jody Tackett akzeptieren.
Der dritte Grund für ihr Kommen war mehr privater Natur. Sie fand es merkwürdig, dass die
Häufung von Verbrechen mit Key Tacketts plötzlichem Auftauchen an ihrer Hintertür und seiner
Schussverletzung zusammenfiel. Es erschien ihr unwahrscheinlich, dass er in das Haus der
Winstons eingedrungen war, um dort etwas zu stehlen, aber dieser Zufall war so groß, dass sie
sich selbst ein Bild machen wollte.
Die Aula der Highschool, der Stolz des zusammenhängenden Campusgeländes, wurde
regelmäßig als Gemeindetreffpunkt genutzt. Lara traf früh ein, trotzdem war der Parkplatz bereits
vollgestellt mit Personenwagen, Kleinlastern und Pick-ups. Die heutige Versammlung war in der
Lokalzeitung als »überlebenswichtig« eingestuft worden. Und Sheriff Elmo Baxter war mit den
Worten zitiert worden: »Jeder sollte zu diesem Treffen kommen. Die Bürger von Eden Pass
haben es selbst in der Hand, den Ausschreitungen ein Ende zu setzen, ehe die Situation außer
Kontrolle gerät. Sie sozusagen im Keim zu ersticken. Unsere Stadt ist immer eine saubere,
ordentliche kleine Stadt gewesen, und solange ich Sheriff bin, wird sich daran auch nichts
ändern.«
Seine mahnenden Worte hatten Wirkung gezeigt. Lara war nur eine von vielen, die auf die hell
erleuchtete Halle zuströmten. Doch als sie die Aula betrat, war sie sofort wieder ausgegrenzt.
Hinter ihrem Rücken wurde getuschelt. Zwar ging es im allgemeinen Trubel der Halle unter,
doch sie spürte es sehr wohl.
Bemüht, die neugierigen Blicke zu ignorieren, setzte sie ein freundliches Lächeln auf und grüßte
die Gesichter, die ihr bekannt waren – Mr. Hoskins vom Supermarkt, die Dame, die am
Postschalter arbeitete, und die eine oder andere furchtlose Seele, die es gewagt hatte, trotz Jody
Tacketts Einfluss ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.
Statt sich einen Platz in der hinteren Reihe des Auditoriums zu suchen – was angenehmer, aber
feige gewesen wäre –, bewegte sich Lara auf die Mitte zu. Sie entdeckte Nancy und Clem Baker
mit ihrem Nachwuchs. Nancy winkte ihr zu, sie solle sich zu ihnen setzen, aber Lara schüttelte
den Kopf und suchte sich einen Platz in der dritten Reihe.
Ihr Mut im Angesicht der unverhohlenen Feindseligkeit, die ihr entgegengebracht wurde, war
reine Pose. Es war unangenehm zu wissen, dass über sie geredet und gelästert wurde, dass
mindestens ein Dutzend Augenpaare auf sie gerichtet waren, die meisten davon verächtlichen
Blickes. Sie wusste, dass man sich in diesem Moment über ihr Privatleben ausließ, wenn auch in
gedämpftem Ton, damit die Kinder nicht mitbekamen, welch schamlose Person sich unter ihnen
befand.
Lara hatte keinen Einfluss darauf, was die Leute dachten oder sagten, und dennoch schmerzte es
noch immer, dass man sich über sie das Maul zerriss und es nichts gab, was sie dagegen
unternehmen konnte. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, wäre gewesen, zu Hause zu
bleiben, aber das kam für sie nicht in Frage. Sie hatte jedes Recht dazu, am Gemeindeleben
teilzunehmen. Wieso sollte sie sich vom Getratsche von Leuten einschüchtern lassen, die selbst so
wenig Rückgrat besaßen, dass sie sich von einer alten Hexe, als die sie Jody Tackett mittlerweile
sah, beeinflussen ließen?
Mrs. Tackett hatte offenbar eine weit höhere Meinung von sich. Nachdem sie – beabsichtigt –
zu spät eintraf, ging sie zielstrebig, ohne einen einzigen Gruß oder ein Nicken, nach vorn. Für sie
war Freundlichkeit entweder Zeitverschwendung oder unter ihrer Würde. In jedem Fall machte
sie nicht einmal halt, um zu antworten, wenn sie angesprochen wurde.
Ihr Verhalten war unverschämt, aber ihre äußere Erscheinung war bei weitem nicht so
imposant, wie Lara angenommen hatte. Clark hatte ihr seine Mutter so ausführlich beschrieben,
dass Lara sie auf den ersten Blick erkannte. Trotzdem entsprach sie nicht dem Bild, das sie sich im
Geiste von ihr gemacht hatte und das irgendwo zwischen Joan Crawford und Jeanne d’Arc
angesiedelt war.
Jody Tackett war eine kleine, stämmige, grauhaarige und eher durchschnittlich aussehende Frau,
die sich teuer, aber ohne Geschmack kleidete. Ihre Hände waren stumpf und schmucklos. Ihre
Züge waren grob, fast männlich, und sie strahlte einen eisernen Willen aus, für den sie berühmt
war.
Ein Raunen ging durch die Menge, als sie den Gang herunterkam. Ihr Eintreffen war
gleichbedeutend mit der Eröffnung der Versammlung. Sie war unbestritten die erste Bürgerin der
Stadt, von allen respektiert.
Lara war wahrscheinlich die einzige Anwesende im Saal, die sah, dass Jody Tackett ernstlich
krank war.
Sie hatte die verräterischen Falten eines Kettenrauchers um Mund und Augen. Ihre Haut war
aschfahl. Blaue Flecken und geplatzte Äderchen überzogen ihre Arme. Und als sie dem
Bürgermeister die Hand zum Gruß gab, sah Lara, dass die Nagelbetten geschwollen waren. Diese
Verdickung war symptomatisch für Probleme durch Arterienverkalkung.
Hinter Jody folgte eine Frau, die ungefähr in Laras Alter sein musste. Ihr Lächeln war freundlich,
aber unsicher. Sie schien sich unwohl zu fühlen, im Scheinwerferlicht ihrer Mutter stehen zu
müssen. Janellen sah genauso aus, wie Clark sie ihr beschrieben hatte. Er hatte seine Schwester
immer ein »graues Mäuschen« genannt, allerdings ohne es abwertend zu meinen.
»Daddy vergötterte sie. Wenn er nicht schon so früh gestorben wäre, wäre sie vielleicht noch
aufgeblüht. Mutter hatte nicht die Zeit, sich um sie zu kümmern. Sie war zu sehr damit
beschäftigt, das Geschäft zusammenzuhalten. Ich schätze, zwischen uns Egozentrikern, Key,
Mutter und mir, aufzuwachsen, hat sie schüchtern und zurückhaltend werden lassen. Wir haben
sie ja kaum zu Wort kommen lassen.«
Janellen hatte feingeschnittene Züge und einen hellen Teint. Ihr Mund war zu klein und ihre
Nase etwas zu lang, aber sie hatte dieselben auffallend blauen Augen wie ihre Brüder, die für alle
anderen eventuellen Makel entschädigten.
Da sie offensichtlich von Jody beeinflusst wurde, war ihr mangelnder Stil in der Kleidung nicht
verwunderlich. Doch neben Janellen sah selbst Jody noch elegant aus. Janellen fehlte jeglicher
Schick. Ihre strenge Frisur war absolut unvorteilhaft. Es hatte den Anschein, als würde sie sich
absichtlich unattraktiv machen, damit sie in der Menge unterging und unsichtbar blieb in dem
gewaltigen Schatten, den Jody warf.
Key bildete den Abschluss. Anders als seine Mutter blieb er des Öfteren im Gang stehen, um
jemanden zu begrüßen oder Anekdoten auszutauschen mit Leuten, die er offenbar länger nicht
gesehen hatte. Lara schnappte einzelne Brocken der Gespräche auf.
»Mich trifft der Schlag! Wenn das nicht Key Tackett ist!«
»Hey, Possum! Na, du hässlicher Hurensohn, wie geht’s, wie steht’s?«
Während der Mann namens Possum von seinem erfolgreichen Futter- und Düngemittelgeschäft
schwärmte, erblickte Key Lara. Als er ein zweites Mal zu ihr sah, verkrampfte sich ihr Magen. Sie
starrten sich an, bis Possum – zweifellos sein Spitzname, da der arme Kerl eine unverkennbare
Ähnlichkeit mit einer Beutelratte aufwies – ihm eine direkte Frage stellte.
»’tschuldigung, was hast du gesagt?« Key löste seinen Blick von Lara, bevor Possum oder die
anderen in seiner Umgebung erkannten, wem seine Aufmerksamkeit gegolten hatte.
»Ähm, ich sagte …« Aber die Beutelratte war so beschäftigt, die wachen Äuglein zwischen Key
und Lara hin und her wandern zu lassen, dass er sich selbst nicht mehr an seine Frage erinnerte.
Zum Glück betrat in diesem Moment der Schulrektor die Bühne und begab sich ans Rednerpult.
Er sagte etwas ins Mikrofon. Es funktionierte nicht. Nachdem er an den Anschlüssen
herumgefummelt hatte, brachte er sämtliche Trommelfelle mit einem gebrüllten »Danke, dass Sie
heute Abend so zahlreich hier erschienen sind« fast zum Platzen. Schließlich gelang es, die
Lautstärke zu regulieren, und er wiederholte seine Begrüßung.
Key versprach, sich am nächsten Tag mit der Beutelratte auf ein Bier zu treffen, und setzte sich
dann zu Jody und Janellen in die vorderste Reihe – Ehrenplätze, die der Bürgermeister für sie
reserviert hatte.
Die Versammlung wurde unter Vorsitz des Rektors eröffnet.
Er stellte die Familie Winston vor, die hinter dem goldenen Samtvorhang hervortrat. Lara
musterte sie neugierig. Dem Mädchen, einem Teenager namens Heather, schien es schrecklich
peinlich zu sein, sich mit ihren Eltern präsentieren zu müssen. Mrs. Winston wirkte so gar nicht
am Rande eines Nervenzusammenbruchs, wie der ernste Ton des Rektors hätte vermuten lassen
können, sondern strotzte förmlich vor Gesundheit und Vitalität. Ihr rotes Haar glich einem
Flammenmeer unter dem Scheinwerferlicht. Ergeben hakte sie sich bei ihrem Mann ein.
Lara misstraute ihr sofort.
Fergus war ein hochgewachsener Mann, der leicht gebeugt ging. Sein schütteres graues Haar
bedeckte nur unzureichend die zunehmende Glatze. Tiefe Lachfalten umspielten seinen Mund,
aber er lächelte nicht, als er den Platz des Rektors hinter dem Pult einnahm und begann, von dem
erschütternden Erlebnis zu berichten.
Wenn sich Lara etwas nach rechts neigte, konnte sie Key Tackett auf dem Stuhl neben seiner
Schwester sehen. Er hatte die Ellenbogen auf die Lehnen gestützt und ließ nervös die
Fingerspitzen über seine Wange gleiten. Den verletzten Fuß hatte er über das andere Bein
geschlagen. Er lümmelte in seinem Sitz, sein Blick wanderte unruhig hin und her, als fände er die
Schilderungen ungeheuer öde und wartete mit der Ungeduld eines Jungen beim Gottesdienst,
dass es vorüber sein möge.
Laras Blick schweifte zurück zur Bühne, und sie entdeckte, dass sie nicht die Einzige war, die
Key Tackett beobachtete. Mrs. Winston ließ ihn nicht aus den Augen. Ihr Ausdruck war
verschmitzt, fast selbstzufrieden.
»Tja, das war’s, was ich euch zu sagen habe, Leute«, schloss Fergus Winston, »außer vielleicht
noch, dass ihr die Augen offen halten solltet, und wenn euch irgendwelche Fremden auffallen
oder euch irgendwas ungewöhnlich vorkommt, dann solltet ihr das unserem Sheriff melden.«
Unter Beifall überließ er dem Sheriff das Mikrofon.
Der Sheriff war ein plumper Mann, der sich mit der Geschwindigkeit einer Nacktschnecke
bewegte und den drögen Ausdruck eines Bassets hatte. »Danke, Fergus und Darcy, dass ihr uns
berichtet habt, was euch passiert ist.« Er verlagerte sein Gewicht. »Aber jetzt kommt mir bloß
nicht auf die dumme Idee, mit ’nem geladenen Gewehr unter dem Kopfkissen zu schlafen. Solltet
ihr Anzeichen für einen Einbruch sehen oder einen Fremden beobachten, der in eurer
Nachbarschaft herumlungert, meldet es bei mir im Büro. Gus und ich werden die Sache dann
offiziell in die Hand nehmen.
Fangt bloß nicht an, Polizei zu spielen, hört ihr? Nun, der Stadtrat und ich sind
übereingekommen, dass wir ein Komitee zur Verbrechensvorbeugung gründen sollten, wie sie es
in den Großstädten schon lange machen. Dieses Komitee würde helfen, Gruppen aufzustellen in
den verschiedenen Vierteln, damit immer alle informiert und auf dem Laufenden sind. Dafür
brauchen wir natürlich auch Vorsitzende. Ich nehme jetzt Vorschläge entgegen.«
»Ich erkläre mich bereit«, gab Darcy Winston mit lauter, klarer Stimme bekannt.
Was mit heftigem Applaus quittiert wurde. Fergus drückte ihre Hand und bedachte sie mit
einem Blick blanker Bewunderung.
»Und ich schlage Key Tackett als meinen Stellvertreter vor«, fügte Darcy hinzu.
Plötzlich war Key hellwach. Sein Fuß landete hart auf dem Boden, und Lara konnte sehen, wie
er zusammenzuckte. »Was zum Teufel hat sie gesagt?« Alle lachten über seine verblüffte Reaktion.
»Ich lebe nicht mal mehr hier. Ganz abgesehen davon habe ich keinen blassen Schimmer, was ein
Komitee macht.«
Der Sheriff zupfte sich belustigt am langen Ohrläppchen. »Na, ich schätze mal, dass Erfahrung in
der Führung eines Komitees nicht unbedingt erforderlich ist, aber wenn es einen Kerl gibt, der
auf sich aufpassen kann, bist du es wohl. Richtig, Jody?«
Jody sah an Janellen vorbei zu ihrem Sohn. »Ich finde, du solltest dich melden. Wann hast du das
letzte Mal etwas für deine Stadt getan?«
»Als er damals die Devils in die Endausscheidung geführt hat!« Die Beutelratte sprang auf den
Mittelgang und schwang die Arme hoch über den Kopf. »Und jetzt: Applaus für die furchtlose
Nummer elf! Key Tackett!«
Andere standen auf und fielen in seinen Jubel ein. Gelangweilte Kinder nutzten die Chance,
ihren Eltern zu entkommen. Rüpelhafte Teenager gaben sich High five, als sie in Richtung
Ausgang flüchteten. Es war unmöglich, die Ruhe wiederherzustellen, deshalb rief Sheriff Baxter
mit den Lippen am Mikrofon: »Okay, alle, die dafür stimmen, heben die Hand. Ich sehe, die
Vorschläge sind angenommen. Das war’s für heute, Leute. Kommt gut nach Hause!«
Lara wurde in den Gang mit hinausgeschwemmt. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte,
konnte sie Darcy Winston sehen, die Key Tackett herrisch auf die Bühne winkte. Sie wirkte wie
eine Frau, die glatt imstande wäre, ihren Geliebten anzuschießen, ehe sie mit ihm erwischt
werden konnte. Ihre geschürzten Lippen und schrägstehenden Augen verrieten kalte Berechnung.
»Entschuldigen Sie bitte.«
Lara reagierte auf die höfliche Bitte und trat zur Seite, wobei sie sich umdrehte, um zu sehen,
wem sie den Weg versperrt hatte. Vor ihr stand Janellen.
Janellen lächelte zunächst zögerlich, doch als sie Lara erkannte, mischte sich schieres Entsetzen in
ihr Lächeln. Sprachlos starrte sie Lara an.
»Guten Abend, Miss Tackett«, grüßte Lara höflich. »Tut mir leid, dass ich Ihnen den Weg
verstellt habe.«
»Sie sind … Sie sind …«
»Ich bin Lara Mallory.«
»Ja, das …«
Selbst wenn Janellen eine angemessene Antwort gefunden hätte – Jody kam ihr zuvor. »Warum
geht es nicht weiter, Janellen?« Als sie Lara sah, verdüsterte sich ihre Miene.
»Nun lernen wir uns endlich einmal kennen, Mrs. Tackett«, sagte Lara und hielt ihr die Hand
hin.
Jody schenkte weder der ausgestreckten Hand noch dem Gruß Beachtung, sondern schubste ihre
Tochter an weiterzugehen. »Nun komm, Janellen. Ich muss dringend raus an die frische Luft.«
Einen Moment lang war Lara wie gelähmt von Jodys giftigem Blick. Das zufällige
Zusammentreffen war nicht unbemerkt geblieben, und bald stand sie alleine da, weil die Leute
einen Bogen um sie schlugen. Verschämt zog sie ihre rechte Hand zurück. Als sie den Gang
hinunterging, ließ man ihr viel Platz. Als hätte sie Lepra. Sie sahen sie nicht einmal mehr an.
Am Ausgang angekommen, drehte sie sich noch einmal zur Bühne um. Key stand mit Darcy
Winston zusammen. Lara wandte sich angewidert ab. Die beiden passten zueinander.
Da Darcy so subtil wie ein Marktschreier vorgegangen war, hatte Key keine Wahl gehabt, als zu
ihr auf die Bühne zu steigen. Nachdem sie solch einen Wirbel veranstaltet hatte, ihn dort
hinaufzubekommen, wäre es verdächtig gewesen, wenn er sich geweigert hätte.
Er versuchte, auf seinem Weg zur Bühne Lara Mallory in der Menge auszumachen und war
geschockt, als er sie mit seiner Mutter zusammenstehen sah.
Er beobachtete, wie Jody die dargebotene Hand ausschlug und Janellen barsch zum Weitergehen
drängte. Immerhin sprach es für Dr. Mallory, dass sie nicht vor Angst zitterte oder die Fassung
verlor. Weder brach sie in Tränen aus, noch rief sie den beiden Frauen irgendwelche
Beleidigungen nach. Stattdessen ging sie hocherhobenen Hauptes zum Ausgang.
Key war versucht, ihr nachzulaufen und – ja, und was?
Wollte er sie fragen, warum sie sich ausgerechnet seinen Bruder ausgesucht hatte, wo es doch in
Washington unzählige geile junge Burschen gab, die nur auf eine Chance wie diese warteten?
Wollte er feststellen, ob sie ihm Klarheit über die vielen Ungereimtheiten beim Tod seines
Bruders geben konnte?
Oder von ihr verlangen, dass sie die Stadt verließ oder Ähnliches?
Nein, er würde ja wie ein verdammter Narr dastehen, und diese Genugtuung gönnte er ihr
nicht. Außerdem hatte er noch etwas mit Darcy zu klären. Er musste sich die Sache vom Hals
schaffen, bevor es zu weiteren Szenen kam.
Er stieg die Stufen zur Bühne hinauf. »Was hast du dir bloß dabei gedacht, Darcy?«
»Hi, Key!« Sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd, und trotz seiner wütenden Bemerkung besaß
sie die Dreistigkeit, ihn ihrer Familie vorzustellen. »Kennst du meine Tochter Heather schon?
Heather, das ist Mr. Tackett.«
»Hallo, Mr. Tackett«, sagte das Mädchen artig. Sie hatte offenbar anderes im Kopf. »Tanner
wartet schon auf mich«, drängelte sie ihre Mutter. »Kann ich jetzt gehen?«
»Du kommst gleich danach nach Hause.«
»Aber die anderen fahren alle noch zum See!«
»Um diese Uhrzeit? Kommt gar nicht in Frage.«
»Mut-ter! Alle dürfen. Bit-te!«
Der Blick, den Darcy ihr schenkte, war wie mehrere stillschweigende Warnungen. »Du bist um
halb elf zu Hause. Keine Sekunde später.«
Heather schmollte. »Die anderen dürfen alle länger bleiben.«
»Such es dir aus, junge Dame.«
Sie suchte es sich aus, verabschiedete sich von Key und ging zu dem gutaussehenden jungen
Mann, der vor der Bühne auf sie wartete.
Während Darcy sich mit Heather über die zu vereinbarende Uhrzeit stritt, beobachtete Key Lara
Mallorys einsamen Abgang. Ihre Haltung hatte etwas Nobles. Bevor sie durch die Tür trat, sah sie
sich noch einmal zur Bühne um.
»Key?«
»Bitte?« Erst als die Ärztin verschwunden war, wandte er sich wieder Darcy zu. Sie war seinem
Blick gefolgt, konnte aber nichts als den Ausgang am anderen Ende der Halle entdecken.
»So, unsere skandalöse kleine Ärztin hatte heute also ihren großen Auftritt«, bemerkte sie
schnippisch. »Hattest du schon die Ehre, sie kennenzulernen?«
»Kann man so sagen. Sie hat mich wieder zusammengeflickt, nachdem du auf mich geschossen
hast.« Key verspürte Genugtuung, als er Darcys selbstgefälliges Lächeln verebben sah.
»Du warst bei ihr?«, rief sie entsetzt. »Hast du völlig den Verstand verloren? Dann hättest du
gleich ins Krankenhaus gehen können, wo man dich kennt. Das wäre wenigstens außerhalb der
Stadt!«
»Ich wollte zu Dr. Patton. Niemand hat mir gesagt, dass er sich zur Ruhe gesetzt hat.«
»Auch nicht, dass dein Bruder für seine ehemalige Geliebte hier die Praxis gekauft hat?«
»Nein, auch das wusste ich nicht.«
Er bemühte sich, seine Stimme nicht allzu verräterisch klingen zu lassen, aber Darcy hätte
ohnehin nichts gemerkt. Er hörte förmlich, wie die Rädchen in ihrem Kopf ratterten.
»Vielleicht hat sie die Schussverletzung bereits dem Sheriff gemeldet«, sagte sie besorgt.
»Vielleicht, aber ich bezweifle es.« Er warf einen Blick zum Ausgang. »Sie hat genug andere
Sorgen. Abgesehen davon hätte sie keine Beweise. Es gibt keine Kugel. Das Geschoss hat lediglich
das Fleisch zerfetzt.« Er beugte sich vor und sagte leise, damit es keiner der Umstehenden
mitbekam: »Dafür sollte ich dir beim lebendigen Leib die Haut abziehen. Du hättest mich
umbringen können, du dummes Stück.«
»Sprich nicht so mit mir«, zischte sie, was sich ziemlich schwierig gestaltete, da sie gleichzeitig
versuchte, ihr freundliches Lächeln nicht verrutschen zu lassen. »Wenn ich nicht sofort reagiert
hätte, hätte der gute Fergus uns in flagranti erwischt. Er hätte uns umbringen können, und kein
Gericht in diesem Land hätte ihn dafür verurteilt.«
»Zuckerschnäuzchen?!«
Beim Klang der Stimme ihres Mannes fuhr sie herum. Key nickte nur. »Hey, Fergus. Lange
nicht gesehen.«
»Wie sieht’s aus, Key?«
»Kann nicht klagen.«
Vor Jahren war es zu einem Streit zwischen Jody und Fergus gekommen. Irgendwas wegen
eines Ölfelds, das an das Gelände seines Motels grenzte. Die Details waren verschwommen, und
Key hatte es nie genug interessiert, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er vermutete, dass
Jody in ihrer Gier nach Öl und dem Geld und der Macht, die damit einhergingen, Fergus
irgendwie übervorteilt hatte.
Der Zwist ging ihn nichts an, außer dass Fergus ihn schon immer mit tiefer Verachtung
behandelt hatte, aber auch das hatte wohl eher damit zu tun, wie sich Key in seiner Jugend
aufgeführt hatte. Mehr als einmal hatten die Beutelratte, er und ihre Gang ihren Kater in Fergus’
Coffeeshop im Motel auskuriert. Key erinnerte sich noch vage an einen Morgen nach einem
besonders wilden Gelage, als sie den Kartoffelsalat vom Vortag in die Rosenbüsche am Green Pine
gekotzt hatten.
Jedenfalls, Fergus konnte ihn nicht leiden, doch das bereitete Key keine schlaflosen Nächte.
»Ich bin nicht besonders scharf auf den Sitz in diesem Ausschuss, den mir Ihre Frau aufgedrängt
hat. Ach, übrigens«, sagte er zu Darcy gewandt. »Ich trete zurück. Mit sofortiger Wirkung.«
»Sie können nicht zurücktreten. Wir haben doch noch gar nicht angefangen.«
»Umso besser. Ich habe nicht darum gebeten, dem Ausschuss zur Verbrechensbekämpfung
vorzusitzen, und ich will es auch gar nicht. Suchen Sie sich einen anderen Stellvertreter.«
Sie schenkte ihm ihr entzückendstes Lächeln. »Offenbar möchte der Herr überredet werden.
Fergus, warum fährst du nicht schon mal den Wagen vor? In der Zwischenzeit werde ich mein
Bestes versuchen, den guten Key umzustimmen.«
Key sah Fergus nach, als der zum Seitenausgang schlenderte und dem Wächter, der geduldig
wartete, bis alle Besucher gegangen waren, eine gute Nacht wünschte.
Darcy wartete, bis ihr Mann außer Hörweite war, bevor sie sich wieder Key zuwandte. Sie hielt
die Stimme gesenkt, als sie sagte: »Bist du so blöd, dir diese Möglichkeit entgehen zu lassen, oder
tust du nur so?«
»Was meinst du denn damit, Zuckerschnäuzchen?«, fragte er mit gespielter Ahnungslosigkeit.
»Ich meine«, sagte sie entnervt, »dass die Leute sich dann nichts dabei denken würden, wenn wir
uns treffen – da wir ja demselben Komitee angehören.« Sein Blick verriet weiterhin
Unverständnis. »Mein Gott«, platzte sie heraus. »Wir könnten uns so oft sehen, wie wir Lust
hätten, und müssten es nicht heimlich tun.«
Er wartete eine Sekunde, bevor er in Gelächter ausbrach. »Du glaubst allen Ernstes, ich würde
noch mal mit dir schlafen?« Doch mit einem Schlag nahm seine Miene einen wütenden Zug an.
»Ich bin absolut bedient von Ihnen, Mrs. Winston. Um ein Haar hättest du mich erschossen. Und
mit dem Knöchel kann ich es gleich vergessen, in ein Cockpit zu klettern.«
»Kein zu hoher Preis für den Spaß, den wir hatten, oder?«
»Weit gefehlt, Zuckerschnäuzchen. Du tust ja so, als sei das das Goldene Vlies.« Er schaute ihr
direkt zwischen die Schenkel. »Aber ich hatte schon bessere. Sehr viel bessere. Außerdem, wenn
du glaubst, ich würde dich nach der Szene, die du geliefert hast, tatsächlich noch mal anrühren,
bist du genauso wahnsinnig wie geil.«
Ihre Augen blitzten vor Wut. »Ich würde auch nicht noch mal mit dir bumsen.«
»Oh, damit wäre ich dann wohl die absolute Ausnahme, wie man so hört.«
Jetzt war Darcy fuchsteufelswild. »Du bist ein verdammter Hurenbock, und das warst du schon
immer, Key Tackett.«
»Da hast du ausnahmsweise sogar mal recht«, erwiderte er mit einem ernsten Nicken. »Im
wahrsten Sinne des Wortes.«
»Fahr zur Hölle!«
Da sich noch immer Besucher in den Gängen des Auditoriums aufhielten, konnte sie nichts
weiter tun, als ihre Wut herunterzuschlucken, auf dem Absatz kehrtzumachen und
davonzustolzieren. Sie erwiderte knapp die Gutenachtwünsche, die ihr auf dem Weg zur Tür
zugerufen wurden, und stürmte hinaus.
Key folgte ihr gemächlichen Schrittes. Die Sache hatte ihn amüsiert und schadenfroh gemacht,
aber gleichzeitig fühlte er sich doch ein wenig unbefriedigt. Darcy hatte die Abfuhr verdient, aber
es hatte ihm längst nicht so viel Genugtuung verschafft, wie er sich erhofft hatte.
Fergus wartete wie ihr ergebener Diener am El Dorado und hielt ihr die Beifahrertür auf. Key
hörte sie sagen, als sie sich auf den Sitz gleiten ließ: »Beeil dich, Fergus, ich will sofort nach
Hause. Ich habe eine schreckliche Migräne.«
Key hatte Mitleid mit Fergus, aber nicht weil er mit seiner Frau geschlafen hatte – Gott, das
hatte doch fast jeder, der Hosen trug –, sondern weil er trotz seines Motels, mit dem er gutes
Geld machte, niemals zu den Großen gehören würde. Dazu brauchte man eine bestimmte
Ausstrahlung, die ihm, mit seinem schmalen Gesicht, der schlechten Haltung und seiner
konservativen Einstellung gegenüber dem Geschäft, einfach fehlte. In der Geschäftswelt gab es die
Jody Tacketts, und es gab die Fergus Winstons. Die Aggressiven und die Bezwungenen. Manche
bahnten sich ihren Weg mit der Dampfwalze, andere wurden überrollt oder sprangen schnell zur
Seite. In der Liebe wie im Leben zählte Fergus zur zweiten Kategorie.
Eine derartige Passivität lag außerhalb Keys Begriffswelt. Warum ignorierte Fergus Darcys
Untreue? Warum ließ er es zu, dass sie ihn zum Ziel des Spottes machte? Warum akzeptierte und
vergab er ihr ihre Untreue?
Aus Liebe?
Von wegen, schnaubte Key. Liebe war ein Wort, das Dichter und Songtexter benutzten. Sie
sprachen dem Gefühl eine ungeheure Macht über das Herz und den Verstand der Menschen zu,
doch sie irrten. Es veränderte das Leben nicht so, wie die zuckersüßen Zeilen es behaupteten. Key
hatte nie einen Beweis für diese Magie gesehen, nur den Schaden, der angerichtet wurde.
Die Liebe hatte ihm das junge Herz gebrochen, als sein Vater getötet wurde und er allein in
einer feindseligen Umgebung zurückblieb. Die Liebe hatte seine Schwester emotional und
psychologisch an ihre Mutter gekettet. Die Liebe hatte Clark eine vielversprechende Karriere als
Politiker gekostet. Konnte die Liebe auch schuld daran gewesen sein, dass Randall Porter bei
seiner herumhurenden Frau blieb?
Nichts für mich, dachte Key, als er so schnell, wie es sein verletzter Knöchel zuließ, über den
Parkplatz ging. Liebe, Vergebung, die andere Wange hinhalten – solche Weisheiten gehörten in
die Sonntagsschule. Sie galten nicht im wirklichen Leben. Nicht in seinem jedenfalls. Falls er
jemals in einem Moment der Schwäche heiraten und seine Frau mit einem anderen im Bett
erwischen sollte, würde er sie umbringen. Beide.
Bei seinem Auto angekommen, rammte er den Schlüssel ins Schloss.
»Guten Abend, Mr. Tackett.«
Er drehte sich erstaunt zur Seite und sah sich Lara Mallory gegenüber. Eine milde Brise fuhr ihr
durchs Haar und die Kleider. Ihr Gesicht lag zur Hälfte im Schatten, die andere Hälfte war in
Mondlicht gebadet. Obwohl sie der letzte Mensch war, den er sehen wollte, sah sie phantastisch
aus, und für einen Moment hatte er das Gefühl, verzaubert zu sein.
Er war, wie seine Stimme verriet, irritiert. »Sind Sie mir etwa gefolgt?«
»Nein, eigentlich habe ich auf Sie gewartet.«
»Ich bin gerührt. Woher wussten Sie, wo Sie mich finden?«
»Ich habe Sie in diesem Wagen schon öfter in der Stadt gesehen. Er ist ziemlich auffällig, um es
milde auszudrücken.«
»Er gehörte meinem Dad.«
Der Lincoln war ein benzinverschlingendes Ungeheuer, hatte schon zwei Jahrzehnte auf dem
Buckel, aber Key hatte in Bos Garage und Bodyshop die Anweisung hinterlassen, ihn in absoluter
Topform zu halten. Er fuhr den Wagen, wann immer er in der Stadt war, weil er sich in ihm dem
Vater nahe fühlte, den er so früh verloren hatte.
Der Wagen war ein Spiegelbild von Clark juniors schillernder Persönlichkeit. Er war rundherum
gelb, lediglich an Kühlergrill und Radkappen golden akzentuiert. Key nannte ihn zärtlich sein
»Zuhälter-Mobil«. Jody hörte den Spitznamen gar nicht gern, vielleicht weil sie ahnte, dass er der
Wahrheit ziemlich nahe kam.
»Sie hinken ja noch immer«, bemerkte Lara. »Sie sollten die Krücken benutzen.«
»Ach, zum Teufel. Die Dinger gehen mir auf die Nerven.«
»So riskieren Sie einen irreparablen Schaden an Ihrem Knöchel.«
»Tja, das Leben steckt eben voller Risiken.«
»Was macht die andere Wunde? Sie sind nicht zur Nachuntersuchung gekommen.«
»Nein.«
»Die Drainage muss entfernt werden.«
»Habe ich selber gemacht.«
»Oh, ich verstehe, ganz der harte Typ, wie? Na ja, zumindest haben Sie sich rasiert – mit einem
Buttermesser, vermute ich.«
Er sagte nichts, da er das untrügliche Gefühl hatte, dass sie sich über ihn lustig machte.
»Wechseln Sie den Verband regelmäßig? Falls nicht, könnten Sie sich noch immer eine
Infektion zuziehen. Verheilt die Wunde gut?«
»Phantastisch. Hören Sie«, sagte er und stützte sich mit dem Ellbogen auf das Wagendach, »soll
das hier so etwas wie ein Hausbesuch sein? Schreiben Sie mir ’ne Rechnung darüber?«
»Nein, diesmal nicht.«
»Da fällt mir ja ein Stein vom Herzen, Doc. Vielen Dank auch. Und jetzt – gute Nacht.«
»Eigentlich«, sagte sie, »wollte ich hier draußen, wo uns niemand hören kann, etwas mit Ihnen
besprechen.«
»Pech gehabt. Worüber auch immer Sie sprechen möchten, ich bin nicht in der Stimmung.
Tatsächlich bin ich ziemlich mies drauf. Tun Sie sich selbst einen Gefallen, und gehen Sie.«
Er wollte sich gerade auf den Fahrersitz schwingen, als sie ihn zum zweiten Mal überraschte und
ihn am Arm festhielt. »Sie sind wirklich dreist, Mr. Tackett, das muss ich schon sagen. Oder war
es Mrs. Winstons Idee, einen Einbruch vorzutäuschen, um nicht beim Fremdgehen erwischt zu
werden?«
Key war verblüfft, doch nur eine Sekunde lang. Sie sah ihn mit einem ernsten Blick an, so ernst,
dass er schmunzeln musste. »Da bin ich aber baff. Haben wir da etwa einen weiblichen Sherlock
Holmes in der Stadt?«
»Mr. Winston hat Sie überrascht, als Sie mit seiner Frau im Bett waren, stimmt’s?«
»Warum fragen Sie mich? Ich denke, Sie sind so schlau.«
»Auf der Flucht haben Sie sich den Knöchel verletzt. Und um Ihre Spur zu verwischen, hat
Darcy Winston auf Sie geschossen. Wie in einem schlechten Film. Wussten Sie, dass sie auf Sie
schießen würde?«
»Was geht Sie das verdammt noch mal an?«
»Aha, Sie wussten es also nicht.«
»Legen Sie mir nichts in den Mund«, fuhr er sie an. »Meine Frage steht noch. Was geht Sie das
an? Oder haben Sie vielleicht ein perverses Interesse am Liebesleben anderer?«
»Der einzige Grund, weshalb es mich interessiert«, sagte sie hitzig, »ist der, dass Sie in meine
Praxis geplatzt sind und mich wegen genau derselben Situation als Hure beschimpft haben!
Deshalb!«
»Das ist nicht dasselbe, oder?«
»Ach nein? Was ist denn daran so anders?«
»Darcy und ich haben niemanden damit verletzt.«
»So? Sie ist verheiratet!«, rief Lara. »Sie haben behauptet, das wäre mein schlimmstes Vergehen!«
»Nein, Ihr schlimmstes Vergehen war, sich dabei erwischen zu lassen!«
»Dann ist es also in Ordnung, eine Affäre zu haben, solange niemand was erfährt?«
»Vielleicht nicht in Ordnung, aber auch keine Katastrophe. Die Einzigen, die an den
Konsequenzen zu tragen haben, sind die Sünder selbst.«
»Nicht ganz, Mr. Tackett. Sie haben eine ganze Stadt in Aufruhr gebracht wegen einer ›Welle
der Kriminalität‹, die gar nicht existiert.«
»Dafür konnte ich nichts. Fergus ist übergeschnappt, als er Darcy kreischen und die Pistole
abfeuern hörte. Er hat’s ein wenig übertrieben.«
»Oder er hat den mysteriösen Eindringling als willkommenes Ventil für seinen eigenen Argwohn
benutzt.«
Diese Möglichkeit war Key auch schon durch den Kopf gegangen, doch das würde er auf
keinen Fall zugeben. »Ich bin nicht dafür verantwortlich, was in seinem Gehirn vorgeht.«
»Lässt es Sie tatsächlich kalt, dass Sie eine ganze Stadt in Angst versetzt haben?«
»Angst?«, schnaubte er. »Teufel, die Leute lieben den Kitzel. Sie verschlingen ihn. So haben sie
wenigstens was, womit sie sich die Zeit vertreiben können während der letzten langweiligen
Wochen vor dem Labour Day. Sheriff Baxter hat mir erzählt, dass schon Meldungen aus der
ganzen Stadt über versuchte Einbrüche und Spanner eingegangen sind.« Er lachte leise. »Zum
Beispiel Miss Winnie Fern Lewis. Sie wohnt in einem alten dreistöckigen Spukhaus, drüben auf
der Cannon Street. Wir haben ihr jedes Halloween die Wäscheleine heruntergerissen, weil sie so
gemein und geizig war und nur alte Süßigkeiten rausrückte.
Erst gestern erzählte mir Elmo, dass Miss Winnie Fern gemeldet hat, ein Mann würde seit sechs
Nächten vor ihrem Fenster stehen und ihr zusehen, wenn sie sich auszieht. Sie behauptet, sie
könne den Mann nicht beschreiben, weil er sich hinter ihren Rosenbüschen verstecken würde,
wo er sich ›bis zum sexuellen Höhepunkt stimuliert‹, wie sie sich Elmo gegenüber ausdrückte.
Wenn er dabei nicht in Lachen ausgebrochen ist, dann alle Achtung.
In Miss Winnie Ferns Rosenbüschen gibt es genauso wenig einen Spanner, wie es den Mann im
Mond gibt, aber sie hat seit Jahren nichts so Spannendes mehr erlebt. Was ist denn so Schlimmes
dabei?«
»Mit anderen Worten: Sie haben der Gemeinde also einen Gefallen getan?«
»Könnte schon sein. Die Menschen in einer kleinen Stadt wie Eden Pass brauchen ab und zu
etwas Aufregung.« Er kam näher, nahe genug, um ihr Parfüm wahrzunehmen. »Wie steht es mit
Ihnen, Doc?«, raunte er ihr zu. »Woher beziehen Sie Ihre Aufregung? Schließlich bietet Eden Pass
keine Politiker, die man verführen könnte …«
Sie schauderte vor Abscheu, und plötzlich erkannte Key, dass er gelogen hatte, als er sagte, er
wüsste nicht, was sein Bruder an ihr so anziehend gefunden hatte. Wut stand Lara Mallory
außerordentlich gut. Mit ihrem stolz zurückgeworfenen Kopf wäre sie als Galionsfigur die Zierde
eines jeden Segelschiffes gewesen.
Nur dass sie viel weicher war. Jedes Mal wenn die milde Brise die Kleider an ihrem Körper
bewegte und die Strähnen ihres Haares um ihre Wangen wehen ließ, musste er daran denken, wie
weich sie wirklich war. Auch ihr Mund sah unverschämt weich aus.
Obwohl ihm gar nicht gefiel, was er gerade dachte, fragte er: »Und, schon das nächste Opfer
ausgeguckt?«
»Clark war nicht mein Opfer!«
»Sie waren die einzige verheiratete Frau, mit der er sich je eingelassen hat.«
»Was nur besagt, dass er wesentlich wählerischer war als Sie.«
»Oder das Gegenteil.«
Wütend schwang sie herum und wäre davongelaufen, wenn seine Hand nicht vorgeschnellt
wäre und sie daran gehindert hätte. »Sie haben damit angefangen, also werden Sie mich auch zu
Ende anhören.«
Sie warf den Kopf zurück. »Nun?«
»Sie haben gesagt, meine Beschuldigungen wären ungerecht gewesen.«
»Das stimmt. Und zwar äußerst ungerecht. Sie wissen gar nichts über meine Beziehung zu
Clark. Nur das, was Sie in der Presse gelesen oder sich in Ihrer schmutzigen Phantasie ausgedacht
haben.«
Er grinste. Schon war sie in die Falle getappt. »Tja, und Sie wissen nichts über meine Beziehung
zu Darcy oder irgendjemand anderem. Und trotzdem stellen Sie mich hier draußen zur Rede und
wollen mir eine Standpauke halten? Wenn es so falsch von mir war, voreilig über Sie zu urteilen,
wieso nehmen Sie sich dann das Recht heraus, dasselbe mit mir zu tun?«
Ehe Lara etwas entgegnen konnte, ließ er sie los, stieg in den Lincoln und startete den Motor.
Dann fügte er durch das offene Fenster noch hinzu: »Sie sind nicht nur eine herumhurende
Ehefrau – Sie sind auch noch eine Heuchlerin!«
Kapitel 7

Lara fuhr ziellos durch die Gegend. Es war eine klare und warme Nacht. Der leichte Wind
brachte keine Linderung, sondern verteilte nur die Hitze, die der harte, krustige Boden in diesem
Landstrich abgab.
Texas.
»Texas ist nicht nur einfach ein Ort«, hatte sie Clark so oft sagen hören, »sondern eine
Lebenseinstellung. Xanadu in Cowboystiefeln.«
Lara war zuvor nie in Texas gewesen, und als sie vor sechs Monaten Clarks Geschenk
angenommen hatte, hatte sie zum ersten Mal texanischen Boden betreten. Sie war mit all ihren
Vorurteilen hergekommen, die aus bekannten Hollywoodfilmen herrührten – die trockene,
windgepeitschte Landschaft, die wirbelnden Steppenläufer, wie sie es aus Filmen wie Giganten
oder Die letzte Vorstellung kannte. Diese Filme hatten ein treffendes Bild von Texas gezeichnet,
aber nur des westlichen Teils.
Der Osten von Texas war grünes Land. In den üppigen Wäldern gab es verschiedene
Hartgehölze, aber hauptsächlich sah man Kiefern, dunkel und so gerade aufgereiht, als hätte die
Natur sie mit einem Lineal ausgerichtet. Im Frühling waren diese Wälder gesprenkelt mit den
Pastelltönen des blühenden Hornstrauchs und wilder Obstbäume. Das Vieh graste in Herden auf
saftigen Weiden. Seen, in denen sich die Fische tummelten, wurden gespeist von Flüssen und
Bächen, die bekannt dafür waren, dass sie über die Ufer traten.
Und überall die schier endlose Weite des Landes – etwas, was Texaner, die nie im viel dichter
bevölkerten Nordosten waren, für selbstverständlich hielten.
Und für ebenso selbstverständlich erachteten sie ihre Eigenarten; mit Yankees konnte hier
niemand etwas anfangen. Stur und unbeirrbar hielten die Menschen an den Legenden und der
Lebensart fest, für die Texas berühmt und berüchtigt war.
So schwer es Lara fiel, die Menschen zu verstehen, so begeistert war sie auf Anhieb von dem
Land. Die Landstraßen erstreckten sich von Eden Pass wie die Speichen eines Wagenrads. Lara
hatte sich willkürlich für irgendeine entschieden, als sie das Gelände der Highschool verließ, und
war ohne Ziel etwa eine Stunde lang herumgefahren. Sie war schon ein gutes Stück über die
Stadtgrenze hinaus, doch obwohl sie nicht wusste, wo genau sie war, fühlte sie sich nicht
verloren.
Kies knirschte unter den Rädern, als sie an den Straßenrand fuhr; sie stellte den Motor ab. Und
mit einem Mal versank sie im vielstimmigen Chor der Zikaden, Grillen und Ochsenfrösche. Der
Wind raschelte in den Blättern der Pyramidenpappeln, die am seichten Graben zu beiden Seiten
der Straße wuchsen.
Sie verschränkte die Arme über dem Lenkrad und legte ihre Stirn darauf. Sie saß lange so da und
machte sich Vorwürfe, weil sie sich von Key Tackett so sehr hatte aus der Reserve locken lassen.
Er hatte ja recht: Sie hatte mit Steinen geworfen, ohne die Fakten wirklich zu kennen. Es gab
unzählige mildernde Umstände, die ein anderes Licht auf das warfen, was auf den ersten Blick wie
eine schäbige Affäre aussehen mochte. Der Schein konnte trügen. Oft waren es die Fakten, die
einem nicht bekannt waren, die den Unterschied ausmachten zwischen Richtig und Falsch,
zwischen Gut und Böse, zwischen Unschuld und Schuld. Hätte sie das nicht besser wissen müssen
als jeder andere?
Plötzlich fühlte sie sich beengt und eingesperrt, also stieg sie aus dem Wagen. Eine offene Weide
erstreckte sich, so weit ihr Blick reichte, zu beiden Seiten der Straße. Unter einem ausladenden
Pekannussbaum hatte sich eine Herde Rinder für die Nacht niedergelassen. Mehrere rhythmisch
arbeitende Ölpumpen zeichneten sich als dunkle, sich bewegende Schatten vor dem
Nachthimmel ab. Sie nickten mit ihren an Pferde erinnernden Köpfen wie ergebene Schüler beim
Gebet.
Wahrscheinlich waren es Ölpumpen der Tacketts.
Seit mehr als einer Woche hatte es nicht mehr geregnet, und dementsprechend war der Graben
ausgetrocknet. Lara sprang hinüber und näherte sich dem Stacheldrahtzaun, der die Weide
umgab. Vorsichtig lehnte sie sich gegen einen der Holzpfosten und schaute hinauf zum
funkelnden Sternenzelt und dem hell leuchtenden Halbmond.
»Was tust du eigentlich hier, Lara?«
Manchmal fragte sie sich das selbst. Bereits vor Clarks Tod hatte sie mit dem Gedanken gespielt,
herzukommen und ihn zu fragen, wie er die Angelegenheit abgelten wolle. Sie wollte ihm die
Rechnung präsentieren für all das, was sie verloren hatte.
Aber er starb, bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnte. So tragisch sein Tod auch war,
er hatte dennoch kaum Auswirkungen auf ihre Ziele. Clark war nicht entscheidend bei ihrem
Vorhaben. Key war es.
Key. Er hasste sie. Aus diesem Grund würde es nicht einfach werden. Doch Schwierigkeiten
konnten ihre Entschlossenheit nicht schmälern. Die Medizin hatte sie gelehrt, dass die Dinge
manchmal erst schlechter werden mussten. Bevor eine Wunde heilte, musste sie gereinigt und das
Gift ausgewaschen werden. Sie war bereit, alles zu ertragen, egal wie schmerzlich es sein mochte,
um die Geister, die sie verfolgten, endlich abzuschütteln.
Erst dann würde sie den Frieden wiederfinden, den sie seit dem Tod ihrer Tochter nicht mehr
gehabt hatte. Erst dann würde sie die Vergangenheit begraben und ihr Leben fortsetzen können –
hier in Eden Pass oder an irgendeinem anderen Ort der Welt.
Die Jahre nach ihrer Rückkehr aus Montesangrines, nach Randalls und Ashleys Tod, waren eine
öde Aneinanderreihung von Tagen, Wochen und Monaten gewesen. Sie hatte nicht gelebt, sie
hatte nur existiert. Erfüllt von Verzweiflung, Schmerz und Einsamkeit hatte sie sich durch die
Tage geschleppt, ohne eine Verbindung zur Außenwelt aufzunehmen. Arbeit hätte den Schmerz
betäuben können, aber diese Möglichkeit hatte sie abgelehnt. Sie war eine Ausgestoßene, ein
Objekt der Neugierde und des Spotts, Clark Tacketts Hure.
So hatte Key sie genannt. Eine Hure. Auch Jody sah sie so. Lara hatte die unverhohlene
Verachtung in ihrem Blick gesehen. Sie hatte nichts anderes erwartet.
Selbst ihre eigenen Eltern verachteten sie. Sie hatten nie ein herzliches Verhältnis zu ihrem
einzigen Kind gehabt, doch seit dem Skandal war es besonders angespannt geworden. Sie konnten
einfach nicht verstehen, weshalb sie ausgerechnet an einem abgelegenen Ort wie Eden Pass,
Texas, ihre Praxis eröffnen wollte, vor allem nicht, da es Tackett-Territorium war.
»Sie brauchen dort einen Arzt«, hatte Lara erklärt, als sie ihr Unverständnis für ihre Entscheidung
ausgedrückt hatten.
»Ärzte werden überall gebraucht«, hatte ihr Vater argumentiert. »Wieso ausgerechnet dort?«
»Weil sie sich schon immer die schwierigsten Situationen von allen ausgesucht hat, Liebling«,
hatte ihre Mutter mit kalter Stimme gesagt. »Das ist eine Angewohnheit von ihr, um uns zu
ärgern.«
Und ihr Vater hatte hinzugefügt: »Es ist kein Verbrechen, den Weg des geringeren Widerstandes
zu gehen, Lara. Nach allem, was passiert ist, hätte ich angenommen, dass du das weißt.«
Sie wären entsetzt gewesen, wenn sie ihnen den wahren Grund für ihren Umzug nach Texas
genannt hätte, also verschwieg sie ihn lieber. Sie versuchte auszuweichen, indem sie zu ihrer
Verteidigung sagte: »Ich weiß, es wird nicht einfach werden, mir dort eine Praxis aufzubauen,
aber es ist das beste Angebot, das ich bekommen habe.«
»Und daran bist nur du selbst schuld wie an allem anderen Unglück, das dir zugestoßen ist, auch.
Wenn du auf deine Mutter und mich gehört hättest, wäre dein Leben jetzt nicht so verpfuscht.«
Sie hätte sie daran erinnern können, dass sie es gewesen waren, die sie zur Heirat mit Randall
Porter ermutigt hatten. Sie waren von seinen Referenzen bereits beeindruckt gewesen, noch ehe
sie ihn überhaupt kennengelernt hatten. Er war charmant und weltgewandt gewesen. Er sprach
drei Sprachen und hatte eine vielversprechende Position im Außenministerium inne; was ihre
Eltern nur zu gern in ihrem Bekanntenkreis erwähnten.
Für sie war Randall noch immer ein Heiliger, weil er sie nicht verlassen hatte nach dem, was
Lara sich mit Senator Tackett geleistet hatte. Würden sie anders denken, wenn sie wüssten, wie
unglücklich sie mit Randall gewesen war, schon lange bevor er ihr Clark vorgestellt hatte? Das
fragte sie sich manchmal.
Mit diesen unangenehmen Erinnerungen ging sie zum Wagen zurück und wollte gerade
einsteigen, als sie ein sonderbares Geräusch aus der Luft vernahm. Als sie hochblickte, sah sie ein
Flugzeug. Noch war es nicht mehr als ein leuchtender Punkt am Horizont, aber es kam näher
und flog tief. Tatsächlich hielt es sich in gefährlich niedriger Höhe und streifte fast die Wipfel des
Waldes, der an die Weide grenzte. Es war ein kleines Flugzeug – eine einmotorige Maschine,
vermutete sie mit ihren geringen Kenntnissen von Flugzeugen.
Die Maschine flog über die Wiese und kreuzte die Straße ungefähr hundert Meter vor ihrem
Wagen. Lara hielt den Atem an, als sich das Flugzeug dem Wald näherte. Erst unmittelbar vor
dem Waldrand wurde es im letzten Moment in einem dramatischen Winkel hochgezogen, dann
folgte eine scharfe Linkskurve, ehe die Maschine wieder eine sichere Höhe erreichte. Lara sah ihr
nach, bis die Lichter verschwunden waren.
Konnte es sein, dass jemand um diese Tageszeit noch Insektenvertilgungsmittel über das Land
verteilte? Wurde überhaupt gesprüht, wenn das Vieh auf der Weide war? Nein, das musste ein
Kunstflieger gewesen sein.
»Idiot«, murmelte sie, als sie einstieg und den Motor startete.
Doch für die Leute war sie die Närrin, weil sie nach Eden Pass gekommen war und mit dem
roten Tuch vor den Nasen der Tacketts herumwedelte. Aber wenn man nichts mehr zu verlieren
hat, schreckt man auch vor großen Risiken nicht mehr zurück. Was konnten die Tacketts schon
sagen oder tun, was man ihr nicht schon gesagt und angetan hätte?
Wenn sie erst ihre Forderungen erfüllt hätten, würde sie nur zu gern die Stadt wieder verlassen.
Bis dahin scherte es sie nicht, was sie dachten. Trotzdem musste sie es schaffen, dass sie mit ihr
sprachen. Aber wie?
Jody war unerreichbar.
Key verhielt sich ihr gegenüber abschätzig und ausfallend, und sie wollte nicht mehr als
unbedingt nötig mit ihm zu tun haben.
Janellen? Sie hatte geglaubt, in Clarks Schwester einen Funken Neugier entdeckt zu haben,
bevor Jody dazwischengekommen war. Konnte Neugier vielleicht die Formel sein, mit der sie
den Panzer der Tacketts knacken würde?
Einen Versuch war es wert.
Janellen ärgerte sich über sich selbst. Eigentlich hatte sie sich für den heutigen Tag vorgenommen,
die fälligen Rechnungen zu bezahlen, und alles vorbereitet. Doch als sie den entsprechenden
Aktenordner zur Hand nehmen wollte, fiel ihr ein, dass sie ihn am Tag zuvor in den Laden
mitgenommen hatte, um die Rechnungen mit dem angelieferten Material zu vergleichen und
sicherzugehen, dass alles seine Richtigkeit hatte. Eine derartige Schusseligkeit sah ihr gar nicht
ähnlich; und sie schimpfte mit sich, als sie die eine Meile vom Büro zum Laden – wie die Arbeiter
den Weg nannten – zurückfuhr.
Der Laden war wesentlich schäbiger als die Zentrale. Mit den Jahren war das ursprüngliche
Gebäude immer wieder erweitert worden, um die laufend modernisierte Ausrüstung, das
Zubehör und die Fahrzeuge unterbringen zu können. Heute, am Samstag, war das Gelände
verlassen. Janellen parkte in der Nähe einer der rückwärtigen Türen, die direkt zu einem
winzigen Kabuff führte, das als Büro diente. Hier hatten die Männer Zugang zum Telefon und
konnten Kühlschrank, Mikrowelle und Kaffeemaschine benutzen. Es gab ein Schwarzes Brett,
und hier waren auch ihre persönlichen Fächer, in denen Janellen alle vierzehn Tage die
Lohnschecks hinterlegte.
Sie schloss mit ihrem eigenen Schlüssel auf und trat ein. Sie ignorierte die Pin-up-Kalender und
den Gestank von kaltem Rauch und ging zu dem Metalltisch hinüber, an dem sie den Ordner
zuletzt benutzt hatte. Sie fand ihn, klemmte ihn sich unter den Arm und wollte gerade wieder
gehen, als sie ein Geräusch hinter der Tür, die das Büro mit der Garage verband, hörte. Sie
öffnete die Tür und wollte etwas rufen, aber der Anblick, der sich ihr bot, ließ sie verstummen.
Die übergroße Garage war geschlossen und nur schwach beleuchtet, weil es kaum Fenster gab.
Ein Pick-up hatte sich zwischen zwei ihrer Firmenlaster gequetscht. Und einer ihrer Arbeiter war
dabei, kleinere Maschinen, Rohre und anderes Zubehör ihrer Ausrüstung auf die Fläche des
Pickups zu laden. Er überprüfte seine Beute mit Hilfe einer Liste, die er aus der Brusttasche seines
Hemdes zog. Ein letzter kurzer Check, und er kletterte in die Fahrerkabine des Pick-ups.
Janellen kam aus ihrem Versteck und lief ihm vor die mit toten Insekten verklebte Kühlerhaube,
um ihm den Weg zu verstellen.
»Miss Janellen!«, rief er. »Ich … ich wusste gar nicht, dass Sie heute hier sind!«
»Was haben Sie hier an einem Samstag zu suchen, Muley?«
Sein Gesicht lief unter seiner Sonnenbräune rot an, und dann zupfte er leicht am Schirm seiner
Kappe mit dem blauen Tackett-Oil-Logo. »Sie wissen doch, dass ich heute Morgen von meiner
Tour wiedergekommen bin.«
»Nach der Sie offiziell frei hatten.«
»Dachte mir, ich fahr am Montag gleich von zu Hause los. Hab nur ein paar Sachen abgeholt.«
»Bei geschlossener Garagentür und im Dunkeln?« Sie zeigte auf die Ladefläche. »Und wieso
laden Sie die Ausrüstung auf Ihren Privatwagen und nicht auf den Firmenlaster? Muley, ich habe
Sie beim Klauen erwischt, nicht wahr?«
»Das ist lauter altes Zeug, Miss Janellen. Das braucht kein Mensch mehr.«
»Und deshalb haben Sie beschlossen, sich zu bedienen?«
»Das benutzt doch niemand mehr. Es verrottet nur.«
»Aber es ist mit Geld von Tackett Oil bezahlt worden. Es gehört nun mal nicht Ihnen.« Janellen
richtete sich auf und holte tief Luft. »Laden Sie es wieder ab.«
Als er damit fertig war, klemmte er die Daumen in den Gürtel und sah Janellen streitlustig an.
»Werden Sie mir jetzt den Lohn kürzen, oder was?«
»Nein, ich werde Ihnen nicht den Lohn kürzen. Ich werde Sie feuern.«
Er veränderte augenblicklich die Haltung, zog die Daumen aus dem Gürtel und ballte die Fäuste
an den Seiten. Er trat zwei Schritte auf sie zu. »Das können Sie gar nicht. Jody hat mich
eingestellt, und nur sie kann mich entlassen.«
»Was sie, ohne mit der Wimper zu zucken, tun wird, wenn sie hört, dass Sie gestohlen haben,
aber erst wird sie Ihnen die Hand abhacken.«
»Das denken Sie! Sie können mir nichts beweisen. Nur zu Ihrer Information, ich wollte Ihnen
die Ausrüstung abkaufen.«
Sie schüttelte fast traurig, im Wissen, betrogen worden zu sein, den Kopf. »Nein, das wollten Sie
nicht, Muley. Sie haben kein Angebot gemacht. Sie haben sich heimlich an einem Samstag hier
reingeschlichen und das Zeug auf Ihren Pick-up geladen. Es tut mir leid. Mein Entschluss steht
fest. Sie können sich Ihren letzten Gehaltsscheck am Fünfzehnten abholen.«
»Sie reiche Hexe«, sagte er höhnisch. »Ich gehe, aber nur weil ich glaube, dass diese Firma
sowieso am Ende ist. Hier weiß doch jeder, dass es Jody nicht mehr lange macht. Glauben Sie
ernsthaft, Sie könnten die Geschäfte genauso clever führen?« Er schnaubte. »Niemand nimmt Sie
für voll. Wir lachen über Sie, wussten Sie das nicht? Ja, wir Burschen treffen uns hier nach unserer
Schicht und reden über Sie. Es ist doch armselig mit anzusehen, wie Sie sich abrackern, um Ihre
Mama zu ersetzen, nur weil Sie nichts Besseres mit Ihrer Zeit anzufangen wissen. Statt ordentlich
zu vögeln, hocken Sie im Büro. Wir haben eine Wette laufen, wissen Sie? Ob Sie Ihre Perle noch
haben oder nicht. Ich behaupte, die ist so sicher wie in Beton gegossen. Selbst wenn Sie das ganze
schöne Geld eines Tages mal erben – wer will schon eine Braut ficken, die zerbröselt, wenn man
sie besteigt?«
Janellen wurde schwindlig bei den hässlichen Worten. Ihre Ohren klingelten laut, und ihre Haut
prickelte, als sei sie von tausend Feuerameisen gebissen worden. Doch wie durch ein Wunder
blieb sie ruhig. »Wenn Sie nicht in zehn Sekunden verschwunden sind, werde ich Sheriff Baxter
anrufen und Sie verhaften lassen.«
Er zeigte ihr den Mittelfinger und stieg in seinen Pick-up. Dann ließ er den Motor an und
schoss wie eine Rakete aus der Garage.
Janellen stolperte zum Schalter an der Wand und schloss die Garagentür. Dann lief sie ins Büro
zurück und verriegelte auch diese Tür.
Sie sank auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch, beugte sich leicht vor und schlang die Arme um
sich. Sie hatte sich soeben gegen einen zweihundert Pfund schweren Kerl durchgesetzt, aber jetzt,
da es vorbei war, zitterte sie unkontrollierbar und klapperte mit den Zähnen.
Im Rückblick war es dumm gewesen, Muley derart herauszufordern. Er hätte sie schlagen,
vielleicht sogar töten können, und niemand hätte ihn verdächtigt. Man hätte angenommen, dass
irgendein Landstreicher sie umgebracht hätte – vielleicht der, der bei den Winstons eingebrochen
hatte.
Sie wiegte sich auf der defekten Polsterung vor und zurück, was war nur in sie gefahren, ihn so
zu reizen? Scheinbar hatte sie doch einen Funken Mut geerbt, von dem sie noch gar nichts
gewusst hatte. Er hatte in ihr die Kühnheit entfacht – gerade rechtzeitig.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie sich wieder beruhigt hatte. In der Zwischenzeit wurde ihr
klar, welche Auswirkungen ihre Impulsivität hatte. Ihre spontane Reaktion, ihn auf die Straße zu
setzen, war richtig gewesen. Sie musste es Jody sagen. Vielleicht sollte sie es besser erst erwähnen,
wenn sie schon einen Ersatz gefunden hatte. Aber wie sollte sie das so schnell bewerkstelligen? Es
würde nicht einfach sein, einen qualifizierten Mann aufzutreiben. Muley hatte die Quellen gut
gewartet …
Bowie Cato.
Der Name schoss ihr durch den Kopf, und ihr Herz begann zu flattern. Sie dachte viel an Cato –
mehr, als sich schickte, und öfter, als sie zugeben mochte. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich
seinen leicht krummen Gang vorstellte und seine braunen Augen mit dem traurigen, zynischen
Blick auf die Welt vor sich sah.
Sollte sie es wagen, ihn anzurufen und zu fragen, ob er noch an einem Job interessiert war?
Wahrscheinlich hatte er die Stadt längst verlassen.
Und wie dumm musste man sein, einen Exsträfling einzustellen, wenn man gerade einen
Arbeiter wegen Diebstahls entlassen hatte?
Jody würde ein Heidenspektakel veranstalten. Ihr Blutdruck würde raketenartig in die Höhe
schießen, und es würde ihre – Janellens – Schuld sein, wenn Jody ernsthaft krank würde.
Sie zählte mindestens ein Dutzend berechtigter Einwände, griff zum Hörer und wählte die
Nummer der Palme. Jemand hob beim ersten Läuten ab.
»Ist dort … Hallo, ich möchte gern … Wer spricht denn?« Ihr ganzer Mut war anscheinend
schon wieder dahin.
»Wen möchten Sie denn sprechen?«
»Also, hier ist Janellen Tackett. Ich suche …«
»Er ist nicht hier.«
»Bitte?«
»Ihr Bruder. Er ist nicht hier. Er war gestern Abend da, nach der Versammlung. Blieb ungefähr
’ne halbe Stunde. Hat drei Doppelte in Rekordzeit gekippt. Dann verschwand er wieder. Sagte,
er wolle noch ’ne Runde fliegen.« Der Mann gluckste. »Mich hätten keine zehn Pferde in das
Flugzeug gekriegt. Nicht bei der Menge Scotch, die er intus hatte, und der miesen Stimmung, in
der er war.«
»Oje«, murmelte Janellen. Das Zuhälter-Mobil hatte heute Morgen nicht an seinem gewohnten
Platz gestanden. Aber sie hatte gehofft, der Grund dafür sei, dass Key früh aus dem Haus gegangen
war, und nicht, dass er gar nicht nach Hause gekommen war.
»Ich bin Hap Hollister, Miss Janellen. Mir gehört die Palme. Wenn Key reinkommt, soll ich ihm
etwas von Ihnen ausrichten? Soll er Sie anrufen?«
»Ja, bitte. Ich würde gern wissen, ob es ihm gutgeht.«
»Ach Teufel, Sie kennen doch Key. Der passt schon auf sich auf.«
»Ich weiß. Richten Sie es ihm bitte trotzdem aus.«
»Wird gemacht. Wiedersehen.«
»Moment, Mr. Hollister«, warf sie hastig ein. »Eigentlich habe ich aus einem ganz anderen
Grund angerufen.«
»Ja?«, fragte er, als sie zögerte.
Janellen wischte sich die feuchte Hand am Rock ab. »Sagen Sie, arbeitet dieser junge Mann
noch bei Ihnen? Bowie Cato?«
Lara jätete gerade das Petunienbeet, als ein blauer Kombi quietschend um die Ecke bog, über die
Gehsteigkante hoppelte, ihre Auffahrt hinaufbrauste und auf dem losen Schotter zum Halten kam.
Die Fahrertür wurde aufgestoßen, und ein junger Mann in Badehose sprang heraus. Er hatte
Panik im Blick.
»Doktor! Meine kleine Tochter! Sie … ihr Arm … O Gott, bitte, helfen Sie uns!«
Lara ließ augenblicklich die Hacke fallen und schoss wie eine Sprinterin vom Startblock aus dem
Beet. Sie streifte im Laufen die Gartenhandschuhe ab, rannte zur Beifahrertür und riss sie auf. Die
Frau im Wageninneren war noch hysterischer als der Mann. Sie hielt ein etwa dreijähriges Kind
im Arm. Alles war voller Blut.
»Was ist passiert?« Lara langte in den Wagen und drückte vorsichtig die Arme der Mutter vom
Körper der Tochter. Das Blut war hellrot. Arterielles Blut.
»Wir kamen vom See«, schluchzte der Mann. »Letty saß hinten, hielt den Arm aus dem Fenster.
Ich konnte doch nicht ahnen, dass ich so nahe dran war, als ich abbog. Der Telefonmast … o
Gott … o Jesus, hilf.«
Der Arm des Kindes war fast abgetrennt worden. Die Schulterkugel war grotesk entblößt. Blut
sprudelte aus der verletzten Arterie. Seine Haut war blau, sein Atem ging flach und schnell. Es
reagierte nicht.
»Geben Sie mir ein Handtuch.«
Der Mann fischte eins von einem Stapel Strandtücher auf der Rückbank und reichte es ihr. Sie
presste es fest gegen die Wunde. »Halten Sie das so, bis ich wieder zurück bin.« Die Mutter nickte
unter Schluchzen. »Drücken Sie, so fest Sie können.« Zum Vater sagte sie: »Räumen Sie die
Rückfläche frei.«
Sie rannte zum Praxiseingang. Dann suchte sie gleichzeitig die notwendigen Utensilien für einen
Glukosetropf zusammen und rief die Nummer der Luftrettung im Mutter-Frances-Hospital in
Tyler an.
»Hier spricht Dr. Mallory aus Eden Pass. Ich brauche einen Hubschrauber. Der Patient ist ein
Kind. Schock, zyanotisch, hoher Blutverlust, keine Reaktion. Der rechte Arm ist beinahe
abgetrennt. Keine Anzeichen für Verletzungen an Kopf, Rücken oder Nacken. Das Kind ist
transportfähig.«
»Können Sie es zum Dabbert-County-Landeplatz bringen?«
»Ja.«
»Beide Helikopter sind momentan im Einsatz. Wir leiten Ihre Meldung weiter.«
Lara hängte ein, griff nach dem Notfallkoffer und rannte wieder nach draußen. Der Vater musste
wie ein Wahnsinniger in seiner Panik die Rückbank leer geräumt haben. Auf der Auffahrt lagen
abgelassene Luftmatratzen, Blasebälge, ein Picknickkorb, Sechserpacks Limonade, zwei
Thermoskannen, eine Kühlbox und eine alte Decke.
»Helfen Sie mir, sie auf die Fläche zu legen.«
Zusammen mit dem Vater hob Lara das Kind vom Schoß der Mutter und trug es zur
Heckklappe des Wagens. Lara kletterte rückwärts hinein und senkte den Körper des Kindes
langsam auf die mit Teppich ausgeschlagene Fläche ab. Auch die Mutter kletterte hinein und
hockte sich neben ihre Tochter.
»Geben Sie mir die Decke.« Der Mann brachte sie ihr, und Lara deckte das Mädchen zu, um die
Körperwärme zu konservieren. »Fahren Sie zur County-Landebahn. Ich hoffe, Sie wissen, wo das
ist.«
Er nickte.
»Ein Hubschrauber wird sie ins Krankenhaus nach Tyler bringen.« Er schlug die Klappe zu und
lief zur Fahrertür. Zwei Minuten nach ihrer Ankunft waren sie wieder unterwegs.
Lara arbeitete schnell, als sie das blutgetränkte Handtuch von der Schulter des Mädchens nahm
und es durch große sterile Tupfer ersetzte. Sie presste diese auf die Wunde und umwickelte die
Schulter dann fest mit einer Bandage. Die Blutung konnte tödlich sein, wenn sie nicht bald gestillt
wurde.
Als Nächstes suchte sie auf dem Handrücken der Kleinen nach einer Vene. Die Patientin begann
zu würgen. Ihre Mutter heulte vor Entsetzen auf. Ruhig sagte Lara: »Drehen Sie sie auf die Seite,
damit sie sich nicht an dem Erbrochenen verschluckt.« Die Mutter tat wie geheißen. Die
Atemwege des Kindes waren frei, doch seine Atmung war schwach, genau wie der Puls.
Der Vater fuhr wie ein Wahnsinniger, hupte die anderen Wagen von der Straße, überfuhr rote
Ampeln und fluchte unter Tränen. Die Mutter schluchzte lauthals.
Lara fühlte mit ihnen. Sie wusste, was für ein Gefühl es war, hilflos zusehen zu müssen, wenn
das eigene Kind einen blutigen Tod starb.
Unzufrieden mit der winzigen Vene, die sie auf dem Handrücken lokalisiert hatte, entschloss sie
sich spontan zu einem Einschnitt. Sie zog den Fuß des Kindes unter der Decke hervor und schnitt
unter dem entsetzten Blick der Mutter mit dem Skalpell in den Knöchel, fand eine Vene, tätigte
noch einen Schnitt, führte einen schmalen Katheter ein und schloss den Tropf daran an. Mit
flinken, geschickten Fingern verschloss sie die kleine Wunde mit einer Klammer, um den
Katheter zu sichern.
Der Schweiß tropfte ihr von der Stirn, und sie wischte ihn sich mit dem Ärmel ab. »Gott sei
Dank«, entfuhr es ihr, als sie sah, dass sie am Landeplatz angekommen waren.
»Wo ist der Hubschrauber?«, schrie der Vater.
»Drücken Sie auf die Hupe!«
Ein Mann mit wässrigen Augen kam im ölverschmierten Overall aus dem Hangar auf den Fahrer
zugelaufen.
»Sind Sie Dr. Mallory?«, fragte er.
Der Vater zeigte nach hinten zur Ladefläche des Kombi. Der Mechaniker beugte sich herunter
und starrte mit offenem Mund auf die blutige Szene, die sich ihm bot. »Doc?«
»Hat sich das Hospital schon bei Ihnen gemeldet?«
»Ja, der eine Chopper ist draußen am Palestine, um einen Mann mit einem Herzinfarkt
abzuholen, der andere ist bei der Interstate 20, da war ein Autounfall.«
»Ist das Medical Center verständigt worden?«
»Ja, aber deren Hubschrauber ist auch bei der Autobahn. Scheint ’ne böse Karambolage gegeben
zu haben. Die haben nur gesagt, dass sie die Meldung weiterleiten.«
»Die Kleine kann nicht warten!«
»O Gott, mein Baby«, jammerte die Mutter. »Sie wird sterben, nicht wahr? O Gott!«
Lara sah zu dem winzigen Körper und spürte, wie das Leben aus ihm wich. »Gott, steh mir bei.«
Sie vergrub das Gesicht in den Händen, die nach frischem Blut rochen. Dies war ein immer
wiederkehrender Alptraum. Zusehen zu müssen, wie ein Kind starb. Verblutete. Unfähig zu sein,
etwas dagegen zu tun.
»Doktor!«
Der Vater des Kindes packte sie am Arm und schüttelte sie. »Was jetzt? Sie müssen etwas tun!
Unser Baby stirbt!«
Dessen war sie sich nur allzu bewusst. Sie wusste auch, dass sie allein mit einer so ernsthaften
Verletzung nicht fertigwerden würde. Sie konnte den Schock vorübergehend unter Kontrolle
halten, aber das Mädchen würde mit Sicherheit den Arm, wenn nicht sogar das Leben verlieren,
wenn es nicht bald versorgt wurde. Das kleine County-Krankenhaus war nicht gut genug
ausgestattet, um mit einem Trauma diesen Ausmaßes umzugehen. Eine schlimme Schnittwunde,
ein komplizierter Bruch, ja, aber nicht so etwas. Sie dorthin zu bringen wäre Vergeudung
wertvoller Minuten.
Sie wandte sich dem hilflosen Mechaniker zu. »Können Sie uns hinfliegen? Es geht um Leben
und Tod.«
»Ich bastle nur an den Dingern rum. Fliegen hab ich nie gelernt. Aber es gibt einen Piloten hier,
der könnte Sie vielleicht fliegen.«
»Wo ist er?«
»Da hinten«, er deutete mit dem Daumen ins Hangarinnere. »Er ist nur selbst ziemlich schlecht
beieinander.«
»Gibt es auch ein Flugzeug, das wir nehmen könnten? Am besten einen Hubschrauber?«
»Dieser Profigolfer, der sich vor ’ner Weile hier zur Ruhe gesetzt hat, der hat einen
Hubschrauber. Schickes Ding. Fliegt damit ein-, zweimal in der Woche nach Dallas zum Golf
spielen. Der ist ganz in Ordnung. Glaube nicht, dass er was dagegen hätte, wenn Sie ihn
benutzen. Zumal es ja ein Notfall ist.«
»Beeilen Sie sich!«, drängte die Mutter.
»Kann dieser Pilot da drinnen einen Hubschrauber fliegen?«, fragte Lara den Mechaniker.
»Klar, aber ich sagte Ihnen doch, der ist nicht gut … «
»Halten Sie den Tropf hoch«, wies sie die Mutter an. »Sie achten auf ihre Atmung«, befahl sie
dem Vater. Sie ging ein Risiko ein, den Eltern die Aufsicht über das Kind zu lassen, aber sie
befürchtete, der Mechaniker könne dem Mann im Hangar die Dringlichkeit der Situation nicht
richtig klarmachen.
Sie lief an ihm vorbei in die Halle. Drinnen standen mehrere in Einzelteile zerlegte Maschinen.
Sie konnte niemanden entdecken. »Hallo! Hallo?!«
Sie ging durch die Tür zu ihrer Linken und kam in einen kleinen, stickigen Raum. In der Ecke
stand eine Liege. Ein Mann lag dort ausgestreckt auf dem Rücken und schnarchte laut. Es war
Key Tackett.
Kapitel 8

Es stank wie in einer Brauerei. Lara beugte sich über ihn, packte ihn bei der Schulter und rüttelte
ihn unsanft. »Aufwachen. Sie müssen mich nach Tyler fliegen. Sofort!« Er murmelte etwas
Unverständliches und rollte sich auf die Seite.
In dem rostigen, schnarrenden Kühlschrank fand Lara mehrere Dosen Bier, etwas faulig
stinkenden Käse, eine verschrumpelte Orange und einen Kanister Wasser, nach dem sie gesucht
hatte. Sie schraubte den Deckel ab und goss Tackett den Inhalt über den Kopf.
Brüllend, mit geballten Fäusten und Mordlust im Blick fuhr er hoch. »Verdammte Scheiße, was
…?« Doch es verschlug ihm die Sprache, als er Lara mit dem tropfenden Plastikkanister vor sich
stehen sah.
»Ich brauche Sie. Sie müssen ein kleines Mädchen zum Mutter-Frances-Hospital fliegen. Sie
verliert sonst ihren Arm und vielleicht sogar das Leben. Wir haben keine Zeit zu diskutieren.
Können Sie uns heil hinbringen, ohne dass wir abstürzen?«
»Ich kann überall hinfliegen, zu jeder Zeit.« Er schwang sich von der Pritsche und hob seine
Stiefel auf.
Lara drehte sich um und stürmte aus dem Gebäude. Der Vater kam ihr entgegengelaufen.
»Haben Sie ihn gefunden?«
»Er kommt.« Mehr sagte sie nicht. Es war besser für ihn, wenn er nicht wusste, dass der Pilot
seinen Rausch noch nicht ganz ausgeschlafen hatte. Der Mechaniker stand neben dem
Hubschrauber und signalisierte mit erhobenem Daumen sein Okay. »Wie heißen Sie?«, fragte sie
den jungen Vater, während sie über den Asphalt liefen.
»Jack. Jack und Marion Leonard. Unsere Tochter heißt Letty.«
»Jack, helfen Sie mir, Letty zum Hubschrauber zu bringen.«
Gemeinsam hoben sie das Mädchen aus dem Kombi und trugen es eilig hinüber zum
Helikopter. Marion lief neben ihnen her und hielt den Beutel mit der Dextrose hoch. Als sie den
Hubschrauber erreichten, saß Key schon auf dem Pilotensitz.
Er hatte die Maschine bereits gestartet; die Rotorblätter drehten sich. Die Leonards waren zu
sehr in Sorge um ihre Tochter, um zu bemerken, dass sein Hemd offen war und er dringend eine
Rasur brauchte. Wenigstens hatte er die blutunterlaufenen Augen mit einer verspiegelten
Sonnenbrille getarnt.
Als sie alle an Bord waren, schaute Key in die Runde und fragte in Richtung Lara: »Startklar?«
Sie nickte. Der Helikopter hob ab.
Es war zu laut für eine Unterhaltung, aber es gab ohnehin nichts zu sagen. Die Leonards
klammerten sich aneinander, während Lara den Blutdruck und den Puls des Mädchens überprüfte.
Sie vertraute darauf, dass Key wusste, wie der Landeplatz am Mutter-Frances-Hospital zu
erreichen war. Er hatte einen Kopfhörer mit Mikrofon aufgesetzt, und sie sah, wie sich seine
Lippen bewegten.
Er rief ihr über die Schulter zu: »Ich bin auf ihrer Frequenz und habe die Notaufnahme dran. Sie
wollen wissen, in welchem Zustand die Kleine ist.«
»Blutdruck fünfzig zu dreißig, weiter abfallend. Puls schwach. Sagen Sie ihnen, wir brauchen
einen Vaskulär-chirurgen und einen Orthopädie-Spezialisten. Sie wird wahrscheinlich beide
benötigen. Ich habe einen Tropf angelegt.«
»Haben Sie ihr ein Antikoagulans gegeben?«
Sie hatte es in Erwägung gezogen, sich dann aber dagegen entschieden. »Sie ist zu jung. Die
Blutung ist vorübergehend unter Kontrolle.«
Key übermittelte die Information. Lara überprüfte immer wieder Lettys Blutdruck, die Atmung
und den Puls. Sie rang mit sich, emotional unbeteiligt zu bleiben, doch das war nicht einfach,
wenn die Patientin so jung, hilflos und so schwer verletzt war.
Von Zeit zu Zeit langte Marion herüber und strich ihrer bewusstlosen Tochter über das Haar
oder die Wange. Einmal fuhr sie mit dem Daumen über Lettys kleine Zehen. Diese instinktive
mütterliche Geste zerriss Lara das Herz.
Als die Randbezirke der Stadt unter ihnen auftauchten, sagte Key: »Das Trauma-Team steht
bereit. Sie haben uns die Erlaubnis zur Landung erteilt.«
Plötzlich setzte Lettys flache Atmung aus. Lara tastete ihren Hals fest ab, konnte aber keinen Puls
fühlen.
Jack Leonard schrie panisch: »Was ist los? Doktor? Doktor?«
»Ihre Atmung hat ausgesetzt.«
»Mein Baby! O Gott, mein Baby!«, schrie Marion hysterisch. Lara beugte sich über das Kind und
platzierte ihre Handballen direkt unter dem Sternum. Dann presste sie mehrmals, versuchte, das
Herz durch Druck auf den Brustkorb zu beleben. »Nein, Letty, nein! Du musst durchhalten!
Bitte! Wie weit ist es noch, Key?«
»Ich kann das Krankenhaus sehen.«
Sie beugte sich über das Gesicht der Kleinen und versuchte es mit Mund-zu-Mund-Beatmung.
»Du darfst nicht sterben, Letty«, flüsterte sie beschwörend.
»O Gott«, krächzte Jack. »Sie ist tot.«
»Letty!«, schrie Marion. »O Gott, bitte, nein!«
Lara hörte ihre hysterischen Schreie nicht einmal. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den
kleinen Körper vor ihr gerichtet, während sie rhythmisch presste und abwechselnd beatmete.
Als sie einen schwachen Pulsschlag spürte, stieß sie einen Schrei der Erleichterung aus. Die
Atmung setzte wieder ein, und der kleine Brustkorb hob und senkte sich. Lara unterstützte sie
weiter. Der Puls war sehr schwach, aber ihr Herz schlug wieder.
»Wir haben sie zurück!«
Key setzte mit dem Chopper auf.
Das Trauma-Team kam angelaufen, duckte sich unter den Rotorblättern. Lara übergab ihnen
die Patientin und half, Marion zurückzuhalten, während sie das Kind auf eine Bahre legten und in
die Notaufnahme schoben. Sie folgten ihnen, doch eine Schwester fing sie ab und führte sie in
einen Warteraum nebenan.
»Ich will zu meinem Kind.« Marion lief den mit der Bahre verschwindenden Ärzten nach.
»Es tut mir leid, Ma’am. Sie müssen hier draußen warten. Die Ärzte werden alles für Ihre
Tochter tun.«
Lara nickte der Schwester verständig zu. »Ich kümmere mich um sie. Vielen Dank.«
Sie führte Marion zusammen mit Jack in den Wartebereich zurück. Jack redete beruhigend auf
seine Frau ein. »Wir müssen die Familie anrufen, Marion.«
»Gehen Sie nur. Ich bleibe bei ihr.«
»Nein«, sagte Marion entschlossen und schüttelte den Kopf. »Ich gehe mit Jack.« Sie ließ sich
nicht überzeugen. Sie stützten sich gegenseitig und suchten ein Telefon.
»Wird die Kleine durchkommen?«
Beim Klang von Keys Stimme in ihrem Rücken wirbelte Lara herum. Er sah den Leonards
nach, die den Gang hinunter verschwanden.
»Es steht auf der Kippe.«
»Sie haben sie um ein Haar verloren, nicht wahr?« Sein Blick schweifte zu ihr. »Und Sie haben
wie der Teufel um sie gekämpft.«
»Das ist mein Job.«
Nach einer Pause fragte er: »Was ist mit dem Arm?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht wird sie ihn verlieren.«
»Mist.« Er steckte die Sonnenbrille in die Brusttasche seines Hemdes, das er zugeknöpft hatte,
ehe er ihnen ins Innere des Gebäudes gefolgt war. »Ich brauche dringend einen Kaffee. Wollen
Sie auch einen?«
»Nein, danke.«
»Sagen Sie Bescheid, wenn Sie bereit sind, nach Eden Pass zurück … «
Lara schüttelte den Kopf. »Ich werde mit den Leonards hier warten. Wenigstens so lange, bis das
Kind aus dem OP kommt. Sie müssen nicht bleiben. Ich komme schon irgendwie zurück.«
Er bedachte sie mit einem harten Blick, dann meinte er ungerührt: »Ich gehe Kaffee holen.«
Lara sah ihm nach, wie er mit aufrechtem Gang, während er fast unmerklich den verletzten Fuß
ein wenig nachzog, den kahlen Korridor hinunterging. Trotz seines ramponierten Äußeren wäre
man nie darauf gekommen, dass sie ihn erst vor kurzem aus einem Vollrausch geweckt hatte.
Er hatte den Chopper zwischen einem mehrstöckigen Parkhaus und dem Krankenhausgebäude
gelandet. Es war ein schwieriges Manöver gewesen. Seine Prahlerei, jederzeit überall hinfliegen zu
können, war kein leeres Versprechen gewesen.
Die Leonards kehrten von ihren Telefonaten mit der Familie zurück, und das lange Warten
begann. Key brachte ihnen mehrere Becher Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen aus dem
Automaten. Lara machte ihn mit den besorgten Eltern bekannt.
»Wir können Ihnen gar nicht genug danken«, beteuerte Marion unter Tränen. »Wie es auch
ausgehen mag, wenn Sie nicht gewesen wären, hätten wir Letty … sie …«
Angesichts der Dramatik der Situation sparte sich Key hohle Floskeln, legte ihr stattdessen
mitfühlend die Hand auf die Schulter und drückte sie. »Ich bin bald wieder zurück.« Ohne ein
weiteres Wort der Erklärung war er verschwunden.
Aus dem OP sickerten nur langsam Informationen durch. Jedes Mal wenn die Schwester auf den
Gang herauskam, schreckten die drei Wartenden hoch. Doch sie versicherte ihnen nur, dass das
Ärzteteam alles unternehmen würde, um Lettys Zustand zu stabilisieren und ihren Arm zu retten.
Es war ein geschäftiger Morgen in der Notaufnahme. Bei dem Unfall auf der Autobahn waren
mehrere Personen schwer verletzt worden.
Drei Fahrzeuge waren daran beteiligt gewesen, einschließlich eines Reisebusses mit Rentnern
auf einer Kaffeefahrt. Das Personal hatte alle Hände voll zu tun, aber Lara merkte, dass alle
kompetent waren und effizient arbeiteten.
Nach etwa einer Stunde kehrte Key mit einer großen Einkaufstüte vom Supermarkt zurück. Er
reichte sie Lara und Marion. »Ich hab mir gedacht, Sie würden sich ein bisschen besser fühlen,
wenn Sie was Frisches zum Anziehen haben.«
Sie fanden Hosen und T-Shirts in der Tüte. Ihre eigenen Kleider waren von Lettys Blut ganz
steif geworden. Lara und Marion suchten den nächsten Waschraum auf, um sich frisch zu machen
und sich umzuziehen. Als Jack Key die Unkosten erstatten wollte, weigerte er sich, das Geld
anzunehmen.
»Sie sind doch Barney Leonards Sohn, richtig? Sie haben die Reinigung von Ihrem Dad
übernommen, stimmt’s?«
»Das stimmt, Mr. Tackett. Ich hatte nicht angenommen, dass Sie sich an mich erinnern.«
»Sie verstehen was von Ihrem Job. Hab noch nie so gute Hemden gehabt – genau die richtige
Menge Stärke«, sagte Key. »Somit sind wir quitt.« Jack schüttelte ihm die Hand.
Eine halbe Stunde später traf ihre Familie in Begleitung des Pastors ein. Die besorgte Gruppe
kam zusammen und betete für Lettys Leben. Lara hatte in ihrer beruflichen Laufbahn schon viele
solcher Szenen gesehen und hatte ihr Unbehagen angesichts persönlicher Tragödien wie dieser
abgelegt.
Was auf Key offensichtlich nicht zutraf. Unruhig wanderte er auf dem Flur auf und ab und
verschwand von Zeit zu Zeit. Jedes Mal wenn er ging, dachte Lara, er würde den geborgten
Hubschrauber nach Eden Pass zurückbringen, aber er kam immer wieder zurück und erkundigte
sich nach Lettys Zustand. Bei einer dieser nicht weiter erklärten Gelegenheiten hatte er sich rasiert
und das Hemd in die Hose gesteckt, woraufhin er einigermaßen präsentabel wirkte.
Fast sieben Stunden nachdem man Letty in den OP geschoben hatte, trat ein Mann in mittleren
Jahren mit Bauchansatz in einem blauen Kittel heraus und rief ihren Namen. Die Leonards
erhoben sich, fassten sich bei den Händen, um gewappnet zu sein für das, was kam.
»Ich bin Dr. Rupert.« Er stellte sich ihnen als der Chirurg für Vaskulärmedizin vor. »Ihre Kleine
hat es geschafft. Wenn keine unerwarteten Komplikationen auftreten, wird sie durchkommen.«
Marion wäre zusammengebrochen, wenn ihr Mann sie nicht gestützt hätte. Sie begann laut und
heftig zu schluchzen. »Danke. Ich danke Ihnen. Danke.«
»Was ist mit ihrem Arm?«, fragte Jack.
»Wir konnten ihn retten, aber ich kann Ihnen zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, inwieweit sie
ihn später gebrauchen kann. Die Durchblutung ist wiederhergestellt, aber die Nerven und das
Muskelgewebe könnten Schäden genommen haben, die sich erst später zeigen. Dr. Callahan,
unser Spezialist für Orthopädie, wird in Kürze herauskommen und Ihnen mehr sagen können. Er
wird Sie auch auf die spätere Physiotherapie ansprechen. Jetzt ist erst einmal wichtig, dass sie lebt
und ihr Zustand stabil ist.«
»Wann kann ich zu ihr?«, fragte Marion.
»Sie muss noch ein paar Tage auf der Intensivstation bleiben, aber Sie dürfen für kurze Zeit zu
ihr. Das Pflegepersonal gibt Ihnen Bescheid. Dr. Callahan wird gleich bei Ihnen sein.«
Während sich die Angehörigen um das Paar drängten und Jack und Marion umarmten, wandte
sich der Arzt an Key. »Dr. Mallory?«
»Nein, ich …«
»Ich bin Dr. Mallory«, sagte Lara und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Ärztin für
Allgemeinmedizin in Eden Pass.«
»Gute Arbeit, wenn man die Umstände bedenkt. Sie waren wirklich blitzschnell hier.«
»Ich freue mich, dass sie es schafft«, erwiderte Lara mit einem erschöpften Lächeln. Sie senkte die
Stimme, als sie fragte: »Unter Kollegen – ist schon abzusehen, wieweit sie ihren Arm später wird
benutzen können?«
»Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, es besteht eine fünfzigprozentige Chance auf
Wiederherstellung. Sie ist jung genug, um mögliche Behinderungen auszugleichen. Sollte der
Eingriff voll gelungen sein, wird sie sich später kaum mehr an den Unfall erinnern.« Auch sein
Lächeln wirkte erschöpft. Die Anstrengung der siebenstündigen Operation machte sich auf seinen
Zügen bemerkbar. »Trotzdem mache ich jede Wette, dass sie nie wieder den Arm aus einem
fahrenden Auto halten wird.«
Sie gaben sich ein zweites Mal die Hand. Nachdem er noch einige abschließende Worte an die
Leonards gerichtet hatte, verschwand er. Die Leonards fielen Lara um den Hals und gingen dann
zum Telefon, um Freunden und Verwandten die gute Neuigkeit mitzuteilen.
Verloren blickte Lara zu Key hinüber. »Ich denke, für mich gibt es hier nichts mehr zu tun.«
»Bereit, wenn Sie es sind, Doc.«
Als sie in der Luft waren, fiel der Stress von Lara ab und wich einer völligen Erschöpfung. Die
Ereignisse des Tages forderten ihren Tribut. Ihre Muskeln schmerzten. Sie rollte den Kopf und
versuchte, die Knoten aus dem Nacken zu massieren.
Von hier oben aus gesehen, war die Abenddämmerung wundervoll, doch sie konnte den
Anblick nicht genießen, weil sie immer wieder daran denken musste, wie knapp Letty Leonard
dem Tod entronnen war.
Die Zerbrechlichkeit des Lebens kam einem voll zu Bewusstsein, wenn ein Kind Gefahr lief zu
sterben. Jeder Tod ging Lara nahe, doch der drohende Tod eines Kindes hinterließ einen
besonderen Eindruck bei ihr, weil es sie an den tragischen Moment erinnerte, als ihr Ashley
genommen wurde. In einer Sekunde hatte ihr wunderschönes kleines Mädchen noch fröhliche,
glucksende Babylaute von sich gegeben, in der nächsten hatte es blutüberströmt und leblos
dagelegen.
Lara stiegen Tränen in die Augen. Ihr Hals fühlte sich rau und wie zugeschnürt an. Wenn nicht
ausgerechnet Key Tackett in der engen Kabine neben ihr gesessen hätte, hätte sie bitterlich
geschluchzt.
Stattdessen zwang sie sich zur Beherrschung. Sie regte sich kaum, bis der Helikopter auf dem
Landeplatz von Dabbert County aufsetzte. Der Mechaniker empfing sie.
»Wie geht es dem kleinen Mädchen?«, fragte er, sobald Lara ausgestiegen war.
»Sie lebt, und sie haben ihren Arm gerettet.«
»Na, Gott sei Dank. Ich dachte schon, sie schafft es nicht. Hey, Key, ist ein Prachtstück, der
Chopper, was?«
»Erste Sahne, Balky«, bestätigte er und übergab dem Mechaniker die Schlüssel.
Lara deutete zum Kombi der Leonards. »Würden Sie sich vielleicht darum kümmern, dass er
gesäubert wird, bevor sie ihn abholen kommen?«
»Schon geschehen«, sagte der Mechaniker. »Bo hat ’nen Jungen von der Garage rübergeschickt.
Er hat das Blut ausgewaschen.«
»Das war sehr freundlich von Ihnen … Balky, richtig?«
Er nickte. »Balky Willis. Freut mich, Ma’am.« Er gab Lara die Hand.
Sie erwiderte seinen Händedruck. »Lara Mallory.«
»Ja, Ma’am. Hab ich mir gedacht, dass Sie das sind.«
»Ich bin sicher, die Leonards werden Ihnen sehr dankbar sein für Ihre Hilfe.«
»War nicht meine Idee mit dem Wagen, Ma’am. Key hat von Tyler aus angerufen und es
vorgeschlagen.«
Lara warf ihm einen überraschten Blick zu. Er zuckte mit den Achseln. »Ich dachte, sie würden
so oder so nicht gern daran erinnert werden. Können wir los?«
»Los?« Erst da fiel ihr ein, dass sie ohne eigenen Wagen da war. »Oh, wenn es Ihnen nichts
ausmacht?«
Er deutete auf den gelben Lincoln, der am anderen Ende des Hangars geparkt stand.
Lara bat Balky, sich in ihrem Namen bei dem Golfer zu bedanken, der ihnen den Chopper
ausgeliehen hatte. »Sagen Sie ihm, er soll mir die Rechnung für die anfallenden Unkosten
zuschicken.«
»Geht klar.« Er salutierte vor ihr und verabschiedete sich auch von Key.
»Ich erwarte von Ihnen, dass Sie mir auch eine Rechnung schreiben, Mr. Tackett«, sagte sie auf
dem Weg zum Lincoln. »Wie hoch ist Ihr übliches Honorar?«
Er hielt ihr die Beifahrertür auf. »Kommt drauf an, für was.«
Sie lächelte nicht, als sie sich auf den Sitz gleiten ließ, sondern starrte stur geradeaus durch die
Windschutzscheibe.
Als sie auf dem Highway in Richtung Stadt fuhren, sagte Key: »Wissen Sie, Sie besitzen nicht
für zehn Cent Humor. Lachen Sie nie?«
»Doch, wenn ich etwas Lustiges höre.«
»Oh, kapiere. Sie finden mich nicht amüsant.«
»Anspielungen sexueller Art haben ihren Charme für mich verloren. Ich habe mir schon zu viele
gefallen lassen müssen, um sie lustig zu finden.«
Er streckte seine langen Glieder, rutschte in eine bequemere Position auf dem Sitz. Das Leder
knarrte unter ihm. »Ich schätze, das ist der Preis dafür, wenn man in einen Sexskandal verstrickt
war.«
»Nein, nicht man. Diesen Preis bezahlt nur die Frau.«
Er warf ihr einen prüfenden Blick von der Seite zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf
die Straße richtete. Sie schwiegen, während der Wagen über den zweispurigen Highway in die
zunehmende Dunkelheit glitt.
»Sind Sie hungrig?«
Sie hatte nicht darüber nachgedacht, aber als er fragte, musste sie eingestehen, dass sie halb
verhungert war. Alles, was sie am Morgen, bevor sie rausgegangen war, um das Blumenbeet zu
jäten, zu sich genommen hatte, war ein Joghurt und zwei Tassen schwarzen Kaffees gewesen.
»Schon«, sagte sie.
»Mögen Sie Spareribs?«
»Wieso?«
»Weil ich weiß, wo man die besten Spareribs der Welt kriegt. Dachte, wir könnten kurz
anhalten.«
Sie sah an sich herunter, auf die Kleidung, die er ihr gekauft hatte. »Ich glaube, ich bin nicht
unbedingt passend zum Ausgehen angezogen, so nett ich das mit den Sachen finde.«
Er lachte. »Für Barbecue Bobby sind Sie geradezu rausgeputzt!«
»Na ja, den passenden Namen hat er.«
»Ja, aber den hat er nicht wegen seiner Grillkünste, sondern weil er selbst einmal gegrillt wurde.«
Sie sah ihn fragend an. »Das war so: Bobby Sims kannte einen Rodeoreiter, einen Kerl namens
Little Pete Pauley. Eines Abends bekamen die beiden beim Tanz nach dem Rodeo Streit wegen
einer Frau. Pete zog den Kürzeren, und Bobby machte Witze über Little Pete, der schon von
jeher empfindlich war, was seine eins sechzig in Stiefeln anging.
Später in der Nacht rächte sich Little Pete an Bobby, indem er ihm das Haus über dem Kopf
anzündete. Bobby kam gerade noch davon. Er war so weit okay, bis auf sein Haar, das dabei
versengt wurde. Er lief ganze sechs Monate wie ’ne kahlköpfige Eidechse durch die Gegend und
roch immer leicht nach verbranntem Holz. Alle nannten ihn nur noch Barbecue. Tja, von da an
stand seine weitere Zukunft schon fest.«
Lara vermutete, dass er ihr einen Bären aufbinden wollte, aber ehe sie ihre Zweifel aussprechen
konnte, bogen sie auf einen Parkplatz vor einer Kneipe ein. »Hmm, ganz schön was los heute
Abend.«
»Aber das ist eine richtige Spelunke!«, protestierte sie. Um den Dachgiebel war ein einzelner
Strang mit gelben Lichtern geschlungen, die meisten davon defekt. Das war die ganze Dekoration
des Etablissements. »Da kann ich unmöglich reingehen.«
»Oho!«, spottete er. »Wohl zu fein, die Dame, wie?«
Er hatte sie in die Ecke gedrängt. Wenn sie sich weigerte, mit ihm dort hineinzugehen, hätte er
einen weiteren Grund, sie eine Heuchlerin oder einen Snob zu nennen – eine, die mit Steinen
warf, obwohl sie selbst im Glashaus saß.
Andererseits wollte sie auf jeden Fall vermeiden, dass das Gerücht umging, sie würde mit Key
Tackett durch die Gegend ziehen. Sie wusste, wie schnell das gehen konnte. Diese Ärztin, die
den armen Senator Tackett ins Unglück gestürzt hat, hat sich jetzt auch noch den kleinen Bruder
unter den Nagel gerissen, würden die Leute sagen.
Doch eventuelle Gerüchte waren Zukunftsmusik, Keys Verachtung dagegen etwas, womit sie
hier und jetzt fertigwerden musste. Sie öffnete die Tür und stieg aus. Er trug ein unverschämt
selbstgefälliges Grinsen im Gesicht, als er ihr zum Eingang folgte und die Tür aufhielt.
Die Inneneinrichtung der Kaschemme war kaum ansehnlicher als die Außendekoration. Eine
dicke Qualmwolke hing in der Luft und trübte die ohnehin schummrige Beleuchtung. Der
Gestank von Bier war beinahe ebenso betäubend wie der Bass, der aus der knalligen Jukebox in
der Ecke dröhnte. Mehrere Pärchen tanzten auf einer winzigen Tanzfläche. Die Theke nahm die
eine Wand in voller Länge ein, an die andere Wand geklemmt standen kleine Tische.
Als sie eintraten, drehten sich alle Köpfe zu ihnen um. Die Frauen musterten Key, Lara war das
Opfer der Männerblicke. Verunsichert ließ sie sich von ihm zu einem der Tische führen.
»Trinken Sie Bier?«
Sie richtete sich bei dem herausfordernden Ton auf. Das war ein weiterer Test. »Zu Spareribs?
Natürlich.«
Er stieß einen schrillen Pfiff auf zwei Fingern aus. »Hey, Bobby, zwei Bier!«
»Ich glaub, mich tritt ein Pferd«, dröhnte der Barkeeper. »Zwei Bier für den guten alten Key
Tackett! Kommt sofort!«
Key nahm Lara gegenüber Platz und schob die Gewürze, die in der Mitte des Tisches standen,
an den Rand. »Da retten Sie an ein und demselben Tag einem Kind das Leben und trinken mit
mir Bier. Sie lieben die Herausforderung, nicht wahr, Doc?«
Er erwartete keine Antwort, und sie kam auch nicht dazu, weil in diesem Moment ein feister
Mann mit einer ehemals weißen, aber nun von Bratenspritzern und Barbecuesauce verschmierten
Schürze vor ihnen auftauchte. In der einen Hand hielt er zwei schlanke Bierflaschen, mit der
anderen schlug er Key auf die Schulter.
»Lange nicht gesehen!« Donnernd stellte er die Flaschen auf den Tisch. Lara langte schnell zu,
damit ihre Flasche nicht umkippte. Bobby merkte es gar nicht. Er begrüßte immer noch Key.
»Hab schon gehört, dass du von den Scheichs zurück bist. Stimmt das, dass die einem den
Schwanz abschneiden, wenn man ihre Weiber schräg anschaut? Wie bist du geiler Bock denn da
lebend wieder rausgekommen? Hab mich schon gefragt, wann du dich endlich hier blicken lässt,
du Mistkerl.«
»Sieht klasse aus hier, Bobby. Das Geschäft blüht, was?«
»Teufel, und wie! Solange die Leute futtern, saufen und ficken, kommen sie zu mir, weil sie hier
alles drei kriegen. Rundumbedienung, sag ich immer. Das ist meine Geschäftsphilosophie. Und
wen haben wir da?« Er zeigte auf Lara.
Key stellte sie vor. Der Kneipier bemühte sich erst gar nicht, seine Verblüffung zu verbergen.
»Das ist also die Lady mit dem zweifelhaften Ruf, von der ich schon so viel gehört habe. Du
kleiner gerissener Bastard.« Er musterte sie unverhohlen, was Lara lieber war als die versteckten
Blicke der anderen.
»Sie haben sich in der Stadt niedergelassen, richtig? In der Praxis vom alten Doc Patton.«
»Das stimmt.« Lara lächelte. Sie bemerkte die Brandnarben über seinen Brauen und am
Haaransatz.
»Tja, was alles so passiert auf der Welt.« Sein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her.
»Dachte nicht, dass ihr beide so dicke miteinander seid.«
»Sind wir auch nicht. Aber wir haben beide zufällig Hunger. Kriegen wir jetzt was zu essen,
oder willst du noch den ganzen Abend hier rumstehen?«
Barbecue Bobby grinste. »Aber klar kriegt ihr was. Für Geld tue ich alles. Was darf’s sein?«
»Zweimal Spareribs. Für mich ohne Sauce.«
»Ich bringe die Sauce extra, dann könnt ihr euch selbst bedienen. Noch zwei Bier?«
»Wenn du das Essen bringst.«
»Kann’s gar nicht abwarten, bis ich mal krank werde«, sagte er mit einem Zwinkern in Richtung
Lara. Dann schlurfte er, kopfschüttelnd über die Wechselfälle des Lebens, wieder hinter seinen
Tresen.
Key nahm mehrere große Schlucke aus seiner Flasche. Lara nippte an ihrer. »Sind Sie letzte
Nacht geflogen?«
Er hielt inne, setzte die Flasche aber nicht ab, sondern rieb die Öffnung müßig über die Lippen.
»Wieso?«
Lara wandte den Blick von seinem Mund und der Flasche ab. »Nur so.«
»Ja, ich bin letzte Nacht in der Luft gewesen. Mit ’ner Piper Cup. Wissen Sie, was das ist?« Sie
schüttelte den Kopf, auch wenn sie schon eine vage Vorstellung hatte, wie die Maschine aussah.
»Ganz hübsche kleine Kiste, wenn man ein paar Runden drehen will. Wieso fragen Sie?«
Auf keinen Fall wollte sie zugeben, dass sie gestern Abend nach ihrer Auseinandersetzung auf
dem Schulparkplatz dringend frische Luft gebraucht hatte und vor die Stadt gefahren war und
dabei einen tollkühnen, aber hochtalentierten Piloten bei seinem Flirt mit dem Tod beobachtet
hatte.
»Ich habe an Ihren Knöchel gedacht«, log sie. »Ich war nicht sicher, ob Sie schon fliegen
können, weil Sie ihn beim Gehen immer noch leicht schonen.«
»Stimmt, er tut noch weh. Aber wenn ich noch länger am Boden hätte festkleben müssen, wäre
ich wahnsinnig geworden.«
»Dann ist dieser Leerlauf für Sie eher ungewöhnlich?«
»Die Fliegerei ist mein Job. Ich fliege für jeden, der mich anheuert. Wenn mir jemand einen
interessanten Auftrag anbietet, bin ich dabei.«
»Das ist Ihr Kriterium? Der Job muss interessant sein?«
»Ja, genau wie die Bezahlung«, sagte er mit einem Grinsen. »Mich kriegt man nicht für einen
Apfel und ein Ei.«
»Demnach können Sie sich Ihre Kunden aussuchen?«
»Ja, so ziemlich. Manche Vereine sind eins a. Die haben die neuesten und teuersten Maschinen.
Die machen sogar Auflagen, wie lange ein Pilot maximal ohne Schlaf unterwegs sein darf und
wann er das letzte Bier gekippt haben darf. Die erwarten von einem, dass man jede Menge
Papierkram erfüllt. Auflagen von der FAA. Dann gibt es aber auch welche, deren Maschinen nicht
gut gewartet sind. Manchmal sind die Landebahnen am Zielflughafen katastrophal. Bei denen
kommt’s lediglich drauf an, dass man wenigstens ein Auge richtig aufkriegt.«
»Unter solchen Bedingungen sind Sie schon geflogen?«
»Unter ›solchen Bedingungen‹ habe ich die größten Scheine verdient.«
Wenn sie ihm so zuhörte, war sie überzeugt, dass Geld der letzte Grund war, weshalb er flog.
»Sie lieben es, stimmt’s?«
»Stimmt. Außer Sex gibt’s nichts Besseres. Manchmal ist es sogar noch besser als Sex, weil es
kein Vorspiel gibt und Flugzeuge nicht reden können.«
Sie ging nicht darauf ein.
Er fuhr fort. »Da oben ist alles so klar. Kein Scheißkram, der einem den Verstand vernebelt.« Er
senkte den Blick, als suchte er nach den richtigen Worten. »In der Luft sind die Dinge so
unkompliziert.«
»Es sieht aber enorm kompliziert aus.«
»Fliegen ist total automatisch«, sagte er mit einem brüsken Kopfschütteln. »Entweder man ist
dazu geboren oder nicht. Es kommt aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf. Man ist entweder gut
oder schlecht. Und die Entscheidungen sind entweder richtig oder falsch. Wenn du’s vermasselst,
bist du tot. So einfach ist das. Es gibt keinen Graubereich, keine Zeit für große Analysen. Man
muss sich sofort entscheiden, und dann kann man nur zu Gott beten, dass man recht hatte.«
»Ganz so simpel war es heute nicht«, erinnerte sie ihn.
»Doch, für mich schon. Ich war an dem Notfall nicht beteiligt. Mein Job war es, die Maschine
zu fliegen. Das habe ich getan.«
Lara nahm ihm nicht ab, dass er so lässig war, wie er behauptete. Er war innerlich mehr
engagiert gewesen, Letty Leonards Leben zu retten, als er zugeben wollte, und es hätte ihm ganz
sicher etwas ausgemacht, wenn sie auf dem Transport zum Krankenhaus gestorben wäre.
Barbecue Bobby kam mit dem Essen und zwei frischen Bier. Auf jedem der Teller befanden sich
saftige Rippchen, Pommes frites, frischer Krautsalat, eine Scheibe rote Zwiebeln, zwei Scheiben
Weißbrot und eine Peperoni von der Größe einer kleinen Banane. Key biss in eine Schote, als
handelte es sich um eine Frucht. Allein der Duft trieb Lara die Tränen in die Augen, und sie sah
lieber davon ab. Die Rippchen jedoch waren tatsächlich so köstlich, wie Key versprochen hatte.
Das Schweinefleisch, das viele Stunden im Rauch des Mesquiteholzes gehangen hatte, fiel
förmlich vom Knochen.
»Wollten Sie schon immer Pilot werden?«, fragte Lara zwischen zwei Bissen.
»Wollten Sie schon immer Ärztin werden?«
»Solange ich denken kann.«
Er schenkte ihr ein verschlagenes Grinsen. »Dann wollten Sie, als Sie klein waren, bestimmt
immer nur Doktorspielchen machen, was?«
»Das wollte ich wirklich, ja«, entgegnete sie mit einem Lächeln. »Aber nicht so, wie Sie es
meinen. Meine Freundinnen hatten irgendwann keine Lust mehr und wollten lieber ›Schule‹,
›Filmstar‹ oder ›Model‹ spielen. Ich war erst zufrieden, wenn sie von oben bis unten wie die
Mumien einbandagiert waren. Ich habe ihnen mit Eisstielen die Temperatur gemessen und mit
Fleischspießen Spritzen gegeben.«
»Autsch.«
»Meine Eltern haben immer gehofft, dass sich meine Begeisterung wieder legen würde. Was
nicht der Fall war.«
»Sie haben Sie nicht überredet, Medizin zu studieren?«
»Nein, im Gegenteil. Sie wollten, dass ich eine Dame der Gesellschaft werde, die mit ihren
Freundinnen den Lunch einnimmt, sich ehrenamtlich engagiert und Wohltätigkeitsbälle
organisiert. Nicht, dass irgendetwas daran falsch wäre – für etliche Frauen bedeutet so etwas
Erfüllung und Herausforderung. Aber für mich war das kein Leben.«
»Und das konnten Mommy und Daddy nicht verstehen?«
»Nein, das konnten Mutter und Vater nicht.« Er quittierte die Unterscheidung mit
hochgezogener Augenbraue. Lara erklärte: »Ich war ein spätes Kind. Tatsächlich war ich
unerwartet und auch unerwünscht. Aber da ich nun einmal da war, beschlossen meine Eltern, das
Beste aus der Situation zu machen, und planten mein Leben für mich. Und weil ich den Weg,
den sie für mich so sorgfältig ausgesucht hatten, nicht beschreiten wollte, ließen sie mich nie
vergessen, welche Last ich für sie war. Was manchmal allerdings auch stimmte«, fügte sie lachend
hinzu.
»Einmal habe ich eine Freundin mehrere Stunden auf meiner ›Intensivstation‹ eingesperrt, bis
ihre Eltern sie suchen kamen. Sie fanden sie in meinem Zimmer, mit Strohhalmen in den
Nasenlöchern, durch die sie atmen musste. Ich wundere mich bis heute, dass sie nicht erstickt ist.
Eine andere Freundin habe ich auf eine Gehirnoperation vorbereitet, indem ich ihr das Haar
streichholzkurz schnitt.«
Glucksend tupfte sich Key mit der Serviette den Mund ab.
»Und dann war da noch Molly.«
»Was haben Sie mit Molly angestellt?«
»Aufgeschnitten.«
Er verschluckte sich beinahe an seinem Bier. »Bitte?«
»Molly war die Nachbarshündin, ein Golden Retriever. Ein schönes Tier. Ich habe, seit ich
krabbeln konnte, mit ihr auf dem Hof zwischen unseren Häusern herumgetollt. Dann wurde
Molly krank, und … «
»Sie haben sie operiert?«
»Nein, sie starb. Unsere Nachbarn waren untröstlich und brachten es einfach nicht über sich, sie
noch am gleichen Tag zu beerdigen. Deshalb wickelten sie sie in Plastikfolie und ließen sie über
Nacht in der Garage.«
»Meine Güte, und Sie haben eine Autopsie durchgeführt?«
»Ja, eine ziemlich primitive. Ich überredete eine meiner Freundinnen, die immer behauptet
hatte, sie wolle Krankenschwester werden, sich mit mir nachts in die Garage zu schleichen. Und
aus der Küche haben wir uns Besteck geklaut.«
Lachend fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht. »Bisher kannte ich nur Mädchen, die mit
Barbiepuppen gespielt haben.«
Lara verteidigte sich: »Na ja. Molly konnte doch keinen Schmerz mehr spüren, und ich sah
nichts Schlimmes darin, sie aufzumachen und hineinzuschauen. Ich wollte etwas über die
Anatomie erfahren, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal das Wort kannte.«
»Und was geschah dann?«
»Als ich anfing, ihre Organe zu entfernen, fing meine angebliche Freundin an zu schreien.
Mollys Herrchen hörte die Schreie und rief die Polizei. Sie trafen ungefähr zu demselben
Zeitpunkt ein, in dem meine Eltern feststellten, dass ich und meine Freundin verschwunden
waren. Sie stürmten zur Garage, sahen den Kadaver, und dann war der Teufel los.
Meine Eltern waren verständlicherweise geschockt und warfen sich gegenseitig vor, die
›schlechten Gene‹ ihrer Verwandtschaft seien an meiner Veranlagung schuld. Die Nachbarn
schworen, nie wieder ein Wort mit uns zu wechseln. Die Eltern meiner Freundin redeten meinen
Eltern ein, dass ›irgendetwas mit mir nicht stimmen‹ würde und dass ich dringend in
psychiatrische Behandlung müsste, bevor ich mir oder anderen noch etwas antun würde.
Meine Eltern stimmten dem zu. Nach vielen Wochen und endlosen und kostspieligen Sitzungen
kam der Psychiater zu dem Ergebnis, dass ich eine vollkommen normale Elfjährige sei. Meine
einzige ungewöhnliche Veranlagung war ein ausgeprägtes Interesse an der menschlichen
Anatomie vom strikt medizinischen Standpunkt.«
»Ich schätze, Ihre Leutchen waren erleichtert, dass sie kein Monster aufgezogen hatten.«
»Nein, nicht wirklich. Sie glaubten weiterhin, dass mein Wunsch, Ärztin zu werden, abartig sei.
Und in gewisser Weise denken sie das wohl auch heute noch.« Nachdenklich zeichnete sie mit
dem Finger die Spur eines Tropfens Kondenswasser auf ihrer Flasche nach.
»Meine Eltern legen viel Wert auf das Gesellschaftsleben. Das Bild nach außen ist ihnen sehr
wichtig, und sie hassen Überraschungen in ihrem gut geordneten Leben. Ich habe ihnen jede
Menge Überraschungen beschert, angefangen von meiner Geburt bis hin zu … « Sie hob den
Blick und sah ihm in die Augen. »Bis hin zu der Szene in Clarks Cottage. Genau wie Sie auch,
Mr. Tackett, haben sie mir zum Vorwurf gemacht, dass ich Ehebruch begangen hatte, und vor
allem, dass ich mich dabei habe erwischen lassen und die Affäre dadurch öffentlich bekannt
wurde.«
In diesem Moment krachte jemand der Länge nach auf ihren Tisch.
Kapitel 9

Das benutzte Geschirr schepperte zu Boden; die abgenagten Rippchen verstreuten sich wie
zerbrochene Stöckchen auf den dreckigen Dielen. Vier Flaschen fielen um; eine zerbarst.
Das Gewicht des Mannes ließ den Tisch im Fünfundvierziggradwinkel kippen. Fluchend und
mit blutender Nase rappelte sich der Kerl wieder auf und stürmte auf sein Gegenüber los, der ihm
den Schlag verpasst hatte.
»Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen.« Key erhob sich und nahm Laras Arm. »Ihren ersten
Besuch bei Barbecue Bobby sollten Sie sich nicht durch eine Schlägerei verderben lassen.«
Lara war durch den plötzlichen Ausbruch der Gewalt wie gelähmt. Ein Kreis von Zuschauern
formierte sich um die beiden Streithähne – zwei junge Burschen – und feuerte sie grölend an, als
sie wieder aufeinander losgingen. Lara sah und hörte mit Entsetzen, wie Blut spritzte und
Knochen krachten.
»Die tun sich ernsthaft weh!« Als Key sie mit sich Richtung Ausgang ziehen wollte, wehrte sie
sich. Er schenkte dem keine weitere Beachtung, sondern zerrte sie einfach mit, nur kurz
innehaltend, um Bobby eine Zwanzigdollarnote in die Hand zu drücken. »War wie immer spitze.
Danke.«
»Alles klar. Lass dich bald mal wieder blicken.«
Bobby ließ die beiden Heißsporne, die sich widerliche Obszönitäten an den Kopf warfen und sie
mit Schlägen untermauerten, nicht aus den Augen.
»Ich kann jetzt nicht gehen«, protestierte Lara. »Vielleicht brauchen sie ärztliche Hilfe.«
Key warf den Männern einen gleichgültigen Blick über die Schulter zu, während er Lara durch
die Tür schob. »Ich glaube kaum, dass die sich über Ihre Hilfe freuen würden. Diese beiden sogar
ganz bestimmt nicht. Sie können es nicht leiden, wenn man sich in ihre Familienangelegenheiten
mischt.«
»Die sind miteinander verwandt?«, fragte Lara ungläubig.
»Verschwägert.« Mittlerweile saßen sie wieder im Wagen und bogen auf die Auffahrt zum
Highway. »Lem und Scoony sind schon seit ewigen Zeiten dicke Kumpels. Vor ein paar Jahren
fing Lem an, ein Auge auf Scoonys kleine Schwester zu werfen. Sie gingen dann miteinander. Das
passte Scoony, der Lem schon mit zu vielen Frauen gesehen hatte, überhaupt nicht, und er drohte
Lem, er würde ihm die Scheiße aus dem Leib prügeln, wenn der seine Schwester anbumst.«
Er konzentrierte sich auf das Überholen eines Holzladers.
Ungeduldig fragte Lara: »Und, was ist passiert?«
»Lem hat sie angebumst, und Scoony hat ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt.«
»Und seitdem sind sie verfeindet?«
»Ach was, die sind immer noch die besten Kumpels. Missy, Scoonys Schwester, hatte
spitzgekriegt, dass Scoony Lem an den Kragen wollte, und sie ging die beiden suchen. Sie fand sie
– ich glaube in der Palme – und stürzte sich ins Getümmel. Sie gab beiden einen Tritt, da, wo es
am meisten weh tut.
Als irgendwann der Sheriff auftauchte, lagen die beiden am Boden, hielten sich die Juwelen und
jammerten wie die Babys. Missy sagte Lem, er hätte die Wahl, sie zu heiraten, oder sie würde ihn
auf alle Zeiten entmannen. Und Scoony sagte sie, wenn er damit nicht einverstanden wäre, könne
er sich … na ja. Missy war bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm. Jedenfalls,
Missy und Lem heirateten, bekamen einen kleinen Jungen, und alle waren glücklich.«
»Glücklich?«, rief Lara. »Und was war das eben?«
»Meine Güte, das war gar nichts. Die haben doch nur Dampf abgelassen. Wahrscheinlich geben
sie sich jetzt schon wieder gegenseitig einen aus.«
Lara schüttelte verständnislos den Kopf. »Diese Gegend … diese Leute … Ich habe immer
gedacht, dass die Geschichten über Texas nur erfunden wurden, um den Mythos
aufrechtzuerhalten. Wie die über Barbecue Bobby. Aber es stimmt tatsächlich, was Sie mir erzählt
haben, nicht wahr? Ein Rodeoreiter namens Little Pete Pauley hat ihm das Haus über dem Kopf
angezündet, und Bobby hat es dabei sämtliche Haare versengt. Daher hat er seinen Spitznamen.«
Er wirkte überrascht. »Haben Sie gedacht, ich würde lügen?«
»Ich weiß nicht, was ich denken soll.«
Sie starrte durch die Windschutzscheibe, als würde sie durch die Landschaft eines fremden
Planeten fahren. Obwohl sie es Key gegenüber niemals zugegeben hätte, fühlte sie sich befremdet
und überwältigt. Würde sie jemals hierherpassen? Machte sie sich nur etwas vor, wenn sie glaubte,
sie könnte es schaffen? Selbst Eden Pass kam ihr manchmal so seltsam vor wie ein fremdes Land.
»Es ist alles so anders hier«, murmelte sie.
»Wohl wahr. Für Sie ganz bestimmt.« Er deutete auf die blinkenden Lichter der Stadt. »Über
jeden Einzelnen dort in Eden Pass gibt es eine eigene Geschichte. Ich könnte die ganze Nacht mit
Ihnen verbringen und würde sie dennoch nicht alle erzählen können.«
Lara reagierte, indem ihr Kopf plötzlich herumschwang. Seine Wortwahl war Absicht gewesen,
das spürte sie an der Art, wie er sie ansah.
In anzüglichem Ton fügte er hinzu: »Aber ich glaube kaum, dass wir die Nächte zusammen
verbringen werden, oder, Doc?«
»Nein, ganz sicher nicht.«
»Schließlich haben wir beide überhaupt nichts gemeinsam, was meinen Sie?«
»Nur eines – Clark.«
Bei der Erwähnung seines Bruders veränderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Sein Blick
wurde eiskalt.
»Na ja, er und ich hatten auch nicht viel gemeinsam, außer unseren Eltern und der Adresse. Wir
mochten uns, liebten uns sogar, aber Clark war immer derjenige, der sich an die Regeln hielt,
und ich derjenige, der sie brach. Ich nahm es zähneknirschend hin, dass er immer der Gute war,
und ich glaube, er war ein wenig neidisch auf meine Eigenschaft, mich einen Scheiß drum zu
scheren. Wir waren so verschieden, wie Brüder nur sein können, und trotzdem waren wir uns
nahe.« Sein Blick wanderte über Lara. »Worin wir uns wirklich unterschieden haben, war unser
Geschmack bei Frauen.«
»Und ich bezweifle, dass eine Frau Sie beide attraktiv finden könnte«, bemerkte sie frostig.
»Stimmt. Es wäre immer auf ein Entweder-oder hinausgelaufen. Zum Beispiel wären Sie heute
Abend ganz sicher nicht in den Genuss von Barbecue Bobbys Rippchen gekommen, wenn Clark
Sie ausgeführt hätte. Mit ihm hätten Sie sich schick gemacht und wären in den Country Club
gefahren. Sie hätten sich mit den Stützen der Gesellschaft vergnügt. Die zwar ebensolche Säufer,
Betrüger und Bastarde sind, aber lange nicht so ehrlich, was ihre Vergehen und ihr Versagen
betrifft, wie es die Leute unten bei Bobby sind.« Er neigte den Kopf zur Seite. »Wenn ich es mir
recht überlege, passen Sie eigentlich auch viel besser zu diesen Country-Club-Heuchlern.«
Lara nahm die Beleidigung gelassen hin. »Was ärgert Sie eigentlich so an mir, Mr. Tackett?«
Einmal war ihr heute sein Vorname rausgerutscht, als die Krise mit Letty Leonard auf ihrem
Höhepunkt gewesen war. Jetzt schien ihr der Nachname wesentlich angebrachter. Es gab die
Kluft zwischen ihnen besser wieder.
Er brachte den Lincoln in der Auffahrt zu ihrem Haus zum Halten und verpasste nur um
Haaresbreite die verstreut herumliegenden Picknickutensilien der Leonards.
Er legte den Arm auf die Lehne des Beifahrersitzes und sah Lara an. »Was mich wirklich ärgert,
ist, dass die ganze Welt weiß, dass Sie eine Hure sind. Ihr Ehemann hat Sie in flagranti erwischt,
aber Sie wollen es einfach nicht eingestehen. Sie tun so, als seien Sie eine völlig andere Person.«
»Und was sollte ich Ihrer Meinung nach tun? Mir ein Mal auf die Brust tätowieren lassen?«
»Oh, ich bin sicher, dass eine ganze Menge Männer gut dafür bezahlen würden, um es zu sehen.
Ich, zum Beispiel.«
»Woher nehmen Sie sich eigentlich das Recht, über mich zu urteilen? Sie wissen nicht das
geringste bisschen von mir und noch weniger von meiner Beziehung zu Ihrem Bruder.« Sie
öffnete die Wagentür. »Was bin ich Ihnen für heute schuldig?«
»Vergessen Sie’s.«
»Ich möchte aber nicht in Ihrer Schuld stehen.«
»Das tun Sie bereits«, sagte er. »Sie haben Clark all das gekostet, was ihm wichtig war. Er ist
nicht mehr da, um diese Schuld einzutreiben, aber ich. Und bei mir wird es ziemlich teuer.«
»Das sehen Sie ganz falsch, Mr. Tackett. Ich bin diejenige, die im Besitz des Schuldscheins ist.
Und Sie sind derjenige, der ihn auslösen wird.«
»Und wie soll das aussehen?«
Sie sah ihn abschätzend an. »Sie werden mich nach Montesangrines fliegen.«
Sein arrogantes Grinsen erstarb, und einen Moment lang starrte er sie sprachlos an. Dann legte er
die Hand hinter das Ohr. »Sagen Sie das noch mal …«
»Sie haben mich sehr gut verstanden.«
»Ich habe Sie verstanden, aber ich kann es nicht glauben.«
»Besser, Sie tun es.«
Er konnte es einfach nicht fassen. »Können Sie etwas mit dem Ausdruck ›nicht, solange ich lebe‹
anfangen?«
»Sie werden mich dorthin fliegen, Mr. Tackett«, sagte Lara unbeirrt, während sie ausstieg. »Dafür
werde ich sorgen.«
»Aber klar, Doc.« Er lachte schallend, als er den Lincoln rückwärts aus der Auffahrt steuerte. Mit
schlingerndem Heck jagte er davon.
»Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich auch.«
Heather Winston und ihr Freund, Tanner Hoskins, lagen ineinander verschlungen auf der
Decke, die sie im hohen Gras ausgebreitet hatten. Neben ihnen schwappte das Wasser träge gegen
das steinige Ufer. Der Mond stand am Himmel, und sein Licht spiegelte sich auf dem See.
Selbst an den heißesten Sommertagen wehte eine kühle Brise am See, was es angenehm machte
für die jungen Liebenden, die hier rauskamen. Der See war der beliebteste Ort für Rendezvous in
Eden Pass. Wenn man mit jemandem hierherfuhr, hieß das, dass man fest miteinander ging.
Heather und Tanner hatten jetzt schon seit vier Monaten eine solche feste Freundschaft. Davor
war sie mit Tanners bestem Freund gegangen, der aber, wie sie herausfand, mit einem anderen
Mädchen herummachte. Auf diese Entdeckung war eine Szene vor dem Chemieraum gefolgt, die
für reichlich Gesprächsstoff gesorgt hatte, und es war dann Tanner gewesen, der Heather daheim
besuchte, um sie zu trösten.
Er war sehr süß gewesen, hatte seinen Freund einen »blöden Arsch« genannt und stand voll und
ganz auf Heathers Seite. Daraufhin hatte Heather sich Tanner genauer angeschaut und festgestellt,
dass er viel besser aussah als der Idiot, der sie hintergangen hatte.
Nach kurzer Rücksprache mit ihrer besten Freundin, die auch fand, dass Tanner ein guter Fang
war, begann sie, ihrem Verhältnis zu ihm eine neue Richtung zu geben. Bald hatte es sich in der
Schule herumgesprochen, dass sie »miteinander gingen«. Heather hätte nicht glücklicher sein
können – so, wie sich die Dinge entwickelt hatten.
Und da Heather Winston das beliebteste Mädchen in ihrem Jahrgang war, schwebte auch
Tanner auf Wolken. Gleich beim ersten Mal hatten sie einen Zungenkuss ausgetauscht, und ihm
wäre fast die Schädeldecke abgeflogen. Alle Jungs waren sich einig, dass sie einen
Wahnsinnskörper hatte – wie ihre Mutter, die unbestritten die heißeste Tussi in Eden Pass war. Es
gab jede Menge Spekulationen im Umkleideraum, wie weit der gute Hoskins bei Heather wohl
schon gekommen war.
Tanners Entgegnungen auf diese Neckereien waren äußerst vage. Die meisten Jungs gingen
davon aus, dass er sich zwar holte, was er wollte, jedoch galanterweise bedacht war, Heathers Ruf
zu wahren. Die Zyniker unter ihnen vermuteten allerdings, dass er noch nicht mehr von ihr
gesehen hatte, als man auch in der Badeanstalt zu sehen bekam.
Die Wahrheit lag irgendwo dazwischen.
Heute Abend war er immerhin so weit gekommen, ihr die Bluse aufzuknöpfen und sie unter
dem BH zu streicheln. Heather erlaubte ihm das Petting oberhalb der Taille. Diese Linie hatte sie
sehr strikt gezogen.
Doch sie standen kurz vor einem Durchbruch. Die sanften Liebkosungen seiner Zunge auf ihren
Brustwarzen hatte sie sexuell in eine Höhe stimuliert, die sie nie zuvor erreicht hatte. Stöhnend
streichelte sie ihn über der Hose im Schritt.
Auch er stöhnte auf. Gequält sagte er: »Heather, bitte …«
Vorsichtig presste sie die Hand auf die Ausbuchtung in seiner Hose. Ihre Freundinnen hatten sie
gewarnt, dass »er« riesig und hart werden würde, trotzdem war sie eingeschüchtert von seiner
Erektion. Gleichzeitig aber auch neugierig. Und voller Verlangen. Und ihre Freundinnen
erklärten sie sowieso für verrückt, wenn sie nicht bald mehr machen würde.
»Tanner, soll ich es dir auch machen?«
»O Gott«, murmelte er und fummelte hektisch an seinem Reißverschluss herum.
Er führte ihre Hand unter das Gummi seines Slips, und bevor sie sich versah, war ihre Hand mit
seinem harten, pulsierenden Geschlecht gefüllt.
Tanner murmelte Unverständliches, während sie vorsichtig seine Form ertastete. Sie wusste, dass
dieses monströse Organ sich irgendwie mit ihrem Körper koppeln sollte, doch ihr war nicht ganz
klar, wie das gehen sollte. Trotzdem, die Vorstellung war erregend. Bilder, Ausschnitte erotischer
Aufnahmen von Hollywoods neuesten Traumfabrikanten; Filme, die Mutter ihr verboten hatte zu
sehen, tauchten vor ihrem inneren Auge auf.
Und dann vermasselte er es.
»O Gott«, schrie sie. »Was …? O Tanner! Iii-gitt!«
»Es tut mir leid, es tut mir leid«, stammelte er. »Ich konnte es nicht mehr aufhalten. Heather, ich
…«
Sie sprang auf, lief zum See und schloss dabei BH und Bluse. Als sie das kieselsteinbedeckte Ufer
erreichte, kniete sie sich hin und wusch sich die Hand. Sie war angeekelt, doch nicht so sehr von
der Substanz auf ihrer Hand, sondern von der Fummelei im Allgemeinen. Es war so kindisch, so
unromantisch und gewöhnlich gewesen. Es hatte überhaupt nichts von den schwülen
Liebesszenen in den Filmen.
Sie ging am Strand entlang, bis sie zum Fischerpier kam, ging bis zum Ende, setzte sich und
starrte aufs Wasser. Tanner kam kurz darauf nach. Er ließ sich neben ihr nieder.
Einen Moment lang sagte er nichts. Als er dann sprach, klang seine Stimme belegt: »Es tut mir
leid, Gott, ich wollte es nicht. Wirst du’s weitererzählen?«
Heather sah, wie niedergeschlagen er war, und sie bedauerte ihre entsetzte Reaktion auf das, was
nicht nur sein Fehler gewesen war. Sie streichelte ihm übers Haar. »Schon gut, Tanner. Ich hatte
nur nicht damit gerechnet. Ich habe mich albern benommen.«
»Nein, hast du nicht. Du hattest allen Grund, dich zu ekeln.«
»Ich habe mich nicht geekelt. Ehrlich. Es ist schon wieder gut. Ich werde natürlich niemandem
was sagen. Wie kommst du nur darauf? Vergiss es einfach.«
»Das kann ich nicht, Heather. Ich kann’s nicht, weil …« Er zögerte, als müsste er seinen Mut
zusammennehmen, dann sagte er: »Weil es eben nicht passiert wäre, wenn wir’s gleich richtig
gemacht hätten.«
Heather richtete ihren Blick wieder auf das mondbeschienene Wasser. Er hatte noch nie damit
rausgerückt und offen gesagt, dass er es mit ihr machen wollte. Aber er wollte – und sie wusste es.
Doch es zu wissen und es aus seinem Mund zu hören, das waren zwei verschiedene Dinge. Es zu
hören war viel bedrohlicher, weil es sie zwang, eine Entscheidung zu fällen.
»Werd nicht gleich sauer, okay? Hör mir erst mal zu. Bitte. Heather, ich liebe dich. Du bist das
hübscheste, süßeste, cleverste Mädchen, das ich je getroffen habe. Ich will dich, verstehst du? Ich
will dich ganz kennenlernen. Ich will wissen, wie du dich innen anfühlst«, fügte er leise hinzu.
Seine Worte schockierten sie auf eine erregende Art. Sie verursachten ihr ein Kribbeln an ihren
geheimsten Stellen. »Tanner, so was zu sagen ist obszön.«
»Ich sage es nicht nur so daher. Ich meine es ernst.«
»Das weiß ich.«
»Sieh dich doch mal um«, sagte er und nickte zu den parkenden Wagen. »Alle tun es.«
»Das weiß ich auch.«
»Glaubst du … ich meine … willst du es nicht auch?«
Sie sah in seine Augen voller Leidenschaft. Wollte sie es? Vielleicht. Nicht, weil sie ihn so sehr
liebte. Sie stellte sich ihr Leben nicht an der Seite von Tanner Hoskins vor, dem Sohn des
Lebensmittelhändlers, sie glaubte nicht, dass sie seine Kinder und Enkelkinder großziehen und mit
ihm zusammen alt werden wollte. Aber er war ganz süß, und er vergötterte sie.
Sie antwortete ihm mit einem eingeschränkten Ja.
Ermutigt rutschte er über die rauen Bohlen näher an sie heran. »Weißt du, du kriegst schon kein
Aids oder so: Wir sind ja keine Fremden. Und dass du nicht schwanger wirst, darauf passe ich
schon auf.«
Gerührt von seiner Besorgtheit, nahm sie seine Hand in ihre und drückte sie fest. »Über so etwas
mache ich mir keine Sorgen. Ich verlasse mich darauf, dass du aufpasst.«
»Was hält dich dann davon ab? Etwa deine Eltern?«
Ihr Lächeln verschwand. »Daddy würde dich wahrscheinlich erschießen, wenn er wüsste,
worüber wir reden. Und Mutter …« Sie seufzte. »Die glaubt, wir haben es schon längst getan.«
Das war die Krux an der Situation – ihre Mutter. Sie wollte auf keinen Fall die geringe Meinung
bestätigen, die ihre Mutter von ihr hatte.
Die Beziehung zu ihrem Vater war unkompliziert. Er vergötterte sie. Sie war sein ganzer Stolz,
sein kleines Mädchen. Für sie hätte er alles geopfert. Sie verließ sich auf seine bedingungslose
Liebe.
Die Beziehung zu ihrer Mutter war bei weitem nicht so eindeutig. Darcy hatte eine
aufbrausende und unberechenbare Art. Sie war nicht so leicht zu lieben wie der ausgeglichene
Fergus. Wenn er so verlässlich war wie der Sonnenauf- und -untergang, dann war Darcy so
unberechenbar wie das Wetter.
Heathers erste Kindheitserinnerungen waren die von ihrer Mutter, die sie rausgeputzt hatte, um
sie in der Stadt zu präsentieren. Sie flanierte dann mit Heather über die Bürgersteige der Texas
Street, bummelte durch die Geschäfte und sorgte dafür, dass die Leute sie sahen und ansprachen.
Darcy hatte sie immer gern vorgeführt.
Doch sobald sie wieder zu Hause gewesen waren, interessierte sich Darcy nicht mehr für sie. Sie
entzog ihr die Liebe, mit der sie sie in der Öffentlichkeit überschüttete, und begab sich an die
Planung für ihren nächsten großen Auftritt.
»Heather, du musst Klavier üben. Du wirst beim Wettbewerb keinen Blumentopf gewinnen,
wenn du nicht übst.«
»Geh aufrecht, Heather. Die Leute werden denken, du hast keinen Stolz, wenn du so schlurfst.«
»Hör auf, Fingernägel zu knabbern, Heather. Deine Hände sehen schrecklich aus. Außerdem ist
das eine ganz furchtbare Angewohnheit.«
»Wasch dir das Gesicht noch mal, Heather. Da sind ja noch lauter Mitesser auf deiner Nase.«
»Du musst turnen, Heather. Wenn du so unbeweglich bleibst, wirst du ganz sicher nicht bei den
Cheerleadern aufgenommen.«
Obwohl Darcy sie so triezte, weil sie das Beste für ihre Tochter wollte, vermutete Heather im
Stillen, dass sie es mehr zu ihrer eigenen Bestätigung brauchte. Sie vermutete außerdem, dass sich
hinter Darcys angeblicher mütterlicher Liebe eine tiefsitzende Abneigung verbarg, die an
Eifersucht grenzte. Das verwirrte Heather. Eltern sollten nicht auf ihre Kinder eifersüchtig sein.
Was hatte sie getan oder nicht getan, um diese unnatürliche Reaktion hervorzurufen?
Als Heather heranwuchs, nahmen auch ihre Auseinandersetzungen zu. Darcy ging davon aus,
dass ihre Tochter sexuell viel zu freizügig war. Ständig machte sie ihr unterschwellig Vorwürfe
oder versteckte Andeutungen in diese Richtung.
Wirklich ein Witz, dachte Heather höhnisch.
Ihre Mutter war diejenige, die sexuell freizügig war. Alle wussten um ihren Ruf, sogar ihre
Mitschüler, obwohl es ihr keiner so deutlich gesagt hätte. Das wagten sie nicht. Sie war zu beliebt
in der Schule.
Und dennoch erreichten die Gerüchte sie. Es war schwierig, sie zu ignorieren, vor allem wenn
sich ihre Mutter wieder einmal besonders gemein ihr gegenüber verhielt. Heather hätte sie schon
unzählige Male mit dem neuesten Klatsch über sie zum Schweigen bringen können, aber sie hatte
es nicht getan und würde es auch nicht tun. Aus Rücksicht auf Fergus. Sie würde nie etwas tun,
was ihrem Vater direkt oder indirekt schaden oder ihn verletzen könnte.
Deshalb ertrug sie schmollend und schweigend Darcys Vorhaltungen über ihre Freundschaft zu
Tanner und die bohrenden Fragen, wie weit sie bereits gegangen waren.
Abgesehen von Petting hatten sie noch nichts Verwerfliches getan. Der wahre Grund für
Heathers Zurückhaltung war der, dass sie auf keinen Fall so werden wollte wie ihre Mutter.
Offensichtlich hatte sie Darcys Lust am Sex geerbt, aber sie musste ihr ja nicht in allem nacheifern.
Das Letzte, was sie wollte, war, dass man ihr nachsagte, sie würde es mit allen treiben – wie die
Mutter, so die Tochter. Und sie würde auch niemals die Liebe ihres Vaters so ausnutzen, wie ihre
Mutter es tat.
Tanner saß schweigend an ihrer Seite, ließ ihr geduldig Zeit zu überlegen und abzuwägen.
»Tanner, ich fühle genauso wie du, ehrlich. Vielleicht drängt es mich nicht ganz so sehr«, fügte sie
mit einem Lächeln hinzu. »Aber ich liebe dich so sehr, dass ich mit dir schlafen möchte.«
»Wann?«, fragte er mit belegter Stimme.
»Wenn wir das Gefühl haben, dass der Zeitpunkt und die Stimmung richtig sind. Okay? Bitte,
dräng mich nicht.«
Die Enttäuschung war ihm anzusehen, dennoch beugte er sich vor und gab ihr einen zärtlichen
Kuss. »Ich bring dich jetzt besser nach Hause. Deine Mutter wird dich lynchen, wenn du auch
nur ’ne halbe Minute zu spät kommst.«
Sie trafen pünktlich ein. Trotzdem wurden sie bereits von Darcy erwartet, die an der Tür stand
und Tanner mit einem vielsagenden Blick begrüßte und Heather mit einem Vortrag darüber, dass
ein Mädchen gar nicht genug auf ihren guten Ruf bedacht sein könne.
»Guten Morgen.«
»Guten Morgen.«
Bowie Cato und Janellen Tackett sahen sich über den Tisch im überfüllten Büro des Ladens
hinweg an. Überrascht stellte Bowie fest, dass sie beide gleich groß waren; was ihm bei ihrer
ersten Begegnung gar nicht aufgefallen war. Sie hatte so zierlich, ja zerbrechlich hinter ihrem
wuchtigen Schreibtisch gewirkt und so nervös ausgesehen wie eine Hure in der Kirche.
Wieso fiel ihm ein solcher Vergleich ein, wenn er sich in Gegenwart einer Lady wie ihr befand?
Als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen, brummelte er eine hastige Entschuldigung.
»Tut mir leid, dass ich nicht da war, als Sie in der Palme angerufen haben. Hap – Mr. Hollister –
hat mir gesagt, ich solle vorbeikommen, wenn es passt. Passt es Ihnen jetzt?«
»Ja. Und es war sehr nett von Mr. Hollister, dass er es Ihnen ausgerichtet hat.«
»Hap ist wirklich in Ordnung.«
»Nun, danke, dass Sie gekommen sind. Bitte nehmen Sie doch Platz.«
Sie deutete auf den Metallstuhl hinter ihm. Er wartete, bis sie sich wieder setzte. Sorgfältig strich
sie sich den Rock glatt und nahm mit einer fließenden Bewegung Platz. Viele ihrer Bewegungen
hatten eine gewisse Anmut, der sie sich gar nicht bewusst zu sein schien. Andererseits konnte sie
äußerst linkisch und unbeholfen wirken, besonders wenn sie ihn direkt ansah. Sie war so nervös,
wie er es selten bei jemandem erlebt hatte. Wenn er »Buh« gerufen hätte, wäre sie wahrscheinlich
auf der Stelle tot umgefallen.
Er konnte sich nicht vorstellen, dass Miss Janellen Tackett wegen dieses Gesprächs mit ihm
nervös war. Sie war es doch, die alle Trümpfe in der Hand hielt. Er brauchte sie. Seine Zukunft
stand auf dem Spiel, nicht umgekehrt.
»Ich …« Sie hatte falsch angefangen und begann noch einmal, nachdem sie sich geräuspert hatte.
»Wir hätten eine freie Stelle.«
»Ja, Ma’am.«
Ihre großen blauen Augen wurden noch riesiger. »Sie wissen es schon?«
Wann würde er endlich lernen, sein dummes Maul zu halten? »Ich, äh … na ja, ich habe gehört,
dass Sie einen Ihrer Angestellten wegen Verdacht des Diebstahls gefeuert haben.«
»Er hat gestohlen!« Ihre heftige Erwiderung kam für beide überraschend. Sie selber schien
darüber erschrockener als er. Bowie beschloss, es ihr etwas leichter zu machen und ein paar
Punkte von sich aus klarzustellen.
»Daran habe ich keine Sekunde gezweifelt, Miss Tackett. Sie machen auf mich nicht den
Eindruck, als würden Sie jemanden beschuldigen, wenn Sie nicht ganz sicher sind.«
Bowie hatte mitbekommen, wie der Typ, den alle nur Muley nannten, buchstäblich damit
geprahlt hatte, dass die »dürre Tackett-Hexe« ihn gefeuert hatte. Aber seine derben Ausdrücke
und die abfällige Art, mit der er sie beschrieb, hatten so gar nicht dem Eindruck einer
freundlichen, unsicheren Lady entsprochen, den Bowie von Janellen gewonnen hatte.
Er hatte sich vorsichtig erkundigt und erfahren, dass die Tacketts im Ruf standen, faire
Arbeitgeber zu sein. Sie erwarteten vollen Einsatz von ihren Arbeitern, bezahlten aber auch gut.
Miss Tackett war dafür bekannt, umgänglich und ihren Leuten gegenüber nachsichtig zu sein. Bill
Muley war offensichtlich ein ebenso großer Lügner, wie er ein Dieb war.
»Dieser Muley ist ein Großmaul, Miss Tackett. Ich habe gar nicht hingehört, was er geredet hat.
Was mich nur wundert, ist, weshalb Sie Ihre kostbare Zeit mit diesem Typen verschwenden.«
»Er war einer unserer Pumper.«
»Ich weiß, Ma’am.«
»Ich biete Ihnen seinen Job an.«
Sein Herz machte einen Sprung, doch seine Miene blieb ungerührt. Er hatte gehofft, dass sie
sich deshalb bei ihm gemeldet hatte, aber er war von Grund auf misstrauisch, wenn das Schicksal
ihm die Hand reichte, und rechnete immer mit einer Ohrfeige von der anderen. »Das klingt gut.
Wann soll ich anfangen?«
Sie fingerte nervös an den Knöpfen ihrer Bluse. »Woran ich gedacht hätte«, sagte sie zögernd,
»war erst mal eine Probezeit. Um zu sehen, wie Sie … wie Sie sich bei uns zurechtfinden.«
Da war sie, die Ohrfeige. »Jawohl, Ma’am.«
»Mr. Cato, sehen Sie, das hier ist ein Familienunternehmen. Ich führe es in der dritten
Generation, und ich habe eine gewisse Verantwortung, zu …«
»Haben Sie Angst vor mir, Miss Tackett?«
»Angst? Nein«, antwortete sie mit einem gekünstelten Lachen. »Um Himmels willen, wieso
sollte ich? Ich dachte nur, es könnte Ihnen vielleicht bei uns nicht gefallen. Immerhin ist eine
feste Anstellung eine große Entscheidung, wenn man bedenkt, dass Sie erst vor kurzem entlassen
wurden …« Sie wand sich auf ihrem Stuhl. »Falls beide Parteien nach dieser Phase
übereinstimmen, dass es funktioniert, biete ich Ihnen einen festen Job an. Wie hört sich das an?«
Sie schenkte ihm ein unsicheres Lächeln.
Bowie rutschte ebenfalls auf seinem Stuhl und betrachtete ausgiebig seinen Hut, dessen Krempe
er nervös zwischen den Fingern drehte. Wenn ihm irgendjemand sonst einen Job auf Probe
angeboten hätte, damit er sich bewährte, hätte seine Antwort »Leck mich am Arsch« gelautet, und
er wäre keine Sekunde länger geblieben. Doch er war sich seines Problems bewusst und riss sich
zusammen.
»Müssen Ihre Bewerber alle eine solche Probezeit bestehen?«
Sie benetzte ihre Lippen und fingerte noch nervöser an den Knöpfen. »Nein, Mr. Cato. Um
ganz offen zu sprechen – Sie sind der erste Bewerber, der auf Bewährung ist. Ich bin
verantwortlich für dieses Unternehmen und möchte nicht riskieren, einen Fehler zu machen.«
»Das tun Sie nicht.«
»Da bin ich sicher. Wenn ich es nicht wäre, hätte ich Sie nicht herkommen lassen.«
»Sie können sich bei der Bewährungsstelle erkundigen. Ich habe sehr viel Zeit für gute Führung
erlassen bekommen.«
»Ich habe bereits mit Ihrem Bewährungshelfer gesprochen.« Sein Blick schnellte zu ihr hoch,
und sie wurde rot. »Ich hatte das Gefühl, dazu verpflichtet zu sein. Ich wollte wissen, was Sie …
was Sie getan haben.«
»Und, hat er es Ihnen gesagt?«
»Schwere Körperverletzung.«
Er wandte den Blick ab und biss sich auf die Unterlippe. Wieder überkam ihn das Bedürfnis,
sofort zur Tür rauszumarschieren. Er schuldete ihr nicht das Geringste, und schon gar keine
Erklärung. Er hatte nicht das Gefühl, sich gegenüber irgendjemandem rechtfertigen zu müssen.
Doch sonderbarerweise war es ihm wichtig, dass Janellen Tackett verstand, weshalb er die Tat
begangen hatte. Er konnte nicht einmal genau sagen, warum das so war. Vielleicht, weil sie ihn als
einen ganz gewöhnlichen Menschen betrachtete, nicht wie einen Exsträfling.
»Der Bastard hatte es verdient.«
»Warum?«
Er richtete sich auf, bereit, die Fakten darzulegen und es ihr zu überlassen, sie zu deuten. »Er war
mein Vermieter. Er und seine Frau wohnten in der Wohnung unter mir. Es war ein Loch, aber
mehr konnte ich mir damals nicht leisten. Sie – seine Frau – war der freundlichste Mensch, dem
ich je begegnet bin. Hässlich wie die Sünde, aber ein Herz aus Gold, verstehen Sie?«
Janellen nickte.
»Sie hat mir kleine Gefallen getan, Knöpfe angenäht und so. Manchmal hat sie mir ein Stück
Kuchen gebracht. Sie hat immer gesagt, Junggesellen würden nicht anständig essen und der
Körper könnte sich nicht allein von Chili aus der Dose ernähren.« Er schlug den Hut aufs Knie.
»Eines Tages bin ich ihr auf der Treppe begegnet. Sie hatte ein blaues Auge. Sie versuchte, es vor
mir zu verstecken, aber ihre ganze linke Gesichtshälfte war geschwollen. Sie hat eine Geschichte
erfunden, aber ich wusste genau, dass der Alte sie geschlagen hatte. Ich hatte schon oft
mitgekriegt, wie er sie angeschrien hatte. Ich wusste allerdings nicht, dass er sie als Punchingball
benutzte. Ich stellte ihn zur Rede und sagte, wenn er sich prügeln wolle, stünde ich ihm gern zur
Verfügung. Er antwortete, ich solle mich um meinen eigenen Scheiß kümmern. Dann, ein paar
Wochen später, verprügelte er sie wieder. Diesmal beließ ich es nicht bei der Drohung. Ich hab
ihm ein paar verpasst, aber sie ging dazwischen und flehte mich an, ihm nicht weh zu tun.« Er
schüttelte den Kopf. »Das muss man sich mal vorstellen … Ich warnte ihn, ich würde ihn
umbringen, wenn er sie noch einmal anrührt. Einige Monate vergingen, und ich dachte schon, er
hätte die Botschaft kapiert. Dann wurde ich eines Nachts von dem Lärm wach. Sie schrie, weinte,
bettelte um ihr Leben. Ich rannte runter zu ihrer Wohnung und trat die Tür ein. Er schleuderte
die Frau so fest gegen die Wand, dass sie sich den Arm brach. Da kauerte sie an der Wand, und er
drosch mit einem Ledergürtel auf sie ein. Ich weiß nur noch, dass ich durch die Luft segelte und
ihm ins Kreuz sprang. Wie ein Verrückter habe ich auf ihn eingedroschen. Hab ihn fast
umgebracht. Zum Glück haben die anderen Mieter die Polizei gerufen. Wenn sie das nicht getan
hätten, würde ich jetzt wegen Totschlags hinter Gittern sitzen.« Er hielt inne. »Mein ganzes Leben
lang musste ich mich mit Kerlen wie dem herumprügeln. Ich hatte die Schnauze voll, schätze ich.
Und da ist irgendwas in mir ausgerastet.« Er schwieg einen Moment und betrachtete seine Hände.
»Bei der Verhandlung klappte er zusammen, heulte und schwor bei Gott, es täte ihm leid und er
würde nie wieder die Hand gegen seine Frau erheben. Mein Anwalt hat mir geraten zu
behaupten, ich könne mich an den Angriff nicht mehr erinnern, dass ich vorübergehend
ausgerastet sei und zu wütend war, um zu wissen, was ich tat. Aber da ich nun mal auf die Bibel
geschworen hatte, die reine Wahrheit zu sagen, habe ich denen erzählt, dass ich den Hurensohn
am liebsten umgebracht hätte. Jeder Mann, der eine wehrlose Frau schlägt, verdient es, getötet zu
werden, sagte ich. Und so habe ich es auch gemeint.« Er zuckte resigniert die Achseln. »Und
deshalb wurde er freigelassen, und ich marschierte in den Bau.«
Wieder folgte eine Stille, in der nur das Knarren von Janellens Stuhl zu hören war, als sie
aufstand und zum Regal hinüberging, um ein Formular herauszunehmen. Dann sagte sie: »Sie
müssen das hier bitte ausfüllen.«
Er blieb sitzen und sah zu ihr hoch. »Sie meinen, ich habe den Job?«
»Ja. Sie haben den Job.« Sie nannte ihm ein Gehalt, das ihm den Atem stocken ließ.
»Und nachdem ich Ihre Geschichte gehört habe, würde ich gern auf die Probezeit verzichten. Es
war sowieso eine alberne Idee.«
»Nein, so albern war das gar nicht, Miss Tackett. Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug
sein.«
Sein Lächeln schien sie zu verunsichern. Sie zögerte einen Moment, dann beugte sie sich
herunter und fächerte die Blätter auf dem Tisch vor ihm auf. »Das ist für die Steuer und das für
die Versicherung. Lästig, aber notwendig, fürchte ich.«
»Ich habe nichts gegen ein bisschen Papierkram, wenn ich dafür ’nen Job bekomme.«
Bowie versuchte, sich zu konzentrieren, während sie ihm die verschiedenen Formulare
erläuterte, doch dafür stand sie zu nahe bei ihm. Sie duftete gut. Nicht so aufdringlich wie die
Nutten, deren Dienste er nach seiner Entlassung in Anspruch genommen hatte.
Sie roch sauber, wie Seife und Laken, die an der Sonne getrocknet waren. Ihre Hände waren
schmal, zart und blass. Wie gebannt sah er zu, wie sie die Dokumente sortierte und auf die
gestrichelten Linien für die Unterschrift deutete.
Aus dem Augenwinkel konnte er ihr Profil sehen. Sie war nicht hübsch, aber auch keinesfalls
hässlich. Ihre Haut war weich und hell, praktisch durchschimmernd. In ihrem Ausdruck lag nichts
Hinterlistiges: Sie hatte nichts von den Frauen, denen man schon ansehen konnte, wie sie ihren
nächsten Schritt berechneten. Stattdessen wirkte sie geradeheraus, offen und freundlich:
Eigenschaften, denen man nicht oft begegnete. Er mochte auch den Klang ihrer Stimme, weich
und beruhigend, so wie er sich das Schlaflied einer Mutter vorstellte.
Und diese Augen … Teufel, mit diesen Augen hätte sie jeden Kerl auf fünfzig Meter Entfernung
flachlegen können, wenn sie gewollt hätte. Er konnte nicht nachvollziehen, weshalb Muley oder
auch die anderen sie immer eine »Bohnenstange« nannten. Sicher, selbst im Profil war zu
erkennen, dass sie nicht gerade gepolstert oder kurvenreich war – sie hatte schmale Hüften, eine
schmale Taille und einen kleinen Busen. Dabei glitt sein Blick immer wieder zu den Knöpfen, an
denen sie herumgefingert hatte, und er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er nichts dagegen
hätte, selbst einmal mit ihnen zu spielen. Er wusste aus Erfahrung, dass Frauen mit kleinen
Brüsten oft die empfindlichsten Brustwarzen hatten.
Er zwang sich, an etwas anderes zu denken. Was war nur in ihn gefahren, sich Miss Janellens
Brustwarzen vorzustellen? Sie war eine anständige, sittsame Dame. Wenn sie seine Gedanken
lesen könnte, würde sie wahrscheinlich die Polizei rufen.
»Danke, Miss Tackett. Ich glaub, ich komm jetzt schon allein damit klar«, sagte er schroff und
beugte sich über den Tisch, damit er sie nicht mehr ansehen musste.
Als er alles ausgefüllt hatte, schob er die Unterlagen über den Tisch und erhob sich. »So, das
wär’s. Wann möchten Sie, dass ich anfange?«
»Morgen, wenn es geht.«
»Morgen ist prima. Bei wem soll ich mich melden?«
Sie nannte ihm den Namen des Vorarbeiters. »Er ist schon lange bei uns und weiß, worauf wir
Wert legen.«
»Weiß er auch, dass ich gesessen habe?«
»Ich dachte, es ist nur fair, es ihm zu sagen. Aber er ist nicht der Typ, der so etwas gegen Sie
verwenden würde. Sie werden gut mit ihm auskommen. Er wird Sie morgen früh erwarten und
Sie zu den Quellen fahren, für die Sie ab jetzt verantwortlich sind. Er begleitet Sie die ersten Tage
auf Ihrer Tour, und Sie benutzen natürlich einen Firmenlaster. Ich gehe davon aus, dass Sie einen
Führerschein haben?«
»Habe ihn gerade verlängern lassen.«
»Wie kann ich Sie erreichen, wenn etwas ist?«
»Das könnte ein Problem sein. Ich habe noch keinen festen Wohnsitz. Hap lässt mich in seinem
Lager schlafen, aber auf Dauer ist das natürlich nichts.«
Sie zog die Schublade auf und holte ein Scheckbuch heraus. »Suchen Sie sich eine Wohnung,
und lassen Sie sich so bald wie möglich ein Telefon anschließen, damit Sie jederzeit für uns
erreichbar sind. Es kann immer mal was sein. Wenn die Telefongesellschaft eine Kaution verlangt,
sagen Sie, man soll mich hier anrufen.« Sie schrieb einen Scheck aus und reichte ihn ihm.
Dreihundert Dollar auf seinen Namen. Einfach so! Er wusste nicht, ob er beleidigt oder froh sein
sollte. »Ich nehme keine Almosen.«
»Das ist es auch nicht, Mr. Cato. Es ist ein Vorschuss. Ich werde Ihnen im ersten halben Jahr
fünfzig Dollar pro Monat vom Lohn abziehen. Sind Sie damit einverstanden?«
Derartiges Entgegenkommen war er nicht gewöhnt und wusste nicht, wie er reagieren sollte.
Bei Hap war das was anderes. Männer untereinander verstanden sich im Allgemeinen ohne viele
Worte, sie brauchten ihre Dankbarkeit nicht auszudrücken. Aber bei Frauen verhielt sich das ganz
anders, besonders wenn sie einen mit kristallblauen Augen von der Größe eines Zweimarkstückes
ansahen.
»Ja, vielen Dank«, sagte er und hoffte, dass sie ihm seine Verlegenheit nicht anmerkte.
»Gut.« Sie stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. Bowie starrte sie einen Moment an
und spürte das plötzliche Verlangen, seine Hand am Hosenbein abzuwischen, ehe er ihre ergriff.
Er schlug kurz ein und ließ gleich wieder los. Janellen zog die Hand hastig zurück. Es folgte ein
Augenblick verlegenen Schweigens, dann setzten sie beide gleichzeitig zum Sprechen an.
»Wenn Sie …«
»Bis …«
»Sagen Sie ruhig …«, meinte Janellen.
»Nein. Ladies first, bitte.«
»Ich wollte sagen: Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, darf ich Sie dann morgen zum
Arbeitsbeginn erwarten?«
»Und ich wollte sagen: Bis morgen.« Er setzte seinen Hut auf und ging zur Tür. »Wird guttun,
mal wieder richtig anzupacken. Ich freue mich auf die Arbeit. Nochmals vielen Dank, Miss
Tackett.«
»Gern geschehen, Mr. Cato.«
Er war schon fast aus der Tür, als er sich noch einmal umdrehte. »Reden Sie Ihre Arbeiter
immer mit dem Nachnamen an?«
Die Frage traf sie unerwartet. Sie schüttelte nur den Kopf.
»Dann sagen Sie doch Bowie, okay?«
Sie schluckte sichtbar. »Okay.«
»Und es wird Buu-ie ausgesprochen, wie Jim Bowie und das Bowie-Messer. Nicht wie David
Bowie, der Rockstar.«
»Natürlich.«
Wieso hatte er das gesagt? Was machte es für einen Unterschied, wie sie seinen Namen
aussprach? Er tippte sich an die Hutkrempe und ging.
Kapitel 10

»Ist das Fleisch zu trocken, Key?«


Janellens Frage riss ihn aus seinen tiefen Grübeleien. Er richtete sich auf, sah sie über den Tisch
hinweg an und schenkte ihr ein Lächeln. »Nein, es schmeckt hervorragend, wie immer. Ich habe
heute nur nicht so großen Hunger.«
»Das kommt davon, wenn man sich vor dem Essen mit Whisky zuschüttet«, meinte Jody.
»Ich hatte gerade mal ein Glas. Genau wie du, übrigens.«
»Stimmt, aber bei mir bleibt es auch bei dem einen. Im Gegensatz zu dir. Du wirst dich heute
noch wie jeden Abend betrinken.«
»Woher willst du wissen, was ich heute Abend mache? Oder an irgendeinem anderen Abend?
Außerdem, was schert’s dich?«
»Bitte!«, rief Janellen und hielt sich dabei die Ohren zu. »Hört endlich auf, euch anzubrüllen.
Können wir nicht einmal essen, ohne dass ihr euch streitet?«
Im Wissen, dass es seiner Schwester wirklich ernst war, sagte Key: »Entschuldigung, Janellen. Du
hast ein phantastisches Essen zubereitet. Ich wollte es nicht verderben.«
»Es geht mir nicht um das Essen. Es geht mir um euch beide. Mama, du bist puterrot im
Gesicht. Hast du heute schon deine Tabletten eingenommen?«
»Ja, habe ich. Du musst nicht immer fragen. Schließlich bin ich kein kleines Kind, weißt du?«
»Was deine Medizin betrifft, benimmst du dich aber manchmal so«, neckte Janellen sie. »Und
übrigens – bei Tisch zu schreien, das hast du uns als Kinder nie durchgehen lassen.«
Jody schob ihren Teller beiseite und zündete sich eine Zigarette an. »Euer Vater hat Streit am
Tisch nicht geduldet. Es wäre schlecht für seine Verdauung, hat er immer gesagt.«
Janellens Miene hellte sich bei der Erwähnung ihres Vaters auf. Sie hatte nur noch
verschwommene Erinnerungen an ihn. »Kannst du dich noch daran erinnern, Key?«
»Er war absolut eisern, was diese Regeln betraf«, erwiderte er. Und mit einem Lächeln fügte er
hinzu: »Du erinnerst mich manchmal an ihn, Janellen.«
»Ach, das meinst du nicht ernst.« Eine leichte Röte überzog ihren schlanken Hals und stieg ihr
ins Gesicht. Es war so leicht, sie zu loben. »Ehrlich?«
»Ehrlich. Du hast seine Augen. Stimmt’s, Jody?«
»Kann schon sein.«
Selbst bei etwas derart Eindeutigem weigerte sie sich, ihm zuzustimmen. Aber er beschloss, sich
nicht ärgern zu lassen. »Wir haben alle drei die blauen Augen der Tacketts geerbt. Ich habe es
früher immer gehasst, wenn die Leute zu Clark und mir gesagt haben: ›Ihr Jungs habt so hübsche
blaue Augen wie euer Daddy.‹«
»Warum hast du es gehasst?«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich fand es weibisch. Kleine Jungs können es eben nicht ausstehen,
wenn irgendwas an ihnen ›hübsch‹ sein soll.«
»Dein Vater konnte es nicht oft genug hören«, bemerkte Jody spitz. »Er liebte es, wenn er
bewundert wurde. Besonders von Frauen.«
Janellen, wie üblich ohne Argwohn und naiv, sagte: »Du musst sehr stolz gewesen sein, einen so
gutaussehenden Mann gehabt zu haben, Mama.«
Jody streifte die Glut der Zigarette mit einer rollenden Bewegung am Rand des Aschenbechers
ab. »Euer Vater konnte sehr charmant sein.« Ihre Züge wurden weicher. »Am Tag, als Clark der
Dritte zur Welt kam, hat er mir sechs Dutzend rote Rosen gebracht. Ich habe geschimpft, weil er
so verschwenderisch war, aber er sagte nur, er würde ja nicht alle Tage einen Sohn bekommen.«
»Und als Key geboren wurde?«
Jodys verträumter Ausdruck wurde hart. »Da habe ich keine Blumen gekriegt.«
In die darauffolgende gespannte Stille sagte Key: »Vielleicht wusste Daddy, dass du keine magst
und dass du sie nur auf den Müll wirfst.«
Janellen schaltete sich schnell ein. »Mama hat doch erklärt, warum sie den Strauß weggeworfen
hat, Key. Sie musste niesen. Wahrscheinlich ist sie allergisch dagegen.«
»Ja, wahrscheinlich.«
Er glaubte ihr keine Sekunde. Anfang der Woche hatte er einen Strauß Blumen für Jody
mitgebracht – als Friedensangebot. Janellen hatte den Strauß in einer Vase arrangiert und neben
Jodys Bett gestellt, als sie mit Maydale unterwegs gewesen war.
Am nächsten Morgen hatte er die Blumen im Mülleimer hinter dem Haus entdeckt. Die
Tatsache, dass sie sie weggeworfen hatte, ärgerte ihn weniger als der Umstand, dass sie sich erst
dazu geäußert hatte, nachdem er sie ansprach und zur Rede stellte.
Ganz kühl und gelassen hatte sie ihm erklärt, dass sie Heuschnupfen bekommen habe. Sie hatte
vorher weder gesagt, dass der Strauß hübsch war, noch, dass es schade sei, dass sie sich nicht daran
erfreuen könne. Sie hatte sich noch nicht einmal für die nette Geste bedankt.
Nicht, dass er ihren Dank wollte oder brauchte. Er konnte auch ohne ihn leben. Es machte ihn
nur rasend, dass sie ihn für so dumm hielt, sich mit einer derart lahmen Ausrede für die
Zurückweisung seines Geschenkes abspeisen zu lassen. Doch er dachte nicht daran, ihr auch noch
die Genugtuung zu gönnen, ihn verletzt und aufgebracht zu sehen, sondern reagierte genauso
unterkühlt wie an dem Morgen, als er den Strauß im Müll gefunden hatte.
Jody brach das Schweigen. »Wie macht sich der neue Mann?«
Janellen ließ die Kaffeetasse beinahe fallen, geräuschvoll schepperte sie auf die Untertasse. »Äh …
gut, sehr gut. Ich denke, er wird sich gut einfügen.«
»Du hast mir immer noch nicht seine Papiere gezeigt.«
»Tut mir leid. Ich vergesse es immer, sie mitzubringen. Aber sein Vorarbeiter sagt, dass er gute
Arbeit leistet. Er ist immer pünktlich und beflissen. Und mit den anderen kommt er auch gut aus.
Macht keinen Ärger. Bislang sind mir noch keine Beschwerden zu Ohren gekommen.«
»Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass Muley gegangen sein soll, ohne vorher
Bescheid zu sagen.«
Janellen hatte Key die Umstände von Muleys Entlassung geschildert, ihn aber gebeten, Jody
nichts zu sagen. Es war damit zu rechnen, dass sie sich aufregte, wenn sie hörte, dass ein Arbeiter,
dem sie vertraut hatte, beim Stehlen erwischt worden war. Und das wäre nicht gut für ihren
Blutdruck. Key hatte ihr zugestimmt.
Außerdem wusste er, dass Bowie ein Exsträfling war, der noch nicht lange genug wieder
draußen war, um seine Gefängnisblässe abgelegt zu haben. Key kannte ihn schon aus der Palme,
und Hap hatte ihm alles über Cato erzählt.
Key hegte keine Vorurteile gegen ehemalige Häftlinge. Er hatte selbst vor ein paar Jahren einige
Tage in einem italienischen Gefängnis abgesessen. Cato war freundlich, aber unaufdringlich. Er
blieb meist für sich, erledigte seinen Job und vermied Ärger. Das war mehr, als man von
manchem, der nicht gesessen hatte, behaupten konnte.
Jodys Einstellung zur Resozialisierung war nicht so liberal. Fehlverhalten tolerierte sie nicht.
Also würde sie es nicht unbedingt begrüßen, einen Exknacki auf der Lohnliste stehen zu haben;
daher war es am besten, wenn sie möglichst wenig über seinen Hintergrund erfuhr. Muley war
weg – Janellen hatte einen guten Ersatz gefunden. Das war die Version, die sie ihr gegeben
hatten. Doch Jody war bekannt dafür, dass sie den Braten sehr schnell roch. Es war nicht das erste
Mal, dass sie dieses Thema aufbrachte.
Key setzte eine gelassene Miene auf und hoffte, Janellen würde dasselbe tun. Aber sie war schon
immer eine schlechte Lügnerin gewesen. Unter dem bohrenden Blick ihrer Mutter fing sie an,
nervös mit dem Besteck herumzuspielen.
»Cato kommt nicht aus der Gegend, richtig?«
»Nein, Mama. Er ist in West-Texas aufgewachsen.«
»Du weißt nicht, wer seine Leute sind?«
»Ich glaube, seine Eltern sind schon verstorben.«
»Ist er verheiratet?«
»Nein, alleinstehend.«
Jody starrte ihre Tochter weiter an, während sie an der Zigarette zog. Nach einer schier
endlosen Stille sagte sie: »Key hat ihn getroffen. Er meint, er wäre in Ordnung.«
Verdammt! Er wollte nicht in die Sache reingezogen werden. Doch er kam seiner Schwester zu
Hilfe. »Ja, ist ein ganz netter Bursche.«
»Das ist der Weihnachtsmann auch. Das hat noch lange nicht zu bedeuten, dass er ein Bohrloch
von seinem Arschloch unterscheiden kann.«
Janellen zuckte bei der derben Ausdrucksweise ihrer Mutter zusammen. »Bowie weiß eine
Menge über Öl, Mama. Er hat schon als kleiner Junge damit zu tun gehabt.«
Wenn er sowieso schon ins Verhör einbezogen war, konnte Key Janellen ebenso gut unter die
Arme greifen. »Cato leistet gute Arbeit. Janellen mag ihn, und die anderen Männer kommen mit
ihm aus. Was willst du mehr?« Er wusste natürlich, was seine Mutter wollte – seine Mutter wollte
selbst wieder jung, gesund und stark sein. Sie wollte die Kontrolle über Tackett Oil & Gas haben
und hasste es, wenn Janellen jemanden ohne ihr Wissen einstellte. Selbst wenn sie Superman
persönlich angeheuert hätte – Jody hätte etwas einzuwenden gehabt.
»Er ist jetzt seit zwei Wochen bei uns? Richtig, Janellen?«
»Richtig.«
»Und bisher hatte noch niemand Schwierigkeiten mit ihm«, fuhr Key fort. »Ich denke, Janellen
hat eine erstklassige Geschäftsentscheidung getroffen.«
Jody wandte sich ihm mit verächtlichem Blick zu. »Als würde es auf deine Meinung ankommen
bei Tackett Oil.«
»Ich habe nicht als Ölexperte gesprochen«, gab Key ungerührt zurück. »Lediglich als Mann, der
einem anderen Mann die Hand geschüttelt hat. Cato hat mir direkt in die Augen gesehen. Er hat
nichts zu verbergen. Ich bin ihm am Feierabend begegnet, und er war verschwitzt und schmutzig
– so als hätte er sich in der Hitze den Arsch bei der Arbeit aufgerissen.«
Jody stieß eine Wolke Rauch gegen die Decke aus. »Das hört sich ja ganz so an, als könntest du
dir von diesem Cato noch eine Scheibe abschneiden, was die Arbeitsmoral betrifft. Würde dir
auch nicht schaden, ein bisschen zu schwitzen und dich hier bei der Arbeit schmutzig zu
machen.«
»Key arbeitet doch, Mama. Er hat den Riegel am Tor gerichtet.«
»Das ist doch Kleinkram. Ich rede von schweißtreibender, harter Arbeit.«
»Du meinst, auf deinen Quellen?« Trotz seines festen Vorsatzes, sich nicht aufzuregen, hob sich
Keys Stimme bedrohlich.
»Es würde dich nicht umbringen, oder?«
»Nein, es würde mich nicht umbringen. Aber es ist nicht mein Spiel. Es ist deines.«
»Und deshalb wolltest du nie etwas damit zu tun haben? Weil es mir gehört? Gib’s doch zu, du
wolltest einfach nicht die zweite Geige hinter einer Frau spielen.«
Key lachte kopfschüttelnd. »Nein, Jody. Ich wollte nichts damit zu tun haben, weil es mich
nicht interessiert.«
»Wieso nicht?«
Jody hatte sich noch nie mit einer einfachen Antwort zufriedengegeben. Key konnte sich nicht
entsinnen, wann er jemals seine Meinung nicht hätte rechtfertigen oder erklären müssen,
besonders wenn er anderer Meinung war als sie. Er fand es nicht weiter verwunderlich, dass es
seinen Vater zu anderen Frauen gezogen hatte. Bei Jody lief immer alles darauf hinaus, wer wen
übertrumpfte. Es dauerte nicht lange, bis ein Mann das leid wurde.
Er zwang sich jedoch, ruhig zu bleiben, und sagte: »Gut möglich, dass ich mich dafür begeistern
könnte, wenn wir nach Öl suchen würden.«
»Du brauchst das Risiko, ist es das?«
»Langweilige Routine zieht mich nicht an.«
»Dann hättest du zu Zeiten des Ölbooms leben müssen. Da waren Leute wie du gefragt. Ganz
Ost-Texas war überlaufen von Spielern, Betrügern und Huren. Die lebten alle von der Hand in
den Mund. Das Risiko konnte nicht hoch genug sein. Zum Teufel mit dem Morgen. Das wäre
das richtige Leben für dich, nicht wahr? Du bist nicht glücklich, solange du nicht auf einem Seil
über einem Abgrund spazierst, mit Krokodilen unter dir, die dich fressen, wenn du fällst. Du bist
wie dein Vater nur auf das schnelle Abenteuer aus.«
Key biss die Zähne so fest zusammen, dass ihm der Kiefer schmerzte. »Denk doch, was du willst,
Jody.« Dann beugte er sich vor und pochte mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte, um seine
Worte zu unterstreichen. »Aber ich hatte noch nie das Bedürfnis und werde es auch nie haben,
den Babysitter für ein paar stinkende Ölquellen abzugeben.«
»Ach, Key«, stöhnte Janellen leise.
Jody sprang wütend auf. Sie war feuerrot im Gesicht. »Diesen stinkenden Ölquellen verdankst
du es, dass du dein ganzes Leben in Luxus verbracht hast! Ihnen hast du’s zu verdanken, dass du
immer etwas im Magen hattest und Kleider auf dem Leib. Sie haben dir jedes Jahr einen neuen
Wagen finanziert und dich durchs College gebracht!«
Jetzt stand auch Key auf. »Wofür ich dankbar bin. Aber muss ich deshalb auch ins Ölgeschäft
gehen, damit sich eure Investitionen als Eltern auszahlen? Wenn du und Daddy Klempner
gewesen wärt, wäre ich dann verpflichtet, den Rest meines Lebens Scheiße zu schippen? Von
Clark habt ihr nie erwartet, dass er sich fürs Öl interessiert. Warum dann von mir?«
»Clark hatte andere Pläne für sein Leben.«
»Woher willst du das wissen? Hast du ihn jemals nach seinen Zielen gefragt? Oder ist er
vielleicht immer nur deinem Plan für sein Leben gefolgt?«
Jody richtete sich zu voller Größe auf. »Er hatte eine Karriere vor sich, die sich auch erfüllt
hätte, wenn diese Ärztin nicht gewesen wäre, mit der du durch die Gegend ziehst.«
»Das war eine Notfallsituation, Mama«, mischte sich Janellen ein. »Das kleine Mädchen wäre
gestorben, wenn Key nicht gewesen wäre.«
Die Lokalzeitung hatte den Vorfall mit der kleinen Leonard am nächsten Tag als Aufmacher
gebracht.
»Schon gut, Janellen«, sagte Key, »aber du brauchst mich nicht in Schutz zu nehmen. Ich hätte
dasselbe auch für einen Hund getan, ganz zu schweigen von einem Kind.«
Aber Jody war ganz und gar auf den einen Aspekt des Dramas konzentriert. »Ich hatte dir gesagt,
du sollst dich von der Frau fernhalten.«
»Ich habe mir nicht ihretwegen den Arsch aufgerissen, herrje, ich habe es für das kleine
Mädchen getan.«
»Ach, dann hast du auch an das kleine Mädchen gedacht, als du sie zum Essen eingeladen hast?«
Statt überrascht zu sein, dass sie von ihrem Besuch bei Barbecue Bobby wusste, zuckte er nur
mit den Achseln. »Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Ich war hungrig. Sie war zufällig
dabei, also habe ich sie mitgenommen.«
Jodys Augen glühten vor Zorn. »Ich sage es dir zum letzten Mal: Halte dich von ihr fern. Sauf
und hure von mir aus mit sonst wem herum.«
»Oh, danke, dass du mich daran erinnerst. Ich bin spät dran heute Abend.« Er ging zur Anrichte,
schenkte sich einen Whisky ein und trank ihn in einem Zug aus.
Angewidert drehte sich Jody um und marschierte aus dem Esszimmer. Sie verschwand auf der
Treppe zum zweiten Stock. »Wieso müsst ihr euch immer streiten?«
Key wollte einlenken, aber der vorwurfsvolle Blick seiner Schwester hielt ihn davon ab.
»Jody fängt damit an, nicht ich.«
»Ich weiß, dass sie manchmal schwierig sein kann.«
Er lachte zynisch über ihre Untertreibung.
»Danke, dass du mein Geheimnis über Mr. Cato bewahrt hast. Mama würde nicht viel davon
halten, einen Exsträfling auf der Lohnliste zu haben, selbst wenn er sich als vorbildliche
Arbeitskraft beweisen sollte.«
Key hob eine Braue. »Vorbildliche Arbeitskraft? Sind wir da nicht ein bisschen voreilig?«
»Ach komm, reden wir nicht über Mr. Cato«, sagte sie knapp, um das Thema zu wechseln.
»Hast du sie wirklich zum Essen eingeladen?«
»Wen? Lara Mallory? Und wennschon? Wir sind auf ein paar Rippchen bei Bobby eingekehrt.
Sie war zufällig dabei, weil ich sie von der Landebahn mitgenommen habe. Das ist schon alles. Ist
das so verwerflich?«
»Sie hat mich angerufen.«
Seine Wut verpuffte. »Sie hat was?«
»Sie hat mich letzte Woche angerufen. Urplötzlich. Ich bin in der Firma ans Telefon gegangen,
und sie war dran. Sie war sehr nett. Hat mich zum Essen eingeladen.«
Er lachte. »Sie hat dich eingeladen?« Der Gedanke war einfach lächerlich.
»Ich war total verblüfft. Wusste gar nicht, was ich sagen sollte.«
»Und was hast du gesagt?«
»Natürlich nein.«
»Warum?«
»Key! Sie ist immerhin die Frau, die Clarks Karriere ruiniert hat!«
»Janellen, ich glaube nicht, dass sie ihn vergewaltigt hat«, bemerkte er trocken. »Und ich
bezweifle auch, dass sie ihn an den Bettpfosten gefesselt hat. Außer vielleicht als besonderes
Spielchen.«
»Ich verstehe nicht, wie du darüber Witze machen kannst«, sagte sie schroff. »Auf wessen Seite
stehst du eigentlich?«
»Auf deiner, das weißt du doch.« Er starrte einen Moment ins Leere und spielte mit dem Glas in
seiner Hand. »Aber es wäre nicht ganz uninteressant gewesen, wenn du ihre Einladung
angenommen hättest. Ich wüsste nur zu gern, was sie vorhat.«
»Glaubst du denn, dass sie etwas vorhat?«
Er überlegte. Zugegebenermaßen war Lara Mallory in seiner Achtung gestiegen, als er gesehen
hatte, mit welchem Einsatz sie um das Leben des kleinen Leonard-Mädchens gekämpft hatte. Er
hatte Militärärzte gesehen, die sich weniger um einen Patienten bemüht hatten.
Wie auch immer, trotz des Mutes, den sie in dieser Situation bewiesen hatte – sie war noch
immer die Schlüsselperson in dem Skandal, der Clark kompromittiert hatte. Sie war nicht ohne
bestimmtes Ziel nach Eden Pass gekommen. Sie wollte etwas. Sie hatte es auch bereits zugegeben,
als sie ihm sagte, er sei ihr etwas schuldig und nicht umgekehrt.
Sie werden mich nach Montesangrines fliegen.
Er hatte es ihr keine Sekunde abgenommen. Sie hatte ihre geringe Meinung von dem Land
mehr als deutlich kundgetan. Keine zehn Pferde würden sie dorthin zurückbringen.
Wieso hatte sie es dann gesagt? Um ihn zu provozieren? Um ihn auf die falsche Fährte zu
locken, was ihre wahren Motive betraf?
»Sie hätte dich nicht angerufen, wenn sie nichts von dir will«, sagte er Janellen.
»Aber was?«
»Woher soll ich das wissen? Vielleicht will sie eine Erinnerung an Clarks Kindheit, einen Teddy
oder so was. Vielleicht will sie auch etwas Abstraktes wie Anerkennung. Du bist ein angesehenes
Mitglied der Gemeinde, vielleicht glaubt sie, dass es ihren Ruf aufwertet, wenn sie mit dir
zusammen gesehen wird. Wenn sie das nächste Mal anruft …«
»Falls sie es tut.«
»Ich denke schon. Sie ist ziemlich zäh. Wenn sie anruft, denk dran – es könnte interessant
werden.«
»Mama würde ausrasten.«
»Sie muss es ja nicht wissen.«
»Sie wird es rauskriegen.«
»Na und? Du bist erwachsen. Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen, auch wenn es
Jody nicht passt.«
Janellen legte ihm die Hand auf den Oberarm und sagte in ernstem Ton: »Bitte, Key, schließ
endlich Frieden mit ihr.«
»Das versuche ich, Janellen. Aber sie will keinen mit mir schließen.«
»Das stimmt nicht. Sie weiß nur nicht, wie sie nachgeben soll und trotzdem das Gesicht wahrt.
Sie ist alt und gebrechlich. Sie ist einsam. Es geht ihr nicht gut, und ich glaube, sie hat Angst vor
ihrer eigenen Sterblichkeit.«
Er stimmte ihr in allen Punkten zu, doch damit war das Problem noch nicht gelöst. »Was
erwartest du denn noch von mir? Ich habe mich zurückgenommen und versucht, höflich und
freundlich zu sein. Ich habe ihr sogar Blumen gekauft. Du siehst, dass ich mich bemüht habe«,
sagte er verbittert. »Ich will verdammt sein, wenn ich mich jedes Mal bücke und ihr die Füße
küsse, wenn wir uns sehen.«
»Ich bitte dich ja gar nicht, ihr etwas vorzugaukeln. So wie sie ist, würde sie es ohnehin gleich
durchschauen und dich umso mehr hassen. Aber du könntest ein bisschen umgänglicher sein. Als
sie von der Arbeit anfing, hättest du ihr doch von deinen letzten Aufträgen erzählen können.«
»Ich habe es nicht nötig, meinen Erfolg zu beweisen. Ich bin nicht auf der Welt, um sie zu
beeindrucken. Außerdem interessiert es sie überhaupt nicht, was ich tue. Sie denkt, die Fliegerei
ist ein Hobby. Für sie wäre ich nicht einmal gut genug, wenn ich in der Air Force One fliegen
würde.«
Er stellte sein Glas auf das Tablett zurück. Seine Bewegungen waren vor Enttäuschung langsam
und schwer. »Jody will mich hier nicht haben. Je früher ich wieder aufbreche, desto besser.«
»Bitte, sag nicht so etwas. Und geh nicht mit diesem Hass im Herzen. Jody ist noch immer nicht
über Clarks Tod hinweg, und weil sie ihre eigene Schwäche nicht erträgt, hackt sie auf dir
herum.«
»Ich war schon immer ein prima Sündenbock für sie. Sie kann mich seit dem Tag, an dem ich
zur Welt kam und Clark junior ihr keine sechs Dutzend Rosen geschenkt hat, nicht leiden.«
»Er hat sie verletzt, Key. Sie hat ihn geliebt, und er hat ihr weh getan.«
»Ihn geliebt?«, wiederholte er mit einem höhnischen Lachen.
Janellen wirkte ernst, wenn auch ein wenig verwirrt. »Ja, sie hat ihn sehr geliebt. Wusstest du das
nicht?«
Bevor er ihr widersprechen konnte, läutete es an der Tür.
»Wirst schon sehen, ihr zwei werdet bald besser miteinander auskommen, glaub mir.« Sie
drückte seinen Arm, ehe sie zur Tür ging.
Er glaubte ihr nicht und schenkte sich noch einen Whisky ein. Er leerte das Glas in einem Zug.
Der Whisky brannte ihm in der Kehle und verätzte seine Speiseröhre, und aller
Wahrscheinlichkeit nach würde er ihn gleich im Magen spüren. Irgendwie hatte ihm das Trinken
früher mehr Spaß bereitet.
Die meisten Sachen hatten ihm früher mehr Spaß gemacht. Wann hatte es angefangen, dass es
mehr Mühe als Spaß machte, mit einer Frau ins Bett zu gehen? Er war vom Leben generell
angeödet und wusste nicht einmal, warum.
Anfangs hatte er seine Mattigkeit dem angeknacksten Knöchel und der Schusswunde
zugeschrieben, aber der Knöchel meldete sich nur noch selten. Und die Wunde war verheilt. Es
war nicht mehr als zarte weiße Haut und eine rosa Narbe als Erinnerung geblieben. Was also
stimmte nicht mit ihm?
Langeweile.
Er hatte zu viel Zeit zum Nachdenken. Seine Gedanken kehrten unwillkürlich immer wieder zu
Clarks tödlichem Unfall zurück, und die losen Enden der verschiedenen Theorien baumelten wie
die ausgefransten Zipfel eines Leichentuchs in der Luft. Key wollte die Fakten erfahren und
befürchtete doch gleichzeitig, dabei auf etwas zu stoßen, was ihm nicht gefallen könnte. Bislang
hatte jeder Stein, den er umgedreht hatte, Maden unter sich gehabt. Er fand, dass manche Dinge
lieber im Ungewissen bleiben sollten.
Gott sei Dank konnte er wieder fliegen. Er hatte Letty Leonard nicht wegen der Publicity, die es
ihm gebracht hatte, geflogen, aber seitdem stand das Telefon nicht mehr still. Er hatte bereits
einige lukrative Aufträge erhalten und war für andere vorgemerkt. Nicht, dass er das Geld
gebraucht hätte, aber es kam auch nicht ungelegen. Was er wirklich brauchte, war die Aktivität
und das Gefühl der Freiheit, das er nur beim Fliegen hatte.
Für seinen Seelenfrieden befand er sich im falschen Staat, in der falschen Stadt, im falschen Haus.
Er sehnte sich nach einem Ort, der sich völlig von seinen bisherigen Erfahrungen unterschied, wo
die Sprache mindestens genauso fremd wie die Speisen waren. Irgendein exotischer Ort, an dem
man noch nie etwas von den Tacketts gehört hatte.
Er hatte die ganze Welt bereist, um einen Ort zu finden, an dem niemand wusste, dass er Clark
Tacketts Bruder war. Bislang vergeblich. Jeder Fremde zählte zwei und zwei zusammen und
fragte: »Tackett? Irgendwie verwandt mit dem Senator aus Texas? Sein jüngerer Bruder? Junge,
das is’ ja ’n Ding.«
Clark war für alles, was Key in seinem Leben getan hatte, die Messlatte gewesen.
»Key ist schon fast so groß wie Clark.«
»Key kann schon fast so schnell rennen wie Clark.«
»Key ist aber nicht so wohlerzogen wie Clark.«
»Key verbeugt sich nie so artig wie Clark.«
Irgendwann überholte er seinen Bruder in der Größe, und schon in der Pubertät war er der
bessere Sportler. Trotzdem hatten ihn die Vergleiche bis ins Erwachsenenalter verfolgt. So
merkwürdig es auch anmutete – er war nie eifersüchtig auf seinen Bruder. Er wollte gar nicht wie
Clark sein, aber alle anderen hielten Clark für das Vorbild, dem er nacheifern sollte. Und Jody
allen voran.
Als kleiner Junge hatte es ihn verletzt, dass sie Clark offensichtlich den Vorzug gab. Gewiss, sie
hatte ihm auch die Knie verarztet, aber sie hatte sie nie geküsst. Stattdessen hatte sie ihn für sein
Draufgängertum gescholten. Die kleinen Geschenke, die Bilder, die er für sie in der Schule malte,
wurden kurz angesehen und dann weggelegt, aber niemals bewundert, nie an ihren
Schminkspiegel geheftet.
Als Teenager hasste er sie für ihre Kälte ihm gegenüber. Er hatte mit Ungehorsam und
Rebellion reagiert, weil sie Clark bevorzugte. Sie fand nur Lob für ihn, wenn er einen
Touchdown für die Eden Pass Devils landete, doch das hatte wenig mit ihm selbst zu tun,
sondern vielmehr damit, dass sie sich dann mit ihm brüsten konnte.
Außerhalb des Spielfeldes ließ er sich nichts anmerken und tat so, als wäre es ihm egal, obwohl
es ihm tief im Innern ganz und gar nicht egal war und er einfach nicht begriff, warum er so wenig
liebenswert sein sollte.
Mit dem Erwachsenwerden kam dann die Einsicht, dass seine Mutter ihn schlicht und einfach
nicht liebte. Sie mochte ihn nicht einmal. Hatte es nie getan. Und würde es auch nie. Er hatte es
aufgegeben, nach den Gründen dafür zu suchen; und im Grunde kümmerte es ihn auch nicht
mehr. So war es eben. Clark hatte man mit einer verheirateten Frau im Bett erwischt, und ihm,
Key, wurde vorgeworfen rumzuhuren.
Es war schon einige Jahre her, dass er eingesehen hatte, dass selbst die Hoffnung auf Toleranz
seitens seiner Mutter vergebens war, und er hatte beschlossen, dass es für alle von Vorteil sei,
wenn er sich so rar wie möglich machen würde; ein Entschluss, der auch seinem angeborenen
Fernweh entgegenkam.
Und jetzt sollte selbst das hinfällig sein.
Er war ruhelos und gelangweilt. Und die offenen Fragen um die Umstände des Todes seines
Bruders banden ihn an zu Hause. Er hatte das Bedürfnis, wieder in die Anonymität aufzubrechen,
doch jedes Mal wenn er so weit war, sein Bündel zu schnüren, tauchte das ratlose Gesicht seiner
Schwester vor ihm auf, und er wurde von Schuldgefühlen übermannt.
Ihre Besorgtheit war begründet. Es war erschreckend, was das Alter, einhergehend mit dem
Verlust der Selbstkontrolle, bei einem so willensstarken Menschen wie Jody anrichten konnte.
Key konnte Janellen nicht guten Gewissens allein damit lassen. Mittlerweile war auch er davon
überzeugt, dass Jodys Vergesslichkeit und Verwirrung nur die Vorboten für etwas weit Ernsteres
als nur Senilität waren. Sollte es zu einem physischen Zusammenbruch kommen, würde er sich
niemals verzeihen, wenn er Tausende Meilen entfernt und unerreichbar wäre. Auch nicht, wenn
er nicht der Sohn war, den sie sich gewünscht hatte – sie war noch immer seine Mutter. Im
Moment war sein Platz hier in Eden Pass.
»Key?«
Noch ganz in Gedanken versunken, wandte er sich beim Klang der zögerlichen Ansprache
seiner Schwester um.
»Da ist jemand an der Tür, der dich sprechen möchte.« Sie sah ihn mit einem sonderbar
fragenden Blick an.
»Und? Wer ist es? Und was will er?«
»Sie. Es ist eine Frau.«
Kapitel 11

Lara streckte sich, dehnte die harten Rückenmuskeln und verharrte einen Moment in dieser
Stellung. Dann entspannte sie sich wieder und rückte die Lesebrille auf ihrer Nase zurecht.
Nach einem frühen Abendessen und den Nachrichten hatte sie den Fernseher ausgeschaltet, weil
es nichts Interessantes mehr gab. Seit jenem Morgen in Virginia hatte sie auch jeglichen Spaß an
Unterhaltungslektüre verloren, da kein Roman so spannend, vertrackt und schicksalsträchtig sein
konnte wie die letzten fünf Jahre ihres eigenen Lebens. Es fiel schwer, sich mit einer Figur zu
identifizieren, deren Dilemma verglichen mit dem, in dem sie selber steckte, doch recht
undramatisch war.
Da sich also keine unterhaltsame Ablenkung fand, hatte sie beschlossen, die Krankenblätter ihrer
Patienten noch einmal durchzusehen. Nichts konnte spannender für sie sein als die
Vielschichtigkeit der Medizin.
Während die anderen Studenten das ganze Studium über gestöhnt hatten, kam Lara das Lernen
fast wie Ferien vor. Sie genoss es, unbegrenzten Zugang zu der Fachlektüre zu haben, und
vertrackte Fallstudien waren das reinste Vergnügen für sie. Sie verschlang sie wie ein Gourmet
eine endlose Folge von Delikatessen.
Anders als ihre Eltern warfen ihr ihre Professoren und Kommilitonen ihren unstillbaren
Wissensdurst nicht vor, und sie sagten auch nicht, dass sich ein Medizinstudium für eine junge
Dame aus gutem Hause nicht schickte.
Als Drittbeste ihres Jahrgangs schloss sie an der Johns-Hopkins-Universität mit Auszeichnung ab
und konnte sich das Krankenhaus aussuchen, in dem sie ihre Zeit als Assistenzärztin ableisten
wollte. Natürlich genoss sie die zerknirschte Bewunderung ihrer Kollegen, aber die eigentliche
Genugtuung fand sie darin, Menschen zu heilen. Das schlichte »Dankeschön« eines genesenen
Patienten war mehr wert als alles Lob aus Medizinerkreisen.
Zu ihrem Leidwesen war diese Art Belohnung jetzt nur noch sehr spärlich gesät. Deshalb sah
Lara die Krankenblätter ihrer wenigen Patienten so beflissen durch, verfolgte die Fälle vom
Erstellen der Diagnose bis zur Genesung.
Sie wurde vom Geräusch eines näher kommenden Autos unterbrochen. In Erwartung, dass es
vorbeifahren würde, sah sie verblüfft hoch, als es in ihre Auffahrt einbog und ums Haus zum
Praxiseingang fuhr. Sie legte ihre Lektüre beiseite und verließ eilig das Büro. Als sie zur Tür ging,
hatte sie das Gefühl eines Déjà-vu. Dieser Moment war dem, als Key Tackett, aus seiner
Schusswunde blutend, auf ihrer Türschwelle aufgetaucht war, beunruhigend ähnlich.
In der Tat so ähnlich, dass sie kaum überrascht war, als sie die Tür aufschloss und ihm tatsächlich
gegenüberstand. Nur dieses Mal war er nicht allein gekommen.
Lara sah erst das Mädchen an, dann ihn. »Ich habe ganz normale Sprechstunden, Mr. Tackett.
Das scheinen Sie des Öfteren zu übersehen. Oder zu ignorieren. Oder ist das etwa ein
Höflichkeitsbesuch?«
»Können wir reinkommen?«
Er war nicht in der Stimmung, sich mit ihr zu zanken. Seine Stirn lag in Falten, und die Lippen
waren zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Wenn er allein gekommen wäre, hätte Lara
ihm höchstwahrscheinlich die Tür vor der Nase zugeschlagen. Auch jetzt hatte sie kurz mit
diesem Gedanken gespielt, doch auf den zweiten Blick sah sie, dass das Mädchen geweint hatte.
Ihr triefte die Nase, die Augen waren gerötet und das Gesicht geschwollen. Das Taschentuch in
ihrer Faust hielt sie so fest zusammengeknüllt, dass ihre Knöchel schon ganz weiß waren.
Abgesehen von diesen unübersehbaren Zeichen von Stress vermittelte sie den Eindruck eines
kerngesunden jungen Mädchens. Sie war kräftig gebaut, hatte einen schweren Busen und volle
Hüften. Sie hatte ein hübsches Gesicht – oder hätte eines gehabt, wenn sie lächeln würde. Ihr
schulterlanges Haar war glatt und dunkel. Ihr Blick war so düster und ihre Miene so verzweifelt,
dass Lara sie einfach nicht vor der Tür stehen lassen konnte.
Sie trat zur Seite und bedeutete ihnen einzutreten. »Was kann ich für Sie tun?«
Das Mädchen schwieg. Key sagte: »Dr. Mallory, das ist Helen Berry. Sie braucht einen Arzt.«
»Sind Sie krank?«, fragte sie das Mädchen.
Helen sah verunsichert zu Key, ehe sie antwortete: »Nicht direkt.«
»Ich kann Ihnen nicht helfen, solange Sie mir nicht sagen, worum es geht. Wenn es sich um
eine einfache Untersuchung handelt, können Sie gern morgen früh in die Praxis kommen.«
»Nein«, protestierte das Mädchen. »Ich meine … ich will nicht, dass mich irgendjemand sieht …
ich kann unmöglich …«
»Sie müssen Helen untersuchen.«
Lara wandte sich Key zu, der für Helen das Wort ergriffen hatte. »Aber wieso soll ich sie
untersuchen, wenn sie nicht krank ist?«
»Sie braucht eine gynäkologische Untersuchung.«
Lara schenkte ihm einen fragenden Blick, der weitere Erklärungen verlangte. Doch er schwieg.
Sein Ausdruck war unergründlich. Das Mädchen kaute nervös auf der Unterlippe.
»Helen«, fragte Lara behutsam. »Sind Sie vergewaltigt worden?«
»Nein.« Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Das ist es nicht.«
Lara glaubte ihr und war erleichtert.
»Ich werde draußen warten.« Key machte abrupt um hundertachtzig Grad kehrt und marschierte
den Flur hinunter zum dunklen Wartezimmer.
Sein Abgang hinterließ ein geräuschloses Vakuum. Erst nach mehreren Sekunden stieß Lara
ihren angehaltenen Atem aus. Sie schenkte Helen Berry ein aufmunterndes Lächeln und sagte:
»Kommen Sie bitte mit.« Das Mädchen folgte ihr ins Sprechzimmer, wo Lara auf den Tisch
deutete.
»Muss ich mich nicht ausziehen?«
»Nein. Ich werde erst eine Unterleibsuntersuchung vornehmen, wenn ich mehr Informationen
habe. Außerdem ist meine Schwester nicht hier, um mir zu assistieren. Ich führe nie
Untersuchungen ohne Assistenz durch.«
Das diente ebenso ihrem Schutz wie dem der Patienten. In einer prozesswütigen Gesellschaft
wie der heutigen musste man jederzeit mit einer Klage wegen fehlerhafter Behandlung rechnen.
Und wegen des Skandals, der ihr anhaftete, war sie verletzlicher als die meisten.
Wieder traten ihrer Patientin die Tränen in die Augen. »Aber Sie müssen mich untersuchen. Ich
muss es wissen. Ich muss es jetzt gleich wissen, damit ich entscheiden kann, was ich tun soll.«
Sichtlich aufgelöst fing sie an, das Taschentuch zu zerfetzen. Lara nahm ihre Hände, um sie still
zu halten. »Helen …« Ihr Ton war ruhig, aber bestimmt. Jetzt kam es erst einmal darauf an, die
Patientin zu beruhigen. »Helen, bevor wir etwas unternehmen können, brauche ich weitere
Informationen von Ihnen.«
Sie langte nach einer Karteikarte und einem Stift und bat Helen um ihren vollen Namen. Der
Papierkram hätte Zeit gehabt, aber die Beschäftigung damit zwang das Mädchen, sich zu
sammeln. Durch Abfragen der Standardrubriken erfuhr Lara, dass das Mädchen aus der ländlichen
Umgegend stammte. Sie war achtzehn Jahre alt und hatte im vergangenen Mai die Highschool
abgeschlossen. Ihr Vater war bei der Telefongesellschaft angestellt, die Mutter Hausfrau. Sie hatte
zwei jüngere Schwestern und einen Bruder. Es war kein Fall von ernsthaften Erkrankungen in der
Familie bekannt.
»So«, sagte Lara und legte die Karte beiseite. »Wieso hat Mr. Tackett Sie zu mir gebracht?«
»Ich habe ihn darum gebeten. Ich konnte nicht anders.« Sie verzog das Gesicht und malträtierte
erneut ihre arme Unterlippe. Tränen strömten ihr über die runden Wangen.
Lara glaubte jetzt den Grund für Helens Verzweiflung zu kennen und fragte ganz direkt: »Helen,
glauben Sie, dass Sie schwanger sind?«
»O Gott! Ich bin so dumm!« Damit ließ sie sich auf den Untersuchungstisch plumpsen, zog die
Knie an die Brust und begann hemmungslos zu schluchzen.
Lara stellte sich neben sie und nahm ihre Hand. »Helen, beruhigen Sie sich. Wir wissen doch
noch gar nichts endgültig. Vielleicht ist es nur falscher Alarm.«
Sie bemühte sich, ruhig und gelassen zu klingen, aber am liebsten hätte sie mit den Zähnen
geknirscht. Sie wünschte, sie hätte eine Schrotflinte, mit der sie auf Keys Eier zielen könnte.
Gelangweilte Hausfrauen wie Darcy Winston flachzulegen war eine Sache, Mädchen von der
Highschool zu verführen eine ganz andere.
Lara strich Helen das Haar aus dem Gesicht. »Wann hatten Sie Ihre letzte Periode?«
»Vor sechs Wochen.«
»Dann sind Sie erst zwei Wochen überfällig? Das muss nicht unbedingt heißen, dass Sie
schwanger sind.«
Helen nickte heftig. »Doch. Ich war noch nie drüber.«
Vielleicht, dachte Lara, doch es gab unzählige Gründe für eine verspätete Mensis, und
Schwangerschaft war nur einer davon. Und doch hatte sie gelernt, dass die Patienten meist selbst
am besten über ihren Körper Bescheid wussten. Sie konnte Helens Schlussfolgerung nicht einfach
übergehen. »Hatten Sie denn während dieser Zeit Geschlechtsverkehr?«
»Ja.«
»Ungeschützt?«
Helen nickte.
Lara war bestürzt, dass die Jugendlichen Kondome, die einfach in der Handhabung waren und
trotzdem sicher vor Schwangerschaft und Krankheiten schützten und zudem noch preiswert
waren, immer noch ablehnten. In einer Gemeinde wie Eden Pass konnte man davon ausgehen,
dass der Versuch einer offenen Diskussion über Schutzmaßnahmen auf Gegenwehr seitens der
konservativ eingestellten Eltern oder auch religiösen Gruppierungen stoßen würde. Trotzdem war
es lebensnotwendig – im wahrsten Sinne des Wortes –, Teenager auf die Risiken aufmerksam zu
machen, die sie eingingen, wenn sie sich beim Geschlechtsverkehr nicht schützten.
»Spüren Sie ein Ziehen in der Brust?«
»Ja, aber nicht mehr als sonst, aber ich habe zu Hause schon einen Test gemacht.«
»Und der war positiv?«
»Eindeutig.«
»Diese Schwangerschaftstests sind im Allgemeinen ziemlich zuverlässig, aber es besteht immer
die Möglichkeit eines Fehlers.« Lara half ihr aufzustehen. »Gehen Sie ins Bad und benutzen Sie
einen der Becher. Ich brauche eine Urinprobe, damit ich noch einen Test durchführen kann.«
»In Ordnung. Aber ich weiß, dass ich schwanger bin.«
»Waren Sie vorher schon einmal schwanger?«
»Nein, aber ich weiß es eben. Er wird mich umbringen.«
Sie verschwand in der angrenzenden Toilette. Lara wäre am liebsten sofort zu Key Tackett
gegangen, der in ihrem Wartezimmer saß, und hätte ihm ihre Verachtung an den Kopf geworfen.
Aber die Patientin ging vor.
»Ich habe es auf den Spülkasten gestellt«, sagte Helen, als sie wieder herauskam.
»Fein. Legen Sie sich jetzt hin, und versuchen Sie, sich zu entspannen.«
Nach wenigen Minuten war Helens schlimmste Befürchtung bestätigt. »Ich wusste es ja«,
jammerte sie, als Lara ihr mitteilte, dass alle Anzeichen dafür sprächen. Sie fing wieder an zu
schluchzen. Lara legte die Arme um sie und wartete, bis aus dem heftigen Schluchzen ein
Schniefen geworden war.
»Ich will Ihnen jetzt lieber kein Beruhigungsmittel geben. Möchten Sie vielleicht etwas trinken?«
»Ja, eine Cola, wenn Sie haben, bitte.«
Lara ließ sie für einen kurzen Moment allein, um die Cola zu holen. Als sie wiederkam, weinte
Helen leise, aber gefasster. Sie nahm mehrere Schlucke von der Cola.
»Helen, ist es ausgeschlossen, dass Sie den Vater des Kindes heiraten?«
»Ja«, murmelte sie. »Ein Baby ist das Letzte, was er wollte oder brauchen könnte.«
Eine Welle des Zornes ergriff Lara. »Ich verstehe. Was ist mit Ihren Eltern? Werden sie Sie
unterstützen?«
»Sie lieben mich«, sagte sie, und schon füllten sich ihre Augen erneut mit Tränen. »Sie würden
mich nicht vor die Tür setzen. Aber Daddy ist Diakon bei uns in der Kirche. Und Mom … O
Gott, sie werden vor Scham im Erdboden versinken.«
»Wollen Sie denn das Baby behalten?«
»Ich weiß es nicht.«
»Sie könnten es später zur Adoption freigeben.«
Sie schüttelte verzagt den Kopf. »Das würde er niemals zulassen. Außerdem, wenn ich es erst
einmal hätte, würde ich es auch nicht mehr hergeben können.«
»Haben Sie schon über die Möglichkeit einer Abtreibung nachgedacht?«
»Ich glaube, mir bleibt nichts anderes übrig.« Sie schluchzte und schnäuzte sich. »Es ist nur …
ich liebe ihn so. Wissen Sie? Ich will sein Baby nicht umbringen.«
»Sie müssen sich ja nicht heute Abend entscheiden«, sagte Lara und streichelte dem Mädchen
beruhigend über die Hand.
»Wenn ich mich zu einer Abtreibung entscheide, würden Sie es dann machen, damit es niemand
erfährt?«
»Es tut mir leid, aber ich führe keine Abtreibungen durch.«
»Warum nicht?«
Seit sie ihr eigenes Kind hatte sterben sehen, war es ihr unmöglich geworden, lebendes Gewebe
zu zerstören, es sei denn, das Leben der Mutter stand auf dem Spiel. »Das trifft nur auf mich zu«,
sagte sie dem Mädchen. »Falls Sie schwanger sind und sich dazu entscheiden sollten, werde ich
Ihnen natürlich helfen, die notwendigen Schritte einzuleiten.«
Helen nickte, doch Lara hatte ihre Zweifel, ob sie überhaupt etwas mitbekommen hatte. Die
Verzweiflung hatte sie ganz benommen gemacht. Lara tätschelte ihre Hand und sagte ihr, sie sei in
wenigen Minuten zurück. »Bleiben Sie noch ein bisschen ruhig liegen, und trinken Sie Ihre
Cola.«
Als sie auf den Flur hinaustrat, wappnete sie sich innerlich für die bevorstehende Konfrontation.
Sie knipste den Schalter hinter der Tür im Wartezimmer an, und gnadenlos kaltes Licht flammte
auf. Key hatte sich auf eines der kurzen Sofas gelümmelt. Um die Augen an die plötzliche
gleißende Helligkeit zu gewöhnen, blinzelte er mehrmals, während er langsam auf die Füße kam.
»Warum haben Sie sie zu mir gebracht?«, fauchte Lara wütend.
»Ich dachte, Sie könnten Kundschaft gebrauchen.«
»Vielen Dank für so viel Anteilnahme«, sagte sie sarkastisch, »aber ich ziehe es vor, nicht schon
wieder in eine Ihrer Eskapaden hineingezogen zu werden.«
Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich entnehme Ihrem Ton, dass Helen recht hatte – sie
ist schwanger?«
»Es sieht so aus.«
Er ließ den Kopf sinken und fluchte in sich hinein.
»Und ich entnehme Ihrem Ton, dass Sie nicht gerade glücklich über die Nachricht sind?«
Sein Kopf schnellte hoch. »Verdammt richtig, Doc. Es ist eine schöne Scheiße.«
»Daran hätten Sie denken sollen, bevor Sie mit einem so unerfahrenen Mädchen wie Helen ins
Bett gegangen sind. Und wieso haben Sie sich nicht geschützt? Ein Mann von Welt wie Sie
müsste doch immer einen Vorrat an Kondomen bei sich haben. Oder widerspricht das etwa
Ihrem Macho-Image?«
»Jetzt aber mal halblang! Ich …«
»Clark hat mir alles über Ihren zweifelhaften Ruf erzählt. Ich dachte, er übertreibt, aber
offensichtlich hat er das nicht getan. ›Key Tacketts Frauen.‹ Müsste schon ein ganzer Verein hier
in der Gegend zusammengekommen sein, oder? Die einzige Aufnahmebedingung lautet: eine
Nacht mit Ihnen.« Sie sah ihn mit Verachtung im Blick an. »Vielleicht sollte man den
Vereinsnamen in ›Key Tacketts Mädchen‹ abändern«, schnaubte sie. »Was ist los mit Ihnen?
Verlieren Sie langsam Ihren jungenhaften Charme? Setzt das Alter Ihrem Ego zu? Sind Sie so
verunsichert, was Ihre Wirkung betrifft, dass Sie es schon nötig haben, Schulmädchen ins Bett zu
zerren?«
»Und, was könnte Sie das angehen?« Mit halb geschlossenen Lidern fügte er leise hinzu: »Etwa
eifersüchtig?«
Lara richtete sich auf, wütend auf sich selber, weil sie sich auf sein Niveau herabbegeben hatte.
Damit hatte sie ihm die Möglichkeit zum Gegenangriff gegeben. In kühlem, professionellem Ton
sagte sie schließlich: »Helen erwägt ernsthaft, eine Abtreibung durchführen zu lassen. Bis sie sich
endgültig im Klaren mit ihrer Entscheidung ist, bin ich gern bereit, die Vorsorge zu übernehmen.
Vorausgesetzt, sie kommt allein, ohne Sie, zu den Untersuchungen.«
»Sie wird überhaupt nicht mehr herkommen. Alles, was ich heute Abend von Ihnen wollte, war
ein Ja oder Nein.« Ärgerlich langte er in die Gesäßtasche seiner abgetragenen Jeans und fischte
eine Geldklammer heraus. »Wie viel bin ich Ihnen schuldig?«
»Das hier geht auf mich, aber ich will etwas zurück.«
»Und was soll das sein? Lassen Sie mich raten … einen Freiflug nach Timbuktu?«
Sie hatte sich schon gefragt, ob er auf ihre letzte Unterhaltung eingehen würde, und es wunderte
sie nicht im Geringsten, dass er es mit einer sarkastischen Bemerkung tat. Sie ging nicht darauf
ein. »Ich möchte, dass Sie mir etwas versprechen.«
»Frauen gegenüber mache ich keine Versprechungen. Hat Clark das etwa vergessen zu
erwähnen, als er Ihnen mein Liebesleben geschildert hat?«
Sie musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. »Ich möchte, dass Sie nie wieder Ihren Müll vor
meiner Tür abladen. Dies ist bereits das zweite Mal, dass ich mich um Ihre ›Unfälle‹ kümmern
muss. Halten Sie mich da raus. Ich möchte nicht in Ihre pubertären romantischen Eskapaden
reingezogen werden.«
»Ach, tatsächlich?«
»Ja, tatsächlich.«
Er kam drohend näher, so nahe, dass sich der Stoff ihrer Kleider berührte, als er schließlich
stehenblieb. Sie konnte die Hitze seines Körpers und seinen Atem auf ihrem emporgereckten
Gesicht spüren. Auch seine Wut war spürbar. Nur pure Willenskraft hielt sie davon ab
zurückzuweichen.
»Das ist komisch, Doc«, flüsterte er rau. »Und ich hatte gedacht, diese romantischen Eskapaden
wären ganz nach Ihrem Geschmack.«
Sie hielt dem Blick aus seinen blauen Augen so lange stand, wie sie es ertragen konnte, dann
wich sie ein paar Schritte zurück und drehte sich um. »Ich habe versucht, Helen einigermaßen zu
beruhigen«, sagte sie, »aber sie wirkt noch immer ziemlich mitgenommen. Wenn Sie noch einen
Funken Anstand besitzen, gehen Sie heute behutsam mit ihr um. Keine Schuldzuweisungen. Sie
braucht jetzt vor allem Verständnis und Geduld, bis sie sich endgültig entschieden hat, was sie tun
wird.«
»Na, das passt doch hervorragend. Schließlich bin ich der Inbegriff von Liebenswürdigkeit, oder
nicht?«
Sie schenkte ihm einen vernichtenden Blick, machte kehrt und ging aus dem Raum. Sie klopfte
an die Tür zum Sprechzimmer, ehe sie hineinging. Helen lag auf dem gepolsterten Tisch und
starrte auf die Dämmplatten an der Decke. Erleichtert stellte Lara fest, dass sie nicht mehr weinte.
Sie setzte ein Lächeln auf, in der Hoffnung, dass es nicht allzu gekünstelt wirkte. »Wie fühlen Sie
sich jetzt?«
»Ganz okay.«
»Gut. Key wartet draußen auf Sie.«
Sie half Helen vom Tisch und begleitete sie auf den Korridor. Key stand bereits an der Haustür.
Er sah aus, als wollte er möglichst schnell weg von hier. Zu behaupten, er hätte das
Moralempfinden eines streunenden Katers, wäre eine Beleidigung für alle streunenden Kater
gewesen. Es war zu schade, dass sein Charakter nicht seinem Äußeren entsprach.
Sein offenes Hemd ließ nur eine Ahnung von seinem breiten Brustkorb erkennen. Seine Jeans
schmiegte sich wie eine zweite Haut um seine schmalen Hüften und die langen Beine. Clark hatte
nur selten legere Kleidung getragen und niemals Levi’s Jeans. Sie hatte weder ihn noch Randall
jemals in Cowboystiefeln gesehen. Keys waren von Wind und Wetter gegerbt.
Key Tacketts Frauen, dachte sie verächtlich.
Bei seinem Aussehen war sein Erfolg bei Frauen nicht weiter verwunderlich. Innerhalb weniger
Wochen hatte er sowohl mit Darcy Winston als auch mit diesem achtzehnjährigen Mädchen
geschlafen. Wie viele andere gab es noch? Seine Affäre mit Darcy war weit weniger schockierend
als das Verhältnis mit diesem Mädchen, das viel jünger und unerfahrener war als er. Aus einem ihr
unerklärlichen Grund war sie enttäuscht von ihm.
Wenigstens nahm er Helen mit offenen Armen in Empfang, und sie flüchtete sich auch sogleich
hinein. Er drückte sie einen Moment fest an sich und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Helen nickte
schluchzend an seiner Brust.
Dann schob er sie ein wenig von sich und sagte: »Warte im Wagen auf mich, Kleines. Ich
komme gleich nach.«
Helen sagte Lara ein eiliges Danke auf ihrem Weg hinaus. Key wartete, bis sie außer Hörweite
war. »Ich werde mich darum kümmern, dass sie in Vorsorgebehandlung kommt, aber nicht bei
Ihnen.«
Lara tat es leid, wieder eine Patientin zu verlieren, aber sie schätzte, das war wohl der Preis, den
sie zahlen musste, wenn sie ihm eine Lektion für sein Schwerenötertum erteilen wollte. Anstatt
etwas zu sagen, was sie später bedauern könnte, nickte sie nur kurz. Sie war inzwischen so weit, es
auf sich beruhen zu lassen.
Nicht so Key. Er hatte sich noch einen besonderen Abschiedsgruß aufgehoben. »Übrigens, auf
dem Weg hierher habe ich im Radio gehört, dass Letty Leonard heute Nachmittag gestorben ist.«
Key war nicht der Einzige, der vom Tod des Kindes gehört hatte. Jody hatte es auch erfahren.
Eden Pass lag zwischen Dallas/Fort Worth und Shreveport, Louisiana. Durch diese
geographische Lage kamen die Einwohner in den Genuss einer großen Anzahl Fernsehkanäle.
Alle drei großen Sender hatten Niederlassungen in den Städten, die durch das örtliche
Kabelsystem zusammen mit CNN und anderen großen Kabelsendern verteilt wurden.
Wenn es allerdings um Lokalnachrichten ging, verließ sich Jody auf die kleine Station in Tyler.
Sie kannte den Eigentümer persönlich, ebenso wie den Moderator. Auf diesem Sender die
Nachrichten zu verfolgen war, als bekäme man von einem Mitglied der Familie den neuesten
Klatsch erzählt.
An diesem Abend fühlte sie sich ungewöhnlich müde. Ihre heftige Auseinandersetzung mit Key
hatte ihr die gesamte Energie geraubt. Das und die Unterhaltung über Clark junior hatten sie
mental angegriffen, emotional und physisch ausgelaugt. Auch wenn ihr Mann schon mehr als
zwei Jahrzehnte tot war – es löste noch immer Hassgefühle und Depressionen in ihr aus, an ihn zu
denken.
Sie hatte sich sofort nach ihrem schroffen Abgang aus dem Esszimmer hingelegt und kaum die
Augen bis zum Ende der Zehnuhrnachrichten offen halten können. Sie lag in ihrem Bett, einen
Berg Kissen im Rücken, und döste, als die Meldung über Letty Leonard sie wieder munter
machte.
Sofort war sie hellwach und stellte per Fernbedienung den Ton lauter. Es war nur ein kurzer
Beitrag. Die einzige Bebilderung war ein Schnappschuss von dem Kind, das mit einem
schlappohrigen Hund inmitten von unausgepackten Geschenken vor dem Weihnachtsbaum
hockte.
Der Sprecher erinnerte seine Zuschauer an den tragischen Unfall, der sich in Eden Pass ereignet
hatte, und an den komplizierten chirurgischen Eingriff, der Letty Leonards Leben für kurze Zeit
bewahrt hatte. Ihr plötzlicher Tod war von einer Lungenembolie ausgelöst worden. Ihr Tod war
für die Eltern ein Schock gewesen, aber ebenso für die behandelnden Ärzte, die davon
ausgegangen waren, dass Letty sich auf dem Weg der Genesung befand. Der ganze Bericht nahm
kaum mehr als zwanzig Sekunden Sendezeit ein.
Jody dämpfte die Lautstärke des Fernsehers, schlug die Bettdecke zurück und stieg aus dem Bett.
Dann zündete sie sich eine Zigarette an und inhalierte tief, während sie im Zimmer auf und ab
ging.
In dem Bericht war weder Keys noch Lara Mallorys Name aufgetaucht. Soweit es die
Öffentlichkeit betraf, hatte ihre gemeinsame Beteiligung an der Geschichte keine Konsequenzen
gehabt. Doch Jody drückte es wie ein Stein im Schuh – ein Affront, mit dem sie nicht leben
konnte.
Verdammt, sie hatte Key doch gesagt, er solle sich von der Frau fernhalten. Aber er hatte ihr
nicht nur nicht gehorcht, er musste dieser Ärztin auch noch helfen, ein vom Tode bedrohtes
Kind zu retten. Jody konnte nicht einfach untätig zusehen, wie Lara Mallory zur Heldin der
Gemeinde aufstieg.
Aber war sie überhaupt eine Heldin, jetzt, da das Kind gestorben war? Was genau war eine
Lungenembolie? Was konnte sie ausgelöst haben? Wie hätte sie verhindert werden können? Jody
wusste es nicht, aber sie würde es, verdammt noch mal, herausfinden, wenn Lara Mallory
irgendeine Mitschuld am Tod des Kindes treffen sollte.
Sie dachte noch über ihre Strategie nach, als Janellen hereinkam, um ihr eine gute Nacht zu
wünschen. Sie erwiderte Janellens Umarmung nicht. Diese Zurschaustellungen von Gefühlen
hatte ihr schon immer Unbehagen bereitet, selbst wenn sie nur Empfängerin von Zuneigung war.
Für sie war das reine Zeitverschwendung.
Es war töricht, sich an Erinnerungen zu klammern wie an die von den Rosen, die Clark junior
ihr zur Geburt von Clark dem Dritten geschenkt hatte. Warum konnte sie es nicht vergessen?
Warum war ihre Erinnerung nicht genauso verwelkt und abgestorben wie die Blütenblätter? Was
hatte es ihr genutzt?
»Gute Nacht, Mama. Versuch, ein wenig zu schlafen. Und steh nicht andauernd wieder auf, um
zu rauchen. Du weißt, dass dir das nicht guttut.«
Sobald sie wieder allein war, zündete sich Jody erneut eine Zigarette an. Sie konnte besser
nachdenken, wenn sie eine Zigarette in der Hand hielt. Oft lag sie nachts wach im Bett und
rauchte im Dunkeln. Was Janellen nicht wusste, machte sie auch nicht heiß.
Janellen. Was war nur mit ihrer Tochter los?, fragte sie sich. Sie wirkte neuerdings oft so
zerstreut, starrte lange mit einem verklärten Ausdruck ins Leere. Dann wieder verlor sie furchtbar
schnell über Kleinigkeiten die Fassung. Kleinigkeiten, die ihr vorher nichts ausgemacht hatten
und die sie jetzt an den Rand des Nervenzusammenbruchs trieben. Sie benahm sich überhaupt
nicht wie sie selbst. Es musste etwas mit den Hormonen zu tun haben.
Aber Jody konnte sich nicht auch noch um ihre Tochter Gedanken machen, solange Key da
war. Er war unmöglich und war es schon immer gewesen – seit seiner Geburt, sogar schon davor,
während der sechsundzwanzig Stunden quälender Wehen, die er sie hatte erleiden lassen.
Sechsundzwanzig furchtbare, schmerzerfüllte Stunden, die sie ganz allein durchstehen musste, weil
Clark junior nicht aufzutreiben gewesen war.
Key kam in dem Moment zur Welt, als sein Vater, nach dem Parfüm einer anderen stinkend, das
Krankenhaus betrat. Und genau da hatten die Schwierigkeiten mit Key begonnen. Sie war zornig
auf ihn gewesen, noch ehe er den ersten Atemzug getan hatte, und er hatte es schon als
Neugeborenes gespürt. Ihre gegenseitige Abneigung hatte während seiner Kindheit, als er
scheinbar nichts als Ärger machte, stetig zugenommen.
Sie hatte gewollt, dass er wie Clark der Dritte wurde, doch die beiden Jungs hätten nicht
unterschiedlicher sein können. Alles, was Clark tat, geschah unter der unbedingten Motivation,
ihr zu gefallen. Ihre Wertschätzung war unabdingbar für seinen Seelenfrieden. Er war untröstlich,
wenn er bei ihr in Missgunst gefallen war.
Und so sehr, wie sein Bruder bemüht war zu gefallen, war Key bemüht zu provozieren. Was
immer Jody von ihm verlangte oder erwartete, er unternahm alles, um das Gegenteil zu bewirken.
Er genoss ihre Ungnade, er pflegte sie. Sie hatte sich oft gefragt, ob er den Wagen aus purem
Trotz gegen den Baum gefahren hatte, nur damit sich ihr Traum von ihm als Footballprofi nicht
erfüllen konnte. Er war dickköpfig genug gewesen, lieber sein Leben zu riskieren, als sich ihrem
Wunsch beugen zu müssen.
Insgeheim war sie stolz auf seinen Erfolg, doch das konnte sie unmöglich zugeben, denn damit
hätte sie eingestanden, dass er sich selbst ein besseres Leben geschaffen hatte, als sie ihm
ermöglichen konnte.
Einer der Gründe, warum er seinen Job so liebte, war der, dass er ihn von zu Hause fernhielt.
Obwohl sie es beide abstritten, Jody wusste genau, dass Janellen ihn heimgeholt hatte, weil sie,
Jody, sterben würde. Sie hasste den Gedanken. Wenn sie Key egal war, dann war es eben so. Er
hatte sich nie gekümmert und würde es auch nie tun. So einfach war das. Wieso sollten sie eine
enge Beziehung vortäuschen, die nie existiert hatte? Er und Janellen glaubten, dass ihr Tod kurz
bevorstand. Sie konnte es ihnen an den Augen ablesen. Die würden sich noch wundern!
Sie kicherte in der Dunkelheit und verschluckte sich am Rauch. Die würden schön erschrecken,
wenn sie merkten, dass sie unsterblich war! Schließlich hatte sie Karriere gemacht, indem sie die
Leute überrascht hatte. Es zahlte sich nicht aus, Jody Tackett hinters Licht führen zu wollen.
Wenn sie das nicht glauben wollten, könnten sie ja Fergus Winston fragen.
Sie musste erneut kichern und auch husten, doch diesmal härter, was sie daran erinnerte, dass sie
doch nicht unsterblich war.
Stirnrunzelnd verfluchte sie ihr Schicksal. Sie war noch nicht bereit zu sterben. Sie hatte noch
etwas zu erledigen, musste diese Porter-Hexe aus Eden Pass vertreiben. Clark musste verrückt
gewesen sein oder unter dem Einfluss von Drogen gestanden haben, als er Doc Pattons Praxis
gekauft und sie ihr überschrieben hatte. Was hatte er sich nur dabei gedacht?
Mehr als Janellen und Key ahnen konnten, stellte Lara Mallory eine wachsende Bedrohung für
sie und alles, was ihnen heilig war, dar, je länger sie sich in Eden Pass aufhielt.
Jody war immer noch nicht ganz dahintergekommen, warum die Ärztin hierhergezogen war.
Doch eines war ebenso sicher wie die Tatsache, dass die Sonne im Osten aufging – sie war nicht
nur hier, um Clarks Erbe anzunehmen. Sonst hätte sie die Praxis schon längst gewinnbringend
verkauft und nie wieder einen Fuß auf Tackett-Boden gesetzt. Sie war aus einem bestimmten
Grund hier. Und genau davor fürchtete sich Jody. Sie musste den Grund herausfinden, ehe sie
oder ihre Kinder in Lara Porters Falle tappten.
Sie, Jody Tackett, stammte aus ärmsten Verhältnissen und hatte den reichsten Mann der Gegend
geheiratet. Sie hätte sich nicht jahrelang an der Spitze eines unabhängigen Unternehmens gehalten
und wäre keine Frau, die gefürchtet und verehrt wurde, wenn sie auf dem Hintern gehockt und
sich Gedanken um die Motive anderer Leute gemacht hätte. Sie war diejenige, die den ersten
Schritt unternahm, ehe ein anderer die Chance dazu hatte. Eine Schlange biss zu, ehe man auf sie
trat.
Jody lag noch lange wach, schmiedete Pläne und rauchte. Als die letzte Zigarette bis auf den
Filter abgebrannt war, hatte sie sich ihren nächsten Schritt zurechtgelegt.
Darcy ließ die Seitenfenster herunter. Der Wind zerzauste ihre Frisur, aber er würde den
Zigarettenqualm verwehen, der ihr aus der Bar anhaftete. Fergus könnte sonst misstrauisch
werden. Im Pflegeheim, in dem ihre Mutter untergebracht war, war das Rauchen nicht gestattet.
Die Ausrede, ihre Mutter in dem kostspieligen Sanatorium zu besuchen, war eine phantastische
Möglichkeit, abends ausgehen zu können. In letzter Zeit war sie öfter als sonst unterwegs
gewesen, da ihr Ego dringend etwas Aufwertung benötigte. Dank Mr. Key Tackett war ihr
Selbstbewusstsein zutiefst erschüttert.
Das Gefühl, zurückgewiesen worden zu sein, nagte an Darcy und fraß an ihrem
Selbstbewusstsein wie eine bösartige Ratte. Deswegen hatte sie seit kurzem überhaupt keinen
Spaß mehr. Sie konnte sich einfach nicht auf einen anderen Mann einlassen und würde es auch so
lange nicht können, bis sie es Key Tackett heimgezahlt hatte.
Sie hatte ja nicht mal die Gelegenheit gehabt, ihm zeigen zu können, wie gleichgültig er ihr
war. Sonderbarerweise hing er nicht in den üblichen Kneipen herum. In der Stadt hieß es, er
wäre viel unterwegs, Kunden von Dallas nach Round Rock und sogar bis Corpus Christi, weit
unten im Süden, zu fliegen. Aber er konnte unmöglich jeden Abend arbeiten. Wohin ging er,
wenn er nicht in der Luft war? Womit verbrachte er seine freie Zeit?
Mit einer anderen Frau? Derartiges war ihr allerdings nicht zu Ohren gekommen, und es wäre
ihr garantiert nicht entgangen. Nie war sein Name im Zusammenhang mit einer Frau gefallen,
ausgenommen …
Darcy fuhr hoch, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen. »Aber das ist unmöglich«, protestierte
sie laut.
Key Tackett und Lara Mallory? Die beiden Namen waren in Verbindung mit dem kleinen
Mädchen gefallen, das sie nach Tyler geflogen hatten. Aber das hatte sicher nichts zu bedeuten.
Andererseits war diese Ärztin bekanntermaßen ein Vamp. Sie hatte es mit ihrem Liebhaber vor
der Nase ihres Ehemannes getrieben. Selbst Darcy besaß mehr Anstand – und Verstand.
Manche Männer allerdings mochten Frauen mit Sinn für Abenteuer. Das machte die Sache
spannender für sie. Schließlich hat James Bond auch keine unscheinbaren Mauerblümchen
gebumst, oder?
Sie umklammerte das Lenkrad fester. Sollte Key Tackett eine heimliche Affäre mit der Mätresse
seines verstorbenen Bruders haben, dann würde sie dafür sorgen, dass jeder in Texas davon erfuhr.
Wenn sie die Story in Umlauf brachte, würde er ganz sicher zur Witzfigur avancieren. Clarks
Resteverwerter? Das würde dem Bastard recht geschehen.
Aber das Gerücht musste wenigstens ein Körnchen Wahrheit beinhalten, sonst würde sie die
Witzfigur abgeben. Wie konnte sie herausfinden, ob er wirklich mit Lara Mallory schlief? Sie
hatte die Ärztin noch nie getroffen. Und Lara Mallory würde eine freundliche Annäherung ganz
sicher durchschauen. Sie war schließlich nicht dumm.
Wie konnte sie sich Lara Mallory nähern, ohne ihr Misstrauen zu wecken? Das war nicht
einfach, aber Darcy war sicher, dass ihr etwas einfallen würde.
Zu Hause angekommen, schlich sie auf Zehenspitzen ins Haus und machte auch kein Licht, um
Fergus und Heather, die oben schliefen, nicht zu wecken. Sie wollte es vermeiden, sich für ihr
spätes Heimkommen rechtfertigen zu müssen. Sie hasste es, ihren Mann anlügen zu müssen, und
vermied es wenn möglich.
Als sie an der offenen Tür zum Wohnzimmer vorbeikam, sah sie, dass der Fernseher noch lief.
Sie ging hinein, um das Gerät abzuschalten. Als sie das Sofa umrundete, schreckten zwei Personen
darauf hoch. Kleine Schreie der Überraschung ertönten, als eilig nach verstreuten Kleidern
gegriffen wurde.
Darcy knipste die Lampe an, erfasste die Situation mit einem Blick und fragte verärgert, obwohl
sie die Antwort bereits kannte: »Was zum Teufel geht hier vor?«
Kapitel 12

Der Geistliche der Ersten Baptistenkirche sprach ein letztes Amen über dem kleinen weißen Sarg.
Marion Leonards lautes Schluchzen hallte über den windigen Friedhof und ließ alle Anwesenden
erschaudern. Jack Leonard schwieg, doch auch ihm rollten die Tränen über die eingefallenen
Wangen, während er seine wehklagende Frau von dem Sarg ihrer Tochter fortzog. Es war eine
herzzerreißende Szene, die Abgeschiedenheit verdiente. Die Trauergäste zogen sich zurück.
Lara war am Rand der Menge stehengeblieben und hatte sich bemüht, möglichst nicht gesehen
zu werden. Als sie sich vom Sarg abwandte, explodierte der grelle Blitz einer Automatikkamera
vor ihrem Gesicht. Instinktiv riss sie einen Arm zum Schutz vor das Gesicht. Diesem ersten Blitz
folgte ein zweiter, dann ein dritter.
»Mrs. Porter, was haben Sie zu der angestrengten Klage wegen fehlerhafter Behandlung zu
sagen?«
»Bitte?« Man hielt ihr ein Mikrofon vor den Mund. Sie schob es beiseite. »Ich weiß nicht,
wovon Sie sprechen. Und mein Name ist Mallory!«
Als die lilafarbenen Flecken vor ihren Augen langsam verblassten, sah sie sich einer Horde von
Reportern gegenüber, die ihr den Weg verstellten. Sie wich aus. Die Meute setzte ihr nach.
Manche von ihnen waren offensichtlich vom Fernsehen – ihre Kameramänner trotteten, durch
Kabel mit ihnen verbunden, neben ihnen her. Andere waren Zeitungsreporter, sie hatten
Fotografen dabei, die sie mit Blitzen belagerten. Lara hatte vor fünf Jahren schon ausreichend
Bekanntschaft mit diesen Bluthunden machen müssen.
Was wollten die Medienleute hier? Vor allem – was wollten sie von ihr? Sie kam sich vor wie in
einem wiederkehrenden Alptraum.
»Bitte, lassen Sie mich vorbei.«
Sie blickte zurück und sah, dass die anderen Trauergäste in kleinen Grüppchen
zusammenstanden und aufgeregt über die Szene, die sich ihnen bot, flüsterten. Lara hatte das
Spektakel zwar nicht inszeniert, war aber dennoch der ungewollte Mittelpunkt.
»Mrs. Porter … «
»Ich heiße Mallory«, beharrte sie. »Dr. Mallory.«
»Aber Sie sind doch die Frau des verstorbenen US-Botschafters Randall Porter?«
Sie lief über das akkurat geschnittene Gras zur Friedhofsallee, wo sie ihr Auto hinter dem
weißen Leichenwagen und der Limousine abgestellt hatte.
»Sie sind doch dieselbe Lara Porter, die ein Verhältnis mit Senator Tackett hatte, richtig?«
»Bitte, treten Sie beiseite.« Endlich hatte sie den Wagen erreicht und durchwühlte ihre Tasche
nach den Schlüsseln. »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.«
»Was hat Sie nach Eden Pass verschlagen, Mrs. Porter?«
»Stimmt es, dass Senator Tackett Sie vor seinem Tod hierher mitgenommen hat?«
»Waren Sie da noch immer ein Paar?«
»Was sagen Sie zu seinem plötzlichen Tod durch Ertrinken, Mrs. Porter? Kann es Selbstmord
gewesen sein?«
»Hat Ihr Fehlverhalten zum Tod der kleinen Leonard geführt?«
Die anderen Fragen hatte man ihr schon unzählige Male gestellt, und sie prallten von ihr ab,
doch die letzte Frage durchdrang den Schutzwall. »Bitte?« Sie sah der jungen Reporterin, von der
die Frage gekommen war, direkt in die Augen und fragte: »Was haben Sie gesagt?«
»Hat Ihr Fehlverhalten zu der Embolie geführt, an der die kleine Leonard gestorben ist?«
»Nein!«
»Sie waren aber der erste Arzt, der sie behandelt hat.«
»Das ist richtig. Und ich habe alles getan, um ihren Arm und ihr Leben zu retten.«
»Offensichtlich sehen die Leonards das anders, sonst hätten sie wohl kaum Klage gegen Sie
eingereicht.«
Hätte Lara nicht Erfahrung darin gehabt, ihre Empfindungen auf bohrende Fragen und
Verbalattacken zu verbergen, wäre sie unter der Wucht dieser Anschuldigung
zusammengebrochen. Stattdessen starrte sie die Reporterin an, ohne sich etwas anmerken zu
lassen. Die Muskeln in ihrem Gesicht waren hölzern, trotzdem gelang es ihr irgendwie, die
Lippen ausreichend zu bewegen, um zu antworten.
»Ich habe alles in meiner Macht Stehende unternommen, um Letty Leonards Leben zu retten,
und ihre Eltern sind sich dessen sehr wohl bewusst. Ich weiß von keiner Klage wegen
Fehlbehandlung. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.«
Natürlich gab sich die Meute damit nicht zufrieden. Sie warfen ihr weiter Fragen wie Steine
hinterher und richteten ihre Mikrofone und Kameras auf sie, als ihr Wagen längst anrollte. Mit
schweißnassen Händen umklammerte sie das Lenkrad, hielt den Blick geradeaus gerichtet und
ignorierte die neugierigen Zuschauer, an denen sie vorbeikam.
Es war ein warmer und feuchter Morgen, doch bis die Reporter die hässliche Vergangenheit
wieder ausgegraben hatten, hatte ihr die Hitze nichts ausgemacht. Jetzt klebten ihr die Kleider auf
der feuchten Haut: Ihr schwirrte der Kopf, und ihr Herz pochte mit alarmierender Heftigkeit. Ihr
war schlecht.
Was hatte diese Aufmerksamkeit der Medien wachgerüttelt? Ihr Umzug nach Eden Pass war
unbemerkt verlaufen. Sie lebte seit über einem Jahr in Anonymität. Es hatte frischere Skandale
gegeben, sensationellere Storys zu enthüllen, sündigere Sünder als sie zu entlarven gegeben. Die
Geschichte von Lara Porter und Senator Tackett war schon vor Jahren in der Gruft für
»gestorbene« Geschichten begraben worden.
Bis zu diesem Morgen. Letty Leonards Tod hatte sie exhumiert. Und Lara war aufs Neue zu
einer öffentlichen Person geworden.
Aber Letty Leonards Schicksal, so tragisch es war, hatte gar keine landesweite Publizität in den
Medien erlangt: Lediglich die lokale Presse hatte darüber berichtet. Sicher, ihr Name tauchte in
Lettys Krankenblatt auf, doch welcher Reporter war so scharfsinnig, Dr. Lara Mallory aus Eden
Pass sofort als Lara Porter, die Geliebte von Senator Clark Tackett, zu identifizieren?
In den Berichten über Lettys Operation und Genesung war sie überhaupt nicht erwähnt
worden, worüber sie froh gewesen war. Je weniger Aufmerksamkeit sie erregte, desto besser. Ihr
wäre es lieb gewesen, wenn ihr Name nie wieder in der Presse aufgetaucht wäre. Doch genau das
würde jetzt geschehen, und zwar in Zusammenhang mit dem stigmatisierenden Begriff
Fehlbehandlung.
Während der ganzen Sache mit Clark und der Katastrophe in Montesangrines war ihr Können
als Ärztin niemals in Frage gestellt worden. Ihre Reputation als angesehene Medizinerin hatte
sämtliche Angriffe auf ihren Charakter überstanden. Und sie hatte sich immer an diesen letzten
Strohhalm des Stolzes geklammert.
Und jetzt, falls die Leonards tatsächlich eine Klage wegen Fehlbehandlung anstrengten, würde
ihr Können unters Mikroskop kommen. Es würde genauso bloßgelegt und seziert werden wie
damals ihr Privatleben. Es würde sich nichts Belastendes finden lassen, aber darum ging es nicht.
Die Untersuchung an sich würde Staub aufwirbeln. In den Augen der Öffentlichkeit war ein
Beschuldigter so gut wie schuldig.
Und wieder würde sie Futter für die Nachrichtenmühle abgeben. Ihre ohnehin schlecht
laufende Praxis – das Einzige, was ihr geblieben war – würde in Mitleidenschaft gezogen werden,
bis sie gezwungen wäre zu schließen.
Irgendwer musste der Presse den Tipp gegeben haben, dass Dr. Lara Mallory, die Ärztin, die
Letty Leonard als erste behandelt hatte, niemand anderes war als die berüchtigte Lara Porter.
Wie sie befürchtet hatte, parkten vor ihrer Praxis mehrere Autos und Transporter mit
Großbuchstaben an den Seiten. Als sie in die hintere Auffahrt einbog, wurde sie sofort von
Reportern umlagert. Sie bahnte sich ihren Weg durch die Menge und betrat die Praxis durch die
Hintertür, die Nancy für sie offen hielt.
»Meine Güte, was ist denn hier los?«, fragte die Sprechstundenhilfe, als sie die Tür hinter Lara
zuknallte.
»Angeblich wollen die Leonards mich verklagen.«
»Haben die jetzt völlig den Verstand verloren?«
»Bestimmt. Vor Kummer.«
»Dieses Volk«, sagte Nancy und deutete auf die Reporter hinter der verschlossenen Tür, »und
ich meine das nicht freundlich, ist vor einer halben Stunde hier aufgetaucht und hat gegen die
Tür gehämmert. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Und das Telefon steht auch nicht
mehr still.« Als Bestätigung klingelte es.
»Gehen Sie nicht ran.«
»Was soll ich tun, Dr. Mallory?«
»Rufen Sie Sheriff Baxter an, und lassen Sie ihn die Leute von meinem Grundstück entfernen«,
sagte Lara.
»Kann er das?«
»Er kann sie von meinem Grundstück verbannen. Sie können trotzdem weiterhin auf der Straße
parken, was sie zweifellos tun werden. Sie werden uns in den nächsten Tagen belagern. Es ist das
Beste, wenn Sie sich diese Woche freinehmen.«
»Kommt nicht in Frage. Sie glauben doch nicht, dass ich Sie hier mit diesen Hyänen im Stich
lasse?« Nancy half Lara aus der Jacke und sah die Schweißränder auf ihrer Bluse. »Ich habe Sie
noch nie schwitzen sehen. Ich hatte schon gezweifelt, ob Sie überhaupt so etwas wie
Schweißdrüsen haben.«
»Das ist Stressschweiß. Die haben mich auf der Beerdigung abgefangen.«
»Diese Aasgeier.«
»Was denn nun – Hyänen oder Aasgeier?« Es war tröstlich zu wissen, dass sie ihren Sinn für
Humor nicht ganz verloren hatte.
»Ist doch egal, sind beides Aasfresser. Ich sollte Clem Bescheid sagen, damit er mit dem Gewehr
rüberkommt. Damit würden wir sie schon verscheuchen.«
»Ich weiß die Geste zu schätzen, aber danke, nein. Im Moment kann ich keine schlechte
Publicity gebrauchen«, sagte Lara grimmig. »Ehe ich auch nur den Hauch einer Chance hatte, als
Dr. Lara Mallory in dieser Kleinstadt Fuß zu fassen, hat mich schon wieder Lara Porter eingeholt.
Senator Tacketts verheiratete Geliebte.«
Nancys Miene drückte Bedauern aus. »Es ist wirklich eine Schande. Es tut mir so leid.«
»Danke, ich brauche jetzt gute Freunde.« Sie seufzte niedergeschlagen. »Es ist ja nicht so, dass ich
mich versteckt habe, aber ich wollte meinen Aufenthaltsort nicht bekannt werden lassen, damit
genau so etwas nicht passiert. Irgendwer hat absichtlich in dieses Hornissennest gestochen. Ich
glaube keine Sekunde, dass das hier Zufall ist.«
»Und ich könnte glatt wetten, dass dieser Zufall mit Nachnamen Tackett heißt.«
Lara sah ihre Sprechstundenhilfe scharf an. »Key?«
Nancy schüttelte den Kopf. »Ist nicht sein Stil. Ich tippe auf die alte Dame. Sie machen langsam
Boden gut hier. Zwar nicht in großen Sprüngen, aber mit kleinen Schritten. Das kann sie
unmöglich zulassen. Jody hat gehört, dass das kleine Mädchen gestorben ist. Sie wusste, dass Sie
als Erste bei ihr waren, und schon sah sie ihre Chance, einen Skandal zu verursachen.«
»Aber das hätte sie doch schon haben können, als ich herkam.«
»Dann wäre aber auch rausgekommen, dass Clark Ihnen dieses Haus vermacht hat. Und das
würde bedeuten, dass er sich Ihnen emotional noch immer verbunden fühlte. Das hätte viel zu
schmeichelhaft für Sie ausgesehen. So aber ist Clark aus dem Spiel.«
Was Nancy sagte, ergab Sinn. Lara ging zu ihrem Büro. »Ich glaube zwar kaum, dass wir heute
noch Patienten haben, aber wenn, dann bin ich im Büro zu finden.«
Sie zog die Jalousien herunter, damit sie nicht mit ansehen musste, wie ihr schöner Rasen von
den geifernden Reportern zertrampelt wurde. Als sie am Tisch Platz genommen hatte, schlug sie
das Telefonbuch auf. Seit dem bewussten Morgen in Virginia hatte sie sich doch sehr verändert.
Sie war nicht nur älter, sondern auch härter, und sie würde diesen Terror durch die Presse auf
keinen Fall einfach so hinnehmen. Sie langte nach dem Hörer und wählte.
»Miss Janellen?«
»Bowie! Was machen Sie denn hier?«
Sie saß am Küchentisch und starrte das Telefon an, das sie eben noch benutzt hatte. Er hatte den
Kopf zur Tür hereingesteckt. Sie bedeutete ihm einzutreten.
»Sieht aus, als hätte ich ein Talent, Sie jedes Mal aus Ihren Gedanken aufzuschrecken, wenn ich
vorbeikomme. Tut mir leid.« Er trat etwas beklommen ein. »Ich, äh … ich kann auch ein
andermal wiederkommen, wenn es gerade nicht genehm ist …«
»Nein, ist schon in Ordnung. Ich war nur etwas überrascht, Sie hier zu sehen.«
»Ich hab’s erst im Büro versucht, dann im Laden. Man hat mir gesagt, dass Sie heute früher
Schluss gemacht haben.«
»Meiner Mutter ging es heute Morgen nicht so gut, ich habe mir Sorgen gemacht.« Wie immer,
wenn sie Bowie begegnete, war sie gehemmt. Sie deutete auf einen der Stühle am Küchentisch.
»Setzen Sie sich doch. Ich habe gerade Tee aufgebrüht. Möchten Sie eine Tasse?«
»Tee?« Er warf einen zweifelnden Blick auf ihre dampfende Tasse. »Heißen Tee? Draußen sind
mindestens fünfunddreißig Grad.«
»Ich weiß, aber ich trinke nun mal gern Tee. Er wirkt so beruhigend.«
»Danke, aber ich glaube es Ihnen auch so.«
»Dann vielleicht eine Limonade? Ein Bier? Key hat immer ein paar Dosen im Kühlschrank
stehen.«
»Nein, vielen Dank. Ich stehe auch lieber, ich bin ziemlich schmutzig.«
Für sie sah er perfekt aus. Sie hatte den Schmutz auf seinem Hemd und der Hose gar nicht
bemerkt, erst als er es jetzt erwähnte. Auch unter seinen Sohlen und an den Lederhandschuhen,
die er unter den Gürtel gestopft hatte, war Schmutz. Unmengen davon. Sogar sein Hut war voller
Staub.
»Seien Sie nicht albern«, widersprach ihm Janellen. »Mama hat früher immer darauf bestanden,
dass meine Brüder in den Sommerferien mitarbeiteten. Sie kamen völlig verschwitzt und stinkend
nach Hause – womit ich natürlich nicht sagen will, dass Sie stinken«, fügte sie hastig hinzu. »Ich
wollte damit nur sagen, dass die Küche schon immer dafür da war, dass sich die Männer hier
ausruhen können und so …« Als sie merkte, was für einen Unsinn sie von sich gab, hörte sie
schlagartig damit auf. »Sie sind offensichtlich hergekommen, um etwas mit mir zu besprechen,
also setzen Sie sich.«
Nach kurzem Zögern ließ er sich auf die Stuhlkante sinken. »Möchten Sie wirklich nichts
trinken?«, fragte Janellen noch einmal.
»Eine Limonade wäre nicht schlecht.« Er räusperte sich. »Sie haben ausgesehen, als wären Sie
ganz woanders, als ich reinkam«, sagte er, nachdem er einen Schluck getrunken hatte.
»Na ja, ich habe gerade einen merkwürdigen Anruf bekommen.« Sie rang mit sich, ob sie ihm
davon erzählen sollte oder nicht. Er sah sie erwartungsvoll an. Es wäre sicher erleichternd, mit
jemandem darüber zu reden, der nichts damit zu tun hatte und somit unparteiisch war.
»Haben Sie die Geschichte von dem kleinen Mädchen verfolgt, das bei einem Unfall beinahe
den Arm verloren hätte?«
»Ich habe gehört, dass das Kind gestorben ist.«
»Ja, und heute war die Beerdigung. Wirklich eine Tragödie.« Sie hielt einen Moment inne. »Die
Ärztin, die sie als erste behandelte und nach Tyler brachte …«
»Dr. Mallory.«
»Richtig. Sie hat mich vorhin angerufen. Sie und mein älterer Bruder waren …«
»Ich weiß.«
Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. »Dann können Sie sich vorstellen, wie schlimm und
peinlich es für uns ist, dass sie in Eden Pass ist.«
»Warum?«
Die Frage kam so unerwartet, dass sie einen Moment nichts zu entgegnen wusste. Dann sagte
sie: »Weil sie schmerzliche Erinnerungen in uns aufwühlt.«
»Oh.«
Er schien nicht unbedingt überzeugt zu sein, und sie fühlte sich verpflichtet, es ausführlicher zu
erklären. »Lara Porter hat Clarks politische Karriere ruiniert.«
Bowie neigte den Kopf und kratzte sich am Nacken, als würde er ihre Antwort abwägen. »Na
ja, auf mich wirkt sie nicht wie ein Sumoringer. Schätze mal, es war nicht gerade so, dass sie ihn
festgehalten und gezwungen hat, sich auszuziehen und mit ihr ins Bett zu steigen. Sie etwa?«
Es war nicht das erste Mal, dass Janellen darüber nachdachte, aber bislang hatte sie es nur im
Stillen getan. Wenn sie den Gedanken offen ausgesprochen hätte, wäre Jody an die Decke
gegangen.
Prüde wie sie war, vermied Janellen eine weitere Diskussion in diese Richtung. »Irgendwie hat
die Presse jedenfalls spitzgekriegt, dass Lara Porter unter dem Namen Dr. Lara Mallory in Eden
Pass praktiziert. Wie es aussieht, ist sie heute Morgen bei der Beerdigung von Reportern belästigt
worden, und später musste sie sogar Sheriff Baxter holen, damit er die Presseleute von ihrem
Grundstück verjagt.«
Bowie schnalzte angewidert mit den Lippen. »Die machen noch nicht mal vor ’ner Beerdigung
eines Kindes halt.«
»Das stimmt. Das war sehr hässlich.« Einen Moment lang dachte sie darüber nach, welchen
Wirbel die Affäre ihres Bruders mit Lara Porter Mallory noch bis heute verursachte. »Na ja, es
heißt, dass die Leonards Dr. Mallory wegen möglicher Fehlbehandlung verklagen wollen«, sagte
sie zu Bowie. Dann holte sie tief Luft. »Und sie nimmt an, dass meine Mutter hinter dem Ganzen
steckt.«
»Und, ist dem so?«
»Nein.«
»Sie klingen nicht gerade überzeugt.«
Ihre Fingerspitzen berührten ihre Lippen, ehe sie wieder zu der Bluse zurückkehrten. Diese
Bluse hatte keine Knöpfe, also nestelte sie an dem Stoff. Dann legte sie nervös die Hand neben die
bisher nicht angerührte Teetasse auf den Tisch.
»Ich weiß es nicht, ob es stimmt oder nicht«, gab sie schließlich zu. »Dr. Mallory wollte
eigentlich Mama sprechen. Maydale hat ihr gesagt, dass Jody sich gerade etwas ausruht, aber Dr.
Mallory wollte sich nicht abwimmeln lassen und hat verlangt, stattdessen mit mir zu sprechen.«
Sie spielte mit den Salz- und Pfefferstreuern. »Ich wünschte, Key wäre hier gewesen. Er ist ein
Profi, wenn es um Ärger geht. Er hätte gewusst, was man auf so etwas entgegnet.«
»Und was haben Sie ihr gesagt?«
»Dass ich überzeugt bin, dass meine Familie so etwas nie tun würde.«
»Glauben Sie, sie hat Ihnen das abgekauft?«, fragte Bowie skeptisch.
»Sie sagte mir, mir würde sie glauben, aber meiner Mutter und meinem Bruder würde sie es
durchaus zutrauen.« Etwas leiser fügte sie hinzu: »Ich hasse die Vorstellung, dass sie so etwas
Gemeines tun könnten.«
Sie starrte einen Moment ins Leere, wandte sich dann aber wieder ihrem Gast zu.
»Entschuldigen Sie, Bowie. Ich sollte Sie nicht mit familieninternen Problemen aufhalten.
Weshalb wollten Sie mich sprechen?«
Er rollte die Schultern. »Wahrscheinlich ist es nichts weiter. Und ich überlege schon ein paar
Tage, ob ich Sie überhaupt damit belästigen soll.« Er hatte den Hut auf den Tisch gelegt. Jetzt
schob er ihn beiseite und beugte sich vor. »Ist Ihnen an Quelle Nummer sieben noch nie was
aufgefallen?«
»Nein. Sollte es?«
»Vermutlich nicht, aber ich muss es einfach mal loswerden. Wissen Sie, sie fördert nicht so viel
Gas, wie sie sollte. Jedenfalls meiner Meinung nach. Die Produktion entspricht einfach nicht den
Ergebnissen der anderen Quellen.«
»Aber die Quellen fallen doch alle unterschiedlich aus.«
»Weiß ich, Ma’am. Die haben einen richtigen Charakter, der sich immer wieder ändert. So wie
’ne Frau. Jede Quelle hat ihre Launen. Da muss man sich auskennen. Brauchen ab und an ein paar
Streicheleinheiten.«
Janellen senkte den Blick so schnell, dass sie gar nicht mitbekam, dass auch Bowie nach unten
sah. Ihre Wangen wurden heiß, aber da es hier ums Geschäft ging, fühlte sie sich verpflichtet, das
Gespräch fortzusetzen.
»Wie sieht die tägliche Produktion aus?«
»Zwo-fünfzig. Ich meine, die Leistung müsste höher sein.«
»Wir rechnen vier bis fünf Prozent Verlust ein. Manchmal sogar bis zu zehn. Vielleicht ist
irgendwo ein kleines Leck in einer der Leitungen, und das Gas tritt in die Atmosphäre aus.«
Er kaute kurz auf der Innenseite seiner Wange, dann schüttelte er stur den Kopf. »Ich denke, der
Verlust liegt über dieser Grenze. Ich habe die Produktion während der letzten Wochen verfolgt
und meine, sie müsste mit am besten von allen Gasquellen laufen, vor allem, wenn man bedenkt,
wie viel Öl wir da rausholen. Stattdessen produziert sie am wenigsten.«
»Sie haben die Produktion länger verfolgt?«
»Ja, in meiner Freizeit.«
Ihr Herz schwoll vor Stolz an. Er war ein verantwortungsbewusster Arbeiter, der mehr tat, als
von ihm erwartet wurde. Ihre Entscheidung, ihn einzustellen, hatte sich als richtig erwiesen.
Obwohl sie seine Sorge zu schätzen wusste, glaubte sie, dass sie fehl am Platz war. »Ich weiß
nicht, was ich sagen soll, Bowie. Aber Nummer sieben produziert entsprechend unseren
Erwartungen.«
»Na ja, ich hab’s schon dem Vorarbeiter erzählt, aber der hat auch nur mit den Schultern
gezuckt und gesagt, die hätte noch nie sonderlich viel gebracht. Verdammt, ich kann gar nicht
sagen, warum, aber ich hab einfach so ein Gefühl. Kennen Sie das?«
»Ja, das kenne ich.« Sie starrte in ihre Teetasse. Nach einem langen Moment des Schweigens hob
sie den Blick. »Jetzt ist es schon wieder passiert. Ich kann mich einfach nicht aufs Geschäft
konzentrieren. Ich muss immer wieder an die armen Eltern des kleinen Mädchens denken. Ihrem
Daddy gehört die Reinigung. Er ist so ein netter, bescheidener Mann. Er und seine Frau müssen
am Boden zerstört sein. Als Clark starb, ging es uns auch so. Ich fürchtete schon, Mutter würde
an Kummer sterben.«
»Ich hatte nie Kinder. Aber wenn ich eins hätte, könnte ich mir nicht vorstellen, wie es wäre, es
begraben zu müssen.«
Janellen sah ihn prüfend an. Er hatte also nie ein Kind gehabt – aber war er vielleicht schon
einmal verheiratet gewesen? Es gab tausend Fragen, die sie ihm gern gestellt hätte, aber sie traute
sich einfach nicht. Eine dieser Fragen war, woher er seine gute Menschenkenntnis hatte. Er besaß
unzweifelhaft das Talent, einem Menschen direkt ins Herz und in die Seele blicken zu können.
Auf seinen Instinkt vertrauend, fragte sie: »Bowie, glauben Sie, dass Dr. Mallory irgendeine
Schuld am Tod der kleinen Leonard trifft?«
»Ich weiß nur so viel von Medizin, dass es weder ein Mittel gegen Grippe noch eins gegen Kater
gibt.«
Sie musste lächeln. »Ich bin Dr. Mallory erst einmal begegnet, aber sie machte einen so …
gefassten Eindruck.«
Ganz im Gegensatz zu mir, dachte sie reumütig. Nachdem sie Lara Mallory gesehen hatte,
wunderte es sie nicht mehr, dass Clark alles riskiert hatte, um mit ihr zusammen zu sein. Sie war
nicht nur hübsch. In ihrem Blick spiegelten sich Mitgefühl und Intelligenz, und sie strahlte
Selbstvertrauen und Kompetenz aus.
Janellen hatte sie hassen wollen. Sie wusste, dass es ihr leichtgefallen wäre, wenn sie sich als
hohlköpfige Sexbombe ohne Substanz erwiesen hätte. Doch sie war das genaue Gegenteil.
»Ich kann einfach nicht glauben, dass die Frau, die ich getroffen habe, nachlässig handelt.« Die
Überzeugung, mit der sie diesen Satz aussprach, überraschte sie selbst, und sie fühlte sich sofort
schuldig. »Ich weiß, eigentlich sollte ich sie verachten, aber …«
»Wer hat das gesagt?«
»Meine Mutter.«
»Tun Sie immer, was Ihre Mutter sagt? Sind Sie mal anderer Meinung?«
»Selten.« Dieses Eingeständnis ließ sie wie ein Feigling erscheinen. Wahrscheinlich hatte sie
soeben jeglichen Respekt verspielt, den Bowie für sie als Individuum und als seine Arbeitgeberin
gehabt hatte.
Aber der Anruf von Lara Mallory hatte sie tief verstört. Sie hatte den Punkt überschritten, ihre
Gefühle verbergen zu können. Sie stützte einen Ellenbogen auf und ließ die Stirn in die Hand
sinken. »O Gott, ich wünschte, diese Affäre um Clark wäre nie passiert. Er hätte in der Politik
Karriere gemacht, so wie Mama es sich für ihn gewünscht hat. Dann wäre er vielleicht noch am
Leben. Mama wäre glücklich, und ich … «
Sie fing sich, ehe sie sagen konnte, dass sie jetzt nicht alles zusammenhalten müsste, wenn die
Dinge anders gelaufen wären. Es war mühsam und strapaziös, alle zufrieden und glücklich machen
zu wollen. Und es war unmöglich.
Seit dem Abend, als das Mädchen an ihrer Tür aufgetaucht war und nach Key gefragt hatte, war
er sogar noch gereizter als sonst. Zwar war es zwischen ihm und Jody seitdem nicht mehr zum
Streit gekommen, aber nur deshalb nicht, weil sie sich aus dem Weg gingen. Sprach man Key an,
reagierte er schroff und einsilbig. Er war mit den Gedanken Gott weiß wo: Janellen wagte gar
nicht darüber nachzudenken. Mit wütend hochgezogenen Schultern und streitlustiger Miene
stapfte er durchs Haus. Er fühlte sich daheim derart unwohl, dass er oft genauso abrupt
verschwand, wie er aufgetaucht war.
Und nun hatte Lara Mallory ihr auch noch einen neuen Grund zur Sorge aufgebürdet. Eine
einzelne Träne kullerte über ihre Wange, ehe sie begriff, dass sie weinte.
»Ja, was haben wir denn da?«
Sie merkte, dass Bowie den Arm ausstreckte, doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sie
berühren würde. Als sie seine Fingerspitze auf ihrer Haut fühlte, hob sie den Kopf und sah ihn
entsetzt, den Mund halb offen, an.
Sie wurde nur selten gestreichelt, und weil sie so ausgehungert nach Berührungen war, hob sie
reflexartig die Hand und legte sie auf seine.
Er erstarrte. Nichts außer seinen Augen bewegte sich. Sein Blick schweifte von ihren Augen zu
der Hand, die auf seiner lag, und wieder zurück. Janellen saß ebenso reglos da wie er, doch
innerlich war sie zutiefst aufgewühlt. Ihr Körper fühlte sich fiebrig, füllig und schwer an. Ihre
Brüste kribbelten und spannten, am liebsten hätte sie die Hände auf sie gepresst, um das erregende
Gefühl zu bewahren.
Sie wusste nicht, wie lange sie sich so angestarrt hatten. Bowies sanfte, traurige Augen hielten sie
in seinem Bann, genau wie der Druck seiner Fingerspitzen, die von ihren Tränen benetzt waren.
Wenn er nicht gehört hätte, wie Keys Wagen herangeprescht kam, hätten sie wahrscheinlich
noch immer in dieser starren Position dagesessen, als ihr Bruder hereinstürmte.
Doch so sprang Janellen hastig auf, wirbelte herum und begrüßte ihn. »Hallo, Key!« Ihre Stimme
klang unnatürlich hoch und dünn. »Was tust du denn hier?«
»Als ich heute Morgen wegfuhr, habe ich hier noch gewohnt.« Sein Blick wanderte zwischen
ihr und Bowie hin und her, von dem sie hoffte, dass er seine Gefühle besser verbergen konnte als
sie. Ihr Gesicht war ganz heiß. Sie wusste, dass sie vom Hals bis zu den Haarwurzeln feuerrot sein
musste.
Key nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. »Hi, Bowie, willst du ein Bier?«
»Nein, danke.«
Janellen sagte: »Ich habe ihm auch schon eins angeboten, aber er wollte lieber Limonade.«
»Ich habe kurz vorbeigeschaut, um Miss Janellen zu sagen, dass … «
»Er findet, dass Nummer sieben zu wenig produziert, und …«
»Wahrscheinlich ist es gar nichts, aber …«
»Er fand, wir sollten es besser wissen, nur für …«
»Na ja, da bin ich eben zu Miss Janellen gefahren, und …«
»Und wir haben die Sache besprochen«, beendete sie den Satz.
»Mmh-hmm.« Key schaute sie amüsiert an. Er öffnete sein Bier und nahm einen Schluck. »Na,
dann will ich euch bei eurer Geschäftsbesprechung nicht länger stören.«
»Nein, nein, schon gut.« Bowie schnappte sich seinen Hut, als handelte es sich um ein
belastendes Beweisstück. »Ich wollte sowieso gerade gehen.«
»Ja, er wollte gerade gehen, als du kamst. Ich … ich bringe ihn zur Tür.« Verschämt und
außerstande, die beiden anzusehen, floh sie aus der Küche und wartete am Ausgang, wo sie Bowie
die Tür aufhielt. Mit gesenktem Blick sagte sie: »Danke für die Information, Bowie.«
Er lüftete den Hut. »Hab nur gedacht, ich sag’s Ihnen besser. Geht schließlich um Ihr Geld.«
»Ich werde mich drum kümmern.«
»Ich finde nicht, dass das eine so gute Idee ist.«
Beim Klang der Stimme ihres Bruders fuhr sie herum. Er lehnte mit der Schulter im Türrahmen
zum Esszimmer und nippte lässig an seinem Bier.
»Was ist keine so gute Idee?«, fragte sie.
»Dass du dich um eine defekte Quelle kümmerst.«
»Wieso nicht?«
»Weil der Name Tackett wieder mal in der Presse auftaucht.«
»Und?«
»Weil die Reporter über Eden Pass herfallen wie Ameisen über einen Schinken. Bis ihnen ’ne
bessere Story vor die Nase kommt. Wenn sie aus mir nichts rauskriegen – was ihnen nicht
gelingen wird –, schnüffeln die unter Garantie dir nach, um ein Statement zu bekommen.
Bowie«, sagte er in Richtung ihres Angestellten, »pass auf sie auf, okay? Wenn sie unbedingt
irgendwelche Quellen inspizieren muss, dann begleite sie, verstanden?«
Bowie warf Janellen einen unsicheren Blick zu. »Ich will nicht respektlos sein, Mr. Tackett, aber
immerhin ist sie der Boss.«
»Boss oder nicht, tu mir den Gefallen. Ich bitte dich als ihr Bruder darum.«
Wieder schwenkte Bowies Blick zu Janellen. Die kochte vor Wut, traute sich aber nicht, etwas
zu sagen. Verunsichert gab Bowie schließlich nach: »In Ordnung, Mr. Tackett.«
»Für dich bin ich Key.«
»Okay, Sir. Na, dann will ich mal.«
Er beeilte sich, in den Firmenlaster zu steigen, und fuhr los. Tatsächlich wirkte er, als wäre er
heilfroh, sich auf sicheres Terrain flüchten zu können.
Janellen drehte sich zu ihrem Bruder um. »Ich brauche keinen Aufpasser.«
»Tja, ich denke schon«, entgegnete er unbeeindruckt von ihrer Wut. »Wenn ein Reporter dich
belästigt, werde ich ihm gehörig in den Arsch treten. Und das würde noch mehr Wirbel
verursachen und die ganze Sache nur noch schlimmer machen.«
Sie fand es unmöglich, dass er einfach über ihren Angestellten verfügte und sie dastehen ließ, als
wäre sie nicht in der Lage, auf sich selbst aufzupassen. Doch seine Begründung machte Sinn.
Sollte ihr ein Reporter auf den Fersen bleiben, um eine Stellungnahme aus ihr herauszuquetschen,
war nicht abzusehen, wie Key reagieren würde. Einmal, in der Highschool, war sie in Tränen
aufgelöst von einer Verabredung zurückgekommen. Key hatte ihren entsetzten Begleiter fast
erwürgt, bevor sie ihm erklären konnte, dass sie sich lediglich einen traurigen Film angesehen
hatten.
Sie wusste, dass er nur um ihr Wohl besorgt war, und ihre Wut verrauchte langsam. »Die
Situation ist schon viel schlimmer, als du ahnst«, sagte sie. »Lara Mallory hat vorhin hier angerufen
und wollte Mama sprechen. Sie denkt, dass Jody ihr die Medien auf den Hals gehetzt hat.«
Key rieb sich den Nacken. »Verdammter Mist.«
»Überrascht dich das?«
»Nein. Was mich überrascht, ist, dass die werte Frau Doktor und ich anscheinend denselben
Gedanken hatten. Ich glaube nämlich auch, dass Jody dahintersteckt. Ich kenne ’ne Menge
clevere Reporter, aber nur eine Handvoll von denen wusste überhaupt, dass Lara an der Sache
mit der kleinen Leonard beteiligt war. Dass ausgerechnet die zwei und zwei zusammenzählen,
wäre nun wirklich ein zu großer Zufall.«
Er sah zum oberen Stockwerk des Hauses hoch. »Gerissene alte Hexe.«
»Red nicht so über deine Mutter.«
»War als Kompliment gemeint. Eins muss man ihr lassen – sie ist wirklich erfinderisch.«
»Ist es wirklich so weit hergeholt?«
»Bitte?«
Besorgt sagte sie: »Du warst doch dabei, Key. Du hast alles gesehen. Hat Dr. Mallory fahrlässig
gehandelt? Haben die Leonards einen berechtigten Grund, sie anzuzeigen?«
»Ich war vollauf damit beschäftigt, den Chopper zu fliegen, aber soweit ich gesehen habe, hat sie
alles versucht, die Kleine zu retten. Laut Autopsiebericht war die Embolie eine Laune der Natur.
Hätte jederzeit passieren können. Und was mich auch noch stutzig macht – die Leonards sind
nicht die Art Leute, die auf Rache sinnen würden. Das sind gläubige Christen.«
»Es würde dich also überraschen, wenn sie nach einem Sündenbock suchen sollten?«
»Richtig. Ich würde es Jody durchaus zutrauen, dass sie das Gerücht in Umlauf gebracht hat, ob
nun was dran ist oder nicht. Lara gibt eine bequeme Zielscheibe ab.« Janellen musterte ihn
neugierig.
»Was ist?«, fragte er.
»Du hast sie schon ein paarmal Lara genannt. Das hört sich komisch an.«
Er stutzte einen Moment, dann antwortete er gereizt: »Das ist schließlich ihr Name, oder etwa
nicht?«
Janellen hatte zu viele andere wichtige Dinge im Kopf, als sich mit etwas so Unbedeutendem
abzugeben. »Sie hat schrecklich wütend geklungen, Key. Sie hat gesagt, ich solle dir und Mama
ausrichten, sie würde sich kein zweites Mal vertreiben lassen. Wie hat sie das gemeint?«
»Damit hat sie Randall Porters Versetzung nach Montesangrines gemeint.« Er runzelte die Stirn.
»Sie redet sich ein, dass Clark seine Beziehungen im Außenministerium hat spielen lassen. Es
hörte sich nach einer guten Stellung an, aber im Grunde war es so etwas wie eine staatlich
abgesegnete Verbannung.«
Janellen war verblüfft. »Und das glaubst du ihr? Clark soll so etwas Hinterhältiges getan haben?«
»Hinterhältig ist vielleicht ein wenig stark ausgedrückt, aber unser großer Bruder war ziemlich
geschickt darin, sich aus einer schwierigen Situation zu lavieren, stimmt’s?«
»Schon, aber er ist doch nie ganz aus der Sache rausgekommen, oder doch?«
»Auch richtig«, sagte Key. »Und solange Lara rumläuft und alle daran erinnert, wird er es auch
nie.«
»Dann findest du es also richtig, was Mama getan hat? Falls sie es getan hat …«
»Nein. Ich will auch, dass Lara Mallory aus Eden Pass verschwindet, aber ich will, dass sie sich
ihren eigenen Strick dreht. Ich denke, das wird sie tun, wenn man sie in Ruhe lässt.« Er sah noch
einmal nach oben. »Aber du kennst ja Jody. Sie erträgt es einfach nicht, den Dingen ihren
natürlichen Lauf zu lassen. Wenn nicht alles nach ihrem Plan läuft, spielt sie gern den lieben
Gott.«
»Bitte sei nicht so kritisch, Key. Sie ist krank. Kannst du ihr nicht mal gut zureden, dass sie zum
Arzt geht?«
Er lachte schallend. »Das wäre die sicherste Methode, es zu verhindern. Aber du hast recht. Sie
müsste sich gründlich untersuchen lassen.« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Doch ich
fürchte, überreden kannst nur du sie, Schwesterchen. Bleib dran.« Er drückte sie sanft und stieg
dann die Treppe hinauf, das Bier in der Hand.
»Gehst du heute Abend noch aus, Key?«
»Ja, will nur noch kurz duschen.«
»Gehst du mit Helen Berry aus?«
Er blieb abrupt stehen und drehte sich zu ihr um. »Wieso fragst du?«
Sie sah an seiner Miene, dass sie einen wunden Punkt berührt hatte. Und sie erkannte, warum
die Leute manchmal Angst vor ihm bekamen. »Na, Helen geht schon seit der Highschool fest mit
Jimmy Bradley. Es heißt, dass …« Sie befeuchtete sich die Lippen. »… dass Helen vor kurzem
ganz plötzlich mit ihm Schluss gemacht hat.«
»Und?«
»Ach, Key.« Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte: »Wieso ausgerechnet sie? Du kannst
dir die Frauen doch aussuchen. Helen ist halb so alt wie du.«
»Vorsicht, Janellen. Wenn du vorhast, dich in mein Privatleben einzumischen, werde ich mich
auch in deins einmischen.« Er kam zwei Stufen herunter und sagte flüsternd: »Zum Beispiel wäre
es ganz interessant zu erfahren, was sich zwischen diesem Bowie Cato und dir abspielt.«
Ihr Magen verkrampfte sich. »Da spielt sich gar nichts ab!«
»Ach nein? Und wieso dann die hastigen Entschuldigungen, als ich in die Küche kam? Ich habe
niemanden mehr so stottern hören, seit uns Drenda Larsons Daddy, als wir dreizehn waren, in
seiner Scheune aufgestöbert hat.«
»Bowie ist ein Angestellter. Wir hatten etwas Geschäftliches zu besprechen.«
»Okay, gekauft«, sagte er mit einem breiten Grinsen. »Aber nur, wenn du mir auch abkaufst, dass
Drenda und ich nichts weiter als eine Nadel im Heuhaufen gesucht haben.«
Lara sollte mit ihrer Prophezeiung recht behalten.
Eine Woche nach der Beerdigung rückte der Medientross ab, um üppigere Weiden
menschlicher Tragödien abzugrasen. Während dieser Woche war Lara allerdings jedes Mal
belästigt worden, wenn sie einen Schritt über ihre Schwelle tat. Sheriff Baxter hatte seine Pflicht
getan, wenn auch unwirsch, und die Reporter und Kameraleute von ihrem Grundstück
verwiesen. Doch die Belagerung von der Straße aus machte Lara zu einer Gefangenen in ihren
eigenen vier Wänden.
Die Fernsehteams aus Dallas und Shreveport hatten Berichte erstellt, die landesweit gesendet
wurden, doch Lara Porter und ihre Schlüsselrolle in jenem Skandal, der Senator Tackett vor fünf
Jahren die Karriere gekostet hatte, war nur noch fünfzehn Sekunden Sendezeit am Ende der
Nachrichten wert. Die Story war endgültig raus aus den Schlagzeilen.
Auch die Leonards waren ins Rampenlicht geraten, aber sie hatten sich einen Rechtsanwalt
genommen, der für sie sprach. Er war ein grüner Junge, der frisch von der Uni kam. Er ließ sich
allerdings durch die Scheinwerfer nicht einschüchtern. Stur wiederholte er gegenüber den
Reportern, dass seine Mandanten keinen Kommentar abgeben würden und noch zu sehr mit dem
Verlust zu kämpfen hätten, als die Ursachen für den Tod ihrer Tochter zu hinterfragen.
Wieder und wieder war Lara im Kopf alles durchgegangen. Es war eine Grenzfrage gewesen, ob
sie Letty ein Antikoagulans hätte verabreichen sollen oder nicht. Doch nach all den Überlegungen
stand sie noch immer zu ihrer Entscheidung. Nur um ganz sicherzugehen, beriet sie sich mit dem
Arzt in der Notaufnahme, der als nächster die junge Patientin behandelt hatte. Er unterstützte ihre
Entscheidung und sagte, er würde es notfalls auch vor Gericht tun.
Als die Tage verstrichen und Lara nichts vom Anwalt der Leonards hörte, hoffte sie, dass das
Gerücht über die Anzeige wegen Fehlbehandlung sich genau als das herausstellen würde – als ein
Gerücht. Ohne Zweifel hatten die Tacketts es in die Welt gesetzt. Ihre wiederholten Anrufe bei
ihnen hatten nichts außer Frustration gebracht. Entweder war Jody Tackett wirklich zu krank, um
zu telefonieren, oder sie hatte gute Lügner, die sich vor sie stellten.
Lara hatte mit der Haushälterin und mit Janellen gesprochen. Von Key hatte sie nichts mehr
gehört, seit dem Abend, als er mit Helen Berry zu ihr gekommen war. Wahrscheinlich nahm er
an, sie hätte einen Witz gemacht, als sie erwähnte, er solle sie nach Zentralamerika fliegen. Bislang
hatte sich noch keine weitere Gelegenheit ergeben, mit ihm darüber zu reden, aber das hieß
nicht, dass sie von ihrem Entschluss abgewichen wäre. Es gab nur momentan so viele andere
Dinge, die sie aufhielten.
Als sie heute Morgen aufgewacht war, war auch der Lkw vor ihrer Tür verschwunden. Doch
aufgrund der negativen Publicity hatten die meisten Patienten ihre Termine abgesagt. Es fiel
schwer, zuversichtlich zu bleiben, was die Praxis betraf, wenn niemand mehr über ihre Schwelle
trat. Nancy und sie lenkten sich mit allem Möglichen ab, doch meist hatten sie mehr freie Zeit, als
ihnen lieb war.
Am frühen Nachmittag verließ Lara ihr Büro, um Nancy zu sagen, sie könne für heute Schluss
machen. Doch zu ihrer Überraschung hörte sie, dass Nancy mit jemandem im Wartezimmer
sprach.
»Wir müssen sofort zu der Frau Doktor. Ich weiß, wir haben keinen Termin, aber wie ich sehe,
ist der Andrang nicht gerade sehr groß, oder?«
Die schneidende, herablassende Stimme gehörte zu Darcy Winston.
Kapitel 13

»Kann ich etwas für Sie tun?«


Darcy wandte sich um, als Lara sie von der Tür her ansprach. Auf die kurze Distanz wirkte
Darcy nicht ganz so makellos wie neulich in der Schulaula. In den Augenwinkeln saßen feine
Krähenfüße und auf der Stirn die ersten Falten. Trotz des kunstvoll aufgetragenen Make-ups
wirkte ihr Gesicht verlebt, und die Spuren tiefsitzender Verbitterung waren unübersehbar.
Lara hatte sich bereits eine nicht gerade schmeichelhafte Meinung über Darcy Winston gebildet,
wusste aber aus eigener Erfahrung, dass man nicht vorschnell urteilen durfte. Sie bemühte sich,
möglichst unvoreingenommen zu bleiben, und streckte ihr die Hand entgegen. »Hallo, Mrs.
Winston. Ich bin Lara Mallory.«
Darcy zog eine ihrer dünnen Brauen hoch. Lara erklärte, woher sie sie kannte. »Ich habe Sie bei
der Stadtversammlung gesehen. Was Sie sagten, klang sehr überzeugend.«
Wieder quittierte Darcy die Äußerung mit derselben Geste. Sie sah Lara mit einem forschenden
Blick an, als wollte sie sich vergewissern, wie viel die Ärztin über den »Einbrecher« wusste.
Lara wandte sich dem Mädchen neben Darcy zu. »Und du bist Heather, richtig?«
»Ja, Ma’am.«
»Freut mich, dich kennenzulernen, Heather.«
»Gleichfalls.«
»Wir sind wegen Heather hier«, sagte Darcy.
»Oh, was gibt’s denn?«
»Ich möchte, dass Sie ihr die Pille verschreiben.«
»Mut-ter!«
Das Mädchen war entsetzt, was Lara ihr nicht verdenken konnte. Leider hatte es den Anschein,
als hätte sie Darcy doch ganz richtig eingeschätzt. Sie entpuppte sich als Hexe ersten Ranges. Lara
wollte Heather weitere Verlegenheiten ersparen und sagte: »Nancy, welches Sprechzimmer ist
frei?«
Nancy bedachte Darcy mit einem bitterbösen Blick. »Nummer drei.«
»Danke. Heather?« Lächelnd hielt Lara dem Mädchen die Verbindungstür auf. Darcy folgte ihrer
Tochter auf den Fersen.
»Mrs. Winston, warten Sie doch bitte hier draußen. Machen Sie’s sich bequem. Nancy wird mit
Ihrer Hilfe schon mal eine Karteikarte für Heather anlegen. Wenn Sie möchten, können Sie gern
etwas trinken, während Sie warten.«
»Aber sie ist meine Tochter.« Ihr Ton machte offenkundig, dass sie es gewohnt war, ihren
Willen durchzusetzen.
»Und dies ist meine Praxis«, entgegnete Lara nicht minder bestimmt. »Heather ist meine
Patientin. Ich respektiere und schütze die Privatsphäre meiner Patienten.«
Ohne ein weiteres Wort schloss sie vor Darcy, auch wenn die noch so wütend die Stirn
runzelte, die Tür und führte das Mädchen ins Sprechzimmer. Dort überließ sie sie Nancy, die sich
darum kümmerte, dass Heather sich freimachte, einen Kittel bekam und sich wog, bevor sie ihren
Blutdruck maß und Urin- und Blutproben fürs Labor nahm.
Mit einem leichten Klopfen an der Bürotür gab sie Lara dann Bescheid, dass sie so weit waren.
Bevor die Sprechstundenhilfe in das Wartezimmer zurückging, flüsterte sie: »Und wie soll ich den
Drachen da drinnen besänftigen?«
»Werfen Sie ihr einen kleinen Appetithappen vor.«
Nancy hob den Daumen. Lara ging ins Sprechzimmer, wo Heather verschüchtert am Ende des
Tisches hockte. »Alles in Ordnung?«
»Schätze schon. Ich kann es nur nicht so gut leiden, wenn man mir in den Finger pikst.«
»Geht mir auch so.«
»Jedenfalls immer noch besser, als Blut abgenommen zu kriegen. Ich hasse Spritzen.«
»Ich kann die Dinger auch nicht leiden.«
»Aber Sie sind doch Ärztin.«
»Schon. Aber auch nur aus Fleisch und Blut.«
Jetzt lächelte das Mädchen.
»Seit wann bist du denn schon bei den Cheerleadern?«
»Woher wissen Sie, dass ich Cheerleader bin?«
»Euer Club hat mir einen Mitgliedsantrag zugeschickt.« Lara untersuchte mit einem Otoskop
Heathers Innenohr. »Ich habe dein Foto gesehen.«
»Wir fangen nächste Woche mit den Proben an.«
»Schon? Und jetzt bitte … Aah.« Sie schaute Heather in den Rachen. »Aber die Schule geht
doch erst in einem Monat wieder los.«
»Aaah. Ja, aber wir wollen gut sein. Letztes Jahr haben wir sogar ein paar Pokale gewonnen.«
»Bitte mal schlucken. Tun dir manchmal die Drüsen hier weh?« Lara tastete ihren Hals ab.
»Nein, Ma’am.«
»Gut. Pass auf deinen Hals auf. Falls er sich wund anfühlen sollte, gib mir Bescheid. Ihr
Cheerleader habt doch dauernd was an den Stimmbändern.«
»Okay, mach ich.«
Lara öffnete ihr den Kittel und legte das Stethoskop an die linke Brust an. Das Mädchen
keuchte. »Ich weiß, es ist kalt«, entschuldigte sich Lara mit einem Lächeln. Nachdem sie Heathers
Herzschlag abgehört hatte, wandte sie sich der Lunge zu. »Hol bitte ein paarmal tief Luft, mit
offenem Mund. Ja, so ist es gut.« Nach wenigen Augenblicken stellte sie sich wieder vor das
Mädchen. »Kommt deine Periode regelmäßig?«
»Ja, Ma’am.«
»Und wie ist die Blutung? Schwer?«
»Nur an den beiden ersten Tagen. Danach geht’s.«
»Hast du Krämpfe?«
»Ja, manchmal echt eklige.«
»Nimmst du etwas dagegen ein?«
»Aspirin, Schmerzmittel eben.«
»Und, hilft es?«
»Ich überleb’s«, sagte das Mädchen grinsend.
Lara sorgte dafür, dass sich Heather so bequem wie möglich auf den Tisch legte, und rief Nancy
herein, die ihr bei der Brust- und Unterleibsuntersuchung assistieren sollte.
»Das ist ja abartig«, sagte Heather, als Lara ihr half, die Beine über die Stützen zu legen.
»Ja, ich weiß. Versuch, dich möglichst zu entspannen.«
»Oh, klar«, bemerkte Heather sarkastisch, als Lara das Spekulum öffnete.
Als sie fertig war, ließ sie Heather allein, damit sie sich anziehen konnte, und ging in ihr Büro
vor. Heather kam kurz darauf nach. Lara bedeutete ihr, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und setzte
sich neben sie.
»Wieso möchtest du, dass ich dir die Pille verschreibe, Heather?«
»Sie will es.«
»Deine Mutter?«
»Sie hat Angst, dass ich schwanger werden könnte.«
»Ist das denn wahrscheinlich?«
Heather zögerte. »Ich weiß nicht, ich … ich habe einen Freund und wir … Sie wissen schon.«
»Ich frage nicht aus Neugier«, sagte Lara. »Ich fälle keine moralischen Urteile. Ich bin Ärztin und
muss entscheiden, was das Beste für meine Patienten ist. Das kann ich aber nur, wenn ich
möglichst viele Informationen über sie bekomme.« Sie wartete einen Augenblick, bis sich das
gesetzt hatte, dann fragte sie: »Hast du schon Verkehr gehabt?«
Heather blickte nach unten auf die im Schoß verkrampften Hände. »Nein, noch nicht.« Dann
warf sie einen hastigen Blick zur Tür. »Sie denkt, dass ich es schon getan habe. Ich habe ihr
gesagt, dass es nicht stimmt. Aber sie glaubt mir ja nicht.«
Als sie erst einmal begann, sprudelte alles nur so aus ihr heraus, ein Wort ergab das nächste. »Sie
hat mich mit Tanner im Wohnzimmer erwischt. Wir haben überhaupt nichts getan. Ich meine,
ich hatte meine Bluse und den BH ausgezogen und Tanner sein Hemd, aber sie hat so getan, als
wären wir völlig nackt gewesen und als ob sie uns dabei erwischt hätte, wie wir es zusammen
treiben.«
Ihr Blick schwang plötzlich zu Lara. »O Mist, tut mir leid. Ich wollte das gar nicht so sagen. Das
war jetzt nicht als Anspielung auf Sie und Senator Tackett gemeint.«
»Habe ich auch nicht so aufgefasst«, entgegnete Lara leise. »Hier geht es um dich, nicht um
mich. Als deine Mutter dich mit Tanner erwischt hat, hat sie die falschen Schlüsse daraus
gezogen, stimmt’s?«
»Na ja, milde ausgedrückt – sie ist völlig ausgerastet«, sagte Heather und verdrehte die Augen.
»Sie hat laut gekreischt, dass Daddy aufgewacht ist und mit der Pistole in der Hand
heruntergerannt kam, weil er dachte, es wäre schon wieder eingebrochen worden.« Sie strich sich
das rostrote schimmernde Haar aus dem Gesicht. »Es war grässlich. Tanner hat andauernd gesagt,
dass er mir nie weh tun würde, aber Mutter hat ihn rausgeworfen und mir verboten, mich mit
ihm zu treffen. Ich habe Stubenarrest. Sie hat mir die Autoschlüssel weggenommen. Und mein
Telefon.«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich könnte genauso gut in Sibirien sein. Es ist furchtbar!
Und dabei haben wir überhaupt nichts getan! Sie sieht mich an, als wäre ich eine, na ja, eine Nutte.
Daddy hat versucht, Frieden zu stiften, aber sie denkt nicht daran, es zu vergessen. Ich habe ihr
tausendmal gesagt, dass ich noch Jungfrau bin. Tanner hat zwar mit dem Finger, aber nicht mit
…«
Lara bedeutete ihr mit einem Nicken, dass sie verstand.
»Aber Mutter glaubt mir einfach nicht. Heute Morgen hat sie mir gesagt, dass wir zu Ihnen
gehen und dass ich ab sofort die Pille nehme, ob es mir passt oder nicht. Sie hat gesagt, wenn ich
schon in der Gegend rumbumse, will sie wenigstens sicher sein, dass sie nicht Großmutter wird.«
Lara fühlte mit dem Mädchen, da Darcys Unterstellungen sie an ihre eigenen Eltern erinnerten.
Die Botschaft hatte immer gelautet: »Du kannst tun, was du willst, aber lass dich nicht erwischen,
und mach uns bloß keine Scherereien.« Heather schniefte jetzt laut. Lara reichte ihr ein
Taschentuch. »Ich vermisse Tanner so schrecklich. Er liebt mich. Wirklich. Und ich liebe ihn
auch.«
»Ich weiß.«
»Er ist immer so lieb zu mir. Ganz anders als sie. Bei ihr kann ich ja nichts richtig machen.«
Lara wartete, bis Heather sich geräuschvoll die Nase geputzt hatte, dann sagte sie: »Ich sehe
keinen Grund, warum ich dir die Pille nicht verschreiben sollte. Du bist vollkommen gesund.«
»Aber die Pille macht doch fett, oder nicht?«
Lara lächelte. »Gewichtszunahme kann ein Nebeneffekt sein. Aber ich bezweifle, dass es für eine
so aktive und sportliche junge Dame wie dich ein Problem sein wird.« Sie sah dem Mädchen in
die Augen. »Aber ich möchte, dass du nicht nur körperlich, sondern auch psychisch darauf
vorbereitet bist. Bist du ganz sicher, dass du es willst, Heather?«
Wieder schweifte ihr Blick zur Tür. »Na ja, schon. Ich meine, Tanner hat zwar versprochen,
dass er sich darum kümmern würde, aber ich möchte trotzdem lieber die Pille nehmen. Ich will
auf keinen Fall schwanger werden.«
»Du musst dir aber im Klaren sein, dass die Pille dich nicht vor Krankheiten schützt, die durch
Geschlechtsverkehr übertragen werden. Ich rate dir dringend, jedes Mal wenn du mit einem
Jungen schläfst, ein Kondom zu benutzen. Und sage auch deinen Freundinnen, dass sie es tun
sollen.«
Sie schrieb ein Rezept aus, dann gingen sie gemeinsam ins Wartezimmer. Darcy blätterte
ungeduldig in einer Zeitschrift, die sie beiseitewarf, als sie hereinkamen.
»Und?«
»Ich habe Heather ein Rezept für orale Verhütungsmittel ausgeschrieben, und ich möchte, dass
sie in sechs Monaten zur Kontrolle wiederkommt. Natürlich kann sie schon vorher anrufen, falls
sich unerwünschte Nebenwirkungen einstellen sollten.«
»Sie waren aber schrecklich lange da drinnen.«
Lara weigerte sich, darauf einzugehen. »Ihre Tochter ist ein wirklich nettes Mädchen. Wir haben
ein bisschen geplaudert. Ach übrigens, da Sie schon einmal hier sind, Mrs. Winston … Ihr Mann
ist doch im Vorstand der Schule – ich hätte ein paar Ideen für ein Aufklärungs- und
Informationsprogramm. Meinen Sie, er könnte die Zeit opfern, mich anzuhören?«
»Da müssen Sie ihn schon selber fragen.«
»Das werde ich«, erwiderte Lara freundlich trotz der patzigen Antwort. »Ich werde ihn anrufen,
sobald die Schule wieder angefangen hat.«
»Was ist mit der Rechnung?«
»Nancy kümmert sich drum.« Lara wandte sich an Heather. »Viel Glück bei den Cheerleadern.
Ich werde euch von der Tribüne aus zuschauen.«
»Danke, Dr. Mallory. Ich winke Ihnen dann.« Grinsend fügte Heather hinzu: »Irgendwie
komisch, zu einer Frau ›Doktor‹ zu sagen.«
Sie waren schon mehrere Häuserblocks von der Praxis entfernt, als Darcy ihr eisiges Schweigen
brach. »Ihr zwei habt euch ja anscheinend blendend verstanden.«
»Sie ist nett.«
Darcy schnaubte. »Das hat Clark Tackett auch gedacht, und sieh dir an, was es ihm eingebracht
hat. Sie ist doch nur Abschaum. Und sie macht nichts als Ärger.«
Heather wandte sich ab und schaute aus dem Fenster.
Darcy war hauptsächlich eifersüchtig. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Lara Mallory so
charmant war. Lara war cool und besaß Klasse. Jede ihrer Gesten verriet ihre gute Herkunft und
Erziehung. Sie wirkte so verdammt frisch, dass sie Darcy das Gefühl gab, dringend ein Bad zu
brauchen. Sie war gertenschlank und hatte wahrscheinlich nicht ein bisschen Zellulitis am ganzen
Körper. Ihr Haar sah kräftig und gesund aus. Ihre scheinbar makellose Haut war völlig straff. Vom
Blickwinkel einer Frau gesehen, gab es viele Gründe, sie zu beneiden.
Aber was sah ein Mann, sprich Key Tackett, in ihr? Sie hatte keine üppige Figur. Ihr Blick war
hart wie der eines Mannes. Oder nahmen ihre Augen vielleicht einen verklärteren Ausdruck an,
wenn sie mit ihrem Geliebten zusammen war?
Darcy hatte eine ganze Woche warten müssen, nachdem sie sich entschieden hatte, Lara Mallory
aufzusuchen. Zuerst hatte sie eine perfekte Ausrede gehabt durch den Zwischenfall mit Heather
und Tanner, aber dann war diese kleine Leonard gestorben, und die ganze Stadt war in heller
Aufregung. Alle Blicke waren auf Lara Mallory gerichtet. Darcy hatte befunden, es sei schlauer zu
warten, bis sich der Trubel wieder gelegt hatte. Sie wollte Dr. Mallory aus nächster Nähe
begutachten, aber ohne dass es die ganze Stadt erfuhr.
War Lara Mallory Keys neuestes Spielzeug? Verdammt, sie war genauso schlau wie vorher. Die
Ärztin wirkte zu kühl für Keys wollüstigen Geschmack, aber das konnte täuschen. Es gab keine
Garantie bei Geschmacksumfragen, besonders nicht, was Frauen betraf. Sie wusste nur zu gut, dass
Männer da sehr eigen waren.
So war alles, was Darcy durch dieses Treffen gewonnen hatte, Heathers blauäugige
Bewunderung für die Frau, die ihr vielleicht Key Tackett weggeschnappt hatte. Nicht, dass sie in
der Position gewesen wäre, Besitzansprüche auf ihn anzumelden. Er hatte sie in einer Bar
aufgerissen, und sie hatten einmal miteinander geschlafen, aber sie wollte eben an eine Zukunft
mit ihm als ihrem Liebhaber glauben. Und ohne die Einmischung einer anderen Frau konnte es
sogar klappen. Lara Mallory aber könnte es verderben.
»Habt ihr zwei über mich getratscht?«, fragte Darcy Heather giftig. »Ich wette, du hast mich als
alte Hexe hingestellt.«
»Nein, habe ich nicht.«
»Was hast du über mich gesagt?«
»Nichts, außer den üblichen Sachen.«
»Und worüber habt ihr dann so endlos lange gequatscht?«
Heather seufzte mit der Resignation der Pubertären. »Wir haben uns über das
Cheerleadertraining unterhalten und über meine Periode und ob Tanner und ich schon Sex
hatten und so.«
»Und was hat sie gesagt, zu Tanner und dir?«
»Dass sie keine moralischen Urteile fällt.«
»Wenigstens ist sie keine Heuchlerin. Dazu hätte sie ja wohl auch als Allerletzte das Recht,
stimmt’s?«
»Kann schon sein.«
»Ich wette, sie hat dir ’nen Vortrag gehalten über die Pille in deinem Alter und so …«
»Nein«, widersprach Heather matt. »Sie hat mir nur einen Vortrag über Kondome gehalten.«
»Kondome?«
»Mmh-hmm. Mom, kann ich bitte mein Telefon wiederhaben?«
»Was hat sie denn über Kondome gesagt?«
Heather warf ihr einen genervten Blick zu und rappelte dann herunter: »Dass die noch immer
der beste Schutz vor ansteckenden Krankheiten sind und dass ich und meine Freundinnen immer
eins benutzen sollten, wenn wir mit unseren Freunden schlafen.«
»Sie hat gesagt, du sollst immer ein Kondom dabeihaben, falls ihr Sex machen würdet?«
»So ungefähr.« Heather zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Kann ich mein Telefon
wiederhaben, Mom? Und die Autoschlüssel?«
Der Funken einer Idee flackerte in Darcy auf. Sie bedachte ihn sorgfältig und kam zu der
Überzeugung, dass er es wert war, weiterverfolgt zu werden. Lächelnd tätschelte sie Heathers
Knie.
»Aber sicher, Liebes. Sobald wir zu Hause sind. Aber lass uns kurz auf ein Stück Torte bei
Daddy vorbeischauen. Ich war die ganze Woche so widerlich zu euch beiden, das will ich
wiedergutmachen.«
Bowie bog vom Highway auf die Straße ein, die an der Nordseite des Green Pine Motels
vorbeiführte, wo Darcy gerade aus ihrem neuen Cadillac stieg. »War das Mrs. Winston?«
»Ja.« Janellen hatte sich umgedreht, um ihr zuzuwinken. »Kennen Sie sie?«
»Hab sie schon mal gesehen. Und wer war das bei ihr?«
»Ihre Tochter Heather. Ein sehr beliebtes Mädchen an der Highschool.«
»Hübsch«, kommentierte Bowie mit einem Blick zurück auf die beiden Frauen.
»Ja, sehr hübsch. Sie arbeitet manchmal hier für ihren Daddy. Wenn ich sonntags nach der
Kirche zum Brunch herkomme, ist sie meistens auch da. Sie ist ein wirklich höfliches,
liebenswertes Mädchen.«
Bowie fragte sich insgeheim, ob die Tochter genauso »liebenswert« war wie die Mutter. Er hatte
Darcy schon ziemlich oft in der Palme gesehen: zum ersten Mal an dem Abend, als Key Tackett
heimgekehrt war, und das letzte Mal neulich, als sie eine ziemlich rüde Partie Billard mit drei
Kerlen spielte, die ohne ihre Frauen einen draufmachen wollten.
Darcy war ein Flittchen, und jeder wusste es. Genauso wie jeder wusste, dass Janellen eine Dame
war. Deshalb starrten die Leute sie auch so an, wenn sie mit ihm zusammen war. Sie fragten sich,
was Miss Janellen mit einem abgebrannten Exsträfling wie Bowie Cato zu schaffen hatte.
Er hatte sich das selbst auch schon gefragt. Er wusste nicht, ob er Key dankbar sein oder ihn
verfluchen sollte, dass er ihn gebeten hatte, auf sie aufzupassen. Er war ihm dankbar, weil er zum
ersten Mal einer Frau ihrer Klasse nahe sein durfte. Und er verfluchte ihn, weil er anfing, diese
Nähe zu genießen.
Er genoss es, sie jeden Tag sehen zu können und eine gute Ausrede dafür zu haben. Doch das
Glück war nur vorübergehend. So sicher, wie jeden Abend die Sonne unterging, würde auch dies
bald zu Ende gehen. Auf das Unvermeidliche warten zu müssen und nicht zu wissen, in welch
verheerender Form es auftauchen würde, das trieb ihn zum Wahnsinn. Momentan kam er sich
vor wie in einem Märchen. Das Problem war nur – er glaubte nicht an Märchen. Das war etwas
für Kinder und Narren. Ein Kind war er ganz sicher nicht mehr: Aber er fing langsam an zu
glauben, dass er ein Narr sein musste.
Er ließ sich völlig treiben. Ohne doppelten Boden.
Verdammt, wenn er doch nur wüsste, was er tun sollte. Er griff nach jeder sich bietenden
Chance, mit ihr zusammen zu sein. Wie heute. Als sie ihn benachrichtigte, dass sie zur Quelle
Nummer sieben rausfahren wollte, war er in seinen Truck gesprungen und wie ein Irrer zum
Büro gerast, nur um sie noch abzufangen.
Er traf sie an, als sie gerade das Gebäude verließ, und erinnerte sie daran, dass Key nicht wollte,
dass sie allein fuhr. Außerdem sei der Truck wesentlich geeigneter für die Fahrt als ihr Wagen. Sie
hatte nachgegeben und war zu ihm in die Fahrerkabine geklettert.
Aber sie war nicht sehr glücklich darüber.
Sie war schrecklich nervös und wagte es kaum, ihn anzusehen. Wahrscheinlich war es ihr
peinlich, mit einem Knacki in der Gegend herumzugondeln. Himmel, wer konnte ihr das
verübeln?
»Ab jetzt wird’s ziemlich holprig«, warnte er sie.
»Ich weiß«, erwiderte sie spitz. »Ich bin die Strecke schon zigmal selbst gefahren.«
Er ignorierte die Antwort und bog in die Abzweigung ein. Der angebliche Weg, in den sich
tiefe Spurrillen gegraben hatten, verlief ein paar Hundert Meter parallel zum Highway.
Dazwischen lag das Green Pine. Er kannte die Story, wie Jody Tackett dem alten Fergus Winston
angeblich vor etlichen Jahren die Öllizenz abgeluchst hatte.
Fergus war als junger Mann nach Eden Pass gekommen, mit einer kleinen Erbschaft in der
Tasche und großen Hoffnungen im Kopf. Er kaufte sich ein Stück Land, das auf den ersten Blick
nicht viel hermachte, das aber Zugang zum Highway hatte und unter dem angeblich Öl lag.
Jody lernte er zu der Zeit kennen, als sie noch für Clark Tackett senior arbeitete, sich aber
bereits einen Namen als geschickte Ankäuferin gemacht hatte. Sie schlossen Freundschaft, und
Jody bot ihm an, den Geologen von Tackett Oil eine Expertise für das Land erstellen zu lassen.
Nach Wochen des Hinhaltens teilte sie Fergus mit, es sei sehr unwahrscheinlich, dass unter
seinem Land ein größeres Ölvorkommen lagerte.
Fergus, der ein wenig in sie verliebt war, glaubte ihr, wollte aber noch eine zweite unparteiische
Meinung einholen. Von dem zweiten Geologen erhielt er das Ergebnis, dass das einzig Feuchte,
was sein Grundstück zu bieten habe, leider nur Hornfrösche seien.
Fergus war enttäuscht, gelangte aber zu der Einsicht, dass seine Zukunft nicht im hart
umkämpften Ölgeschäft selbst läge, sondern in der Unterbringung und Versorgung der Leute, die
daran beteiligt waren. Jody, die sich noch immer als mitfühlende Freundin ausgab, versicherte
ihm, es täte ihr leid, ihn auf dem völlig wertlosen Grundstück hocken zu sehen. Sie bot ihm an, es
für Tackett Oil zu kaufen. Als Abschreibungsobjekt für die Steuer. Und Fergus hätte genügend
Kapital, um sein Motel zu bauen.
Heilfroh, den Weißen Elefanten loszuwerden und zumindest einen Teil seiner Investition
wieder herauszubekommen, verkaufte er ihr das Land und alle Bohrrechte quasi für ein Trinkgeld
und behielt lediglich einen schmalen Streifen, der an den Highway grenzte, für sich, um darauf
das Motel zu bauen.
Doch Fergus’ Weißer Elefant hockte mitten auf einem riesigen See aus schwarzem Gold: Und
Jody wusste das, genau wie der Geologe von Tackett Oil und auch der unabhängige Geologe,
den sie für sein Gutachten bestochen hatte. Die Tinte auf dem Vertrag war noch nicht ganz
trocken, da hatte Tackett Oil bereits den ersten Bohrturm errichtet. Als die Quelle sprudelte, war
Fergus außer sich. Er warf Jody und den Tacketts vor, Betrüger und Lügner zu sein, und als Jody
dann Clark junior heiratete, fluchte er noch lauter. Doch er reichte niemals offiziell Klage wegen
Betrugs ein, und deshalb glaubten die Leute, er würde sich nur so aufführen, weil er eifersüchtig
war, dass Jody Clark Tackett und nicht ihn zum Mann genommen hatte.
Fergus baute sein Motel, und es brachte praktisch vom Tag der Eröffnung Profite ein. Doch
selbst wenn er ein Ritz Carlton aufgemacht hätte, er würde niemals so reich werden wie Jody.
Und so war sein Groll gegen sie nie wirklich versiegt.
Bowie parkte den Truck neben dem Zaun, der die Pumpe in einem engen Quadrat umgab. Er
stieg als Erster aus und ging um den Wagen, um Jody beim Aussteigen zu helfen, doch sie war
schon heruntergesprungen, als er sie erreichte. Er benutzte seinen Schlüssel, um das Tor zu
öffnen.
Der Motor, der die Pferdekopfpumpe antrieb, tuckerte vor sich hin. Er hatte sie heute bereits
überprüft, wie er es immer tat, ausgenommen an seinen freien Tagen und wenn sein Ersatzmann
einsprang. Doch jetzt interessierten ihn und Janellen der Motor oder die Tanks nicht. Sie
kontrollierten die Messgeräte, wo mittels roten, blauen und grünen Stiften der Druck, die
Temperatur des Gases und die Produktionsmenge auf einer Papierrolle festgehalten wurde, die
alle vierzehn Tage ausgewechselt wurde. Zum Glück war der Malkasten für Quelle Nummer
sieben nur wenige Meter vom Bohrloch installiert. Er hätte auch Meilen weit weg aufgestellt sein
können.
Fünfzehn Minuten später kam er sich vor wie ein verdammter Idiot. Mit Quelle Nummer
sieben schien alles in Ordnung zu sein. Die Messgeräte funktionierten einwandfrei. Es konnte
keine Lecks zwischen der Quelle und dem Malkasten geben. Alles schien bestens zu sein.
»Schätze, ich bin wohl ein bisschen überdreht«, murmelte er.
»Nein, das glaube ich nicht, Bowie. Und wenn es Sie beruhigt, erlaube ich Ihnen hiermit, dass
Sie zwischen der Quelle und dem Zähler ein Messgerät installieren.«
Er hatte den Eindruck, dass sie sich über ihn lustig machte. »Okay, das werde ich tun«, sagte er.
»Wissen Sie, ob von dieser Quelle vielleicht ein Leuchtrohr abging?«
»Wenn ja, haben wir es gekappt, als sie unzulässig wurden. Heutzutage wird kein Gas mehr auf
diese Weise verschwendet.«
Bowie folgte den Fußstapfen, die sie auf dem Hinweg hinterlassen hatten. »Haben Sie Ihrer
Mutter davon erzählt?«
»Nein.«
»Sie fanden es nicht wichtig?«
Janellen hatte inzwischen die Beifahrertür erreicht und musste die Augen mit der Hand gegen
die Sonne abschirmen, wenn sie ihn ansehen wollte. »Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie mir
die Worte nicht im Mund umdrehen würden, Bowie. Momentan möchte ich Mama einfach
nicht unnötig belasten.«
»Sie sehen wirklich hübsch aus, Miss Janellen.«
»Bitte?«, fragte sie entsetzt.
O Gott! Er hatte es getan. Er griff sich an den Hinterkopf und kratzte sich unter der Hutkrempe.
Er hatte gar nicht sagen wollen, was er dachte. Es war ihm einfach so herausgerutscht. Jetzt war
wohl eine Erklärung angebracht.
»Na ja, mir ist gerade nur aufgefallen, wie hübsch Sie aussehen. Mit der Sonne im Gesicht und
dem Wind in den Haaren und so.«
Der heiße, trockene Wind hatte ihr auch die Kleider an den Körper geweht, so dass er zum
ersten Mal, seit sie sich kannten, ihre Figur erkennen konnte. Seinem Empfinden nach war es
eine sehr hübsche Figur, aber er kam nicht dazu, sie ausführlich zu betrachten, weil sich ihre
Augen mit Tränen füllten, die nichts mit Lichtempfindlichkeit zu tun hatten.
»Oh«, schluchzte sie. »O Gott! Ich wäre am liebsten tot.«
Er war bestürzt über ihre Reaktion. Das Letzte, was einer auf Bewährung gebrauchen konnte,
war eine hysterische Frau, die jammerte, dass sie am liebsten tot wäre. Nervös rieb er seine
Handflächen an den Oberschenkeln.
»Hey, Miss Janellen, regen Sie sich doch nicht so auf.«
Hastig blickte er sich um, in der Befürchtung, jemand könnte sie sehen. »Was ich gesagt habe …
Ich wollte Sie nicht anmachen oder so. Bei mir kann Ihnen nichts passieren. Ich wollte sagen, ich
würde Sie nie …«
»Nur weil Sie auf mich aufpassen sollen, heißt das nicht, dass Sie mir Komplimente machen, die
Sie gar nicht ernst meinen.«
Bowie kniff die Augen zusammen und neigte den Kopf zur Seite. Er war sich nicht ganz sicher,
ob er richtig gehört hatte. »Wie war das?«
»Ich will nicht, dass er sich als mein Aufpasser aufspielt. Oder Sie.«
»Er? Meinen Sie Ihren Bruder Key?«
»Natürlich Key«, sagte sie wütend. »Seit er Ihnen gesagt hat, dass Sie mich im Auge behalten
sollen, kann ich keinen Schritt mehr tun, ohne Ihnen zu begegnen.«
»Tja, tut mir leid, dass Sie das so stört, aber ich habe ihm versprochen, auf Sie aufzupassen, bis er
mir sagt, dass es nicht mehr nötig ist.«
»Dann sag ich Ihnen jetzt, dass es nicht mehr nötig ist. Die Reporter sind wieder abgezogen aus
Eden Pass. Ich bin nicht mehr in Gefahr, von ihnen belästigt zu werden. Sie brauchen sich also
nicht länger die Mühe zu machen.«
»Es hat mir aber gar keine Mühe gemacht, Sie herumzufahren, Miss Janellen.«
»Ich kann selbst fahren! Seit ich sechzehn bin.«
»Das weiß ich, Ma’am. Aber … «
»Und ich kann auch Zählerkästen kontrollieren, ganz allein, wie die Männer auch.«
»Da habe ich nicht den geringsten Zweifel.«
»Wenn Sie sich schon verpflichtet fühlen, mich herumzukutschieren, dann verschonen Sie mich
wenigstens mit Ihren hohlen Komplimenten, über die …«
»Das war kein hohles Kompliment.«
»… Sie später lachen.«
»Lachen?«
»Ich weiß, was ihr Männer über mich denkt. Ihr denkt, ich bin eine alte vertrocknete Schachtel.
Muley hat es mir gesagt, dass ihr euch hinter meinem Rücken über mich schieflacht. Ihr versucht
doch nur, euch bei meinem Bruder einzuschmeicheln …«
»Moment mal«, unterbrach Bowie sie verärgert. »Ich versuche mich bei überhaupt niemandem
einzuschmeicheln, ist das klar? Und halten Sie Ihren Bruder da raus, der hat nämlich nicht das
Geringste damit zu tun, was ich vorhin gesagt habe. Und es ist mir scheißegal, was die anderen
Männer sagen. Ich kann selbst denken, und wenn irgendjemandem nicht gefällt, was dabei
rauskommt – scheiß drauf. Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie hübsch aussehen, weil ich es genau so
gemeint habe. Meine Güte! Jede andere Frau hätte gesagt: ›O danke, Bowie. Nett, dass Sie das
sagen‹, und damit wäre es gut gewesen. Nicht Sie. Nein, Sie müssen natürlich irgendwas da
hineindeuten, weil Sie nämlich völlig eingeschüchtert sind und weil Sie ’ne Klette im Hintern
stecken haben in der Größe von ganz Dallas!« Seine Worte blieben in der Luft zwischen ihnen
stehen, bis der Wind sie schließlich forttrug.
Aber nicht schnell genug, dachte Bowie reumütig. Er hatte die Fassung verloren – etwas, das er
nie für möglich gehalten hätte. Ihm war der Faden gerissen, und er hatte den Mund nicht halten
können. Diesmal hatte er es sich gründlich versaut. Jetzt würde sie ihn feuern, und daran war ganz
allein er selbst schuld.
Sie sah ihn an, die Augen weit aufgerissen, zitternd, sprachlos. Die Tränen hatten ihre blauen
Augen zu Seen gemacht, in denen ein erwachsener Mann leicht ertrinken konnte. Ein leichter
Schauer überkam sie. Sie zog die Luft ein und biss sich auf die Unterlippe.
Es war einfach zu viel.
Es war sowieso schon alles verloren, dachte er sich, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie. Es
war ein harter Kuss – es musste so sein, weil sie bestimmt gleich anfangen würde zu schreien, so
glaubte er. Abgesehen davon wagte er es nicht, länger zu verweilen und sie auch noch zu
schmecken. Sonst könnte er sich zu etwas sehr Dummem hinreißen lassen, das seinen Arsch ganz
schnell wieder hinter Gitter bringen würde.
Er zog sich zurück, drehte sie um und drängte sie einzusteigen. Er selbst stieg von der anderen
Seite ein, ließ den lauten Motor an, legte den Gang ein und lenkte den Truck über die
tiefverschmutzte Spur.
Den ganzen Weg über zum hässlichen Bürogebäude, wo er sie abgeholt hatte, schwiegen sie.
Nachdem er den Motor abgestellt hatte, kam ihm die Stille mindestens so erdrückend vor wie die
trockene Hitze, die draußen in schimmernden Wellen vom Asphalt aufstieg.
Wahrscheinlich war Janellen zu geschockt, um zu sprechen, also musste er etwas sagen. Er starrte
einen Augenblick durch die schmutzverschmierte Windschutzscheibe, dann sagte er: »Ich bringe
den Truck zum Laden zurück und gebe die Schlüssel dort ab. Sie können mir ja meinen Scheck
ausstellen.«
Er hörte, wie sie schluckte, sah sie aber nicht an. Er ertrug es nicht, ihre Abscheu zu sehen.
Schließlich fragte sie mit schwacher Stimme: »Werden Sie Tackett Oil verlassen?«
Er sah sie an, schwang den Kopf so schnell wieder herum, dass sein Nacken knackte. »Werde ich
nicht?«
»Wollen Sie denn?«
»Wollen Sie denn nicht, dass ich gehe?«
Sie schüttelte den Kopf und sagte kaum vernehmbar: »Nein.«
Er wagte es nicht, sich zu bewegen, aus Angst, den zarten Moment zu zerstören. »Was ich da
gesagt habe, Miss Janellen … Ich hätte solche Ausdrücke niemals vor Ihnen benutzen dürfen.«
»Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, Bowie. Ich kenne so ziemlich alle Ausdrücke, und ich
weiß auch, was die meisten davon bedeuten.«
Sie schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln, aber er erwiderte es nicht. »Und das andere, dass ich
Sie – na ja, dass ich Sie geküsst habe –, das ist bestimmt ein Grund, mich zu feuern. Aber ich
möchte, dass Sie wissen, dass ich es nur getan habe, weil ich für einen Moment den Kopf verloren
habe.«
»Oh.« Nach einer Weile und nachdem sich die Hitze und die Spannung ins Unerträgliche
gesteigert hatten, fragte sie: »Dann haben Sie es nur aus dem Moment heraus getan?«
Etwas in ihrem Blick veranlasste ihn, die Wahrheit zu sagen: »Nein. Das kann ich wirklich nicht
behaupten, Miss Janellen. Ich habe schon vorher daran gedacht.«
»Ich auch.«
Er konnte nicht glauben, dass sie das wirklich gesagt hatte, aber sie sah ihm direkt in die Augen.
Er hatte ihre Lippen die Worte formen sehen, und da sich seine Lenden mit flüssigem Feuer
füllten, wusste er, dass er nicht geträumt hatte.
Doch es kam noch besser.
Er rückte ein wenig näher, sie neigte den Kopf ein wenig, dann trafen sie sich irgendwo in der
Mitte der Bank. Nur Sekunden nach ihrem Eingeständnis hielt er sie an sich gepresst. Sie hatte die
Arme um seinen Nacken geschlungen, und sie küssten sich fieberhaft.
Ihr Mund war erwartungsvoll, aber schüchtern, was in Ordnung war, da Bowie selbst auch kein
erfahrener Küsser war. Er hatte nie eine Frau gehabt, und leichte Mädchen und Nutten ließen
meist den Teil mit dem Küssen aus. So lernten er und Janellen etwas voneinander, und als seine
Zunge schließlich zwischen ihre Lippen glitt und sich mit ihrer vereinte, stöhnten sie beide
angenehm überrascht auf.
War ihr Mund tatsächlich süßer als der anderer Frauen, oder lag es daran, dass er zum ersten Mal
einen Zungenkuss mit echtem Gefühl tauschte und nicht als hastige Eröffnung zum Fick?
Er fuhr mit der Hand zu ihrer Taille und drückte sie sanft. Ein weiterer kleiner Schauer
durchfuhr sie. Gott, war das aufregend. Er wollte diese Schauer aus ihrer Brust aufsteigen spüren,
ihren Hals hinauf, zu ihrem Mund. Doch natürlich versuchte er nichts dergleichen.
Irgendwann legte sie den Kopf zurück und sah ihn heftig blinzelnd an. Sie war beschämt. Ihre
Wangen waren gerötet. Ihr Atem ging schnell und flach. Sie gab ein atemloses kleines Lachen von
sich.
»Ich werde jetzt besser gehen, sonst komme ich noch zu spät zum Essen. Key würde bestimmt
nach mir suchen.«
Er rückte wieder hinters Lenkrad. »Schon klar.«
»Bis morgen früh dann.«
Es lag ein Hauch von Unsicherheit in ihrem Gruß. »In aller Frische.« Er rang sich ein Lächeln
ab, obwohl sein Schwanz wie wahnsinnig pochte.
Sie öffnete die Tür und wollte bereits aussteigen, als sie sich noch einmal umdrehte und leise
sagte: »Ich liebe dich, Bowie.«
Dann knallte sie die Tür des Trucks zu, lief zu ihrem Wagen, stieg ein und rauschte davon.
Bowie starrte in die Staubwolke, bis sie sich gelegt hatte. Und selbst danach noch blieb er hinter
dem Steuer seines Trucks hocken, sah durch die insektenverklebte und ölverschmierte
Windschutzscheibe, unfähig, sich zu bewegen, wie gelähmt von ihrem Abschiedsgruß.
Na ja, dachte er, das erklärt wenigstens diesen Kuss. Ganz klar, Janellen Tackett war nicht ganz
richtig im Kopf. Völlig wahnsinnig war sie.
Noch nie hatte jemand ihn, Bowie Cato, geliebt.
Kapitel 14

»Sind Sie wach?«


»Jetzt ja.« Laras Wecker auf dem Nachttisch zeigte 2:03 Uhr an. »Wer spricht denn da?«
»Key Tackett.«
Sie stöhnte, ließ den Kopf in das Kissen sinken und hätte fast den Hörer aus der Hand fallen
lassen. »Ist das etwa schon wieder einer Ihrer Notfälle?«
»Ja.«
Als sie die Anspannung in seiner Stimme vernahm, war Lara schlagartig hellwach. Das war kein
Getue. Sie setzte sich auf und knipste die Nachttischlampe an. »Was ist los?«
»Kennen Sie den Highway, den alle nur die Alte-Ballard-Straße nennen?«
»Ich weiß, wo das ist.«
»Fahren Sie hinter der Dairy Queen ungefähr zwei Meilen weiter in Richtung Süden. Dann
kommt rechts eine Ausfahrt. An einer alten Windmühle. Sie können es nicht verpassen. Nach ein
paar Hundert Metern kommen Sie links an ein Farmhaus. Mein Lincoln steht vor dem Haus.
Bringen Sie Ihren Kram mit.«
»Welchen Kram?«
»Ihren Arztkoffer. Und beeilen Sie sich.«
»Aber … «
Er hatte eingehängt. Sie schlug die Decke zurück und schwang sich aus dem Bett. Auf Notrufe
wie diesen reagierte sie instinktiv. Sie verharrte nicht, um in sich hineinzuhorchen, ob es ratsam
war, Keys Anruf zu folgen, bis sie bereits den dunklen verlassenen Highway entlangraste. Wenn
die Tacketts sie wirklich unbedingt loswerden wollten, was wäre dann geeigneter als ein
vorgetäuschter Notruf, der sie mitten in der Nacht an einen Ort lockte, von dem sie nie
wiederkehren würde?
Sie hatte sich die nächstbesten Kleider übergeworfen und war in ein Paar Turnschuhe gestiegen.
In der Praxis hatte sie dann die Tasche mit der Grundausstattung für einen – aber sicherlich nicht
jeden – Notfall aufgefüllt.
Durchaus möglich, dass sie in eine Falle tappte, aber sie konnte den Anruf unmöglich ignorieren.
Und so merkwürdig es auch war – sie hatte das bestimmte Gefühl, dass die Dringlichkeit in Keys
Stimme echt war.
Sie sah die Windmühle erst, als sie vorbeigerast war, und die enge unmarkierte Abzweigung
hätte sie niemals entdeckt, wenn Key sie ihr nicht beschrieben hätte. Also setzte sie zurück und
bog scharf ein. Augenblicke später erfassten ihre Scheinwerfer die Umrisse eines Farmhauses. Keys
gelber Lincoln stand tatsächlich vor dem Haus. Sie parkte gleich daneben, schnappte sich die
Tasche und stieg aus.
Die Hunde drehten völlig durch.
Key hatte ihre Ankunft vom Wohnzimmerfenster aus beobachtet. Kaum war sie vorgefahren,
öffnete er ihr die Tür. Nur leider nicht schnell genug, um die Jagdhunde zurückzuhalten, die aus
allen Richtungen kläffend auf Lara zuschossen. Sie veranstalteten ein Höllenspektakel.
Lara sprang auf die Motorhaube ihres Wagens und trat um sich, um die bellenden Angreifer
abzuwehren. Key ließ einen schrillen Pfiff ertönen, der dem Gekläffe ein abruptes Ende bereitete.
Einige der Hunde winselten, als sie zurück in ihre Verstecke schlichen.
»Mein Gott! Die hätten mich ja fast zerrissen!«
»Sie sind weg. Kommen Sie, schnell!« Er stieß die Fliegentür auf. Lara glitt vorsichtig von der
Kühlerhaube. Aus dem Dunkel ertönte ein bedrohliches Knurren, doch als Key »Aus!« befahl,
verstummte es wieder.
Sie kam beschleunigten Schrittes zur Veranda. »Wessen Haus ist das? Wieso haben Sie mich
gerufen?«
»Helen hat ihr Baby verloren.«
Lara blieb stehen und musterte ihn eindringlich. Er bedeutete ihr mit einem schroffen
Kopfnicken einzutreten. Als sie in das erleuchtete Wohnzimmer kamen, fiel ihm auf, dass Lara
nicht geschminkt war. Sie hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, sich das Haar zu bürsten.
Es war noch vom Schlaf ganz zerzaust und erinnerte ihn an das erste Mal, als er sie gesehen hatte.
Damals hatte sie seinen Namen noch nicht gekannt. Sie hatte ihn ein paarmal angelächelt, selbst
bei der Androhung, die Schussverletzung dem Sheriff zu melden. Heute lächelte sie nicht. Ihre
Miene verhieß nichts Gutes.
»Wo ist sie?«
»Hier hinten.«
»Wann hat sie bemerkt, dass sie blutet?«
»Es bemerkt? Sie war halb verblutet, als ich eintraf.«
Er führte sie durch einen langen, engen Korridor. Die Wände waren mit Familienfotos
dekoriert. Manche von ihnen waren bereits leicht vergilbt. Das neueste Foto war von Helen bei
der Abschlussfeier.
Key wich zur Seite, ließ Lara in das Zimmer eintreten, wo Helen in einem schmalen Bett lag,
einen Teddy im Arm, und leise weinte.
»Helen? Die Ärztin ist da.« Er trat zu ihr ans Bett und nahm ihre Hand. Sie war schlaff und kalt.
Er rieb sie zwischen seinen Händen.
Er wusste nicht, was schlimmer war, ihre jetzige Apathie oder ihr hysterisches Benehmen von
vorhin. Sie hatte ihn in der Palme angerufen. »Ist ’ne Frau dran«, hatte Hap gesagt, »meint, deine
Schwester hätte ihr gesagt, du wärst hier zu erreichen. Klingt, als wäre sie ziemlich runter mit den
Nerven.«
Eine schwere Untertreibung. Er hatte über den Lärm in der Bar kaum etwas von dem verstehen
können, was sie sagte, aber ihre Panik kam deutlich genug herüber. Als er eintraf und in ihr
Zimmer stürmte, sah er als Erstes die große Menge dunklen Blutes auf den Laken. Daraufhin hatte
er sofort Lara Mallory benachrichtigt.
»Hallo, Helen«, sagte er jetzt, beugte sich zu ihr herunter und legte ihr zärtlich die Hand auf die
Stirn. »Es wird alles wieder gut, verstehst du mich? Ich werde schon dafür sorgen.«
Er verhielt sich wie ein Gentleman, aber Helen kaufte es ihm nicht ab. »Ich habe mein Baby
verloren.«
»Ganz sicher?«
Helen nickte, richtete den Blick auf etwas hinten im Zimmer. Lara folgte der Bewegung und
sah einen Stapel vollgebluteter Laken, die Key abgezogen und in die Ecke gelegt hatte. Lara
wandte sich ihm zu. »Key, würden Sie uns bitte entschuldigen.«
Er drückte Helens Hand. »Sei tapfer, Kleines. Ich bin im Wohnzimmer, wenn du mich
brauchst.«
»Danke, Key.«
Er zog sich aus dem Zimmer zurück. Als er die Tür schloss, legte Lara Helen den
Blutdruckmesser an. Im Wohnzimmer stellte sich Key ans Panoramafenster und starrte in die
Nacht. Die Sterne funkelten hoch über den Lichtern der Stadt. Er war immer wieder überrascht,
wie viele es waren. Das war einer der Gründe, weshalb er das Fliegen bei Nacht so liebte. Nur
dann konnte man die Unendlichkeit des Himmels und den tiefen Frieden wirklich spüren.
Und nichts wünschte er sich mehr, als jetzt dort oben sein zu können.
Einer der Jagdhunde auf der Veranda erhob sich, soff Wasser aus der Schüssel, gähnte ausgiebig,
ließ den Kopf wieder auf die Pfoten sinken und schlief ein. Ein Nachtvogel rief klagend. Ab und
an gaben die alten Balken in den Wänden ein Knarren und Ächzen von sich. Sonst war es still im
Haus.
Er fragte sich, was dort im Zimmer vor sich gehen mochte. Wie lange brauchte Dr. Mallory für
das, was immer sie dort tat? Die Zeit wollte nicht vergehen. Als sich die Tür endlich öffnete,
drehte er sich um und lief fast den Flur hinunter. Sie trafen sich auf der Mitte. Laras Hände
steckten in Operationshandschuhen, und sie trug die blutigen Laken auf dem Arm.
»Es stört sie, sie anzusehen. Die müssen eingeweicht werden.«
Key führte sie auf eine Art überdachte Veranda, die die gesamte Rückseite des Hauses einnahm.
Dort befand sich auch ein Waschbecken, in das Lara die Laken legte und kaltes Wasser drüber
laufen ließ. »Sie kennen sich ja anscheinend ziemlich gut hier aus.«
»Helens Daddy ist einer der besten Jäger in der Gegend. Ich bin als Junge zigmal mit ihm auf
Jagd gegangen.«
»Deshalb wissen Sie auch, wie man die Hunde zurückpfeift.«
»Ja. Hier haben wir uns immer gewaschen, nachdem wir die Beute zerlegt hatten.« Er deutete
mit dem Kinn auf das Becken, in dem sich das Wasser rosa gefärbt hatte.
Der Anblick von Blut hatte ihm nie etwas ausgemacht. Er hatte entsetzliche Verletzungen im
Krieg gesehen und Männer, denen nach einem Brand an den Bohrlöchern das Fleisch von den
Knochen geschmolzen war, sogar schon den abgetrennten Kopf einer Muslimin, die beim
Fremdgehen erwischt worden war. Er glaubte, einen stählernen Magen zu haben, was die
Auswirkungen der Gewalt betraf, und dass es nichts gab, was ihm Übelkeit verursachen könnte.
Er hatte sich geirrt. Der Anblick dieses Blutes machte ihm sehr wohl etwas aus. Er fuhr sich mit
der Hand übers Gesicht und wandte den Blick von dem Becken ab.
»Ich hab die Austreibung untersucht«, sagte Lara, als könnte sie seine Gedanken lesen. »Sie hat
das Kind verloren.«
Er nickte.
»Wo sind ihre Eltern?«
»Die sind mit den jüngeren Geschwistern auf einem Ausflug nach Astroworld«, antwortete er
mechanisch, während er zusah, wie sich Lara die Operationshandschuhe abstreifte. »Helen fühlte
sich nicht gut und wollte hierbleiben. Zum Glück. Sie hatte ihnen noch nichts von dem Baby
gesagt. Stellen Sie sich vor, das wäre irgendwo unterwegs passiert und nicht zu Hause im Bett.
Gott«, fügte er sich grausend hinzu, »nicht auszudenken.«
»Außerdem, je weniger Leute es wissen, desto besser, oder? Besonders für Sie. Sie sind jetzt aus
dem Schneider, sehen Sie’s doch mal so.«
Obwohl es ihn den Rest seiner Willenskraft kostete, erwiderte er nichts auf diese Beleidigung.
Als das Becken voll war, drehte Lara den Hahn zu. »Ich habe Helen eine Injektion verabreicht,
um die Blutung zu stillen, und ein Sedativum gegeben, damit sie schlafen kann. Morgen früh
kann sie in die Praxis kommen, dann werde ich eine Ausschabung vornehmen.«
»Gut. Ihre Familie wird vor morgen Abend nicht zurück sein.«
»Bis dahin ist sie wieder zu Hause. Ich muss ihr allerdings einige Tage Bettruhe verordnen. Sie
kann ja sagen, sie hätte schlimme Krämpfe, was leider auch der Wahrheit entspricht.« Nach einer
wirkungsvollen Pause fügte sie hinzu: »Ich empfehle auch dringend, in den kommenden Wochen
von Geschlechtsverkehr abzusehen. Sie werden sich für Ihre Vergnügungen also jemand anderen
suchen müssen.«
Sein Blick bohrte sich in ihren. Um ihr die Gemeinheit mit gleicher Münze heimzuzahlen,
fragte er: »Hätten Sie da eine Idee?«
Erst als die Hunde draußen erneut anschlugen, lösten sich ihre Blicke. Eine Wagentür schlug zu.
Dann waren eilige Schritte auf der Veranda zu hören.
»Helen?«
Key ging an Lara vorbei zum Wohnzimmer, wo Jimmy Bradley stand und sich unsicher
umschaute.
»Key?«, rief er. »Was machst du denn hier? Ich war mit ein paar Jungs drüben in Longview, wir
haben ’ne Sause gemacht. Als ich nach Hause kam, hat mein Bruder mir gesagt, dass du angerufen
hast und ich gleich herkommen soll. Was ist passiert? Wo sind denn alle hin? Wo ist Helen?«
»Sie ist in ihrem Zimmer.«
Lara kam ins Zimmer, und Jimmy warf ihr einen verdutzten Blick zu, dann wandte er sich Key
zu: »Was ist hier los?«
»Das ist Dr. Mallory.«
»Eine Ärztin? Wegen Helen?«, fragte er besorgt.
Key legte dem jungen Mann eine Hand auf die breite Schulter. »Helen hatte heute Abend eine
Fehlgeburt, Jimmy.«
»Eine Fehl…« Er schluckte heftig, sah von Lara zu Key. »Großer Gott.« Er machte sich von Key
los, lief den Flur hinunter und stürmte in Helens Zimmer. »Helen!«
»Jimmy? O Jimmy, es tut mir so leid!«
Key sah zu Lara. Sie starrte ihn an, aschfahl, den Mund offen vor Staunen. »Ich enttäusche Sie
nur ungern«, sagte er trocken, »aber das Baby war nicht von mir. Helen hat sich an mich gewandt,
weil sie wusste, dass sie mir vertrauen kann.«
Er gönnte sich nur einen winzigen Moment der Genugtuung, dann machte er abrupt auf dem
Absatz kehrt und folgte Jimmy in Helens Zimmer. Jimmy hockte auf der Bettkante, drückte
Helen an sich und strich ihr sanft über Rücken und Haar. Beide weinten.
»Warum hast du mir nichts gesagt, Helen? Warum nicht?«
»Weil ich Angst hatte, du würdest dein Stipendium aufgeben. Ich wollte nicht, dass du dich
wegen mir und dem Baby angebunden fühlst.«
»Liebes, solange ich einen verdammten Football tragen kann, nimmt man mich überall an.
Diesem College ist es egal, ob ich sechs Kinder und eine Frau habe. Du hättest es mir sagen
sollen. Stattdessen bist du ganz allein durch diese Hölle gegangen.«
»Key hat mir geholfen.« Sie schniefte. »Ich weiß, wie sehr du Key achtest, deshalb bin ich zu
ihm gegangen, als ich nicht mehr weiterwusste. Er hat mich beschworen, es dir zu sagen, aber er
hat auch versprochen, mein Geheimnis zu hüten.«
»Ich fand, es wäre nicht richtig gewesen, es weiter geheim zu halten, Helen«, sagte Key von der
Tür aus. »Ich fand, Jimmy hat ein Recht, es zu wissen, deshalb habe ich ihn vorhin angerufen.«
»Ich bin froh, dass du es getan hast«, meinte Jimmy inbrünstig.
»Jetzt bin ich’s auch«, sagte Helen leise und schmiegte sich an seine Brust. »Ich habe dich so sehr
vermisst.«
»Ich dich auch. Als du mit mir Schluss gemacht hast, war ich tagelang total fertig. Ich konnte mir
einfach nicht vorstellen, wieso du mich plötzlich nicht mehr liebst.«
»Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Und das werde ich auch nie. Gerade weil ich dich so
furchtbar liebe, wollte ich dir ja nicht zur Last fallen und schuld daran sein, dass du deine Chance
nicht wahrnimmst.«
»Als könntest du mir je zur Last fallen. Du bist ein Teil von mir, Helen. Weißt du das denn
noch immer nicht?« Jimmy beugte sich zu ihr und küsste sie sanft auf den Mund. Dann flüsterte
er: »Es tut mir leid wegen unserem Baby.«
Als Helen wieder anfing zu weinen, wusste Key, dass er die Liebenden mit ihrem Kummer und
auch ihrem Trost allein lassen konnte. Er holte nur noch schnell Laras schwarze Tasche aus dem
Zimmer.
»Kümmere dich um die Sachen hinten auf der Veranda, bevor ihre Eltern morgen
zurückkommen«, sagte Key zu Jimmy. »Und bring Helen morgen früh in Dr. Mallorys Praxis. Es
wird niemand davon erfahren.«
Der junge Mann nickte. »Danke, Key. Du bist ein echter Freund.« Key hauchte sich einen Kuss
auf die Fingerspitzen und drückte ihn Helen auf die Stirn. Dann verließ er das Zimmer.
Er fand Lara im Wohnzimmer, sie saß auf dem Sofa, die Ellenbogen umklammernd. Sie sah ihn
vorwurfsvoll an. »Das hätten Sie mir sagen können.«
»Und Ihnen damit den ganzen Spaß verderben? Denken Sie nur an die vielen schönen Stunden,
in denen Sie mich hassen konnten.«
»Es tut mir leid.«
Mit einem Mal fühlte er sich schrecklich müde und hatte keine Lust mehr, die Sache weiter
auszuwalzen. Jedes Mal wenn sie sich trafen, gingen sie sich an die Kehle. Die Ereignisse heute
Abend hatten ihn erschöpft; ihm fehlte die Kraft zum Streiten. »Vergessen Sie’s.«
Sie stand auf und griff nach ihrer Tasche. Er gab sie ihr. Schwer wie ein Gewicht hing sie an
ihrem Arm. »Sind Sie okay?«, fragte er. »Sie sehen nicht gerade munter aus.« Sie wirkte erschöpft,
ausgezehrt und kraftlos. »Sie sind ganz blass.«
»Kein Wunder. Sie haben mich aus dem Tiefschlaf geholt. Ich hatte nicht einmal Zeit, Rouge
aufzutragen.« Sie ging zur Tür. »Kann ich hier raus, ohne von diesen Bestien zerfleischt zu
werden?«
Key sicherte den Eingang, und sie verließen gemeinsam das Haus. Die Hunde erhoben sich, aber
Key raunzte sie an, gefälligst da zu bleiben, wo sie waren. Als Lara endlich in ihrem Wagen saß,
legte sie die Stirn auf das Steuer.
»Sind Sie auch bestimmt okay?«
»Nur müde.« Sie langte nach dem Türgriff, und Key trat beiseite, damit sie die Wagentür
schließen konnte. Dann sah er ihr nach, wie sie davonfuhr. Er stieg in sein Zuhälter-Mobil und
folgte ihr. Sie fuhr langsam, als hätte sie es gerade eben erst gelernt.
An der Kreuzung überlegte er, ob er noch mal kurz in der Palme reinschauen sollte. Es war
schon spät. Jetzt würden nur noch die Besoffensten der Besoffenen dort sein. Ihm war nicht nach
sinnlosem Trinken. Aber er wollte auch noch nicht nach Hause fahren, wo ihn stets ein Gefühl
der Beklemmung überkam.
Die Rücklichter von Laras Wagen verschwanden hinter einem Hügel. »Ach, zum Teufel«,
murmelte er, als er den Lincoln wendete.
Sie hatte trotz ihrer Widerworte wirklich nicht gut ausgesehen. Er trug die Verantwortung:
Schließlich hatte er sie so spät in der Nacht aus dem Bett geholt. Das Mindeste, was er tun
konnte, war ihr zu folgen und zu sehen, dass sie heil zu Hause ankam.
Lara hatte die Scheinwerfer in ihrem Rückspiegel nicht bemerkt. Sie war vollkommen überrascht,
als der Lincoln in die Auffahrt einbog, während sie gerade dabei war, die Praxistür aufzuschließen.
»Ich habe geschlossen!«, rief sie. Key kam unbeirrt hinter ihr die Stufen hoch. »Was wollen Sie
jetzt noch? Warum können Sie mich nicht in Ruhe lassen?«
Ihre Stimme wurde zunehmend brüchig. Wenn sie die Schwäche bemerkte, dann tat Key es erst
recht. Die Tränen, die sie auf der ganzen Rückfahrt so tapfer zurückgehalten hatte, stiegen ihr
nun in die Augen.
Sie kehrte ihm den Rücken zu und steckte den Schlüssel ins Schloss. Sie versuchte es zumindest,
aber ihr Blick war verschwommen, und ihre Hände zitterten.
Key griff um sie herum. »Lassen Sie mich das machen.«
»Gehen Sie endlich!«
Er nahm ihr den Schlüssel aus der Hand und drehte ihn im Schloss. Die Tür schwang auf, und
der Alarm ging los. Er ging ihr voraus zum Schalter.
»Wie lautet der Code?«
Sie wollte ihm sagen, er solle sich zur Hölle scheren, und ihn mit Gewalt rausdrängen, aber ihr
fehlte zu beidem die Kraft. »Vier-null-vier-fünf.« Er drückte die Zahlen, und der Alarm
verstummte. »Es wird Ihnen nichts nützen, den Code zu kennen«, sagte sie trotzig. »Ich werde
gleich morgen die Zahlen ändern.«
»Wo ist Ihre Kaffeemaschine?«
»In der Küche. Wieso?«
»Weil Sie wie ein Häufchen Elend aussehen, so als würden Sie jeden Moment
zusammenklappen. Eine starke Tasse Kaffee könnte helfen, was immer auch Sie bedrücken mag.«
»Sie sind es, der mich bedrückt. Lassen Sie mich in Ruhe, und alles ist bestens. Kapieren Sie das
nicht? Bitte! Es ist ganz einfach. Gehen Sie.«
Sie wollte auf keinen Fall vor seinen Augen zusammenbrechen, doch die Wahl ergab sich nicht
mehr. Ihre Stimme brach bei den letzten beiden Worten. Sie hob die Hand, um zur Tür zu
deuten, führte sie stattdessen an den Mund, um einen Schluchzer zu ersticken, während ihre Knie
langsam nachgaben. Sie sank in den nächstbesten Stuhl. Die Tränen strömten ihr über die
Wangen. Ihre Schultern fingen an zu beben. Trotz all ihrer Bemühungen konnte sie die
erschütternden Schluchzer nicht länger unterdrücken.
Sie legte den Arm auf die Stuhllehne, grub das Gesicht in die Beuge des Ellenbogens und gab
ihrem emotionalen Ausbruch nach. Ihr Stolz fiel von ihr ab. Kummer, Bitterkeit und Schmerz
hatten sich ihren Weg an die Oberfläche gebahnt und wollten sich nach so langer Zeit der
Unterdrückung nicht wieder verdrängen lassen.
Für Key sprach, dass er nicht durch Fragen oder leere Phrasen einzugreifen versuchte. Das Licht
war noch gelöscht, und die Dunkelheit bot ein wenig Trost. Lara weinte, bis ihr der Kopf
schmerzte. Dann blieb sie noch eine Weile sitzen, um die Nachwirkung des heftigen Anfalls
aufzufangen. Sie erschauerte noch ab und an, doch nicht mehr so tief, dass ein weiterer
Gefühlsausbruch folgte.
Schließlich hob sie den Kopf, in Erwartung, Key schadenfroh vor ihr stehen zu sehen. Doch sie
war allein. Nur von der Küche fiel ein fahler Lichtschein auf den Flur. Geschwächt rappelte sie
sich auf und ging in die Küche.
Er stand mit dem Rücken an den Herd gelehnt. Lediglich die kleine Lampe an der Abzugshaube
brannte. Sein Gesicht lag im Schatten, während er an einer dampfenden Tasse Kaffee nippte. Er
hatte ihren Brandy entdeckt. Die Flasche stand geöffnet auf der Anrichte. Sie konnte sein
durchdringendes Aroma unter dem des frischen Kaffees wahrnehmen.
Als er Lara bemerkte, fragte er mit einem Nicken auf die Kaffeemaschine: »Soll ich Ihnen eine
Tasse einschenken?«
»Nein, danke. Es geht schon.« Ihre Stimme war ganz rau von den vielen Tränen. Es
verunsicherte sie, dass er sich in ihrem Revier aufhielt und in den frühen Morgenstunden in ihrer
Küche herumwerkelte. Key Tackett, ihr erklärter Feind, hatte mit ihren Dingen hantiert und bot
ihr jetzt auch noch in ihrer eigenen Küche an, ihr Kaffee einzuschenken.
»Wieder besser?«
Sie lauschte auf Sarkasmus in seiner scheinbar harmlosen Frage, entdeckte aber keinen. Mit
einem Nicken trug sie ihre Tasse zum Küchentisch und setzte sich. Sie nahm einen Schluck. Der
Kaffee war stark und aromatisch, so wie nur ein Mann ihn aufbrühen würde. »Sie können jetzt
ruhig gehen. Ich bin nicht masochistisch veranlagt.«
Er ignorierte ihre Worte einfach, stieß sich vom Herd ab und setzte sich, den Brandy in der
Hand, ihr gegenüber an den Tisch. Er schüttete ihr einen reichlichen Schluck davon in die Tasse.
Sie ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. Seine Finger glitten an der glasierten Oberfläche
der Tasse auf und ab. Sie fürchtete, hypnotisiert zu werden, wenn sie noch länger hinsah.
»Und was war der Grund für den Zusammenbruch?«
Unsicher strich sie sich das Haar hinters Ohr. »Das geht Sie nun wirklich nichts an, oder?«
Er ließ den Kopf sinken und fluchte.
Sein Haar wuchs in wilden Wirbeln, die selbst für den begnadetsten Friseur eine
Herausforderung dargestellt hätten. Wahrscheinlich trug er es deshalb länger und kaum gestylt.
Er sah wütend aus, als er das Kinn wieder hob. »Sie weigern sich einfach, mir zuzugestehen, dass
ich auch ein ganz netter Kerl sein kann, was?«
»Sie sind kein netter Kerl.«
»Vielleicht nicht. Aber ich kann mich ändern.« Sie bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick,
was ihn noch wütender machte. »Begraben Sie das Kriegsbeil dieses eine Mal, okay? Und –
können Sie nicht einmal meinen Nachnamen vergessen? Nur für den Moment? Ich verspreche,
ich werde Ihren auch vergessen. Abgemacht?« Er sah ihr in die Augen, bis sie den Blick senkte.
Das als Zugeständnis wertend, sagte er: »Danke für das, was Sie heute Abend getan haben. Ich
wusste in dem Moment, als ich sah, in welchem Zustand Helen physisch und psychisch war, dass
ich das nicht allein schaffen konnte. Es war wie eine Szene aus der Hölle, und Sie haben die
Situation wirklich profimäßig gemanagt. Sie waren … phantastisch.«
Wieder suchte Lara nach Sarkasmus, doch da war keiner. Sie wusste, dass es ihm schwerfallen
musste, das zu sagen. Es wäre kindisch gewesen, das Kompliment nicht anzunehmen. »Danke.«
Dann, mit einem gekünstelten Lachen, fügte sie hinzu: »Schon komisch. In Notsituationen
reagiere ich immer perfekt. Ich breche nie unter dem Druck zusammen. Immer erst hinterher.«
Es kam ihr sehr lange vor, bis er endlich etwas darauf entgegnete. Als er schließlich sprach, hatte
sein Ton etwas Vertrauenerweckendes. »Wieso haben Sie geweint, Lara?«
Sie spürte, dass sie nicht nur auf seinen Ton reagierte, sondern auch darauf, dass er sie mit
Vornamen ansprach. Trotzdem zögerte sie noch, aus Angst, ihre Seele vor ihm zu entblößen.
Aber was machte das jetzt noch? Er hatte sie bereits zusammenbrechen sehen.
Ihr Hals schmerzte vom vielen Weinen. Sie räusperte sich, bevor sie sprechen konnte. »Wegen
meiner Tochter. Deshalb.«
»Das dachte ich mir. Und weiter?«
Sie warf den Kopf zurück und drehte ihn nach rechts und links. »Manchmal, wenn es bei einem
Notfall um ein Kind geht, kehrt dieser Alptraum zurück. Und Ashley stirbt noch einmal.« Sie
schniefte und nahm ein Papiertuch aus dem Spender auf dem Tisch.
»Und dann waren es gleich zwei innerhalb von ein paar Tagen. Erst Letty Leonard und jetzt
Helens Fötus. Zu wissen, dass dieses winzige, hilflose, unschuldige Leben ohne jeden Sinn
verloren ist …« Sie zuckte mit den Achseln. »Es geht mir jedes Mal so nahe. So tief.« Sie nahm
einen Schluck aus der Tasse, die sich so furchtbar schwer in ihrer zitternden Hand anfühlte. Der
Brandy war eine gute Idee gewesen. Er wärmte sie durch und durch.
»Erzählen Sie mir von ihr.«
»Von wem? Ashley?«
»Hübscher Name.«
»Sie war auch sehr hübsch.« Sie lachte leise, verschämt. »Ich weiß, jede Mutter sagt das von
ihrem Kind. Aber Ashley war hübsch. Vom Tag ihrer Geburt an. Blond, blauäugig, wie ein
kleiner Engel. Sie hatte ein vollkommenes, rundes Gesicht und rosige Wangen. Ein wirklich
schönes Kind. Und sie war so lieb. So zufrieden. Sie weinte nicht viel, selbst in den ersten
Monaten nicht. Sie besaß eine außergewöhnlich fröhliche Natur. Ihr Lächeln war wie
Sonnenschein. Das fiel sogar Fremden auf. Sie … strahlte. Ja, sie strahlte«, sagte sie nachdenklich.
»Sie schien auf der Welt zu sein, um die Menschen glücklich zu machen. Sie war wie ein Licht,
wenn sie irgendwo hinkam. Für mich und mein Leben war sie wirklich der Sonnenschein.« Ihr
Kaffee wurde langsam kalt. Sie faltete die Hände um den Becher, in einer hilflosen Geste, um die
Wärme zu bewahren. »Bis zu ihrer Geburt war ich sehr unglücklich. Randalls Arbeit raubte ihm
seine gesamte Konzentration und Zeit. Montesangrines ist ein furchtbares Land. Ich hasse es.
Alles. Das Klima, das Land, die Menschen. Dort in der Verbannung leben zu müssen war die
schlimmste Zeit meines Lebens. Jedenfalls dachte ich das damals. Ich wusste nicht, was wirkliche
Verzweiflung ist, bis ich mein Kind verlor.«
Sie hielt inne, kämpfte gegen eine neue Welle der Verzweiflung an, schluckte sie mit
Anstrengung herunter, hielt sie förmlich mit der vor den Mund gepressten Faust zurück. Als sie
das Gefühl hatte, es sei wieder sicher zu sprechen, räusperte sie sich und fuhr fort: »Ashley machte
selbst diesen schrecklichen Ort erträglich. Wenn ich sie stillte, war es für mich genauso
befriedigend wie für sie, und noch Wochen nachdem ich damit aufgehört hatte, schmerzte es mir
in der Brust.« Sie bedeckte ihre Brüste mit den Händen, durchlebte noch einmal das Gefühl der
Nutzlosigkeit, der Reue. Dann wurde sie sich ihres Körpers bewusst, ließ die Hände sinken und
sah Key an. Er saß völlig reglos da, sah sie an und hörte ihr zu. »Und dann starb sie.«
»Sie starb nicht. Sie wurde getötet.«
Sie nippte an ihrem Kaffee, doch der war inzwischen kalt geworden, so dass sie die Tasse von
sich schob. »Das stimmt. Da besteht ein Unterschied, nicht wahr?«
»Ganz sicher sogar.«
Sie wartete darauf, dass er noch mehr sagte, aber er schwieg. »Was wollen Sie? Einen
detaillierten Bericht?«
»Nein«, entgegnete er leise. »Ich glaube, Sie wollen das.«
Es lag ihr auf der Zunge, ihn zum Teufel zu schicken, aber die Worte blieben unausgesprochen.
Sie hatte nicht genug Kraft für Gegenwehr. Abgesehen davon konnte er sogar recht haben.
Vielleicht wollte sie sich tatsächlich alles einmal von der Seele reden.
»Wir waren auf dem Weg zu einer Party«, begann sie. »Ein einheimischer wohlhabender
Geschäftsmann gab eine Geburtstagsparty für eines seiner sieben Kinder. Ich wollte nicht fahren.
Ich wusste, dass es eine protzige Angelegenheit werden würde, bei der die reichen
Montesangriner derart mit ihrem Vermögen angaben, dass man fast geneigt war, Sympathie für
Rebellen zu entwickeln. Wie dem auch sei, Randall bestand jedenfalls darauf, dass wir mitkamen,
weil der Gastgeber ein sehr einflussreicher Mann war. Ich zog Ashley ein neues Kleid an. Gelb.
Ihre Farbe. Ich band ihr eine gelbe Schleife ins Haar, oben am Scheitel, wo die Locken ganz dicht
waren.« Sie berührte das eigene Haar, um es zu demonstrieren.
»Randall hatte jemanden von den Botschaftsangestellten als Fahrer angeheuert. Er fand, es
machte mehr Eindruck, wenn wir mit einem Chauffeur vorführen. Ashley und ich saßen im
Fond. Wir spielten und sangen. Der Wagen näherte sich einer belebten Kreuzung. Ashley lachte
und quietschte. Sie war glücklich.«
Lara konnte nicht weiter. Sie stützte die Stirn auf die Handflächen und kniff die brennenden
Augen zu. Nach einer Weile zwang sie sich fortzufahren.
»Der Fahrer hielt an der Ampel. Plötzlich war der Wagen von maskierten Guerilleros umringt.
Ich registrierte das alles damals kaum. Es ging so schnell. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass etwas
nicht stimmte, bis der Fahrer plötzlich über dem Steuer zusammensackte. Man hatte ihn in den
Kopf geschossen. Die zweite Kugel zertrümmerte die Windschutzscheibe. Sie traf Randall.
Die dritte war ebenfalls für ihn gedacht, aber er war zur Seite gesunken. Stattdessen wurde
Ashley getroffen. Hier.« Sie berührte die Seite ihres Halses. »Ihr Blut spritzte mir über die Brust
und das Gesicht. Ich schrie und warf mich über sie, um sie zu schützen. Dabei wurde ich
getroffen. An der Schulter. Ich spürte es nicht einmal.«
Sie legte eine Pause ein und starrte ins Leere. Es war anstrengend fortzufahren, aber sie wusste,
dass ein Heilungsprozess immer schmerzvoll war.
»Passanten fingen an zu schreien. Die Leute verließen ihre Autos und flüchteten in alle
Himmelsrichtungen. Sie waren sicher. Wir waren das Ziel der Rebellen. Drei von ihnen rissen
die Beifahrertür auf und zogen Randall heraus. Er schrie in Panik und vor Zorn. Ich glaube, einer
der Rebellen schlug ihm den Kolben seiner Pistole auf die Schläfe. Randall verlor das
Bewusstsein, bevor sie ihn in den bereitstehenden Truck zerrten. Ich habe das erst später alles in
den Zeitungen nachgelesen, nachdem sie ihn hingerichtet hatten. Zum Zeitpunkt des
Kidnappings wusste ich nichts von alldem. Ich wusste nur, dass mein Baby starb. Ich wusste es,
aber ich wollte es nicht wahrhaben«, fuhr sie mit belegter Stimme fort. »Ich schrie. Ich konnte die
Blutung nicht stoppen. Ich steckte meinen Finger in die Einschusswunde an ihrem Hals, um sie
zu stoppen. Das Militär traf innerhalb von Minuten nach dem Angriff ein. Aber ich war völlig
hysterisch. Sie mussten mir Ashley aus den Armen reißen. Sie zerrten mich zu einer Ambulanz.
Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich aufwachte,
war ich in einem Krankenhaus in Miami.« Sie merkte erst, dass ihr die Tränen das Gesicht
herabströmten, als sie ihre Mundwinkel erreichten. Sie leckte sie ab. »Der Überfall auf unseren
Wagen kennzeichnete sozusagen den Beginn der Revolution. Die Rebellen waren auf der
Geburtstagsparty. Sie richteten ein Blutbad an. Es gab nur wenig Überlebende, die davon
berichten konnten. Wir wären ohne Zweifel dort ermordet worden, wenn wir je angekommen
wären. Ich weiß nicht, warum sie uns auf der Straße abgefangen haben. Die Vereinigten Staaten
schlossen nach der Ermordung von Randall die Botschaft in Montesangrines – das, was davon
nach der Machtübernahme noch übrig war – und brachen alle diplomatischen Beziehungen zu
der neuen Regierung ab.
Nach der Hinrichtung schickten die Revolutionäre Randalls Leiche in die Staaten. Es war eher
eine Geste der Verachtung als der Achtung, denn sie übersandten dem Staatssekretär auch Fotos
von ihren blutrünstigen Einheiten. Ashleys Überreste haben sie nicht überführt. Keine Fotos von
ihrer Leiche, keine von ihrem Sarg. Keine Sterbeurkunde. Nichts. Sie ignorierten sämtliche
Forderungen Washingtons auf weitere Informationen oder Freigabe ihrer Leiche. Nach einer
Weile verlor man in Washington das Interesse und stellte die Anfragen ein. Ich habe nicht
aufgegeben, aber soweit es die Regierung betrifft, ist der Fall abgeschlossen. O Gott!« Sie schlug
die Hände vor das Gesicht. »Mein Baby ist immer noch da unten. Ich werde sie nie wieder
berühren können. Sie nie ein letztes Mal anschauen oder ihr einen Abschiedskuss geben können.
Sie ist irgendwo da unten in diesem verdammten Land. Diesem …«
»Nicht, Lara.« Er war sofort bei ihr, strich ihr das Haar aus dem Gesicht. »Sie haben ja recht. Es
ist ein gottverdammter Alptraum, aber für Ashley war es in einer Sekunde vorbei. Sie hat keinen
Schmerz gespürt oder gelitten.«
»Stimmt, der Schmerz blieb mir allein. Und dafür danke ich Gott. Aber manchmal tut es so
weh, dass ich glaube, ich halte es nicht aus. Es gibt einfach keine Erlösung.« Sie presste die Faust
auf ihre Brust. »Es tut so weh. Ich will mein Baby zurück.«
»Nicht, quälen Sie sich nicht so.« Er zog sie auf die Füße und nahm sie in den Arm.
Instinktiv grub sie die Finger in den Stoff seines Hemdes und legte die Wange an seine Brust.
»Ich werde es niemals vergessen. Aber an einiges habe ich einfach keine Erinnerung. Es ist wie bei
einem Film, aus dem Teile herausgeschnitten wurden, und ich habe Angst, sie könnten wichtig
sein. Ich möchte mich an diese fehlenden Stücke erinnern, aber mein Geist wehrt sich einfach
dagegen. Manchmal kann ich eine verlorene Erinnerung fast greifen, und dann entschlüpft sie mir
wieder. Als hätte ich Angst, sie zu fassen. Ja, als würde ich mich vor diesen Lücken fürchten.«
»Schhh … ist ja gut. Es ist vorbei, und du bist in Sicherheit.«
Er flüsterte die beruhigenden Worte an ihrem Haar, ehe sich seine Lippen zu ihren Brauen
tasteten. Lara wurde bewusst, wie gut es sich anfühlte, von jemandem gehalten zu werden, der
körperlich kräftiger war als sie. Es hätte niemanden gegeben, mit dem sie den Kummer hätte
teilen können. Auch ihre Eltern nicht, die ihr die ganze Schuld an dem, was geschehen war,
gaben – auch an Ashleys Tod. Ihre Freunde hatte sie schon verloren, als sie wegen ihrer Affäre
mit Clark Tackett in die Schlagzeilen geraten war. Sie hatte diese Bürde jahrelang ganz allein
getragen. Es war eine unerwartete Erleichterung, sich an jemanden anlehnen zu können und für
einen kurzen Augenblick einen Teil der erdrückenden Last abgeben zu können.
Key hob ihr Kinn mit den Fingerspitzen an und strich mit seinen Lippen über ihre. »Weine jetzt
nicht mehr, Lara.« Er hauchte die Worte gegen ihren Mund. »Es ist alles gut.« Wieder berührten
sich ihre Lippen. »Hör auf zu weinen.«
Dann küsste er sie. Es war ein tiefer, heißer, fragender Kuss.
Lara schloss die Augen. Sie wurde in einen Strudel flüssiger Hitze gerissen. Ihr Wille war
gebeugt, und ihr Verstand begab sich auf eine sinnliche Reise, bei der es keine Wahrnehmung
gab, außer diese Verbindung – Mund mit Mund, Zunge mit Zunge, Frau mit Mann. Es erfüllte
eine ursprüngliche Sehnsucht in ihr, von deren Existenz sie nicht einmal etwas geahnt hatte.
Sie reagierte instinktiv. Ihre Hände umklammerten ihn sehnsüchtig. Sie neigte sich leicht nach
hinten und wölbte ihm ihre Mitte entgegen. Eine rein weibliche Geste, ein stilles Flehen nach
Intimität.
Wie aus der Ferne hörte sie seine Stimme, sein leises Fluchen, während seine Hände von ihren
Schultern über ihren Rücken zu den Hüften wanderten und sie an ihn pressten.
Es war diese plötzlich schockierende Vertraulichkeit mit seinem Körper, vielleicht aber auch nur
ihr gesunder Menschenverstand, der sich wieder einstellte und sie aus dem sinnlichen Nebel in die
kalte klare Realität zurückversetzte.
Sie stieß sich von ihm ab und drehte ihm den Rücken zu. Halt suchend stützte sie sich auf die
Anrichte. Sie schöpfte ein paarmal tief Luft und versuchte verzweifelt das Verlangen zu
ignorieren, das sie durchströmte.
»Bring mich hin.«
Er sagte nichts.
Sie drehte sich zu ihm und sagte: »Bring mich hin. Ich muss wissen, was mit meinem Kind
geschehen ist. Ich habe nie eine Sterbeurkunde gesehen, niemals die Erde berührt, in der sie
begraben liegt. Irgendetwas … Greifbares gehabt.«
Seine Miene blieb ungerührt.
»Es ist essentiell für die Überlebenden, sich verabschieden zu können, den Teil des Lebens
abzuschließen. Aus diesem Grund haben wir Beerdigungen, Totenwachen, Trauergottesdienste.«
Er sagte noch immer nichts. »Verdammt, sag doch endlich was!«
»Du hast es ernst gemeint. Du willst wirklich noch mal dorthin zurück.«
»Ja. Und du wirst mich hinfliegen.«
Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Wieso sollte ich so etwas Dummes tun?«
»Weil du klug genug bist zu erkennen, dass ich im Recht bin. Clark hat Randall in voller
Absicht nach Montesangrines verbannen lassen. Mein Baby starb infolge von Clarks feigem
politischem Intrigenspiel.«
»Allerhöchstens ein Streitpunkt«, sagte er. »Und um deinem Anliegen größeren Nachdruck zu
verleihen, hast du dich zu ein paar fesselnden Küssen entschlossen, richtig?«
Die Hitze stieg ihr ins Gesicht. »Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun«, versetzte sie
schroff.
Er schnaubte verächtlich. »Wissen Sie was, Doc? Sie haben tatsächlich meine gesamten
Erwartungen erfüllt. Nein. Sie haben sie sogar noch übertroffen.« Er pfiff lang und leise und
wedelte mit der Hand, als hätte er sich verbrannt. »Ein kleiner Kuss, und du bist fällig, Baby.«
Er lachte verächtlich, während er sie von oben bis unten ansah. Dann ging er zur Tür. »Such dir
einen anderen Idioten. Ich werde den Teufel tun und in ein Kriegsgebiet fliegen. Und ich bin
ganz sicher nicht interessiert, die abgelegte Gespielin meines Bruders zu bumsen.«
Key war so wütend, dass es reinster Selbstmord war, sich hinters Steuer zu setzen. Trotzdem
donnerte er mit seinem Lincoln wie mit einem Panzer durch die Nacht. Er war wütend auf Lara,
aber das war weder neu noch überraschend.
Was ihn viel mehr überraschte, war, wie wütend er auf sich selbst war. Er, der niemals sein Tun
analysierte oder sich für irgendetwas entschuldigte, wurde nun von schlechtem Gewissen geplagt,
weil er die Exgeliebte seines toten Bruders begehrte. Hätte ihm Lara unter anderen
Begleitumständen grünes Licht signalisiert, wäre er sofort aus den Stiefeln gestiegen.
Gott! Besaß er wirklich nicht mehr Charakter, als die Frau haben zu wollen, die den Fall seines
Bruders bewirkt hatte? Hatte Jody also doch recht, was ihn betraf? Wer konnte auch den
Charakter eines Kindes besser kennen als eine Mutter? Er war verdorben bis ins Mark, genau wie
sein alter Herr. Wenn es um Frauen ging, besaß er keinen Anstand und kein Bewusstsein. Wenn
dem nicht so wäre, wäre sein Schwanz jetzt nicht so hart, dass man Nägel mit ihm einschlagen
könnte, und der Geschmack von Lara Mallory läge ihm längst nicht mehr auf der Zunge.
Clark und er hatten vieles geteilt, als sie jung waren. Zum Teil freiwillig, zum Teil auf Druck
der Eltern. Sie hatten dieselben Pullover, Rasierwasser und Skateboards. Doch niemals hatten sie
sich die Frau geteilt. Noch nicht mal die Mädchen, die sich in der Schule jedem an den Hals
warfen. Noch nicht mal Nutten.
Sie hatten dieses stillschweigende Abkommen in der Pubertät getroffen, wahrscheinlich weil die
Liebe ein Gebiet war, auf dem sie nicht miteinander konkurrieren wollten. Als Brüder standen sie
ständig im Wettstreit, aber auf dem Spielfeld der Sexualität zogen sie einen klaren
Trennungsstrich. Key hatte niemals ein Mädchen begehrt, mit dem Clark vorher gegangen war,
und obwohl er seinem Bruder nicht in den Kopf schauen konnte, glaubte er, dass dieser genauso
dachte. Deshalb war sein Verlangen nach Lara Mallory so verwirrend und machte ihn so wütend.
Es verstieß gegen sein selbst auferlegtes Gebot.
Er wusste, dass er besser sofort damit anfangen sollte, sich seinen Appetit auf sie aus dem Kopf zu
schlagen, da er ihn ohnehin niemals stillen würde. Die Frau zu begehren, die den Namen seines
Bruders in den Schmutz gezogen und seine Zukunft zerstört hatte, war sündig. Wenn auch die
Sünde noch nie ein Hemmnis für ihn gewesen war, Dummheit war es ganz sicher.
Das war die Krux an seiner Wut. Er kam sich vor wie ein verdammter Idiot, der wie ein
dummer alter Kauz dagesessen hatte, während sie ihm ihre tränentriefende Story aufgetischt hatte.
Er hatte ihr sogar Kaffee gekocht, herrje! Und damit nicht genug. Er hatte sie auch noch geküsst.
»Scheiße!« Er schlug mit der Faust aufs Steuer.
Wahrscheinlich lachte sie immer noch über das Feuer, das sie in seinen Lenden entfacht hatte
und das keine zehn Frauen so schnell wieder löschen würden können. Eine Frau ließ sich niemals
so küssen, ohne zu wissen, was sie damit in einem Mann bewirkte. Kein Wunder, dass sie diesen
Moment gewählt hatte, um ihn zu dem Flug nach Zentralamerika zu überreden. Sie hatte
angenommen, er wäre so scharf auf sie, dass er ihr sogar versprochen hätte, mit ihr zum Mars zu
fliegen.
Böser Irrtum, Doc, fluchte er vor sich hin. Er war schon auf viele Frauen scharf gewesen, aber er
hatte sich noch nie von seiner Leidenschaft völlig die Vernunft rauben lassen.
Aber wenn er es genau betrachtete, hatte sie gar nicht so selbstgefällig ausgesehen, als er
gegangen war. Sie hatte ebenso verwirrt und gedemütigt gewirkt, wie er sich jetzt fühlte. Und die
Geschichte über ihre Tochter war wirklich herzzerreißend gewesen. Er misstraute ihr zwar immer
noch, aber glaubte er wirklich, dass ihre Trauer um Ashley gespielt war? Nein, der Tod ihres
Kindes hatte sie tief erschüttert, und sie war noch immer nicht ganz darüber hinweg.
Ashley zu stillen war für mich genauso befriedigend wie für sie. Sie schien auf der Welt zu sein, um andere
Menschen glücklich zu machen.
Sie hatte dieses Kind vergöttert, und sein Tod hatte ihr mehr zu schaffen gemacht als die brutale
Exekution ihres Ehemannes, Randall Porter. Nach ihrer Affäre mit Clark war die Ehe gewiss
nicht ungetrübt gewesen. Sie hatte selbst zugegeben, dass sie in Montesangrines äußerst
unglücklich gewesen war. Allein die Geburt ihrer Tochter hatte ihr Dasein dort lebenswert
gemacht. Für sie musste Ashley ein Trost gewesen sein, der Beweis für Gottes Vergebung.
Nachdem sie Clark verloren hatte, hatte sie ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit auf ihr Baby
gerichtet.
Plötzlich nahm Key den Fuß vom Gaspedal. Der Lincoln wurde langsamer. Key starrte in die
Dunkelheit, die sich allmählich am östlichen Horizont lichtete. Doch der bevorstehende
Sonnenaufgang war ihm nicht bewusst. Genauso wenig wie die Tatsache, dass der Lincoln auf
dem Mittelstreifen zum Halt kam.
Laras Worte gingen ihm durch den Kopf.
Blond und blauäugig. Ihr Lächeln war wie ein Sonnenschein. Sie strahlte.
Key kannte nur einen Menschen, auf den dieselben Attribute passten – Clark Tackett den
Dritten.
»Verdammter Hurensohn«, flüsterte er, während ihm die Hände unbemerkt vom Lenkrad glitten
und in den Schoß fielen.
Lara Mallorys geliebte Ashley war das Kind seines Bruders gewesen.
Kapitel 15

Ollie Hoskins machte sich mit seinem Staubwedel an die Arbeit – im sechsten Gang:
Schweinefleisch mit Bohnen, Chili, Tamales und Thunfischkonserven. Als Geschäftsführer des
Fahr-und-Spar-Supermarktes hätte er das Staubwischen zwar an einen der Jungs aus dem Lager
delegieren können, aber er hatte Spaß an diesen minderen Arbeiten – Auszeichnen, Einräumen,
Einpacken –, weil die Aufgabe dabei klar definiert und einfach zu lösen war. Es waren
anspruchslose Tätigkeiten, bei denen er den Kopf frei hatte für andere Dinge.
Fünfzehn Jahre hatte er in der Navy gedient, bevor er abgemustert hatte, und wenn er auch die
Monate auf See nicht vermisste, so doch die Befreiung von Verantwortung, die er als Matrose
genossen hatte. Er hatte nie danach gestrebt, zum Offizier aufzusteigen, und er war noch heute
besser darin, Befehle auszuführen, als sie zu erteilen.
Bei einem Landurlaub in Galvestone, in einem Frühling vor vielen Jahren, hatte er ein junges
Mädchen kennen- und lieben gelernt, einen Monat später hatten sie geheiratet. Als es Zeit wurde,
sich zurückzumelden, drängte sie ihn, nicht zu gehen und stattdessen mit ihr in ihre Heimatstadt
Eden Pass zu kommen, damit sie in der Nähe ihrer Mutter sein konnte.
Vielleicht wäre es besser mit ihnen gelaufen, wenn er bei der Navy geblieben wäre, dachte
Ollie, während er zu Gang fünf weiterging, wo Mehl, Zucker, Gewürze und Öl in Reih und
Glied gestapelt standen. Die Familie seiner Frau hatte ihn nie wirklich akzeptiert. Ollie stammte
von »irgendwo da oben im Norden«, und ihrer Ansicht nach gab es nur eins, was noch schlimmer
war als Yankees: wenn er indianischer Abstammung gewesen wäre. Dass er Angloamerikaner war,
machte ihn gerade noch erträglich.
Selbst nach zwanzig Jahren hatte er noch immer kein sonderlich herzliches Verhältnis zu seinen
Schwiegereltern, was aber auf Gegenseitigkeit beruhte. Die Blüte der Liebe in seiner Ehe war
längst verwelkt, und das Einzige, was er und seine Frau jetzt noch gemeinsam hatten, war Tanner.
Sie vergötterten ihn, jeder auf seine Weise. Seine Mutter brachte ihn manchmal in Verlegenheit
mit ihrer übertriebenen Fürsorge. Sie hatte nach Tanner keine Kinder mehr bekommen können –
wofür sie allerdings Ollie die Schuld gab – und hütete ihn deshalb wie eine Mutterglucke ihr
Küken. Sie freute sich wie eine Schneekönigin, dass er mit Heather Winston befreundet war. Dass
ihr Sohn mit dem beliebtesten Mädchen der Schule ging, wertete ihr eigenes Ansehen unter den
Freundinnen beträchtlich auf.
Ollie hatte nichts gegen Heather. Sie war hübsch, freundlich und voller Elan. Er hoffte nur, dass
Tanner die Freundschaft nicht aus den Händen glitt, weil er fürchtete, Tanner könnte wegen ganz
natürlicher Begierden in Schwierigkeiten geraten.
Manchmal sah Ollie Tanner an und fragte sich, wie es möglich war, dass bei seinen Erbanlagen
und der eher blassen Blutsverwandtschaft seiner Frau ein so cleverer und gutaussehender Junge
herausgekommen sein sollte. Und zum Glück war er sportlich. Wenn er darauf bestanden hätte,
ein Instrument in der Feuerwehrkapelle zu spielen, Chemiker oder Raketenkonstrukteur zu
werden, hätte seine Verwandtschaft ihn für verschroben gehalten. Tanner wusste, wie man einen
Football trat und trug, und so boxten und umarmten ihn seine rüden Cousins und Onkel in
einem fort. Sie behandelten ihn wie einen der Ihren und vergaßen bequemerweise, dass Ollie
zumindest physisch für Tanners Abstammung mitverantwortlich war.
Ollie machte das nichts aus. Tanner gehörte ihm, und er platzte jeden Freitagabend förmlich vor
Stolz, wenn die Nummer zweiundzwanzig aufs Feld lief, im rot-schwarzen Trikot der Fighting
Devils. Die kommende Saison versprach, Tanners bislang beste zu werden.
Ollie hatte die Crisco-Dosen gerichtet, den Aufsteller der Nabisco-Kekse am Ende des Ganges
umrundet und bog in Gang vier ein – Kaffee, Tee und sonstige Getränke. Zwei Frauen kamen
ihm entgegen. Die jüngere schob den Wagen, während die ältere den Einkaufszettel hielt.
»Einen schönen guten Morgen, Miss Janellen, Mrs. Tackett«, grüßte Ollie freundlich. »Wie
geht’s?«
»Guten Morgen, Mr. Hoskins«, erwiderte Janellen den Gruß.
»Ollie, sagen Sie dem Schlachter, er soll uns drei T-Bone-Steaks schneiden, zweieinhalb
Zentimeter. Und damit meine ich nicht eineinhalb. Letztes Mal waren die Steaks so dünn und
zäh, dass wir sie kaum kauen konnten.«
»Das tut mir leid, Mrs. Tackett. Ich werde mich darum kümmern, dass sie heute nach Ihrem
Geschmack sind.« So sicher, wie Miss Janellen immer ein Lächeln für ihn parat hatte, wusste er,
dass die alte Dame sich wegen irgendetwas beschweren würde. Er log, als er sagte: »Schön, Sie so
munter und wohlauf zu sehen, Mrs. Tackett.«
»Wieso sollte das nicht so sein?«
Er hatte lediglich versucht, etwas Nettes zu sagen. Aber so wie sie reagierte, könnte man
glauben, er hätte sie beleidigt. »Nun, ich dachte nur.« Er hatte das Gefühl, seine Krawatte saß
heute viel zu eng. »Ich habe gehört, dass Sie sich in letzter Zeit nicht ganz wohl fühlen. Aber was
alles so geredet wird …«
»Wie Sie sehen, geht es mir prächtig.«
»Mama und ich dachten, wir könnten mal wieder einkaufen gehen.« Janellen bemühte sich, die
Peinlichkeit des Moments zu überspielen. »Man gönnt sich ja so selten etwas.«
»Soso, jedenfalls ist es schön, Sie beide wieder einmal zu sehen. Dann werde ich zum Schlachter
rübergehen und die Steaks in Auftrag geben. Ich lasse sie Ihnen an der Kasse hinterlegen.« Er
steckte den Staubwedel in die Gesäßtasche, machte kehrt, bog um die Ecke des Ganges und stieß
mit dem Einkaufswagen einer weiteren Kundin zusammen.
»Dr. Mallory!«, rief er aus.
»Hallo, Mr. Hoskins. Wie geht es Ihnen heute?«
»Äh, gut. Gut.« Lieber Gott, hab Gnade, dachte er. Dr. Mallory und Jody Tackett befanden sich
auf Kollisionskurs. Er wollte nicht, dass sein Geschäft Schauplatz einer Szene wurde. »Haben Sie
schon die Wassermelonen in unserer Obstabteilung entdeckt, Dr. Mallory? Sind heute Morgen
frisch aus dem Süden geliefert worden.«
»Ich fürchte, eine ganze Melone ist etwas zu viel für eine einzelne Person.«
»Ich schneide Ihnen gern ein Stück ab.«
»Vielen Dank, aber ich denke, ich bleibe bei der Honigmelone.«
Wenn sie lächelte, schlug sein Herz ein wenig schneller. Ganz entgegen dem Ruf, der Seeleute
im Allgemeinen anhaftete, war Ollie nie ein großer Schürzenjäger gewesen. Aber er hätte schon
blind sein müssen, um nicht zu bemerken, wie gut Lara Mallory aussah. Die Männer drehten sich
nach ihr um. Und in Eden Pass stand ihr Name für »Verführerin«.
Ehrlich gesagt hatte er sie nie so gesehen. Sie war freundlich, aber nie anzüglich. Vielleicht war
er einfach auch nicht ihr Typ, aber jemand, der es darauf anlegte, flirtete doch so ziemlich mit
jedem Exemplar des anderen Geschlechts, oder nicht? Wie Heathers Mutter zum Beispiel. Diese
Frau war wirklich eine Schlampe. Er betete zum Himmel, dass Heather in dieser Hinsicht nicht
nach ihrer Mutter geriet. Tanner war ein guter Junge, aber bei einem Mädchen wie Heather
musste man nicht erst noch groß ermutigt werden, etwas zu tun, das man hinterher bereuen
könnte.
»Lassen Sie es mich wissen, wenn ich irgendetwas für Sie tun kann, Dr. Mallory.«
»Danke, Mr. Hoskins. Das werde ich.«
Betrübt sah er, dass er die Katastrophe nicht verhindern konnte. Er trat zur Seite und gab ihr den
Gang frei, überlegte noch kurz, ob er sie warnen sollte, dass Jody Tackett nebenan lauerte. Er
hoffte, dass die Ärztin keinen Kaffee oder Tee brauchte. Schicksalsergeben sah er zu, wie sie ihren
Wagen in Richtung Gang vier schob. Er blieb am Ausgang stehen und tat, als würde er die
Waren im Regal zurechtrücken. Er hoffte nur, dass er nicht auch noch Schiedsrichter bei einem
Katzenkampf spielen musste.
Die quietschenden Räder von Lara Mallorys Wagen kamen zum Halt. Erst war es einen
Moment still, dann hörte er sie sagen: »Guten Morgen.«
Janellen antwortete mit ihrer schüchternen piepsigen Stimme: »Guten Morgen, Dr. Mallory.«
»Freut mich zu sehen, dass es Ihnen bessergeht, Mrs. Tackett.« Lara Mallory ließ Jody Tackett
ausreichend Zeit für eine Entgegnung. Als sie nichts sagte, fuhr sie fort: »Ich habe mehrmals bei
Ihnen angerufen und hoffte, mit Ihnen sprechen zu können.«
»Wir haben uns nichts zu sagen.« Nur Jody Tackett schaffte es, so viel Verachtung in einen so
simplen Satz zu legen. »Komm jetzt, Janellen.«
»Entschuldigen Sie, Mrs. Tackett, aber ich bin der Meinung, wir haben uns eine ganze Menge
zu sagen. Ich würde sehr gern einmal mit Ihnen über Clark reden.«
»Dazu müssen Sie mich schon in der Hölle treffen!«
»Mama!«
»Still, Janellen. Komm endlich.«
»Bitte, Mrs. Tackett. Mrs. Tackett? Mrs. Tackett!«
Dem ersten Ausruf unterlag ein gewisses Flehen, der zweite war eine Frage und der dritte ein
Entsetzensschrei.
»Mama!«
Ollie Hoskins rannte bei seinem Sprint durch Gang vier einen Stapel Butterkekse um und sah
gerade noch, wie Jody Tackett seitwärts gegen den Einkaufswagen sackte. Sie streckte die Arme
aus, die Handflächen nach unten, als versuchte sie, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Dann
rollte der Wagen nach vorn, sie hatte keine Stütze mehr und fiel in das Regal mit dem Kaffee und
Tee. Mehrere Gläser zerbrachen. Jody war rückwärts in das Regal gestürzt und sank zu Boden.
Sie blieb zwischen Glasscherben und Kaffeepulver liegen.
Janellen sank auf die Knie. »Mama! Mama!« Lara Mallory vergeudete keine Sekunde. Noch ehe
Ollie blinzeln konnte, hockte sie neben Jody. »Rufen Sie einen Krankenwagen!«, rief sie ihm über
die Schulter zu.
Ollie, ganz in Militärmanier, gab den Befehl an einen seiner Untergebenen weiter, eine
Kassiererin, die gerade das Zigarettenregal vor ihrer Kasse auffüllte. Sie machte kehrt und lief zum
Telefon im Büro. Der Gang füllte sich langsam mit Kunden, die von Janellens entsetzten Schreien
angelockt wurden. Sie ließen ihre Wagen einfach stehen und kamen aus allen Richtungen des
Supermarktes angelaufen. Ollie sorgte dafür, dass sie zurückblieben, damit die Ärztin ausreichend
Platz hatte, sich um Jody Tackett zu kümmern.
»Halten Sie ihr die Arme fest. Sie könnte sich sonst etwas brechen.«
Janellen versuchte, Jodys wild um sich schlagende Arme zu greifen, die an die Regale stießen.
Auch wenn sie sich nichts brechen sollte, sie würde sich auf jeden Fall schlimme Prellungen
zuziehen.
Dr. Mallory suchte in ihrer Handtasche und holte einen Schlüsselanhänger aus durchsichtigem
Acryl in der Form eines großen Schlüssels hervor. Den stieß sie Jody in den Mund und drückte
damit ihre Zunge herunter.
»Es ist okay, alles okay«, sagte sie zu Janellen. »Ihre Atemwege sind wieder frei. Ich drücke ihr
die Zunge runter. Sie kriegt wieder Luft.«
»Aber sie läuft ganz blau an!«
»Sie bekommt wieder Sauerstoff. Halten Sie ihr weiter die Arme fest. Mr. Hoskins, haben Sie
den Krankenwagen gerufen?«
»Ja, Ma’am«, antwortete Ollie zackig. Er wandte sich zu der Kassiererin um, die ihm bestätigend
zunickte. »Kann ich sonst noch etwas tun?«
»Ja, suchen Sie meinen Bruder«, sagte Janellen. »Holen Sie ihn her.«
Jody lief Speichel aus den Mundwinkeln. Ihre Beine zuckten noch. Janellen musste ihre ganze
Kraft aufwenden, um ihre Arme herunterzudrücken. Dr. Mallory drückte Jodys Zunge mit dem
Schlüsselring herunter, trotzdem röchelte sie stark. Ollie hatte für Jody Tackett zwar nichts übrig,
doch er fand, dass auch sie eine Privatsphäre verdiente.
»Okay, Leute, verlassen Sie jetzt bitte diesen Gang.«
Natürlich rührte sich keiner. Ollie bahnte sich einen Weg durch die wachsende Menge und lief
zu seinem erhöhten Büro im vorderen Teil des Supermarktes.
Er wusste, dass Key Tackett Pilot war, und rief zunächst beim Landeplatz an. Key war nicht da,
aber Balky Willis gab ihm die Nummer von Keys Funktelefon. »Er ist vor ’ner Viertelstunde hier
weg.«
Zwanzig Sekunden später antwortete Key mit einem fröhlichen »Ja, hier Zuhälter-Mobil!«.
»Mr. Tackett?«, fragte Ollie verunsichert. Er selbst war mit Key noch nie aneinandergeraten,
aber er hatte von den Unglücklichen gehört, bei denen das anders war. Selbst seine Schwäger,
wilde Burschen, die sich von nichts so leicht einschüchtern ließen, sprachen Key Tacketts Namen
mit Respekt aus. »Hier spricht Ollie Hoskins vom Fahr und Spar, ich … «
»Hallo, Ollie. Hab mir vorgestern den rot-schwarzen Haufen angesehen. Tanner wird der Liga
diese Saison ganz schön einheizen!«
»Ja, danke, Mr. Tackett. Ihre Mutter ist gerade zusammengebrochen, hier … «
»Zusammengebrochen?«
»Ja, Sir. Ihre Schwester und … «
»Wie geht es ihr?«
»Nicht so gut, Sir. Wir haben einen Krankenwagen gerufen.«
»Ich komme.«
Ollie legte auf und lief zurück zu Gang vier. Schaulustige an beiden Enden versperrten den
Zugang. »Entschuldigen Sie, lassen Sie mich bitte durch.« Zufrieden bemerkte er, dass er noch
immer so viel militärische Autorität verströmte, dass die Leute ihm gehorchten. »Und jetzt treten
Sie bitte alle zurück«, ordnete er mit neugewonnenem Selbstvertrauen an. Er stellte sich direkt
vor Lara Mallory.
»Hat sie einen Schlaganfall?«, fragte Janellen die Ärztin ängstlich.
»Vielleicht, einen leichten. Das werden die Tests zeigen. Hatte sie so etwas schon einmal zuvor?«
»Nein.«
Dr. Mallory beugte sich tief über die alte Frau. »Mrs. Tackett, der Krankenwagen ist unterwegs.
Sie brauchen keine Angst mehr zu haben.«
Jody hatte aufgehört, nach Luft zu ringen. Ihre Gliedmaßen hatten sich entspannt und lagen nun
schwer da. Sie verdrehte die Augen von einer Seite zur anderen, als versuchte sie, sich zu
orientieren. Lara zog ihr langsam den Schlüsselring aus dem Mund. Auf dem Plastik waren tiefe
Zahnabdrücke zu erkennen, was auch erklärte, warum Lara ihr nicht mit den Fingern die
Atemwege frei gemacht hatte. Sie wischte Jody mit einem Kleenex aus ihrer eigenen Handtasche
die Spucke vom Kinn ab.
»Sie hatten einen Krampf, aber es ist vorbei.«
»Mama, geht es dir gut?« Janellen drückte ihre Hand.
»Lasst mich durch. Was steht ihr alle herum und gafft? Habt ihr nichts Besseres zu tun? Haut
endlich ab!«
Key stampfte durch die Zuschauermenge. Sie machten ihm Platz.
Ollie trat vor. »So schnell, wie Sie hier sind, müssen Sie in der Nähe gewesen sein.«
»Danke für den Anruf, Ollie. Schaffen Sie die Leute hier weg, können Sie das für mich tun?«
»Ja, Sir.« Ollie hätte beinahe salutiert. Key Tackett hatte diese Wirkung auf Menschen. »Okay,
Leute, ihr habt Mr. Tackett gehört. Räumt den Gang.«
»Key! Gott sei Dank!«, rief Janellen. »Mama hatte einen Anfall!«
»Jody?«
»Sie soll mich nicht anfassen.«
Er kniete neben seiner Mutter nieder, aber sein durchdringender Blick ruhte auf Lara. »Was ist
mit ihr?«
»Wie Ihre Schwester gesagt hat – Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall. Ernst zu nehmen und
beängstigend, aber nicht lebensgefährlich.«
Key beugte sich über seine Mutter. »Sie haben eine Ambulanz für dich gerufen, Jody«, sagte er
zu ihr in tiefem beruhigendem Ton. »Sie wird bald da sein. Halt durch.«
»Sie soll weggehen. Soll mich nicht anfassen.«
»Dr. Mallory hat dir das Leben gerettet, Mama«, sagte Janellen behutsam.
Jody versuchte, sich aufzusetzen, schaffte es aber nicht. Sie richtete einen mörderischen Blick auf
Dr. Mallory. Auch wenn sie ihre Feindseligkeit nicht artikulieren konnte, sie war
unmissverständlich.
Key machte eine nickende Geste mit dem Kopf. »Gehen Sie, Doc. Sie will Sie nicht hierhaben.
Sie machen alles nur schlimmer.«
Janellen meinte: »Key, wenn Dr. Mallory nicht …«
»Aber …«, sagte die Ärztin.
»Haben Sie nicht verstanden?«, rief er. »Lassen Sie sie in Ruhe!«
Sie starrten sich lange in die Augen, so kam es Ollie jedenfalls vor, und es schien sich mehr
dahinter zu verbergen. Schließlich erhob sich Dr. Mallory. Sie war sichtlich erschüttert, und ihre
Stimme klang gebrochen, als sie sagte: »Ihre Mutter ist ernsthaft krank und braucht dringend
ärztliche Fürsorge.«
»Nicht von Ihnen.«
Obwohl er gar nichts damit zu tun hatte, zuckte Ollie innerlich unter Tacketts bösem Blick und
seinem eiskalten Ton zusammen.
»Vielen Dank, Dr. Mallory«, sagte Janellen leise. »Wir kümmern uns darum, dass Mama in
Behandlung kommt.«
Laras Dienste waren blank weg abgelehnt worden. Sie wandte den Tacketts den Rücken zu und
ging den Gang hinunter, auf die Schaulustigen zu. Die Menge teilte sich für sie, genau wie zuvor
bei Key. Sie ließ ihren Einkaufswagen stehen und ging direkt zum Ausgang.
Ollie sah ihr nach. Sein Respekt für sie wuchs. Sie hatte Klasse. Sie war den Zuschauern nicht
ausgewichen, sondern hocherhobenen Kopfes durch die Menge hindurchgeschritten. Sie hatte
sich weder von Tackett noch von den Schaulustigen einschüchtern lassen. Er beschloss, ihr ihren
Einkauf persönlich zu liefern, sobald die Sache hier ausgestanden war.
Draußen war eine Sirene zu hören, und wenige Sekunden später stürmten die Sanitäter in den
Supermarkt. Mrs. Tackett wurde auf einer Trage zum wartenden Krankenwagen gebracht. Als sie
losrasten, folgten Key und Janellen ihr in dem gelben Lincoln.
Noch lange nachdem der Gang vier gefegt und das Regal eingeräumt war, standen Kunden
zusammen und diskutierten über das Spektakel, das sie mit angesehen hatten, oder schilderten es
denen, die erst jetzt dazukamen und es verpasst hatten. Es wurde über Jodys Gesundheitszustand
spekuliert. Manche meinten, sie wäre zu gemein zum Sterben und würde sicher hundert werden.
Andere vermuteten, dass sie nur einen Atemzug vom Tod entfernt war. Einige dachten laut über
die Zukunft von Tackett Oil nach. Würde Jodys Tod, wann immer es so weit sein sollte, auch das
Ende von Tackett Oil bedeuten? Oder würde Key die Fliegerei aufgeben und die Firma
übernehmen? War Miss Janellen stark und clever genug, das Unternehmen zu leiten? Die
Meinungen drifteten weit auseinander.
Die schmackhafteste Neuigkeit des Tages kursierte jedoch um Dr. Lara Mallory und wie Jody
Tackett sich selbst im Angesicht des Todes noch geweigert hatte, sich von ihr helfen zu lassen.
Und für diejenigen, deren Erinnerung nachgelassen hatte, wurde Lara Mallorys Affäre mit Senator
Clark Tackett noch einmal in aller Ausführlichkeit aufgerollt.
Ollie hasste das Getratsche. Nicht, dass jemand seine Meinung interessiert hätte, aber er fand,
dass Lara Mallory das nicht verdient hatte. Oder hatte sie die bissige, giftige Jody Tackett etwa
nicht gerettet, während sie ebenso gut hätte zusehen können, wie die alte Frau an ihrer eigenen
Zunge erstickt wäre?
Als er ihr am Nachmittag den Einkauf vorbeibrachte, war sie fast zu Tränen gerührt. Sie dankte
ihm überschwänglich und bot ihm eine Erfrischung an. Möglich, dass sie einmal eine gefallene
Frau gewesen war, aber jetzt war sie – wenn man ihn fragte – eine wirkliche Dame.
»Stellt euch das vor! Da liegt die alte Jody mit Schaum vor dem Mund – heißt es – auf dem
Fußboden vom Fahr und Spar und rudert wie wild mit Armen und Beinen. Und trotzdem weigert
sich die alte Schachtel, sich von dieser Mallory helfen zu lassen.«
Die Haushälterin der Winstons hatte ein Hühnerfrikassee zum Abendessen vorbereitet. Darcy
redete mehr, als sie aß. Fergus schaufelte sich unbeirrt das Essen in den Mund. Heather fand, das
Huhn sah aus wie etwas, das schon einmal verdaut worden war, und schob die Brocken auf ihrem
Teller herum, während sie so tat, als würde sie essen. Seit sie die Pille nahm, zählte sie jede
Kalorie, und sie hatte nicht vor, mehrere Hundert davon mit diesem Matsch zu sich zu nehmen.
Abgesehen davon war es ihr auf den Magen geschlagen, mit welcher Schadenfreude ihre Mutter
den Klatsch über die Szene im Supermarkt breittrat. Darcy hatte sich im Schönheitssalon alles
haarklein erzählen lassen und gab die Details jetzt mit wahrem Enthusiasmus wieder.
»Sie hat sich in die Hose gepinkelt. Jody Tackett hat sich in die Hose gemacht. Ist das zu fassen?«
Darcy kicherte. »Interkontinent, nennt man das.«
»Es heißt ›inkontinent‹, Darcy«, korrigierte Fergus sie. »Und ich denke nicht, dass ich beim Essen
darüber sprechen möchte.«
Heather langte nach ihrem Glas Eistee. »Tanners Daddy und Dr. Mallory haben Mrs. Tackett
das Leben gerettet. Ich hätte die alte Hexe abkratzen lassen.«
Darcys Gabel schepperte auf den Teller. »Was sind das für Ausdrücke! Und deine Schwärmerei
für diese Mallory wird mir auch langsam zu bunt, Heather!«
»Ich schwärme überhaupt nicht für sie. Aber ich finde es eben dumm von Mrs. Tackett, dass sie
sich von Dr. Mallory nicht helfen lassen wollte. Ich meine, wenn man stirbt, dann ist es doch
egal, ob man den Arzt, der einem hilft, leiden kann oder nicht.«
»Nicht, wenn man Jody Tackett heißt«, bemerkte Fergus. Er hielt inne, um sich den Mund
abzutupfen. »Das Herz dieser Frau ist hart wie Granit. Ich kann dir nur recht geben, Heather. Ich
hätte sie auch ersticken lassen.«
»Natürlich, ihr zwei seid mal wieder auf derselben Seite.« Darcy schob wütend ihren Teller
beiseite.
»Auf derselben Seite?«, fragte Fergus verwirrt. »Ich wusste gar nicht, dass es dabei irgendwelche
Seiten zu beziehen gibt. Was hat das Ganze denn mit uns zu tun?«
»Nicht das Geringste«, platzte Darcy heraus, »außer dass ich nicht ganz verstehe, wieso Heather
diese Lara Mallory plötzlich zu einer verdammten Heldin macht.«
»Darf ich aufstehen?«, fragte Heather hörbar gelangweilt.
»Nein, das darfst du nicht. Du hast noch keinen Bissen gegessen.«
»Ich habe keinen Hunger. Außerdem ist das Essen fettig. Es trieft nur so vor Fett.«
»Als ich so alt war wie du, wäre ich dankbar gewesen, wenn wir ein Hausmädchen gehabt
hätten, das uns das Essen kocht.«
»Oh, bitte!« Und los geht’s, dachte Heather, und noch eine rührende Geschichte aus Mutters
schlimmer Kindheit.
»Sie braucht nichts zu essen, wenn sie keinen Hunger hat.«
»Sicher, du lässt ihr ja alles durchgehen.«
»Danke, Daddy. Tanner und ich holen uns später noch etwas.«
»Gehst du heute Abend wieder mit Tanner aus?«, fragte Fergus.
»Klar.« Heather schenkte ihm ein listiges Grinsen. »Tanner und ich gehen jetzt offiziell
zusammen.«
»Ihr geht zusammen?«
»Sie sind zusammen«, mischte sich Darcy ungeduldig ein und ließ dabei Heather nicht aus den
Augen. »Ich kann nicht behaupten, dass ich begeistert davon wäre.«
Heather hielt dem Blick ihrer Mutter stand und nahm noch einen Schluck Tee. Sicher, der
Punkt mit der Pille war an Darcy gegangen, aber Heather zahlte es ihr heim. Sie ließ keine
Gelegenheit aus, ihre Mutter daran zu erinnern, dass sie jetzt jederzeit Sex mit Tanner haben
konnte.
Darcy konnte nichts darauf sagen, insbesondere nicht vor Fergus. Er wusste noch immer nichts
von dem Verhütungsmittel und wenn, würde er Darcy die Hölle heißmachen, weil sie diejenige
gewesen war, die Heather zu diesem Schritt aufgefordert hatte. Er ging immer noch der vagen
Hoffnung nach, dass Moralempfinden die beste Verhütung für vorehelichen Sex war.
Heather genoss es, ihre Mutter so unsicher zu sehen. Darcy verriet durch Seitenblicke und
Andeutungen ihre Vermutung, dass Heather jetzt sexuell aktiv war. Aber Heather hatte Tanner
noch immer nicht alles erlaubt, und somit hatte sie tatsächlich keine Veranlassung, die elterliche
Zurechtweisung zu fürchten.
Der Grund, weshalb sie sich noch immer zurückhielt, war derselbe wie immer. Sie wollte nicht
zum Abbild ihrer Mutter werden.
Tanner verhielt sich sehr lieb, was ihre Abstinenz anging. Seit dem Abend am See, als ihm der
kleine Unfall passiert war, war er zärtlich und geduldig, nahm dankbar die Krümel, mit denen sie
ihn speiste, an und verlangte nicht nach mehr.
Heather war noch immer Fergus’ kleiner Engel, und wenn sie mit ihm zusammen war, tat sie
alles, um diesem Bild zu entsprechen. Ihre Beziehung zu ihrer Mutter hatte sich allerdings
verschlechtert. Sie waren Feinde, zwei Frauen in einem stillen Krieg. Die zuvor nur angedeuteten
Fronten waren jetzt klar gezogen.
»Ich hatte ja keine Ahnung, dass du Lara Mallory zu deinem Idol gemacht hast, Heather«,
merkte Fergus an, während er sich Zucker in den Kaffee rührte. »Ich wusste nicht einmal, dass du
sie kennst.«
»Mutter hat mich zu ihr mitgenommen. Hat sie dir das nicht erzählt?«
»Zum Durchchecken«, sagte Darcy eilig. »Sie brauchte ein Gesundheitszeugnis für die
Cheerleader. Wir hätten einen Monat warten müssen, wenn wir zu einem anderen Arzt gegangen
wären. Außerdem wäre es ziemlich albern, Dr. Mallory zu verdammen, nur weil sie früher mal
was mit Clark Tackett hatte. Wen interessiert’s? Es ist schließlich schon Jahre her. Und außerdem
zählt Jody Tackett sowieso nicht zu deinen Freunden, richtig?«
»Ich muss schon sagen, diese Dr. Mallory hat eine Menge Mut bewiesen, dass sie ausgerechnet
nach Eden Pass gezogen ist. Scheint, die schießt direkt aus der Hüfte. Mir gefällt das.«
»Wann hast du denn mit ihr gesprochen?«, fragte Darcy.
»Gestern. Sie hat mich angerufen und um einen Termin beim Schulvorstand gebeten. Sie will
mit den Kindern über Verantwortungsbewusstsein in der Sexualität sprechen. Die Idee ist für
Eden Pass vielleicht ein wenig zu fortschrittlich, aber ich habe ihr gesagt, wir werden uns ihre
Vorschläge nächste Woche anhören.«
Darcy musterte ihn eine Weile, ohne etwas zu entgegnen. »Du hast schon ganz recht gehabt,
Fergus. Die hat wirklich Nerven. Man hat sie beim Fremdgehen erwischt! Ist das etwa
verantwortungsbewusst?«
»Sie hat betont, es hätte nichts mit dem moralischen Aspekt der Sache zu tun. Sie will die
Kinder lediglich über die Gesundheitsrisiken informieren.«
»Ich denke nicht, dass die Gläubigen in unserer Gemeinde damit einverstanden wären. Und sei
bloß nicht so sicher, dass Moral dabei kein Thema spielt. Unmoralisch, das ist sie nämlich. Sie hat
Heather gesagt, es wäre ratsam, wenn sie immer ein Kondom bei der Hand hätte.«
»Das hat sie gar nicht gesagt!«, protestierte Heather.
»Aber so was Ähnliches«, schnappte Darcy. »Ehe wir uns versehen, packen unsere Kinder
Kondome in die Brotbeutel und leisten sich eben mal einen Quickie in der kleinen Pause.«
»Darcy, ich bitte dich!«, schnaubte Fergus. »Du solltest solche Ausdrücke nicht vor deiner
Tochter benutzen!«
»Mach doch endlich die Augen auf, Fergus! Kinder sind doch heutzutage schlauer als wir! Und
wenn Lara Mallory ihnen auch noch grünes Licht gibt, werden die rammeln wie die Kaninchen.«
Fergus zuckte zusammen. »Sie will die Kinder nicht zum Sex ermutigen, sie will sie vor den
möglichen Konsequenzen warnen!«
»Gütiger Gott! Die muss dir ja wirklich Honig um den Bart geschmiert haben. Was die will, sind
Teenager, die schwanger werden, damit ihr Geschäft endlich angekurbelt wird.«
»Mutter! Das ist doch lächerlich!«
»Halt den Mund, Heather! Ich rede mit deinem Vater!«
»Aber du verdrehst das, was Dr. Mallory gesagt hat, völlig. Das ist unfair!«
»Das ist eine Unterhaltung zwischen Erwachsenen, und ich habe dich nicht um deine Meinung
gebeten.«
In diesem Augenblick hasste Heather ihre Mutter und hätte sie am liebsten als die Heuchlerin
bloßgestellt, die sie war. Doch die Liebe zu ihrem Vater garantierte ihr Verschwiegenheit, was
Darcy wusste und ausnutzte. Jetzt war sie an der Reihe, selbstgefällig zu grinsen. Heather rückte
ihren Stuhl zurück und floh aus dem Esszimmer.
Sie hörte noch, wie ihre Mutter sagte: »Mach ruhig, Fergus, gib ihr einen Termin beim
Vorstand. Ich werde es genießen, mich zurückzulehnen und zuzuschauen, wie die Fetzen
fliegen.«
»Ich dachte, ich … Ach, ich hätte wahrscheinlich doch besser nicht kommen sollen.« Janellen kam
sich völlig idiotisch vor, als sie tatsächlich auf der beleuchteten Veranda vor Lara Mallorys Praxis
stand. Sie wäre nicht weiter verwundert gewesen, wenn ihr die Ärztin die Tür vor der Nase
zugeschlagen hätte. Sie hätte es ihr nicht mal übelnehmen können.
»Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, Miss Tackett. Treten Sie doch ein.«
Janellen betrat den dämmerigen Raum und blickte sich um. »Es ist schon spät. Ich sollte Sie um
diese Uhrzeit nicht mehr stören.«
»Sie stören nicht. Wie geht es Ihrer Mutter?«
»Nicht so gut. Das ist auch der Grund für mein Kommen.«
Lara bedeutete ihrem Besuch, ihr den Flur entlang in den Wohnbereich zu folgen.
»Ich wollte mir gerade ein Glas Wein genehmigen. Mögen Sie auch eins?«
Sie betraten ein gemütliches Arbeitszimmer, in dem überall Zeitschriften auf Beistelltischen
verstreut lagen und Duftkerzen brannten. Der Fernseher war auf einen Kabelkanal eingestellt, der
nur Filmklassiker brachte. Es lief gerade ein Schwarzweißstreifen.
»Ich liebe alte Filme«, sagte Lara mit einem entschuldigenden Lächeln. »Vielleicht, weil es immer
ein Happy End gibt.« Sie schaltete das Gerät per Fernbedienung aus. »Ich habe leider nur einen
Chablis da. Ist das recht?«
»Ich würde lieber etwas ohne Alkohol nehmen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«
»Cola light?«
»Sehr gern.«
Janellen blieb wie angewurzelt auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers stehen, während Lara
aus der Küche die Getränke holte. Sie war in die Höhle des Löwen vorgedrungen, aber irgendwie
war es eine ziemlich behagliche Höhle. Zwei Wände des Raumes wurden von Bücherregalen
eingenommen. Der Großteil der Lektüre war medizinbezogen, aber es gab auch einige Romane.
Über dem Kamin, wo einst das Geweih eines Zehnenders geprangt hatte, hing jetzt ein Druck
von Andrew Wyeth. Auf dem Beistelltisch am Sofa stand eine silbergerahmte Fotografie eines
kleinen Mädchens.
»Meine Tochter.«
Janellen zuckte bei dem Klang von Laras Stimme zusammen. Sie kam mit einem Glas
eisgekühltem Soda in der Hand auf sie zu. »Ihr Name war Ashley. Sie kam in Montesangrines
ums Leben.«
»Ja, ich weiß. Es tut mir leid. Sie war ein wirklich hübsches Kind.«
Lara nickte. »Mir sind nur zwei Fotografien von ihr geblieben. Diese hier, und dann habe ich
noch eine drüben in meinem Büro. Und dieses Foto habe ich auch nur, weil ich es von meinen
Eltern zurückgefordert habe. Unsere persönliche Habe ist in Montesangrines geblieben. Ich
wünschte, ich hätte irgendetwas, was Ashley gehört hat. Ihren Beißring, den Teddy, ihr
Taufkleidchen. Irgendetwas.« Sie schüttelte den Kopf. »Nehmen Sie doch Platz, Miss Tackett.«
Janellen ließ sich behutsam auf dem Sofa nieder. Lara setzte sich in den Sessel gegenüber, aus
dem sie offensichtlich vorhin durch das Türläuten aufgescheucht worden war. Auf dem
Fußhocker vor dem Sessel lag eine gehäkelte Afghanendecke, und auf dem Couchtisch stand ein
Glas Weißwein.
»Befindet sich Ihre Mutter jetzt im Krankenhaus?«
Janellen schüttelte den Kopf.
»Nein?« Offensichtlich war das nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. »Ich hatte
angenommen, dass man sie in ihrem Zustand zumindest über Nacht dabehält.«
»Sie gehört auch in ein Krankenhaus.« Janellen war den Tränen nah. Sie nahm die
Cocktailserviette, die um die Cola gewickelt war. »Ich bin hier, weil ich … weil ich wissen
wollte, wie Sie darüber denken. Sie waren schließlich dabei, als Mama den Anfall hatte. Ich
würde gern Ihre Meinung hören.«
»Ganz im Gegensatz zu Ihrer Mutter.«
»Ach, Dr. Mallory, es tut mir leid, wie sie sich heute Ihnen gegenüber benommen hat«,
beteuerte Janellen aufrichtig. »Und wenn Sie möchten, dass ich gehe, kann ich das verstehen.«
»Wieso sollte ich? Sie sind doch nicht dafür verantwortlich, was Ihre Mutter denkt – und sagt.«
»Dann sagen Sie mir bitte aufrichtig, was Sie meinen.«
»Es wäre nicht vertretbar, mich über die Diagnose eines Kollegen hinwegzusetzen und einen
Rat zu geben, wenn ich die Patientin noch nicht einmal untersucht habe.«
»Bitte. Ich muss mit jemandem darüber sprechen, und ich habe sonst niemanden.«
»Was ist mit Ihrem Bruder?«
»Der ist noch ganz durcheinander.«
»Sie doch aber auch.«
»Schon, aber wenn Key durcheinander oder wütend ist, dann …« Sie senkte den Blick auf das
Glas in ihrer Hand. »Ich will es mal so sagen: Er ist momentan nicht ansprechbar. Bitte, Dr.
Mallory, sagen Sie mir, wie Ihre Diagnose lautet.«
»Nur anhand dessen urteilend, was ich heute gesehen habe?«
Janellen nickte.
»Unter der Berücksichtigung, dass ich mich irren könnte?«
Wieder ein Nicken.
Lara nippte an ihrem Wein. Den Blick auf das Porträt ihrer Tochter geheftet, holte sie tief Luft,
atmete dann langsam aus und wandte sich wieder Janellen zu. »Was hat man mit Ihrer Mutter im
Krankenhaus gemacht?«
»Sie ist in der Notaufnahme untersucht worden, hat sich aber geweigert dazubleiben.«
»Das war sehr töricht von ihr. Haben Sie einen Befund bekommen?«
»Der Arzt hat gesagt, es war ein leichter Schlaganfall.«
»Das denke ich auch. Ist ein Blutbild erstellt worden?«
»Ja. Sie haben ihr ein Medikament gegeben, das das Blut verdünnen soll. Wäre das auch Ihre
Empfehlung gewesen?«
»Ja, aber ich hätte bestimmt weitere Tests angeordnet und sie zur Beobachtung dabehalten. Ist
ein EKG gemacht worden?«
»Dieses Herzding?« Lara nickte. »Nein, sie hatten es vor, aber Mutter wollte nicht so lange
dableiben.«
»Hat man ein Gehirnscan durchgeführt?«
»Ja, aber erst nachdem Key ihr angedroht hatte, er würde sie persönlich fesseln, falls sie sich
weigert. Die Ärzte haben gemeint, sie hätten keine zerebralen Verletzungen erkennen können.«
Sie bemühte sich, alles exakt wiederzugeben. »Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet.«
»Das bedeutet, dass Ihre Mutter keine größere Ansammlung abgestorbenen Gehirngewebes
infolge mangelnder Durchblutung erlitten hat. Ein positives Zeichen. Das heißt allerdings nicht,
dass die Blutzufuhr zu ihrem Gehirn nicht gestört, wenn nicht sogar unterbrochen wurde. Haben
die Ärzte etwas von einem Wellentest an der Arteria carotis erwähnt? Es nennt sich auch
Doppler-Sonographie.«
»Ich bin mir nicht sicher.« Janellen massierte sich die Schläfen. »Der Arzt hat so schnell
gesprochen, und Mama hat sich in einem fort beschwert, und …«
»Diese Untersuchung dient dazu, Verstopfungen in der Arterie zu erkennen. Sollte es eine
Blockade geben und sie wird nicht beseitigt, besteht ein erhebliches Infarktrisiko, mit der Gefahr
einer dauerhaften Schädigung oder sogar des Todes.«
»Ja, so ungefähr haben die sich auch ausgedrückt«, sagte Janellen mit belegter Stimme.
»Keine Angiographie, um festzustellen, wo die Blockade sitzen könnte?«
»Auch das wollte Mama nicht. Sie hat sich mit Händen und Füßen gewehrt und gezetert, ihr sei
lediglich etwas schwindlig geworden, mehr nicht. Sie wollte nach Hause und sich ausruhen.«
»Hat die Beeinträchtigung ihres Sprachvermögens noch lange angehalten?«
»Nein, als wir wieder zu Hause waren, hätte man denken können, es sei überhaupt nichts
passiert.«
»Dieser rasche Erholungsprozess lässt Patienten häufig annehmen, ihnen wäre tatsächlich nur
schwindlig geworden.«
Lara beugte sich im Sessel vor. »Vergisst Ihre Mutter in letzter Zeit häufiger etwas? Wird ihr
manchmal schwummerig vor Augen?«
Janellen berichtete der Ärztin, was sie Key schon vor einigen Wochen erzählt hatte. »Natürlich
würde sie es nie zugeben, aber diese Zustände treten immer häufiger auf. Ich habe auf sie
eingeredet, endlich zum Arzt zu gehen, aber sie weigert sich. Ich glaube, sie hat Angst vor dem,
was sie erfahren könnte.«
»Ich kann nichts Sicheres sagen, ohne sie untersucht zu haben«, wandte Lara ein, »aber ich
glaube, dass sie unter etwas leidet, das wir TIAs nennen, transistorische ischämische Attacken.
›Ischämisch‹ bedeutet mangelnde Durchblutung.«
»So weit kann ich Ihnen folgen.«
»Wenn so eine Attacke passiert, wird die Blutzufuhr zum Hirn unterbrochen. Es ist wie ein
elektrischer Kurzschluss. Der betroffene Teil des Gehirns wird ausgeschaltet. Die Demenzen, die
Sie beschrieben haben – verschwommenes Sehvermögen, undeutliche Aussprache,
Schwindelanfälle –, sind alles Symptome, Warnsignale. Wenn sie unbeachtet bleiben, kann es bei
dem Patienten zu einem schweren Schlaganfall kommen. Das, was heute geschehen ist, war
wahrscheinlich die bislang deutlichste Warnung. Hat sie etwas von einem Taubheitsgefühl in
ihren Gliedmaßen erwähnt?«
»Nein, aber das würde sie auch nie tun.«
»Leidet sie unter zu hohem Blutdruck?«
»Ja, stark. Dagegen nimmt sie etwas ein.«
»Raucht sie?«
»Drei Päckchen am Tag.«
»Sie sollte sofort damit aufhören.«
Janellen lächelte schwach. »Das wird in einer Million Jahren nicht passieren.«
»Drängen Sie sie, regelmäßig zu essen und auf den Cholesterinspiegel zu achten. Sie sollte auch
leichte gymnastische Übungen machen. Sorgen Sie dafür, dass sie ihre Medikamente einnimmt.
Das alles zusammen könnte helfen, einen lebensbedrohlichen Anfall zu verhindern, aber es ist
keine Garantie.«
»Es gibt keine Heilung?«
»Bei einigen Patienten kann die Arterienverstopfung chirurgisch behoben werden. Mittlerweile
ist das zu einem Routineeingriff geworden. Aber leider kann die Operation ohne eine eingehende
Untersuchung und die volle Kooperation Ihrer Mutter nicht durchgeführt werden.« Sie spürte,
wie verzweifelt Janellen war, und beugte sich vor, um ihre Hand zu nehmen. »Es tut mir leid.
Denken Sie daran, dass ich mich vielleicht irre.«
»Das glaube ich nicht, Dr. Mallory, Sie haben in etwa dasselbe gesagt, was auch der Doktor in
der Notaufnahme gemeint hat. Danke, dass Sie mit mir darüber gesprochen haben. Und danke für
die Cola.« Sie hatte nicht einmal an dem Getränk genippt.
»Ich glaube nicht, dass wir unter den gegebenen Umständen Freundinnen werden, aber ich
wünsche mir trotzdem, dass wir miteinander auskommen könnten. Bitte, sagen Sie doch Lara.«
Janellen lächelte, sagte aber nichts. Als sie bei der Tür ankamen, merkten beide überrascht, dass
es regnete. Es war so viel leichter, über etwas Banales wie das Wetter zu reden. Schließlich
schüttelte Janellen der Ärztin die Hand.
»Sie hätten allen Grund gehabt, mich nicht hereinzubitten. Danke nochmals.«
»Danke, dass Sie Wert auf meine Meinung gelegt haben. Und ich hoffe, dass es nicht um so
etwas Ernstes geht, wenn Sie mich das nächste Mal besuchen.«
»Wie meinen Sie das? Sie möchten, dass ich wiederkomme?«
»Natürlich! Sie sind jederzeit willkommen.«
»Sie sind wirklich nett, Dr. … Lara. Ich kann verstehen, warum mein Bruder Sie so mochte.«
Lara schüttelte ihre Mähne zurück, sah in den verregneten Himmel hinauf und lachte bitter. »O
nein, da täuschen Sie sich. Key kann mich nicht ausstehen.«
Janellen war baff. »Key?«, fragte sie. »Ich meinte eigentlich Clark.«
Kapitel 16

Bowie schlug den Kragen seiner Jeansjacke hoch und drückte sich enger an die Hauswand. Der
Dachvorsprung bot nur leidlich Schutz vor dem prasselnden Regen. Er wurde klatschnass.
Er konnte beim besten Willen nicht sagen, was er bei diesem Regen – dazu mitten in der Nacht
– hier draußen bei den Tacketts zu suchen hatte. Eigentlich sollte er jetzt gemütlich vor seinem
Secondhandfernseher liegen. Der gemietete Wohnwagen war zwar keine Luxusunterkunft, aber
wenigstens war man dort im Trockenen.
Wie das Wetter auch sein mochte, er hatte hier einfach nichts verloren. Jody Tacketts
Gesundheitszustand ging allein die Familie etwas an. Sie wollte ganz sicher nicht, dass sich ein
Außenstehender einmischte. Doch all diese Überlegungen hatten ihn von seinem Entschluss
herzukommen nicht abhalten können. Als er eintraf, fiel ihm sofort auf, dass weder Keys Lincoln
noch Janellens Wagen vor dem Haus stand. Er stellte den Firmenlaster außer Sichtweite hinter der
separaten Garage ab. In der Einfahrt parkte lediglich der Wagen der Haushälterin.
Er sah keine Veranlassung, sich bei ihr zu melden. Was sollte er auch sagen? Angenommen, er
würde es mit der Wahrheit versuchen und ihr sagen, dass er sich Sorgen um Miss Janellen machte
und gern gewusst hätte, wie es ihr nach dem Kollaps ihrer Mutter im Supermarkt ging, dann
würde sie ihm sicher entgegnen, dass ihn das nichts anginge. Sie würde ihn von der Veranda
scheuchen und die Polizei rufen.
Deshalb kauerte er lieber im Dunkeln und knöcheltief in Regenwasser. Er konnte seine
Anwesenheit nicht einmal sich selbst erklären. Er spürte einfach nur, dass er hier sein musste. Und
er würde hier ausharren, komme, was da wolle, bis er mit eigenen Augen sah, dass es Miss
Janellen gutging.
Seit dem Kuss und ihrem verblüffenden Liebesgeständnis hatte er sie nicht mehr zu Gesicht
bekommen. Natürlich hatte er es nicht ernst genommen. Sie musste irgendwie den Verstand
verloren haben – zu viel Sonne oder vielleicht irgendein Medikament, das sie ein bisschen
durcheinandergebracht hatte. Wahrscheinlich würde sie sich am liebsten die Zunge rausschneiden,
wenn sie jetzt daran dachte.
Weil er selbst nur zu gut wusste, wie es war, wenn man etwas gesagt hatte, das man später
bereute, war er ihr eine Weile aus dem Weg gegangen, um ihr die Peinlichkeit zu ersparen, ihm
gegenüberzutreten und sich eine Entschuldigung ausdenken zu müssen. Bestimmt war auch sie
ihm ausgewichen.
Aber sie konnten sich schließlich nicht auf ewig aus dem Weg gehen. Früher oder später
würden sie aufeinandertreffen, also warum nicht heute Nacht, während sie ganz andere Sorgen
hatte? Er konnte nichts am Gesundheitszustand ihrer Mutter ändern, aber er könnte ihr
wenigstens eine kleine Last abnehmen. Er könnte ihr sagen, dass er ihren einmaligen Aussetzer
niemals ausnutzen würde.
Scheinwerfer tauchten am Ende des Privatweges auf. Als Bowie sah, wie der Wagen von der
Landstraße abbog, krampfte sich automatisch sein Magen zusammen. Er drückte sich noch enger
an die Wand, weil er auf keinen Fall entdeckt werden wollte, bis er sicher war, dass es Janellen
war. Man erzählte sich, dass Key eine geladene Beretta unter dem Fahrersitz aufbewahrte.
Vielleicht war es nur ein Gerücht, aber Bowie hatte keine Lust, es am eigenen Leib erfahren zu
müssen. Wenn Key einen vermeintlichen Spanner sah, konnte es durchaus sein, dass er erst schoss
und dann Fragen stellte.
Die vom Regen verzerrten Scheinwerferkegel kamen langsam näher. Bowie erkannte Janellens
Wagen. Sie parkte in der Auffahrt, stieg aus und lief durch den Regen zur Hintertür. Die
Fliegentür quietschte, als sie sie aufzog. Sie hatte bereits den Schlüssel im Schloss, als er leise ihren
Namen rief.
Erschrocken fuhr sie herum. Der Regen fiel ihr ins blasse Gesicht, als sie in die Dunkelheit
blinzelte. »Bowie! Was zum Teufel machen Sie hier draußen?«
»Sind Sie okay?«
»Ich bin okay, aber Sie sind ja völlig durchnässt. Wie lange stehen Sie denn schon hier draußen?
Kommen Sie ins Haus.«
»Nein, ich fahre lieber heim.« Er wusste, dass er ein erbärmliches Bild abgeben musste, wie er so
dastand, von den Knien abwärts nass und mit der triefenden Hutkrempe. »Ich wollte mich nur
vergewissern, dass es Ihnen gutgeht. Wegen dem, was heute Morgen passiert ist. Im Laden erzählt
man sich, dass es Mrs. Tackett nicht so gut geht.«
»Das stimmt leider.« Sie schloss auf und beharrte darauf, dass er mit ihr hereinkam. Er folgte nur
zögernd und blieb auf der Schwelle zur Küche stehen.
»Ziehen Sie die Jacke aus«, sagte sie. »Und die Stiefel. Die sind ja tropfnass.«
»Ich will Ihnen keine Umstände machen.«
»Das sind keine Umstände. Ich sehe nur mal kurz nach Mama und schicke Maydale heim, dann
mache ich uns einen Kaffee.« Sie durchquerte die im Dunkeln liegende Küche, drehte sich aber
noch einmal um, bevor sie in die Halle ging. »Und dass Sie mir inzwischen ja nicht weggehen.«
Bowies Herz schwoll derart an, dass er kaum noch atmen konnte. Sie hatte weder geschrien
noch gezittert, noch war sie weggerannt, als sie ihn gesehen hatte. Das war ein gutes Zeichen.
Und jetzt bat sie ihn, fast flehend, hierzubleiben. »Nein, Ma’am, ganz bestimmt nicht.«
Als sie fort war, zog er die nasse Jacke aus und hängte sie an einen Haken neben der Tür. Auf
einem Fuß balancierend, zog er sich die Stiefel aus und stellte sie neben ein anderes Paar, das
offensichtlich Key gehörte. Seine Socken waren ebenfalls feucht, aber er stellte erleichtert fest,
dass sie keine Löcher hatten.
Er tapste auf Zehenspitzen über das Linoleum. Er ließ das Licht gelöscht und beobachtete durch
das Fenster über der Spüle, wie der Regen vom Dachvorsprung tropfte. Mehrere Minuten waren
verstrichen, als er gedämpfte Stimmen von der Eingangstür vernahm. Dann sah er durch das
Fenster, wie Maydale, eine alberne Plastikkapuze über die toupierte Hochfrisur gestülpt und den
Pfützen ausweichend, zu ihrem Wagen lief.
Beim Klang von Janellens Schritten drehte er sich um. »Wie geht es Ihrer Mutter?«
»Sie schläft.«
»So, dann geht es ihr doch schon besser.«
»Nein, eigentlich nicht. Sie will einfach nicht auf die Ärzte hören. Sie ist zu stur, um die
Warnanzeichen – wie zum Beispiel das heute Morgen – zu erkennen. Sie glaubt einfach nicht,
dass ihr Zustand ernst ist.«
»Ich hab schon gehört, dass sie eine ziemlich sture Lady ist.«
»Das kann man wohl sagen.«
»Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie die Ärzte meinen.«
»Vielleicht.«
»Manchmal tragen sie so dick auf, um ordentlich was zu verdienen.«
Ihr schwaches Lächeln bewies, dass weder sie noch er wirklich daran glaubten. »Tja …« Sie
richtete sich auf. »Ich habe Ihnen einen Kaffee versprochen.«
»Machen Sie sich wegen mir keine Mühe.«
»Nein, nein. Ich möchte ja auch einen. Ich werde heute Nacht sowieso kein Auge zutun, da
kann ich ebenso gut auch Kaffee trinken.«
Sie ging zur Speisekammer, aber ihre Schritte wirkten so wacklig wie ihre Stimme brüchig. Sie
machte noch immer kein Licht an, wahrscheinlich weil sie nicht wollte, dass er ihre Tränen sah.
Er sah sie trotzdem.
Fast wäre ihr die Kaffeedose aus der Hand geglitten, als sie sie auf die Anrichte stellte. Einen
einzelnen Filter aus dem Halter zu ziehen schien nahezu unmöglich. Als sie es endlich geschafft
hatte, verschüttete sie das Kaffeepulver beim Einfüllen.
»O Gott, ich bin so ungeschickt.« Sie rieb die Hände aneinander und biss sich heftig auf die
Unterlippe.
Bowie kam sich völlig nutzlos vor. »Warum setzen Sie sich nicht einfach und lassen mich den
Kaffee machen, Miss Janellen?«
»Was mir wirklich helfen …« Sie brachte die Worte kaum heraus. »Was ich mir wünschen
würde …«
»Ja, Ma’am?«
Sie hob das Kinn und sah ihn flehend an. »Ich weiß nicht, ob das nicht zu viel verlangt wäre,
Bowie.«
»Sagen Sie’s.«
Sie stieß einen kleinen gequälten Laut aus, neigte den Kopf zur Seite und warf sich in seine
Arme. Er fing sie auf, schlang die Arme um sie und drückte sie an sich. Sie war so zart, dass er
Angst hatte, sie zu zerquetschen. Doch sie schmiegte vertrauensvoll die Wange an seine Schulter.
»Bowie, was soll ich nur tun, wenn Mama stirbt? Was nur?«
»Sie werden weiterleben, das werden Sie tun.«
»Aber was für eine Art Leben wird das sein?«
»Das kommt darauf an, was Sie daraus machen.«
Sie schniefte heftig. »Sie verstehen das nicht. Ich habe doch nur noch Key und Mama. Ich will
sie nicht verlieren. Wenn Mama tot ist, wird Key wieder weggehen, und dann bin ich ganz allein
hier.«
»Sie werden es auch allein schaffen, Miss Janellen.«
»Nein, das werde ich nicht.«
»Warum sagen Sie so etwas?«
»Weil … weil ich überhaupt niemand bin. Die Leute sehen mich doch nur als Teil der Familie.
Ich bin Clark juniors Tochter. Clarks und Keys kleine Schwester. Jodys Mädchen. Auch wenn
ich die ganzen letzten Jahre die Firma fast allein geführt habe, denken doch trotzdem alle, dass ich
Jodys Marionette bin. Na ja, so falsch ist das gar nicht. Jody hat mir immer gesagt, was ich tun
soll, und ich habe immer gehorcht, teilweise, weil sie einfach recht hatte, aber meistens, weil mir
das Selbstvertrauen fehlt, mich gegen sie durchzusetzen. Ich habe es nie als schlimm empfunden,
das zu tun, was sie wollte. Aber was ist, wenn sie tot ist? Wer bin ich denn schon? Wer bin ich?«
Er hielt sie von sich und schüttelte sie sanft. »Sie sind Janellen Tackett. Und das ist genug. Sie
sind viel stärker, als Sie glauben. Sie werden es allein schaffen, wenn es erst einmal so weit ist.«
»Ich habe Angst, Bowie.«
»Wovor?«
»Zu versagen, schätze ich. Die Erwartungen nicht zu erfüllen.« Sie lachte, aber es war ein
trauriges Lachen. »Oder um es direkter zu sagen: Ich habe Angst, ich könnte versagen und auf die
Nase fallen, wenn Mama nicht mehr da ist, um das Regiment zu führen.«
»Nein, das wird nicht passieren«, sagte er mit einem entschiedenen Kopfschütteln. »Sie haben
jahrelange Erfahrungen. Die Männer sind daran gewöhnt, Anordnungen von Ihnen
entgegenzunehmen. Sie sind clever. Ich habe immer gedacht, ich sei besonders schlau, aber jetzt
weiß ich, dass ich nur ein paar Weisheiten von der Straße aufgeschnappt habe – ich schwöre bei
Gott, wenn ich mit Ihnen zusammen bin, komme ich mir dämlich vor.«
»Sie sind nicht dämlich, Bowie. Sie sind intelligent. Oder wer hat denn die Diskrepanz in Quelle
sieben festgestellt?«
»Das hat sich aber als Niete herausgestellt.«
»Das wissen wir ja noch gar nicht, solange das Prüfgerät noch nicht installiert ist.«
Er hatte am Morgen das Gerät zwischen der Pumpe und dem Zähler angeschlossen. Die Daten
waren dieselben gewesen. Das Leck konnte überall sein. Um es zu lokalisieren, musste er das
Prüfgerät so oft umsetzen, bis er die Sektion eingegrenzt hatte. Das konnte ewig dauern. Er sah in
den Unterlagen nach, und voilà! – die Quelle hatte eine Leuchtleitung gehabt, die allerdings
schon vor Jahren gekappt worden war. Er kam sich wie ein Narr vor, solch einen Aufstand um
etwas zu machen, das seine Chefs für unbedeutend befanden.
Doch jetzt konnte er nur daran denken, dass Janellens Hände auf seiner Taille lagen. Schließlich
sagte er: »Das mit Ihrer Mutter tut mir leid, Miss Janellen. Ich weiß, wie sehr Sie an ihr hängen.
Ich hoffe, sie wird steinalt, damit Ihnen der Kummer erspart bleibt. Aber Sie sind auch ohne sie
wer, Sie sind nicht nur irgendjemands Tochter, Schwester … oder Frau. Sie können für sich selbst
stehen. Sie haben eine Menge auf dem Kasten – lassen Sie sich ja nichts anderes einreden.«
»Sie tun mir gut, Bowie«, flüsterte sie.
»Ach je, ich habe noch nie jemandem gutgetan …«
»Das stimmt nicht! Mir tun Sie sogar sehr gut! Sie zeigen mir, dass ich mich auf meine Stärken
und nicht auf meine Schwächen konzentrieren muss. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich kenne
meine Grenzen. Ich habe mein ganzes Leben mit ihnen verbracht. Ich weiß, dass ich intelligent
bin, aber nicht übermäßig. Ich bin nicht sonderlich selbständig, ich bin schüchtern, nicht gerade
selbstbewusst. Ich bin nicht hübsch. Nicht wie meine Brüder.«
»Nicht hübsch?« Bowie war baff, so baff, dass ihm gar nicht auffiel, seit wann er eigentlich über
sie in dieser Weise nachdachte. »Sie sind das Hübscheste, was mir je begegnet ist, Miss Janellen.«
Verwirrt und beschämt senkte sie den Blick. »Sie müssen mir keine Komplimente machen, nur
weil ich Ihnen neulich das gesagt habe.«
Er räusperte sich verlegen. »Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich Ihnen das nie vorhalten werde.«
»Nicht?«
»Nein, Ma’am.«
»Oh.« Erstaunen und Verletztheit spiegelten sich auf ihrem Gesicht. Dann hob sie das Kinn und
fragte: »Wie kommt das?«
Er verlagerte unruhig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Ich glaube eben, Sie haben
das nicht so ernst gemeint, deshalb.«
Sie befeuchtete sich die Lippen und holte Luft. »Es war aber ernst gemeint, Bowie.«
»War es?«
»Ja, und zwar aus tiefstem Herzen. Und wenn Sie – du – mich noch einmal küssen möchtest,
dann wäre ich einverstanden.«
Das Pochen in Bowies Kopf übertönte fast das Trommeln der Regentropfen auf dem Dach. Sein
Herz schlug so rasend und heftig, dass es schmerzte. Seine Kehle war wie zugeschnürt, aber er
presste hervor: »Das möchte ich ganz, ganz sicher, Miss Janellen.«
Er nahm zärtlich ihren Kopf in beide Hände und bog ihn leicht zurück. Dann küsste er sie. Ihre
Lippen teilten sich, und diesmal brauchten sie nicht zu üben. Sie fuhren da fort, wo sie beim
letzten Mal aufgehört hatten, und trafen sich in einem Kuss, der sie ganz atemlos hinterließ.
Er drückte die Lippen auf ihren Hals, während sie ihn fest an sich presste. »Ich habe mir nie
vorstellen können, dass ich einmal so etwas fühlen könnte, Bowie.«
»Ich auch nicht. Und ich bin schon etwas länger dabei.«
Sie küssten sich wieder und wieder, jeder Kuss war intensiver und intimer. Sie küssten sich, bis
ihre Lippen geschwollen waren und sie vor Leidenschaft in Flammen standen.
Er sehnte sich danach, seine Erektion an der Spalte zwischen ihren langen Schenkeln zu reiben,
doch noch widerstand er dem Impuls. Und dann presste sie, mit einer instinktiven, fast kindlich
unschuldigen Heftigkeit ihren Körper an seinen und erreichte genau das, wovor er noch gezögert
hatte.
Der Kontakt war eine erotische Erschütterung. Die Berührung hätte selbst in einem Heiligen
animalische Triebe ausgelöst, und Bowie hatte nie behauptet, einer zu sein.
Er griff ihr unter den Rock und knetete das seidenverhüllte feste Fleisch ihrer Pobacken, einmal,
zweimal, während er seinen Schritt gegen ihren Schamhügel drückte. Es war keine berechnete
Bewegung. Er wog den Gewinn nicht gegen die Konsequenz ab. Bewusst hätte er das nie getan.
Es war schier undenkbar.
Janellens leiser Ausruf brachte ihm die Realität und ein Gefühl der Beschämung und des
Selbstekels zurück.
Er ließ sie augenblicklich los. Ohne ein weiteres Wort stürmte er mit drei Schritten aus der
Küche, schnappte sich Stiefel, Hut und Jacke und lief hinaus in den strömenden Regen.
Genau in dem Moment, als er beim Truck hinter der Garage ankam, zerriss ein gegabelter Blitz
die Dunkelheit, verband für eine Sekunde das Firmament mit der Erde; ein greller weißer
Lichtstrahl, knisternd vor Zorn, die Erde mit Ozon versengend.
Für Bowie war dies Gott, der ihn erschlagen wollte. Er hatte sein Ziel nur knapp verfehlt.
Der Donner ließ die Flaschen und Gläser hinter der Theke klirren. »Da braut sich ganz schön was
zusammen«, bemerkte Hap Hollister, als er Key noch einen einschenkte.
»Deshalb sitze ich ja hier fest. Sollte eigentlich heute noch nach Midland, einen von den
Öltypen und seine Frau nach Hause bringen.«
»Key, ich bin stolz auf dich. Endlich hast du eingesehen, dass man bei so ’nem Wetter besser
nicht fliegt.«
»Ich war es nicht, der den Rückzieher gemacht hat. Die Frau wollte nicht. Sie hätte keine Lust,
bei einem Absturz zu sterben, hat sie gesagt.«
Hap schüttelte über die Leichtsinnigkeit seines jungen Gegenübers den Kopf und ging, um sich
um die anderen Kunden zu kümmern, die sich trotz des Unwetters tapfer bis zur Palme
durchgeschlagen hatten. Einige spielten Billard, stützten sich auf ihre Queues und warteten auf
ihren Einsatz. Andere sahen sich auf dem in einem der Deckenwinkel der Bar befestigten
Fernseher ein Baseballspiel an. Und wieder andere standen zu zweit oder zu dritt zusammen und
tranken.
Nur Key saß ganz allein am Tresen. Die düstere Miene und die hochgezogenen Schultern
verrieten seine Laune. Mittlerweile hatten alle vom Zwischenfall im Supermarkt gehört, und seine
stillschweigende Forderung, in Ruhe gelassen zu werden, wurde allgemein toleriert.
Key dachte über Jody nach, während er an seinem frischen Drink nippte, aber es waren nicht
gerade mitfühlende Gedanken. Am liebsten hätte er seiner Mutter einen Tritt in den
Allerwertesten verpasst. Schon im Krankenhaus und auch danach noch, als Janellen und er sie
entgegen der Empfehlung mit nach Hause genommen hatten, hatte sie die ganze Zeit über
genörgelt und sich gegen jeden Versuch, es ihr etwas bequemer zu gestalten, gesträubt.
»Ich werde eine Schwester für dich einstellen, Jody«, hatte er ihr eröffnet, während Janellen
versuchte, sie zu überreden, sich ins Bett zu legen. »Janellen muss in die Firma. Ich bin auch
dauernd unterwegs. Maydale ist eine gute Haushälterin, aber sie ist nun einmal nicht ausgebildet,
wenn es erneut zu einem Zwischenfall wie heute Morgen kommen sollte. Du brauchst jemanden,
der sich rund um die Uhr um dich kümmert.«
»O ja! Das ist eine gute Idee, Key. Nicht wahr, Mama?«, hatte Janellen gesagt.
Jody achtete überhaupt nicht auf sie und stieß eine Wolke bläulichen Rauches aus. »Du willst,
ohne mich zu fragen, eine Krankenschwester ins Haus holen?«
»Richtig. Ich werde eine suchen, die hier wohnt und sich jederzeit um dich kümmern kann.«
»Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen, danke. Ich brauche niemanden, der sich in meine
Angelegenheiten mischt und mich bevormundet – und meine Sachen stiehlt, wenn ich nicht
hingucke.«
»Ich habe bereits Kontakt zu einer erstklassigen Agentur in Dallas aufgenommen«, erklärte er.
»Die werden uns sicher keine Diebin ins Haus schicken. Ich habe ihnen unsere Wünsche
mitgeteilt und klargemacht, dass du nicht bettlägerig bist und deine Unabhängigkeit und
Privatsphäre brauchst. Sie sehen sich um, wer für uns in Frage kommt, und schicken uns bis
morgen Mittag jemand vorbei.«
Jodys Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. »Stornier den Auftrag. Ich habe dir nicht
erlaubt, Entscheidungen über meinen Kopf hinweg zu treffen.«
»Mama, Key will doch nur das Beste für dich.«
»Ich werde ihm sagen, was am besten für mich ist. Ich will, dass er sich aus meinem Leben
raushält. Und das gilt auch für dich!« Sie riss Janellen die Jacke aus der Hand. »Verschwindet aus
meinem Zimmer. Alle beide!« Sie gaben nach, weil sie keine weitere Attacke riskieren wollten.
Key war krank vor Sorge um sie. Als er sie dort auf dem Fußboden des Supermarkts hatte liegen
sehen, mit der Spucke, die ihr aus den Mundwinkeln tropfte, und bar jeder Würde, wäre er
beinahe selbst zusammengebrochen. Aber wie sollte er auf Dauer Mitgefühl entwickeln, wenn
jeder seiner Versuche, etwas Nettes zu tun, mit Beschimpfungen quittiert wurde?
Gott, er konnte Jodys Gülle aushalten. Er hatte sie sein ganzes Leben lang ausgehalten.
Verglichen mit dem, was auf dem Spiel stand, war es nichts. Das eigentliche Problem war, dass
seine Mutter sich strikt weigerte einzusehen, wie ernst es um sie stand. Wenn sie sich nicht bald
einer Behandlung unterzog, würde sie sterben. Nur ein Narr ging so fahrlässig mit der eigenen
Gesundheit um.
Key musste schmunzeln, als er daran dachte, dass er heute Abend mir nichts, dir nichts mitten in
die Unwetterfront geflogen wäre, wenn seine Kunden nicht abgesagt hätten.
Aber das war etwas anderes. Es war ein Spiel mit dem Zufall. Risiken inbegriffen und mit
ungewissem Ausgang. Es war nicht dasselbe wie das Urteil der Mediziner, die sagten, dass man
eine Zeitbombe in sich hatte und entweder sterben oder – was Key noch schlimmer fand – für
den Rest seines Lebens dahinvegetieren würde.
Der Arzt im Krankenhaus hatte ihm und Janellen die erschreckenden Fakten von Jodys
Diagnose in aller Offenheit mitgeteilt. Er hätte gern eine zweite Meinung dazu gehört. Er hätte
gerne Lara Mallorys Meinung gehört.
»Verdammt.« Er gab Hap ein Zeichen nachzuschenken.
Er wollte auf keinen Fall an Lara Mallory denken. Aber irgendwie schlich sie sich immer wieder
in seinen Kopf, wie der vergiftete Whisky durchdrang sie seine Gedanken. Sie war immer da,
unsichtbar, lautlos, raubte ihm den Verstand.
War sein Bruder der Vater ihres Kindes? Hatte ihr Mann es gewusst? Hatte Clark es gewusst?
Hatte das Wissen darum, dass sein Kind gewaltsam ums Leben gekommen ist, seinen Selbstmord
verursacht?
Wenn ja, war er es Clark – und Lara – nicht schuldig, nach Montesangrines zu fliegen und
herauszufinden, was mit dem Kind geschehen war?
Teufel, nein! Es ging ihn nichts an! Niemand hatte ihn zu Clarks Beschützer ernannt. Es war
allein ihr Problem. Sollte sie zusehen, wie sie damit fertigwürde. Er hatte nichts damit zu tun.
Doch je länger er darüber nachdachte, desto überzeugter wurde er, dass Ashley seine Nichte
war. Er versuchte, nicht mehr daran zu denken, aber das war unmöglich. So unmöglich, wie zu
vergessen, wie aufgelöst Lara gewesen war, als sie ihm die Ermordung ihrer Tochter geschildert
hatte. Gott, wie konnte jemand überhaupt noch klar denken, wenn er so etwas durchgemacht
hatte?
Vor ein paar Wochen hätte er sein letztes Hemd darauf verwettet, dass er niemals einen
mitleidigen Gedanken an Lara Mallory verschwenden würde. Aber nachdem er sich ihre
Geschichte angehört hatte, wäre er ein Bastard gewesen, wenn es so wäre. Und so hatte er sie in
den Arm genommen, sie getröstet, sie geküsst.
Wütend schüttete er den Drink in sich hinein. Dann starrte er in das leere Glas, das er wieder
und wieder auf dem blankpolierten Tresen kreisen ließ.
Er hatte sie geküsst, und zwar richtig. Es war kein kleines harmloses Küsschen zum Trost
gewesen. Er hatte die verheiratete Geliebte seines Bruders geküsst, die Geißel seiner Familie, so
und nicht anders musste er es sehen. Sie hatte ihn beschuldigt, ihre momentane Schwäche
ausgenutzt zu haben, aber da irrte sie. Sicher, er hatte vorgegeben, ihre Absichten zu
durchschauen, aber als er sie geküsst hatte, war ihm nicht der Gedanke gekommen, dass er eine
Ehebrecherin in den Armen hielt, die seinen Bruder ins Verderben gelockt hatte. In diesem
Augenblick war sie simpel eine Frau gewesen, die sich nach Zärtlichkeit sehnte. Er hatte die
Grundregel seines eigenen Spiels missachtet – er hatte für kurze Zeit vergessen, wer sie war.
»Hast du nichts Besseres zu tun, als Eiswürfeln beim Schmelzen zuzuschauen? Wie wär’s, wenn
du einer Lady einen Drink spendierst?«
Key zog die Stirn in Falten ob der unwillkommenen Störung, hob den Blick und sah Darcy
Winston auf dem Barhocker neben sich. »Wo kommst du denn her?«
»Bin vor dem Regen da draußen geflüchtet. Kriege ich jetzt einen Drink oder nicht?«
Hap kam, und Key nickte entnervt. Darcy bestellte sich einen Wodka-Tonic. Key lehnte ab, als
Hap ihn fragte, ob er auch noch was wolle.
»Ich soll allein trinken? Wie geschmacklos!« Darcy schürzte die sorgfältig bemalten Lippen.
»Tja, genau das war der Sinn. Allein trinken, aber du hast den Hinweis anscheinend nicht
kapiert.«
Sie nippte an dem Drink, den Hap ihr rüberschob. »Besorgt um deine Mutter?«
»Zum Beispiel.«
»Es tut mir aufrichtig leid, Key.«
Er war zwar überzeugt, dass sich Darcy nur um ihr eigenes Wohlbefinden scherte, dennoch
nickte er zum Dank.
»Und worüber zerbrichst du dir noch den Kopf?«
»Über gar nichts.«
»Lügner. Du schmollst doch. Hat es vielleicht was damit zu tun, dass Helen Berry wieder mit
Jimmy Bradley zusammen ist? Wie ich gehört habe, sind die beiden verliebter denn je, obwohl du
sie auseinandergebracht hattest.«
Dieses Gespräch war so lächerlich, dass er kichern musste.
»Was ist so lustig?«
»Diese Stadt. Die halbe Welt könnte in die Luft fliegen, Sterne könnten zusammenprallen und
noch einen Urknall auslösen, aber alles, was die Leute hier interessiert, ist – wer bumst mit wem.«
»Und mit wem bumst du jetzt?«
»Das geht dich nichts an.«
»Bastard.«
Sie starrte ihn so böse an, dass er wieder lachen musste. »Für einen normalen Wochentag hast du
dich ja ganz schön in Schale geworfen, Darcy.« Er begutachtete ihr konservativ geschnittenes
Kostüm und die schlichten Pumps. Natürlich wirkte an Darcy nichts wirklich konservativ oder
schlicht. Das Kostüm war aus leuchtend pinkfarbener Seide, die ihr trotz des roten Haars gut
stand, und ihr Busen füllte es mehr als prall aus. Die oberen drei Knöpfe hatte sie offen gelassen,
um einen angemessenen Ausblick auf ihr Dekolleté zu ermöglichen. Die Pumps hatten so hohe
Absätze, dass ihre ohnehin schon langen Beine fast endlos wirkten. Sie sah heiß aus – daran
konnte kein Zweifel bestehen.
»Ich komme gerade von der Sitzung des Vereins der Förderer der Bücherei«, sagte sie.
»In Eden Pass gibt es so einen Verein? Ich wusste noch nicht mal, dass wir überhaupt eine
Bücherei haben.«
»Natürlich gibt es eine Bücherei. Und unser Verein hat zweiundvierzig Mitglieder.«
»Im Ernst? Und wie viele davon können lesen?«
»Sehr witzig.« Sie leerte das Glas und knallte es auf den Tresen. »Danke für den Drink. Ruf mich
an, wenn du deinen Sinn für Humor wiedergefunden hast. Du bist zur Zeit wirklich
unausstehlich.«
»Was hast du ihr gesagt, dass sie abgerauscht ist?«, fragte Hap, nachdem Darcy gegangen war. Er
nahm ihr Glas und tauchte es ins Spülwasser.
»Ist das wichtig?«, fragte Key gereizt.
Es regnete noch, doch Key schien es nicht zu registrieren, als er zu seinem Wagen ging. Sein
Kopf war so voll mit anderen Dingen, dass er nicht auf das Wetter achtete.
Er stieg in den Lincoln und hatte bereits den Schlüssel im Zündschloss, als er sie bemerkte. Sie
ließ sich auf den gelben Beifahrersitz gleiten, rutschte zu ihm herüber und legte ihm eine Hand
auf die Innenseite seines Schenkels.
»Ich weiß, was dir fehlt.«
»Nein, du hast nicht die leiseste Ahnung, Darcy.«
»Wenn es darum geht, bin ich Expertin, weißt du? Ich bin sozusagen mit einem sechsten Sinn
dafür auf die Welt gekommen, ich weiß sofort, was einem Mann fehlt, wenn ich ihn nur ansehe.«
»Ach, tatsächlich?«
»Tatsächlich. Wenn ein Mann es haben muss, strömt er einen bestimmten Geruch aus – genau
wie eine Frau.«
»Wenn das stimmt, müssten dir ja ganze Rudel von Hunden nachlaufen.«
Sie nahm es als Kompliment und fuhr mit der Hand zu seinem Schritt. »Du willst mich, Key.
Ich weiß es. Du bist nur zu stolz, das zurückzunehmen, was du an dem Abend auf der
Stadtversammlung gesagt hast.« Sie streichelte ihn, und er musste zugeben, dass sie die Kunst
wirklich beherrschte.
»Das ist doch albern. Keiner von uns will den ersten Schritt tun, damit wir uns wieder vertragen.
Wir haben beide keinen Grund wegen dem, was war, ernsthaft böse zu sein, oder?«
Sie fing an, seine Jeans aufzuknöpfen. Key, in der Rolle des unbeteiligten Beobachters, ließ sie
machen. Er war selbst neugierig auf seine Reaktion. Sie befreite ihn aus der Jeans und massierte
ihn leicht. Sein Schwanz wurde hart.
»O Baby«, sagte sie mit einem Seufzer, »ich wusste doch, dass ich dir gefehlt habe.«
Sie schenkte ihm ein verführerisches Lächeln und tauchte dann mit dem Kopf in seinen Schoß.
Ihre Zunge arbeitete abwechselnd leicht und schnell und dann wieder langsam und rau. Sie leckte
ihn sanft und lutschte ihn fest. Sie tat ihm mit den Zähnen weh, bevor sie ihn mit der Zunge
tröstete. Sie wusste, was sie tat.
Key legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Er begehrte Darcy nicht und war daher
überrascht, dass sein Körper reagierte, wie er sollte. Andererseits – wieso sollte ihn das
überraschen?, fragte er sich. Er hatte schon Frauen gebumst, deren Namen er nicht mal gekannt
hatte. Er erinnerte sich nur an die wenigsten. Sie hatten ihm lediglich zu etwas verholfen, das er
sich auch selber machen konnte. Sein Körper funktionierte, auch ohne dass sein Verstand beteiligt
war.
Er war froh, dass Darcy ihn nicht geküsst hatte. Das hätte es zu persönlich gemacht. Er hätte
einen Teil von sich einer Frau offenbaren müssen, die ihm nichts bedeutete. Er mochte sie nicht
einmal.
Wenn Darcy ihn geküsst hätte, hätte ihre gierige Zunge vielleicht einen Kuss ausgelöst, den er
noch nicht bereit war zu vergessen. Er hielt die Erinnerung daran unter Verschluss wie ein alter
Mann seine Trophäen. Bei Gelegenheit gestattete er sich, an den Kuss zu denken, und er
erinnerte sich, wie sexy er gewesen war, und wie dieser alte Mann in Gedenken an ruhmreiche
Zeiten seine Pokale berührte, berührte er im Geiste den Kuss. Aber dann wurde er wütend auf
sich selbst und kam sich vor wie ein Narr.
Es war lächerlich, dass die Menschen sich immer nach etwas sehnten, was sie niemals haben
konnten, dachte Key.
Jetzt versuchte er, an gar nichts mehr zu denken, nahm innerlich Abstand von dem Akt, erlaubte
aber seinem Körper, sich zu entspannen. Er fasste Darcy nicht an, nicht einmal, als er kam.
Stattdessen krampfte er seine Hände ums Lenkrad, bis die Knöchel weiß wurden. Sobald es vorbei
war, knöpfte er in aller Ruhe seine Hose wieder zu.
Darcy setzte sich auf, kramte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und tupfte sich
geziert den Mund. »Weißt du, woher wir wissen, dass Gott ein Mann ist?« Key sagte nichts; er
hatte den Witz schon gehört. »Weil, wenn Gott eine Frau wäre, hätte sie es mit
Schokoladengeschmack gemacht.«
»Vielen Dank.«
Entweder entging ihr die Zweideutigkeit seines Kommentars, oder sie ignorierte sie. Lachend
rieb sie ihre Brüste gegen seinen Arm. »Wohin wollen wir fahren? Oder wollen wir’s auf dieser
schicken Rückbank treiben?«, schlug sie vor, mit einem Nicken nach hinten. »Zu schade, dass
heutzutage Autos nicht mehr in dieser Größe gebaut werden. Du ahnst gar nicht, wie phantastisch
man in so etwas bumsen … «
»Gute Nacht, Darcy. Ich fahre jetzt nach Hause.«
»Was ist los? Wir sind noch nicht fertig, mein Lieber!«
»Ich schon.«
»Du willst sagen, dass ich …«
»Du hast getan, was du wolltest. Ich hatte dich nicht darum gebeten«, erinnerte er sie leise.
»Würdest du jetzt bitte so freundlich sein und deinen Hintern aus meinem Wagen schwingen? Ich
möchte nämlich fahren.«
Sie spuckte ihm ins Gesicht.
Schnell wie eine Schlange packte er ein Büschel ihres Haars und riss ihren Kopf nach hinten.
»Ich habe dich verschont, als du auf mich geschossen hast. Aber hierfür könnte ich dich
umbringen …«
Kapitel 17

Darcy glaubte ihm. Sie kannte Keys berüchtigtes hitziges Temperament. Aber es ging ihr einfach
gegen die Natur, gleich zurückzustecken. »Lass mich los, du verdammter Mistkerl.«
Er lockerte den Griff, gab ihr Haar frei. »Raus hier!«, knurrte er.
»Ich gehe, aber erst wenn ich dir gesagt habe, was ich von dir halte. Du bist krank. Nicht nur
gemein, sondern krank.«
»Schön. Nachdem wir nun geklärt haben, was mit mir nicht stimmt – raus.«
»Jemand hat deinen Verstand gefickt, und das war bestimmt nicht die fette kleine Berry. Das war
Lara Mallory.« Sein rechtes Augenlid zuckte, doch der Rest des Körpers war bedrohlich ruhig. Sie
spürte, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte, und bohrte noch ein bisschen weiter.
»Kommst du dir nicht selbst ein klitzekleines bisschen armselig vor, dich ausgerechnet in die Ex
deines großen Bruders zu vergucken?« Sie lachte abschätzig.
»Halt’s Maul, Darcy.«
»Unsere berühmte Frau Doktor hat den guten Key Tackett an den Eiern. Scheint so, als hätte er
tatsächlich nichts aus den Erfahrungen seines Bruders gelernt, wie?«
Sie wusste, dass sie hätte aufhören sollen, wenn sie die Oberhand hatte, aber sie konnte nicht
widerstehen, ihn sich winden zu sehen. Seit der Pubertät hatte sie jeden Mann gekriegt, den sie
haben wollte. Außer Key. Das hatte ihr Ego ernstlich verletzt, aber längst nicht tödlich.
»Hast du sie schon gebumst, Key?«, reizte sie ihn und kam mit dem Gesicht nahe an seins. »Und
als sie gekommen ist, hat sie da deinen Namen oder vielleicht den unseres armen verstorbenen
Clark gerufen? Wer hat es ihr wohl besser besorgt, frage ich mich – Senator Clark Tackett oder
sein kleiner Bruder? Musst du sie deshalb unbedingt haben? Willst du beweisen, dass du genauso
gut wie dein großer Bruder bist?«
Key bewegte sich so schnell, dass sie zusammenzuckte. Er drückte die Fahrertür auf und stieg
aus. Dann langte er ins Wageninnere, packte Darcy an ihrer Jacke und zerrte sie raus. Die
pinkfarbene Seide saugte förmlich den Regen auf. Ihre Pumps versanken im Morast.
Er ignorierte ihre Flüche, die sie ihm hinterherschrie, und startete den Motor. Als er die Tür
zuziehen wollte, schnappte Darcy nach dem Griff und wollte nicht loslassen. »Wo willst du hin,
Key? Etwa die Geliebte deines Bruders besuchen? Wenn das rumgeht, bist du die Lachnummer
der Stadt. Und du kannst dich darauf verlassen, dass es die Runde macht. Dafür werde ich schon
sorgen. Als würde es nicht reichen, dass sie eine Hure ist – es muss auch noch die Hure deines
eigenen Bruders sein!«
»Huren lassen sich wenigstens dafür bezahlen, Darcy. Du verschenkst dich!« Er zog die Tür zu,
legte den Rückwärtsgang ein und fuhr davon. Die Räder wühlten Kies und Matsch auf, der
Darcy auf die schicken Schuhe und Designerstrümpfe spritzte.
Sie schickte ihm Flüche nach, während sie im strömenden Regen dastand, und schwor, es
diesem Bastard heimzuzahlen. Sie würde herausfinden, wo Keys größte Schwäche lag, und es
bitter ausnutzen. Nur noch nicht heute Abend. Sie würde warten, bis sich ihre Wut abgekühlt
hatte, dann konnte sie es ganz kalt und gelassen angehen.
Sie stapfte zu ihrem Wagen und wusste eines ganz sicher – niemand hatte je ungestraft Mrs.
Fergus Winston so mies behandelt.
»Vielen Dank, meine Herren«, sagte Lara abschließend zu den sieben Vorstandsmitgliedern der
Schulbehörde von Eden Pass. »Ich hoffe, dass Sie meinen Vorschlag für eine Seminarreihe über
Sexualaufklärung ernsthaft überdenken. Sollten Sie noch weitere Informationen benötigen, um zu
einer Entscheidung zu gelangen, zögern Sie bitte nicht, mich anzurufen.«
»Nun, Sie haben wirklich überzeugende Argumente angeführt und auch einige interessante
Ansatzpunkte ausgearbeitet«, sagte Fergus Winston. »Es ist ein heikles Thema. Es gibt für uns so
manches dabei zu berücksichtigen. Ich denke, wir werden wohl ein bis zwei Wochen brauchen,
um zu einem Entschluss zu kommen.«
»Ich verstehe. Ich möchte Ihnen nochmals danken, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben …«
Die Tür hinter ihr schwang auf. Alle Blicke richteten sich auf die Ankömmlinge, und auch Lara
drehte sich um. Darcy Winston hatte den Konferenzraum betreten, begleitet von Jody Tackett.
Lara zuckte unter Darcys stechendem Blick fast zusammen. Darcy wirkte irgendwie
selbstgefällig, auch wenn sie nicht lächelte. Jody würdigte Lara nicht eines Blickes.
Hastig erhob sich der Vorstand von seinen Plätzen. Nur Fergus sagte etwas. Er wandte sich an
seine Frau, aber sein Blick war auf Jody Tackett geheftet.
»Was willst du hier, Darcy? Das ist eine geschlossene Sitzung.«
»Jetzt nicht mehr.« Jody sah zwar angegriffen aus, aber ihr Ton war steinhart.
»Sie hat darauf bestanden herzukommen«, sagte Darcy. Fergus wandte schließlich seinen
hasserfüllten Blick von Jody ab und sah zu seiner Frau. »Entschuldige, Fergus, ich weiß, dass ich
eigentlich nicht über die Dinge sprechen soll, die ihr im Vorstand beredet, aber bei dieser
speziellen Angelegenheit war mir so unwohl, dass ich mich genötigt sah, etwas zu unternehmen.«
Lara erhob sich von ihrem Stuhl. »Im Moment habe ich aber das Wort, Mrs. Winston. Wenn
Sie dem Vorstand gegenüber etwas vorzubringen haben, schlage ich vor, dass Sie den normalen
Weg beschreiten und eine Bitte um einen Termin einreichen, wie ich es auch getan habe. Oder
gelten für bestimmte Personen vielleicht Sonderregeln?« Sie sah sich nach Fergus um.
Der starrte Jody Tackett an, als sei sie pures Gift. Und er sah seine Frau an, als hätte er sie am
liebsten dafür erwürgt, dass sie Jody in sein Revier gebracht hatte.
»Dr. Mallory hat recht«, sagte er. »Wenn du und Jody ein Anliegen vorzubringen habt, müsst ihr
es auf dem üblichen Wege tun. Ihr könnt nicht einfach so in eine Sitzung hereinplatzen.«
»Das würden wir ja sonst auch nicht«, sagte Darcy. »Aber …«
»Ich kann für mich selbst sprechen.« Ungeduldig trat Jody an den Konferenztisch vor. Als sie
sicher war, die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden zu haben, sagte sie aus heiterem
Himmel: »Habt ihr alle völlig den Verstand verloren?«
Blicke wurden abgewandt, niemand sagte etwas, nur Fergus bot ihr schließlich einen Stuhl an.
»Danke, ich stehe lieber.«
»Wie du willst.«
Die Animosität zwischen den beiden war unübersehbar. Den anderen schien es peinlich zu sein,
denn sie sahen weg. Nur Lara ließ sich so schnell nicht einschüchtern. »Mr. Winston, ich fordere
von dem Vorstand, mein Anliegen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Ende führen zu
können.«
Sie wurde einfach ignoriert.
Jody wandte sich an Reverend Massey, den Pastor einer der ortsansässigen Kirchen. »Ich
verstehe Sie nicht, Pastor. Sonntag für Sonntag predigen Sie gegen die Unzucht. Und jetzt wollen
Sie einer Ehebrecherin erlauben, mit unserer Jugend über Sex zu diskutieren?« Sie schnaubte
verächtlich. »Da muss ich mich doch fragen, warum ich Ihre Kirche eigentlich noch unterstütze.«
Der Pastor lächelte verlegen. »Wir haben ja noch gar nicht entschieden, Jody. Bislang haben wir
lediglich Dr. Mallorys Vorschlag angehört. Und ich kann Ihnen versichern, dass nichts Sündiges
daran ist.«
»Ist das so, ja?« Jody wandte sich Darcy zu. »Erzählen Sie ihnen, was Sie mir erzählt haben.«
Darcy trat vor, vergewisserte sich, dass sie direkt unter den Scheinwerfern stand wie auf einer
Bühne. Mit hastigen atemlosen Worten berichtete sie: »Neulich habe ich Heather zu einer
Generaluntersuchung zu Dr. Mallory mitgenommen. Hinterher hat sie mir erzählt, dass Dr.
Mallory sie dazu gedrängt hat, nie ohne Kondom zu einer Verabredung mit einem Jungen zu
gehen.«
»Das habe ich nicht gesagt!«, rief Lara entrüstet. »Ich habe Heather nur vor Geschlechtsverkehr
ohne Kondom gewarnt. Und entweder hat sie meinen Rat missverstanden, oder Mrs. Winston
verdreht absichtlich meine Worte, um sie für ihre Zwecke gegen mich zu verwenden.«
»So etwas würde ich niemals tun!«, keifte Darcy. Dann, an den Vorstand gerichtet: »Außerdem
war das noch nicht alles. Sie hat meiner Tochter gesagt, sie soll den Rat an ihre Freundinnen
weitergeben. Wenn das keine indirekte Aufforderung zum Sex ist, dann weiß ich nicht. Man
weiß doch, wie die Teenager sind. Sie laufen jedem nach, der halbwegs überzeugend klingt.
Unseren Kindern zu raten, sie sollen Kondome einstecken, ist doch dasselbe, als gäbe man ihnen
einen Freischein zum … na ja, Sie wissen schon.« Züchtig senkte sie den Blick.
Lara wollte sich wehren, wollte ihnen sagen, dass Darcy Heather in Wahrheit zu ihr gebracht
hatte, damit sie ihr die Pille verschrieb. Doch das konnte sie nicht, ohne ihre ärztliche
Schweigepflicht zu verletzen. Das versteckte Lächeln, mit dem Darcy sie bedachte, verriet ihr,
dass auch sie sich dessen sehr genau bewusst war.
»Ich habe Heather auf die Gefahren, die mit Promiskuität und häufigem Partnerwechsel
einhergehen, aufmerksam gemacht, das stimmt«, gab sie zu. »Ich habe ihr auch vorgeschlagen, mit
ihren Freundinnen darüber zu sprechen. Aber ich habe sie niemals ermutigt, Geschlechtsverkehr
zu haben.«
»Obwohl Sie Expertin auf diesem Gebiet sind?«
»Darcy, bitte«, wies Fergus sie zurecht. »Lassen wir doch persönliche Bemerkungen mal außen
vor. Schließlich geht es um das Wohl unserer Jugend.«
»Amen«, bestätigte der Reverend. »Offen gesagt habe auch ich meine Bedenken, ob es wirklich
ratsam wäre, so offen mit dem Thema Sexualität umzugehen. Unsere Jugend ist ohnehin schon so
vielen Versuchungen ausgesetzt. Ihre Seelen sind noch so empfindsam. Sollten wir nicht Samen
pflanzen, die ihnen helfen, einen festen Charakter zu formen, statt Verwirrung und Zweifel über
des Teufels Werk zu säen?«
»Sparen Sie sich die Predigt für Sonntag auf, Pastor«, sagte Jody. »Aber es freut mich zu hören,
dass wir in diesem Punkt einer Meinung sind.«
Ihr Blick wanderte von einem Vorstandsmitglied zum nächsten. Durch Lara sah sie geradewegs
hindurch.
»Wenn Sie die Zeit gefunden haben, darüber nachzudenken, werden Sie sicher alle zu diesem
Schluss kommen. Wenn nicht, werde ich meine eigenen Pläne wohl noch einmal überdenken
müssen.«
»Welche Pläne?«, fragte einer der Herren.
»Nun, mein Sohn Clark liebte jeden Tag, den er in Eden Pass zur Schule gehen konnte, und er
hat oft betont, dass er hier auf seine politische Karriere vorbereitet wurde. Er hätte es gern
gesehen, wenn sein Name mit der Schule in Verbindung stünde. Ich könnte mir etwas wie Clark-
Tackett-der-Dritte-Gymnasium vorstellen. Und bald kommt es dazu, dass ich nicht mehr zu den
Baseballspielen gehe, weil ich fürchte, mir auf den klapprigen Tribünen die Knochen zu brechen.
Diese computergesteuerten Anzeigetafeln sind etwas Hübsches, nicht wahr? Wäre es nicht
großartig, wenn Eden Pass die erste Schule in der Gegend wäre, die eine besäße? Damit würden
wir die größeren Schulen ganz schön blamieren, richtig?«
Lara ließ den Kopf sinken. Sie wusste, dass ihr Vorschlag nun kaum noch eine Chance hatte.
Jody ließ ihre Zuhörer diesen Brocken erst mal verdauen, ehe sie fortfuhr: »Ich bin in Eden Pass
geboren und habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich habe hier zwölf Jahre lang eine
öffentliche Schule besucht wie viele andere Kinder auch. Ich habe mich immer damit gebrüstet,
dass unser Schulsystem eines der besten im ganzen Staat ist.« Sie beugte sich vor und klopfte mit
den Knöcheln ihrer fleckigen Hand auf die Tischplatte. »Wenn ihr dieser Frau erlaubt, auch nur
ein Wort unter dem Dach der Schule zu äußern, ändere ich meine Meinung innerhalb einer
Sekunde. Wie, um alles in der Welt, könnt ihr so etwas ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn die
ganze Welt weiß, wer sie ist? Wollt ihr, dass eine Frau wie sie Einfluss auf eure Kinder ausübt?«
Ihr Gesicht war rot angelaufen, und sie hatte Probleme, Luft zu bekommen. »Ich würde eher
sterben, als mich von ihr anfassen zu lassen. Und das meine ich so, wie ich es sage. Da könnt ihr
jeden fragen, der neulich im Supermarkt war.«
»Sie haben Ihren Standpunkt klargemacht, Mrs. Tackett.« Lara befürchtete, Jody Tackett könnte
sich in einen weiteren Schlaganfall hineinsteigern. Und sie wollte nicht die Schuld dafür
zugeschoben bekommen. »Ich bin sicher, dass alle Anwesenden wissen, dass Sie meine Hilfe am
Dienstag abgelehnt haben. Und ich werde mich nicht auf einen Streit mit Ihnen darüber
einlassen, da das einfach unter meiner Würde wäre. Außerdem kann ich unmöglich gewinnen.
Ich verfüge nicht über ausreichend Mittel, den Vorstand zu bestechen, zum Beispiel mit neuen
Gymnasien oder Anzeigetafeln.«
»Also bitte«, sagte der Rektor brüskiert, »das möchte ich mir wirklich verbitten.«
Lara ignorierte ihn. »Und schlussendlich ziehe ich mich zurück, weil ich fürchte, dass die
Auseinandersetzung Sie umbringen könnte.«
Jetzt wandte sich Jody zum ersten Mal, seit sie den Raum betreten hatte, direkt an sie. »Da irren
Sie sich. Ich werde erst ins Grab steigen, wenn Sie unsere Stadt endlich verlassen haben. Meine
Stadt. Clarks Stadt. Ich werde erst ruhen, wenn Sie weg sind und die Luft wieder sauber ist.«
Lara sammelte in aller Ruhe ihr getipptes Manuskript zusammen, verstaute es in dem
Lederportfolio und klemmte es mitsamt der Handtasche unter den Arm. »Ich danke Ihnen, meine
Herren, dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Sollte ich nichts Gegenteiliges von
Ihnen hören, darf ich wohl annehmen, dass mein Vorschlag abgelehnt wurde.«
Keiner von ihnen brachte den Mut auf, ihr in die Augen zu schauen, was sie mit einer gewissen
Genugtuung registrierte. Sie verließ den Raum.
Darcy folgte ihr nach draußen. Lara blieb erst stehen, als sie den Haupteingang des Gebäudes
erreicht hatte. Dort drehte sie sich um und trat Darcy gegenüber. »Ich weiß, warum Mrs. Tackett
mich hasst«, sagte sie. »Aber wieso Sie? Was habe ich Ihnen getan?«
»Vielleicht bin ich nur der Ansicht, dass die Leute dort bleiben sollten, wo sie hingehören. Sie
hatten keinen Grund, hier aufzutauchen. Sie passen nicht hierher. Und das werden Sie auch nie.«
»Was geht es Sie an, ob ich hierher passe oder nicht? Wieso stelle ich eine solche Bedrohung für
Sie da, Mrs. Winston?«
Darcy schnaubte.
»Doch, darum geht es, da bin ich mir ganz sicher«, sagte Lara. »Sie betrachten mich aus
irgendeinem unerfindlichen Grund als eine Bedrohung für sich.« Konnte Darcys Hass auf sie
etwas mit Key Tackett zu tun haben? Es war ein unangenehmer Gedanke, den sie lieber nicht zu
nahe an sich heranlassen wollte. »Sie können mir glauben, Mrs. Winston. Sie haben nichts, was
ich Ihnen neiden würde.«
Darcy leckte sich die Lippen wie eine Katze die Sahne. »Nicht einmal eine Tochter?«
Lara zuckte zusammen. Sie konnte die Grausamkeit ihres Gegenübers kaum erfassen. »Ich habe
Sie tatsächlich unterschätzt«, sagte Lara. »Sie sind nicht nur selbstsüchtig und verachtenswert, Sie
sind auch gemeingefährlich.«
»Clever beobachtet, Dr. Mallory. Wenn es darum geht, mir zu holen, was ich haben will,
schrecke ich vor gar nichts zurück. Ich kenne keine Skrupel, und deshalb bin ich gefährlich. Das
können Sie sich ja als guten Rat ins Gepäck stecken, wenn Sie die Stadt verlassen.«
Lara schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht gehen. Egal, was Sie, Jody Tackett oder sonst wer
über mich verbreiten oder wie sehr Sie mir auch drohen – Sie können mich nicht vertreiben.«
Darcys Mund verzog sich zu einem hocherfreuten Lächeln. »Scheint, als hätten wir noch viel
Spaß.«
Lachend ging sie zurück zum Verwaltungstrakt. Ihr Lachen hallte noch lange und laut im Foyer
nach.
Darcy putzte sich die Nase mit einem monogrammbestickten Taschentuch. »Ich ertrage es nicht,
wenn du mit mir schimpfst, Fergus.«
Sie hatte erst Jody Tackett abgesetzt und war dann nach Hause gefahren, wo sie bereits von
Fergus erwartet wurde. Sie hatte ihn schon öfter so zornig erlebt, aber noch nie hatte ihr dieser
Zorn gegolten. Das beunruhigte sie. Fergus war ihr Sicherheitsnetz. Bislang hatte sie immer auf
ihn zurückgreifen können, wenn etwas schieflief.
»Bitte hör auf, mich anzuschreien«, flehte sie mit bebender Stimme.
»Entschuldige, ich wollte gar nicht laut werden.«
Schniefend tupfte sich Darcy die verlaufende Mascara ab. »Ich habe das doch nur für dich getan.«
»Das will mir nicht einleuchten, Darcy.«
»Dr. Mallory hat dich in eine unmögliche Situation gebracht. Du musstest nett zu ihr sein, weil
du eben der Vorstandsvorsitzende bist und ihrer Bitte auf eine Anhörung nachkommen musstest,
richtig?«
»Richtig«, antwortete er zögernd.
»Aber ich wusste, dass du bestimmt nicht wolltest, dass sie diese Sexseminare abhält und
Kondome an die Kinder verteilt, einschließlich unserer Tochter. Ich habe nur versucht, dir da
rauszuhelfen.«
»Indem du Jody Tackett mit hineinziehst? Meine Güte!« Er fuhr sich mit der Hand über den
kahlen Schädel. »Hast du denn gar nichts über mich in all den Jahren unserer Ehe gelernt? Ich will
nichts mit Jody zu tun haben. Und ich will ganz sicher nicht, dass ausgerechnet sie mir aus einer
Klemme hilft. Sie ist der letzte Mensch auf Erden, dem ich etwas schulden möchte.«
»Ich weiß, das weiß ich doch, Fergus.« Ihre Stimme hatte einen unterwürfigen Klang
angenommen. »Aber in schwierigen Zeiten muss man eben manchmal zu außergewöhnlichen
Mitteln greifen.«
»So schwierige Zeiten kann es gar nicht geben, dass ich Jodys Hilfe annehmen würde. Ich habe
mich ein einziges Mal auf sie verlassen, und damals hat sie mich belogen, betrogen und
hintergangen. Die Leute haben noch Jahre über mich gelacht, weil sie mich abserviert hat.«
»Jetzt lachen sie aber nicht mehr über dich.«
»Ja, aber nur weil ich mir das Kreuz krumm geschuftet habe, um mein Geschäft zu dem zu
machen, was es jetzt ist. Jetzt bedeutet mein Name in der Stadt etwas – trotz Jody Tackett.«
»Ja, und deshalb kannst du dich auch entspannen. Du hast es ihr gezeigt.«
»Aber nicht genug. Es wird nie genug sein.«
Sie seufzte. »Die Schlacht ist geschlagen, Fergus. Und du hast gewonnen. Sie ist alt.«
»Nur ein paar Jährchen älter als ich.«
»Verglichen mit dir ist sie eine Greisin. Außerdem ist sie krank. Und dafür ist diese Mallory
verantwortlich.«
»Das meiste von dem, was die Ärztin gesagt hat, klang aber ganz vernünftig.«
Darcy verkniff sich eine bösartige Bemerkung. In wohlbemessenem Ton sagte sie: »Das wundert
mich nicht, Fergus. Sie ist clever. Ihr ganzes Sprechzimmer hängt mit Diplomen und
Auszeichnungen voll.« Sie tupfte sich erneut die Nase. »Im Vergleich zu ihr bin ich ja nur ein
einfaches, dummes Hausmütterchen. Was weiß ich denn schon?«
»O Liebling, es tut mir leid.«
Fergus setzte sich auf ihre Bettkante und hielt ihr die Hand. Sie hatte ihm all die Jahre
weismachen können, dass sie sich ihrer mangelnden Bildung viel schlimmer schämte, als es
tatsächlich der Fall war. Immer wenn sich eine passende Gelegenheit bot, brachte sie das Thema
zur Sprache.
»Ich wollte damit wirklich nicht sagen, dass Dr. Mallory schlauer ist als du.«
Eine wirksame Träne rollte ihr über die Wange. »Das ist sie aber. Und außerdem kann sie
Menschen manipulieren. Sieh dir nur mal Heather an. Sie verehrt sie geradezu. Und jetzt fängst
du auch schon an, ihr mehr zu glauben als mir.«
»Aber nein, Zuckerschnäuzchen. So ist es wirklich nicht. Es geht doch nur darum, dass du Jody
da nicht als Verstärkung mit hättest hineinziehen dürfen.«
»Ich habe es ja gar nicht getan, weil ich angenommen habe, du würdest nicht allein mit ihr
fertig«, sagte sie.
»Warum denn dann?«
»Weil ich wollte, dass die Mallory endlich in ihre Schranken verwiesen wird. Und wer könnte
das besser tun als ihre Erzfeindin? Fergus, Jody hat für dich den schmutzigen Teil erledigt, und du,
als Vorsitzender, wirst als der dastehen, der uns vor dieser Yankeeärztin und ihren sogenannten
progressiven Ideen geschützt hat.«
Tiefe Furchen überzogen seine Stirn, als er darüber nachdachte. »So hatte ich das noch gar nicht
betrachtet.«
Darcy sah verstohlen zu ihm auf. »Findest du Dr. Mallory eigentlich hübsch?«
»Hübsch? Na ja, nun hübsch ist sie sicher.«
»Hübscher als ich?«
Sie hatte sich nicht mehr so verletzlich gegeben seit dem Morgen, als sie in sein Büro gestürmt
war und ihn um eine Sicherheitsnadel gebeten hatte, damit ihr die Fernfahrer nicht so in den
Ausschnitt schielten.
»Nein, mein Zuckerschnäuzchen«, sagte er und strich ihr das Haar aus der Stirn. »So hübsch wie
du kann keine andere Frau sein.«
»Und ich gehöre zu dir«, seufzte sie und kuschelte sich an ihn. »Du bist der beste Ehemann auf
der ganzen Welt.« Ihre Hand schlang sich um seinen Nacken. »Würdest du mich für ein sehr
schlimmes Mädchen halten, wenn ich jetzt furchtbar gern Liebe mit dir machen würde?«
»Jetzt, mitten am Tag?«
»Ich weiß, es gehört sich nicht, aber – ach, Fergus, ich liebe dich so sehr in diesem Moment. Ich
möchte es dir beweisen.«
»Heather könnte …«
»Sie ist mindestens noch eine Stunde beim Cheerleadertraining. Bitte, Liebling … Wenn du so
hart zu mir bist und mich anschreist, dann werde ich innerlich ganz schwach. Du kannst ein
richtiger Macho sein, und das macht mich ganz heiß. Ich werde dann ganz … feucht. Hier unten
… Du weißt schon.«
Sein großer Adamsapfel rutschte rauf und runter. »Ich … ich hatte ja keine Ahnung.«
»Fühl doch.« Sie führte seine Hand unter ihren Rock und tat, als würden ihr die Knie weich
werden, als er sie zwischen den Schenkeln berührte. »O mein Gott!«, keuchte sie.
Nach ein paar Minuten war der ganze Streit und der Grund dafür vergessen. Darcy küsste,
streichelte, leckte und lockte sich in seine Gunst zurück.
Falls Fergus ahnte, was sie mit ihm spielte, so war er entschlossen, es zu ignorieren.
Es dauerte zwei Wochen, dann musste sich Lara eingestehen, dass Darcy Winstons und Jody
Tacketts Drohungen Wirkung zeigten. Nach drei Wochen gab sie auf. Seit Jody Tacketts Kollaps
im Supermarkt ließ sich nicht ein einziger Patient mehr in ihrer Praxis blicken.
Nancy kam dennoch pflichtbewusst jeden Tag zur Arbeit und beschäftigte sich mit allerlei
Krimskrams, bis es Zeit war heimzugehen. Lara vertrieb die endlos langen, nutzlosen Stunden
damit, die aktuellen medizinischen Journale zu lesen. Sie sagte sich, dass diese Zeit alles andere als
verloren sei, denn so hatte sie endlich ausgiebig Gelegenheit, sich auf den neuesten Stand der
medizinischen Forschung zu bringen, aber es gelang ihr nur schwer, sich etwas vorzumachen.
Ärzte mit vollen Sprechzimmern hatten kaum Zeit zu lesen.
Sie hatte nichts mehr gehört von dem jungen Anwalt, den sich Jack und Marion Leonard
genommen hatten. Wenn sie tatsächlich ein Verfahren anstrengen sollten, so hatten sie bislang
noch keine Nachricht darüber erhalten. Sollte es dennoch dazu kommen, dann war Lara sicher,
dass die Fakten sie entlasten würden. Aber die negative Publicity würde ihr gleichwohl schwer zu
schaffen machen, beruflich wie persönlich. Sie klammerte sich an die Hoffnung, dass sie sich eines
Besseren besonnen hatten.
Der Vorstand der Schule meldete sich nicht bei ihr. Darcy hatte Freunde und Mitglieder aus
dem Eltern-Lehrer-Ausschuss für eine Petition an den Vorstand zusammengetrommelt, um zu
verhindern, dass anstößige Personen oder Projekte das Schulsystem unterhöhlten. Täglich
erschienen im Lokalblatt Leserbriefe von Eltern und Honoratioren, die ihre Bedenken gegen das
von Dr. Lara Mallory vorgeschlagene Projekt vehement bekundeten. Niemand wollte derartige
unmoralische Programme an der örtlichen Schule – nicht jetzt und auch nicht in Zukunft.
Wohin Lara auch ging, sie wurde entweder ignoriert oder mit schnippischen Bemerkungen und
verächtlichen Blicken bedacht. Man ließ sie spüren, dass sie eine Außenseiterin mit einer losen
Moral war. Wenn sie es nicht am eigenen Leib hätte erfahren müssen, hätte sie so etwas im
heutigen Amerika nicht für möglich gehalten. Allmählich glaubte sie, dass sich Jodys
Prophezeiung doch erfüllen könnte – nämlich dass sie erst sterben würde, wenn Lara Mallory die
Stadt verlassen hatte.
Doch das würde nie geschehen, solange sie nicht erreicht hatte, weshalb sie hergekommen war.
Die Tacketts hatten sie zu einer Ausgestoßenen gemacht. Sie hatten ihre Arztpraxis sabotiert.
Aber sie wäre verdammt, wenn sie zuließe, dass sich Key weiterhin ihrer Forderung verschloss. Er
würde sie nach Montesangrines fliegen. Und zwar jetzt.
Kapitel 18

»Ist er hier?«
Der gelbe Lincoln parkte vor dem Hangar.
»Nein, Doc, leider nicht«, sagte Balky, aufrichtig bemüht, behilflich zu sein. »Aber eigentlich
müsste er heute Abend noch kommen. Es sei denn, er hat sich’s anders überlegt und ist in
Texarkana geblieben. Bei Key weiß man ja nie …«
»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich hier auf ihn warte?«
»Überhaupt nicht. Könnte aber sein, dass es umsonst ist.«
»Macht nichts. Ich warte.«
Er schüttelte den Kopf, so als würden ihm die Menschen auf ewig ein Rätsel bleiben. Für ihn
waren Motoren und das, was sie zum Laufen brachte, viel einfacher zu verstehen. Er murmelte
vor sich hin und wandte sich wieder der Maschine zu, an der er vor Laras Ankunft gewerkelt
hatte.
Sie zog es vor, draußen zu warten, wo die Luft nicht ganz so stickig war. Es verging eine
Stunde, ehe sie die Blinklichter des Flugzeugs sah und das Dröhnen des Motors hörte. Der
Himmel war klar, tiefblau am östlichen Horizont, fliederfarben über ihr und blutrot in Golden
übergehend im Westen. Key hatte versucht, das Gefühl tiefen Friedens zu beschreiben, das ihn
nur beim Fliegen überkam. An Abenden wie diesem konnte sie sein fast mystisches Verhältnis
zum Himmel beinahe verstehen.
Er vollführte eine perfekte Landung. Sie erwartete ihn auf der Asphaltpiste, als er aus dem
Cockpit kletterte. Er sah Lara sofort, doch seine Miene verriet weder Überraschung noch Freude
oder Ärger, auch keine Wut.
Er kam auf sie zu. »Auf Hawaii kriegt man von den hübschen Mädchen zur Begrüßung eine
Blumenkette um den Hals gelegt – was haben Sie anzubieten?« Er grinste, und seine weißen
Zähne leuchteten in der steigenden Dämmerung. »Hängen Sie mir auch was um den Hals?«
»Sehr witzig«, entgegnete Lara trocken.
Sie heftete sich ihm an die Fersen, als er durch das Tor den Hangar betrat. »Was machen Sie
jetzt? Ich meine, Sie haben Ihren Job doch erledigt, oder?«
»Ich gebe Balky die Schlüssel und zische ab.«
»Das ist alles?«
»Erst lasse ich mir noch mein Geld geben.«
»Wen haben Sie heute geflogen?«
»Einen Rinderzüchter und seinen Vorarbeiter aus Arkansas, die sich hier einen Bullen angesehen
haben. Habe sie heute Morgen aus Texarkana abgeholt. Die meiste Zeit haben die mit dem
Besitzer, einem Burschen namens Anderson, dem hier ein schönes Stück Land gehört, um den
Preis gefeilscht. Dem gehört auch die Maschine. Er hat mich angeheuert, die beiden hin- und
zurückzufliegen.«
»Ein sehr schönes Flugzeug«, sagte Lara mit einem Blick über die Schulter.
»Ja, ungefähr hundertachtzig Riesen wert. Eine Queen Aire.«
»Klingt wie eine Matratze.«
»Ja, nicht wahr?« Grinsend durchquerte er die Halle. »Hey, Balky.« Der Mechaniker drehte sich
um, und Key warf ihm die Schlüssel zu.
»Gab’s Probleme?«
»Glatter Flug. Wo ist mein Geld?«
Balky wischte sich die Hände mit einem Lappen ab, während er in den kleinen Raum ging, wo
Lara am Morgen von Letty Leonards Unfall Key vorgefunden hatte. Balky ging zum Tisch in der
Ecke und knipste die Schreibtischlampe an. Dann nahm er aus einer der Schubladen einen
weißen Briefumschlag und händigte ihn Key aus.
»Danke.«
»Alles klar.«
Balky ließ sie allein. Key öffnete den Umschlag und zählte die Scheine nach. Dann verstaute er
den Umschlag in der Brusttasche seines Hemdes.
»Sie lassen sich bar bezahlen?«, fragte Lara.
»Mmh-hmm.«
»Keine Rechnung? Keine Belege für den Auftrag?«
»Ich treffe mit meinen Kunden mündliche Vereinbarungen. Wozu unnötig Leute beschäftigen?«
»Wie zum Beispiel das Finanzamt?«
»Ich zahle meine Steuern.«
»Hmmm – und was ist mit der Flugbehörde?«
»Berge von Papierkram für jeden noch so kleinen Trip. Wer braucht so was?«
»Müssen Sie keine Flugroute einreichen?«
»Unter zwölfhundert Fuß befindet man sich im kontrollfreien Raum. Da gelten die Sehen-und-
Abdrehen-Regeln.«
»Und Sie bleiben immer unter zwölfhundert?«
Er hatte genug von der Fragestunde. »Interesse am Fliegen, Doc? Ich habe einen Trainerschein
und könnte Sie in null Komma nichts in die Lüfte bringen. Ich bin nicht gerade billig, aber ich
bin gut.«
»Ich bin nicht an Flugstunden interessiert.«
»Dann sind Sie einfach nur so vorbeigekommen, ein bisschen Luft schnappen?«
»Ich wollte mit Ihnen reden.«
»Ich höre.« Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank, stützte den Ellenbogen auf das
altersschwache Gerät und trank einen großen Schluck.
»Es geht um einen Job.«
Er setzte die Dose ab und sah Lara neugierig an. »Das mit den Flugstunden haben wir abgehakt,
und einen Notfall fürs Krankenhaus haben wir auch nicht, oder?«
»Nein.«
Er musterte sie schweigend einen langen Moment, hob dann die Dose etwas an und fragte:
»Auch eins?«
»Nein, danke.«
Er nahm noch einen Schluck. »Ich sterbe schon vor Neugier – worum geht es?«
»Ich möchte, dass Sie mich nach Montesangrines fliegen.«
Er leerte in aller Ruhe das Bier und warf die Dose im gekonnten Bogen in den Mülleimer.
Dann setzte er sich auf den Drehstuhl, legte die Füße auf den Tisch, nachdem er mit dem Absatz
die Lampe weggeschoben hatte.
Lara blieb stehen. Außer der Liege in der anderen Ecke gab es keinen weiteren Sitzplatz. Er bot
ihr auch keinen an, und selbst wenn, hätte sie abgelehnt.
»Sie haben mich schon öfter gefragt, und ich habe nein gesagt. Stimmt vielleicht etwas mit
Ihrem Gehör nicht?«
»Ich meine es ernst.«
»Oh, Sie meinen es ernst«, wiederholte er spöttisch. »Dann entschuldigen Sie bitte vielmals.
Mmh-hmm. Nun, dann hatten Sie sich sicher vorgestellt, mit dem Fallschirm abzuspringen?«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Natürlich nicht.«
»Aber Sie wollen doch nicht etwa vorschlagen, in Montesangrines zu landen. Denn wenn doch,
müssen Sie völlig wahnsinnig geworden sein.«
»Es ist mein Ernst.«
»Meiner auch, Doc. Sprechen Sie Spanisch? Vielleicht haben Sie nur vergessen, was
Montesangrines übersetzt heißt, oder?«
»Es heißt ›Berg des Blutes‹. Was ich keinesfalls vergessen habe, denn ich kann das warme Blut
meiner Tochter noch immer an meinen Händen spüren.«
Er schwang die Füße vom Tisch und setzte sich aufrecht hin. »Warum, um alles in der Welt,
wollen Sie dorthin zurück?«
»Sie wissen, warum. Ich versuche es schon seit Jahren, seit ich im Krankenhaus in Miami wieder
zu Bewusstsein gekommen bin. Aber ich kann nicht auf dem offiziellen Weg einreisen. Der ist
blockiert.«
»Und deshalb wollen Sie es durch mich auf dem inoffiziellen probieren, richtig?«
»Sozusagen.«
»Sozusagen kann man da unten abgeschossen werden.«
»Dessen bin ich mir vollkommen bewusst.«
»Und trotzdem wollen Sie hin?«
»Ich muss.«
»Aber ich nicht.«
»Nein, Sie nicht. Ich dachte, Sie würden es vielleicht als Herausforderung betrachten.«
»Nun, dann haben Sie falsch gedacht. Man hat mir schon einiges nachgesagt, aber eines nicht:
dass ich ein Dummkopf bin. Wenn Sie da runter und sich den Arsch wegschießen lassen wollen,
bitte. Aber mir liegt nun mal was an meinem Arsch, deshalb streichen Sie mich lieber aus Ihrem
Plan.«
»Hören Sie mich wenigstens zu Ende an, Key.«
»Danke, kein Interesse.«
»Sie schulden es mir!«
»Sie wiederholen sich. Ich sehe das anders.«
»Es freut Sie bestimmt ungeheuer zu hören, dass ich seit dem Morgen im Supermarkt keinen
einzigen Patienten mehr hatte. Jody hat meinen Versuch, ihr zu helfen, ausgeschlagen. Und Sie
haben mich vor aller Augen blamiert.«
»Es war keine Zeit für so was wie Taktgefühl. Meine Mutter war dem Tode nahe.«
»Exakt. Und als sich herumsprach, dass die Tacketts lieber sterben, als sich von mir behandeln zu
lassen, habe ich auch noch die letzten Patienten verloren. Monate harter Arbeit waren umsonst.
Das Vertrauen, das ich mir so mühsam aufgebaut hatte, wurde mit diesem einen Satz zerstört.
Seitdem darf ich Däumchen drehen.«
»Sie rühren mich zu Tränen.«
Lara holte tief Luft, um nicht die Fassung zu verlieren. »Ich hatte vorgehabt, an der Highschool
Seminare zum Thema Sexualität abzuhalten. Ein Programm, das überlebenswichtig für die
Jugendlichen ist und von dem sie sicher profitiert hätten.«
»Ja, ich habe in der Zeitung davon gelesen.«
»Da stand aber nicht, dass Jody den Vorstand bestochen hat, damit das Programm abgelehnt
wird.«
»Sie wissen wirklich, wie man Leute abschießt, nicht wahr?«
»Verglichen mit Ihrer Mutter bin ich eine blutige Anfängerin. Als sie fertig mit mir war, wurde
das bisschen an Glaubwürdigkeit, das mir noch geblieben war, von Darcy, Ihrer Geliebten,
zermalmt.«
»Wissen Sie was? Ich habe schon von Fällen wie Ihnen gehört. Der Begriff dafür lautet, glaube
ich, Verfolgungswahn.«
Sie überhörte es. »Meine Praxis ist offiziell geschlossen. Heute Morgen habe ich Nancy
entlassen. Damit wäre meine Tätigkeit vorübergehend beendet. Sie haben also, was Sie wollten.
Ihre Familie hat sehr wirkungsvoll verhindert, dass ich Fuß fasse in Eden Pass. Wenn ich das alles
zusammennehme, denke ich schon, dass Sie mir etwas schuldig sind.«
»Ich bin Ihnen überhaupt nichts schuldig.«
»Ich habe die Praxis aufgegeben; das heißt aber noch lange nicht, dass ich die Stadt verlasse.« Sie
hatte nur noch einen Trumpf im Ärmel. Den musste sie jetzt ausspielen. »Ihre Mutter hat
geschworen, Sie würde es noch erleben, wie ich geschlagen die Stadt verlasse. Das bezweifle ich.
Ich kann, auch ohne zu arbeiten, noch mehrere Jahre von meinen Ersparnissen hier durchhalten.«
»Das ist doch Unsinn. Sie lieben Ihren Beruf viel zu sehr. Sie können ihn gar nicht aufgeben.«
»Ich würde es nicht gern tun, aber ich würde es tun.«
»Nur um uns zu trotzen?«
»Richtig. Ich bin allerdings bereit zu verhandeln. Ich werde Ihrer Familie viel Ärger und
Unannehmlichkeiten ersparen, wenn Sie mich nach Zentralamerika fliegen. Sobald wir wieder
zurück sind, werde ich die Stadt verlassen. Und Sie können mir glauben, es wird mir nicht
schwerfallen zu gehen. Ich bin den ewigen Streit und Klatsch leid. Ich bin es leid, mich ständig zu
kontrollieren, bevor ich vor die Tür gehe, nur um ja nicht aus der Rolle zu fallen und immer
hübsch anständig zu sein. Und noch etwas« – sie beugte sich über den Tisch – »meiner Meinung
nach bin nicht ich es, die unanständig ist. Die Menschen hier in Eden Pass sind voller Vorurteile,
engstirnige Heuchler, Feiglinge, die sich dem Willen einer verbitterten alten Frau unterwerfen.
Bringen Sie mich nach Montesangrines, Key, und ich überlasse Ihnen die Stadt. Und zwar nicht,
weil ich nicht gut genug für sie bin, sondern weil sie nicht gut genug für mich ist.«
Er sagte eine Weile gar nichts. Dann breitete er die Arme aus und fragte: »War das alles?«
Sie nickte kurz.
»Gut.« Er reckte sich und stand auf. »Ich muss los. Ich habe Hunger wie ein Bär, und Janellen
wartet sicher schon mit dem Essen auf mich.«
Lara packte ihn am Ärmel, als er um den Tisch herumkam. »Springen Sie nicht so mit mir um,
Sie verdammter Bastard. Sie haben vielleicht mich und meine Praxis am Boden, aber ich werde
nicht zulassen, dass Sie mich ignorieren.«
Er schüttelte ihre Hand ab. »Hören Sie, mir ist es völlig schnurz, was hier lokalpolitisch vor sich
geht und wer was über wen tratscht. Was meine Mutter mit dem Schulvorstand macht oder mit
sonst wem, ist ihre Sache. Solange es mich nicht direkt betrifft, mische ich mich nicht ein. Ich
schätze, Sie sind ’ne ziemlich gute Ärztin, und die Praxis war ja ab und an auch ganz nützlich,
aber ob Sie dort Gehirnoperationen durchführen, Däumchen drehen oder den Laden ganz
dichtmachen, interessiert mich herzlich wenig. Und Darcy Winston ist nicht meine Geliebte.
Sollten Sie vorhaben, sich in ein Land einzuschleichen, das auf der Boykottliste unseres Landes
steht – bitte. Aber ohne mich!«
»So plötzlich werden Sie gesetzestreu?« Sie zeigte auf seine Hemdtasche. »Sie fliegen tagtäglich
auf illegaler Basis!«
»Das hat nichts mit Gesetzestreue zu tun. Ich lehne Ihr Angebot ab, weil ich keine Lust habe,
mich umbringen zu lassen. Abgesehen davon traue ich Ihren Absichten nicht weiter, als ich Sie
werfen könnte. Also, Sie verschwenden nur Ihre …«
»Was ist, wenn Ashley noch am Leben ist?«
Er verstummte und musterte sie mit bohrender Intensität.
»Äh, Key, entschuldige, aber … « Balky stand in der Tür und sah unsicher von einem zum
anderen. »Ich mache jetzt Feierabend. Schließt du nachher ab?«
»Klar, Balky. Schönen Abend noch.«
»Ja, tschüs dann. Wiedersehen, Doc.«
»Wiedersehen.«
Sie lauschten, bis er weg war. Die Unterbrechung hatte die Spannung etwas herausgenommen,
doch nur kurz. Key wandte Lara den Rücken zu und fuhr sich durchs Haar. »Wäre das möglich?«
»Wahrscheinlich nicht. Der Punkt ist – ich weiß es nicht. Ich schätze, irgendwo in meinem
Hinterkopf klammere ich mich noch immer an die Hoffnung, dass sie leben könnte. Ihre Leiche
wurde nie überführt wie die ihres Vaters.« Sie rieb sich erschöpft den Nacken. »Sicher, als
Medizinerin und in Anbetracht der Schwere ihrer Verwundung weiß ich, dass sie
höchstwahrscheinlich tot und beerdigt ist. Irgendwo, an einem Ort, den ich nicht kenne. Ich
kann damit einfach nicht leben. Wenn es so ist, dann möchte ich wenigstens ihre Überreste
zurückbringen und sie auf amerikanischem Boden beerdigen.«
Er drehte sich zu ihr um, sagte aber nichts.
»Ich muss es einfach tun«, fuhr Lara fort. »Ich werde meine Tochter aus diesem Land holen und
sie nach Hause bringen. Aber ich komme ja nicht rein. Selbst verbündete Staaten haben nur
wenige Fluglinien, die Montesangrines anfliegen, weil die politische Situation dermaßen unsicher
ist. Wenn und falls ich überhaupt hinkäme, würde man mich als amerikanische Staatsbürgerin
nicht ins Land lassen, sondern mit dem nächsten Flug zurückschicken.«
»Ich würde sagen, das ist zumindest das Wahrscheinlichste.«
»Mehr als wahrscheinlich. Ich habe mit Betroffenen in ähnlichen Situationen gesprochen. Viele
Amerikaner haben ihre Angehörigen in Montesangrines, deren Schicksal ungewiss ist. Ihre
Versuche, etwas herauszufinden, waren vergebens. Wenn sie überhaupt bis zur Ciudad Central
vordringen konnten, wurde äußerst brutal mit ihnen verfahren. Manche wurden für Stunden,
sogar Tage, ins Gefängnis gesperrt, bevor sie zum Flughafen zurückgebracht und in den nächsten
Flieger verfrachtet wurden. Manche behaupten, sie wären gerade noch mit dem Leben
davongekommen, und ich glaube ihnen.«
»Und genau deshalb werde ich nicht über dieses Land fliegen, geschweige denn dort landen und
aussteigen.«
»Wenn es jemanden gibt, der mit einem Flugzeug dort hineinkommt und auch wieder heraus,
dann Sie, Key. Clark hat immer von Ihren Flugkünsten geschwärmt. Er hat mir erzählt, dass Sie
schon unter den unmöglichsten Bedingungen Ausrüstungen und auch Menschen geflogen haben
und dass Sie das Risiko lieben – je gefährlicher die Umstände, desto besser.« Sie stoppte, um Luft
zu holen. »Angenommen, Sie würden ja sagen – hätten Sie überhaupt ein Flugzeug?«
»Es ist müßig, darüber zu spekulieren.«
»Nur mal angenommen. Könnten Sie ein Flugzeug bekommen?«
Er überlegte kurz. »Na ja, da gibt es einen Typen, der wollte, dass ich seine Maschine zu Schrott
fliege, damit er die Versicherung kassieren kann. Steckt bis zum Hals in Schulden. Hat mir dreißig
Prozent angeboten, falls ich’s überlebe.«
»Das könnten Sie? Ein Flugzeug absichtlich abstürzen lassen, ohne dabei umzukommen?«
»Wenn man’s richtig anstellt, ist das nicht so schwer«, sagte er mit einem flüchtigen Grinsen.
»Das Angebot war verlockend. Aber ich hab’s nicht getan. War das Risiko nicht wert.«
»Und er hat immer noch Geldsorgen?«
»Scheint so.«
»Und das Flugzeug hat er auch noch?«
»Scheint so.«
»Dann wäre er wahrscheinlich einverstanden, wenn Sie die Maschine in eine potentielle
Gefahrensituation bringen. Wenn wir nie zurückkämen, könnte er die Versicherung kassieren
und sogar hundert Prozent der Summe behalten. Wenn wir zurückkämen, hätte er immer noch
das Geld, das wir ihm quasi als Leihgebühr zahlen würden. Was würde es kosten, sie zu mieten?«
»Es ist ’n hübsches Maschinchen. Eine Cessna 310, noch gar nicht so alt. Bei der Strecke … etwa
zwanzigtausend.«
»Zwanzigtausend«, wiederholte sie leise. »So viel?«
»Miete. Dazu käme natürlich noch mein Honorar.«
»Ihr Honorar?«
»Wenn ich meinen Arsch als Zielscheibe für einen Guerillero mit ’ner Automatik hinhalte,
können Sie verdammt davon ausgehen, dass es teuer wird.«
Als sie den Ausdruck auf seinem Gesicht sah, wusste sie, dass sie ihn sich niemals würde leisten
können. »Wie viel, Key?«
»Einhunderttausend.« Auf ihre geschockte Miene fügte er hinzu: »Zahlbar vor Abflug.«
»Das wäre so ziemlich jeder Cent, den ich habe.«
Er zuckte mit den Achseln. »Pech. Dann kommen wir wohl noch mal um die Impfung herum,
was? Gott sei Dank, ich hasse nämlich Spritzen.«
Er versuchte zum zweiten Mal, an ihr vorbeizukommen. Dieses Mal stellte sie sich ihm in den
Weg und legte die Hände auf seine Arme. »Ich hasse es. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr
ich es hasse, und wenn Sie es wüssten, würden Sie es bestimmt nicht tun.«
»Was tun?«
»So mit mir umspringen. Sie Mistkerl! Ich lasse es nicht zu, dass Sie sich über mich lustig
machen. Sie wissen, wie wichtig das für mich ist.«
Er stemmte sich einfach gegen ihre Hände und bewegte sich vorwärts, bis sie mit dem Rücken
an einen der Schränke stieß. »Und wie wichtig ist es Ihnen?«
»Extrem wichtig. Oder meinen Sie, ich hätte sonst einen Tackett – irgendeinen Tackett – um
einen Gefallen gebeten?«
Der Druck seines Körpers an ihrem war erregend. Genau wie seine funkelnden Augen. Aber sie
würde ihm nicht die Genugtuung geben und es ihn spüren lassen. Sie reckte ihr Kinn trotzig vor
und sah ihn unbeirrt an.
»Man könnte aber auch sagen, ich bin Ihr letzter Ausweg, nicht wahr, Lara?«
»Sie sind der Grund, weshalb ich nach Eden Pass gekommen bin.« Ihr Geständnis verblüffte ihn,
ganz wie sie es vorausgesehen hatte. »Clark hat mir die Möglichkeit gegeben, eine Praxis
aufzubauen, aber wenn Sie nicht wären, hätte ich es nicht getan. Ich wollte seinen furchtlosen
Bruder kennenlernen – den, der ›jederzeit überallhin fliegen kann‹, um es mit Ihren Worten zu
sagen. Ich wusste, dass Sie die meiste Zeit nicht da sind, aber ich wusste auch, dass Sie früher oder
später auftauchen würden. Ich habe beschlossen, Sie dazu zu bringen, mich nach Montesangrines
zu fliegen, wie auch immer. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, mein letzter Ausweg.«
Er hatte ihr wie gebannt zugehört, offensichtlich geschockt von ihrem Eingeständnis. Doch er
fasste sich rasch wieder. Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Dann bestimme ich
den Preis, richtig?«
»Das haben Sie schon getan. Einhunderttausend Dollar.«
Er hob die Hand und strich ihr genüsslich über die Wange. »Auf den ich gern bereit bin zu
verzichten – im Austausch mit einem Fick.«
Ihre Hand schnellte hoch, um seine aus ihrem Gesicht zu schlagen, doch stattdessen umschloss
sie, soweit es ihr möglich war, sein Handgelenk. »Ich wusste, dass das in etwas Schmutziges
ausarten würde. Ich habe versucht, an Ihr Gewissen zu appellieren, aber Sie haben keins. Sie
empfinden keine Verantwortung für irgendjemanden außer für sich selbst.«
»Jetzt haben Sie es anscheinend endlich kapiert, Doc«, flüsterte er. »Können Sie sich vorstellen,
wie befreiend es ist, von jeglicher Verpflichtung enthoben zu sein?«
»Frei von Verpflichtung? Ihr Bruder ist mitverantwortlich, dass Ashley tot ist. Ashley war das
einzige gänzlich unschuldige Opfer unter uns Sündern. Und dafür mache ich Clark
verantwortlich, genau wie mich selbst auch.«
Sie ließ seine Hand wieder los. »Wenn es um Ashley geht, kenne ich keinen Stolz. Ich werde sie
niemals Rad fahren sehen, Klavierläufe üben hören, ihre aufgeschürften Knie verarzten oder
ihrem Gutenachtgebet lauschen können. Aber ich will das haben, was ich haben kann, und das ist,
sie auf amerikanischem Boden beerdigt zu sehen. Wenn mit Ihnen zu schlafen der Preis ist, den
ich dafür zahlen muss, ist das ein sehr geringer Preis für mich.«
Das leidenschaftliche Funkeln in seinen Augen kühlte sich zu einem zynischen Flackern ab. Er
wich zurück, aber ganz sachte, so dass es eine Ewigkeit dauerte, bis sich ihre Körper nicht mehr
berührten.
»Wie Sie schon ganz richtig erkannt haben, Doc – ich habe kein Gewissen. Ich helfe einer alten
Lady über die Straße, wenn sie sonst unter einen Laster gerät, aber damit hat es sich auch schon.
Ich bin nicht wie mein Bruder. Ich habe es immer gern ihm überlassen, den Helden zu spielen.
So neugierig ich auch bin, was er wohl an Ihrer Pflaume gefunden haben mag – ich passe.«
Auf dem Weg hinaus rief er ihr noch über die Schulter zu: »Vergessen Sie nicht abzuschließen,
wenn Sie gehen!«
»Du kommst spät.«
»Ich weiß.«
»Wir haben schon gegessen.«
»Ich habe sowieso keinen Hunger.«
Die Worte fielen wie ein Schusswechsel zwischen ihm und Jody. Key ging schnurstracks zur
Anrichte und schenkte sich einen Drink ein.
»Es sind noch Erbsen und Schinken da, Key«, sagte Janellen. »Das magst du doch so gern.
Komm, setz dich, ich bringe dir einen Teller.«
»Ich setze mich zu euch, aber ich möchte wirklich nichts essen, danke.«
Er war in grässlicher Stimmung, seit Lara Mallory ihn gebeten hatte, die sterblichen Überreste
ihres kleinen Mädchens – das vielleicht gar sein eigen Fleisch und Blut war – aus Montesangrines
zu holen. Konnte Clark von seinem schlechten Gewissen in den Selbstmord getrieben worden
sein? Bislang hatte sich Key mit aller Macht gegen diesen Verdacht gewehrt. Doch jetzt erschien
es ihm plötzlich gar nicht mehr so weit hergeholt.
Er nahm die Karaffe gleich mit an den Tisch. Jodys vorwurfsvollen Blick ignorierend, schenkte
er sich noch ein Glas ein. »Wie war dein Tag, Jody? Fühlst du dich besser?«
»Ich habe mich immer gut gefühlt. Da kriege ich einmal nicht richtig Luft, und ihr tut alle so, als
wäre sonst was.«
Er verzichtete darauf, sich mit ihr zu streiten, aus Rücksicht auf ihren Blutdruck. Seit dem Anfall
behandelte er sie wie ein rohes Ei und bemühte sich, sie zu besänftigen, statt sie aufzuregen.
Er war immer noch der Ansicht, dass sie eine Pflegerin haben sollte, aber er hatte das Thema
nicht mehr angeschnitten. Er ließ jede ihrer Verbalattacken ungesühnt abprallen, wohl wissend,
dass ihre üble Laune hauptsächlich aus ihrer Angst resultierte. Gott, wenn er so einen Anfall hinter
sich hätte, wäre er schließlich auch gereizt.
»Und bei dir, Janellen? Irgendwas Aufregendes passiert?«
»Nein, nur das Übliche. Was hast du heute gemacht?«
Er erzählte ihnen von dem Rancher aus Arkansas. »Anderson hat mich anständig bezahlt. War
leichte Arbeit. Aber auch tödlich langweilig.«
»Das ist für dich das Wichtigste, nicht wahr?«, fragte Jody. »Hauptsache, es ist nie langweilig.«
Key hob sein Glas und prostete ihr auf die zutreffende Feststellung hin zu.
»Genau wie dein Vater«, schnaubte Jody verächtlich. »Immer auf Abenteuer aus.«
»Und was ist daran so falsch?«
»Wir haben Tapioka-Pudding zum Dessert, Key. Möchtest du welchen?«
»Ich werde dir sagen, was daran falsch ist.« Jody überhörte Janellens verzweifelten Versuch, den
drohenden Streit zu verhindern, und fuhr fort: »Du bist ein großer Junge, der in einer Traumwelt
lebt. Meinst du nicht, dass es langsam Zeit wird, erwachsen zu werden und etwas Sinnvolles
anzufangen?«
»Er fliegt für eines der Holzunternehmen, Mama. Er besprüht die Wälder gegen Borkenkäfer.
Den Wald zu schützen ist doch etwas Sinnvolles, oder?«
Jody hörte ihre Tochter nicht. Sie war auf Key konzentriert. »Das Leben besteht nicht nur aus
Abenteuern. Es ist die tägliche Arbeit, etwas zu schaffen, bei Regen wie bei Sonnenschein, in
guten wie in schlechten Zeiten, ob man Lust hat oder nicht.«
»Für mich hat das nichts mit ›leben‹ zu tun«, sagte er, »höchstens mit Routine.«
»Das Leben besteht nicht nur aus Spaß.«
»Richtig. Deshalb muss man ja auch danach suchen.«
»So wie dein Vater?«
»Ja. Zu Hause hatte er ja keinen.« Er war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. »Er hat sich
seinen Spaß eben woanders geholt, in anderen Betten, mit anderen Frauen.«
Jody fuhr wie angestochen von ihrem Stuhl hoch. »Ich lasse nicht zu, dass du bei Tisch so
schmutzig daherredest.«
Key erhob sich ebenfalls. »Und ich lasse es nicht zu, dass du meinen Vater schlechtmachst.«
»Deinen Vater!«, spottete sie. »Er war kein Vater. Er war doch nie für euch da!«
Es tat weh, die Erinnerung an die unzähligen Male, die er seinen Vater hatte weggehen sehen,
während er in seinem jungen verletzlichen Herzen wusste, dass es endlose Tage dauern würde, bis
er ihn wiedersah.
Dafür wollte er ihr nun ebenfalls weh tun. »Er ist doch vor dir geflüchtet, nicht vor uns
Kindern.«
»Key!«, warf Janellen dazwischen.
Doch wieder wurde sie überhört. Jetzt, da der Quell seines Hasses freigelegt war, konnte er den
Strom der zornigen Worte kaum noch stoppen. »Du warst es, die nie ein gutes Wort für mich
hatte, die mich nie in den Arm nahm. Und mit Daddy war es nicht anders, oder? Hast du jemals
mit ihm gesprochen, ohne ihm gleich einen Vortrag über seine Fehler zu halten? Hast du jemals
das dämliche Öl lange genug vergessen, um mit ihm zu lachen, herumzualbern, einfach nur so?
Und wenn er traurig war, hast du ihn dann in den Arm genommen und getröstet? Mal ganz
abgesehen davon, dass dein Busen kaum tröstlich oder weich wäre, er ist hart wie ein Brett.«
»Key!«, rief Janellen. »Mama, setz dich wieder. Du siehst …«
»Dein Vater brauchte meine Liebe nicht. Er hat sie sich von seinen Huren geholt, überall auf der
Welt. Und er hat es vor meinen Augen getan. An dem Tag, als du auf die Welt kamst, war er bei
einer.« Sie richtete sich auf und holte ein paarmal angestrengt Luft. »Das einzig Gute, was diese
Ehe hervorgebracht hat, war dein Bruder.«
»Ah, der heilige Clark«, höhnte Key. »Vielleicht war er gar nicht so heilig, wie du denkst.
Vorhin habe ich mich mit seiner ehemaligen Geliebten über ihn unterhalten. Sieht ganz so aus, als
ob Dr. Mallory den guten Clark für denjenigen hält, der ihre Familie nach Zentralamerika
verbannt hat, wo ihr Mann und ihr Kind bekanntlich erschossen wurden. Sie hat mich gebeten,
sie da runterzufliegen, um die sterblichen Überreste ihrer Tochter zu holen. Ist sie nicht gerissen?«
»Das wirst du doch nicht tun, oder?« Janellen sah ihn entsetzt an.
»Warum nicht? Geld stinkt nicht.«
»Da unten tobt noch immer eine Revolution. Dort werden jeden Tag Menschen hingerichtet.«
Obwohl er Janellen geantwortet hatte, blieb sein Blick fest auf Jody gerichtet. »Dr. Mallory ist
der Ansicht, dass ich ihr etwas schuldig bin. Und als Ausgleich für meine Dienste hat sie
versprochen, Eden Pass zu verlassen und nie mehr zurückzukommen.«
»Ich verbiete es dir, hast du mich verstanden?« Jodys Stimme bebte vor Zorn.
»Auch wenn wir so Lara Mallory endgültig los wären?«
»Auf ihr Wort ist kein Verlass. Du wirst unter gar keinen Umständen mit ihr nach
Zentralamerika fliegen.«
Er legte eine Hand aufs Herz. »Mutter, ich bin gerührt, wie besorgt du um meine Sicherheit
bist.«
»Deine Sicherheit kümmert mich einen Dreck. Ich denke an das, was von Clarks Ruf noch
übrig geblieben ist. Wenn du vorhast, mit dieser Hure irgendwohin zu fliegen, verdienst du es
nicht anders, als dass man dir den Kopf wegschießt.«
Janellen schlug die Hand vor den Mund und sank auf ihren Stuhl zurück.
»Na los, warum sprichst du es nicht aus, Jody? Wenn du Clark nicht mehr haben kannst, kann
ich ebenso gut auch tot sein, stimmt’s?«
Jody griff sich das Päckchen Zigaretten und das Feuerzeug und marschierte aus dem Zimmer.
Key blieb lange so stehen, die Hände um die Stuhllehne geklammert. Seine Knöchel hoben sich
weiß von der polierten Eiche ab, als würde er jeden Moment den Stuhl hochheben und aus dem
Fenster schleudern.
Erst als Janellen etwas sagte, wurde ihm bewusst, dass sie noch da war. »Was du gesagt hast, war
so … so entsetzlich. Mama war einfach zu wütend, um etwas zu entgegnen.«
Er musterte sie kühl. Die Muskeln in seinen Armen entspannten sich, und die Hände fielen zu
den Seiten herab. Er drehte sich um und ging langsam aus dem Zimmer. »Du irrst dich, Janellen.
Sie hat nicht geantwortet, weil ich die Wahrheit ausgesprochen habe.«
Die Lampe auf dem Nachttisch wurde angeknipst. Lara wachte augenblicklich auf, drehte sich
zum Licht um und fuhr dann senkrecht im Bett hoch. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. »Was
machen Sie hier? Wie sind Sie reingekommen?«
»Durch die Praxistür«, antwortete Key. »Sie haben vergessen, den Code der Alarmanlage zu
ändern.«
Sein Blick ruhte auf ihren nackten Brüsten. Lara, die noch Schwierigkeiten hatte, sich zu
orientieren, dachte nicht daran, sie zu bedecken. Leise fluchend, fischte er den Morgenmantel
vom Fußende des Bettes und warf ihn ihr zu.
»Ziehen Sie das über. Wir müssen uns unterhalten.«
Sie folgte seiner Anweisung ohne Widerspruch, noch immer wie gelähmt, weil er plötzlich in
ihrem Schlafzimmer stand. Sie setzte sich auf die Bettkante.
Key ging auf und ab und kaute auf seiner Unterlippe. Plötzlich blieb er stehen und wandte sich
ihr zu. »Wir werden nie im Leben Landeerlaubnis bekommen – haben Sie mal daran gedacht?«
Sie war noch vom Schlaf und Schreck halb benommen. »Nein, ich meine – ja.« Sie holte tief
Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen, und strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Nein, wir
werden keine Landeerlaubnis bekommen. Und ja, ich habe sehr wohl darüber nachgedacht.«
»Und?«
»Ich habe eine Karte, auf der eine private Landebahn markiert ist.«
»Eine WLK?«
»Eine was?«
»Eine Welt-Luft-Karte. Eine Karte speziell für Piloten.«
»Ich glaube nicht. Sie sieht jedenfalls ganz normal aus.«
»Besser als nichts«, sagte er. »Woher haben Sie die?«
»Sie wurde mir zugeschickt.«
»Von jemandem, dem Sie vertrauen können?«
»Von einem katholischen Priester. Pater Geraldo. Wir haben uns damals angefreundet. Randall
hat ihn zum offiziellen Botschaftskaplan ernennen lassen.«
»Ich dachte, die Rebellen hätten die Schwarzröcke alle hingerichtet?«
»Sie haben viele von ihnen umgebracht. Er hat es geschafft zu überleben.«
Key dachte darüber nach, während er sich in einem Sessel neben dem Bett niederließ, so nahe,
dass sich ihre Knie fast berührten. »Klingt fast so, als würde der gute Pater ein Doppelspielchen
treiben.«
»Möglich«, sagte Lara mit einem schwachen Lächeln. »Er behauptet jedenfalls, neutral zu sein.«
»Das heißt, er schwimmt mit dem Strom.«
»Das ist die einzige Möglichkeit, die er hat, Gott dort weiterhin zu dienen.«
»Oder die einzige, seine Haut zu retten.«
»Ja«, gestand sie zögernd ein. »Aber ich vertraue ihm. Außerdem ist das alles, was wir haben.«
Key stieß seinen Atem aus. »Okay, lassen wir das momentan mal beiseite, und gehen wir zu
Punkt B über. Wissen Sie, ob die über Radar verfügen?«
»Bestimmt. Aber die Technik ist sicher veraltet, wie alles dort. In dieser Hinsicht sind sie
Jahrzehnte hinter dem Rest der Welt zurück.«
»Wie weit ist es vom Landepunkt zur Ciudad Central?«
Sie rechnete im Kopf die Kilometer um. »Ungefähr vierzig Meilen.«
Er pfiff. »Das ist ziemlich nahe dran. Wie, bitte schön, soll ich ihren Radar umgehen?«
»Es muss Möglichkeiten geben, Drogenhändler schaffen es auch.«
Er warf ihr einen scharfen Blick zu. »Ich habe niemals Drogen geschmuggelt.«
»Das wollte ich damit auch nicht …«
»Klar wollten Sie.« Er hielt ihren Blick fest, dann zuckte er ungeduldig mit den Achseln. »Zum
Teufel. Glauben Sie doch, was Sie wollen.«
Er erhob sich und tigerte wieder durchs Zimmer. Lara hatte tausend Fragen, die sie ihm stellen
wollte, doch sie traute sich nicht. Hauptsächlich wollte sie wissen, warum er es sich anders
überlegt hatte. Wie ein eingesperrtes Tier schritt er auf und ab.
»Falls wir den Radar unterfliegen können und falls die Landebahn dort ist, wo sie angeblich sein
soll …«
»Wie kommen wir dann weiter?«
»Ja.«
»Ich kann dafür sorgen, dass Pater Geraldo uns abholt.«
»Gut, weiter.«
»Es gibt eine Organisation im Untergrund, die Güter, Briefe und so weiter in und aus dem Land
schmuggelt. Auf diesem Weg habe ich auch die Karte bekommen. Ich musste ein ganzes Jahr
darauf warten, aber ich habe sie bereits einige Monate. Ich kann mit Hilfe dieser Organisation
Kontakt zu Pater Geraldo aufnehmen.«
»Und das dauert dann noch mal ein Jahr?«
»Nein, das geht ganz schnell. Sie warten bereits.«
»So sicher waren Sie, dass ich mitmache?«
»Ich war sicher, dass ich alles unternehmen werde, damit es so ist.«
Schweigend starrten sie sich an.
Key wandte als Erster den Blick ab. »Spricht dieser Pater Englisch?«
»Er heißt eigentlich Gerald Mallane und ist Amerikaner.«
Er fluchte. »Was bedeutet, dass er doppelt verdächtig ist und wahrscheinlich auf Schritt und Tritt
beobachtet wird.«
»Das glaube ich nicht. Er ist praktisch schon ein Einheimischer, vom ganzen Wesen mehr
Lateinamerikaner als Ire. Abgesehen davon ist er sich der Gefahr sehr wohl bewusst. Er lebt seit
Jahren mit ihr und geht ihr aus dem Weg. Die Landebahn müsste sicher sein. Man hat mir gesagt,
sie liegt an der Küste, am Fuß eines Bergzuges mit üppiger Vegetation.«
»Sicher! Jesus! Ich werde die ganze Nacht durchfliegen müssen. Über die offene See, unter dem
Radar, um die Maschine dann mitten in einem gottverdammten Dschungel zu landen – falls wir
nicht vorher an einem Berg zerschellen oder abgeschossen werden.« Er sah, dass sie etwas sagen
wollte, und hob abwehrend die Hände. »Ich weiß, ich weiß. Drogenschmuggler machen das
dauernd. Und bestimmt auf genau dieser Piste.«
Er lief ein paar weitere Minuten hin und her. Sie wollte seine Gedanken nicht unterbrechen.
»Okay, nehmen wir an, wir sind gelandet und nicht zerschellt oder abgeschossen. Nehmen wir
an, wir konnten das Flugzeug verlassen, ohne von den Rebellen oder Contras erschossen zu
werden. Und nehmen wir an, Ihr halbwegs vertrauenswürdiger Pater ist tatsächlich da – wo wird
er uns dann hinbringen?«
»In die Ciudad Central.«
Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich hatte befürchtet, dass Sie das sagen …«
»Ich vermute, dass meine Tochter dort beerdigt wurde.«
Sein Blick wanderte zu ihrem zerzausten, hellen Haar. »Sie werden dort auffallen wie ein Eisbär
in der Sahara. Haben Sie keine Angst, jemand könnte misstrauisch werden, wenn Sie mitten auf
dem Friedhof anfangen zu buddeln?«
Lara schnappte nach Luft.
»Tut mir leid. Haken Sie es unter unsensibel ab.« Er setzte sich wieder in den Sessel und fuhr in
sanfterem Ton fort: »Ich habe ernsthafte Zweifel, dass man Sie den Sarg öffnen lassen wird, Lara.
Wissen Sie überhaupt, auf welchem Friedhof Ihre Tochter begraben sein könnte?«
»Nein.«
»Und was ist mit unserem Pater sowieso?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass er versucht, es
herauszubekommen. In den letzten Jahren wurden kaum Dokumente erstellt.« Sie lächelte
entschuldigend. »Mehr konnte ich nicht erfahren.«
»Was ist, wenn er nicht mehr Informationen bekommt?«
»Dann werde ich selbst die Suche aufnehmen.«
»Das ist unmöglich.«
»Nein, es ist nicht ganz so hoffnungslos, wie es klingt«, sagte sie mit so viel Überzeugung, wie
sie aufbringen konnte. »Da gibt es einen Einheimischen, der in der Botschaft angestellt war. Ein
cleverer junger Mann, der eigentlich für die Büroarbeit da war, der sich aber schon bald für
Randall unentbehrlich machte, indem er offizielle Dokumente übersetzt hat. Randall konnte nur
sehr bedingt Spanisch. Emilio ist intelligent und kennt sich aus. Ich bin sicher, er wird uns helfen,
wenn ich ihn finde.«
»Wenn Sie ihn finden?«
»Vielleicht ist er beim Anschlag auf die Botschaft ums Leben gekommen. Sein Name stand zwar
nicht auf der Liste der Opfer, aber ich bezweifle, dass diese Liste vollständig war. Wenn er nicht
getötet wurde, versteckt er sich wahrscheinlich. Jeder, der für die amerikanische Botschaft
gearbeitet hat, ist für die Rebellen ein Verräter.«
»Nehmen wir an, er ist tot oder anderweitig verhindert, was dann?«
»Dann bin ich wirklich auf mich selbst gestellt.«
»Und Sie sind bereit, dieses Risiko einzugehen?«
»Ich gehe jedes Risiko ein, um Ashley nach Hause zu bringen.«
»Richtig«, sagte Key. »Sie waren ja sogar bereit, mir altem Widerling Ihren hübschen Körper zur
Verfügung zu stellen.« Er starrte auf ihre Schenkel, die ein gutes Stück vom auseinandergleitenden
Morgenmantel freigegeben wurden.
Lara sagte nichts, sie saß völlig reglos da.
Key erhob sich abrupt. »Nehmen Sie Kontakt zu dieser Gruppe auf. Sammeln Sie so viele
Informationen wie möglich. Verlassen Sie sich nicht auf Ihr Gedächtnis; machen Sie sich Notizen.
Ich will alles wissen. Uhrzeit, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Temperatur, Anzahl der
Einwohner, Geschwindigkeitsbegrenzung, jedes verdammte Detail, das Ihnen einfällt. In einer
Situation wie dieser kann man nie wissen, welche Banalität über Leben und Tod entscheidet. Wir
reisen mit leichtem Gepäck. Eine Tasche, die Sie allein tragen können. Keine Wertsachen, nichts,
von dem Sie sich nicht trennen könnten – wörtlich gemeint. Vergessen Sie nie: Sollten wir Erfolg
haben, werden wir einen Sarg tragen müssen. Das kann alles sein, was wir mitnehmen,
verstanden? Noch Fragen?«
»Was ist mit dem Flugzeug?«
»Darum kümmere ich mich. Und um die Waffen.«
»Waffen?«
»Sie glauben doch nicht etwa, dass ich ohne Gewehr auf die Jagd gehe, oder? Können Sie
schießen?«
»Ich kann es lernen.«
»Fangen Sie damit an, sobald ich die Waffen habe. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie für die
Kosten aufkommen.«
»Selbstverständlich.«
»Ich tue es unter einer Bedingung: keine Fragen über die Herkunft des Flugzeugs oder der
Waffen. Sollte das FBI neugierig werden und Fragen stellen, können Sie, ohne zu lügen, sagen, Sie
wüssten von nichts.«
»Und was werden Sie sagen?«
»Ich werde lügen. Überzeugend. Wann soll es losgehen?«
»Sobald Sie das Flugzeug haben.«
»Ich werde mich melden.«
Lara stand auf. »Danke, Key. Ich danke Ihnen sehr.«
Er stellte sich vor sie. Seine Bewegungen und sein Ton waren nicht mehr hart. »Was mein
Honorar betrifft – gilt die Abmachung noch?«
Sie sah in seine dunklen, funkelnden Augen und versuchte sich selbst zu überzeugen, dass das
weiche Gefühl in ihren Knien von der Erleichterung stammte, die sie über sein Einverständnis
verspürte, und keine Reaktion auf die ungeheure sexuelle Energie war, die er ausstrahlte.
Sie ließ den Kopf sinken und löste den Gürtel um ihren Morgenmantel. Sie verharrte einen
Moment, bevor sie ihn von den Schultern streifte und fallen ließ.
Dann stand sie nackt vor ihm.
Die Stille war drückend, die Spannung greifbar. Sie spürte seinen Blick auf ihrem Körper,
obwohl sie ihn nicht ansah. Ihre Haut prickelte, als würde er sie tatsächlich mit den Augen
berühren und dabei fast verbrennen. Brüste, Bauch, Geschlecht, Schenkel, er ließ nichts aus.
Ihr wurde heiß. Sie wurde feucht. Ihre Brustwarzen richteten sich auf. In ihren Ohrläppchen
pulsierte das Blut. Und irgendwo tief in ihrem Inneren spürte sie das Pochen der Begierde.
»Sieh mich an.«
Sie hob den Kopf.
»Sag meinen Namen.«
»Key.« Da es kaum mehr als ein Flüstern war, wiederholte sie: »Key.«
Er umklammerte ihren Nacken und beugte sich zu ihr. Sein Kuss war grob und besitzergreifend.
Sie spürte seinen Zorn in den Stößen seiner Zunge … zunächst. Dann schien es, als suchte er
etwas, das er nicht bekommen konnte. Vielleicht ein Verlangen, so tief wie ihr eigenes.
Es war da. Er sollte es nur nie erfahren. Weil er so abrupt von ihr abließ, wie er begonnen hatte.
»Das waren schon mal zehntausend.« Seine Stimme klang erstaunlich gefasst, doch an den Falten
um seine Lippen, die sich wie hölzern bewegten, sah man ihm die Anspannung an. »Über den
Rest verhandeln wir, wenn wir lebend zurückkommen.« Er wandte sich ab.
Lara fischte den Morgenmantel vom Bett und bedeckte sich damit. »Key?«
Er hielt auf dem Weg zur Tür und drehte sich nur zögernd um.
»Ich weiß, warum ich es tue, aber wieso tust du es?« Sie schüttelte in Unverständnis den Kopf.
»Woher der plötzliche Wandel? Was hast du dabei zu gewinnen?«
»Außer ein paar armseligen Tausendern, nichts. Der Punkt ist, dass ich – genau wie du – nichts
mehr zu verlieren habe.«
Kapitel 19

»Hast du meinen Bruder geliebt?«


Die Frage kam völlig unvermittelt.
Lara hatte die Augen geschlossen, aber sie schlief nicht. Dazu war sie viel zu aufgeregt, doch ihr
wurden die Lider schwer, weil sie in den letzten Tagen vor ihrem Abflug kaum Schlaf gefunden
hatte.
Es war mindestens eine halbe Stunde her, seit zwischen ihr und Key das letzte Wort gefallen
war. Seitdem hatte man im Cockpit nichts als das Dröhnen der beiden Motoren vernommen. Am
späten Nachmittag waren sie aus Brownsville, Texas, abgeflogen. In den darauffolgenden Stunden
hatte sich die zerklüftete Landschaft Mexikos endlos unter ihnen erstreckt. Nachdem sie die
Yucatán-Halbinsel überflogen hatten, hatte Key auf den offenen Pazifik zugesteuert, wo er dann
ein weites U geflogen war. Es war noch kein Land in Sicht, als sie jetzt vom offenen Ozean aus
Montesangrines anflogen.
Der Mond war nicht mehr als eine schmale Sichel. Key hatte den Termin nach dem
Mondzyklus berechnet. Er hatte auch die Lichter auf den Flügelspitzen ausgeschaltet. Die
stygische Dunkelheit wurde lediglich durch die Beleuchtung des Armaturenbretts erhellt.
Lara hatte seine wachsende Anspannung gespürt, während er sich geistig auf die schwierige
Landung einstellte, und nicht versucht, ihn durch belanglose Konversation abzulenken. Gegen
Mittag waren sie aus Eden Pass abgeflogen und hatten in Brownsville Zwischenstopp eingelegt,
um zu essen. Lara hatte keinen Appetit gehabt, aber Key hatte darauf bestanden, dass sie ihren
Teller leerte. »Niemand kann wissen, wann wir das nächste Mal was zu essen kriegen«, hatte er
gemeint.
Er hatte die Maschine aufgetankt, die er, so vermutete sie, da es eine Cessna 310 war, von dem
Mann mit den Schulden hatte. Wie vereinbart fragte sie ihn nicht danach. Als Vorbereitung auf
die Reise hatte Key von den fünf Sitzen alle bis auf ihre beiden ausgebaut, um Platz für den Sarg
zu haben, so nahm sie zumindest an. Er hatte das Flugzeug zudem um ein Navigationsgerät
ergänzt.
»Nennt sich Loran«, erklärte er. »Ich gebe Länge und Breite der Landebahn ein, und dieses Baby
findet sie für mich. Kannst du mir die Koordinaten besorgen?«
Sie hatte diese für sie lebenswichtige Information über den Untergrund bekommen, doch ehe
die endlich eintraf, verstrichen einige bange Tage. »Wir können auf keinen Fall bei Vollmond
fliegen«, hatte Key geschimpft. »Wenn dein Priester nicht bis zum Fünfundzwanzigsten damit
rüberkommt, müssen wir einen ganzen Monat warten.«
Was möglich gewesen wäre, doch sie waren geistig auf die Abreise eingestellt. Zu warten hätte
den Stressfaktor nur erhöht. Sie hatten sich bereits den Mund über den Ablauf fusselig geredet.
Ihre Nerven lagen blank. Zum Glück konnte der Pater die Koordinaten, die Key so dringend
benötigte, gerade noch rechtzeitig überbringen lassen.
Hinter den Sitzen waren ihre Sporttaschen verstaut, in die sie ein paar Toilettenartikel und
Kleidung zum Wechseln gepackt hatte. Laras Arzttasche war prallvoll. Key hatte zusätzlich eine
Kameratasche mit einer 35-mm-Kamera und verschiedenen Objektiven dabei. Falls sie in die
Situation geraten sollten, gefragt zu werden – was äußerst unwahrscheinlich war, wie er ihr
versicherte –, würden sie behaupten, sie wären unterwegs nach Chichén Itzá, um die Pyramiden
zu fotografieren.
Unter einem der Flügel gab es ein Geheimfach, wo Key ein Gewehr verstaut hatte. Außerdem
hatte er zwei Handfeuerwaffen im Cockpit. Lara war zusammengezuckt, als sie die Waffen zum
ersten Mal gesehen hatte.
»Das ist deine«, hatte er gesagt und ihr eine Pistole hingehalten.
»Die kann ich ja kaum heben.«
»Wenn du es musst, wirst du es können, glaub mir. Halt sie mit beiden Händen fest, wenn du
abdrückst.«
»Randall wollte, dass ich schießen lerne, als wir nach Montesangrines gingen, aber ich habe mich
geweigert.«
»Mit der hier muss man kein guter Schütze sein. Es ist eine Magnum .357. Richte sie einfach
aufs Ziel und drück ab. Sie ist im wahrsten Sinne eine Handkanone. Was immer du damit triffst,
es wird zerfetzt oder zumindest schwer beschädigt sein.«
Sie erschauerte bei dem Gedanken. Er hatte ihre Abneigung einfach ignoriert und ihr einen
Crashkurs im Laden und Feuern einer Waffe gegeben.
Sie waren so gut vorbereitet, wie es den Umständen entsprechend möglich war. Und jetzt
befanden sie sich kurz vor ihrem Ziel. Eine Million Dinge konnten schieflaufen: Einige davon
waren sie zusammen durchgegangen, andere hatte Key, wie Lara vermutete, höchstwahrscheinlich
für sich behalten.
War seine unvermittelte Frage, ob sie seinen Bruder geliebt hatte, seine Art, sich von den
möglichen Gefahren abzulenken, die sie erwarteten?
Sie wandte sich um und betrachtete ihn im Profil. Er hatte sich seit einer Woche nicht mehr
rasiert. »Tarnung«, hatte er gemeint, als sie ihn auf die dunklen Stoppeln angesprochen hatte. Mit
dem Bart sah er fast noch besser aus; er verlieh ihm zusätzlich zu seiner ohnehin geheimnisvollen
Ausstrahlung einen anrüchigen Charme.
»Ob ich Clark geliebt habe?«, wiederholte Lara. Sie wandte den Blick geradeaus und starrte in
den tiefschwarzen Nachthimmel. Sie versuchte, nicht daran zu denken, dass dieser winzige Käfer,
vollgestopft mit Technik, alles war, was zwischen ihr und dem Pazifischen Ozean war. Für sie
ging Fliegen gegen die Logik. Die Maschine wirkte in diesem riesigen schwarzen Vakuum einfach
schrecklich klein und zerbrechlich.
»Ja, ich habe ihn geliebt.« Sie spürte, wie er sich zu ihr hindrehte, hielt aber selber den Blick
geradeaus. »Deshalb war ich ja so erschüttert über seinen Verrat. Er hat mich den Wölfen zum
Fraß vorgeworfen und von seinem sicheren Platz aus zugesehen, wie sie mich zerrissen. Und er
hat mich nicht nur im Stich gelassen, er hat mich durch sein Schweigen auch noch denunziert.
Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass Clark so unloyal und feige sein könnte.«
»Es war doch aber ganz und gar nicht feige, dass er mit seiner Geliebten unter den Augen ihres
Ehemannes ins Bett gestiegen ist, oder?«, fragte er. »Oder war das Dummheit? Manchmal ist der
Grat zwischen Tapferkeit und Dummheit äußerst schmal. Was hat dich dazu veranlasst, es zu tun,
wo die Gefahr, erwischt zu werden, so groß war?«
»Die Liebe ist eine mächtige Antriebskraft. Sie unterwirft uns und lässt uns verrückte Dinge tun.
An diesem Wochenende war die Atmosphäre im Cottage so … so aufgeladen. So erwartungsvoll.«
Sie sah auf ihre Hände und rieb sich die Handflächen. »Ein derart starkes Verlangen verschleiert
den ganzen Verstand. Es wird mächtiger als die Angst vor dem Entdecktwerden.« Seufzend hob
sie den Kopf. »Ich hätte die Warnzeichen erkennen müssen. Sie waren so offensichtlich.
Rückblickend denke ich, dass die Katastrophe vorgezeichnet und unausweichlich war. Ich habe
nur nicht hingesehen.«
»Mit anderen Worten, du hast dich dermaßen von deinem animalischen Verlangen leiten lassen,
dass du jede Vernunft vergessen hast.«
»Sei bloß nicht so überheblich, immerhin hat dein animalisches Verlangen dazu geführt, dass du
von einer verheirateten Frau angeschossen wurdest! Außerdem ist das alles längst vergessen. Wieso
fängst du jetzt davon an?«
»Weil ich gern denken würde, dass ich aus einem noblen Grund ins Gras beiße, wenn ich in
dieser gottverdammten Bananenrepublik draufgehe. Ich möchte daran glauben, dass du mehr als
ein nettes Döschen für meinen geilen Bruder warst und dass er für dich mehr war als eine
willkommene Abwechslung von deiner langweiligen Ehe.«
Sie hatte eine derbe Entgegnung auf der Zunge, aber leider lag ihr Leben in seiner Hand. Ohne
ihn stünden ihre Überlebenschancen auf diesem Trip bei null. Ob es ihr gefiel oder nicht – sie
waren Verbündete mit einem gemeinsamen Ziel. Deshalb mussten private Streitigkeiten möglichst
vermieden werden.
»Ich habe Clark geliebt, trotz der Art und Weise, wie unsere Freundschaft endete«, sagte sie.
»Und ich glaube von ganzem Herzen, dass auch er mich geliebt hat. Macht das unsere Mission
nobel genug für dich?«
»War er Ashleys Vater?«
Damit hatte sie nicht gerechnet. Für einen Moment war sie baff. Sie hatte niemals auch nur
angedeutet, dass Clark der Vater ihres Kindes sein könnte. Und nicht einmal die gemeinsten der
Nachrichtenhaie hatten damals in dieser Richtung nachgeforscht. Andererseits war es doch nicht
so verwunderlich, dass Key der Erste war, der ihr diese Frage stellte. Sie war in ihrer
Unverschämtheit typisch für ihn.
»Darauf kann ich nicht antworten.«
»Du meinst, du weißt es nicht? Du hast zu der Zeit mit beiden gebumst?«
»Ich korrigiere«, entgegnete Lara aufgebracht. »Ich werde darauf nicht antworten. Nicht, bis wir
erledigt haben, weshalb wir hergekommen sind.«
»Was macht das für einen Unterschied?«
»Du bist derjenige, der mich nach Ashleys Vater gefragt hat. Sag du mir, was es für einen
Unterschied macht.«
»Oh, ich verstehe. Du glaubst wohl, ich strenge mich mehr an, ihre Überreste zu finden, wenn
ich weiß, dass sie eine Tackett war.« Er gab einen vorwurfsvollen Laut von sich. »Deine Meinung
von mir muss tatsächlich noch schlechter sein, als ich gedacht habe. Sag mal, wo auf deiner Skala
lebenswerter Existenzen rangiere ich eigentlich? Gerade so über dem Bodensatz oder sogar
darunter?«
Angesichts der vor ihnen liegenden Strapazen war Wut nur Energieverschwendung. »Hör zu,
Key, wir hatten unsere Schlammschlachten, und wir haben beide nicht gerade mit Munition
gegeizt. Manches davon war berechtigt, anderes nicht. Aber ich vertraue dir. Wenn dem nicht so
wäre, hätte ich dich nicht gebeten, mit mir hierherzufliegen.«
»Du hattest doch gar keine andere Wahl.«
»Ich hätte einen Söldner anheuern können.«
»Den hättest du dir nie im Leben leisten können.«
»Vielleicht nicht. Aber fehlendes Geld hätte mich nicht aufhalten können. Ich hätte es irgendwie
beschafft, und wenn ich auf mein Erbe spekuliert hätte.«
»Aber du fandest, dass wir Tacketts es dir schuldig sind.«
»Nicht nur.« Sie zögerte. Er sah sie von der Seite an. »Richtig, ich bin nach Eden Pass
gekommen, um dich zu überreden, mich herzufliegen. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass
ich mit meinem Entschluss so richtig lag.« Ihre Blicke trafen sich für einen Moment. Schließlich
wandte sich Lara ab. »Ich verspreche, dir auf alles zu antworten, wenn wir wieder daheim sind.
Bis dahin lassen wir die Giftpfeile stecken, einverstanden?«
Key sagte lange Zeit nichts. Als er sprach, hatten seine schroffen Worte nichts mehr mit der
Frage nach Ashleys Herkunft zu tun. »Wie es aussieht, werden wir bald runtergehen – so oder so.«
»So oder so?«
»Ja, entweder wir finden die Landebahn, oder uns geht der Sprit aus, und wir landen im Ozean.
Warum versuchst du in der Zwischenzeit nicht noch ein bisschen zu schlafen?«
»Soll das ein Witz sein?«
Er grinste. »Ja.«
»Das ist nicht witzig.«
Sie suchte den Horizont ab, konnte in der Dunkelheit aber nicht einmal das Meer erkennen.
Key beobachtete die Instrumente. Lara bemerkte, dass sie an Höhe verloren.
»Gehen wir runter?«
»Ja, unter fünfhundert Fuß. Nur für den Fall, dass ihr Radarsystem doch besser ist, als wir
annehmen. Bist du dir sicher, dass dein Priester da sein wird?«
»Du weißt doch genau, dass ich keine hundertprozentige Garantie dafür haben kann.« Er hatte
sie damit schon unzählige Male gelöchert. Sie war so sicher, wie sie sich eben den Umständen
entsprechend sein konnte. »Er hat unsere ungefähre Ankunftszeit mitgeteilt bekommen. Wenn er
die Maschine hört, wird er die Fackeln an der Landebahn anzünden.«
»Fackeln«, schnaubte Key verächtlich. »Wahrscheinlich leere Suppendosen mit Kerosin drin.«
»Er wird da sein, genau wie die Fackeln.«
»Der Wind hat jetzt auf zwanzig Knoten zugenommen.«
»Ist das schlecht?«
»Unter zehn wäre ideal. Vierzig, unmöglich. Zwanzig gehen gerade noch. An der Küste muss
man immer mit Seitenwinden rechnen. Ich frage mich, wie weit der Dschungel von der Küste
entfernt ist.«
»Wieso?«
»Um diese Uhrzeit könnte Bodennebel aufsteigen, was zur Folge hätte, dass wir nicht nur die
Fackeln, sondern auch die Berge nicht sehen würden. Bis wir dagegen fliegen, natürlich.«
Sie bekam feuchte Hände. »Kannst du nicht mal an was Positives denken?«
»Doch.«
»Und?«
»Wenn ich sterbe, kriegt Janellen meinen Anteil auch noch.«
»Ich dachte, du bist der furchtlose Pilot«, sagte sie stöhnend. »Der König der Lüfte der
Neunziger. Du hast gesagt, du könntest jede Maschine überallhin fliegen, jederzeit.«
Er hörte nicht zu. »Da ist die Küste.« Er checkte den Loran. »Wir sind da. Du hältst nach den
Fackeln Ausschau. Das ist dein Job.«
»Wieso?«
»Weil ich genug damit zu tun habe, nicht gegen diese verdammten Berge zu knallen, wenn wir
unter fünfhundert fliegen. Wenigstens ist kein Nebel.«
Die felsige Küste war vage am Horizont auszumachen. Vor Tausenden von Jahren war ein
Felsbrocken von der Küste Zentralamerikas abgebrochen, das jetzige Montesangrines. Der Fels
war auf den offenen Ozean getrieben, wo er dann, dreihundertachtzig Meilen vom Festland
entfernt, zur Insel wurde. Im geologischen Zeitrahmen war dieser Vorgang erst kürzlich
geschehen. Der zerklüftete Fels hatte noch nicht genügend Zeit gehabt, in sandige Strände zu
erodieren, und so wurde die Küste von Montesangrines von wenig einladenden Klippen
beherrscht.
Deshalb war der Insel auch, im Gegensatz zu ihren glücklicheren Nachbarn, der gesunde
Zustrom an Touristen aus Nordamerika und Europa verwehrt geblieben, der die Wirtschaft hätte
ankurbeln können. Der daraus resultierende ökonomische Notstand hatte zu mehr als einem
Waffenkonflikt zwischen Montesangrines und den Republiken um Zentralamerika geführt.
Der Gebirgszug hatte die Form des Buchstaben C, vom Landesinneren beginnend, grenzte er im
Norden an die Nachbarinsel und verlief mehrere Meilen parallel zur Küste, bevor er abflachte. In
der Beuge des Cs nistete die Hauptstadt, Ciudad Central. Fünfundneunzig Prozent der
Bevölkerung des Landes lebten in der Stadt oder in den umliegenden Dörfern.
Hinter den Dörfern erstreckte sich kilometerweit nichts als Dschungel, nur von Tieren und
Pflanzen und verschiedenen Indianerstämmen bevölkert, die heute noch im Großen und Ganzen
so lebten wie vor hundert Jahren, ohne die Errungenschaften oder Niederungen der modernen
Zivilisation.
Lara hatte Montesangrines nur einmal angeflogen – nach ihrer Ankunft hatte sie das Land erst
wieder an dem Tag verlassen, als sie verletzt und bewusstlos nach Miami gebracht worden war.
Als die Küste in Sichtnähe kam, wurde Lara unruhig. Sie erinnerte sich, wie schrecklich
unglücklich sie bei ihrer Ankunft mit Randall gewesen war. An diesem Tag hatte sie nur der
Gedanke an das neue Leben in ihrem Bauch aufrechterhalten. Und Ashley war der einzige Grund,
weshalb sie zurückkam.
»Achte auf eventuelle andere Maschinen«, wies Key sie an. »Ich kann mich nicht darum
kümmern.«
»Aber es weiß noch niemand, dass wir kommen.«
»Hoffst du. Ich will nur sichergehen, dass uns kein Armeehubschrauber am Arsch klebt, okay?«
Lara sah ihn an. Die Temperatur im Cockpit war angenehm, trotzdem lief ihm eine kleine Spur
Schweiß die stoppeligen Wangen hinunter. Auch ihre Haut war feucht vor Angstschweiß.
»Uns bleibt nichts anderes übrig, als runterzugehen«, murmelte er mit einem Blick auf die
Armaturen. »Ich würde es nicht mal mehr schaffen, den montesangrinischen Luftraum zu
verlassen, wir haben kaum noch Benzin. Wo bleiben die verdammten Fackeln?«
Verzweifelt beugte Lara sich vor und suchte die Küste ab. Sie konnte nichts als einen schmalen
Streifen Strand erkennen, der in die Baumlinie unterhalb der Berge überging.
Was, wenn Pater Geraldo nicht da war? Was, wenn er gefoltert worden war, bis er die
Information über ihre Ankunft verraten hatte? Oder wenn die Rebellen wussten, dass die Witwe
des ehemaligen Botschafters der Vereinigten Staaten versuchte, ins Land zu gelangen? Dann
würde nicht nur ihr Leben, sondern auch Keys auf dem Spiel stehen. Und niemand würde ihnen
helfen können. Sie wären der Willkür dieser Leute ausgesetzt, und Lara wusste aus Erfahrung, dass
die Montesangriner keine sehr gnädigen Menschen waren. Dann könnten sie nur noch hoffen, zu
zerschellen und einen schnellen Tod zu sterben.
»Verdammt.«
»Was ist?«
»Ich muss sie hochziehen. Festhalten.« Die Maschine ging im Steilflug hoch. Sie schafften es
gerade noch über den Bergkamm. Key flog das Flugzeug nach links und tauchte in die üppig
bewaldeten Hänge hinunter, bevor er wieder aufs Meer hinausflog.
»Wo bleibt dein Pater, Lara?«
»Ich weiß es nicht!« Sie biss sich nervös auf die Unterlippe. Sie war so sicher gewesen, dass er da
sein würde.
»Siehst du was?«
»Nein.«
»Warte, ich glaube, da sind …«
»Wo?«
»Auf vier Uhr.«
Er vollzog ein weiteres drastisches Flugmanöver, das ihr auf den Magen schlug. Sie schloss die
Augen, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Als sie sie wieder öffnete, war der Horizont
dort, wo er hingehörte, und unter und vor ihnen leuchteten drei kleine Lichter auf. Dann ein
viertes.
»Das ist er!«, rief sie. »Er ist da! Ich habe gewusst, dass er kommt.«
»Okay, festhalten, wir gehen runter.«
Er drosselte Geschwindigkeit und Höhe, und schneller, als Lara erwartet hatte, rasten die Lichter
auf sie zu, bis sie mit einem harten Ruck aufsetzten. Das Flugzeug holperte über die unebene
Piste. Key benötigte all seine Kraft, um die Maschine zum Halten zu bringen. Er stand praktisch
auf den Fußpedalen. Die Piste stieg leicht an, um die Landung zu erleichtern und zu verkürzen.
Dennoch schienen sie endlos lange zu brauchen. Erst am Ende der Bahn, in atemberaubender
Nähe zu den Bäumen, blieb die Maschine stehen.
Key stellte den Motor ab. Sie seufzten erleichtert auf. Er legte ihr die Hand aufs Knie. »Alles in
Ordnung?«
»Ja.« Da sie als Erste aussteigen musste, griff sie zur Tür.
»Moment noch.« Er saß angespannt und regungslos da und starrte hinaus in die Dunkelheit. »Ich
will erst sehen, wer unser Begrüßungskomitee ist.«
Sie blieben schweigend sitzen. Hinter ihnen wurden die sechs Fackeln, eine nach der anderen,
gelöscht.
Keys rechte Hand lag weiterhin auf ihrem Knie, mit der linken fischte er unter seinem Sitz nach
seiner Waffe. Er hatte ihr gesagt, es sei eine Beretta, 9 mm. Er lud sie durch.
»Key!«
»Aber …«
Er hob die Hand und gebot ihr, still zu sein. Jetzt hörte sie es auch – ein Fahrzeug näherte sich.
Sie spähte über ihre Schulter und sah einen Jeep aus der Dunkelheit auftauchen und langsam
näher kommen. Er blieb hinter dem Flugzeug stehen. Der Fahrer stieg aus und kam auf sie zu.
Key zielte mit der Beretta auf die dunkle Gestalt.
Lara stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Es ist Pater Geraldo. Er ist allein.«
»Das hoffe ich für ihn.«
Lara stieß die Tür auf und stieg über die Einbuchtungen am Flügel aus. »Gott sei Dank, dass Sie
da sind.«
Er streckte ihr die Hände entgegen. »Mrs. Porter, es tut gut, Sie wiederzusehen.«
Sie gab ihm die Hand. Er nahm sie in seine und schüttelte sie herzlich. »Sie sehen gut aus.«
»Sie auch.«
»Haben Sie in Erfahrung bringen können, wo man meine Tochter beerdigt hat?«
»Ich fürchte, nein. Ich habe es versucht, ohne Erfolg. Es tut mir leid.«
Die Nachricht war enttäuschend, aber nicht überraschend. »Ich habe damit gerechnet, dass es
schwierig wird.« In diesem Moment kletterte Key aus dem Flugzeug. »Das ist Key Tackett.«
»Pater«, begrüßte er ihn knapp. »Vielen Dank für die Koordinaten. Ohne die hätten wir niemals
hergefunden.«
»Es freut mich, dass sie Ihnen nützlich waren.«
»Sind Sie sicher, dass Ihnen niemand gefolgt ist?«
»Ziemlich sicher.«
Key runzelte die Stirn. »Okay, schaffen wir das Baby hier beiseite, bevor wir Gesellschaft
kriegen.«
»Sie können davon ausgehen«, sagte der Priester, »dass wir momentan sicher sind.«
»Ich setze nicht gern mein Glück aufs Spiel. Wohin?«
»Der Drogenschmuggel hat seit der Revolution erheblich nachgelassen. Die Piste wird schon seit
geraumer Zeit nicht mehr genutzt. Ich habe eine Machete mitgebracht und das Unterholz etwas
ausgeforstet, während ich auf Sie gewartet habe.« Er deutete in den schier undurchdringlichen
Dschungel.
»Schaffen wir sie dahin.«
Nachdem sie das gröbste Gestrüpp abgeholzt hatten, schoben sie zu dritt das Flugzeug von der
Landebahn. Sie luden das wenige Gepäck aus, das sie mitgenommen hatten, einschließlich des
versteckten Gewehrs, und tarnten die Maschine mit Zweigen.
»Das müsste reichen«, sagte der Pater zu Key, der das Versteck von allen Seiten begutachtete.
»Selbst bei Tageslicht dürfte die Maschine nicht mehr zu sehen sein. Erlauben Sie, Mrs. Porter?«
Er nahm Laras Tasche und die Kamera und ging zum Jeep. Key schulterte seine Tasche und das
Gewehr und sagte im gedämpften Ton zu Lara: »Du hast vergessen zu erwähnen, dass der gute
Pater ein Säufer ist.«
»Er hat bestimmt gerade die Messe gehalten. Das muss Messwein sein.«
»Von wegen. Das ist eindeutig Jamaika-Rum. Ich habe genug davon wieder ausgekotzt, um zu
wissen, wie das Zeug riecht.«
»Dann hast du auch keinen Grund, ihn zu verurteilen.«
»Von mir aus kann er sich mit sonst was volllaufen lassen, solange Verlass auf ihn ist.«
Bevor Lara etwas entgegnen konnte, erreichten sie den Jeep. Pater Geraldo, der mit seinen
vierzig Jahren aussah wie sechzig, half Key, die Sachen zu verstauen. »Wenn es Ihnen nichts
ausmacht, sitzen Sie hier. Für Mrs. Porter ist es vorn sicherlich bequemer.«
»Soll mir recht sein«, sagte Key und schwang sich auf die Rückbank. »Dann kann ich wenigstens
unseren Arsch bewachen.«
»Gut gesagt.« Der Priester schenkte ihm ein Lächeln. »Wir leben in turbulenten Zeiten.«
»Richtig. Wir können gern mal bei einem Bier darüber philosophieren, aber jetzt halte ich es für
klüger, von hier zu verschwinden. Pronto.«
Falls der Priester Keys Anspielung auf seine Alkoholfahne mitbekommen haben sollte, ließ er
sich jedenfalls nichts anmerken. Nachdem er Lara beim Einsteigen geholfen hatte, kletterte er
hinters Steuer. »Wir lassen die Scheinwerfer besser aus, bis wir die Stadt erreicht haben.
Manchmal werden die Straßen nachts patrouilliert.«
»Von wem?«, wollte Key wissen.
»Von allen möglichen Leuten. Das ändert sich täglich.«
»Wie ist die momentane politische Lage?«, fragte Lara.
»Angespannt.«
»Toll«, murmelte Key.
»Das alte Regime will wieder an die Macht. Präsident Escavez hält sich noch versteckt, aber es
geht das Gerücht, dass er eine Armee um sich schart und einen Umsturz plant.«
»Das werden die Rebellen niemals zulassen, ohne dass es in einem Blutbad endet«, sagte Lara.
»Völlig richtig«, stimmte ihr der Priester zu. »Aber Escavez ist es nicht, der ihnen Sorge bereitet.
Er glaubt, das Volk würde ihn noch mehr lieben, doch da irrt er sich. Niemand will die Diktatur
zurück, die vor der Revolution geherrscht hat. Escavez ist nicht mehr als ein alter Mann, der sich
etwas vormacht. Eher ein Ärgernis als eine Bedrohung. Die Rebellen haben ganz andere Sorgen.«
»Zum Beispiel?«, fragte Key. Er war durch das Roden des Busches und Schieben des Flugzeugs
ins Schwitzen geraten. Er zog sein Hemd aus und wischte sich damit die Brust, das Gesicht und
den Hals ab. Lara beneidete ihn um diese Freiheit. Sie zerfloss förmlich. Die Bluse klebte ihr auf
der Haut.
»Geld oder der Mangel daran ist ihr größtes Problem«, erwiderte der Priester auf Keys Frage.
»Niemand kämpft mit Feuereifer für nichts. Die Begeisterung für die Revolution hat unter den
Männern stark nachgelassen. Nach Jahren des Lagerlebens im Dschungel ist da nichts mehr vom
anfänglichen Eifer.
Die Männer sind es leid zu kämpfen, aber sie haben zu viel Angst vor den Anführern, um nach
Hause zu gehen. Sie sind ausgehungert, krank, haben Heimweh. Manche haben ihre Familien seit
Escavez’ Sturz nicht mehr gesehen. Sie verstecken sich im Busch und kommen nur raus, um
kleine Dörfer zu überfallen wegen Nahrungsmitteln. Hauptsächlich bekämpfen sie sich
untereinander. Seit Jorge Perez Martinez ermordet wurde …«
»Ermordet? Davon haben wir in den Staaten nichts mitgekriegt«, sagte Lara überrascht. Perez
war General in Escavez’ Armee gewesen und hatte den Militärputsch angeführt. Die Rebellen
hatten ihn als Befreier des unterdrückten Volkes gefeiert.
»Vor mehr als einem Jahr wurde er von einem seiner eigenen Männer umgebracht«, erklärte der
Priester. »Danach war die Anführerschaft offen. Zweimal versuchten es Leutnants, die Nachfolge
von Perez anzutreten, aber keiner von beiden konnte die Rebellen zusammenhalten. Es gab
einfach zu viele Untergruppen. Das hatte zur Folge, dass die Konterrevolutionäre, darunter auch
Escavez, immer mehr an Boden zurückgewannen.
Dann tauchte einer von Perez’ Protegés auf und erklärte sich selbst zum neuen General der
Rebellenarmee. Er hat sich während der letzten vier Monate durchgesetzt, hauptsächlich aber,
weil seine Männer ihn fürchten, glaube ich. Er ist absolut rücksichtslos und macht vor nichts halt,
um an der Spitze zu bleiben. El Mano del Diablo. Die Hand des Teufels. So nennen sie ihn.« Er
sah Lara von der Seite an. »Er verabscheut Amerikaner.«
Es wäre überflüssig gewesen, darauf etwas zu entgegnen. Lara warf einen Blick über die Schulter
und sah, dass Key seinen stechenden Blick auf sie gerichtet hatte. »Es ist nicht schlimmer, als wir
erwartet hatten«, sagte sie kleinlaut.
»Auch nicht besser.«
»Ich habe einige Kleidungsstücke mitgebracht.« Pater Geraldo deutete auf das weiche Bündel zu
Laras Füßen. »Ziehen Sie die besser über, bevor wir den Stadtrand erreichen.«
Sie fuhren auf einem holprigen Pfad, der sich scheinbar ziellos durch den Dschungel schlängelte.
Jedes Mal wenn ein Nachtvogel kreischte, bekam Lara eine Gänsehaut, obwohl die Luft heiß und
stickig war. Ihr Haar fühlte sich heiß und schwer an, und es wurde noch schlimmer, als sie ein
Tuch um den Kopf wickelte, wie es unter den Frauen in Montesangrines – abgesehen von der
jüngeren Generation, die sich zusammen mit den Männern im Krieg befand – Sitte war.
Unter den Sachen fand sie auch ein schlichtes Baumwollkleid, raffte es zusammen, schlüpfte
hinein und band es in der Taille mit einem Gürtel zusammen.
Für Key hatte der Priester eine Musselin-Tunika, eine Hose, wie sie die Bauern trugen, und
einen Strohhut mitgebracht. Er setzte den Hut gerade auf, als sie einen Kamm überquerten. Unter
ihnen erstreckte sich Ciudad Central wie ein riesiger, funkelnder Teppich.
Als Lara die Stadt erblickte, die sie so sehr hasste, überkam sie Angst. Hätte sie in diesem
Moment die Wahl gehabt, hätte sie vielleicht kehrtgemacht und wäre zum Flugzeug
zurückgefahren. Aber irgendwo da unten lag ihre Tochter begraben.
Als würde er ihre Anspannung spüren, fuhr der Pater rechts an den Wegrand und sagte: »Ihr
Vorhaben ist extrem gefährlich, Mrs. Porter. Vielleicht sollten Sie es noch einmal überdenken.«
»Ich will mein Kind.«
Pater Geraldo legte den Gang ein und schaltete die Scheinwerfer ein. Sie fuhren die
kurvenreiche Straße hinunter. Der schmale Straßenrücken fiel ins Nichts ab. Ängstlich fragte sich
Lara, wie viel Rum Pater Geraldo heute Abend schon konsumiert haben mochte. Jedes Mal wenn
die Räder in den weichen Boden sanken, krallte sie die Finger in ihren Sitz.
Wie sich herausstellen sollte, spielte weder der Zustand der Straße noch der von Pater Geraldo
eine Rolle. Als sie um die nächste Biegung kamen, wurden sie von Scheinwerferlicht geblendet
und »Alto!«-Rufen gestoppt.
Ein Trupp Guerilleros stürmte auf sie zu, umstellte den Jeep und richtete die schussbereiten
Waffen auf sie.
Kapitel 20

Jody klopfte an Janellens Zimmertür.


»Mama? Komm rein.«
Jody öffnete, blieb aber auf der Schwelle stehen. Sie konnte nicht sagen, wann sie das letzte Mal
in Janellens Zimmer gewesen war, manche der Möbelstücke kamen ihr fremd vor. Aber das
Himmelbett, die Anrichte und der Schminktisch aus Kirschholz waren ihr noch gut bekannt; sie
gehörten ihrer Tochter von klein auf.
Die Vorhänge und die Tapete waren neu, jedenfalls glaubte sie es. Die Kombination Blassgold-
Blau war für ihren Geschmack zu feierlich und feminin. Sie erinnerte sich noch vage daran,
Janellen die Erlaubnis zum Renovieren gegeben zu haben, wusste aber nicht mehr, ob es nun fünf
Jahre oder einen Tag her war.
Der Polstersessel, in dem Janellen saß, war mit einem blumengemusterten Chintz bezogen. Ihre
Füße ruhten auf einer passenden Ottomane, und auf ihrem Schoß lag aufgeschlagen ein
Taschenbuch. Eine kleine Messinglampe neben ihrem Arm tauchte sie in warmes, schmeichelndes
Licht. Zu ihrem großen Unbehagen stellte Jody fest, dass ihre Tochter direkt hübsch aussah.
Janellen war noch ein kleines Mädchen gewesen, da hatte Jody bereits mehr mit Erleichterung
als mit Bedauern erkannt, dass ihre Tochter keine Schönheit werden würde, und sie hatte alles
unternommen, um ihre Durchschnittlichkeit noch zu betonen. Nie hatte sie Janellen auffällig
gekleidet, und sie ließ ihr das Haar stets so unvorteilhaft wie möglich schneiden.
Sie war fest davon überzeugt, dass es das Beste für ihre Tochter war, sie unattraktiv herzurichten.
Männern gefallen zu wollen war eine Schwäche der Frauen. Jody sorgte dafür, dass Janellen
niemals in diese Falle tappen würde.
Janellen hatte sich gehorsam in das Bild gefügt, das ihre Mutter für sie entworfen hatte. Sie
wuchs zu einer intelligenten, kompetenten jungen Frau heran, der eines ganz sicher nicht
nachgesagt werden konnte: dass sie sich anbot oder flirtete. Ihre Unauffälligkeit ersparte ihr viele
Enttäuschungen durch Playboys, Glücksritter und Männer im Allgemeinen. In dieser Hinsicht
konnte ihre Tochter sich glücklich schätzen, fand Jody.
Das Ganze hatte allerdings einen Haken. Janellen hatte die Augen der Tacketts geerbt. Seine
Augen. Er war seit Jahren tot, doch diese lebendige Erinnerung an ihn, die in seinen Kindern
weiterlebte, schaffte es noch immer, Unbehagen in Jody zu wecken. Es war, als wäre Clark junior
hier im Zimmer bei ihr und starrte ihr aus den Augen seiner Tochter entgegen.
»Mama, was ist denn? Fühlst du dich nicht gut? Ist alles in Ordnung?«
»Natürlich fühle ich mich gut. Wieso sollte ich nicht?«
Janellens Sorge war verständlich. Jody suchte niemals die Gesellschaft ihrer Tochter, und ganz
sicher nicht um diese späte Stunde. Es war fast Mitternacht. Janellen hatte Jody schon vor Stunden
eine gute Nacht gewünscht, aber sie hatte offensichtlich nicht einschlafen können.
Kettenrauchend war Jody im Zimmer auf und ab marschiert. Ihr Körper war erschöpft, doch ihr
Verstand ließ ihr keine Ruhe.
Schlaflosigkeit hatte ihr schon immer zu schaffen gemacht, seit ihr Schlaf als kleines Mädchen
unter der Armut ihrer Eltern gelitten hatte. Nachts hatte sie zwischen zwei schnarchenden
Geschwistern wachgelegen und Pläne geschmiedet, wie sie all dem entfliehen könnte.
Der Tornado, der das Haus zerstört und die Familie getötet hatte, war für sie ein Geschenk des
Himmels gewesen.
Und als sie dann anfing, für Tackett Oil zu arbeiten, wurde sie von der Herausforderung ihrer
Stellung wach gehalten und war viel zu aufgeputscht, um schlafen zu können. Später verbrachte
sie jahrelang die Nächte, indem sie rauchend in der Einsamkeit ihres Schlafzimmers auf und ab
wanderte und sich die schlimmsten Szenarios von Clark junior mit seinen Mätressen ausmalte.
Sie schob die unangenehme Erinnerung beiseite und sagte: »Wo ist dein Bruder?«
»Key?«
Sie strafte Janellen mit einem vernichtenden Blick. »Wer denn sonst?«
»Er ist nicht in der Stadt.«
Das Problem mit Janellen war, dass sie ihre Rolle zu gut gelernt hatte. Sie hatte sich angepasst,
immer getan, was von ihr erwartet wurde, niemals rebelliert, niemals irgendwelche
Unannehmlichkeiten bereitet. Kurz gesagt: Sie war die perfekte graue Maus. Manchmal war ihr
allzu gieriges Bemühen zu gefallen einfach zu viel für Jodys Magen. Dies hier war so eine
Situation. Jody hätte sie am liebsten gepackt und durchgeschüttelt.
»Er ist nach Zentralamerika geflogen, stimmt’s? Er ist mit dieser Schlampe da runtergeflogen, nur
um mir zu zeigen, dass er sich einen Dreck schert, wie ich darüber denke.«
»Ja, er ist mit Dr. Mallory nach Montesangrines geflogen, aber nicht weil … «
»Wann sind sie weg?«
»Heute. Sie wollten heute Nacht da sein. Er hat gesagt, er meldet sich, wenn er die Möglichkeit
hat, aber er war sich nicht sicher, ob es klappt.«
Jody blieb unbewegt. Die Falten ihres Morgenmantels verbargen ihre Hand vor Janellen. Sonst
hätte ihre Tochter gesehen, wie sie den kristallenen Türknauf umklammerte.
»Dieser verdammte Narr. Sie winkt mit dem kleinen Finger, und schon rennt er los.« Ihr Mund
verzog sich voller Verachtung. »Genau wie euer Vater. Der ließ auch keine Gelegenheit aus, zu
einer Frau ins Bett zu steigen, egal wer sie war oder was es ihn kostete.«
»Key hat sie hingeflogen, weil sie die sterblichen Überreste ihres kleinen Mädchens überführen
wollen.«
Der sentimentale Einwand konnte sie nicht erweichen. »Wann wollten sie zurück sein?«
»Das konnte er nicht sagen.« Janellens Augen füllten sich mit Tränen. »Er hat mir einige
Unterlagen gegeben. Die soll ich öffnen, wenn er … falls sie …«
Wenn sich Jody nicht so fest gegen die Tür gestemmt hätte, wäre sie wahrscheinlich
zusammengebrochen. Sie musste hier raus, ehe sie eine Närrin aus sich machte.
Ohne ein Wort trat sie auf den Korridor zurück und zog die Tür mit einem entschlossenen
Ruck zu. Erst dann gab sie ihrem inneren Aufruhr nach. Ihre Schultern sackten zusammen, sie
ließ den Kopf sinken und musste sich die geballte Faust vor den Mund pressen, um nicht laut
aufzuschluchzen.
Nach einer Weile ging sie in ihr Zimmer zurück. Sie fühlte sich sehr ängstlich und allein.
Key langte zwischen die Vordersitze und drückte Lara die Magnum in die Hand. »Nimm die an
dich«, flüsterte er. »Und zögere nicht, sie zu benutzen, wenn es sein muss.«
Sie widersprach ihm nicht. Die Guerillakämpfer hatten den Jeep inzwischen umzingelt. Ihre
Gesichter waren furchteinflößend. Lara presste die Waffe in den Schoß und verbarg sie in den
Falten ihres weiten Rocks.
»Buenos noches, Señores«, begrüßte Pater Geraldo freundlich den bewaffneten Trupp. Key zählte
zwölf Männer. Und wahrscheinlich hatten sich dreimal so viel im Busch verborgen. Die Sache
gefiel ihm überhaupt nicht.
»¿Quién es?« Einer der Soldaten trat aus der Gruppe vor. Er trug einen Tarnanzug und war bis
an die Zähne bewaffnet. Sein Gebaren und sein Ton waren aggressiv, sein Blick feindselig und
misstrauisch.
Der Priester stellte sich vor, worauf der Guerillero ausspuckte. Pater Geraldo fuhr unbeirrt in
fließendem Spanisch fort: »Du kennst mich doch, Ricardo Gonzales Vela. Ich habe die Messe für
deine tote Mutter gehalten.«
»Das war vor Jahren«, grollte der Soldat, »als wir an den ganzen Quatsch noch geglaubt haben.«
»Du glaubst nicht mehr an Gott?«
»Wo war dein Gott denn, als Escavez’ Mörderbande unsere Frauen und Kinder, die nur um
Essen gebettelt haben, abgeschlachtet hat, hä?«
Pater Geraldo hielt es nicht für ratsam, sich jetzt auf eine philosophische oder politische
Diskussion einzulassen, zumal sein Gegenüber von seinen Kameraden durch Zurufe und drohend
erhobene Waffen unterstützt wurde.
Der zornige junge Rebell starrte den Priester an, dann wanderte sein Blick zu Lara, die so viel
Verstand besaß, den Kopf gesenkt zu halten, um ihre angloamerikanischen Züge zu verbergen.
»Wer ist die Frau?« Ricardo stieß den Lauf seines Gewehrs in ihre Richtung. »Und der da?«
»Sie stammen aus einem kleinen Dorf am Fuß der Berge. Ihr Mann wurde bei einem Angriff der
Contras getötet. Sie ist schwanger. Der da ist ihr Schwager«, erklärte er mit einem Kopfnicken auf
Key, der sich ebenfalls gebeugt hielt und einen abwesenden Blick aufgesetzt hatte. »Aber er hat
schon vier Söhne. Kann es sich nicht leisten, zwei weitere Mäuler zu stopfen. Ich habe ihm
angeboten, sie mit in die Stadt zu nehmen und ihr Essen und Unterkunft zu gewähren, wenn sie
mir dafür im Haushalt zur Hand geht, bis sie eine andere Bleibe gefunden hat.«
Einer der Soldaten machte eine anzügliche Bemerkung, wie sie dem Priester wohl »zur Hand
gehen« würde. Key konnte ein wenig Spanisch. Er bekam nicht alles mit, da das meiste im
Dialekt war, doch er verstand so viel, dass sie sich dabei sicher vor den Priester hinknien müsste.
Ricardo grinste breit über die schlaue Bemerkung seines Kameraden, wurde dann aber
schlagartig wieder ernst. Er musterte Key verächtlich von oben bis unten. »Du bist doch groß und
stark, warum kämpfst du nicht? El Manos Armee braucht Männer wie dich.«
Keys Magen verkrampfte sich, aber er tat so, als hätte er nicht begriffen, dass er gemeint war.
Zum Glück stieg Pater Geraldo auf das Stichwort ein.
Der Priester winkte Ricardo näher heran. Der folgte zögernd, und seine Mitstreiter im
Hintergrund klirrten bedrohlich mit ihren Waffen in der Dunkelheit. Key hörte, wie sie die
Gewehre entsicherten, und fragte sich, ob er dasselbe bei seiner Waffe, die er im Ärmel des
Bauernkittels versteckt hatte, tun sollte.
Pater Geraldo dämpfte die Stimme zu einem vertraulichen Flüstern und tippte sich mit dem
Zeigefinger an die Schläfe. »Lass ihn. Der Kerl ist ein Idiot, taugt gerade mal zum Ziegenmelken
und Bohnenpflanzen.« Er zuckte mit den Achseln.
»Aber du hast doch gesagt, er hat vier Söhne«, wandte Ricardo ein.
»Richtig, alle neun Monate und zehn Minuten auseinander. Der arme Narr kapiert nicht, dass
man vom Bumsen Kinder kriegt.«
Die Guerilleros brüllten vor Lachen. Ricardo entspannte sich. »Wann geht er in sein Dorf
zurück?«
»In ein paar Tagen.«
Ricardo grinste. »Vielleicht sollten wir bis dahin mal bei ihm zu Hause vorbeischauen; könnte ja
sein, dass seine Frau sich einsam fühlt.«
Die anderen lachten, einschließlich Pater Geraldo. »Ich fürchte, du wirst bei ihr nicht viel Glück
haben, amigo. Sie ist sicher froh, endlich ein paar Nächte Ruhe zu haben.«
Ricardo winkte sie weiter. »Wir werden euch nicht länger aufhalten. Schließlich wollen wir
nicht, dass die da ihre Haushaltspflichten vernachlässigt.«
»Gracias, Señores«, wandte sich Pater Geraldo an die lachende Gruppe. »Gottes Segen sei mit
euch allen und mit El Mano del Diablo.«
Er legte den ersten Gang ein. Keys Muskeln begannen sich zu entspannen. Der Jeep war erst ein
paar Meter weit gerollt, als Ricardo sie erneut anhielt.
»Was ist, Kamerad?«, fragte Pater Geraldo.
»Heute Nacht wurde ein Flugzeug gesichtet, nahe der Berge bei der Küste. Habt ihr es auch
gesehen?«
»Nein«, antwortete der Priester. »Aber ich habe es gehört. Eindeutig. Ungefähr vor einer
Stunde. Da drüben.« Er zeigte in Richtung der Berge, doch um einige Grad von der Stelle
entfernt, an der sie das Flugzeug versteckt hatten. »Ich dachte, es wäre ein Versorgungsflugzeug
für eure Armee.«
»Genau das war es ja auch«, log Ricardo ebenso nonchalant wie der Priester. »El Mano del
Diablos Armee mangelt es an nichts, besonders nicht an Mut. Wir werden mit bloßen Händen
kämpfen, wenn es sein muss. Und bis zum Tod.«
Pater Geraldo grüßte und lockerte die Bremse. Sie durften weiterfahren. Erst als sie ein gutes
Stück von den Wegelagerern entfernt waren, atmeten sie wieder auf.
»Gut gemacht, Priester«, flüsterte Key von der Rückbank. »Ich hätte selber nicht überzeugender
lügen können.«
»Leider war es nicht das erste Mal, dass ich gezwungen war, die Gebote zu brechen, um Leben
zu retten.«
»Lara, alles okay?«
Sie nickte. »Glauben Sie, dass wir noch mal angehalten werden?«
»Wahrscheinlich nicht. Wenn doch, bleiben wir bei der Story. Halten Sie den Kopf gesenkt,
und versuchen Sie den Anschein zu erwecken, als wären Sie in Trauer.«
»Ich bin in Trauer«, entgegnete Lara.
Key sagte ihr, sie solle die Pistole schussbereit halten. Sie nickte, schwieg aber.
Die Einwohnerzahl von Ciudad Central hatte einst die Million überschritten. Key schätzte, dass
sie jetzt kaum noch bei der Hälfte lag. Selbst wenn man die späte Stunde bedachte – die Stadt
wirkte seltsam verlassen. Die Straßen waren dunkel wie anderswo wohl auch nach Mitternacht,
aber diese Straßen wirkten nicht nur dunkel und verschlafen, sie wirkten buchstäblich
ausgestorben.
Viertel, die früher geblüht hatten, waren völlig zerstört und verlassen. Fast jede Fensterscheibe in
der Innenstadt war eingeschlagen. Und hinter den wenigen noch unversehrten brannte kein
Licht. Die Rasenflächen, die noch nicht von marodierenden Banden zertrampelt worden waren,
befanden sich in einem armseligen, ungepflegten Zustand. Überall wucherte ungehindert das
Unkraut. Der Dschungel eroberte sich sein Gebiet zurück.
Ringsum auf Wänden und Zäunen, praktisch auf jeder freien Fläche, prangten Graffitis, Parolen
für die eine oder andere Junta. Der einzige Punkt, in dem sich scheinbar alle einig waren, war ihr
Hass auf die Vereinigten Staaten. Cartoons stellten den Präsidenten in den widerwärtigsten und
erniedrigendsten Positionen dar. Das amerikanische Banner war auf jede erdenkliche Weise
verunglimpft worden. Key hatte schon so manches Land bereist, das nicht mit den USA verbündet
war, doch nie hatte er eine so starke Antipathie gespürt wie hier. Der Hauch der Feindseligkeit
war so beißend wie der Gestank fauligen Abwassers.
»O mein Gott!«
Laras Aufschrei ließ Key nach vorn schauen. An einer Ampel baumelte der Leichnam einer
aufgeknüpften Frau. Ihr Mund war nur mehr eine schwarze, klaffende fliegenspeiende Höhle.
»El Manos Handschrift«, erklärte der Priester. »In Montesangrines werden auch die Frauen zum
Kampf eingezogen. Und wenn sie sich eines Vergehens schuldig machen, wird mit ihnen genauso
erbarmungslos verfahren wie mit ihren männlichen Mitstreitern.«
»Aber was hat sie getan?« Laras Stimme klang belegt vor Ekel.
»Sie wurde als Spionin für Escavez entlarvt. Man hat ihr die Zunge rausgeschnitten. Sie ist an
ihrem eigenen Blut erstickt. Dann hat man ihre Leiche an der Kreuzung aufgehängt. Als Warnung
an alle, sich nicht gegen El Mano zu stellen.«
Wenn Key bedachte, welches Risiko der Pater einging, indem er ihnen half, konnte er es ihm
kaum verübeln, dass er sich Mut angetrunken hatte.
»Wir sind da.« Pater Geraldo lenkte den Jeep in einen ummauerten Innenhof. »Es hat sich
verändert, seit Sie das letzte Mal hier waren, Mrs. Porter. Die wenigen Montesangriner, die der
Kirche noch treu sind, haben Angst, es zu zeigen. Ich halte noch immer täglich die Messe, aber
meistens bin ich der einzige Anwesende.«
Key stieg aus und sah sich um. Der Hof war zu drei Seiten von Mauern umgeben, an denen
Bougainvillen rankten. Als Pater Geraldo Keys Interesse für den offenen Toreingang, durch den
sie gekommen waren, bemerkte, sagte er: »Bis vor drei Jahren war dort noch ein wunderschönes,
schmiedeeisernes Gitter. Die Rebellen haben es abmontiert.«
»Wie im Bürgerkrieg, als die Konföderierten Zäune und Tore zu Kugeln eingeschmolzen haben.
Wozu haben die Rebellen das Tor benutzt?«
»Als Speere. Sie haben Escavez’ Generälen die Köpfe abgeschnitten, sie aufgespießt und auf der
Plaza in der Innenstadt aufgestellt, bis sie verfaulten. Das war, kurz nachdem Sie fortgegangen
sind, Mrs. Porter.«
Lara zuckte nicht zusammen und wurde auch nicht blass, sondern sagte nur: »Ich würde gern
hineingehen. Ich hatte schon fast vergessen, wie lästig die Moskitos hier sein können.«
Key bewunderte ihre Haltung. Vielleicht war sie durch die Gefahr, der sie heute Nacht
ausgesetzt waren, und den Anblick der schrecklichen Gestalten immunisiert. Dann erinnerte er
sich, während sie ihr Gepäck in Richtung Eingang des Pfarrhauses trugen, dass sie selbst eine
Gräueltat mit eigenen Augen miterlebt hatte.
Eine der Mauern des Innenhofs bildete gleichzeitig die Außenwand der Kirche. Sie war um zwei
Drittel höher als die beiden anderen. Typisch für die spanische Bauweise hatte die Kirche einen
Glockenturm, allerdings fehlte die Glocke.
Eine andere Mauer diente der Schule als Außenwand, die, wie Pater Geraldo betrübt erklärte,
nicht mehr genutzt wurde. »Ich wollte den Katechismus lehren«, sagte er. »Aber jede der Juntas
verlangte, den Kindern Gewalt und Vergeltung zu predigen, was sich nicht mit den christlichen
Grundsätzen vereinbaren lässt. Die Nonnen hielten an unserem Glauben fest und mussten dafür
um ihr Leben fürchten. Und die Eltern schickten ihre Kinder nicht mehr zum Unterricht, weil sie
Angst hatten, dafür hingerichtet zu werden. Irgendwann kam gar niemand mehr, und ich musste
die Schule schließen. Ich bat darum, dass die Nonnen in die Staaten zurückgerufen wurden. Es
wurden so viele Kirchenleute hingerichtet, dass sie sich entschlossen zu gehen.
Eine Weile diente die Schule als Waisenhaus. Es gab viele Waisen, alle Opfer des Krieges. Ihre
Eltern waren entweder getötet worden oder hatten sie verlassen, um selbst in den Kampf zu
ziehen. Eines Tages kamen Soldaten mit einem Lkw und brachten die Kinder an einen anderen
Ort. Niemand wollte mir sagen, wohin sie gefahren wurden.
Und hier …« – er deutete auf eine schwere Holztür – »… lebe und arbeite ich, soweit es mir
noch erlaubt ist.«
Key empfand das Pfarrhaus als extrem beengend, aber er war schließlich auch gewöhnt, den
Himmel als Dach zu haben. Das Heim des Priesters bestand aus mehreren kleinen Räumen mit
niedrigen Decken mit bloßliegenden Balken und winzigen Fenstern. Key musste sich ducken,
wenn er durch die Türen ging. Er passte mit den Schultern gerade eben durch die schmalen
Flure. Mehr als einmal stolperte er über eine unebene Stelle im Boden.
»Tut mir leid«, sagte der Priester, als Key wieder einmal hängenblieb und gegen eine der Wände
stieß. »Das Pfarrhaus wurde von europäischen Mönchen erbaut, die sehr viel kleiner waren als
Sie.«
»Kein Wunder, dass sie die ganze Zeit gebetet haben. Zu was anderem ist hier kaum Platz.«
Pater Geraldo gab ihnen zu verstehen, ihm durch einen Verbindungskorridor zu folgen. »Ich
habe in der Küche einige Erfrischungen bereitstehen. Es wird Sie freuen zu hören, dass die Küche
in den späten Fünfzigern modernisiert wurde.«
Verglichen mit amerikanischem Standard war die Kücheneinrichtung natürlich hoffnungslos
veraltet, aber dennoch bei weitem das Modernste im ganzen Pfarrhaus. Sie setzten sich an einen
runden Tisch, und Pater Geraldo servierte ihnen Früchte, Käse, Brot und ein Stück vom
Dosenschinken, den ihm einer seiner Verwandten aus den Staaten ins Land geschmuggelt hatte.
Aus Rücksicht auf seine karge Habe aßen sie nur wenig.
»Das Wasser müsste eigentlich sterilisiert werden, aber ich koche es ohnehin immer ab«, sagte er,
als er einen Krug aus dem Kühlschrank nahm. Er verteilte Limonenscheiben auf die Gläser. Eis
gab es nicht. Dann stellte er noch eine Flasche Jamaika-Rum auf den Tisch. Erst als Key sich
bedient hatte, genehmigte sich der Pater auch ein Gläschen.
»Hilft mir beim Einschlafen«, entschuldigte er sich.
Lara wartete, bis sie mit dem Essen fertig waren, ehe sie auf das Grab ihrer Tochter zu sprechen
kam. »Was meinen Sie, wo sollen wir mit der Suche beginnen, Pater?«
Er sah sie verlegen an. »Ich dachte, Sie hätten einen Plan. Meine Nachforschungen waren
allesamt ohne Ergebnis. Das heißt aber nicht, dass es keine Informationen gibt. Es heißt nur, dass
niemand damit rausrücken will.«
»Das Resultat ist dasselbe«, meinte Key.
»Leider ja.«
Lara schien unbeeindruckt. »Ich will es zunächst bei der ehemaligen amerikanischen Botschaft
versuchen.«
»Da ist niemand mehr, Mrs. Porter. Sie wurde geplündert und liegt seitdem verlassen da.«
»Erinnern Sie sich noch an die rechte Hand meines Mannes, Emilio Sanchez Peron?«
Key hatte Süd- und Zentralamerika ausgiebig bereist und war mit der Sitte vertraut, den
Mädchennamen der Mutter am Familiennamen anzuhängen.
»Vage«, antwortete der Priester. Er schenkte sich noch einmal aus der Flasche nach. Wenn Key
richtig mitgezählt hatte, war es sein drittes Glas. »Ich erinnere mich an einen stillen,
verschlossenen jungen Mann von eher leichter Statur, und er trug eine Brille.«
»Das ist Emilio. Haben Sie ihn vielleicht gesehen oder etwas von ihm gehört?«
»Ich hatte angenommen, dass er beim Überfall auf die Botschaft getötet wurde.«
»Sein Name stand nicht auf der Liste der Opfer.«
»Das hat nicht unbedingt etwas zu bedeuten.«
»Das ist mir bewusst«, sagte Lara, »aber ich hatte mich trotzdem an die Hoffnung geklammert, er
könnte am Leben sein. Er war immer fasziniert von der Bibliothek der Botschaft. Er verbrachte
dort beinahe seine gesamte Freizeit. Wissen Sie, ob die Bücherei ebenfalls geplündert wurde?«
Pater Geraldo zuckte mit den Achseln. »Die Rebellen wenden nicht viel Zeit für Bildung und
Lesen auf«, sagte er mit einem trockenen Lächeln. »Aber ich würde mal davon ausgehen, dass dort
alles verwüstet ist. Ich war selbst nicht dort, doch nach allem, was ich gehört habe, wurde das
gesamte Gebäude zerstört.«
Die Enttäuschung, die sich auf Laras Gesicht ausbreitete, war herzzerreißend. »Was ist mit einer
Sterbeurkunde von Ashley?«, fragte Key. »Muss nicht ein Arzt unterschreiben, bevor die
Beerdigung stattfinden kann?«
»Das wäre eine Möglichkeit«, überlegte der Priester. »Wenn die Urkunde auch vernichtet
wurde, muss der Name des Arztes verzeichnet sein. Wir müssten ihn ausfindig machen –
eventuell könnte er uns zum Grab führen.«
Lara seufzte. »Es scheint hoffnungslos zu sein, nicht wahr?«
»Für den Moment, ja«, sagte Key. Er erhob sich. »Du siehst erschöpft aus. Wo schlafen wir?«
»Ich müsste erst mal ins Bad.«
»Aber gewiss doch.« Pater Geraldo deutete auf einen schmalen Durchgang. »Dort entlang, bitte.«
Während Lara im Badezimmer war, in dem es glücklicherweise fließendes Wasser gab, tranken
die Männer noch ein Glas zusammen. »Wenn Sie so eingeschränkt sind in dem, was Sie hier tun
können«, sagte Key, »wieso gehen Sie dann nicht in die Heimat zurück? Es müsste doch kein
Problem sein, sich versetzen zu lassen, wenn so viele Kirchenmänner umgekommen sind.«
»Ich habe Gott ein Versprechen gegeben«, antwortete der Priester. »Vielleicht bin ich hier nicht
sehr nützlich, aber ich wäre es auch anderswo kaum.«
Er hob sein Glas und nahm einen großen Schluck. Pater Geraldo wusste, dass man ihn in den
Staaten in eine Entziehungsklinik für Kirchenmitglieder stecken würde. Im Kriegsgebiet
Montesangrines’ zu bleiben war seine selbst auferlegte Buße für seine Schwäche.
»Sie könnten umkommen, wenn Sie hierbleiben.«
»Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Mr. Tackett. Aber ich sterbe lieber einen Märtyrertod als
den eines Feiglings.«
»Ich sterbe lieber überhaupt nicht«, sagte Key trocken. »Jedenfalls noch nicht.«
Der Priester sah ihn mit neugewonnenem Interesse an. »Sind Sie Katholik, Mr. Tackett?«
Key musste bei dem Gedanken fast lachen. Es gab nicht einmal eine katholische Kirche in Eden
Pass. Die wenigen Katholiken in der Stadt mussten zwanzig Meilen fahren, wenn sie eine Messe
besuchen wollten. Sie wurden wie die jüdischen Familien allerhöchstens geduldet von den
Protestanten, von denen die meisten glaubten, dass man als Amerikaner praktisch protestantisch
zur Welt kam, und von oben herab und mit gerümpfter Nase behandelt.
»Ich bin als Methodist erzogen worden, aber darauf können Sie nicht viel geben. Ich war der
Horror jedes Sonntagsschullehrers, der das Pech hatte, mich in seiner Klasse zu haben. Ich habe
ihnen die letzten Zweifel geraubt, ob so etwas wie der Teufel existiert. Ich bin der lebende
Beweis, dass Luzifer munter und wohlauf ist. Wenn es um Rechtschaffenheit geht, bin ich ein
hoffnungsloser Fall.«
»Das nehme ich Ihnen nicht ab«, sagte der Priester. Er betrachtete den Inhalt seines Glases,
während er sprach. »Ich bin kein besonders guter Priester, aber ich habe noch nicht alles
vergessen. Ich kann einem Menschen ins Herz schauen und mit ziemlicher Treffsicherheit seinen
Charakter erkennen. Und es braucht viel Mut und Mitgefühl, um Mrs. Porter hierherzufliegen,
besonders wenn man ihre Beziehung zu Ihrem Bruder berücksichtigt.«
Key sparte sich seinen Kommentar und beugte sich über den Tisch, damit er flüstern konnte.
Das Wasser im Badezimmer war aufgedreht, aber er wollte auf keinen Fall riskieren, dass Lara
etwas hörte. »Da Sie angeblich so ein guter Menschenkenner sind, glauben Sie denn allen Ernstes,
dass Ihnen der Guerillero vorhin diese lächerliche Story abgekauft hat?«
Das Wasser wurde abgestellt.
Der Priester leerte sein Glas. »Nein.«
Pater Geraldo und Key tauschten einen vielsagenden Blick aus. Lara kam wieder zu ihnen, die
Erschöpfung drückte ihre schmalen Schultern herunter.
»Schlafenszeit«, meinte Key.
Der Priester ging durch ein Wirrwarr an Korridoren voraus. Er öffnete die Tür zu einer kleinen
Kammer und deutete stolz auf das Fenster. »Es führt zum Hof. Ich dachte, das würde Ihnen
gefallen. Aber denken Sie an das Moskitonetz.«
Die schmale Pritsche, über der ein Kreuz hing; die von der Decke baumelnde nackte Glühbirne,
der heiße und stickige Raum und die als Garderobe dienenden drei Holzhaken an der Wand – all
das schien Lara nichts auszumachen.
»Danke, Pater Geraldo. Sie gehen ein sehr großes Risiko ein, uns zu helfen und zu beherbergen.
Ich werde es Ihnen nicht vergessen.«
»Das ist doch das Mindeste, Mrs. Porter. Meine Kirche hat mehr als einmal Ihre Unterstützung
erfahren, und Sie sind nicht mal Katholikin.«
»Ich habe Ihre Arbeit immer sehr bewundert. Sie haben sich über alle Dogmen hinweggesetzt.«
Er lächelte wehmütig. »Ich erinnere mich noch an den Tag, als Ihre Tochter zur Welt kam. Ich
war zufällig zu Besuch auf der Station und hörte, dass Sie gerade ein Mädchen geboren hatten.
Ich schaute bei Ihnen rein, um zu gratulieren.«
»Ja, ich erinnere mich. Wir waren uns zuvor bei einigen gesellschaftlichen Anlässen begegnet,
doch an diesem Tag hat es mich ganz besonders gefreut, Sie zu sehen.«
»Damals sah ich Sie zum ersten Mal lächeln«, bemerkte er. »Und dazu hatten Sie auch allen
Grund. Ashley war so ein hübsches Baby.«
»Danke.«
Der Priester nahm ihre Hand und drückte sie kurz. Dann wünschte er ihnen eine gute Nacht
und ging aus dem Zimmer. Die Erinnerung an den Tag der Geburt ihrer Tochter ließ Lara so
schmal und verloren wirken, als würde der Kummer sie schrumpfen lassen. Key wollte sie trösten,
ihr sein Mitgefühl und Verständnis durch eine Geste ausdrücken, so wie der Pater es getan hatte,
aber seine Hände rührten sich nicht.
»Hast du die Pistole noch?«, fragte er.
»Die habe ich in die Fototasche getan.«
Die Tasche hing an einem der Wandhaken. Key holte den großen Revolver heraus und gab ihn
ihr. »Nimm den mit ins Bett. Trag ihn immer bei dir.«
»Hat Pater Geraldo etwas gesagt, das ich wissen sollte? Sind wir in Gefahr?«
»Ich denke, wir sollten immer mit dem Schlimmsten rechnen. Wenn nichts passiert, sollten wir
es als Glücksfall betrachten.« Er deutete auf die Pritsche. »Versuch, jetzt ein bisschen zu schlafen.
Wir haben morgen einen langen Tag vor uns. Wir fangen bei der Botschaft an.«
Sie hielt ihn mit einem forschenden Blick fest, der ihm Unbehagen verursachte. »Sag mir die
Wahrheit, Key. Und behandle mich nicht wie ein kleines Kind. Du hältst die ganze Suche für
sinnlos, nicht wahr?«
Das stimmte, aber er hatte nicht den Mut, es ihr zu sagen. Pater Geraldo hatte seine Vermutung
bestätigt – dass die Soldaten sie nur in die Stadt gelassen hatten, weil sie neugierig waren, mehr
über sie und den Grund ihres Aufenthalts zu erfahren, und nicht weil sie dem Priester das
Märchen von der armen Witwe und ihrem idiotischen Schwager geglaubt hatten.
Key war der Ansicht, dass sie von Glück sagen konnten, wenn sie lebend aus Montesangrines
herauskamen. Er bezweifelte stark, sehr stark, dass sie den Sarg mit den sterblichen Überresten
von Ashley Porter finden würden.
Doch auch wenn er nicht den Mut hatte, ihr die Wahrheit zu sagen, konnte er ihre Intelligenz
nicht mit einer lächerlichen Lüge beleidigen. Er beschloss, ihr am besten auszuweichen. »Leg dich
jetzt schlafen, Lara, ich werde dasselbe tun.«
Doch tatsächlich ging er zurück in die Küche und leistete Pater Geraldo Gesellschaft, der sich
ganz langsam betrank. Er ließ den vornübergesunkenen, laut schnarchenden Priester am Tisch
sitzen und bezog die Kammer, die Laras gegenüber lag. Er legte sich in der Unterwäsche zwischen
die rauen Laken und fiel, die Ohren gespitzt, in einen leichten Schlaf.
Der offensichtlich doch nicht so leicht war, wie er glaubte, denn er wurde erst wach, als er
spürte, wie ihn jemand an der Schulter rüttelte. Reflexartig griff er nach der Beretta, fuhr hoch
und spannte den Abzug.
Lara stand frisch gewaschen, angezogen und frisiert neben seiner Pritsche, die Hand auf halber
Höhe in der Luft erstarrt. Der Lauf seiner Pistole war nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.
»Jesus!«, keuchte Key. »Ich hätte dich fast umgebracht!«
Sie war blass und zitterte. »Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich habe ein paarmal deinen
Namen gerufen. Und … ich … erst als ich dich berührt habe …«
Sie starrten sich im Licht der Dämmerung an. Es fiel immer schwerer, in der stickigen Luft zu
atmen. Laras Busen hob und senkte sich mit jedem Atemzug.
Key musste irgendwann in der Nacht das Laken, mit dem er sich zugedeckt hatte,
heruntergeworfen haben. Ihm rann der Schweiß über die Brust, den Bauch hinunter und
sammelte sich in seinem Nabel. In seiner Unterhose zeichnete sich eine enorme Erektion ab.
»Es ist sieben.« Lara klang, als wäre sie gerade eine Meile bergauf gelaufen. »Ich habe Kaffee
gekocht.« Sie machte kehrt und floh aus der Kammer.
Key ließ die Waffe fallen, vergrub das Gesicht in den Händen und rieb sich das stoppelige Kinn.
Morgenlatten waren an sich nichts Ungewöhnliches, doch diese hier war besonders hart.
Er starrte auf die Tür, die Lara bei ihrer Flucht offen gelassen hatte.
»Sie hatten recht. Hier ist nichts mehr.«
Lara kickte Schutt aus dem Weg. Es spottete jeder Beschreibung, wie die amerikanische
Botschaft zugerichtet worden war. Der kristallene Kronleuchter lag zerschmettert auf dem
zerkratzten Parkett. Die Aubusson-Läufer, die es einst schmückten, waren längst gestohlen.
In den Bücherregalen herrschte gähnende Leere. Große Haufen Asche waren stumme Zeugen
des Schicksals, das ihrem Inhalt widerfahren war.
Das Banner, das einst in der Ecke gestanden hatte, war in Fetzen gerissen. Schmähliche Parolen
auf die Vereinigten Staaten waren auf die holzverkleideten Wände gesprayt. Keines der riesigen
Fenster war unversehrt geblieben. Offensichtlich hatte man in die Decke geschossen, da große
Stücke Gips und Putz herausgebrochen und zu Boden gefallen waren. Das Mobiliar war
beschlagnahmt worden. In den noch vorhandenen Trümmern nisteten Vögel und Nager.
»Es tut mir leid, Mrs. Porter.«
»Es ist ja nicht Ihre Schuld«, sagte sie zu Pater Geraldo, der in ihrer Nähe blieb. Er sah
mitgenommen aus. Seine Haut war aschfahl, seine Augen blutunterlaufen. Seine Hände zitterten
so schlimm, dass er kaum die Tasse Kaffee hatte halten können, die Lara ihm vor ihrem Aufbruch
aus der Pfarrei aufgebrüht hatte. Sie hatte so getan, als würde sie nicht merken, wie er sich Rum
in den Kaffee schüttete. »Sie haben mich schließlich gewarnt, dass ich es so vorfinden könnte.«
»Möchten Sie sich etwas Bestimmtes ansehen?«, fragte er.
»Randalls Büro, bitte.«
»Aber beeil dich«, mahnte Key.
Er lehnte in der Nähe eines Fensters an der Wand. So konnte er alles überblicken, ohne selbst
gesehen zu werden. Sie trugen die Kleider, die der Priester ihnen letzte Nacht gegeben hatte, und
der Jeep stand in einer Nebengasse. Trotzdem bezweifelten sie beide, dass sie auf den zweiten
Blick nicht auffallen würden. Key hatte das Gewehr dabei. Der Revolver klemmte im Bund
seiner Hose. Sobald sie das Gebäude betreten hatten, kümmerte er sich mehr darum, was draußen
vor sich ging, als um das, was sie hier drinnen erwartete.
Er wandte sich zu ihnen um. »Dieser Jeep ist jetzt schon zum dritten Mal vorbeigefahren. Es
sitzen El Manos Leute drin. Ich glaube kaum, dass sie nur so zum Spaß hier rumfahren.«
»Wir beeilen uns«, versprach Lara, als sie mit dem Priester durch den Schutt auf die Tür zuging.
Key sah ihnen über die Schulter nach, wie sie die Treppe hinauf zum ehemaligen Büro des
Botschafters liefen.
»Halt!«, schrie er, als Lara nach der Klinke der verschlossenen Tür langte. Ihre Hand zuckte
zurück. Key erschien hinter ihnen, das Gewehr im Anschlag. »Geht zur Seite.« Lara und der
Priester drückten sich mit dem Rücken an die Wand und gaben den Eingang frei. Key presste
sich gegen Lara und öffnete dann mit dem Gewehrlauf die Tür.
Er wartete einen Moment, dann sagte er: »Es war die einzige verschlossene Tür im ganzen
Gebäude. Sie hätte vermint sein können.«
Lara ging um ihn herum und betrat das Büro. Einstmals eingerichtet, um den Botschafter der
Vereinigten Staaten angemessen zu beherbergen, war es jetzt in einem genauso verwüsteten
Zustand wie die Bibliothek. Der Schreibtisch war noch da, aber auch er war zerschlagen. Die
Tischplatte war mit einem Messer zerkratzt worden, wahrscheinlich mit demselben, mit dem auch
der Ledersessel aufgeschlitzt worden war. Aus den Ritzen quoll ehemals weiße Baumwollfüllung.
Die Bar war zertrümmert, das kostbare Waterfordkristall offensichtlich gegen die
gegenüberliegende Wand geschmettert worden.
Pater Geraldo stieß einen betrübten Seufzer aus. »Scheint, dass das Büro Ihres Mannes dasselbe
Schicksal erlitten hat wie die übrigen Räume.« Er wollte umkehren, aber Lara hielt ihn am Ärmel
fest.
»Einen Moment. Vielleicht nicht ganz.« Sie ging zum anderen Ende des Raumes zu einem
Sekretär, der scheinbar unversehrt geblieben war. Sie öffnete eines der Fächer und stieß einen
kleinen verblüfften Schrei aus.
»Sehen Sie doch – Akten, Papiere.« Sie blätterte sie durch. »Sie sind spanisch abgefasst, aber sie
sehen offiziell aus.«
Pater Geraldo schaute ihr über die Schulter. »Das ist ein Handelsvertrag.« Er las weiter. »Es geht
um den Tausch von Zucker gegen Waffen. Aber er ist auf einige Monate vor dem Putsch datiert;
für uns also uninteressant.«
»Für andere aber vielleicht nicht.« Sie langte tiefer in das Fach und fischte eine Lesebrille heraus.
»Die sieht aus wie die …«
»Die Emilio immer trug«, beendete Lara für ihn aufgeregt den Satz. »Ich wusste es! Ich wusste,
dass er am Leben ist.«
Key war plötzlich nach vorn getreten und hielt ihr den Mund zu. Er signalisierte dem Priester,
still zu sein, und deutete mit einem Kopfnicken zur Tür, die sie offen gelassen hatten.
»Da draußen ist jemand«, formte er mit den Lippen.
Er machte Lara ein Zeichen, sich hinter den Sekretär zu kauern. Lara antwortete mit einem
heftigen Kopfschütteln und lief in Richtung Tür. Er erwischte einen Zipfel ihres weiten Kleides
und hielt sie zurück. Wütend fuhr sie herum und starrte ihn an. Doch sein Blick war noch
wütender, und so gehorchte sie schließlich und hockte sich neben den Sekretär. Pater Geraldo
kniete sich zu ihr.
Jetzt hörten auch sie die Schritte hinter der Tür. Key schlich vor. Er hatte das Gewehr an den
Schreibtisch gelehnt, hielt die Pistole aber schussbereit vor den Körper.
Was, wenn sie Emilio vielleicht erschreckt hatten? Wenn er sie gehört hatte und sich, um sein
Leben bangend, in einem der anderen Räume versteckt hielt? Er war fast noch ein Junge gewesen
und hatte sich Randall und ihr gegenüber stets loyal verhalten. Vielleicht wusste er, wo man
Ashley begraben hatte. Und Key, mit seinen blitzartigen Reflexen, würde ihn vielleicht
erschießen, wenn er zur Tür hereinkam …
Lara hielt den Atem an und lauschte. Die Schritte kamen unzweifelhaft näher, obwohl derjenige,
der dort draußen war, sich Mühe gab, sich lautlos zu bewegen. Nach einigen Schritten folgte eine
Pause, als würde er stehenbleiben, um zu lauschen. Dann war alles still. Sollte ihr Gehör sie nicht
getäuscht haben, musste die Person direkt vor der Tür stehen, genau dort, wo sie vor einigen
Momenten selbst noch gestanden hatten, als Key die Tür mit dem Gewehrlauf geöffnet hatte.
Entsetzt sah Lara, wie Key mit der Waffe auf den Eingang zielte.
Plötzlich bewegte sich dort etwas.
Lara sprang auf und lief zur Tür. »Emilio! Nein!«
Kapitel 21

Key wirbelte herum und stieß sie zu Boden. Dann, auf ein Geräusch von der Tür hin, warf er
sich selbst hin, rollte sich auf die Seite und feuerte dreimal.
Die Schüsse hallten von den Wänden des leeren Gebäudes wider, so dass Lara für einen kurzen
Moment nichts hörte. Sie schmeckte Blut. Verwirrt und benommen rappelte sie sich hoch und
sah zur Tür. Auf der Schwelle lag eine Ziege. Ihr Körper war von den Kugeln zerfetzt.
»Scheiße!« Key zog Lara auf die Füße und schüttelte sie heftig. »Was hast du dir dabei gedacht?«
Er schubste sie zur Tür. »Bloß raus hier. Schnell, Pater, in ein paar Minuten wird es hier von
Männern nur so wimmeln.«
Lara stolperte auf den Korridor und wäre dabei beinahe auf das tote Tier getreten. Key legte ihr
die Hand auf den Rücken und schob sie die Treppe hinunter durch die Eingangshalle im Parterre.
Ihre Lippe pochte. Sie konnte fühlen, wie sie anschwoll.
Als sie die Hintertür erreichten, durch die sie das Gebäude betreten hatten, hielt Key sie zurück.
Vorsichtig steckte er den Kopf heraus und sondierte das Gelände. Lara sah sich nach Pater Geraldo
um. Der stand schwer atmend an den Türrahmen gelehnt. Mitfühlend reichte er ihr sein
Taschentuch. Sie tupfte sich den Mund ab, das Tuch war blutig.
Key sagte: »Los jetzt. Aber Kopf runter und rennen. Auf den Dächern könnten Scharfschützen
versteckt sein.«
Er nahm Laras Hand, und sie spurteten zum Jeep. Er hob sie auf den Beifahrersitz, rannte um
den Wagen herum und übernahm Pater Geraldos Platz hinter dem Steuer. Der Priester schien
nichts dagegen zu haben. Ohne Diskussion kletterte er auf die Rückbank, und in
Sekundenschnelle war der Jeep in die nächste Gasse eingebogen.
Key mied die Hauptstraßen und raste in einem Höllentempo eine Gasse herunter und die
nächste wieder hinauf, preschte durch Müllhaufen und Schutt, änderte urplötzlich die Richtung
wie eine fehlgeschaltete Figur in einem Videospiel.
»Habe ich dir weh getan?« Er warf Lara einen Blick zu.
»Natürlich, du hast mich geschlagen.«
»Wenn du das getan hättest, was ich gesagt habe, wäre es gar nicht erst dazu gekommen.« Er riss
das Steuer herum, um einem Jungen auf einem Fahrrad auszuweichen. »Springt einfach auf und
brüllt rum. Herrgott!« Er schlug mit der Faust aufs Steuer. »Du hast die perfekte Zielscheibe
abgegeben. Mir blieb nicht die Zeit, dich höflich aufzufordern, dich zu ducken. Ich habe dich
umgeworfen, um dir das Leben zu retten.«
»Vor einer Ziege?«
»Ich wusste nicht, dass es eine Ziege war – genauso wenig wie du.«
»Ich dachte, es wäre Emilio.«
»Und wenn er es gewesen wäre? Hast du gehofft, er würde mich umbringen?«
»Ich habe nur versucht zu verhindern, dass du ihn umbringst.«
»Ich habe mich sehr gut unter Kontrolle.«
»Tatsächlich?«
Er stoppte den Jeep so plötzlich, dass sie nach vorn fiel. »Ja, tatsächlich. Und du solltest das besser
als jeder andere wissen.« Er sah sie mehrere Sekunden lang vielsagend an.
Schließlich wandte sich Lara ab.
Key drehte sich nach hinten um. »Nun, Pater? Wie gefällt Ihnen unser Ausflug bis jetzt?«
Pater Geraldo setzte den Flachmann ab und wischte sich über die Lippen. »Eine Schande, dass
wir die Ziege dalassen mussten. Von dem Tier wären mehrere Familien satt geworden.«
Key sah ihn an, als hätte er Lust, ihn zu erwürgen, aber der trockene Kommentar des Priesters
brachte Lara zum Lachen, und Pater Geraldo fiel mit ein. Key reagierte auf die makabre
Situationskomik mit einem angespannten Lächeln.
»Ach, zur Hölle«, seufzte er schließlich, legte den Kopf zurück und sah in das Fleckchen
Himmel, das zwischen den Giebeln der engen Gasse, in der sie standen, zu erkennen war. »Eine
gottverdammte Ziege!«
Als ihr Lachen versiegt war, wandte er sich Lara zu und berührte ihre Unterlippe. Er verzog das
Gesicht, als frisches Blut an seiner Fingerspitze kleben blieb. »Es war ein Reflex. Ich wollte dir
nicht weh tun.«
»Ist schon gut.« Sie leckte mit der Zungenspitze über die Platzwunde und schmeckte nicht nur
ihr Blut, sondern auch die leicht salzige Stelle, wo sein Finger gelegen hatte. »Ich will die Suche
noch nicht aufgeben, jetzt erst recht nicht.«
»Wieso jetzt erst recht nicht?«
»Na ja, ich finde es unwahrscheinlich, dass der Sekretär verschont geblieben sein soll. Entweder
ist das ein Wunder, oder Emilio lebt und war vor kurzem in dem Gebäude. Es war seine Brille.
Da bin ich mir ganz sicher. Er muss dort gewesen sein.«
»Tja, wenn er da war, wird er heute ganz sicher nicht mehr wiederkommen. Wir müssen ihn zu
Tode erschreckt haben.«
Wahrscheinlich hat er recht, dachte Lara im Stillen. Emilio war ihre beste Chance, an
Informationen zu kommen – falls er noch am Leben war und sie ihn aus seinem Versteck locken
konnten. Sie nahm sich vor, später noch einmal zur Botschaft zurückzukehren, mit oder ohne
Key und Pater Geraldo, und wenn nötig die ganze Nacht dazubleiben, um Kontakt zu Randalls
ehemaligem Mitarbeiter aufzunehmen. Key hätte sicher eine ganze Litanei an Einwänden gegen
dieses Vorhaben anzubringen, deshalb beschloss sie, ihren Entschluss so lange wie möglich für sich
zu behalten.
Bis dahin galt es allerdings, noch andere Fährten zu verfolgen. »Pater Geraldo, müsste Ashleys
Tod nicht irgendwo schriftlich festgehalten worden sein?«
»Vielleicht. Vor der Revolte hat dieses Land zumindest ansatzweise versucht, so etwas wie
Zivilisation zu entwickeln. Wenn die Dokumente nicht vernichtet wurden, müssten sie im
Rathaus archiviert sein.«
»Und was müssen wir tun, um da ranzukommen?«
»Das werden wir erst wissen, wenn wir es versucht haben.«
»Wenn bekannt wird, wonach wir suchen, können wir ebenso gut gleich eine rote Fahne
hissen.«
Der Priester dachte einen Moment über das Dilemma nach. »Ich werde denen einfach sagen, ich
müsste Unterlagen von jemandem namens Portales einsehen. Portales, Porter. Wenn die
Sterbeurkunden alphabetisch archiviert sind, müssten Urkunden über Ashley im selben Ordner
sein.«
»Ordner?«, fragte Key. »Sind die noch nicht computerisiert?«
»Aber doch nicht in Montesangrines«, erwiderte der Priester mit einem trunkenen Lächeln.
Es stellte sich alles als ganz einfach heraus. Sie konnten nach dem Zwischenfall in der Botschaft
ihr Glück kaum fassen.
Keine halbe Stunde nachdem der Pater aus dem Jeep geklettert war, den sie ein paar Blocks vom
Rathaus entfernt geparkt hatten, kam er federnden Schrittes und mit einem strahlenden Lächeln
zurück. »Gott ist uns gnädig«, sagte er, als er wieder einstieg.
Lara war es wie eine Ewigkeit vorgekommen, obwohl er nur kurz weg gewesen war. Sie hatte
gefürchtet, es wären keine Unterlagen aufzufinden und der Pater würde keine neuen
Informationen haben. Key hatte den Strohhut in die Stirn gezogen, als würde er eine Siesta
halten, ließ aber die Straße nicht eine Sekunde aus den Augen. Er fürchtete, sie könnten
Aufmerksamkeit erregen.
Ciudad Central war eine Stadt im Chaos, dennoch ging das Leben weiter. Die Menschen fuhren
in überfüllten Bussen, Privatwagen oder per Fahrrad, manche gingen zu Fuß, aber man hatte
nicht den Eindruck von geschäftigem Treiben.
Es herrschte eine angespannte, wachsame Atmosphäre. Die Passanten vermieden es, in Gruppen
zusammenzustehen, aus Angst, die Soldaten, die ständig in ihren vorbeipreschenden Vehikeln
präsent waren, könnten es missinterpretierten und eine illegale Versammlung vermuten. Die
nervösen Mütter hielten die Kinder an der Hand, und die Händler wickelten ihre Geschäfte ab,
ohne sich durch Plaudereien aufzuhalten.
Lara und Key waren erleichtert, als Pater Geraldo zurückkam. »Haben Sie herausgefunden, wo
Ashley begraben liegt?«, fragte Lara aufgeregt.
»Nein, aber es gab eine Sterbeurkunde. Und die wurde von einem gewissen Dr. Tomas
Quinones Soto unterzeichnet.«
»Fahren wir«, sagte Lara zu Key.
»Einen Moment«, wandte Key ein und drehte sich zum Priester um. »Dieser Dr. Soto – auf
wessen Seite steht der?«
Lara war zu ungeduldig, um sich darüber Gedanken zu machen. »Das ist doch egal.«
»Ganz und gar nicht.«
»Er ist Arzt wie ich. Das hebt uns über politische Einstellungen hinweg. Er wird mir
weiterhelfen, von Kollege zu Kollege.«
»Wann wirst du endlich erwachsen?«, fragte Key aufgebracht. »Woher willst du wissen, ob er
nicht El Manos Schwager oder vielleicht ein Spion von Escavez ist? So oder so, wenn wir zu ihm
gehen und das Falsche sagen, sind wir erledigt.«
»Entschuldigen Sie«, sagte Pater Geraldo, der den Streit schlichten wollte, zu Key: »Ich bin Dr.
Soto bei meiner Arbeit des Öfteren begegnet. Mir ist nicht bekannt, dass er einer bestimmten
Seite angehört. Zu ihm können alle um Rat kommen, wie zu mir übrigens auch.«
»Siehst du? Können wir jetzt los?«
Key ignorierte sie. »Und wenn er noch so sympathisch ist, er würde ein großes Risiko eingehen,
wenn er uns hilft. Vielleicht ein zu großes, und er weigert sich, mit uns zu sprechen. Im
schlimmsten Fall könnte er uns El Manos Todesschwadron auf den Hals hetzen.«
»Das Risiko nehme ich auf mich«, sagte Lara.
»Es geht aber nicht nur um dich.«
»Wenn du nicht mitkommen willst, fahre ich eben allein.«
Key versuchte, sie mit seinem Blick einzuschüchtern. Als das aber nicht funktionierte, wandte er
sich zu Pater Geraldo um. »Was sagt Ihnen Ihr Instinkt über den Doktor?«
Die dunklen Augen des Priesters verrieten Unentschlossenheit. Dann antwortete er: »Ob er sich
nun entscheidet, uns zu helfen oder nicht, ich glaube, dass er schweigen wird.«
Lara stimmte ihm zu.
»Also gut«, murmelte Key, »ihr sollt euren Willen haben, aber wir gehen nach meinem Plan
vor.«
Lara und Key saßen im vollgestopften Büro des Arztes im Krankenhaus und warteten, während
Pater Geraldo als ihr Sprecher unterwegs war. Obwohl Key die Jalousien vor der
Nachmittagssonne heruntergelassen hatte, war es stickig heiß im Zimmer. Lara klebten die
Kleider auf der feuchten Haut. Auf Keys Hemd hatte der Schweiß ein dunkles Dreieck geformt,
und er wischte sich von Zeit zu Zeit mit dem Ärmel über die Stirn. Sie verschwendeten keinen
kostbaren Sauerstoff durch überflüssige Gespräche.
Außerdem diente ihr Schweigen als Vorsichtsmaßnahme, da sie nicht mit ihren Stimmen die
Aufmerksamkeit des Krankenhauspersonals auf sich ziehen wollten. Ihre Anwesenheit hier dürfte
nicht ganz einfach zu erklären sein.
Sie warteten endlos lang. Lara faltete die Arme auf dem Tisch und ließ den Kopf darauf sinken.
Sie waren jetzt schon über zwei Stunden hier. Wieso dauerte das so lange? Sie malte sich die
wildesten Dinge aus: Man hatte sie entdeckt, und bewaffnete Truppen waren dabei, das
Krankenhaus zu umstellen. Key hatte recht, und Dr. Soto benutzte seine Position als Arzt als
Tarnung und war in Wirklichkeit ein Spion. Er hatte Pater Geraldo durchschaut und folterte ihn,
um die Wahrheit zu erfahren und …
Key und sie hörten gleichzeitig, wie spanisch sprechende Stimmen näher kamen. Key ging
hinter der Tür in Position und bedeutete Lara durch eine Geste, still zu sein und aus dem
Sichtfeld zu bleiben, bis der Arzt im Zimmer war.
Ihr Herz klopfte heftig. Schweiß lief ihr zwischen die Brüste. Der Türknauf drehte sich, und Dr.
Tomas Quinones Soto betrat vor dem Priester den Raum. Er tastete nach dem Lichtschalter und
knipste ihn an. »Es war eine Routinegeburt, aber manchmal treten unvorhergesehene …«
Er entdeckte Lara und sah sie verstört an.
»Vergeben Sie mir, Doktor«, murmelte der Priester, während er den Arzt sanft über die
Türschwelle in das Zimmer schob. Noch immer auf Spanisch erklärte er: »Ich habe Ihnen nicht
ganz die Wahrheit gesagt. Ich würde wirklich gern mal mit Ihnen über die Möglichkeit einer
Suppenküche für die Armen sprechen, aber nicht unbedingt jetzt.«
Key schloss die Tür hinter ihnen.
Pater Geraldo entschuldigte sich bei Key und Lara für das lange Warten. »Er hat gesagt, er würde
mit mir sprechen, aber erst müsste er noch ein Baby holen. Aber die Wehen haben sich
verzögert.«
»Sind Sie Amerikaner?«, fragte der Mediziner in tadellosem Englisch. »Wie sind Sie über die
Grenze gekommen? Sagen Sie mir bitte, was das Ganze soll.« Mit sichtlichem Unbehagen
musterte er Keys ernste Miene und die Pistole, die er im Hosenbund stecken hatte. Dann
wanderte sein Blick zum Priester und zu Lara, die nun neben seinem Schreibtisch stand. »Wer
sind Sie?«
»Mein Name ist Dr. Lara Mallory«, begann sie. Obwohl ihre Lippe nicht mehr blutete, fühlte sie
sich bleischwer an. »Ich habe vor drei Jahren mit meinem Mann, Botschafter Randall Porter, hier
in Montesangrines gelebt.«
»Ja, richtig«, erinnerte er sich. »Ich habe Ihr Foto in den Zeitungen gesehen. Ihr Mann wurde
entführt und hingerichtet. Eine Tragödie. So viel sinnlose Gewalt.«
»Ja.«
»Die Ärzteschaft hier bedauert den Tod des Botschafters noch immer sehr. Seit die
diplomatischen Beziehungen zu Ihrem Land abgerissen sind, ist die Versorgung mit medizinischen
Hilfsgütern und Medikamenten sehr, sehr mangelhaft geworden.«
»Als Medizinerin kann ich Ihr Dilemma sehr gut verstehen.« Sie tat ein paar Schritte auf ihn zu.
»Dr. Soto – ich könnte dafür sorgen, dass Sie eine Fülle von Gütern bekommen, wenn Sie mir im
Gegenzug dafür jetzt helfen.«
Der Arzt warf einen fragenden Blick über die Schulter zu Key, dann zum Pater und schließlich
wieder zu Lara. »Ich verstehe nicht … Wobei soll ich Ihnen helfen?«
»Das Grab meiner Tochter zu finden.«
Dr. Soto schwieg verblüfft.
»Meine Tochter kam bei der Entführung meines Mannes im Kugelhagel um. Sie wurde hier
begraben. Meine eigene Regierung und die verschiedenen Regimes Ihres Landes haben meine
wiederholten Bitten um Exhumierung und Überführung ihrer sterblichen Überreste ignoriert.
Jetzt bin ich selbst gekommen, um sie zu holen. Aber ich weiß nicht, wo ihr Grab ist.«
Weiter unten auf dem Flur war das Geräusch quietschender Gummisohlen auf den Fliesen zu
hören. Klappern von Besteck und Porzellan kündigte an, dass Essenszeit war. Doch in dem
winzigen Büro neben dem Notausgang herrschte völlige Stille.
Schließlich räusperte sich der Arzt. »Ich möchte Ihnen mein tiefstes Beileid ausdrücken, und Sie
haben meine Bewunderung, dass Sie so eine gefährliche Mission auf sich nehmen, aber ich kann
Ihnen leider überhaupt nicht weiterhelfen. Woher sollte ich wissen, wo man Ihre Tochter
beerdigt hat?«
»Sie haben ihre Sterbeurkunde unterschrieben.« Lara kam noch näher auf ihn zu. Keys Körper
spannte sich an, und er griff nach der Waffe, aber Lara gebot ihm mit einem schnellen Blick, sich
nicht einzumischen. »Erinnern Sie sich noch an den Vorfall?«
»Natürlich.«
»Ihr Name war Ashley Ann Porter. Ihr Todestag war der 4. Mai, unmittelbar bevor die
Revolution offiziell ausgerufen wurde.«
»Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Ihr Mann und Ihre Tochter umkamen. Sie wurden
bei dem Überfall verletzt.«
»Dann müssen Sie sich doch auch daran erinnern, Ashleys Sterbeurkunde unterzeichnet und ihre
Leiche zur Beerdigung freigegeben zu haben.«
Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er war ein gedrungener Mann, stabil gebaut und kleiner als
Lara. Sein Gesicht war breit, mit einer flachen Nase, die auf eine indianische Abstammung
deutete. Seine Hände waren groß und wirkten viel zu grob für einen Chirurgen, aber Pater
Geraldo hatte ihnen erzählt, dass Dr. Soto ein anerkannter Arzt auf diesem Gebiet war.
»Bedauerlicherweise kann ich mich nicht daran erinnern, ein solches Dokument unterzeichnet
zu haben.«
Lara stieß einen verzweifelten Schrei aus. »Das müssen Sie aber!«
»Bitte verstehen Sie doch«, sagte er hastig. »Die Stunden und Tage nach der Ermordung des
Botschafters waren die turbulentesten, die unser Land je erlebt hat. Es gab Hunderte von Opfern.
Unser Präsident und seine Familie sind gerade noch mit dem Leben davongekommen. Jeder, der
auf irgendeine Weise für ihn gearbeitet hat, wurde öffentlich hingerichtet. Die Straßen waren
blutgetränkt.«
Lara hatte von ihrem Krankenhausbett in Miami aus die Ereignisse anhand der Zeitungsberichte
verfolgt. Sie zweifelte nicht an der Schilderung des Arztes.
Key, der zum ersten Mal seit Eintreffen des Arztes das Wort ergriff, war da schon skeptischer.
»Und Sie erinnern sich nicht an ein kleines angloamerikanisches Mädchen unter den Opfern?«
Soto schüttelte den kahlen Kopf. »Nein, tut mir leid, Señor, aber ich muss Sie enttäuschen.«
Lara holte ein paarmal tief Luft, um sich zu sammeln, und streckte dann dem Arzt die Hand
entgegen. »Danke, Dr. Soto, und entschuldigen Sie bitte unseren dramatischen Auftritt.«
»Ich verstehe Ihre Vorsicht. Ihr Mann war schließlich nicht sehr beliebt bei den Rebellen, die
jetzt an der Macht sind.«
»Mein Mann vertrat die Vereinigten Staaten und die politische Position unseres Landes, die die
Regierung von Präsident Escavez befürwortete. Er hat lediglich seine Arbeit getan.«
»Ich verstehe«, sagte Dr. Soto. »Und doch muss ich sagen, dass die Familien und Bekannten der
Männer, die von Escavez’ Spießgesellen gefoltert und ermordet wurden, nicht so großzügig
vergeben werden wie Sie.«
»Können wir uns darauf verlassen, dass dieses Gespräch unter uns bleibt?«, fragte Key abrupt.
»Por supuesto. Ich würde Sie niemals hintergehen.«
»Falls doch, werden Sie es bitter bereuen.«
Pater Geraldo trat zwischen sie. »Ich denke, wir sollten jetzt Dr. Soto nicht länger von der
Arbeit abhalten.«
»Ja«, pflichtete Lara ihm bei. »Es gibt keinen Grund, noch länger zu bleiben.«
Pater Geraldo erteilte Dr. Soto seinen Segen und entschuldigte sich noch einmal dafür, ihn
ausgetrickst zu haben. Dr. Soto versicherte dem Priester, dass er es verstünde. Als Lara zur Tür
ging, legte ihr der Arzt eine Hand auf den Arm. »Es tut mir leid, Señora Porter. Ich wünschte, ich
könnte Ihnen behilflich sein. Buena suerte.«
»Muchas gracias.«
Sie schlang sich das Tuch um den Kopf und folgte Pater Geraldo auf den Korridor. Key bildete
den Schluss. Der Priester führte sie durch den Flügel, den die Regierung aus Geldmangel
stillgelegt hatte, ins Freie. Viele Jahre hatte der Priester hier erkrankte Gemeindemitglieder
besucht und kannte sich dementsprechend gut aus.
Sie gelangten ungehindert auf die Straße. Überrascht stellte Lara fest, dass es inzwischen dunkel
geworden war. Aber im Grunde war es ihr völlig egal, ob es Tag oder Nacht war.
Nach den großen Hoffnungen, die sie sich gemacht hatte, nachdem Pater Geraldo die
Sterbeurkunde eingesehen hatte, waren die Begegnung mit Dr. Soto und ihre Ergebnislosigkeit
umso enttäuschender. Das Schicksal hatte sich gegen sie verschworen, und ihr fehlte die Kraft,
sich dagegenzustemmen.
Sie hatte noch immer vor, in die Botschaft zurückzukehren, in der Hoffnung, dort Emilio
Sanchez Peron zu begegnen. Aber jetzt musste sie sich erst einmal ausruhen. Das würde ihr neue
Kraft geben. Sie wusste, dass sie nach einigen Stunden Schlaf wieder neue Energien und Ideen
haben und alles viel optimistischer sehen würde.
Damit baute sie sich innerlich auf, als sie in Richtung Jeep gingen.
Aber sie kam nicht so weit. Key zog sie hinter einen der Müllcontainer hinter dem
Krankenhaus. »Pst! Pater!«
Pater Geraldo drehte sich um. »Was ist?«
»Wieso spielen wir Verstecken? Es ist doch überhaupt niemand zu sehen!«, beschwerte sich Lara.
Key winkte Pater Geraldo heran. »Um welche Uhrzeit wird Dr. Soto das Krankenhaus
verlassen?«
Er zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Wieso?«
»Unser lieber Doktor lügt.«
»Aber ich kenne ihn …«
»Vertrauen Sie mir dieses eine Mal, Pater«, unterbrach Key ihn. »Sie sind vielleicht ein guter
Menschenkenner, was Heilige betrifft, aber wenn es um Sünder geht, kenne ich mich besser aus.
Und ich sage, dass er lügt.«
»Aber warum?«, fragte Lara.
»Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden. Er hat gesagt, er könne sich nicht an deine
Tochter erinnern. Das ist Unsinn«, erklärte Key. »Dieser Überfall hat in der ganzen Welt für
Schlagzeilen gesorgt. Ich war damals im Tschad, als es passierte, und selbst dort stand es auf allen
Titelseiten. Es hat die Revolution eingeleitet, gut. Und sicher haben sich die Leichen auf den
Straßen nur so gestapelt, auch richtig. Und er ist vielleicht auch in diesen Leichen halb erstickt –
aber das ist alles kein Grund zu vergessen, dass man die Sterbeurkunde der kleinen Tochter des
amerikanischen Botschafters unterzeichnet hat, die in einem Kugelhagel ums Leben kam. Absolut
unmöglich …«
Es war verblüffend, dass Lara ihm vollkommen vertraute. Mit seinem dunklen Stoppelkinn sah
er aus wie der gemeinste aller Desperados – wie ein Mann, der die Gefahr anzog und sie genoss.
Seine stechend blauen Augen bewegten sich wie Quecksilber, als er die angrenzenden Gebäude
musterte. Nicht die kleinste Bewegung entging ihnen. Und sein Ton war ruhig, sicher, bestimmt
und überzeugend.
»Und was sollen wir jetzt tun?«, fragte Lara.
Ihr Vertrauen musste sich lautlos auf ihn übertragen haben, denn sein Blick blieb plötzlich auf
ihr. »Wir warten.«
Bei dem Klang des tödlichen Klickens blieb Dr. Soto wie erstarrt stehen. Key stieß ihm den Lauf
der Beretta in den Nacken und drehte ihm gleichzeitig den Arm auf den Rücken.
»Ein Mucks, und Sie sind mausetot.« Keys Stimme war kaum mehr als ein Zischen, so leise wie
das Flüstern der Zweige in der lauen Brise. »Los.«
Der Arzt wehrte sich nicht. Er ging zum Jeep, der aus dem dunklen Schatten der Gasse
auftauchte. Pater Geraldo saß mit aufmerksamem, gleichzeitig aufgeregtem Blick hinter dem
Steuer. Lara hockte auf der Kante der Rückbank und klammerte sich an die Lehne des
Beifahrersitzes. Sie beobachtete, wie Key mit ihrer Geisel näher kam.
»Filz ihn, Lara«, wies Key sie an. Sie sprang aus dem Wagen und tastete den Arzt ab.
»Ich bin unbewaffnet«, sagte der Mediziner mit einigem Stolz.
»Und Sie sind ein lausiger Lügner«, entgegnete Key. Lara bestätigte mit einem Nicken, dass der
Arzt keine Waffe versteckt hatte. Danach kletterte sie wieder auf die Rückbank. »Los, steigen Sie
ein.«
Soto tat, wie Key ihm befohlen hatte, und kletterte auf den Beifahrersitz. Key nahm neben Lara
Platz, die Beretta in die Nackenbeuge des Arztes gepresst. Pater Geraldo legte den Gang ein, und
sie fuhren los.
»Wo bringen Sie mich hin? Um Himmels willen, bitte … Ich weiß nicht, was das alles soll! Was
wollen Sie von mir?«
»Die Wahrheit.« Lara beugte sich vor, damit er sie verstehen konnte. »Sie wissen mehr über den
Tod meiner Tochter, nicht wahr?«
Key rammte ihm die Pistole noch etwas fester in den Nacken. »Nein!«, protestierte der Arzt mit
hoher, dünner Stimme. »Ich schwöre, ich weiß nichts! Gott ist mein Zeuge!«
»Vorsichtig!«, warnte Key. »Wir haben einen Mann Gottes bei uns, und er wird ihm alles
erzählen.«
»Ich kann Ihnen nicht mehr sagen«, wimmerte er.
»Sie können nicht, oder wollen Sie nicht?«, sagte Lara.
»Ich kann nicht.«
»Das ist nicht wahr! Was verschweigen Sie? Sagen Sie es endlich!«
»Mrs. Porter, ich flehe Sie an!«
»Sagen Sie es!«, befahl sie.
Pater Geraldo hatte einen Weg eingeschlagen, der an einer Lichtung über dem Fluss in einer
Sackgasse endete. Der Fluss begann als klarer, rauschender Strom in den Bergen, doch auf seinem
Weg durch den Dschungel und die Stadt nahm er so viel Schlamm und Müll auf, dass er sich als
schmutzige Kloake ins Meer ergoss. Der Priester hielt an, ließ den Motor aber laufen.
»Hatten Sie am Tag des Überfalls auf den Wagen Dienst im Krankenhaus?«, fragte Lara.
Er versuchte zu nicken, was ihm wegen der Beretta nicht gelang. »Si«, flüsterte er verängstigt.
»Haben Sie meine Tochter gesehen?«
»Si. Sie war schwer verwundet.«
Lara schluckte bei der Erinnerung an den Schwall von Blut, der aus der Wunde an Ashleys Hals
geströmt war. Ohne Zweifel war ihre Hauptschlagader getroffen worden. Sie schloss die Augen,
um das Bild auszulöschen. Für Trauer war jetzt keine Zeit. »Was ist mit dem Leichnam meiner
Tochter geschehen?«
»Pater«, flehte der Arzt, »ich bitte Sie. Ich habe Familie, Gott weiß, dass ich mit Mrs. Porter
fühle, aber ich fürchte mich vor Vergeltung!«
»Dazu haben Sie auch allen Grund!«, grollte Key. »El Mano ist zwar nicht hier, aber ich bin es.
Wir sind nicht tausend Meilen weit geflogen, um uns von Ihnen mit Lügen abspeisen zu lassen.
Sagen Sie ihr endlich, was sie wissen will, oder wir schaffen Sie uns vom Hals. Comprende? Anders
gesagt – Sie sind verdammt überflüssig!«
Lara konnte Keys Einschüchterungstaktik nicht gutheißen. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass er
sie nur anwenden würde, wenn alles andere versagte. Sie war sich zwar ziemlich sicher, dass Key
seine Drohung nicht wahrmachen würde, aber sie hoffte für Soto, dass er es nicht auf einen
Versuch ankommen ließ.
»Pater?«, flehte Soto mit brüchiger Stimme, während er ängstlich auf das schlammige verseuchte
Gewässer unter ihnen starrte. »Por favor.«
Pater Geraldo bekreuzigte sich, senkte den Kopf und begann zu beten. Er hätte nicht
überzeugender sein können.
»Okay, ich habe genug von dem Mist.« Key sprang aus dem Jeep, bedeutete dem Arzt mit einem
Kopfnicken auszusteigen.
»Cementerio del Sagrado Corazón«, stieß er hervor.
»Heiliges Herz. Dort liegt sie begraben?«, fragte Key.
»Si.« Der Arzt seufzte tief. »Am Anfang haben sie die meisten Opfer dort begraben. Bringen Sie
mich hin, und ich werde es Ihnen zeigen.«
Pater Geraldo beendete sein Gebet und legte den Rückwärtsgang ein. Key kletterte auf die
Rückbank. Er hatte noch eine Warnung für den Arzt: »Wehe Ihnen, wenn Sie gelogen haben.«
»Nein, Señor. Ich schwöre, es ist die Wahrheit, beim Leben meiner Kinder.«
Der Friedhof lag am anderen Ende der Stadt. Selbst unter normalen Umständen wäre es eine
lange Fahrt gewesen, doch durch die Umwege, die der Pater wählte, dauerte es noch länger.
Mehrmals schlug er eine andere Richtung ein, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wurden,
und fuhr, um eventuellen Straßensperren zu entgehen, im Zickzack durch die scheinbar
ausgestorbenen Viertel, wo keine Laternen brannten und nur Katzen genug Mut aufbrachten, sich
zu zeigen.
Laras Nerven lagen blank, als sie endlich das Friedhofstor erreichten. »Es ist verschlossen!«
»Ja, aber die Mauer ist nicht hoch. Komm mit.« Key war als Erster aus dem Wagen. Er winkte
Soto heraus. »Beide Hände über den Kopf, und da lassen Sie sie besser auch, sonst schieße ich.«
»Sie können mich nicht erschießen, solange Sie nicht wissen, wo das Grab der Kleinen ist.«
Key ließ sich nicht beirren. Sein Grinsen hob sich außergewöhnlich weiß gegen sein dunkles
Kinn ab. »Ich habe nicht gesagt, dass ich Sie erschieße. Ich habe gesagt, ich schieße. Zum Beispiel
auf Ihre Hand. Dürfte dann ziemlich schwierig werden mit dem Verbandwechseln, ganz zu
schweigen von Operationen.« Sein Grinsen versiegte. »Und jetzt vorwärts.«
Sie hatten keine Schwierigkeiten, die niedrige Mauer zu überwinden. Soto zeigte in die
Richtung, die sie einschlagen mussten. Sie riskierten es lieber nicht, die Taschenlampe
anzuknipsen. Es stand kein Mond am Himmel, und so mussten sie sich vorsichtig an den
Grabsteinen vorbei und über den unebenen Grund vortasten.
Der Friedhof lag an einem Hang und bot eine beeindruckende Aussicht über die Stadt mit den
Bergen im Hintergrund. Auch hier machte sich der Krieg bemerkbar. Nur wenige Gräber
schienen seit Ausbruch der Revolution gepflegt worden zu sein. Es brach Lara das Herz, dass ihre
Tochter an einem Ort wie diesem begraben sein sollte, wo Unkraut wucherte und die Kreaturen
des Dschungels durch das Unterholz schlüpften.
Ashley wird nicht mehr lange hier sein müssen, schwor sie sich im Stillen.
Dr. Soto blieb am Rand einer großen und breiten Senke stehen. Er bewegte sich absichtlich
langsam, als er sich zu Lara umdrehte, damit Key nicht auf den Gedanken kam, seine Drohung
wahrzumachen. Sie erschrak über seine schimmernden Augen, bis ihr bewusst wurde, dass es
Tränen waren, die er nur mühsam zurückhielt.
»Ich wollte vermeiden, dass Sie es erfahren, aber Sie haben darauf bestanden«, sagte er. »Für Sie
wäre es sehr viel besser gewesen, wenn Sie mich nicht gezwungen hätten herzukommen. Noch
besser, Sie wären in Amerika geblieben und hätten niemals erfahren, was wirklich geschah.«
»Was soll das heißen?«, fragte Key.
Lara, mehr beunruhigt als erschrocken, trat vor bis zum äußersten Rand und sah in die Senke,
die etwa zwanzig Meter im Durchmesser betrug; ein Kreis, der an einen Meteorkrater erinnerte,
wenn auch hier und dort etwas Gestrüpp wucherte.
Noch immer verdutzt wandte sie sich zu Pater Geraldo um. Auch der starrte in den Krater mit
der aufgeschütteten Erde. Seine Schultern wirkten eingefallen, und seine Arme hingen leblos zu
beiden Seiten herab. In der einen Hand hielt er den Flachmann, ohne jedoch daraus zu trinken.
Der Anblick des Kraters war betäubend genug und ließ ihn den Rum vergessen.
Key schaute ebenfalls in das Loch, als erwartete er sich irgendeine Antwort davon. Dann,
urplötzlich, spannte sich sein Körper, und er richtete sich auf, als wäre sein Kopf an einer Leine
befestigt, die ihn hatte hochschnellen lassen. Er ließ die Pistole in den Schmutz fallen, packte den
Arzt bei den Aufschlägen seines Leinenanzugs und hob ihn hoch, bis er einige Zentimeter über
dem Boden schwebte.
»Wollen Sie uns sagen …«
»Si, si.« Key hatte dem Arzt die Tränen aus den Augen geschüttelt. Sie rollten ihm übers
Gesicht. »Doscientos, trescientos, quien sabe?«
»Zwei- oder dreihundert was?«, fragte Lara mit wachsender Panik.
Als ihr die Antwort bewusst wurde, stockte ihr der Atem. Der Mund blieb ihr offen stehen, aber
sie konnte weder ein- noch ausatmen.
Key ließ den Doktor los und lief zu ihr. »Lara!«
Der entsetzlichste Klagelaut, den sie je gehört hatte, erhob sich über die Stille des Friedhofs.
Zunächst bemerkte Lara nicht, dass er über ihre eigenen Lippen kam. Mit ausgebreiteten Armen
wollte sie sich in die Tiefe der Senke stürzen und hätte es auch getan, wenn Key sie nicht
aufgehalten hätte. Er packte sie von hinten um die Taille, ihr Oberkörper sackte nach vorn. Er
zog sie zurück, aber sie wehrte sich mit der überwältigenden Kraft einer Verzweifelten.
Schließlich gelang es ihr, sich aus seinem Griff zu winden. Sie kroch auf den Rand des Kraters
zu und krallte sich in der Erde fest. Dabei stieß sie die ganze Zeit diese unheimlichen klagenden
Laute aus.
»Nein! O Gott! Bitte, Ashley! Nein!«
Dr. Soto brabbelte irgendetwas über den Tag, an dem das Massengrab angeordnet worden war.
Bulldozer hätten es ausgehoben, um die gewaltige Anzahl von Leichen aufzunehmen. Die
Bestattungsunternehmer hätten mit der Arbeit nicht mehr nachkommen können, sagte er. Als die
Gräber voll waren, hätte man die Opfer überall verscharrt. Hunderte seien einfach auf den
Straßen liegengelassen worden, wo sie langsam verwest waren. Die Leichen seien zu einer
gesundheitlichen Bedrohung für die Lebenden geworden. Typhus und andere Epidemien seien
ausgebrochen. Die Kommandanten der Rebellen hätten das Problem so rasch wie möglich lösen
müssen.
»Lara, hör auf damit!« Key hielt sie bei den Schultern und versuchte, sie hochzuziehen. Doch sie
grub die Finger in den Boden und wollte nicht loslassen.
»Es tut mir leid, es tut mir so leid«, stammelte Soto.
Jetzt verstand Lara, weshalb er sich so gesträubt hatte, ihr vom Grab ihrer Tochter zu erzählen.
Er fürchtete Vergeltung – aber nicht von El Mano, sondern von ihr.
»Lass mich!« Als Key versuchte, sie vom Rand der Senke fernzuhalten, hinterließ sie mit ihren
Fingernägeln blutige Schrammen auf seinen Unterarmen. Er stöhnte vor Schmerz, verdoppelte
allerdings seine Anstrengung, sie zu bändigen.
»Lara …« Pater Geraldo kniete sich neben sie und sprach beruhigend auf sie ein. »Gott in seiner
unendlichen Weisheit …«
»Nein!«, schrie sie. »Kommen Sie mir nicht mit Gott!« Um gleich darauf, im nächsten Atemzug,
um Verzeihung zu bitten.
»Wer hat das getan?« Keys harter Griff umklammerte noch immer ihre Schultern, aber sein
mörderischer Blick war fest auf Dr. Soto gerichtet. »Wer hat angeordnet, dass Kinder in diesem
Massengrab beerdigt werden? Großer Gott, seid ihr alle Barbaren? Ich will einen Namen. Wer hat
das angeordnet? Ich will den Namen dieses verdammten Hurensohns!«
»Es tut mir leid, Señor, aber es ist unmöglich, den Verantwortlichen für dieses Massengrab zu
benennen. Alles geschah unter … « Dr. Sotos nächste Äußerung war ein schwaches Stöhnen. Er
griff sich an die Brust und sackte zusammen.
Pater Geraldo war bei seinem dritten Ave-Maria, als er nach vorn fiel und mit dem Gesicht
zuerst auf dem schmutzigen Boden direkt neben Laras rechter Hand aufschlug.
Entsetzt und fasziniert zugleich sah sie, wie eine dunkle Blutlache unter seinem Kopf
hervorsickerte.
»Jesus!«
Key griff nach der Beretta, die er vorhin fallen gelassen hatte, war aber nicht schnell genug. Als
Belohnung bekam er eine Stiefelspitze in die Rippen und sackte mit blutverzerrtem Gesicht und
stöhnend zusammen.
Rückwärts kriechend, versuchte Lara sich von der glitschigen Masse fortzubewegen, die einmal
Pater Geraldos Kopf gewesen war. Sie wurde so abrupt auf die Füße gezogen, dass ihre Zähne
aufeinanderschlugen.
»Buenas noches, Señora. So sieht man sich wieder.«
Es war der Anführer jener Patrouille, von der sie auf der Fahrt nach Ciudad Central kontrolliert
worden waren – Ricardo.
Der Militärtransporter fuhr durch ein Schlagloch. Lara wurde gegen die Stahlwand des Lkws
geschleudert. Seit Stunden waren sie jetzt schon unterwegs.
Noch ehe sie richtig registriert hatte, dass sie umzingelt waren, hatte man ihr die Hände auf den
Rücken gedreht und sie gefesselt. Das waren sie auch jetzt noch, was es ihr unmöglich machte,
das Gleichgewicht auf dem rumpelnden Laster zu halten. Sie wurde von einer Seite zur anderen
geschleudert und würde jede Menge Prellungen davontragen – falls sie es überhaupt überlebte.
Das musste sich erst herausstellen.
Pater Geraldo war tot. Dr. Soto war mitten im Satz gestorben. Key war lebendig. Gott sei Dank.
Er hatte wie ein Wilder geflucht, als man sie vom Friedhof zum Laster geschleppt hatte. Mehrere
Soldaten hatten ihre Habe durchwühlt, die sie im Jeep verstaut hatten. Einer hatte mit der Kamera
und den Objektiven herumgespielt, und Key hatte ihn angeschrien: »Lass gefälligst deine
dreckigen Pfoten davon.«
Sie hatten ihm, genau wie Lara, die Hände auf dem Rücken gefesselt, trotzdem war er
losgestürmt und hatte dem Soldaten die Kameratasche aus der Hand getreten. Der heißblütige
Soldat hatte ihm daraufhin mit dem Lauf seiner Pistole einen Schlag auf die Schläfe verpasst. Key
war gestolpert und auf die Knie gefallen, war aber keineswegs eingeschüchtert. Er starrte den
Soldaten an, das Blut tropfte ihm aus der Wunde am Kopf, doch er sagte grinsend: »Deine Mutter
muss mit einem verdammten Esel gefickt haben, als du gemacht worden bist!«
Ob er die Sprache nun verstand oder nicht – der Soldat fasste die Bemerkung als Beleidigung auf
und langte nach Key. Doch ehe er seine Genugtuung bekommen konnte, befahl Ricardo dem
jungen Mann, sie beide auf den Lkw zu schaffen.
Es gab eine kurze Diskussion, ob sie den Jeep mitnehmen oder dalassen sollten. Ricardo
entschied, dass einer seiner Kameraden ihnen im Jeep folgen sollte.
Lara und Key wurden auf die Ladefläche gescheucht. Ihre Sachen, darunter auch die
Kameratasche und Laras Arztkoffer, warf man ihnen nach. Die Soldaten stiegen auf, duckten sich
und zogen dann die Plane herunter. Sie konnten nichts sehen, dennoch bestanden ihre Entführer
darauf, ihnen Augenbinden anzulegen. Key wehrte sich, und sie mussten ihn zu dritt festhalten,
damit sie ihm das schmutzige Tuch um den Kopf binden konnten. Lara wusste, dass es keinen
Sinn hatte, sich zu wehren, doch ihr Blick verriet ihre ganze Verachtung, bevor sie ebenfalls die
Augen verbunden bekam.
Die Straße war buchstäblich unpassierbar. Die Soldaten waren ungewaschen. Der Gestank war
überwältigend. Lara hatte Durst, aber sie wusste, dass eine Bitte um Wasser vergebens wäre. Ihr
Rücken schmerzte ebenso wie ihre Arme. Die Fesseln um ihre Handgelenke fingen an zu
scheuern.
Sie wollte wissen, wohin sie gebracht wurden und zu welchem Zweck. Wie lange würde es
noch dauern, bis sie ihr Ziel erreicht hatten? Hatten sie überhaupt ein bestimmtes Ziel? Und was
würde geschehen, wenn sie angekommen waren?
Sie sparte sich die Frage. Es würde ihr sowieso niemand antworten. Ein einziges Mal hatte sie
versucht, mit Key zu kommunizieren, und er war prompt dafür bestraft worden.
»Lara?« Seine Kehle war scheinbar genauso ausgetrocknet wie ihre. »Bist du okay?«
»Key?«
»Gott sei Dank«, hatte er geseufzt. »Halte durch und …«
»Silencio!«
»Fick dich selbst!«
Es war ein Handgemenge gefolgt, dann ein Stöhnen erklungen, und seitdem hatte Key nichts
mehr zu ihr gesagt.
Sie versuchte, sich selbst zu hypnotisieren und im Geiste der Situation zu entfliehen, doch jedes
Mal wenn sie sich das Bild eines Sonnenuntergangs, der heranrollenden Flut oder vorbeiziehender
Wolken vorstellte, wurde es sogleich wieder vom Anblick des Massengrabs verdrängt, in dem
man ihre Tochter verscharrt hatte.
Ihr Vorhaben war damit gänzlich unmöglich geworden. Wieso versuchte sie nicht zu fliehen,
damit die Kugel eines Soldaten sie erlöste? Pater Geraldo und Dr. Soto spürten keinen Schmerz
mehr. Augenblickliche Erlösung … wie wundervoll.
Warum hatte sie noch immer den Willen zu überleben?
Nein, es war etwas Stärkeres als nur Wille. Es war der Wunsch, diejenigen bestraft zu sehen, die
zu derartiger Grausamkeit fähig waren. Die Tochter des Botschafters der Vereinigten Staaten auf
diese unglaubliche Art und Weise zu beseitigen, das verstieß gegen die Menschenrechte. Sollte sie
überleben, würde sie dafür sorgen, dass die Welt von dieser schändlichen Tat erfuhr.
Lara hatte schon oft zum Sterben verurteilte Patienten behandelt. Aber bis zu diesem Abend
hatte sie nicht begriffen, warum sie sich so sehr dagegen wehrten aufzugeben. Wieso klammerten
sie sich so stur an ihr bisschen Leben? Sie hatte oft darüber nachgedacht, wieso sich die Menschen
derart gegen den Tod sperrten. Jetzt verstand sie, warum man selbst unter den
schlimmstmöglichen Umständen überleben wollte.
Der Überlebensinstinkt war stärker, als sie geahnt hatte. Er blieb, auch wenn der Verstand bereits
aufgegeben hatte. Wenn dem nicht so wäre, wäre sie in dem Moment gestorben, als sie das
Massengrab gesehen hatte, in das ihr kleines Mädchen geworfen worden war. Der unbedingte
Zwang zu überleben brachte sie durch die lange Nacht.
Sie musste eingenickt sein, denn sie schreckte auf, als der Laster plötzlich anhielt und Geräusche
von draußen zu ihr drangen. Es roch nach Feuer und Essen.
»Oh, schon da?«, bemerkte Key sarkastisch.
Lara wurde auf die Füße gestellt und vom Laster gehoben. Ihre Gliedmaßen waren steif und
wund. Sie stolperte, als sie vorwärtsgestoßen wurde, doch die frische Luft tat gut auf der Haut und
in der Lunge. Sie atmete tief ein und versuchte, das Blut in ihren Adern wieder zum Zirkulieren
zu bringen.
Dann wurde ihr plötzlich die Augenbinde vom Kopf gezogen. Ricardo stand vor ihr und grinste
breit. »Bienvenido!« Sie wich vor seinem fauligen Atem zurück. »El Mano wartet schon darauf,
seine Gäste willkommen zu heißen.«
Sie war überrascht, dass er englisch sprach. »Ich habe El Mano auch einiges zu sagen.«
Er lachte. »Eine Frau mit Sinn für Humor. Das gefällt mir.«
»Das sollte nicht witzig sein.«
»Ist es aber, Señora, sogar sehr witzig.«
In diesem Moment warf sich ihm eine Frau in schmutzigen Arbeitshosen und einem ebenso
schmutzigen ärmellosen T-Shirt an den Hals. Nach einem beschämend intimen Kuss, bei dem er
sie ganz offen begrabschte, gurrte sie: »Komm rein, ich habe dir etwas zu essen gemacht.«
»Wo ist El Mano?«, fragte er.
»Drinnen. Er wartet schon.«
Sich gegenseitig betatschend, gingen sie auf eine schäbige Baracke zu, stiegen die brüchigen
Stufen zu der schmalen Veranda hinauf und verschwanden hinter dem Vorhang in der Tür. Die
anderen Soldaten wurden auf ähnliche Weise von den Frauen im Camp empfangen und bekamen
Schüsseln mit Essen aus dem Gemeinschaftskochtopf über dem Lagerfeuer gereicht. Sie tranken
frischen Kaffee. Lara wäre schon mit einem Schluck Wasser zufrieden gewesen. Ihre Lippe war
noch immer wund und geschwollen.
Key und sie wurden von zwei Männern mit halbautomatischen Waffen bewacht. Als Lara Key
sah, stockte ihr zunächst der Atem. Er hockte auf dem Boden vor ihr, dazwischen die Wachen.
Die Wunde an seiner Schläfe war blutverkrustet. Sie sah schlimm aus und musste dringend
desinfiziert werden, wahrscheinlich sogar genäht. Sie fragte sich, ob man ihr erlauben würde, ihre
Arzttasche zu benutzen, bezweifelte es allerdings.
Key hatte tiefe Ringe unter den Augen, doch sie hatte sie vermutlich auch. Seine Kleider waren
wie ihre, schmutzig und verschwitzt. Der Tag war gerade angebrochen – an der Sonne konnte es
nicht liegen, aber die Luft war so feucht, dass die Wipfel der Bäume, die die Lichtung im
Dschungel säumten, nebelverhangen waren.
Key starrte Lara mit einem intensiven Blick an, doch seine stille Botschaft war nicht notwendig,
sie erkannte auch so, wie heikel die Lage war. Aber als er ihre Aufmerksamkeit erst einmal hatte,
wanderte sein Blick zu der Kameratasche, die einer der Soldaten aus dem Jeep geladen und in
ihrer Nähe abgestellt hatte.
Er wollte etwas mitteilen, aber sie begriff nicht, was.
Dann formte er das Wort »Magnum« mit den Lippen. Sie warf einen Blick auf die
Kameratasche. Als sie ihn wieder ansah, nickte er fast unmerklich.
»Señora, Señor … « Ricardo schlenderte aus der Tür und lehnte sich an einen der Pfeiler, die das
defekte Dach stützten. »Sie haben Glück. El Mano wird Sie jetzt empfangen.«
Eine respektvolle Stille legte sich über das Camp. Diejenigen, die beim Essen waren, stellten ihre
Schüsseln beiseite. Alle Blicke wandten sich der Tür zu. Selbst die Kinder, die sich jagten und
Erschießen spielten, hielten inne. Die Rebellen, die die Frauen mit Märchen über ihre
angeblichen Heldentaten zu beeindrucken versuchten, verstummten. Jedermanns Aufmerksamkeit
war auf die Veranda vor der Baracke gerichtet.
Schließlich wurde der Vorhang feierlich zur Seite geschoben, und ein Mann trat ins Freie.
Lara sank auf die Knie. Kaum hörbar stieß sie seinen Namen aus.
»Emilio!«
Kapitel 22

»Miss Janellen? Entschuldigen Sie bitte …«


Sie fuhr beim Klang von Bowie Catos Stimme beinahe aus der Haut, ließ sich aber nichts
anmerken. Sie hob nur mit der kühlen herablassenden Art einer englischen Adligen ihr Haupt.
»Guten Tag, Mr. Cato. Was kann ich für Sie tun?«
Er stand in der Tür, die den Laden mit dem winzigen Büro im rückwärtigen Teil des Hauses
verband. Außer ihnen beiden war niemand mehr in diesem hässlichen, unförmigen Gebäude.
Bowie hatte den Duft von draußen mit hereingebracht. Der Herbst lag in der Luft, und Janellen
konnte ihn in seiner Kleidung riechen. Sein Haar war flachgedrückt durch den Hut, den er jetzt
an der Krempe nervös zwischen den Fingern drehte. Seine Lippen sahen spröde aus. Sie schaute
ihn mit verborgener Sehnsucht an.
»Ich habe mich nur gefragt, ob Sie schon was von Ihrem Bruder und Dr. Mallory gehört haben.«
»Nein«, antwortete sie mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. Wie egoistisch von ihr, vor
Liebeskummer zu vergehen, während die beiden vielleicht in Lebensgefahr schwebten. Key hatte
zwar versprochen, sich wenn möglich telefonisch zu melden, aber seit seiner Abreise vor drei
Tagen hatte sie noch nichts von ihm gehört. Janellen war krank vor Sorge, und ihrer Mutter ging
es nicht anders, auch wenn sie es nicht zugab. Jody verließ ihr Zimmer nur zu den Mahlzeiten,
und es bereitete ihr sichtlich Mühe, dabei über Alltägliches zu reden.
»Das tut mir leid«, meinte Bowie. »Ich hatte gehofft, sie wären schon auf dem Rückweg.« Er
spielte mit einem losen Strohhalm an seinem Hut.
»Sonst noch was, Mr. Cato?«
»Ja, Ma’am. Mein Gehaltsscheck. Der lag heute Morgen nicht in meinem Fach. Ich würde Sie ja
gar nicht deswegen belästigen, aber meine Miete ist morgen fällig.«
Obwohl sie genau wusste, dass er die Wahrheit sagte, sah sie trotzdem noch einmal in dem Fach
nach, das mit seinem Namen gekennzeichnet war. »Mein Gott, das ist mir jetzt aber peinlich, Mr.
Cato. Ich muss den Scheck im Safe liegengelassen haben.«
Der Firmensafe war eine Monstrosität, die schwerer war als drei Klaviere und die halbe Wand
des überladenen Büros einnahm. Die schwarze Stahlfassade war mit goldenen Schnörkeln und
Ornamenten verziert. Er stammte noch aus der Zeit, als ihr Großvater seine Männer in bar
bezahlt hatte.
Janellen spürte Bowies Blick, als sie zum Safe ging, und dieses Gefühl zerrte an ihren Nerven.
Glücklicherweise hatte sie die Kombination im Kopf. Sie öffnete den Safe und nahm den Scheck
aus dem Fach, wo sie ihn absichtlich am Morgen liegengelassen hatte. Da Bowie seit dem Abend
nach Jodys Anfall und ihrer Umarmung in der Küche keinen Versuch mehr unternommen hatte,
sich ihr zu nähern, hatte sie es für nötig befunden, selbst etwas zu unternehmen.
Er war in jener Nacht in das Gewitter geflüchtet und hatte Blitz, Donner und strömenden
Regen der Wärme ihrer Arme vorgezogen. Vielleicht war er von ihren Küssen enttäuscht oder
von ihrem Hunger nach seinen Liebkosungen angewidert gewesen, aber sie fand, dass er nicht das
Recht hatte, sie zu behandeln, als wäre sie Luft, nach der Nähe, die sie geteilt hatten.
»So, Mr. Cato«, sagte sie, als sie ihm den Scheck gab, wobei sie darauf achtete, dass sich ihre
Hände nicht berührten. »Es tut mir leid, dass das passiert ist.«
Sie setzte sich wieder hinter den Schreibtisch und widmete sich den Unterlagen, mit denen sie
beschäftigt gewesen war, als er hereingekommen war. Ihr Herz klopfte so schnell und heftig, dass
jeder einzelne Schlag in ihren Ohren dröhnte. Er musste jetzt den zweiten Schritt machen. Die
nächsten Sekunden waren entscheidend. Sollte er sich einfach umdrehen und gehen, würde es ihr
das Herz brechen. Ihre scheinbare Gleichgültigkeit diente nur dazu, sich die Verzweiflung nicht
anmerken zu lassen. Und sollte dieser eine stürmische Kuss vor der Küchenspüle gleichzeitig
Beginn und Ende ihrer Beziehung gewesen sein, könnte sie ebenso gut sofort aufhören zu atmen.
Zehn Sekunden verstrichen. Zwanzig. Dreißig.
Bowie trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.
Janellen wartete, vermerkte mit roter Tinte etwas auf der Rechnung vor ihr, während ihre
gesamte Zukunft und ihr Selbstrespekt auf dem Spiel standen.
»Äh-hem, warum sagen Sie eigentlich nicht mehr Bowie zu mir?«
Janellen sah mit gespielter Überraschung auf. Sie tat so, als müsste sie über die Antwort
nachdenken. »Ich finde es nicht mehr passend, dass wir uns mit Vornamen anreden.«
»Warum denn nicht?«
»Nun, wenn zwei Menschen sich mit Vornamen anreden, dann heißt das im Allgemeinen, dass
sie Freunde sind. Und Freunde rufen an, schauen vorbei, verbringen Zeit miteinander, kümmern
sich um den anderen. Freunde winken sich zu, wenn sie aneinander vorbeifahren, sie drehen
nicht den Kopf weg und tun, als hätten sie einen nicht gesehen.« Die letzte Bemerkung bezog
sich auf den Vortag. Er hatte sie vorsätzlich ignoriert, als sie sich auf der Texas Street begegnet
waren.
»Aber Miss Janellen, ich dachte, Sie …«
»Selbst wenn man nicht mehr befreundet ist, tut man nicht so, als existierte der andere nicht.«
Ihre Stimme fing an zu zittern, und sie hasste sich dafür. Wie immer es auch ausgehen mochte, sie
hatte sich geschworen, auf keinen Fall vor ihm zu weinen.
»Freunde benehmen sich nicht, als hätten sie nie etwas miteinander zu tun gehabt. Als wären sie
nie … Oh!« Zu ihrem Beschämen füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie stand auf, drehte ihm
den Rücken zu und presste ein Taschentuch vor den Mund.
»Ich kann so etwas nicht«, sagte sie kläglich. »Ich kann diese Spielchen einfach nicht spielen wie
die anderen Frauen. Es war kindisch und gemein von mir, den Scheck zurückzuhalten. Ich sehe
doch, dass Sie den Trick sofort durchschaut haben. Ich wusste einfach nicht, wie ich Sie sonst
dazu bekommen sollte, mit mir allein zu sprechen.«
Sie wandte sich zu ihm um, im Bewusstsein, dass sie schlimm aussehen musste. Wenn sie weinte,
sah sie nicht so hübsch aus wie die Schauspielerinnen im Film. Ihre Augen und die Nase wurden
rot, und ihr Gesicht schwoll an.
»Es tut mir leid, Bowie. Das alles ist bestimmt furchtbar peinlich für Sie. Gehen Sie ruhig. Sie
müssen nicht bleiben. Ich bin okay, ehrlich.«
Aber er rührte sich nicht. Tatsächlich wirkte er beinahe genauso niedergeschlagen wie sie. »Ach,
Miss Janellen. Ich bin derjenige, der sich entschuldigen müsste.«
Da sie fand, dass sie sich ohnehin schon blamiert und nichts mehr zu verlieren hatte, beschloss
sie, dass sie ebenso gut der Wahrheit auf den Grund gehen konnte. »Wieso sind Sie mir aus dem
Weg gegangen?«
»Weil ich gedacht hab, dass Sie mich nach dem … Mist.« Er wandte den Blick ab, aber als er
dabei die üppige Schöne auf dem Wandkalender sah, schaute er schnell wieder zu Janellen. »Ich
dachte, Sie würden mich nicht mehr sehen wollen, nach allem, was ich Ihnen angetan habe. Ich
habe mich für einen Moment vergessen, und das darf nicht sein, weil ich Sie dafür zu sehr
respektiere.«
Ihre Wangen glühten bei der Erinnerung an seine Hand, die unter ihren Rock geschlüpft war
und ihren Po mit leidenschaftlicher Lust umklammert hatte. Es war schockierend gewesen,
gewiss, aber auch sehr aufregend.
»Ich habe mich auch nicht unbedingt anständig benommen, oder?«, fragte sie atemlos. »Aber ich
bin davon ausgegangen, wir wüssten, dass wir uns gegenseitig respektieren. Ich dachte, unsere
Freundschaft hätte eine andere Dimension bekommen. Ich dachte, Sie … du … du würdest mit
mir schlafen wollen.«
Sein Hut landete auf dem Tisch. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, stützte die Ellenbogen auf
den Stapel Rechnungen und schlug die Hände vors Gesicht. Seine Wangen blähten sich auf, dann
stieß er einen tiefen Seufzer aus.
»Ich weiß, dass eine Frau nicht über so was spricht …«, sagte Janellen verlegen.
»Ist schon gut, Ma’am.«
»Was dann? Habe ich etwas falsch gemacht?«
Bowie rieb sich den Nacken. Schließlich, nach einer Ewigkeit, wie Janellen fand, hob er den
Kopf und sagte: »Wenn es das wäre, was ich wollte, hätten wir es gleich auf dem
Küchenfußboden tun können. Aber du bist mir einfach zu viel wert, um dir den Rock
hochzuschieben und es dir wie einer Zehndollarnutte zu besorgen. Weißt du, Janellen, du hast
Klasse, und ich bin Abschaum. Daran wird sich nie etwas ändern.«
»Du bist kein Abschaum!«
»Verglichen mit dir bin ich das sehr wohl. Außerdem bin ich ein Exknacki.«
»Meiner Meinung nach warst du zu Unrecht im Gefängnis. Du hast lediglich etwas getan, was
notwendig war. Dieses Schwein hätte hinter Gittern gehört, nicht du.«
Er lächelte nachsichtig über die Vehemenz, mit der sie es sagte. »Das sieht der Staat Texas leider
anders.« Dann fügte er ernster hinzu: »Und die Leute in Eden Pass auch. Was glaubst du, was die
sagen würden, wenn du dich mit mir einlässt?«
»Das ist mir egal.« Sie kam um den Schreibtisch herum, kniete sich vor Bowie und legte
vertrauensvoll die Hände auf seine Oberschenkel. »Ach, Bowie, ich habe mein ganzes Leben lang
gemacht, was die Leute von mir erwartet haben. Ich habe mich immer bemüht, nichts
Ungehöriges zu tun. Aber Key hat mich vor kurzem wieder daran erinnert, was ich alles
verpasse.« Sie rückte näher. »Ich habe nicht gewusst, wie recht er damit hatte, bis wir uns küssten.
In diesem Moment hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl auszubrechen. Ich will
nicht alt und grau werden, um dann irgendwann festzustellen, dass ich meine besten Jahre
vergeudet habe. Und ganz offen gesagt habe ich die liebe, anständige Janellen satt. Das Einzige an
Spaß und Aufregung, was die je hatte, war, mit dir zusammen zu sein. Also, was soll’s? Die Leute
in der Stadt machen sich doch seit Jahren über meinen Jungfernstatus lustig und bemitleiden
mich, weil ich keinen Liebhaber habe. Und wenn ich zwischen Mitleid und Missbilligung wählen
muss, dann nehme ich das Letztere.« Sie holte tief Luft und fügte hinzu: »Wenn du mich magst –
nur ein ganz kleines bisschen –, dann zieh dich bitte nicht aus Angst um meinen Ruf zurück.«
»Wenn ich dich ein ganz kleines bisschen mag«, wiederholte er mit einem traurigen Lächeln. Er
zog sie hoch und setzte sie auf seinen Schoß. »Ich mag dich so sehr, dass mir jedes Mal das Herz
weh tut, wenn ich nur an dich denke. Also so ziemlich immer.«
Er nahm ihre Hand und streichelte den Handrücken, federleicht, als hätte er Angst, ihre zarten
Knöchel zu verletzen. »Die Leute werden es nicht gutheißen, wenn wir ein Paar sind, Janellen.
Und für dich steht viel auf dem Spiel. Ich für meinen Teil habe nichts zu verlieren. Kein Geld,
keinen Ruf, keine Familie oder Freunde oder einen Platz in der Gemeinde. Aber dir könnte sehr
weh getan werden.«
Sie legte ihm den Finger auf die Lippen. »Niemand wird mir weh tun, Bowie.«
»Doch. Ich zum Beispiel. Und den Gedanken ertrage ich nicht.«
Ihre Gesichter waren ganz dicht beieinander. Janellens Augen waren dunkel, und sie wusste sehr
gut, dass er mit dem letzten Satz nicht auf ihre Stellung in der Gemeinde angespielt hatte. Er
sprach vom körperlichen Schmerz, den er ihr möglicherweise zufügte.
Sie flüsterte: »Ich möchte, dass du mir weh tust. Ich möchte es jetzt.«
Sie drückte sich an ihn. Als er die Arme um sie legte, stöhnte sie leise auf. Sie ließ den Kopf
nach hinten sinken und empfing seinen gierigen Kuss. Sie küssten sich innig und hungrig, ihre
Münder verschmolzen.
Er streichelte ihr Gesicht, ließ seine Finger über ihre Wangen gleiten, hinunter zu ihrem Hals,
während Janellen ihn zwischen den Küssen ermutigte. Als seine Hand zu ihrer Brust glitt und sie
sanft umschloss, seufzte sie seinen Namen.
Er knöpfte ihr die Bluse auf.
»Mein Gott, Janellen.«
»Ich weiß, an mir ist nicht viel dran …«
»Du bist wunderschön.«
Sie hatte sich selbst immer als flachbrüstig betrachtet und war verblüfft zu sehen, dass ihre Brust
seine Hand ausfüllte. Sie schien ihm zu gefallen, denn er zeichnete ihre Konturen nach. Als ihre
Knospe sich unter den Liebkosungen aufrichtete, küsste er sie.
Sie warf den Kopf zurück und schloss die Augen. »Hör nicht auf. Es fühlt sich so gut an. Hör
nicht auf.«
Aber er hörte auf. Unbeirrt von ihrem gemurmelten Protest nahm er ihr Gesicht in beide Hände
und küsste sie auf die Wange. »Ich kann nicht weiter, oder es wird genau zu dem kommen, was
ich verhindern wollte.«
Sie schlug die Augen auf und setzte sich gerade hin. »Wie meinst du das, Bowie?«
»Ich werde dich nicht bumsen.« Sie stieß einen kleinen Laut des Protests und der Beschämung
aus. Er beeilte sich anzufügen: »Ich meine, ich möchte Liebe mit dir machen. Ich will, dass es
richtig ist. In einem Bett, mit Laken, die sauber duften.«
Sie entspannte sich und lachte leise. »Ach, Bowie, das ist mir egal.«
»Mir aber nicht. Ich glaube immer noch, dass ich das Schlimmste bin, was dir zustoßen konnte,
aber du bist das Beste, was mir je im Leben begegnet ist, das ist verdammt sicher. Ich werde dich
nicht wie eine Schlampe behandeln, von der ich es kriegen kann.«
Er knöpfte ihre Bluse wieder zu. Janellen war enttäuscht, dass er das Vorspiel abgebrochen hatte,
aber ihr Herz füllte sich mit Zuneigung, als sie sah, wie ungeschickt er sich mit den Knöpfen
anstellte.
»Ich bin ziemlich sicher, dass du noch Jungfrau bist.« Er sah zu ihr auf. Sie nickte. »Ich kann
zwar kaum glauben, dass es so ist, aber ich bin froh, dass dich kein anderer Mann vor mir gehabt
hat. Es ist eine Ehre, die man nicht leichtnehmen sollte. Wenn es also passiert, dann will ich, dass
es auch für mich so was wie das erste Mal wird. Und auf eine bestimmte Art ist es das auch. Ich
habe es noch nie mit einer Frau getan, mit der ich meine Zahnbürste teilen würde.«
Sie kicherte und schmiegte sich an seine Schulter. »Und mit mir würdest du sie teilen?«
Die Antwort war ein tiefer Zungenkuss. »Ich werde einen Ort für uns beide finden«, sagte er mit
rauer Stimme.
»Dein Wohnwagen!«, schlug sie enthusiastisch vor. »Ich komme zu dir, nach dem Abendessen.«
»Für mich reicht der Wohnwagen, aber nicht für dich.«
»Bowie!«
Er schüttelte entschieden den Kopf. »Es muss ein besonderer Ort sein. Wenn ich ihn gefunden
habe, wirst du die Erste sein, die es erfährt.«
»Aber wann?«
»Das weiß ich noch nicht.« Seine Augen brannten vor Leidenschaft. »So bald wie möglich.«
»Bis dahin könntest du doch abends zu mir kommen, wenn Mama im Bett ist.«
»Ich würde niemals so mit dir schlafen – so heimlich – im Haus deiner Mutter.«
»Das meinte ich ja auch nicht. Ich meinte, wir könnten zusammen sein. Ich kann Mama nicht
allein lassen. Und Maydale würde Verdacht schöpfen, wenn ich sie bitten würde, abends länger zu
bleiben. Mir würden sehr schnell die Ausreden ausgehen. Wenn wir uns sehen wollen, musst du
schon zu mir kommen.«
Er runzelte die Stirn. »Wir sollten das Schicksal nicht herausfordern, Janellen. Es könnte etwas
Schlimmes passieren. Das Risiko ist zu groß.«
»Das ist doch albern. Gar nichts wird passieren.«
»Deine Mutter könnte uns erwischen. Und dann wäre der Teufel los.«
In diesem Punkt hatte er recht. Aber selbst die Missbilligung ihrer Mutter konnte sie nicht
davon abhalten, ihn zu sehen. »Wir können aufpassen, dass uns niemand sieht, bis wir unsere
›Beziehung‹ offiziell machen.« Sie grinste glücklich. »Ich würde es am liebsten jetzt schon der
ganzen Welt erzählen.«
»Damit würde ich an deiner Stelle noch warten.« Er war so ernst wie sie fröhlich. »Früher oder
später wird etwas schiefgehen. Ich ziehe das Unglück einfach an.«
»Bowie, jetzt wird doch für uns beide alles anders.«
»Janellen.« Er nahm ihr Gesicht erneut in die Hände und sah ihr fest in die Augen. »Bist du
wirklich sicher, dass du es willst? Es wird nämlich nicht einfach, mit mir zusammen zu sein. Offen
gesagt, es könnte die Hölle werden.«
Sie legte ihre Hände auf seine. »Nein, ohne dich sein zu müssen wäre die Hölle. Eher würde ich
sterben. Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich auch. Und, glaube es oder nicht – das habe ich noch nie zu irgendeiner
Menschenseele auf dieser Welt gesagt.«
Dann küssten sie sich wieder, und als sie ihn dann hinausbegleitete, gab er ihr das Versprechen,
nach Mitternacht zu ihr nach Hause zu kommen.
Heather Winston legte gelangweilt das Geschichtsbuch aus der Hand und wandte sich in
Gedanken wesentlich wichtigeren Dingen zu. Zum Beispiel wie sie Tanner Hoskins halten
könnte.
Sie hatte heute Abend Dienst am Empfang im Green Pine Motel, wie an fast jedem
Wochenende zwischen sieben bis zehn Uhr. Es war keine anstrengende Arbeit. Ihr blieb
nebenher noch die Zeit, ihre Hausaufgaben zu erledigen und für die Prüfungen zu lernen. Aber es
hinderte sie natürlich daran, mit Tanner zusammen zu sein. Somit blieb ihnen beiden neben
ihrem Cheerleader- und seinem Footballtraining und all den anderen außerschulischen Aktivitäten
kaum Zeit füreinander.
Das gefiel ihr genauso wenig wie ihm, aber meistens war es Tanner, der sich beschwerte. »Es
lohnt sich ja kaum noch, was zu unternehmen, seit deine Mutter darauf besteht, dass du so früh zu
Hause bist.«
Heather befürchtete, er könnte die Situation irgendwann satthaben und sich ein anderes
Mädchen suchen, das weniger beschäftigt war und länger ausbleiben durfte. Erst heute Morgen
hatte sie gesehen, wie er in der Pause zwischen der zweiten und dritten Stunde mit Mimsy Parker
geflirtet hatte. Alle hatten die beiden gesehen. Als es mittags geläutet hatte, war es in der ganzen
Schule rum, dass Tanner Heather bald abservieren würde.
So weit würde sie es nicht kommen lassen.
Vor kurzem war Tanner zum Schulsprecher gewählt worden. Am Freitag hatte er zwei
Touchdowns hingelegt. Er war dieses Jahr der beliebteste Junge an der Schule. Sie würde es nicht
zulassen, dass Mimsy Parker ihn ihr wegschnappte.
Während sie sich verschiedene Methoden überlegte, wie sie Tanner für sich behalten konnte,
betrat ein O-beiniger Mann die Lobby, setzte den Hut ab und sah sich um.
»Kann ich Ihnen behilflich sein?«
»’n Abend, Miss Winston.«
»Sie kennen mich?«
»Ich habe Sie schon öfter gesehen, mit Ihrer Familie. Ich bin Bowie Cato.«
Sein Name sagte ihr etwas. Er war der Exknacki, der bei Tackett arbeitete. Heather überlief ein
leichter Schauer der Angst. Was wollte er hier? Sie ausrauben? Sein stechender Blick wirkte
nervös und wachsam. Sie war allein in der Lobby. Eine Serviererin und der Koch kümmerten sich
um das Restaurant, aber das würde ihr nichts nützen, wenn Bowie Cato einen bewaffneten
Raubüberfall vorhatte.
»Sie werden es vielleicht für eine komische Bitte halten«, sagte Bowie, nachdem er sich
geräuspert hatte, »aber, na ja, meine Leutchen wollen am Wochenende zu Besuch kommen, und
mein Wohnwagen ist nicht groß genug. Da können nicht alle schlafen. Außerdem sind sie ein
bisschen pingelig. Deshalb suche ich ein Zimmer für sie. Eine Nacht, vielleicht zwei.«
»Ich reserviere Ihnen sehr gern ein Zimmer, Mr. Cato. Werden sie an diesem Wochenende
kommen?«
»Nein, nein. Ich brauche keine Reservierung. Ich meine, ich weiß noch gar nicht genau, an
welchem Tag sie ankommen. Sie sind ziemlich … unberechenbar.«
»Oh.« Heather wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Er wirkte absolut harmlos. Sie konnte auch
keine Waffe sehen, es sei denn, er hatte sie unter seiner Jacke versteckt. Er wirkte nicht
bedrohlich, aber sie konnte sich auf sein Gestammel keinen Reim machen. »Sie können uns ja
anrufen, wenn Sie das Datum ihrer Ankunft kennen, und wir reservieren dann für Sie. Um diese
Jahreszeit haben wir meistens noch was frei.«
»Ja, Ma’am.« Aus irgendeinem Grund zögerte er zu gehen und sah die Broschüren und Karten
im Ständer auf dem Tresen durch. »Hm, ich, ich habe mich gefragt, ob es wohl möglich wäre,
dass ich mir ein Zimmer anschaue. So vorab, meine ich. Ihr bestes Zimmer«, fügte er hastig an,
»wie gesagt, die haben es gern komfortabel.«
Heather musste lachen. »Sie möchten nachsehen, ob die Zimmer schick genug für Ihre
Verwandten sind?«
»Ich wollte Sie damit nicht beleidigen, Miss Winston.« Er hob die Hände und sah dabei so
unschuldig aus, dass Heather sich albern vorkam, vor ihm Angst gehabt zu haben. »Die sind eben
so. Immer nur vom Feinsten. Ich habe versprochen, mir die Unterkunft vorher anzusehen.«
Heather ging zu dem Regal, wo die Schlüssel nach Zimmernummer in den Fächern lagen. »Die
Flitterwochen-suite ist unser schönstes Zimmer.«
»Die Flitterwochensuite? Hört sich gut an.«
Heather stellte ein Schild auf den Tresen, auf dem »BIN GLEICH ZURÜCK« stand, und bedeutete
ihm mit einer Handbewegung, ihr durch die automatische Glastür voranzugehen. Von wegen
Verwandte, die zu Besuch kamen, dachte sie. Er plante ein Rendezvous mit einer Lady.
Irgendwie süß, fand sie, dass er sich solche Mühe machte.
»Die Suite liegt gleich neben dem Swimmingpool«, sagte sie ihm, als sie über den Innenhof
gingen.
»Bisschen frisch zum Schwimmen.«
»Der Pool ist das ganze Jahr über beheizt.«
»Kein Witz?« Er beäugte misstrauisch das Wasser.
»Kein Witz. Der Pool ist Daddys ganzer Stolz. Mama hat ihn dazu überredet, als sie den Flügel
hier angebaut haben. Aber es war Daddys Idee, einen beheizten zu nehmen. Die
Flitterwochensuite war auch Mamas Idee. Es gibt bestimmt noch schickere in Dallas oder
Houston, aber unsere ist auch sehr schön. Wir sind da.«
Sie schloss für ihn auf und trat zur Seite. Er zögerte auf der Schwelle. »Wenn Sie lieber nicht mit
mir reinkommen möchten, Miss Winston – ich kann mich auch allein umschauen.«
Sein Blick war so aufrichtig und verständnisvoll, dass sie ihm mit Darcys Juwelen um den Hals in
eine dunkle Gasse gefolgt wäre. »Nach Ihnen, Mr. Cato.«
Die Suite war ganz in Mint und Pfirsichfarben gehalten, und die Qualität der Einrichtung war
etwas gehobener als die der übrigen Zimmer. Es gab einen Salon und ein Schlafzimmer mit einem
französischen Bett. Die Badewanne hatte einen eingebauten Whirlpool. Sonst war es ein normales
Motelzimmer. Heather selbst würde niemals ihre Hochzeitsnacht hier verbringen wollen, aber sie
wusste, dass es für etliche Leute in Eden Pass ein Luxusappartement war.
Bowie nickte höflich zu jeder Besonderheit, die sie hervorhob, schwieg aber sonst. »Wohin
geht’s da?«, fragte er schließlich und deutete auf die Tür am anderen Ende des Zimmers.
»Zum Parkplatz. Wenn ein Gast ein Schlafzimmer mieten will, schließen wir die Zwischentür
zum Salon einfach ab.«
»Hmm. Dann kann man also vom Parkplatz ins Zimmer, ohne über den Hof und am
Swimmingpool vorbeizumüssen?«
»Ja sicher«, antwortete sie und unterdrückte ein Grinsen. Mr. Cato hatte eine heimliche Affäre.
»Der Fernseher im Schlafzimmer ist mit einem Videorecorder ausgerüstet. Wenn Sie möchten,
können Sie Ihre eigenen Filme mitbringen.«
»Oh, ich denke nicht, dass wir Video schauen …«
Er brach ab, als er merkte, dass er sich verplappert hatte. Er bekam ganz rote Ohren und musste
schlucken. Sie lächelte, um ihn wissen zu lassen, dass sein Geheimnis bei ihr sicher war. »Wir
Leute im Hotelbusiness sind sehr diskret – wie Ärzte oder Anwälte.«
»Danke, Ma’am. Ich glaube, ich habe genug gesehen. Vielen Dank noch mal. Kann ich durch
diese Tür raus?« Er ging auf die Tür zu, die zum Parkplatz führte.
»Sicher. Ich schließe hinter Ihnen ab. Soll ich die Suite für Sie reservieren?«
»Heute noch nicht, danke. Ich melde mich, wenn … wenn das Datum feststeht. Ist das in
Ordnung?«
»Klar.«
Er wirkte noch immer verlegen, als er seinen Hut wieder aufsetzte und zum Abschied grüßte.
Heather schloss die Suite ab und ging zur Lobby zurück. Soweit sie sehen konnte, war niemand
in ihrer Abwesenheit hier gewesen, und ihre Begeisterung für die Lektion in Geschichte war auch
nicht gewachsen. Sie konnte sich einfach nicht aufs Lernen konzentrieren, weil sie ständig an
Tanner denken musste. Er hatte gesagt, er würde heute Abend zu Hause bleiben und lernen.
Sollte sie ihm das glauben?
Auf einen Impuls hin wählte sie seine Nummer und bat seinen Vater, Tanner sprechen zu
dürfen. Sie war erleichtert, als er ihr sagte, sie solle dranbleiben, er würde ihn holen.
»Hi, ich bin’s. Was machst du denn so?«
»Lernen. Geschichte.«
»Ich auch. Es neeeervt.« Sie wickelte das Kabel um den Finger. »Hör mal, es tut mir leid, dass
ich heute nach der Schule so zickig zu dir war.«
»Ist schon okay.«
Heather hörte am Klang seiner Stimme, dass es das nicht war. »Die haben alle gesagt …«
»Du musst eben nicht alles glauben, was gequatscht wird.«
Die Antwort war ein bisschen zu glatt, fand sie. Wieso sagte er ihr nicht, dass an den Gerüchten
um ihn und Mimsy Parker nichts dran war? Ich verliere ihn, dachte sie panisch. Sie wusste, das
würde sie nicht überleben. »Tanner, warum kommst du nicht vorbei und bringst mich nach
Hause, wenn ich Schluss habe um zehn? Ich will dich unbedingt sehen.«
»Hast du deinen Wagen nicht da?«
Seit wann brauchte er einen Vorwand, sie zu sehen? »Ich könnte meinen Alten sagen, er wäre
nicht angesprungen und deshalb hätte ich dich angerufen.«
»Na ja, ich denke, ich könnte schon.«
»Okay.« Sie sah auf die Uhr. »Dann sehen wir uns in einer halben Stunde. Du kannst natürlich
auch gleich kommen und mir so lange Gesellschaft leisten, bis der Nachtportier kommt.«
»Ich komme um zehn.«
Schmollend legte Heather auf. Sie nutzte die letzte halbe Stunde ihrer Schicht, um sich
zurechtzumachen. Ihr Anblick im Schminkspiegel war beruhigend. Okay, Mimsy Parker hatte
vielleicht große Titten, aber sie hatte noch immer das schönere Haar, die schickeren Klamotten,
das süßere Lächeln und die tollsten Augen. Außerdem waren ihre Brüste auch nicht gerade
winzig. Noch größer, und sie würden in ein paar Jahren hängen wie bei Mimsy.
Und Tanner gehörte ihr schon längst. Sie musste sich einfach ein bisschen anstrengen, ihn zu
halten.
Der Nachtportier, ein pickeliger Jüngling, der in sie verliebt war, kam ein paar Minuten früher.
Als Tanner mit dem Wagen vorfuhr, tat sie, als hätte sie mit dem Jungen noch Wichtiges zu
regeln, um ja nicht zu bemüht zu wirken. Nachdem sie Tanner volle fünf Minuten hatte warten
lassen, kam sie schließlich heraus und stieg in den Wagen.
»Der ist ja so dämlich!«, stöhnte sie, als sie sich in den Sitz fallen ließ. »Ehrlich! Der ist angeblich
in der Hochbegabten-Liga, aber keinen blassen Schimmer, wenn es um was Praktisches geht.« Sie
beugte sich zu ihm und küsste ihn auf die Wange.
»Hi.«
Heather tat so, als hätten sie sich nie gestritten und als würde Mimsy Parker gar nicht existieren.
Sie plapperte ohne Unterlass über die Schule, Lehrer und andere Belanglosigkeiten. »Ich brauche
unbedingt was zum Anziehen für das Homecoming-Spiel. Ich glaube, Mutter will am Samstag
mit mir nach Tyler fahren und einkaufen. Wenn wir da nichts finden, fahren wir am Samstag
drauf nach Dallas. Du hast es gut, du brauchst nicht darüber nachzudenken, was du anziehst für
die Krönung in der Halbzeit. Du hast eh dein Trikot an.«
Das war eine subtile Erinnerung daran, dass sie zur Homecoming-Königin nominiert worden
war und dass er sich verdammt glücklich schätzen konnte, ihr Begleiter zu sein. »Dein Trikot
wird bestimmt ganz schmutzig sein, und wenn du den Helm abnimmst, ist dein Haar total
verschwitzt. Du siehst dann immer so sexy aus. Es macht mich total an, wenn ich daran denke.«
Sie ließ es wie eine zufällige Geste wirken, als sie ihre Hand in seinen Schoß fallen ließ.
Augenblicklich spürte sie, wie er reagierte. Ich bin doch wirklich eine dumme Gans, dachte sie.
Wie kann man so doof sein! Sex war Macht. Sie brauchte sich doch nur ihre Mutter anzuschauen:
Ein heißer Blick, ein Flüstern in Fergus’ Ohr, und schon bekam sie, was immer ihr Herz
begehrte.
Von dem Zeitpunkt an, als Heather alt genug wurde zu begreifen, wie das Spiel lief, hatte sie es
verachtet. Vielleicht war es an der Zeit, ihre Einstellung zu überdenken. Ihre Sexualität war ein
völlig unerschlossener Quell der Macht.
Wofür wollte sie sie aufsparen? Wieso sollte sie so etwas nicht nutzen? Alle Frauen taten es. Ihr
Mutter. Diese Schlampe Mimsy Parker. Wenn sie Tanner behalten wollte …
»Halt hier an«, sagte sie plötzlich. Sie waren noch einen ganzen Block von ihrem Haus entfernt.
»Ich muss mit dir reden.«
Tanner lenkte den Wagen an den Rand, stellte den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer
aus. »Worüber denn?«
Sie hätte ihm am liebsten eine runtergehauen für den arroganten Ausdruck auf seinem Gesicht.
Stattdessen lächelte sie verführerisch und zog ihn zu sich. »Ich will überhaupt nicht reden.« Sie
presste ihre Lippen auf seine und gab ihm einen heißen Zungenkuss.
Es traf ihn völlig unvermittelt, aber er fing sich schnell. Ein paar Küsse und wohlüberlegte
Streicheleinheiten später zeichnete sich seine Erektion deutlich erkennbar in der Hose ab. Sie fuhr
mit der Hand daran hoch und runter, massierte ihn.
Er griff ihr unter den Pullover und streichelte ihre Brust. »Was ist denn in dich gefahren?« Er
hakte den BH auf, der sich vorne verschließen ließ.
Mimsy Parker, dachte sie. »Ich liebe dich so furchtbar. O ja…«
Als er vorsichtig in ihre Brustwarze kniff, schlang sie den Arm um ihn und zog seinen Kopf zu
sich. »Tanner, mir ist heute Abend eine Idee gekommen, hör zu.« Sie schilderte ihm ihren Plan,
während ihre Hand langsam in seine Jeans wanderte. »Na, klingt das nicht wundervoll?«
»Ja, o Gott. Jesus. Warte. Ich habe Gummis dabei. Willst du, dass ich … «
»Nein, ich will es sehen.«
»Ja, schneller Baby, ja, ja …«
»Fass mich an, Tanner.« Sie nahm seine Hand und führte sie zwischen ihre Schenkel.
Nach mehreren Minuten gegenseitiger Masturbation setzte er sie vor ihrer Haustür ab. Seine
Augen glänzten, und er war noch ganz rot im Gesicht. Er war wieder frisch verliebt und treu
ergeben.
Mit wiedergewonnenem Selbstvertrauen hüpfte Heather die Eingangsstufen hinauf. Mimsy
Parker hatte nicht den Hauch einer Chance, ihr den Freund auszuspannen.
Als sie hineinging, mit der zurechtgelegten Lüge, weshalb Tanner sie nach Hause gebracht hatte,
dankte sie insgeheim diesem Exknacki für die Idee, die ihre Beziehung gerettet hatte.
Kapitel 23

El Mano del Diablo bedachte seine Gefangenen mit seinem glattesten Lächeln. Er warf einen
kurzen, neugierigen Blick auf Key, wandte sich aber dann gleich wieder Lara zu. Key bezweifelte,
dass ihr überhaupt bewusst war, dass sie auf die Knie gefallen war.
In dem Moment, als er das dachte, erhob sie sich langsam wieder. »Ich kann es nicht glauben,
Emilio, was …«
»Emilio Sanchez Peron gibt es nicht mehr«, unterbrach er sie. Das aalglatte Lächeln war
verschwunden. »Ich bin schon lange nicht mehr der naive, idealistische Junge. Spätestens seit der
Revolution und Ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten.« Die beiden letzten Worte spuckte er
beinahe aus. »Eine Nation, der meine tiefste Verachtung gilt.«
Key verabscheute, was der junge Mann sagte, aber er bewunderte die Art und Weise, wie er es
sagte. Er sprach fließend Englisch, ohne die Spur eines Akzents.
Die schäbige Kulisse unterstrich sein akkurates Erscheinungsbild noch. Er war rasiert und wirkte
makellos sauber, was unter den Umständen mitten im Dschungel sicher nicht ganz einfach war.
Er trug das schwarze Haar so glatt zurückgekämmt, dass sein Kopf wie eine Bowlingkugel glänzte.
Im Nacken hatte er einen kurzen Zopf. Diese Frisur hob seine hohen Wangenknochen, das ovale
Gesicht und den strengen, schmalen Mund hervor. Er trug eine Brille mit dünnem Goldgestell.
Key war schon einigen harten Anführertypen begegnet, aber er konnte sich an keinen erinnern,
der so eiskalt wie Emilio Sanchez gewirkt hatte. Emilio war von der Statur eher schmal, doch in
seinen Augen spiegelte sich eine tödliche Kälte, symptomatisch für grenzenlose Grausamkeit. Er
hatte die Augen einer Schlange.
»Wenn Sie die Vereinigten Staaten so sehr hassen, wieso haben Sie dann für meinen Mann in
der Botschaft gearbeitet?«, fragte Lara.
»Durch meine Stellung dort bin ich an sehr nützliche Informationen gelangt«, antwortete er.
»Mit anderen Worten – Sie haben spioniert?«
Er grinste. »Von Ihnen und Ihrem Mann habe ich Sie schon immer für die Klügere gehalten.«
»Sie haben die Botschaft als Quelle benutzt. Und wie lange ging das so?«
»Von Anfang an.«
»Sie Bastard.«
Ein Murmeln erhob sich unter denen, die des Englischen mächtig waren. El Mano verging das
Grinsen, als würde es in der Hitze schmelzen. »Sie sind eine Närrin, Mrs. Porter, noch einmal
nach Montesangrines zurückzukehren, wo Sie das letzte Mal so knapp mit dem Leben
davongekommen sind.«
»Ich bin gekommen, um die sterblichen Überreste meiner Tochter zu holen. Ich möchte sie in
die Vereinigten Staaten überführen.«
»Dann sind Sie vergeblich gekommen.«
»Das weiß ich jetzt auch. Ich verachte die Montesangriner, die sie in dieser Grube verscharrt
haben.« Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie hielt sich jetzt aufrecht. »Gott wird euch alle
verdammen.«
»Ich muss Sie enttäuschen, Mrs. Porter, aber die Verbindung zu Gott ist von Montesangrines aus
nicht so gut. Er hat das Volk schon seit Jahrzehnten nicht mehr erhört. Leider glauben wir nicht
mehr an seine Existenz.«
»Haben Sie deshalb Pater Geraldo so einfach hinrichten lassen?«
»Den betrunkenen Priester?«, fragte er abfällig. Ricardo schlug ihm auf die Schulter, als hätte er
einen Witz gerissen. »Der hat seine Schuldigkeit getan. Jetzt wäre er nicht mehr als ein weiteres
hungriges Maul in einem Land voller hungernder Menschen.«
»Und was ist mit Dr. Soto? Er war Ihrem Regime doch sicher nützlich.«
»Ja, und Escavez auch.«
»Sie haben sein Leben sinnlos vergeudet. Dr. Soto hat Menschen geheilt, und er dachte nicht
politisch, wenn er Leben rettete.«
»Was auch sein Verderben war«, ergänzte El Mano. »In Montesangrines muss man sich eben zu
einer Seite bekennen. Da wir gerade dabei sind …« Sein Blick wanderte zu Key. »Das ist der
einzige Grund, weshalb Sie noch am Leben sind, Mr. Tackett. Meine Neugier.«
»Mein Leben ist ein offenes Buch«, sagte Key.
Die Wachen hatten ihm erlaubt aufzustehen. Seine Rippen schmerzten höllisch. Wahrscheinlich
hatte man ihm ein paar bei der Attacke auf dem Friedhof gebrochen. Aber sein Kopf tat noch
schlimmer weh. Die Wunde an seiner Schläfe war getrocknet, aber sein ganzer Schädel schmerzte.
Er juckte zudem vom getrockneten Schweiß, der eine salzige Kruste hinterlassen hatte. Aber vor
allem plagte ihn ein mörderischer Hunger.
Sanchez sagte: »Sie helfen der Hure, die die politische Karriere Ihres Bruders zerstört hat. Das
erscheint mir sonderbar. Was hat Sie dazu veranlasst, Ihr Leben für sie aufs Spiel zu setzen?«
»Nicht für sie. Für ihre Tochter. Ich glaube, dass sie möglicherweise das Kind meines toten
Bruders war.«
»Tatsächlich?« El Mano zog ein zusammengefaltetes weißes Taschentuch aus der Gesäßtasche
seiner Hose und tupfte sich die Stirn ab. Selbst Despoten litten also unter der Hitze des
Dschungels.
Mit Genugtuung sah Key, dass der andere Mann nicht immun gegen die Umstände war. Es
machte seinen eigenen Schmerz und sein Unwohlsein erträglicher. »Jetzt, da ich weiß, was mit
Ashleys Leiche passiert ist, teile ich Laras Meinung über Ihr Land.«
»Und die lautet?«, fragte Sanchez, während er das Taschentuch sorgfältig wieder verstaute.
»Montesangrines ist eine Jauchegrube und El Mano del Diablo ist das Scheißhauspapier.«
Ricardo zog blitzartig die Pistole aus dem Halfter und richtete sie auf Key. Sanchez hob
beschwichtigend die Hand. Ricardo ließ die Waffe sinken, starrte Key aber mit tödlichem Blick
an.
»Sie sind entweder sehr dumm oder sehr tapfer«, sagte Sanchez nachdenklich. »Ich ziehe es vor
zu glauben, dass Sie sehr tapfer sind. Nur ein tapferer Mann würde es wagen, ohne Erlaubnis mit
einem Flugzeug mein Land anzusteuern.« Er ließ erneut sein reptilienhaftes, eiskaltes Grinsen
aufblitzen. »Aber trotz Ihrer Flugkünste und der albernen Charade, die der Priester und Sie
aufgeführt haben, als meine Männer Sie angehalten haben, waren wir genauestens informiert, wo
Sie gelandet sind. Ich habe die Maschine selbst nicht gesehen, aber Ricardo hat mir berichtet, dass
es ein hervorragendes Flugzeug ist. Sehr gut ausgestattet. Es wird uns bei unserem Kampf äußerst
dienlich sein. Vielen Dank für die großzügige Spende für unseren Zweck.«
Key sah Lara an. Als sich ihre Blicke trafen, konnte er nichts weiter tun, als hilflos mit den
Schultern zu zucken. Er hatte kein As mehr im Ärmel. Selbst wenn er an die Magnum in der
Kameratasche käme; er würde niedergestreckt werden, bevor er sie benutzen könnte. Danach
würden sie Lara umbringen. Und ihr Tod wäre vermutlich weniger gnädig und schnell.
»Nehmt ihnen die Fesseln ab.«
El Manos Befehl kam überraschend. Ricardo protestierte, aber Sanchez herrschte ihn an: »Wir
sind keine Wilden. Gebt ihnen Wasser und etwas zu essen.«
Ricardo gab den unbequemen Befehl an seine Untergebenen weiter, die Key und Lara grob auf
die Knie zwangen. Mit atemberaubender Heftigkeit trennten sie ihnen die Fesseln an den Händen
durch. Keys Gelenke waren wundgescheuert. Aber Laras, wie er feststellte, sahen noch schlimmer
aus. Ihre Haut war aufgeplatzt und blutete.
Dann brachte man ihnen grobe Schalen mit Eintopf, der zum größten Teil aus Reis und
Bohnen bestand. Die wenigen Stücke Fleisch waren undefinierbarer Herkunft. Key hielt es für
besser, nicht zu wissen, was er da aß. Ein Junge mit einem schlanken, sehnigen Körper und
Augen so feindselig wie die von El Mano brachte ihm einen Krug mit Wasser. Er trank gierig.
Als er den Krug wieder absetzte, bemerkte er die Unruhe neben ihm. Lara hatte die Schale mit
dem Eintopf umgeworfen und musste sich Hohn gefallen lassen, weil sie auch das Wasser, das
man ihr angeboten hatte, verschüttete.
»Das war kindisch, Mrs. Porter«, bemerkte El Mano. Jemand hatte ihm einen Stuhl gebracht. Er
saß auf der Veranda mit einem Mädchen an jeder Seite, die ihm Luft zufächerten. »Es überrascht
mich, Sie so impulsiv zu sehen. Ich erinnere mich an Sie als eine Frau, die selten ihre Gefühle
verriet.«
»Ich würde niemals etwas von Ihnen annehmen, nach allem, was Sie Pater Geraldo und Dr. Soto
angetan haben.«
»Wie Sie wünschen.«
Sie sah zu Key. Das Unverständnis stand ihr ins Gesicht geschrieben. Er zuckte nur mit den
Achseln, obwohl er sich bewusst war, dass die Geste ihren Zorn auf ihn nur verstärken würde,
weil er das ihm angebotene Essen angenommen hatte. Wenn sie überhaupt eine Chance hatten,
hier wieder rauszukommen, mussten sie bei Kräften sein.
Vielleicht war er nicht so konsequent wie Lara, aber er dachte um vieles praktischer. Noch vor
wenigen Augenblicken hatte er Mitleid mit ihr gehabt. Jetzt hätte er sie am liebsten erwürgt, weil
sie das Wasser verschüttet hatte, das sie so nötig brauchen würde.
Auf ein Zeichen von Sanchez hin löste sich eine Gruppe Guerilleros und verschwand hinter
dem Haus. Nachdem das Geschirr abgeräumt war, kehrten die Soldaten mit einer Frau und einem
Mann zurück; beiden hatte man die Hände auf dem Rücken gefesselt.
Sie waren schmutzig. Der Gestank von Körpergeruch und Exkrementen war überwältigend,
eine Herausforderung für Keys gefüllten Magen. Dem Mann hatte man auf den Kopf geschlagen.
Sein Haar war blutverkrustet. Sein Gesicht war derart geschwollen und mit Blutergüssen und
blauen Flecken überzogen, dass Key zweifelte, ob ihn seine Familie wiedererkannt hätte.
Der Frau aber war wahrscheinlich noch Schlimmeres zugefügt worden. Als man sie vorwärts
trieb, kamen von den Soldaten Pfiffe und Schimpfwörter auf Spanisch, die Key noch aus seiner
Jugend kannte. Es war nicht schwer zu erraten, wie sie gefoltert worden war. Ihr Blick war leer,
und sie wirkte völlig apathisch. Sie reagierte auf nichts in ihrer Umgebung.
Sanchez erhob sich von seinem Stuhl und trat an den Rand der Veranda. »Dieser Mann und
diese Frau«, wandte er sich an Key und Lara, »hatten Sex, während sie zur Wache eingeteilt
waren. Als Folge ihrer Nachlässigkeit gelang es Escavez’ treuen Truppen, eines unserer Lager zu
überfallen. Seine Anhänger sind bei dem Kampf umgekommen, aber vorher konnten sie noch
zwei meiner Männer töten.«
»Por favor«, stammelte der Mann durch seine dicken, geschwollenen Lippen. »El Mano, lo siento
mucho. Lo siento.« Er murmelte wiederholt Entschuldigungen. Sie sei seine Verlobte, versicherte
er. Sie würden sich schon lieben, seit sie Kinder waren. Dennoch gab er zu, dass es falsch gewesen
war, das Leben der Kameraden aufs Spiel zu setzen.
»Sie ist eine Hure«, entgegnete Sanchez gelassen. »Sie hat es vergangene Nacht mit fünfzig
Männern getrieben.«
Der Mann schluchzte, protestierte aber nicht. Er flehte um Gnade, schwor beim Grab seiner
Eltern, dass er nie wieder seine Pflichten vernachlässigen würde. Er fiel auf die Knie und rutschte
vorwärts, bis er nur wenige Zentimeter von Sanchez’ blankpolierten Stiefelspitzen entfernt war.
Er appellierte an seinen Kommandanten, ihnen zu vergeben und Gnade walten zu lassen.
»Du gibst also zu, dass es Lust war, die deine Kameraden das Leben kostete? Du bist schwach.
Ein dummer Lüstling, ein Sklave deiner selbstsüchtigen Gelüste. Sie ist eine Hure, eine geile
Schlampe, die es mit jedem treiben würde.«
»Si, si.« Der Beschuldigte nickte heftig.
»Die Befreiung Montesangrines’ ist das Einzige, wo derart ungezügelte Leidenschaft angebracht
ist. Wir alle müssen bereit sein, persönliche Opfer zu bringen.«
»Si, El Mano, si.«
»Vielleicht sollte ich dich kastrieren lassen.«
Die leise gesprochene Drohung löste einen Schwall von Bitten und Beschwörungen in
schnellem Spanisch aus, dem Key nur mühsam folgen konnte.
»Nun gut, dann werde ich dich nicht entmannen.« Der Mann fing vor Erleichterung an zu
weinen und zu jammern und pries immer wieder El Manos grenzenlose Güte. »Aber solche
Nachlässigkeit darf nicht ungestraft bleiben.«
Wie ein Chirurg, der die Hand nach dem Skalpell ausstreckt, hielt Sanchez seine Hand auf.
Ricardo drückte ihm die Pistole in die Hand. El Mano beugte sich vor, setzte dem unterwürfigen
Mann den Lauf an die Stirn und drückte ab.
Die Frau schreckte bei dem plötzlichen Knall zusammen, schien aber unberührt von dem Blut
und der herausspritzenden Gehirnmasse ihres Verlobten. Auf ein Zeichen von El Mano hin trat
Ricardo von der Veranda und stellte sich hinter sie. Er griff ihr ins lange Haar und zog ihren Kopf
hoch, um ihr dann mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Als er sie losließ, sackte ihr
lebloser Körper neben ihren ermordeten Geliebten.
Key beobachtete Lara aus den Augenwinkeln. Sie saß still und unbewegt da. Er bewunderte ihre
Haltung. Das Spektakel hatte ihr zu Ehren stattgefunden, aber genau wie er weigerte sie sich, El
Mano die Genugtuung zu geben, mit Abscheu oder Angst darauf zu reagieren.
Vielleicht bin ich als Nächster an der Reihe, dachte Key, aber der verdammte Hurensohn wird
mich ganz sicher nicht auf den Knien um mein Leben betteln sehen.
Erwartungsvolle Spannung legte sich über das Lager. Etwas würde geschehen. Key nahm an,
dass die Spannung weniger damit zu tun hatte, dass die beiden Leichen weggeschafft wurden,
sondern mehr mit Laras und seinem weiteren Schicksal. Wahrscheinlich standen Exekutionen von
Feinden und Verrätern – wie die, deren Zeuge sie gerade geworden waren – auf der
Tagesordnung, um die Disziplin zu erhöhen und Ungehorsam zu verhindern. Die
Lagerbewohner, einschließlich der Kinder, reagierten mit Gleichgültigkeit darauf. Aber die
Bestrafung zweier Amerikaner war eine einmalige Abwechslung, etwas ganz Außergewöhnliches.
Lara ging in die Offensive.
»Sie waren einmal ein intelligenter junger Mann, Emilio Sanchez Peron.« Ihre Stimme war vor
Erschöpfung leise, aber dennoch hörte sie jeder im Lager. »Sie hätten ein großer Mann werden
können, ein großer Anführer, der Montesangrines aus der Armut und Rückständigkeit ins
zwanzigste Jahrhundert hätte führen können. Stattdessen haben Sie sich zu dem zurückentwickelt,
als was Sie mich beschimpft haben. Sie sind ein ungezogenes, feiges, selbstgerechtes Kind. Sie
reden von der Befreiung aus der Unterdrückung«, fuhr sie fort und warf einen verächtlichen Blick
in die Runde. »Diese Gemeinschaft ist die unterdrückteste, der ich je in Montesangrines begegnet
bin. Sie sind kein Führer. Sie sind ein Tyrann. Eines Tages wird einer Ihrer Anhänger Ihre
Tyrannei satthaben und keine Gnade walten lassen. Sie muss man nicht fürchten, höchstens
bemitleiden.«
Diejenigen, die Englisch verstehen konnten, hielten die Luft an ob ihrer Unverschämtheit.
Diejenigen, die es nicht verstanden, lasen in El Manos Gesicht. Es lief rot an, seine Augen
glitzerten vor Bösartigkeit.
»Ich bin kein Feigling«, sagte er steif. »Ich habe General Perez getötet, weil seine Politik die der
Schwäche war.«
»Ich will verdammt sein«, murmelte Key. Sanchez war also der Putschist gewesen, von dem
Pater Geraldo gesprochen hatte. Er war der Soldat gewesen, der seinen eigenen Kommandanten
ermordet hatte, um den Befehl über die Rebellenarmee zu übernehmen.
»Nun, Mrs. Porter«, sagte Sanchez. »Ich sehe, das überrascht Sie. Ich will, dass Sie begreifen, wie
unumstößlich mein Beschluss ist, der unumstrittene Führer dieses Landes zu werden. Ich bin
bereit, alles dazu Notwendige zu tun, auch wenn es nicht immer angenehm ist.« Sein Blick fiel
auf das frische, in der Sonne trocknende Blut.
»Zum Beispiel Ihre eigenen Leute zu erschießen?«
»Richtig.« Er ließ ein Lächeln aufblitzen, das in seiner Selbstgefälligkeit viel furchteinflößender
war als der vorangegangene brutale Akt. »Zum Beispiel. Oder zum Beispiel das Attentat auf
Botschafter Randall zu organisieren.«
Lara zuckte zusammen. Sie wurde blass. Selbst ihre Lippen wurden weiß. »Sie?«
»Ja, ich habe den Überfall organisiert, unter General Perez’ Befehl, weil ich mit dem Terminplan
des Botschafters vertraut war. Es war nicht vorgesehen, dass Sie zu der Geburtstagsfeier mitfuhren.
Sie und der Botschafter haben darüber gestritten. Er bestand darauf, dass Sie mitkamen. Sie hätten
auf Ihren Instinkt vertrauen und daheimbleiben sollen. Er war unser Ziel, nicht Sie. Wenn Sie in
der Botschaft geblieben wären, hätte ich Sie höchstwahrscheinlich herausschaffen können, bevor
sie überfallen wurde. Aber so wie es sich entwickelte, waren mir die Hände gebunden. Es war zu
spät, das Attentat abzublasen.«
»Ashley.«
Key hörte sie nicht wirklich diesen Namen aussprechen, sondern sah nur, wie ihre Lippen ihn
formten.
»Ashley.« Als die Bedeutung der Aussage sich langsam setzte, gewann ihre Stimme an Stärke
zurück, und sie schrie ihn an: »Sie haben meine Tochter getötet!«
»Ich habe nichts dergleichen getan«, sagte er. »Sie wurde Opfer eines unglücklichen Zufalls.
Tatsächlich hatte ich das Kind sehr gern.«
Sein kaltblütiges Abtun des gewalttätigen Todes ihrer Tochter war zu viel für Lara. Sie
verwandelte sich in ein Bündel wirbelnder, um sich schlagender Gliedmaßen, duckte sich und
wich zurück, was selbst ihre Wachen für den Moment lähmte, die erwartet hatten, sie würde sich
auf Sanchez stürzen.
Als sie aufhörte herumzuwirbeln, war der Inhalt der Kameratasche über den Boden verstreut,
und Lara zielte mit der Magnum auf Sanchez. Daraufhin wurde bei mindestens zwei Dutzend
Pistolen und Gewehren der Hahn gespannt.
»Nein!«
Key sprang auf, warf sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers auf Lara und riss sie mit sich
zu Boden. Der stechende Schmerz in seinem Brustkorb raubte ihm beinahe die Besinnung, aber
er hielt sie fest, versuchte, ihr die Arme nach hinten zu biegen und die Waffe zu entreißen. So
grausam die Ironie des Schicksals auch sein mochte, aber Sanchez war ihre einzige Hoffnung zu
überleben. Wenn Lara ihn tötete, wäre das auch für sie beide das Todesurteil. Solange sie am
Leben waren, bestand die Hoffnung, aus Montesangrines herauszukommen.
Lara kämpfte wie eine Tigerin, mit verblüffender Stärke. »Lass mich los! Ich bringe ihn um!«
Mehrere Soldaten stürzten sich auf sie. Key wurde von ihr heruntergezogen. Er wusste nicht,
warum die Guerilleros nicht das Feuer eröffnet und El Mano von der Bedrohung durch sie befreit
hatten. Erst als er seine gelassene Miene sah, kam Key die Vermutung, dass er eine kugelsichere
Weste tragen könnte. Wie es schien, schoss niemand ohne seinen direkten Befehl, solange das
Lager nicht direkt attackiert wurde.
»Lasst sie los.«
Die Guerillakämpfer ließen sie beim Klang seiner Stimme frei und traten zurück. Lara kam auf
die Füße, richtete die Magnum mit bemerkenswert sicheren Händen auf Sanchez.
»Lara, nein«, zischte Key. Er wehrte sich gegen die Wachen, ohne Erfolg. »Tu es nicht. Um
Gottes willen, nein!«
»Sie wird mich nicht töten, Mr. Tackett.« Sanchez hielt den Blick auf Lara gerichtet, obwohl er
zu Key sprach.
Sie spannte den Abzug. »Täuschen Sie sich nicht, Emilio. In diesem Moment bin ich zu allem
fähig. Sie sind schuld, dass mein Kind sterben musste. Ich werde Sie töten. Danach ist mir egal,
was Ihre brutalen Schergen mit mir anstellen.«
»Sie werden nicht abdrücken, Mrs. Porter, denn das würde Sie genau zu dem machen, was Sie
mir vorwerfen zu sein – ein kaltblütiger Mörder. Sie sind ein Heiler, ein Mensch, der geschworen
hat, Leben zu bewahren, nicht es zu beenden. Sie können mich nicht töten. Es spräche gegen
alles, was Sie sind und darstellen.«
Du cleverer Schweinehund, dachte Key. Sanchez bot seiner Truppe eine Galavorstellung. Dies
war der Stoff, aus dem Legenden gemacht wurden, und der kleine Bastard wusste es. Er setzte
darauf, dass Lara nicht abdrücken würde, und die Wahrscheinlichkeit sprach dafür. Er hatte über
Jahre hinweg bei seiner Arbeit in der Botschaft Zeit gehabt, sie näher kennenzulernen, und er
wusste, mit was für einer Frau er es zu tun hatte. Er kannte ihre Hingabe zu ihrem Beruf. Die
Fähigkeit zu töten war ihr einfach nicht gegeben.
»Sie Bastard.« Die Tränen hinterließen schmutzige Schlieren auf ihrem Gesicht. Die schwere
Pistole fing an zu zittern in ihrer Hand. »Ihretwegen musste mein Kind sterben.«
»Trotzdem können Sie mich nicht töten.«
»Sie haben ihren kleinen Körper in das Massengrab geworfen und verscharrt. Ich hasse Sie!«
»Wenn Sie mich so sehr hassen, drücken Sie doch ab«, reizte er sie. »Auge um Auge. Mein Tod
wäre doch nicht mehr als gerechte Vergeltung.«
Key ertrug es nicht, dass er Lara der Lächerlichkeit preisgab. Es würde sie beide das Leben
kosten, wenn sie abdrückte, aber er glaubte, dass sie sowieso in den Tod gehen würden. Er
beschloss, Sanchez mitzunehmen.
»Leg ihn um, Lara! Drück ab! Schieß ihm das verdammte Grinsen aus der Fresse!«
Sie zitterte inzwischen unkontrollierbar. Selbst wenn es ihr gelungen wäre abzudrücken, sie
hätte ihr Ziel verfehlt. Sanchez kam näher. »Bleiben Sie, wo Sie sind!«, schrie sie. »Ich schieße!«
»Niemals.«
»Doch, ich tue es!« Ihre Stimme überschlug sich.
»Das können Sie nicht.«
Sanchez streckte selbstsicher die Hand aus und legte sie auf den Lauf. Lara wehrte sich, aber er
nahm ihr die Pistole mühelos ab. Sie schlug die Hände vors Gesicht und fing an zu schluchzen.
Sanchez setzte ihr, selbstgefällig grinsend, den Lauf an den Scheitel.
Keys Aufschrei war fürchterlich. Sein Brüllen hörte sich an, als käme es direkt aus der Hölle.
Sanchez lächelte. »Ihr Mitgefühl ist wirklich rührend, Mr. Tackett. Ich fürchte, Ihr
unangemessener Respekt gegenüber jeder Form menschlichen Lebens wird leider Amerikas
Untergang sein. Und Sie sind offenbar durch und durch Amerikaner. Sie wollen tatsächlich die
Nutte Ihres Bruders retten?«
»Wenn du sie umbringst, bist du ein toter Mann«, stieß Key zwischen zusammengebissenen
Zähnen hervor.
»Sie sind nicht in der Position, mir zu drohen, Mr. Tackett.«
»Wenn ich dich in diesem Leben nicht erwische, dann sehen wir uns in der Hölle wieder.«
Er wand sich unter dem Griff seiner Wachen. Er trat um sich und traf einen von ihnen am Knie.
Es knackte befriedigend. Den anderen Soldaten traf er mit dem Ellenbogen in den Magen, und
der ging ebenfalls zu Boden. Key warf sich nach vorn, musste aber in gelähmtem Entsetzen
zusehen, wie Sanchez ihm zuvorkam und den Abzug der Magnum durchdrückte.
Die leere Kammer klickte.
Key war erstarrt. Seine Knie gaben unter ihm nach, und er verlor das Gleichgewicht. Er
schwankte und landete im Dreck.
Sanchez lachte über die Vorstellung. »Ich bin kein Narr, Mr. Tackett. Ich habe die Munition
entfernen lassen, als wir die Waffe in der Tasche entdeckten. Ihr Versuch, sie vor uns zu
verstecken, war wirklich sehr amateurhaft.«
Er ließ den Revolver in die Tasche zurückfallen und wischte sich mit seinem gestärkten
Taschentuch die Hände ab. »Ich stehe in Ihrer und Mrs. Porters Schuld für die amüsante Show,
die Sie uns heute Morgen geboten haben.«
»Du verdammter Hurensohn.« Key rappelte sich auf die Füße und stolperte zu Lara. Niemand
hielt ihn zurück, was an sich schon eine Beleidigung war. Er wirkte offensichtlich zu lächerlich,
um eine Bedrohung darzustellen.
Wie sehr sie sich irrten.
Er hatte in seinem Leben schon oft zerstörerisch gehandelt. Er hatte seine Fäuste in Kämpfen
gegen Mensch und Mobiliar eingesetzt. Doch er konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals
jemanden hatte töten wollen.
Bis jetzt.
Hätte er die Möglichkeit gehabt, hätte er Sanchez mit bloßen Händen zerrissen. Er wollte seine
Zähne in Sanchez’ Hals graben und sein Blut schmecken. Es war eine animalische, primitive
Reaktion, die er an sich selbst nie für möglich gehalten hätte und die in ihrer Heftigkeit
beängstigend war.
»Warum bringst du es nicht hinter dich und lässt uns erschießen?«
»Ich habe nicht die Absicht, Sie umzubringen, Mr. Tackett. Hatten Sie das angenommen?«
»Du willst uns als Gefangene behalten? Warum? Damit wir euch allmorgendlich unterhalten
können?«
Sanchez grinste. »Ein wirklich verlockender Gedanke, aber leider bin ich dafür zu beschäftigt.
Nein, eigentlich gedenke ich, Sie freizulassen. Sie werden nach Ciudad Central gebracht und im
besten Hotel einquartiert. Für morgen Mittag haben wir zwei Plätze für Sie in einer
Linienmaschine nach Bogotá reservieren lassen. Von dort müssen Sie allein zusehen, wie Sie
weiterkommen.«
Key musterte ihn skeptisch. »Wo ist der Haken?«
»Wenn Sie die Vereinigten Staaten erreicht haben – ich werde dafür sorgen, dass die Behörden
über Ihren illegalen Aufenthalt in Montesangrines informiert sind –, werden Sie Ihrer Regierung
eine Botschaft von mir überbringen.«
»Eine Botschaft?« Lara hörte auf zu schluchzen und hörte zu. Key legte den Arm um ihre
Schulter, und sie lehnte sich an ihn.
»Ja. Die Botschaft lautet, dass ich vor nichts haltmachen werde, um die Kontrolle über mein
Land zu bekommen. Präsident Escavez hat weder die militärische Unterstützung noch das
persönliche Durchhaltevermögen noch die Unterstützung durch das Volk, um mich zu schlagen.
Seine Macht gehört der Vergangenheit an. In ein paar Monaten wird seine geschwächte Armee
endgültig aufgerieben sein. Ich plane, zum Ende dieses Kalenderjahres meinen Regierungssitz in
Ciudad Central einzunehmen.«
»Was macht Sie so sicher, dass sich die Vereinigten Staaten nicht einen Dreck um Sie und Ihre
alberne Regierung scheren?«
Sanchez entblößte seine kleinen scharfen Zähne zu der Karikatur eines Lächelns. »Mein Volk
braucht dringend Lebensmittel und Medizin. Ich will die diplomatischen Beziehungen zu den USA
wiederaufnehmen.«
»Darauf wette ich. Was hätte unsere Seite von dem Angebot?«
»Ich könnte denselben Vorschlag auch einem der interessierten südamerikanischen Staaten
unterbreiten, die einen unparteiischen Korridor für ihre Drogentransporte gebrauchen könnten.
Bislang hat Montesangrines sich diesem lukrativen Geschäft verwehrt, aber die Zeiten sind hart.«
»Wie edel. Und jetzt werden Sie sicherlich sagen, dass harte Zeiten auch harte Maßnahmen
erfordern, nicht wahr?«
Wieder präsentierte Sanchez sein abstoßendes Grinsen. »Wir müssen unsere Fühler nach allen
Seiten ausstrecken. Montesangrines wäre der ideale Zwischenlandeplatz von Südamerika in die
Vereinigten Staaten, und die Drogenbarone wären bereit, ein hübsches Sümmchen für dieses
Privileg hinzublättern.«
Key dachte an die Landebahn, die speziell für Drogenkuriere angelegt worden war. Er hatte Lara
die Wahrheit gesagt, als er meinte, er hätte noch nie Drogen transportiert, aber das hieß nicht,
dass man ihm nicht schon Angebote gemacht hätte. Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden,
war gleich null, und die Honorare waren verführerisch.
Aber der Gedanke, dass die Drogenbosse ihre Profite daraus schlugen, dass Jugendliche zu
Junkies und Prostituierten wurden, um ihre Sucht zu finanzieren, verstieß gegen seinen
Moralkodex. Im Gegensatz zu dem, was die meisten Leute von ihm dachten, hatte er eben doch
ein Gewissen.
»Was macht Sie so sicher, dass irgendjemand mir oder Lara glauben würde?«
»Ihr kleiner Ausflug in unser Land wird von den Medien gewiss angemessen aufbereitet werden.
Selbst wenn Ihnen Ihre Regierung auf die Finger klopft, so wird man Ihren Mut bewundern. Die
Öffentlichkeit wird Ihrer Mission und dem bedauerlichen Scheitern mit Sympathie
gegenüberstehen. Sie werden im Rampenlicht stehen. Unglücklicherweise ist Mrs. Porters Ruf
zweifelhaft, und sie ist somit unglaubwürdig. Aber Sie sind Senator Tacketts kleiner Bruder.
Ohne Zweifel hat er noch immer loyale Kollegen in hohen Positionen, und die werden Ihnen
zuhören.«
»Wenn sich mir die Möglichkeit bietet, werde ich Ihre Botschaft weitergeben«, gab Key
zähneknirschend nach.
»Das reicht noch nicht ganz, Mr. Tackett. Sie müssen mir Ihr Wort darauf geben.«
Key hatte nicht die Absicht, in die Politik Montesangrines verwickelt zu werden, selbst nicht aus
der Ferne. Sobald er und Lara hier raus waren, konnte die ganze verdammte Insel im Pazifik
versinken, wenn es nach ihm ging. Doch bis dahin würde er Sanchez alles versprechen, was er
hören wollte. »Ich gebe Ihnen mein Wort.«
Jetzt meldete sich Lara zum ersten Mal. Offensichtlich konnte sie wieder klar denken. »Sie
werden in der Hölle schmoren, Emilio.«
»Noch immer ganz die Phantastin …«
»O nein, die Hölle ist real. Ich bin dort gewesen. Am Tag, als mein Mann und meine Tochter
ermordet wurden, und gestern, als ich das Massengrab sah, noch einmal.«
»Solche Unfälle geschehen nun einmal im Krieg.«
»Krieg?«, schnaubte sie. »Sie sind der Phantast von uns beiden. Dies hier ist kein Krieg. Das ist
blanker Terror. Und Sie sind kein Soldat, Sie sind ein Verbrecher. Ihnen gebührt keine Ehre.«
Ehre war ein geheiligtes Gut in der Kultur der Montesangriner. Key befürchtete, sie könnte zu
weit gegangen sein, ihn vor seinen Untergebenen derart zu beleidigen. Er hielt den Atem an und
hoffte, El Mano würde sich seinen Entschluss, sie freizulassen, nicht noch einmal anders überlegen.
Doch mit einer brüsken Handbewegung bedeutete er, sie nach Ciudad Central zu schaffen.
Key stieg auf den Laster und half Lara. Zu seiner Erleichterung ließ man ihre Hände ungefesselt.
Die Kameratasche, die Sportbeutel und Laras Arztkoffer wurden ihnen auf die Ladefläche
nachgeworfen. Zwei Soldaten ließen sich zu beiden Seiten der Heckklappe nieder.
Key setzte sich mit dem Rücken zur Seitenwand und zog Lara zu sich herunter. »Wo sind die
anderen?«, fragte sie flüsternd. »Er schickt uns nur mit zwei Wachen zurück?«
»Scheint so.«
Der laute Motor sprang an. Mit kreischenden Gängen bewegte er sich vorwärts. Sie passierten
das Lager. Als sie einen letzten Blick auf El Mano del Diablo warfen, sahen sie ihn auf der Veranda
sitzen und mit seinen Soldaten sprechen, während ihm die beiden jungen Mädchen Luft
zufächerten.
»Er ist so verdammt selbstsicher«, fauchte Lara wütend. »Er glaubt, dass wir ihm nicht mehr
gefährlich werden können.«
Key berührte ihr Kinn und hob ihren Kopf an. »Können wir das denn?«, fragte er.
Lara überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf, während ihr die Tränen über die Wangen
strömten. »Nein. Selbst wenn ich den Mut gehabt hätte, ihn zu töten – damit hätte ich Pater
Geraldo, Dr. Soto, Ashley und Randall auch nicht mehr zum Leben erwecken können.«
Er wischte ihr die Tränen ab. »Da hast du recht.«
»Wozu wäre es gut gewesen? Ich wäre nicht besser als er. Ein Mörder.«
»Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, etwas zu dem zu sagen, was wir vergangene Nacht
herausgefunden haben. Es tut mir sehr leid, Lara.«
Sie nickte dankbar, hatte jedoch nicht die Kraft, darauf zu antworten. Schlagartig wurde sie von
ihrer Erschöpfung übermannt. Sie schloss die Augen, und ihr Kopf sank nach hinten gegen die
Wand. Bald atmete sie flach. Sie war eingeschlafen.
Eine der Wachen kam mit Augenbinden auf sie zu. »Verpiss dich, Idiot«, raunzte Key ihn an.
»Wir werden schlafen. Dabei schließt man für gewöhnlich die Augen.«
Der Guerillero beriet sich mit seinem Kameraden, der nur gleichgültig die Achseln zuckte. Die
Augenbinden wurden wieder weggesteckt, und der Soldat setzte sich seinem Freund gegenüber.
Sie zündeten sich Zigaretten an.
Trotz seiner schmerzenden Rippen legte Key den Arm um Lara, damit ihr Kopf nicht gegen die
Wand schlug. Er zog sie enger an sich. Sie wandte sich ihm zu und schmiegte ihre Wange an
seine Schulter. Einer der Soldaten machte eine abfällige Bemerkung, weil sie instinktiv ihren
Schenkel an seine Hüften gelegt hatte. Die beiden lachten und grinsten in Keys Richtung.
Er antwortete ihnen mit der abfälligen Geste des ausgestreckten Mittelfingers, ehe auch ihn die
Erschöpfung überwältigte.
Kapitel 24

Bei Sonnenuntergang trafen sie im Hotel ein. Einstmals ein Schmuckstück, hatte es wie alles
andere in Ciudad Central auch unter den Auswirkungen des Bürgerkrieges gelitten. Lara war im
Ballsaal des Hauses oft bei diplomatischen Empfängen und Partys zu Gast gewesen. Jetzt wirkte
das Personal unzulänglich und unfreundlich, eher wie Soldaten, die Befehle ausführten, und
weniger wie Gastgeber.
Nach den vielen Stunden, die sie auf dem Lkw durchgerüttelt worden waren, registrierte Lara
den offenkundigen Mangel an Komfort des Hotels nicht weiter. Sie war nur froh, endlich am Ziel
zu sein. Die Anmeldeformalitäten blieben ihnen erspart. Sie und Key wurden ohne weitere
Verzögerung in den dritten Stock eskortiert.
Die Flure waren menschenleer. Hinter den nummerierten Türen herrschte nichts als Stille. Lara
vermutete, dass die dritte Etage »besonderen Gästen« vorbehalten war und eigentlich
Gefangenentrakt heißen müsste. Offenbar stand jeder Gast im dritten Stock unter Hausarrest.
»Señora Porter.« Der Portier händigte Lara einen Schlüssel aus. Key gab er ebenfalls einen. »Ich
hoffe, Sie werden Ihren Aufenthalt bei uns genießen.« Unter den gegebenen Umständen wirkte
seine Höflichkeit fast paradox. Dennoch verabschiedete er sich mit einem Diener und ging dann
zu den beiden Wachen am Fahrstuhl. Nur der Portier stieg ein. Die Wachen postierten sich an
der automatischen Tür. Auch an den Notausgängen zu beiden Enden des Korridors hielten
Soldaten Wache.
Lara schloss die Tür zu ihrem Zimmer auf. Key folgte ihr hinein. Das Zimmer war sauber, aber
billig möbliert. Durch eine offene Tür konnte Lara die flamingofarbenen Fliesen des Badezimmers
und den mit kitschigen Hibiskusblüten verzierten Duschvorhang aus Plastik sehen. Sie ließ
Arzttasche und Sportbeutel zu Boden fallen und blieb in der Mitte des Zimmers stehen, zu
erschöpft, um auch nur einen einzigen Schritt zu tun.
Key stand hinter ihr. Er berührte sie zärtlich. Sie wandte sich zu ihm um und sah ihn zum ersten
Mal seit dem Verlassen des Lagers an. Er wirkte angeschlagen und ausgelaugt. Sie hob die Hand,
um die Wunde an seiner Schläfe zu berühren, zog sie aber, als sie merkte, dass die Geste nicht mit
medizinischem Interesse begründet war, schnell wieder zurück.
Er sagte leise ihren Namen. Sie sahen sich in die Augen, als er fragte: »Bist du okay?«
»Ja.« Ihre Stimme war noch rau von ihren wüsten Beschimpfungen auf Sanchez, dessen einzige
Reaktion darauf ein abfälliges Lächeln gewesen war. Er hatte keine Reue über Ashleys Tod
gezeigt. Lara lehnte sich an Key und schüttelte langsam den Kopf. »Nein, nein. Ich bin nicht
okay. Mein Kind ist tot, für immer für mich verloren.«
Er nahm sie in die Arme und hielt sie fest. »Schhh … Weine nicht. Er kann dir nichts mehr tun.
Jetzt sind wir in Sicherheit.«
Plötzlich wollte sie unbedingt daran glauben. Sie klammerte sich an ihn. Sie wollte ihn berühren
und von ihm berührt werden, und scheinbar hatte auch Key das Bedürfnis, seine eigenen Ängste
zu besiegen.
Er hob ihr Kinn, während er sich zu ihr herabbeugte. Gleichzeitig brach sich ein gewaltiges
Verlangen Bahn, und sie suchten beide heftig danach, es zu stillen. Wie von Sinnen eroberte seine
Zunge ihren Mund.
Lara presste sich an ihn und schlang die Arme fest um seinen Nacken. Er zog ihr das Hemd aus
der Hose und machte sich ungeduldig an den Knöpfen zu schaffen. Er fasste um sie herum und
öffnete ihren BH, um gleich darauf ihre Brüste in beide Hände zu nehmen. Seine kräftigen Finger
gruben sich in ihr Fleisch.
Sie flüsterte seinen Namen – als Frage, als Gelübde, als Gebet.
Als Antwort darauf beugte er sich noch tiefer und küsste ihre Knospen. Sie warf den Kopf in
den Nacken und gab sich ganz dem heißen Drängen seiner Liebkosung hin. Er saugte hart und
besitzergreifend. Dann küsste er sie wieder auf den Mund, wild und ungestüm, und versuchte, sie
ganz zu schmecken, zu verschlingen.
Schließlich hob er den Kopf und sah sie an, mit fiebrigen und schrecklich blauen Augen. Seine
Brauen waren eine Linie der Entschlossenheit, ebenso wie seine Lippen.
Lara wollte ihn mit der reinsten Leidenschaft, die sie je empfunden hatte. Und doch schloss sie
die Augen und schüttelte den Kopf. »Ich will nicht eine von Key Tacketts Frauen sein.«
»Doch, das willst du, heute Nacht willst du es.«
Er trug sie zum Bett und ließ sie auf die Kissen sinken. Er musste sie besser kennen als sie sich
selbst, denn sie streckte die Arme nach ihm aus, als er sich zu ihr legte. Seine Lippen schmeckten
salzig vom Schweiß und waren rau, aber sie konnte nicht genug davon kriegen.
Er schob ihre Bluse beiseite, streichelte ihre Brüste, neckte ihre Brustwarzen, bis sie hart und so
empfindlich wurden, dass Lara schon unter der leichtesten Berührung den Rücken durchbog.
Sie unternahm nichts, als er ihr die Hose zusammen mit dem Slip auszog. Dann öffnete auch er
seine Hose, aber es waren Laras Hände, die ihm die Jeans über die Pobacken streiften.
Er drang in sie ein.
Sie nahm ihn in sich auf.
Er war unglaublich hart. Sie war feucht und warm. Sein Kopf schnellte hoch, und er schaute in
ihr gerötetes Gesicht. Sie spürte das Prickeln auf ihren Wangen, hörte ihren heftigen Atem. Ihre
Blicke umarmten sich, als er tiefer in sie drang. Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht
aufzuschreien.
Als er tief in ihr war, verzog er vor Lust das Gesicht. Dann stöhnte er auf und ließ die Stirn auf
ihre Stirn sinken. »O Gott, ein Phantasieerlebnis.«
Er begann sich in ihr zu bewegen, und sie hob die Hüften, um seine sanften Stöße
entgegenzunehmen. Jeder einzelne raubte ihr den Atem, aber sie weckten auch überwältigende
Empfindungen in ihr.
Er wartete, bis sie den Höhepunkt erreicht hatte. Erst jetzt versanken seine Finger in ihrem
Haar, und er hielt sie fest und küsste sie so eindringlich und innig, wie ihre Vereinigung gewesen
war. Ihr Orgasmus war lang und heftig und mehr, als er ertragen konnte. Er gab es auf, sich zu
wehren, und kam in ihr, während er das Gesicht an ihren Hals presste und seine Zähne in ihr
Fleisch grub.
Es dauerte lange, bis sie sich wieder rührten.
Als sie es dann doch taten, standen sie auf und gingen in Keys Zimmer. Laras schmutzige Kleider
und Keys Stiefel hatten das Bett völlig verdreckt. Die Neugierde der Wachen ignorierend,
überquerten sie den Korridor, und Key schloss sein Zimmer auf, das völlig identisch mit Laras
Zimmer war, abgesehen von der Tatsache, dass sein Bad in Türkis gehalten und der
Duschvorhang mit Seepferdchen gemustert war.
Sie zogen sich aus und gingen unter die Dusche, aus der nicht mehr als ein Rinnsal trübes,
rostiges Wasser träufelte. Winzige, in grünes Zellophan eingewickelte Seifenstücke lagen für sie
bereit. Sie brauchten gleich drei davon, um sich gegenseitig den Dreck abzuschrubben.
Das Wasser wurde kalt, aber sie blieben unter dem Strahl stehen. Lara untersuchte die Wunde an
Keys Kopf und meinte, sie könnte sie verarzten, wenn er wollte.
»Bemüh dich nicht«, antwortete er. »Ich werd’s überleben.« Sie untersuchte auch seine
geprellten Rippen und stellte fest, dass wahrscheinlich mehrere angeknackst waren.
Er gab zu, dass sie schmerzten, weigerte sich aber, sich verbinden zu lassen. »Als wir uns zum
ersten Mal begegnet sind, hast du mich wie eine Mumie eingewickelt. Der verdammte Verband
hat mich wahnsinnig gemacht. Ich hab ihn am nächsten Tag abgenommen.«
Sie schalt ihn einen Dickkopf, während sie ihm über das Brusthaar strich. Dann nahm sie sein
schweres Geschlecht in die Hand und leckte das Wasser aus der deltaförmigen Kuhle unter seinem
Hals.
Er bedeckte die Narbe auf ihrer Schulter mit Küssen und sagte ihr, sie sei wunderschön, als sie
verschämt versuchte, sie zu verbergen. »Außerdem ist es nicht mehr als ein Kratzer, verglichen
mit meiner.«
Sie fuhr mit dem Finger die rote Operationsnarbe entlang, die von seinem linken Knie bis zur
Lende reichte. »Wie ist das passiert?«
Er erzählte von seinem Autounfall, der seiner Hoffnung auf eine Karriere als NFL-Spieler ein
Ende gesetzt hatte.
»Warst du sehr enttäuscht? Hast du es gewollt?«
»Nein, Jody hat es gewollt. Wir hatten noch nie ein besonders gutes Verhältnis, aber nach dem
Unfall …« Er schüttelte den Kopf. »Ich will jetzt nicht über Jody reden.«
Er berührte sie überall, verschaffte sich und ihr gleichermaßen Lust. Er war einfühlsam und
sinnlich, viel mehr, als sie je angenommen hätte. Sie glaubte zu träumen, obwohl sie nie erotische
Träume von ihrem Mann gehabt hatte. Und auch nie von Clark.
Schließlich verließen sie das Badezimmer und waren gerade dabei, in ihren Taschen nach
sauberer Kleidung zu suchen, als es klopfte. »Was gibt’s?«, fragte Key barsch.
»Tengo la comida para ustedes.«
Vorsichtig öffnete er die Tür. Vor ihm stand ein Soldat mit einem Tablett auf dem Arm.
»Gracias.« Key nahm ihm das Essen ab und schlug ihm die Tür vor der Nase zu und hakte die
Kette ein.
Er stellte das Tablett auf den Tisch. »Ich hoffe, es ist besser als der Fraß in Sanchez’ Lager.«
»Es könnte vergiftet sein.« Lara ging zum Tisch und fuhr sich dabei mit der Bürste durchs nasse
Haar.
»Möglich. Aber ich glaube nicht. Wozu die Mühe, wenn er uns umbringen wollte? Und wenn,
würde er es bestimmt nicht ohne Publikum tun.«
Auf dem Tablett befand sich eine Auswahl an Früchten und Käse, kaltes Huhn und eine Flasche
Wasser. Key nahm sich eine Hühnchenkeule und biss ohne große Begeisterung hinein. »Ich frage
mich, warum er uns hat gehen lassen.«
Lara schälte eine Orange. »Ja, komisch, nicht?«
»Verdammt komisch. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber das ganz bestimmt nicht.« Er
benutzte die Keule, um auf ihre Umgebung zu zeigen. »Nicht gerade das Plaza, aber immer noch
besser als eine schäbige Bambushütte …«
Er kaute nachdenklich. »Ich weiß nicht … Unser Leben im Tausch gegen eine Botschaft an die
Vereinigten Staaten? Passt einfach nicht. Viel zu einfach. Wenn er tatsächlich unserer Regierung
eine Mitteilung zu machen hätte, würde er jemand Einflussreicheren als uns benutzen. Das
Oberhaupt eines befreundeten Nachbarstaates zum Beispiel.« Er warf den Hühnerknochen
beiseite und nahm sich das Wasser. »Warum hat er uns nicht umgebracht, Lara?«
Sie legte die halb geschälte Orange zurück auf das Tablett. »Ich weiß es nicht.« Dann ging sie
zum Fenster, teilte die Vorhänge und sah hinaus auf die Stadt.
»Die Orange würde dir guttun. Du hast den ganzen Tag noch nichts gegessen.«
Sie sah angewidert auf den Tisch zurück. »Ich will von Sanchez nichts annehmen.«
»Schneid dir doch nicht ins eigene Fleisch. Du musst etwas essen.«
»Ich bin wirklich nicht hungrig, Key. Ich kann jetzt nicht an Essen denken.«
Ihre Stimme hatte einen ungeduldigen Unterton, der hauptsächlich gegen sie selbst gerichtet
schien. »Ich versuche, mir über einiges klarzuwerden.«
»Worüber?«
»Ich weiß nicht. Einiges. Alles. Alles, was vor drei Jahren hier geschah. Randall. Ashley. Wenn
ich daran denke … an das Massengrab, in dem man sie verscharrt hat … ich werde noch
wahnsinnig.« Sie klammerte sich an ein Stück Vorhang. »Ich darf es nicht. Ich muss mich an das
Bild von ihr erinnern, als sie noch lebte. Wie aufgeweckt und fröhlich sie war, wie viel Freude sie
mir bereitet hat in der kurzen Zeit, die sie mir vergönnt war.« Ihre Stimme fing an zu zittern. Sie
hielt inne, um sich zu sammeln. »Ich werde meine Tochter nicht wiederbekommen, aber wenn
ich mich auf ihr Leben konzentriere und nicht auf ihren Tod, dann ist es nicht so wichtig, wo sie
begraben liegt. Ihr Geist ist noch immer lebendig. In dieser Hinsicht war die Reise doch nicht
umsonst.«
»Du musstest hierher zurückkommen, um endgültig damit abzuschließen.«
Sie nickte. »Ja. Diese Episode in meinem Leben – alles davon, angefangen mit dem Skandal – hat
mein Leben schon viel zu lange bestimmt. Ich habe immer allen anderen vorgeworfen, mich mit
der Frau aus den Schlagzeilen zu verwechseln. Aber den größten Vorwurf muss ich mir selber
machen. Ich kann mich nicht länger nur als Opfer sehen. Ich muss wieder anfangen, mein Leben
zu leben.«
»In Eden Pass?«
»Dort habe ich nie Erfolg gehabt«, sagte sie und drehte sich zu ihm um.
»Stimmt, aber nicht weil du keine gute Ärztin bist, sondern weil wir Tacketts dir das Leben
schwergemacht haben.«
Plötzlich schämte sie sich, ihn anzuschauen, und wandte den Blick ab.
»Key, wie konnte das zwischen uns geschehen?«
»Was meinst du – die Feindseligkeit oder das andere?«
»Das andere.«
Er holte tief Luft, hielt den Atem an und sagte mehrere Momente gar nichts. Schließlich: »Du
bist die Ärztin. Keine Idee?«
Die hatte sie und deutete es mit einem leichten Achselzucken an. »Na ja, manchmal, wenn
Menschen eine lebensbedrohliche Situation durchgemacht haben«, begann sie, »überkommt sie
das Bedürfnis nach Sex.« Er hob eine Braue, und Lara wusste nicht, ob es eine fragende oder
skeptische Geste war. »Es macht schon Sinn. Schließlich bedeutet Sex die ultimative Freisetzung
von Gefühlen, die eindeutigste Bestätigung, am Leben zu sein. Ich hatte schon Patienten, die
beschämt berichteten, gleich nach einer Beerdigung Liebe gemacht zu haben. Und zwar mit
außergewöhnlicher Leidenschaft. Wir Menschen haben eine uns innewohnende Furcht vor dem
Tod. Sex ist der augenblickliche Beweis, überlebt zu haben. Nach den furchtbaren
Geschehnissen, denen wir in den vergangenen Tagen ausgesetzt waren, scheint es, dass wir unsere
aufgestauten Ängste und Gefühle mit Sex zum Ausdruck gebracht haben. Heftigem, aggressivem
Sex. Wir sind ein klassisches Beispiel dieses psychologischen Phänomens.«
Key hatte höflich zugehört. Jetzt kam er auf sie zu, so nahe, dass Lara den Rücken durchdrücken
musste, wenn sie ihn ansehen wollte. »Blödsinn. Es ist passiert, weil wir beide es wollten.« Er gab
ihr einen harten, schnellen Kuss, der einen Abdruck auf ihren Lippen hinterließ. »Wir brauchen
keinen anderen Grund als Erklärung.«
Die Kleider, die sie gerade erst übergezogen hatten, fielen auf dem Weg zum Bett von ihnen
herab. Als er an die Bettkante stieß, setzte er sich und zog Lara zwischen seine Schenkel. Er nahm
ihre Brüste in die Hände und liebkoste ihre Knospen mit der Zunge.
Ihre Lider flatterten, und sie stieß kleine kehlige Seufzer aus. Sie wickelte Strähnen seines Haars
um ihre Finger, ließ ihm aber genügend Freiraum, um ihre Brüste und ihren Bauch zu küssen.
Sein Bart kitzelte auf ihrer Haut, jagte ihr verbotene, erregende Schauer über den Körper. Die
Stelle zwischen ihren Schenkeln begann köstlich zu schmerzen. Die Lippen ihres Geschlechts
waren geschwollen und heiß.
Key zog Lara zu sich heran. Er küsste sie. Er küsste ihren Nabel. Er küsste die weiche Haut
darunter. Sein heißer Atem ließ ihre Schamhaare aufwirbeln.
Dann drehte er sie herum, und sie landete rücklings auf dem Bett; ihre Schenkel formten eine
Wiege, in die er sein Gesicht versenkte. Er küsste sie heiß und hungrig. Sein Mund saugte sanft,
während seine flinke Zunge Empfindungen der Lust in ihr weckte, die sie gar nicht kannte. Als
könne er ihre Gedanken lesen, fand er die richtigen Stellen, das richtige Tempo. Er wusste genau,
wann er sie necken, lecken oder saugen musste. Er liebkoste sie mit der Zungenspitze und ihre
Lippen mit denen seines Mundes.
Als er sich schließlich auf sie legte, war sie tief befriedigt, gesättigt und trunken vor Lust. Und
doch erwachten ihre Lippen erneut unter seinem innigen Kuss. Es war ein neuer Beginn, als er in
sie eindrang, und noch lange nicht der Höhepunkt.
Zärtlich zeichnete er die Narbe auf ihrer Schulter nach.
»Es war schlimm, hm?«
»Ziemlich schlimm. Eine Zeitlang waren die Ärzte der Meinung, ich könnte schon glücklich
sein, wenn ich meinen Arm wenigstens teilweise wieder bewegen könnte.«
»Wie ich dich kenne, hast du alles darangesetzt, ihnen das Gegenteil zu beweisen.«
»Nachdem die Wunde verheilt war, musste ich noch Monate in die Physiotherapie.«
Er musterte sie einen Moment lang nachdenklich. »Ich finde, du solltest endlich aufhören, dich
dafür zu bestrafen, dass du nicht zusammen mit deiner Familie gestorben bist, Lara.«
»Glaubst du, das tue ich?«
»Bis zu einem gewissen Grad schon, ja.«
Sie stützte sich auf die Unterarme und betrachtete seinen schlanken, nackten Körper. Außer der
großen Narbe auf seinem Bein hatte er noch mehrere kleinere am ganzen Körper. »Was ist mit
dir? Du bist leichtsinnig. Du nimmst unnötig Gefahren auf dich. Wofür bestrafst du dich selbst?«
»Das ist nicht dasselbe«, sagte er barsch. »Ich suche die Gefahr, weil ich sie liebe. Punkt.«
Sie schenkte ihm einen Blick, der besagen wollte, dass sie ihm das nicht abkaufte. Ihre Augen
wanderten von einer Narbe zur nächsten. Da war eine besonders gemein aussehende, unterhalb
der Rippen, neben seinem rechten Arm.
»Eine Messerstecherei«, sagte er, als sie ihn fragend ansah.
»Sieht aus, als hättest du verloren.«
»Nein, ich habe gewonnen.«
Sie wagte lieber nicht zu fragen, wie dann erst der Verlierer ausgesehen haben musste. »Und
die?«
»Flugzeugabsturz. Ich bin glimpflich davongekommen und habe mir nur den Arm an einem
Stück vom Rumpf aufgerissen.«
Sie wunderte sich über seine Lässigkeit. »Warst du schon mal, außer heute, in echter Gefahr,
dein Leben zu verlieren?«
»Einmal.«
»Erzähl mir davon.«
»Ich bin angeschossen worden. Hier«, sagte er und zeigte auf seine frischeste Narbe, die sie nur
zu gut kannte. »Wäre fast verblutet.«
Lachend warf sie das Haar über die Schulter zurück. »Es war zwar kein kleiner Kratzer, aber
bestimmt keine tödliche Verletzung.«
»Weiß ich. Aber ich meinte ja auch gar nicht die Wunde. Sieh mal, ich spaziere so ins Haus
hinein und erwarte Dr. Patton, und da steht jemand ganz anderes. Eine Frau.«
Lara erstarrte unter seinem Blick und dem hypnotischen Klang seiner Stimme. »Und wieso war
das so lebensbedrohlich?«, fragte sie kehlig.
»Ich drehe mich um, sehe sie und denke: Scheiße, Tackett. Du bist verloren.«
Sie hatte Schwierigkeiten zu schlucken. »Wir sind erwachsen, Key. Aus dem Alter, in dem man
Spielchen spielt, sind wir raus. Ich erwarte keinen Blumenstrauß von dir und auch keine …«
Er legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen. »Ich sage das nicht, um dir zu schmeicheln. Du bist
schon in meinem Bett, und ich hatte dich bereits. Ich sage dir das, weil es die Wahrheit ist, und
du weißt es so gut wie ich. Wir sind hier zusammen, weil wir es von Anfang an wollten. Wir
wussten beide, dass es nur eine Frage der Zeit war.« Er streichelte ihr die Wange. »Als wir uns
begegnet sind, war es um uns beide geschehen. Ich wollte damals auf der Stelle mit dir schlafen.«
»Bis du herausgefunden hast, wer ich bin.«
»Auch dann wollte ich es noch.« Er griff ihr ins Haar und zog sie dicht an sein Gesicht. »Und,
verdammt, ich will es immer noch.«
Key griff nach ihr, als sie aus dem Bett schlüpfte und ihre Sachen aufsammelte. »Wo willst du
hin?«, murmelte er schläfrig.
»In mein Zimmer.«
»Wozu?«
»Ein Bad nehmen.«
»Wir haben doch eine Wanne hier.«
»Aber wir haben die ganze Seife aufgebraucht. Außerdem muss ich meine Sachen packen, damit
ich nachher alles beisammenhabe, wenn wir zum Flughafen gebracht werden.« Sie beeilte sich mit
dem Anziehen.
»Wie spät ist es?«
»Neun.«
»Neun! So lange haben wir geschlafen?« Er setzte sich auf und fuhr sich durchs zerzauste Haar.
»Du musst noch nicht aufstehen. Uns bleibt noch viel Zeit bis zum Mittag.«
»Nein, ich stehe auch auf. Ich will diesen Dreckskerlen keinen Anlass bieten, den Flug
aufzuschieben. Wenn ich geduscht habe, werde ich sehen, ob ich uns Kaffee organisieren kann.«
»Okay. Ich werde dann fertig sein.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, sah nach, ob sie ihren
Schlüssel hatte, entriegelte die Tür und trat auf den Flur.
Key stand entgegen seiner Ankündigung nicht gleich auf, sondern ließ sich zurückfallen und
starrte mit leerem Blick an die Zimmerdecke. Gestern Nacht hatte Lara eingestanden, verwirrt
und unsicher zu sein. Da er weniger direkt war als sie, hatte er nicht zugegeben, dass auch ihn
zwiespältige Gefühle plagten.
Um ihr Gewissen zu beruhigen, hatte sie eine psychologische Erklärung herangezogen, damit sie
es vor sich selbst rechtfertigen konnte, mit ihm ins Bett gegangen zu sein. Aber er bezweifelte,
dass sie wirklich daran glaubte. Er war der Ansicht, dass die Lust keiner Rationalisierung oder
Analyse bedurfte. Sie begründete sich selbst.
Seine Verwirrung rührte nicht aus der Frage, warum es passiert war, sondern wie seine Gefühle
dazu – zu ihr – waren.
Nie zuvor hatte er Sex so sehr genossen. Sie passten körperlich perfekt zueinander. Und sie
konnte sich mit ihm messen, was Leidenschaft und Geschicklichkeit anging. Trotz allem, was die
Presse über sie geschrieben hatte – er hatte nicht erwartet, dass sie sexuell derart frei war. Noch
jetzt sandte ihm die Erinnerung an ihre Liebesspiele einen süßen Schauer durch die Lenden. Trotz
ihres Marathons war er weit davon entfernt, genug von ihr zu haben. Er wollte mehr.
Auch das war unerwartet und beunruhigend für ihn. Normalerweise machte ihm die Jagd am
meisten Spaß. Hatte er eine Frau erst einmal gehabt, ließ der Reiz für ihn rasch nach. Es
beschäftigte ihn sehr, dass es bei Lara nicht so war. Bei ihr hatte er das Gefühl, noch ganze
Universen entdecken zu können. Sonst waren Frauen für ihn so austauschbar wie Rasierklingen.
Waren sie stumpf geworden, warf er sie weg und ersetzte sie durch die nächste. Doch bei Lara
konnte er sich das nicht vorstellen.
Dabei war er gar nicht in der Position zu bestimmen, was er mit ihr anfangen würde. Damit
kam er langsam auf den Kern seiner Bedenken. Sie gehörte ihm nicht. Schlimmer noch – wenn
die Umstände anders verlaufen wären, hätte sie wohl sogar seinem Bruder gehört.
Clark hatte sie zuerst gehabt.
Das allein hatte ihn davon abgehalten, letzte Nacht den befriedigendsten Sex seines Lebens zu
haben. Und dieses Unbehagen hatte er wohl unabsichtlich durchschimmern lassen. Oder Dr. Lara
Mallory konnte hellsehen.
Denn sie hatte es erwähnt, nachdem sie die Reste vom Tablett genascht und beschlossen hatten,
ein wenig zu schlafen. Sie hatte sich auf die Seite gerollt, das Gesicht abgewandt, die Hände unter
dem Kinn gefaltet. Er hatte abwesend eine Haarsträhne von ihr zwischen den Fingern gedreht
und gerade gedacht, dass sie Glück hatte, so leicht einschlafen zu können, als sie zu seiner
Überraschung schläfrig gemurmelt hatte: »Ich weiß, woran du gerade denkst.«
Er hatte sich enger an sie geschmiegt. »So? Woran?«
»An Clark.«
Sein Lächeln war ihm vergangen. »Und wieso sollte ich an ihn denken?«
»Weil du dich gerade gefragt hast, ob ich euch beide miteinander vergleiche, und wenn, wie du
dabei abschneidest.«
»Ich wusste gar nicht, dass du auch Psychologin bist.«
Sie sah ihn über die Schulter an. »Ich habe recht, nicht wahr? Das hast du doch gedacht, oder?«
»Kann sein.«
Traurig lächelnd schüttelte sie den Kopf. »Du und Clark, ihr habt … ihr seid zwei völlig
verschiedene Menschen, Key. Beide attraktiv, beide charismatisch. Die geborenen Anführer. Aber
völlig unterschiedlich. Ich habe deinen Bruder geliebt, und ich glaube, er hat auch mich geliebt.«
Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Aber niemals war es so wie mit dir heute Nacht.« Sie
wandte sich wieder von ihm ab und kuschelte sich in ihre alte Position. Er dachte, sie hätte alles
gesagt, aber sie wiederholte noch einmal: »Niemals.«
Eine Weile hatte er einfach so dagelegen, von Eifersucht gemartert und mit dem unbedingten
Wunsch, ihr glauben zu können. Doch bald war sein Verlangen stärker als der Neid geworden.
Nein, es war weniger Verlangen als vielmehr eifersüchtiger Besitzanspruch gewesen.
Mit einer plötzlichen Bewegung hatte er den Arm um sie geschlungen und sie fest an sich
gezogen, bis ihr Po seinen Bauch berührte, und war mit einem einzigen harten Stoß in sie
eingedrungen. Er biss sie in den Nacken, hielt ihr Fleisch zwischen den Zähnen, ergriffen von
dem Verlangen, sie zu besitzen und zu beherrschen.
Doch das brauchte er nicht. Sie war bereit für ihn und so aufgewühlt, dass er nur seine Hand
gegen ihren Hügel pressen musste, und ihre inneren Wände schlossen sich um seinen Schwanz
wie eine Faust, massierten ihn und saugten den Samen und den Zweifel aus ihm.
Es dauerte eine Weile, bis ihr Atem wieder regelmäßig ging. Ihre Körper glänzten unter einer
feinen Schweißschicht. Als er sich schließlich aus ihr zurückzog, drehte sie sich zu ihm um und
knabberte an seiner Brust.
Sie sagte: »Schamlos.«
»Ich habe nie etwas anderes behauptet.«
»Nicht du. Ich.«
Er war mit ihr im Arm eingeschlafen, im sicheren Gefühl, dass ihr Liebesakt über reine
körperliche Befriedigung hinausgegangen war. Das war eine ganz andere Dimension.
Doch jetzt war es Tag, und die Zweifel legten sich über ihn wie die Feuchtigkeit, die die
aufsteigende Sonne begleitete. Er dachte an das zurück, was sie gesagt hatte, an ihre sinnlichen
Reaktionen, ihre frechen Liebkosungen. Es konnte mit seinem Bruder einfach nicht besser
gewesen sein.
Hatte sie Clark jemals geritten, bis sie erschöpft auf seiner Brust zusammengesunken war?
Key ballte die Hände zu Fäusten.
Hatte sie Clark jemals mit ihren massierenden, gleitenden Händen so köstlich zum Höhepunkt
gequält?
Er stieß einen obszönen Fluch aus.
Hatte sie Clark auch erlaubt, sie zwischen den Schenkeln zu küssen, zu schmecken und …
Ein markerschütternder Schrei riss ihn aus seinen Phantasien. Als der zweite Schrei in die
morgendliche Stille einbrach, hatte er bereits die Hose übergestreift und war auf dem Weg zur
Tür, die er in seiner Hast fast aus den Angeln riss.
»Buenos dias«, sagte Lara zu den Wachen, als sie aus Keys Zimmer trat. Unbeeindruckt von ihrem
anzüglichen Grinsen überquerte sie den Flur, ging in ihr Zimmer und schloss sorgsam hinter sich
ab.
Ihre Schuhe hatten tatsächlich, wie Key gesagt hatte, Abdrücke auf dem Laken hinterlassen, und
das Bett war zerwühlt. Er hatte noch Scherze gemacht und gesagt, was auch immer sie bisher über
Texaner gehört hätte – dies sei das erste Mal gewesen, dass er in Stiefeln Liebe gemacht hatte.
Liebe gemacht? Hatte er das wirklich gesagt, oder spielte ihr ihre Erinnerung einen Streich?
Sie schüttelte den verwirrenden Gedanken ab, indem sie sich sagte, dass sie für die nächsten
vierundzwanzig Stunden genug Psychoanalyse betrieben hatte. Sie hatte letzte Nacht mit der
Vergangenheit abgeschlossen. Der Rest ihres Lebens hatte begonnen, als sie sich in Keys Arme
hatte fallen lassen. Das Erlebnis war kathartisch gewesen. Wieso dem Ganzen unbedingt einen
Namen geben? Sie fühlte sich wunderbar. Warum es nicht einfach dabei belassen?
Sie nahm die Sporttasche und ging ins Bad.
Als sie ihr Bild im Spiegel über dem Becken erblickte, musste sie fast laut lachen. Sie war
ungeschminkt, und ihr Haar, obwohl sauber, war mit Seife gewaschen und sah dementsprechend
aus.
Key hatte es nicht bemerkt. Oder es war ihm egal gewesen.
Eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht. Sie öffnete die oberen Knöpfe ihrer Bluse und
betrachtete ihre Brüste. Wie erwartet waren sie ganz wundgerieben. Sie würde darauf bestehen,
dass er sich rasierte, bevor sie das nächste Mal miteinander schliefen.
Falls es ein nächstes Mal gab.
Zu ihrer Scham erkannte sie, dass sie hoffte, es würde geschehen. Bald.
Vor Vorfreude lächelnd zog sie den Duschvorhang zurück und langte zu den Wasserhähnen.
Ihr Schrei hallte von den flamingofarbenen Kacheln wider.
In ihrer Badewanne lag, übel zugerichtet, blutend, aber höchst lebendig – Randall Porter.
Ihr Mann.
Kapitel 25

»Du siehst wirklich gut aus.« Der ehemalige Botschafter der Vereinigten Staaten in
Montesangrines, Randall Porter, erhob sich, als seine Frau den Salon betrat. »Obwohl mir dein
Haar besser gefiel, als du es noch gebleicht hast. Seit wann machst du das nicht mehr?«
»Seit ich in Miami im Krankenhaus lag. Das waren schwierige Monate für mich. Ich habe damals
nicht unbedingt an meine Haarfarbe gedacht.«
Lara schaute zu Key. Er war sitzengeblieben, als sie hereingekommen war. Er lümmelte in einem
Sessel, hatte die Beine übereinandergeschlagen und wippte nervös mit dem Fuß. Im Takt dazu
trommelte er mit den Fingern auf die Armlehne. Für jeden anderen hätte seine Haltung vielleicht
gelangweilt ausgesehen, aber Lara wusste, dass er kurz davor war zu explodieren.
Falls Randall seine unterdrückte Wut spürte, ließ er es sich nicht anmerken. »Möchtest du etwas
trinken, Liebling? Wir haben noch ein paar Minuten, bevor wir runtermüssen.«
»Nein, danke. Ich möchte nichts trinken. Und ich weiß auch immer noch nicht, warum es
notwendig sein soll, dass ich bei der Pressekonferenz dabei bin.«
»Du bist schließlich meine Frau. Dein Platz ist an meiner Seite.« Randall schenkte sich an der
Bar ein Club Soda ein. »Mr. Tackett? Einen Drink?«
»Nein.«
Randall ging zurück zum Sofa, auf dem er gesessen hatte, bevor seine Frau zu ihnen in den
Salon der Houstoner Hotelsuite gestoßen war. Die nobel eingerichteten Räumlichkeiten waren
eine deutliche Verbesserung gegenüber dem abgerissenen Etablissement in Montesangrines.
Blumenbouquets als Willkommensgruß zierten jede noch so kleine freie Fläche. Ihr süßer
schwerer Duft verursachte Lara Kopfschmerzen. Sie empfand diese Sympathiebekundungen als
äußerst heuchlerisch, da die meisten Sträuße von eben jenen Bürokraten und Politikern
stammten, die vor fünf Jahren mehr als erleichtert gewesen waren, dass Randall und seine treulose
Gattin ins Exil nach Montesangrines verbannt worden waren und ihnen so die Peinlichkeit erspart
blieb, ihn weiter in ihren Reihen zu haben.
Randall war nach wie vor Botschafter der Vereinigten Staaten. Als die Medien von seiner
»Wiederauferstehung« informiert wurden, gab es kein heißeres Thema – die Nachricht sorgte für
Schlagzeilen rund um den Erdball. Seine Rückkehr unter die Lebenden versetzte die Nation in
helle Aufregung.
In Bogotá war er wegen seiner Verletzungen behandelt worden, die sich als weit weniger ernst
als zunächst vermutet herausstellten. Key hatte nachgegeben und sich schließlich doch röntgen
lassen. Drei Rippen waren angebrochen, aber er hatte keine inneren Verletzungen davongetragen.
Laras Verletzungen waren mindestens ebenso schwer, wenn auch nicht so offensichtlich. Sie
bekam warme Mahlzeiten verordnet und wurde wegen ihres Erschöpfungszustands für zwei Tage
mit Medikamenten ruhiggestellt. Trotzdem sah sie hinterher noch immer sehr mitgenommen aus.
Bewegungsablauf und Sprachvermögen waren gestört. Ein Ehemann, den sie jahrelang tot
geglaubt hatte, war plötzlich wiederauferstanden. Ihr gesamtes System befand sich im
Schockzustand.
Ein bekanntes Modehaus hatte großzügig angeboten, Lara für ihren ersten Auftritt auf
amerikanischem Boden vor der Öffentlichkeit auszustatten. Für diesen nachrichtenträchtigen
Anlass waren ein zweiteiliges Seidenkostüm, Pumps von Jourdan und passende Accessoires
ausgewählt worden. Das Hotel hatte sein Personal aus dem Salon geschickt, das sich um ihre
Frisur und das Make-up kümmerte. Rein äußerlich wirkte Lara perfekt zurechtgemacht und
bereit, ihren Mann in einer halben Stunde in den großen Ballsaal zu begleiten.
Aber im Stillen dachte sie, dass sie ebenso gut auch vor ein Erschießungskommando treten
könnte.
Und in sehr realer Hinsicht war es genau das, was sie zu erwarten hatte. Zu nervös, um sich zu
setzen, durchstreifte sie ziellos den Salon und nestelte an den Blumenbouquets. »Du weißt, worauf
sie abzielen werden, Randall.«
»Ja, auf deine Affäre mit Clark«, entgegnete er völlig ungerührt. Sie hatte ihm auf dem Flug von
Montesangrines nach Kolumbien von Clarks Tod berichtet, aber er hatte es ohnehin schon
gewusst. In Montesangrines wusste man, was in der Welt geschah, obwohl das umgekehrt nicht
der Fall war.
»Ich fürchte, das lässt sich nicht vermeiden, Lara«, fuhr er fort. »Ich werde versuchen, sie mit
meiner Story über die letzten drei Jahre meiner Gefangenschaft abzulenken.«
»So schlecht sehen Sie gar nicht aus«, bemerkte Key, der mit dem nervösen Wippen aufgehört
hatte. »Eigentlich ziemlich fit, gebräunt und wohlgenährt.«
Auch Lara war nicht entgangen, dass Randall in exzellenter körperlicher Verfassung war. Er sah
sogar noch besser aus als vor sieben Jahren, als sie sich kennengelernt hatten. Eher, als hätte er
einen mehrmonatigen Hawaiiurlaub hinter sich und keine mörderischen Jahre als politischer
Gefangener.
Randall zog die Bügelfalten an der Hose seines neuen Anzugs zurecht, ebenfalls ein Geschenk
des besagten Modehauses. »Nach den ersten Monaten hat man mich ganz anständig behandelt.«
Als hätte sie einen Schlag versetzt bekommen, hob Lara automatisch die Hand zu ihrem Herzen.
Wenn sie nicht in diesem Moment in die Situation zurückversetzt worden wäre, in der ihre
Tochter von Kugeln durchsiebt wurde, hätte sie Keys Reaktion auf Randalls unsensible
Bemerkung gesehen. Er bleckte die Zähne zu einem abfälligen Schnauben.
»Anfangs sind die Rebellen übel mit mir umgesprungen«, fuhr Randall unbeirrt fort. »Über
mehrere Wochen schlugen sie mich mit den Kolben ihrer Gewehre und peitschten mich mit
Eisenketten. Ich dachte damals, es wäre nur ein Vorspiel auf meine Hinrichtung.«
Er trank das Soda aus und sah auf die Uhr. Sie hatten noch ein paar Minuten. »Eines Tages
schleppten sie mich in General Perez’ Hauptquartier. Ich sage ›schleppen‹, weil ich tatsächlich
nicht gehen konnte. Sie zogen mich wie einen Sack Kartoffeln. Perez war äußerst zufrieden mit
sich. Er zeigte mir Fotos von der Inszenierung meines Todes. Sie haben irgendeinen armen
Burschen hingerichtet, Gott weiß, wen.«
Lara umfasste ihre Ellenbogen. Es war frostig im Raum. Nach den langen Jahren in der
Tropenhitze hatte Randall gesagt, wolle er die Klimaanlage voll aufgedreht haben.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie entmutigend es für mich war, diese Fotos ansehen zu
müssen. Sie haben mir auch amerikanische Zeitungen gezeigt, mit Schlagzeilen von meiner
Hinrichtung. Sie hatten Fotos von meinem Begräbnis. Ich musste immer daran denken, durch
welche Hölle du gehen musst.« Er sah Lara mitfühlend an. »Ich dankte Gott, dass du in Sicherheit
warst, wusste gleichzeitig, wie schrecklich mein gewaltsamer Tod für dich sein musste. Das
Wissen, dass niemand zu meiner Befreiung geschickt werden würde, war die schlimmste Folter
von allen. Alle dachten doch, ich sei tot.«
»Haben sie dir von Ashley erzählt?«
»Nein. Ich habe erst erfahren, dass sie bei dem Attentat umkam, als ich die Berichte über meine
Beerdigung las. Der einzige Trost, der mir blieb, war der, dass du auf wundersame Weise überlebt
hast. Wenn der Priester nicht gewesen wäre …«
»Der Priester? Pater Geraldo?«
»Ja, sicher. Er hat dich in eines der letzten Flugzeuge geschafft, die aus Montesangrines
rauskamen. Ich dachte, das wüsstest du.«
»Nein, das wusste ich nicht«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. »Sonst hätte ich ihm doch
gedankt.«
»Es war sicher ein tapferer Akt. Emilio hat ihm nie verziehen, dass er dir die Flucht ermöglicht
hat. Ich schätze, deshalb hat er ihn schließlich auch umbringen lassen.«
Key fluchte leise. »Wie schön, dass Sie ihr das sagen«, versetzte er wütend.
»Lara ist Realistin. Wie auch immer, jedenfalls ist es schade um den Priester. Und um Dr. Soto
natürlich.«
»Ich werde mir niemals verzeihen, sie da mit hineingezogen zu haben«, flüsterte Lara. »Ich werde
mich immer an ihrem Tod mitschuldig fühlen.«
»Nein, tu dir das nicht an«, sagte Key beschwörend. »Sie wären so oder so eliminiert worden.
Mit oder ohne uns. Das hat Sanchez deutlich gemacht.«
Sie schenkte ihm einen dankbaren Blick für sein Mitgefühl. Aber sie wusste, dass sie die Schuld
an ihrer Ermordung mit ins Grab nehmen würde.
»Es war wirklich sehr tapfer von dir, noch einmal nach Montesangrines zurückzukehren, Lara«,
sagte Randall. »Gott sei Dank, dass du es tatest. Sonst wäre ich noch immer in Gefangenschaft.«
Key stand auf. Er hatte sich den Bart abrasiert, aber sein Haar war noch immer länger als
gewöhnlich und unterstrich den Eindruck des wilden, eingesperrten Tieres, den er vermittelte. Er
hatte sich der Rolle als Nationalheld verweigert, als den man ihn gern gesehen hätte, und es
abgelehnt, sich ebenfalls vom Modehaus einkleiden zu lassen. Er hatte sich aus eigener Tasche
eine neue Jeans, einen Trenchcoat und Cowboystiefel zugelegt.
»Das will mir einfach nicht in den Kopf«, sagte er. »Lara und ich sind doch unangekündigt nach
Montesangrines gekommen. Und sechsunddreißig Stunden darauf entscheiden sich Ihre Entführer
plötzlich, Sie gehen zu lassen?« Er breitete die Arme aus. »Warum? Was hat das eine mit dem
anderen zu tun?«
Randall schenkte ihm ein nachsichtiges Lächeln. »Sie müssen anscheinend noch viel über die
Mentalität dieser Menschen lernen, Mr. Tackett.«
»Ja, muss ich wohl. Für mich hört sich Ihre Story nämlich nach ziemlichem Unsinn an.«
Randalls Augen verengten sich zu Schlitzen. »Sie haben mein und Laras Leben gerettet. Aus
diesem Grund werde ich über Ihre unangebrachte Vulgarität hinwegsehen.«
»Oh, machen Sie sich meinetwegen nur keine Mühe.«
Randall ignorierte ihn und wandte sich wieder Lara zu. »Emilio spielt gern Psychospielchen.
Erinnerst du dich noch an die Schachturniere, die wir in der Botschaft veranstaltet haben?«
»Aber das hier war kein Spiel, Randall.«
»Ja, für dich oder mich nicht. Aber ich glaube, Emilio macht keinen Unterschied, ob er die
Figuren auf einem Brett opfert oder in Wirklichkeit. Er hat dir für die gute Unterhaltung gedankt
an dem Morgen im Lager, weißt du noch?«
»Ich weiß es noch«, fiel Key ein. »Und ich bin froh, dass Sie es erwähnen, denn das bringt mich
auf etwas anderes. Sie sagten doch, Sie wären in der Baracke gewesen, als das alles passierte,
richtig?«
Randall nickte. »Ich war geknebelt und gefesselt und konnte Ihnen kein Zeichen geben, dass ich
noch am Leben bin. Emilio fand das besonders amüsant.«
»Wann hast du zum ersten Mal davon gehört, dass ich in Montesangrines bin?«, fragte Lara.
»Am Morgen nach eurer Ankunft. Ich spürte, dass etwas in der Luft lag, denn meine Wachen
waren kurz angebunden und konnten mir nicht in die Augen sehen. Wir haben über die Jahre
eine Art gegenseitigen Respekt füreinander entwickelt, und plötzlich waren sie wieder feindselig
und wortkarg. Nachdem Ricardo den Jeep auf der Straße gestoppt hatte, war es nur eine Frage
von Stunden, bis sie herausfanden, wer die ›Witwe‹ war. Es gab einige Spekulationen über den
›debilen Schwager‹« – er sah Key vieldeutig an – »aber als Emilio Ihren Namen erfuhr, zählte er
zwei und zwei zusammen. Er wusste von Laras Freundschaft zu Ihrem Bruder. Je mehr ihr
herumgeschnüffelt habt, desto brisanter wurde die Situation. Ich wurde in der Nacht vor eurer
Gefangennahme ins Lager gebracht. Emilio drohte mir, dich vor meinen Augen langsam zu Tode
quälen zu lassen. Ich wurde geschlagen, aber nicht schlimm. Er wollte, dass ich am nächsten
Morgen für die Vorstellung bei Bewusstsein war. Nachdem man euch weggebracht hatte, wurde
ich wieder gefoltert. Dann bin ich auch nach Ciudad Central gefahren worden. Wir waren
wahrscheinlich nur eine halbe Stunde hinter euch, aber ich verbrachte die Nacht mit den Wachen
im Laster. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass sie mich kurz nach Sonnenaufgang
bewusstlos geschlagen haben. Dein Schrei, als du mich in der Wanne entdeckt hast, hat mich
zurückgeholt. Ich war genauso geschockt wie du, dass ich noch am Leben war.«
Er erhob sich und schlüpfte in sein Jackett. »Nun, ich denke, es wird Zeit zu gehen.«
»Ich begreife Emilios Taktik trotzdem noch nicht«, sagte Lara, die keine Anstalten machte, mit
ihm zu gehen.
»Lass uns später darüber reden.«
»Nein, wir werden jetzt darüber reden, Randall. Wenn du darauf bestehst, dass ich mit dir vor
die Presse trete, will ich mir vorher über die Situation klar sein. Sie werden mich nach meiner
Begegnung mit El Mano del Diablo fragen. Natürlich kann ich ihnen alles über den schlanken,
belesenen jungen Dolmetscher aus der Botschaft erzählen und auch das, was ich von dem
kaltblütigen Mörder weiß, der aus ihm geworden ist. Aber ich kann mich nicht zur politischen
Situation äußern, wenn ich kein klareres Bild von dem habe, was er beabsichtigt. Warum hat er
uns gehen lassen? Wieso hat er dich drei Jahre lang in Gefangenschaft am Leben gelassen und dich
dann plötzlich freigelassen?«
Randall kaute an der Innenseite seiner Wange, sichtlich verärgert über ihre Fragen. Er beschloss,
ihr ihren Willen zu lassen. »Ich hatte drei Jahre lang Zeit zu überlegen, warum man meine
Hinrichtung vorgetäuscht hat. Die Grausamkeit bestand darin zu demonstrieren, wie sehr
Montesangrines die USA für die Einmischung in die internen Angelegenheiten verachtet.«
»Wieso haben sie Sie dann nicht wirklich umgebracht?«, fragte Key.
»Ich nehme an, sie wollten mich als Trumpfkarte behalten. Wenn sich die USA entschlossen
hätten, Truppen nach Montesangrines zu schicken – wie nach Panama –, hätte man mich als
Geisel gehabt.«
»Und warum hat man dich dann jetzt laufen lassen?«
»Ganz einfach, Lara. Sie hungern. Montesangrines ist praktisch in jeder Hinsicht auf Importe
angewiesen. Unter dem Embargo, das die USA verlangt und dem sich unsere Verbündeten und die
Nationen, die uns fürchten müssen, angeschlossen haben, waren die Reserven bald erschöpft.
Offen gesagt wundert es mich, dass sie überhaupt so lange durchgehalten haben. Wahrscheinlich
wäre ihnen das auch nicht gelungen, wenn Perez noch ihr Anführer wäre. Ohne jemand derart
Unerbittlichen wie Emilio an der Spitze hätte sich die politische Situation schon längst entspannt.
Er hat sich selbst zum Halbgott gemacht.«
»Und was sind Sie? Vorsitzender seines Fanclubs?«, fragte Key sarkastisch.
»Mit Sicherheit nicht«, konterte Randall kühl. »Er hat mich drei Jahre lang gefangen gehalten.
Nun ja … ich habe das Leid der Montesangriner jedenfalls aus nächster Nähe miterlebt. Das Volk
liegt mir sehr am Herzen, und es ist mir ein Anliegen, dass ihm bald geholfen wird. Trotz seiner
Grausamkeit – Sanchez ist die größte Hoffnung als Lenker dieses Landes, die Hungernden zu
speisen, das Chaos zu beenden und wieder so etwas wie Ordnung herzustellen. Und, persönliche
Aversionen mal beiseitegelassen, muss ich ihn für seine Zähigkeit bewundern. Er ist
außergewöhnlich ehrgeizig und geduldig. Euer Auftauchen als Anlass für meine Freilassung zu
nehmen war ein Geniestreich. Er wusste, dass diese Story die Herzen der Amerikaner anrühren
und seine Menschlichkeit hervorheben würde. Es ist sein Angebot an die Vereinigten Staaten, die
diplomatischen Beziehungen wiederaufzunehmen.«
»Diese Botschaft hat er uns auch aufgetragen. Wieso sollte er dazu sein As ausspielen?«
Randall lächelte, als sei er belustigt über Keys Naivität. »Er wusste natürlich, dass ich in
Washington mehr Glaubwürdigkeit besitze als ein Cowboy.«
»Ich bin kein Cowboy.«
»Doch, genau das sind Sie.« Sein Blick wanderte zu Keys Jeans und Stiefeln, was seine geringe
Meinung von seinem Äußeren deutlich machte. »Der einzige Unterschied besteht darin, dass Sie
in Flugzeuge steigen statt auf Pferde. Abgesehen davon sind Sie ein Bauerntrampel, selbst Ihr
Bruder hielt Sie dafür.«
Key wollte ihn sich vorknöpfen, aber Lara ging dazwischen. Mit dem Rücken zu Key sagte sie
wütend zu Randall: »Clark hat so etwas niemals gedacht! Er hat Key sehr geliebt!«
Randall schmunzelte und sagte leise: »Oh, ich beuge mich natürlich deinem besseren Wissen,
wem Clarks Liebe gehörte.« Er bot ihr seine Hand an. »Wir müssen jetzt wirklich gehen,
Liebling. Fertig?«
Sie ignorierte die dargebotene Hand und ging steif in Richtung Tür. Als sie spürte, dass Key ihr
nicht folgte, wandte sie sich zu ihm um. »Kommst du?«
»Nein.«
Sie bekam Panik. Die einzige Möglichkeit, wie sie die Pressekonferenz überstehen konnte, war
die Gewissheit, dass Key bei ihr war. Natürlich würde er ihr nicht körperlich nahe sein können,
aber sie verließ sich auf das Gefühl, dass er da war.
Als sie seine Miene sah, wusste sie, dass es keinen Sinn hatte, ihn überreden zu wollen, aber sie
musste es wenigstens versuchen. »Sie erwarten dich aber.«
»Tja, dann werde ich sie eben enttäuschen müssen. In den Zeitungen wurde angedeutet, dass ich
dich nach Montesangrines gebracht habe, um ihn zu retten.« Er deutete mit einem Nicken auf
Randall. »Aber ich bin nicht seinetwegen hingeflogen, und ich werde auch erst gar nicht so tun.«
»Man wird Sie nur für schüchtern halten, Mr. Tackett.«
Key starrte Laras Mann an. »Ich kann nicht ändern, was die Leute denken. Ich weiß nur, was ich
selber denke, und ich werde mich nicht freiwillig einer Meute Hyänen mit Kameras zum Fraß
vorwerfen. Das können Sie denen ruhig sagen, wenn ein Zitat erwünscht ist.« Mit einem Blick
auf Lara fügte er hinzu: »Und du musst auch nicht gehen. Niemand kann dich dazu zwingen.«
Sie kämpfte gegen den magnetischen Sog an, der sie zu ihm zog. Es gab so viel zu sagen und zu
erklären, aber um nicht noch mehr Schaden anzurichten, schwieg sie lieber.
Natürlich war sie froh, dass Randall nicht brutal ermordet worden war. Sie freute sich über seine
Freilassung aus der langen, teuflischen Gefangenschaft. Allerdings hätte seine Freilassung, von
einem sehr egoistischen Standpunkt aus betrachtet, zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt passieren
können. Randall war wieder frei, aber für sie fing die Gefangenschaft jetzt erst an.
Ihr stiegen die Tränen in die Augen. Eine rollte ihr über die Wange. Als Key das sah, setzte er
dazu an, etwas zu sagen, besann sich dann augenscheinlich doch eines Besseren. Sie sahen sich in
stiller Qual in die Augen.
»Soso«, meinte Randall mit einem Hüsteln. Nicht ahnend, dass er Laras Gedanken laut
aussprach, sagte er: »Scheint ja ganz so, als ob meine Wiederauferstehung ziemlich ungelegen
kommt.«
Lara riss sich von Keys Blick los. »Wie du selbst sagtest, Randall – wir sollten jetzt runtergehen.«
Er hob beschwichtigend die Hand. »Die können warten. Dies hier sollten wir allerdings besser
gleich klären.«
»Es gibt kein ›dies hier‹.«
»Du warst schon immer eine lausige Lügnerin, Lara.« Er kicherte. »Mit Rücksicht auf den
Schock, den du erlitten hast, habe ich in den vergangenen Nächten auf mein Recht als Ehemann
verzichtet. Ich hätte deine Schlafzimmertür mit Sicherheit verschlossen vorgefunden.«
Sie warf ihm einen wütenden Blick zu, sagte aber nichts.
Er legte einen Finger nachdenklich an die Wange und sah Key abschätzend an. »Er ist so ganz
anders als Clark. Es wundert mich, dass du ihn anziehend findest. Er hat bei weitem nicht so gute
Manieren wie sein Bruder. Na, wahrscheinlich findet ihr Frauen diese heißblütigen, animalischen
Typen scharf.«
»Ich bin weder taub noch stumm, du Dreckskerl«, sagte Key. »Wenn du mir etwas zu sagen hast,
dann sag es mir ins Gesicht.«
»In Ordnung«, erwiderte Randall absichtlich naiv. »Finden Sie es nicht ziemlich peinlich, die
Frau zu vögeln, von der das ganze Land weiß, dass sie die Nutte Ihres Bruders war?«
Selbst Lara hätte Key nicht mehr aufhalten können. Blitzschnell hatte er die Hände um Randalls
Hals geschlossen.
»Key, nein!« Sie versuchte, seine Hände auseinanderzubiegen, aber sein Griff war stahlhart.